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Gustav-Adolf-Werk 175 – Aktion 175 Gottesdienste

Rainer Janssen Berlin, Jubilate 2007

Weinstock und Reben

Zum 175. Geburtstag des Gustav-Adolf-Werkes

gehalten am 29.4.2007 in der Gustav-Adolf-Kirchengemeinde Berlin-Charlottenburg

Predigttext – Joh 15,1-8:

Das Evanlium für den heutigen Sonntag Jubilate steht im Johannesevanglium, Kapitel 15. Es

ist gleichzeitig der Predigttext (Aufstehen – Gesang):

Jesus Christus spricht: Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater der Weingärtner. Eine

jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, wird er wegnehmen; und eine jede, die Frucht

bringt, wird er reinigen, daß sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen,

das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen

kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr

nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in

ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der

wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt sie und wirft sie ins Feuer,

und sie müssen brennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr

bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, daß

ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger. Amen (Gesang).

Predigt:

Gnade sei mit euch und Friede von Gott, der da war und der da ist und der da kommt!

Liebe Gemeinde, als ich noch Vikar im Predigerseminar war, haben wir dort nicht nur Seminarwochen

gehabt und unser Examen vorbereitet, sondern auch eine Studienfahrt gemacht.

Ziel war es, Christen in einem anderen Land zu besuchen. „Nun“, sagte einer, „wenn wir

schon so eine Reise machen müssen, dann sollten wir dorthin fahren, wo es schön und warm

ist. Christen gibt es doch auch in Italien, Griechenland und der Türkei.“ Die Mehrheit unseres

Kurses war aber doch der Ansicht, dass wir da ja schon alle mal Urlaub waren und jetzt vielleicht

gerade irgendwo anders hinfahren sollten. Ich weiß gar nicht mehr wer, aber irgendjemand

schlug dann Russland vor. In St. Petersburg könnten bestimmt auch die Kulturfreunde

ganz auf ihre Kosten kommen. „Aber sind dort die Gemeinden wirklich interessant für uns?

Da gibt es doch bestimmt nur alte Omas, deren Kinder und Enkelkinder nach Deutschland

gekommen sind, und jetzt sind sie einsam und allein. Wir wollen viel lieber etwas Ermutigendes

sehen und Spaß haben“, meinten einige hinter vorgehaltener Hand.

Nun, wir sind dann tatsächlich dorthin gefahren und waren überwältigt: Unter sehr schwierigen

Bedingungen halten diese Menschen in den Gemeinden zusammen, denn ihr Glaube gibt

ihnen die Kraft dafür. Von diesem Glauben erzählen sie anderen Menschen und stecken sie

mit ihrer Begeisterung an, so dass die Gemeinden sogar wachsen und neue Mitglieder gewinnen.

Aber sie kümmern sich auch um diejenigen, die über Jahrzehnte trotz kommunistischer

Diktatur ihrem Glauben treu geblieben sind und jetzt als arme Rentner soziale Hilfe brauchen.

Und die bekommen sie, so gut es geht. Das ist eine Selbstverständlichkeit für Menschen, die

an den Gott glauben, der die Liebe ist und deshalb uns liebt. Deshalb geben sie die Liebe auch

untereinander weiter. Oder, weiter mit unserem heutigen Episteltext gesagt, die wir eben gehört

haben: Das erkennen dann auch die Außenstehenden, dass bei diesen Menschen etwas

anders ist: Die Kinder Gottes lieben und helfen sich untereinander, denn sie selbst haben die

Liebe Gottes gesprürt.

Einer, den das beeindruckt hat und der sich deshalb einer Kirchengemeinde angeschlossen

hat, heißt Andrej. Ihn haben wir in St. Petersburg kennengelernt. Dort studiert er an einem

kleinen Seminar vor den Toren der Stadt Theologie. „In meiner Heimatstadt“, erzählte er,

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„2000 Kilometer von hier, hatte ich ursprünglich gar nichts mit der Kirche zu tun. Meine Oma

schon, die hat immer heimlich gebetet. Sie hatte nämlich Angst vor dem Sowjetregime. Sie

war nach dem Krieg für einige Jahre nach Sibirien verschleppt worden. Doch dann habe ich

als Jugendlicher plötzlich von einer jungen Gemeinde gehört. Ein Freund von mir ging dort

hin zum Bibelkreis. Das gab ihm irgendwie Kraft. Und genau das machte mich neugierig: Ich

wollte wissen, wer dieser Jesus ist, über den sie dort immer sprechen. Wer ist Jesus?

