Referat von Prof. Dr. med. Dr. phil. Thomas Fuchs (pdf/179.64KB)

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Referat von Prof. Dr. med. Dr. phil. Thomas Fuchs (pdf/179.64KB)

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Scheitern als Grenzsituation

Zur existenziellen Dimension des Burn-out

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Thomas Fuchs

Zusammenfassung

Unter der Grenzsituation versteht Karl Jaspers eine Lebenssituation, in der das „Gehäuse“ von

vertrauten Überzeugungen und illusionären Sicherheiten zerbricht, in der die grundlegenden

Widersprüche des menschlichen Daseins sichtbar werden und der bisherige Lebensentwurf

nicht mehr weiter trägt. In dieser Erfahrung des Scheiterns steht das Individuum vor der

Wahl, entweder vor der Grenzsituation auszuweichen bzw. sie zu verleugnen, oder aber sich

ihr zu stellen und aus ihr den Impuls zum Ergreifen der eigenen Existenz zu gewinnen. Diese

existenzphilosophische Konzeption lässt sich auch auf psychische Erkrankungen beziehen,

die aus dem Scheitern eines bereits brüchigen, gleichwohl hartnäckig aufrechterhaltenen Lebensentwurfs

resultieren, wie dies bei Burn-out-Syndromen häufig der Fall ist. Der Vortrag

stellt Jaspers‘ Konzept der Grenzsituation in den Kontext eines existenzialen Verständnisses

und einer entsprechenden Therapie dieser Erkrankungen.

Einleitung

Als Burn-out bezeichnen wir bekanntlich den Zustand einer anhaltenden, emotionalen

wie physischen Erschöpfung: Eine chronische meist berufliche oder private

Belastung, die bis dahin durch Phasen der Erholung und der Distanzierung

noch gerade ertragen werden kann, erreicht nun ihre Grenze. Die letzten Bewältigungsreserven

versagen und münden in eine psychische und in der Folge auch

soziale Dekompensation. Das seelische Gefüge ist nun anhaltend erschüttert, die

täglichen Aufgaben lassen sich nicht mehr erfüllen, das Selbst wird von Gefühlen

der Insuffizienz, des Versagens, der Verbitterung, der Resignation und vor

allem der Sinnlosigkeit erfasst, die sich nicht mehr abschütteln lassen.

Damit wird das Erschöpfungs- oder Burn-out-Syndrom zu einer Grenzsituation,

zunächst im landläufigen Sinn einer außergewöhnlichen oder Extremsituation:


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Der Betroffene gelangt an eine grundsätzliche Grenze seiner eigenen Fähigkeiten,

Ressourcen, seiner bisherigen Erfahrungen; die Situation lässt sich mit üblichen

Mitteln nicht mehr bewältigen, alle Lösungsversuche scheitern, die Lage

erscheint ausweglos. Doch wäre damit der Begriff der Grenzsituation nicht in

seiner ganzen existenziellen Tiefe ausgeschöpft. Um sie zu erfassen, müssen wir

auf den Schöpfer des Begriffs zurückgehen, nämlich den Psychiater und Philosophen

Karl Jaspers, der ihn 1919 in seiner „Psychologie der Weltanschauungen“

eingeführt hat. Wir werden sehen, dass es Jaspers dabei nicht nur um beliebige

Extremsituationen geht. Vielmehr bedeuten Grenzsituationen in seinem

Verständnis das Scheitern eines Lebensentwurfs oder einer Lebensform, die viel

grundlegender mit der Person und Persönlichkeit der Betroffenen verknüpft ist

als es etwa eine bloße Überarbeitung oder Erschöpfung nahe legen könnte. Ein

solches tieferes Verständnis von Grenzsituationen wird uns auch Ansatzpunkte

für den therapeutischen Umgang mit dem Burn-out als einer existenziellen Situation

vermitteln.

1) Jaspers’ Begriff der Grenzsituation

Den Begriff der Grenzsituation hat Jaspers vor allem in seiner „Psychologie der

Weltanschauungen“ (1919, im Folgenden „PW“ zit.) und in der „Existenzerhellung“

(1932, im Folgenden „E“ zit.) entwickelt. Er ist aber nicht verständlich

ohne den dazu gehörigen Begriff der „Grundsituation“, die nach Jaspers das

menschliche Leben immer charakterisiert, ob wir uns dessen ausdrücklich

bewusst sind oder nicht. Zur Grundsituation oder zur Conditio humana gehört

die Unausweichlichkeit, sterben zu müssen, leiden zu müssen, kämpfen zu

müssen, dem Zufall ausgeliefert zu sein und schließlich schuldig zu werden.

Diese Grundsituationen bezeichnen die allen Menschen gemeinsame Grenze, an

der die vermeintliche Geschlossenheit und Einheit des Daseins ihr Ende findet.

Die menschliche Existenz ist notwendig widersprüchlich, in sich zweideutig, ja

zerrissen; unsere Versuche, endgültige Harmonie und Geschlossenheit herzustellen,

müssen notwendig scheitern, und sei es erst im Tod.

In Grundsituationen kommt also die grundsätzlich antinomische Struktur des

Daseins zum Ausdruck, die Widersprüche des Lebens, die sich nicht aufheben

lassen, sondern die ausgehalten werden müssen. So besteht die primäre Grundsituation

darin, „… dass ich als Dasein immer in einer bestimmten Situation,

nicht allgemein als das Ganze der Möglichkeiten bin“ (E 209). Wir können nicht

alles sein oder alles werden, das scheint banal, aber es heißt doch, dass wir


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immer auch hinter den eigenen Möglichkeiten zurückbleiben und mögliche

Existenz nicht zu verwirklichen – es bedeutet, dass wir uns selbst immer etwas

schuldig bleiben. Unvermeidbare Schuld resultiert aber auch aus der Tatsache,

dass jedes Dasein Kampf ist, also mit anderen nicht nur in Verbindung, sondern

immer auch in Konkurrenz stehen muss. Antinomisch, widersprüchlich ist die

Struktur unserer Pflichten, die miteinander in Konflikt geraten müssen – etwa,

und das ist für Burn-out-Patienten besonders wichtig, der Widerspruch zwischen

der Sorge für sich und der Sorge für andere. Antinomisch ist unser Wille selbst,

insofern sich mit allem Wollen auch ein Nichtwollen oder Gegenwollen verbindet;

antinomisch wird schließlich unser Handeln, insofern es immer auch Konsequenzen

und Nebenwirkungen hat, die wir nicht voraussehen oder nicht wollen.

