DER FREIHANDEL - Börse Stuttgart

boerse.stuttgart.de

DER FREIHANDEL - Börse Stuttgart

Marktmacher

das Magazin mit weitblick

starten: Welche Vorteile Börsen im Vergleich zum außerbörslichen Handel bieten.

orientieren: Wo die Potenziale einer transatlantischen Freihandelszone liegen.

handeln: Weshalb das Interesse an EUWAX Gold trotz sinkender Goldpreise groß ist.

ankommen: Warum Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon eine neue Anlagekultur fordert.

www.boerse-stuttgart.de november 2013

2016

DER FREIHANDEL

zwischen den USA und der EU startet: Damit fallen

für die Hälfte der Weltwirtschaft die Schranken.

Das setzt in Industrie und Handel neue Kräfte frei

und schafft vielfältige Anlagemöglichkeiten.


editorial

Liebe Leserin,

Lieber Leser,

trotz Haushaltsstreit und

Regierungs-Shutdown – die

USA haben als größte Volkswirtschaft

der Welt immense

ökonomische Bedeutung.

Das zeigt sich beispielsweise

auf den Finanzmärkten:

Als die US-Notenbank Fed

ein Ende ihrer lockeren Geldpolitik in Aussicht stellte,

dann jedoch entsprechende Maßnahmen aufschob,

schlugen die Wellen hoch. In vielen Schwellenländern

gerieten Aktienmärkte und Währungen wegen der Fed-

Ankündigungen massiv unter Druck, erholten sich dann

aber wieder. Auch in Deutschland gab der DAX zunächst

nach, bevor er einen neuen Höchststand erreichte.

Die Verbindungen zwischen den USA und Europa sind

eng und wichtig, auch in der Realwirtschaft. Hier rückt

ein Vorhaben in den Fokus, das wir im Schwerpunkt

dieser „Marktmacher“-Ausgabe vorstellen. Derzeit

starten Verhandlungen, an deren Ende eine transatlantische

Freihandelszone stehen soll. Wenn USA und EU

die Handelsbarrieren abbauen, schafft das interessante

Perspektiven für Unternehmen, Verbraucher und Investoren.

Allerdings stellt sich auch die Frage, wie sich

die bilaterale Partnerschaft auf Dritte auswirkt, etwa

auf Länder in Afrika und Lateinamerika. Denn diese

Regionen haben das Potenzial, langfristig die neuen

Wachstumstreiber der Weltwirtschaft zu werden – aber

nur dann, wenn sie ihre Möglichkeiten ausschöpfen

können und von den Industriestaaten gleichberechtigt

in den globalen Handel eingebunden werden.

Ich wünsche Ihnen eine interessante

und anregende Lektüre.

Christoph Lammersdorf

Vorsitzender der Geschäftsführung

der Börse Stuttgart

2 marktmacher 02/2013

starten

4–5 ZAHLEN & FAKTEN

Flexibilität bei offenen Immobilienfonds – Das

Geld der Schattenbanken – Börsenwissen in

Wort und Bild – Indikator für Innovation – Runde

Zahlen beeinflussen Orderverhalten – Alles

Gold der Welt – Börsenrepräsentantin Judith

Hardt zu Europas Handelsplätzen.

orientieren

6–13 ZUKUNFTstrend

2016 – Eine Freihandelszone verändert

die Weltwirtschaft

Welche Impulse die Handelspartnerschaft zwischen

EU und USA gibt – und wer zu den Nutznießern

zählt.

14–15 INTERVIEW

Professor Jagdish Bhagwati

Der Ökonom äußert sich skeptisch zum transatlantischen

Pakt – er favorisiert ungehinderten

Handel auf der ganzen Welt.

16–17 INVESTMENTHINTERGRUND

Mögliche Ansätze für Privatanleger

Von der Freihandelszone profitieren ausgesuchte

Unternehmen und Branchen.

handeln

18–20 Industriemetalle

Am Puls der Industrie

Wertpapiere mit Bezug zu Kupfer, Nickel oder

Aluminium erweitern das Investmentspektrum.

Anleger sollten beachten, dass der Markt

besonderen Einflüssen unterliegt.

21 Aktienauswahl

Punktgenau filtern

An der Börse Stuttgart werden knapp 7.000

Aktien gehandelt. Ein schrittweises Vorgehen

mit den passenden Werkzeugen hilft,

Anlagealternativen einzugrenzen.

22–23 SCHUTZ FÜR DAS Depot

Risiken aktiv begrenzen

Wie sich ein Portfolio mit ETFs gegen Kurseinbrüche

absichern lässt.

Fotos Cover: Image Source, Jens Kuhfs, Tuan Tran/gettyimages

Foto links: Börse Stuttgart

Illustration: Jörg Block


inhalt

ZUKUNFTstrend

6–13

Ein neuer Gigant

für Wachstum

und Wohlstand

Die Freihandelszone zwischen der Europäischen Union

und den USA könnte schon 2016 Realität sein – der

transatlantische Binnenmarkt macht dann die Hälfte

der Weltwirtschaft aus. Im neuen Wirtschaftsraum

gelten einheitliche Industriestandards, Handelsströme

fließen ohne Zollschranken. Die Auswirkungen auf

Unternehmen und Verbraucher sind enorm.

24–25 EUWAX Gold

Schwer gefragt

Privatanleger nutzen den Preisrückgang bei

Gold und ordern – auch EUWAX Gold.

26–28 Japan

Hausse mit Nebenwirkungen

Das Inselreich kurbelt mit billigem Geld die

Wirtschaft an. Japanische Aktien haben dadurch

stark zugelegt, doch die Politik der „Abenomics“

birgt auch Risiken.

ankommen

30–31 Stiftung Rechnen

Mathe fürs Leben

Mehr Freude an Mathematik wecken und ihren

Nutzen im Alltag deutlich machen – dafür setzt

sich die Stiftung Rechnen ein.

32 pro & contra

„Höhere Zinssätze in der Euro-Zone sind

dringend notwendig“

Andreas Freytag, Professor für Wirtschaftspolitik

an der Friedrich-Schiller-Universität

in Jena, und Ulrich Kater, Chefvolkswirt der

DekaBank, diskutieren.

33 ESSAY

Einen Augenblick, Herr Fahrenschon

Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon über

eine neue Anlagekultur in Deutschland.

34 INTERVIEW

„Über Geld spricht man nicht. Oder doch,

Herr Flohr?“

Wie Handballnationalspieler Matthias Flohr bei

seinen Finanzen mit Risiken umgeht.

35 NACHGEFRAGT

Leserfrage & Impressum

Bei der Leserfrage nehmen alle eingesandten

Antworten an der Verlosung teil. Zu gewinnen

gibt es ein iPad 4.

marktmacher 02/2013 3


starten

Börse sichert Flexibilität

Wer offene Immobilienfonds (OIFs) an die Kapitalanlagegesellschaft zurückgeben

möchte, muss künftig eine Mindesthaltedauer von zwei Jahren sowie eine Kündigungsfrist

von einem Jahr beachten. Allerdings gelten diese Fristen beim Börsenhandel

nicht – Anleger können OIFs also weiterhin flexibel handeln. Freilich müssen Verkäufer

an der Börse beachten, dass die Preise aufgrund von Abschlägen wegen geringer

Liquidität auch unterhalb des Nettoinventarwerts liegen können. Umgekehrt lassen

sich OIFs eventuell günstig erwerben. Der Hintergrund der Einschränkung zur Rückgabe

an die Fondsgesellschaft: Investoren hatten in der Vergangenheit in krisenhaften

Situationen viel Geld innerhalb kürzester Zeit aus OIFs abgezogen, was zu Liquiditätsproblemen

bei einzelnen Anbietern führte.

67.000.000.000.000 Dollar

Schattenbanken verwalten geschätzt 67 Billionen US-Dollar an Kapital. Dies geht aus einer Studie

des Finanzstabilitätsrates der G-20-Staaten hervor. Die Zahl entspricht dem Weltsozialprodukt, also dem Wert aller Güter und

Dienstleistungen, die alle Menschen der Erde in einem Jahr erzeugen. Zu den Schattenbanken zählen Hedge- und Private-Equity-

Fonds, aber auch einzelne Zweckgesellschaften von Banken. Die EU hat jetzt angekündigt, den Sektor strenger zu beaufsichtigen.

Von A wie „Anleihe“ bis Z wie „Zeichnung“

Kompaktes Wissen in Wort und Bild: In der Online-Video-Reihe „Börsen-ABC“

erläutern Mitarbeiter der Kundenbetreuung der Börse Stuttgart ausgesuchte

Begriffe des Börsenalltags auf einfache und verständliche Weise. Die Beiträge

werden in regelmäßigen Abständen produziert und veröffentlicht. Das Angebot

richtet sich nicht an Börsenprofis, sondern an interessierte Privatanleger, die sich

besser informieren möchten. Darüber hinaus steht die Kundenbetreuung während

der gesamten Handelszeit von 8 bis 22 Uhr kostenfrei zur Verfügung: für Service-

Anfragen telefonisch unter 0800/2268853 und für Fragen zu Orderausführungen

unter 0800/2268855.

@

Das Börsen-ABC:

www.boerse-stuttgart.de/

boersen-abc

ALLES PSYCHOLOGIE,

ODER WAS?

Ob im Supermarkt oder an der Börse

– runde Zahlen beeinflussen das

menschliche Verhalten. „Der Wertpapier

handel konzentriert sich bei

runden Werten. Unterhalb, etwa bei

19,99 Euro, überwiegen die Käufe per

Market-Order. Leicht über der

runden Zahl gibt es deutlich mehr

Verkäufe“, erklärt Felix Fritz, wissenschaftlicher

Mitarbeiter am Karlsruher

Institut für Technologie. Er hat in

diesem Jahr eine entsprechende

Untersuchung über das Orderverhalten

von Privatanlegern am deutschen

Aktienmarkt durchgeführt. Sein Fazit:

„Anleger sollten beim Einstellen ihrer

Order nicht nur runde Zahlen, sondern

auch das aktuelle Marktgeschehen

im Blick haben.“

Fotos: Börse Stuttgart

4 marktmacher 02/2013


starten

Fotos: thinkstock; FESE

In der Geschichte der

Menschheit wurden

bisher rund 160.000

Tonnen Gold gefördert.

Das entspricht einem

Würfel von nur 20

Meter Kantenlänge.

Für das Exchange Traded Commodity

EUWAX Gold sind ein

Jahr nach Handelsstart rund

1,6 Tonnen Gold hinterlegt – ein

Gramm pro ausstehendes

Wertpapier. Im sechs mal acht

Meter großen Tresor von EUWAX

Gold in Neu-Isenburg bei Frankfurt

ist folglich noch viel Platz:

Ein Würfel aus der aktuell

eingelagerten Goldmenge hätte

wegen der hohen Dichte des

Edelmetalls Kanten von rund

44 Zentimeter Länge.

SCHWEDEN UND DEUTSCHLAND AN DER SPITZE

Die EU-Kommission hat einen neuen Indikator für die Innovationsleistung

eines Landes entwickelt. Gemessen wird, inwieweit Ideen aus

innovativen Wirtschaftszweigen für die Vermarktung geeignet sind,

anspruchsvollere Arbeitsplätze schaffen und damit Europa wettbewerbsfähiger

machen. Die auf Wunsch der EU-Staats- und Regierungschefs

entwickelte Orientierungshilfe belegt jetzt recht deutlich: Es bestehen

nach wie vor große Unterschiede zwischen den Mitgliedsstaaten.

Während das Spitzentrio Schweden, Deutschland und Luxemburg auf

einen Wert von rund 125 Punkten kommt, schaffen am Ende der Skala

Belgien, Litauen und Lettland nur etwa die Hälfte. Der Durchschnitt in

der Europäischen Union liegt bei 115 Punkten. Im internationalen

Vergleich liegt die EU damit gleichauf mit den USA. Weltweit sind laut

dem Indikator nur Japan und die Schweiz noch innovativer.

Drei Fragen an …

Judith Hardt,

Generalsekretärin

der Federation

of European Securities

Exchanges

(FESE)

1. Wie viele Börsen repräsentiert die FESE?

Wir vertreten 46 Wertpapierbörsen für Aktien,

Anleihen und Derivate aus allen EU-Staaten sowie

Island, Norwegen und der Schweiz. Insgesamt ist

der Börsenhandel in Europa zersplittert, Kursund

Volumendaten liegen nicht gebündelt vor. Wir

helfen Anlegern und Emittenten von Wertpapieren,

die Börsenlandschaft zu überblicken.

2. Welche Bedeutung haben Börsen?

Sie sind entscheidend für Wirtschaftswachstum

und Beschäftigung. Über Börsen können sich

Unternehmen mit Eigen- und Fremdkapital

versorgen. Der transparente Handel von Derivaten

ermöglicht Risikostreuung und Risikomanagement.

Börsen bieten allen Marktakteuren

nachvollziehbare Preise für Wertpapiere. Sie sind

neutral, zuverlässig und bemühen sich um

Gleichbehandlung der Handelsteilnehmer.

