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D I E Z E I T S C H R I F T F Ü R A U S L A N D S C H W E I Z E R

A U G U S T 2 0 0 8 / N R . 4

Die Welt Soll Swissness das ohne Volk Armut den

bleibt Bundesrat ein Traum wählen?

der Knorrli und andere

Christophe In Lausanne Keckeis: steht das

helvetische «Dienen «Haus der und Athleten» Eigenheiten

verschwinden»?

Diego Euro 08: Mathier Städte wurde im

Winzer Ausnahmezustand

des Jahres 2007


E D I T O R I A L

I N H A L T

3

SC HWEIZER REVUE August 2008 / Nr. 4

Foto o.r.: Olivier Jeannin

Städte im Ausnahmezustand

Weit über 100 000 holländische Fussballfans besuchten Bern und Basel während

der Fussball-Europameisterschaft und tauchten die beiden Städte in die Farbe

Orange. Wer dabei war, wird noch lange von dieser friedlichen Invasion im Zeichen

des Fussballs erzählen. Es drängten sich so viele, in orange T-Shirts gekleidete Menschen

durch die Strassen und Gassen, dass die öffentlichen Verkehrsmittel in den beiden

Städten den Betrieb teilweise einstellen mussten: Wohin das Auge reichte, standen Menschen,

welche die Nationalfarben Hollands trugen und sich als Fans ihrer Fussballnationalmannschaft

zu erkennen gaben.

In Basel wurden allein vor, während und nach dem Spiel Holland–Russland 500 000

Liter Bier getrunken. Die Stadtreinigung musste nach dem Wegzug der 150 000 bis

180 000 Holländer und der 10 000 Russen 40 Tonnen Müll entsorgen. 800 Personen wurden

medizinisch versorgt und 65 mussten in Spitalpflege gebracht werden. 50 Delinquenten

wurden von der Basler Polizei verhaftet. Alles in Allem waren sowohl die Veranstalter

als auch die Sicherheitsleute sehr zufrieden nach dem Fussballfest, das die halbe Stadt

in Beschlag genommen und in einen Ausnahmezustand versetzt hatte.

Im Vorfeld des grössten Sportanlasses, der je in der Schweiz stattgefunden hat, berechneten

die Veranstalter, dass die Euro 08 der Schweiz 1,5 Milliarden an Einnahmen

bringen werde. Diese Aussichten liess vielen Geschäftsleuten das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Doch da zu Beginn der Europameisterschaft das Wetter nicht mitspielte

und sich allgemein weniger Menschen in den zahlreichen Fanzonen aufhielten, blieben

viele Standbetreiber, die in Zürich beispielsweise 15 000 Franken Platzgebühr bezahlen

mussten, auf ihren Würsten und den vollen Bierharassen sitzen.

Viel Unmut lösten in der Bevölkerung auch die Forderungen der UEFA aus, die von

den Behörden alle erfüllt werden mussten. So wurden selbst denkmalgeschützte Bauten

zu Werbeträgern von Sponsoren, die Wirte in den Fanzonen wurden zum Verkauf von

Carlsberg-Bier verknurrt, und sogar Tenuevorschriften mussten eingehalten werden: In

den Fanzonen wurden nur T-Shirts mit Werbeaufdrucken von

Sponsoren geduldet. Wer ein Heineken-Shirt trug, hatte sich umzuziehen…

Zudem musste sich die Bevölkerung während Wochen

auf dem Gang durch die Städte zwischen Verkaufsständen, mobilen

Toiletten und Tribünen für das Public Viewing hindurch schlängeln.

Schliesslich wurde in der Bevölkerung auch kaum verstanden,

weshalb die UEFA – neben der FIFA eine der erfolgreichsten Geldmaschinen

im internationalen Sport – von den Vorteilen eines ge-

Heinz Eckert

meinnützigen Vereins profitiert und deshalb die Einnahmen von 1,2 Milliarden Franken

nicht versteuern muss.

Was die Euro 08 der Schweiz an Nachhaltigem gebracht hat, wird wohl nie zu beziffern

sein. Sicher haben viele Wirte und Hoteliers gute Geschäfte gemacht. Doch ganz sicher

hat das Land durch das Fussballfest weder die wirtschaftliche noch die emotionale

Schubkraft erhalten, die von den Organisatoren prophezeit worden war. Wie und weshalb

hätte dies auch geschehen sollen?

Imagemässig hat die Euro 08 dem Ausland wohl nur das bestätigt, was alle schon gewusst

haben: dass die Schweiz ein schönes, sauberes und gut funktionierendes Land ist.

HEINZ EC KER T, C HEFREDAK T OR

Der Autofriedhof im Gürbetal, BE (Seite 7).

5

Briefkasten

5

Gelesen: Wörterbücher für Mundart

7

Gesehen: Der Autofriedhof von Kaufdorf

8

Pro und kontra Volkswahl des Bundesrates

11

Politik

12

Aus dem Bundeshaus

14

Das Olympische Museum von Lausanne

16

ASO-Informationen

18

Rückblick auf die Euro 08

19

Echo

Titelbild:

Offizielles Bundesrats-Foto 2008

IMPRESSUM: «Schweizer Revue», die Zeitschrift für die Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer, erscheint im 35. Jahrgang in deutscher, französischer, italienischer, englischer

und spanischer Sprache in 14 regionalen Ausgaben und einer Gesamtauflage von rund 400 000 Exemplaren. Regionalnachrichten erscheinen viermal im Jahr.

■ REDAK TION: Heinz Eckert (EC), Chefredaktor; Rolf Ribi (RR); René Lenzin (RL); Alain Wey (AW); Rahel Schweizer (RS), Auslandschweizerdienst EDA, CH-3003 Bern, verantwortlich

für «Aus dem Bundeshaus». Übersetzung: CLS Communication AG ■ POS T ADRESSE: Herausgeber/Sitz der Redaktion/Inseraten-Administration: Auslandschweizer-Organisation,

Alpenstrasse 26, CH-3006 Bern, Tel. +4131356 6110, Fax +4131356 61 01, PC 30-6768-9. Internet: www.revue.ch ■ E - M A I L : revue@aso.ch ■ DRUC K: Zollikofer AG, CH-9001 St.Gallen.

■ ADRESS ÄNDERUNG: Bitte teilen Sie Ihre neue Adresse Ihrer Botschaft oder Ihrem Konsulat mit und schreiben Sie nicht nach Bern.

Einzelnummer CHF 5.– ■


www.revue.ch

Wir freuen uns auf Ihren online-Besuch.


B R I E F K A S T E N

G E L E S E N

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SC HWEIZER REVUE August 2008 / Nr. 4

Ständiger Begleiter

Das Schöne an Zeitungen ist,

dass man sie überall mit hin

nehmen kann: in den Bus, in

den Garten, ins Wartezimmer

des Zahnarztes oder in die

Badewanne. Die «Schweizer

Revue» mit ihren vielseitigen

Artikeln ist für mich ein ständiger

Begleiter, auf den ich nicht

verzichten möchte. Ich hoffe

von Herzen, dass ihr Erscheinen

in dieser Form uns Auslandschweizern

erhalten bleibt

und freue mich schon auf die

nächste Ausgabe!

MARGI-MARIA DAHM, MÜNS TER,

DEUT SC HL AND

Feuchtes Weltbild

Der Leserbrief von Adrian

H. Krieg (3/08) darf nicht unwidersprochen

bleiben. Ich

würde mich keineswegs als Linken

bezeichnen, aber die

«Schweizer Revue» als «Propagandainstrument

für die politische

Linke und Multikulturalität»

zu bezeichnen, ist doch

schon ziemlich daneben. Aber

der Hintergrund ist klar: Wer

nicht den offensichtlich geliebten

Herrn Blocher zelebriert,

ist «links». Damit ist ja auch ein

Teil der SVP abgeschrieben.

Herr Krieg - omen est nomen -

führt offensichtlich Krieg gegen

alles was anders denkt als

er. Dritt-Weltländer als faul

und dumm zu bezeichnen ist

nicht nur sprachlich Unsinn.

Aber es ist mir schlicht zu blöd

einem Menschen etwas zu erklären,

dessen Weltbild offensichtlich

durch das Leben in

Florida schon ein bisschen angefeuchtet

ist.

HEINZ LYNER, PRAG, T SC HEC HISC HE

REPUBLIK

Schlechter Geschmack

Ich freute mich sehr, als ich die

Juni-Ausgabe der «Schweizer

Revue» erhielt ... bis ich auf den

Brief von A. H. Krieg aus Florida

stiess, dessen Worte bei

mir einen üblen Nachgeschmack

hinterliessen. Ich fragte

mich sogar, ob es sich dabei um

einen echten Brief handelte.

Wie auch immer unsere Ansichten

sind, das Entscheidende ist,

dass wir alle auf dem gleichen

Planeten leben und für unser

Überleben letztlich alle voneinander

abhängig sind. Dies wird

in den kommenden Jahren immer

klarer werden, wenn sich die

Klimaveränderung auch auf die

privilegierten Bewohner des

Westens auswirken wird.

Ich hoffe, dass sich Herr Krieg

– trotz seiner vergleichsweise

zweifellos privilegierten Ausgangslage

– dessen bewusster

wird, bevor er sich das Pauschalurteil

anmasst, die Nationen der

Dritten Welt müssten wohl

«faul» und «dumm» sein. Vielleicht

sollte er mehr reisen, zumindest

aber die Gestade der

Fremdenfeindlichkeit und Beschränktheit

verlassen. Solche

Ansichten tragen nur dazu bei,

der Schweiz im Ausland einen

schlechten Ruf zu verschaffen,

und sie bewirken, dass ich mich

beim Gedanken daran, Schweizerin

zu sein, traurig und beschämt

fühle.

ES THER A . AUS TIN, MANC HES TER,

GROSSBRITANNIEN

Keep up the good work

Ich bin ein begeisterter Leser

Ihrer Zeitschrift «Schweizer

Revue». Als langjähriger Auslandschweizer

(UK, USA, Japan

und nun seit zehn Jahren in

Kanada) freue ich mich jedes

Mal auf Ihre Ausgaben.

In meiner Funktion als Präsident

der Swiss Canadian Chamber

of Commerce (SCCC) in

Toronto habe ich den Eröffnungsanlass

Euro Soccer 2008

organisiert. Als Fussballfan hat

mich natürlich das Interview mit

Umberto Barberis in der April-

Ausgabe besonders gefreut.

Keep up the good work und

vielen Dank für die jeweils interessanten

«news».

ERNS T NO TZ, T ORONT O, KAN ADA

Warum sprechen so wenige Romands Schweizerdeutsch, obschon

sie in der Schule doch Hochdeutsch gelernt haben?