Diese Widersprüche lassen sich grundsätzlich nicht beseitigen. „Die Gegensätze

gehören so zueinander, dass ich die eine Seite, welche ich bekämpfe und aufheben

möchte, nicht loswerden kann, ohne die ganze Polarität und also auch das,

was ich in Wirklichkeit will, zu verlieren“ (PW 250).

Diese Grundsituationen des Menschen werden nun zu eigentlichen Grenzsituationen,

wenn sie aus dem bloß Allgemeinen heraustreten und für das Individuum

zur erschütternden Erfahrung werden. Während zum Beispiel das Bewusstsein

der Sterblichkeit meist etwas Allgemeines bleibt („Wir müssen alle sterben – wo

ist das Problem?“), tritt in einer entsprechenden Grenzsituation die Todesgefahr

auf einmal hervor als etwas, was mich selbst unmittelbar betrifft: „Mein Gott,

ich werde ja tatsächlich sterben!“ Mit einem Mal wird mir meine Grundsituation

bewusst als unausweichlich, als mein Schicksal, dem ich nicht entrinnen kann.

„In jeder Grenzsituation“, schreibt Jaspers, „wird mir gleichsam der Boden unter

den Füßen weggezogen“ (PW 249); es wird etwas zerbrochen, was Jaspers das

„Gehäuse“ nennt. Gehäuse sind feste Grundeinstellungen, Grundannahmen und

Gedankengebäude, die dem Menschen Schutz geben vor den Widersprüchen des

Lebens und vor den Abgründen der Existenz. Dies können explizite, religiöse o-

der andere Weltanschauungen sein, die der Welt Sinn verleihen und der Existenz

Halt geben. Zu den Gehäusen, in denen wir leben, gehören aber auch implizite,

unhinterfragte und selbstverständliche Grundannahmen über das Leben, über die

eigene Person und die Welt – Annahmen, die Antinomien des Daseins ausblenden

oder leugnen, wie etwa die folgenden:

- Die Welt ist grundsätzlich gerecht eingerichtet.

- Wenn ich mich nur genügend einsetze, wird das auch belohnt.

- Solange ich mir nichts zuschulden kommen lasse, kann mir auch nichts

Unrechtes geschehen.


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- Mögen andere schwer erkranken oder sterben, mir kann das nicht passieren

(oder zumindest nicht jetzt).

Solche Grundannahmen oder Glaubenssätze folgen häufig dem Muster, dass

„nicht sein kann, was nicht sein darf“. Das Böse, das Unrecht, das Leiden, der

Tod mögen existieren, aber mir können sie nichts anhaben; ich habe nichts getan,

ich bin unschuldig. Solchen Grundannahmen werden wir auch bei Burn-out-

Patienten häufig begegnen. Sie charakterisieren auch die Persönlichkeit vieler

depressiver Menschen, deren Struktur Heidelberger Psychiater Hubertus Tellenbach

als „Typus Melancholicus“ herausgearbeitet hat. Ihre Merkmale sind rigide

Ordentlichkeit und Pflichterfüllung, überbetonte Gewissenhaftigkeit, Überanpassung

an soziale Normen, Festhalten an Bindungen und Verpflichtungen bis

zur Selbstverleugnung und peinliche Vermeidung jeglicher Normverletzung o-

der Schuld. Das starre Gehäuse von Grundannahmen und -erwartungen des Typus

Melancholicus an sich selbst und an die Welt erweist sich freilich als prekär.

Geraten Menschen mit dieser Struktur doch einmal in Rückstand mit ihren Verpflichtungen,

erleben sie ungerechtfertigte Zurücksetzungen oder gar den Verlust

naher Bindungen, so bricht für sie buchstäblich eine Welt zusammen; sie

geraten in eine Grenzsituation ihrer Existenz, und eine schwere Depression kann

die Folge sein.

Wir erkennen an diesem Beispiel bereits die psychopathologische Bedeutung

der Grenzsituationen. Sie haben den Charakter einer Freilegung: Die bisher

durch das Gehäuse sorgfältig abgeschirmten Widersprüche und Abgründe der

Existenz werden mit einem Mal sichtbar und erschüttern die bisherigen Glaubenssätze,

die vermeintlichen Gewissheiten. „Die bewusste Erfahrung der

Grenzsituationen“, schreibt Jaspers, „die vorher durch das feste Gehäuse der

…selbstverständlichen Lebensformen, Weltbilder, Glaubensvorstellungen verdeckt

waren (…) [lässt] einen Prozess beginnen, der das vorher selbstverständliche

Gehäuse zur Auflösung bringt. (…) jetzt wird mehr oder weniger klar, was

Gehäuse ist, und dieses als Bindung, Beschränkung oder als zweifelhaft erfahren,

ohne die Kraft zum Haltgeben zu besitzen“ (PW 281).

In solchen Situationen wird für die Betroffenen eine sonst verborgene existenzielle

Wahrheit unabweisbar – etwa die Grundsituation des unvermeidlichen

Schuldigwerdens, die Unausweichlichkeit der Freiheit und Entscheidung, die

Verletzlichkeit und Anfälligkeit des eigenen Leibes, die Jemeinigkeit, Unvertretbarkeit

und damit letztlich Einsamkeit des Daseins, und schließlich seine unerbittliche

Endlichkeit. Diese jeweils auftauchende Wahrheit der Grenzsituation


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ist für die Betroffenen unerträglich und zieht ihnen förmlich „den Boden unter

den Füßen weg“ (PW 229). Sie kann das seelische Gefüge auch so erschüttern,

dass daraus psychische Krankheiten entstehen, und zwar gerade dann, wenn die

Grenzsituation als solche unverstanden bleibt und dem Betroffenen keine Distanz

und Freiheit erlaubt.

