TEIL 1

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TEIL 1

ZUR

EINLEITUNG

In den 30 Jahren des Bestehens der Sowjetmacht ist 'über die

. Sozialistische Oktoberrevolution - von Freund und Feind - viel

geschrieben' worden. Wir bedürfen aber der restlosen Klarheit über

die Revolution, durch die - zum erstenmal in der Weltgeschichte -

auf einem Sechstel der' Erde der Imperialismus gestürzt. worden

ist. Besonders ist diese Klarheit vonnöten heute, wo die Reaktion

die Sowjetunion zur Zielscheibe der Angriffe gegenden Sozialismus

macht.' .

Der Verfasser der vorliegenden Schrift, Mitglied der Akademie

der Wissenschaften der UdSSR, I. Minz, ist Russe, Bolschewik,

. Gelehrter, Historiker der russischen Revolution. Er behandelt hier

nicht die ganze Geschichte der russischen Revolution, ihre Triebkräfte

und Kiimpje, sondern. nur den letzten Akt der Vorbereitung

des Oktoberumsturzes. Seine Dorlegung basiert auf einem gründlichen

Studium von Doliu';;'enten, die zum Teil erst in denLet.ztet:

Jahren bekannt geworden sind, und ist von dem Geiste erfüllt,

von denv.dieGroße Sozialistische Oktoberrevolution selbst geiragen

'Umr. Das ist der Geist des Kampfes für die gerechte Sache der

Ausgebeuteten und Unterdrückten, der Glaube an die Kriilte des

Volkes, der Haß gegen Halbheit und Verrat. Daher die unversiihnliclie

Haltung gegenüber den damaligen opportunistischen Parteien,

den Menschewiki und den Sozialrevolutionären, sowie den

schwankenden Elementen innerhalb der Partei Lenins selbst.

Der. Sieg der Oktoberrevolution ist in die Weltgeschichte eZn-

, gegangen. Die Oktoberrevolution hat den Beweis erbracht, daß

das schaffende Volk, von den Fesseln des Kapitals befreit, wohl

imstande ist, seine Geschicke se?bst zu meistern. Ohne die Öletoberrevolution

wäre der Sieg der Sowjetunion und ihrer Armee über

den Hitlerjaschismus unmöglich gewesen.' Dank der Oktoberrevolution

haben wir ein Bollwerk des Friedens in der Welt. Die aus

der Olctoberreoolution. hervorgegangene Sowjetunion ist diejenige

der Siegermächte, die den Aufbau eines i.neuen demokratischen

friedlichen einheitlichen Deutschland fördert.

Berlin, im Juni 1947 Der Verlag


Der Kornilowputsch vom August 1917 war niedergeworfen, Kornilowselbst

und seine Kumpane, die Generale Denikin, Lukomski,

Erdeli, Maikow und andere saßen im Gefängnis. Zum Stahsehef des

Oberkommandierenden war jedoch ein Komplice der Kornilowverschwörung,

der General Alexejew, ernannt worden. Die Untersuehung

gegen Kornilow wurde in einer Weise betrieben, daß der General

nicht als Angeklagter, sondern als Ankläger auftreten konnte;

er hatte weitgehende Möglichkeiten, von beliebigen vertraulichen

Dokumenten Gebrauch zu machen,konn~e durch vorgeschobene

Leute über den Prozeß veröffentlichen, was er für notwendig hielt.

Als Gefängnis für Kornilow diente das Gebäude des Mädchengymnasiums

in Bychow, die Bewachung war einem Regiment übertragen,

das noch unlängst die Leibwache des Generals gebildet' hatte.

Bei einem derartigen "Gefängnis" -Regime und einer so "sorgSamen"

Bewachung konnte sich Kornilow, zum al er von dem schwierigen

und mühevollen Amt des Armeekommandeurs befreit war, un-

damit befassen, seinen Mißerfolg zu analysieren und nach

Mitteln zu suchen, um ihn wettzumachen. Zwischen Bychow und dem

Stab des Oberkommandierenden der russischen Armee eilten ununterbrochen

Ku~iere hin und her, General Kornilow konnte unhehiudert

den Besuch von Offizieren empfangen, die ihm die notwendigen

Auskünfte und Nachrimten brachten. In das "Gefängnis" kamen Vertreter

der Banken und auch Vertreter auswärtiger Miidll e, All das

gab Kornilow die Möglichkeit, den Plan einer neucn Ak Iion gegen

o gestört

Am 15. September 1917 1 wurden dem Zelltndlwllli\.ee der

, Partei der Bolschewiki in Petrograd, unter Eillhahung der

üblichen konspirativen Vorsichtsmaßregeln, zwei Bride Lcnins zugestellt.

Der Führer der Revolution, der sich damals in.Jl~r Illegalität

verborgen halten mußte, ßab der bolschewistischen Partei die

Weisung, die Staatsmacht in ihre Hände zu nehmen.

Welche, Umstände hatten ihn dazu veranlaßt? Welehe Verlinderung

im Verhältnis der Klassenkräfte nötigte die Bolseliowiki, gerade

in diesem Augenblick die Frage nach der Machtergreifung aufzurolle~?

'

,I Alle Daten nach dem alten russischen !(;alendci'." lli» /l,·tI.


die Revolution, einer zweiten Kornilowversdrwörung auszuarbeiten.