3. Was sind weitere Vorteile des Börsenhandels?

Während der außerbörsliche Handel kaum oder

gar nicht reguliert ist, unterliegen Börsen strengen

Regularien und werden von der Aufsicht

überwacht. Insofern schützen Börsen die Anleger

und fördern die Stabilität der Märkte. Sie haben

eine Leuchtturmfunktion – die transparente und

faire Preisbildung. Daher sollten nicht zu viele

Trades außerbörslich stattfinden. Anderenfalls

wäre das bedenklich, für börsennotierte Unternehmen

wie für Investoren.

marktmacher 02/2013 5


handeln orientieren

Analyse:

Was die Freihandelszone Staaten

und Bürgern bringt S. 8–13

Interview: Wie ein Star-Ökonom über den

Freihandel denkt S. 14–15

Strategie: Welche Möglichkeiten sich für

Privatanleger eröffnen S. 16–17

6 marktmacher 02/2013


handeln

2016

ein neuer

wirtschaftsblock

dominiert die welt

marktmacher 02/2013 7


orientieren

Die transatlantische Freihandelszone ist ein gigantischer

Wirtschaftsraum, der die Hälfte der Weltwirtschaft ausmacht und

neue Wachstumsimpulse gibt. Schon 2016 könnte diese Partnerschaft

von EU und USA Wirklichkeit werden.

von Nando sommerfeldt und Holger Zschäpitz *

Rainer Karl Lingenfelder blickt zufrieden über

seine 15 Hektar große Existenz. So weit das

Auge reicht, sieht er auf Weinreben. Der

Winzer aus dem pfälzischen Großkarlbach

könnte zufrieden sein. Die Weinlese ist gut

angelaufen. Doch Lingenfelder hat ein Problem. Und das

heißt Etikettiergenehmigung. Ein Gutteil der Weine geht

nach Übersee. In den USA hat sein Riesling viele Fans, etwa

25 Prozent seines Umsatzes macht er dort.

Bevor ein Amerikaner Lingenfelders edlen Tropfen

probieren kann, muss der Winzer erst beim „Alcohol and

Tobacco Tax Bureau“, einer Behörde des amerikanischen

Finanzministeriums, die Genehmigung für die korrekte

Etikettierung bekommen – mit zahllosen Warnhinweisen.

„Der Zoll pro Flasche ist verschwindend gering. Den kann

ich noch verschmerzen. Doch der stetige Kampf mit der

Bürokratie bereitet mir jedes Jahr neues Kopfzerbrechen“,

sagt Lingenfelder. Hiesige Winzer laufen regelmäßig

Gefahr, dass der Wein nicht rechtzeitig in den Regalen

landet, zumal ein Direktvertrieb übers Internet ausländischen

Weinbauern verboten ist.

Doch Winzer Lingenfelder kann auf Besserung

hoffen – dank TTIP. Diese vier Buchstaben könnten ihm

und Millionen anderer Unternehmer das Geschäft mit

Übersee wesentlich erleichtern. TTIP haben die Europäische

Union und die USA ihr historisches Freihandelsprojekt

genannt. Das steht für „Transatlantic Trade and

Investment Partnership“ – also eine transatlantische

Handels- und Investitionspartnerschaft. Und bei diesem

Vorhaben geht es nicht nur darum, Zölle und andere

Handelsbarrieren niederzureißen. Es sollen auch unnötige

bürokratische Regelungen und Investitionsbeschrän-

@

Details zum transatlantischen

Freihandelsabkommen:

http://bit.ly/GEDproject

Ferdinand Dudenhöffer,

Professor für Automobilwirtschaft

an der Universität

Duisburg-Essen

kungen beseitigt werden – weshalb

nicht nur Lingenfelder gespannt auf

die Verhandlungen zwischen Brüssel

und Washington blickt.

2016 soll das Abkommen

stehen, von dem sich die beiden

größten Volkswirtschaften der Welt

mehr Wachstum und Wohlstand

versprechen. Ganz in diesem Sinne

sagt der Automobilexperte Professor

Ferdinand Dudenhöffer: „Zum

einen würde die Wettbewerbsfähigkeit

der europäischen und US-Konzerne

im weltweiten Vergleich

steigen. Zum anderen würden sich

die niedrigeren Herstellungskosten

mit großer Sicherheit auch in

sinkenden Preisen für den Verbraucher

bemerkbar machen.“

Und in der Tat: Jeder Bürger wird

die neue Lebenswirklichkeit im

Jahr 2016 spüren – und zwar unmittelbar.

Die deutschen Verbraucher

können sich etwa auf Bücher oder

E-Books zu einem Bruchteil des

jetzigen Preises freuen, denn die

Buchpreisbindung, wie wir sie heute

kennen, dürfte dann Geschichte

sein. Auch Elektronikartikel aus den

USA wie Tablets werden nicht mehr

mit EU-Preisen ausgezeichnet und

sind in der TTIP-Welt günstiger zu

haben.

»Wenn künftig Zölle und bürokratische

Hürden zwischen

USA und EU wegfallen, wäre

das ein groSSer Vorteil für

den Automobilsektor.«

NutznieSSer sind allerdings

nicht nur Verbraucher, sondern

auch Unternehmen und deren

Eigentümer. An die Aktionäre

in „Eumerika“ – wie Harvard-

Professor Richard Rosecrance die

transatlantische Partnerschaft

Foto: picture alliance/dpa

8 marktmacher 02/2013


orientieren

Illustration: Jörg Block

nennt – könnte bis zu eine Billion Euro an zusätzlichen

Dividenden ausgeschüttet werden. Der mögliche Wohlfahrtsgewinn

ist gigantisch. Nach Berechnungen des

Münchner Ifo-Instituts brächte ein vollständig integrierter

Wirtschaftsraum den US-Amerikanern langfristig eine

Steigerung des Pro-Kopf-Einkommens von 13,4 Prozent.

In Großbritannien läge das Plus bei zehn und in Deutschland

bei immerhin fast fünf Prozent (s. Infografik auf Seite

12). Anders ausgedrückt: Jeder Einwohner „Eumerikas“

hätte im Durchschnitt etwa 4.000 US-Dollar pro Jahr

mehr in der Tasche – über höhere Löhne und Gewinnausschüttungen

der Unternehmen.

Die transatlantische Freihandelszone wird

einen ökonomischen Giganten schaffen, der es auf eine

Wirtschaftsleistung von 33 Billionen Dollar pro Jahr

bringt. EU und USA schultern dann mit zusammen 46

Prozent fast die Hälfte des weltweit geschaffenen Warenwerts,

des „Welt-BIP“. Zudem entfällt ein erheblicher Teil

der globalen Handelsströme auf den Wirtschaftsraum –

ein Austausch von Gütern im Volumen von fast 500 Milliarden

Euro jährlich. Und nicht zuletzt sind laut aktueller

Forbes-Liste 259 der weltweit 500 umsatzstärksten

Konzerne in der EU oder den USA beheimatet.

Im besten Fall können die TTIP-Verhandlungen dazu

führen, die bürokratischen Hemmnisse auf beiden Seiten

zu stutzen und eingefahrene Verhaltensweisen auf den

Prüfstand zu stellen. Denn der unnötige bürokratische

hindernisse

Die EU will

im Rahmen

der TTIP-Verhandlungen

an

Restriktionen für

genetisch veränderte

Pflanzen

und dem Verbot

des Einsatzes

von Wachstumshormonen

in der

Tierzucht festhalten.

Auf beiden

Seiten gibt

es Widerstände,

die Agrarmärkte

zu liberalisieren,

weil sie mit

Subventionen

unterstützt

werden. Hinderlich

ist auch die

NSA-Affäre, in

deren Rahmen

die Bespitzelung

der Europäer

durch US-

Geheimdienste

publik wurde.

Aufwand wirkt bei den entsprechenden

Waren wie ein Aufschlag

von zehn bis 20 Prozent, den letztlich

der Kunde zahlen muss. Laut

einer Analyse des Centre for Economic

Policy Research (CEPR) in

London ergeben sich 80 Prozent des

wirtschaftlichen Nutzens eines

transatlantischen Abkommens aus

dem Abbau von Bürokratie und

Regulierung. „Die größten Herausforderungen

sehen wir nicht in der

Abschaffung von Zollschranken,

sondern bei der gegenseitigen

Anerkennung von Normen, etwa bei

Blinkern von Autos oder den zulässigen

Größen oder Gewichten bei

Produkten“, sagt auch Frank

Sportolari, Generalbevollmächtigter

des Logistikkonzerns UPS in

Deutschland.

Ein simples Beispiel für den

aktuellen Regulierungswust macht

mögliche Effizienzgewinne deutlich:

Wenn heute bei einem Flug von

Paris nach Los Angeles die Hälfte

der Fluggäste beim Zwischenstopp

in New York aussteigt, muss die

Maschine halb leer weiterfliegen,

weil es nicht gestattet ist, dort neue

Passagiere an Bord zu nehmen.

Tritt das TTIP in Kraft, könnten

europäische Fluglinien auch Inlandsflüge

in den USA anbieten und

auslasten.

Neben wegfallender Bürokratie

sind aber auch die reinen Skaleneffekte

nicht zu vernachlässigen.

„Im globalen Wettbewerb zählt die

Größe“, sagt Professor Rosecrance.

Er meint, Staaten mit großer Bevölkerung,

hohem Wohlstand und

ausgeprägter Wirtschaftskraft

könnten umso effektiver produzieren

und handeln, je größer ihr Wirtschaftsraum

ist. Rosecrance sieht

in den aufgenommenen Verhandlungen

deshalb eine logische

Entwicklung.

marktmacher 02/2013 9


der renommierte Ökonom Jagdish Bhagwati, der eigentlich

für einen weltweiten Freihandel zwischen allen

Ländern eintritt (s. Interview auf Seite 14). Vor allem

US-Präsident Barack Obama dürfte an einer Forcierung

des TTIP gelegen sein. Er will seiner Präsidentschaft

damit einen historischen Erfolg verleihen – und hat dafür

nur noch bis Ende 2016 Zeit.

„US-Präsident Barack Obama und

Bundeskanzlerin Angela Merkel

sind zu dem schlüssigen Vorhaben

gelangt, den derzeit größtmöglichen

Freihandelsraum zu schaffen.

So wollen sie verhindern, dass

sich die wirtschaftliche Macht

weiter nach Osten, insbesondere

nach China, verlagert.“

Wenn tatsächlich GröSSe über

den Erfolg entscheidet, stehen die

Chancen für TTIP gut. „Zu dem

neuen westlichen Block demokratischer

Nationen wird es in nächster

Zeit weltweit kein adäquates

Gegengewicht geben“, prophezeit

Rosecrance. Es ist nicht das erste

Mal, dass es Pläne für einen Freihandelspakt

gibt. Aber mit Schaffung

der WTO Mitte der 1990er-

Jahre und dem Wunsch nach einem

weltweiten Abkommen – der

sogenannten Doha-Runde – wurde

das europäisch-amerikanische

Projekt erst mal auf Eis gelegt.

Nach dem Scheitern der Doha-

Verhandlungen wird der alte Ansatz

jetzt folgerichtig wieder vorangetrieben.

„Wenn wir annehmen, dass

die Welthandelsgespräche der WTO

endgültig tot sind, dann könnte

man sagen: besser eine transatlantische

Freihandelszone, um den

globalen Handel zu stimulieren, als

gar kein Abkommen“, meint sogar

Globalisierung

Das Ziel eines

freien Welthandels

ist unmittelbar

ans Gelingen

der sogenannten

Doha-Runde

geknüpft. 2001

hatten sich die

Handelsminister

der WTO-Mitgliedstaaten

in

Doha auf das Ziel

geeinigt, die

Märkte weiter zu

öffnen und die

Entwicklungsländer

besser in

das System des

Welthandels

einzubinden. Bis

heute ist keine

Einigung erzielt

worden. Der

neue WTO-Chef

Roberto Azevedo

hat sich jetzt auf

die Fahnen

geschrieben, das

Abkommen doch

noch zum Erfolg

zu führen. Im

Dezember 2013

treffen sich

deshalb die

Handelsminister

der 159 WTO-

Mitgliedsstaaten

in Bali.

Trotz aller wirtschaftlichen Vorteile darf

allerdings nicht vergessen werden, dass sich die Gespräche

in einem frühen Stadium befinden. Da argumentieren

die Verhandlungspartner noch ganz grundsätzlich

mit der Gesundheit der eigenen Bevölkerung, wenn die

USA die Einfuhr von Schimmelkäse verbieten und die EU

mit Masthormonen behandeltes Fleisch aus den Vereinigten

Staaten nicht in ihren Supermärkten sehen will.

Dass alle bürokratischen Hemmnisse abgebaut, aber

gleichzeitig Einschränkungen zum Verbraucherschutz

beibehalten werden, ist unwahrscheinlich. Bald wird sich

zeigen, wie groß die Kompromissbereitschaft auf beiden

Seiten wirklich ist.

„Es steht zu befürchten, dass die Verhandlungspartner

Wirtschafts- und Wachstumsinteressen den Vorrang

vor Nachhaltigkeits- und Verbraucheranliegen geben“,

erklärt Katharina Knoll vom Bundesverband der Verbraucherzentralen.

Sie glaubt, dass bewährte Standards

einfach als Handelshemmnis deklariert und dann abgesenkt

werden. So sind beispielsweise die Hygiene- und

Sicherheitsstandards für Lebensmittel und Agrarprodukte

auf beiden Seiten des Atlantiks höchst unterschiedlich.