Das Grundmerkmal von Grenzsituationen ist somit das Scheitern: Sie werden

dann erfahren, wenn das „Gehäuse“ zerbricht, also ein Lebensentwurf oder ein

fester Rahmen von Grundüberzeugungen insgesamt scheitert. Grenzsituationen

sind daher, so Jaspers, „… nicht überschaubar; in unserem Dasein sehen wir

hinter ihnen nichts anderes mehr. Sie sind wie eine Wand, an die wir stoßen, an

der wir scheitern. Sie sind durch uns nicht zu verändern, sondern nur zur Klarheit

zu bringen … Sie sind mit dem Dasein selbst“ (E 203). Da Grenzsituationen

den bisher gültigen Interpretationsrahmen, die grundlegende Ordnungsstruktur

des eigenen Lebens selbst in Frage stellen, entziehen sie sich selbst jeder Voraussicht

und Kalkulierbarkeit. Wir können sie auch nicht mehr mit Plan und

Berechnung bewältigen, sondern nur „… durch eine ganz andere Aktivität, das

Werden der in uns möglichen Existenz; wir werden wir selbst, indem wir in die

Grenzsituationen offenen Auges eintreten“ (E 204). Der Mensch steht vor der

Wahl, die Situation anzunehmen oder aber ihr auszuweichen, sei es durch Verleugnung,

Rationalisierung, Verallgemeinerung oder Verdrängung.

Aber auch die Annahme und das Aushalten der Grenzsituation können zu einer

Lähmung führen, die verantwortliches Handeln blockiert, wenn nicht ein existenzieller

Entschluss erfolgt: das, was Jaspers das „Ergreifen der eigenen Existenz“

nennt. In ihr entscheidet sich der Mensch für einen Weg des Handelns

oder Lebens im Bewusstsein, dafür andere seiner Möglichkeiten nicht zu verwirklichen,

womöglich auch unvermeidliche Schuld auf sich zu nehmen (E

196). Weil dieser Entschluss nicht allein rationalen Argumenten folgt, kann er

nicht auf andere Menschen übertragen oder durch andere vertreten werden. Es

ist die höchste Form personaler Freiheit, nämlich in Grenzsituationen einzutreten,

sich mit ihnen auseinanderzusetzen und damit gleichsam ein Widerlager für

den „Sprung“ oder „Aufschwung“ zur eigenen Existenz zu gewinnen.

In Grenzsituationen zeigt sich, was ein Mensch ist und was er vermag. Sie konfrontieren

den Menschen mit den Möglichkeiten „eigentlichen Selbstseins“ –

und dadurch auch mit seiner Freiheit und seiner Verantwortung. Noch im Scheitern

wird sich der Mensch dieser Freiheit bewusst. Das Scheitern zählt zu den

Möglichkeiten menschlicher Existenz, ja zu dessen Voraussetzungen: Wer das


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Scheitern fürchtet, fürchtet das Leben, denn eben darin besteht nach Jaspers die

zentrale Herausforderung des Daseins: die faktische Existenz nicht einfach hinzunehmen,

sondern zu hinterfragen und mögliche Existenz als wirkliche zu leben.

3) Burn-out als Grenzsituation

Wir haben die Konzeption der Grenzsituationen bei Jaspers in ihren Grundzügen

kennen gelernt. Betrachten wir nun vor diesem existenziellen Hintergrund das

Burn-out-Syndrom aus der Sicht der Patienten. Am Anfang steht die Spirale von

zunehmender Selbstüberforderung und psychophysischer Erschöpfung: Entgrenzung

der Arbeitszeit, Verlust der Tagesstruktur, ständige Anspannung, Konzentrations-

und Gedächtnisstörungen, zunehmende Ineffizienz trotz steigender

Willensanstrengung, Unzufriedenheit und Frustration, innere Leere und sozialer

Rückzug. Aber noch besteht die Versuchung, der sich ankündigenden Grenzsituation

auszuweichen, in erster Linie durch Verleugnung; dann versuchen die Betroffenen

verzweifelt, durch noch mehr Anstrengung und hektische Überaktivität

das Blatt noch einmal zu wenden, oder sie flüchten in Alkohol und andere

Drogen. Auch Rationalisierungen dienen der Abwehr des Grenzsituation: Erklärungen

und Rechtfertigungen werden gesucht, Sachzwänge werden vorgeschoben,

die angeblich keine Alternativen zulassen, oder die Schuld wird anderen,

etwa dem Ehepartner zugewiesen.

Meist ist es erst der Körper, also die massive psychosomatische Stressreaktion,

die diesen Ausweichstrategien ein Ende setzt und zum Zusammenbruch führt.

Nun zeigt sich, dass alle Bemühungen vergeblich, alle Hoffnungen zunichte geworden

sind, das Blatt mit äußerster Anstrengung doch noch zu wenden. Mit der

Dekompensation wird der chronische Erschöpfungszustand zur Grenzsituation:

Gefühle der Ohnmacht, Ausweglosigkeit, Sinnlosigkeit und Verzweiflung stellen

sich ein. Ich kann der Wahrheit meiner Situation nicht mehr ausweichen; ich

bin gescheitert.

Nun können wir diese Grenzsituation, Jaspers folgend, auch als Freilegung von

menschlichen Grundsituationen auffassen, die bis dahin durch ein Gehäuse von

Sicherheiten verdeckt waren. Welche Gehäuse, welche Grundannahmen, Überzeugungen

und Erwartungen zeichnen Burn-out-Patienten typischerweise aus? –

Unter den Persönlichkeiten mit einem erhöhten Risiko für ein Burn-out finden

wir vor allem zwanghaft-perfektionistische, dependent-masochistische und nar-


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zisstische Personen. Sie lassen sich durch eine jeweilige „Gehäuse“-Struktur

charakterisieren, die letztlich der Abwehr existenzieller Widersprüche und Gefährdungen

dient.

