Applaus beim Kalben

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Applaus beim Kalben

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Applaus

beim Kalben

dlz Leben

Landwirt des Monats Hauke Pein ist der erste deutsche Landwirt, der beim ersten

Kongress der Europäischen Junglandwirte in Brüssel für sein Betriebskonzept

ausgezeichnet wurde. Familie Pein setzt auf intensive Landwirtschaft verbunden mit

einem touristischen Erlebnisbauernhof.

Schneller Überblick

200 Milchkühe mit einer durchschnittlichen

Leistung von 9.300 kg und

gleichzeitig 40.000 Besucher jährlich auf

dem Betrieb. Leistungsfähige Landwirtschaft

und Verbraucheraufklärung sind auf dem

Almthof der Familie Pein in Schleswig-Holstein

kein Widerspruch, im Gegenteil. Diese

besondere Art des Erlebnisbauernhofs fand

beim „1st European Congress of Young Farmers“

in Brüssel Anklang. Die Jury prämierte

die Idee der gläsernen Landwirtschaft mit

dem vierten Platz. Hauke Pein ist damit

gleichzeitig der innovativste Junglandwirt

in Deutschland.


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Das ist einfach ein großartiges

Erlebnis, einfach ganz

große Klasse“, schwärmt

Hauke Pein noch heute. Noch lange

werden er und seine Familie von

dem einmaligen Erlebnis zehren.

500 Teilnehmer aus 14 Nationen nahmen

Ende 2012 am ersten Europäischen Junglandwirte-Kongress

teil, bei dem erstmalig

ein Innovationspreis ausgelobt wurde. Die

verschiedenen Länder stellten 65 Projekte

in Brüssel vor und warben um die Gunst

der Auszeichnung. Hauke Pein war der

einzige Landwirt aus Deutschland, der es

in die Endrunde geschafft hatte.

Dabei erfuhr Hauke Pein eher zufällig

von diesem Wettbewerb und bewarb sich.

landwirt

des

monats

Foto: Homann

Sein Konzept überzeugte und die Einladung

zur Präsentation in die „Hauptstadt“

der Europäischen Union folgte. Gemeinsam

mit seiner Mutter Maren stellte der

27-Jährige die Idee des transparent wirtschaftenden

Milchviehbetriebs vor. Das

Erlebnis Landwirtschaft wird auf dem

Almthof mit dem Standbein Bauernhofcafé

kombiniert. Die Erfolgsbilanz: An 200

Tagen im Jahr nehmen 40.000 Verbraucher

das Angebot der Familie Pein wahr,

um zu sehen, wie moderne Milchproduktion

funktioniert. „Wir hatten genau

zehn Minuten Zeit, um unser Konzept

zu präsentieren, keine Sekunde länger.

Das, was wir vorstellten, wurde sofort von

Dolmetschern in 13 Sprachen übersetzt.

Alles war vor Ort genau abgestimmt und

absolut professionell vorbereitet“, ist der

Junglandwirt noch immer beeindruckt.

Statt auf Laptop und Beamer vertraute

Hauke Pein auf das eigene persönliche

Vorstellen und das Zusammenspiel mit

seiner Mutter. „Während Hauke erzählte,

habe ich das Plakat hochgehalten. Das

haben wir mit zusätzlichen Flyern eigens

für unsere Präsentation anfertigen lassen“,

erklärt Maren Pein den Ablauf.

Frühe Übergabe

Der Aufwand wurde honoriert. Nun ist der

Almthof europaweit bekannt. Peins Konzept

des Erlebnisbauernhofs kombiniert

mit Hofcafé überzeugte die Jury, die sich

aus jeweils einem Vertreter des Europäischen

Rats, Parlaments und der Kommission

zusammensetzte. In der Kategorie innovativster

Jungbauer heimste Hauke Pein

als einziger Repräsentant Deutschlands den

vierten Platz in der Gesamtwertung ein.

Hauke Pein ist erfolgreicher Jungunternehmer.

