Chopper, Fürstenhochzeit, BMW - Regensburger Stadtzeitung

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Chopper, Fürstenhochzeit, BMW - Regensburger Stadtzeitung

Die Achtziger Jahre Februar 2014

Februar 2014

SERIE

Die achtziger Jahre

Anni Motschmann steht auch mit 75 Jahren noch im Laden…

…und als Ehrengast kommt der Kapitän der „Helden von Bern“: Fritz Walter.

Der Kohlenmarkt in den Achtziger Jahren – ein heute beinahe unglaubliches Bild. Dort,

wo 30 Jahre später Freisitze den Platz beherrschen, parken Blechkarossen. Und direkt

vor dem Rathaus hält ein Gelenkbus, der sich durch die enge Altstadt quält.

Chopper, Fürstenhochzeit, BMW

Teil VII der Stadtzeitungsserie „Regensburg – wie wir wurden, was wir sind“:

Die Achtziger Jahre

bei der Rolling Stone Mick Jagger sang. Zum

abendlichen Ball erschien das Geburtstagskind

als Sonnenkönig verkleidet, Gloria gab

die Marie Antoinette. Die „Mittelbayerische

Zeitung“ berichtete von einer Geburtstagstorte

in Penisform.

In den Folgejahren bekam das Paar drei Kinder:

Maria Theresia (geboren 1980), Elisabeth (1982)

und Stammhalter Albert (1983).

Die besondere Schlossführung

Auch Bernd Tensierowski, den wir aus der letzten

Folge unserer Serie schon kennen, kommt

1980 ins Schloss. Der Horten-Dekorateur ist

damals 28 und übernimmt von einem Kollegen

(heute 82) einen besonderen Auftrag:

Für die Weihnachtsfeier des Fürsten mit den

Bediensteten soll er die Notstandsküche im

Schloss schmücken. Der Bernd richtet also mit

einem zweiten Dekorateur an einem Freitag

Tannenzweige, Kerzen, Schleifchen her, der

Saal ist adventlich geschmückt.

„Um halb elf Uhr abends hat uns dann der Verwalter

gefragt, ob wir noch eine Schlossführung

haben wollen“, erzählt Tensierowski. Und

wie die Dekorateure wollten! „Er hat uns zuerst

in die Gruft geführt, wo auf einmal Lehrmädchen

in Leinentüchern auftauchten, um uns zu

erschrecken. Dann zeigte er uns Räume, in die

normal kein Besucher reinkommt, mit riesigen

Wandgobelins und wertvollen Wandvertäfelungen,

die noch aus dem alten Thurn-und-

Taxis-Schloss in Frankfurt stammten und für

die Regensburger Räume einfach zusammengeschnitten

wurden.“

Den staunenden Männern erzählt der Führer,

dass im Schloss ein Uhrmachermeister angestellt

sei, der den ganzen Tag nichts anderes

mache, als die zahlreichen Uhren aufzuziehen

und dass der Unterhalt des Schlosses den

Fürsten jährlich eine Million D-Mark kosten

würde. In einem Zimmer steht eine Vitrine mit

drei Vasen. Wenn er die mittlere besäße, so

lässt sie der Verwalter wissen, könne er sich ein

zweites Haus bauen. Dann geht es im Ballsaal

zum Pult, an dem schon Thomas Gottschalk als

DJ Platten aufgelegt hat. An eines erinnert sich

der Bernd noch ganz genau: „Und schließlich

sagte er, im nächsten Zimmer müssen wir ganz

leise sein, denn im Nebenraum säße die Familie

noch bei der Tauffeier für die älteste Tochter

beisammen…“

Das Klinikum entsteht

Die Stadt ist Anfang der Achtziger Jahre im

Umbruch. Zwar gibt es im Dezember 1980

in der Stadt rund 80.000 Arbeitsplätze, doch

kaum Industriebetriebe wie die Zuckerfabrik,

die eine Million Rüben zu 150.000 Tonnen

Zucker verarbeitet. Die Ruthof-Werft an der

Wiener Straße lässt 1982 ihr letztes Schiff vom

Stapel laufen, dafür hat im Vorjahr das neue

Mercedes-Autohaus an der Benzstraße eröffnet,

die danach von Landshuter- und Bajuwarenstraße

angefahren werden kann.

Die Stadt setzt bei der wirtschaftlichen Weiterentwicklung

zunächst auf das Gesundheitswesen

und die Forschung: Am 22. Juli 1980 wird

Richtfest für das Zahnklinikum gefeiert, es gilt

als die Vorstufe für das Universitätsklinikum.

Der damalige Kultusminister Hans Maier jubelt:

„Die Beschlüsse des Bayerischen Landtages, in

Regensburg eine medizinische Forschungsund

Ausbildungsstätte zu errichten, werden

realisiert.“

Für 600 Millionen Mark Baukosten sind am

Uniberg 990 Betten in modernsten Kliniken

geplant. 250 Medizin- und 85 Zahnmedizin-

Studenten, 210 Krankenpfleger, medizinische

Assistenten, Logopäden und Krankengymnasten

sollen im Stadtsüden jährlich ausgebildet

werden. Die Krankenzimmer sollen ganz modern

von außen wie Appartements aussehen.

Das Zahnklinikum mit Belegstation im Bezirksklinikum

(„Haus 14“) nimmt 1984 den Betrieb

auf, bis zur Fertigstellung des eigentlichen

Klinikums wird es bis 1999 dauern.