Eine heikle, aber durchaus gerechtfertigte Frage. Man könnte

zu Recht antworten, Schweizerdeutsch sei eine mündliche

und keine geschriebene Sprache und eine lebendige, sich

ständig weiterentwickelnde noch dazu. Bisher fehlte auch

ein vergnügliches Lehr- und Wörterbuch, das Französisch-,

aber auch Englisch- und Deutschsprachigen Unterstützung

bot. Die Idee für ein solches Buch entstand aus der Begegnung

des anglokolumbianischen Zeichners Sergio J. Lievano

mit der Deutschlehrerin Nicole Egger in Zürich. Der Zeichner

fand in den Deutschkursen nicht das, was er für die Kommunikation

im Alltag benötigte, deshalb lernte er bei seiner Lehrerin

direkt Schweizerdeutsch. Diese Zusammenarbeit gab

den Impuls für die Erarbeitung der englisch-schweizerdeutschen

Originalversion des Buchs. Das Ergebnis besticht durch seinen Humor

und die illustrativen Cartoons. Sergio J. Lievano arbeitet als

Pressezeichner für den «Zürcher Oberländer» und den «Anzeiger

von Uster» und der Humor gehört zu seinem Handwerkszeug. Der

Übersetzer Laurent Droz drückt es so aus: «Das Wörterbuch «Hoi

Zäme» macht es möglich, sich ohne grosse Anstrengung und mit

einem Schmunzeln ins Schweizerdeutsche zu vertiefen.» Das Buch

verrät verschiedene Tipps und Tricks, wie man eine Brücke vom

Deutschen zum Schweizerdeutschen schlagen kann. In Teil I bietet

es eine Einführung ins Schweizerdeutsche, in seine Geschichte,

seine geografische Verbreitung und seine regionalen Eigenheiten.

Von der «Geschichte der Dialekte» bis zu «Warum sprechen Schweizer

nicht gerne Hochdeutsch?» spricht «Hoi Zäme» verschiedene

praktische Aspekte an, die helfen, sich im Land des Liedermachers

Mani Matter zurechtzufinden. Teil II enthält die Grundausstattung

mit über 2000 im Alltag gebräuchlichen Wörtern und Redewendungen,

die nach Themen geordnet sind: Geplauder, Einladungen,

Liebe, richtige Worte für spezielle Momente, Arbeit, Telefon, E-Mail

und SMS, Postamt, Medien, Essen und Trinken, Gesundheit, der

Körper, Gefühle, Notfall, Polizei, Einkaufen, Kleidung, Geld und

Banken, Reisen, Transport, Richtungen, Hotel, im Freien, Unterhaltung,

Familie, Babys, Alter, Wohnen, Heim, Nachbarn und Wohnungsvermittler,

Zahlen, Toiletten, Bildung, Farben, Tiere, Zeit,

Wetter und Temperatur usw. In Teil III folgen noch ein Kapitel zum

Schweizer Slang, den Schweizer Redensarten sowie das Wörterbuch

mit 1500 Stichwörtern. Dort kann man beispielsweise nachschlagen,

dass «zuhören» auf Schweizerdeutsch «losä» heisst. Schweizerdeutsche

Ausdrücke sind oft lustig und

klangvoll. So wird zum Beispiel ein versnobter

Mensch als «Schickimicki» bezeichnet.

AL AIN WEY

Sprachbrücken

«HOI ZÄME – Schweizerdeutsch leicht gemacht»,

N. Egger & S. Lievano, Bergli Books, 2006.

«HOI – your Swiss German survival guide»,

N. Egger & S. Lievano, Bergli Books, 2005.

«HOI! ET APRÈS... Manuel de survie en suisse

allemand», Nicole Egger & Sergio J. Lievano,

Übersetzung Laurent Droz, Bergli Books, 2008.

www.bergli.ch


G E S E H E N

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Letzte Ruhestätte für Autos. In Kaufdorf im Berner Gürbetal befindet

sich der wohl seltsamste Friedhof der Welt. Verrostet und mit Moos

überwachsen stehen dort schier endlose Reihen ausgemusterter Autos.

Vor 60 Jahren begann Walter Messerli, Rennfahrer und Schrotthändler,

Oldtimer auf der Wiese am Dorfrand zu deponieren. Nach jahrelangen

Streitereien soll der Autofriedhof jetzt geräumt werden.

SC HWEIZER REVUE August 2008 / Nr. 4

Fotos: Aus dem Bildband «Park» von Olivier Jeannin/Hervé Stadelmann

144 Seiten, Fr. 85.–, zu bestellen auf: www.park-livre.ch


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B U N D E S R A T S W A H L E N

SC HWEIZER REVUE August 2008 / Nr. 4

Bilder: Bundeskanzlei

Soll das Volk den Bundesrat wählen?

Seit der Gründung unseres Bundesstaates steht die Volkswahl

des Bundesrates immer wieder auf der politischen Traktandenliste.

Eine angekündigte Volksinitiative verlangt diesen Ausbau

der direkten Demokratie. Es gibt gute Gründe für die Mitwirkung

des Volkes, aber auch nachhaltige Bedenken. Von Rolf Ribi

«Volkswahl heisst Volkswohl»

stand auf dem Plakat

der Zürcher Sozialdemokraten

im Jahr 1900. Gemeint

war die Wahl des

Bundesrates durch das

Schweizervolk. Was die politische

Linke im letzten

Jahrhundert bewegte, wird

heute von der politischen

Rechten gefordert. Es war

der damalige Nationalrat

Christoph Blocher, der 1998

die Wahl der Landesregierung

durch die Bürgerinnen

und Bürger verlangte. Die

Volksinitiative der Schweizerischen

Volkspartei (SVP) liegt heute gemäss

dem Parteipräsidenten Toni Brunner

«unterschriftsreif in der Schublade».

Es ist schon so, wie der Staatsrechtsprofessor

Alfred Kölz schrieb: «Die Frage der

Einführung der Volkswahl unserer Landesregierung

gleicht einer Glut, die unter wechselnden

politischen Winden periodisch zum

Aufflammen gebracht wird.» Ein kurzer Blick

in die Schweizergeschichte der vergangenen

zwei Jahrhunderte zeigt, dass das politisch

brisante Thema die Gemüter der Eidgenossen

immer wieder beschäftigt hat.

Das demokratische Staatswesen unseres

Landes beruht auf den Ideen eines grossen

französischen Denkers und eines berühmten

Genfer Bürgers: Charles de Montesquieu ist

der Begründer des Gedankens der staatlichen

Gewaltentrennung und des modernen

Verfassungsstaates. Im Jahr 1748 hielt er fest:

«Es ist eine grundsätzliche Maxime dieser

Regierung, dass das Volk seine Minister ernennt.»

Der Genfer Jean-Jacques Rousseau

wollte das Volk in allen Bereichen der Politik

einbeziehen. Die Macht der Regierung

sollte ausgesprochen schwach ausgestaltet

sein, zudem sollten deren Mitglieder jederzeit

vom Volk abberufen werden können.

Als im Jahr 1848 die erste Bundesverfassung

vorbereitet wurde, beantragte Ulrich

Ochsenbein als Präsident der

Tagsatzung die Volkswahl des

Bundesrates, «weil sie der Einheit

des Landes dient». Sein

Antrag scheiterte, aber nur mit

10 gegen 9 Stimmen. Die Tagsatzung

entschied später mit

klarem Mehr im gleichen Sinne.

Fortan begannen die Kantone,

ihre Regierungen durch das

Volk wählen zu lassen. Zwischen

1847 (Genf) und 1921

(Freiburg) hatte sich in allen

Kantonen die Volkswahl der

Kantonsregierung durchgesetzt.

Linke Volksinitiativen

Zwei Volksinitiativen von 1900 und 1942

brachten das Thema der Bundesratswahl zurück

auf das eidgenössische Parkett. Das

erste Volksbegehren wollte die Volkswahl der

Regierung, die Erhöhung der Anzahl Bundesräte

auf neun, wovon «wenigstens zwei

Mitglieder der romanischen Schweiz», sowie

das Proporzwahlrecht für den Nationalrat.

Die Befürworter argumentierten so: Das

Volk ist fähig, die besten Männer auszuwählen;

die Volkswahl der Regierung hat sich in

den Kantonen bewährt; der Bundesrat wird

unabhängiger vom Parlament; die Volkswahl

bildet «den Schlussstein des demokratischen

Ausbaus unseres Staatswesens». Die Argumente

der Gegner: Der Bundesrat erhält zu

viel Gewicht gegenüber dem Parlament; der

Einfluss der kleinen Kantone nimmt ab; die

Spaltung der Landesteile wird ausgeprägter.

Den linken Befürwortern

ging es namentlich darum,

sich mit der Volkswahl einen

Anteil an der Regierungsmacht

zu sichern. Die

Doppelinitiative der Sozialdemokraten

wurde bei

einer hohen Stimmbeteiligung

mit 65 Prozent Neinstimmen

abgelehnt, aber

immerhin sieben Kantone und zwei Halbkantone

nahmen die Initiative an.

Mitten in der schwierigen Zeit des Zweiten

Weltkriegs kam es 1942 zu einem weiteren

Plebiszit über die Wahl des Bundesrates.

Das sozialdemokratische Volksbegehren verlangte

die Volkswahl der Regierung von neun

Mitgliedern, davon «mindestens drei aus den

lateinischen Sprachgebieten». Wahlfähig ist

jeder Schweizer Bürger, der von mindestens

30 000 Stimmberechtigten vorgeschlagen

wird. Die Argumente der Befürworter: Ausbau

der Demokratie und der demokratischen

Volksrechte; ein dem Volk verpflichteter

Bundesrat; Abbau des Einflusses des «Grosskapitals».

Die politischen Gegenargumente:

Die Stärkung des Bundesrates gegenüber

dem Parlament stört das Gleichgewicht der

Institutionen; die Berücksichtigung der Minderheiten

ist schwierig; es können «unverantwortliche

Kräfte» in die Regierung gelangen.

Die Volksinitiative wurde bei einer

hohen Stimmbeteiligung mit 68 Prozent

Neinstimmen und von allen Kantonen abgelehnt.

«Volk nicht dümmer»

Doch die «Glut» einer Volkswahl des Bundesrates

mottete weiter. Vorstösse im Parlament

von rechts (Nationalrat James Schwarzenbach

von der Republikanischen Partei)

und von links (die Nationalräte Leni Robert

von den Grünen und Andrea Hämmerle von

den Sozialdemokraten) stiessen auf Ablehnung.

Doch 1998 lancierte der mächtige

SVP-Nationalrat Christoph Blocher seinen

Vorschlag einer Volkswahl des Bundesrates:

Die Regierung müsse dem direkten demokratischen

Urteil des Volkes unterstehen,

«denn das Volk ist nicht dümmer als das Parlament».

Zwei Jahre später lag das Grundlagenpapier

von SVP-Nationalrat Christoph

Mörgeli vor.

Die «Vervollständigung der Demokratie»

und die «stärkere Trennung der staatlichen

Gewalten» bilden darin den ideellen Hintergrund.

Bei der heutigen Ordnung sei der


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SC HWEIZER REVUE August 2008 / Nr. 4

Bundesrat in erster Linie dem Parlament Rechenschaft

schuldig. Mit der Volkswahl des

Bundesrates werde die Regierung direkt den

Stimmbürgern verantwortlich. So soll der

neue Artikel 175 der Bundesverfassung aus

der Sicht der SVP-Strategen aussehen: Der

Bundesrat besteht aus sieben Mitgliedern.