Während in den USA etwa gentechnisch veränderte

Produkte ohne Deklaration zum Verkauf stehen, lehnen

Verbraucher in Europa diese mehrheitlich ab. „Diese

Unterschiede gilt es zu respektieren“, findet Verbraucherschützerin

Knoll. Sie fordert: „Harmonisierung nach oben

– ja. Deregulierung nach unten zulasten von Verbrauchern

und Umwelt – nein.“

Die Analysten des Ifo-Instituts sehen diese Differenzen

zwar auch. Dennoch glauben sie, dass die Chancen auf

weitreichende Kompromisse gut stehen. Studienautor

Professor Mario Larch erklärt: „Sehr ähnliche ökonomische

Entwicklungsniveaus, starke gegenseitige Investitionspositionen,

eine tiefe politische Verflechtung und

hohe kulturelle Nähe legen nahe, dass es den Partnern

leichter gelingen sollte, die nicht-tarifären Handelshemmnisse

zu senken.“ Dies erfordere nämlich in vielen

Bereichen, etwa bei der Zulassung von Produkten, ein

hohes Maß an gegenseitigem Vertrauen.

Illustration: Jörg Block

10 marktmacher 02/2013


orientieren

Foto: Carol Bailey

„Vom freien Handel profitieren

tendenziell alle, sogar die Arbeitnehmer

in der westlichen Welt“,

meint Bhagwati. Aber natürlich

könne nicht jeder Arbeitsplatz

gesichert werden, es werde Branchen

geben, die eher schrumpfen.

Aus genau diesem Grund sind

die Konjunkturexperten der Deutschen

Bank nicht ganz so euphorisch

gestimmt. Sie rechnen damit,

dass bestimmte Wirtschaftszweige

von den Verhandlungen ausgenommen

werden. Denn in ihren Augen

befürchten einige europäische

Nationen, dass Deutschland seinen

wirtschaftlichen Vorsprung innerhalb

der EU im Zuge eines vollumfassenden

Abkommens noch

einmal deutlich ausbaut.

Deshalb hätten einige französische

Politiker schon angedeutet,

dass es Einschränkungen geben

müsse. „Traditionell am meisten

geschützt sind die Landwirtschaft

und die Rüstungsbranche“, erklärt

Deutsche-Bank-Analyst Jochen

Möbert. „Deshalb erwarten wir,

dass es nur ein abgespecktes

Abkommen geben wird, im Wesentlichen

begrenzt auf einige Bereiche

von Industrie und Technologie.“

Ähnlich äuSSert sich auch

Autoexperte Dudenhöffer. „Im

Automobilsektor liegen die beiden

Parteien in einigen Punkten so weit

auseinander, dass eine komplette

Anpassung der Märkte sehr unwahrscheinlich

ist.“ Allein beim

Thema CO 2

-Ausstoß gebe es völlig

unterschiedliche Ansichten. „Schon

innerhalb der EU wird immer noch

nach einem Konsens gesucht. Und

die Amerikaner wollen ihre wenig

umweltfreundlichen Pick-ups erst

recht vor zu strengen Auflagen

schützen.“ Dennoch befürwortet er

die TTIP-Pläne. „Wenn künftig Zölle

@

Links

zum Thema:

Studie des Ifo-Instituts

zum TTIP:

http://bit.ly/TTIPifo

Handelsstudie des

Centre for Economic

Policy Research:

http://bit.ly/CEPRstudy

und bürokratische Hürden zwischen USA und EU wegfallen,

wäre das ein großer Vorteil für den Automobilsektor.“

Künftig könne der internationale Werksverbund der

Autobauer besser genutzt werden. Dudenhöffer: „Fahrzeuge,

die in Deutschland produziert werden, lassen sich

deutlich einfacher und kostengünstiger in den USA

verkaufen. Zudem könnte der Fahrzeug- und Teilehandel

künftig viel unbürokratischer erfolgen.“

400.000

Arbeitsplätze würden in der EU durch eine

transatlantische Freihandelszone

entstehen. Der Beschäftigungszuwachs in

den USA wäre geringer. Der Rest der Welt

dürfte etwa 240.000 Jobs verlieren.

Gewaltige Auswirkungen hätte ein erfolgreiches

TTIP-Abkommen sicherlich auch auf globale Logistik-

Konzerne, deren Transportvolumen deutlich steigen

dürfte. UPS-Manager Sportolari rechnet vor, dass über

einen Zeitraum von zehn Jahren 131 Millionen Pakete

hinzukämen. Entsprechend wird in Drehscheiben für

internationale Luftfracht investiert – sie sollen helfen, den

wachsenden Warenverkehr zwischen den USA und Europa

zu handhaben.

Dann könnte auch Winzer Lingenfelder seine von

US-Kunden im Internet georderten Weinflaschen mit

optisch ansprechenden Etiketten ohne Warnhinweise

versehen und per Paket über den großen Teich schicken.

* Die Autoren sind Redakteure der „WELT“ und der „WELT am SONNTAG“

»Zu dem neuen westlichen

Block demokratischer Nationen

wird es in nächster Zeit weltweit

kein adäquates Gegengewicht

geben.«

Richard Rosecrance, Professor an der Harvard University

marktmacher 02/2013 11


orientieren

WIE DIE FREIHANDELSZONE

DIE WELT VERÄNDERT

Im transatlantischen Wirtschaftsraum entfallen Zölle, aber auch viele andere

Handelshemmnisse. Dies kommt nicht nur zahlreichen Branchen zugute,

sondern auch den Bürgern zu beiden Seiten des Atlantiks.

AKTUELLE WIRTSCHAFTSDATEN

USA

EU

Wirtschaftswachstum

BIP (Veränderung in Prozent, real)

1,8

2,2

2,6

1,9

2011 2012 2013 2014*

Wirtschaftswachstum

BIP (Veränderung in Prozent, real)

1,4

1,2

-0,6 -0,4

2011

2012 2013

2014*

Arbeitslosenquote

2010

2011

2012

Arbeitslosenquote

2010

2011

2012

9,6%

8,9%

8,1%

9,6%

9,5%

10,1%

Exporte in die EU

Volumen in Mrd. Euro

205,2

300

250

200

2005 2012 150

Exporte in die USA

Volumen in Mrd. Euro

300

250

291,9

200

2005 2012 150

* Prognose. Quelle: Germany Trade & Invest 2013, Handelsblatt, Eurostat

ENTWICKLUNGSLÄNDER HOLEN BEIM HANDEL AUF

Entwicklung 1950 bis 2012 in Prozent des Welthandels

70

60

50

40

30

20

Entwicklungsländer

EU und USA

Andere

10

0

1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010

Quelle: UNCTADstat, DB Global Market Research

»Die Wirtschaft beiderseits

des Atlantiks kann wachsen

und Arbeitsplätze schaffen.«

US-Präsident

Barack Obama

IMPULSE FÜR EUROPAS PRODUKTE

UND DIENSTLEISTUNGEN

Eine transatlantische Partnerschaft bietet Autoherstellern den größten

Vorteil. Beim Export in die USA profitiert insbesondere der Maschinenbau.

Relativer Vorteil

18

16

14

12

10

8

6

4

2

0

Metalle

Autos

verarbeitete

Lebensmittel

Versicherungen

Chemikalien

geschäftl.

Dienstleistungen

Maschinen

2 4 6 8 10 12 14 16 18

Relativer Zuwachs des Exports in die USA

Indexwerte. Quelle: Centre for Economic Policy Research, London, 2013

12 marktmacher 01/2013 02/2013


orientieren

VERÄNDERUNG DES REALEN

PRO-KOPF-EINKOMMENS

Die potenziellen Wohlfahrtseffekte des

Freihandels sind beachtlich: In Europa

steigt das Pro-Kopf-Einkommen langfristig

an, in Großbritannien um bis zu 9,7 Prozent.

In den USA liegt das Plus bei 13,4 Prozent.

Dafür dürften die Einkommen in Australien,

Brasilien oder Kanada sinken.

9,7

-3,9

4,7

7,3

3,7

6,2

-2,1

2,6

4,9

4,6

6,6

-2,5

-2,1

-9,5

-0,5

Positiv:

6,1 bis 13,4

3,1 bis 6,0

0,1 bis 3

Negativ:

-3,0 bis 0

-6,0 bis -3,1

-9,5 bis -6,1

13,4

-2,6

-1,8

-2,1

-3,5

-3,0

-1,1

-2,8

-2,6

-1,5

-3,2

-1,7

-0,8

-0,4 0,7

-7,4

Quelle: Bertelsmann Stiftung

UMFASSENDE LIBERALISIERUNG HAT MEHR

POTENZIAL ALS EINFACHE ZOLLUNION

In einer völlig liberalisierten Handelszone steigt das Pro-Kopf-Einkommen in

Deutschland um 4,7 Prozent. Eine einfache Zollunion bringt nur 0,2 Prozent.

14

12

10

8

6

4

2

0

-2

-4

-6

-8

-10

USA

Großbrit.

4,7

0,2

Spanien

Deutschland

Polen

Frankreich

Korea

Völlige Liberalisierung

Einfache Zollunion

China

Indien

Brasilien

Russland

Schweiz

Japan

Australien

Kanada

»Wir wollen ein tiefes und

umfassendes Abkommen

erreichen.«

EU-Handelskommissar

Karel De Gucht

Veränderung des realen Pro-Kopf-Einkommens in Prozent. Quelle: Bertelsmann Stiftung

Infografik: Niko Wilkesmann marktmacher 01/2013 02/2013 13


orientieren

»MANCHE NENNEN

MICH DEN Vor DERS-

TEN KÄMPFER FÜR

FREIe märkte«

Der Ökonom Jagdish Bhagwati äußert sich

skeptisch zu einem transatlantischen Pakt –

er favorisiert einen ungehinderten Welthandel.

Die Verhandlungen zur transatlantischen

Handelspartnerschaft TTIP wurden sehr

begrüßt. Was halten Sie von dieser Initiative?

Ich kann die Euphorie nicht ganz teilen.

Denn es geht hier nicht um eine Vereinbarung

mit globalem Fokus wie bei den

Verhandlungen der Welthandelsorganisation

WTO in Doha, der Hauptstadt Katars. Ziel

ist lediglich ein bilaterales Abkommen, das

Dritte ausschließt. Jedoch kann ich die

Politiker gut verstehen: Die Europäer haben

Angst vor einem weiteren Auftrumpfen

Chinas und hoffen, durch ein Bündnis mit

den Vereinigten Staaten die eigene Position

zu stärken. Aber das ist eine Illusion.

Warum das?

Die USA spielen ihr eigenes China-Spiel im

Rahmen der Transpazifischen Handelszone

mit Asien. Die Amerikaner waren einer der

größten Bremser bei den Doha-Gesprächen,

wollten immer mehr Zugeständnisse von

anderen Staaten und haben so die Verhandlungen

zum Scheitern gebracht. US-Präsident

Barack Obama versucht, sich nun mit

zur

person

Professor Jagdish

Bhagwati

ist ein Vordenker

des Freihandels

in Weltpolitik und

Wissenschaft.

Der 79-jährige

Inder führt ein

Expertengremium,

das die

festgefahrenen

Doha-Gespräche

der WTO wieder

in Schwung

bringen soll. Als

Ökonom lehrt er

an der Columbia

University in

New York und

hat zahlreiche

Bestseller zu

freien Märkten

verfasst.

regionalen Handelsinitiativen als Anhänger

des Freihandels zu positionieren.

Was stimmt Sie so skeptisch?

Ich setze mich seit jeher für den reibungslosen

globalen Handel ein, manche nennen

mich den vordersten Kämpfer für freie

Märkte. Aber ich bin für eine freie Welthandelsordnung

unter Einbeziehung

möglichst vieler Staaten. Bilaterale und

regionale Präferenzabkommen unterminieren

dieses Ziel.

Gemäß der WTO sind inzwischen

354 bilaterale Verträge in Kraft. Ist das

die neue Norm im Freihandel?

Ja, ich habe schon lange vor dieser Entwicklung

gewarnt. Denn solche Handelsabkommen

haben immer zwei Gesichter:

Sie erhöhen den freien Austausch von

Gütern und Dienstleistungen für die be teilig

ten Länder, erschweren aber den Handel

für Drittstaaten. Daher dienen sie unter

dem Strich nicht dem freien Handel, sondern

errichten neue Barrieren.

14 marktmacher 02/2013


orientieren

Foto: Carsten Koall/Visum

»BESSER EINE TRANSATLANTISCHE FREI-

HANDELSZONE, UM DEN GLOBALEN HANDEL

ZU STIMULIEREN, ALS GAR KEIN ABKOMMEN.«

Aber vielleicht muss man mit bilateralen Abkommen

im Kleinen anfangen, wenn der große Wurf nicht

sofort gelingt.

Das war sicher ein Weg, um am Anfang überhaupt

Schwung in die Welthandelsgespräche zu bringen.

Wenn die Autobahn gesperrt ist, muss man eben die

holprige Landstraße als Umweg nehmen. Aber um es

deutlich zu sagen: Solche bilateralen Vereinbarungen

haben nichts mit Freihandel zu tun.

Sehen Sie dennoch positive Effekte durch die transatlantische

Handelspartnerschaft TTIP?

Wenn wir einmal annehmen, dass die Welthandelsgespräche

endgültig tot sind, dann könnte man geneigt

sein zu sagen: besser eine transatlantische Freihandelszone,

um den globalen Handel zu stimulieren, als

gar kein Abkommen.

Halten Sie ein Welthandelsabkommen

für möglich?

Die WTO wurde geschwächt,

weil Obama keine aktive Führungsrolle

bei den Gesprächen

eingenommen hat. Bundeskanzlerin

Angela Merkel und

der britische Premierminister

David Cameron haben immerhin

eine Expertengruppe ernannt,

die ausloten soll, wie die Hindernisse

der Doha-Runde aus

dem Weg geräumt werden

können. Als ein Vorsitzender

dieses Gremiums wundere ich

mich allerdings schon darüber,

dass Europa nun eine transatlantische

Partnerschaft forciert,

anstatt Amerika bei den globalen

Handelsgesprächen zum

Einlenken zu bewegen.