Das neue Jahrzehnt beginnt für die Regensburger mit einem

Jahr, in dem die drei wohl berühmtesten Söhne der

Stadt Jubiläen feiern können: 1980 jähren sich der Todestag

von Albertus Magnus zum 700. Mal, der Geburtstag von

Albrecht Altdorfer zum 500. Mal und der Todestag von Johannes

Kepler zum 350. Mal. Es sollte ein Jahrzehnt werden,

das das Gesicht der Stadt noch einmal stark veränderte,

das den Hochadel und Gespensterjäger in die Ratisbona

brachte und den Grundstein für die Entwicklung zu einer

der dynamischsten Städte des Landes legte: Willkommen

im Regensburg der Achtziger Jahre!

1980 ist das Jahr, in dem Walter Röhrl zum

ersten Mal Rallye-Weltmeister wird (1982 wiederholt

er das Kunststück), es ist das Jahr,

in dem die Zahl der Studenten erstmals die

10.000er-Marke überschreitet, es ist das Jahr,

in dem Dr. Robert Eckert, Gründer des Berufsförderungswerkes,

das 1889/90 erbaute

Parkhotel Maximilian samt drei Lokalen (unter

anderem dem beliebten Arizona-Steakhouse)

wiedereröffnete, das er für 13 Millionen Mark

prächtig saniert hatte (und in dem die Übernachtung

im Einzelzimmer stolze 98 Mark und

im Doppelzimmer 138 Mark kostete). Das alles

überragende Ereignis in der Stadt aber ist ein

anderes.

Der Fürst und seine junge Braut

Am 31. Mai 1980 blicken alle Klatsch- und

Adels-Gazetten nach Regensburg. Fürst Johannes

„Goldie“ von Thurn und Taxis (54)

heiratet die erst 20-jährige Gräfin Mariae

Gloria von Schönburg-Glauchau, die einem

fränkisch-thüringischen Adelsgeschlecht entstammt

und in der Stadt für viel Furore sorgen

wird, wenn sie später etwa auf ihrer Harley-

Davidson durch die Innenstadt brettern oder

bei Thomas Gottschalks „Wetten, dass…?“ im

Bärchenkleid auf der Couch sitzen und Bundespräsident

Johannes Rau nicht widersprechen

wird, der Regensburg zur Hauptstadt von

Niederbayern macht. Oder mit ihrer Punkfrisur,

die sie bei der Hochzeit ihrer Schwester Maya

mit dem Hochindustriellen Mick Flick tragen

wird.

Bei Glorias eigener Vermählung stehen 600

Menschen auf der Gästeliste: der europäische

Hochadel, Vertreter der Bundesregierung und

Staatsregierung, der ZDF-Intendant ebenso

wie der der Münchner Staatsoper, Europas Unternehmerelite

von Rothschild über Flick und

Henkel bis zu Siemens, natürlich auch etwas

Lokalprominenz.

Als das Brautpaar nach der Trauung aus der

Basilika St. Emmeram auszieht, säumen 10.000

Menschen den Emmeramsplatz. Das Heeresmusikkorps

der 4. Jägerdivision spielt auf, dazu

drei Trachtenkapellen. Die Brauerei lässt sich

nicht lumpen und schenkt Freibier aus.

Noch pompöser als die Hochzeit sollte das

Fest zum 60. Geburtstag von „Goldie“ im Juni

1986 werden. Das ging über drei Tage, begann

mit einem Galadinner, wurde mit einer Messe

fortgesetzt, bei der die Domspatzen sangen.

Es gab eine Schifferlfahrt nach Weltenburg,

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Eine Durchgangsstraße, am Eck die Taxizentrale,

dazu viele Parkplätze: So präsentiert sich der Haidplatz

Anfang der Achtziger Jahre…

Die Regensburger Stadtzeitung

…und so sieht er nach der Umgestaltung 1986 aus.

Von 1978 bis 1990 Chef im Rathaus: Oberbürgermeister

Friedrich Viehbacher.

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SERIE

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Die Achtziger Jahre Februar 2014 Februar 2014 Die achtziger Jahre

Die Hauptdarsteller der unheimlichen „Chopper“-Geschichte:

Zahnarzt Kurt Bachseitz und Sprechstundenhilfe Claudia.

Die Anfahrt zum Klinikum soll über eine neue

Autobahnparallele erfolgen, die die B 16 mit

der B 15 verbindet. Augsburger Straße, Graßer

Weg, Galgenbergstraße und Oberislinger Weg

kreuzen die Parallele, die später Franz-Josef-

Strauß-Allee heißt. Doch auch deren Bau wird

sich hinziehen. Die Bauern wollen ihren Grund

nicht hergeben – er wird halt nicht zwangsläufig

billiger, wenn ihn der Staat haben will…

Die konservative Stadt und eine Revoluzzerin

Seit 1978 hat Regensburg nach fast zwei Jahrzehnten

sozialdemokratischer Regierung eine

konservative Stadtspitze: CSU-Mann Friedrich

Viehbacher setzt sich bei der Oberbürgermeisterwahl

überraschend mit 50,7 Prozent

gegen Favorit Albert Schmid (SPD, 48,4 Prozent)

durch. 1984 sollte „der Schwarze“ sogar

mit 56,4 Prozent gegen SPD-Bewerber Alfons

Schneider im Amt bestätigt werden.

Nach der Wiederwahl gibt es allerdings einen

Eklat um die Besetzung der Bürgermeisterposten.

An und für sich wäre Hildegard Anke

als Stimmenkönigin der CSU für den Posten

des zweiten Stellvertreters eine sichere Bank

gewesen. Doch Alfred „Jet“ Hofmaier setzt sich

in einer Kampfabstimmung durch, die Schwarzen

sind offenbar noch nicht bereit für eine

Frau als Mit-Regentin, machen sie lediglich

1987 zur Gleichstellungsbeauftragten. Genüsslich

sollte die SPD der CSU das später um die

Ohren hauen – und die CSU-Frau unter einer

SPD-Regierung zur Bürgermeisterin machen!

