Semestereröffnung 2013/14 und Rektoratsrede - Hochschule für ...

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Semestereröffnung 2013/14 und Rektoratsrede - Hochschule für ...

Siebenarmig und vielfältig.

Die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg

Semestereröffnung 2013/14 und Rektoratsrede

Liebe Hochschulangehörige, liebe Freunde

es hat kürzlich ein Mitglied einer Delegation aus Heidelbergs Partnerstadt Rehovot

geäußert, dass diese Hochschule hier einzigartig sei und ihresgleichen suche, selbst im

Vergleich mit Einrichtungen an den Universitäten in Israel. So etwas hört man gerne

und es freut uns, denn darauf kann man nur sagen: Richtig! Recht hat der Mann!

Genau so ist es!

Auf der anderen Seite bin unlängst von einem jahrelangen Kenner unserer Hochschule

gefragt worden, was es denn eigentlich sei, was diese Hochschule einzigartig mache.

Auch er hat Recht: Im Grunde müssen wir dafür sorgen, dass sich diese Frage, zumal

durch die tagtägliche Arbeit, immer wieder von selbst neu beantwortet.

Meinem Gesprächspartner habe ich gleich ein ganzes Tableau von Antworten

gegeben, von denen ich meine, dass sie über den Moment hinaus Programm sind:

• Da ist zunächst die europaweit einzigartig intensive Sprachausbildung in allen

Sprachstufen des Hebräischen – besser kann man Hebräisch nur in Israel lernen,

aber viele unserer Studierenden nehmen ohnehin ein Auslandssemester oder

-jahr bei einer unserer Partneruniversitäten und können dann schon auf hohem

Niveau in die regulären hebräischsprachigen Kurse ihrer Fächer einsteigen.

• Dann ist da die Breite der Teildisziplinen, mit der die Jüdischen Studien hier

unterrichtet werden und die nicht nur das besonders intensiv abdeckt, was man

landläufig mit den Jüdischen Studien verbindet, sondern in Kunst, Literaturen,

Sprachwissenschaft, Religionslehre, Nahoststudien und künftig auch anderem

mehr eben Perspektiven, Querverbindungen und Schwerpunkte zulässt,

die anderswo gar nicht denkbar sind. Das ist es, was, wenngleich bis heute noch

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nicht völlig ausgeschöpft, die aus dem Sturm und Drang geborenen Visionen

der Vorväter der Wissenschaft des Judentums – Leopold Zunz, Eduard Gans,

Zacharias Frankel, Abraham Geiger und anderer – ausmachte.

Dass hier in Heidelberg die Hoffnungen, die im 19. Jahrhundert ins Abseits

gedrängt und in der Shoa zerstört wurden, unter den wissenschaftlichen

Voraussetzungen des neuen Jahrhunderts realisiert werden konnten,

verdankt sich dem Zusammenwirken zwischen dem Zentralrat der Juden in

Deutschland als Träger unserer Hochschule und öffentlichen wie privaten

Zuwendungsgebern, die sicherstellen, dass dieses weltweit einzigartige

Unternehmen erfolgreich wirken kann. Das macht den Unterschied aus:

dank ihrer Ausstattung muss sich die Hochschule nicht auf die Bereitstellung

des unbedingt Notwendigen beschränken, sondern kann mit der Breite der hier

vertretenen Fächer ganz unterschiedliche Schnittstellen in die Gemeinden,

die Öffentlichkeit und die Wissenschaft hinein bedienen.

• Ferner muss die Modellhaftigkeit der gemeindebezogenen Ausbildung genannt

werden. Das „Heidelberger Modell“ ist nicht auf eine einzelne Denomination

reduziert, sondern korrespondiert zwischen verschiedenen Strömungen.

Es ist denominationsoffen und inklusiv.

Das klingt anspruchvoll und ist doch machbar, wenn Religion und Wissenschaft

voraussetzungsoffen ineinandergreifen, und wo Hochschulrabbinat und

Kantoratsausbildung. im Binnenraum der Hochschule eigentlich genau das

leisten, was draußen die Einheitsgemeinde ausmacht – und das mit dem

Ergebnis, dass die im Konzept der Einheitsgemeinde innewohnende Spannung

im guten Sinne fruchtbar gemacht wird. Und mit Sicherheit ist es, wo das bloße

Anknüpfen bei den Zielsetzungen von gestern wohl kaum Konzept genannt

werden kann, ein großer Schritt nach vorne.

