BEST OF Otto Brenner Preis 2009 - Otto Brenner Shop

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BEST OF

Otto Brenner Preis 2009

Kritischer Journalismus –

Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten

Preisträger 2009 · Begründungen der Jury · Prämierte Beiträge

Recherche-Stipendien · Preisverleihung 2009 · Ausschreibung 2010


BEST OF

Otto Brenner Preis 2009

Kritischer Journalismus –

Gründliche Recherche statt bestellter Wahrheiten


INHALT

5 Vorwort

Jupp Legrand

8 Eröffnung

Berthold Huber

14 Festrede

Tom Schimmeck

Preisträger 2009

Medienprojektpreis

33 Attac Deutschland

„ZEIT“-Plagiat

1. Preis

37 Marc Thörner

„Wir respektieren die Kultur“

2. Preis

43 Ulrike Brödermann und

Michael Strompen

„Der gläserne Deutsche –

wie wir Bürger ausgespäht

werden“

3. Preis

49 Simone Sälzer

„Leben in Würde“

Otto Brenner Preis „Spezial“

53 Christian Semler

„Fleißig gebuddelt,

wenig Ertrag“

Recherche – Stipendien I

62 Moderatorin Sonia Seymour

Mikich im Gespräch mit Jury-

Mitglied Thomas Leif

64 Sandro Mattioli

„Auf Dreck gebaut: Wie sich

die Müllmafia in Deutschland

etabliert“

66 Tina Groll

„Angepumpt und abkassiert:

Subprime in Deutschland“

68 Marianne Wendt und

Maren-Kea Freese

„Ich schreibe, also bin ich“

Recherche – Stipendien II

74 Jury-Mitglied Thomas Leif im

Gespräch mit ehemaligen Preisträgern

Ergebnisse abgeschlossener Stipendien

82 Veronica Frenzel

„Schattenbrüder“

86 Günter Bartsch

„Schickt Briefe!“

„Helios Media: Das Geschäft mit

der Eitelkeit“

97 Thomas Schuler

„Soft Power“

103 Thomas Schnedler

„Stell! Mich! An!“

Ausgewählte Texte und Reden

112 Georg Mascolo

Laudatio zur Verleihung des

„Leuchtturms für besondere

publizistische Leistungen“

118 Die Jury

124 Daten und Fakten

zum Brenner Preis 2009

126 Preisträger 2005 – 2008

128 Ausschreibung

Otto Brenner Preis für

kritischen Journalismus 2010

131 Impressum

132 Inhaltsverzeichnis der DVD

3


Brenner Preis“: Eine anspruchsvolle Auszeichnung

für herausragenden Journalismus

Die noch kurze, aber erfolgreiche Geschichte des „Otto Brenner Preises für kritischen

Journalismus“ steht für den Anspruch, nur Beiträge zu prämieren, die in

der breiten Masse durch eigenständige und intensive Recherche auffallen, durch

die Themenwahl überzeugen und sich durch besondere journalistische Qualität

auszeichnen. Garant für die treffsichere Auswahl und die anspruchsvolle Auszeichnung

besonderer journalistischer Leistungen ist die unabhängige Jury,

die ihre Entscheidungen anhand transparenter Kriterien trifft – und öffentlich

begründet.

VORWORT

Die überwältigende Resonanz, auf die die Ausschreibung zum „Otto Brenner

Preis 2009“ wieder gestoßen ist, unterstreicht, dass die professionelle Arbeit

der ehrenamtlich tätigen Fach-Jury hohes Ansehen genießt und der Journalistenpreis

der Otto Brenner Stiftung eine breite Wertschätzung erfährt. Über 500

Bewerbungen sind ein Beleg für den guten Ruf, den sich der „Brenner Preis

schon nach fünf Jahren erworben hat. 187 BewerberInnen gaben bei ihrer Bewerbung

2009 an, dass sie den Preis bereits vor der Ausschreibung kannten, und

95 haben auf persönliche Empfehlungen von KollegInnen hin ihre Unterlagen

eingereicht. Diese Zahlen verdeutlichen, dass unser Preis inzwischen zu einer

festen Größe geworden ist und in der Fachwelt für Seriosität, Unabhängigkeit

und Professionalität steht. Mit dem „Best of 2009“ dokumentieren wir Teile der

Preisverleihung, stellen die prämierten Beiträge vor, machen die Laudatien der

Jury zugänglich und informieren rund um den „Brenner Preis“.

Ganz im Sinne Otto Brenners wollen wir weiterhin kritischen und engagierten

Journalismus fördern, weil Aufklärung, demokratische Wachsamkeit und

Medienvielfalt für das Funktionieren von Demokratie überlebenswichtig sind

und für die Entwicklung der Zivilgesellschaft „systemrelevant“ bleiben.

Bewerbungen für den „Brenner Preis 2010“ nehmen wir vom 1. April bis einschließlich

13. August an. Die Preisverleihung ist am 2. November in Berlin.

Jupp Legrand, Geschäftsführer der Otto Brenner Stiftung

5


ERÖFFNUNG

Berthold Huber

Rede zur Verleihung der

Otto Brenner Preise für

kritischen Journalismus 2009


Liebe Preisträgerinnen

und Preisträger,

liebe Gäste der Preisträger,

liebe Mitglieder der Preis-Jury,

sehr geehrte Damen und Herren,

liebe Kolleginnen, liebe Kollegen,

herzlich Willkommen zur „Verleihung

der Otto Brenner Preise 2009 für kritischen

Journalismus“. Es freut mich,

dass Sie unserer Einladung gefolgt

sind.

Heute verleihen wir zum fünften Mal

den Journalistenpreis der Otto Brenner

Stiftung. Ein guter Anlass, eine kurze

Zwischenbilanz zu wagen.

Als wir 2005 den Preis erstmals ausschrieben,

waren wir über die Resonanz

überrascht. 135 Bewerbungen

wurden der Jury eingereicht. 2006 und

2007 stiegen die Bewerbungen kontinuierlich

an. Der Preis gewann in der

Fachöffentlichkeit an Profil. 2008 und

auch 2009 wurden der Jury jeweils

über 500 Bewerbungen vorgelegt. Mit

dieser Zahl von Bewerbungen hat sich

der „Brenner Preis“ fest in der oberen

Liga der deutschen Journalistenpreise

etabliert.

Der Brenner Preis ist mit insgesamt

45.000 Euro dotiert. Damit kann er

sich auch in dieser Hinsicht unter den

deutschen Journalistenpreisen gut

sehen lassen. Die Zahl der Bewerbungen

und die Höhe des Preisgeldes sind

aber nicht die Kriterien, an denen wir

die Bedeutung eines Journalistenpreises

messen sollten.

Es gibt Preise, die Journalisten mit

Stolz tragen. Also Preise, die eine Biografie

schmücken und journalistische

Leistungen unterscheidbar machen.

Es gibt aber auch Preise, die in keinem

Lebenslauf auftauchen, die „versteckt“

werden. Preise also, die gut fürs Portemonnaie

sind, aber mit publizistischem

Profil nichts zu tun haben. Zu der Flut

von Journalistenpreisen sagt der

Medienwissenschaftler Michael Haller:

„Ziel bei vielen Ausschreibungen ist

es, nur ein bestimmtes Thema verstärkt

in die Medien zu bringen.“

Journalistenpreise sind dann ernst zu

nehmen, wenn sie journalistische Leistungen

prämieren, die Vorbild für die

ganze Branche sind. Es gibt Journalistenpreise,

in deren Jury zwar „verdiente“

Lobbyisten sitzen, aber keine Leute

vom Fach. Aber letztlich entscheidet

die Zusammensetzung und der Spielraum

einer Jury über die Bedeutung

eines Journalistenpreises.

Die Jury des „Brenner Preises“ sichtet

die Bewerbungen, diskutiert die Eingaben,

wägt ab, wählt die Preisträger

anhand transparenter Kriterien aus

und begründet ihre Entscheidungen

öffentlich. Die hohe Wertschätzung,

die der „Brenner Preis“ schon nach

fünf Jahren in der Fachwelt genießt,

hängt untrennbar damit zusammen,

dass eine der wohl profiliertesten

Jurys die Verantwortung für die Auswahl

trägt. Unabhängigkeit, Profil,

Professionalität, Kompetenz: dafür

stehen unsere Jury-Mitglieder. Sie

haben den Preis zu dem gemacht, was

er heute ist: Ein Preis, der kritischen

Journalismus fördert und hartnäckige

Recherchen auszeichnet.

Liebe Gäste,

nach so viel Vorrede darf ich die Mitglieder

der Jury kurz vorstellen.

Frau Mikich ist seit 2002 Redaktionsleiterin

und als Moderatorin das

„Gesicht“ des WDR Politik-Magazins

„Monitor“. Vorher war sie u.a. Korrespondentin

in Moskau, dort auch – als

erste Frau – Leiterin des ARD-Studios.

Diese Aufgabe nahm sie auch von Mitte

1998 bis Ende 2000 in Paris wahr. Frau

Mikich und ihre Redaktion sind selbst

Träger renommierter Preise und vieler

Auszeichnungen.

Liebe Frau Mikich, ganz herzlichen

Dank für Ihre kenntnisreiche Mitarbeit

in der Jury. Wir freuen uns, dass Sie

sich nicht nur jedes Jahr beherzt an die

Jury-Arbeit machen, sondern heute

auch wieder die Preisverleihung moderieren.

Dem „Brenner-Preis“ von Anfang an

eng verbunden ist Harald Schumann,

Redakteur für besondere Aufgaben

beim Tagesspiegel, der hier in Berlin

erscheint. Harald Schumann, bekannt

für gewissenhafte Recherchen, ist auch

Autor zahlreicher Bücher, mit denen er

sich als kompetenter Globalisierungskenner

ausweist.

Lieber Herr Schumann, herzlich Willkommen

und vielen Dank, dass Sie Ihr

breites Wissen in die Jury einbringen

und Sie uns alle an Ihren Einschätzungen

teilhaben lassen.

8 9


Dr. Heribert Prantl ist Ressortleiter

Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung.

Durch seine SZ-Kommentare –

in Sprache, Stil und Klarheit einzigartig

– hat er sich in der deutschen

Medienlandschaft einen großen

Namen ge-macht und einen unverwechselbaren

Status erreicht. Prantl

ist wegen seiner rhetorischen Fähigkeiten

berühmt und wird wegen seiner

politischen Zuspitzungen gefürchtet.

Er ist Autor vieler Bücher und Träger

zahlreicher Auszeichnungen. Altkanzler

Schröder hat ihn mal in einer Laudatio

als „3. Senat des Bundesverfassungsgerichts“

geadelt.

Lieber Herr Prantl, herzlich Willkommen

und herzlichen Dank für Ihr Engagement

in der Jury.

Mit dem Namen Volker Lilienthal ist

und bleibt die Aufdeckung von

Schleichwerbung in ARD und ZDF verbunden.

Volker Lilienthal war 20 Jahre

lang Redakteur beim Evangelischen

Pressedienst, darunter 5 Jahre lang

Chef von „epd-medien“. Unser Jury-

Mitglied ist Träger renommierter Preise

und Autor relevanter Fachbücher.

Seit Juli 2009 ist er erster Inhaber der

„Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur

für die Praxis des Qualitätsjournalismus“

an der Uni in Hamburg.

Lieber Herr Prof. Dr. Lilienthal! Erstmal:

Herzlichen Glückwunsch zur ordentlichen

Professur. Wir sind froh, dass

der einzige Professor für „die Praxis

des Qualitätsjournalismus“ in der

Brenner-Jury mitarbeitet. Wir wollen

Ihre Kompetenz und Ihr Wissen nicht

missen und freuen uns sehr, dass Sie

Ihren Sach- und Fachverstand einbringen.

Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass

„der Leif“ geklont sei oder zumindest

ein Double von ihm unterwegs ist.

Thomas Leif ist nicht einfach nur

„Chef-Reporter Fernsehen“ beim SWR

in Mainz. Er ist Filmemacher, Reporter,

Autor von Bestsellern, Herausgeber

zahlreicher Bücher, Planer, Organisator

und Moderator von Veranstaltungen,

nicht zuletzt: Gründer und Vorsitzender

des netzwerk recherche e. V..

Er ist alles zugleich: Macher, Ideengeber

und Berater – oft auf der großen

Bühne, nicht selten im Hintergrund.

Er tanzt jedenfalls auf mehr als den

berühmten tausend Hochzeiten. Seit

Anfang 2009 hat er mit „2 + Leif“

seine eigene Sendung und seit Mitte

des Jahres ist er Professor in Koblenz-

Landau. Dass er trotz all dieser Verpflichtungen

noch Zeit hat, sich aktiv

in die Jury-Arbeit einzubringen, wissen

wir sehr zu schätzen.

Lieber Thomas Leif, auch Ihnen ein

herzliches Willkommen und vielen

Dank dafür, dass Sie sich seit Jahren in

ganz besonderer Weise für den Preis

stark machen und seine Entwicklung

bis heute engagiert mitgeprägt haben.

Verehrte Anwesende,

es ist mir eine besondere Freude, mit

Tom Schimmeck den Festredner des

heutigen Tages zu begrüßen.

Tom Schimmeck ist bei der OBS kein

Unbekannter. 2007 erhielt er den erstmals

ausgelobten „Spezialpreis“.

Heribert Prantl formulierte es damals

in seiner Laudatio so:

„Der Meinungsjournalismus steht ja

immer in der Gefahr belehrend zu sein,

oberlehrerhaft daher zu kommen.

Tom Schimmeck ist das allerbeste

Beispiel dafür, dass das überhaupt

nicht sein muss. Wenn man seine

Sache gut macht, ist überhaupt

nichts Oberlehrerhaftes dabei.“

Ich bin mir sicher: Tom Schimmeck

wird heute seine Sache wieder gut

machen und einen originellen Blick

auf „Meinungsmacher“ und „Meinungsmärkte“

werfen!

Sehr geehrter Herr Schimmeck,

herzlich Willkommen bei uns!

Wir freuen uns auf Ihre Rede über

„Medien, Macht und Meinungsmache“.

Berthold Huber, Verwaltungsratsvorsitzender

der Otto Brenner Stiftung (seit Mai 2009)

und Mitglied der „Brenner-Preis“-Jury

10 11


FESTREDE

Tom Schimmeck

„Medien, Macht und Meinungsmache“

Festrede zur Verleihung der

Otto Brenner Preise für

kritischen Journalismus 2009


Meine sehr geehrten Damen

und Herren,

ich freue mich sehr, hier heute die Festrede

zur Verleihung der Otto Brenner

Preise halten zu dürfen. Auch weil ich

weiß, wie herrlich es ist, diesen Preis

zu bekommen. Vor zwei Jahren war ich

der Glückliche, der den gerade neu

geschaffenen Otto Brenner Spezialpreis

erhielt. Heribert Prantl hielt eine

Laudatio auf mich, infolge der ich

gefühlte dreieinhalb Tage rot war vor

Stolz. Er nannte mich damals – ich

habe das nochmal nachgelesen und

wurde prompt wieder rot – einen Diamanten.

Das ist objektiv betrachtet

kompletter Unfug. Aber es tut so gut.

Der Mann hat seither kein Wort mehr

mit mir gewechselt. Mir auch nie einen

Auftrag gegeben. Aber jedes Mal,

wenn ich seinen Namen lese, bin ich

nicht nur inhaltlich inspiriert, mir wird

auch ein bisschen warm ums Herz.

Wir Journalisten sind ja merkwürdige,

zwiespältige Wesen. Einerseits müssen

wir stets Kompetenz und Sicherheit

verströmen, permanent so tun, als

seien wir über alles Geschehen global

und komplett im Bilde; als verfügten

wir über enormes Fachwissen, exklusivste

Informationen und ein glasklares

Urteil. Die Alpha-Exemplare unserer

Gattung vermögen Tag und Nacht

mit großer Geste und bedeutungsschwerem

Blick vor jede Kamera zu

treten. Oft sagen sie dabei nur ihre

dreieinhalb Lieblingssätze. Aber es

wirkt doch irgendwie souverän.

Andererseits sind wir eigentlich ziemlich

unsicher und empfindlich. Obwohl,

oder gerade weil wir mit unserem

Namen, unserer Stimme, unserem

Gesicht mehr oder weniger prominent

in der Öffentlichkeit herumstehen.

Meist können wir viel schlechter einstecken

als austeilen. Wir wissen ja

ziemlich genau, wie wenig wir wissen.

Wir wissen, dass uns zum Berichten

und Analysieren meist – bestenfalls –

ein einigermaßen solides Halbwissen

reichen muss. Und zum Kommentieren

ein halbwegs plausibler Verdacht.

Gerade Journalisten, die ihren Beruf

besonders gut machen wollen, sind oft

chronisch überfordert. Alles wird immer

komplexer. Die Materialfülle ist gigantisch.

Wir finden so vieles unglaublich

spannend. Wir wollen alles unbedingt

durchschauen. Und laufen dabei immer

häufiger Gefahr, gründlich an der Nase

herumgeführt zu werden. Manchmal

ist es zum Jaulen. Und eigentlich nicht

zu schaffen.

Max Weber hat schon 1919 beschrieben,

dass es – Zitat – „keine Kleinigkeit ist,

über alles und jedes, was der »Markt«

gerade verlangt, über alle denkbaren

Probleme des Lebens, sich prompt und

dabei überzeugend äußern zu sollen,

ohne nicht nur der absoluten Verflachung,

sondern vor allem der Würdelosigkeit

der Selbstentblößung und ihren

unerbittlichen Folgen zu verfallen.“

Was ich Ihnen klarmachen will: Wie

wirklich wunderbar es sich anfühlt,

plötzlich so einen Preis zu bekommen.

Man lächelt da nicht nur reflexartig

lieb. Man ist tatsächlich glücklich. All

das mühsame Hausieren und Debattieren

und Recherchieren und Reisen

und Schreiben und/oder Schneiden

schnurrt zusammen auf diesen feinen

Augenblick. Das Wort Ehre klingt

scheußlich altmodisch. Es ist auch

gründlich missbraucht worden. Aber

die Substanz ist eigentlich ungemein

schön: Man hat etwas richtig Gutes

zustande gebracht. Das ist anderen,

auf deren Urteil man etwas gibt, aufgefallen.

Man findet Anerkennung,

wird hervorgehoben, gelobt.

Man kriegt sogar Geld, hurra. Und wird

folglich selbst in der Sparkassen-Filiale

plötzlich viel freundlicher begrüßt.

Weil offenbar doch noch Hoffnung

besteht, dass mal was reinkommt.

Der Otto Brenner Preis ist ein Preis,

der für guten Journalismus steht. Vergeben

von einer Jury, die journalistische

Integrität repräsentiert. Das ist wichtig.

Umso mehr, als es inzwischen an die

300 Journalistenpreise gibt. Ein Journalist

kann mit einem Preis rechnen,

wenn er die Zeitarbeit „mit ihrem innovativen

Anspruch und ihren Perspektiven“

darstellt. Er kann den „Business

of Beauty Medienpreis Friseur“ ergattern,

den „Journalistenpreis Tiefkühlkost“

und den „proDente Journalistenpreis

‚Abdruck’“ – vergeben für

„besonderes Engagement im Bereich

Zahnmedizin und Zahntechnik“. Ich

will hier nicht die Zahntechnik schlecht

machen. Aber darauf hinweisen, dass

auch Preise längst fester Bestandteil

der Firmen-PR sind. Teil des An-Der-

Nase-Herumführens. Aber hier fühle

ich mich auf ziemlich sicherem Terrain.

„Kritischer Journalismus: das sollte

eigentlich eine Tautologie sein“, hat

Heribert Prantl 2005 in der ersten

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Otto-Brenner-Preis-Ansprache gesagt.

Eigentlich schon. Wir sind hier, weil wir

wissen, dass kritischer Journalismus

der Ausnahmefall ist. Dieser Preis will

bewirken, dass solcher Journalismus

nicht untergeht in den Erregungswellen

der kunterbunten Medienwelt. Und

thematisiert so immer auch den Zustand

unserer Öffentlichkeit. Wo wird

genau hingeschaut? Was erfahren wir

noch? Warum sind mediale Debatten

zunehmend abstrus? Wer führt uns an

der Nase herum?

In den letzten Jahren wurde ziemlich

intensiv diskutiert über den Zustand

des Journalismus und der Medien.

Wir Journalisten haben uns durchaus

beschäftigt mit diversen Schwächen

und Defiziten des eigenen Metiers.

Wer wissen will, woran es hapert und

krankt, kann in Bergen von Reden,

Dossiers, Tagungsberichten nachlesen.

Ich nenne hier schnell drei Faktoren.

Erstens: Der ökonomische Faktor. In

letzter Zeit überdeutlich. Guter Journalismus

braucht Geld. Weil gute Leute,

die halbwegs Bescheid wissen und

wirklich losfahren und hingucken und

nachhaken, einfach kosten. Doch die

Einnahmen vieler Verlage und Sender

schrumpfen – schon seit dem

Zusammenbruch des sogenannten

„Neuen Marktes“ zu Beginn des Jahrtausends.

Oder steigen zumindest

nicht wie gewünscht. Ohnehin stecken

alle klassischen Medien in einer Phase

des Umbruchs. Das Internet ist wirklich

eine Revolution. Und, nebenbei

bemerkt, so wenig böse wie einst die

Erfindung des Buchdrucks. Die vernetzte

Welt kann ganz wunderbare

Wirkungen entfalten. Sie ist zum Beispiel

potentiell ungeheuer demokratisch.

Derzeit aber herrscht im Mediengewerbe

furchtbare Nervosität, geradezu

Hysterie. Die Eigentümer, ihre Manager

und Controller rennen aufgeregt

durcheinander und rufen verzweifelt,

ihr „Geschäftsmodell“ sei ruiniert.

Es wird ein paar Jahre dauern, bis

funktionierende, einträgliche Strukturen

gefunden sind. Entscheidend in

dieser Übergangsphase ist, dass Verlage

und Sender ihre Renditeerwartungen

herunterschrauben. Oder sogar

mal ein paar Jahre vergessen. Es ist

auch wirtschaftlich unvernünftig, die

Ressourcen des Journalismus immer

weiter zu verknappen, die Redakteure

und Autoren unentwegt mit Kürzungen,

Entlassungen, Zusammenlegungen

und Schließungen zu traktieren. Die

Medieninhaber demoralisieren damit

ihre Leute – ihre Autoren, Redakteure,

Produzenten, Techniker. Und ruinieren

so auf Dauer, was guten Journalismus

vom Trash unterscheidet: Originalität,

Genauigkeit, Eleganz, Trennschärfe,

Tiefgang, Witz. Kurzum: Sie machen

ihre Produkte kaputt.

Faktor 2 ist der Herdentrieb. Der hat

einiges mit Nummer 1 zu tun. Weil der

ewige Spar- und Zeitdruck Medienmenschen

konformer, uniformer macht.

Weil sich Getriebene einfach schneller

zu Herden sammeln. Das Problem aber

geht weit darüber hinaus. Wir erleben

seit einigen Jahren, dass bestimmte

Deutungen und Denk-Moden sehr

aggressiv zelebriert werden. Der hiesige

Hauptstadtjournalismus lässt da

immer wieder hübsche Blüten sprießen.

Zyklisch werden politische Figuren und

Themen derart stereotyp herauf- und

heruntergeschrieben, dass man sich

zuweilen fragt, wer da eigentlich die

Fernbedienung drückt. Manchmal

nennt sich das Politgeschwader schon

selbst „die Meute“. Das ist der Titel

einer berühmten Journalisten-Dokumentation

der Fotografin Herlinde

Koelbl aus dem Jahre 2001. Schon

damals war Rudelbildung erkennbar.

Der Konkurrenzdruck, der reflexionsfreie

„Echtzeit“-Journalismus, der Drang

zum schnellen Bild, Soundbyte und

Online-Quote lässt das Hecheln der

Meute lauter werden. Manchmal wirkt

sie auf mich ein bisschen wie so eine

Testosteron-dampfende Clique Rowdys

am Bushäuschen, die sich gemeinsam

superstark fühlt. Die machen noch Bier

auf und sagen dann: Ey, Kurt Beck,

haste mal Feuer? Was haste denn da

für’n komischen Bart, Alter? Ey, haste

was gesagt? Klappe, Alter! Oder: Ey,

Ypsilanti, was bist’n du für ne linke

Hexe? Verzieh dich, Ypsi! Heul doch!

Ich habe mich dieses Jahr fast ausschließlich

mit Phänomenen medialer

Gleichschaltung, Verrohung und Instrumentalisierung

beschäftigt und ein

Buch darüber geschrieben, das nun

endlich bald fertig ist. Für ein kleines

Kapitel über die Demontage der Andrea

Ypsilanti zum Beispiel habe ich einige

hunderte Berichte, Interviews und

Portraits durchgeackert. Bis ich richtig

übellaunig wurde. Weil in dieser Ballung

überdeutlich wurde, wie zäh

unsere Polit-Berichterstatter an einer

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vorgegebenen Story kleben und diese

ewig weiterspinnen. Da sind sie zur

Abwechslung auch manchmal wirklich

verdammt hartnäckig. Vor einem Jahr,

als das Geschrei schon fast vorbei war,

bat der Mainzer Mediendisput, eine

medienkritische Institution, Andrea

Ypsilanti zur Analyse. Sie sprach dort,

recht zurückhaltend, über ihre Abenteuer

mit dem Mainstream in den Redaktionen.

Sie bekam großen Beifall.

Zum Schluss fragte sie die Journalisten:

„Gehen sie jetzt raus und machen

weiter?“ So war es. „Spiegel online“

meldete Minuten später: „Ypsilanti

schmollt im Mainzer Wohlfühl-Exil.“

Der Wirtschaftsjournalismus der vergangenen

zehn Jahre ist ein noch krasseres

Exempel. Was da an berauschter

Verklärung geleistet wurde, trug schon

sektenhafte Züge. Mit dem großem

Kollaps kommt nun der Kater. Die Chefideologen

der totalen Privatisierung

und Liberalisierung wirken ein wenig

heiser und zersaust. Vor allem von den

Angelsachsen, die es besonders wild

getrieben haben, hört man jetzt manchmal

erfrischend harte Selbstkritik. Die

deutsche Zunft windet sich eher. Wenn

Sie normale Redakteure fragen, kommen

deutliche Worte. Die Meinungsführer

aber sind oft merkwürdig verdruckst.

