auszug krise im kopf? - W.I.R.E - The Wire

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auszug krise im kopf? - W.I.R.E - The Wire

MIND

AUSZUG

THE

MIND THE FUTURE abstracts 02/09 KRISE IM KOPF?

FUTURE

abstracts

Mikromagazin für Gegenwartstrends, Fakten und Fiktionen

KRISE IM KOPF?


Über phantastische Ängste, die Schweinegrippe,

das Luxusgut Land und die Mondbestattung.


REVIEW

GEGENWARTSTRENDS

Gesellschaft & Wirtschaft

Demografie

METAMAP

GEGENWARTSTRENDS

Technologie

6 «Die Leute haben

verlernt, zu urteilen»

12 Warum Angst zu

Unrecht negativ

besetzt ist

16

Ende der Evolution?

17 Wahrheit und

Wikipedia

18 Pädagoge statt

Banker

19 Moskito-Ton gegen

Teenager

20 Der Börsenturbo

22 Make Trains not Cars

22 Symbol für die

Finanzkrise

23 Rauchen stimuliert

Wirtschaft

24 Rangliste

der Risiken

S. 37 Kein neues Phänomen:

Musikpiraterie gabs

schon 1897.

26 Dank gläsernen

Patienten sparen?

27 Präzise Prognose

von Pandemien

28 Schöne neue IT-Welt

28 Matrix re-reloaded

S. 12 Wäre es zur Finanzkrise

gekommen, wenn «Helden»

mehr reflektieren würden?


Ökologie &

Ressourcen

Politik

Geschäftsmodelle

FROM FICTION

TO SCIENCE

EMPFEHLUNGEN

Kultur & Gadgets

AGENDA

INHALT


Markierte Artikel: besonders lesenwert

30 Klimasteuerung mit

Geo-Engineering

31 Saubere Kohlekraft?

32 Die Mär vom

«Bio»-Ethanol

33 Ökoroboter

retten Wald

34 Neue Kolonialismus-Gefahr?

36 Telepathie in

US-Armee

36 G2 gegen

Klimawandel

37 Die ersten

Musikpiraten

38 Virtuell Graffiti

sprayen

39 Gesund via Web

39 Ruhe sanft und billig

40 Das blaue Gold

42 Fleisch aus dem Labor

S. 20 Ist das Ende des

Abschwungs in Sicht?


12 REVIEW

DAS SCHLIMMSTE FÜRCHTEN,

HEILT OFT DAS SCHLIMMSTE


Warum angst Zu unrecHt negatiV besetZt ist

Von Amrei Wittwer


Helden haben keine Angst – sagt man: In

unserer Gesellschaft wird Angst oft als etwas

Negatives betrachtet. Dabei ist sie, die meist

mit Weiblichkeit assoziiert wird, für zukunftsträchtige

Entscheidungen ein besserer Ratgeber

als schrankenlose Risikobereitschaft.

Welche Rolle spielt die Angst in Krisenzeiten?

Angst ist gesellschaftlich in erster Linie negativ

konnotiert, sie hat den Beigeschmack einer

Krankheit. Ängste werden vor allem erforscht,

damit man sie loswerden kann, damit der Bürger

nach posttraumatischen Beschwerden wieder zuverlässig

funktioniert. Bei Gefahr halten wir den

Staat für hauptverantwortlich, uns zu schützen.

Die Politik neigt dazu, alles zu versprechen. Etwa

umfassende medizinische Versorgung oder die

Sicherung der Spareinlagen – ohne Wertbegrenzung.

Diese Garantien machen in einigen EU-

Staaten ein Mehrfaches des Staatshaushaltes aus.

Wenn aber ein Schaden eintritt – mag es auch

ein Gewaltverbrechen eines Unzurechnungsfähigen

sein – muss jemand schuld sein. Und als

der Schuldige wird meist der Staat betrachtet,

weil er das Ereignis nicht verhindert hat. Der

Mensch hat das Bedürfnis, für die Zukunft eine

Risikovorsorge zu schaffen. Anstatt die gesamte

Gefahrenabwehr der Gemeinschaft aufzubürden,

könnten wir jedoch auch unsere Neigung, uns

Gefahren auszusetzen, unter die Lupe nehmen.