Doch das ist eine andere Geschichte, die ein

anderes Mal erzählt werden soll…

Die Stadt ist jedenfalls eher konservativ geprägt,

dafür sorgt auch das Regensburger Bistumsblatt

als Gegengewicht zur manchmal

rotzfrechen Woche, die in den Achtzigern bis

zu 30.000 Exemplare verkauft. Konservativ

geht es auch an den Regensburger Schulen zu,

unter denen das Werner-von-Siemens-Gymnasium

1980 nach der Verlegung der Altbauschüler

von der Landshuter Straße in den Neubau in

der Brennesstraße mit 1.650 Gymnasiasten die

größte Lehranstalt der Oberpfalz geworden

ist. Nicht wenige Schüler der höheren Anstalten

protestieren gegen die Kanzlerkandidatur

des bayerischen Ministerpräsidenten, tragen

Anstecker mit der Aufschrift „Stoppt Strauss!“

Die meisten von ihnen nehmen die Wapperln

an der Schule ab, wenn sie die Lehrer dazu

auffordern. Das Gymnasium sei kein Platz für

parteipolitische Äußerungen, argumentieren

die Rektoren. Nur eine Schülerin des Albertus-

Magnus-Gymnasiums bleibt unbeugsam: Christine

Schanderl legt ihr Meinungsbekenntnis

auch während des Unterrichts nicht ab, Die

Konsequenz ist ein Schulverweis. Der damalige

Rektor droht sogar mit der Polizei, wenn die

Schülerin zwei Wochen vor Ablauf des Schuljahres

das Haus nicht sofort verlässt.

Auch das Siemens-Gymnasium lehnt die Revoluzzerin

ab, erst als sie in Begleitung eines

Journalisten am Albrecht-Altdorfer-Gymnasium

auftaucht, wird sie dort aufgenommen

und macht ihr Abitur.

Gegen den Rauswurf wird Schanderl – heute

Rechtsanwältin in Nürnberg – jahrelang prozessieren,

Schule und Kultusministerium wollen

die Entscheidungen, die Schanderl Recht

geben, nicht akzeptieren. Am Ende müssen

Die Grundsteinlegung für das BMW-Werk mit Ministerpräsident Franz Josef Strauß.

sie aber doch einsehen, dass der Schulverweis

rechtswidrig war.

Die Kneipen und der Fasching

Zu Beginn der Achtziger ist der Fasching in

Regensburg noch etwas Besonderes, es gibt

den legendären Weiberfasching in der RT-

Halle, den noch legendäreren Schnupferball

beim Röhrl in Eilsbrunn, bei dem es immer ein

bisserl frivoler zugeht und bei dem die Ehemänner

wie Ehefrauen besser nicht so genau

hinschauen, wenn der oder die Angetraute

mal für einige Minuten – oder auch Stunden –

verschwunden ist.

Auch der Bernd und seine Frau sind echte

Faschingsfans: „Wir waren immer eine richtige

Blas’n, gingen gemeinsam zu den Bällen“, erinnert

sich Dagmar Tensierowski. „Und immer

hatten wir eine gemeinsame Verkleidung.“ Zu

einem Schnupfer-Ball sind die Horten-Verkäuferinnen

stilecht als Chinesinnen geschminkt

gegangen. „Grad schee war’s“, erinnert sich

Dagmar, „bis um halb sechs Uhr morgens.“

Dann schnell heim, abwaschen, eine Stunde

Schlaf und ab in die Arbeit. Da wurde der Dagmar

dann schlecht. „Ich hab meine Abteilungsleiterin

gefragt, ob ich früher heim darf. Sie hat

mich gefragt, ob ich auf dem Fasching war, ich

hab ehrlich gesagt: Ja, bis um halb sechs.“ Die

Abteilungsleiterin schickte die junge Verkäuferin

ins Bett: „Und Mäderl, wasch dir die Ohren

ab, die sind ja noch ganz gelb!“

Es gibt auch die oberlegendären Orphée-Bälle.

Die sind so ausschweifend, dass die Polizei

mehrmals in der Nacht anrücken muss – Ruhestörung.

Einmal treiben es die Feiernden

Eine wichtige Verkehrsader hängt in der Luft – die Stahlbogenbrücke der Osttangente.

besonders wild, immer mittendrin: Galerist

Peter Bäumler, ein Mann wie ein Bär.

Horst Hanske, ein wunderbarer Fotograf und

grandioser Journalist, der heute schon seit

15 Jahren verblichenen, fantastischen Boulevardzeitung

„Die Woche“ beschreibt, wie die

Schandis wieder einmal anrücken. Vielleicht,

so meint Hanske, hätten es aber nicht unbedingt

zwei Hänflinge sein müssen, die die

Meute zu bändigen versuchen. Jedenfalls soll

der Bäumler Peter die schmächtigen Gendarmen

nicht für voll genommen, sie links und

rechts hochgehoben und auf die Motorhaube

ihres Streifenwagens gesetzt haben. Dann

kam Verstärkung und mächtig Ärger.

Wohnungen, Wohnungen, Wohnungen

Nach den starken Zuwächsen zu Beginn des

vergangen Jahrzehnts sinkt die Einwohnerzahl

der Stadt wieder beständig, vom Höchststand

138.176 im Jahr 1973 auf 126.861 im Jahr 1984

– und doch werden immer mehr Wohnungen

benötigt: Der Trend geht zu kleineren Familien,

zu immer mehr bis dato eher von Studenten

gekannten Single-Haushalten.