Ich habe hier einen Artikel

aus der Süddeutschen Zeitung vom

Juni 2009, ein Opus von imposanter

Größe, wie sie sehen. Thema: Die

„Finanzkrise und der Wirtschaftsjournalismus“.

Verfasst vom ehemaligen

Wirtschaftschef Nikolaus Piper. Der

recht fröhlich mit von der neoliberalen

Partie war. Hier findet sich durchaus

manch scharfes Wort aus berufenem

Munde. Pipers Schlussfolgerungen

aber sind ein wattiges Vielleicht, ein

wachsweiches „Ja, aber“. Kein Pieps

zu den eigenen Kommentarleistungen

der letzten Jahre. Seine Quintessenz?

Ein glatter Freispruch. „Zunächst einmal

sollte man akzeptieren, dass das

Problem die Fakten sind, nicht die Meinungen.“

Das steht groß auch in der

Überschrift: „Fakten zählen“.

Genau dies mag ich nicht akzeptieren.

Das Problem scheint mir eher, dass

der Blick auf viele zentrale Fakten lange

Zeit vor einer gewaltigen Ideologie-

Wolke vernebelt war.

Aber, wie schon angedeutet: Wir sind

alle auch schwach und fehlbar. Wir

darben nach Anerkennung. Wir wollen

gelobt werden vom Ressortleiter, vom

Chefredakteur; wollen Eindruck schinden

bei den Wichtigen; wollen die

Sprache der Meinungsführer sprechen.

Und im Falle der Wirtschaft sind dies

eben Manager, Bankiers und die gefürchteten

Wirtschaftsprofessoren. Das

macht uns manchmal zu „Mitmachern“.

Faktor 3 möchte ich etwas genauer

beleuchten: Die organisierte Meinungsmache.

Das klingt immer ein bisschen

nach Verschwörungstheorie – leider ist

es keine. Die Fabrikation von Meinung

gegen Bezahlung gedeiht. Es ist eine

Wachstumsbranche. Eine Industrie.

Längst gibt es Lehrbücher und Kurse

für Agendasetting und -surfing, für

„Krisenkommunikation“ und flottes

„Politainment“. Auch hier in Berlin

blüht das Gewerbe der professionellen

Meinungsfrisöre. In Mitte entsteht allmählich

eine polit-mediale Parallelgesellschaft.

Da wimmelt es von Beratern

aller Art: Von Kommunikationsstrategen,

Eventmanagern und Imagemachern,

PR-Päpsten, Werbegurus und

Spin-Doctors. Es sind Macht-Dienstleister.

Weil sie in der Regel auf Seiten

der politischen und wirtschaftlichen

Macht arbeiten, um deren „Message“

maximale Schlagkraft zu verleihen. Sie

bewachen den Zugang zu Informationen.

Sie setzen Personen und Interessen

in Szene. Sie designen die Darsteller,

drechseln ihnen passende Sätze,

planen minutiös, was wann in die Welt

gesetzt wird und wer wie wirken soll.

Sie sind eng verwoben mit allerlei

Think Tanks, Lobbygruppen und Stiftungen,

die Interessen bündeln, Politik

entwerfen und diese auch durchsetzen

helfen.

Und so haben wir auf der einen Seite

die Schar der notorisch überforderten

Berichterstatter, denen nun oft gar keine

Zeit mehr bleibt, genauer hinzugucken.

Sich auch mal selbst zu überprüfen.

Sie hasten zu ihren Tastaturen

und in ihre Studios, um das, was ihnen

gerade eingeflüstert wurde, zu multiplizieren.

Diese Rumpfmannschaften

kommen kaum mehr vor die Tür; müssen

schon betteln, um mal eine Bahnfahrkarte

erstattet zu bekommen. Die

Honorare der freien Mitarbeiter werden

auch immer dürftiger. Weshalb sie

immer mehr produzieren müssen. Was

nicht unbedingt qualitätssteigernd wirkt.

Auf der anderen Seite die professionellen

Meinungsmacher. Die sehen schon

mal viel chicer aus. Die sind ganz lässig.

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Die wissen wie’s läuft. Die planen ihre

Events, takten ihre PR passend zu den

Erregungszyklen, in denen das Nachrichtengewerbe

tickt. Die richtige

News, das richtige Gesicht, im genau

richtigen Moment. Eine kleine Umfrage

vielleicht, ein grafisch ansprechendes

Ranking, ein knackiges Zitat, ein symbolträchtiges

Foto. Können sie alles

haben, drucken, senden. Bitte, bitte.

Sogar Zeitschriften selbst machen das

inzwischen so. Vor der letzte Wahl zum

Beispiel orderte das Magazin Stern

beim Institut Forsa eine Umfrage, bei

der – auf eine äußerst vage gehaltene

Frage – 18 Prozent erklärten, sie könnten

sich eventuell vorstellen, bei der

Bundestagswahl auch eine Comedy-

Figur wie Horst Schlämmer zu wählen.

Was für ein Renner! Überall zitiert. Der

Stern in aller Munde, Forsa und Horst

Schlämmer auch. Eine Win-win-Situation

sozusagen. Die einen glossierten

das Ganze, die anderen zitterten in

pathetischen Kommentaren um das

Abendland. Besonders schön die Bild-

Schlagzeile: „Horst Schlämmer fast so

stark wie die SPD!“

So steigt das Gros der zunehmend

gehetzten Berichterstatter zu Kellnern

ab. Sie servieren dem Publikum nur

noch die appetitlich angerichteten

Info-Häppchen, die PR-Köche zubereitet

haben. Sie müssen einmal auf einen

dieser Kommunikations- oder Politikkongresse

hier in Berlin gehen. Da

sehen sie Hunderte PR-Leute in

Aktion. Und dazwischen schleichen

eine Handvoll Journalisten wie arme

Verwandte.

Bedrückender war das Beispiel Deutsche

Bahn. Sie erinnern sich? Das ist

die Firma, die uns eigentlich auf Schienen

von A nach B bewegen soll. Weit

mehr Furore hat das Unternehmen in

letzter Zeit mit der Bespitzelung von

Journalisten und ihrer gezielten Steuerung

gemacht. Unsere gute Bahn, so

erfuhren wir im Nachhinein, ließ nach

eigenen Angaben etwa 1,65 Millionen

Euro für verdeckte PR springen, vor

allem für sogenannte „No badge“-

Aktivitäten. „No badge“ bedeutet: Ich

mache kräftig Stimmung, aber keiner

weiß, dass ich es bin. „Undercover“

träfe es auch, klänge aber anrüchiger.

Zu solchen „No badge“-Aktivitäten

zählten im Falle DB Leserbriefe und

Beiträge in Blogs, vermeintlich „spontane“

Äußerungen in diversen Foren,

vermeintlich unabhängige Umfragen

und fertig produzierte Medienbeiträge,

denen nicht anzusehen war, dass sie

von der DB bezahlt worden waren.

Kurzum: Eine groß angelegte, systematisch

durchorganisierte Irreführung

der Öffentlichkeit.

Der Betrug war derart dreist, dass

selbst der Deutsche Rat für Public

Relations mehrere Rügen aussprach.

So wurde im September 2009 die Berliner

Agentur Allendorf Media nach

mehrwöchiger Prüfung wegen verdeckter

Bahn-PR gerügt. Der „PR-Dienstleister“

versteht sich nach eigenem

Bekunden „als Moderator zwischen

Politik und Öffentlichkeit.“ Allendorf

hatte, als Subunternehmer der European

Public Policy Advisers GmbH,

kurz EPPA, auf großen Onlineplattformen

wie Brigitte.de und Spiegel online

allerlei bahnfreundliche Statements

platziert. Unter Pseudonym natürlich.

Das sah aus wie von Otto Normalverbraucher.

Die Tochterfirma und Künstleragentur

Allendorf Riehl GmbH lancierte

derweil Prominenz aus ihrem

Sortiment mit bahnfreundlichen Worten

in die Medien – etwa die Sat-1 –

Moderatorin Barbara Eligmann und

den Ex-RTL-Moderator Hans Meiser.

Schon im Sommer waren auch die EPPA

und der „Thinktank“ Berlinpolis wegen

unlauteren Wettbewerbs gerügt worden.

Berlinpolis hatte seinen „Globalauftrag“,

die Bahnprivatisierung kräftig voranzutreiben,

sehr ernst genommen. Man

betrieb zum Beispiel das schein-neutrale

Forum www.zukunftmobil.de.

Thinktank-Chef Daniel Dettling fand

zudem als Gastautor etwa beim Tagesspiegel,

der Financial Times Deutschland

und Capital warme Worte für die

Privatisierung der Bahn. Berlinpolis

spannte übrigens ebenfalls die Meinungsexperten

von Forsa ein, die recht

gezielt nach den Vorzügen der Bahnprivatisierung

fragten. So wurde Stimmung

gegen die SPD-Idee der „Volksaktien“

gemacht. Eine entsprechende

Mitteilung des „Thinktanks“ – Überschrift:

„Die Bürger erteilen den Plänen

einer ‚volkseigenen Bahn’ eine klare

Absage“ – ging an die Agenturen und

andere Medien. Als die Lokführer streikten,

kam die gleiche Masche zum Einsatz.

Da hieß es dann: „Bundesbürger

halten Forderungen GDL für ungerechtfertigt.“

Die Schlagzeile des „thinktank

Politikbriefs“, des Mitteilungsblattes

von Berlinpolis, lautete im September

übrigens: „Mehr Ehrlichkeit

wagen.“

20

21


Ich habe den Chef vor Jahren einmal

ausführlicher interviewt. Er schien mir

ein recht typisches Exemplar der nassforschen

Berliner Moderne zu sein. Wir

trafen uns in einer Kneipe. Er erklärte

mir, er sei ein „Ideenproduzent für die

nächste Generation“. Er sagte: „Unsere

Vorgängergeneration hat die APO

gemacht, wir machen Denkfabriken“.

Er sprach von neuen “Handlungs-Eliten“

und vom “radikal beschleunigten Wandel“.

Er wollte das „Korsett der 70er

und 80er“ abstreifen, das er als „eng“

und „miefig“ empfand. Sein Berlinpolis,

erklärte er mir, sei eine „Bewegung“.

Er hatte ein Buch geschrieben: „Minima

Moralia der nächsten Gesellschaft“.

Er hängt es gern ziemlich

hoch. Ich hatte bald das Gefühl, ich

rede mit dem Mann im Mond.

Es war die Zeit all dieser kuriosen Konvente,

Stiftungen und Initiativen. Etliche

Zeitungen und Magazine trompeteten

deren Ziele als „Medienpartner“ ins

Land. Es gab sogar eine „Aktionsgemeinschaft

Deutschland“, zu der auch

Berlinpolis gehörte. Schon damals war

der Thinktank auch mit der „Initiative

Neue Soziale Marktwirtschaft“, der

INSM im Boot, die wir ja inzwischen

alle schätzen und lieben. Die INSM,

vor zehn Jahren mit Millionen der

Metall-Arbeitgeber ins Leben gerufen,

ist die wohl bekannteste Beeinflussungsorganisation

Deutschlands. Bis

heute vertraut sie auf das Knowhow

der gewieften Werber von Scholz &

Friends. Die INSM hat in Journalistenkreisen

Berühmtheit erlangt, als sie –

von Volker Lilienthal, einem Mitglied

der Jury des Otto-Brenner-Preises –

dabei erwischt wurde, dass sie bei der

ARD-Seifenoper „Marienhof“ für stolze

58.670 Euro frohe Botschaften zum

Thema „schlanker Staat“ und Zeitarbeit

ins Drehbuch schreiben ließ. Max

Höfer, einer der Geschäftsführer der

„Initiative“, hat einer wissbegierigen

Schar Agenda-Settern einmal griffig

beschrieben, wie man Themen setzt.

Man müsse, sagte er, „Gesichter mit

bestimmten Botschaften in ein Event

setzen“.

Die Grundregel ist immer die gleiche:

Aufmerksamkeit schaffen. Lärm erzeugen.

Die Amerikaner nennen die

zugrunde liegende Logik die „orchestra

pit theory“, die Orchestergraben-

Theorie: Zwei Typen stehen auf einer

großen Bühne. Der eine sagt: „Ich

habe die Lösung für das Nahost-Problem.“

Der andere fällt krachend in

den Orchestergraben. Frage: Wer

kommt in die Nachrichten?

Die INSM ist erst der Anfang. Vor einem

Jahr bin ich nach Washington gereist,

um mir anzuschauen, wie Meinungsmache

im großen Stil aussieht. In Washington

ist die Steuerung der Öffentlichkeit

inzwischen ein Milliardengewerbe.

Dort gibt es für jedes Industrieinteresse

mindestens drei vermeintlich

unabhängige Thinktanks, Institute,

Organisationen. Im Internet finden sie

jede Menge Gruppierungen mit pompösen

Phantasienamen, die wie Bürgerinitiativen

daherkommen, tatsächlich

aber bezahlte Stimmungskanonen

sind. Die Experten nennen sie „front

groups“, Frontgruppen. Längst gibt es

in den USA auch Organisationen, die

sich zur Aufgabe gemacht haben, diese

Machenschaften bloßzustellen.

Nach sehr vielen Emails und Telefonaten

durfte ich Rick Berman treffen,

einen der brutalsten Meinungsmacher.

Mit einem großen Büro auf der K Street,

Ecke Vermont Avenue. Der Raum gleich

hinter dem Empfang steht voll mit Auszeichnungen

und Medaillen, die ihm

PR-Organisationen für furchtlose Propaganda

verliehen haben. Berman

betreibt hier zum Beispiel das „American

Beverages Institute“, das amerikanische

Getränkeinstitut. Die Getränkeindustrie

lässt hier passende Argumente

produzieren. Bei Berman ist

auch das „Center for Consumer Freedom“

zuhause. Das agitiert zum Beispiel

an der Seite von Fastfood Restaurants,

die lieber keine Kalorienangaben

auf ihre Schachteln schreiben

wollen. Das Zentrum betreibt auch

eine eigene Website, um Prominente

anzuschwärzen, die sich für grüne Belange

stark machen. Von sich behauptet

dieses „Center“, es sei „eine gemeinnützige

Organisation zum Schutz der

freien Wahl des Konsumenten“.

Berman ist einer dieser kantigen Republikaner-Typen

mit hartem Händedruck

und einem Lachen wie Donnergrollen.

Große Zeitungen nennen ihn „Dr. Evil“.

Dr. Böse. Ihm gefällt das. Er sehe das

Ganze wie eine Militäroperation, erklärte

er mir. Es gäbe halt Leute, die

die Welt verändern und die Öffentlichkeit

unbedingt überzeugen wollten.

„Die sitzen in ihrem Schlafzimmer am

Computer, in Unterwäsche“, sagt er

schnaufend, „und dann gehen sie ins

Internet und machen den Leuten

Angst.“ In Unterwäsche! Berman läuft

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dann, im Anzug, zu den Firmenchefs

und fragt sie: „Wie könnt Ihr das geschehen

lassen?“ Er plant die Schlacht.

Sie geben ihm Geld. Er sagt nie, wer

und wie viel.

In einer U-Bahnstation sah ich bei meinem

Washington-Besuch ein großes

Plakat von „mercuryfacts.org“. Darauf

ein riesiges Kindergesicht mit sehr

traurigen Augen. „Fisch ist gesunde

Nahrung“, stand da zu lesen. „Aber eine

unsinnige Angst vor Dosen-Tunfisch

schadet Amerikas ärmsten Kindern!

Finden Sie heraus, wer daran schuld

ist!“ Das wollte ich natürlich herausfinden.

Auf der Website las ich: „Eine

wachsende Clique von Umweltaktivisten,

Gesundheitsforschern und Bürokraten

versucht, den Amerikanern mit

Ramsch-Wissenschaft sinnlos Angst zu

machen vor dem Fisch, den sie essen.

Dosentunfisch ist die einzige Quelle

von Omega-3-Fettsäuren, den diese

Mütter sich leisten können. Ihre Kinder

sind Opfer grüner Gruppierungen und

der Bundesregierung.“

Die Hintergrund war: In Dosentunfisch

waren enorme Konzentrationen von

Quecksilber gefunden worden. Die

Industrie hatte daraufhin mächtig Ärger

bekommen. Und Berman mit einer

kleinen Kampagne beauftragt.

Gleich auf dem nächsten Bahnhof hing

ein großes Plakat von „unionfacts“ –

„Gewerkschaftsfakten“: „Das neue

Aushängeschild der Gewerkschaften“

stand da in Riesenlettern. Ein Schwarzweiß-Foto

zeigte ein mit einer Kette

verrammeltes Werkstor mit einem

Schild: „Geschlossen“.

Auch das war Berman. Anti-Gewerkschafts-Kampagnen

sind eine Spezialität

von ihm. Er produziert TV-Spots,

in denen viele liebe Kinder ihre arme

Lehrerin bedauern, weil sie Zwangsbeiträge

an die Lehrergewerkschaft

abführen müsse, mit denen die

Gewerkschaftsbosse in Saus und

Braus lebten und auch noch Bildungsreformen

blockierten. Ich habe Ihnen

hier mal einen anderen Spot aus der

Berman-Werkstatt mitgebracht. Kinder

spielen ein Spiel: Ich will Gewerkschaftsboss

werden. Du musst mir

Beiträge zahlen, sagt der eine Junge.

Und das Mädchen sagt: Das ist eine

Sauerei. Als Gewerkschaftsboss können

Sie einfach ohne geheime Abstimmung

einen Streik ausrufen, Geld unterschlagen,

Politiker bezahlen und das

Wahlrecht kaputtmachen, sagt der

Sprecher. Und dann rufen alle Kinder:

„Du wirst angeklagt!“

Und weil es so schön war, hier noch

ein Exemplar. Da werden arbeitende

Menschen befragt, was sie an ihrer

Gewerkschaft mögen. Ich finde es toll,

spottet die Kassiererin, dass ich Gewerkschaftsbeiträge

zahlen muss, nur

damit ich nicht rausfliege. Ich mag es,

sagt der Gabelstaplerfahrer, dass meine

Beiträge an Politiker gehen, die ich

nicht einmal ausstehen kann. Ich finde

das richtig prima, schimpft der schwarze

Bauarbeiter, wie die Gewerkschaft

Minderheiten diskriminiert. Ich fühle

mich gut dabei, stichelt die Kellnerin,

dass ich den fetten Lebenswandel der

Gewerkschaftsbosse unterstütze.

Damit verglichen, das müssen sie zugeben,

ist die INSM wirklich ziemlich

lieb.

Ich fasse zusammen: Die Balance

kippt: Wir Text-, Ton- und Bildverarbeiter

sind notorisch überfordert. Unsere

Ressourcen schwinden. Die PR gewinnt

allmählich die Überhand.

Und obwohl die Zeit der Ruck-Reden

und der Shareholder-Value-Predigten

eigentlich vorbei sind, das neoliberale

Hütchenspiel langsam zu Ende gehen

müsste, ist doch noch nicht erkennbar,

ob der öffentliche Diskurs wieder ehrlicher

und offener wird. Oder ob wir

weiter gehen auf jenem Pfad, den der

Politologe Colin Crouch als „Postdemokratie“

bezeichnet. Ein Zustand, in

dem freie Wahlen und eine freie Presse

nur noch Kulisse sind für das Diktat

des ökonomischen Paradigmas. In

dem Medien nur mehr eine Sparte der

Unterhaltungsindustrie sind und die

öffentliche Debatte sich in „Zynismus

gegenüber der Politik und den Politikern“

erschöpft.

Ich will hier nicht nur in dunklen Farben

malen. Man sieht in der Welt sehr

verschiedene Stadien des publizistischen

Zerfalls. Auch in Europa, wo sie

eine Menge Xenophobie und Rechtspopulismus

finden. In Deutschland

sind die Zustände noch vergleichsweise

angenehm. Wir haben bei den

Verlagen doch zumindest eine Oligarchie.

Wir haben einen öffentlich-rechtlichen

Rundfunk, in dem eine Menge

Raum für tolle Sachen ist. Auch wenn

große, fürs breite Publikum gedachte

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Programmflächen geistig leergeräumt

und ähnlich öde sind wie die der konkurrierenden

Privatsender.

Wir haben einen Minimalkonsens, der

einem Berlusconi hier vorläufig wohl

keine Chance gäbe. Auch ein Haider-

Verschnitt ist nicht in Sicht. Wir haben

nur das Duo Merkel-Westerwelle. Was

jetzt, zum Ende der neoliberalen Ära,

kurios und zweifellos anachronistisch

wirkt. Nehmen wir es als Beweis einer

vitalen Demokratie. Obwohl: Es kommt

einem schon vor, als würde der Architekt,

dessen gesamtes Oeuvre just

krachend eingestürzt ist, zum Oberhofbaumeister

ernannt. Andererseits

musste die SPD wirklich dringend in

die Werkstatt.

Was wir brauchen, ist wieder mehr

Sauerstoff. Mehr echte Neugier. Mehr

Leute, die öfter mal sagen: Alles

Quatsch. Das mache ich nicht mit. Das

sehe ich völlig anders. Es ist wohl Sinn

dieses Preises, genau hier ein bisschen

nachzuhelfen.

Der vergangene Sommer hatte einen

Hauch von Postdemokratie. Die Meute

langweilte sich. Wir hörten viel über

Dienstwagen. Wir sahen Alphajournalisten,

die mit Aufrufen zum Wahlboykott

durch die Talkshows tingelten.

„Wir reden jede kleine Frage groß und

jede große Frage zerlegen wir in kleine

Münze“, hat die Journalistin Tissy Bruns

einmal über ihre Hauptstadtkollegen

gesagt.

Ich habe mir heute Nacht beim Schreiben

dieser Rede einen kleinen Reim

gemacht auf diesen Hauptstadtjournalismus,

mit dem ich mich verabschieden

und bedanken möchte für Ihre Aufmerksamkeit.

2009

Grad gestern war Gewissheit noch,

nun fall’n wir ins Milliardenloch.

Die Welt erzittert, fragt voll Sorgen:

Wie machen wir es besser morgen?

Das Geld ist futsch, die Krise bellt.

Es knirscht wie selten im Gebälk.

Doch ist ein wenig fad, oh weh,

den Journalisten an der Spree.

Gruppenbild mit Moderatorin: die Preisträger 2009, die Jury-Mitglieder und

die Geschäftsführung der OBS

Tom Schimmeck, freier Autor und Publizist,

erhielt 2007 den erstmals ausgelobten

„Spezial-Preis“ der Otto Brenner Stiftung.

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Jury-Mitglied Heribert Prantl gratuliert Michael Strompen, Gewinner des 2. Preises 2009

Jury-Mitglied Harald Schumann hielt die Laudatio auf Marc Thörner, Gewinner des 1. Preises 2009

Jury-Mitglied Sonia Seymour Mikich führte

als Moderatorin durch die Preisverleihung

Jury-Mitglied Volker Lilienthal hielt die Laudatio auf Simone Sälzer, Gewinnerin des 3. Preises 2009


DIE PREISTRÄGER 2009

Attac Deutschland

Marc Thörner

Ulrike Brödermann und

Michael Strompen

Simone Sälzer

Christian Semler


MEDIENPROJEKTPREIS

Attac Deutschland

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„DIE ZEIT“

(Plagiat, 65. Jahrgang, Nr. 18 vom 1. Mai 2010) *

Begründung der Jury

Auf acht Zeitungsseiten haben Mitarbeiter von Attac DIE ZEIT für den 1. Mai 2010

plagiiert. In dieser Ausgabe kreiert Attac eine Post-Krisen-Zeit, in der Solidarität,

Sozialstaatlichkeit, fairer Handel, Umweltschutz und Marktkontrolle die Lösung

für die Krise sind. Die Politik wird zu Reformen durch den politischen Druck der

Bevölkerung gezwungen. Der Abbau von Subventionen und Protektionismus soll

die Ausbeutung der Entwicklungsländer durch die Industrieländer beenden. Ein

neues Finanzsystem und die Überprüfung von Staatsschulden wird die Ungerechtigkeit

für die Südhalbkugel beenden.

Wo bleibt denn das Positive? Eine Standardklage, vor allem bei Nachrichten, wo es

immerzu um Krise, Krieg, Katastrophen, Skandale zu gehen scheint.

„Eine andere news ist möglich“, dachten wohl die Globalisierungskritiker von Attac

und veröffentlichten mit ihrem Projekt „Am Ende des Tunnels“ gute Nachrichten aus

der Zukunft: Am 1.Mai 2010 werden die Themen lauten: Das Ende des Kasinokapitalismus,

ein fairer Welthandel, eine grüne Autoindustrie – alles machbar, so die Hoffnung

in den gut recherchierten Artikeln.

Dazu kopierte Attac die Wochenzeitung „DIE ZEIT“ einschliesslich Layout, Schrifttype,

hintersinniger Werbung und seriöser Anmutung.

„ Den „Medienprojektpreis 2009“ der Otto Brenner Stiftung für das „ZEIT“-Plagiat

nahmen, stellvertretend für alle MacherInnen des Projektes, bei der Preisverleihung

Jutta Sundermann, Fabian Scheidler und Thomas Pfaff entgegen. Das

Preisgeld in Höhe von 2.000 Euro will Attac in ein weiteres Medienprojekt

investieren.

Ein täuschend echtes Plagiat. Nicht unproblematisch. Der Journalismus ist oft genug

untergraben von Medien-Fakes, ungeprüften Tatsachenbehauptungen, Falschmeldungen,

so die Jury. Am Ende aber überzeugt die politische Botschaft: aufwachen und

nachdenken! Es gibt Wege aus der Krise, eine gerechte Welt muss nicht Fiktion bleiben.