Für die Transparenz seines

Betriebes hat er einen Preis bekommen.

Familie Pein macht moderne Landwirtschaft

anschaulich. Oft bekommen Besucher

„live“ mit, wie im eingestreuten Abkalbestall

Kälber geboren werden.

Hauke und Maren Pein zählten zur kleinen

deutschen Delegation, die den Kongress

in Brüssel besuchte. Andere Nationen

schickten bis zu 50 Teilnehmer. „Es ging

darum, insbesondere jungen Landwirten

zu zeigen, das Landwirtschaft Zukunft

hat, und sie für den Beruf zu begeistern,

damit sie auch künftig noch ihren Betrieb

weiterführen“, erklärt der 27 jährige Jungunternehmer.

Das steht für ihn schon lange

fest. Vor zwei Jahren, nach Abschluss

seines Landwirtschaftsstudiums, haben

die Eltern Maren und Jürgen Pein den

Milchviehbetrieb an ihren Sohn übergeben.

Die Eltern führen das Hofcafé, wobei

Jürgen Pein morgens und abends die Kühe

melkt und geduldig die Fragen der Besucher

beantwortet.

Und so fing alles an

Vor zehn Jahren siedelten Maren und Jürgen

Pein mit ihrem Betrieb aus. Mitten im

Dorf Appen im Kreis Pinneberg hatte die

Milchviehhaltung keine Zukunft. Schon

damals öffnete das Ehepaar den Betrieb

für Schulklassen und Kindergartengruppen.

Am neuen Standort bauten sie zwei

Außenklimaställe mit Melkkarussel für

zunächst 130 Kühe. Der Stall liegt rund 1

km vom Dorfkern entfernt. Ein Jahr später

wurde in einem Nebengebäude die Gastronomie,

zunächst klein und fein, eingerichtet.

Heute bieten Maren und Jürgen Pein

rund 120 Sitzplätze in ihrem Almtcafé an.

Die gleiche Anzahl von Sitzgelegenheiten

befindet sich im Außenbereich, zwischen

Boxenlaufstall, Kälbern, Streichelzoo und

Spielplatz. „Beim Kuchenessen kann man

die Tiere beobachten. Wenn die Eltern in

Ruhe Kaffee trinken möchten, haben sie

ihre spielenden und tobenden Kinder im-

Foto: Homann

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Betriebsspiegel

dlz Leben

Bauerngolf kann beschrieben werden als eine besondere Art des Golfspiels oder XXL-Minigolf.

Foto: Homann

Hauke Pein (27): Abschluss Bachelor of

Science, managet den Milchviehbereich.

Der Junglandwirt bildet aus.

Eltern: Maren (55), Hauswirtschaftsmeisterin

und Jürgen Pein (59), Landwirtschaftsmeister,

leiten das Bauernhofcafé vom

Almthof.

Aussiedlungsbetrieb: Milchvieh, 200 Holsteiner

Schwarzbunte mit 9.300 kg Leistung,

weibliche Kälber werden behalten,

Jungviehaufzucht ist ausgelagert.

Stallbau: 2002, Kühe werden in zwei

Außenklimaställen gehalten; Melkkarussell

mit 20 Plätzen.

Gastronomie: Nebengebäude 2003 gebaut,

heute Hofcafé,

Wohnhaus 2011 gebaut.

Fläche: 110 ha Nutzfläche, davon 38 ha

Ackerfläche, 72 ha Grünland.

Im Almthofcafé finden 120 Gäste Platz. Genauso viele Sitzplätze befinden sich im Außenbereich,

mit direktem Blick auf Kühe und Kälber.

mer im Blick“, erklärt Maren Pein. Erklärtes

Ziel von Familie Pein ist, den Besuchern

einen modern wirtschaftenden Betrieb mit

großen Stallungen zu zeigen. „Wir zeigen

alles: das Melken, das Füttern, die Kälberiglos,

selbst bei der Geburt eines Kalbs lassen

sich die Kühe nicht aus der Ruhe bringen“,

erklärt Jürgen Pein. „Und im Melkkarussell

kann es bei 50 Zuschauern auch schon mal

eng werden“, ergänzt Hauke Pein schmunzelnd.