Und spätestens jetzt sind wir beim Predigttext. Denn da steht es drin. „Ich bin“, sagt Jesus,

„ich bin der Weinstock und ihr seid die Reben.“ Siebenmal sagt Jesus im Johannesevangelium,

wer Jesus ist. Und jedesmal geht es los mit den Worten: „Ich bin“, so sagt er von sich,

„das Licht der Welt!“ Ja, Andrejs Oma hat dieser Jesus Licht und Hoffnung im dunklen Sibirien

gegeben: dass es etwas größeres und mächtigeres gibt, dass das Regime nicht das letzte

Wort hat! „Ich bin die Tür!“ Das haben Andrej und sein Freund erfahren. Jesus eröffnet eine

Perspektive, wo auch immer sie dort hinten in Russland leben. „Ich bin gute Hirte“, sagt Jesus,

und Andrejs Oma glaubte ihm mehr ihm als den vermeintlichen Hirten im Kreml.

Doch jetzt dieses Wort: „Ich bin der wahre Weinstock, ihr seid die Reben!“ Was für einen

Bild! Sind Sie schon einmal über einen Weinberg gelaufen? So zwischen den Weinstöcken

hindurch? Aufrecht stehen sie da, manchmal schon recht alte Stöcke, daran Knospen: Jedes

Jahr wieder neue kleine Zweige, die immer stärker und dichter werden, und an denen sich erst

ganz winzige Trauben bilden, die dann wachsen, dicker und farbig werden. Zu Beginn

schmecken sie ungenießbar, doch dann, mit der Zeit, werden sie reif und saftig. Und mit solch

einem Weinstock und seinen Reben vergleicht Jesus sich – und uns! Der Weinstock ist Jesus,

die Reben sind wir, die Trauben sind die Früchte unseres Glaubens, die Zeichen, die wir aus

dem Glauben heraus hervorbringen.

So dicht, wie die Reben am Weinstock hängen, so eng sind wir mit Jesus verbunden. So, wie

der Weinstock seine Nahrung aus dem Boden zieht und diese Kraft in die Reben fließt, damit

sich dort Trauben bilden können, so bekommen wir Kraft von Jesus. Erst ganz zaghaft, und

dann immer mehr. Ganz wenig konnte Andrej nach der ersten Bibelstunde von Gott erzählen;

seine Oma hingegen blickte auf ein Leben voller Erfahrungen mit Gott zurück: Immer wieder

war er für sie zum Licht geworden, immer wieder hatte er Kraft und neue Hoffnung gegeben,

er ist die Tür zur Zuversicht! Ganz klein war am Anfang Andrejs Rebe, wenige Trauben

brachte er hervor, mittlerweile war die Rebe schon viel größer geworden. „Als ich mich hier

fürs Theologiestudium eingeschrieben habe“, sagte er, „kannte ich erst ganz wenige

Geschichten aus der Bibel. Doch ich wollte mehr wissen, das interessierte mich wirklich.

Manchmal habe ich das Gefühl, meine Professoren sind mit mir bei Null angefangen. Doch

jetzt packt es mich jeden Tag mehr und ich freue mich darauf, eine Tages selbst einmal Pastor

zu sein und anderen von Gott zu erzählen!“ Auch Andrejs Rebe wächst! Nicht aus ihm selbst,

sondern eine bißchen aus den Vorlesungen und was er dort von Gott hört, ein bißchen in den

Andachten, wo sie gemeinsam – er und seine Studienfreunde – das Gefühl erleben, mit Gott,

dem Weinstock, verbunden zu sein, aber auch bei den Gesprächen und praktischen Erfahrungen

in den Gemeinden, in denen er schon jetzt mitarbeitet.