* Das mit dem „Medienprojektpreis“ prämierte „ZEIT“ – Plagiat kann über die Homepage des „Brenner-Preises“ aufgerufen

werden und ist auch über die DVD, die dem „Best of“ beiliegt (siehe Umschlagseite 3), zugänglich. (Die Redaktion)

vorgetragen von Sonia Seymour Mikich

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Marc Thörner

(Deutschlandfunk)

1. PREIS

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„Wir respektieren die Kultur“ – Im deutsch kontrollierten

Norden Afghanistans (Deutschlandfunk, 6.02.2009) *

Begründung der Jury

Als am Sitz des deutsch geführten Regionalkommandos Nord ein Student als

Gotteslästerer zum Tode verurteilt wurde, bezeichneten deutsche Stellen das als

unvermeidlich: Schließlich dürfe Afghanistan nicht zur Marionette des Westens

werden, es müsse auch die eigene Kultur respektiert werden. Das Feature verfolgt

den „Fall“ und zeichnet die politischen Verhältnisse in der Nordprovinz

nach.

Marc Thörner

geboren 1964 in Hamburg

Werdegang:

2009 Freier Journalist (vorwiegend für öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten)

1995-2007 Freier Mitarbeiter der ARD (Auslandsreporter)

1994 Freier Mitarbeiter beim NDR

1992 Referent an der Katholischen Akademie Hamburg

1990-92 Freier Journalist

1985 Studium der Geschichte und Islamwissenschaften in Hamburg

Veröffentlichungen, u.a.:

2007 „Der falsche Bart. Reportagen aus dem Krieg gegen den

Terror“, Nautilus Verlag

2006 „Nebel am Hindukusch“, DLF-Radiofeature über die

Bundeswehr in Afghanistan

2006 „Wie ein Fisch im Wasser? Auf der Suche nach Osama

Bin Laden“, DLF/WDR-Radiofeature

2005 „Von Saddam City zu Sadr City. Die irakischen Schiiten“,

Lamuv-Verlag

* Der preisgekrönte Radiobeitrag ist sowohl über die der Dokumentation beigefügte DVD (hinten,

3. Umschlagseite) zugänglich als auch u .a. über die Homepage des „Brenner Preises“. (Die Redaktion)

Warum kämpfen deutsche Soldaten in Afghanistan? Zwei Gründe werden immer wieder

genannt: Zum einen soll Sicherheit geschaffen werden. Indem wir mit Soldaten und

Ausbildern den Afghanen helfen, einen stabilen Staat zu bauen, verhindern wir, dass

das Land erneut zum Freiraum für Al Qaida und andere Terrorgruppen wird, es also

weniger Terroristen gibt, die uns bedrohen. Zum anderen bringen wir den Afghanen

angeblich Demokratie, Aufklärung und den Rechtsstaat. Nie wieder Steinigungen oder

öffentliche Auspeitschungen und Bildung für alle, auch für Frauen – so lautet das Versprechen.

Inzwischen sind fast acht Jahre vergangen, seitdem die Bundeswehr dort

eingerückt ist, und längst ist klar, dass beide Ziele nicht erreichbar sind. Der Präsident

fälscht die Wahlen, die Taliban werden immer stärker, der Drogenhandel blüht und die

Soldaten können den Sinn ihres Einsatzes selbst nicht mehr erkennen. Und obwohl all

das offensichtlich ist, gibt es fast keine öffentliche Auseinandersetzung in Deutschland

darüber, was eigentlich schief gegangen ist. Unsere Soldaten sterben und wir verlieren

Milliarden – aber keiner guckt hin. Außer Marc Thörner.

Meine Damen und Herren, ich bin froh, heute Abend einen Kollegen auszeichnen zu

dürfen, der seit langem mit großem journalistischem Einsatz versucht, diese Ignoranz

gegenüber unserem Krieg zu überwinden – und das mit einer Hartnäckigkeit, die höchste

Anerkennung verdient.

Natürlich gibt es auch andere Journalisten, die in Afghanistan hart recherchieren und

kritisch berichten. Aber Marc Thörner ist mit seinem Radiofeature über die wahren

Hintergründe der angeblich religiös motivierten Verfolgung und Verurteilung des Studenten

Pervez Kaambaksh etwas gelungen, das weit über all die anderen Reportagen

und Analysen hinausreicht, die gemeinhin geboten werden: Nach dem Anhören der

Sendung – und auch nach dem Lesen des Manuskripts – hat selbst der vorher wenig

kundige plötzlich ein ziemlich klares Bild von den afghanischen Verhältnissen. Es geht

gar nicht in erster Linie um Religion und Kultur, um Rückständigkeit oder das Aufbegehren

gegen die Besatzer. Nein, die vermeintliche afghanische Krankheit ist uralt und

universal: Es ist die simple Gier nach Macht und Geld, die mit Gewalt durchgesetzt und

ideologisch-religiöser Propaganda gerechtfertigt wird. Da wird ein Student zum Tode

verurteilt, weil er an seiner Universität angeblich gotteslästerliche Texte verteilt hat

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und der deutsche Mainstream tönt: Seht, das ist der religiöse Fanatismus der rückständigen

Afghanen, so sind sie eben. Im Spiegel las man damals: „Er, also der Angeklagte,

sprach vom Recht, gemacht von Menschen. Sie (gemeint waren Richter und Staatsanwalt)

sprachen vom Recht, gemacht von Gott.“ Und alle haben’s geglaubt, einschließlich

der deutschen Strategen hier gegenüber im Bendlerblock und im Bundestag, im

AA und im Kanzleramt. Und unter der Maßgabe „Wir respektieren die Kultur“ gab es

keine Einmischung.

Marc Thörner aber gab sich nicht zufrieden damit. Im Gegensatz zu jenen, die nur das

Klischee bedienten, um ihre Story rund aussehen zu lassen, nahm er die Klage des

Bruders des Verurteilten ernst. Der hatte gesagt, das Urteil diene nur dazu, ihn, den im

Land sehr bekannten Journalisten mundtot zu machen, damit er nicht weiter über die

Verstrickung der Regierung Karzai und ihrer Provinzgouverneure in den Drogen- und

Waffenhandel berichtet, solange sein Bruder im Gefängnis sitzt.

Und dann fand Thörner Zeugen, die überzeugend bestätigen konnten, dass die Belastungszeugen

gekauft waren, dass der Richter allgemein als korrupt bekannt ist und

dass der zuständige Gouverneur, der zugleich der wichtigste Partner der Bundeswehr

vor Ort ist, großes Interesse daran hatte, den Bruder des Verurteilten zum Schweigen

zu bringen. Denn selbst der General der Grenzpolizei beschuldigte eben diesen Gouverneur,

am Schmuggel mitzuverdienen.

korrupten, machtgierigen Schicht ehemaliger Mudschaheddin-Generäle und Warlords,

die genauso wenig wie ihre aus saudischen und pakistanischen Quellen geförderten

Gegner davor zurückschrecken, den Islamismus als gewalttätiges Machtinstrument zu

missbrauchen.

So klar und so präzise, wie in dieser auch handwerklich hervorragend gemachten

Reportage, habe ich, und ich glaube, das gilt für die ganze Jury, haben wir das noch

nirgendwo gelesen, gehört oder gesehen. Darum bin ich froh, hierfür den 1. Preis vergeben

zu können.

Dahinter steht nicht zuletzt auch die Hoffung, dass wir damit Sie, Herr Thörner, aber

hoffentlich auch noch viele andere Kollegen anstiften können, intensiver und genauer

zu recherchieren, wenn sie aus Afghanistan berichten. Natürlich weiß auch ich nicht,

wie wir je mit einem halbwegs erträglichen Ergebnis aus dem Konflikt herauskommen.

Aber eins halte ich für sicher: Wenn wir nicht endlich eine ehrliche und gut informierte

Debatte über Deutschlands Rolle in Afghanistan bekommen, dann werden wir so tief in

diesen schmutzigen Krieg hineingezogen, dass auch unsere eigene Verfassung Schaden

nehmen wird. Darum meine Bitte: Bleiben Sie dran!

Vor allem aber, und das war für mich die größte Stärke des Stücks, wandte sich Thörner

an die örtlichen Geistlichen, um zu nach der Scharia und ihrer Meinung zum Todesurteil

zu befragen. Und in aller Offenheit bekennt der bis dahin führende Imam einer der

größten afghanischen Moscheen, dass all das gar nichts mit der afghanischen Rechtstradition

zu tun habe, sondern allein dem Missbrauch der mit den Gotteskriegern aus

Saudi-Arabien importierten Ideologie der dortigen wahabistischen Prediger, deren

Radikalität wiederum ein Produkt ihres Deals zur Teilung der Macht mit den

saudischen Feudalherren ist.

Mit anderen Worten: Wir und unsere Soldaten kämpfen auf der Seite einer kleinen

vorgetragen von Harald Schumann

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Ulrike Brödermann und

Michael Strompen

(ZDF)

2. PREIS

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„Der gläserne Deutsche –

wie wir Bürger ausgespäht werden“ (ZDF, 7.04.2009)*

Jeder Verbraucher hinterlässt täglich zahlreiche Datenspuren durch Internet-

Nutzung, Kunden- oder Paybackkarten. Die ZDF-Dokumentation zeigt, dass die

Speicherung sensibler Daten von Bürgern schon fast zur gängigen Praxis in

Deutschland gehört. Der Film schildert anschaulich, was durch die Verknüpfung

von Daten heutzutage bereits möglich ist.

Ulrike Brödermann

geboren 1966 in Hamburg

Werdegang:

Seit 2007

Seit 2005

Seit 1998

Dozentin, Media School, Hamburg

Redakteurin und Autorin ZDF-Innenpolitik (Dokumentation), Mainz

Reporterin ZDF-Landesstudio Brandenburg (u.a. Vertretungen in

ZDF Studios Warschau und Brüssel)

1997 Mitarbeit und Wahlbüroleitung für die OSZE, Bosnien-

Herzegowina, Jablanica

Seit 1991 Mitarbeit für Perspektiven e.V. (NGO für Behinderte und

Straßenkinder in Osteuropa)

1989-1995 freie Mitarbeit für National Geographic

1988-1996 Studium Slavistik, Osteuropastudien und Amerikanistik (FU Berlin

und St. Petersburg), Magisterabschluss

1985-1987 Studium Generale (Internationales Recht und Literatur in

Saarbrücken, Exeter und London)

1985 Abitur in Hamburg

Michael Strompen

geboren 1980 in Münster

Werdegang:

Seit 2006 ZDF-Innenpolitik (Dokumentation)

2005-2006 freie Mitarbeit 3sat-Wissenschaftsmagazin nano

2005 ZDF-Innenpolitik (blickpunkt, Sondersendungen)

2003-2004 Volontärpraktikum ZDF in Mainz

2001-2006 Studium Journalistik und Sport in Dortmund

2000-2001 Zivildienst bei der Caritas in Kamp-Lintfort

2000 Abitur in Rheinberg/NRW

1998-2003 freie Mitarbeit und Praktika (bei RTL Nachtjournal, WDR2, sid,

Rheinische Post)

Veröffentlichung:

2008 „Eine wahre Erfolgsstory? Zur Authentizität moderner TV

Dokumentationsformate“

Auszeichnung:

2003 LfM-Campus-Hörfunkpreis (Anerkennungspreis)

* Der preisgekrönte Fernsehbeitrag ist sowohl über die der Dokumentation beigefügte DVD (hinten, 3. Umschlagseite)

zugänglich als auch u .a. über die Homepage des „Brenner Preises“. (Die Redaktion)

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Begründung der Jury

Als ich die wunderbar aufrüttelnde Fernseh-Dokumentation von Ulrike Brödermann

und Michael Strompen das erste Mal gesehen habe, ist mir ein Satz von Kafka in den

Kopf geschossen. Kafka hat gesagt: „Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche

Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns

nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch?“

Hätte Kafka schon Fernsehen gekannt, dann hätte er wohl gesagt: „Wenn das Fernsehen

uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, warum schauen wir

dann fern?“ Die meisten Leute schlafen ja beim Fernsehen gern ein, und die Fernsehmacher

kommen ihnen bei diesem Wunsch sehr oft und sehr gern entgegen. Ich

kenne mich da aus, denn ich gehöre zu den Leuten, von denen ich gerade rede.

Bei dem Film von Ulrike Brödermann und Michael Strompen ist das ganz anders:

Selten sitzt man so wach, so gepackt, so gefesselt, so irritiert und so empört vor

dem Fernseher wie bei diesem Beitrag. Nie habe ich das nur vermeintlich trockene

Thema Datenschutz so gut verfilmt gesehen. Die Dokumentation zeigt, wie Speicherung

von sensiblen Daten von Bürgerinnen und Bürgern schon fast zur gängigen

Praxis in Deutschland geworden ist. Dieser Film enthüllt, was durch die Verknüpfung

von vermeintlich harmlosen Daten heute schon alles möglich ist: dieser Film setzt

sich auf die Spuren, die jeder von uns im Internet sowie mit Kunden- und Payback-

Karten hinterlässt. Er zeigt, was damit passiert, er zeigt, was schon jetzt alles möglich

ist, wer meine, wer Ihre Daten erfasst, sammelt, verkauft, auswertet. Für 200 Euro

kann man bei professionellen Datenhändlern Informationen über einen ganzen

Stadtteil kaufen. Die Bewohner wissen davon nichts. Aber der Datenkäufer weiß

dann, wo ein „Linker“, wo ein „Kleinbürger“ und wo ein „Konservativer“ wohnt,

wo „Single-Frauen“ leben und ob sie für Werbung offen oder ob sie eher zugeknöpft

sind.

geht? Der Sozialwissenschaftler Andreij Holm, dessen Fall im Film dargestellt wird,

hätte das gern schon früher gewusst: Er hatte über „Gentrifikation“, also über die

Modernisierung und Yuppisierung von Wohngebieten geschrieben – das hatte ihn

dem Bundeskriminalamt verdächtig gemacht. Beamte stürmten seine Wohnung.

Später las er in den Akten, dass seine Telefonate, E-mails, Freunde, seine Reisen

überwacht worden waren – unter anderem mit Hilfe der Bahn, die bereitwillig seine

Reiseverbindungen an das BKA übermittelt hatte. Es kann jeden treffen, sagt der

Film. Und das ist so.

Das „Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung“ ist 25 Jahre alt, aber von

einer Selbstbestimmung der Bürger kann nicht die Rede sein; das Grundrecht auf

informationelle Selbstbestimmung ist ein schwer malträtiertes Grundrecht. Die

Schwere und die Folgen dieser Verletzungen dokumentiert der ausgezeichnete ZDF-

Film. Er informiert, er sensibilisiert, er rüttelt wach. Er macht klar, warum Datenschutz

nichts Abstraktes ist, sondern erste Hilfe für die Bürgerrechte im digitalen

Zeitalter.

Der prämierte Film ist ein Aufklärungsfilm. Er ist, obwohl nicht aus diesem Anlass

produziert, einer der besten Beiträge zum 60. Jubiläum des Grundgesetzes.

Brödermann und Stompen zeigen das alles so, dass nach dem Film keiner mehr

sagt: Er habe ja nichts zu verbergen und also auch nichts zu befürchten. Nach einem

so aufklärerisch gescheiten Film bleibt einem ein so törichter Satz im Hals stecken.

Und die Frage, die einem nach diesem Film zu Recht umtreibt, ist die: Wie kann ich

mich schützen, wie kann ich mich wehren, was kann ich tun, dass das nicht so weiter

vorgetragen von Dr. Heribert Prantl

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Simone Sälzer

(Passauer Neue Presse)

3. PREIS

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„Leben in Würde“

(Artikelserie 21.02. - 23.05.2009, Passauer Neue Presse) *

Begründung der Jury

In der 14-teiligen Serie „Leben in Würde“ stellt die Autorin Einzelschicksale aus

Deggendorf vor, die mit den Problemen der gesellschaftlichen Isolation kämpfen.

Aus welchen Gründen kommt es dazu, dass Menschen sich von der Gesellschaft

ausgeschlossen fühlen? Die Reihe hat darauf mehrere Antworten. Es sind

Alkoholismus, Drogenkonsum, finanzielle Notlagen, Gewalt in der Partnerschaft,

Krankheit, Alter und Tod, die von der Gesellschaft mehr Offenheit und Verständnis

fordern, als sie in der Lage ist zu geben.

Simone Sälzer

geboren 1978 in Passau

Werdegang:

2007-2009 Volontariat Passauer Neue Presse

2006-2007 Freiberufliche Dozentin für Deutsch als Fremdsprache

1999-2006 Studium der Germanistik, Romanistik, Politikwissenschaften

und Deutsch als Fremdsprache an der Universität Regensburg

1999-2006 Praktika, u. a. bei SZ, BR und Goethe-Institut

1998 Abitur am Gymnasium Freyung

* Die Beiträge der Artikelserie sind über die Homepage des „Brenner-Preises“ (www.otto-brenner-preis.de) zugänglich

und auf der DVD, die dieser Dokumentation beigefügt ist, in Auszügen enthalten. (Die Redaktion)

„,Ich wollte einfach nur mal mit jemandem reden’, erinnert sich Sara Hanson an ihren

ersten Anruf bei Caritas-Schuldnerberaterin Cornelia Beetz. Die Frau mit den langen

brauen Haaren atmet kurz durch. ,Uns steht das Wasser bis zum Halse.’ Die allein

erziehende Mutter hat Schulden in sechsstelliger Höhe. Ihre vier Kinder sind 21, 17, 13

und 4 Jahre alt, von ihrem Mann lebt sie seit gut einem Jahr getrennt.“

Dieses Zitat aus der preisgekrönten Zeitungsserie von Simone Sälzer ist einer von gut

einem Dutzend szenischen Einstiegen, mit denen sich die junge Journalistin jeweils

prekären Feldern unserer Gesellschaft genähert hat. Mit solchen anschaulichen Exempeln

nimmt Sälzer ihre Leser bei der Hand und zeigt jeweils gleich im ersten Absatz,

was Sache ist: Überschuldung, Alkoholsucht, Gewalt gegen Frauen, Behinderungen,

Asylsuche, Drogenkriminalität, Altersbetreuung, psychische Erkrankungen und was

der sozialen und individuellen Probleme mehr sind, die die Volontärin der „Passauer

Neuen Presse“ in ihrer 14-teiligen Serie „Leben in Würde“ geschildert hat.

Als Soziographin zeigt Simone Sälzer einmal mehr, dass wir längst nicht mehr in der

friedlichen nivellierten Mittelstandsgesellschaft von einst leben. Sie beweist kritische

Aufmerksamkeit für Menschen am Rande, die von Marginalisierung bedroht sind. Als

Journalistin hat Sälzer ein weiteres getan: Über die Dokumentation von Fallgeschichten

hinaus zeigt sie mögliche Lösungen auf, sensibilisiert die Nicht-Betroffenen unter

ihren Lesern und weist den Betroffenen den Weg zu sozialkaritativen Hilfen in Notlagen.

Das ist Nutzwertjournalismus im besten Sinne: kein Blabla mit Freizeittipps, sondern

verantwortliches Schreiben für den Tag und darüber hinaus, journalistisches

Engagement mit Praxisbezug.

Simone Sälzer hat hier eine überraschend reife Leistung hingelegt. Diese überaus

gelungene Fleißarbeit einer Berufsanfängerin - 14 volle Zeitungsseiten, wahrlich keine

Kleinigkeit! - ist auch als modernes journalistisches Format interessant. Denn jede Folge

der Serie im Lokalblatt „Deggendorfer Zeitung“ bestand aus vier definierten Komponenten,

die die Autorin konsequent und lesenswert umgesetzt hat. Ein Muster, von

dem sich lernen lässt. Übrigens auch sprachlich. Die Klarheit, Nüchternheit und

Anschaulichkeit ihres Stils sind die kommunikativen Qualitäten, die es braucht, um

Leser einer Lokalzeitung anzusprechen.

vorgetragen von Prof. Dr. Volker Lilienthal

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Christian Semler

OTTO BRENNER PREIS

„SPEZIAL“

(freier Autor, taz)

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Fleißig gebuddelt, wenig Ertrag *

Bei der Arbeit des Ausschusses erwies es sich als nützlich, dass die CDU in einer

Doppelrolle als loyaler Großkoalitionär und gleichzeitig als Ankläger gegen die

vormalige rot-grüne Koalition auftrat. Dadurch konnte die SPD nicht alle rechtlichen

Möglichkeiten ausschöpfen, die ihr die erdrückende Koalitionsmehrheit

im Ausschuss gegeben hätte. Sie konnte nicht alle Initiativen der oppositionellen

Ausschussmitglieder abbügeln. Dennoch erwies sich ein weiteres Mal, dass der

parlamentarischen Kontrolle der Dienste enge Grenzen gesetzt sind. Dies gilt

nicht nur für die Befugnis der Regierung, Zeugenaussagen zu verhindern oder

Dokumente nicht zugänglich zu machen. Noch entscheidender ist, dass im Reich

der Dienste fast alles mündlich abläuft, Diskussionen und Anweisungen nicht

schriftlich festgehalten werden, Aktennotizen unterbleiben. Dies kraft Gesetz

ändern zu wollen verkennt den Auftrag der Geheimen. Schlapphut und Transparenz

– das geht nicht zusammen.

Christian Semler

geboren 1938 in Berlin

Werdegang:

Seit 2009

Freier Autor der taz (Schwerpunkte: demokratische Rechte,

historische Grundlagen der Politik, Geschichtspolitik)

1989 Redakteur der taz mit Schwerpunkt Osteuropa; Kolumnist der

„Wochenpost“

Seit 1980 Freier Journalist; Unterstützungsarbeit für die demokratische

Opposition in Ostmitteleuropa; Mitglied von „Solidarität mit

Solidarnosc“

1970 Mitbegründer und Funktionär der maoistischen KPD (AO)

Seit 1965 Aktivist im Westberliner SDS (bis zu dessen Auflösung 1970)

Seit 1962 Zweitstudium Politik und Geschichte; Journalistische Arbeit

(u. a. für SFB und NDR)

1957-1961 Studium der Rechtswissenschaft in Freiburg/Breisgau und

München; 1. jur. Staatsexamen

1957 Abitur am Goethe-Gymnasium, Berlin

Veröffentlichungen:

Seit 1980 Verfasser zahlreicher Aufsätze (u. a. für Freibeuter, Kursbuch,

Kommune, Aus Politik und Zeitgeschichte, Le Monde diplomatique)

und Herausgeber (Mitautor) von Textsammlungen, insbesondere

zu politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in „Osteuropa“

* Dieser Kommentar zum Abschlussbericht des parlamentarischen Untersuchungsausschusses zu diversen BND-Affären

ist am 16.06.2009 in der taz erschienen. Wir dokumentieren einen Auszug.

Eine Serie weiterer Meinungsartikel aus der Feder des Preisträgers enthält die DVD, die diesem „Best of“ (siehe dritte

Umschlagsseite) beigefügt ist.

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Begründung der Jury

Als Christian Semler Maoist war, war ich noch Ministrant. Das ist lange her. Mittlerweile

ist Semler längst nicht mehr Maoist, und ich bin auch nicht mehr Ministrant. Wir beide

sind, jeder auf seine Weise, fortgeschritten. Wir haben uns bisher, bis zum heutigen

Abend, nie persönlich getroffen – und uns doch gefunden auf einem Gebiet, das uns

beide angelegen ist: Er, der Ältere, und ich, der Jüngere, ackern auf einem Feld, auf

dem viel Unkraut wächst: Es heißt Rechtsstaat und Bürgerrechte.

Mir sind, als ich als Kommentator und Leitartikler noch sehr jung und sehr frisch war,

sogleich die Stücke von Christian Semler in der taz aufgefallen. Ich spürte: Da zieht

einer seine Furchen mit ungeheurer Sachkenntnis, mit Präzision, mit profundem Wissen.

Und seitdem lese ich Christian Semler – der einer der klügsten journalistischen

Köpfe ist, die ich kenne. Er ist einer, der nicht wohlfeil daherbrabbelt; er ist keiner,

dessen Meinung schon fertig ist, bevor das Ereignis, das er kommentiert, passiert ist;

er ist nachdenklicher, kein vorpreschender Mensch: Er ist ein bewundernswert

gescheiter, ein scharfsinniger journalistischer Streiter für Rechtsstaat und Bürgerrechte.

Er ist ein Radikaldemokrat im allerbesten Sinn, also einer, der sich nicht mit einem

lauen Bekenntnis zur Demokratie zufrieden gibt; in seinen Texten geht er ihr auf den

Grund, er verfolgt ihre Wurzeln zurück bis in die Tage der Revolution von 1848.

Als Daniel Cohn-Bendit ihm zum 70. Geburtstag in der taz eine kleine Eloge geschrieben

hat, hat er den Kopf des Christian Semler schön beschrieben: Christian Semler sei

das „lebendige Gedächtnis der linken Revolte von 1968“. Und in diesem Kopf tobt ein

ständiger Kampf zwischen linker und rechter Gehirnhälfte, „hier die kühle Analyse,

dort Kreativität und Gefühle“. Man liest mit Spannung, was er schreibt, „weil man

immer wissen will, welcher Verstand diesmal die Oberhand gewonnen hat“. Cohn-Bendit

hat Christian Semler „ein starkes, linkes Gewissen attestiert“. Beides sei manchmal,

zum Beispiel auf dem Balkan, schwer zusammenzubringen: „Aber Semler gelingt

es, und das macht ihn menschlich“.