Die Stadtspitze reagiert, baut in Kumpfmühl

im ehemaligen Klostergarten der Karmeliten

unterhalb der Kumpfmühler Theresienkirche

90 Wohnungen für Senioren. In der Winklerund

Portnergasse entstehen 31 neue Wohnungen,

67 werden saniert. Die Stadtbau zieht

am Auweg 91 Wohnungen in mehrstöckigen

Gebäuden hoch, an der Andreasstraße, am

Flachlberg und an der Reinhausener Wieshuberstraße

wird ebenfalls gebaut. Am Keilberg

wird ein Baugebiet ausgewiesen.

In Dechbetten werden die Produktionsstätten

der ehemaligen Ziegelei abgebrochen,

auch dort sollten in den nächsten Jahrzehnten

Mietshäuser und Eigenheime entstehen. Gebaut

wird außerdem in kleineren Baugebieten

in Wutzlhofen, Graß, Neuprüll, Oberisling,

an der Brunnstube, Carl-Maria-von-Weber-,

Maffei-, Proskestraße und an der Clermont-

Ferrand-Allee.

Die Baumaßnahmen haben zur Folge, dass

1985 die Zahl der Wohnungen ohne Bad von

für heutige Maßstäbe unvorstellbaren 33 Prozent

auf 17 Prozent sinkt. Und sie sorgen mit

dafür, dass Regensburg zur familienfreundlichsten

Stadt Bayerns ernannt wird, Ministerpräsident

Franz-Josef Strauß überreicht 70.000

Mark.

Das Gespenst aus dem Spucknapf

Vor den Toren der Stadt treibt derweil ein

vermeintliches Gespenst sein Unwesen. In

der Zahnarztpraxis von Kurt Bachseitz in Neutraubling

röchelt es ab dem Sommer 1981

monatelang aus der Kloschüssel oder dem

Spucknapf. Aus dem Heizungsrohr und dem

Wasserhahn klingen obszöne und ordinäre

Ausrufe. Patienten werden beleidigt, es wird

unheimlich.

Doch wer ist der vom Volksmund schnell

Chopper“ genannte Fiesling, der da seinen

Schabernack treibt? Postfahnder, Polizisten, ja

sogar ein Parapsychologe aus Freiburg reisen

an. Diplomphysiker und internationale Journalisten

geben sich die Klinke in die Hand. Sogar

aus Amerika, Neuseeland und Japan kommen

Kamerateams. Leitungen werden gewechselt,

Bürgermeister Elmar Schieder (vorne, 4. v. li) empfängt den frischgebackenen Rallye-

Weltmeister Walter Röhrl (daneben) mit seinem Wagen vor dem Rathaus.

Wanzen gesetzt, Fangschaltungen gelegt.

Amateurfunker und türkische Nachbarn von

der „Soko Geist“ unter die Lupe genommen,

alles wochenlang ohne Ergebnis.

Bis einem Kripobeamten am 3. März 1982 auffällt,

dass die Sprechstundenhilfe die Hand so

komisch vor den Mund hält, wenn der Chopper

spricht. Und es ist bemerkenswert, dass

der Geist zu der 17-Jährigen besonders nett ist.

Dass er nie spukt, wenn das Lehrmädel in der

Berufsschule ist.

Schließlich knicken Zahnarzt und Sprechstundenhilfe

ein. Sie selbst haben sich den Spaß

ausgedacht, der sie vor Gericht führen wird:

1983 werden sie zu Geldstrafen verurteilt, der

Zahnarzt und seine Frau müssen die Bundespost

mit 35.000 Mark für ihre aufwändigen

Untersuchungen entschädigen.

Das Männer-Ballett der Narragonia

Doch bleiben wir noch einen Augenblick im

Jahr 1981 und bei unserem Horten-Dekorateur

Bernd Tensierowski. Dessen Chef Günther

Fuchs bekommt Besuch von einer Narragonia-

Gesandtschaft. Der Horten veranstaltete in

jenen Jahren selbst immer einen großen Faschingsball

im Kolpinghaus. Die Narragonen

fühlen vor, ob das wichtigste Innenstadt-Kaufhaus

nicht auch etwas für die älteste deutsche,

aber stets klamme Faschingsgesellschaft tun

könne.

Der Horten-Boss kann: Dekorateur Norbert

Pfeiffer, ein ehemaliger Eishockeyspieler, und

Gabi Witzmann, Verkäuferin von Schallplatten,

geben das Prinzenpaar.

Doch die Kaufhaus-Dekorateure halten fest zu-

Die Gewerbeflächen in Regensburg wachsen wie hier.

Außenminister Hans-Dietrich Genscher kommt 1987 mit

Frau Barbara zum Narragonenball.

Hunderte von Mitarbeitern haben ihre Autos vor dem neuen Siemens-Werk

im Stadtwesten geparkt, aus dem später Infineon werden wird.

Am Kassiansplatz steht in den 80ern noch der Betonblock

der Sparkasse, der später abgerissen werden wird.

12 Die Regensburger Stadtzeitung Die Regensburger Stadtzeitung

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SERIE

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Die Achtziger Jahre Februar 2014 Februar 2014 Die achtziger Jahre

Nach dem Tod von Franz Josef Strauß standen die Regensburger

Schlange vor der Krankenhauskapelle, …

…in der der Sarg mit dem Leichnam des Ministerpräsidenten aufgebahrt war.

Der Horten in den Achtzigern. Vor dem Kaufhaus fuhren noch Autos,

deswegen war die Fußgängerampel für die Passanten sehr wichtig .

Stadtzeitungsverleger Peter Kittel 1984, damals noch mit vollem Haupthaar.

sammen. Pfeiffers Kollegen sagen sich: „Wenn

der Norbert den Prinz gibt, machen wir auch

etwas!“ Die Narragonia verfügt damals über

eine Gurkengarde mit sechs Leuten und eine

Prinzengarde mit zwölf Leuten – aber nur bei

der ersten Zusammenkunft. Da wird die Idee

vom Ballett geboren! Unter der professionellen

Anleitung des türkischen Ballettmeisters Can

Sakarya trainieren vier Männer und vier Frauen

vom Horten von Oktober bis Faschingsbeginn

am 11.11. zwei- bis dreimal die Woche.