So bedeutet für anankastische Menschen das rigide Beharren auf Vollständigkeit

und Perfektion auch ein Gehäuse, das gegen die Grundsituation der Zufälligkeit,

der Unberechenbarkeit und Unvollkommenheit des Daseins schützen

soll. Eine der Grundannahmen zwanghafter Persönlichkeiten ließe sich etwa in

dem Satz formulieren: Wenn ich alles perfekt mache, habe ich das Leben unter

Kontrolle und kann nicht von Unvorhergesehenem überrascht werden. Das

Schicksal kann mir nichts anhaben.

Verwandt mit diesen Persönlichkeiten ist der bereits erwähnte „Typus Melancholicus“

mit seiner skrupulösen Gewissenhaftigkeit, seiner starren Normorientierung

und Überangepasstheit. Seine Grundannahme lautet: Wenn ich nur alle

meine Pflichten erfülle, dann bin ich für andere wertvoll, und meine Existenz ist

gerechtfertigt. Dieses Gehäuse verdeckt die Grundsituation des existenziellen

Schuldigseins: Niemand sagt mir, was ich zu tun und zu lassen habe, ich bin in

meinen Entscheidungen letztlich auf mich allein gestellt; ja im Grunde ist mein

Dasein kontingent, zufällig, nicht von einem übergeordneten Ziel gerechtfertigt,

ohne einen letzten Grund. Diese existenzielle Ausgesetztheit ist für den Typus

Melancholicus unerträglich; daher versucht er mit allen Mitteln, sein Dasein zu

rechtfertigen, nicht schuldig zu werden und penibel bis zur Selbstverleugnung

seinen sozialen Verpflichtungen nachzukommen. Es liegt nahe, dass er mit dieser

Struktur in besonderem Maße burn-out-gefährdet ist.

Gehen wir weiter zu den dependent-masochistischen Persönlichkeiten. Eine

zentrale menschliche Grundsituation, der sie ausweichen, besteht in der Freiheit:

Wir sind, wie Sartre es ausdrückte, „zur Freiheit verdammt“, und diese

Formulierung passt insbesondere zu dependenten Menschen: Sie empfinden die

Freiheit des Selbstseins und Selbstwerdens, die Forderung, eigene Entscheidungen

zu treffen und für sich selbst einzustehen, als Belastung, ja als Bedrohung.

Das Gehäuse, in das sie vor dieser Freiheit flüchten, besteht in der Abhängigkeit

von anderen und der Aufopferung für sie: Wenn ich mich anderen unterordne,

kann ich auf ihren Schutz und ihre Führung rechnen. Wenn ich mich für andere

opfere, kann ich ihre Anerkennung erwarten, und sie werden mir mein Selbstsein

bestätigen. Hier liegt das bekannte Risiko des Helfersyndroms, das die betreffenden

Persönlichkeiten besonders in soziale Berufe zieht und hier zu chronischer

Selbstüberforderung und Burn-out-Erkrankungen prädisponiert.


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Als letzte Gehäuse-Struktur will ich die narzisstische Abwehr unter existenziellem

Aspekt betrachten. Menschen mit dieser Struktur versuchen um nahezu jeden

Preis, das Bild der eigenen Besonderheit, Grandiosität und Unverletzlichkeit

aufrechtzuerhalten, nicht zuletzt unter Ausnutzung anderer und häufig auf ihre

Kosten. Die Grundsituation, die durch diese Abwehr verdeckt wird, besteht in

der eigenen Begrenztheit – das heißt, dass ich, wie Jaspers es formuliert, nicht

„das Ganze der Möglichkeiten bin“, sondern ein in seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten

beschränktes, an einen sterblichen Körper gebundenes, nur allzu irdisches

Wesen. Die narzisstische Abwehr dieser Grundsituation beruht auf der illusionären

Wunschvorstellung: Was für die anderen gilt, gilt noch lange nicht

für mich - ich bin einzigartig, unverletzbar, ja der Tod kann mir nichts anhaben.

Ein extremes Leistungs- und Perfektionsstreben soll die Gewissheit vermitteln,

zu den Besonderen, den Auserwählten zu gehören, soll die als beschämend empfundene

eigene Gewöhnlichkeit verdrängen.

Eine besondere Form dieser Abwehr finden wir im Typus des Workaholic. Er ist

gekennzeichnet von Ungeduld, Rastlosigkeit und zwanghafter Hyperaktivität; er

macht die Arbeit nicht, weil er es wünscht, sondern weil er es muss. In ständigem

Wettlauf mit der Zeit versucht er, in immer kürzerer Frist immer mehr zu

leisten oder zu erreichen. Mußezeit ist eine Zeit der Angst und wird oft wild gefüllt

mit einer Aktivität, die der Illusion der Vervollkommnung dient. Jede

Stunde, die nicht dafür genutzt wird, erscheint wertlos. Solche Menschen sind

häufig auch konkurrierend, ehrgeizig, auf Macht und Prestige bedacht. Aber

selbst Erfolge werden ihnen rasch schal, denn zu Entspannung und Genuss sind

sie nicht mehr in der Lage. Die Gegenwart bleibt immer unbefriedigend, denn

ständig denkt der Workaholic an das, was er noch nicht erreicht hat. Dieser ständige

Kampf mit der Zeit weist auf eine mächtige existenzielle Angst hin: Es ist,

als drohte fortwährend die Gefahr des Absturzes in die Bedeutungslosigkeit; ja

als stünde der Tod immer unmittelbar bevor, und es ginge darum, noch rasch

möglichst viel zu erledigen.

