Zeitmacher 30.1.14

ariane78

Prolog

Er war völlig durchnässt, die Haare klebten an seinem Kopf,

die Hose hing zerrissen herunter, die Schnürsenkel fehlten seinen

Schuhen und das schlechte Gewissen gegenüber seiner Frau und den

Kindern, trieb ihn zur schieren Verzweiflung, einer Verzweiflung,

die ihn innerlich zerfraß. Wieder einmal, wie fast täglich stand

er mit leeren Händen da und wusste nicht, wie er dies den Seinen

erklären sollte. Langsam öffnete er die Tür.

»Hast du was bekommen Juri?«

»Nein Anna, nichts.« Als ich um zwei Uhr morgens ankam, war

die Schlange schon über hundert Meter lang und um sechs Uhr

morgens gabs kein Brot mehr.

»Was soll ich denn nur den Kindern sagen, sie hungern seit

Tagen?«

»Ich weiß es nicht, aber so kann es nicht weitergehen.

Irgendetwas muss geschehen, und zwar bald.«

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Boris Michailow 1916 -1945

Wie ein riesiges undurchlässiges Tuch lag der Dunst über der

Stadt und drückte die kohlegeschwängerten Gase der Großindustrie

ins Innere der Häuser. Es schien, als sei gar nichts mehr in

Ordnung, als Boris Michailow im Frühjahr 1916 in St. Petersburg

in seiner Werkstatt saß, und seinen neuesten Chronometer

betrachtete, den er eben fertig zusammengebaut hatte. Plötzlich

zerbarst eine Fensterscheibe und ein in ein Papier eingewickelter

Stein lag vor ihm. Vorsichtig griff er danach, wickelte den Stein

aus und erblickte Geschriebenes. Er klemmte das Monokel vors Auge

und las: Ihr solltet allesamt vor die Hunde gehen. Angst hing in

der Luft und sie schien mit riesigen Tentakeln nach ihm zu

greifen. Er kam sich vor wie auf einem Vulkan sitzend, in dessen

Innerem es brodelt und dampft und die Eruption kurz bevorsteht.

Aber noch konnte er sich retten.

Seit 1914 hieß die Stadt eigentlich Petrograd, aber damit

wollte sich niemand so richtig anfreunden, auch Boris nicht.

Obwohl er über vierhundert Mitarbeiter beschäftigte, ließ er

es sich nicht nehmen, ab und zu selbst Hand anzulegen. Die

Uhrenmanufaktur der Michailows war denn auch die größte im ganzen

Zarenreich und wurde bereits zu seines Vaters Zeiten zur

Hofmanufaktur ernannt, worin sich neben der hervorragenden

Qualität, auch ihr Erfolg begründete.

Nicht der Krieg allein, der im Zarenreich wütete, machte Boris

Angst, sondern vor allem die politische Instabilität im eigenen

Lande. In fast ganz Europa dominierte der Adel und spuckte

verächtlich auf die kleinen Leute. Eine Obrigkeit, die nicht auf

Grund ihres Könnens oder der Intelligenz das Sagen hatte, sondern

allein ihrer Herkunft wegen. Boris machte nicht den Fehler, wie

viele seiner Landsleute, die Bolschewiken, und die damit

einhergehenden Unruhen, zu unterschätzen. Die dauernden Streiks,

die größtenteils auf ihr Konto gingen, ließen jedoch die

Unzufriedenheit der Bevölkerung klar zu Tage treten. Eine

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Unzufriedenheit, die Boris durchaus nachvollziehen konnte, war er

doch einer von wenigen, die in ihrem eigenen Haus Ordnung

geschaffen, und das Wohl der Arbeiter an erste Stelle stellten,

was sich auch auszahlte, so glaubte er jedenfalls.

Er wusste nur zu genau, wie es um das Los der Arbeiter

bestellt war, und führte deshalb bereits 1910 die Fünfzigstundenund

Fünftagewoche ein, obwohl er von allen Seiten dafür belächelt

wurde. Vielfach bezeichnete man ihn sogar als Verräter an der

herrschenden Klasse, was ihn zum Außenseiter machte. Doch jeden,

der für die Michailows arbeiten durfte, erfüllte dies mit

besonderem Stolz.

Da die Automation, besonders im Uhrenhandwerk, noch in den

Kinderschuhen steckte, beschäftigten die Michailows praktisch

ausschließlich gut ausgebildete Facharbeiter, welche an ihren

Tischen mit den runden Ausschnitten und Lupen auf der Stirn, Uhr

für Uhr herstellten. Jedes einzelne Teil wurde von Hand

gefertigt, und so dauerte es oft Wochen, bis eine fertige Uhr die

Manufaktur verlassen konnte.