Eine dieser Gemeinden ist die Petrigemeinde in Sankt Petersburg, das ist die lutherische Kirche

– mit deutschsprachigem Hintergrund. Die Petrikirche steht in prominentester Lage, mitten

in der Stadt, direkt an der großen Prachtstraße, dem Newskiprospekt. Vielleicht haben Sie

alle von dieser Kirche schon einmal gehört, denn sie ist auch als die „Schwimmbadkirche“

bekannt geworden. Denn das Sowjetregime hat der Gemeinde einst diese Kirche weggenommen,

auf dem Boden vier Mauern aufgerichtet, so dass ein Becken entstand, über dem Altar

einen Sprungturm aufgebaut und die Seitenemporen zu Zuschauertribünen umgewandelt. Absolut

grotesk, so ist das Schwimmbad entstanden. Inzwischen feiert die Gemeinde dort wieder

Gottesdienst: Man hat über das Becken eine Decke gezogen, den Sprungturm abgerissen, der

Altar war ja noch da, eine Orgeln eingebaut, und nun kommen sie: Jedes Jahr ein paar Leute

mehr. Der Pastor dort muss seine Predigt inzwischen ins Russische dolmetschen lassen, weil

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viele neue Gemeindeglieder sich angeschlossen haben, die überhaupt keinen deutschen Hintergrund

haben, sondern einfach kommen möchten: Sie sind kleine Reben, die Kraft aus dem

Weinstock erfahren. Schon fast waren sie verdorrt, denn ihnen fehlte etwas, das ihnen Orientierung

und Kraft zum Leben gibt. Doch jetzt haben sie ihren Weinstock gefunden. Neue

Konfirmandenkurse beginnen dort alle drei Monate, dann kommen einige Jugendliche, vor

allem aber Erwachsene.

Und viele sind noch nicht einmal getauft, sondern bereiten sich auf Taufe und Konfirmation

gleichzeitig vor. Sie waren schon fast verdorrt. Im Bibeltext heißt es: Eine jede Rebe, die keine

Frucht bringt, wird er wegnehmen. Das klingt nach Gericht, als wenn der Weingärtner, das

ist Gott, kommt und alle verurteilt, die am Weinstock nicht wachsen. Mir persönlich macht

das Angst: Wenn ich mal nicht an Gott denke oder gar eine schlechte Predigt halte, muß ich

dann etwa das Gericht fürchten. Ein Professor hat mich da beruhigt. In Bezug auf die Gemeinde

in St. Petersburg möchte ich daraufhin sagen: Diejenigen, die nun neu dazu kommen,

weil sie etwas suchen, waren schon fast verdorrt. Das hat sie unzufrieden gemacht, in ihrem

tiefsten Innern. Ihnen fehlte der Halt, ihnen fehlte der Sinn, der die Liebe ist. Ihnen fehlte der

Zuspruch, dass Gott ihnen beisteht und hilft. Sie hatten Gott nicht gehört. Da hatten sie sich

das Gerichtsurteil schon selbst gesprochen. Doch jetzt haben sie es geschafft, weil ihre Brüder

in Liebe auf sie geschaut und ihnen geholfen haben. Nun sind sie dabei, übrigens vor allem

junge Akademiker.

Aber wir haben in der Gemeinde eben auch die alten Großmütter Omis kennengelernt, die seit

Jahrzehnten dazugehören und von ihrer kleinen Rente kaum leben können. Ich weiß nicht, wie

weit die Gemeinde jetzt ist, aber als wir da waren, träumten sie davon, in einem Nebengebäude

ein kleines Altenheim einrichten zu können. Soziale Arbeit ist einfach wichtig, die Gemeinde

hat ein klares diakonisches Profil!

Irgendwann kam dann auch die Frage, die kommen musste: Womit könnt ihr das eigentlich

alles finanzieren? Andrej, dieses kleine Zimmer, in dem sich damals dein Bibelkreis jede Woche

getroffen hat, wer hat dafür eigentlich die Miete bezahlt? Mit euren bißchen Geld konntet

ihr doch höchstens Gesangbücher kaufen?! Oder die Dozenten am theologischen Seminar:

Was sind das eigentlich für Leute? Und der deutsche Pastor der Petrikirche – bekommt der

nicht eigentlich sein Gehalt auch noch aus Deutschland? Ja, sagte Andrej, ohne Hilfe aus

Deutschland geht es nicht. Oder sagen wir besser: noch nicht. Die Hälfte der Professoren z. B.

sind ehemalige Studenten, die inzwischen ihren Doktor gemacht haben. Da können wir die

Stellen jetzt auch mit unserem eigenen Personal besetzen. Und ihr seht doch, wie in dem lutherischen,

ursprünglich deutschen, Gottesdienst die russische Sprache mehr vorkommt: Ich

bin sicher, eines Tages wird das Russische die wichtigere Sprache sein und wir können auf

eigenen Beinen stehen! Naja, und die Frage mit dem Geld: Eure Ahnung ist richtig, wir bekommen

viel an Zuschüssen aus Deutschland, auch viele Spenden, ohne das ginge es noch

nicht! Andrej zählte verschiedene deutsche Institutionen auf, darunter auch – das Gustav-

Adolf-Werk.