Das Collegium Helveticum beschäftigt sich mit

der Bedeutung und dem Wert negativer Gefühle

bei Entscheidungen. Dabei zeigt sich in Übereinstimmung

mit anderen Forschern ein Zusammenhang

zwischen Angst und Risikobereitschaft.

Menschen, die sich ängstigen, meiden Risiken. In

Zeiten der Finanzkrise gewinnt diese Forschung

an Aktualität. Laut Ökonomen haben sich die

Bewertungen der Unternehmen der Realität

angenähert. Diese sind jetzt eher unter- als überbewertet.

Unbrauchbare Risikobewertungs-Tools

wie die Gauss-Copula-Formel sind auf dem Müll

gelandet. Trotzdem herrscht grosse Verunsicherung.

Die Banken scheinen voller Misstrauen zu

sein und leihen kaum noch Geld aus, als würden

nun Risiken selbst in den einfachsten Finanzbeziehungen

lauern. Diese Unsicherheit mag auf

den Zerfall des Weltbildes vom immerwährenden

zweistelligen Wachstum zurückzuführen sein.

Gleichzeitig ist anzunehmen, dass ihr eine emotionale

Bewertung zugrunde liegt und dass die

gegenwärtige Finanzkrise unter anderem durch

einen Mangel an Angst – eine Unterbewertung

von Risiko – verursacht wurde. Unsere These

lautet, dass Angst «weiblich» und gleichzeitig

ein Hoffnungsträger ist, da sie hilft, Risiken zu

vermeiden.

reaktion auF eXistenZbedroHung

Was ist Angst überhaupt? Angst zählt zu den

negativen Emotionen. Sie ist genetisch programmiert,

entsteht automatisch, kann aber auch

an- oder abtrainiert werden. Sie hat immer einen

Auslöser, der den Menschen in der Existenz bedroht.

Dieser ist nicht immer begründet, Ängste

können auch irrational sein. Der Auslöser wird

automatisch bewertet und führt zu einer körperlichen

Veränderung, zu Wachsamkeit, Herzrasen,

feuchten Händen, offenen Augen – und zu

einem bestimmten Verhalten, meist Angriff oder

Flucht. Manchmal ist sie von einem bewussten

Gefühlserleben begleitet, manchmal wird sie uns

gar nicht bewusst.

Bei Angsterkrankungen verselbständigt sich

dieser Prozess. Dann lähmt und behindert die

Angst und führt zur Persönlichkeitsstörung. Die


«Die Finanzkrise wurde unter anderem

durch einen Mangel an Angst verursacht.»

Ursachen können angeboren sein oder durch die

Umwelt entstehen. Der Stress der Mutter kann

sich auf den ungeborenen Embryo auswirken.

Nach schrecklichen Erlebnissen entwickeln

Menschen posttraumatische Störungen. Irgendwann

ist es für jeden zu viel, besonders gefährdet

sind Feuerwehrmänner. Angst als Emotion ist

also eine körperliche Reaktion auf einen Reiz.

Dabei wird die ganze Aufmerksamkeit auf die

Problemsituation gerichtet. Daher ist Angst eine

Überlebens- und Problemlösungsstrategie, die

unser Reaktionspotenzial vergrössert.

In diesem Kontext ist Angst die Schwester der

Hoffnung. Auch die Hoffnung ist in die Zukunft

gerichtet, allerdings ist sie nicht immer von

körperlichen Veränderungen und Verhaltenstendenzen

begleitet. In einem Zustand der Hoffnung

können wir uns sehr lange befinden, daher

handelt es sich eher um eine Stimmung als eine

Emotion. Angst und Hoffnung sind keine Gegensätze.

Stets wenn wir Ängste erleben, hoffen wir,

dass diese umsonst sind, dass das Befürchtete

nicht eintritt. Das Schlimmste fürchten, heilt oft

das Schlimmste (Shakespeare).