Boris war nie selbst politisch aktiv, aber er verfolgte die

Entwicklung mit Argusaugen, vielleicht mehr, als ein

eingefleischter Politiker, oder wie auch immer sich die führenden

Köpfe dieser Zeit nannten. Er führte auch viele Gespräche, sowohl

mit Arbeitern, wie mit angesehenen Leuten, und konnte sich

deshalb durchaus ein Bild der momentanen Lage machen. Gleichwohl

musste er Vorsicht walten lassen, denn die gefürchtete

Geheimpolizei des Zaren hatte ihre Ohren überall. Er wusste, dass

auf jeder Veranstaltung, die er besuchte, des Zaren Spitzel

eingeschleust waren und es vernünftiger schien, nicht jedermann

mit der schrecklichen Wahrheit zu konfrontieren. Eins jedoch sah

er genau, so konnte es keinesfalls weitergehen, sonst würde

Mütterchen Russland einen gewaltsamen Tod erleiden.

Boris war davon überzeugt, dass die Tage des Zaren gezählt

waren, mochte sich dieser auch noch so dagegen zur Wehr setzen,

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denn mit schöner Regelmäßigkeit, schlüpften die Aufmüpfigen immer

öfter durch die Maschen der so gefürchteten Geheimpolizei. Auch

das Zauberwort Sibirien, schien diese Leute nicht abzuschrecken,

ihren Forderungen Nachdruck zu verleihen. Es wurden verschiedene

Untergrundorganisationen gegründet, denen die Geheimpolizei nur

schlecht beikam, und wenn sie es dennoch schaffte, entstand

gleich eine neue Zelle. Die Wirren des Krieges schickten denn

auch Wasser auf die Mühlen dieser Oppositionellen, die an der

mittlerweile dreihundertjährigen Diktatur der Romanows, kein

gutes Haar ließen. Auch sein eigenes Haus war schon

verschiedentlich Ziel von Attacken, und so jede Woche, mussten

auch wieder einmal ein paar Fensterscheiben ersetzt werden. Der

Pöbel ging sogar so weit, gewaltsam ins Haus einzudringen, aber

Boris konnte dies bisher, dank seiner vier Wachleute, verhindern.

Sorgen bereiteten ihm aber auch seine über vierhundert

Mitarbeiter, die er beschäftigte und ihre Familien, die dahinter

standen und deren Broterwerb er begründete. Viele von ihnen

verdankten ihm ihren bescheidenen Wohlstand und Boris war immer

darauf bedacht, diesen zu mehren.

Er hatte das von seinem Vater gegründete Unternehmen in den

letzten Jahren kontinuierlich ausgebaut, und es gehörte zu

St.Petersburg wie eine Institution. Er unterhielt zwei Werke. Im

ersten wurden Taschenuhren, im anderen Wand- und Tischuhren

gefertigt. Jeder in St. Petersburg, der es sich leisten konnte,

war stolz darauf, eine Michailow Uhr zu besitzen. Gerade in den

letzten beiden Jahren vervielfachte sich der Absatz seiner Uhren,

während die Arbeiter und Bauern unter massiver Teuerung litten.

Überhaupt stieg die Nachfrage für Luxusgüter seit Beginn des

Krieges.

Dies alles drohte jetzt den Bach runter zu gehen und nur wegen

ein paar unverbesserlicher Fanatiker, die mit ihren

unrealistischen Parolen das Volk aufhetzten. Bereits bei den

Unruhen 1905, schlugen einige kluge Köpfe dem Zaren vor, dringend

Reformen einzuleiten, was dieser mit seiner dummen Arroganz mit

schöner Regelmäßigkeit abwürgte, und er in dieser Ansicht bei

vielen Speichelleckern noch Unterstützung fand.

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Sein Vater war wegen seiner Verdienste 1872 vom Zaren geadelt

worden, und ein Michailow zu sein, bedeutete fortan etwas, aber

wie lange noch? Boris dachte nicht daran, sich künftig sein Leben

von einer Horde grenzenloser Fanatiker und Barbaren diktieren zu

lassen, und er hielt auch nichts von Klassenkämpfen, da ihm dies

wider die menschliche Natur ging.

Auch er hatte die Thesen von Karl Marx gelesen und konnte sich

mit einigen Passagen durchaus anfreunden, doch entstand bei ihm

die feste Überzeugung, dass dieses Manifest, in den Händen dieser

Fanatiker, mehr Schaden anrichtet, besonders, wenn es falsch

ausgelegt wurde, und dass genau dies geschehen konnte, dessen war

er sich sicher.

So saß er nun da und überlegte, in diesem Labyrinth den

Ausgang zu finden, ohne allzu viel Not und Bitterkeit in seinem

Innern zu hinterlassen. Sein Vater hatte 1905 das Zeitliche

gesegnet, und seither führte Boris das Unternehmen im Alleingang,

denn Brüder hatte er keine, nur zwei Schwestern und Frauen wurden

nicht zur Nachfolge zugelassen.

