Sprecht mehr mit Kindern – Modellkita Sprachprogramm - kopofo

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Sprecht mehr mit KindernModellkita Sprachprogramm

Seit Jahren wird immer offensichtlicher, dass mit unseren Kindern etwas nicht stimmt. Immer mehr können nicht

balancieren, rückwärts laufen oder richtig sprechen. Schon die Kitas werden mit Kindern konfrontiert, die

entwicklungsgestört sind. In den Schulen tauchen vermehrt Kinder auf, die sich auf dem sprachlichen Niveau von

Zweieinhalbjährigen befinden. Wie soll da ein PISA-Test positiv ausfallen? Aber vor allem: Was wird aus diesen

Kindern? Alarmiert von dieser Entwicklung tat sich die bündnisgrüne Gesundheitsstadträtin Dr. Elisabeth Ziemer

mit niedergelassenen Kinderärzten zusammen, um das Phänomen zu ergründen und Lösungen für die Probleme

zu finden. Der STICHEL veröffentlicht ihren Erfahrungsbericht:

»Volkskrankheit«: Entwicklungsstörung

Über zwei Jahre ist es jetzt her, dass ich in der Presse von dem Alarmruf niedergelassener Kinderärzte las. Dr.

Ulrich Fegeler, Kinderarzt in Spandau und zugleich Mitglied im Vorstand niedergelassener Kinder- und

Jugendärzte, berichtete mit großer Sorge von der Überfüllung der Praxen mit Kindern, von denen beinahe jedes

dritte entwicklungsgestört sei. Und dies nicht etwa aus medizinischen, sondern aus pädagogischen Gründen:

»Immer mehr Eltern«, so Fegeler, »versagen offenbar bei der Aufgabe, ihre Kinder bis zum Schuleintritt gut oder

wenigstens ausreichend anzuregen.« Man spreche inzwischen in der Medizin von »einem allgemeinen

erzieherischen Unvermögen der Familien als neuer Volkskrankheit«.

Diese Beobachtungen decken sich vollständig mit den Erfahrungen, die unsere Kinderärztinnen jedes Jahr bei

den flächendeckenden Einschulungsuntersuchungen machen. So wurden z.B. zum Schuljahr 2004/05 im

gesamten Bezirk Tempelhof-Schöneberg 3.169 Kinder untersucht. Diese Untersuchungen enthalten auch

umfangreiche Befragungen der Eltern. Durch sie bekommen wir repräsentative Aussagen zum Zusammenhang

zwischen den Lebensumständen und dem Verhalten von Eltern und den Defiziten ihrer Kinder.

Beunruhigende Zahlen

Betrachtet man nun die prägnantesten Ergebnisse eines der ärmsten Bereiche im Schöneberger Norden, dann

wird die beklagte mangelnde Anregung der Kinder durch die Familien sehr deutlich. In diesem Bereich gehören

2/3 der Familien zur untersten sozialen und bildungsfernen Schicht, 1/3 der Mütter hat keinen

Hauptschulabschluss, 70 Prozent der Mütter sind nicht erwerbstätig, 5,3 Prozent der Kinder in diesem Bereich

haben keine Kita besucht, 9,3 Prozent nur weniger als ein Jahr. Die sprachliche Verständigung mit 53 Prozent

der Kinder – mehr als doppelt so viele Einschulkinder kommen aus türkischen Familien wie aus deutschen – ist

so schlecht, dass sie dem Schulunterricht kaum werden folgen können. Jedes fünfte Kind in diesem Bereich hat

einen eigenen Fernseher und 60 Prozent sehen eine bis drei Stunden täglich fern, 4,7 Prozent mehr als drei

Stunden. 34,5 Prozent der Kinder sind zu dick, 32 Prozent haben unversorgte Zahnschäden. Schulischen

Förderbedarf entdeckte man bei 47 Prozent der Kinder.