Diesmal ließen Kornilow und die hinter ihm stehende Konterrevolution

es sich angelegen sein, den Aktionsplan weitaus gründlicher zu

> durchdenken und unvergleichlich größere Kräfte heranzuziehen. Im

August war vorgesehen gewesen, gegen Petrograd ein Armeekorps

von 15 000 bis 20 000 Mann zu werfen. Jetzt sollten Hunderttausende

eingesetzt werden. Das waren in erster Linie die Stoßbataillone ungefähr

50000 ausschließlich auf Empfehlung des Kommandobestandes

ausgewählte Soldaten. Dann Offizierssch~len, Fähnrichsschulen,

die oberen Jahrgänge der Kadettenkorps, ebenfalls ungefähr 45000

bis 50000 vorzüglich bewaffnete Kämpfer. Danach Kavallerie-, hauptsächlich

Kosakendivisionen. Besondere Aufmerksamkeit wurde dem I

tschechoslowakischen Korps zugewandt, mit dessen Formierung schon

unter der zaristischen Regierung begonnen worden war, das aber,erst,

unterder Provisorischen Regierung zur vollen Entwicklung kam. Um

den Oktober herum zählte das Korps mehr als 30000 Soldaten. Die

Tschechoslowaken wurdennach dem französischen Reglement ausgebildet

und hatten einen gut zusammengesetzten Kommandobestand.

.Das Korps war am rechten Ufer des Dnjepr stationiert, so daß es

leicht alle Eisenbahnknotenpunkte besetzen und die Südwestfront

von den zum Aufstand rüstenden Hauptstädten Petrograd und Moskau

abschneiden konnte.

Zu diesen Kräften muß man noch das polnische Korps unter dem

Kommando d~s Generals Dowb6r~Musnicki .hiuzuzahlen. Es wurde

aus Polen gebildet, die in der alten- Armee gedient hatten und von

denen jeder Empfehlungen von zwei polnischen Offizieren vorlegen

mußte. Das Korps hatte einen dreifach so starken Kommandobestand

als ein beliebiges anderes Armeekorps. Es ist nicht schwer zu begreifen,

in wessen Händen das Korps sich bei dieser Art der Formierung

befand, Die Polen standen in Bjelorußland. Im Falle eines Aufstandes

in Petrograd waren sie imstande, die Westfront rasch abzuschnüren

und keinen einzigen Truppentransport zur Hilfeleistung für die

aufständischen Arbeiter durchzulassen. '

Die Initiatoren der zweiten Kornilowverschwörung konnten also

mit 200 00lf-250 000 Soldaten rechnen. Angesichts einer Armee von

mindestens .zehn Millionen Mann könnte es scheinen, als sei eine

Viertelmillion keine ausschlaggebende Größe. Doch die Armee stellte

zu dieser Zeit schon keine Kampfkraft mehr dar. Zweihunderttausend

zu Stoßbataillonen zusammengeballte Soldaten konnten die


schwankenden Regimenter zwingen, zu ihnen überzugehen. Darauf

baute Kornilow. Das setzte die Konterrevolution bei ihren Plänen

in Rechnung.

Die Geschichtsforscher, die es unternahmen, das Gesamtbild der

zweiten Kornilowverschwörung wiederherzustellen, standen voreiner

schwierigen Aufgabe, denn in keinem einzigen Archiv waren Akten

über die zweite Kornilowverschwörung zu finden. Es gab keine zusammenfassenden

Angaben. Die Teilnehmer der Verschwörung hatten

keine Geständnisse hinterlassen. Man mußte auf recht verschlungenen

Umwegen vorgehen, die große Schwierigkeiten und nicht wenige

Enttäuschungen verhießen. Doch hat schon der alte Ovid gesagt, es

genüge nicht, zu wünschen, man müsse das Werk anpacken, damit

sich der Wunsch erfülle. Man mußte suchen.

Vor allem machten sie sich daran, die Tagesbefehle des Stabes

des Oberkommandierenden aus den Monaten September und Oktober

1917 zu studieren. Anfangs schien es schwer, in den trockenen

Befehlen über Truppenverschiebungen den gesuchten Faden zu finden.

Doch sprang ein Umstand in die Augen. In der zweiten Hälfte

des September begann man Kosakenregimenter, manchmal ganze Divisionen,

ins Hinterland zu verlegen. Dabei kehrte in der offiziellen

Erklärung für die Truppenverschiebungen ein und dasselbe Motiv

immer wieder: "An der Front fehlt es an Futtermitteln".

Als man aber nachforschte, wohin die Kosakentruppen geschickt

wurden, da erwies sich, daß es sich durchaus nicht um Futtermittel

handelte. Zwei Divisionen wurden nach Finnland geschickt, eine

Division ins Donezbecken und eine nach Brjansk. In den genannten

Gebieten war von Futtermitteln auch nicht die Spur. Dafür aber

konnte man von Finnland aus in 48 Stunden Petrograd erreichen.

Aus Brjansk und dem Donezbecken konnte man nach Norden vorrücken

und die Straßen abschneiden, die Moskau mit der Ukraine

und der Südwestfront verbanden.

Die Stationierung der Kavallerietruppen deckte denn auch klar

und deutlich den Grund ihrer Verlegung auf: die Kavallerie wurde

für den Kampf gegen die Revolution bereitgestellt.

