Bergsteiger, August 2011, Deutschland - Engelberg

engelberg.ch

Bergsteiger, August 2011, Deutschland - Engelberg

AUF TOUR

Zwischen

Finale grande mit

grandioser Aussicht

in die Weite und

in die Tiefe: Die Via

Ferrata durch die

Fürenwand ist nur

etwas für erfahrene

Klettersteiggeher.


Himmel und Erde

Klettersteige über Engelberg

Wer in Engelberg am

Stahlseil hoch hinaus will,

braucht feste Schuhe

und ein Klettersteigset.

Fünf Eisenwege vom

Feinsten – von leicht bis

extrem – warten auf

Ferrata-Fans und führen

sogar bis ans »Ende der

Welt«. Von Iris Kürschner

Alle Fotos: Iris Kürschner

Die Welt scheint in Engelberg tatsächlich

zu Ende. Steile Felswände

umzingeln den flachen Talboden,

den ein eiszeitlicher See

hinterlassen hat. Es gibt nur einen

Weg – und der führt hinauf. Das macht

den Ort für Alpinisten interessant. Schon im

19. Jahrhundert hat hier der Bergtourismus

eingesetzt. Wege wurden markiert, Hütten

gebaut, Seilbahnen eröffnet.

Doch der Hunger nach dem Abenteuer ist

geblieben. Immer gewagter sollte sie werden,

die Tour zum Gipfel. Auch über Wege

führen, denen das eigene Talent Grenzen

setzt. Klettersteige lassen solche Wünsche

Wirklichkeit werden., denn sie bieten Kletterabenteuer

für Wanderer, bei denen man

gut gesichert und ohne eigenes Seil in die

Vertikale gehen kann.

Manch ein alteingesessener Bergsteiger mag

den Kopf geschüttelt haben, als vor Jahren

der Boom der Eisenklammern und -stifte begann.

Doch allen Bedenken zum Trotz: Aus

dem Tourismusgeschäft sind Klettersteige

nicht mehr wegzudenken. In Engelberg versteht

man es, den verschiedenen Bedürfnissen

der Ferratisten gerecht zu werden. Im

Schatten des Titlis können Klettersteiggeher

08 ⁄11 Bergsteiger 31


Kondition gefragt:

Der Eisenweg auf

den Rigidalstock ist

zwar nicht schwierig,

aber als Fortsetzung

des Brunnistöckli

nur für Ausdauernde

geeignet.

Wer Richtung Himmel

will, darf nicht

zimperlich sein:

Die Strickleitern in

der Fürenwand

verlangen Armkraft

und eine gute Portion

Schwindelfreiheit.

Übungsgelände für

Einsteiger: Am

Brunnistöckli können

sich Kinder und

Klettersteig-Neulinge

ausprobieren.

32 Bergsteiger 08 ⁄11


Nervenkitzel gesucht:

Am Einstieg

zur Fürenwand

drängeln sich passionierte

Klettersteiggeher

schon

früh am Morgen.

Das Brunnistöckli können

sich auch Familien zutrauen.

ihre Belastbarkeit in punkto Psyche, Armkraft

und Kondition allmählich steigern.

Aller Anfang ist spielerisch

Das Übungsgelände für Einsteiger liegt am

2593 Meter hohen Rigidalstock. Das Brunnistöckli

an seinem Fuße können sich auch

Familien mit Kindern zutrauen. Spielerisch

sind gewagtere Elemente eingebaut,

beispielsweise eine kurze Seilbrücke und

eine nicht übertriebene Hängebrücke; die

Luftigkeit der Aufschwünge ist moderat. So

gestaltet sich der Ausflug weder lang noch

langweilig. Die nahe Brunnihütte versorgt

knurrende Mägen und der Härzlisee mit

Kneipp’schem Erlebnispfad verschafft Abkühlung

am Ende der Tour.

Etwas mehr Kondition verlangt dann die

Fortsetzung der Eisenroute auf den Rigi-

dalstock. Die technischen Schwierigkeiten

nehmen zwar nicht zu, dafür ist Ausdauer

gefragt. Zur Belohnung kann der Blick nun

erstmals weiter schweifen, zum Beispiel hinüber

zum wuchtigen Stock des Pilatus, den

wir bei der Anfahrt vom Vierwaldstätter See

aus passiert haben. Der giftgrüne Talboden

von Engelberg liegt uns zu Füßen, darüber

türmt sich der Gletscherthron des Titlis. Visa-vis

zackt der Graustock, den ebenfalls ein

Klettersteig garniert.