Aber vielleicht spiegelt sich

darin die Furcht vieler Bürger,

im globalen Wettbewerb mit

China und anderen Schwellenländern

nicht mehr mithalten

zu können …?

Natürlich kann Deutschland mit China,

Brasilien oder Indien konkurrieren. Das zeigt die Exportentwicklung.

Auch Amerikas Ausfuhren haben sich gut

entwickelt. Zudem steht sich Indien mit mangelnden Reformen

selbst im Weg, und China gehen die billigen Arbeitskräfte

aus. Pessimismus im Westen ist fehl am Platz.

Was sind die Segnungen einer Welt ohne Handelsschranken?

Vom freien Handel profitieren tendenziell alle, sogar die

Arbeitnehmer in der westlichen Welt. Aber natürlich

kann nicht jeder Arbeitsplatz gesichert werden, es wird

Branchen geben, die eher schrumpfen. Um die Akzeptanz

nicht zu verlieren, müssen unerwünschte Härten

abgepuffert werden.

Interview: Holger Zschäpitz, nando sommerfeldt

Redakteure der „WELT“ und „WELT am SONNTAG“

marktmacher 02/2013 15


orientieren

neue chancen

1 für den westen

DEM ABENDLAND WURDE schon häufiger der

Untergang prophezeit. Doch bislang ist es nicht so

gekommen. Mehr noch: Aus der Transatlantic

Trade and Investment Partnership, kurz TTIP,

ergeben sich für den „Westen“ neue Wachstums-

MÖGLICHE

ANSÄTZE FÜR

PRIVATANLEGER

In Europa wie den USA profitieren

Unternehmen von der transatlantischen

Freihandelszone. Ausgesuchte Branchen

versprechen sich einen Wachstumsschub.

Schon jetzt können sich Anleger entsprechend

positionieren.

3 dividenden

im fokus

WENN DANK DER TRANSATLANTISCHEN Freihandels

zone die Gewinne börsengehandelter Unternehmen

wachsen, kommt dies den Anteilseignern zugute. Ein

möglicher Fokus von Anlegern ist dabei, wie verlässlich

und in welcher Höhe Dividenden gezahlt werden.

16 marktmacher 02/2013 Containerfracht findet via Truck ihren Weg zum Ziel.


perspektiven. Ein Gradmesser werden globale Aktienindizes

sein – der Dow Jones Global Titans 50 beispielsweise

setzt sich zu mehr als 90 Prozent aus

europäischen und US-Werten zusammen. Auch den

rund 1.600 Titel starken MSCI World dominieren westliche

Aktien – rund 50 Prozent stammen aus den USA,

knapp 30 Prozent aus Europa. Um die Aktienmärkte

beider Regionen getrennt zu betrachten, bieten sich der

Dow Jones Industrial Average und der Euro STOXX 50

an. Die beiden Indizes sind auch die Basiswerte für eine

Vielzahl verbriefter Derivate. Besonders der europäische

Leitindex ist eines der beliebtesten Underlyings

überhaupt: An der Börse Stuttgart wurden allein im

August 2013 bei derivativen Anlageprodukten auf den

Euro STOXX 50 Kundenorders im Volumen von mehr als

200 Millionen Euro ausgeführt.

2 branchen

im aufwind

EIN REIBUNGSLOSERER Handel dürfte sich besonders

positiv auf die klassischen Globalisierungsbranchen

auswirken. Dazu zählt natürlich die Logistik, die

das höhere Handelsvolumen über den Atlantik abwickelt.

Aber auch exportorientierte Branchen wie der

Maschinenbau oder die Automobilbranche profitieren

direkt von einheitlichen Standards, geringeren Handelsbarrieren

und weniger Wettbewerb mit Firmen, die

außerhalb der TTIP-Zone beheimatet sind. Hier bieten

Exchange Traded Funds (ETFs) die Möglichkeit, breit

gestreut zu investieren: Zur europäischen Automobilindustrie

und ihren Zulieferern sind vier dieser börsengehandelten

Indexfonds an der Börse Stuttgart handelbar.

Wer ein Investment noch weiter fassen möchte, hat

zwölf ETFs mit Bezug zu Europas Industrieunternehmen

Die Produktfinder der

zur Auswahl. Laut der Unternehmensberatung Börse McKinsey

bietet die Freihandelszone zudem auch produkt-finder Chancen für

Stuttgart:

www.boerse-stuttgart.de/

Finanzdienstleister. Zwar dürfte die einheitliche Regulierung

der Finanzmärkte bei den TTIP-Verhandlungen

ein Zankapfel werden. Andererseits entstehen mit dem

größeren Handelsraum wohl auch neue Unternehmensstrukturen,

die das Geschäft mit Fusionen, Übernahmen

oder Finanzierungen ankurbeln könnten. Neben Einzelaktien

sind an der Börse Stuttgart neun ETFs gelistet,

die den Bankensektor in Europa abdecken.

Die Produkt-Finder der

Börse Stuttgart:

www.boerse-stuttgart.de/

produkt-finder

Unternehmen, die schon heute regelmäßig ausschütten,

könnten künftig auch ihre freihandelsbedingten Gewinne

an die Aktionäre weiterreichen. Bei der Betrachtung von

Einzelaktien können hier Kennzahlen wie Dividendenrendite,

Ausschüttungsquote oder jährlicher Dividendenzuwachs

herangezogen werden. Für ein Investment in eine

Auswahl an Dividendentiteln aus den USA und Europa

steht an der Börse Stuttgart mehr als ein Dutzend aktiv

gemanagter Investmentfonds zur Verfügung. Daneben

gibt es auch 15 ETFs, die sich auf Dividendenindizes aus

der künftigen Freihandelszone beziehen – etwa auf die

Index-Familie der „Standard & Poor’s Dividend Aristocrats“.

Diese Indizes werden für die USA, Großbritannien

und die Euro-Zone berechnet – enthalten sind jeweils nur

Unternehmen, die über Jahrzehnte gleichbleibende oder

steigende Dividenden ausgeschüttet haben.

Foto: Paul Giamou /gettyimages

marktmacher 02/2013 17


handeln

Kupfer zählt als

hervorragender

elektrischer Leiter

zu den besonders

gefragten Industriemetallen.

am Puls der Industrie

Wertpapiere mit Bezug zu Industriemetallen sind eine mögliche

Erweiterung des Investmentspektrums. Allerdings folgt der Markt

für Kupfer, Aluminium oder Zink ganz eigenen Gesetzen.

@

London Metal

Exchange:

www.lme.com

Diese Aussage hat es in sich: „Schutz für

Privatanleger gibt es nicht.“ Eindeutiger kann

es Jochen Stanzl, Rohstoffexperte der Börse-

Go AG in München, kaum ausdrücken. Er

spricht vom Markt für Industriemetalle. Wenn

Stanzl warnt, meint er freilich nicht die Preisfeststellung

an der Börse – die läuft den Regelwerken entsprechend

so fair wie bei anderen Anlageklassen auch. Wovon er

redet, ist die längerfristige Preisentwicklung: Diese

einzuschätzen erfordert ein tieferes Verständnis für den

Markt und seine Mechanismen.

Zu den wichtigsten Industriemetallen zählen neben

Eisen vor allem Aluminium, Kupfer, Blei, Nickel und Zink.

Ohne diese Rohstoffe wären ganze Branchen nicht denkbar:

der Maschinenbau, die Automobil-

und die Elektroindustrie

oder die Baubranche. Kupfer

beispielsweise ist ein hervorragender

elektrischer Leiter und

Wärmetauscher, ohne Nickel gäbe

es keinen Edelstahl, ohne Zink

keinen Korrosionsschutz.

Gehandelt werden die Metalle

vor allem an der London Metal

Exchange, kurz LME, der weltgrößten

Metallbörse. Privatanlegern ist

dieser Marktzugang verwehrt: Sie

Foto: ChinaFotoPress/laif

18 marktmacher 02/2013


handeln

Foto: BörseGo AG

können über börsengehandelte

Wertpapiere investieren, die sich

auf Industriemetalle beziehen.

Gleichzeitig werden auch sogenannte

Körbe oder Baskets als

Basis herangezogen, die mehrere

Industriemetalle umfassen und

somit für eine gewisse Streuung

sorgen.

An der Börse Stuttgart sind

rund 35 Exchange Traded Commodities,

kurz ETCs, mit Bezug zu

Industriemetallen gelistet. Zudem

sind mehr als 2.200 verbriefte

Derivate auf diese Metalle handelbar,

darunter Anlageprodukte wie

Index-, Bonus- und Discountzertifikate,

aber auch Hebelprodukte wie

Optionsscheine. Basiswerte für all

diese Finanzinstrumente sind in der

Regel Terminkontrakte, die sogenannten

Futures, die den Preis für

das jeweilige physische Metall

abbilden. Aus dem Verlauf des

Futures ergibt sich dann die Kursentwicklung

der Wertpapiere – je

nach deren Ausgestaltung im

Verhältnis 1:1, aber auch gehebelt,

entgegengesetzt oder mit einem

speziellen Auszahlungsprofil. In

Stuttgart ist das Handelsvolumen

beim Basiswert Kupfer am größten,

mit Abstand folgen Papiere auf

Nickel und Aluminium.

Was Industriemetalle als

Anlageklasse zur Herausforderung

macht, ist die Informationslage,

denn der Markt ist relativ intransparent.

Wer beispielsweise in eine

Aktie investiert oder diese als

Basiswert eines Zertifikats heranzieht,

kann sich laufend über die

Ertragslage des Unternehmens,

neue Produkte und die Geschäftsstrategie

informieren. Bei besonderen

Ereignissen sind Ad-hoc-Meldungen

gesetzlich vorgeschrieben,

es gibt Insiderregularien.

Kupfer

Mit dem Beitritt

Chinas zur

Welthandelsorganisation

WTO

entstand Anfang

der 2000er-Jahre

ein Angebotsdefizit

– die

Preise stiegen,

und Kupferminen

begannen,

ihre Kapazitäten

anzupassen.

Ende Januar

2011 war die

Kletterpartie bei

gut 10.000 US-

Dollar je Tonne

vorbei – heute

kostet das Metall

etwa 7.300

US-Dollar. Jetzt

zeichnet sich ein

Angebotsüberschuss

ab, zumal

die Konjunktur in

den Schwellenländern

schwächelt.

Jochen Stanzl,

Rohstoffexperte der

BörseGo AG

Bei Industriemetallen ist das anders – das Verhalten

von Produzenten und Abnehmern des physischen Rohstoffs

bestimmt das Geschehen und ist nur schwer zu

durchschauen. „Es gibt immer Marktteilnehmer, die mehr

wissen als andere und entsprechend handeln“, so Stanzl.

Auf der Angebotsseite stehen zunächst Minen und

Schmelzereien. Bei großen Gesellschaften, die vielfach

auch börsennotiert sind, ist eine gewisse Transparenz

gegeben. Wer sich eingehend informiert, erfährt, wo in

Australien die Produktion ausgebaut wird, wo es nach dem

Konkurs einer Mine Engpässe in Indonesien gibt oder wo

in Brasilien eine neue Lagerstätte erschlossen wird.

Wirklich schwierig aber wird es bei den Lagerbeständen,

denn diese bilden einen ganz wesentlichen Teil des

Angebots. Wie viel Tonnen Metall weltweit in Hallen

liegen, weiß niemand genau – mehr als Schätzungen von

Marktforschungsinstituten gibt es hierzu nicht.

Hinzu kommt, dass sich seit zehn Jahren auch US-

Großbanken in diesem Rohstoffmarkt engagieren und

große physische Bestände lagern. Allerdings hat die

US-Wertpapieraufsicht Securities and Exchange Commission

(SEC) erwogen, den Banken hierfür höhere Transparenzstandards

aufzuerlegen oder ihnen den physischen

Handel sogar wieder zu verbieten. Mehrere Finanzinstitute

haben daraufhin angekündigt, sich aus diesem

Geschäftsfeld zurückzuziehen oder seinen Umfang zu

reduzieren – eine Art von Information, die für andere

Anleger in diesem Segment bedeutend ist. Denn werden

diese Pläne umgesetzt, müssen sich die Banken von ihren

Beständen trennen und sie auf dem Markt veräußern. Ein

zwischenzeitliches Überangebot könnte die Folge sein

– mit entsprechendem Druck auf die Preise.

Ebenso schwierig einzuschätzen wie die Angebotsseite

ist das kurzfristige Nachfrageverhalten der Marktteilnehmer.

„Wenn ein Einkäufer eine außergewöhnlich große

Order aufgibt, ist das schwierig nachzuvollziehen, denn es

gibt keine Ad-hoc-Pflicht“, erklärt Stanzl. Überhaupt rät

der Münchner Experte interessierten Privatanlegern

»DIE PREISE FÜR INDUSTRIE-

METALLE PENDELN UM IHREN

LANGJÄHRIGEN DURCHSCHNITT.

IHR VERLAUF SOLLTE IN DER

LANGFRISTIGEN PERSPEKTIVE

BETRACHTET WERDEN.«

marktmacher 02/2013 19


handeln

Berg-und-Tal-Fahrt

Kursverlauf wichtiger Industriemetalle von August 2007 bis August 2013

USD/Tonne (Alum./Zink)

3.500

3.000

2.500

2.000

1.500

1.000

August

2007

August

2009

Kupfer

Aluminium

Zink

August

2011

USD/Tonne (Kupfer)

August

2013

12.000

10.000

8.000

6.000

4.000

2.000

davon ab, anhand der kurzfristigen Nachrichtenlage zu

agieren. Erstens, weil institutionelle Investoren dank ihrer

Anbindung an internationale Nachrichtenagenturen meist

einen Informationsvorsprung haben und die Nachricht

längst eingepreist ist, wenn sie den Anleger erreicht. Und

zweitens, weil es nicht einfach ist, die Bedeutung von

Nachrichten korrekt einzuschätzen.