14 REVIEW

entFaltung der VorstellungskraFt

Angst ist zu Unrecht negativ besetzt, denn

sie kann auf mindestens drei Ebenen sinnvoll

sein. Sie dient als Schutz vor Gefahr (Beispiel

Hundebiss), lässt uns unvermeidliche Verluste

vorausfühlen und macht sie damit verkraftbar.

Ausserdem dient sie als kreatives Element bei der

Entscheidung: Angst beeinflusst das menschliche

Entscheidungsverhalten. Während positive Emotionen

zu spontanen, unüberlegten, eher riskanten

Momententscheidungen führen, richtet Angst

unsere Aufmerksamkeit auf Problemlösung.

Angst lässt uns in die Zukunft blicken und

entfaltet unsere Vorstellungskraft. Sie bringt uns

zum Nachdenken, zum Urteilen, zum Planen von

nachhaltigen Strategien. Indem wir Verluste befürchten,

können wir sie minimieren. Kurz gesagt

erlaubt uns die Angst zukunftsträchtiges Denken:

Sie bringt uns dazu, Wintervorräte anzulegen,

neue Antibiotika und alternative Energiequellen

zu entwickeln. Sie verändert die Bedingungen der

Bedrohung und führt so zur Kontrolle der Situation.

Ich habe Angst, im Dunkeln die Treppe hinunter

zu fallen. Daher taste ich mich vorsichtig

voran, später installiere ich eine Glühbirne.

Müsste man der Angst ein Geschlecht

zuordnen, wäre sie weiblich. Allerdings

handelt es sich bei Geschlechterunterschieden

immer um Mittelwerte. Es gibt Männer, die

weiblicher sind als die meisten Frauen und

umgekehrt. Trotzdem reagieren Frauen in

naturwissenschaftlichen Studien stärker auf

negative Emotionen, auf Heavy-Metal-Musik,

auf schreckliche Bilder, auf Schmerzreize. Als

Ursache gelten Erbgut und Umwelt. Männer

schützt z.B. die hormonelle Disposition

(weniger Östrogen, mehr Testosteron und ein

Körperbau mit mehr Muskeln und starker

Durchblutung), aber auch die traditionelle

männliche Macho-/Heldenrolle vor Schmerz.

Die stärkere Sensibilität der Frau auf negative

Reize macht sie risikoaverser, sei es in der Kriminalität,

im Sport, in Fragen der Gesundheit

oder auch bei Finanzen. Effekte sind eine längere

Lebenserwartung, geringere Kriminalität

und ein sorgfältigerer Umgang mit Mikrokrediten

in Entwicklungsländern. Diese werden

zu 97 Prozent Frauen gegeben, mit 99 Prozent

Rückzahlungsrate. Allerdings leiden Frauen

auch häufiger an Angststörungen.


«Wir müssen die Angst zugleich

zulassen und im Zaum halten.»

Traditionelle Männerrollen zeichnen sich

hingegen durch Risikobereitschaft aus. Viel

Risiko verspricht kurzfristig viel Gewinn, auch

in der Finanzwelt. Heldenrollen können jedoch

nur im Extremfall Vorteile haben: Beispielsweise

beim akuten Schmerz, wenn wir dem Löwen

gegenüberstehen. beim Autofahren hingegen

sind sie tödlich. Wilhelm Stekel sagt, dass der

unreife Mann für eine Sache nobel sterben will,

während der reife Mensch bescheiden für eine

Sache leben möchte. Moderne Helden sind

Oskar Schindler oder die Natural Heroes von

Philipp Zimbardo, keine Jagdflieger wie Manfred

von Richthofen.

beWusstsein Für die angst

Lassen sich Emotionen beeinflussen? Sicherlich

lassen sie sich trainieren. Eine grosse Möglichkeit

zur Selbststeuerung erreichen wir über die

Rolle, das Selbstbild. Am Collegium Helveticum

zeigten wir in einer Studie, dass Probanden in

kürzester Zeit zwei entgegengesetzte Rollen

annehmen können. Diese wurden durch ein

Hörspiel vermittelt und hatten einen Effekt auf

die Schmerzempfindung. Eine Heldenrolle ist

durch einen Sinn, eine Hoffnung, gekennzeichnet

und reduziert den Schmerz. Eine Opferrolle ist

hingegen durch Verzweiflung gekennzeichnet und

steigert den Schmerz.