Die Anfängerroute ist beliebt: Mittags ist

der Gipfel des Rigidalstocks fast immer gut

besucht. Butterbrotpapier knistert. Wahre

Schätze werden aus dem Rucksack gepackt,

und vielleicht ist auch ein Stück Engelberger

Klosterglocke dabei. Den gibt es unten

im Tal beim Benediktinerkloster zu kaufen,

wo Käsemeister Ernst Odermatt unermüdlich

an neuen Rezepturen tüftelt. Aus seiner

Manufaktur kommen Mini-Bries, gefüllt

mit einer Baumnuss-Frischkäsemasse, mit

Trüffel, Chili oder Wasabi. Originell ist der

glockenförmige Weichschimmelkäse: Er ist

eine Hommage an jene Klosterglocke, die

mit dem anderen Geläut nicht wie geplant

harmonisierte – und deshalb ausgesetzt im

Garten steht. Ihr Miniatur-Nachbau aus Käse

entfaltet seine Harmonie nun eben auf

dem Gaumen.

Gutes aus dem Kloster für den Gipfel

Bis zu zehn Mal täglich demonstriert der

Meister in seiner Schaukäserei die Herstellung

der cremigen Versuchung. Derweil

berät seine Frau Ruth die Kunden an der

Käsetheke, lässt sie probieren und packt

ihre Wünsche ein – die dann oben am Rigidalstock

wieder ausgewickelt werden. Der

delikate Käse gibt Kraft für den Rückweg.

Zurück in der Brunnihütte werden neue

Pläne ausgeheckt. Der Zittergrat steht noch

aus. Außerdem könnte die anspruchsvolle

Variante auf das Brunnistöckli eine kleine

Vorübung für die Fürenwand sein. Brunni-

08 ⁄11 Bergsteiger 33


Kleiner Ort mit

großartiger Kulisse:

Engelberg in

der Zentralschweiz

TOUREN

Klettersteige um Engelberg

Anfänger und Passionierte kommen bei den Eisenwegen in der Zentralschweiz voll auf ihre Kosten.

1

Brunnistöckli/Zittergrat

(2030 m)

Charakter: Abwechslungsreicher

Übungsklettersteig mit Seil- und

Hängebrücke sowie einer schwierigen

Variante. Aus dem Brunnistöckli-Steig

kann jederzeit ausgestiegen werden

– im Gegensatz zum Zittergrat ohne

Ausstiegsmöglichkeit.

Ausgangspunkt: Bergstation

Ristis-Brunni (1860 m). Talstation im

Zentrum von Engelberg. Fahrbetrieb

8–18 Uhr, Tel. 00 41/41/6 39 60 66,

www.brunni.ch

Hütte: Brunnihütte an der Bergstation

des Sesselliftes (1860 m),

Tel. 00 41/41/637 37 32,

www.brunnihuette.ch

2

▶ mittel 1 Std.

200 Hm +13 J.

Rigidalstock (2593 m)

▶ leicht 4 Std.

730 Hm +8 J.

Charakter: Die familienfreundliche

und sehr beliebte Panorama-Bergtour

bekommt durch ihre Klettersteigpassagen

Abenteuercharakter.

Ausgangspunkt: Bergstation

Ristis-Brunni (1860 m), Talstation im

Zentrum von Engelberg. Fahrbetrieb

8–18 Uhr, Tel. 00 41/41/6 39 60 66,

www.brunni.ch

Hütte: Brunnihütte,

Tel. 00 41/41/6 37 37 32,

www.brunnihuette.ch

Route: Von der Brunnihütte in eineinhalb

Stunden zum Einstieg, wo

gleich zum Auftakt die Schlüsselstelle

durch eine steile Rinne kommt.

Abstieg nur über die Ferrata möglich.

3

Graustock (2661 m)

Charakter: Die Grattour zwischen

zwei reizvollen Seen kombiniert einen

alpinen Klettersteig mit Bergwegen

und sollte nur bei sicherer Wetterlage

in Angriff genommen werden.