Wer kurzfristig auf Tages- oder Wochensicht handeln

möchte, kommt nach Ansicht von Stanzl nicht an Charttechnik

vorbei, denn so „kann man wenigstens gewissen

Standardmustern folgen“. Wenn also eine kursbewegende

Neuigkeit herauskommt, ist es interessant zu schauen, ob

damit ein charttechnisches Signal einhergeht.

Wer hingegen mittel- oder längerfristig investiert, kann

andere Faktoren in den Blick nehmen. Den technischen

Fortschritt zum Beispiel: Würden etwa Automobilhersteller

in großem Stil von Aluminium auf Karbon-Bauweise umstellen,

hätte das erhebliche Folgen für den Aluminiumpreis.

Bei einem längeren Zeithorizont sollten Anleger von

ihrer Erwartung überzeugt sein und die erheblichen

Kursschwankungen aushalten können, die bei Industriemetallen

zu beobachten sind (s. „Berg-und-Tal-Fahrt“).

Bestimmend für den generellen Preistrend sind vor allem

der Investitionszyklus der Minen und die allgemeine

Konjunktur. „Ein Rohstoffzyklus verläuft in der Regel über

zehn bis 15 Jahre, manchmal länger“, erklärt Hubertus

Bardt, Rohstoffexperte am Institut der deutschen Wirtschaft

in Köln.

Wer in Industriemetalle

investiert, muss sich auf starke

Kursbewegungen einstellen.

Für kurzfristig orientierte Trader

können sie eine interessante

Herausforderung darstellen.

Wer längerfristig denkt, sollte

von seiner Investmentidee

überzeugt sein, um zwischenzeitliche

Gegenbewegungen

aushalten zu können. Zudem

zeigen die drei Kurven, wie

stark sich die Kursverläufe der

Metalle ähneln.

Quellen: Statistisches Bundesamt,

Ifo-Konjunkturtest

Aluminium

Bei diesem

Industriemetall

gibt es

einen Angebotsüberschuss,

weil China sich

autark mit dem

beispielsweise

im Fahrzeugbau

eingesetzten

Metall versorgen

kann – das Land

ist reichlich mit

dem Ausgangsstoff

Tonerde

ausgestattet.

Zudem subventioniert

China

die Aluminiumherstellung.

Der

Preis befindet

sich seit April

2011 in einem

Abwärtstrend

und notierte Mitte

2013 bei etwa

1.800 US-Dollar

je Tonne.

Der aktuell nach Einschätzung

vieler Marktteilnehmer auslaufende

Bullenmarkt beispielsweise begann

um die Jahrtausendwende, als

China sich aufmachte, zur Werkbank

der Welt zu werden. Die

Nachfrage aus dem Reich der Mitte

wuchs, ein Unterangebot bestimmte

den Markt. Minen begannen, ihre

Kapazitäten auszubauen, was viele

Jahre Zeit in Anspruch nahm.

Heute deckt China 40 Prozent

der Weltnachfrage an Industriemetallen

ab, aber jetzt wendet sich

offenbar der Trend: Die chinesische

Regierung legt weniger Gewicht auf

Wachstumsförderung, die Konjunktur

zeigt sich weniger robust. Auch in

den übrigen Schwellenländern trübt

sich die wirtschaftliche Lage ein.

Selbst eine anziehende US-Konjunktur

dürfte die geringere Nachfrage

kaum voll ausgleichen können.

Damit steht der Markt für

Industriemetalle vor einer Überversorgung.

Wieder wird es Jahre

dauern, bis sich das Angebot durch

Minenschließungen und den Abbau

von Lagerbeständen angepasst hat.

Ein Bärenzyklus beginnt, der bis zu

15 Jahre dauern kann.

Dieses große Ganze sollten

Anleger bei ihrem Investment immer

im Blick haben, rät Rohstoffexperte

Stanzl. So sei etwa für eine mittelfris

tig auf steigende Preise setzende

Strategie innerhalb eines Bärenmarkts

besonderes Durchhaltevermögen

nötig. Einen anderen Faktor

können Anleger bei Industriemetallen

dagegen getrost vernachlässigen:

Eine grundsätzliche Verknappung

der Rohstoffe spielt derzeit

keine Rolle bei der Preisbildung.

„Es stecken noch genügend Erze im

Boden“, bringt es Stefan Bielmeier,

Chefvolkswirt der DZ Bank in

Frankfurt, auf den Punkt.


CARSTEN MICHAEL

20 marktmacher 02/2013


handeln

PUNKTGENAU Filtern

Weltweit werden rund 67.000 Aktien gehandelt,

an der Börse Stuttgart knapp 7.000 Werte aus

dem In- und Ausland. Ein schrittweises

Vorgehen hilft, passende Titel auszuwählen.

@

Der Aktien-Finder

der Börse Stuttgart:

www.boerse-stuttgart.de/

aktien-finder

Welche Aktie steht im Fokus, ist

günstig bewertet oder hat noch

Potenzial? Für den Vermögensverwalter

Max Schott gehört

die Wahl des richtigen Wertpapiers

zum Tagesgeschäft. Dabei hat er in der

Regel eine längerfristige Perspektive im Blick.

Sein generell gemeinter Tipp: „Bei Aktien sollte

man von einem Anlagehorizont zwischen sieben

und zehn Jahren ausgehen.“ Daneben sei es aus

Gründen der Risikostreuung stets angeraten,

sein Portfolio zu diversifizieren, „wenn möglich

mit 25 bis 50 Titeln“.

Wenn es um konkrete Investments geht, ist

für Schott zunächst die Corporate Governance

der Aktiengesellschaft ein wichtiges Kriterium:

Die Unternehmensführung sollte im Hinblick auf

den Vorstand und Kontrollgremien wie den

Aufsichtsrat hohen Anforderungen genügen.

„Viele Unternehmen aus Entwicklungs- und

Schwellenländern können dieses Qualitätskriterium

nicht erfüllen“, so Schott.

Der Aktien-Finder

der Börse Stuttgart

hilft, Anlagealternativen

einzugrenzen.

Schritt für Schritt

können Interessierte

über Kriterien wie

Region, Kurs-Gewinn-

Verhältnis und

Dividendenrendite

zum Ziel kommen.

Das Online-Tool filtert

die Titel heraus – vom

Blue Chip bis zum

Nebenwert.

Wer selbst Aktien auswählen möchte,

erhält Unterstützung auf der Internetseite der

Börse Stuttgart: Mit einem Aktien-Finder

können Interessierte über eine interaktive

Weltkarte beispielsweise die Anlageregion

festlegen, die Branche bestimmen und die

Höhe der gewünschten Dividendenrendite

vorgeben. Das Online-Werkzeug bietet so eine

einfache Möglichkeit, eine sinnvolle Vorauswahl

zu treffen. Auf dieser Basis fällt dann die

Entscheidung leichter, welche Titel am vielversprechendsten

sind und am besten zur eigenen

Anlagestrategie passen. Gian Hessami

Foto: Börse Stuttgart

Weiterhin legt der Experte viel Wert darauf,

dass der einwandfreie Handel mit den Papieren

eines Unternehmens jederzeit gesichert ist.

„Für die Liquidität am Markt ist der Anteil des

Streubesitzes ein erster Anhaltspunkt“, sagt

Schott.

Weitere fundamentale Daten wie Cashflow,

Hö he der Pensionsverpflichtungen und Konstanz

von Dividendenzahlungen spielen ebenfalls eine

wichtige Rolle. Auch lohnt sich ein Blick auf

Markt kenn zah len wie Volatilität. „Aktien, deren

Kurse sehr stark schwanken, sollten nur nach

besonders eingehender Prüfung ins Portfolio

aufgenommen werden“, empfiehlt Schott.

marktmacher 02/2013 21


handeln

RISIKEN AKTIV

BEGRENZEN

Anleger können ihr Portfolio mit ETFs auf

unkomplizierte Weise gegen Kurseinbrüche

absichern – Short- und Volatilitätsprodukte

machen es möglich.

Die alte Börsenregel, nicht alle Eier in einen

Korb zu legen, bringt es auf den Punkt: Wer in

viele verschiedene Werte investiert, verringert

sein Verlustrisiko und sorgt für mehr Stabilität

im Depot. Besonders einfach geht dies mit

Exchange Traded Funds (ETFs): Die passiven, börsengehandelten

Fonds bilden jeweils einen ganzen Index ab und

sorgen so von vornherein für eine gewisse Streuung.

Neben der langfristigen Strukturierung des Portfolios

ermöglichen ETFs aber auch ein kurzfristigeres, aktives

Risikomanagement. Schließlich lassen sich die Papiere

täglich fortlaufend handeln und erlauben so schnelle

Reaktionen auf aktuelle Marktentwicklungen. Mit speziellen

ETF-Varianten können erfahrene Anleger ihr Depot

gegen Korrekturen an den Aktienmärkten absichern.

Damit ist natürlich kein Rundumschutz gemeint, denn der

wäre bei vertretbarem Aufwand nicht umsetzbar. Vielmehr

geht es darum, Verluste abzupuffern.

Eine Absicherungsmöglichkeit sind sogenannte

Short-ETFs. Mit ihnen erzielen Anleger in fallenden Märkten

Gewinne. „Die Papiere entwickeln sich auf täglicher

Basis spiegelverkehrt zur Wertentwicklung der zugrunde

liegenden Indizes“, erklärt Michael Görgens, Leiter des

Fonds- und Anleihenhandels an der Börse Stuttgart. Fällt

beispielsweise der DAX um drei Prozent, steigt der Kurs

eines Short-ETFs auf den deutschen Leitindex um drei

Prozent. So können sich Anleger taktisch gegen eine

Marktschwäche absichern, ohne ETFs oder Aktien aus

ihrem Depot verkaufen zu müssen.

Allerdings ist bei Short-ETFs eine Besonderheit zu

beachten: Werden sie länger gehalten, kann es wegen der

Ordertypen

Eine Positionierung

mit Blick

auf Kurseinbrüche

erlauben

intelligente

Ordertypen.

Etwa die One-

Cancels-Other-

Order: Hier kann

der Anleger

einen ETF mit

einem Stop Loss

unterhalb des

aktuellen Kurses

versehen und

zugleich ein

oberes Verkaufslimit

definieren,

bei dem Gewinne

realisiert werden

sollen.

täglichen Anpassung zu Verzerrungen

kommen. Dann weicht die

Wertentwicklung des Short-ETFs von

der Entwicklung des zugrunde

liegenden Indexes ab. Vorteilhaft für

den Anleger sind solche Abweichungen

nur bei stabilen, länger

andauernden Abwärtstrends. In

anderen Marktlagen sollten Short-

ETFs eher nur kurz gehalten werden.

„Die Absicherung mit Short-

ETFs lässt sich flexibel gestalten,

denn die Papiere werden an der

Börse Stuttgart börsentäglich von 8

bis 22 Uhr gehandelt“, so Görgens.

Anleger können also die Absicherung

ihres Depots jederzeit wieder

auflösen, wenn eine Korrektur zu

enden scheint oder sich ihre

Markteinschätzung geändert hat.

„Short-ETFs sind bei den Anlegern

in den vergangenen Jahren immer

beliebter geworden“, weiß Görgens.

Wie intensiv die Investoren die

Produkte nutzen, zeigen Zahlen zum

Handel an der Börse Stuttgart. So

war beispielsweise Ende August ein

Short-ETF auf den DAX mit 100

Trades innerhalb einer Woche der

meistgehandelte passive Indexfonds.

Derzeit sind rund 50 Short-ETFs an

der Börse Stuttgart gelistet.

Es gibt noch eine andere Möglichkeit,

sich gegen Kursverluste

abzusichern: Mit sogenannten

Vola-ETFs können Anleger auch auf

eine steigende Volatilität setzen.

Dabei handelt es sich um die von

den Marktteilnehmern erwartete

Schwankungsbreite der Kursaus-

22 marktmacher 02/2013


handeln

Gegenläufige Performance

Der Euro STOXX 50 und der zugehörige Volatilitätsindex IVSTOXX entwickeln sich in

etwa entgegengesetzt. Fällt der Aktienindex, steigt der IVSTOXX – und umgekehrt.

Mehr Schwankungsbreite

in Abwärtstrends: Im Juni

2013 ging es mit dem Euro

STOXX 50 steil bergab –

bei deutlich ansteigender

Volatilität, wie der IVSTOXX

zeigt. Von Juli bis Mitte

August kletterte der europäische

Leitindex wieder

nach oben, während sich

der Volatilitätsindikator

auf Talfahrt begab.

IVSTOXX

Euro

STOXX 50

33

2.900

32

31

2.850

2.800

30

2.750

29

2.700

IVSTOXX

28

Euro STOXX 50

2.650

27

26

25

2.600

2.550

2.500

1. Juni 2013 1. Juli 2013 1. August 2013 30. August 2013

Quelle: www.stoxx.com

schläge, die auch implizite Volatilität

genannt wird. Simon Ullrich,

leitender Analyst der Ratingagentur

Scope, erklärt den Zusammenhang

mit der Depotabsicherung: „In der

Regel steigt die implizite Volatilität

überproportional an, wenn die

Aktienkurse fallen.“ In Abwärtsbewegungen

gehe es oft Schlag auf

Schlag nach unten – dies lasse die

Nervosität bei den Marktteilnehmern

steigen. „Anleger, die mit

ihren Investments auf eine steigende

Volatilität setzen, können

daher von fallenden Märkten

profitieren“, so Ullrich.