Boris war jetzt sechsunddreißig. Er fing damals gleich nach

der Schule im Betrieb seines Vaters an und lernte das

Uhrmacherhandwerk von der Pike auf. 1902 schickte ihn sein Vater

für zwei Jahre in die Schweiz, um von den dortigen Größen zu

lernen, und seine Fertigkeit zu perfektionieren, und er erwog den

Gedanken, genau dorthin zurückzukehren, weil er wusste, dass er

den dortigen Koryphäen in keinster Weise nachstand, weder in

puncto Kreativität noch Exaktheit. Die Reise war schon damals

beschwerlich, und Boris wagte nicht daran zu denken, wie diese

inmitten der hässlichen Kriegswirren verlaufen würde.

Und da war auch noch seine Frau Olga, die so sehr in den

adligen Festivitäten aufging, welche fast täglich stattfanden und

nicht davon wegzulocken war, ohne dass man sie gewaltsam von

diesen Wurzeln trennte, und genau dies wollte er tunlichst

vermeiden. Jedes Gespräch, welches in diese Richtung lief, wurde

von Olga jeweils durch einen heftigen Weinkrampf unterbrochen,

sie wehrte sich, wie wenn es ihr Leben zu verteidigen galt. Doch

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Boris war sich sicher, dass er handeln musste, wenn er das

Lebenswerk seines Vaters, welches mittlerweile auch sein eigenes

war, retten wollte.

Auf eben einem dieser Feste hatte er Olga 1908 kennengelernt.

Sie war die Tochter eines Grafen, der in den Diensten des Zaren

stand, und es gereichte Boris zur Ehre, ihr den Hof machen zu

dürfen, insbesondere weil sie auch noch ein anmutiges Äußeres

besaß. Es stellte sich dann heraus, dass hinter der Fassade des

adligen Geschlechtes nichts weiter steckte, als dauernde

Geldnöte, in denen Olgas Vater zu versinken drohte und schon bald

war sonnenklar, wer hier die gute Partie machen würde. Die

Mitgift fiel denn auch mehr als bescheiden aus und kaum

erwähnenswert, als er Olga 1911 vor den Traualtar führte, denn

das Haus des Grafen stand vor der Zwangsversteigerung und konnte

nur mit Boris Mitteln gerettet werden. Der feine Herr kam dann

auch des Öfteren bettelnd angekrochen wie ein Hund, der gerade

eine Tracht Prügel bezogen hatte.

1913 wurde Olga schließlich schwanger und gebar ihm anfangs

1914 einen Sohn, den sie Boris nannten. Dank dem Geld von Boris,

wurde der Kleine gleich in die Obhut eines Kindermädchens

gebracht, damit Olga weiter ihren so wichtigen gesellschaftlichen

Verpflichtungen, wie sie es nannte, nachgehen konnte. Jeden

Morgen aalte sie sich in ihrem Bett wie eine göttliche Diva, bis

man ihr zwischen zehn und halb elf den Tee servierte, den sie

achtlos hinunterstürzte, um sich danach von einer Zofe, in ihre

bereiften Kleider helfen zu lassen, Kleider, die sie sich ohne

Boris gar nicht hätte leisten können. Nach dem Mittagessen,

welches gegen ein Uhr eingenommen wurde, ging das Ganze dann

wieder von vorne los. Auch die Finanzen des Grafen schienen sich

vorerst zu erholen, um drei Jahre später wieder vor dem Abgrund

zu stehen, aber trotz Zureden von Olga, konnte dieser kein

zweites Mal mit Boris Hilfe rechnen.

***

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Igor Kapajev war ein Mann von kleiner Statur mit üblichem

Respektbalken unter der Nase, den er des Nachts immer unter einer

Binde versteckte. Mit seinen stechenden Augen, konnte er seine

Diskussionspartner regelrecht löchern, und sie förmlich zu

Zugeständnissen zwingen. Er wuchs mit drei Schwestern wohlbehütet

auf, und galt als besonders cleverer Geschäftsmann, der auch

Neuerungen keineswegs ablehnend gegenüberstand. Gleich Boris

hatte auch er die Firma seines Vaters übernommen, ein großes

Werk, welches Lokomotiven und Eisenbahnwaggons herstellte, und

deren Nachfrage nach Ausbruch des Krieges ständig stieg. Die

Armee des Zaren verfügte über die erstaunliche Anzahl von sechs

Millionen Mann und diese mussten irgendwie an die Front gelangen.

Sein Werk wurde von immer wiederkehrenden Streiks heimgesucht und

die Lösung dieses Problems bestand darin, dass man die

streikenden Arbeiter kurzerhand an die Front schickte, und sie

damit den deutschen Kanonen zum Fraß vorwarf. Außer der

zahlenmäßigen Überlegenheit hatte die russische Armee denn auch

nichts vorzuweisen, was sie auch nur im Entferntesten

berechtigte, in diesem fürchterlichen Krieg mitzumischen. Nur ein

kleiner Bruchteil der Soldaten verfügte überhaupt über eine

soldatische Ausbildung. Die Waffen, die sie benutzten, waren

veraltet, litten großteils an Ladehemmungen und die Kanonen

gehörten bestenfalls ins nächste Museum. Dazu kamen die

Offiziere, die schon allein ihrer Herkunft wegen, seit Geburt

diesen Titel trugen und vom Kriegshandwerk so viel verstanden,

wie ein Bauer vom Rosenzüchten. Das Problem wurde dadurch gelöst,

indem man Soldaten, welche die stumpfsinnigen Befehle

missachteten, kurzerhand erschoss oder an den nächsten Galgen

hängte. Wer also nicht unter feindlichen Kugeln erstickte, wurde

von den eigenen Leuten beseitigt. Zu allem Übel waren es immer

wieder Igors beste Arbeiter, die auf diesem Weg an die Front

kamen, und so bekundete er bald einmal größte Mühe, die

geforderte Produktion aufrechtzuerhalten.