Diese werden vom Volk in direkter Wahl

nach dem Grundsatz der Mehrheit (Majorz)

bestimmt. Die ganze Schweiz bildet einen

Wahlkreis. Mindestens

zwei Mitglieder

des Bundesrates

werden

von den Wählern

der Kantone Freiburg,

Tessin,

Waadt, Wallis,

Neuenburg, Genf

und Jura bestimmt.

Eine Wahl des

B u n d e s r a t e s

durch das Volk

anstelle des Parlamentes

wirft

grundsätzliche

staatspolitische

Fragen auf. Diese

betreffen namentlich die Stellung des Bundesrates

und sein Verhältnis zum Parlament,

den Schutz der sprachlichen Minderheiten

und die politische Stabilität im Land.

Bundesrat und Parlament

«Der Bundesrat ist die oberste vollziehende

und leitende Behörde des Bundes.» So steht

es im Artikel 174 der Bundesverfassung von

1999. Zum Mitglied der Landesregierung

sind alle Schweizerinnen und Schweizer

wählbar, die in den Nationalrat gewählt werden

können (also mit Schweizer Bürgerrecht

und mindestens 18 Jahre alt). Die Verfassung

erlaubt, aus dem gleichen Kanton mehr als

ein Mitglied zu wählen. Das Parlament muss

aber auf die verschiedenen Landesgegenden

und Sprachregionen Rücksicht nehmen.

Die Mitglieder des Bundesrates sind für

vier Jahre fest gewählt, sie können während

ihrer Amtszeit nicht abberufen werden. Gewählt

wird die Regierung von der Vereinigten

Bundesversammlung. Die 200 Mitglieder

des Nationalrates und die 26 Vertreter

der Kantone im Ständerat wählen jedes Mitglied

der Regierung einzeln und in geheimer

Wahl. Das Parlament hat die verfassungsmässige

Pflicht zur Aufsicht über die Regierung.

Damit besitzt die Legislative

eine bevorzugte Stellung

gegenüber der Exekutive,

was dem Gedanken der

Macht- und Gewaltenteilung

widerspricht. Weil der

Bundesrat gegenüber dem

Parlament verantwortlich

ist, schwächt das seine Legitimation

gegenüber dem

Volk.

Im politischen Alltag ist

der Bundesrat allerdings ein

starkes Organ unseres

Staatswesens. Die internationale

Verflechtung der

Schweiz und die Fachkompetenz

der Bundesverwaltung stärken die

Stellung der Regierung. Ihre Entscheide unterliegen

keinem Referendum des Volkes –

im Gegensatz zum Parlament. Verlorene

Volksabstimmungen oder Niederlagen im

Parlament führen praktisch nie zum Rücktritt

des zuständigen Magistraten. Der Bundesrat

als Landesregierung ist im Volk populär,

Bundesratswahlen stossen auf ein grosses

öffentliches Interesse.

Wie würde sich die Volkswahl der Bundesräte

auf die Stellung der Regierung auswirken?

Zaccaria Giacometti, der Altmeister

des Bundesstaatsrechts, erkannte in der

Volkswahl des Bundesrates eine «weitere

Stärkung der Exekutive». Der Bundesrat

würde damit «politisch unmittelbar dem

Volke verantwortlich». Eine

Volkswahl entspreche mehr

der demokratischen Idee

und dem Prinzip der

Gewaltentrennung.

Ulrich Häfelin und

Walter Haller, die

Autoren des Werkes

«Schweizerisches

Bundesstaatsrecht»,

urteilten so:

«Die Volkswahl würde

dem Bundesrat die gleiche

demokratische Legitimität

verschaffen, wie sie die

Bundesversammlung besitzt.» Bundesrat

und Parlament würden so «einander

gleichgestellt, was im Vergleich zur heutigen

Situation das Parlament noch mehr schwächen

würde».

Für den Staatsrechtsprofessor Alfred Kölz,

Autor der «Neuen Schweizerischen Verfassungsgeschichte»,

nimmt die Bundesversammlung

eine «eher schwache

Position» ein. Er

verweist auf den Milizcharakter

des Parlamentes, das

keine Berufspolitiker kennt.

Die Kernfunktion des Parlamentes,

nämlich die Gesetzgebung,

liege schwergewichtig

bei Bundesrat und

Verwaltung. Die Aufsichtspflicht

gegenüber der Regierung

falle der Bundesversammlung

heute schwer.

«Vor allem diese kardinale

Aufgabe würde durch die

Volkswahl des Bundesrates

massiv erschwert.» Diese

Funktion könne durch das Volk nicht wahrgenommen

werden.

Vorbild der Kantone?

Für die Volkswahl des Bundesrates wird oft

das Vorbild der Kantone angeführt. In der

Tat hat sich in allen Kantonen die Volkswahl

der Regierung schon früh durchgesetzt.

Auch in den politischen Gemeinden ist die

Wahl der Gemeinderäte durch das Volk eine

Selbstverständlichkeit. Die Kantone sind politisch

überschaubare «Einheitsstaaten». Die

für ein Regierungsamt kandidierenden Männer

und Frauen sind im Kanton bekannt.

Anders bei einer Bundesratswahl durch

das Volk: Bei einem einzigen Wahlkreis

Schweiz müssen Bewerber aus allen Landesgegenden

gewählt werden.

Trotz moderner Massenmedien

kann es einem konservativen

Appenzeller

schwerfallen, einen

ihm kaum bekannten

Genfer Liberalen

zum Bundesrat

zu küren. Doch die

«Neue Zürcher Zeitung»

gibt zu bedenken:

«Dass wir in unserer

direkten Demokratie

dem Volk zutrauen, die

schwierigsten Sachfragen zu

entscheiden, kontrastiert mit der Ansicht,

das Volk sei nicht imstande, bei der

Wahl des Bundesrates Vernunft zu üben und

ein gewisses Mass an Konkordanz zu wahren.»

Ein anderes Argument der Gegner einer

Volkswahl: Wenn die Bundesräte alle vier

Jahre durch das Volk gewählt werden, müs-


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SC HWEIZER REVUE August 2008 / Nr. 4

Bilder: Bundeskanzlei

sen sie bei der Wählerschaft

um Sympathie werben. Ein

Wahlkampf schwächt möglicherweise

ihre Arbeitskraft,

begünstigt populäre Regierungsvorlagen,

erfordert finanzielle

Mittel und ermöglicht

so den Einfluss von

Interessengruppen. «Der Personalisierung

der Wahlkämpfe

und allfälligen populistischen

Auswüchsen wären kaum

Grenzen gesetzt», mahnte Alfred

Kölz. Und: Die Volkswahl

des Bundesrates «würde in

Krisenzeiten autoritären Tendenzen

Vorschub leisten».

Schutz der Minderheiten

Föderalismus als «Kultur des Ausgleichs»

und der Schutz der Minderheiten sind im

Volk tief verwurzelt. «Der eidgenössische

Friede hängt davon ab, in welcher Weise die

wichtigsten Sprachen und Regionen durch

die Regierungsmitglieder repräsentiert werden»,

schrieb die frühere liberale Nationalrätin

Suzette Sandoz. Die Bundesversammlung

ist gesetzlich verpflichtet, bei der

Bildung der Regierung auf die politische und

kulturelle Vielfalt des Landes Rücksicht zu

nehmen. Gibt es aber bei einer Volkswahl des

Bundesrates noch einen Schutz der Minderheiten?

Einzelne Kantone haben das Problem des

Schutzes sprachlicher Minderheiten bei der

Volkswahl der Regierung in der Verfassung

gelöst: So der Kanton Bern, wo dem Berner

Jura eine Vertretung im Regierungsrat gewährleistet

ist. So der Kanton Wallis, wo ein

ausgeklügeltes System die Interessen sämtlicher

Teile des Kantons berücksichtigt. Für

den Bund lassen sich ähnliche Modelle denken.

Zum Beispiel die Aufteilung des Landes

in mehrere Wahlkreise oder die Festlegung

von Quoten für Minderheiten. Doch solche

Regeln sind kompliziert und schwächen den

Charakter einer nationalen Wahl.

Gefahr für die Konkordanz

Die Schweiz ist gemäss alt Bundesrat Arnold

Koller eine «Konkordanzdemokratie, die in

unserem Volksbewusstsein tief verankert

ist». Politische Konkordanz bedeutet für ihn,

«dass die grössten politischen Parteien, die

zugleich die Regierung bilden, die politischen

Aufgaben aufgrund eines breiten

Grundkonsenses auf dem Verhandlungsweg

lösen». Den Anfang

der Konkordanzdemokratie

bildete 1943 der

Eintritt der Sozialdemokratischen

Partei in

die Landesregierung.

Ihren Höhepunkt erlebte

die Konkordanz

mit der Zauberformel

von 1959 (zwei FDP-,

zwei CVP-, zwei SPSund

ein SVP-Bundesrat).

Im Dezember

2003 wurde die Zauberformel

mit der Abwahl

der CVP-Bundesrätin

und der Wahl

eines zweiten SVP-Bundesrates nach 44 Jahren

begraben. Für Arnold Koller ist heute

«von politischer Konkordanz nicht mehr viel

übrig geblieben».

Die Konkordanz hat unserem Land eine

bemerkenswerte politische Stabilität ermöglicht.

Zur Konkordanz gehört der Wille der

Regierenden zum Konsens und zur Kollegialität.

Die Wahl des Bundesrates durch das

Volk kann diese Stabilität gefährden, mahnen

einige Stimmen: Es ist für die Demokratie

kein Gewinn, wenn die Bundesräte ständig

um die Gunst der Wählerschaft buhlen

müssen (der frühere Staatsrechtsprofessor

und Ständerat René Rhinow); das gemeinsame

Verantwortungsgefühl der Regierung

wird geschwächt (die frühere Nationalrätin

Suzanne Sandoz); das Werben um die Gunst

der öffentlichen Meinung schadet der Kollegialität

(Ständerat Bruno Frick). Die langjährige

Bundeskanzlerin Annemarie Huber-

Hotz hofft, «dass sich die

Befürworter einer Volkswahl

des Bundesrates bewusst

sind, dass sie mit ihrer Idee

die Stabilität unseres Landes

gefährden könnten».

Heute schon Volkswahl?

Gibt es nicht heute schon

eine Art Wahl der Bundesräte

durch das Volk – nämlich

bei den Parlamentswahlen?

«Blocher stärken, SVP

wählen», stand bei den letzten

Wahlen in den Nationalrat

tausendfach auf Plakaten

in Stadt und Land. Auch die

Christlichdemokratische

Volkspartei (CVP) forderte

in Plakaten auf, für die CVP zu stimmen und

so die Politik von Bundesrätin Doris Leuthart

zu unterstützen.

«Die missbräuchliche Verwendung des

SVP-Plakates zur Unterstützung Blochers

kam einer Initiative zugunsten der Volkswahl

des Bundesrates gleich», schrieb die Liberale

Suzette Sandoz. Die Bundesräte Blocher,

Leuthart und Calmy-Rey seien die «entscheidenden

Zugpferde für ihre Parteien»,

erklärte der Medienwissenschafter Roger

Blum. Und der Philosophieprofessor Georg

Kohler hielt fest: «Die Bundesräte sind die

Hauptdarsteller ihrer Parteien geworden.»