@

Die intelligenten

Ordertypen

der Börse Stuttgart:

www.boerse-stuttgart.de/

ordertypen

Der Kauf eines Vola-ETFs ist vor allem dann sinnvoll,

wenn die Schwankungsbreite im Vergleich zu früheren

Werten besonders niedrig ist. Eine niedrige Volatilität

lässt sich am besten mit der sprichwörtlichen „Ruhe vor

dem Sturm“ vergleichen. Brechen die Aktienmärkte ein,

erhöhen sich die Volatilität, der Stand des entsprechenden

Indexes und somit auch der Wert des Vola-ETFs.

Die daraus entstehenden Gewinne können dann die

Verluste des ETF- oder Aktiendepots teilweise auffangen.

Da auch eine schwankungsintensive Aufwärtsbewegung

der Märkte vorkommen kann, ist ein Investment in

Volatilität grundsätzlich marktneutral. Der Absicherungsgedanke

steht jedoch meist im Vordergrund. Dabei sollten

Anleger im Blick haben, dass bei fallender Volatilität auch

der Wert eines Vola-ETFs sinkt.

GIAN HESSAMI

Foto: Barcroft/gettyimages, Peter Himsel

Beim DAX misst der sogenannte

VDAX die Schwankungsbreite, beim

Euro STOXX 50 ist es der IVSTOXX. Mit

ETFs auf solche Volatilitätsindizes

lässt sich sowohl für ETF-Depots als

auch für diversifizierte Aktiendepots

eine kostengünstige Makro-Absicherung

umsetzen. Diese Möglichkeit

war früher vorwiegend institutionellen

Investoren vorbehalten.

»DIE IMPLIZITE VOLATILITÄT

STEIGT, WENN DIE AKTIENKURSE

FALLEN. ANLEGER KÖNNEN

DAHER MIT SOGENANNTEN

VOLA-ETFS VON FALLENDEN

MÄRKTEN PROFITIEREN.«

Simon Ullrich, leitender Analyst bei der Ratingagentur Scope

marktmacher 02/2013 23


handeln

schwer gefragt

Der Trend bei Gold hat sich gedreht: Gut 26 Prozent büßte sein Preis im

ersten Halbjahr 2013 ein. Während viele Edelmetall verkaufen, nutzen

andere den Kursrutsch und decken sich ein – auch mit EUWAX Gold.

Nichts ist langfristig so

wertbeständig wie Gold

– schon im alten Rom

konnte man sich für eine

Unze, das sind gut 31

Gramm, sehr gut einkleiden. Und auch

heute noch ist das bei einem Preis um

1.300 Euro pro Feinunze problemlos

möglich. Vielleicht haben sich viele

Privatanleger gerade wegen des

Werterhalts weiter mit Gold eingedeckt,

als der Preis des Edelmetalls in

der ersten Jahreshälfte 2013 um gut

ein Viertel nachgab und einen günstigeren

Einstieg ermöglichte.

Die Nachfrage nach Gold ist

jedenfalls ungebrochen, wie die Umsatzstatistik

für EUWAX Gold zeigt. Das

Exchange Traded Commodity (ETC) ist

zu 100 Prozent mit physischem Gold

unterlegt und notiert in Euro pro

Gramm. 2013 wurden an der Börse

Stuttgart an jedem einzelnen Handelstag

mehr dieser ETCs gekauft als

abgestoßen (s. „Privatanleger kaufen

weiter Gold“). Ein Jahr nach der

Markteinführung von EUWAX Gold hat

sich Mitte September 2013 so ein hinterlegter

Bestand von rund 1,6 Tonnen

Gold aufgebaut.

Doch wer sind die Verkäufer, die

den Goldpreis drücken? In erster Linie

haben institutionelle Investoren Goldpositionen

reduziert, beispielsweise

Investmentfonds oder andere Kapitalanlagegesellschaften.

Die Gründe

erläutert Thorsten Pröttel, Rohstoffanalyst

bei der Landesbank Baden-

Württemberg (LBBW): „Beim Gold

ergeben sich Angebot und Nachfrage

aus einem sehr komplexen Interessengeflecht.“

Ausgangspunkt der Preisentwicklung

war nach seiner Beobachtung ein

Rückgang der Nachfrage in Indien,

dem derzeit weltgrößten Importeur von

physischem Gold. Denn dort hat die

Regierung die Importsteuer auf das

Edelmetall in mehreren Schritten stark

erhöht, um die eigene Währung zu

@

Mehr zu EUWAX Gold:

www.euwax-gold.de

»Während institutionelle

Investoren sich in groSSem

Stil von Gold trennten,

ist das Interesse privater

Anleger ungebrochen.«

Rupertus Rothenhäuser,

Geschäftsführer der Boerse Stuttgart Securities GmbH

Fotos: Börse Stuttgart; Daniel Nimmervoll/Fotolia

24 marktmacher 02/2013


handeln

stützen. Der Goldpreis knickte zuerst

Mitte April ein. Der zweite Einbruch

erfolgte im Juni, nach der Ankündigung

der US-Notenbank Fed, langsam

aus ihrer seit Beginn der

Finanzkrise äußerst lockeren Geldpolitik

auszusteigen und damit eine

vorsichtige Zinswende einzuleiten.

Allein in den USA haben Gold-

Fonds daraufhin Positionen in der

Größenordnung von 600 Tonnen

abgegeben. Das Motiv: Bei steigenden

Zinsen sinkt die Attraktivität

von Gold gegenüber anderen

Anlageformen – schließlich wirft

das Edelmetall keinerlei Zinsen ab.

Auch die gut laufenden Aktien märkte

geben den institutionellen Investoren

Anlass, Kapital von Gold in

Aktien umzuschichten. Hinzu

kommt, dass Gold seine Anziehungskraft

als Krisenwährung

teilweise einbüßt, weil die Angst vor

der Euro-Staatsschuldenkrise und

erhöhter Inflation deutlich nachgelassen

hat.

Vor diesem Hintergrund

könnte der Eindruck entstehen,

Privatanleger stünden auf der

falschen Seite. Doch sie sind nicht

die Einzigen, die weiter in Gold

investieren. „Viele Notenbanken

kaufen Gold, zum Beispiel in China,

Südkorea, Mexiko und Russland“,

berichtet Analyst Pröttel. Allein

2012 fragten sie 535 Tonnen Gold

nach, so viel wie seit 50 Jahren

nicht mehr. Und im ersten Quartal

2013 erhöhten sie ihre Goldreserven

nach Angaben des World Gold

Council (WGC) nochmals um mehr

als 109 Tonnen. „Staaten machen

genau das, was auch Privatanleger

tun sollten: Sie diversifizieren ihr

Portfolio“, sagt Rupertus Rothenhäuser,

Geschäftsführer der Boerse

Stuttgart Securities GmbH, die

das Wertpapier EUWAX Gold

emittiert.

Privatanleger kaufen weiter Gold

EUWAX Gold hat im Jahresverlauf stetige Zuflüsse verzeichnet.

Der Goldpreis hat sich seit Juli

etwas stabilisiert – dies jedoch

innerhalb eines deutlich fallenden

Trends. Umso auffälliger

ist die Säulengrafik, die für jeden

Handelstag seit Jahresbeginn

das Verhältnis von Käufen

zu Verkäufen bei EUWAX Gold

an der Börse Stuttgart aufzeichnet:

An jedem Handelstag

wurden mehr ETCs gekauft als

verkauft. Am 31. Januar zum

Beispiel gab es 35-mal mehr

Kauf- als Verkaufsorders, am

19. April sogar 75-mal mehr.

Quellen: Börse Stuttgart;

World Gold Council

Barren

liefern

Inhaber von EU-

WAX Gold haben

den Anspruch

auf kostenfreie

Auslieferung

des hinterlegten

Goldes innerhalb

Deutschlands.

Ausgeübt werden

können 100 ETCs

oder ein Vielfaches

davon. Die

dafür notwendige

Ausübungserklärung

ist als PDF

auf www.euwaxgold.de

hinterlegt

und einfach

bei der eigenen

Depotbank einzureichen.

Diese

kümmert sich

um alles Weitere,

wofür sie eine

Gebühr berechnen

kann.

Verhältnis Käufe/Verkäufe

80

70

60

50

40

30

20

10

0

2.1.2013

2.2.2013

2.3.2013

2.4.2013

2.5.2013

Goldpreis in US-Dollar

1.750

1.700

1.650

Käufe/Verkäufe

1.600

Goldpreis

1.550

1.500

1.450

1.400

1.350

1.300

1.250

1.200

1.150

2.6.2013

2.7.2013

2.8.2013

15.9.2013

Private Anleger, die den Kurssturz nutzen und sich mit

Gold eindecken, erweitern ihr Anlagespektrum um

Sachanlagen. Analyst Pröttel bestätigt den Stabilisierungseffekt,

der mit der breiteren Streuung der Geldanlage

einhergehen kann: „Als in den Jahren 2008 und 2009

die Aktienkurse fielen, stieg in gleichem Maß der Goldpreis.“

Wie viel Gold ein Portfolio enthalten sollte, ist für

Pröttel allerdings eine individuelle Frage: „Das muss

jeder Anleger für sich selbst entscheiden, je nach der

Aufteilung seines Vermögens und dem eigenen Sicherheitsbedürfnis.“

Das Wertpapier EUWAX Gold wird beim Aufbau einer

Goldposition gerne genutzt, weil es auf den Bedarf vieler

Privatanleger eingeht, sich das hinterlegte Gold auf

Wunsch auch ausliefern zu lassen. „Da sich EUWAX Gold

zudem unkompliziert an der Börse handeln lässt, vereint

es die Vorteile von physischem Edelmetall und Wertpapieren“,

betont Rothenhäuser.

Mit ähnlich starken Bewegungen beim Goldpreis wie

2013 rechnet Analyst Pröttel für das kommende Jahr

nicht, denn „die Anleger mit den zittrigen Händen sind

längst draußen aus dem Goldmarkt“. Dennoch hält der

Rohstoffexperte einen weiteren Rückgang bis auf 1.200

Dollar für möglich. Eine theoretische Untergrenze taxiert

er bei etwa 1.100 Dollar: „In diesem Bereich liegen die

Förderkosten.“

CARSTEN MICHAEL

marktmacher 02/2013 25


handeln

HAUSSE mit

Nebenwirkungen

Mit Notenpresse und Neuverschuldung schwächt Japan bewusst

die eigene Währung und kurbelt so die Exportwirtschaft an.

Japanische Aktien haben 2013 rasant zugelegt, doch Anleger

sollten auch die Risiken der Politik der »Abenomics« kennen.

Japan hält 2013 die Märkte in Atem: Das Geld,

das die Bank of Japan derzeit in großem Stil

bereitstellt, scheint direkt in Aktien zu fließen.

Von November 2012 bis September 2013 stieg

der Nikkei 225 von rund 9.000 auf rund 14.500

Punkte – ein Plus von rund 61 Prozent. Im Mai erreichte

der Aktienindex sogar 15.600 Punkte, fiel im Juni aber

wieder auf 12.400 Punkte. Seitdem schwanken die Kurse

auf hohem Niveau.

Das groSSe Interesse von Anlegern an Japan hat

Norbert Paul, Handelsexperte an der Börse Stuttgart,

genau verfolgt: „Ein Index-Zertifikat auf den Nikkei war

seit Februar immer unter den top drei der am häufigsten

gehandelten derivativen Anlageprodukte in Stuttgart.“

@

Auslandsaktien an der

Börse Stuttgart:

www.boerse-stuttgart.de/

auslandsaktien

Als der Nikkei im Mai den höchsten

Stand seit fünf Jahren erreichte, lag

das Papier bei den Orderzahlen

sogar „wochenlang auf Platz eins

der Rangliste“, so Paul.

Ein ähnliches Bild bietet sich

beim Handel mit japanischen

Einzelaktien: Im ersten Halbjahr

2013 wurden bei den rund 180

Werten an der Börse Stuttgart

Monat für Monat min destens

doppelt so hohe

Umsätze ver-

Nikkei deutlich unter Allzeithoch

Gemessen an alten Höchstständen

hat der japanische Aktienindex

noch viel Luft nach oben.

Index-Punkte

40.000

35.000

Der Chart des Nikkei 225 spiegelt Japans Schwäche.

Nach dem Platzen der Aktien- und Immobilienpreisblase

Anfang der 1990er-Jahre vermied

Japan Strukturreformen und glitt in die Deflation

ab. In Erwartung fallender Preise blieben Investitionen

und Konsum aus. Die Wettbewerbsfähigkeit

der Industrie litt. Jetzt soll mithilfe der Notenpresse

die Krise überwunden werden.

Quelle: comdirect

30.000

25.000

20.000

15.000

10.000

1990 1991 1992 1993 1994 1995 1996 1997 1998 1999 2000 2001

26 marktmacher 02/2013


handeln

zeichnet wie im entsprechenden

Zeitraum 2012. Im Mai 2013 erreichte

das Handelsvolumen sogar

ein Fünfjahreshoch von fast zwölf

Millionen Euro. Auch Malte Rubruck,

Senior Manager Trading &

Banking Products bei der DAB

Bank, berichtet für diesen Monat

von einer „dreimal höheren Aktivität

der Trader“. Zwischen Frühjahr und

Sommer 2013 habe die DAB Bank

zudem bei Exchange Traded Funds

(ETFs) auf die Indizes MSCI Japan,

Nikkei 225 und Topix deutlich mehr

Käufe als Verkäufe beobachtet.