Der Clou dabei: Die Damen tragen schwarzen

Frack, die Herren weißes Ballettröckchen und

alle einen Schnauzbart! Auch Bernd Tensierowski

gibt den grazilen und bärtigen Tänzer.

Beim Inthronisationsball tritt die Truppe im

Parkhotel Maximilian zu Tschaikowskis Schwanensee

auf – und der Saal tobt!

Dennoch wird dem Ballett in der Tagespresse

Arroganz unterstellt. „Selbst lautstarke Zugabe-Rufe

konnten das Männerballett nicht zu

einem Zusatz-Auftritt bewegen“, heißt es in

der „Mittelbayerischen Zeitung“ naserümpfend.

Die Wahrheit indes ist eine andere: „Wir

hatten schlichtweg keine Zugabe einstudiert“,

bekennt Tensierowski. „Deshalb konnten wir

auch keine liefern.“

Der Fasching ist lang, dauert bis 7. März. So

absolvieren die Tänzer und Tänzerinnen 50

Auftritte, sind bei allen größeren Faschingsbällen

dabei, im Neuhaus- wie im Kolping- oder

Antoniussaal, in der Arberhütte wie im Landkreis.

Höhepunkt: der Auftritt in der Münchner

Olympiahalle mit Mitwirkenden aus ganz Bayern.

5.000 Zuschauer sind da, der BR zeichnet

auf. Doch als das Männerballett dran ist, sind

Eine einmalige Angelegenheit: Die Stadtspitze spaziert zu Fuß

über die Osttangente.

die Fernsehleute längst weg…

Übrigens kommt auch Dagmar Tensierowski

in den Genuss einiger Auftritte. Immer, wenn

eine Tänzerin krank ist, springt sie als Aushilfe

ein. „Vor dem ersten Mal haben wir sie in einer

Nacht- und Nebelaktion gedrillt“, erinnert sich

ihr Mann.

Möglicherweise war es ja der große Erfolg des

Männerballetts, dass dafür sorgte, dass 1987

Außenminister Hans-Dietrich Genscher zum

Narragonen-Ball kam. Im selben Jahr sollten

die Horten-Tänzer übrigens noch einmal – und

zum letzten Mal – auftreten: beim Weiberfasching

in der RT-Halle.

Der geschäftstüchtige Schindler-Bäcker

Der Horten wirbt damals in der Zeitung als das

„Haus der Ideen“, im Anzeigenteil findet der

Leser zudem das Ford-Zentrum Wollenschläger

mit Service-Großtankstelle, Witt Weiden,

die Elektrogeschäfte Imlohn und Theo Weiherer

(„etw“). Man geht zu Schirm Gärtner

am Dom, zu Schuh Daxl oder Haushaltswaren

Zwack am Kohlenmarkt, lässt sich die Haare

bei Hans A. Urban schneiden, dem Coiffeur mit

dem stylistischen Laden hinter dem Stobäusplatz,

isst in der eben eröffneten Neuen Wurstkuchl

oder in einer der Wienerwald-Filialen am

Arnulfsplatz, in der Schwarzen-Bären-Straße

oder im Alex-Center.

Wer ohne Stellung ist, meldet sich beim Arbeitsamt

am Minoritenweg, die Steuererklärung

wird beim Finanzamt in der Landshuter

Straße abgegeben.

Das Café-Restaurant Citta 2002 am Dachauplatz

ist schwer in Mode, Spätheimkehrer

schätzen das Ringelnatz oder die Marina-Bar,

Studenten treffen sich natürlich im Ambrosius,

dem Namenlos und dem Jenseits, aber auch in

Forum, Schwedenkugel, Flop (da war Nomen

Omen), Eulenspiegel (der Kneipe, in der vor

allem gespielt wurde) oder Einhorn. Zuckerl-

Müller ist schon damals in der Wahlenstraße,

Modessa Moden am Ernst-Reuter-Platz.

Und es gibt den Schindler-Bäcker, einen geschäftstüchtigen

Mann, der 20 Filialen in der

Stadt, über 100 Leute unter sich, ein Café im

Alex-Center und jede Menge Ideen hat. Bei

einem Zeitungsstreik hat er die wichtigsten

Nachrichten auf seine Semmeltüten drucken

lassen, er tritt auch immer wieder als Jongleur,

Poet und Schriftsteller auf. Auch dabei nutzt

Georg Schindler jede Gelegenheit, um Geld

zu machen.

Der Bernd ist in den Achtzigern bei einer Kollegin

zum Geburtstagsfest im Schrebergarten

eingeladen. Da taucht der Schindler-Bäcker

auf, liest aus seinem neuesten Buch vor und

verteilt an jeden Gast ein Exemplar. „Ich habe

mir gedacht, schau her, wie großzügig der ist,

schenkt jedem ein Buch“, erinnert sich Tensierowski.

Danach setzt sich der Schindler hin,

isst und trinkt. Dann geht er an die Tische: „Ich

krieg jetzt von jedem von Euch acht Mark fürs

Buch“, sagt er. Da hat er seine gesammelten

Werke wieder einpacken dürfen.

Das neue Stadt-Gesicht der Achtziger

Im November 1980 ist die Sanierung des ehemaligen

städtischen Getreidekastens „Leerer

Beutel“ abgeschlossen. Entstanden sind ein

Mehrzweckraum, Platz für Ausstellungen, ein

Oberbürgermeister Friedrich Viehbacher trägt sich in das Kondolenzbuch für

Franz Josef Strauß ein. Mit auf dem Bild der amtierende Bürgermeister Alfred

Hofmaier, die späteren Bürgermeister Hildegard Anke und Gerhard Weber

sowie die Stadträte Herbert Schlegl, Peter Welnhofer und Rudi Eberwein.