Seit 1913 war er Mitglied der Duma, einer grauenhaften

Ansammlung arroganter Zeitgenossen, und dort dem liberalen Flügel

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zugehörig. Igor war kein Anhänger des Zaren, dessen

unvorstellbare Ignoranz und Dummheit er hasste. Trotzdem fühlte

er sich der herrschenden Oberschicht näher, als seinen Arbeitern.

Sein bester Freund war Boris, der auch einer der Einzigen war,

der ihm die Stirn bot. Aber er glaubte sich sicher, dass nichts

von den nächtelangen Diskussionen, die sie pflegten, je nach

außen drang. Seit dem Aufstand 1905, der so blutig

niedergeschlagen wurde, hatte der Zar seine Geheimpolizei, und

insbesondere sein Spitzelnetz, beträchtlich ausgebaut, sodass es

sogar in der Oberschicht immer schwieriger wurde, ein offenes

Wort zu wechseln.

Igor teilte Boris‘ Ansicht, dass das letzte Stündchen des

ungeliebten Herrschers längst geschlagen hatte, teilte aber

dessen Meinung mit der drohenden Anarchie für Mütterchen Russland

nicht. Für ihn war klar, die Macht im Staate würde von einer

Gruppe intelligenter Köpfe übernommen, wenn denn der Zar einmal

entfernt wäre und die Oberschicht ließe sich das Zepter nicht so

einfach aus der Hand nehmen.

Igor war der einzige Außenstehende, der von Boris‘ Plänen

wusste und dieses Vorhaben, gab immer wieder Anlass zu

kontroversen Diskussionen der beiden. Immerhin folgte er Boris,

indem er die Fünfzigstundenwoche einführte, und staunte, dass die

Streiks im gleichen Moment stark nachließen. Diese Tatsache

bekräftigte ihn, sich inskünftig vermehrt für Reformen

einzusetzen, mit denen er aber in der Duma gegen Windmühlen

kämpfte. Hinzu kam der Umstand, dass der Zar das Parlament

kurzerhand aufzulösen pflegte, wenn sich dieses wiedereinmal

allzu reformfreudig zeigte. In einem Punkt schien er sich mit

Boris einig, der Zar musste weg, um den Fortbestand von Russland

zu sichern, doch die Gefahr, die darin bestand, verschloss sich

seinem geistigen Auge und den Argumenten seines Freundes. So war

es denn keineswegs verwunderlich, dass Igor die Pläne von Boris

ins Reich der Absurdität verwies.

Am Freitag dem 19. Mai 1916 geschah dann das Unfassbare. Igor

war auf dem Weg zu seinem Werk, als er hinter sich Schritte

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hörte. Er schaute sich um und sah zehn Männer, angeführt von

einem Sergeanten, allesamt mit Schlagstöcken und Gewehren

bewaffnet. Igor stellte sich ihnen in den Weg.

»Was wollt ihr auf dem Werksgelände?«, fragte er den Anführer.

»Das geht Euch einen Scheißdreck an!«, murrte der Sergeant.

»Und ob mich das was angeht. Das ist mein Gelände und ihr

haben hier nichts zu suchen.«

»Wir suchen vier Deserteure, und die sind hier gesehen

worden.«

»Und wer sagt euch, dass es Deserteure sind?«

»Das wissen wir.«

Igor wusste, dass er vor drei Tagen vier ehemalige Arbeiter

eingestellt hatte, die 1915 von der Armee eingezogen wurden,

Männer, die seit Jahren für ihn arbeiteten. In der Märzoffensive

1916 waren sie von ihren Offizieren, mit der Pistole im Rücken,

auf den Feind gehetzt worden. Längst hatte man aufgehört, die

Gefallenen und Verletzten dieser unbeschreiblich arroganten

Dummheit zu zählen. Er beschloss sie nicht einfach kampflos dem

Galgen preiszugeben, da sich die Stimmen mehrten, diesen Krieg,

der nie gewonnen werden konnte, zu beenden.

»Auf diesem Gelände sind nur mir bekannte Arbeiter und jetzt

verschwindet.«

»Tut mir leid, wir müssen das Werk durchsuchen. Geht aus dem

Weg.«

Doch Igor dachte gar nicht daran den Weg freizumachen und

stellte sich demonstrativ vor den Polizisten.