Dass Parteien mit ihren Bundesräten in

den Wahlkampf ziehen, ist das Eine. Dass

aber einzelne Bundesräte die Parlamentswahl

benutzen, um ihren eigenen Regierungssitz

im Volk abzusichern, ist das Andere.

Den Wahlkampf im letzten Jahr kommentierte

die «Neue Zürcher Zeitung»: «Die Nationalratswahlen

wurden quasi als vorgezogene

Volkswahl eines SVP-Bundesrates

inszeniert.» Und Roger Blum hielt fest: «In

einem gewissem Sinne werden heute schon

Volkswahlen für den Bundesrat simuliert.»

Wenn aber Parlamentswahlen immer mehr

zu Bundesratswahlen werden, liegt die Volkswahl

der Bundesräte eigentlich nahe. Bei der

letzten Meinungsumfrage vor vier Jahren waren

immerhin 49 Prozent der Schweizerinnen

und Schweizer für die Wahl des Bundesrates

durch das Volk. Zu einem Durchbruch

wird es indes erst kommen, wenn eine politische

Bewegung diesen Ausbau der Volksrechte

will. Die grossen Parteien werden so

lange stillhalten, als ihre Machtansprüche in

der Landesregierung befriedigt sind. Und:

Das eidgenössische Parlament

wird seine verfassungsmässige

Zuständigkeit

für die Wahl des Bundesrates

nicht freiwillig abtreten.

So wird es vorläufig beim

Status quo bleiben, aber die

«Glut» einer Volkswahl der

Regierung mottet weiter.

DOKUMENTATION

Alfred Kölz: «Neue schweizerische

Verfassungsgeschichte», 2004,

Verlag Stämpfli, Bern

St.Galler Kommentar: Die schweizerische

Bundesverfassung. 2002,

Verlag Schulthess, Zürich

Dokumentationszentrum

www.doku-zug.ch


P O L I T I K

11

Parteienlandschaft im Wandel

Die anhaltenden Wahlerfolge der Schweizerischen Volkspartei (SVP)

und die Abwahl ihres Bundesrats Christoph Blocher führen zu Veränderungen

in der Parteienlandschaft: Ausgeschlossene und abtrünnige SVP-Mitglieder

gründen eine neue Partei, Freisinnige und Liberale schreiten zur Fusion.

Von René Lenzin

SC HWEIZER REVUE August 2008 / Nr. 4

Am 12. Dezember 2007 wählte das Parlament

die damalige Bündner Regierungsrätin Eveline

Widmer-Schlumpf anstelle von Christoph

Blocher in den Bundesrat. Die Schweizerische

Volkspartei fühlte sich von ihrem

Parteimitglied Widmer-Schlumpf hintergangen

und verraten. Sie habe mit der Wahlannahme

gegen einen Beschluss von Partei

und Fraktion verstossen und mit dem politischen

Gegner paktiert, lautete der Vorwurf.

Drei Monate nach der Wahl forderte die Parteileitung

Widmer-Schlumpf auf, aus dem

Bundesrat zurück- und aus der Partei auszutreten.

Als die Neobundesrätin den Austritt

verweigerte, erliess die Parteileitung ein Ultimatum

an die Bündner Kantonalsektion:

Entweder schliesst ihr Widmer-Schlumpf

aus der Partei aus, oder eure Sektion ist nicht

mehr Mitglied der SVP Schweiz.

Die Bündner waren jedoch nicht bereit,

ihre Bundesrätin fallenzulassen, worauf sie

ihrerseits aus der nationalen Partei ausgeschlossen

wurden. Dieser Vorgang hat zu einer

Aufspaltung der Bündner SVP geführt.

Ein Teil der Parteimitglieder gründete die

neue SVP, die auf Blocherlinie politisiert und

sich der schweizerischen Partei angeschlossen

hat. Der andere Teil schritt zur Gründung

der Bürgerlich-Demokratischen Partei

(BDP). Unter ihnen befinden sich

zahlreiche Amtsträger der früheren SVP.

Neben Bundesrätin Widmer-Schlumpf

beide Regierungsräte, beide Nationalräte sowie

die 32 kantonalen Parlamentarier.

Das Vorgehen der SVP gegen die Bündner

rief in andern Kantonalsektionen wenig Widerstand

hervor. Nur gerade in Bern und

Glarus kam es zur offenen Auflehnung einzelner

Parteimitglieder und in der Folge zur

teilweisen Abspaltung. In Glarus schlossen

sich der einzige Regierungsrat der SVP sowie

8 von 26 Parlamentariern der neuen Partei

an. In Bern waren es einer der beiden Regierungsräte,

2 der 10 Nationalräte, der

einzige Ständerat sowie 17 der 47 Kantonsparlamentarier.

Ebenfalls zur BDP übergetreten

ist der Berner Bundesrat Samuel

Schmid, den die SVP nach seiner Wahlannahme

im Dezember 2007 aus der Fraktion

ausgeschlossen hat.

Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe verfügte

die neue Partei demnach über 2 Bundesräte,

5 eidgenössische und 57 kantonale

Parlamentarier. Allerdings kann sie im Bundeshaus

keine Fraktion bilden, weil es dazu

mindestens fünf Sitze im Nationalrat braucht.

Ob sich die BDP dauerhaft etablieren kann

und wie stark sie allenfalls der SVP schaden

wird, wird sich weisen müssen. Klar ist einzig,

dass sich ihre doppelte Präsenz in der

Landesregierung nicht mit dem schweizerischen

Konkordanzsystem verträgt. Spätestens

bei den Gesamterneuerungswahlen von

2011 dürfte es daher zu grösseren Veränderungen

im Bundesrat kommen.

Wiedervereinigung der Staatsgründer

Die jüngste Entwicklung der SVP hat aber

nicht nur zu einer neuen Partei geführt, sondern

auch weitere Verschiebungen in der Politlandschaft

ausgelöst. Die SVP hat ihren

Wähleranteil zwischen 1987 und 2007 von 11

auf 28,9 Prozent erhöht. Dieser für schweizerische

Verhältnisse einmalige Zuwachs ist

einerseits darauf zurückzuführen, dass die

Partei praktisch alles aufgesogen hat, was

rechts von ihr noch politisierte. Anderseits

hat sie aber auch den traditionellen bürgerlichen

Parteien Wähler abspenstig gemacht.

Am kräftigsten gewachsen ist die SVP in den

ländlich-katholischen Gebieten der Zentralund

Ostschweiz sowie in den ländlich-reformierten

Gebieten der Westschweiz. In den

ersten gingen ihre Erfolge primär zulasten

der Christlichdemokraten (CVP), in den

zweiten zulasten des Freisinns (FDP) und

der Liberalen (LPS).

Gesamtschweizerisch verringerte sich der

Wähleranteil der beiden Gründerparteien des

Bundesstaats zwischen 1987 und 2007 zwar

«nur» um 7,9 Prozentpunkte. Überproportional

fiel ihr Rückgang aber in den früheren

Westschweizer Hochburgen der Liberalen

aus: minus 24,5 Prozentpunkte in Neuenburg,

minus 22,3 in der Waadt und minus 13,6 in

Genf. Gleichzeitig legte die SVP in diesen

Kantonen um 23,2, 16,2 respektive 21,1 Prozentpunkte

zu. Nun haben FDP und LPS die

Konsequenzen aus diesen Verlusten gezogen,

ihre langjährigen Rivalitäten in den Hintergrund

gedrängt und eine Fusion beschlossen.

Am 21. Juni haben sich die Neuenburger Kantonalsektionen

zum Parti libéral-radical

neuchâtelois vereinigt, im Oktober soll die

Fusion auf nationaler Ebene erfolgen.

Freisinnig-liberale Parteien bestehen bereits

in den Kantonen Freiburg, Jura, Tessin

und Wallis. Kategorischen Widerstand gegen

die Vereinigung haben bisher nur die

Baselstädtischen Liberalen angekündigt.

Bereits seit 1999 bilden FDP und LPS im

Nationalrat eine gemeinsame Fraktion. Damals

hatten die Liberalen erstmals weniger

als fünf Sitze erobert und damit die Fraktionsstärke

verloren.

Aufspaltung der Grünen

Eine dritte markante Veränderung in der

schweizerischen Parteienlandschaft hat

nichts mit der SVP zu tun. Sie betrifft die

Grünen, neben der SVP die grossen Sieger

der letztjährigen Parlamentswahlen. Ausgehend

von politischen und vor allem auch persönlichen

Differenzen war es in Zürich bereits

im Verlaufe der vergangenen Legislatur

zur Abspaltung der Grünliberalen gekommen.

Diese neue Bewegung hat im Oktober

2007 auf Anhieb drei Sitze im Nationalrat

und einen im Ständerat gewinnen können.

Inzwischen sind grünliberale Sektionen in

neun weiteren Kantonen entstanden. Diese

neue Partei verbindet ökologische Anliegen

mit eher bürgerlichen Positionen in der Finanz-

und Sozialpolitik. Ob ihr Erfolg dauerhaft

ist, wird sich zeigen. Die Grünliberalen

zählen sich zur politischen Mitte und

bilden im Bundeshaus eine Fraktion mit der

CVP und der Evangelischen Volkspartei.


12 A U S D E M B U N D E S H A U S

SC HWEIZER REVUE August 2008 / Nr. 4

Bild: EDA

Adressänderungen

Bitte melden Sie die Änderung

Ihrer Adresse, Telefonnummer,

E-Mailadresse etc. rechtzeitig

der für Sie zuständigen

Vertretung: www.eda.admin.ch

(Vertretungen).

Durch Ihre Mithilfe lassen sich

aufwändige Nachforschungen

vermeiden, und nur so erhalten

Sie automatisch Ihre Abstimmungsunterlagen

(vorausgesetzt,

Sie sind bei einer schweizerischen

Stimmgemeinde

registriert) und die «Schweizer

Revue» an die neue Adresse.

Bitte melden Sie weder dem

Auslandschweizerdienst noch

der Redaktion der «Schweizer

Revue» in Bern Adressänderungen.

Abstimmungsvorlagen

und

Stimmmaterial

Erhalten Sie das Stimmmaterial

erst kurz vor dem Stimmtag

und haben keine Zeit

mehr, die Vorlagen zu studieren?

Möchten Sie die Abstimmungsvorlagen

in einer

anderen Sprache lesen?

Die Aussenpolitik im Dialog

Die Fristen und Modalitäten

für die Zustellung der Unterlagen

sind rechtlich vorgegeben.

Die Stimmgemeinden sind gehalten,

das Stimmmaterial fünf

Wochen vor dem Stimmtag an

die Auslandschweizerinnen und

-schweizer zu senden. Bei Nationalratswahlen

ist die Frist

deutlich kürzer, sie beträgt

zehn Tage. Die Geschwindigkeit

und Zuverlässigkeit der

Zustellung ist ein unberechenbarer

Faktor, auf die Organisation

und Abläufe fremder

Postbetriebe können die

Gemeinden keinen Einfluss

nehmen.