Semler bläst beim Schreiben nicht in die Posaune. Er hat nicht die Illusion, dass man

mit dem Schreiben die Mauern von Jericho einstürzen lassen kann. Er ist ein nachdenklicher,

skrupulöser, ein wissender Schreiber. Er spürt die Widersprüche in sich und in

den Dingen, und gibt ihnen beim Schreiben Raum: Ich vermute, dass er deswegen

nicht Politiker geworden ist wie Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit, die Semlers

Nachfolger und Erben waren in der 68er Revolte. Semler hat das gewaltige Ego nicht,

das man braucht, um Widersprüche und Vorbehalte in sich selbst zu überspielen. Er

streitet mit seinen klugen Arbeiten für die Demokratie – im Wissen, dass er einst gegen

diese Demokratie gestritten hat. Sein Werk ist auch deswegen so glaubwürdig, weil es

das Ergebnis eines langen, verschlungenen Weges ist, ein Produkt eines persönlichen

Läuterungsprozesses: Semler war einer der führenden Köpfe der Studentenbewegung,

er war der Gefährte von Rudi Dutschke. Und er wurde in und nach vielerlei Wirrnissen

ein überzeugter, überzeugungskräftiger und weiser Demokrat.

Semlers Leben ist ein politischer Roman. Wie kam eigentlich eine studentische Protestbewegung,

die ursprünglich adrett gekleidet und gescheitelt, das Recht auf freie Meinungs

äußerung auf dem Campus und eine demokratische Reform der Universitäten ein -

forderte, zum Sozialismus als einer radikalen gesellschaftlichen Alternative? Christian

Semler beantwortet diese Frage selbst, in einem Stück, das „Unser geliebter Sozialismus“

heißt. Am Anfang, sagt er, „steht eine Ausstoßung, der Ausschluss des Sozialistischen

Deutschen Studentenbundes SDS aus der SPD. Diese erzwungene Selbständigkeit zog

wider Erwarten eine reale Selbständigkeit nach sich“. Das war sicher eine große Weichenstellung

im Leben des Christian Semler.

Über die andere Weichenstellung habe ich sinniert, als ich vor einiger Zeit im Wirtschaftsministerium

vor der dortigen Bilder-Ahnengalerie der Minister stand: Das allererste

Bild, das vor dem Bild von Ludwig Erhard hängt, zeigt Johannes Semler, den

Vater unseres Preisträgers. Semler senior war ein gesuchter Finanzfachmann und

Wirtschaftsprüfer, ein Abwickler von Großunternehmen, Sanierer der Hentschel-Werke,

von Borgward und BMW, er war Mitgründer der CSU und Direktor der Verwaltung

für Wirtschaft der Vereinigten Wirtschaftsgebiete nach dem Krieg, also quasi der erste

bundesdeutsche Wirtschaftsminister. Wenn ich so einen Vater gehabt hätte, so dachte

ich mir, als ich vor der Bilderwand stand, wäre ich wahrscheinlich auch nicht Ministrant,

sondern erst mal Maoist geworden.

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Seit über zwanzig Jahren schreibt Christian Semler ganz wunderbar für die taz, vor

allem über Recht, Demokratie, Demokratiegeschichte und Geschichtspolitik. Seine

Stücke zu Demokratie, Bürgerrechten und zu der Geschichte dieses Landes gehören

zum Besten, was der politische Journalismus in Deutschland zu bieten hat. Und als ich

über diese kleine Laudatio nachgedacht habe, ist mir ein Spruch zum Verhältnis von

Macht und Recht eingefallen, zu einem Verhältnis also, das Christian Semler und mich

immer wieder sehr beschäftigt. „Dass Macht vor Recht geht“, so sagt dieser Spruch,

„damit könnte man sich zur Not noch abfinden. Aber dass das Recht auch noch hinter

der Macht geht, das ist traurig!“ Ich weiß nicht, ob dieser Aphorismus von Christian

Semler stammt. Er könnte jedenfalls von ihm sein.

Lieber Christian Semler, meine Bewunderung, meine ganz herzlichen Glückwünsche zu

diesem Preis für Ihr journalistisches Werk. Schreiben Sie weiter. Nicht nur die taz kann

ihre Klugheit brauchen.

Moderatorin u. Jury-Mitglied Sonia Seymour Mikich gratuliert Christian Semler,

Gewinner des „Spezial“-Preises 2009

vorgetragen von Dr. Heribert Prantl

Festredner Tom Schimmeck zwischen Ex-Maoist Semler (links) und Ex-Ministrant Prantl (rechts)

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RECHERCHE-STIPENDIEN I

Sandro Mattioli

Tina Groll

Marianne Wendt und

Maren-Kea Freese


Moderatorin Sonia Seymour Mikich im Gespräch

mit Jury-Mitglied Thomas Leif

Mikich: „Thomas, wie sahen die Bewerbungen in diesem Jahr aus, und was

waren die Schwerpunkte?“

Leif: „Die Bewerbungen waren durchwachsen, wie immer. Wenn man ehrlich ist,

haben wir ein Aussortiersystem von ungefähr zehn Prozent der Bewerbungen,

die ins engere Feld kommen und eigentlich unseren harten Kriterien entsprechen.

Thematisch war es kreuz und quer. Einige internationale Reportagethemen, bei

denen man auch ein bisschen den Verdacht haben kann, dass der eine oder andere

sich das Land mal anschauen möchte. Aber durchaus auch Themen aus der

Arbeitswelt. Es gibt keine eindeutigen Schwerpunkte, es ist sehr breit gestreut.“

Mikich: „Welche Stolpersteine gibt es eigentlich, wenn junge Leute an so ein

Stipendium heran kommen wollen?“

Leif: „Stolpersteine? Sie müssen uns überzeugen! Wir sind, glaube ich, ziemlich

kompliziert, weil wir natürlich zwei Dinge machen müssen: Einerseits wollen wir

eine große Leistung, und dann soll diese große Leistung von einem noch möglichst

jungen Menschen erbracht werden. Das ist ein innerer Spagat, den wir

aushalten müssen, und wir müssen überzeugt werden. Sie kennen ja die ziemlich

anspruchsvollen Persönlichkeiten in der Jury. Es muss eine eigene Idee sein,

die Leute müssen durch ihre Persönlichkeit und den Lebenslauf nachweisen,

dass sie es ernst meinen. Das ist für mich persönlich zum Beispiel sehr wichtig.

Schließlich müssen sie eine originelle und gute Ausgangsbasis haben, die uns

überzeugt.“

Mikich: „Aber ein bisschen an die Hand genommen werden müssen sie auch,

oder?“

Leif: „Ja, wenn man so will, ist es auch ein kleines Geschenk des Preises an die

Preisträger: Sie kriegen einen Mentor oder eine Mentorin zu Seite gestellt. Wir

werden gleich etwas von Frau Frenzel hören, die, vom früheren ARD-Korrespondenten

in Spanien, Stefan Rocker, betreut wurde. Was sehr wichtig ist: Wir ver-

suchen, z. B. aus unserem privaten Umfeld oder aus dem „netzwerk recherche“

Betreuer zu finden, die bei Recherchen auch wirklich mit professionellem Rat

und konkreter Tat zur Seite stehen.“

Mikich: „Jetzt würde ich Dich einmal bitten, die Themen der Recherche-Stipendien

zu nennen, die in diesem Jahr gewonnen haben.“

Leif: „Da ist zunächst Sandro Mattioli. Er macht etwas ganz anspruchsvolles und

zwar betrachtet er, wie die italienische Mafia sich neue Absatzgebiete und

Geschäftsfelder in Deutschland sucht. Nämlich mit Müll, den sie nach Deutschland

exportieren. Es geht um 250 000 Tonnen Material. Ich war am Anfang sehr

skeptisch, das gebe ich zu, habe aber dann bemerkt, dass er in Italien gute Kontakte

hat und sicherlich dieses Segment der Mafiaarbeit sehr erfolgreich präsentieren

wird. Dazu noch der Hinweis, dass er auch mit der Justiz eng zusammenarbeitet

und es eine zweite Story beim diesem Thema sein wird, wie Deutschland

mit der italienischen Justiz kooperiert.

Bei dem zweiten Stipendium geht es – wenn man so will – um die Praxis der

Finanzkrise. Tina Groll wird sich damit beschäftigen, wie Verbraucher von den

Deutschen Banken über den Tisch gezogen worden sind, wie man wertlose

Immobilien verticken will und wie man damit sozusagen Kleinverdiener an den

Rand des wirtschaftlichen Ruins gebracht hat. Also eine ganz praktische Story

aus dem Bereich der Finanzkrise.

Und das dritte Stipendium ist eine Geschichte, die sich auf den ersten Blick sehr

harmlos anhört. Marianne Wendt und Maren-Kea Freese kümmern sich um Analphabeten

und schauen nach, wie eigentlich die Welt ohne diese Schriftkultur

ausschaut. Auf den ersten Blick kennen wir alles, aber sie haben mich zum Beispiel

sehr durch die Intensität, wie sie mit dem Thema umgehen, überzeugt, und

sie werden uns frei nach Gabriel, dem neuen SPD-Chef, in die Ecken führen, ‘wo

es stinkt und nicht so amüsant ist.’“

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Sandro Mattioli

freier Reporter (Rom)

Aus der Würdigung der Jury:

„Sandro Mattioli will mit seiner Arbeit aufdecken, dass die italienische Mafia mit einem

neuen Geschäftsmodell in Deutschland präsent ist: Dem Import von kontaminierter

Erde. Eine investigative Recherche in einem gefährlichen Milieu – brisant und relevant.

Die Jury des Otto Brenner Preises unterstützt diese Arbeit über eine aktuelle Form

organisierter Kriminalität mit einem Stipendium.“

„Auf Dreck gebaut:

Wie sich die Müllmafia in Deutschland etabliert“

Deutschland nimmt seit Jahren, nicht erst seit der Müllkrise in und um Neapel,

große Mengen von Abfall aus Italien auf. Allein in Rheinland-Pfalz wurden in den

vergangenen fünf Jahren über 250.000 Tonnen Material angeliefert. Nur der

kleinste Teil dieser Stoffe sind Siedlungsabfälle. Die größte Gruppe stellen „Boden

und Steine (dar), die gefährliche Stoffe enthalten“. Bei diesen Erdimporten geht

nicht alles mit rechten Dingen zu.

Sandro Mattioli

geboren 1975 in Heilbronn

Werdegang:

2008-2009 Freier Reporter in Rom

2006-2008 Volontär bei der Stuttgarter Zeitung

1995-2006 Freier Journalist für verschiedene Medien, Autor für das

Schwäbische Tagblatt

1996-2004 Studium der Allgemeinen Rhetorik, Neueren Geschichte und Empirischen

Kulturwissenschaft in Tübingen und Rom, Magisterabschluss

1995 Abitur am Albert-Schweitzer-Gymnasium, Neckarsulm

Auszeichnung:

2007 „herausragende Leistung“, Axel-Springer-Preis

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Tina Groll

Redakteurin (ZEIT-online)

Aus der Würdigung der Jury:

„Tina Groll zeigt mit ihrer Recherche ‚Angepumpt und abkassiert’, dass die so genannte

‚Subprime-Krise’ längst in Deutschland angekommen ist. Auch in der Bundesrepublik

haben Banken überhöhte Kredite für wertlose Immobilien vergeben, obwohl die ‚Kleinverdiener’

nicht solvent waren. Die Otto Brenner Stiftung und die Preis-Jury halten das

Thema für so relevant, dass sie die Arbeit der jungen Kollegin mit einem Stipendium

unterstützen.“

„Angepumpt und abkassiert: Subprime in Deutschland“

Die Recherche soll zeigen, dass es Geschäfte im Stile der Subprime-Krise in den

USA auf verschiedenen Ebenen auch in Deutschland gegeben hat. Die Autorin

wird – stellvertretend für tausende von Fällen – einige Geschichten von geprellten

Anlegern erzählen, deren Existenz akut gefährdet wurde. Zudem zeigt sie, dass

bis heute weder eine echte Regulierung, noch eine strenge Aufarbeitung der gierigen

Geschäfte stattgefunden hat.

Tina Groll

geboren 1980 in Itzehoe

Werdegang:

Seit August 2009 Redakteurin bei ZEIT-online im Wirtschaftsressort

2007 - 2009 Volontariat bei der Bremer Tageszeitungen AG

2003 - 2007 Studium Internationaler Studiengang Fachjournalistik an der

Hochschule Bremen und dem Manipal Institute of Communication

in Manipal, Indien; Abschluss: Diplom-Journalistin

2002 - 2003 Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) bei der Diakonie Bremen

2002 Abitur an der Kaiser-Karl-Schule, Städtisches Gymnasium Itzehoe

Auszeichnungen und Veröffentlichungen, u .a:

2008 „Top 30 Journalisten unter 30 Jahren“ (Medium Magazin)

2008 „Beruf Journalistin. Von kalkulierten Karrieren und behinderten

Berufsverläufen“, VDM-Verlag

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Marianne Wendt /

Maren-Kea Freese

Aus der Würdigung der Jury:

„Marianne Wendt und Maren-Kea Freese beobachten in ihrem Projekt verschiedene

Analphabeten. Ihre Protagonisten versuchen, lesen zu lernen, um ihre Lebenssituation

zu verbessern. Ein Langzeitprojekt, das nicht im täglichen Focus steht. Stiftung und

Jury fördern diese innovative Recherche mit 5.000 Euro.“

„Ich schreibe, also bin ich“.

Als Analphabet in einer Welt der Schriftkultur

Vier Millionen Analphabeten leben in Deutschland. Die Gefahr vor Isolation,

Arbeitslosigkeit und Armut, sowie der schwierige Weg, aus dieser Situation auszubrechen,

sind der Öffentlichkeit nicht bekannt. Die Autorinnen treffen verantwortliche

Bildungspolitiker, stellen – unter anderem – die Frage, warum in einem

Land, das sich seines hohen Bildungsniveaus rühmt, so wenig gegen Analphabetismus

getan wird. Sie versuchen, mit ihrem Hörfunkfeature dieses tabuisierte

Thema ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken.

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Marianne Wendt

geboren 1974 in Berlin-Charlottenburg

Maren-Kea Freese

geboren 1960 in Hannover

Werdegang:

Seit 2005 Autorin und Regisseurin für Hörspiele und Features

Seit 2004 Drehbuchautorin

2001-2005 freie Theaterregisseurin

1999-2001 Dramaturgin am Deutschen Theater Berlin

1997-1999 Regie- und Dramaturgieassistentin, Deutsches Theater Berlin

Bis 1999 Studium der Architektur (Diplom, TU München/UdK Berlin) und

der Theaterregie (Uni Hamburg). Aufbaustudiengang Drehbuchwerkstatt

München (HFF München, 2006)

Auszeichnungen, u. a.:

2009 Nominierung für den Deutschen Kinder-Hörspielpreis der ARD

(„Die Raben des Barbarossa“)

2008 Hörspielförderung der Filmstiftung NRW für „Anständige Bürgerin“

2007 Aufenthaltsstipendium „Writer in Residence“, Villa Decius in Krakau

2006 Stipendium Drehbuchwerkstatt München

Werdegang:

Seit 2000 Regie- und Drehbuchautorin (u.a. Was ich von ihr weiß, 2006)

1999 Abschluss Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb)

1989 FU Berlin (Filmwissenschaften, Publizistik, Germanistik),

Magister-Abschluss

seit 1982 Regieassistenz, Kurzfilme und Dokumentationen

1979 Abitur am Elisabeth-von-Thüringen-Gymnasium in Köln

Auszeichnungen, u. a.:

1999 Regieförderpreis, Filmfest München

1988 Preis der Feminale, Köln

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RECHERCHE-STIPENDIEN II

Veronica Frenzel

Günter Bartsch

Thomas Schuler

Thomas Schnedler

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Jury-Mitglied Thomas Leif im Gespräch

mit ehemaligen Stipendiaten

Mikich: „Ich will – zur Überleitung – ganz kurz noch etwas zu Thomas Leif sagen:

Er hat wirklich Wucht und Energie, Berthold Huber hat das ja schon vorhin angedeutet,

und eine unglaubliche Sicherheit, was journalistische Standards angeht.

Eben nicht nur in seinen eigenen Sendungen, in seinen Berichten, in Büchern,

er sorgt eben unermüdlich dafür, dass junge Kollegen sich für die Mühen des

ungeliebten investigativen Journalismus begeistern. Er will, dass No-Names

nach oben kommen, dass sie durchhalten, dass sie glänzen. Thomas Leif –

er ist Jury-Mitglied, er ist bei „netzwerk recherche“ – wird jetzt Preisträger vergangener

Jahre einmal über Siege und Niederlagen interviewen, und er hat mit

ihnen gebangt und gerungen. Ich bitte jetzt im fliegenden Wechsel Veronica

Frenzel, Günter Bartsch und Thomas Schuler auf die Bühne und übergebe das

Wort an Thomas Leif.“

Leif: „Frau Frenzel ist jemand, die uns kurz erzählen kann, was sie gemacht hat.

Sie hat sich nämlich um diejenigen in Spanien gekümmert, auf die sonst niemand

schaut. Erzählen Sie ganz kurz, was sie gemacht haben.“

Frenzel: „Mein Thema war die illegale Einwanderung in Spanien und wie die

Wirtschaftskrise diese Menschen trifft. Meine These war, dass diese Menschen

besonders hart davon getroffen werden und das habe ich dann auch während

der Recherche bestätigt gefunden. Sie müssen jetzt noch schlechtere Bedingungen

akzeptieren, als sie eigentlich bisher sowieso schon mußten, finden einfach

gar keine Arbeit mehr.“

Leif: „Das heißt also, das soziale Elend der Schicht, wo sonst niemand hinschaut,

ganz unten. Wo haben Sie die Ergebnisse denn am Ende veröffentlicht?“

Frenzel: „Ich habe zum einen eine Reportage in der Zeitschrift „E + Z“ veröffentlicht,

das ist eine Spezialzeitung von der Stiftung „Invent“, die auch von der

Bundesregierung unterstützt wird, und dann auch noch in der österreichischen

Wochenzeitung ‚Die Furche’.“

Leif: „Heute haben Sie uns eine Überraschung mitgebracht – keiner wußte das –

und das ist auch ein kleines Geheimnis dieser Stipendien: Sie haben mit einer

Freundin auch in Spanien über ein halbes Jahr einen Film gedreht.“

Frenzel: „Genau. Ich habe aus der Recherche noch zusätzlich einen halbstündigen

Dokumentarfilm* gemacht. Er ist allerdings noch nirgends erschienen und er ist

auch erst letzte Woche fertig geworden.“

Leif: „Aber das zeigt, und das ist, glaube ich, einen extra Applaus wert: Sie hat

mehr gemacht, als sie machen mußte. Erklären Sie es vielleicht ganz kurz, weil

viele im Publikum wissen es nicht: Hätten Sie ohne das Stipendium die Story

auch gemacht?“

Frenzel: „Auf jeden Fall nicht in diesem Ausmaß. Ich hätte vielleicht etwas Kleines

gemacht, aber ich hätte nicht so lange daran arbeiten können. Und ich hätte

nicht in die Tiefe gehen können wie ich gegangen bin und ich hätte vor allem

nicht den finanziellen Rückhalt gehabt. Besonders aber auch den Rückhalt von

meinem Mentor Herrn Rocker, der mich ja immer wieder unterstützt und mir

gesagt hat: ‚Machen Sie weiter, das ist eine gute Richtung’.“

Leif: „Das ist ein gutes Zeichen, und ich glaube, dass der Film fertig ist, ist ein

Sonderbeweis für Ihren Einsatz. Irgendwie wird es auch noch eine Lösung geben,

dass man den Film vernünftig synchronisieren kann und die Gelder dafür werden

sich sicher auch noch finden.

Und dann geht das Mikro weiter an Günter Bartsch. Der hat sich im Grunde

beschäftigen wollen mit dem, was Tom Schimmeck uns in seiner Rede gesagt

hat, nämlich Lobbystrukturen, politische Beeinflussung in Berlin – wie sieht das

eigentlich ganz praktisch aus? Aber Herr Bartsch – man kann doch eigentlich im

Grunde sagen – Sie sind am Ende erfolgreich gescheitert mit ihrem Stipendium?“

* Wir machen den Film über die DVD, die der Dokumentation beiliegt, erstmals öffentlich zugänglich. (Die Redaktion)

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Bartsch: „Meine Erfahrung: Man stößt auf eine Mauer des Schweigens, wenn man

versucht, Ansprechpartner hinter den Kulissen zu finden. Also, es war sehr

schwierig. Ich habe es über soziale Netzwerke probiert. Es ging insbesondere im

Speziellen um einen Berliner Verlag namens Helios, der sich der politischen

Kommunikation widmet, Magazine herausgibt, die erwähnten Politikkongresse

durchführt.* Ich habe auch Gruppen im Internet gefunden, die sich die „Heliosopfer“

nennen, so halb Spaß halb Ernst, glaube ich. Man kriegt zwar einen Kontakt,

aber es bricht dann relativ schnell wieder ab. Das heißt, ich mußte andere

Wege finden, wie ich an Informationen komme. Da hat es sich dann angeboten,

sowohl Programme von Kongressen als auch Magazine und die Zeitschriften, die

der Verlag rausbringt, sich genau anzuschauen, Jahrgang für Jahrgang durchzugehen

und dann entdeckt man dann doch Muster, die ganz interessant sind.

Die „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ (INSM) ist ja hier schon angesprochen

worden. Die INSM ist einer der wichtigsten Anzeigenkunden in einem dieser

Magazine, „Politik und Kommunikation“, und die Geschäftsführer der INSM

dürfen in dieser Zeitschrift auch publizieren, schreiben. Da gibt es also Muster,

die problematisch sind.“

Leif: „Aber woran lag es am Ende, dass Sie die Ehemaligen nicht bekommen

haben? Lag es an Ihnen, dass Sie nicht hartnäckig genug waren oder woran lag

es? Man weiß: Viele Informationen kommen von Ehemaligen, die betrogen worden

sind, belogen, gedemütigt am aller besten. Das sind die besten Informanten.

Er hat aber niemanden gefunden, obwohl es ja viele gibt von diesen in dem

Umfeld des Helios Verlags.“

Bartsch: „Na ja, die arbeiten ja alle noch wie gehabt in dieser Branche und auf

den ersten Blick, oder so nach ein paar Wochen, dachte ich‚ anscheinend ist der

Verlag so relevant ja doch nicht, wie ich mir gedacht habe. Und durch diese

Erfahrung ist mir bewußt geworden, wenn irgendwie alle Kritik üben an seichtem

Niveau vieler Veranstaltungen usw., merkt man dann, dass offenbar doch

Macht dahinter steckt, dass sich niemand traut, viel öffentlich zu kritisieren.“

Leif: „Also Sie bekommen am Ende eine Strukturanalyse, ganz umsonst war es

nicht, aber es gibt eine ganz interessante Erfahrung. Astrid Geisler* ist es ja

gelungen, mit ihrer Recherche die ersten beiden Seiten der taz vollständig zu

füllen, das hat ihr sehr geholfen nach einem OBS-Stipendium. Jetzt haben Sie

gemerkt, dass es gar nicht so einfach ist, die Ergebnisse zu präsentieren. Warum

war das so schwer, Ihre Rechercheergebnisse zu veröffentlichen?“

Bartsch: „Also ich habe von Redaktionen oft die Reaktionen bekommen: ‘Das ist

zu kompliziert’. Die Verflechtungen, die es gibt zwischen PR und Journalismus,

kann man aber nachlesen, in der Dokumentation zum MainzerMedienDisput

2009. Diese Verflechtungen sind ziemlich kompliziert, man muss genau recherchieren,

man braucht auch Platz dafür und Redaktionen tun sich offenbar

schwer, mit diesem Thema umzugehen. Zumal immer gewisse Angriffspunkte

auch bei Redaktionen oder bei Verlagen vorhanden sind.“

Leif: „Klingt das bei Ihnen nach aufgeben – oder wie geht es weiter?“

Bartsch: „Nein, also ich glaube, die Ergebnisse, die ich jetzt habe, sind zumindest

so, dass man was etwas draus machen kann. Interessant war eigentlich,

dass ich über dieses Wühlen bei diesem einen Fall auf ganz viele andere Fälle

gestoßen bin.** Sei es die Solarindustrie, wo plötzlich Initiativen loslegen und

verdeckte PR betrieben wird oder das Beispiel ‘Berlinpolis’.“

Leif: „Wir haben noch die Hoffnung, dass dieser Text in der „taz“ erscheint als

Geschenk, denn der Politikkongress startet in zwei Wochen hier in Berlin.

Jetzt kommen wir zu Tom Schuler. Ein alter Grantelhase aus München, der viel in

der Süddeutschen schreibt, der auch schon ein Buch über Franz-Josef Strauss

gemacht hat, sehr wichtige Bücher über die Familie Mohn und den Verlag Bertelsmann.

Warum braucht der eigentlich noch ein Stipendium?“

* Siehe den Beitrag über „Helios“ in diesem Band. * Gewinnerin eines Recherche-Stipendiums der Otto Brenner Stiftung 2005

** Siehe den Beitrag „Schickt Briefe“ in diesem Band.

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Schuler: „Das ist eine gute Frage. Aber ich würde sagen, es hat mir gut getan,

dieses Exposé zu dem Thema Stiftung zu entwickeln. Denn ich stand auch vor

dem Problem, dass ich schon ein Buch über die Mohns publiziert hatte, also im

Thema drin war, auch sonst ein bisschen einen Namen habe. Aber das heißt

nicht, dass man dieses Thema, diese Recherche dort anbringen kann, wo man

sie wirklich haben will. Ich wollte ein Buchprojekt zum Thema Stiftungen und ich

wollte einen großen Buchverlag. Das Exposé hat sich zwei-, dreimal grundlegend

gewandelt, bis ich einen Verlag gefunden hatte. Jetzt bin ich mitten in der Produktion,

2007 habe ich das Stipendium bekommen, eigentlich arbeite ich an

dem Thema schon seit dem Abschluß meines Buches über die Familie Mohn.