»Ich sage es jetzt zum letzten Mal, aus dem Weg.«

Igor wusste um seine kleine Statur, und dass er damit nicht

viel Eindruck schinden konnte, trat aber keinen Schritt beiseite.

Noch ehe er sich's versah, schlug der Polizist ihm den Knüppel

über den Schädel. Igor schrie auf, sackte zusammen und sah gerade

noch, wie der Trupp in seinem Werk verschwand. Langsam rappelte

er sich auf und machte sich auf den Weg zum Eingang. Sein Kopf

schmerzte entsetzlich, er blutete und sein Gesicht war voll

Kohlestaub. Er öffnete die Tür und lautes Geschrei drang an seine

Ohren. Etwa zwanzig Männer stellten sich den Polizisten entgegen,

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doch diese fackelten nicht lange. Sie entsicherten ihre Gewehre

und begannen auf die Männer zu schießen und nach kurzer Zeit

lagen acht blutend am Boden. Die Restlichen wurden

zusammengetrieben und abgeführt.

Was Igor aber am meisten nervte, war, dass er nichts tun

konnte. Ohnmächtig musste er zusehen, wie seine Männer kaltblütig

erschossen wurden, und was mit den anderen passierte, konnte er

sich denken. Traurig und irritiert setzte er sich in sein Büro

und dachte nach. Es muss doch einen Weg geben, diesem Irrsinn

Einhalt zu gebieten? Die Idee, die er in der Folge hatte, sollte

sein Leben verändern.

***

Im Sommer 1904, kurz nach seiner Rückkehr aus der Schweiz,

gebar Boris eine Idee besonderer Art. Es handelte sich eine Uhr,

die man am Handgelenk tragen konnte. So ein kleines und flaches

Uhrwerk zu bauen, erforderte sein ganzes Geschick, aber er war

bereits damals überzeugt, auf dem richtigen Weg zu sein. Er

packte die zwei Uhren in eine Schatulle, die er eigens dafür

gefertigt hatte, und machte sich damit auf den Weg zum Hof.

Normalerweise müsste der Zar eigentlich Zeit haben, denn außer

Schwimmen und einfältige Sätze in sein Tagebuch zu schreiben, die

gewöhnlich aus drei Worten bestanden, wie er aus Hofkreisen

erfahren hatte, tat dieser Zar eigentlich den ganzen Tag nichts.

Da er ein gern gesehener Gast am Hofe war, bereitete es ihm keine

Mühe, an den Palastwachen vorbeizukommen. Mit eiligen Schritten

stieg er die breite Treppe empor, als ihm die Zarin begegnete. Er

verneigte sich.

»Was führt Euch denn her mein lieber Boris?«, fragte die

Zarin. Sie war eine hessische Prinzessin, die es an den

russischen Hof schaffte und dies mit Sicherheit nicht ihrer

Klugheit wegen, denn sie war noch dümmer als der Zar selbst. Ihr

geistiger Horizont schaffte es gerade mal bis zu ihren

Augenwimpern.

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»Ich möchte gern den Zaren sprechen, ob er vielleicht Zeit

hat?«

»Ich glaube das lässt sich einrichten, was habt Ihr denn

Schönes?«

»Ach, nur eine neue Uhr.«

Jetzt war das Interesse der Zarin geweckt, denn sie liebte

Schmuck über alles und Uhren gehörten zweifellos dazu. Boris

öffnete die Schatulle in der sich eine Damen- und

Herrenarmbanduhr befanden. Die Zarin begann zu kichern wie ein

kleines Mädchen, dem man ein paar Süßigkeiten vor die Nase hielt.

»Sind die schön«, kam es über ihre Lippen. »Wo trägt man denn

sowas?«

Wahrscheinlich um den Hals, dachte Boris, riss sich aber im

letzten Moment zusammen und sagte: »Ums Handgelenk«

»Ums Handgelenk?«, echote die Zarin, »darauf wäre ich nie

gekommen. Ihr meint wie ein Armband?«

Wie blöd ist diese Person eigentlich, dachte Boris, ließ sich

aber nichts anmerken. Die Zarin nahm die kleinere der beiden

Uhren heraus und hielt sie sich ans Handgelenk.

»Darf ich Durchlaucht helfen«, fragte Boris.

»Ja, bitte.«

Boris hatte bei beiden Uhren Lederarmbänder verwendet und

plötzlich fragte die Zarin. »Könnte man hier nicht Goldarmbänder

montieren?

»Sicher«, meinte Boris, »es sind ja auch nur Muster, die

zeigen sollen, dass man eine Uhr auch am Handgelenk tragen kann.«

»Ach so«, meinte die Zarin. Sie behielt die Uhr an ihrem

Handgelenk, wie wenn sie bereits ihr Eigentum wäre, und bat

Boris, ihr zu folgen. Nach einer weiteren Treppe standen sie vor

einer großen mit Ornamenten verzierten Tür, durch die gut und

gern ein ganzes Pferdefuhrwerk gepasst hätte, und die Zarin

öffnete. Der Zar saß an einem kleinen Schreibtisch und schrieb

wahrscheinlich etwas über seine morgendlichen Befindlichkeiten in

sein ominöses Tagebuch. Er blickte auf und sagte:

»Oh, Ihr mein lieber Boris. Was führt Euch zu mir?«

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Boris machte die obligate Verbeugung und näherte sich in

gebückter Haltung dem Schreibtisch. Die Zarin stand daneben und

besah sich die Uhr an ihrem Arm.