So bekam man den Faden in die Hand, der zum Unterschied vom

Ariadnefaden der Mythologie nicht aus dem Lahyrinth hinaus-, sondern

im Gegenteil tief ins Labyrinth hineinführte. Es galt nun die

Verlegung von Regimentern, den Charakter der neuformierten Truppenteile

aufmerksamer zu erforschen. Man begann, die sogenannten


Stoßbatailioileunter die Lupe zu nehmen. Diese Bezeichnung trugen

im Jahre 1917 die Bataillone, die aus Inhaberndes Georgskreuzes,

Kulakensöhnen, halbfertigen Studenten u. ä. formiert wurden. Gebildet

wurden sie, wiederum nach der offiziellen Version, zur Hilfe

für die Frontarmee. um die Regimenter, die nicht kämpfen wollten,

zu verstärken, um die auseinanderfallende Armee in einen eisernen

Ring zu schmieden. Doch wurden' die StoßbataiIlone entgegen den

offiziellen Erklärungen seltsamerweise nicht dorthin geschickt, wo

die Front ihrer bedurfte, sondern möglichst in die Nähe von Petrograd.

Mehr als 40 derartiger Bataillone wurden dicht nebeneinander

so an der Nord- und Westfronl stationiert, daß sie sieb. in ein his zwei

Tagennach Petrograd, nach Moskau durchschlagen, die Verbindung

zwischen den Hauptstädten unterbinden' und die Hauptstädte von

den Fronttruppen abschneiden konnten. "

So wurde Strich um Strich das Bild der Kampfkräfte, über die

die Konterrevolution verfügte, sowie der Verschwörungsplan selbst

wiederhergestellt.

Alle diese ins einzelne gehenden Angahen waren Lenin nicht bekannt

~ sie wurde~ erst jetzt aus den Archiven ans Licht gebracht.

Lenin war zu dieser Zeit gezwungen, sich in der Illegalität verborgen

zu halten. Aber darin liegt ja gerade die Kraft der großen Theorie

des Marxismus-Leninismus, darin hat sich ja eben der geniale Weitblick

Lenins offenbart, daß er die Pläne des Gegners erraten hat.

Als ausgezeichneter Kenner der Entwicklungsgesetzeder Gesellschaft

sah der große Dialektiker die im Lager des Gegners vor sieh gehenden

grundlegenden Veränderungen voraus und zog die entsprechenden

Schlußfolgerungen. .

Von Spitzeln verfolgt, von den Schwierigkeiten des illegalen Lehens

hedrängt, beohachtete Lenin aufmerksam die Ereignisse. Wie

aus einsamer Höhe iiberbliekte- der Führer der Partei das riesige

Land, die ganze Welt, zog daß Fazit aus jedem Schritt der Revolution

und gab der ho lschewiatisehen Partei, ihrem Stab - dem Zentralkomitee

- operativ.eKampfanweisungen.

Allein während der drei Monate August bis November 1917 gingen

aus der Feder Lenins mehr als 60 Artikel und Briefe hervor, die

bei, der Herausgabe einen ganzen Band ergaben. Darunter waren

solche Arbeiten wie "Staat .und Revolution", "Die drohende Kata- '

strophe und wie man sie bekämpfen soll", "Die Krise ist herangereift",

"Werden die Bolschewiki die Staa tsmacht behaupten?", Briefe


iiber den Aufstand und viele andere Dokumente von gewaltiger internationaler

Bedentung.

In seinen einfachen und jedem Werktätigen verständlichen Artikeln

entlarvie Lenin die raffiniertesten Kniffe der bürgerlichen, der

'sozialrevolutionären und menschewistisehen Presse, riß den Korenski

und Konsorten, diesen Kornilowsozialisten, die Maske vom GesiCht,

rechnete schonungslos mit den Verr-ätern an der Revolution ab,kritisierte

die geringsten SChwankungserscheinungen im bolschewistisChen

Lager und wies in jeder Etappe der Revolution die Mittel und

Wege des Kampfes für den Sieg der Diktatur des Proletariats.

Lenin erkannte rechtzeitig, daß die Bourgeoisie zu neuen Kampfformen

griff, daß sie zum Bürgerkrieg gegen die Arbeiter und Bauern

rüstete.

Der Bürgerkrieg ist die höchste Form des Klassenkampfes,bei

der alle Gegensätz~ sich verschärfen und zum bewaffneten Kampf

führen. Der Bürgerkrieg ist die schärfste Form des Klassenkampfes,

da sich die gesamte Gesellschaft in zwei feindliche Lager spaltet, die

die Machtfrage mit Waffengewalt entscheiden.

In Fortsetzung und Entwicklung der Lehre von Marx schrieb Lenin

über' das Wesen des Bürgerkrieges:

Die "Erfahrung zeigt uns ... , daß der Bürgerkrieg die schärfste

Form des Klassenkampfes ist, wo sich eine Reihe wirtschaftlicher

und politischerSchiachten und Zusammenstöße so lange wiederholen,

häufen, erweitern und verschärfen, bis diese Zusammenstöße sich in

den bewaffneten Kampf der' einen Klasse gegen die andere verwandeln."!

Ehen eine derartige Verschärfung erreichte die russische Revolution-im

Septemher-Oktober 1917. '

, Das wurde hestätigt durch die grundlegende Veränderung der

F 0 r m ~n des Kam p fes aller Klassen der Bevölkerung. ,

Vo'r allem veränderte sich -von Grund aus die Form des Streikkampfes

des Proletariats. Auch vor dem Kornilowputsch hatte das

Proletariat unter Führung der bolschewistischenPartei eirren ununterbrochen

ansteigenden Streikkampf geführt. Die wirtschaftlichen

Streiks wuchsen in politische hinüber, verflochten sich mit ihnen, wobei

sie eine unablässige Zunahme aufwiesen und in ihnen gleichsam

1 W. I. Lenin, Die russische Revolution und der Bürgerkrieg. Särntl. Werke,

Bd. XXI, So>254.