Dazu ist eigens ein Tunnel gebaut

worden, damit man beim Melken ungestört

in das Karussell gelangen kann. Die Kühe

haben sich an die Menschenmengen gewöhnt.

Die Milchleistung ist entgegen den

dlz agrarmagazin ◾ April 2013

Prognosen der Berater nicht gefallen. „Ein

großer moderner Milchviehbetrieb mit viel

Publikumsverkehr muss kein Widerspruch

sein.“ Verbraucheraufklärung hat sich Familie

Pein zur Lebensaufgabe gemacht. Sie

steht immer mit Rat und Tat zur Verfügung.

Zusätzlich informieren zahlreiche Plakate

und Lehrpfade über artgerechte Tierhaltung,

Fütterung und Milchproduktion. „Da

muss einfach die ganze Familie dahinterstehen.

Es muss auch zu einem passen; das

kann nicht jeder. Es ist halt Typsache“, ist

Maren Pein überzeugt. Im Gegensatz zu

vielen anderen Erlebnishöfen wird hier alltäglich

Milch produziert. „Das ist nach wie

Foto: Homann

vor unser Hauptstandbein“, erklärt Hauke

Pein. Die Verknüpfung Landwirtschaft,

Erlebnis und Gastronomie funktioniert

aber vorbildlich. „An manchen Sonntagen

haben wir über 1.000 Besucher, jede Woche

rund acht Kindergeburtstage und ein bis

zwei Schulklassenbesuche“, berichtet Maren

Pein mit Stolz. An 200 Tagen kommen

Peins so auf 40.000 Besucher. Ein Highlight

sei der Erntedankumzug mit durchschnittlich

5.000 Besuchern. „Der September ist

hier der besucherstärkste Monat“, weiß die

Hauswirtschaftsmeisterin.

„Drei Viertel der Besucher sind Familien

aus der Metropolregion Hamburg“,

berichtet Jungunternehmer Pein. Seine

Bachelorarbeit im Studiengang Agrarwissenschaften

in Rendsburg widmete

Hauke Pein dem Betrieb, hier dem Thema

„Milchviehbetrieb und Tourismus“. Fazit:

Die Besucher seien sehr interessiert. Sie

wollen mehr über die Herkunft und Entstehung

von Lebensmitteln wissen. „Unser

Betrieb hat hier einen idealen Standort“, ist

Jungunternehmer Hauke Pein überzeugt.

Vor den Toren Hamburgs im Süden von

Schleswig-Holstein treffe man auf viele

junge Familien.

Sprung ins kalte Wasser

Direkt nach dem tudiumabschluss vor

zwei Jahren übernahm er den Betrieb

und stockte die Kühe auf 200 Tiere auf.

Die Jungviehaufzucht wurde ausgelagert

– auch ein Ergebnis seiner Bachelorarbeit.

Auf der alten Hofstelle im Dorf wohnen

heute die Großeltern und die Auszubildenden

von Hauke Pein. Er selbst hat seine

Wohnung über dem Hofcafé. Seine Eltern

wohnen im „Altenteilerhaus“, dass neben


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Stall und Café erst im vergangenen Jahr

fertig gestellt wurde. „In diesen zwei Jahren

ist einfach eine ganze Menge passiert:

mehr Kühe, Optimierung des Hofcafés,

Ausbau der Wohnung, eine Menge Investitionen

und das erste Mal Auszubildende

– da blieb keine Zeit zum Nachdenken.

Rückblickend war das aber schon ein

ganz mächtiger Sprung ins kalte Wasser.

Im Studium konnte man eine vermasselte

Prüfung wiederholen. Das geht in der

Realität nicht. Da muss man sehen, was

man daraus macht“, schildert der junge

Landwirt, stolz, die Verantwortung gemeistert

zu haben.