Die Geburt der Stadtzeitung

Aus dem Bayerwald kommt Peter Kittel 1983

mit 24 Jahren eigentlich zum Germanistik-

Studium nach Regensburg. Ralph Kleiner,

später MZ-Redakteur und Pressesprecher

des Gewerbeparks und wie Kittel aus Cham,

kennt die flotte Schreibe des jungen Burschen,

empfiehlt ihn deshalb dem Studentenblatt

Regensburger Monatsmagazin“, Verleger

damals: Neli Färber, der stadtbekannte

Wirt vom Orphée …

Kittel schaut sich die Redaktion ein paar Wochen

an, dann strebt er sogleich nach Unternehmertum.

„Ich habe gesehen, was die

dort machen. Und gewusst: Das kann ich

auch allein.“ Er holt ein paar RM-Leute ins

Boot, dazu seinen alten Chamer Spezl Karl-

Heinz Mierswa (gemeinsam sind sie damals

Platzrekord-Halter auf dem Chamer Minigolfgelände)

und los ging es. „Da Capo – die

Stadtzeitung für Regensburg“ erscheint am

25. Juli 1984 erstmals.

Sitz des Blattes ist der stadtauswärts gesehen

linke Turm des Jakobstores. Rainer Otto,

der Antiquitätenhändler von der Thundorfer

Straße, stellt die winzigen Räumlichkeiten auf

Restaurant, sogar ein Kino und Depots für die

städtischen Gemäldesammlungen.

Bereits vorher hat die Renovierung eines Prestige-Objekts

begonnen, des heruntergekommenen

Thon-Dittmer-Palais, dessen Innenhof

in den Siebzigern mehr oder weniger als Parkplatz

genutzt wurde. 1979 entsteht im Rückgebäude

zur Weingasse ein Jugendzentrum.

Das beherbergt vor allem zwei Gruppen von

jungen Menschen: die Langhaarigen, die sich

im 1. Stock zur Musik von Cat Stevens und

Neil Young in der Teestube auf verschlissene

Couches fläzen und stundenlang diskutieren.

Und die Rocker, die unten im Saloon sind, weil

sie mit den Latzhosen-Trägern nichts zu tun

haben wollen und lieber kickern.

Die Sanierung des Palais gerät völlig aus den

Fugen, die Kosten explodieren, liegen mit 10,3

Millionen Mark 3 Millionen über den veranschlagten

Kosten. Allerdings wird die Anlage

auch zum Prachtbau mit wiederhergestellten

Arkadengängen, wunderbarer Renaissancehalle,

die als Theaterfoyer dienen, Zentralbibliothek,

Platz für die Volkshochschule und

einer Freiluftbühne.

Vor und Hinter der Grieb entsteht das Studentenheim

„Haus der Begegnung“ mit 90

Wohnungen, die Dompost wird für eine Million

umgebaut, statt muffiger Schalterhalle mit

Postlern hinter Holz/Glas-Verschlägen gibt es

jetzt eine offen gestaltete 100-Quadratmeter-

Halle. Bundespräsident Karl Carstens eröffnet

im September 1981 den neuen Graphik-Trakt

der Ostdeutschen Galerie, die Königliche Villa

wird aufgehübscht (für das Landesamt für

Denkmalpflege), an der Maxstraße ziehen sie

den Neubau der Vereinsbank hoch.

Zwischen 1980 und 1988 entsteht für 75 Millionen

Mark die fünf Kilometer lange Osttangente,

ein Überbleibsel der „Ring“-Verkehrsplanung,

die von der Kreuzung Nordgaustraße/

Walhalla-Allee bis zur Landshuter Straße führt

und die 25 Jahre später zum innerstädtischen

Verkehrsknotenpunkt mit Anschluss zur B 16 in

Richtung Cham/Wenzenbach ausgebaut werden

wird. Das neue Klärwerk an der B8 wird

zwei Geschoßen und mit Außentoilette zur

Verfügung. Für den ersten Aufmacher kommt

der Leiter vom Polizeirevier am Minoritenweg

und CSU-Stadtrat Rudi Eberwein in die Redaktion.

Er erklimmt die unwahrscheinlich steile

Treppe des Turms und ist zunächst etwas irritiert,

wie locker und selbstbewusst ihm Peter

Kittel begegnet. Der Weg für eine lange Männerfreundschaft

nimmt hier seinen Anfang.

Eberwein hat eine Initiative gegründet, die

das Oben-Ohne-Sonnenbad auf der Jahninsel

verbieten soll. Titel des ersten Aufmachers:

„Beamte, Busen, Paragraphen.“

Das Blatt ist erfrischend anders. Immer mit einem

hübschen, gerne auch leicht bekleideten

Mädchen neben dem knallharten Aufmacher

als Blickfang, umfangreichen Filmkritiken und

Themen, an die sich sonst keiner wagt. Den

Erstling ziert eine Reportage über Türsteher,

es folgt ein Streifzug durch die Rotlichtschuppen

der Stadt. Ein Personality-Fragebogen

(„Profile und Parolen“) ist zu lesen, natürlich

ein Musikteil und eine durchaus kritische Auseinandersetzung

mit der Zivilschutzbehörde.

Das knallharte Horoskop des bis zum jetzigen

am 13. Juni 1980 eingeweiht. Das Bauerntheater

zieht ins Colosseum, das Einkaufszentrum

wird um ein Bürohochhaus erweitert, an der

Albert-Schweitzer-Realschule entsteht für 7,5

Millionen die Nordhalle.