Freilich hat diese Abwehr wie alle Formen des Gehäuses ihren Preis; er besteht

ersichtlich in der Abhängigkeit von Erfolg, Fortschritt und Aufstieg. Umso mehr

bringen Misserfolge und Rückschläge das mühsam aufrechterhaltene innere

Gleichgewicht ins Wanken; denn mit ihnen ist wertvolle Lebenszeit dem Tod

anheimgefallen, gleichsam entwertet und ausgelöscht worden. Plötzlich wird

klar, dass das Leben keine Spirale ist, die sich unaufhörlich nach oben schraubt.

Eben noch im Höhenflug begriffen, findet der Besondere sich wieder als armse-


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ligen Erdenwurm, der sich gleich den anderen am Boden krümmt. Burn-out und

depressive Zusammenbrüche sind das häufige Resultat eines verbissen aufrechterhaltenen

Gehäuses von Grandiosität.

Ich fasse diese Überlegungen zusammen. Wir haben gesehen, dass verschiedene

Persönlichkeitstypen sich durch ein spezifisches Gehäuse, eine starre Abwehrstruktur

vor einer für sie allzu bedrohlichen menschlichen Grundsituation

zu schützen versuchen. Hinter ihrem ständigen, oft verbissen geführten Kampf

um die Aufrechterhaltung der Abwehr steht letztlich die existenzielle Angst vor

der Aufdeckung dieser Grundsituationen: vor der Zufälligkeit und Unberechenbarkeit

des Daseins; vor der fehlenden Rechtfertigung der eigenen Existenz, vor

dem unausweichlichen Schuldigbleiben; vor der als bedrohlich empfundenen

Freiheit des Selbstseins; und vor der beschämenden Beschränktheit der eigenen

Fähigkeiten und Möglichkeiten. Die berufliche Sphäre wird nun zum Austragungsort

dieser Abwehrformen: Sie führen – gerade unter den Bedingungen

einer zunehmenden Verdichtung und Beschleunigung der Arbeitswelt – gleichermaßen

zu einer Entgrenzung der eigenen Leistungsanforderungen, zunehmender

Selbstüberforderung, Verleugnung körperlicher und seelischer Bedürfnisse

und schließlich zur Dekompensation.

Eine Therapie, die diesen existenziellen Hintergrund des Burn-out-Syndroms im

Auge hat, wird sich nicht darauf beschränken, zur kurzfristigen Entlastung, Wiederherstellung

der Arbeitsfähigkeit und verbesserten Work-Life-Balance beizutragen.

Sie wird vielmehr die Grenzsituation als Möglichkeit zu nutzen suchen,

die Patienten zu einer Offenheit für ihre existenziellen Grundsituationen zu führen;

sie dabei zu unterstützen, ihr nur scheinbar schützendes Gehäuse bzw. ihre

Abwehrstruktur in Frage zu stellen, und eine neue, selbst verantwortete Form

ihres Lebens zu finden. Dieser möglichen Entwicklung zu einem neu gegründeten

Selbstsein werde ich mich nun im dritten Teil meines Vortrags zuwenden.

3) Zur Therapie des Burn-out unter existenziellem Aspekt

Grenzsituationen sind Situationen, die den je einzelnen Menschen in seiner Einmaligkeit

betreffen; sie sind unvertretbar. Aber sie sind, sofern sie der Persönlichkeit

des jeweiligen Menschen entsprechend Ausdruck finden, auch Sache

menschlicher Kommunikation, nicht zuletzt der Kommunikation, die Jaspers die

existenzielle nennt. Es ist die Form der Therapie, in der Therapeut und Patient

als gleichermaßen von den Widersprüchen der Existenz betroffene Menschen


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einander begegnen, auch wenn das professionelle Verhältnis dabei erhalten

bleibt. Damit werden andere Verfahren der Burn-out-Therapie – Stressreduktion,

Entspannung, Psychoedukation, Verbesserung sozialer Kompetenzen, kognitive

Ansätze und anders mehr – nicht überflüssig. Eine nachhaltige Veränderung

der Einstellung und des Verhaltens wird aber erst durch eine tiefere Einsicht

und Wandlung möglich sein, die wir mit Jaspers auch „Existenzerhellung“

nennen können.

Ihr erster Schritt ist die unumschränkte Annahme der Grenzsituation und ihrer

Implikationen. Dies geschieht im bewussten Wahrnehmen und Aushalten der

eigenen Ohnmacht, des Scheiterns der bisherigen Lösungsversuche, die ja meist

dem gewohnten Gehäuse verhaftet bleiben und daher in der Krise nur dem Muster

„mehr desselben“ folgen. Nun aber kann ich meine Probleme nicht mehr

durch Mehreinsatz abschütteln, nicht mehr auf die Umstände oder auf andere

abschieben. Ich bin unauflösbar mit dieser Situation verbunden, sie ist jetzt die

meine. Die Therapie und das stationäre Setting können den Patienten darin unterstützen,

indem ihm ein systematischer Reizentzug verordnet wird, nämlich

die Enthaltung von aller Fernkommunikation, Fernsehen, Musik, Handy, Laptop

– alles was von der eigentlichen Situation abgelenkt und das Scheitern daher erst

recht hervorgerufen hat.

„Alles Unglück der Menschen“, so schrieb Blaise Pascal im 17. Jahrhundert,

„rührt aus einem einzigen Umstand her, nämlich dass sie nicht ruhig in einem

Zimmer bleiben können.“ Die Flucht, das Ausweichen vor der Gegenwart ist

demnach eine wesentliche Ursache menschlichen Leidens. Denn da wir doch an

die Gegenwart unseres Leibes im Hier und Jetzt gebunden bleiben und somit die

Flucht nie vollständig gelingen kann, bedeutet sie letztlich fortwährende Zerstreuung,

Unachtsamkeit, Verkennung oder Verleugnung der Realität, Mit-sich-

Uneinssein und Von-sich-selbst-Getrenntsein. Die vom Patienten wenn auch

schweren Herzens selbst gewählte und bejahte Inaktivität ist insofern ein Heilmittel

erster Ordnung. Sie zwingt zur Konzentration auf den Gegenwartsmoment

und lenkt den Blick aus der Zerstreuung in die Welt zurück auf das Selbst.