Die Bundeskanzlei veröffentlicht

die Abstimmungsvorlagen

und die Erläuterungen

des Bundesrates nicht nur in

Papierform, sondern jeweils ab

der 6. Woche vor dem Abstimmungstag

auch auf dem Internet

unter www.admin.ch («Politische

Geschäfte» – Dossier

«Wahlen und Abstimmungen»).

Sie können Zeit gewinnen

und sich Ihre Meinung bereits

bilden, um sofort nach

Erhalt den Stimmzettel auszufüllen

und abzusenden. Sie haben

auch die Möglichkeit, die

Abstimmungsvorlagen in einer

anderen Sprache zu studieren.

Kennen Sie die Pfeiler der schweizerischen Aussenpolitik?

Möchten Sie sich mehr mit diesem komplexen Thema auseinandersetzen?

Die von Frau Bundesrätin Micheline Calmy-Rey lancierte Broschüre

«Dialog» veranschaulicht anhand der Beispiele «Die Neutralität

der Schweiz», «Die Schweizer Botschaften und Konsulate»,

«Die Friedenspolitik», «Die Schweiz und die internationalen Organisationen»,

«Die Europapolitik der Schweiz» sowie «Die Entwicklungszusammenarbeit»,

wie die schweizerische Aussenpolitik funktioniert

und welches ihre Schwerpunkte sind.

Die Broschüre «Dialog» können Sie in Deutsch, Französisch

oder Italienisch von der Webseite des EDA herunterladen

www.eda.admin.ch (Dokumentation – Publikationen – Die Aussenpolitik

im Dialog) oder über folgende Adresse beziehen:

Information EDA, Bundeshaus West, CH-3003 Bern

Ausbau der Webseite

des Auslandschweizerdienstes

/

Neue Merkblätter

Möchten Sie wissen, wo Sie

einen neuen Schweizer Pass

beantragen können? Haben

Sie Fragen zu den Sozialversicherungen

oder zum

Schweizer Bürgerrecht Ihrer

Kinder?

Der Auslandschweizerdienst

hat das Angebot auf seiner

Webseite erweitert und die am

häufigsten gestellten Fragen

und Antworten im Merkblatt

«Häufig gestellte Fragen» zusammengefasst.

Wenn Sie sich

erst vor kurzem im Ausland

niedergelassen haben, ist Ihnen

das neue «Merkblatt für Neuzuzüger»

eine erste Orientierungshilfe.

Umfassend Auskunft

über sämtliche Belange,

die Auslandschweizerinnen und

-schweizer betreffen, gibt der

beliebte «Ratgeber für Auslandschweizer».

www.eda.admin.ch (Dokumentation

– Publikationen –

Reisen und Leben im Ausland)

Vote électronique für

Auslandschweizerinnen

und -schweizer:

ein Rück- und

ein Ausblick

Am 1. Juni 2008 konnten erstmals

Auslandschweizerinnen

und -schweizer mittels

Vote électronique im Kanton

Neuenburg an einer Abstimmung

teilnehmen. Der Kanton

Zürich plant für 2009 den Einbezug

von Auslandschweizerinnen

und -schweizern an

Abstimmungen per Vote électronique

in 13 Gemeinden.

57 von 155 registrierten Auslandschweizerinnen

und

-schweizern haben am 1. Juni


13

SC HWEIZER REVUE August 2008 / Nr. 4

2008 mittels Vote électronique

im Kanton Neuenburg abgestimmt.

Die Abstimmung ist

pannenfrei verlaufen. Aus

Gründen der elektronischen

Verlässlichkeit ist es vorerst nur

Auslandschweizerinnen und

-schweizern mit Wohnsitz in

einem EU-Staat oder einem

Staat, der das Wassenaar-

Abkommen unterzeichnet hat,

möglich, per Vote électronique

abzustimmen. 90 Prozent der

zurzeit in einem schweizerischen

Stimmregister eingetragenen

Auslandschweizerinnen

und -schweizer haben jedoch

Wohnsitz in einem dieser Staaten.

Folgende Länder haben das

Wassenaar-Abkommen unterzeichnet:

Argentinien, Australien,

Belgien, Dänemark,

Deutschland, Finnland, Frankreich,

Griechenland, Grossbritannien,

Irland, Italien, Japan,

Kanada, Luxemburg, Niederlande,

Neuseeland, Norwegen,

Österreich, Polen, Portugal,

Republik Korea, Rumänien,

Russische Föderation, Slowakische

Republik, Spanien, Schweden,

Schweiz, Tschechische

Republik, Türkei, Ungarn und

USA.

Der Kanton Zürich ist derzeit

gezielt damit befasst, für

2009 die notwendigen Strukturen

aufzubauen, die den in 13

Zürcher Gemeinden registrierten

Auslandschweizerinnen und

-schweizern ermöglichen werden,

mittels Vote électronique

abzustimmen. Dies betrifft

die Gemeinden Bertschikon,

Bülach, Schlieren, Mettmenstetten,

Kleinandelfingen,

Boppelsen, Bubikon, Thalwil,

Männedorf, Fehraltorf und

Maur sowie den Stadtkreis Altstadt

von Winterthur und die

Stadtkreise 1 und 2 der Stadt

Zürich. Zugelassen sind

Auslandschweizerinnen und

-schweizer mit Wohnsitz in

einem EU-Staat oder einem

Staat, der das Wassenaar-

Abkommen unterzeichnet hat.

Für den Schutz vor

Waffengewalt

Ein aus verschiedenen Parteien

und Organisationen

zusammengesetzter Trägerverein

hat im September 2007

die eidgenössische Volksinitiative

«Für den Schutz vor

Waffengewalt» lanciert.

Die Initiative hat zum Ziel, die

Sicherheit zu erhöhen, das

Drohpotenzial zu senken und

Suizide zu verhindern. Wer

Feuerwaffen und Munition erwerben,

besitzen, tragen oder

gebrauchen will, muss den Bedarf

dafür nachweisen und die

erforderlichen Fähigkeiten

mitbringen. Die Militärwaffen

sollen nicht mehr zu Hause,

sondern in den gesicherten

Räumen der Armee aufbewahrt

werden. Überflüssige Waffen,

die sich zu Hause befinden,

werden eingesammelt. Alle

übrigen Waffen werden registriert,

was die Prävention und

die Verfolgung von Verbrechen

verbessert. Die Bundesverfassung

vom 18. April 1999 soll zu

diesem Zweck durch einen Artikel

118a ergänzt werden.

Mehr Informationen zum

Thema finden Sie auf der Webseite

des Initiativkomitees

www.schutz-vor-waffengewalt.

ch. Sie können die Initiative

«Schutz vor Waffengewalt»

noch bis 4. März 2009 unterschreiben.

Weniger Steuern

beim Bausparen

Das Initiativkomitee «Schweizerische

Gesellschaft zur

Förderung des Bausparens»

hat im März 2007 die eidgenössische

Volksinitiative «für

ein steuerlich begünstigtes

Bausparen zum Erwerb von

selbst genutztem Wohneigentum

und zur Finanzierung von

baulichen Energiespar- und

Umweltschutzmassnahmen»,

die sogenannte Bauspar-Initiative

eingereicht. Sie hat ihren

Ursprung im Kanton Basel-

Landschaft, der seit über 15

Jahren ein solches Modell

praktiziert.

Die Initiative bezweckt eine

Änderung von Artikel 129 der

schweizerischen Bundesverfassung

(BV). Dieser Artikel regelt

die Steuerharmonisierung

der direkten Steuern von Bund,

Kantonen und Gemeinden und

soll neu durch die Buchstaben

a) und b) ergänzt werden.

Buchstabe a) soll die Besteuerung

von Bauspareinlagen regeln,

Buchstabe b) die Besteuerung

von Bausparprämien.

Die Initiative soll allen Kantonen

ermöglichen, freiwillig

zwei Formen des steuerlich begünstigten

Bausparens einzuführen.

So könnte das bereits

bekannte Bausparen mit dem

bisher nicht bekannten «Energiespar-Bausparen»

ergänzt

werden. Das Bausparen für den

Erwerb von Wohneigentum

VOLKSINITIATIVEN

soll Mietern erleichtern, ein

Eigenheim zu erwerben. Das

Energiespar-Bausparen soll

Wohneigentümer motivieren,

ihr Eigenheim energetisch

wirksam zu sanieren (z.B.

Sanierung der Gebäudehülle,

Montage energiesparender

Heizungen, Umstellung auf

Technologien mit erneuerbarer

Energie).

Mit der Einführung des

neuen Buchstabens a) soll auch

Artikel 197 der Übergangsbestimmungen

der BV durch eine

neue Ziffer 8 ergänzt werden.

Die neue Übergangsbestimmung

soll den Kantonen erlauben,

ihre kantonalen Bestimmungen

unmittelbar gestützt

auf die Artikel 129 a) und b)

BV zu erlassen. Dies bis die angepassten

Bestimmungen im

massgeblichen Bundesgesetz in

Kraft getreten sind.

Mehr zum Thema auf der

Webseite des Initiativkomitees

www.bausparen.ch. Sie können

die Bauspar-Inititative noch bis

27. September 2008 unterschreiben.

Seit der letzten Ausgabe sind folgende Volksinitiativen lanciert worden:

■ «Gegen neue Kampfflugzeuge», Sammelfrist bis 10.12.2009

Unter der Seite www.admin.ch/ch/d/pore/vi/vis_1_3_1_1.html

können Sie die Unterschriftenbogen der hängigen Initiativen herunterladen.

VERANT WOR TLIC H FÜR DIE AMTLIC HEN MITTEIL UNGEN DES EDA:

RAHEL SC HWEIZER, AUSL ANDSC HWEIZERDIENS T/EDA , BUNDESG ASSE 32,

C H-3003 BERN; TELEFON: +41 31 324 23 98, TELEFAX: +41 31 324 23 60

WWW.EDA .ADMIN.C H/ASD; PA6-AUSL ANDC H@EDA .ADMIN.C H

Inserat


14 S C H W E I Z E R M U S E E N

SC HWEIZER REVUE August 2008 / Nr. 4

Fotos: IOC/Richard Juilliart

«Das Haus der Athleten»

Das Olympische Museum in Lausanne, wo sich auch der Hauptsitz

des IOC befindet, ist ein idyllisch am Genfersee gelegenes

Juwel der Moderne. Es ist nicht nur ein Tempel des Sports,

sondern auch ein Zentrum für Kunst, Kultur und Geschichte.

Von Alain Wey

«Citius, Altius, Fortius» (Schneller, höher,

stärker). Das olympische Motto am Eingang

des Museums gibt den Ton dieses Tempels

an, der ganz dem Sport gewidmet ist. Seine

Grenzen überwinden – diese Forderung spiegelt

sich auch in der Architektur und in den

Ausstellungen in diesem Haus wider. Das am

Genfersee in Lausanne gelegene Museum besitzt

die weltweit wertvollste Sammlung

olympischer Gegenstände. Ob bei den Dauerausstellungen

über die Geschichte der

Olympiaden oder bei der temporären Ausstellung

zu den Olympischen Spielen in

Peking: Immer erwartet den Besucher eine

Verbindung aus Sport und Kunst.