Ein neues Gesicht bekommt der Bismarckplatz

im Westen der Altstadt. Seit Jahrzehnten ein

Thema im Stadtrat, ist im November 1978

endlich die Baugenehmigung erteilt worden.

Doch es dauert bis zum 18. Dezember 1981, bis

Oberbürgermeister Friedrich Viehbacher die

Freigabe für das Parkhaus mit 380 Stellplätzen

gibt.

Die 17-Millionen-Baumaßnahme und die Einfahrt

zur Tiefgarage verändert den bereits

zuvor umgestalteten Platz vor allem vor dem

Theater völlig. Er steigt nach Süden an und ist

durch mehrere Terrassen abgestuft. Statt eines

großen Brunnens gibt es zwei kleinere. An

den kleinen Park, die unter Carl von Dalberg

angelegte Promenade, die bis in die Siebziger

Jahre vor dem ehemaligen Polizeipräsidium

zu finden war, erinnern sich heute nur noch

Tag unerkannt bleiben wollenden Sternedeuters

(„Widder: Solange Sie einen Venushügel

für eine Art topografische Landmarke halten,

wird das bei Ihnen nie was mit den Weibern!“)

steht neben einem biederen Rezept, dazu Roman,

Comic, Rätsel, Schachspalte, Spielecke.

Sogar das Fernsehprogramm und die Vorschau

auf die Olympischen Wettkämpfe gibt

es! Unterschiede zu späteren Tagen: Regensburgs

frechste Zeitungs-Illustrierte kostet 50

Pfennig, erscheint im Din-A3-Format und ist

schwarz-weiß.

Kneipen, Kinos, Rotlichtschuppen und ausgefallene

Läden sind begeistert, nutzen das

Blatt als Werbe-Plattform. Drei Gastronomen

werden der Zeitung bis zum Tod treu bleiben:

Martin Kaltenbrunner („Alte Münz“), Chailerd

Topernpong („Baanthai“) und Josef Scheck

(„Wirtschaftswunder“).

So geht das also – der Startschuss für 25 erfolgreiche

Jahre ist gefallen.

(ssm)

Aus: „25 Jahre Regensburger Stadtzeitung

die Jubiläumsschrift“, November 2009

14 Die Regensburger Stadtzeitung Die Regensburger Stadtzeitung

15


SERIE

SERIE

Die Achtziger Jahre Februar 2014 Februar 2014 Die achtziger Jahre

Elmar Schieder, Bürgermeister von 1978 bis 1984.

alteingesessene Regensburger.

In der Altstadt wird 1984 das Gebiet zwischen

Engelburgergasse und Kohlenmarkt

saniert, zudem die Westnerwacht hinter dem

Arnulfsplatz. Die kleine Eiserne Brücke, die

alte Regensburger wegen der dort ansässigen

ehemaligen Sauerkrautfabrik auch Hengstenberg-Brücke

nennen, wird im September 1986

abgerissen und durch eine breite neue ersetzt.

Ebenfalls 1986 verkauft die Regensburger Turnerschaft

ihren Grund samt legendärer RT-

Halle und -Bad am Oberen Wöhrd an die Stadt.

Die macht das Bad bis zum Juni 1988 für 1,7

Millionen Mark zum Spaßbad mit Rutsche und

Strudel, es heißt fortan „Wöhrdbad“ – aber nur

theoretisch. Kein echter Domstädter würde

das Freibad jemals anders nennen als RT-Bad.

Der Bus in der U-Bahn-Röhre

Zu Beginn der Achtziger Jahre packt Regensburg

das Verkehrsproblem an. Mit hoch- oder

besser gesagt, tieftrabenden Plänen: Der Stadtbus

soll wie eine U-Bahn zwischen Arnulfsplatz

und Bahnhof in einer Untertunnelung fahren.

Derartige Planungen verwerfen die Stadtväter

aber bald wieder – die historische Bausubstanz

könnte gefährdet werden.

Dennoch rückt Regensburg immer mehr vom

früheren Gedanken der autogerechten Stadt

ab, die Karossen sollen aus der Innenstadt

verschwinden. Binnen 16 Stunden werden zwischen

Kepler- und Margaretenstraße 44.000

Autos gezählt! Neupfarrplatz, Haidplatz, Kohlenmarkt

und Gutenbergplatz dienen als Abstellflächen

für Pkw. Kein Wunder, dass das

Altstadtfest im Juni 1982 auf dem Haidplatz

„Trompetenblech statt Autoblech“ lautet.

OB Viehbacher erinnert sich an die Worte seines

Amtsvorgängers Rudolf Schlichtinger. Der

wünschte sich von seinen Nachfolgern, „dass

die Verkehrsberuhigung in unserer Altstadt

verwirklicht wird.“ 1982 ist es soweit.

Autos raus!

In jenem Jahr beschließt der Stadtrat 1982

Alfred „Jet“ Hofmaier, Bürgermeister ab 1984.

weitreichende Veränderungen, erklärt die

Vier-Eimer-Gasse, die Simadergasse, Teile der

Fröhlichen-Türken- und der Oberen Bachgasse

ebenso zur Fußgängerzone wie die Salzburger

Gasse und das Frauenbergl oder den Watmarkt

zwischen Krauterermarkt und Goliathstraße.

Im Gebiet um den Haidplatz werden

Fuchsgäss chen, Engelburger-, Metgeber-, St.

Albans-, Zandten-, Wein-, Baumhacker- und

Silberne-Kranzgasse zu Anwohnerstraßen, Autofahrer

müssen sich zusätzlich an neue Regelungen

gewöhnen: Der Ölberg, die Marschallstraße,

Maler- und Glockengasse sind jetzt

Einbahnstraßen. Von der Wittelsbacherstraße

ist nur noch Rechtsabbiegen in die Kumpfmühler

Straße erlaubt, von der Kumpfmühler

Straße das Linksabbiegen in die Helenenstraße

verboten.