Die äußere Inaktivität erlaubt nun aber erst die eigentlich notwendige innere Aktivität,

das Eintreten in die Grenzsituation und ihre Akzeptanz – das was hier zuvor

mit Jaspers bereits als „aktive Resignation“ angesprochen wurde. „Wahre

Resignation ist aktiv, bringt hervor, wenn im Scheitern die Ohnmacht erfahren

wird“, so schreibt Jaspers in der „Existenzerhellung“ (E 144). Was ist damit


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gemeint? Dazu müssen wir die Struktur des menschlichen Leidens näher

betrachten.

Gerade das Leiden ist nämlich selbst eine besondere Form der Gegenwart, des

Betroffenseins, und das heißt der Wirklichkeit. Emmanuel Levinas hat dies folgendermaßen

formuliert: „Es gibt im Leiden eine Abwesenheit jeder Zuflucht.

Sie ist der Sachverhalt, direkt dem Sein ausgesetzt zu sein ... Die ganze Schärfe

des Leidens liegt in dieser Unmöglichkeit des Ausweichens“. Leiden hält unsere

Fluchtbewegung auf und holt uns zu uns selbst zurück. Es ist, als läge in dem

Leiden, das aus dem Ausweichen vor der Gegenwart resultiert, schon ein Heilmittel

für die Krankheit des Burn-out – eine bittere Arznei, die wir freilich nicht

einnehmen mögen: Wir wollen auch dem Leiden ausweichen, es um jeden Preis

loswerden, und leiden daher nur umso mehr. Alles hängt hier also am Selbstverhältnis

des Menschen, an unserer Stellungnahme zum Leiden –bekämpfen oder

akzeptieren wir es? Freilich liegt es zunächst näher, das primäre Leiden zu

negieren, zu bekämpfen: Warum muss ich leiden? Was kann ich denn dafür?

Wie kann ich den Schmerz, das Leid loswerden? Aber all diese Fragen verschärfen

es nur. – Könnten wir hingegen bis auf den Grund unseres Leidens schauen

und es aushalten, dann läge darin der Beginn der Heilung.

Das entspricht dem Sinn der aktiven Resignation: Sie bedeutet nicht, dem Leiden

zu unterliegen und sich selbst aufzugeben, sondern vielmehr den verzweifelten

Kampf gegen das Leiden aufzugeben und wirklich in die Grenzsituation einzutreten.

Es bedeutet, sich aus der kräfteraubenden Verstrickung in diesen

Kampf zu lösen, um für die Situation frei zu werden, so wie sie ist – im ursprünglichen

Sinn des lateinischen resignare, nämlich „entsiegeln“, „lösen“,

„befreien“. Erst das Anerkennen des Scheiterns befreit zu einer Offenheit für das

Neue, für einen veränderten Lebensentwurf. Man könnte sagen: Erst wo kein

Weg mehr ist, beginnt der neue Weg.

Dies ist auch die Voraussetzung für den nächsten Schritt: das Wahrnehmen und

Erkennen des eigenen Gehäuses, also der latent zugrunde liegenden Motivation

für die chronische Selbstüberforderung. Freilich, die Grundannahmen, die der

Verdeckung existenzieller Grundsituationen dienten, und die die Patienten in

das Burn-out getrieben haben, sind weitgehend unbewusst; sie zu erkennen,

gelingt den Patienten nicht ohne therapeutische Unterstützung. Hier ist die psychotherapeutische

Arbeit der Existenzerhellung daher von besonderer Bedeutung.

Sie kann dem Patienten helfen, seine grundlegenden Orientierungen zu

erkennen und zugleich in Frage zu stellen,


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Diese Arbeit mündet schließlich in den entscheidenden Schritt der Therapie. Er

entspricht dem, was Jaspers den existenziellen Entschluss oder das „Ergreifen

der Existenz“ nennt. In der Grenzsituation kann ein Mensch neu entscheiden,

wer er sein will, wofür und wodurch er leben will. Dieser Neuanfang lässt sich

nicht vorab begrifflich festlegen, weil er aus der subjektiven Erfahrung der

Grenzsituation heraus entsteht und aus der gegenwärtigen Freiheit Entscheidungen

nach sich zieht, die nur individuelle Gültigkeit besitzen. Bis dahin hat sich

der Burnout-Patient primär als Opfer der äußeren Umstände und der inneren Antriebe

erlebt. Nun geht es um die Übernahme der eigenen Verantwortung für die

Wahl, also letztlich um eine Selbstwahl: Dieser Weg ist mein Weg, den niemand

für mich gehen kann. Ich bejahe und verantworte jetzt mein Leben trotz der

Erfahrung, dass ich es nicht in der Hand habe. Entscheidend ist also der Entschluss

für einen Weg in dem Bewusstsein der Unvollständigkeit und der Absage

an andere Wege.

Scheitern und Verzweiflung werden somit gewissermaßen zu einem Sprungbrett

für eine neue Selbstwahl. Ein neuer Lebensentwurf mit neuen Werten kann

gewählt, zumindest in Aussicht genommen werden. Für die verschiedenen Persönlichkeiten,

die ich zuvor dargestellt habe, wird dies in unterschiedliche Richtung

gehen. Doch geht es im Prinzip jeweils darum, die verdrängte Grundsituation

in neuer Weise anzunehmen:

Für den anankastischen Patienten ist dies die schlechthinnige Zufälligkeit

und Unberechenbarkeit der Welt;

für den Typus Melancholicus ist es die Einsicht, dass er für sein Dasein

keine letzte Rechtfertigung erwarten kann, und dass seine rigide Normund

Pflichterfüllung die eigene Identität nicht ersetzen kann;

Ähnlich ist es für die dependent-masochistische Persönlichkeit die Notwendigkeit

der Selbstwahl und unvertretbaren Freiheit der Entscheidung

Für die narzisstische Persönlichkeit schließlich geht es um die Annahme

der eigenen Begrenztheit, Gewöhnlichkeit, Verletzlichkeit und Endlichkeit.