• Und wie im Religiösen und Gemeindebezogenen Spannung,

aber nicht Gegensatz herrschen, so gilt das auch, auf oberster Ebene,

für das Zusammenspiel von Gemeindebezug, Wissenschaft und anderen

Tätigkeitsbereichen unserer Absolventen.

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Nicht dass es diese Konstellation als Nebeneinander nicht auch anderswo gebe;

hier aber ist es ein Mit- und Ineinander, in gegenseitiger Verwiesenheit und sich

wechselseitig befruchtend. Das sind die zwei Achsen, die an dieser Hochschule

wirksam sind: eine wissenschaftlich fundierte Ausbildung für die Gemeinde

und eine des Religiösen bewusste klare wissenschaftliche Profilierung.

So gelebt und erlebt sind die Jüdischen Studien etwas ganz Eigenes,

das sich gar nicht erst publikumswirksam damit abmühen muss,

Theologie sein zu wollen.

• Mit alldem klingt bereits die fünfte Antwort an, die meist für so

selbstverständlich genommen wird, dass sie gar nicht unter den Besonderheiten

firmiert, aber die dieser Tage eigens betont sein will: die einzigartige Struktur

dieser Hochschule. Sie ist eine private Hochschule, in Trägerschaft des

Zentralrats der Juden in Deutschland. Anders betrachtet heißt das: die kleinste

religiöse Körperschaft des öffentlichen Rechts in diesem Land leistet sich eine

eigene Hochschule, die es in ihrer mehr als dreißigjährigen Geschichte

geschafft hat, Universitätsförmigkeit zu gewinnen.

Neben der schon früh erlangten staatlichen Anerkennung schließt das das

gemeinsam mit der Universität Heidelberg ausgeübte Promotionsrecht,

die selbständige Mitgliedschaft in der deutschen Hochschulrektorenkonferenz

und seit 2009 die Institutionelle Akkreditierung durch den Wissenschaftsrat ein.

Das sind Positionen, die behauptet und in Zukunft erfolgreich gestaltet werden

müssen. Das Budget der Hochschule setzt sich aus Zuschüssen des Landes

Baden Württemberg, der Bundesländer, des Bundes und des Trägers

zusammen. Darin drückt sich aus, dass sie eine Gemeinschaftsunternehmung

mit gemeindlichem und gesamtgesellschaftlichem Auftrag ist.

Bei alledem ist sie zuvorderst die Hochschule des Zentralrats der Juden in

Deutschland, und öffentliche wie private Förderung, zur Errichtung des

Neubaus vor vier Jahren und in der laufenden Arbeit wollen ja gerade das

sicherstellen. Gleich welche Grundstruktur unsere Hochschule künftig haben

wird, wird sich an der Unmittelbarkeit ihrer Beziehung zum Zentralrat der

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Juden in Deutschland nichts ändern, zumal nicht in der praktischen

Zusammenarbeit mit den Gemeinden, die künftig noch enger gestaltet wird.

Es wird sich aber auch nichts daran ändern, dass diese Hochschule ein

gemeingesellschaftliche Aufgabe ist - politisch gewendet: eine Aufgabe des

Bundes und der Länder. Es hat sich in letzter Zeit hier und dort der Eindruck

eingestellt, als habe eine Nord-Süd-Teilung stattgefunden, nach der Heidelberg

im aschkenasischen Kernland am Mittelrhein für den Süden, für den Norden

aber Potsdam und Berlin zuständig seien. Eine solche Wahrnehmung geht aber

völlig an den Realitäten, und auch an gelten Beschlüssen vorbei.

Das heißt nicht, dass wir andere Standorte der Jüdischen Studien nicht im Blick

hätten und nicht zusammenarbeiteten; im Südwesten sind wir ja gerade dabei,

eine verbindende Struktur zur Graduiertenausbildung einzurichten. Tübingen,

Freiburg und Frankfurt, ebenso Mainz, Köln, Düsseldorf, Erfurt, Halle oder

Potsdam sind, ohne Aufgabenstellung gegenüber den Gemeinden, in gegebene

Universitätsstrukturen eingebunden und Sache der einzelnen Länder.