»Ich möchte Durchlaucht eine neue Erfindung präsentieren.«

»Oh, da bin ich aber gespannt, was ist es denn?«

Boris öffnete die Schatulle und entnahm ihr die große Uhr. Der

Zar war zwar ein kleines bisschen klüger als seine Frau, aber

Boris machte sich keine Illusionen. »Das ist eine Uhr, die man am

Armgelenk tragen kann.«

»Und wofür soll das gut sein?«

»Damit Ihr nicht immer in die Tasche greifen müsst.«

»Ah«, meinte der Zar und plötzlich fing er, lauthals an zu

lachen.

Als er sich etwas erholt hatte, sagte er: »Also ich weiß nicht

lieber Boris. Ist das nicht eher etwas für Weiber? Ich glaube

nicht, dass ich so etwas tragen würde.«

So verschwanden die zwei Uhren wieder in der Schatulle,

vorerst jedenfalls. Er dachte nicht daran, sich einzig auf das

Urteil des Zaren zu verlassen, die Zeiten würden sich schnell

genug ändern.

Doch erst 1914, zu Beginn des Krieges sollte seine Idee

Anklang finden. Es waren vor allem die Offiziere, die den

praktischen Nutzen erkannten und ihm alsdann die Bude einrannten.

Boris bekundete größte Mühe, die Nachfrage zu befriedigen, denn

sogar der Zar, der vor zehn Jahren das Projekt belächelte, war

mittlerweile Anhänger der Armbanduhr.

***

Seiner Idee folgend, setzte Igor sein Vorhaben in die Tat um.

Er dachte nicht einmal daran, diesen Vorfall so einfach

hinzunehmen. Als Geschäftsmann verfügte er über genügend

Beziehungen, um sich Waffen zu besorgen und genau dies tat er

auch. Bereits zwei Tage später wurden unter der Plane eines

Heuwagens, verdeckt mit Kartoffeln, fünfzig Gewehre samt Munition

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geliefert. Zwar hatte er dem Zaren einen Beschwerdebrief gesandt,

doch Igor dachte nicht daran, auf eine Antwort zu warten, die

sowieso nicht erfolgen würde. Einer seiner Vorarbeiter hiess Juri

Antanow und genau den wollte er damit beauftragen, eine

schlagkräftige Truppe zusammenzustellen. Während seinen

Studienjahren in England schnappte er auf, dass verschiedene

englische Großbetriebe so eine Art Werkschutz hatten und genau so

etwas schwebte ihm nun vor. Er bat seine Sekretärin, Juri Antanow

zu rufen, der drei Minuten später eintraf.

»Nehmt Platz.«

Juri setzte sich ihm gegenüber und eine Mischung aus Schweiß

und verbrannter Kohle beleidigte Igors Nase. Der Dreck seiner

Tätigkeit bedeckte ihn von Kopf bis Fuß, das Gesicht glänzte ölig

und in seinem Dreitagebart hingen noch die Überreste der letzten

Mahlzeit. Doch Igor fand keine Zeit für Äußerlichkeiten, dafür

war das Thema zu brisant.

»Ich möchte verhindern, dass das, was vor drei Tagen passiert

ist, sich wiederholt.«

»Und wie wollt Ihr das anstellen?«

»Ganz einfach. Indem ich fünfzig Mann von euch mit Gewehren

ausstatte, damit ihr jeden Eindringling in Schach halten könnt,

so eine Art Werkschutz.«

»Und wenn wir schießen müssen?«

»Dann wird eben geschossen.«

»Und wenn es die Polizei ist?«

»Dann erst recht. Wer hat denn acht Leichen hinterlassen? Ich

möchte nicht, dass sich das wiederholt.«

»Ihr wisst aber, welchem Risiko Ihr Euch aussetzt, wenn Ihr

uns mit Waffen ausstattet?«

»Ja, das weiß ich, aber es ist bei weitem das kleinere Übel.

Die Gewehre haltet ihr immer griffbereit an eurem Arbeitsplatz.

Ich bin überzeugt, dass Ihr Eure Männer im Griff habt, ich

verlasse mich auf Euch.«

»Alles klar«, sagte Antanow, »und wo sind die Gewehre?«

»Unten steht ein Wagen, oben sind Kartoffeln, die könnt Ihr an

Eure Männer verteilen und darunter sind Gewehre und Munition.