Ängste können auch als Machtinstrument

missbraucht werden. Etwa die Angst vor dem

Fremden, um Intoleranz und Rassismus zu

schüren. Die westafrikanische Angst vor Genitaldieben,

den «voleurs du sexe», die unschuldigen

Männern die Geschlechtsteile rauben, entstand

laut Psychologen durch ökonomische Ängste.

Obwohl keiner dieser Diebstähle bewiesen wurde,

entstanden Hetzjagden, die Unschuldigen das

Leben kosteten.

Wie sollen wir mit unseren Ängsten umgehen?

Wir sollten sie wahrnehmen, uns ihrer bewusst

werden, sie überdenken. Ängste mit hohem Realitätsbezug

helfen uns, Projekte für die Zukunft

zu schmieden. Zur Beurteilung empfiehlt es sich,

Rat bei Weisen und Verbündeten zu suchen. Erleiden

wir Ängste, deren Proportion nicht stimmt

oder deren Auslöser unbegründet sind, müssen

wir innehalten und Hilfe suchen. Letztlich ist

das Leben eine Gratwanderung. Wir müssen die

Angst zugleich zulassen und im Zaum halten.

Angst darf uns nicht hindern, notwendige Veränderungen

vorzunehmen. Denn: Es muss sich alles

ändern, damit es bleibt, wie es ist (Lampedusa).

Literatur


Becker, E. & Margraf, J. Vor lauter Sorgen... Hilfe

für Betroffene mit Generalisierter Angststörung

(GAS) und deren Angehörige. (BeltzPVU, 2008).

Kut, E., Schaffner, N., Wittwer, A., Candia, V., Brockmann,

M., Storck, C., Folkers, G. Changes in Self-

Perceived Role Identity Modulate Pain Perception.

Pain 131(1-2), 191-201 (2007).

Amrei Wittwer


Amrei Wittwer ist wissenschaftliche

Mitarbeiterin des Collegium

Helveticum. Sie studierte

Pharmazie an der ETH Zürich.

In ihrer Dissertation beschäftigt

sie sich mit dem Effekt der

an Selbstbilder gebundenen

Emotionen auf Schmerz und

Risikoverhalten. Mit Elvan Kut und Nils Schaffner erhielt

sie 2007 den zweiten «Förderpreis für Schmerzforschung».

Sie ist Autorin und Mitherausgeberin

mehrerer wissenschaftlicher Publikationen.


IMPRESSUM

Herausgeber

W.I.R.E.

[Web for Interdisciplinary Research & Expertise]


Think Tank der Bank Sarasin & Cie AG und des

Collegium Helveticum von ETH und Universität Zürich

www.thewire.ch

info@thewire.ch

redaktion

Stephan Sigrist, Leiter W.I.R.E.

Burkhard Varnholt, CIO Bank Sarasin

Gerd Folkers, Direktor Collegium Helveticum

Daniel Bütler, Lektor

Arrigo Wurmboek, Mitarbeiter W.I.R.E.

graFik und gestaltung

Marcel Morach

www.marcelmorach.ch

druck

Tschudy Druck

www.tschudy-druck.ch

auFlage

1000

Aus Gründen der sprachlichen Einfachheit verwenden wir in dieser Publikation in der Regel nur die maskuline Form. Dabei sind Frauen

selbstverständlich immer mitgemeint. Wir erlauben uns den Hinweis, dass das grammatische nicht mit dem biologischen Geschlecht

identisch ist.

Disclaimer:

Diese Publikation dient nur zu Informationszwecken. Soweit hierin auf die Bank Sarasin & Cie AG Bezug genommen wird, stellt sie kein

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Kommunikation. Dargestellte Wertentwicklungen der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für die künftige Wertentwicklung.

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