Weil ich damals schon das Gefühl hatte, dass ich das Thema Bertelsmannstiftung

nicht wirklich zu fassen bekommen und es nicht so umgesetzt habe, wie

ich es mir gewünscht hatte. Das ist jetzt mein zweiter Versuch. Jetzt bin ich gerade

mitten in der Produktion, habe sogar ein schlechtes Gewissen, dass ich jetzt

hier bin und nicht an meinem Schreibtisch. Aber ich bin zuversichtlich.“

Leif: „Kann man sagen, dass mit diesem Stipendium ein größeres intensiveres

Buchprojekt* gefördert wird – mit viel Informationen zu Bertelsmann, die bis

jetzt noch nicht auf dem Markt sind.“

Schuler: „Ja, das ist schon der Anspruch, wenn man sich so lange mit einem

Thema beschäftigt. Wenn jetzt jemand sagt, was grundlegend Neues wirst Du

wahrscheinlich auch nicht herausbringen, dann sage ich: ‘Mir reicht es ja schon,

wenn ich mehr habe, als ich bislang darüber lesen konnte’.“

Leif: „Geben Sie uns bitte zum Schluß noch einen Einblick in Ihre Arbeitsweise.

Ihnen ist es zum Beispiel gelungen, die erste Ehefrau des verstorbenen Mohn zu

‘knacken’, so nennt man es im Neudeutschen, und den Sohn der Familie Mohn.

Wie schaffen Sie es – das ist ja die Hauptarbeit einer solchen Recherche –, die

Akteure auf ihre Seite zu bringen, dass sie sich bei Ihnen ausheulen und Ihnen

erzählen, was sonst keiner erfährt?“

* Siehe den Beitrag „Soft Power“ des Autors in diesem Band.

Schuler: „Quellen erschließen, das ist die eine hartnäckige Arbeit. Die Mohns,

die erste Frau und andere sitzen natürlich auf einem großen Berg von Wissen

und Material.

Also es reicht nicht, eine Anfrage, zwei Anfragen oder drei Anfragen oder vier zu

stellen, es müssen dann eben fünf oder sechs Anfragen sein und es muss mit

einem Brief beginnen und es muss irgendwie dann alles ein „Gesicht“ bekommen.

Derjenige oder diejenige muss das Gefühl bekommen, dass da jemand ist,

der ein ehrliches Interesse daran hat. Das ist, glaube ich, das Wesentliche und

dazu gehört ein Stück Unabhängigkeit und da bin ich wieder beim Stipendium.

Für mich war es eigentlich ganz gut, dass ich nicht sozusagen täglich immer die

aktuellen Zeitungsartikel machen musste und ich mir diese Zeit so mühsam

rausschneiden musste. Denn Zeit, das haben wir vorhin auch mitbekommen, ist

ja das Wesentliche an der ganzen Geschichte.“

Leif: „Das heißt: Ein Hauch von Schwiegersohnmentalität kommt auch noch dazu?“

Schuler: „Das glaube ich nicht. Bei Stiftungsgeschichten überwiegen schon sehr

nüchterne Papiere. Da ist es eher die Frage, wieviel Energie man aufbringen

kann, um immer wieder noch etwas zu lesen, was eigentlich auf den ersten hundert

Seiten sturzlangweilig ist.“

Leif: „Das war für Sie nur ein ganz kleiner Eindruck von drei Stipendien, mit ganz

verschiedenen Methoden. Bei Frau Frenzel, die Ausdauer über ein halbes Jahr.

Bei „Meister“ Bartsch die Frage, wie man auch Ehemalige knacken kann und

dranbleiben muss und bei Herrn Schuler die Energie, auch langweilige Texte

intensiv zu studieren.

Wir glauben, die machen alle noch weiter und ich hoffe, das Publikum hat begriffen,

wie wichtig die Stipendien sind.

Vielen Dank!“

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Jury-Mitglied Thomas Leif (rechts) im Gespräch mit Thomas Schuler, Günter Bartsch und

Veronica Frenzel (v.l.n.r.)

Festredner Tom Schimmeck und die Gewinner Otto Brenner Preise 2009

RECHERCHE-STIPENDIEN II

Ergebnisse

abgeschlossener

Stipendien

Veronica Frenzel

Günter Bartsch

Thomas Schuler

Thomas Schnedler

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Veronica Frenzel

Schattenbrüder *

Illegale Einwanderer trifft die Weltwirtschaftskrise besonders hart – in Spanien

zum Beispiel. Mit der Baubranche ist einer der wichtigsten Arbeitsmärkte für

Einwanderer ohne Papiere weggebrochen. Auch in der Landwirtschaft finden

immer weniger Osteuropäer, Chinesen, Afrikaner und Südamerikaner Jobs. Die

Konkurrenz wächst, die Arbeitsbedingungen werden schlechter. Diese Reportage

schildert das Schicksal von zwei Männern. Sie ist das Ergebnis eines Recherche-

Stipendiums der Otto Brenner Stiftung, das die Autorin 2008 erhielt.

Den Ort, an dem sein Leben besser werden sollte, hatte sich Moussa S. (31) aus

dem Senegal anders vorgestellt. Die Straßenkreuzung in La Mojonera bei

Almería ist grau und staubig, drum herum ducken sich ein paar farblose Hausklötze

vor dem ständig blasenden Wind, der um sieben Uhr morgens noch kalt

und feucht ist. Seit rund hundert Tagen sieht Moussa jeden Tag von hier die Sonne

aufgehen. Er wartet auf einen „Chef“, der ihm ein paar Stunden Arbeit gibt.

Moussas Augen sind starr geradeaus gerichtet. Nur wenn ein Lastwagen an der

Kreuzung hält, schnellt sein Blick zum Mann am Steuer. Doch Moussa sieht

stattdessen nur in die flehenden Augenpaare der anderen, die mit ihm an der

Kreuzung auf einen Heilsbringer warten.

„Die Gewächshäuser an der Küste von Almeria sind der Wartesaal Europas für

illegale Einwanderer“, sagt Spitu Mendy von der Landarbeitergewerkschaft SOC.

„Mit einer Arbeitsgenehmigung braucht man hier eigentlich gar nicht erst nach

einem Job fragen. Die Landwirte vergeben die Arbeit fast nur ohne Vertrag.“

Auf den Auberginen-, Zucchini- und Tomatenplantagen sind die Löhne so

schlecht wie nirgends sonst auf dem spanischen Acker, mickrige 30 Euro für

einen Acht-Stunden-Tag gelten hier als gutes Geld. Seit Beginn der Wirtschaftskrise

bezahlen die Landwirte weniger. Wenn überhaupt. Seit das spanische Wirtschaftswunder

vorbei ist, finden illegale Einwanderer wie Moussa keinen Job

mehr. Die Spanier kehren zurück auf die Felder und konkurrieren mit den

Arbeitsimmigranten. Fast 18 Prozent der Spanier haben gerade keine Arbeit,

rund ein Drittel der viereinhalb Millionen in Spanien gemeldeten Einwanderer ist

zur Zeit arbeitslos, Tendenz steigend. Die spanische Regierung schätzt, dass es

dazu noch gut eine Million illegaler Einwanderer gibt. Der Anteil derjenigen ohne

Arbeit ist bei ihnen deutlich höher. Der Konkurrenzkampf an der Kreuzung von

La Mojonera wird täglich größer.

„Mit dem Lohn für die Arbeiter ist es wie mit dem Preis für die Tomaten: Je mehr

Angebote es gibt, desto weniger wird bezahlt.“ Manuel Sabio Perez ist Landwirt

in Almería, er steht in seinem Gewächshaus, neben ihm reihen sich Zehntausende

von Tomatenpflanzen aneinander.

Im Januar war Moussa an einem Strand von Marokko in ein Holzboot gestiegen.

Tausend Euro zahlte er den Schleppern für die Fahrt nach Marokko. Geld, das er

sich von Freunden geliehen hatte. Geld, das er zurückzahlen wollte, sobald er in

Europa war. 400 Euro hatte er dann noch für die Überfahrt nach Spanien, die

Schlepper verlangten 500 Euro mehr, die er nicht hatte. Auch die muss er noch

zurückzahlen. Die Bande weiß, wo seine Familie lebt.

Die Überfahrt dauerte fast drei Tage. Eine Nacht war geplant gewesen, Nahrung

und Getränke waren rationiert. Er war glücklich, als er endlich die spanische Küste

sah. Doch als die Polizei das kleine Holzboot, in dem er reiste, ein paar Kilometer

vor Cádiz aufgriff, dachte er, er sei gescheitert. Die Beamten brachten ihn in

das Internierungslager von Algeciras, wo er Tage lang fürchtete, er müsse zurück

in den Senegal. Doch dann setzten ihn die Polizisten vor die Tür und drückten

ihm einen Zettel in die Hand. Dort stand, er müsse Spanien sofort verlassen und

dürfe in den nächsten fünf Jahren nicht wieder einreisen. Mitarbeiter vom Roten

Kreuz erklärten Moussa, dass er mit dem Abschiebebescheid kaum Chancen auf

* Der dokumentierte Beitrag ist erschienen in: E+Z, 50. Jahrgang, Ausgabe 6/2009, S. 234-236

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eine Arbeitserlaubnis hätte. Dann gaben sie ihm ein Busticket nach Almeria.

Laut dem spanischen Ausländergesetz dürfen illegal eingereiste Immigranten 60

Tage festgehalten werden. Wenn kein Rückführungsvertrag mit dem Herkunftsland

besteht oder wenn in diesem Zeitraum nicht die Abschiebung erfolgt, müssen

sie wieder freigelassen werden. Oft reicht die Zeit nicht aus, um die Rückführung

zu organisieren oder um das Herkunftsland des Immigranten festzustellen – fast

keiner hat einen Ausweis dabei, auch Moussa nicht.

Seit drei Monaten ist er jetzt hier, seiner Familie hat er noch keinen Cent geschickt,

nicht einmal anrufen kann er. Nur dann, wenn die anderen ihm etwas Geld

geben. Mit zehn anderen Senegalesen wohnt er in einem heruntergekommen

Haus am Ortsausgang von La Mojonera, mit Blick auf die schmutzigen Plastikplanen

der Gewächhäuser. Ein zehn Quadratmeter-Zimmer teilen sie sich zu

dritt. Bezahlen kann er die Matratze, auf der er die Nächte verbringt, nicht. Auch

das Essen bekommt er von seinen Mitbewohnern. „Meine Frau versteht nicht,

wieso ich nicht arbeite“, sagt Moussa traurig. Er vergräbt sein Gesicht in seinen

Händen. Es gibt kein Zurück. Nach Hause kann er erst, wenn er Geld verdient

hat. „Ich bin gekommen, um unser Leben in Afrika zu verbessern.“

Zweihundert Kilometer nördlich von La Mojonera steht Mamadou D. (27) in einer

Ecke des Busbahnhofs von Úbeda. Auch er ist aus dem Senegal. Auch er wartet

nicht auf einen Bus, sondern auf einen Landbesitzer, der ihm in einem Olivenhain

Arbeit gibt. Seit zwei Wochen steht er jeden Morgen hier, Oliven hat er bisher

keine gesehen. In der Nacht schläft er auf einem Bürgersteig, gleich in der

Nähe. Er schläft nicht viel, es ist zu kalt.

Mamadou ist nicht allein, mit ihm suchen rund 5000 Immigranten in der Provinz

Jaen Arbeit in der Olivenernte. Nur wenige von ihnen finden Platz in den Obdachlosenherbergen,

noch weniger Arbeit.

Vor zweieinhalb Jahren setzte Mamadou vom Senegal auf die Kanarischen Inseln

über. Die Küstenwache griff ihn auf und brachte ihn in ein Internierungszentrum.

Nach ein paar Wochen fuhren ihn Polizisten zum Flughafen. Während des Flugs

dachte er, sie würden ihn zurück in den Senegal bringen. Doch als das Flugzeug

landete, war er in Barcelona und ein Sozialarbeiter des Roten Kreuz wartete auf

ihn. Er gab ihm zwei Wochen lang ein Zimmer, dann musste er raus, die nächsten

Neuankömmlinge von den Kanaren kamen. Er fand ein Bett in einem Zimmer mit

zwei anderen Senegalesen und Arbeit auf dem Bau. „Ich verdiente gut“, sagt er,

etwas mehr als tausend Euro für acht Stunden an sechs Tagen in der Woche.

Jeden Monat konnte er mindestens 200 Euro nach Hause zu seinen Eltern und

Geschwistern schicken. Doch Anfang des vergangenen Jahres war es vorbei.

Seitdem ist Mamadou ein Nomade, zieht von Ernte zu Ernte.

In einer Bar, gleich gegenüber von der Bushaltestelle in Úbeda, klebt auf einem

Schwarzen Brett ein handgeschriebener Zettel: „Spanier, erfahren, zuverlässig,

bietet sich für die Olivenernte an, José“. Darunter eine Telefonnummer. José ist

ein großer, breiter Mann, ein Familienvater, Mitte 40 mit viel Erfahrung bei der

Olivenernte. Er hat vor kurzem seine Arbeit auf dem Bau verloren, deshalb sucht

er jetzt wieder auf dem Feld. „Die Immigranten nehmen uns die Arbeit weg“,

sagt er. „Sie arbeiten mehr Stunden für weniger Geld und die Bauern nehmen

sie lieber.“ Zwischen 30 und 40 Euro bekommen die Afrikaner für einen Arbeitstag,

schwarz, ohne Zusatzkosten. Bis die Sonne untergeht, ernten sie Oliven. In

Úbeda wartet nur der Bordstein auf sie, zuhause, in ihrem echten Leben, die

Familie auf eine bessere Zukunft. Der Agrartarifvertrag in Jaen sieht 50 Euro für

sechseinhalb Stunden vor. „Bisher hat mich noch kein Bauer angerufen, dabei

hängt das Schild schon seit Tagen dort“, sagt José. „Doch ich brauche dringend

Arbeit. Wir wissen nicht, wie wir unsere Rechnungen bezahlen sollen.“

„Jeden Tag fragen mich Leute nach Arbeit, ich schreibe ihren Namen und ihre

Nummer auf, aber Jobs habe ich keine.“ Die Liste von Bauer Manuel Sabio aus

Almería ist lang, mehr als hundert Namen stehen dort. Jeden Tag werden es mehr.

Als Moussa um acht Uhr morgens zurück in das Haus in La Mojonera kommt,

setzt er sich in eine Ecke des abgesessenen Sofas und starrt auf den Bildschirm

des Fernsehers. Es läuft ein Musikvideo aus dem Senegal, „Le chemin de l’espoir“

heißt das Lied, Weg der Hoffnung. Es geht um einen jungen Mann, der nach Europa

aufbricht, um dort sein Glück zu suchen. Im Senegal hätte er jetzt dazu getanzt.

2008 erhielt Veronica Frenzel ein Stipendium der Otto Brenner Stiftung. Der hier dokumentierte

Beitrag ist ein Ergebnis ihrer Recherchen. Ergebnisse des Stipendiums wurden u.a. veröffentlicht

in E+Z, 50. Jahrgang, 6/2009, S. 234-236; Die Furche, 41/2009, S. 22-23, die tageszeitung,

4. Januar 2010, S. 4

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Günter Bartsch

Schickt Briefe! *

und den Niederlanden“ ergeben, dass „interaktive Medien wie Blogs, Foren,

Pod- und Vodcasts“ die „klassischen Medien“ wie den Brief nicht verdrängten,

sondern ergänzten“.

Zwei Prozent – diese Zahl bereitet der Deutschen Post Kummer: Jedes Jahr werden

zwei Prozent weniger Briefe verschickt. 1 Jahr für Jahr. Der Brief wird verdrängt,

durch E-Mails und andere elektronische Kommunikationsformen. Konjunktur

hatte das Briefeschreiben jüngst im Wahlkampf: Regierende, Oppositionelle,

Kandidaten schickten da Post an den lieben Wähler. „Dialogmarketing“

heißt das auf neudeutsch. Damit die Kasse klingelt, wird das Geschäft stark

beworben – unter anderem von der „Initiative ProDialog“. Diese arbeitet auch

mit Berlinpolis zusammen, jenem „Thinktank“, der wegen verdeckter PR für die

Deutsche Bahn und die Biosprit-Industrie in die Schlagzeilen geriet. Auch zum

Thema Dialogmarketing gab es bis vor Kurzem eine Berlinpolis-Webseite.

Danach gefragt, ließ der Chef des „Thinktanks“, Daniel Dettling, die Seite löschen.

„Brief wird nicht verdrängt“

Gefällige Studien zählen zum beliebten Mittel der „Denkfabrik“ Berlinpolis, um

Interessen ihrer Auftraggeber in die Öffentlichkeit zu tragen. Auch ProDialog

kann sich auf wertvollste Expertisen berufen: Vor zwei Jahren erschien eine von

ProDialog und Berlinpolis gefertigte Studie mit dem Titel „Regierungskommunikation

2.0“. 2 Danach hatte eine „Trendumfrage“ unter „je fünfzig Experten aus

den Regierungszentralen und Ministerien der Länder Frankreich, Deutschland

1 Vgl. Deutsche Post AG: Marktanteile. Bonn 2009. URL: http://investors.dpdhl.de/de/investoren/segmente/brief/marktanteile/index.html

2 Vgl. Berlinpolis: „Regierungskommunikation 2.0“ - Studie und Trendumfrage zur Zukunft der Regierungskommunikation

Deutschland im Vergleich mit Frankreich und den Niederlanden. Berlin 2007. URL:

http://www.berlinpolis.de/fileadmin/Downloads/Einzelpublikationen/Studie_Regierungskommunikation_2.0.pdf

Das freut die Post und die lässt sich nicht lumpen. Bei einer Million Euro soll

anfangs das jährliche Budget der Deutschen Post für ProDialog gelegen haben.

Inzwischen soll es etwas weniger sein; Zahler und Empfänger wollen sich zur

tatsächlichen Höhe der Zuwendungen allerdings nicht äußern.

Warum die Geheimnistuerei? Dass verdeckte PR ihren Preis hat, zeigte die Berlinpolis-Arbeit

für die Deutsche Bahn 3 und den Verband der Deutschen Biokraftstoffindustrie

4 (enthüllt von LobbyControl). Auch Kerstin Plehwe, die Chefin der

Initiative ProDialog, taucht immer wieder als Gastautorin auf. Sie schrieb auf

Handelsblatt.com 5 über die von ProDialog pünktlich zum Bundestagswahlkampf

veröffentlichte Studie „Wege zum Wähler“ – und gab dazu auch stern.de ein

Interview. 6 Und da sieht die traurige Brief-Welt plötzlich ganz fröhlich aus: „Die

Ansprache über den guten alten Brief finden immer noch mehr Menschen attraktiv

als die Wahlkampfkommunikation per E-Mail“, erklärt Plehwe. Dass ihre Initiative

von der Post finanziert wird, bleibt unerwähnt.

Die „Vorsitzende“ kommt vom Direktmarketing-Verband

Die 2005 gegründete Initiative betreibt die „Dialog-Lounge“ in der Friedrichstraße

– noble Büro- und Veranstaltungsräume in bester Lage, nur ein paar Schritte

vom Reichstag entfernt. Laut eigener Webseite hat sich ProDialog zum Ziel

gesetzt, „die Kommunikation zwischen Politik, Zivilgesellschaft und Wirtschaft

3 Vgl. LobbyControl: LobbyControl enthüllt verdeckte PR-Aktivitäten der Deutschen Bahn. Köln 2009. URL:

http://www.lobbycontrol.de/blog/index.php/2009/05/lobbycontrol-enthullt-verdeckte-pr-aktivitaten-derdeutschen-bahn/

4 Vgl. LobbyControl: Erneut verdeckte Meinungsmache - heute: Biosprit. Köln 2009.

http://www.lobbycontrol.de/blog/index.php/2009/07/erneut-verdeckte-meinungsmache-heute-biosprit/

5 Vgl. Kerstin Plehwe: Warum die Politik am Wähler vorbeiballert. In: Handelsblatt.com, 10.6.2009. URL:

http://www.handelsblatt.com/politik/gastbeitraege/warum-die-politik-am-waehler-vorbeiballert;2345218

6 Vgl. Dorit Kowitz: Das letzte Mittel der Enttäuschten. In: stern.de, 9.6.2009. URL: http://www.stern.de/wahl-

2009/aktuell/phaenomen-nichtwaehler-das-letzte-mittel-der-enttaeuschten-701767.html

*(Bei diesem Text handelt es sich um eine leicht gekürzte Version des unter http://guenterbartsch.de/index.php?id=19

veröffentlichten Blog-Beitrags. Die durch das Stipendium der Otto Brenner Stiftung ermöglichten Recherchen

bilden den Grundstein für das von mir geführte Blog mit den Schwerpunktthemen Lobbyismus und PR.)

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zu fördern und Wissen im Bereich Dialogkommunikation zu vermitteln“. 7 Kerstin

Plehwe, ehemals Präsidentin des Deutschen Direktmarketingverbandes (DDV),

der sich heute Dialogmarketingverband nennt, wird als „Vorsitzende“ aufgeführt.

Eine gewählte Vorsitzende ist sie allerdings nicht. Hinter ProDialog steckt organisatorisch

eine Firma namens IIPG Internationales Institut für Politik & Gesellschaft

GmbH. Geschäftsführende Gesellschafterin: Kerstin Plehwe.

Dass es der Deutschen Post darum geht, der Politik das Dialogmarketing näher

zu bringen, ist kein Geheimnis: Dazu bekannte sie sich schon bei der Gründung

von ProDialog. 8 Von einem Lobbyorgan will man indes nicht sprechen, vielmehr

von einer „Plattform“, auf der verschiedene Dialoginstrumente den Interessierten

im politischen Raum vorgestellt würden, so ein Sprecher.

Und so wirbt Plehwe in ihren Newslettern 9 regelmäßig für Veranstaltungen des

„Siegfried Vögele Instituts – Internationale Gesellschaft für Dialogmarketing“.

Bei näherem Hinsehen stellt sich heraus: Eine Tochterfirma der Deutschen Post.

Im Dezember 2008 und im März 2009 veranstaltete ProDialog eine Veranstaltung

namens „Herzlich, Ihr MdB – Politikerpost, die ankommt“.

PR-Frau mit eigener TV-Sendung

Bei ProDialog gebe es keine einseitige Bevorzugung eines Mediums, sagt Plehwe.

Insofern ist es offenbar auch kein Problem, dass sie eine eigene Fernsehsendung

moderiert: „Politik Konkret“ auf TV Berlin „Sie kauft sich ein“, meint ein

Berliner Agenturinhaber – und tatsächlich wird die Initiative sogar im Abspann

als Unterstützerin aufgeführt. Um aber zu erfahren, dass die Moderatorin der

Sendung ProDialog-Chefin und ehemalige DDV-Präsidentin ist, muss der Zuschauer

schon die Webseite ansteuern. Und auch dort erfährt er nicht, dass ProDialog

von der Post finanziert wird. Plehwe und TV Berlin ist das transparent genug.

ProDialog fördere den politischen Diskurs in der Gesellschaft und sei parteipoli-

7 ProDialog: Unsere Zielsetzung: Dialog fördern. Berlin. URL: http://prodialog.org/content/ueberuns/ziele

8 Deutsche Post AG: Mehr Dialog in Politik und Staat. Deutsche Post gründet Initiative ProDialog in Berlin. Bonn 2005.

URL: https://www.dp-dhl.de/de/presse/pressemitteilungen/2005/dialog_in_politik_und_staat.html

9 Vgl. ProDialog: Dialog News. Berlin. URL: http://prodialog.org/content/details/newsletter/

tisch unabhängig, sagt TV-Berlin-Geschäftsführer Mathias Adler. Daher sehe er

hier kein Problem – „zumal die redaktionelle Hoheit natürlich beim Sender liegt“.

Wie das in der Praxis aussieht, kann man zum Beispiel in der Sendung vom April

2008 sehen, als Plehwe mit Patrick Tapp sprach, dem damaligen DDV-Vizepräsidenten.

10 Mit kritischen Fragen von Ex-Verbandspräsidentin Plehwe musste er

nicht rechnen: Seelenruhig konnte Tapp erklären, dass sein Verband nicht nur

die Unternehmen seiner Branche, sondern auch die Verbraucher vertrete. Ohnehin

seien die Lobbyisten gar nicht so mächtig, wie man es ihnen oft unterstelle:

„Weil das würde ja auch bedeuten, dass Politik sich an der Stelle beeinflussen

lassen würde von Interessenvertretern. Das stellen wir nicht fest.“ Datenschützer

sehen das anders: Sie machen die intensive Lobbyarbeit für die Aufweichung

der Datenschutznovelle zu Ungunsten der Verbraucher verantwortlich. Im April

2009 schrieb der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar, dass sich „Lobbyisten

der Werbewirtschaft, des Adresshandels, aber auch die Profiteure des

illegalen Datenhandels massiv eingeschaltet“ hätten. 11

Auch Berlinpolis warb für den Brief

Berlinpolis hat sich mit „Dialogmarketing“ auf einer eigenen Webseite beschäftigt.

Auf der Internet-Seite dialogmarketing.wordpress.com behandelte sie das

Thema „Integriertes Dialogmarketing“. E-Mail-Marketing und Google-Werbung

würden „immer ineffizienter“, heißt es da, schuld sei etwa die „Spamflut“. Hingegen

sei der Aufbau einer Online-Community „schneller und günstiger“ über

eine „intelligente und Web 2.0 gerechte Direkt Marketing Aktion per Post mit

direkter Verbindung zur Online-Welt“ möglich.