Gustav Adolf“, frage ich, „das war doch dieser schwedische König, der im Dreißigjährigen

Krieg mitgekämpft hat.“ Ein Kollege erinnerte sich dann genauer: Der Streit zwischen evangelisch

oder katholisch wurde im Dreißigjährigen Krieg zu einer politischen Frage! Plötzlich

gewannen die Truppen, die sich der katholischen Sache verschrieben hatten, an Überhand und

hatten die Siegesfahne schon fast sicher. Aber der König aus Schweden hartte deutsche Verwandte

deutsche Verwandte und bekannte sich zum evangelischen Glauben. Er merkte als

Politiker: Wenn ich nicht jetzt meinen bedrohten Brüdern helfe, dann ist die Sache verloren!

Als Kriegsherr rüstete er und zog in die Schlacht. – So sehr wir heute Gewalt in religiösen

Dingen verurteilen, so richtig bleibt die Begründung für das Handeln von Gustav Adolf: Seine

Brüder waren bedroht und denen wollte er helfen! Seine Motivation holte er aus einem Vers

aus dem Galaterbrief: „Lasst uns Gutes tun an jedermann, am allermeisten aber an des Glau-

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bens Genossen.“ Und Gustav Adolf konnte für die Protestanten das Blatt noch wenden. Allerdings

starb er selbst auf dem Schlachtfeld bei Leipzig.

Als sich dies zum 300. Mal jährte, wollte man in Leipzig dafür ein Denkmal bauen und sammelte

Spenden dafür. Dabei kam so viel zusammen, dass man von den Überschüssen eine

Stiftung einrichten konnte. Der Zweck dieser Stiftung stand wieder in dem Vers aus dem Galaterbrief:

Tut Gutes an euren Glaubensgeschwistern! Mit dem Geld wird also Gemeinden

geholfen, denen es an Mitteln fehlt, um das Evangelium leben und verkünden zu können.

Damit war das Diasporawerk der Evangelischen Kirche in Deutschland entstanden, das Minderheiten

in über 30 Ländern Europas, Lateinamerikas und Asiens unterstützt: nämlich beim

Gemeindeaufbau und in der Diakonie! Gott sei Dank sind die Zeiten vorbei, als sich Protestanten

und Katholiken noch gegenseitig bekämpften. Jetzt gilt die Hilfe des Gustav-Adolf-

Werks auch den anderen Konfessionen. Und dazu gehören in St. Petersburg vor allem die

Orthodoxen, die sich ebenfalls in der Diakonie engagieren und die finanzielle Unterstützung

ebenso dringend benötigen. Ein schönes Beispiel ist auch das Liederbuchprojekt in Estland:

Die Esten haben ja die Wende 1990 praktisch herbeigesungen, man spricht von der singenden

Revolution. Und in diesem jungen Land wird demnächst ein neues Liederbuch für die christliche

Jugendarbeit produziert – und da sind alle Konfessionen mit dabei. Auch das geht leichter

mit der Unterstützung des Gustav-Adolf-Werkes.

Und dieses Hilfswerk wird nun 175 Jahre alt! Und es hat sich zum Geburtstag ein neues

Denkmal gewünscht: Aber dieses Mal nicht aus Stein, sondern ein lebendiges, nämlich in

Form von Hilfe für weitere Projekte in der Ferne. Frau Pastorin Freudenberg wird gleich bei

den Abkündigungen noch mehr dazu sagen und über die Kollekte sprechen, mit der wir uns

an diesem Geburtstagsgeschenk, dass unseren Glaubensgeschwistern zu Gute kommt, unterstützen

können. So können wir, die Reben aus Berlin, weitere Frucht bringen und auch damit

Gott, unseren Vater, verherrlichen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in

Christus Jesus. Amen.

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