Bei der Annahme dieser Grundsituationen geht es letztlich auch um die existenzielle

Sinnorientierung. Burnout-Patienten sind immer in einer Sinnkrise ihres

Lebens, denn die bewussten oder unbewussten Orientierungen und Grundannahmen,

die ihre Lebensführung bisher geleitet haben, tragen nicht mehr. Oft

äußern die Patienten von sich aus, es ergebe keinen Sinn mehr, so weiterzuleben.

Es ist deshalb wichtig, die Sinnfrage in gemeinsamer Reflexion aktiv auf-


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zugreifen. Auch hier kann ein zentraler Begriff von Jaspers hilfreich sein, nämlich

der des „Umgreifenden“. Das Umgreifende bezeichnet die der menschlichen

Existenz innewohnende Tendenz zur Selbsttranszendenz, zur Erfahrung und

Anerkennung einer Sphäre jenseits des sachlich Feststellbaren, Wissbaren und

Berechenbaren. Er bezeichnet eine uns umfassende Ganzheit, die von uns nicht

zu erfassen ist, sondern aus der wir uns und unser Leben als gegeben und nicht

gemacht erfahren.

Diese für den Burnout-Patienten verschüttete Erfahrung, sich selbst als gegeben,

und als Teil eines umgreifenden Ganzen zu erleben, gilt es in der Therapie wieder

zutage zu fördern. Das maßlose Leistungs- und Erfolgsstreben, das die Perspektive

immer mehr auf das eigene Selbst verengt hat, kann keine Orientierung

für die Zukunft mehr liefern. In der einen oder anderen Weise wird die geforderte

Neuorientierung immer mit einer Erweiterung des Selbst, mit einer Selbsttranszendierung

verknüpft sein. Das Eingebettetsein in die Natur, die Zugehörigkeit

zu einer menschlichen Gemeinschaft und schließlich die Übung in meditativen

und kontemplativen Verfahren sind wohl die wichtigsten Möglichkeiten,

das Umgreifende auch in einer konkreten Weise zu erfahren, zu erleben. Das

Selbst ist dann gewissermaßen nicht nur sich selbst, sondern es erweitert sich

und repräsentiert zugleich das Umgreifende.

Zusammenfassung und Ausblick

Unter der Grenzsituation versteht Karl Jaspers eine Lebenssituation, in der das

„Gehäuse“ von vertrauten Überzeugungen und illusionären Sicherheiten zerbricht,

in der die grundlegenden Widersprüche des menschlichen Daseins sichtbar

werden und der bisherige Lebensentwurf nicht mehr weiter trägt. In dieser

Erfahrung des Scheiterns steht das Individuum vor der Wahl, entweder vor der

Grenzsituation auszuweichen bzw. sie zu verleugnen, oder aber sich ihr zu stellen

und aus ihr den Impuls zum Ergreifen der eigenen Existenz zu gewinnen.

Diese existenzphilosophische Konzeption lässt sich auch auf das Scheitern eines

bereits brüchigen, gleichwohl hartnäckig aufrechterhaltenen Lebensentwurfs

resultieren, wie dies bei Burn-out-Syndromen häufig der Fall ist. Sie bringen das

Gehäuse von Absicherungen und Abwehrmechanismen zum Einsturz, das die

Patienten bislang vor den existenziellen Grundsituationen beschützen sollte,

denen sie nun nicht länger ausweichen können.


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Aus diesen Grenzsituationen gibt es nur dann eine Befreiung, wenn der Mensch

sie annimmt und ganz bejaht. Dann kann er sie gleichsam als Sprungbrett für

eine neue, von falschen Sicherheiten und Einengungen befreite Selbstwahl nutzen.

Diese neue Orientierung wird immer auch eine Befreiung von der beengten

Sicht auf das scheinbar so bedrohte, um seine Selbsterhaltung verzweifelt kämpfende

eigene Selbst sein. In der angenommenen und bejahten Grenzsituation

wird auch die Selbsttranszendenz wieder möglich, also die Erfahrung eines sich

aus dem Umgreifenden heraus gegebenen, eines erweiterten und in einem größeren

Ganzen aufgehobenen Selbst. Um noch einmal Jaspers zu zitieren:

„Der Ursprung in den Grenzsituationen bringt den Grundantrieb, im Scheitern

den Weg zum Sein zu gewinnen.... In den Grenzsituationen zeigt sich entweder

das Nichts, oder es wird fühlbar, was trotz und über allem verschwindenden

Weltsein eigentlich ist“ (Einführung in die Philosophie, Piper München 1971,

S. 20).

Ich will diese Überlegungen nicht beenden, ohne einen Ausblick auf die gesellschaftliche

Dimension der Burnout-Erkrankungen. Der französische Soziologe

Alain Ehrenberg hat in seiner Analyse der Depression vom „erschöpften Selbst“,

das von der Dynamik der modernen Gesellschaft überfordert sei, und wir können

dies ebenso auf die Burnout-Syndrome beziehen, die ja häufig in eine Depression

münden.

Auch diese gesellschaftliche Dimension des Burnout hat letztlich mit einer kollektiven

Flucht vor der Grundsituation zu tun, die die menschliche Existenz charakterisiert:

nämlich ihre Endlichkeit und Begrenztheit. Die westlichen Gesellschaften

verleugnen und bekämpfen diese Grundsituation, und zwar durch die

zunehmende Beschleunigung und Entgrenzung aller Lebensprozesse. Der französische

Philosoph Paul Virilio hat schon vor 3 Jahrzehnten diese Entfesselung

der Geschwindigkeit als „Dromokratie“, als „Herrschaft des Wettlaufs“ beschrieben.