Auch dies eine Zusammenarbeit zwischen Berlinpolis und ProDialog? Kerstin

Plehwe erklärt, die Webseite nicht zu kennen. Auch sonst habe es „keine Zuar-

10 Vgl. Politik Konkret - Das Politik Magazin, April 2008. URL:

http://prodialog.org/content/prodialog_tv/politik_konkret/2008-04-15

11 Vgl. Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz und die Informationsfreiheit: 22. Tätigkeitsbericht 2007-

2008. Datenschutz: Jetzt entschieden handeln! Berlin 2009. URL: http://www.bfdi.bund.de/cln_118/DE/

Oeffentlichkeitsarbeit/Pressemitteilungen/2009/PM_12_22TB.html

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Günter Bartsch

Helios Media: Das Geschäft mit der Eitelkeit *

beiten“ von Berlinpolis gegeben, sondern lediglich „vereinzelte, klar umrissene

Projekte“ wie das Co-Sponsoring des Berlinpolis-Redner- und Dialogpreises. 12

Ganz so „vereinzelt“ ist die Zusammenarbeit allerdings nicht – die Auflistung

lässt sich mühelos erweitern: Ebenfalls 2007 gab es die oben erwähnte gemeinsame

Studie zur Regierungskommunikation. Berlinpolis betreibt auch die Redaktion

des ProDialog-Magazins „Sinnmacher“. Im Juni 2008 sprach Plehwe bei

einer von Berlinpolis organisierten Podiumsdiskussion. Und im Herbst 2008

schrieb sie für das Berlinpolis-Magazin „thinktank“ über den US-Wahlkampf.

Auf Anfrage ließ Berlinpolis-Chef Dettling die Webseite löschen. Sie sei für die

Denkfabrik „heute nicht mehr brauchbar“.

Hajo Schumacher will sie verlassen, die „alten Schützengräben des Helmut-

Kohl-Deutschlands“. Diese Themen, bei denen man nur dafür oder dagegen sein

kann, über die man gar nicht mehr sachlich sprechen könne – eben Dinge wie:

Atomkraft. Schumacher, von Beruf Journalist, sitzt auf einem Barhocker im

Atrium eines Bürohauses in der Berliner Georgenstraße und schwärmt von einer

neuen Diskussionskultur à la Obama und von der „Transparenzmaschine“ Internet.

Und solche Chancen, meint Schumacher, biete auch die neue Quadriga-

Hochschule, die hier ein Studienzentrum betreibt und an diesem Abend mit

einer Podiumsdiskussion auf sich aufmerksam macht. Die Privathochschule will

„moderne Kommunikationsmanager in Wirtschaft und Politik“ ausbilden. An der

Spitze als Präsident der PR-Hochschule: Ein Journalist – der ehemalige SWR-

Intendant und ARD-Vorsitzende Peter Voß.

Hajo Schumacher wünscht sich, dass die Absolventen „ehrliche, selbstbewusste

Kommunikatoren“ werden. Deshalb sitze er im Quadriga-Kuratorium – wofür er

in den vergangenen Wochen häufig angefeindet worden sei.

12 Inzwischen hat Berlinpolis-Chef Dettling erklärt, dass die Webseite durchaus im Zusammenhang mit einem

ProDialog-Auftrag entstanden ist. Vgl. LobbyControl: Wie die Deutsche Post mit ProDialog trickst. Köln 2009.

URL: http://www.lobbycontrol.de/blog/index.php/2009/12/wie-die-deutsche-post-mit-prodialog-trickst/

Dabei ist es eigentlich nicht überraschend, dass Schumacher im Kuratorium sitzt.

Denn die Quadriga-Hochschule wurde von Rudolf Hetzel, dem Chef des Verlags

Helios Media, initiiert. Und bei Helios gibt es kaum eine Veranstaltung, auf der

sich Schumacher nicht blicken lässt: Er moderiert Diskussionen beim Kommunikationskongress,

den Helios für den Bundesverband der Pressesprecher organisiert

– und auch beim jährlichen „Politikkongress“ des Verlags lauschen die Pressesprecher,

PR-Leute und Lobbyisten immer wieder den Fragen Schumachers. Mit

manch launiger Frechheit unterhält er sein Publikum. Bei der Deutschen Presseakademie

(depak), der zu Hetzels Konglomerat gehörenden PR-Schule, gibt Schumacher

Seminare zum „effizienten Kommunizieren“ – und erklärt dort PR-Leuten

in rund neun Stunden, „wie Journalisten funktionieren“. 990 Euro plus Mehrwertsteuer

kostet die Weiterbildung. Auch die Quadriga langt ordentlich zu: Zwischen

19.000 und 26.000 Euro legt man für die 18-monatigen Studiengängen hin.

* Bei Redaktionsschluß des „Best of“ noch unveröffentlicher Beitrag des Autors, der im Rahmen des

OBS-Stipendiums entstanden ist.

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In den Bundestag schafft es jeden Monat das Helios-Magazin „Politik & Kommunikation“

(P&K) – Abgeordnetenbüros kriegen Gratis-Exemplare. „Wenn etwas

nach einem Jahr nicht funktioniert, macht Hetzel das wieder dicht“, teilte Hajo

Schumacher einmal dem Handelsblatt mit. Kürzlich hat es ihn selbst erwischt:

Das an Journalisten gerichtete Online-Magazin „V.i.S.d.P.“ und der zugehörige

Preis „Goldener Prometheus“ sind dem Rotstift zum Opfer gefallen. Mit

„V.i.S.d.P.“ macht Schumacher jetzt auf eigene Faust weiter.

Doch ansonsten bleiben sich Helios und Schumacher offenbar treu – schließlich

passen sie ja gut zusammen: Auch Helios gibt sich alle Mühe, die „alten Gräben“

zuzuschütten. Das bringt dem Verlag regelmäßig die Kritik ein, den Berliner

Klüngel zwischen Politik, Medien und Lobbyisten zu bestärken. Zudem wird die

Firma von vielen in der Beraterzunft belächelt: „Ich sehe keine Inhalte, die

dahinter stehen“, sagt eine Beraterin – „der Laden ist als Praktikantenschleuder

verschrien“. Trotz Helios’ angeblicher Bedeutungslosigkeit will sie aber lieber

anonym bleiben.

Auch andere kritisieren das oft seichte Niveau der Vorträge und Diskussionen –

die hier freilich „Keynote“, „Best Case“ oder „Panel“ genannt werden. Selbst ein

Agentur-Chef, der Helios gewogen ist, meint zum inhaltlichen Nutzen der Veranstaltungen:

„Da ist Herr Hetzel mit Sicherheit der Letzte, der dort auf völlig gesichertem

Boden steht.“

Für Lobbyisten gebe es bessere Gelegenheiten, ihrem Geschäft nachzugehen,

meint die erwähnte Beraterin: Parlamentarische Abende, die Feste der Landesvertretungen,

exklusive Clubs oder Einladungen zu Abendessen in intimer Runde.

Bei Helios bleiben die PR-Leute hingegen oft unter sich – abgesehen von einigen

Politikern und Journalisten auf den Podien.

Doch trotzdem gehen alle hin, auch bekannte Gesichter der Branche lassen sich

die Kongresse nicht entgehen. „Weil alle anderen ja auch da sind“ – so hat sich

der Journalist Tom Schimmeck das erklärt.* Ein ehemaliger Helios-Mitarbeiter

spricht vom „Body-Geschäft“: Anwesenheit für ein bisschen mehr Bekanntheit –

oder als unausgesprochene Gegenleistung für den Erhalt eines Preises, wie den

jetzt gestoppten „Prometheus“. Seit „Bild“-Wirtschaftschef Oliver Santen ausgezeichnet

wurde, ist er Stammgast bei Helios-Veranstaltungen – etwa beim Politikkongress.

Erstaunlich übrigens, wofür „Bild“ den Preis erhielt: „Anstatt die Bürger

mit panischen Schlagzeilen zu verunsichern, hat die Politik- und Wirtschaftsredaktion

der Bild wohltuend sachlich und ruhig berichtet“, so die Begründung.

Doch viele bewundern Hetzels Cleverness – mit seinen Datendiensten beliefert

er die Branche mit Terminen und Kontaktdaten. Als Coup betrachtet mancher,

dass er vom Pressesprecher-Verband beauftragt wurde, dessen Geschäftsstelle

zu betreiben. Aber vor allem fürs Selbstverständnis der PR-Branche scheint

Helios inzwischen eine gewichtige Rolle zu spielen: Wissenschaftler wie der

Leipziger PR-Professor Günter Bentele stellen hier ihre Studien vor – Bentele ist

jetzt auch Dozent der Quadriga-Hochschule, die sein Mitarbeiter René Seidenglanz

als Vizepräsident leitet. Quadriga-Präsident und Ex-SWR-Intendant Peter

Voß begründet sein Engagement damit, dass Journalisten und die Gesellschaft

von gut ausgebildeten Kommunikatoren profitierten: „Da man die PR-Branche ja

nicht abschaffen kann, muss man doch an Qualität interessiert sein – nicht nur

im Sinne von: Wie instrumentalisiere ich die Öffentlichkeit? – sondern auch hinsichtlich

ethischer Standards“, so Voß.

Die Hochschule bewegt sich da allerdings in einem riskanten Umfeld: Denn in

den Publikationen von Helios Media nimmt man es mit der Trennung von PR-Beiträgen

und Journalismus nicht so genau, wie ein Artikel in der Februar-Ausgabe

2009 von „Politik & Kommunikation“ zeigt: Wie immer stellt die Wirtschaftskanzlei

Freshfields Bruckhaus Deringer darin das „Gesetz des Monats“ vor.

Diesmal: Das Finanzmarktstabilisierungsgesetz. Der Autor, ein Freshfields-Jurist,

zieht ein positives Fazit: „Mit dem FMStG hat die Bundesregierung einen wichtigen

Schritt zur Bewältigung der Finanzkrise gemacht. Mag es auch Kritik an einzelnen

Punkten des Gesetzes geben: Die Krise hat der Regierung – wie auch den

Parlamentariern – schnelles und entschlossenes Handeln abverlangt.“ Ein super

* Siehe auch die Festrede von Tom Schimmeck zur „Brenner-Preisverleihung 2009“; Seite 14 ff

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Gesetz also. Was der Anwalt nicht erwähnt: Freshfields selbst hat den Gesetzentwurf

im Auftrag der Bundesregierung formuliert. Auch im März 2009 durfte

Freshfields das eigene Werk bejubeln. Chefredakteur Sebastian Lange betont,

dass der Auftrag versehentlich nicht erwähnt wurde – und verspricht für die

Zukunft, verstärkt auf Transparenz zu achten.

Die Wege von Helios zum Berater-Geschäft sind kurz – drei P&K-Chefredakteure

wechselten bereits in die PR-Branche: Mirjam Stegherr ging zur Agentur Fischer-

Appelt, Tobias Kahler managt die deutsche Filiale der Armuts-Lobby-Organisation

„One“ und Manuel Lianos ist heute bei der auf Regierungsbeziehungen spezialisierten

Lobby-Firma LNE Group.

Zu den Autoren von „P&K“, das sich laut Chefredaktion als „offenes Forum“

betrachtet, zählten immer wieder auch die Geschäftsführer der Initiative Neue

Soziale Marktwirtschaft (INSM), einem vom Arbeitgeberverband Gesamtmetall

finanzierten Lobby-Organ, das durch verdecktes Themenplacement in der ARD-

Vorabendserie „Marienhof“ in die Schlagzeilen geraten war. Über mehrere Ausgaben

von P&K nahmen sich INSM-Chefs „Worthülsen“ wie Gesundheitssoli,

Reichensteuer und Gleichstellungsgesetz vor. Letzteres zum Beispiel nennt der

langjährige INSM-Chef Dieter Rath einen „Sieg der Gleichmacherei über die Freiheit“.

Lobbys aus Kirchen, Behinderten- und Seniorenverbänden hätten sich

gegen Kanzlerin Merkel durchgesetzt und erhielten jetzt ein Klagerecht, wenn

eines ihrer Mitglieder diskriminiert werde – sie könnten jetzt „satte Entschädigungen

rausholen“. Die INSM zählt gleichzeitig zu treusten Anzeigenkunden von P&K.

Nicht immer werden dabei Ross und Reiter benannt: Im Juli 2007 findet sich in

der Zeitschrift ein Inserat für die INSM-Webseite „Unicheck.de“, wo es um den

Einsatz von Studiengebühren geht. Einen Hinweis auf die INSM sucht man in der

Annonce allerdings vergeblich. Trotz solcher Versuche der Irreführung trat INSM-

Geschäftsführer Max Höfer bei beinahe jedem Helios-Kongress als Referent auf.

In der „P&K“-Redaktion hat man die Problematik erkannt. Chefredakteur Lange

verweist darauf, dass die INSM-Kolumne bereits im Mai 2007 abgeschafft wurde.

Auch gäbe es keine Kopplungsgeschäfte im Heft, also Einflüsse von Anzeigen-

kunden auf redaktionelle Inhalte. Dass das Magazin diesbezüglich sauber bleibt,

erachte er als wesentlich für dessen Glaubwürdigkeit als unabhängiges Fachmedium.

Doch bei Helio-Tagungen wie dem Kommunikationskongress wird nach wie vor

der Bock zum Gärtner gemacht: Vor Schumachers Abschlusspanel zum „Superwahljahr

2009“ hielt Kerstin Plehwe einen Impulsvortrag. Plehwe wird auf der

Kongress-Webseite als „Vorsitzende der überparteilichen Initiative ProDialog“

vorgestellt, deren Ziel es sei, „den Dialog zwischen Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft

zu stärken sowie Demokratie und Engagement zu fördern“. Dass die

in noblen Geschäftsräumen im Berliner Regierungsviertel untergebrachte Initiative

von der Deutschen Post finanziert wird, die damit das Direktmarketing-

Geschäft beflügeln will, bleibt unerwähnt.

Bei der Quadriga-Diskussion in der Georgenstaße kam als erster Thorsten Hofmann

zu Wort, der in der Hochschule den Fachbereich „Politics & Public Affairs“

leitet. Hofmann ist Geschäftsführender Gesellschafter der Unternehmensberatung

PRGS. Kürzlich wurde ein Papier namens „Kommunikationskonzept Kernenergie“

bekannt, in dem PRGS dem Energieunternehmen EON Kernkraft Tipps

für den Wahlkampf gibt. Darin wurden Journalisten namentlich entsprechend

ihrer Gesinnung einsortiert. Beispielsweise heißt es darin, dass lediglich die

Welt „mit Daniel Wetzel als schwarz-grünem Redakteur“ eine „vermittelnde

Position zwischen den Lagern“ wahrnehme. Und offenbar ist es für PRGS

„selbstverständlich“, ohne Nennung des Auftraggebers aufzutreten: „Selbstverständlich

wurden diese Gespräche ohne Nennung E.ONs oder des Auftrags

geführt.“ E.ON behauptete anschließend, es habe gar keinen Auftrag gegeben,

das Papier – 109 Seiten ausgefeilter Wahlkampfplanung – sei „eine Art Bewerbungspapier“

gewesen. Später ruderte E.ON Kernkraft zurück: „Es gab lediglich

einen Auftrag, neue Botschaften und Argumente zu entwickeln“, zitierte das

Fachblatt „Werben & Verkaufen“ die Sprecherin der E.ON Kernkraft, Petra Uhlmann.

PRGS sei mit dem gelieferten Konzept „weit darüber hinausgegangen“.

Es gab also doch einen Auftrag.

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Thomas Schuler

Soft Power

Ein Händchen haben die Helios-Leute für Prominente. Zum Abschied vom „Promtheus“-Preis

wurden in der damaligen Ausgabe von V.i.S.d.P. noch mal alle Preisträger

aufgeführt: Illner, Will, Plasberg und viele andere kamen, um sich ihre

Trophäen abzuholen. Unschwer zu erkennen, dass sich hier vor allem Helios mit

den bekannten Preisträgern schmückt. Finanziert wurde die Show von Sponsoren,

die dann mit den prämierten Journalisten an einem Tisch speisen durften. Ähnlich

geschickt gelingt es Helios, Redaktionsbeiräte aus renommierten Vertretern

von Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zu formen. Nach dem Vorbild

der Beiräte wurde nun auch die Quadriga besetzt: Dem Kuratorium gehören etwa

FDP-Politikerin Silvana Koch-Mehrin und Grünen-Fraktionschefin Renate Künast

an – und eine ganze Reihe von Chefredakteuren wie Wilm Herlyn (dpa), Wolfgang

Kenntemich (MDR), Steffen Klusmann (Financial Times Deutschland), Thomas

Schmid (Welt), Wolfram Weimer (Cicero, zukünftig Focus) und Peter Limbourg

(N24/Sat1). Und Hajo Schumacher, der nicht nur Helios-Veranstaltungen moderiert:

Beim TV-Sender N24 hat er zusammen mit Hans-Hermann Tiedje eine eigene

Sendung namens „Links-Rechts“. Ex-„Bild“-Chef Tiedje ist nicht nur Moderator,

sondern auch Vorstandsvorsitzender von WMP Eurocom, jener Lobby-Agentur, die

sich als Türöffner für Unternehmen, die das Gespräch mit Politikern suchen, einen

Namen gemacht hat. Tiedjes Lobby-Arbeit macht laut Schumacher immer wieder

Probleme – allerdings ganz andere, als man erwarten möchte: Leute, mit denen

Tiedje anderweitig zu tun habe, kämen als Talkgäste nicht infrage – da fielen einige

interessante Leute raus, erklärt Schumacher, der selbst oft für die Wirtschaft

arbeitet: Unter anderem moderiert und referiert er für den „Informationskreis

Kernenergie“ (März 2009), den Bundesverband Medizintechnologie (Juli 2007)

und den Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (Juni 2009). Das sei

kein Problem, weil er als Journalist antrete und sich weder Fragen noch Antworten

diktieren lasse. Allerdings: Für die Auswahl der Gäste ist bei solchen Diskussion

gewöhnlich der Veranstalter zuständig. Im Vorwort einer Helios-Veranstaltung zu

„Corporate Media“ im November 2008 schreibt Schumacher: „Unternehmens-

Medien informieren, klären auf.“ Das könnte einiges erklären.

Günter Bartsch, geb. 1979, Journalist, Diplom-Politologe; Schwerpunkte: Lobbyismus und PR,

Medienkritik; seit August 2009: Geschäftsführer netzwerk recherche e.V.

Die Bertelsmann-Stiftung ist einzigartig: Sie umarmt Politiker, verschafft der

Familie ihres Stifters Ansehen und gesellschaftlichen Einfluss – und sie zahlt

keine Steuern. Was legitimiert sie dazu? Und nutzt sie wirklich der Allgemeinheit

mehr als sich selbst? Ansatz und Protokoll einer Recherche für das Buch

„Bertelsmann Republik Deutschland“*

Am 1. Juli 2010 feiert Bertelsmann den 175. Geburtstag. Es soll dann am Unternehmens-

und Stiftungssitz in Gütersloh eine große Feier geben. Im September

wird Bertelsmann auch in Berlin mit Politikern, Künstlern und Prominenten feiern.

Ein Jahr nach dem Tod von Nachkriegs-Unternehmensgründer und Stifter Reinhard

Mohn (er starb am 3. Oktober 2009) wird man dann sein Lebenswerk rühmen. In

seinen Augen und Worten war das die Stiftung. Mit ihr wollte er den Erfolg seines

Unternehmens, den er vor allem mit seiner Führungsarbeit begründete, auf Staat

und Gesellschaft übertragen. Alles sollte messbar sein, damit Wettbewerb entsteht.

Was Bertelsmann groß machte, das sollte das ganze Land voranbringen.

Er sprach es nie aus, aber sein Ziel war eine Bertelsmann Republik Deutschland.

Mohns erster Gedanke bei der Gründung galt allerdings nicht der Gesellschaft,

sondern seinem Unternehmen. Er wollte es über seinen Tod hinaus erhalten,

ohne dass die Erben einen Teil verkaufen müssen, um Erbschaftssteuer zu

bezahlen. Gegründet hat er die Stiftung 1977. Im Laufe der Jahre wuchs sie zu

einem Institut mit 300 Mitarbeitern und 70 Millionen Euro Jahresbudget. Man

* Die Recherchen zu dem Buch wurden u.a. ermöglicht durch das Stipendium, das der Autor 2007

von der Otto Brenner Stiftung erhielt.

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könnte sie als private Forschungsuniversität mit exklusivem Zugang zur politischen

und gesellschaftlichen Elite bezeichnen. Teilweise operiert sie als Think

Tank, der Diskussionen und Entwicklungen in vielen gesellschaftlichen Bereichen

lenkt und beeinflusst – von der Europa-, Bildungs- zur Gesundheits-, Kommunal-,

Verwaltungs- und Arbeitsmarktpolitik. Die Grundlagen für Hartz IV wurden von

der Stiftung entwickelt; ebenso die Studiengebühren durchgesetzt. Doch was

legitimiert sie dazu? Was rechtfertigt den Erlaß von Steuergeldern für ein solches

halbprivates Institut, das sich in Politik und Staat einmischt? Agiert sie wirklich

so selbstlos, wie sie behauptet? Was ist ihre Agenda? Wie setzt sie sie durch?

Um diese Fragen geht es in meinem Buch. Die Bertelsmann Stiftung ist ein Zentrum

der Macht, mit dem die Familie Mohn (die noch 23 Prozent der Bertelsmann

AG besitzt, aber auch die Stiftung kontrolliert) Nähe zur Politik schafft,

Einfluß nimmt und ihr Unternehmen erhält. Die Stiftung hat sogar die Politik in

ihrem ureigensten Bereich beeinflußt, indem sie vielfältige Aktivitäten, Foren

und Schriften zum Stiftungswesen veranstaltet und herausgegeben hat. Sie versuchte,

die deutsche Rundfunkpolitik und ihre Aufsicht zu reformieren. Auch das

ein Interessenskonflikt, schließlich ist die Bertelsmann AG, an der sie 77 Prozent

der Kapitalanteile hält, mit RTL der größte private Rundfunkveranstalter Europas.

Warum ist die Nähe zur Politik heikel? Die Stiftung versammelt Leute, auf die es

ankommt. Leute, die Dinge entscheiden in einem Staat. Die Stiftung lädt ein und

übernimmt die Rechnung. Sie tut das selbstlos. Sagt sie. Aber es wäre zu einfach,

ihr das zu glauben. Die Stiftung will Einfluß nehmen und dazu braucht sie

das Ohr und die Sympathie der Personen, die Politik in Gesetze gießen. Dieselben

Leute bestimmen allerdings über die gesetzlichen Grundlagen, auf der die

Stiftung agiert und daraus resultiert ein grundsätzlicher Konflikt. Die Politik

nimmt solche Einladungen dankbar an und denkt kaum darüber nach, wer wirklich

die Rechnung bezahlen muß. Die Stiftung ist gemeinnützig und agiert steuerfrei

und deshalb geht es auch um die Frage, wie sehr die Bertelsmann Stiftung

dem Allgemeinwohl verpflichtet ist. Ist eine Stiftung, die Politik beeinflusst –

und das tut die Bertelsmann-Stiftung – noch die Privatangelegenheit der Familie

Mohn? Ich denke nicht. Die Öffentlichkeit hat in Deutschland bei Stiftungen aber

nichts zu sagen – im Gegensatz zu den USA beispielsweise. Stifter und ihre Mitarbeiter

betonen gerne, dass ein Stifter wie Reinhard Mohn fast sein ganzes Vermögen

der Allgemeinheit geschenkt hat. Das ist eine geschickte PR-Formulierung.

In Wirklichkeit gehören Stiftungen sich selbst und die eigentliche Frage ist,

wer sie kontrolliert. Im Falle der Bertelsmann Stiftung ist das nicht die Allgemeinheit,

sondern die Familie Mohn. Bekannte, Mitarbeiter oder ehemalige Mitarbeiter

des Unternehmens, die heute teilweise für die Stiftung arbeiten und die sie gut

für ihre Loyalität bezahlt, erwecken den Anschein von Öffentlichkeit. Von Unabhängigkeit

kann jedoch keine Rede sein. Das ist offenbar politisch so gewollt.

Oder anders formuliert: die Öffentlichkeit stellt dieses System nicht lautstark

genug in Frage. Politiker sehen keinen Bedarf, zu handeln.

Öffentlichkeit herzustellen war das Ziel, aber auch die Schwierigkeit dieser Recherche.

Man kann nicht behaupten, dass die Stiftung heimlich agiert, zumindest

nicht nur. Im Gegenteil: Sie gibt viel Geld aus für Öffentlichkeitsarbeit – weit mehr

als andere Stiftungen. Aber die Informationen, die sie bietet, erlauben oft kein

wirkliches Bild, wie sie vorgeht, wo sie Einfluß nimmt und mit welchen Kriterien

sie bestimmte Sichtweisen an die Politik heranträgt.

Was war das Schwierige der Recherche? Die Politik der Bertelsmann Stiftung ist

begraben in Hunderten von Studien und Publikationen. Um zu zeigen, worin die

Arbeit und der Einfluß der Stiftung besteht, musste ich an die Personen ran. Ich

habe deshalb seit zehn Jahren Veranstaltungen der Stiftung besucht und viele

Gespräche mit Mitarbeitern und Kritikern der Stiftung geführt. Um die Stiftung

hinsichtlich Arbeit, Ansehen und Wirkung einschätzen zu können, habe ich auch

Konferenzen und Symposien anderer einflussreicher Stiftungen besucht und mit

Stiftungsexperten über Grund legendes gesprochen. Für diese grundlegende

Recherche, die zu einem Buchexpose führte, habe ich ein Stipendium der Otto

Brenner Stiftung erhalten. Ich finde es wichtig, dass Journalistenstipendien nicht

nur Nachwuchsjournalisten unterstützen. In den USA erlauben Universitäten,

etwa in Stanford oder Harvard, er fahrenen Journalisten viel stärker, ein ganzes

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Jahr tief in relevante Themen einzudringen und mit Wissenschaftlern darüber zu

diskutieren. Eine solche Förderung wäre auch in Deutschland sinnvoll.