die Kräfte für den entscheidenden Schlag gesammelt wurden. Doch

nach der Niederwerfung des konterrevolutionären Kornilowaufstandes

zeigte sich in den Streiks der Arbeiterklasse etwas Neues. In der

Tat, die Arbeiter der Fabrik Helfferich-Sade in Gharkow verjagten,

nachdem sie den Streik ausgerufen hatten, die Betriebsverwaltung

und nahmen die Leitung der Produktion, in ihre Hände. In Moskau

vertrieben die Arbeiter aus einer Anzabl von Betrieben der Lederindustrie

die Direktion und wählten aus ihrer Mitte ein Streikkomitee,

das sie mit der Führung der Produktion beauftragten. Das

Neue inder Streikbewegung bestand darin, daß das Proletariat nicht

nur in den Ausstand trat, sondern die Kapitalisten verjagte und die

Produktion selbst in die Hand nahm.

Heute, da die Dokumente iiber die Arbeiterbewegung im Jahre

] 917 veröffentlicht sind, lassen sich Tausende von Tatsachen finden,

die diese Feststellung' bekräftigen. Wladimir IIjitsch Lenin kannte

diese Dokumente nicht. Er wußte nur von einzelnen Tatsachen, die

in die Presse gelangt waren. Auf Grund dieser Tatsachen kam der

Genius der Revolution zu der zusammenfassenden Schlußfolgerung:

die Arbeiterstreiks sind dicht an den Aufstand herangekommen, "die

Entwicklung des proletarischen Kampfes ist auf das Problem der

Macht gestoßen. .

Von Grund aus veränderte sich auch die Form der Bauernbewegung.

Die Bauern hatten auch vor der Kornilowmeuterei gegen die

Gutsbesitzer gekämpft. In einer ganzen Reihe von Orten hatten sie

eigenmächtig gutsherrliche Wiesen gemäht, Holz in Gutswälderngefällt

und die Felder der Gutsherren in Besitz genommen, doch war

dieser Kampf verhältnismäßig friedlich gewesen. Die Kornilowmeuterei

hatte den Bauern gezeigt, daß mit Kornilow auch die Gutshe-

. sitzer in ihre eingesessenen Adelsnesterzurückkehreu. Die Bauern

g-ingen überall zu neuen Kampfformen über, sie begannen, sich der

Gutsverwaltungen zu bemächtigen, sie niederzubrennen und sich das

Inventar anzueignen. Als suchten sie nachzuholen, was sie in der Revolution

yon 1905 versäumt hatten, da insgesamt ungefähr 2000

Adelsnester zerstört worden 'waren, gingen die Bauern im ganzen

.Lande einmütig daran, von den Gütern Besitz zu ergreifen.

Die dadurch alarmierten Sozialrevolutionäre und Menschewiki

suchten sich selbst und ihre Freunde zu beruhigen und fabrizierten

zu ',diesem Zweck gefälschte Statistiken, die die wirkliche Lage

verhüllen sollten.


Die kleinbürgerlichen "Buchhalter der Revolution", deren Herz

nach einem Wort von Flauhert eingezwängt ist zwischen dem eigenen

Krämerladen und der eigenen Verdauung, stellten beruhigende Statistiken

über die Bauernbewegung zusammen. Da sie alle Formen

der Bewegung nicht unterschieden, kamen sie zu der "beruhigenden"

Schlußfolgerung, daß die Bauernbewegung im September im allgemeinen

zurückgehe. Man sehe sich zum Beispiel die Statistik der

. bürgerlichen Miliz an: dort ist die zahlenmäßige Entwicklung der

Fälle unbefugten Weidens und Mähens, der Pachtzahlungsverweigerungen

und der Zerstörung von Ciitern angegeben. Wendet man

sich von diesen allgemeinen Ziffern einer ins einzelne gehenden

Untersuchung zu, so springt die Roßtäuscherei derj.Buchhalter der

Revolution" sofort in die Augen. Und zwar bestand sie darin, daß

sie die friedlichen und .dienicht friedlichen Formen der Bauernbewegung

zusammenmengten. Man berechne die' Fälle des unhefugten

Weidens, Mähens u. ä. gesondert von denen der Zerstörung von

Gütern. Es erweist sich dann, daß die friedlichen Kampfformen

von Februar bis August im Ansteigen sind, während im September

die' friedlichen Formen zurückgehen, dafür aber die nicht friedlichen

Formen ansteigen: die Besitzergreifung von Gütern, das

Niederbrennen von Adelssitzen, die Auf teilung des Inventars. Uns

stehen heute eine Reihe von statistischen Sammelwerken und Dokumenten

zur Verfügung, die diese Formveränderung des Kampfes

der Bauern bestätigen. Hier zeigte sich wiederum der geniale

Weitblick Lenins, der, ohne diese Angaben in Händen zu haben, zu

der Schlußfolgerung kam, daß die Bauernbewegung in den Bauernaufstand

hinübergewachsen war.

Schroff veränderte sich auch der Charakter der nationalen Befreiungsbewegung.

Seit dem Februar hatten an der Spitze dieses Kamp-'

fes bürgerliche Nationalisten gestanden, denen es für eine kurze

Zeit durch Betrug, manchmal aber auch mit direkter Gewalt, gelungen

war, einen gewissen Teil der Massen einzufangen.

Nach der Niederwerfung des Kornilowputsches tritt in dem

Charakter der Bewegung eine schroffe Wendung ein. Die ,Werktätigen

der unter drückten Nationen suchen über die Köpfe ihrer "Führer"

hinweg den Bauern und Arbeitern.Rußlands die Hand zu reichen,

um gemeinsam gegen die Provisorische Regierung vorzugehen.