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Sucht Euch dafür Eure besten Leute aus, Männer, zu denen Ihr

vertrauen habt. Das wär's.«

Igor wartete jetzt schon zwei Wochen, von einer Antwort vom

Zaren war er weiter entfernt denn je. Juri bildete wie besprochen

eine Gruppe von fünfzig Mann, die er genauestens instruierte, was

zu tun sei. Es gab in den letzten vierzehn Tagen keine weiteren

Vorfälle, doch Igor traute der Sache nicht. Es klopften dauernd

Männer an, die nach Desertion rochen. Igor konnte sie gut

verstehen, denn er wusste nur zu genau, von was für Idioten das

Offizierskorps beherrscht wurde und gab den Männern bereitwillig

Arbeit. Es verging eine weitere Woche in der nichts geschah.

Dann, Igor wollte gerade nach Hause gehen, kam der gleiche

Sergeant mit zwanzig Mann daher. Igor stellte sich in den

Schatten des kleinen Nebeneingangs und wartete gespannt, was

jetzt geschehen würde. Der Polizeitrupp stand jetzt vor dem

Hauptportal, im Begriff dieses zu öffnen.

Juri sah zur Tür. Er hatte mit seinen Männern ein spezielles

Zeichen vereinbart und hielt es für angebracht, es zu zeigen, als

er den Sergeanten erblickte. Sie hatten dies mehrere Male geübt

und so war es kaum verwunderlich, dass seine Männer in der fast

gleiche Sekunde mit den Gewehren im Anschlag auf die

Polizeitruppe zielten.

»Raus hier«, schrie Juri, »ihr habt hier nichts zu suchen.«

»Ihr werdet doch nicht etwa auf die Polizei schießen?«

»Wenn's denn sein muss«, sagte Juri.

»Woher habt ihr die Gewehre«, fragte der Sergeant.

»Das geht dich einen feuchten Dreck an. Wenn ihr in zehn

Sekunden nicht verschwunden seid, eröffnen wir das Feuer.«

Der Sergeant drehte sich auf dem Absatz und rief: »Das wird

ein Nachspiel geben.«

Igor sah die Polizisten fluchend das Gebäude verlassen, dann

ging er durchs Hauptportal direkt auf Juri zu.

»Hat funktioniert«, sagte er lachend.

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»Ich würde mich nicht zu früh freuen, der Typ ist gefährlich,

ich kenne ihn, er heißt Pulikov. Der schießt auf alles, was sich

ihm in den Weg stellt. Am liebsten hätte ich ihm eine Kugel in

sein dämliches Hirn geblasen. Es wird gewaltigen Ärger geben.«

Seltsamerweise blieb dieses Nachspiel aber aus, vorerst

jedenfalls.

***

Allein oder mit Frau und Kind, er hatte ja mittlerweile auch

einen zweijährigen Sohn, in die Schweiz zu reisen war eine Sache,

ein ganzes Unternehmen dorthin zu verfrachten eine andere, und

das auch noch mitten in einem Krieg, der kein Ende zu nehmen

schien. Er würde einen halben Eisenbahnzug benötigen, um diesem

großen Projekt Herr zu werden, und das Ganze müsste auch noch

ziemlich unauffällig vonstattengehen, denn ganz so einfach würde

ihn der Zar nicht ziehen lassen. Boris hoffte noch immer, dass

endlich dieser verdammte Krieg ein Ende nahm, aber es geschah

nichts dergleichen und nach der verpatzten Märzoffensive der

russischen Truppen, wurde die Sache immer bedrohlicher.

Es lag auch nicht am Geld, denn davon besaß Boris reichlich,

und das ganze Unternehmen würde er verschleiern, indem er vorgab,

im Ausland eine Niederlassung aufzubauen, aber da war eben noch

Olga, die mit keinen Argumenten von hier fortzulocken war. Boris

stand auf und ging in den großen Salon, wo er Olga zu finden

hoffte.

»Olga!«

»Ja, was ist denn?« Wie immer, wenn Boris etwas von ihr

wollte, stand sie da, mit den Händen in die Hüften gestützt.

Ihren Rundungen war das ausschweifende Leben deutlich anzusehen.

Sie sah aus wie eine große Matrjoschka, doch durchaus zeitgemäß

und konnte die Herren der Schöpfung, mit ihren großen, prallen

Brüsten und ihrem fetten Hintern, in eine gewisse Euphorie

versetzen.

»Ich muss mit dir reden.«

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»Das tust du ja gerade.« Sie schaute ihn mit ihren Mandelaugen

abschätzig an und nestelte dabei an der Spange, die sie in ihren

hochgesteckten Haaren trug.