Qualität der Anregungen ausschlaggebend

Zunächst wird hier widerlegt, dass nur die Mutter zuhause bleiben muss, damit die Kinder geförderter

aufwachsen. Offensichtlich hat die Anwesenheit allein wenig Einfluss auf die Kinder. Andererseits bietet aber

auch der Besuch einer Kita keine Garantie für eine normale Entwicklung – sonst wären die Zahlen nicht zu

erklären. Ob Mutter zu Hause bleibt oder nicht, ob das Kind in die Kita geht oder nicht – entscheidend ist

offensichtlich, welche Qualität die Anregungen zur geistigen und körperlichen Entwicklung der Kinder haben.

Süßigkeiten, Fernsehkonsum und mangelnde Bewegung – dies zeigen die Untersuchungen deutlich – tragen

wesentlich dazu bei, dass wir auf entwicklungsgestörte, oft auch sozial gestörte Kinder stoßen.

Mit der Modellkita in die Zukunft

Da wir uns mit den niedergelassenen Kinderärzten einig darin waren, diese bedrohliche Entwicklung umkehren

zu wollen, bildeten wir eine Arbeitsgruppe, in der wir drei Bausteine einer zukünftigen »Modellkita«

identifizierten: Bewegung und Spracherwerb für die Kinder und eine aufklärende, konstruktive

Zusammenarbeit mit den Eltern. Die Jugendabteilung wurde kontaktiert und drei im Norden Schönebergs

gelegene Kitas für das weitere Vorgehen ausgesucht, deren Leiterinnen mit dem Versuch einverstanden waren.

Die Jugendabteilung nahm sich bald in Zusammenarbeit mit der AOK und Sportvereinen des Bausteins

Bewegung an. Für die Elternarbeit konnten wir das Pestalozzi-Fröbel-Haus gewinnen, das seine Erfahrungen, die

auf den englischen Early Excellence Centern beruhen, einbringt. Dabei geht es darum, die Eltern aktiv in die

Erziehung einzubeziehen, indem die positiven Fortschritte der Kinder gemeinsam von Kita und Familie


eobachtet werden – und nicht deren Defizite zu aller Frustration im Fokus stehen. Dieser Baustein läuft gerade

an.

Überwältigende Ergebnisse des Sprachprogramms

Was inzwischen vorliegt, sind die überwältigenden Ergebnisse unseres Sprachprogramms. Um uns fachlich zu

informieren, schlug Dr. Fegeler anfangs vor, den Schweizer Sprachwissenschaftler Zvi Penner zum Gespräch

einzuladen. Damit begann eine möglicherweise für die Berliner Kitas revolutionäre Erfolgsgeschichte. Zvi

Penner, der seit vielen Jahren die theoretischen Ergebnisse der Babygehirnforschung und frühen

Sprachentwicklung für die Praxis nutzbar macht, stellte uns sein Sprachprogramm vor, das uns durch seine

leichte Anwendbarkeit verblüffte. Schon eine Viertelstunde Förderung am Tag sollte nachprüfbare Ergebnisse

bei den Kitakindern ergeben. Die Kitaerzieherinnen sollten die Förderung übernehmen und darauf in einem

Schulungsdurchgang von 12 Stunden vorbereitet werden. Dies erschien uns fast unglaublich. Also sammelten wir

für das Projekt Geld und beschlossen, (auch wir wollten von Fakten überzeugt werden!) das Ganze

wissenschaftlich zu begleiten. Inzwischen liegt die Auswertung vor. Sie belegt eindeutig, dass das Programm

erfolgreich ist.

Erfolge in der Sprachbildung

Gefördert wurden Kinder des letzten Jahrgangs vor Schulbeginn in drei Schöneberger Kitas. Bei den geförderten

Kindern wurde anfangs der Sprachstand untersucht. 10 Prozent der deutschen Kinder hatten

Sprachverzögerungen, 18 Prozent der Migrantenkinder sprachen kein oder kaum Deutsch. Die Hälfte der Kinder

ausländischer Herkunft hatten Probleme bei den Sprachregeln oder der Aussprache.

Normalerweise lernen Kinder ihre Muttersprache, bzw. Umgebungssprache durch Hören und Nachsprechen.