Wie eng die Bertelsmann Stiftung mit der Politik kooperiert, zeigt das Beispiel

von Sophia Schlette. Zeitweise hat sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin einer

MdB gearbeitet, dann wechselte sie zur Stiftung. Aber während sie dort für

Gesundheitspolitik zuständig war, brachte die ehemalige Gesundheitsministerin

Ulla Schmidt sie in ihrem Ministerium unter. Sie schrieb Reden und arbeitete der

Ministerin zu. Dabei war sie immer noch in der Stiftung angestellt. Unklar ist, wer

sie bezahlte. Fest steht, daß sie zwischen Februar 2007 und August 2008 acht

Monate im Ministerium arbeitete, wie das Ministerium zugeben musste. Angeblich

arbeitete sie nicht an Gesetzen und Verordnungen. Das heißt jedoch nicht,

daß sie keinen Einfluss hatte, sie arbeitete ja nicht irgendwo im Ministerium. Sie

beriet die Ministerin. Das spricht für ihre Sachkenntnis, stellt aber auch eine

fragwürdige Entwicklung und Gefahr des parteiischen Einflusses und eine neue

Qualität des Lobbyismus dar – ohne, daß Bürger davon Kenntnis erhalten.

Die Stiftung betreibt einen so genannten Schuldenmonitor, der die Verschuldung

von Bundesländern, Städten und Gemeinden errechnet und protokolliert.

Eigentlich eine gute Sache, denn die Stiftung schafft damit ein Bewusstsein für

sparsamen Umgang mit Geldern, die der Allgemeinheit gehören. Das zumindest

ist die Idee. Sie prüft auch die Effizienz von Verwaltungen. Auch das ist im Sinne

von Bürgern. Und sie bietet Konzepte an, wie man die Effizienz verbessern kann.

Nein, das ist falsch. Nicht die Stiftung bietet das an, sondern das Unternehmen.

Aber lässt sich das so genau trennen, wie es Stiftung und Unternehmen behaupten

und gerne wünschen? In East Riding in England steuert die Bertelsmann-

Tochterfirma Arvato einen ganzen Landkreis und hat dazu rund 1000 Verwaltungsmitarbeiter

übernommen – im Frühjahr 2008 gelingt dem Dienstleister

Arvato auch in Deutschland der Einstieg in den Markt der Verwaltung. „Würzburg

integriert“ ist ein Projekt, das Pilotcharakter für weitere Kommunen haben

soll. Das Bertelsmann-Tochterunternehmen Arvato steuert alle Abläufe in der

Würzburger Kommunalverwaltung über eine zentrale Internetplattform. Ziel sei

es, Bürgern, Unternehmen und Partnern alle Dienstleistungen der Stadt über nur

eine Anlaufstelle anzubieten. Würzburg erhofft sich während der Laufzeit von

zehn Jahren Einsparungen in Höhe von mehr als 27 Millionen Euro, indem Personal

abgebaut wird: 75 Mitarbeiter, die nach und nach in Ruhestand gehen, werden

nicht ersetzt. 10 der eingesparten 27 Millionen Euro sollen an die Stadt

gehen. Dem Vernehmen nach belaufen sich die Projektkosten auf weitere 10

Millionen Euro. Somit bleiben Arvato bis zu sieben Millionen Euro Gewinn.

Rolf Buch, der Vorstandsvorsitzende von Arvato, sagt, der Bereich verfüge über

großes Potenzial, da in Deutschland rund 1,5 Millionen Personen in Kommunalverwaltungen

arbeiteten. Bei durchschnittlichen Jahreskosten von 70 000 Euro

pro Mitarbeiter ergebe sich ein Gesamtvolumen von 105 Milliarden Euro. Experten

gingen davon aus, dass man davon rund 20 Prozent outsourcen könne. Der

potenzielle Gesamtmarkt belaufe sich also auf 20 Milliarden Euro pro Jahr allein

in Deutschland. Langfristig spielt dieser Markt eine wichtige Rolle für das Wachstum

von Bertelsmann. Die Stiftung beteuert, sie leiste keine Vorarbeit für das

Unternehmen, denn ihre Konzepte seien öffentlich für jede Firma zugänglich.

Das stimmt – was die Studien betrifft. Aber entscheidend sind Kompetenz,

Kenntnis und Kontakte, um diesen Markt zu erobern. Ist die Stiftung wirklich

unabhängig vom eigenen Unternehmen?

Ist sie unabhängig von der Politik, die sie berät? „Es ist uns egal, wer regiert“,

sagt Vorstandschef Thielen. Die Haltung hinter diesen Worten könnte heißen:

Die Stiftung ist politisch unabhängig. Das ist gut so. Punkt. Kritisch betrachtet,

kann die Aussage auch bedeuten: die Stiftung steht über der Politik, im Sinne

von Einfluss und Macht. Sie ist unangreifbar in ihrer Position und sie weiß das.

Denn Politiker sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt und kämpfen zu sehr

gegeneinander, als daß sie den Einfluss der Stiftung dort begrenzen würden, wo

es nötig wäre, und für Transparenz zu sorgen.

Die größte Bedrohung der Stiftung ist die Stiftung selbst. Die Gefahr, so zeigte

sich 2007, kam von innen, in Gestalt ihres leitenden Mitarbeiters Werner Weidenfeld.

Der Professor der Universität München eilt als Politikberater von Hauptstadt

zu Hauptstadt, von Land zu Land, von Termin zu Termin. Er berät Regierun-

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Thomas Schnedler

Stell! Mich! An!*

gen und Kommissionen, hält Konferenzen und Kontakt zu Ministern, Akademikern,

Funktionsträgern und Präsidenten. Die FAZ schrieb: „Auf gewisse Weise verkörpert

Werner Weidenfeld insofern die Bertelsmann Stiftung, ihre Rastlosigkeit, ihre

Allgegenwart, ihren ständigen Seitenwechsel an den Grenzen von privatwirtschaftlich,

gemeinnützig, staatsnah und halbwissenschaftlich, prominenzorientiert

und kommunal.“ Jedenfalls machte einer seiner Neider der Öffentlichkeit

Arbeits- und Spesenabrechnungen zugänglich, wonach Weidenfeld zu viele

Stunden abrechnet. Die Staatsanwaltschaft München ermittelte wegen des Verdachts

der Untreue, Weidenfeld mußte gehen. Weil die Stiftung mehr ihren Verantwortlichen

und dem Unternehmen Bertelsmann als der Allgemeinheit nutze,

forderten im Frühjahr 2009 ihre Kritiker, der Staat müsse ihr die Gemeinnützigkeit

entziehen. Auch die Stichhaltigkeit und Erfolgsaussichten dieser Forderung

habe ich untersucht – mehr dazu im Buch.

Was ist der blinde Fleck der Stiftung? Außer wie eine private Elite-Universität, die

im Geld schwimmt, und wie ein Think Tank agiert die Stiftung oft auch quasi wie

eine Unternehmensberatung für staatliche Einrichtungen: Ob Arbeitsweise, Kultur

und Produktivität in öffentlichen Verwaltungen, Finanzämtern, Hochschulen oder

Krankenhäusern – Reinhard Mohn ließ alles messen. Einmal suchte er nach einer

Messgröße, um den Erfolg von Partnerschaft und Ehen zu messen, weil gescheiterte

Beziehungen und Scheidungen die Gesellschaft viel Geld kosteten. Die Idee

einer halbwissenschaftlich agierenden Partneragentur wurde indes nie verwirklicht.

Im Alter entwickelte er großes Interesse an Religiosität und ließ ihre Kraft weltweit

in einem so genannten Religionsmonitor messen. Am liebsten würde er auch

den Erfolg von Politikern messen lassen, sagte er einmal. Mohn wollte alles messen

und den Menschen Vergleichsdaten zukommen lassen, nur eines hat er nie

messen lassen: die Effizienz seiner Stiftung und ihren Nutzen für die Allgemeinheit.

Thomas Schuler, geb. 1965, lebt als freier Journalist in München. Er schreibt vor allem über

Medien für Berliner Zeitung, Süddeutsche Zeitung und Neue Zürcher Zeitung. 2004 veröffentlichte

er das Buch „Die Mohns“ über die Eigentümer der Bertelsmann AG im Campus-Verlag.

Sein Buch „Bertelsmann Republik Deutschland. Eine Stiftung macht Politik“ erscheint Mitte

Juni 2010 im Campus Verlag.

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Keiner hat auf mich gewartet, ich bin trotzdem gekommen. Ohne Termin. Die

junge Frau am Empfang der Leiharbeitsfirma Manpower mustert mich kurz, überrascht

von dem plötzlichen Besuch ist sie nicht. Ich stehe in einem schlichten

Großraumbüro am Berliner Kurfürstendamm und stelle mich vor: Schnedler, elf

Semester Journalistik, Zeitungsvolontariat, Diplom, auf der Suche nach einer

festen Stelle. Das genügt. Mein Einsatzgebiet steht ohnehin schon fest. »Käme

auch ein Callcenter für Sie in Frage?«, will die Frau wissen. »Wenn die Konditionen

stimmen«, antworte ich ausweichend. Damit bin ich eine Runde weiter.

Es ist mein erster Schritt in eine Branche, die umstritten ist wie kaum eine andere:

die Leiharbeit. Das Geschäft hat einen miserablen Ruf – gegen den die Branche

mit der immer gleichen Botschaft ankämpft: Leiharbeit sei keine Notlösung

mehr, sondern ein Sprungbrett, der schnelle Weg zum Wunschberuf. Neuerdings

behaupten die Werbestrategen sogar, gerade Akademiker könnten über Leiharbeit

den Berufseinstieg schaffen: Erfahrung sammeln, Projekte machen, sich

Arbeitgebern empfehlen.

Ich habe meine Zweifel daran, trotzdem sitze ich kurz darauf vor der Rekrutierungschefin.

Sie kenne die schwierige Arbeitsmarktlage für Journalisten, sagt

sie, und verstehe, dass ich mich nach Alternativen umsehe. Manpower arbeite

nur mit seriösen Callcentern, in denen die Arbeitsbedingungen ständig kontrolliert

würden – bis zur Zahl der Rollen unter den Bürostühlen.

* Leiharbeit klingt nach Ausbeutung. Doch die Leiharbeitsfirmen sagen, sie böten ein Sprungbrett in den Beruf.

Unser Autor macht den Selbstversuch. Der Bericht, als Ergebnis eines Recherche-Stipendiums, das die

Otto Brenner Stiftung 2006 vergeben hat, ist erschienen in ZEIT-Campus 03/2008, Mai/ Juni 2008.

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»Ich könnte Sie mir gut bei einem unserer Kunden vorstellen, einer großen

Immobilienfirma.« Sie hofft, dass ich anbeiße. Händeringend suchen Unternehmen

wie Manpower nach Mitarbeitern, die Branche wächst wie kaum eine andere.

Laut der Bundesagentur für Arbeit gab es im Juni letzten Jahres 730.000 Leiharbeiter,

knapp ein Viertel mehr als im Jahr davor.

Aber das Callcenter einer Immobilienfirma? Ein Sprungbrett sieht anders aus.

Ich soll Ausbildung und Diplom vergessen, Leute anrufen und Häuser anpreisen.

Arbeitsmarktforscher kennen die Gefahr, dass Akademiker in der Leiharbeit keine

adäquaten Jobs finden. »Zeitarbeitskräfte werden häufig unter ihrer Qualifikation

eingesetzt«, sagt Claudia Weinkopf von der Universität Duisburg-Essen.

Die Werbung der Leiharbeitsfirmen klingt anders. Sie präsentieren sich auf Karrieremessen,

bieten Workshops an Universitäten an und schalten großformatige

Anzeigen. Nach dem Versuch bei Manpower stoße ich in einer Tageszeitung auf

die Annonce der AZ GmbH, einer mittelständischen Leiharbeitsfirma. Sie sucht

in Berlin einen Onlineredakteur, um ihn an die Betreiber eines Internetfinanzportals

zu entleihen. Ich bewerbe mich. Auch dem Marktführer Randstad schicke

ich meine Unterlagen, genau wie dem zweitgrößten Unternehmen, Adecco.

Welche Hoffnungen manche Akademiker in die Leiharbeit setzen, erfahre ich in

München. Auf Deutschlands größter Zeitarbeitsmesse suchen Tausende Bewerber

nach Jobs. Wer studiert hat, bekommt eine Liste mit rund 45 Unternehmen,

die Akademiker suchen: Ärzte, Juristen, Botaniker oder Raumfahrttechniker.

Für sie alle kennt die Liste einen passenden Verleiher, und dem winkt ein einträgliches

Geschäft: In der Branche kassieren die Verleiher durchschnittlich das

Zweieinhalbfache des Stundenlohns des Leiharbeiters. Billiger als Festangestellte

sind Leiharbeiter also selten. Trotzdem leihen Unternehmen ihre Mitarbeiter gern,

denn Leiharbeitern können sie jederzeit kündigen.

Constanze Spreewald** ist eine der Bewerberinnen. Die 34-jährige Ägyptologin

hat promoviert und mehrere Jahre in Kairo geforscht. Seit Monaten schreibt sie

Bewerbungen, bislang ohne Erfolg. »Ich hoffe, dass ich Kontakt zu verschiedenen

Unternehmen finde. Daraus soll dann aber auch eine Festanstellung werden«,

** Namen von der Redaktion geändert

sagt sie. Die monatelange Arbeitslosigkeit hat ihre Ansprüche schrumpfen lassen.

Für den Einstieg sei eine Stelle als Teamassistentin in Ordnung. Dass viele

Firmen mit dieser Stellenbezeichnung verschleiern, dass eigentlich eine Sekretärin

gesucht wird, weiß Constanze. »Man muss aufpassen, dass man sich nicht zu

weit unter seinen Möglichkeiten einstellen lässt.«

Meine eigene Jobsuche kommt nicht so richtig in Schwung. Die Münchner Messe

hatte kein Angebot für mich, und bei der AZ GmbH lande ich nach einem telefonischen

Vorstellungsgespräch in der Datenbank. Die Stelle als Onlineredakteur

bekommt ein anderer.

Auch Randstad lässt mich warten. Ich rufe an, werde vertröstet, rufe wieder an.

Nach zwei Monaten dann eine Einladung zum Gespräch. Bevor ich aber einen

Disponenten treffen darf, soll ich bei einem Onlinetest beweisen, dass ich Word,

Excel und Powerpoint beherrsche. Das klingt simpel, wird aber zum Desaster. Ich

kann keine Serienbriefe erstellen, versage bei der Umsatzberechnung im Tabellenblatt

»Quartalsergebnisse« und scheitere, als ich ein Organigramm erweitern

soll. Mein Testergebnis ist vernichtend.

Adecco lädt mich persönlich zu einem »Bewerbertag« ein, aber auch der bringt

mich nicht weiter. Kein Adecco-Mitarbeiter will mit mir sprechen. Stattdessen

sitze ich im Flur und starre auf Fragebögen. Wie fit bin ich bei der Tabellenkalkulation?

Na ja. Kann ich stenografieren? Nein. Softwarekenntnisse bei der Lohnund

Gehaltsabrechnung? Null. Mein Studium, Volontariat und journalistische

Praktika quetsche ich schließlich in die Rubrik »Sonstiges«. Das Standardformular

und ich passen nicht zusammen. Auf Akademiker wie mich scheint Adecco

nicht vorbereitet zu sein. Wie wollen sie mich da »passgenau« weitervermitteln?

»Mit den Bewerberbögen fragen wir Grundkenntnisse ab und machen uns ein erstes

Bild von den Bewerbern«, rechtfertigt sich später eine Unternehmenssprecherin.

Der Fragebogen könne natürlich nicht das persönliche Gespräch ersetzen.

Ich warte auf eine Einladung, doch es tut sich monatelang nichts. Dabei bin ich

mit meinem Abschluss kein Exot: Schon fast jeder vierte ihrer Leiharbeiter habe

studiert, sagt Adecco – und es würden mehr. Adecco läge damit deutlich über dem

Schnitt: Marktforscher beziffern den Anteil der Akademiker unter allen Leihar-

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eitern auf gut zehn Prozent. Die Bundesagentur für Arbeit, die mit anderen

Daten rechnet, geht von rund sieben Prozent aus.

Nur eines stellen sie alle fest: Der Markt für ausgeliehene Akademiker wächst.

Zum Beispiel hat sich in den vergangenen fünf Jahren der Anteil der von Leiharbeitsfirmen

gemeldeten Stellen für Dolmetscher und Übersetzer verdreifacht,

sagt die Bundesagentur für Arbeit.

Dafür gibt es mehrere Gründe. Markus Promberger, Arbeitsmarktforscher der

Bundesagentur, spricht von »Sättigungstendenzen« auf dem Markt für herkömmliche

Leiharbeit. Buchhalter, Maler, Lagerhelfer und Putzfrauen werden zur Genüge

verliehen, die Firmen müssen sich neue Zielgruppen und Geschäftsfelder suchen.

Außerdem darf seit der rot-grünen Arbeitsmarktreform von 2004 ein Leiharbeiter

zeitlich unbegrenzt an ein Unternehmen ausgeliehen werden. Damit lohnt es

sich für die Firmen, studierte Leiharbeiter für qualifizierte Jobs über mehrere

Monate einzuarbeiten.

Andere Unternehmen sind dazu übergegangen, vakante Stellen zunächst für ein

paar Monate mit Leiharbeitern zu besetzen. Eine »ausgelagerte Probezeit«

nennt das die Hamburger Personaldienstleisterin Heidrun Jürgens. »Leiharbeit

mit Übernahmeoption« heißt das Modell. Die Vorteile für die Unternehmen: Sie

können die Bewerber erst einmal unverbindlich testen und auf einen Schlag die

Probezeit verdoppeln, denn kein Gesetz zwingt sie, die Leiharbeit anzurechnen.

Und sie sparen sich die lästige Kündigung. »Die unangenehmen Gespräche führt

dann nicht der Kunde, sondern wir«, sagt Jürgens.

Die Vorteile der Firma sind die Nachteile der Leiharbeiter. Manfred Lohre** kennt

ihn gut, diesen Druck, irgendwo Fuß fassen zu wollen, aber nicht zu können. Der

Diplom-Ingenieur arbeitet schon seit vier Jahren als Leiharbeiter für Siemens,

mittlerweile könnte er sich schon wie ein Siemensianer fühlen, sagt er. »Aber

man ist doch nur Mitarbeiter zweiter Klasse.«

Das sieht er jeden Monat auf seinem Konto: Er verdient nur etwa zwei Drittel von

dem, was seine festangestellten Kollegen bei Siemens bekommen: brutto fast

1000 Euro weniger im Monat. »Natürlich ist das nicht motivierend, wenn man

weiß, dass andere Leute die gleiche Arbeit machen, aber dafür viel mehr Geld

bekommen«, sagt er. Für ihn könnte sich die Leiharbeit als Sackgasse erweisen,

er ist schon über 50. »Wenn ein Ingenieur nach drei oder vier Jahren immer noch

Leiharbeiter ist, dann wundern sich Personalchefs und fragen sich, ob es ein

Problem gibt«, sagt Promberger.

Für mich hat Randstad mittlerweile eine Akte angelegt. Mein Scheitern beim

Onlinetest sei nicht so dramatisch, hat man mich im Vorstellungsgespräch

beruhigt. Aber: »Es wird darum gehen, Kompromisse zu machen.«

Welche Zugeständnisse erwartet werden, erfahre ich einige Zeit später. Die AZ

GmbH, von der ich seit Monaten nichts mehr gehört habe, meldet sich plötzlich

auf meinem Handy. Ein großes Gebrauchtwagenportal im Internet suche einen

Content-Manager als Urlaubsvertretung. Losgehen soll es schon ein paar Tage

später, nach zwei Monaten sei Schluss. Ich schaue mir die Seite im Internet an,

und nach ein paar Klicks weiß ich, dass ich für meinen alten Polo, Baujahr 1995,

noch ungefähr 1200 Euro verlangen könnte. Schön und gut – aber wie soll ich

als Journalist beim Autoverkauf helfen?

Das wäre dann wohl der »Jedermann-Arbeitsmarkt«, wie Markus Promberger

von der Bundesagentur ihn genannt hat. Auf der einen Seite des Arbeitsmarktes,

sagt er, gebe es Absolventen mit begehrten Qualifikationen, wie zum Beispiel

Ingenieure oder Betriebswirte. Normalerweise finden sie auch so einen Job. »Sie

können aber von der Leiharbeit profitieren, wenn sie individuell etwas schlechtere

Arbeitsmarktchancen haben.« Wer also mäßige Noten habe, kaum Berufserfahrung

oder eine seltene Fachrichtung, der könne so den Einstieg schaffen.

»Auf der anderen Seite gibt es die Absolventen von Exotenfächern oder eher

marktfernen Fächern«, fügt Promberger hinzu. Die landeten dann oft im »Jedermann-Arbeitsmarkt«.

Bin ich als Journalist etwa »marktfern«? Ich soll das Onlineportal bei der Einführung

einer neuen Software unterstützen und alte Ratgebertexte renovieren.

Dafür bekäme ich einen exakt auf die zwei Monate befristeten Vertrag bei der

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AZ GmbH. Der brächte mir 1317 Euro netto im Monat, für eine Vollzeitstelle. Ein

Blick in den Tarifvertrag zeigt: Damit würde ich sogar zu den Besserverdienern

gehören. Andere Firmen starten mit einem Stundenlohn von 5,77 Euro. Meiner

soll immerhin bei 9,16 Euro liegen.

Leiharbeitsfirmen sprechen gerne davon, dass man auch mal einen Schritt

zurückgehen müsse, um dann zwei nach vorn in eine Festanstellung zu machen.

Ich überlege nur kurz, bevor ich der AZ GmbH absage. Wenn eine Stelle überhaupt

keine Perspektive bietet, dann bleibt es beim Rückschritt.

Als mich mein Randstad-Disponent anruft, rechne ich schon gar nicht mehr mit

einer echten Chance. Er habe die Anfrage einer großen PR-Agentur in Berlin,

Marktführer im Bereich der politischen Kommunikation. Die Agentur betreue ein

Magazin des Deutschen Bundestags, plane Kampagnen für die Bundesregierung

oder arbeite für die EU-Kommission.

Wenig später sitze ich tatsächlich im Vorstellungsgespräch. Die Agentur hat

einen repräsentativen Backsteinbau unweit der Spree bezogen, im Konferenzraum

laufen auf kleinen Monitoren die Weltnachrichten von CNN und BBC ohne

Ton. Mir gegenüber sitzen ein Redakteur und eine PR-Beraterin. Sie verblüffen

mich: Hier geht es gar nicht um Leiharbeit, sondern um eine Festanstellung.

Wenn man offene Stellen zu besetzen habe, fordere man auch Profile von Personaldienstleistern

an, erklären sie mir. Mein Profil scheint ihnen gefallen zu haben.

Ob ich mir als Journalist denn überhaupt vorstellen könne, für eine PR-Agentur

zu arbeiten, fragt mich die Beraterin. Ich müsse Abschied nehmen von unabhängiger

Berichterstattung, denn letzten Endes entscheide nur die Zufriedenheit

des Kunden über die Qualität eines Textes. »Solange Sie nicht für einen russischen

Oligarchen arbeiten, hätte ich damit kein Problem«, sage ich. »Auch das

hatten wir schon«, antwortet sie kurz.

Ich soll in der Redaktion eingesetzt werden und für Publikationen schreiben, die

die Agentur im Auftrag des Bundesinnenministeriums erstellt, erklärt der Redakteur

mir. Ausgerechnet PR für Schäuble, denke ich. Einen Jahresvertrag und

2300 Euro brutto pro Monat soll ich dafür bekommen, nach einem halben Jahr

werde das Gehalt noch einmal überprüft. Einen Tag Bedenkzeit handele ich aus.

Fünf Monate sind vergangen, seit ich die Bewerbungen abgeschickt habe. Damit

steht fest: Ein schneller Weg zum Job war die Leiharbeit für mich nicht. Das Resultat

der Suche: Eine Bewerbung war ein totaler Flop, eine zweite hätte mich

beinahe zum Gebrauchtwagenspezialisten gemacht. Mit der dritten Bewerbung

hatte ich schließlich einen Glückstreffer – den Job in einer Agentur, deren Namen

ich vorher nicht einmal kannte.

Das ist wohl die wichtigste Lehre: Wer einen großen Verteiler für seine Bewerbung

sucht, der findet ihn bei den Leiharbeitsfirmen. Mehr als eine Ergänzung

zur eigenen Jobsuche darf man aber nicht erwarten. Die angebotenen Stellen

sind meistens Kompromisse, eine Garantie für einen Job gibt es nicht – und wer

schließlich doch eine Stelle bekommt, spürt den ständigen Druck von kurzen

Kündigungsfristen und zweitklassiger Bezahlung.

Jeder, der sich bewirbt, braucht außerdem den Mut, dubiose oder unverschämte

Angebote einfach abzulehnen. Schwarze Schafe gibt es genügend, und manchmal

ist die Grenze zur Ausbeutung fließend.

Ich selbst werde nicht im Callcenter antreten. Aber auch die Sicherheitspolitik

des Innenministers werde ich nicht bewerben: Der Agentur sage ich ab. Schon

vor einigen Wochen habe ich an der Universität Hamburg unterschrieben, als

wissenschaftlicher Mitarbeiter. Die Stelle habe ich ohne Leiharbeitsfirmen gefunden,

aber sie ist ähnlich prekär: befristet, viel Arbeit für wenig Geld, Zukunft

ungewiss.

Thomas Schnedler, geb. 1974, Dipl.-Journalist, ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich

der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur am Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft

der Universität Hamburg. Er arbeitet zudem als freiberuflicher Journalist und

Kommunikationswissenschaftler, insbesondere am Institut für Medien- und Kommunikationspolitik

in Berlin, wo er als Projektleiter und Redakteur ein Online-Portal zur Medienkonzernbeobachtung

(www.mediadb.eu) betreut.

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AUSGEWÄHLTE TEXTE

UND REDEN

Georg Mascolo


Georg Mascolo

füllen ohne großen Aufwand, aber dennoch gut bezahlt. Deshalb ist es so wichtig,

dass all die Journalisten ermuntert werden, die abseits des Mainstreams,

abseits der lancierten Meldungen, abseits der Wünsche von PR-Leuten eigene

Themen suchen, Zusammenhänge finden und den Hörer mit eigenen Geschichten

überraschen.

Laudatio zur Verleihung des

„Leuchtturms für besondere publizistische Leistungen“

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

liebe Freie!