Ausgangspunkt: Jochpass (2207 m),

Gondelbahn zum Trübsee, Fahrbetrieb

8.30–17.15 Uhr; Sessellift Jochpass,

Fahrbetrieb 8.30–16.30 Uhr

Hütte: Berghaus Jochpass (2222 m),

Tel. 00 41/41/6 37 11 87,

www.jochpass.ch

Route: Vom Jochpass aus in 15 Min.

zum Einstieg. Der Abstieg führt über

den Südwestgrat und das Schaftal

zurück zum Ausgangsort.


▶ mittel 4 Std.

460 Hm +13 J.

Fürenwand (1840 m)

▶ schwer 3 Std.

765 Hm +18 J.

Charakter: anspruchsvoller,

perfekt gesicherter Sportklettersteig

im Banne des Titlis

Ausgangspunkt: Talstation der Seilbahn

Fürenalp (1084 m), 5 km vom

Zentrum Richtung Talschluss, Fahrbetrieb

8–18 Uhr, www.fuerenalp.ch

Hütte: Restaurant Fürenalp an der

Bergstation (1850 m), Massenlager,

Tel. 00 41/41/6 37 39 49

Route: Von der Talstation Fürenalp

zum Einstieg in 20 Min., Zwischenausstieg

nach 1 Std. am oberen

Jägerband; Schlüsselstelle bereits

schon die ersten 80 m über senkrechten,

glatten Fels; leichter Überhang

im Beginn des 2. Abschnitts;

ca. 20 m hohe, sehr luftige Strickleiter

kurz vor Ende des 2. Abschnitts,

die Armkraft erfordert. Anstatt für

den Abstieg die Gondel zu Hilfe

zu nehmen, runden malerische Bergwanderwege

den Tag ab.

3 Bergsteiger 08 ⁄11

■ = leicht ■ = mittelschwer ■ = schwierig


Klein und zerbrechlich

kommen wir uns vor.

stöckli und Zittergrat bleiben das ganze

Jahr über offen und können also auch im

Winter begangen werden, während die Sicherungsseile

am Rigidalstock zwischen Ende

Oktober und Mitte Juni entfernt werden.

Trainingsrouten mit Panoramablick

Die Route am Graustock ist eine weitere

Trainingstour für die Fürenwand. Sie bietet

eine Mischung aus alpiner Bergwanderung

und anspruchsvoller Kletterei über ausgesetzte

Fels-aufschwünge. Das Panorama am

Graustock ist vielleicht noch ergreifender

als jenes vom Rigidalstock aus: Unterwegs

fällt der Blick hinunter in die Tiefe und dort

auf den stahlblauen Trübsee, findet daneben

gleich die Gletscherflanken des Titlis

und schweift hinüber in die 700 Meter hohe

Nordwand des Berges. Aussicht rundum

gibt es dann am Gipfelkreuz. Das 360-Grad-

Panorama reicht vom Titlis über Spannort

und Pilatus bis zum Wetter- und Schreckhorn

sowie zum höchsten Gipfel der Berner

Alpen, dem Finsteraarhorn.

Steile 250 Meter: die Fürenwand

Hoch hinaus soll es zum Finale nun auch

gehen: Die Fürenwand ist ausschließlich

erfahrenen Klettersteiggehern vorbehalten.

Steht man an ihrem Wandfuß,

dann ist es wieder da: dieses Gefühl, am

»Ende der Welt« zu sein. Winzig klein,

schmächtig und zerbrechlich kommen wir

uns vor, als unser Blick über die endlose,

grauenvoll steile Wand gleitet. Da also geht

ein Weg hinauf? Wenn doch wenigstens ein

paar wärmende Sonnenstrahlen über diese

Felsfluchten blitzen würden. Aber dafür ist

es noch zu früh. Nun beginnt das fieberhafte

Korrigieren am Klettersteigset: Sitzt alles

Abgründe an der

Fürenwand: Festen

Boden unter den

Füßen gibt es erst

250 Meter tiefer.

„HOS´D AN SCHNAID?“

[TRAUST DU DIR DAS ZU?]

HANWAG BADILE LOW GTX ®

Der „Klettermax“ BADILE LOW GTX ® ist ein Leichtgewicht und

der perfekte Begleiter beim Zustieg und am steilen Fels. Dank eng

anliegendem „Vertikal“-Leisten sitzt der Schuh satt am Fuß. Die be-

währte Vibram ® Climbing-Sohle, das GORE TEX ® -Futter und die

weit nach vorn reichende Schnürung runden das Kletterpaket ab.