Der Höhenflug des japanischen

Aktienmarkts beruht vor allem auf

dem radikalen Konzept zur Stimulierung

der Wirtschaft von Ministerpräsident

Shinzo Abe, kurz „Abenomics“

genannt. Im Zentrum steht

die Bank of Japan, die der Regierung

in nie gesehenem Ausmaß

Staatsanleihen abkauft – und damit

quasi Geld druckt. Mit aller Macht

soll so bis 2016 eine Inflationsrate

von zwei Prozent erreicht und

die seit 1994 anhaltende

ABENOMICS

Die Strategie von

Ministerpräsident

Shinzo Abe

basiert auf drei

Säulen. Die Geldbasis

soll bis Ende

2014 auf 270

Billionen Yen (2,1

Billionen Euro)

verdoppelt und

bis März 2016

eine Inflation von

zwei Prozent

erreicht werden.

Zudem sind

Konjunkturprogramme

in Höhe

von gut zehn

Billionen Yen

(79 Milliarden

Euro) geplant.

Die dritte Säule

bilden Strukturreformen

wie Erhöhung

der Frauenerwerbsquote,

Deregulierung

sowie Freihandelsgespräche.

Foto: Takeshi.K/gettyimages

Phase leicht fallender Preise überwunden werden. Ein

weiterer erwünschter Effekt: Der Yen verliert gegenüber

Euro, US-Dollar und anderen Währungen an Wert. Dadurch

werden japanische Produkte im Ausland billiger,

und der Export legt zu. Als Folge steigen die Gewinne

exportorientierter japanischer Konzerne.

Auf 245,4 %

beläuft sich 2013 die Staatsver-

schuldung Japans in Relation

zum Bruttoinlandsprodukt. Quelle: IWF

Wer als Anleger an den nachhaltigen Erfolg von

„Abenomics“ glaubt, kann sich mit unterschiedlichen

Wertpapieren entsprechend positionieren. Neben Einzelaktien

bieten ETFs oder Index-Zertifikate die Möglichkeit,

breit gestreut in den japanischen Markt zu investieren. An

der Börse Stuttgart sind 35 ETFs und 51 Index-Zertifikate

mit Japan-Bezug gelistet. Während die ETFs als Sondervermögen

gegen das Emittentenrisiko geschützt sind, ist

dieses bei den Zertifikaten grundsätzlich zu beachten.

Erfahrene und besonders risikofreudige Anleger können

zudem mit derivativen Hebelprodukten auch auf kurz fristige

Schwankungen des derzeit volatilen japanischen

Aktienmarkts setzen. Allein auf den Leitindex Nikkei 225

sind an der Börse Stuttgart rund 1.500 Knock-out-Produkte

und über 3.300 Optionsscheine handelbar, mit denen

Trader ihre individuelle Markterwartung abbilden können.

Privatanleger mit längerem Zeithorizont sollten

auf jeden Fall den Wechselkurs von Euro und Yen im Auge

behalten. Hierauf weist Georg Erber vom Deutschen Institut

für Wirtschaftsforschung (DIW) hin: „Ausländische

Investoren müssen den Wechselkurseffekt

2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013

marktmacher 02/2013 27


handeln

der Yen-Abwertung von den Kursgewinnen abziehen.“ Dann

ergibt sich nämlich eine ganz andere Rechnung: Von den

rund 52 Prozent Kurssteigerung im Nikkei 225 seit Beginn

der Hausse bis August 2013 bleiben währungsbereinigt nur

26 Prozent übrig.

Aus Sicht deutscher Anleger schmelzen die erzielten

Kursgewinne also zu einem Großteil wieder dahin. Es sei

denn, sie sichern ihr Japan-Investment gegen Währungsrisiken

ab. Das funktioniert mit ETFs, die mit einem

Währungsschutz ausgestattet sind, oder sogenannten

Quanto-Zertifikaten. Die Absicherung verursacht zwar

zusätzliche Kosten, aber die Kursgewinne bleiben dafür

weitgehend erhalten.

Der schwache Yen ist als Folge der aggressiven

Geldpolitik ein willkommener Wachstumsimpuls für

Japans Exportwirtschaft. Gelddrucken allein kann allerdings

nicht die Lösung für Japans Probleme sein. Deshalb

kündigte Premierminister Abe immer wieder auch Strukturreformen

an, allerdings ohne konkrete Schritte einzuleiten.

Folglich gibt es Zweifel am Reformwillen der

japanischen Regierung, etwa mit Blick auf Steuererhöhungen

oder die Liberalisierung des Arbeitsmarkts. So

warnte die Bundesbank in ihrem Monatsbericht August

2013 vor einem „konjunkturellen Strohfeuer“. Dass die

Bedingungen für einen Erfolg der „Abenomics“ erfüllt

sind, sei „keineswegs gewiss“.

Bereits 2014 könne das Wirtschaftswachstum mit

1,25 Prozent wieder geringer ausfallen als zuletzt. Um

neben dem Export auch die Binnenwirtschaft zu beleben,

die 84 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt,

müssten die Löhne steigen. Das aber sei fraglich, so die

Bundesbank.

Zugleich gilt in vielen japanischen Unternehmen das

Prinzip der lebenslangen Beschäftigung. In Krisen werden

deshalb eher die Löhne gesenkt, als Mitarbeiter

entlassen. Eine weitere landestypische Besonderheit ist,

dass die Bezahlung von Angestellten von Alter und Betriebszugehörigkeit

abhängt. Die Konsequenz: Junge

Beschäftigte werden oft nicht entsprechend ihrer Produktivität

entlohnt. Selbst die „Abenomics“ tun bisher wenig,

um die Perspektiven für junge Japaner zu verbessern.

Auch deshalb liegt die Geburtenrate bei durchschnittlich

RISIKO

MINIMIEREN

Währungsrisiken

lassen

sich mit Quanto-

Zertifikaten

vermeiden: Für

deren Kursentwicklung

ist nur

die absolute

Performance

des Basiswerts

relevant. So

werden beispielsweise

bei

japanischen

Aktien, die in Yen

notieren, mögliche

Währungsverluste

gegenüber

dem Euro

ausgeschaltet.

Der Schutz hat

seinen Preis: Bei

Quanto-Zertifikaten

fallen für

die Absicherung

Gebühren an,

die anteilig vom

Wert des Zertifikats

abgezogen

werden.

Georg Erber,

Ökonom beim Wirtschaftsforschungsinstitut

DIW in Berlin

»Deutsche Anleger müssen den

negativen Wechselkurseffekt

der Yen-Abwertung beachten.«

1,4 Kindern pro Frau. Nach Daten

von Germany Trade & Invest sind

inzwischen 23 Prozent der 128 Millionen

Japaner älter als 65 Jahre. In

Zukunft wird die Bevölkerung stark

schrumpfen. Das dämpft die Inlandsnachfrage.

Zudem verweist die Bundesbank

auf die gigantische Staatsverschuldung

Japans von über 245 Prozent

des Bruttoinlandsprodukts – das ist

weltweit Spitze. Zum Vergleich: Im

EU-Krisenstaat Griechenland liegt

die Verschuldungsquote bei rund

160 Prozent. Dass Japan dennoch

Kapital von Investoren bekommt,

liegt an einer Besonderheit: Statt

am internationalen Kapitalmarkt

leiht sich der Staat bei seinen

Bürgern, Banken, Versicherungen

und Pensionskassen Geld. Gut

90 Prozent der Gläubiger kommen

aus Japan. Dabei liegt die Rendite

zehnjähriger Staatsanleihen seit

15 Jahren meist deutlich unter

zwei Prozent; seit drei Jahren

deutlich unter einem Prozent.

Sollte angesichts der ausufernden

Verschuldung jedoch das

Interesse an Japans Staatsanleihen

schwinden, müsste das Land höhere

Zinsen bieten. Im August sind sie

bereits gestiegen, von 0,5 auf in der

Spitze 1,0 Prozent – obwohl die Bank

of Japan derzeit 70 Prozent der neu

ausgegebenen Staatsanleihen

absorbiert. Dies sei eine Kehrseite

des Aktienbooms, so Erber: „Nicht

nur ausländische Investoren setzen

auf den japanischen Aktienmarkt.

Auch inländische Anleger ziehen

sich aus Staatsanleihen zurück und

investieren verstärkt in Aktien.“

Dabei gilt für Japans Unternehmen

wie für den Staat und die Investoren:

Ein Scheitern der „Abenomics“ kann

sich niemand leisten.

JAN MÜNSTER

Foto: DIW Berlin


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Automatenbetreiber können teilweise eigene Gebühren für Bargeldverfügungen erheben. 2Die Belastung der Zinsen erfolgt quartalsweise.


ankommen

Bei den Grundkenntnissen

in Mathematik

haben die Deutschen

noch Nachholbedarf,

wie jetzt eine Studie

belegt. Die Stiftung

Rechnen will hier

Aufbauarbeit leisten.

Was haben Marcell

Jansen vom

Hamburger SV,

Sven Bender von

Borussia Dortmund

und Cacau vom VfB Stuttgart

gemeinsam? Richtig, alle sind

Fußballnationalspieler. Aber das ist

nur die halbe Antwort. Denn die

Profisportler eint noch etwas

anderes als der deutsche Volkssport

Nummer eins.

Die Kicker wissen nämlich, dass

perfekte Fähigkeiten am runden

Leder noch keine Grundlage fürs

spätere Leben sind. Sie engagieren

sich deshalb gemeinsam mit der

Stiftung Rechnen dafür, dass junge

Menschen ein Bewusstsein für den

Wert schulischer Kenntnisse in

Mathematik entwickeln.

Die Rezeptur für mehr Rechenfitness

in Deutschland liegt für Johannes

Friedemann auf der Hand.

„Eine der wichtigsten Zutaten ist der

Mathematikunterricht“, sagt der

Geschäftsführer der Stiftung Rechnen.

Der zu vermittelnde Stoff müsse

Neugierde wecken, begeistern und

Menschen für den Alltag fit machen.

Mathe fürs Le

@

Ergebnisse der Studie

„Bürgerkompetenz

Rechnen“:

http://bit.ly/StiftungRechnen

Mehr Freude am Rechnen – darauf zielt auch die Aktion

„Mathe macht das Tor“. Schüler aller Altersstufen sollten

in einem deutschlandweiten Klassen-Wettbewerb so viele

Mathematikaufgaben wie möglich lösen. Als Hauptgewinne

winkten Besuche der Fußballstars Jansen, Bender

und Cacau in den Klassen. Das führte zu einem regelrechten

Mathe-Fieber: Fast 33.000 Schülerinnen und

Schüler lösten in rund vier Wochen sieben Millionen

Aufgaben. Über 1.500 Klassen nahmen teil.

Die gemeinnützige Stiftung Rechnen unterstützt

seit 2009 solche Initiativen, um Mathematik zu mehr

Aufmerksamkeit zu verhelfen und die Bildung auf diesem

Gebiet zu fördern. Gründungsstifter sind die comdirect

bank und die Börse Stuttgart. Den Unternehmen geht es

30 marktmacher 02/2013


ankommen

ben

Foto: pixabay.com; Börse Stuttgart

»Die Beherrschung

essenzieller

Rechentechniken

ist Voraussetzung

für ein Verständnis

von Finanzen.«

Christoph Lammersdorf,

Vorsitzender der

Geschäftsführung

Börse Stuttgart

um nichts weniger als die Grundversorgung

mit Wissen. „Gute und solide

Rechenfähigkeiten müssen so selbstverständlich

sein wie das Lesen“, sagt

Christoph Lammersdorf, Vorsitzender

der Geschäftsführung der Börse

Stuttgart. „Denn die Beherrschung

essenzieller Rechentechniken ist die

Voraussetzung dafür, ein Verständnis

für den Umgang mit Geld und Finanzen

zu entwickeln.“

Die entscheidenden Grundlagen

werden in den Schulen gelegt. Allerdings

hat Rechnen dort oft nicht das

beste Image. „Warum lernen wir das

eigentlich?“, lautet eine häufig gestellte

Frage von Schülerinnen und Schülern

im Matheunterricht.

Antworten liefert das Projekt „Mathe4Life“,

das die Stiftung Rechnen ins

Leben gerufen hat. Ziel ist es, Jugendlichen

die Bedeutung von Mathematik

im Alltag und Beruf nä her zu brin gen –

konkrete Anwendungsfälle sollen dabei

Interesse wecken.

Auch die Börse Stuttgart beteiligt

sich an „Mathe4Life“: Mitarbeiter

gehen an Schulen und zeigen anhand

von Praxisbeispielen auf, wo Mathematik

im Alltag einer Börse eine Rolle

spielt. Ob es um die Rendite einer

Aktie, den Kapitalbedarf eines Unternehmens

oder die Höhe des US-Schuldenbergs

in 100-Dollar-Banknoten

geht: Ungewöhnliche und anschauliche

Aufgabenstellungen sollen Schülerinnen

und Schülern zeigen, dass

Rechnen sowohl nützlich als auch

spannend sein kann.