Golfen mit Holzschuh

Auf dem Almthof dreht sich alles vorrangig

um Kühe und Milchproduktion.

Doch auch der Part Erlebnis wird ständig

entwickelt. Neben der Gastronomie gibt es

eine Strohburg, einen Abenteuerspielplatz,

einen Streichelzoo, Treckerrundfahrten

und im Sommer ein Maislabyrinth. Als

weitere Attraktion haben sich Peins einen

Bauerngolfplatz eingerichtet. Bauerngolf

ist die originelle Variante des bekannten

Golfspiels. Gespielt wird auf der grünen

Wiese in freier Natur. Die Anlage umfasst

10 Holes (Löcher) auf circa 2,5 ha Wiese.

Das Besondere an Bauerngolf sind diverse

Hindernisse aus dem Bauernhofalltag wie

Kühe oder Maschinen, die es mit dem

Ball zu überwinden gilt, bevor eingelocht

wird. Gespielt wird mit einem Schläger,

holländischer Holzschuh mit Holzstiel,

und einem Minifußball. Der Ball muss so

geschickt über den Platz geschlagen werden,

dass man ihn mit möglichst wenigen

Schlägen in den Holes (Löchern) versenkt.

Die Löcher sind mit nummerierten Fahnen

gekennzeichnet.

Das Feedback von Besuchern, Medien

und auch Berufskollegen beweist Hauke

Pein, dass das Konzept Landwirtschaft,

Erlebnis und Gastronomie Früchte trägt.

Die Öffentlichkeitsarbeit hat sich Familie

Pein schon seit Jahren auf die Fahne geschrieben.

Erst in den vergangenen Jahren

optimierte die Familie ihr Fachwissen:

Hauke Pein eher in Richtung Produktionstechnik

und Maren Pein in Dingen

wie Kommunikation, Präsentation und

Bauernhofpädagogik.

Zurück zur Zukunft anderer Junglandwirte:

Hauke Pein ist überzeugt, dass auch

andere Landwirte von seiner Idee profitieren.

Ohne Weiteres sei das Konzept aber

nicht auf andere Höfe übertragbar. „Das ist

nicht für jeden etwas. Es kostet viel Zeit,

man gibt eine Menge von sich preis und

manchmal braucht man bei hartnäckigen

Besuchern oder kritischen Stimmen auch

schon mal ein dickes Fell.“ kh

Eigens für die Konzeptvorstellung in Brüssel hat Familie Pein ein Plakat erstellt, um den

Erlebnisbauernhof und das Hofcafé vorzustellen.

Der ganze Hof ist ein gläserner Betrieb. Und die Besucher schauen sich gerne an, wie

moderne Landwirtschaft funktioniert.

EU-Parlament setzt auf Jungbauern-Ideen

Die Landwirtschaft in Europa plagen

Nachwuchssorgen. Dazu kommt, dass

die Agrarkommission durch ihre Vorschläge

zur GAP-Reform zusätzliche Umweltauflagen

fordert. Gerade junge Landwirte sehen hier

keine Klarheit. Düstere Aussichten, die eher

abschreckend wirken.

In Deutschland halten sich die Nachwuchssorgen

noch in Grenzen: „Bei uns kommen auf

einen Landwirt unter 30 drei bis vier Landwirte

über 50“, weiß Hauke Pein. In Spanien sei das

Verhältnis 1 zu 20. Nur noch sechs Prozent

der Landwirte in Europa seien jünger als 35,

während 30 Prozent älter als 65 seien. Hier soll

Abhilfe geschaffen werden: Beim ersten Europäischen

Kongress für Junglandwirt in Brüssel,

bei dem verschiedene Innovationspreise ausgelobt

wurden, möchte man die jungen Menschen

motivieren, Landwirtschaft zu lernen und ihre

Betriebe weiterzuführen.

Foto: Homann

Foto: Homann

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