Wenn zuwenig mit ihnen gesprochen oder zuwenig in deutscher Sprache mit ihnen gesprochen wird, wenn sie

keine Möglichkeit zur Nachfrage, Korrektur und Sinnerklärung (Fernseher!) haben, wenn sie nicht angeregt

werden, in der Sprache spielend die Regeln ausfindig zu machen, dann verzögert sich die Sprachbildung. Dann

kommt es zu dem oben erwähnten Praxiseffekt: mit großem finanziellen Aufwand muss von Therapeuten z.B. mit

logopädischer Therapie nachgearbeitet werden. Die Ausbildung der Sprachfähigkeit im Gehirn findet bis zum 18.

Lebensmonat eines Kindes statt. An Kindern, die später Sprachschwierigkeiten haben werden, zeigen sich schon

mit einem halben Jahr Reifestörungen im Gehirn. Deshalb ist die frühe Förderung die beste und effektivste.

Die Regeln der Sprache aufspüren

Mit den Kindern wurde nun in einem Zeitraum von einem knappen halben Jahr in den Kitas gearbeitet. Dabei

wurde gezielt der fehlende Regelerwerb nachgeholt, d.h. nicht Vokabeln oder Grammatik gepaukt, sondern

spielerisch das darunterliegende System, die Regeln der Sprache, z.B. durch das Erkennen ihres Rhythmus

aufgespürt. Endlich bekamen die Kinder Instrumente in die Hand, sich im Dickicht der Sprache zurechtzufinden.

Sie begriffen, wie man den Artikel richtig gebraucht, den Plural bildet, Sinnzusammenhänge erkennt.

Erzieherinnen berichteten sichtlich beeindruckt von Kindern, die voller Begeisterung über ihre eigenen

Fortschritte geradezu nach ihren Sprachspielen verlangten.

Die beobachteten Lerneffekte schlugen sich sichtbar in der Enderhebung nieder. Die deutschen Kinder wurden

wesentlich besser, die migrantischen Kinder machten sogar einen Riesensprung in ihrer Sprachfähigkeit

(sicherlich wegen der geringeren Vorkenntnisse).

Da wir wissen wollten, ob nicht auch bei einer normalen Entwicklung ohne spezielle Förderung der gleiche

Effekt eintreten würde, hatten wir Kontrollgruppen eingerichtet. Hier fand sich ebenfalls Bemerkenswertes: Die

Kinder machten ohne Sprachanregung Rückschritte! »Nicht das Duschen mit Worten«, so beschreibt Zvi Penner

anschaulich die Ursachen, »und nicht die Länge der Zeit ist entscheidend für den Spracherwerb, sondern die

Qualität, das gezielte Fördern zum Erwerb der Regeln.« Denn ein Kind, das die Spielregeln nicht begreift, wird

durch sich wiederholendes Scheitern nur frustriert. So konnten Kinder beobachtet werden, die bestimmte

grammatische Formen umschifften oder sich überhaupt immer weniger trauten, zu sprechen.

Wie geht es weiter?

Die Jugendstadträtin plant aufgrund der überzeugenden Ergebnisse, das Sprachprogramm auf alle Kitas in

Tempelhof-Schöneberg auszuweiten. Eine Mitarbeiterin von Zvi Penner hat sich bereit erklärt, ab nächstem Jahr

nach und nach die notwendigen Schulungen vorzunehmen. Da wir natürlich gern auch andere Berliner Kinder in

den Genuss der Förderung bringen wollen, haben wir zunächst öffentliche Informationsveranstaltungen

verabredet, die ebenfalls ab Jahresbeginn angeboten werden sollen. Hier kann jede und jeder sich über das


Programm informieren und entscheiden, ob eine Schulung für sie/ihn sinnvoll ist. Wer sich vorab zum Thema

einlesen möchte, kann dies auf der Website von Zvi Penner tun:

Informationen und Termine unter www.kon-lab.de

Dr. Elisabeth Ziemer, Stadträtin für Gesundheit, Stadtentwicklung und Quartiersmanagement

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