Die breiten M.


schewiki niederreißen können. Im September 1917 flammte in

Taschkent eine spontane Bewegung auf. Die Vertreter der Provisorischen

Regierung ergriffen die Flucht. Zeitweilig wurden die Werktätigen

zu Herren der Stadt. Das heißt nicht, daß in Taschkent die

Sowjetrnacht früher gesiegt hätte als in Petrograd. Eine derartige

Behauptung wäre schon allein darum nicht richtig, weil die Bewegung

nicht unter Führung der Bolschewiki stand. Doch was besagten

die Taschkenter Ereignisse? Sie zeugten von der schroffen Zuspitzung

aller Gegensätze, die dort zum Durchbruch kamen, wo sie

sich am meisten angehäuft hatten ~ in den nationalen und kolonialen

Gebieten. Man muß darauf hinweisen, daß es in Mittelasien.

wo die Gegensätze besonders zugespitzt waren, auch am Vorabend

der Februarrevolution zu einem Durchbruch dieser Gegensätze gekommen

war. Am Vorabend der Oktoberrevolution besagten die

Ereignisse in Taschkent, daß die nationale Befreiungsbewegung eine

neue Form, die des Kampfes um die Macht, angenommen hatte.

Schließlich veränderte sich von Grund aus auch die Bewegung in

der Armee, wo die Bolschewiki eine breite Entlarvungstätigkeit entfalteten,

eine Tätigkeit, die darauf gerichtet war, die Armee für sidt

zu gewinnen. In einer großen Zahl von Regimentern und Divisionen

verjagten die Soldaten die alten Kommandeure, wählten aus ihrer

Mitte neue Kommandeure, und nahmen die Führung der Truppenteile

selbst in die Hand. Derar-tige Fälle hatte es auch früher gegeben,

doch waren das Einzelfälle gewesen, sie hatten keinen Massen-.

charakter getragen" Nach der Niederwerfung der Kornilowmeuterei

begriffen Millionen von Soldaten, daß die Meuterei der Generale die

Wiederherstellung der Monarchie und folglich die Fortdauer des

Krieges bedeutete. Die Soldaten dachten mit Sehrecken dar an, daß

sie noch einen vierten Winter in den Schützengräben verbringen soll- .

ten. Erbittert griffen sie zu einer neuen Form des Kampfes. Sie

vertrieben diesozialrevolutionären und menschewistischen Schwätzer

aus den Regimentern, führten Neuwahlen der Komitees durch, gaben

ihre Stimme den Bolschewiki, verjagten die Kommandeure und iu

einer Reihe von Fällen, so inder Flotte, kam es auch zur physischen

Beseitigung von Offizieren. Mehr als das, die Soldaten wurden zu

Agitatoren für die Bauernaufstände. In tausenden Briefen von der

Front empfahlen die Soldaten den Bauern, die Gutsbesitzer zu ver-

..jagen und das Land in Besitz zu nehmen. In den unmittelbar hinter

der Front gelegenen Gebieten wurden die Soldaten seIhst "zu


Urhebern der Bewegung. Die Soldatenbewegung zeigte deutlich die

Tendenz, sich mit der Bauernbewegung zu verschmelzen. .

Diese Veränderung der Kampfformen erlaubte denn auch dem

genialen Dialektiker Lenin, die Schlußfolgerung zu ziehen,daß die

vom VI. Parteitag der bolschewistischen Partei im August 1917 vorausgesagte

revolutionäre Krise da war und daß sie den Bolsehewiki

die Möglichkeit gab, die Frage des Sturzes der Diktatur der Bourgeoisie

auf die Tagesordnung zu setzen.

Zwischen dem 12. und 14. September - das genaue Datum ist

leider nicht festgestellt - schrieb Lenin seine Briefe an das Zentralkomitee,

in denen er seine Schiußfolgerungen formulierte:

"Nachdem jetzt die Bolschewiki in den Sowjets der Arbeiterund

Soldatendeputierten beider Hauptstädte die Mehrheit erhalten

haben, können und müssen sie die Staatsmadlt in ihre

Hände nehmen;"!

Lenin erläuterte,

ordnung stand:

warum gerade jetzt der Aufstand auf der Tages.

"Um erfolgreich zu sein, darf sich der Aufstand nicht auf eine

Verschwörung stützen, muß er sich nicht auf diePartei,sondern

auf die fortgeschrittenste Klasse stützen. Dies zum ersten. Der

Aufstand muß sieh auf den revolutionären Aufschwung des Volkes

stützen. Dies zum zweiten. Der Aufstand muß sich auf einen'

solchen Wen d e p unk t in .der Getschichte der anwachsenden

Revolution stützen wo die Aktivität der vor dersten Reihen des

Volkes am größten ist, wo die S eh w a n k u n g e n in den Reihen

der Feinde und in den R e ihe n der sc h w ach e n ,

hai b en, une n t s chi 0 s sen e n F: r e und e ,de r R e v 0 I u -

ti 0 n am stärksten sind. Dies zum dritten>'2

Diese drei Bedingungen

.waren gegeben.

"Mit uns ist die Mehrheit der K las s e , der Vorhut der Revolution,

der Vorhut des Volkes, die fähig ist, die Massen mitzureißen"3,

schrieb Lenin.

1 W. 1. Lenin, Die Bolschewiki müssen die Macht erg-reifen. Siehe Lenin-

Stalin, Das Jahr 1917, Moskau 1939, S. 4-67.