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08 ⁄11 Bergsteiger 35

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Wer am Brunnistöckli

erfolgreich

war, darf sich

weitere Klettersteige

am Rigidalstock

zutrauen.

Die luftige Aussicht

über das Engelberger

Tal bleibt erfahrenen

Klettersteiggehern

vorbehalten.

richtig? Es sitzt. Nicht mehr nachdenken.

Konzentration ist gefragt. Los jetzt.

Schnell wird uns warm. Von der Bewegung

und vom Nervenkitzel. Der Totenkopf eines

Rindes grinst unverschämt am Wegesrand.

Manch einer mag das humorvolle Dekor

der Klettersteig-Erbauer gar nicht bemerken

– zu beschäftigt ist er mit sich und der

Ausgesetztheit. Die 250 Meter hohe Wand

KOMPAKT

Engelberg in der Zentralschweiz

Anreise: Sehr gute Bahnverbindungen

nach Engelberg

(Fahrplan: unter www.sbb.ch).

Mit dem Auto über Luzern

Richtung Gotthard, A2 Ausfahrt

Stans-Süd, dann 19 km bis

Engelberg.

Parkplatz im Zentrum an der

Talstation der Luftseilbahn

Ristis.

Beste Jahreszeit: Mitte/

Ende Juni bis Oktober

Infos: Tourismus Center

Engelberg, Klosterstraße 3,

Tel. 00 41/41/6 39 77 77,

www.engelberg.ch

Bergführerbüro Engelberg,

Bahnhofplatz, Tel. 00

41/41/6 38 02 57, www.

bergfuehrer-engelberg.ch

Verleih Klettersteig-

Ausrüstung: Luftseilbahn

Engelberg-Brunni, Bergführerbüro,

Sportgeschäfte

Veranstalter: Neu bei

Hauser-Exkursionen im Programm

sind die Klettersteigtage

Engelberg (Infos unter www.

hauser-exkursionen.de)

Karten: Landeskarte der

Schweiz, 1:25 000, Blatt

1191 »Engelberg« oder

Unter unseren Sohlen

gähnt der Abgrund.

hat am bewachsenen Jägerband ihr Ende.

Dort staunen wir nicht schlecht, eine Holzbank

vorzufinden. Originell lässt sich’s da

1:50 000, Blatt 245T »Stans«.

Literatur: Iris Kürschner

»Klettersteige Schweiz«,

Bergverlag Rother.

Eugen E. Hüsler und Daniel

Anker »Die Klettersteige der

Schweiz«, AT-Verlag.

Sehenswertes: Kloster

Engelberg mit Schaukäserei

und Spezialitätenladen (tägl.

geöffnet von 9 bis 18.30 Uhr,

So bis 17 Uhr), Sommerrodelbahn,

Naturlehrpfad und

Benediktus-Weg (ansprechende

Höhenwanderung von

Brunni nach Oberrickenbach)

in exponierter Loge rasten. Aufatmen? Von

wegen. An der aussichtsreichen Pausenstation

ist erst die Hälfte der Tour geschafft.

Und der Blick in den zweiten Part der Route

verspricht ein noch gewagteres Abenteuer.

Manch einer an der Bank hadert nun: Soll

er lieber doch den Zwischenausstieg nehmen?

Denn was als Nächstes kommt, ist

nichts für zaghafte Gemüter: die Wandquerung.

Die Angelegenheit gestaltet sich als

etwas schlüpfrig, weil in dem schattigen

Eck Rinnsale leicht gefrieren – die Passage

wird dann zur Rutschpartie. Unter unseren

Sohlen gähnt der Abgrund. Ein haarsträubender

Eindruck. Erst als wir uns über eine

Steilstufe gehievt haben, verliert das Bodenlose

seine Bedrohlichkeit.

Doch noch einmal trumpft die Tiefe auf: Eine

fast 20 Meter lange Strickleiter ist zu überwinden.

Sie baumelt an einem Überhang und

zerrt an unseren Armmuskeln. Dann ist es

geschafft: Wir sind oben. Und entsprechend

glücklich, als wir endlich am Bergrestaurant

der Fürenalp ankommen. ◀

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Speed Trekking

Schneller nach oben!

Die Outdoormarke aus Österreich.

Felix Baumgartner

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