Bei alledem klingt auch das alte Thema an, ob dies in Heidelberg nun die jüdische

Hochschule oder die Hochschule für Jüdische Studien sein. Einmal ganz abgesehen

davon, dass der Name „HfJS.eu“ als Marke und als Programm feststeht, liegt es

letztlich an jedem einzelnen, als was er oder sie unsere Hochschule wahrnimmt und

wie man sich selbst darin versteht. Das kann auch für einen anderen Begriff nicht ohne

Folgen bleiben, der neuerdings vielfach Anwendung findet, den der „Jüdischen

Theologie“. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat den Zentralrat der Juden in ihrer

Neujahrsadresse ja ausdrücklich dafür beglückwünscht, dass die Jüdische Theologie

nun endlich im Haus der Akademie angekommen sei. In der Tat, im 19. Jahrhundert

hat man den Anspruch der Wissenschaft des Judentums auf einen Platz in der

deutschen Universitätslandschaft als unbillige Inanspruchnahme der Theologie, deren

Ort im christlichen Staat unangefochten bleiben sollte, verstanden und entsprechend

energisch zurückgewiesen. Im Unterschied zu den Frontstellungen ferner Zeiten, sind

die Weichen in den vergangenen Jahrzehnten, vor allem mit der Gründung und dem

Ausbau der Heidelberger Hochschule, aber in ganz andere Richtungen, eben nicht nur

auf eine, sondern auf Vielfalt, gestellt worden.

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Hier klärt der Blick auf die Menorah und ihre sieben Arme. Das ist der Unterschied

zur Kerze, deren Bild sich auch bei wechselnden Standorten nicht ändert. Sie bleibt ein

Licht über einem Körper. Die Menorah bietet beim Umschreiten dagegen ganz

unterschiedliche Bilder. Und gleich den sieben Armen über einem Fuß gibt es in den

Jüdischen Studien theologische, philologische, kulturwissenschaftliche,

rechtspraktische und andere Blicke, die zugleich in der Wurzel und ihn ihrer

Strahlkraft miteinander verbunden sind.

Gewiss: Jüdische Studien, die ihren Gegenstand wirklich und auf vielen Wegen

ausschöpfen, sind Theologie, nämlich sobald man sie theologisch rezipieren will und

fruchtbar macht. Sie werden aber in ihren Perspektiven und ihrem Potential

beschränkt, wenn man sie auf Theologie und die praktischen Zwecke von Theologie

beschränken wollte. So wie die Jüdischen Studien sich nicht auf eine reine

Textwissenschaft beschränken lassen, sondern ihr Potential erst im Kontext und im

Austausch mit anderen Disziplinen der Geisteswissenschaften und darüber hinaus, also

siebenarmig, entfalten und aus diesem Transfer ihre Kraft zur Gestaltung nach innen

gewinnen, so wenig müssen sie sich mit konfessionsgebundener Dienstleitung

begnügen oder auf eine simple Kerze reduzieren lassen.

Mehr noch: Wo die Theologieförmigkeit des jüdischen Denkens und der jüdischen

Tradition im Innern andauernd umstritten ist und verbindliche Antworten dazu

unerreichbar sind, könnte eine einseitige Festlegung die gegebene Vielfalt, die doch

fruchtbar gemacht werden soll, nur auf Spaltung festlegen. Das wäre nicht einmal im

Sinne der Urväter unserer Disziplin, die nicht anders konnten, als sich den Theologien

ihrer Zeit zu stellen, aber sich selbst und ihren Gegenstand doch gar nicht im engen

Rahmen von Theologie begriffen, sondern, wie Zacharias Fränkel es 1854 formulierte,

auch in der Geschichte noch die „Manifestation des Göttlichen“ fassen wollte, weil in

ihr „der über Jahrhunderte hinaus waltende Plan offenbar“ werde.

Erst recht sehen zeitgemäße Antworten anders aus.

Sie lassen Pluralität, Hybridität und selbstbestimmte Antworten zu.

Und sie gewinnen durch diese Offenheit.