2 W~ 1. Lenin, Marxismus und Aufstand, S. 4·70.

3 Ebenda. S. 472.


, Das vielgeprüfte und ausgehungerte Volk verstand, daß esErieden,

Land und Brotnur aus den Händen des Proletariats erhalten kann.

"Mit uns ist die Me h I' h e i t des Volkes'"; schrieb Lenin.

Im Lager der engsten Verbündeten der Bourgeoisie war Unglaube

an die eigene Kraft, war Zerfahrenheit zu verspiir en, Bekanntlich

hatte dieProvisorische Regierung nach dem Sturz des Absolutismus

im Februar 1917, im Einverständnis mit den Menschewiki

und' Sozialrevolutionären, Rußland nicht zur Republik erklärt

unter dem Vorwand, daß die Frage der Regierungsform, ebenso

wie alle brennenden Fragen der Revolution, durch die Konstituierende

Versammlung entschieden werden müßten, deren Einberufung

jedoch ebenfalls hinausgezögert wurde. Unmittelbar nach dem

Aufstand des Generals Kornilow zeigten die Sozialrevolutionäre und

Menschewiki unter' dem Druck der Massen Schwankungen in der

Richtung zur Revolution und erhoben die Forderung, Rußland zur

Republik zu erklären. Doch diese "Linksschwenkung" war VOll

äußerst kurzer Dauer. Nachdem sie sich davon überzeugt hatten,

daß es ihnen nicht gelungen war, ihre Autorität bei den Massen zu

heben, die Bourgeoisie aber ihre Lakaien bereits scheel ansah, kroehen

die Sozialrevolutionäre und Menschewiki wieder in den alten

hürgerlichen Stall.

Schwankungen gab es auch im Lager der bürgerlich~n Partei' der

konstitutionellen Demokraten (Kadetten). Es gelang ihnen nicht, die

Gegensätze zwischen den einzelnen Gruppen zu iiberhriicken.. Dip

Linken forderten eine Verständigung mit den Sozialrevolutionären

und Menschewiki. Die Rechten führten Verhandlungen mit den

Schwarzhundertern. Allerdings wäre es nicht angebracht, diese Ge·

gensätze zu überschätzen. Doch unter den Bedingungen der revolutionären

Krise waren diese Meinungsverschiedenheiten geeignet.

das Lager der Feinde zu schwächen.

Auch die Hauptverbündeten der russischen Bourgeoisie, die Imperialisten

der Entente, kamen ins Schwanken. Sie standen vor der

Wahl zwischen einem Krieg bis zum siegreichen Ende und einem

Separatfrieden mit dem deutschen Imperialismus gegen Rußland.

auf Kosten der russischen Revolution, die sie erdrosseln wollten.

Französische Geschichtsforscher haben Telegramme veroffentlicht,

deren Erscheinen in der Presse im Jahre 1917 durch die Zen-

I W. f. Leniu, Marxismus unrl Aufstand. S. 472.


SUf verhindert worden war. Sogar aus diesen dürftigen Mitteilungen

ist zu ersehen, daß es im Herbst 1917 zu Unruhen in der französischen

Armee gekommen war. Die Soldaten forderten Frieden.

Die Antikriegsbewegung erfaßte ganze Armeekorps und griff auch

anf englische Truppeji über. Poincare hat in seinen Erinnerungen eingestanden,

daß es in der französischen Armee' kein einziges Armeekorps

gab, das man zur Niederwerfung eines möglichen Arbeiteraufstandes

hätte' nach Paris rufen können.' Die Imperialisten bekamen

zu fühlen, daß ihnen die Revolution im eigenen Hinterlande

drohte.

Angesichts der drohenden Revolution begannen England und

Frankreich die Möglichkeit eines Friedensschlusses mit Deutschland

zu sondieren. In Deutschland ging man bereitwillig darauf ein. Anfang

September wandte sich ein deutscher Vertreter an den Iran- '

zösischen Minister für Auswärtige Angelegenheiten mit dem Vorschlag,

Frieden zu schließen. Deutschland erklärte sich bereit,

Frankreich und England im Westen Zugeständnisse zu machen unter

der Bedingung, daß es dafür seinen Anteil im Osten erhalte. Die

, Feinde beabsichtigten, sich auf Kosten Rußlands auszusöhnen.

Die Verhandlungen wurden streng geheimgehalten. Alle Ge·

rüchte, die in die Presse gelangten, wurden von den Regierungen zu

Verleumdungen erklärt. Die Verhandlungen zogen sich jedoch in

die Länge: anscheinend stellten sich die Imperialisten gegenseitig al]-

euhohe Forderungen. Darauf machte Deutschland den Versuch, mit

Rußland Verhandlungen über einen Separatf~ieden aufzunehmen ..

Lenin wußte von diesen Verhandlungen nichts. Doch kraft der

wissenschaftlichen Voraussicht war er imstande, nicht nur die Verhandlungen

zwischen den beiden imperialistischen Gruppen vorauszusagen,

sondern auch den Versuch Deutschlands und Rußlands,

einen Separatfriedenzu schließen. Erst vor kurzem ist Material bekanntgeworden,

das diese Vermutung Lenins dokumentariseh bestätigte.

Der amerikanische Botschafter in Rußland, Francis, hat in

seinen Aufzeichnungen über die Revolution schon nach Abschluß

des Bürgerkrieges, im Jahre 1922, eingestanden:

"Tereschtschenko, ehemaliger Finanzminister und Minister für

Auswärtige Angelegenheiten, traf in Archangelsk ein und war

zweimal hei mir zu Tisch. Er reiste inkognito und nannte sich


Titow ... Für 'Gulkewitsch, den russischen Gesandten in Sehweden,

fuhr er als Kurier zu Koltschak ...