Das olympische Abenteuer

Ein Teil der Dauerausstellung «Das olympische

Abenteuer» ist den Spielen im antiken

Griechenland gewidmet, die von 776 v. Chr.

bis 393 n. Chr. stattfanden. Unter dem Vorwand,

dass die Olympischen Spiele heidnischen

Gottheiten gewidmet seien, setzte der

römische Kaiser Theodosius deren Austragung

ein Ende. Es brauchte den Franzosen

Pierre de Coubertin (1863-1937) und seinen

brennenden Wunsch, moderne Spiele zu

schaffen und über den Sport erzieherisch auf

die Jugend einzuwirken, bis das olympische

Ideal 1894 wieder belebt wurde. Als im übrigen

Europa der Erste Weltkrieg wütete, beschloss

Coubertin, den Sitz des Internationalen

Olympischen Komitees (IOC) in

Lausanne einzurichten. So findet sich der

Besucher mitten in der Geschichte und den

Anfängen der Olympischen Spiele wieder. Auf

den meisten olympischen Medaillen ist Nike,

die Göttin des Sieges, abgebildet. Es sind

sämtliche Fackeln ausgestellt, die seit dem ersten

Staffellauf von Olympia nach Berlin im

Jahre 1936 bis zu den Winterspielen 2006 in

Turin bei den olympischen Fackelläufen durch

die Welt getragen wurden. Die olympische

Flamme, eine Hommage an die antiken Spiele,

bei denen die Griechen ein grosses Feuer zu

Ehren von Zeus anzündeten, vermittelt eine

Botschaft des Friedens, der Solidarität und

der Verbundenheit der Völker.

Kunst und Sport sind hier immer eng miteinander

verknüpft; ein Beispiel dafür ist die

Bronzestatue von Auguste Rodin aus dem

Jahr 1904 mit dem Titel «L’athlète américain».

Die Symbole der Spiele, die Hauptinitianten

und interaktive Installationen prägen

die Ausstellung: die fünf Ringe, welche

die fünf Kontinente symbolisieren und zum

ersten Mal 1920 in Antwerpen auftauchten,

die Ausbreitung der olympischen Bewegung

über die Welt, die wirtschaftlichen Details,

die Medaillen, Stempel, Münzen, Briefmarken,

alle IOC-Präsidenten usw. Die zweite

Dauerausstellung «Die Athleten und die

Spiele» zeigt, wie sich die Sportgeräte der

verschiedenen Disziplinen der Olympischen

Sommer- und Winterspiele entwickelten.

Der weitläufig angelegte Museumsgarten

empfängt den Besucher mit seinen imposanten

Skulpturen grosser Künstler. Modern

und interaktiv, das sind die Attribute der

Dauerausstellungen, denn es können sogar

MP3-Player ausgeliehen werden, die in zahlreichen

Sprachen die verschiedenen Stationen

kommentieren.

Die Ausstellung über die Olympischen

Spiele in Peking

Am 8. August 2008, exakt um 8 Sekunden

nach 8.08 Uhr, werden in Peking die

29. Olympischen Sommerspiele eröffnet.

Blick in die temporäre Ausstellung zu den Olympischen Spielen in Peking: das Olympiastadion, die Piktogramme


15

Das Olympische Museum in Lausanne liegt in einem 22 000 m 2 grossen Park.

Acht ist in China eine Glückszahl. Aus diesem

Anlass zeigt die temporäre Ausstellung

«Beijing 2008» (Februar bis Oktober) in vier

grossen Räumen verschiedene Facetten der

Olympiade und der chinesischen Kultur.

Auch der Aberglaube spielt mit.

Der Ostteil zeigt die Symbole der Spiele:

die mit Glückswolken verzierte Fackel, die

Medaillen mit der eingelassenen Jadescheibe

auf der Rückseite, welche die bösen Geister

vertreiben soll, die 35 Piktogramme der

Sportdisziplinen und die fünf Maskottchen

in der Farbe der fünf olympischen Ringe. Im

Westteil werden die architektonischen Veränderungen

in Peking gezeigt, die im Hinblick

auf die Spiele vorgenommen wurden.

Zwei Olympiastätten werden näher betrachtet:

der Water Cube und das Bird’s Nest. Die

Fassendengestaltung des Water Cube erinnert

an Wassermoleküle und passt bestens zu

den Schwimm- und Springwettbewerben.

Das Bird’s Nest, das Olympiastadion, wurde

von den beiden Schweizer Architekten Herzog

& de Meuron entworfen und gleicht einem

Vogelnest – für die Chinesen zum einen

ein kulinarisches Gericht, zum anderen aber

auch ein mit den Bäumen, der Luft und der

aller Sportarten und die mit Jade eingelassenen Medaillen.

Natur verbundenes Symbol. Weiter werden

vorgestellt: die Oper von Peking, die eine aus

dem Wasser ragende Perle darstellt, die

Türme des chinesischen Zentralfernsehens,

die zwei sich gegenseitig stützenden Türmen

von Pisa gleichen, und der Pekinger Flughafen,

der an einen Drachen mit gespreizten

Flügeln erinnert.

Der Nordteil befasst sich mit der chinesischen

Kultur, mit den traditionellen Sportarten

Chinas und ihrer Vermischung mit modernem

Sport. Das Emblem der Spiele heisst

«Tanzendes Peking». Die Werke des Künstlers

Li Wei zeigen die Aspekte Bewegung und

Originalität des Sports. Man entdeckt auch

die Vielfältigkeit Chinas mit seinen 56 Ethnien,

seinen kulinarischen und medizinischen

Traditionen und seinen Gegensätzen. Der

Südteil bildet den Abschluss des Museumsbesuchs:

Ein chronologischer Vergleich zwischen

der chinesischen und der europäischen

Geschichte begleitet den Besucher auf dem

sich durch den Park windenden Weg zum

Ausgang. Während der ganzen Dauer der

Ausstellung wird den Besuchern die chinesische

Kultur mit Events und Vorführungen

nahegebracht und zudem werden die Wettbewerbe

auf Grossleinwand übertragen. Sobald

der Besucher aus dem Museum tritt und

vor dem Seepanorama die acht griechischen

Säulen betrachtet, auf denen die 28 Sommerund

die 20 Winterspiele verewigt sind, wird

er zwangsläufig daran denken, dass sechs der

Säulen für die kommenden Jahrhunderte reserviert

sind. Genau wie das olympische

Motto wird auch der Mensch, mit dem Besten,

das in ihm steckt, Jahrhunderte überstehen

und seine Grenzen überwinden können,

nicht im Kampf gegen andere, sondern im

Kampf mit sich, um sich selbst zu übertreffen

und letztlich ein besserer Mensch zu

werden.

EINIGE ZAHLEN ZUM MUSEUM

Vor der Eröffnung des Olympischen Museums

am 23. Juni 1993 wurden die Sammlungen

zunächst in Lausanne, in der Villa Mon-

Repos (1922-1970), später dann in einem

provisorischen Museum ausgestellt. Auf

Anregung von Juan Antonio Samaranch,

IOC-Präsident von 1980 bis 2001, wurde das

neue Museum von den Architekten Pedro

Ramirez Vazquez aus Mexiko und Jean-Pierre

Cahen aus Lausanne gebaut. Es ist das

viertgrösste Museum der Schweiz und wurde

bereits von über 2,5 Millionen Menschen

besucht, 50 Prozent davon aus dem Ausland.

Das sind rund 200 000 Besucher pro Jahr,

darunter 30 000 Schüler. Seine Gesamtfläche

von 11 000 m 2 ist auf fünf Stöcke verteilt,

der Park ist 22 000 m 2 gross. Das Museum

besitzt auch ein Auditorium mit 180 Plätzen,

fünf Konferenzräume, ein Restaurant, eine

Bibliothek, eine Videothek und bietet

Führungen und Workshops für Schulen an.

Zudem ist Lausanne auch der Hauptsitz des

IOC und der Sitz der Olympischen Solidarität.

www.olympic.org


16 A U S L A N D S C H W E I Z E R - O R G A N I S A T I O N

Skilager einst und jetzt: Engelberg 1942 Hasliberg 2006

SC HWEIZER REVUE August 2008 / Nr. 4

Swiss-Ski

Kostenloses Juskila für

13- und 14-jährige Schweizerund

Auslandschweizer-Kinder

280 Schweizer Kinder und 20

Auslandschweizer-Kinder mit

Jahrgang 1994 und 1995 können

kostenlos am grossen Skilager

des Schweizerischen Skiverbandes

in der Lenk teilnehmen.

Dieses findet vom 2. bis 9. Januar

2009 statt. Um am Juskila

teilnehmen zu können, sollten

die Auslandschweizer-Kinder

sich wenigstens in einer der

drei schweizerischen Landessprachen

(Deutsch, Französisch

oder Italienisch) verständigen

können. Wer dabei sein

kann, wird Mitte Oktober

durch das Los entschieden.

Stiftung für junge

Auslandschweizer

Winterlager 2008/2009

für 8- bis 14-Jährige

Ob Skifahrer oder Snowboarder,

Anfänger oder Fortgeschrittener,

in unseren

Winterlagern können 8- bis

14-jährige Auslandschweizer-

Kinder eine tolle Zeit verbringen!

Winterlager Sedrun (GR)

Datum:

Freitag, 26. Dezember 2008 bis

Sonntag, 4. Januar 2009

Anzahl Teilnehmer: 48

Kosten: CHF 900.–

Ski- oder Snowboardmiete

ca. CHF 150.–

ANMELDETALON FÜR DIE TEILNAHME AN DER AUSLOSUNG JUSKILA

Vorname:

Strasse:

Land:

Name der /des Erziehungsberechtigten:

❑ Mädchen ❑ Knabe

Heimatgemeinde in der Schweiz (siehe Pass / ID):

E-Mail Eltern:

Name:

PLZ, Ort:

Geburtsdatum:

Telefon:

Sportart: ❑ Ski alpin ❑ Langlauf ❑ Snowboard

Sprache Kind: ❑ Deutsch ❑ Französisch ❑ Italienisch

Bitte nur ein Feld ankreuzen, nach der Verlosung kann die Sportart nicht mehr gewechselt werden!