»Ich meine ernsthaft.«

»Redest du sonst nie ernsthaft«, fauchte sie ihn an, »oder

willst du wieder über die Schweiz mit mir reden, dieses

proletarische und todlangweilige Land, in dem es nach

übelriechenden Bauern stinkt? Und falls du es vergessen hast, die

haben diesem Lenin Unterschlupf gewährt, in so ein Land gehe ich

ohnehin nicht. Dorthin kannst du mich bestenfalls als Leiche

transportieren.«

»Möchtest du deine Zukunft lieber in der Schweiz oder in

Sibirien verbringen?«

»Was ist denn das nun wieder für ein Vergleich, du weißt ganz

genau, dass wir Freunde des Zaren sind, und der schickt seine

Vertrauten sicher nicht nach Sibirien.«

»Ich rede auch nicht vom Zaren.«

»Wovon dann?, verdammt noch mal.«

»Von den Bolschewiken, oder hast du ernsthaft das Gefühl,

denen fällt gleich etwas Neues ein, wie sie ungeliebte Leute

wegsperren können?«

»Hör auf mit diesen Analphabeten.«

»Sie mögen Fantasten sein, aber Analphabeten sind sie bestimmt

nicht, und sie sind gefährlich, besonders für Leute wie uns. Wenn

du die Parolen dieses Lenin etwas ernster nehmen würdest,

merktest du schnell, woher der Wind pfeift, aber du liest sie ja

nicht einmal. Es wird kein Jahr mehr dauern und das Zarenreich

gehört der Vergangenheit an, willst du das denn nicht sehen, bist

du völlig blind? Weder die Arbeiter noch die Bauern werden sich

länger bieten lassen, was mit ihnen geschieht. Deine Feste kannst

du dir dann jedenfalls an den Hut stecken.«

»Ich bin nicht blind, aber der Zar hat etwas zu verlieren, und

seine Polizei wird das schon richten, das hat sie bisher immer

getan. Um einen Umsturz anzuzetteln, dafür braucht man Geld, und

genau das haben diese Leute nicht. Im Notfall ist immer noch die

Armee da.«

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»Wenn du dich da mal nicht irrst? Und apropos Geld. Der Lenin

wird es von den Deutschen kriegen, denn die sind an jeder

Schwächung des Zaren interessiert, um den Krieg zu gewinnen.«

»Das Zarenreich ist jetzt dreihundert Jahre alt und daran

werden auch deine blöden Bolschewiken und diese dämlichen

Deutschen nichts ändern. Und was den Krieg betrifft, das hat

schon der Napoléon nicht geschafft, sie werden alle elendiglich

im Morast und Schnee versinken.«

»Da irrst du dich meine Liebe. Wo war denn deine Polizei, als

sie uns letzte Woche alle Fensterscheiben einschlugen und ins

Haus eindringen wollten?«

»Das kann schon mal vorkommen, aber die Kerle wurden ja gleich

anschließend verhaftet.«

»Aber es hätte schlimmer kommen können, und ich verlange jetzt

eine verbindliche Antwort von dir.«

»Die hab ich dir schon tausendmal gegeben, und sie wird auch

das tausendundeinte Mal gleich lauten. Hast du dir eigentlich

einmal Gedanken darüber gemacht, was du hier alles aufgibst, das

Lebenswerk deines Vaters? Soll das etwa alles vor die Hunde

gehen, soll unser Sohn einmal leer ausgehen und sein Dasein bei

den Armen fristen? Abgesehen davon wirst du es ohnehin nicht

schaffen, mitten im Krieg in die Schweiz zu ziehen. Die Deutschen

werden dich durch den Fleischwolf drehen, bevor du richtig

hinschaust. Du bist Uhrmacher und kein Abenteurer, hast du das

schon vergessen? Meine Antwort ist ein klares Nein und dabei

bleibt es.«

Und so verliefen diese Gespräche jedes Mal und nichts und

niemand konnte seine Olga überzeugen.

So beschloss er denn in aller Heimlichkeit, alles minutiös

vorzubereiten und auf des Zaren letztes Stündchen zu warten, was

schließlich auch seine Olga überzeugen würde, plötzlich

herrschaftlichen Freuden beraubt.

Sein ganzes Barvermögen transferierte er in diesem Frühjahr

1916, immerhin über achthunderttausend Rubel, in die Schweiz.

Dies war kein leichtes Unterfangen, und er betraute seine engsten

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Mitarbeiter damit, jene, die er auch mitzunehmen gedachte. Aber

es hatte auch den entscheidenden Vorteil, dass diese ihre neue

Heimat kennenlernten. Immer zu zweit unternahmen sie die

beschwerliche Reise, bepackt mit einem Teil des Vermögens. Das

Glück stand ihnen zur Seite, und sie kamen alle durch und wieder

zurück.

Zeitgleich begann er die umfangreichen Ländereien, welche die

Familie besaß, zu veräußern, was ihm nochmals neunhunderttausend

Rubel einbrachte, die er ebenfalls in der Schweiz in Sicherheit

brachte. Boris wusste, dass die Reise mitten durch die von

Kriegswirren gezeichneten Länder, keineswegs ungefährlich war,

und hielt auch einen stolzen Betrag zurück, als mögliche

Bestechungsgelder. Er ließ seine Mitarbeiter immer wieder andere

Routen wählen, um schließlich die Beste zu finden. Dies war

jedoch schier unmöglich, da sich die Fronten andauernd änderten.

Dabei musste er nicht nur die Deutschen fürchten, sondern auch

die Armee des Zaren, der ihm unter diesen Umständen keine Hilfe

sein würde.

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