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Schon um die Jahrtausendwende, anlässlich der Einrichtung des Ignatz Bubis-

Lehrstuhls, hat man von einem „Heidelberger Modell“ gesprochen. Das Präsidium des

Zentralrats der Juden in Deutschland als Träger der Hochschule hat am 3. Nov. 2000

seinerseits dazu einen Beschluss gefasst. Vorgesehen war damals, die wissenschaftliche

Ausbildung von Rabbinern in Heidelberg auf der Basis entsprechender Verträge

mit Rabbinerseminaren in England, Israel und den USA um ihre geistliche und

gemeindebezogene Seite zu ergänzen.

Also Wissenschaft hier, Vorbereitung auf den Gemeindedienst dort.

Das „Heidelberger Modell“ wurde damals nirgendwo mit den klaren Konturen eines

Bologna-konformen, akkreditierungsfähigen Studiengangs versehen, doch Ratgeber

und Akteure waren sich darin einig, dass wissenschaftliche und geistliche Ausbildung

von Rabbinern und – damals neu – Kantoren nicht allein in Heidelberg geleistet

werden könnten, sondern getrennte Abschlüsse verlangen. Der damalige Präsident des

Zentralrats der Juden, Paul Spiegel sel. A., sagte anlässlich der feierlichen Eröffnung

des Ignatz Bubis-Lehrstuhls im Mai 2001, solange das „Heidelberger Modell“ auf eine

Vollendung der Ausbildung auf die Kooperation mit ausländischen Rabbinerseminaren

angewiesen sei, bleibe es „nur die zweitbeste Lösung“. Langfristiges Ziel des

Zentralrats sei „die umfassende und abschließende Gesamtausbildung ausschließlich in

Deutschland.“ Elf Jahre später, im April 2012, zog Salomon Korn, Vizepräsident des

Zentralrats und Vorsitzender des Kuratoriums unserer Hochschule, Bilanz: „Eine

Erfolgsgeschichte besonderer Art ist die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg

als international renommiertes Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit in Deutschland“

In der Öffentlichkeit, aber nicht nur dort, hat sich dagegen über die Jahre nur die

einfachere Version gehalten: Danach sei Aufgabe dieser Hochschule die Ausbildung

von Rabbinern. „Rabbiner aus dem Neckartal“ lautete vor einigen Jahren die plakative

Überschrift eines gutgemeinten längeren Artikels in einer Wochenzeitung; und selbst

wenn im Text dann differenzierter informiert wurde, hatten Bild und Titel die

Wahrnehmung schon festgelegt.

„Rabbiner aus dem Neckartal“ ist in zweifacher Hinsicht falsch.

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Erstens, weil diese Hochschule kein Rabbinerseminar ist und es auch nie sein konnte,

es nicht wollte und eben auch gar nicht sollte.

Und zweitens, weil diese Engführung der Hochschule und ihren Studierenden nicht

gerecht wird. Bekanntermaßen hat diese Hochschule seit ihrer Gründung eine

nichtjüdische Studierendenmehrheit gehabt. Das hat man außerhalb oft als Manko und

Makel lesen wollen, und doch macht womöglich gerade diese Offenheit die besondere

Stärke dieser Hochschule aus.

„Stellet viele Schüler auf und errichtet einen Schutzraum um die Lehre“ (Traktat Awot

1.1). Der kurze Satz an sich ist ja schon interessant. Bemerkenswert ist, dass hier nicht

die Lehrer die Garanten der Lehre sind, sondern die Schüler – Schüler, von denen

(zumindest auf die Moderne hin gewendet) nicht gesagt ist, dass sie ihrerseits Lehrer

werden würden, aber Schüler, die jedenfalls gelehrt ins Leben gehen würden, wo auch

immer sie später stehen und welcher Profession sie nachgehen. Gewiss, im Kontext

seiner Entstehung galt der Satz den Verhältnissen im Kreis der Rabbinen und hatte

keine Diversität der Schüler im Sinne. Heute sollen wir ihn nicht darauf reduzieren,

dürfen wir ihn aber auch in diesem Sinne lesen: Dass die Schüler sich durch die

Verschiedenheit ihrer Herkunft, ihrer Standorte, ihrer Perspektiven und ihrer Ziele

auszeichnen. Dass die Studierendenschaft dieser Hochschule und auch ihre

Forschungsgegenstände siebenarmig angeordnet seien.