Teresehtschenko vel'si~herte mir, daß er etwa am 1. August

giinstige Friedensvorschläge von Deutschland erhalten hätte .. Er

hätte sie nur Kerenski gezeigt."

Ebenso wie Nikolaus Romanow am Vorabend seines Sturzes, war

auch die Konterrevolution bereit, hinter dem Rückendes Volkes

das Land zu verschachern, nur um sich die Hände für den Kampf

uegen die Revolution freizumachen.

Der Brief Lenins an das Zentralkomitee endet mit folgender

Schlußfolgerung:

"Wir haben alle. objektiven Voraussetzungen eines erfolgreichenAufstandes

vor uns. Wir haben die außerordentlichen Vor·

züge einer Lage vor uns, wo nur unser Sieg im Aufstand den

Schwankungen ein Ende machen wird, die das Volk so quälen

und die die qualvollste Sache in der Welt sind; wo nur

uns er Sieg im Aufstand das Spiel mit dem Separatfrieden

gegen die Revolution ver ei tel n wird, durch das offene An·

gebot eines vollständigeren, gerechteren, baldigeren Friedens,

eines Friedens zum Nut zen der Revolution."!

Der große Führer der Revolution rief die Partei zum Aufstand.

In den Briefen Lenins war noch nicht die Rede vom eigentlichen

Tag des Aufstandes, von seinem genauen Termin. Diese Frage

konnte nach der Meinung Lenins nur durch die gemeinsamen Stim-

.men derer entschieden werden, die mit den Arbeitern und Soldaten,

mit den Massen in Verbindung standen, d. h, durch das Zentralkomitee

der Partei. Leninforderte, daß die Vorbereitung zum bewaffneten

Aufstand in der gesamten Arbeit der Partei auf die Tagesordnung

gesetzt werde.

Da Wladimh- Iljitschdie Partei aufrief, zum bewaffneten Aufstand

zu rüsten, empfahl er, die Taktik und vor allern vdas Verhalten

zur Demokratischen Beratung zu ändern. Die Demokratische

Beratung war als Fälschung, als Ersatz für die Konstituierende Versammlung

von aen Sozialrevolutionären und Menschewiki einbe-

.rufen worden, um die Massen zu betrügen.

1 W. I. Lenin, Marxismus und Aufsrand. S. 473.


Die Bolsehewiki hatten an der Demokratischen Beratung teilgenommen,

um von ihrer Tribüne herab die Manöver· der Sozialrevolutionäre

und Menschewiki zu entlarven. Nahm man aber den

Kurs auf den bewaffneten Aufstand, so konnte man nicht inder Beratung

verbleiben. Das hätte die Volksmassen irreführen, Illusionen

VOl) einer friedlichen Entwicklung der Revolution nähren und die

Massen vom revolutionären Wege ablenken können. Lenin schlug

vor, nach der Verlesung einer bolschewistischen Deklaration, in der

das niederträchtige Spiel der Paktierer entlarvt wird, die Beratung

zu verlassen.

"Nachdem wir diese Deklaration verlesen", schrieb Lenin,

"nachdem wir aufgerufen haben werden, sich zu e n t s ehe i-

den und nicht zu reden, zu h a n deI n und nicht Resolutionen

zu schreiben, müssen wir unsere ganze Fraktion in die B e -

tri e h e un d K a se I' n e n wer f e n: dort ist ihr Platz, dort

ist der Nerv des Lebens, dort ist die Quelle der Rettung der

Revolution, dort, ist . die treibende Kraft der Demokratischen

Beratung."!

Der Kurs auf den Aufstand machte den Ühergang von der Taktik

der Teilnahme an der Beratung zur Taktik des Boykotts der

Beratung notwendig.

Den zweiten Brief an das Zentralkomitee der Bolschewiki widmete

Lenin der Frage der Vorbereitung zur bewaffneten Aktion.

und so nannte er ihn denn auch: "Marxismus und Aufstand". Ausgehend

von der Erfahrung aller Revolutionen des 19. und 20. Jahrhunderts

faßte Lenin mit außerordentlicher Tiefe die Gesetze des

Aufstandes zusammen. Aber er beschränkte sich nicht auf eine Verallgemeinerung

der Erfahrung, gab nicht nur eine Entwicklung und

-Fortführung der Lehre von Marx und Engels entsprechend den

neuen Verhältnissen, sondern arheitete auch konkrete Weisungen

für die Organisierung des Aufstandes in Petrograd aus;

Er schrieb:

;,Um uns aber zum, Aufstand marxistisch, d. h. wie zu einer

Kunst zu verhalten, müssen wir gleichzeitig, ohne eine Minute

zu verlieren, einen S tab der aufständischenTruppenorganisieren,

die Kräfte verteilen, die ergebenen Regimenter an die wicht

W. 1. Lenin, Marxismus und Aufstand. S. 474


tigsten Punkte stellen, das Alexander-Theater" (wo die Demokratisehe

Beratung tagte. - 1. M.) "umzingeln, die Peter-Pauls-

Festung besetzen, den Generalstab. und die Regierung verhaften,

gegen die Offiziersschüler und gegen die Wilde Division solche

Truppen schicken, die eher bereit sind zu sterben, als den Feind

in die Zentren der Stadt durchzulassen; wir müssen die bewaff-'

neten Arbeiter mobilisieren, sie zum letzten, verzweifelten Endkampf

aufrufen; wir müssen sofort das Telegraphen- und das

Telephonamt besetzen, uns e I' e n Stab des Auf.standes beim

Zentralen Telephonamt unterbringen, mit ihm alle Fabriken,

. alle Regimenter, alle Punkte des bewaffneten Kampfes usw.

telephonisch verbinden."!

