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Gynäkologische Forschung im Zeichen der Mikrobiologie - BGGF

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© Copyright 2012 Georg Thieme Verlag Stuttgart New York Gynäkologische Forschung im Zeichen der Mikrobiologie 45 die Entscheidung für oder gegen deren Durchführung selbstbestimmt zu fällen. Die Anweisung von 1900 betraf allerdings nur die rein wissenschaftlichen Experimente. Hinsichtlich der Durchführung von Heil-, Immunisierungs- oder Diagnoseversuchen war die Ärzteschaft weiterhin lediglich den ungeschriebenen „Regeln der ärztlichen Kunst“ und ihrem eigenen Gewissen verpflichtet. Wenn mancher von ihnen in der Folgezeit mehr Wert darauf legte, keinen Zweifel über die Aufklärung und Freiwilligkeit seiner Versuchspersonen aufkommen zu lassen, war das wohl überwiegend auf die Angst vor einer den eigenen Ruf schädigenden öffentlichen Diskussion zurückzuführen. 1930 kam es zu einem erneuten Skandal, der als der „Lübecker Totentanz“ in die Medizingeschichte einging. Die Tuberkulose-Impfung mit einer verunreinigten BCG‐Vakzine kostete 77 Säuglingen das Leben, weitere 131 erkrankten. 64 Der Lübecker Impfskandal veranlasste das Reichsministerium des Innern, einen bereits vorliegenden Entwurf zur Durchführung medizinischer Versuche am Menschen in einigen Punkten zu überarbeiten 65 und Ende Februar 1931 zu erlassen. Die „Richtlinien für neuartige Heilbehandlung und für die Vornahme wissenschaftlicher Versuche am Menschen“ 66 griffen die Inhalte der preußischen Anweisungen von 1900 auf und weiteten sie erstmals auf die Durchführung therapeutischer Versuche aus. Auf einstimmigen Beschluss des Reichsgesundheitsrates wurde verfügt, dass „alle in Anstalten der geschlossenen und offenen Krankenbehandlung oder Krankenfürsorge tätigen Ärzte bei ihrem Eintritt auf die Beachtung dieser Richtlinien unterschriftlich verpflichtet werden sollten.“ Ob und wieweit diese Richtlinien tatsächlich wirksam geworden sind und das ärztliche Handeln in den Kliniken beeinflussten, ist eine offene Frage, deren Beantwortung zu den drängenden Desideraten der medizinhistorischen Forschung gehört. Zumindest wurden die Richtlinien wahrgenommen und breit publiziert, dies belegt u. a. das von Julius Grober herausgegebene Handbuch „Das Deutsche Krankenhaus“. Im Kapitel „Der ärztliche Dienst 64 Für eine ausführliche Darstellung des „Lübecker Totentanzes“ s. Hahn: Totentanz (1995). 65 Sauerteig: Richtlinien (2000), S. 333 f. 66 Rundschreiben des Reichsministers des Innern, betr. Richtlinien für neuartige Heilbehandlung und für die Vornahme wissenschaftlicher Versuche am Menschen, vom 28. Februar 1931, in: Reichs-Gesundheitsblatt 6 (1931), S. 174 f.; Für den Volltext s. Ruisinger: Herophilos (2001), Anhang, Text 2. und die Krankenordnung“ befasste sich der Jenenser Internist Wolfgang Heinrich Veil (1884–1946) mit der Problematik der ärztlichen Forschung an Klinikpatienten: „Die Frage aufzuwerfen, ob der Arzt berechtigt sei, einen Kranken als Versuchsperson zu benutzen, gehört zu den unglücklichsten, die man stellen kann. Sie kann natürlich nur mit nein beantwortet werden.“ Andererseits sei jede, auch die bewährteste, Behandlungsmethode lediglich ein Heilversuch, der auch unglücklich ausgehen könne. Deshalb gäbe es „auch in dieser Frage nur einen möglichen Standpunkt für den Arzt, den man sein ungeschriebenes Gesetz nennen könnte; er lautet: Tue recht und scheue niemand!“ 67 Der Skandal um Neisser, der gerade zehn Jahre zurücklag, als Veil in der ersten Ausgabe des Handbuchs (1911) dieses Plädoyer für die absolute Freiheit der medizinischen Forschung formulierte, scheint noch kein Umdenken herbeigeführt zu haben. In der dritten, 1932 erschienenen Auflage – die Grober im Vorwort wiederum unter das pathetische Wort „salus aegroti suprema lex“ stellte –, druckte Veil im Anschluss an seine oben zitierte Stellungnahme die Richtlinien im vollen Wortlaut ab – allerdings nicht, ohne sie mit einer persönlichen Einleitung zu versehen: „Abweichend von dieser Stellungnahme sind 1931 – unter ersichtlicher Beeinflusung [!] durch die furchtbaren Geschehnisse in Lübeck – nachfolgende Richtlinien ergangen. Wie alle angstgeborenen Produkte stellen sie keinerlei Grundlage dar, auf der sich positiver Nutzen aufbauen ließe. Vielmehr wird Arzt und Öffentlichkeit in gleicher Weise unsicher gemacht und doch nur mehr oder weniger Selbstverständliches gesagt.“ 68 Literatur Benedek, Thomas G.: Gonorrhea and the beginnings of clinical research ethics. In: Perspectives in biology and medicine 48 (2005), S. 54–73. Bockhart, Max: Beitrag zur Aetiologie und Pathologie des Harnröhrentrippers. In: Vierteljahresschrift für Dermatologie und Syphilis 10 (1883), S. 3–18. Bumm, Ernst: Zur Frage der Schanker-Excision. Wien 1882 (zugl. Diss. med. Würzburg). Bumm, Ernst: Beitrag zur Kenntniss der Gonorrhoe der weiblichen Genitalien. In: Archiv für Gynäkologie 23 (1884), S. 327–349. 67 Veil: Dienst (1932), S. 704 f. 68 Veil: Dienst (1932), S. 705 f.

© Copyright 2012 Georg Thieme Verlag Stuttgart New York 46 Gynäkologische Forschung im Zeichen der Mikrobiologie Bumm, Ernst: Der Mikro-Organismus der Gonorrhoischen Schleimhaut-Erkrankungen „Gonococcus- Neisser“. Nach Untersuchungen beim Weibe und an der Conjunctiva der Neugeborenen. Wiesbaden 1885a. Bumm, Ernst: Menschliches Blutserum als Nährboden für pathogene Mikroorganismen. In: Deutsche Medizinische Wochenschrift 11 (1885 b), S. 910. Döderlein, Albert: Das Scheidensekret und seine Bedeutung für das Puerperalfieber. Leipzig 1892. Elkeles, Barbara: Der moralische Diskurs über das medizinische Menschenexperiment im 19. Jahrhundert. (= Medizinethik 7) Stuttgart 1996. Franz, K.: Ernst Bumm †. In: Archiv für Gynäkologie 123 (1925), S. II–VI. Hahn, Susanne: „Der Lübecker Totentanz“. Zur rechtlichen und ethischen Problematik der Katastrophe bei der Erprobung der Tuberkuloseimpfung 1930 in Deutschland. In: Medizinhistorisches Journal 30 (1995), S. 61–79. 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