Das garantiert, dass die Jüdischen Studien nicht auf ein enges Spektrum von Fragen

und Aufgaben festgelegt werden, sondern sich vielfältig nähren, einbringen und

entfalten können. Es sichert, dass die Jüdischen Studien keine partikulare Disziplin,

sondern selbstverständlicher Teil der weiteren Wissenschaftslandschaft mit zahllosen

disziplinenübergreifenden Anknüpfungspunkten sind. Es garantiert, dass das Jüdische

nicht als Nebenentwicklung, sondern als integraler Bestandteil europäischer Tradition

und Kultur präsent gemacht wird. Es überwindet also auch die Ausgrenzung, die die

Wissenschaft des Judentums im 19. und 20. Jahrhundert erfuhr.

An der Feststellung Micha Brumliks im Jahr 2001, dass „gemeindenahe Ausbildung“

nicht Mangel an Wissenschaftlichkeit meinen dürfe und dass die auch am Beginn des

21. Jahrhunderts mit 100.000 Mitgliedern noch immer kleine jüdische Gemeinschaft in

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Deutschland sich keine Zersplitterung in unverbundene Strömungen und Konfessionen

erlauben dürfe, hat sich im Grunde nichts geändert. Rabbiner Nathan Levinson, dessen

bedeutender Rolle bei der Gründung dieser Hochschule wir uns immer bewusst sind,

hat damals auf die Missverständnisse beim Begriff Einheitsgemeinde hingewiesen.

Er sah sie auf einen Kampfbegriff reduziert, wie er vor langer Zeit in der

Auseinandersetzung mit R. Samson Raphael Hirsch und der Verteidigung des

Einheitsprinzips gegen die orthodoxe Austrittsgemeinde in Frankfurt und anderswo

formuliert worden war.

Nach der Shoah und für die kleine Zahl der Überlebenden war die Einheitsgemeinde

dann eine alternativlose Notwendigkeit, also kein gewolltes Konzept und mit vielen

Kompromissen versehen. Der Weg, den die Hochschule in ihrer Beziehung zu den

Gemeinden seit 2000 genommen hat, hat Rabbiner Levinson, der zwischenzeitlich

zum Kritiker geworden war, vollauf versöhnt.

In der Tat, heute ist Einheitsgemeinde ein Angebot, eine Chance, eine Chance auch,

mehr als nur ein notgedrungenes Nebeneinander zu sein. Von der Vielheit in der

Einheit können, wenn wir uns umschauen, die christlichen Kirchen nur träumen.

Und das Träumen haben sie Kommissionen und Arbeitsgruppen anvertraut.

Das geht vielleicht allein ob ihrer schieren Größe nicht anders, aber soweit muss es,

ja darf es für eine kleine Religionsgemeinschaft gar nicht erst kommen.

In jüdischen Gemeinden werden heute neue Formen des Miteinanders erprobt und

gelebt, die in der Praxis unseres Beth Midrasch, aber auch im Zusammenleben von

Menschen ganz verschiedener Standpunkte in anderen Räumen dieser Hochschule,

eingeübt und verfeinert werden.

Zugleich besinnt die Gesellschaft sich gerade darauf, dass das Judentum zu

Deutschland gehört und dass sie selbst in eine beispiellose Pluralität hineinwächst, die

neue Selbstverständnisse möglich macht, aber auch verlangt. Gerade hierfür ist auch

diese Hochschule, die umfassendste Bildungsinitiative des Zentralrats, ein

gemeinsamer Erfahrungsraum, in dem heute gelebt wird, was sich außen noch in

Gestaltung befindet. So hat es auch der Präsident des Zentralrats der Juden in

Deutschland, Dieter Graumann, bei seiner Heidelberger Hochschulrede im Frühjahr

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dieses Jahres aus den Punkt gebracht: „Dieser Ort und Hort von jüdischem Wissen,

unsere Hochschule, auf die wir stolz sind, und die in der Zukunft, die ich meine, eine