Wladimir Iljitsch selbst nannte das nicht einen Plan der Aktion,


der bolschewistisChen Partei war, im "Rabotschi Putj" ("Arbeiter.

weg"), wie sich zu jener Zeit die "Prawda" nannte:

"Die Revolution marschiert. In den Julitagen unter Feuer genommen

und auf der Moskauer Beratung ,zu Grabe getragen'.

erhebt sie wieder ihr Haupt, reißt die alten Schranken nieder

und schafft eine neue Macht. Die erste Schützengrabenlinie der

Konterrevolution ist genommen. Nach KOl'llilow hat auch Kaledin

den Rückzug angetreten. Im Fe~er des Kampfes leben die

fast gestorbenen Sowjets wieder auf. Sie nehmen aufs neue das

Steuer in die Hand und führen die revolutionären Massen.

All e Mac h t den S 0 w jet s - das ist die Losung der

neuen Bewegung ...

Die direkte Frage, die das Leben stellt, erheischt eine klare und

bestimmte Antwort.

Für oder gegen die Sowjets !"1

Außerordentlich geschickt die Zensurvorschriften umgehend, gab

Genosse Stalin ein glänzendes Vorbild der Massenagitation fii r

den bewaffneten Aufstand in der legalen Presse.

Die richtunggebenden Artikel des Genossen Stalin wurden in

Moskau, in Bjelorußland, im Wolgagebiet von den bolschewistischen

Zeitungen nachgedruckt.

" ... In Rußland geht der entscheidende Prozeß des Heran

wachsens einer neuen Macht vor sich, einer wirklichen Volks

macht, einer wirklich revolutionären Macht, die im verzweifelten

Kampf um ihre Existenz steht", schrieb Cenosse Stalin in der

folgenden Nummer des "Rabotschi Putj". "Auf der einen Seite

stehen die Sowjets, die an der Spitze der Revolution, an der

Spitze des Kampfes gegeu die Konterrevolution marschieren.

die noch nicht zerschlagen ist, sondern sich nur zurückgezogen

hat, inde~ sie sich wohlweislich hinter dem Rücken der Hegie

rung versteckte. Auf der anderen Seite steht die Kerenskiregie

rung, die die Konterrevolutionäre deckt; mit den Kornilowleuten

(Kadetten!) Abmachungen trifft, den Sowjets den Krieg er

klärt h;11und sie zu zerschlagen sucht, um nicht seIher zer schla

gen zu werden.

1 J. Stalin, Alle Macht den Sowjets. Siehe Lonin-Stalin; Das Jahr 191';.

Mioska'll 1939, S. 487/488.


Wer aus diesem Kampfe als Sieger hervorgeht- darauf kommt

es jetzt an ... ; das Wesentliche'ist jetzt nicht die Ausarbeitung

einer allgemeinen Formel zur ,Rettung' der Revolution, sondern

die direkte Unterstützung der Sowjets in ihrem Kampf gegen

. die Kerenskiregierung."! .. .

Für die Partei begann der. Zeitabschnitt, in dem zum Sturm ge·

rüstet werden mußte. Geleitet von den Artikeln der Genossen

Lenin und Stalin, gestalteten die örtlichen Organisationen ihre Ar·

beit um, verlegten das Schwergewicht der gesamten Propaganda und

Agitation auf die Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes.

Die Durchführung der Leninschen Linie im Zentralorgan hatte

Proteste Kamenews zur Folge. Der Verräter suchte die Mobilisie·

rung der M.assen zu hemmen. Am 20. September protestierte Ka·

menew in der Sitzung des Zentralkomitees gegen den seiner Mei:

Dung uach allzu scharfen Ton der Zeitung und erhob Einspruch gegen

einzelne Formulierungen in den Artikeln. Das Zentralkomitee faßte

aus diesem Anlaß einen besonderen Beschluß:

.,Bei Vertagung einer ausführlichen Erörterung der Frage de r

Führung des Zentralorgans erklärt das Zentralkomitee, daß die

allgemeine -Hichtung des Zentralorgans voll und ganz mit der

Linie des Zentralkomitees iihereinstimmt.vt

Das Zentralkomitee der Bolschewiki billigte rückhaltlos die Linie

des Zentralorgans, das in den redaktionellen Artikeln des Genossen

Stalin ruhig und sicher die Leninsche Direktive über die Vorbereitung

der bewaffneten Aktion verfocht.

Die Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes wurde unter den

Bedingungen höchster Konspiration betrieben. In einer illegalen

Wohnung in Petrograd rief Cenosse Stalin die Vertreter der Rayons

zu sich und instruierte sie unter vier Augen, .welche Truppenteile

'zum Kampf vorzubereiten, welche Institutionen im Rayon zu besetzen

sind und wie die Agi.tationumzugestalten ist. Von Zeit zu Zei t

wurden in die Gebiete Briefe geschickt, die häufig chiffrie-rt waren

und eine Darlegung des neuen Kurses enthielten. Auch Kuriere wu r-

den entsandt, meist waren es Mitglieder des Zentralkomitees.

1 J. Stalin, über die revolutdonäre Front. Siehe Lenin-Stolin, Das Jahr 1917,

Moskau 1939, S. 489/490.· . .

2 Protokolle des Zentralkomitees der SDAPR., S. 69 (russ .).

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