Unterschrift der/des Erziehungsberechtigten:

Unterschrift des Jugendlichen:

Talon bis 15. Oktober 2008 an: Stiftung für junge Auslandschweizer, Alpenstrasse 26, CH-3006 Bern, Tel. +41 31 356 61 16,

Fax +41 31 356 61 01, E-Mail: sjas@aso.ch, www.aso.ch (Rubrik Angebote / Kinder- und Jugendangebote / Entdecke die

Schweiz / Ferienlager und Reisen)

Anmeldeschluss:

15. Oktober 2008

Winterlager Unterwasser (SG)

Datum:

Samstag, 31. Januar 2009 bis

Samstag, 7. Februar 2009

Anzahl Teilnehmer: 24

Kosten: CHF 700.–

Ski- oder Snowboardmiete

ca. CHF 140.–

Anmeldeschluss:

15. Dezember 2008

Anmeldung

Die genauen Angaben zu den

Winterlagern und das Anmeldeformular

finden Sie ab

15. September 2008 unter

www.aso.ch (Rubrik Angebote /

Kinder- und Jugendangebote /

Entdecke die Schweiz / Ferienlager

und Reisen). In berechtigten

Fällen werden Beitragsreduktionen

gewährt. Auf

Anfrage stellen wir Ihnen unsere

Informationsbroschüre

gerne auch per Post zu.

Kontakte um

die ganze Welt

Junge Auslandschweizerinnen

und Auslandschweizer kennen

sich aus den Angeboten der

Auslandschweizer-Organisation

(ASO). Sie verbrachten

zusammen Ferien in der

Schweiz. Im Skilager, im Sommer-Camp,

in einem Sprachkurs

oder in einer gemeinsamen

Gastfamilie haben sie sich

kennengelernt und pflegen

seither den Kontakt über Tausende

von Kilometern. Bei einigen

gibt es ein Wiedersehen

in den Jugendangeboten der

ASO im kommenden Jahr.

Junge Auslandschweizerinnen

und Auslandschweizer, welche

das erste Mal dabei sind, werden

mit offenen Armen empfangen.

Was steht denn als

Nächstes an?

Eidgenössische

Jugendsession

(17.11.08 bis 23.11.08)

In der Schweiz wird die Zusammenkunft

des Jugendparlaments

ausschliesslich von Jugendlichen

organisiert.

Alljährlich findet im Bundeshaus

eine Session statt, an der

die Jugend ihre Ansichten und


17

SC HWEIZER REVUE August 2008 / Nr. 4

Forderungen an die Entscheidungsträger

der Schweiz formuliert.

Die Teilnahme an

derJugendsession ist eine einzigartige

Möglichkeit, hinter

die Kulissen der Politik zu

schauen. Die ASO führt die

Jugendlichen ins Politsystem

Schweiz ein und behandelt die

Themen der Jugendsession mit

den Teilnehmerinnen und Teilnehmern

im Vorfeld, damit

sie sich aktiv an den Debatten

beteiligen können. Willst du

die Welt verändern? Jede Meinung

zählt.

Neujahrsskilager

in Lantsch (GR)

26.12.2008 bis 04.01.2009

Der beliebte Skiort Lenzerheide

in den Bündner Bergen

liegt nur vier Kilometer von

Lantsch entfernt. Wir sind in

einem geräumigen Lagerdorf

einquartiert und treiben täglich

Wintersport auf der Lenzerheide.

Ausgebildete Skiund

Snowboardleiter helfen

den Jugendlichen, ihre Technik

auf dem Schnee zu verbessern.

An der Silvesterparty lassen

wir die Korken knallen und

starten mit viel Elan ins 2009.

Bildungsangebote

Junge Auslandschweizerinnen

und Auslandschweizer profitieren

von unseren Sprachlehrkräften

in der Schweiz. Wir ermöglichen

ihnen einen Einblick

in die Schweizer Bildungslandschaft.

Unsere aufgestellten

Gastfamilien erwarten die Jugendlichen

und sie können mit

dem Generalabonnement der

SBB die Schweiz auf eigene

Faust bereisen. Willkommen

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Die Auslandschweizer

und die

Ausübung ihrer

politischen Rechte

Am 22. Mai 2008 haben ASO-

Repräsentanten die Staatspolitische

Kommission des

Nationalrats näher über die

Schwierigkeiten informiert,

mit denen Auslandschweizerinnen

und Auslandschweizer

im Zusammenhang mit der

Ausübung ihrer politischen

Rechte konfrontiert sind.

Resolution der Auslandschweizer zugunsten

der «Schweizer Revue»

Die Auslandschweizerinnen und -schweizer setzen sich für die

«Schweizer Revue» ein. An den Jahrestreffen in ihren Wohnsitzländern

haben die in Frankreich, Deutschland, Italien und Grossbritannien

niedergelassenen Schweizerinnen und Schweizer

ihrer Besorgnis über die Sparpläne Ausdruck gegeben, welche

die Abgabe der «Schweizer Revue» in ihrer heutigen Form in

Frage stellen.

Sie betonten die Bedeutung dieses Kommunikationsmediums,

das als einziges alle Auslandschweizer-Haushaltungen erreicht.

Ihrer Ansicht nach ist es wichtig, dass es systematisch an alle im

Ausland immatrikulierten Landsleute abgegeben wird, damit

diese einen starken Bezug zu ihrer Heimat bewahren. Die verabschiedeten

Resolutionen appellieren an die Vorsteherin des EDA,

Frau Micheline Calmy-Rey, alles zu unternehmen, damit die

«Schweizer Revue» in der jetzigen Form bestehen bleibt und

weiterhin an alle in einem Register für Auslandschweizer eingetragenen

Schweizerinnen und Schweizer abgegeben wird.

ASO-Präsident Jacques-Simon

Eggly und ASO-Direktor Rudolf

Wyder berichteten der Kommission

von zahlreich eingegangenen

Auslandschweizer-

Beschwerden im Anschluss

an die eidgenössischen Parlamentswahlen

vom Herbst 07.

Die Vertreter der Auslandschweizer-Organisation

schnitten

als Erstes das Problem des

Abstimmungsunterlagenversands

an, der unseren Landsleuten

im Ausland die Beteiligung

am demokratischen Prozess erschwert

oder gar verunmöglicht.

Kritisiert werden dabei

etwa verspätetes Eintreffen,

falsch zugewiesene Sprachversionen,

unvollständige Unterlagen

oder gar das schlichte

Streichen aus den Stimmregistern.

Da die Ursachen dieser

Probleme in den gesetzlichen

Bestimmungen liegen, betonten

Jacques-Simon Eggly und

Rudolf Wyder die Dringlichkeit

der Einführung des E-Voting.

Darüber hinaus setzten sie sich

dafür ein, dass die Auslandschweizer

im Kanton, in dem

sie im Stimmregister eingetragen

sind, auch die Ständeräte

wählen können. Ein weiteres

Anliegen bildete schliesslich die

separate Erfassung der Auslandschweizer-Stimmen.

Die

Kommission lehnte schliesslich

mit acht gegen sieben Stimmen

den Antrag ab, den Versand der

Abstimmungsunterlagen an die

Auslandschweizer dem Bund zu

übertragen. Sie erachtete das

«Sensibilisierungsrundschreiben»

der Bundeskanzlei an die heute

mit dieser Aufgabe betrauten

Kantone und Gemeinden als

ausreichend. Nach Ansicht der

ASO ist die heutige Situation

nicht länger haltbar. Unsere

Landsleute im Ausland müssen

ihre politischen Rechte genau

gleich wie die Inlandschweizer

wahrnehmen können. Deshalb

wird sich die ASO weiterhin für

eine Sensibilisierung der Parlamentarier

zur Etablierung eines

tragfähigen Systems und zur Gewährleistung

eines hohen Dienstleistungsstandards

für die Auslandschweizer

einsetzen. Das

Hauptanliegen hinter all diesen

Forderungen ist und bleibt die

Anerkennung der politischen,

wirtschaftlichen und kulturellen

Bedeutung der Fünften Schweiz.

Die Anhörung der ASO-Repräsentanten

war im Zuge der Vernehmlassung

zur parlamentarischen

Initiative von Carlo

Sommaruga anberaumt worden,

welche eine direkte Vertretung

der Auslandschweizer in den eidgenössischen

Räten fordert. Bei

dieser Gelegenheit erinnerten

Eggly und Wyder daran, dass

zum Artikel 40 der Bundesverfassung

noch immer kein allgemeines

Ausführungsgesetz existiert,

das eine solide gesetzliche

Grundlage für die Politik des

Bundes in Bezug auf die Auslandschweizer

bilden würde. Eine

wahrlich bedauernswerte Unterlassung!

AUSLANDSCHWEIZER-ORGANISATION

Unsere Dienstleistungen:

■ Rechtsdienst

■ Jugenddienst

■ AJAS

Der Verein zur Förderung der Ausbildung junger Auslandschweizer

■ KSA

Das Komitee für Schweizer Schulen im Ausland

■ SJAS

Die Stiftung für junge Auslandschweizer

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SC HWEIZER REVUE August 2008 / Nr. 4

Foto: Keystone / Illustration: Aus dem «Tages-Anzeiger»

Es lebe der Fussball

Ein Turnier mit vielen unerwarteten Wendungen, ein Fussballfest

und eine Schweiz, die drei Wochen lang im Scheinwerferlicht

der Öffentlichkeit stand: Mit mehr als vier Millionen Zuschauern

in den Schweizer Gaststädten war die Euro 2008 ein Riesenerfolg.

Ein Stimmungsbild nach dem Schlusspfiff. Von Alain Wey

Die Fanzone auf dem Bundesplatz in Bern fest in holländischer Hand.

«Lo, lo, lo, lo, lo, lo … Lo!» Die Krönung der

Spanier in Wien bildete den Schluss- und

Höhepunkt der Euro 2008. Wie beim Sieg

eines Teams aus dem Mittelmeerraum üblich,

füllten sich auch in der Schweiz die

Strassen der Städte mit Autos und Hupkonzerten.

Und in den Herzen so mancher

Schweizer Fans stieg nach drei faszinierenden

Fussballwochen leise Melancholie auf. Es

ist vorbei – aber schön ist es gewesen! Auch

abseits der «Fanzonen» und der Stadien in

den grossen Städten huldigten Stadt und

Land gleichermassen dem runden Leder. Das

Fri-Son in Freiburg beispielsweise verwandelte

sich in einen Fussballtempel mit drei

Grossleinwänden und unerschütterlich guter

Laune, der auch Niederlagen nichts anhaben

konnten. Wird die Schweiz eines Tages

zu einer grossen Fussballnation? Die

Voraussetzungen sind gut: Fans gibt es zur

Genüge. Nachwuchstalente auch. Viele

Schweizer haben nach dem Ausscheiden der

Nati klein beigegeben. Und dennoch – es

fehlte nur wenig und alles hätte ganz anders

kommen können. Zahlreiche Glanzleistungen

und Begeisterungsstürme, eine einzige

Volksfeststimmung: All das wird von der EM

im Land der Berge und Seen ebenso in Erinnerung

bleiben wie die Gastfreundschaft und

die perfekte Organisation im Hintergrund.

Ein Rückblick.