große und noch viel größer werdende Rolle spielen soll.“

Wenn eine Besucherin aus England nach einem Tag an der Hochschule und der

Begegnung mit Studierenden im Beth Midrasch kürzlich äußerte, „I never felt so

Jewish", dann dürfen wir so ein Votum als Beleg lesen, auf dem richtigen Weg

zu sein. Vollständig ist dieser Eindruck, wenn auf der anderen Seite jemand, und

sei es dieselbe Person, äußern kann, nirgendwo sonst als hier wissenschaftlich so

großen Ertrag erfahren oder zu solchem angeregt worden zu sein. Als Rektor

kommt mir dabei die Aufgabe zu, diesen Erfolg zu gestalten, gerade in Zeiten nicht

mehr anwachsender öffentlicher Zuwendungen. Sorge zu tragen hat die Hochschule

dafür, dass die verschiedenen individuellen, persönlichen wie akademischen

Perspektiven hier stets aufgehoben sind und in ihrer Pluralität miteinander stimmig

bleiben. Alle gemeinsam müssen wir dafür wirken, dass das künftige Wachstum

unserer Hochschule wesentlich aus ihrem unmittelbaren Erfolg bezogen, ja

erwirtschaftet wird.

[Hinweise auf andere Kooperationspartner einfügen: Uni Hd, BGU Beer Sheva,

Paideia, Verweis auf Hillel, interdisziplinäre Verbindungen]

Eine erfolgreiche gemeindebezogene, akademisch etablierte Hochschule wird unser

Haus, und das ist unbestritten und soll noch einmal gesagt werden, eben dann sein,

wenn es wissenschaftlich interessant, selbständig, erfolgreich und damit exzellent ist –

auch wenn sie, gerade in Zeiten knapper Mittel, wie wir es gerade erleben – ihre

Stärke aus sich heraus generiert, tatkräftig generiert. Und wenn sie sich ihrer Aufgaben

bewusst ist, sie also dieses Bewusst-Sein nach außen erkennen lässt. Leo Baeck hat

das in einem unveröffentlichten Manuskript aus dem Jahr 1946 „die grosse Pflicht der

Kultur“ genannt. „Kultur […] schwebt nicht über den Köpfen, sondern stellt sich in

Menschen dar, sie wird in Menschen Wirklichkeit.“ (LBGA 6, 419f.)

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Das ist in diesem Haus nicht Theorie, sondern kann praktisch erfahren, kann ganz

direkt praktiziert werden. Deshalb haben wir uns gerne entschieden, Heinz Hesdörffer,

geb. 1923 in Bad Kreuznach, heute zum Studenten der Hochschule für Jüdische

Studien ehrenhalber aufzunehmen. Wir übergeben Heinz Hesdörffer damit nicht nur

etwas, was ihm immer zugestanden hat. Wir erkennen in seinem Bespiel und Zeugnis

auch einen Grund und einen Antrieb, mit allem Ernst und mit Zielstrebigkeit zu

leisten, was uns aufgegeben ist.

Die Urkunde hat folgenden Text

Herr

H E I N Z H E S D Ö R F F E R

geb. am 30. Januar 1923 in Bad Kreuznach

wird von der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg zum

STUDENTEN EHRENHALBER

ernannt.

Weil er Jude ist, wurde Heinz Hesdörffer im Jahr 1938 zum Verlassen des

Gymnasiums an der Stadtmauer in Bad Kreuznach gezwungen. Die folgenden

Jahre haben ihn bis zu den Grenzen dessen gebracht, was ein Mensch erleiden

und ertragen kann. Das Gymnasium an der Stadtmauer in Bad Kreuznach hat ihm

2011 die Abitur-Urkunde ehrenhalber im Auftrag des Bildungsministeriums des

Landes Rheinland-Pfalz übergeben und damit die allgemeine

Hochschulzugangsberechtigung zuerkannt.

An der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg wird Heinz Hesdörffer zum

Wintersemester 2013/14 im Studiengang „Praktische Jüdische Studien“

eingeschrieben. Damit sind keine Pflichten verbunden, aber das Recht, jede

vorgesehene Lehrveranstaltung einschließlich des Abschluss des B.A. zu

belegen. Die Sprachfeststellungsprüfung und die einführenden Tutorien sind ihm

erlassen.

Heidelberg, den 16. Oktober 2013,

Der Rektor]

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