Ich bedanke mich für die Gelegenheit, hier heute die Laudatio auf die diesjährigen

Preisträger des „Leuchtturms“ halten zu dürfen. Das gibt mir Gelegenheit,

ein paar Dinge loszuwerden, die mir besonders am Herzen liegen. Allzu lange,

das kann ich Ihnen versprechen, wird es nicht dauern. 2:30 sind im Radiojournalismus

bekanntlich das Maß der Dinge. Ich werde mir erlauben, die Zeit zu verdoppeln.

Zu ehren habe ich heute die Journalisten des NDR-Reporterpools, die seit vier

Jahren für den Hörfunk im Norden arbeiten. Sechs fest angestellte Redakteure

und eine Anzahl freier Mitarbeiter gehören dem Pool an. Die Freien werden, um

umfassend recherchieren zu können, pauschal und nicht per Beitrag bezahlt.

Das ist ungewöhnlich, aber gerecht, notwendig und vernünftig. Denn allzu häufig

werden noch immer jene Journalisten finanziell belohnt, die ganz bequem

Pressemitteilungen umformulieren und – wenn überhaupt – dazu noch schnell

die Stimmen von Betroffenen einholen. Damit lassen sich auch Sendeminuten

Das tut der Reporterpool und deshalb hat er sich diese Auszeichnung verdient.

Die Recherchen über Waffenhandel in Afghanistan, rechtsextremistische Umtriebe

in Norddeutschland, Bluttests bei Firmen oder Skandale der HSH Nordbank

haben bundesweit Schlagzeilen gemacht.

Als Hörer des Programms war ich häufig gefesselt von diesen Geschichten. Als

Chefredakteur habe ich mehr als einmal gedacht: Warum haben wir das eigentlich

nicht? Herzlichen Glückwunsch also, liebe Kollegen, seien Sie stolz auf Ihre

Arbeit. Ich bin es.

Damit könnte ich zum versprochenen schnellen Ende kommen, wenn es nicht

noch eine weitere Gratulation vorzunehmen gäbe. Und auch eine Ermahnung

auszusprechen.

Die Ehrung geht an den Norddeutschen Rundfunk, der Mut und Weitblick besessen

hat, etwas Ungewöhnliches zu wagen. Journalisten einfach machen zu lassen,

ohne sie per Organigramm und Stellenausschreibung in ein von Redaktionsmanagern

erdachtes Format zu pressen. Herausgekommen sind übrigens mehr –

vor allem aber bessere Beiträge. Wenn es doch nur immer so vernünftig im

öffentlich-rechtlichen System zugehen würde ...

Die Ermahnung gilt unserem Berufsstand. Ein Reporterpool wie jener des NDR

gehörte bislang in diesem Land nicht automatisch zu den Favoriten einer Auszeichnung

wie dem Leuchtturm. So erinnert uns der Erfolg der diesjährigen

Preisträger an unsere ureigenste Aufgabe. Der Journalist muss neugierig, er

muss gründlich und ehrgeizig sein.

112

113


Er darf die wahre Aufgabe seines Berufes nicht vernachlässigen – und das ist, den

Dingen auf den Grund zu gehen. Wir bekommen unser Geld für unsere Neugierde.

Ja, manchmal mag es an Zeit fehlen. Aber zu oft ist es auch nur Bequemlichkeit.

Wahrscheinlich ist das der Grund, warum heute so gern vom „investigativen

Journalismus“ geschwärmt wird, ein Begriff der inzwischen so inflationär genutzt

wird, dass damit auch schon ein zweites Telefonat gemeint sein könnte.

Die Suche nach Unbekanntem, die Aufklärung eines Sachverhaltes, die nötige

Distanz und Skepsis braucht es immer. Ich nenne das Recherche. Ohne diese

Leidenschaft, den Wunsch Nachrichten zu machen anstatt ihnen hinterherzulaufen,

geht es nicht. Nur wer sich für den mühsamen Weg entscheidet, wird dafür

auch belohnt. Er wird zum Anlaufpunkt für Informanten, zum Empfänger brisanter

Unterlagen. Egal ob es die Süddeutsche Zeitung ist oder jetzt der NDR-

Reporterpool oder mein Haus, der SPIEGEL, – wir alle profitieren vom Engagement

und der Leidenschaft der einzelnen Mitarbeiter.

Die Fleißigen, die Hartnäckigen, die Unerbittlichen sind es, die den Erfolg unserer

Unternehmungen ausmachen. Nachrichten seien heute nichts mehr wert, frei

verfügbar, heißt es inzwischen gern. Das ist falsch. Fakten sind der Rohstoff

unserer Branche und sie sind schwer zu ermitteln, sie müssen mühsam zusammengetragen

werden, sie taugen nicht zur Massenproduktion.

So bitte ich alle hier, Intendanten und Chefredakteure, Kollegen, Verlagsmanager

und Volontäre, von der Auszeichnung heute Abend etwas zu lernen. Was der

NDR-Reporterpool geleistet hat, das müssen Sie auch wollen. Das müssen auch

Sie können. Und Sie müssen es möglich machen. Schon damit hier im nächsten

Jahr ein anderer geehrt werden kann.

Die Laudatio von Georg Mascolo, Spiegel-Chefredakteur, zur Verleihung des „Leuchtturms für

besondere publizistische Leistungen“ an den Reporterpool von NDR-Info am 08. Dezember

2009 wurde uns vom „netzwerk recherche e. V.“, das auch den Preis auslobt, zur Verfügung

gestellt. Die Otto Brenner Stiftung dankt dem „nr“ für die Bereitstellung des Textes.

Die Dokumentationen

nr-Werkstatt:

In der Lobby brennt noch Licht

und

nr-Werkstatt:

Quellenmanagement

können kostenfrei gegen einen adressierten

und ausreichend frankierten Rückumschlag

(DIN C5, 1.50 Euro) beim netzwerk recherche

bezogen werden.

Bezugsadresse:

netzwerk recherche e.V.

Geschäftsstelle

Stubbenhuk 10, 5. OG

20459 Hamburg

www.netzwerkrecherche.de

infoπnetzwerkrecherche.de

@

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DIE JURY

Sonia Seymour Mikich

Prof. Dr. Heribert Prantl

Harald Schumann

Prof. Dr. Volker Lilienthal

Prof. Dr. Thomas Leif

Berthold Huber


Sonia Seymour Mikich

Prof. Dr. Heribert Prantl

Geboren 1951

Redaktionsleitung des ARD-Magazins Monitor

Werdegang

2004 - April 2007: Redaktionsleitung der ARD/WDR-Dokumentationsreihe „die story“

Seit Januar 2002: Redaktionsleitung und Moderatorin des ARD-Magazins Monitor, WDR Köln

1998 - 2001: Korrespondentin und Studioleitung des Deutschen Fernsehens in Paris

1992 - 98: Korrespondentin des Deutschen Fernsehens in Moskau (ab 1995: Studioleitung)

1982 - 84: Volontariat beim Westdeutschen Rundfunk, Redakteurin und Reporterin

1979 - 81: wissenschaftliche Mitarbeiterin der Arnold-Gehlen-Forschungsgruppe am Institut

für Soziologie an der RWTH Aachen. Freie Journalistin für Zeitschriften, Tageszeitungen und

Aufsatzsammlungen

1972 - 79: Studium Politologie, Soziologie und Philosophie an der RWTH Aachen mit

Magisterabschluss Februar 1979

1970 - 72: Volontariat bei der Aachener Volkszeitung

Auszeichnungen, u. a.

Telestar als Beste Reporterin (1996); Bundesverdienstkreuz (1998); Deutscher Kritikerpreis für

Auslandsberichterstattung (2001)

Veröffentlichungen, u. a.

Der Wille zum Glück. Lesebuch über Simone de Beauvoir, Reinbek 1986; Planet Moskau.

Geschichten aus dem neuen Rußland, Köln 1998

Geboren 1953

Ressortchef Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung

Werdegang

Seit 1995: Ressortchef Innenpolitik bei der Süddeutschen Zeitung

Seit 1988: Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung. Zunächst innenpolitischer Kommentator

und innenpolitischer Redakteur mit Schwerpunkt Rechtspolitik

1981 - 87: Richter an verschiedenen bayerischen Amts- und Landgerichten sowie Staatsanwalt

Studium der Philosophie, der Geschichte und der Rechtswissenschaften. Erstes und Zweites

Juristisches Staatsexamen, juristische Promotion, juristisches Referendariat. Parallel dazu

journalistische Ausbildung

Auszeichnungen, u. a.

Thurn und Taxis-Preis für die Wirtschafts- und Rechtswissenschaften (1982); Leitartikelpreis der

Pressestiftung Tagesspiegel Berlin (1989); Pressepreis des Deutschen Anwaltvereins (1992);

Geschwister-Scholl-Preis (1994); Kurt-Tucholsky-Preis (1996); Siebenpfeiffer-Preis (1998/99);

Theodor-Wolff-Preis (2001); Rhetorikpreis für die Rede des Jahres 2004 der Eberhard-Karls-Universität

Tübingen; Erich-Fromm-Preis (2006); Arnold-Freymuth-Preis (2006); Roman-Herzog-Medienpreis

(2007); Justizmedaille des Freistaats Bayern (2009)

Veröffentlichungen, u. a.

Kein schöner Land. Die Zerstörung der sozialen Gerechtigkeit, München 2005; Der Terrorist als

Gesetzgeber. Wie man Politik mit Angst macht, München 2008

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Harald Schumann

Prof. Dr. Volker Lilienthal

Geboren 1957

Redakteur für besondere Aufgaben bei „Der Tagesspiegel“, Berlin

Geboren 1959

Inhaber der Rudolf Augstein Stiftungsprofessur für „Praxis des Qualitätsjournalismus“ (Uni Hamburg)

Werdegang

Seit 10. 2004: Redakteur „Der Tagesspiegel“ Berlin

2003 - 04: Redakteur im Berliner Büro des SPIEGEL

2000 - 02: Ressortleiter Politik bei SPIEGEL ONLINE

1992 - 2000: Redakteur im Berliner Büro des SPIEGEL

1990 - 91: Leitender Redakteur beim Ost-Berliner „Morgen“

1986 - 90: Wissenschaftsredakteur beim SPIEGEL

1984 - 86: Redakteur für Umwelt und Wissenschaft bei der Berliner tageszeitung, Studium

der Sozialwissenschaften in Marburg, Landschaftsplanung an der TU Berlin, Abschluss als

Diplom-Ingenieur

Auszeichnungen, u. a.

Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch, (1997); Medienpreis Entwicklungspolitik, (2004);

Gregor Louisoder-Preis für Umweltjournalismus, (2007); „Das politische Buch“, Friedrich-Ebert-

Stiftung (2009)

Veröffentlichungen, u. a.

Futtermittel und Welthunger, Reinbek 1986; Die Globalisierungsfalle (gemeinsam mit Hans-Peter

Martin), Reinbek 1996; attac – Was wollen die Globalisierungskritiker? (mit Christiane Grefe und

Mathias Greffrath), Berlin 2002; Der globale Countdown, Gerechtigkeit oder Selbstzerstörung –

die Zukunft der Globalisierung (gemeinsam mit Christiane Grefe), Köln 2008

Werdegang

2005 - 2009: Verantwortlicher Redakteur von „epd medien“

1997 - 2005: stellv. Ressortleiter „epd medien“

Seit 1989: Redakteur beim Evangelischen Pressedienst (epd)

1999: Lehrbeauftragter für Medienkritik und Medienjournalismus an der Universität Frankfurt /M.

1996 - 98: journalistischer Berater und Autor der Wochenzeitung „DIE ZEIT“

1988: Redakteur von „COPY“ (Handelsblatt-Verlag)

1987: Dr. phil. in Germanistik der Universität-GH Siegen

1983: Diplom-Journalist der Universität Dortmund

Auszeichnungen, u. a.

Leipziger Preis für die Freiheit und Zukunft der Medien (2006); Nominierung zum Henri Nannen

Preis in der Sparte „Bestes investigatives Stück“ (2006); „Fachjournalist des Jahres“ (2005);

„Reporter des Jahres“ (2005); „Leuchtturm für besondere publizistische Leistungen“ der Journalistenvereinigung

„netzwerk recherche e. V.“ (2004); zweiter Preis „Bester wissenschaftlicher Zeitschriftenaufsatz“

der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft

(DGPuK) (2004); „Besondere Ehrung“ beim Bert-Donnepp-Preis für Medienpublizistik (2002);

Hans-Bausch-Mediapreis des Süddeutschen Rundfunks Stuttgart (1997)

Veröffentlichungen, u. a.

Professionalisierung der Medienaufsicht (Hrsg., Wiesbaden 2009); Literaturkritik als politische

Lektüre, Am Beispiel der Rezeption der ,Ästhetik des Widerstands’ von Peter Weiss (Berlin 1988);

Sendefertig abgesetzt. ZDF. SAT.1 und der Soldatenmord von Lebach (Berlin 2001); TV-Dokumentation

„Der Giftschrank des deutschen Fernsehens“ 1994 auf VOX/DCTP.

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Prof. Dr. Thomas Leif

Berthold Huber

Geboren 1959

1. Vorsitzender ‘netzwerk recherche e. V.’

Werdegang

Seit 2009: Moderator von „2+Leif“ (SWR)

Seit 2001: Vorsitzender der Journalistenvereinigung netzwerk recherche e. V.

Seit Januar 1997: Chefreporter Fernsehen beim SWR in Mainz

Seit März 1995: Redakteur/Reporter beim SWR-Fernsehen

Seit Mai 1985: fester freier Mitarbeiter beim Südwestrundfunk Mainz in den

Redaktionen Politik, ARD Aktuell, Report u. a.

1978 - 85: Studium der Politikwissenschaft, Publizistik und Pädagogik an der

Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Bis 1989: Promotion

Veröffentlichungen, u.a.

Die strategische (Ohn)-Macht der Friedensbewegung. Kommunikations- und Entscheidungsstrukturen

in den achtziger Jahren (Opladen 1990); Rudolf Scharping, die SPD und die Macht (zus. mit

Joachim Raschke) (Reinbek 1994); Leidenschaft: Recherche. Skandal-Geschichten und Enthüllungs-

Berichte (Hrsg.) (Opladen 1998); Mehr Leidenschaft: Recherche. Skandal-Geschichten und Enthüllungsberichte.

Ein Handbuch zu Recherche und Informationsbeschaffung (Hrsg.) (Opladen 2003);

Die fünfte Gewalt. Lobbyismus in Deutschland (Hrsg.) (Wiesbaden 2006); Beraten und Verkauft.

McKinsey & Co. – der große Bluff der Unternehmensberater (Gütersloh 2007); 10. Auflage; Aktualisierte

Neuauflage; (München 2008) (Taschenbuch); Angepasst und Ausgebrannt. Die Parteien in

der Nachwuchsfalle (München 2009)

Geboren 1950

Erster Vorsitzender der IG Metall

Vorsitzender des Verwaltungsrates der Otto Brenner Stiftung

Werdegang

Seit 2007: Erster Vorsitzender der IG Metall

2003 - 2007: Zweiter Vorsitzender der IG Metall

1998 - 2003: Bezirksleiter für Baden-Württemberg

1993 - 1998: Koordinierender Abteilungsleiter, Zweiter Vorsitzender (Walter Riester)

1991 - 1993: Abteilungsleiter, Erster Vorsitzender (Franz Steinkühler)

ab 1990: Hauptamtliche Tätigkeit bei der IG Metall in Ostdeutschland

1985: Studium der Geschichte und Philosophie an der Universität Frankfurt

1978: Betriebsrats- und Gesamtbetriebsratsvorsitzender

1971: Ausbildung zum Werkzeugmacher und Tätigkeit bei der Firma Kässbohrer

(heute Evo-Bus) in Ulm

Aufsichtsratmandate

Audi AG, Ingolstadt (stellvertretender Vorsitzender); Siemens AG, München (stellvertretender

Vorsitzender); Porsche Automobil Holding SE, Stuttgart

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Daten und Fakten zum Otto Brenner Preis 2009

Termine

Bewerbungszeitraum 01.04. - 15.08.2009

Jury-Sitzung

08.10.2009 Frankfurt/Main

Preisverleihung

17.11.2009 Berlin

Eingereichte Bewerbungen 510

Otto Brenner Preis 397

Otto Brenner Preis „Spezial“ 47

Newcomer/Medienprojektpreis 38

Preisträger

Medienprojektpreis Attac Deutschland

Recherche-Stipendien Sandro Mattioli, freier Reporter (Rom)

Tina Groll (ZEIT-online)

Marianne Wendt und Maren-Kea Freese

1. Preis Marc Thörner (Deutschlandfunk)

2. Preis Ulrike Brödermann und Michael Strompen (ZDF)

3. Preis Simone Sälzer (Passauer Neue Presse)

Otto Brenner Preis „Spezial“ Christian Semler, freier Autor (taz)

Recherche-Stipendium 28

Preisgelder

45.000 Euro (insgesamt)

1. Preis 10.000 Euro

2. Preis 5.000 Euro

3. Preis 3.000 Euro

Spezial-Preis

drei Recherche-Stipendien

Medienprojektpreis

10.000 Euro

je 5.000 Euro

2.000 Euro

124

125


Preisträger 2005 - 2008

2008

2007

2006

2005

1. Preis:

Anita Blasberg und Marian Blasberg

für „Abschiebeflug FHE 6842“

(ZEIT - Magazin LEBEN, Nr. 03/2008)

2. Preis:

Jürgen Döschner

für „Fire and Forget – Krieg als

Geschäft“ (WDR 5, 21. März 2008)

3. Preis:

Steffen Judzikowski und

Hans Koberstein

für „Das Kartell – Deutschland im Griff

der Energiekonzerne“

(ZDF, Frontal21, 14. August 2007)

Otto Brenner Preis „Spezial“:

Christian Bommarius

Kommentare, Meinungsbeiträge,

Leitartikel, Essays (Berliner Zeitung)

Medienprojektpreis:

Andrea Röpke

für „langwierige und schwierige

Recherchen in der Neonazi-Szene“

Recherche-Stipendien:

Veronica Frenzel, Clemens Hoffmann,

N.N. (verdeckte Recherche)

1. Preis:

Michaela Schießl

für „Not für die Welt“

(Der Spiegel 19/2007)

2. Preis:

Ingolf Gritschneder

für „Profit um jeden Preis

Markt ohne Moral“

(WDR, 28. Februar 2007)

3. Preis:

Markus Grill

Die Jury würdigt Markus Grills

Gesamtwerk an pharmakritischer

Berichterstattung

Otto Brenner Preis „Spezial“:

Tom Schimmeck (freier Autor)

für „Angst am Dovenfleet“

(taz, 30. Dezember 2006)

Recherche-Stipendien:

Katrin Blum, Thomas Schuler und

Martin Sehmisch

1. Preis:

Redaktion „Der Tag“ – hr2

für Radiobeiträge „Der Tag“ – hr2

2. Preis:

Frank Jansen

Die Jury würdigt Frank Jansens

Langzeit-Reportagen über

die Opfer rechtsextremer Gewalt

in Deutschland

3. Preis:

Redaktion „ZAPP“ – NDR

für ihren TV-Beitrag

„Verdeckt, versteckt, verboten –

Schleichwerbung und PR in den

Medien“ (NDR, 2. November 2005)

Newcomer-Preis:

Lutz Mükke

für seinen Beitrag

„Der Parlamentsbroker“

(Medienmagazin Message,

4. Quartal 2005)

Recherche-Stipendien:

Boris Kartheuser, Thomas Schnedler

und Melanie Zerahn

1. Preis:

Markus Rohwetter

für „Ihr Wort wird Gesetz“

(Die Zeit, 6. Oktober 2005)

2. Preis:

Nikola Sellmair

für „Kollege Angst“

(Stern, 31. März 2005)

3. Preis:

Brigitte Baetz

für ihren Hörfunkbeitrag

„Meinung für Millionen –

Wie Interessengruppen die öffentliche

Meinungsbildung beeinflussen“

(Deutschlandfunk, 26. August 2005)

Newcomer-Preis:

Maximilian Popp

für „Passauer Neue Mitte“

(Schülerzeitung „Rückenwind“,

März 2005)

Medienprojektpreis:

Andreas Hamann und Gudrun Giese

für „Schwarzbuch Lidl“

Recherche-Stipendien:

Golineh Atai, Julia Friedrichs und

Astrid Geisler

126

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OTTO BRENNER PREIS

FÜR KRITISCHEN JOURNALISMUS 2010

„Nicht Ruhe und Unterwürfigkeit gegenüber der Obrigkeit ist die erste

Bürger pflicht, sondern Kritik und ständige demokratische Wachsamkeit.“

(Otto Brenner 1968)

Ausschreibung

Otto Brenner Preis 2010

Es werden Beiträge prämiert, die für einen kriti schen Jour na lis mus

vorbildlich und beispielhaft sind und die für demo kra tische und gesel l -

schaftspolitische Verant wor tung im Sinne von Otto Brenner stehen.

Vorausgesetzt werden gründliche Recherche und eingehende Analyse.

Der Otto Brenner Preis ist mit einem Preisgeld

von 45.000 Euro dotiert, das sich wie folgt aufteilt:

1. Preis 10.000 Euro

2. Preis 5.000 Euro

3. Preis 3.000 Euro

Zusätzlich vergibt die Otto Brenner Stiftung:

für die beste Analyse (Leitartikel, Kommentar, Essay)

den Otto Brenner Preis „Spezial“ 10.000 Euro

in Zusam men arbeit mit „netzwerk recherche e. V.“

drei Recherche-Stipendien von je 5.000 Euro

und für Nachwuchsjournalisten oder Medienprojekte

den „Newcomer- /Medienprojektpreis“ 2.000 Euro

Einsendeschluss: 13. August 2010

Die Bewerbungsbögen mit allen erforderlichen Informationen erhal ten Sie unter:

www.otto-brenner-preis.de

Otto Brenner Stiftung

Wilhelm-Leuschner-Str. 79

60329 Frankfurt am Main

E-mail: info@otto-brenner-preis.de

Tel.: 069 / 6693 - 2576

Fax: 069 / 6693 - 2786


Spendenkonten der Otto Brenner Stiftung

Die Otto Brenner Stiftung ist die gemeinnützige Wissenschaftsstiftung der IG Metall mit Sitz in

Frankfurt/Main. Als Forum für gesellschaftliche Diskurse und Einrichtung der Forschungsförderung

ist sie dem Ziel der sozialen Gerechtigkeit verpflichtet. Besonderes Augenmerk gilt dabei dem

Ausgleich zwischen Ost und West.

Sie ist zuletzt durch Bescheid des Finanzamtes Frankfurt/M. V-Höchst vom 20. März 2009 als

ausschließlich und unmittelbar gemeinnützig anerkannt worden.

Aufgrund der Gemeinnützigkeit der Otto Brenner Stiftung sind Spenden steuerlich absetzbar

bzw. begünstigt.

Geben Sie bitte Ihre vollständige Adresse auf dem Überweisungsträger an, damit wir Ihnen nach

Eingang der Spende eine Spendenbescheinigung zusenden können oder bitten Sie in einem kurzen

Schreiben an die Stiftung unter Angabe der Zahlungsmodalitäten um eine Spendenbescheinigung.

Spenden erfolgen nicht in den Vermögensstock der Stiftung, sie werden ausschließlich für Projekte

entsprechend des Verwendungszwecks genutzt.

Bitte nutzen Sie folgende Spendenkonten

Für Spenden mit zweckgebundenem Verwendungszweck zur Förderung von

Wissenschaft und Forschung zu den Schwerpunkten:

– Förderung der internationalen Gesinnung und des Völkerverständigungsgedankens

Konto: 905 460 03 Konto: 161 010 000 0

BLZ: 500 500 00 oder BLZ: 500 101 11

Bank: HELABA Frankfurt/Main Bank: SEB Bank Frankfurt/Main

Für Spenden mit zweckgebundenem Verwendungszweck zur Förderung von

Wissenschaft und Forschung zu den Schwerpunkten:

– Angleichung der Arbeits- und Lebensverhältnisse in Ost- und Westdeutschland

(einschließlich des Umweltschutzes),

– Entwicklung demokratischer Arbeitsbeziehungen in Mittel- und Osteuropa,

– Verfolgung des Zieles der sozialen Gerechtigkeit.

Konto: 905 460 11 Konto: 198 736 390 0

BLZ: 500 500 00 oder BLZ: 100 101 11

Bank: HELABA Frankfurt/Main Bank: SEB-Bank Berlin

Verwaltungsrat und Geschäftsführung der Otto Brenner Stiftung danken für die finanzielle

Unterstützung und versichern, dass die Spenden ausschließlich für den gewünschten Verwendungszweck

genutzt werden.

Impressum

Herausgeber

Otto Brenner Stiftung

Wilhelm-Leuschner-Str. 79

60329 Frankfurt / Main

Verantwortlich

Jupp Legrand

Redaktion

Jan Burzinski und

Jupp Legrand

Artwork

N. Faber de.sign, Wiesbaden

Fotonachweis S. 112: Markus Kirsch

Druck

ColorDruckLeimen GmbH

Redaktionsschluss

4. März 2010

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Inhaltsverzeichnis der DVD

1. Eingangspräsentation zur Preisverleihung 2009

2. Medienprojektpreis

„DIE ZEIT“-Plagiat

3. Hörfunkbeitrag 1. Preis

„Wir respektieren die Kultur“

Marc Thörner

4. Fernsehbeitrag 2. Preis

„Der gläserne Deutsche – wie wir Bürger ausgespäht werden“

Ulrike Brödermann und Michael Strompen

5. Artikelserie 3. Preis

„Leben in Würde“

Simone Sälzer

6. Otto Brenner Preis „Spezial“

Serie von Zeitungsbeiträgen

Christian Semler

7. Ergebnis eines Recherche-Stipendiums

„Nächster Halt Huelva“

Veronica Frenzel

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www.otto-brenner-preis.de

www.otto-brenner-stiftung.de

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