Wie schwer sich viele Deutsche

dennoch im Umgang mit mathematischen

Fragestellungen tun, hat jüngst

die Studie „Bürgerkompetenz Rechnen“

deutlich gemacht. Insgesamt

1.027 Personen im Alter zwischen 18

und 65 Jahren beteiligten sich und

hatten 30 Aufgaben mit Alltagsbezug

zu lösen, die inhaltlich bis zum Niveau

der achten Klasse reichten. Das Resultat

der repräsentativen Erhebung im

Auftrag der Stiftung Rechnen ist

ernüchternd: Die Hälfte der Deutschen

kann nicht ausrechnen, wie sich eine

geänderte Geschwindigkeit auf die

Fahrtzeit auswirkt.

Auf Kriegsfuß stehen sie auch mit

der Prozentrechnung – diese fällt bei

jedem Dritten fehlerhaft aus. Da wundert

es nicht, dass auch der einfache

Dreisatz Probleme bereitet (s. „Wie

lautet das Ergebnis?“). Und wenn es um

das Lesen eines Kurvencharts zum

Goldpreis geht, interpretiert jeder

zweite Deutsche das Schaubild falsch.

Solches Nichtwissen kann zu

deutlichen Fehleinschätzungen führen,

beispielsweise im Kontext eines Wertpapierinvestments.

„Nur wer über

mathematisches Wissen verfügt, ist in

der Lage, viele berufliche oder private

Herausforderungen zu bewältigen“,

sagt Christoph Lammersdorf. Um

hinzuzulernen, zählt für Nationalstürmer

Cacau neben Talent und Fleiß vor

allem, dass man mit Spaß bei der

Sache ist: „Das gilt für Fußball genauso

wie für Mathe.“ DETLEV BRECHTEL

?

Wie lautet

das ergebnis?

400 g Rinderfilet kosten 32

Euro. Wie viel kosten 300 g?

Die Aufgabe konnten 13 Prozent der

Befragten der Studie „Bürgerkompetenz

Rechnen“ nicht lösen. Unter

Hauptschülern scheiterten 19 Prozent,

unter Abiturienten immerhin fünf Prozent.

Die mangelnde Rechenfitness der

Deutschen zeigt sich vor allem beim

Umrechnen von Maßeinheiten.

Die Lösung: 24 Euro

marktmacher 02/2013 31


Pro & Contra:

HÖHERE ZINSSÄTZE IN DER EURO-

ZONE SIND DRINGEND NOTWENDIG

pro

In ganz Europa sollten die Zinsen steigen.

Zum einen wäre das ein Signal an die Regierungen.

Denn nur wenn Geld ein knappes Gut

ist, wirkt der Zins mit Blick auf die Verschuldung

disziplinierend. Zum anderen bedroht der

momentan negative Realzins die private Altersvorsorge:

Lebensversicherer und Pensionsfonds

haben Probleme, angemessene Renditen

zu erwirtschaften. Und auch Banken sollten im

normalen Kreditgeschäft wieder höhere Erträge

generieren können, damit sie nicht in riskante

Engagements getrieben werden.

Sicherlich kann das Zinsniveau nicht über

Nacht steigen. Es muss sich moderat ändern

– begleitet von politischen Reformen. In

Deutschland wäre es beispielsweise sinnvoll, die

Subventionen von 160 Milliarden Euro jährlich

zurückzufahren. Damit könnte sich die Regierung

rasch erhebliche Spielräume verschaffen.

In Frankreich müsste sich das Bewusstsein für

die Krise schärfen: Die dort angestrebte Rente

mit 60 ist nicht finanzierbar. Und in Italien könnte

ein gelockerter Kündigungsschutz dem Arbeitsmarkt

dringend benötigte Impulse geben.

Die Europäische Zentralbank jedenfalls

wird sich erst dann von den Niedrigzinsen

verabschieden, wenn Reformen greifen und sich

positive Veränderungen abzeichnen.

@

Mehr Expertenmeinungen

bei Börse

Stuttgart TV:

www.boerse-stuttgart.tv

zu den

personen

PRO

Andreas Freytag

ist Professor für

Wirtschaftspolitik

an der Friedrich-

Schiller-Universität

in Jena. Der

51-Jährige hat

unter anderem zu

Risiken und Herausforderungen

des Euro-Raums

geforscht.

CONTRA

Ulrich Kater ist

Chefvolkswirt der

DekaBank. Der

48-Jährige studierte

an den Universitäten

Göttingen

und Köln. Promotion

am finanzwirtschaftlichen

Lehrstuhl der

Universität Köln.

Kater lehrte u. a.

an der European

Business School.

In Euro-Land ist das niedrige Zinsniveau ein

Reflex der hohen Verschuldung in den Volkswirtschaften.

So liegen etwa die Staatsschulden im

Durchschnitt bei 90 Prozent des Brutto inlandsprodukts.

Hohe Schuldenlasten lassen sich

jedoch nur bei niedrigen Zinsen tragen. Ähnlich

verhält es sich mit Banken, die problematische

Kredite im Portfolio haben: Bei steigenden Zinsen

würden mehr Kreditnehmer ausfallen und damit

eventuell die Banken selbst in Schieflage bringen.

Mithin ist eines nur folgerichtig: Die Notenbanken

der Industrieländer werden durch niedrige

Zinsen und eine unkonventionelle Geldpolitik

weiterhin die Konjunktur und das Finanzsystem

stützen. Was früher ein Tabu war – die Zinsen

nahe am Nullpunkt zu halten und Wertpapiere in

großem Stil anzukaufen –, ist und bleibt die Normalität.

Wenn alles gut geht und das europäische

Bankensystem rekapitalisiert wird, dann sind

2015 bis 2016 auch wieder Zinserhöhungen in der

Euro-Zone vorstellbar.

Für Privatanleger heißt das: Sie müssen sich

daran gewöhnen, dass Spareinlagen fast unverzinst

bleiben, während Aktien oder Unternehmensanleihen

halbwegs auskömmliche Renditen

versprechen. Die Erhöhung der Wertpapierquote

ist mithin ein Muss für jeden, der sein Vermögen

langfristig erhalten möchte.

Contra

Fotos: privat, Olaf Hermann

32 marktmacher 02/2013


ankommen

einen

augenblick,

Herr

Fahrenschon

In der Schuldenkrise muss die Politik

eine stabilere Finanzarchitektur schaffen

und eine neue Anlagekultur fördern.

Foto: DSGV

Vom Vorgehen gegen die

Schuldenkrise sind Europas

Bürger in zweierlei

Hinsicht betroffen. Zum

einen geht es darum,

inwieweit die Haftung für mögliche

Schieflagen von Kreditinstituten vergemeinschaftet

wird. Zum anderen

stellt sich die Frage, wie Privatanleger

das anhaltende Niedrig zinsumfeld

überstehen können, ohne

schleichend enteignet zu werden.

Europa benötigt stabile Finanzinstitute,

denn die Krise hat

deutlich gemacht, wie gefährlich

taumelnde Banken – vor allem die

großen, systemrelevanten Institute

– für Volkswirtschaften sein können.

Nachvollziehbar ist die Einschätzung,

dass einzelne Euro-Staaten

ihre großen Banken im Zweifel allein

nicht ausreichend stützen oder notfalls

auch abwickeln können. Falsch

wäre es allerdings, diesem Problem

mit dem Prinzip der Vergemeinschaftung

zu begegnen, indem stabile

regionale Banken für die Risiken

von Groß- und Investmentbanken

haften. Vielmehr brauchen wir in Europa

eine Finanzarchitektur, die von

zur

person

Georg Fahrenschon

ist seit

2012 Präsident

des Deutschen

Sparkassen- und

Giroverbandes.

Der 45-Jährige

hat nach dem

Studium der

Betriebs- und

Volkswirtschaftslehre

unter

anderem als

Unternehmensberater

gearbeitet.

Von 2002 bis

2007 war er als

Bundestagsabgeordneter

im

Finanz- und

Haushaltsausschuss

aktiv und

wechselte dann

von Berlin nach

München, wo

er 2008 Staatsminister

der

Finanzen wurde.

jedem Marktteilnehmer entsprechend seinen Risiken eine

eigenverantwortliche Vorsorge abfordert.

Letztlich wird zu viel darüber nachgedacht, wie man

„Otto Normalverbraucher“ an den Kosten der Finanzkrise

beteiligen kann. Hier leisten die Sparer durch Verzicht

auf Zinsen und durch reale Vermögensverluste bereits

Beiträge in Milliardenhöhe. Auch die geplante Finanztransaktionssteuer

wirkt in diese Richtung. Dringlich wäre

stattdessen, die breite Bevölkerung wieder stärker am

erwirtschafteten Wohlstand teilhaben zu lassen. Das ist

umso drängender, je länger die Niedrigzinsphase andauert.

Wertpapiere sind dabei eine Anlageform, um angemessene

Renditen zu erzielen – vor allem mit langfristigem Fokus.

Doch die Aktienkultur in Deutschland liegt am Boden.

Ein Grund sind sicherlich die schlechten Erfahrungen

vieler Anleger während der Finanzkrise. Eine zunehmende

Rolle spielen aber auch falsche Weichenstellungen der

Politik: Immer mehr bürokratische Vorgaben produzieren

Papierberge, die abschreckend wirken. Beispielsweise

wurde die Wertpapierberatung in den vergangenen Jahren

zunehmend reguliert – mit der Konsequenz, dass immer

weniger beraten wird. So sank bei den wichtigsten 160

deutschen Aktien der Anteil der Beratungsgeschäfte in

der Sparkassen-Finanzgruppe von 2009 bis 2012 um 80

Prozent. Wenn die von der Politik propagierte, über Wertpapiere

finanzierte private Altersvorsorge weiterhin attraktiv

sein soll, ist ein Umsteuern nötig: weniger Bürokratie,

stattdessen bedarfsorientierte Beratung und eine bessere

allgemeine Bildung in Finanzfragen.

marktmacher 02/2013 33


ankommen

Sie gehen bei Handballspielen ins Risiko. Wie handhaben

Sie Risiken, wenn’s um Ihre Finanzen geht?

Ich finde ein ausgeglichenes Portfolio aus konservativen

und spekulativeren

Anlagen am sinnvollsten. Zu

meinem Mix zählen Tagesgeld,

Anleihen, Aktien und Fonds.

Wenn es um Ausgaben geht:

Wofür sind Sie bereit, ins

Portemonnaie zu greifen?

Ich gebe Geld für gute Nahrungsmittel

aus und – im Sinne

einer nachhaltigen Investition

– auch für ein Eigenheim. Für

teure Modeartikel hingegen sitzt

das Geld nicht so locker.

» über Geld spricht

man nicht. oder doch,

herr Flohr? «

Wie haben Sie Ihr erstes Geld verdient?

Ich habe in einem Sportgeschäft in Aachen gearbeitet.

Dort waren Skier zu schleifen und zu wachsen.

Auch heute ist der Sport Ihre Erwerbsquelle. Wurmt

es Sie, dass Profihandballer weniger verdienen als

die Fußballer im selben Verein, die teils auch später

noch recht gut von ihren Einnahmen leben können?

Das stört mich überhaupt nicht. Es geht vielen Sportlern

finanziell schlechter als uns Handballern. Außerdem

habe ich durch mein Staatsexamen in Sport und

Mathematik eine klare Perspektive als Lehrer für die

Zeit nach dem Sport.

zur

person

Matthias Flohr

spielt Handball

beim Bundesligisten

Hamburger

SV. Neben seiner

Profikarriere hat

der 31-Jährige

an der Universität

Hamburg sein

Lehramtsstudium

in den Fächern

Sport und

Mathematik abgeschlossen.

Warum engagieren Sie sich für

die Stiftung Rechnen, die Kindern

und Jugendlichen Mathematik

näherbringen will?

Ich habe in meiner Schulzeit

erlebt, dass viele Menschen

Defizite im Fach Mathematik

haben. Als ich von der Stiftung

Rechnen und ihren Projekten

hörte, war ich sofort interessiert

und wollte mich engagieren.

Wie begeistern Sie junge Leute

für den Umgang mit Zahlen?

Ich versuche, ihnen den Nutzen

von Mathematik anhand ihrer

eigenen Interessen zu verdeutlichen.

Sportbegeisterte haben

beispielsweise etwas davon,

Bundesligatabellen berechnen

zu können. Generell gilt: Wer gut

in Mathe ist, kann nicht so leicht

übers Ohr gehauen werden.

Was raten Sie Nachwuchssportlern,

die als Profis das

große Geld verdienen wollen?

Ich hoffe, dass Kinder und

Jugendliche aus Spaß an der

Bewegung und nicht des Geldes

wegen motiviert sind, eine

Sportart zu betreiben.

INTERVIEW: RUDOLF KAHLEN

34 marktmacher 02/2013 marktmacher 01/2013 34

Foto: Michael Freitag


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GESCHÄFTSFELDER: Frank Parlow, Lutz Thalmann PROJEKTMANAGEMENT

VERLAG: Nicola Bammann REDAKTION: Rudolf Kahlen (Leitung), Detlev

Brechtel, Gian Hessami, Carsten Michael, Jan Münster, Nando Sommerfeldt,

Holger Zschäpitz GESTALTUNG, BILDREDAKTION, INFOGRAFIK: Anja Horn

(Leitung), Jörg Block (Illustration), Tatjana Holighaus, Barbara Schöning

(Bildredaktion), Niko Wilkesmann (Infografik) ANZEIGEN: Johannes Frevert,

Börse Stuttgart DRUCK: Druckhaus Humburg GmbH & Co. KG, Am

Hilgeskamp 51–57, 28325 Bremen

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Foto: Credit Platzhalter

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