Die westliche Gesellschaft kennt keinen Stillstand, kein Verweilen,

keine Handlungshemmung; unentwegte Aktivität, technischer Fortschritt, wirtschaftliches

Wachstum und entsprechend die Steigerung der Konsumtion sind

die obersten Gebote.

Die Zeitabläufe, die früher noch dem menschlichen Leib und den Lebensprozessen

angemessen waren, haben sich längst verselbständigt. Die rhythmische, zyklisch

wiederkehrende Zeit der Natur und des Lebens wird ersetzt durch linear

beschleunigte Zeitabläufe. Die Geschwindigkeit des Lebendigen wird abgelöst


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von der beliebig steigerungsfähigen Geschwindigkeit des Unbelebten, nämlich

der Daten, Bilder und Finanzströme, für die es keine Entfernungen, keine Verzögerungen

mehr gibt. Die explosionsartige Beschleunigung des Verkehrs lässt

zwar auch für den Menschen die Entfernungen schrumpfen, aber um den Preis,

dass nun das Nahe nicht mehr wahrgenommen wird. Die Beschleunigung in der

Zeit führt zu einem Verschwinden des Raumes, in dem man verweilen kann. Es

entsteht eine unruhige Aufenthaltslosigkeit, eine "zielstrebige Ziellosigkeit". Ja

die erstrebten Ziele verlieren schon bei der Annäherung ihren Reiz, so als ahnte

man die wiederum ausbleibende Erfüllung schon voraus.

Hier treffen wir auf eine eigentümliche Dialektik: In Gesellschaften, die von einer

Beschleunigung von Konsumtion, technischer Kommunikation und Mobilität

geprägt sind, nehmen die Erfahrungen von Sinnerfüllung und Nähe offensichtlich

eher ab. Eine Gesellschaft, die eine immer größere Vielzahl von Wünschen

weckt und suggeriert, sie alle erfüllen zu können, führt zu immer mehr

Frustration. Die suchtartige Grundstruktur der gesellschaftlichen Ökonomie entwertet

die Erfahrungen und beraubt sie ihres Sinns. Anstelle erfüllender Erlebnisse

tritt immer mehr eine leere Betriebsamkeit, eine Hyperaktivität, in der das

Subjekt im Grunde seiner eigenen Tätigkeiten und Genüsse entfremdet ist. In

dieser leeren Hyperaktivität liegt bereits der Keim von Sinnverlust, Depressivität

und Burnout.

Dieser Wettlauf mit der Zeit, unter dem wir leiden, resultiert letztlich aus einem

kollektiven Kampf gegen die Endlichkeit und Sterblichkeit; er ist gewissermaßen

eine „Flucht nach vorn.“ Um unsere Lebensausbeute in der kurzen Frist bis

zum Tod zu erhöhen, müssen wir das Rad von Innovation, Produktion, Konsum

und Verbrauch immer rascher vorantreiben. Im Wettlauf mit der Zeit versuchen

die Individuen, durch Techniken der Selbstbeschleunigung Zeit zu gewinnen,

nicht nur um mithalten zu können, sondern auch um in ihrer begrenzten Lebenszeit

mehr vom Leben, von der Welt zu haben. Die fortwährende Beschleunigung

aller Zeitabläufe und Tätigkeiten entspringt auch dem illusionären Wunsch, dem

Tod mehr Zeit abjagen und in einem Leben möglichst zwei, drei oder mehr Leben

unterbringen zu können. Die Gegenwart genügt nicht, sie zeigt nur, was

noch fehlt und was noch möglich wäre.

Das Ergebnis ist ein Verlust des Lebensrhythmus, der Balance zwischen den

verschiedenen Sphären des Lebens, besonders zwischen Arbeit und Freizeit.

Verschiedenste technische und kommunikative Medien, die eine Allgegenwart

und Simultaneität des noch so Entfernten herstellen, ja die so etwas wie einen


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gemeinsamen Weltaugenblick erzeugen, an dem wir alle teilnehmen können,

freilich nur in virtueller Weise – diese Kommunikationsmedien tragen mit bei zu

der Entgrenzung und Entstrukturierung des Lebens, die an der Wurzel des Burnout-Syndroms

liegt. Der lebensentgrenzte Mensch aber erkennt und anerkennt

die Lebensendgrenze nicht mehr, obwohl sie sich doch immer wieder in unserem

Alltag zeigt, in vielen Kleinigkeiten, die wir erleben und tun, oder die wir

eben auch nicht wahrnehmen können und weglassen müssen (Meckel 2010, 45).

Dieses Unterlassen fällt in unserer Gesellschaft immer schwerer.

Nicht zuletzt aus psychiatrischer Sicht scheint es höchste Zeit, gegen die manische

Beschleunigung der gesellschaftlichen Verhältnisse Strategien der Retardierung

und Entschleunigung zu entwickeln. In der krampfhaft optimistischen

Kultur der universellen Kommunikation und Konsumtion könnte es sogar darum

gehen, eine Haltung der Melancholie zu kultivieren, nämlich als eine Kultur der

Bedächtigkeit, der Erinnerung, ja sogar der Trauer, die ja der Depression durchaus

entgegengesetzt ist. Melancholie bedeutet nicht Depressivität, sondern vielmehr

ein zwar schmerzliches, aber nicht pathologisches Lebensgefühl, das freilich

in der Regel nicht in den Vorstandsetagen zu Hause ist; ein Lebensgefühl,

das die Erinnerung an die Vergangenheit wach hält; das der Natur als einer zu

bewahrenden Gegenwelt eingedenk bleibt; und das die Bedächtigkeit gegenüber

der Beschleunigung, die Skepsis gegenüber der Euphorie des Fortschritts festhält,

ohne deshalb in Kulturpessimismus und Fortschrittsfeindlichkeit zu verfallen.

Zu einer solchen Kultur der skeptischen Bedächtigkeit beizutragen könnte

uns als Psychiatern und Psychotherapeuten wohl anstehen.

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