Die gestohlene Heilige Nacht Es war am Heilig Abend. Nicht dass ...

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Die gestohlene Heilige Nacht Es war am Heilig Abend. Nicht dass ...

Die gestohlene Heilige Nacht

Es war am Heilig Abend. Nicht dass dieses das Besondere

gewesen wäre. Aber die Umstände waren anders als sonst.

Ich war damals 20 Jahre alt und leistete meinen

Wehrdienst bei der Bundeswehr. In der Kaserne bin ich

geblieben, statt zu Hause zu sein wie die meisten meiner

Kameraden. Höhere Gewalt sozusagen. Da gab es nichts

mehr zu machen. Irgendwen trifft es immer, und dieses

Mal war ich eben dran. „Bereitschaftsdienst“ hieß der

Befehl. Und das bedeutete: auf der Stube sitzen und

warten auf die Dinge, die da kommen würden. Am Heilig

Abend.

Einen Kameraden vom selben Flur hatte ebenfalls dieses

Los getroffen. So saßen wir zusammen auf einer Stube als

Leidensgenossen gewissermaßen. Auf dem Tisch brannte

die Kerze eines Adventsgestecks, das schon ziemlich

trocken geworden war. Von zu Hause hatte ich es vor

einiger Zeit mitgebracht. Manchmal hatte ich den

Eindruck, als versuchte dieses kleine Licht mit aller

Verzweiflung eine wenig weihnachtliche Atmosphäre zu

bringen. Es war vergeblich. Trübsinnig saßen wir vor dem

Fernseher. Irgendeine Unterhaltungssendung lief gerade.

Gelangweilt schauten wir zu, wie sich andere Menschen

freuten. O du fröhliche Weihnachtszeit. Nur nicht bei uns.

In Gedanken war ich hin und wieder zu Hause: Da

würde jetzt meine Familie vor dem strahlenden

Weihnachtsbaum sitzen, natürlich mit Lametta

geschmückt, die Kugeln vom Durchmesser und von der

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Farbe her peinlichst genau aufeinander abgestimmt. Die

Proportionen und die Verhältnismäßigkeit musste eben

gewahrt bleiben. Der Weihnachtsbaum ist ja auch das

Aushängeschild für den Geschmack einer Familie. Es gibt

nichts Schlimmeres als Tannenbäume, die in ihrem

Schmuck überladen oder völlig disharmonisch sind. O,

wie mir diese Wissenschaft des richtigen

Weihnachtsbaumschmucks manchmal gegen den Strich

gegangen ist. Aber an diesem Abend war sie mir völlig

gleich. Wenn ich doch nur zu Hause sein könnte. Mir

wäre jeder Baum recht gewesen.

Inzwischen ist es 21 Uhr geworden. Man hatte uns

gesagt, der Standortpfarrer würde kommen und eine

Andacht halten. Das war aber auch alles an

Informationen. Wo er die Andacht hätte halten sollen, ob

auf dem Kasernerenhof, auf dem Flur oder im

Gemeinschaftsraum, das wurde nicht mitgeteilt. Auch

genaue eine Uhrzeit war sehr ungewiss. Vielleicht war

alles auch nur ein Gerücht. Blieb also nichts anderes als

abzuwarten.

Und wie ich ihn herbeigesehnt habe, dass er endlich

käme. Dabei hatte ich doch - und das machte auch die

Widersinnigkeit dieser Situation aus - den Gottesdienst

am Heiligen Abend in den letzten Jahren gemieden. Der

Glaube an einen lebendigen Gott war mir fremd geworden

und erst recht ein Kirchgang am Heilig Abend, der - wie

ich damals meinte - nur der Befriedigung irgendwelcher

unbestimmten religiösen Gefühle diente. Aber gerade an

diesem Abend, diesem trostlosen Abend, wollte ich das

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alles haben: Diese Botschaft von einem Gott, der alle

Menschen liebt, und wobei ich immer gefragt habe, ob das

wirklich so stimmt. Die feierliche Stimmung, die unter die

Haut geht und mit „Stille Nachtam Schluss des

Gottesdienstes und im Stehen gesungen ihren Höhepunkt

nimmt. Das Läuten der Glocken, das an diesem Abend so

ganz anders klingt.

Nein, heute Abend gab es das alles nicht. Es kam kein

Pastor mehr. Keiner, der das Wort von der Liebe sprach.

Keiner, der mit Worten - ob man ihnen nun Glauben

schenken konnte oder nicht - eine feierliche Atmosphäre

schaffte. Es war wie das Warten auf Godot. Kein Godot

kam und auch kein Pastor. Wahrscheinlich hatten die

beiden eine heimliche Absprache getroffen.

Der Kamerad von der benachbarten Stube und ich sahen

in die Glotze und wussten nicht mehr viel zu sagen. Die

Müdigkeit, hervorgerufen durch Unbefriedigtsein und

Eintönigkeit holte uns irgendwann ein. Eine Stunde vor

Mitternacht gingen wir jeder in sein Bett, als wäre es ein

Abend wie jeder andere gewesen. Ein Abend vor dem

Fernseher, aber kein Heilig Abend.

Nach dem Frühstück des nächsten Morgen war der

Bereitschaftsdienst zu Ende. Ich durfte nach Hause fahren.

Eine trostlose Nacht lag hinter mir.

Zu Hause angekommen war nach der Begrüßung meiner

Eltern mein erster Gang der in die Weihnachtsstube. Darin

lag noch der unverkennbare Geruch von abgebrannten

Kerzen des gestrigen Abends. Auf dem Tisch lagen die

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Geschenke, hier und da Schmuckband und Papier von

Geschenken, die bereits ausgepackt waren.

Musste schön gewesen sein der gestrige Abend zu Hause -

sagte ich mir in Gedanken.

Irgendwie überkam mich das unbestimmte Gefühl: ein

wichtiger Abend ist mir verlorengegangen. Es ist mir

etwas genommen worden, was eigentlich zu mir gehört.

Nur vorher war mir das gar nicht so klar. Aber jetzt ist die

Mangelerscheinung da. Ich möchte nach einem

Schuldigen suchen. Aber selbst wenn einen ausfindig

machen würde: Es bleibt der Nachgeschmack: Mir wurde

etwas gestohlen.

Plötzlich stand ich neu vor der Frage: Brauchen wir

Weihnachten? Ist es Fest, das man feiert, nur weil es dran

ist, oder steckt nicht noch mehr dahinter?

Für denjenigen, der mit dieser Tradition groß geworden

ist, ist es sicherlich ein wichtiger Bestandteil seines

Lebens. Da sind ja auch gute Erinnerungen aus der

Kindheit, die man gern wiedereinholen möchte. Auch

dann, wenn man jedes Jahr wieder von neuem merkt: Ich

schaff es nicht mehr. Ich bin durch das Leben zu nüchtern

und zu abgeklärt geworden. Dieses Gefühl wie auf einer

himmlischen Wolke durch die Feiertage getragen zu

werden gibt es nicht mehr.

Anderes drängt sich darum um so mehr in den

Vordergrund, wie eben die Botschaft des Engels: „Euch

ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der

Herr.“ Diese knappen Worte sind auch ohne Lametta und

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