«Die Atmosphäre in den Stadien und auf

den Strassen, die Zeitungsartikel und die

Fernsehbeiträge zeigten

es deutlich: Das

völkerverbindende

Volksfest Euro 2008

ist gelungen», erklärten

Samuel Schmid,

Minister für Verteidigung,

Bevölkerungsschutz

und

Sport, und Benedikt

Weibel, Delegierter

des Bundesrates für

die Euro 2008. Nach

ersten Schätzungen

sind für die 15 in der

Schweiz ausgetragenen Spiele mehr als vier

Millionen Fans nach Basel, Genf, Zürich und

Bern gereist. Insgesamt haben 930 000 Zuschauerinnen

und Zuschauer die Spiele in

Bern verfolgt, 150 000 allein am 13. Juni, als

die Hauptstadt anlässlich des Spiels Holland-

Frankreich von einer orangen Flut überschwemmt

wurde (Fotos und Videoclips

dazu auf www.oranjebern.ch). In Basel wurden

1 050 000, in Genf 700 000 und in Zürich

rund 2 000 000 Besucher gezählt

(700 000 allein in der Zürcher Fanzone). Die

16 UBS-Arenen in der ganzen Schweiz wurden

von rund einer Million Zuschauern besucht.

Trotz nicht idealer Witterungsbedingungen

waren das Fest schön und die

Atmosphäre gut. Ein deutscher Fan formulierte

es so: «Einzig das Wetter konnten die

Schweizer für uns nicht planen!» Dem Ansturm

auf die öffentlichen Verkehrsmittel –

sie wurden von 85 Prozent der Fans genutzt

– war die Schweiz problemlos gewachsen. Fast

zwei Millionen Fussballbegeisterte reisten in

einem der 4000 Sonderzüge an die Spiele

der Euro 2008.

Mit seiner Nati konnte das Schweizer Publikum

zwar nicht sehr lange mitfiebern, aber

es begeisterte sich für neue Favoriten und

erlag der ungeheuren Spannung dieser Euro.

Der alte Groll gegen die Türkei verwandelte

sich im Verlaufe des Turniers in Respekt für

den Kampfgeist dieser Mannschaft, der es

dreimal gelang, das Spiel in den letzten Spielminuten

noch zu wenden. Es scheint, dass

der Fussball in solchen Momenten das ganze

Spektrum der menschlichen Emotionen intensiviert,

von den niedrigsten bis zu den nobelsten.

Die Oranjes und ihr improvisiertes

Camping wird man ebenso wenig vergessen

wie das Granatrot Portugals. Unvergesslich

bleibt der Empfang, den die portugiesische

Gemeinde in der Schweiz ihrer Nationalelf

bereitete: 2000 Motorradfahrer folgten dem

Teambus vom Flughafen Genf-Cointrin bis

nach Neuenburg.

Die Euro 2008 war für die Schweiz zweifellos

das bedeutendste internationale Ereignis

der letzten 50 Jahre. Man kann sich gut

vorstellen, dass ihr Erfolg bei den internationalen

Sportgremien in Bezug auf die Organisation

anderer Grossveranstaltungen in

unserem Land Wirkung zeigen wird. Selten

wurden an einer EM in den Viertel- und

Halbfinals so viele Tore geschossen; dieses

Turnier wird also in ausgezeichneter Erinnerung

bleiben. Die Zukunft wird uns zeigen,

welche «Euro-Effekte» die Zusammenarbeit

mit Österreich und die Hunderttausenden

Fans, die dem Charme unseres schönen Landes

erlegen sind, bringen werden. Auch wenn

die Nati eine goldene Gelegenheit verpasst

hat, so zeigten die Schweizer doch Fairplay

und einen Willen, den Kopf wieder zu erheben

und die guten Teams anzufeuern, dass es

das Herz erfreute. Die Herzlichkeit der

Holländer, die Virtuosität der Spanier und

der Torriecher von Fernando Torres werden

den Schweizer und Österreicher Fussballfans

unvergesslich bleiben. Während Mexiko

1986 «olé» schrie und Frankreich 1998 «I will

survive» sang, gaben bei der Euro 2008

die Rhythmen der Rockmelodie «Seven

Nation Army» der White Stripes den Ton an.

Bei jedem Match skandierte das Publikum

unermüdlich und euphorisch: «Lo, lo, lo, lo,

lo, lo … Lo!» Mit anderen Worten: Es lebe

der Fussball!

Spaniens Trainer Aragonés als Torero.


E C H O

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SC HWEIZER REVUE August 2008 / Nr. 4

Fotos: Keystone

■ Zum ersten Mal seit sechs Jahren

sank die Zahl der Arbeitslosen

in der Schweiz unter

100 000. Die Arbeitslosenrate

betrug im Mai schweizweit

2,4 Prozent, 3,7 Prozent in der

Westschweiz und 1,9 Prozent

in der Deutschschweiz.

■ Mit fast 16,8 Millionen Logiernächten

– 6,2 Prozent mehr

als im Vorjahr – erzielte die

letzte Wintersaison das beste

Ergebnis in der Geschichte des

Schweizer Tourismus.

■ Mit der Einführung des neuen

biometrischen Passes verschwindet

auch die herkömmliche

Identitätskarte ohne biometrische

Daten.

Dies hat im Juni nun auch der

Nationalrat entschieden.

■ Fünf Schweizer Soldaten

sind bei einer Raftingübung

in den Stromschnellen der

Kander bei Wimmis (BE)

ertrunken. Der Kompaniekommandant

ist im Visier der

Militärjustiz.

Schweizer Unternehmen:

Mehr als die Hälfte der neuen

Topmanager (53 Prozent) stammen

aus dem Ausland. Gemäss

dem Personalberatungsunternehmen

Guido Schilling &

Partner ist bei den CEO der

Anteil der Ausländer/innen innerhalb

eines Jahres von 32 Prozent

auf 38 Prozent gestiegen.

Der Anteil der Deutschen unter

den ausländischen Führungskräften

ist von 30 Prozent auf

34 Prozent angewachsen, weiter

stammen 12 Prozent aus den

USA und 10 Prozent aus Grossbritannien.

■ Ab 2010 werden die Mieten

nur noch der Teuerung angepasst.

Weil bei der Berechnung

„Ich wünsche Christoph Blocher, dass er den Zeitpunkt nicht verpasst,

sich zurückzuziehen. Sonst kann er zur Hypothek für die Partei werden.“

Peter Spuhler, führender SVP-Politiker und Unternehmer

„Viele Schweizer bringen es fertig, bei jedem freudigen Ereignis vor

allem Probleme zu sehen. Was ist los mit unserem Land, können wir uns

nicht mehr freuen?“

Filippo Leutenegger, freisinniger Nationalrat aus dem Kanton Zürich

„Die Schweizer sind sehr unabhängig. Sie sind stolz auf ihr Land und

ihre Demokratie. Wir respektieren, dass sie zurzeit den bilateralen Weg

nach Europa gehen.“

Benita Ferrero-Walder, Aussenkommissarin der Europäischen Union

„Wenn wir ein wunderschönes Auto bauen, das nicht teuer ist und mit

Wasserstoff fährt, werden es die Leute kaufen.“

Nicolas G. Hayek zu seinem Projekt eines emissionsfreien Autos mit Brennstoffzellen

„Nicht alle schweizerischen Agrarprodukte haben auf dem internationalen

Markt die gleichen Chancen. Käse und Würste haben die besseren

Chancen als Äpfel und Rüebli.“

Rolf Büttiker, Präsident des Schweizer Fleisch-Fachverbandes

„Die Schweiz hat sich verpflichtet, den Verlust der Artenvielfalt an

Pflanzen und Tieren bis 2010 signifikant zu senken. Doch leider läuft in

unserem Land nicht viel.“

Kurt Eichenberger, Projektleiter Biodiversität beim WWF

„50 Spitäler der über 300 Spitäler in der Schweiz würden genügen. Heute

macht man in fast jedem kleinen Spital alles – nicht immer so gut, wie es

möglich wäre.“

Manfred Manser, Chef der grössten Krankenkasse Helsana

„Alkohol hat sich zu einem alltäglichen Jugendthema entwickelt. Dazu

nehmen die Gewaltdelikte alkoholisierter Jugendlicher stetig zu.“

Esther Maurer, Stadträtin in Zürich

„Wir Schweizer Spieler sind zu lieb. Doch an der Fussball-Europameisterschaft

ist etwas anderes gefragt. Du darfst dem Gegner keine Chance

lassen, ins Spiel zu kommen.“

Patrick Müller, Abwehrspieler in der Nati, nach dem Ausscheiden der Schweiz

„In der Schweiz ist die Nationalmannschaft etwas Besonderes. Der

Rückhalt in der Bevölkerung ist grösser als in Deutschland. Die Schweizer

sind patriotischer.“

Ottmar Hitzfeld, Startrainer und neuer Coach der Schweizer Fussball-Nati

der Teuerung auch die Mietzinse

berücksichtigt werden,

befürchtet der Schweizerische

Mieterinnen- und Mieterverband

die Entstehung einer

Inflationsspirale.

■ Der Schweizerische Nationalfonds

hat im vergangenen

Jahr 40 Millionen Franken

mehr für die Förderung der

wissenschaftlichen Forschung

ausgegeben als im Jahr zuvor,

nämlich insgesamt 531 Millionen

Franken – ein neuer Rekord.

■ Der Prozess zum Flugzeugabsturz

in Bassersdorf

(ZH), der 2001 24 Todesopfer

forderte, entlastete die Crossair.

Die damaligen Führungskräfte

der Fluggesellschaft,

Moritz Suter und André Dosé,

wurden vom Schweizerischen

Bundesstrafgericht freigesprochen.

■ Zum ersten Mal gehört ein

ausländisches Team zur Elite

des Schweizer Fussballs. Als

Tabellenerster der Challenge

League stieg Vaduz (Liechtenstein)

in die Schweizer Super

League auf.

■ Nach einem Verlust von

11,5 Milliarden Franken im ersten

Quartal kündigt die UBS

an, dass sie bis Mitte 2009

5500 Stellen abbauen will, 1500

davon in der Schweiz. Gleichzeitig

steht die Bank im Verdacht,

reichen amerikanischen

Kunden geholfen zu haben, ihr

Einkommen am Fiskus vorbeizuschmuggeln.

■ Jean-Paul Clozel, Gründer

des Biotechunternehmens

Actelion, wurde unter 48 Konkurrenten

aus mehr als 40

Ländern zum «World Entrepreneur

of the Year» gewählt.

Es ist das erste Mal, dass ein

Schweizer diese vom Wirtschaftsprüfungs-

und Beratungsunternehmen

Ernst &

Young verliehene Auszeichnung

erhält.

■ Nach dem Tessin, Solothurn,

Graubünden, Appenzell Ausserrhoden,

St. Gallen und Genf

ist Uri der siebte Kanton, der

das Rauchen in öffentlichen

Räumen verbietet. Das Wallis

wird nächstens über eine solche

Vorlage abstimmen.

■ Pascal Couchepin musste erklären,

warum der Bundesrat

2007 beschloss, 100 Bundesordner

mit heiklen Dokumenten

im Zusammenhang mit

einem mutmasslichen Atomschmuggel

heimlich zu vernichten.

Es bestehen starke

Zweifel an der Legalität dieser

Aktion: Der Präsident der Aussenpolitischen

Kommission

des Nationalrats, Geri Müller,

verlangt eine Untersuchung,

denn er vermutet, dass die

USA Druck auf die Schweiz

ausgeübt haben.

AW/RR

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