Der Aufschrei ist erwartungsgemäß groß

(erst recht, als viel befahrene Plätze wie Kohlenmarkt,

Neupfarr-, Rathaus- und Haidplatz

1985/1986 zu reinen Fußgängerzonen werden),

die Geschäftsleute beklagen angeblich

15 Prozent Umsatzrückgang. Die Stadt reagiert

geschickt, setzt im Dezember an den

verkaufsoffenen Samstagen einen kostenlosen

Bus vom Dultplatz in die Altstadt ein. OB

Viehbacher verteidigt die Maßnahmen: „Die

optimale Gestaltung der verkehrsberuhigten

Straßen und Plätze wird, wie wir alle es wünschen,

die Altstadt für Besucher, Bewohner

und Geschäftsleute liebenswerter und attraktiver

machen.“ Wie recht er doch haben sollte!

Der Gewerbepark und Infineon

Auch bei den Betrieben geht so einiges, die

Gewerbeflächen werden von 1980 bis 2004

um 126 Prozent zulegen. Erste Triebfeder dafür

ist das neue Firmen- und Industriezentrum,

das ab 1981 auf dem ehemaligen Richtberg-

Gelände östlich der Lechstraße entsteht und

wieder eine Idee des Donaueinkaufszentrum-

Gründers Johann Vielberth ist. Im Juli feiern

dort 1982 erste Gebäude Richtfest. Heute haben

sich im Gewerbepark rund 300 Firmen

Der Schindler-Bäcker als Jongleur.

auf 155.000 Quadratmetern angesiedelt, sie

werden täglich von 15.000 Kunden besucht.

Auch Siemens, seit Beginn unserer Serie ein

alteingesessenes „Regensburger“ Unternehmen,

sorgt für zusätzlichen Schub, als es 1981

den Einstieg in die Automobiltechnik und 1983

die Chip-Herstellung beschließt (die heute von

Infineon betrieben wird). Wirtschaftsminister

Anton Jaumann legt im Oktober 1984 den

Grundstein für das Siemens-Megawerk, das

nicht nur die vorhandenen 2.000 Arbeitsplätze

sichert, sondern auch 500 neue schafft.

Durch den Ausbau der Hochschulen und des

Klinikums sind zudem 4.000 weitere Stellen

geplant. Doch die eigentliche Ursache dafür,

dass Regensburg in den Achtziger Jahren zum

„Blue Chip“ der Wirtschaft emporsteigt, liefert

ein anderer Konzern.

Jobmaschine BMW

Es kommt einer Sensation gleich, als sich die

Bayerische Motoren Werke AG 1982 dazu entschließt,

ihr viertes Automobilwerk in Deutschland

auf einer 140-Hektar-Fläche bei Harting

zu bauen. Die Stadt hat diese Entscheidung

wesentlich beeinflusst. Sie sorgt nicht nur für

die Baureife, sie lässt sich auch die Infrastruktur

satte 180 Millionen Mark kosten.

Es war wieder einmal das Boulevardblatt Woche,

das die abenteuerlichen Grundstücksgeschäfte

bekannt machte. Bernd Tensierowski

erinnert sich: „Die Stadtspitze kaufte den Hartinger

Bauern im Wahlkampf den Quadratmeter

für 76 Mark ab, die verdienten sich natürlich

eine goldene Nase. BMW zahlte aber nur 18

Mark! Miet- und Immobilienpreise waren dadurch

verdorben.“

Doch diese Politik sollte sich als weise Entscheidung

herauskristallisieren: Bei Grabungen

für das Werk (Grundsteinlegung war am

2. April 1984 mit Ministerpräsident Franz Josef

Strauß) wurden nicht nur wertvolle Funde

zwischen Jungsteinzeit und Mittelalter getätigt.

Seit seiner Inbetriebnahme 1986 wurde

das BMW-Werk Motor für die wirtschaftliche

Entwicklung in Regensburg und Region. Aus

ursprünglich einmal vorgesehenen 4.000 Arbeitsstellen

wurden 10.000. Der „Dreier“ und

der „Einser“ werden im Stadtosten gebaut,

über 1.000 jeden Tag. Ohne BMW wäre die

Stadt nicht so aufgeblüht.

Und dann geht’s uns gold

Ob’s wirklich nur mit den Autobauern zusammenhängt,

sei dahingestellt. Jedenfalls wird

1986 (endlich!) die Autobahn nach München

fertig. Statt kurz hinter Bad Abbach über die

B 16 nach Elsendorf zu zuckeln, geht es jetzt

rasch auf der durchgehenden A 93 dahin.

Schon im Dezember 1982 ist der 9,1 Kilometer

lange Autobahnabschnitt zwischen Regensburg-Nord

und Regenstauf für den Verkehr

freigegeben worden. Der Liebe der Regensburger

zu ihrem Auto tut die innerstädtische

Verkehrsberuhigung ohnehin keinen Abbruch:

Im Dezember 1987 sind 64.813 Fahrzeuge in

der Stadt gemeldet, jeder Zweite hat ein Auto

– Säuglinge und Tattergreise mit eingerechnet.

Und gebaut wird in der Stadt! Am Uniklinikum

sowieso, aber auch das Josefskrankenhaus

(für 48 Millionen Mark), die Barmherzigen

Brüder (60 Millionen) und das Evangelische

Krankenhaus (20 Millionen) werden erweitert.

Das Amtsgericht bekommt einen Neubau, der

übrige Justizpalast wird saniert (32 Millionen),

das Kerschensteiner-Berufsbildungszentrum

wächst (46 Millionen), das Pater-Rupert-Mayer-Zentrum

(28 Millionen), die Messehalle im

Gewerbepark und die neue Bahnhofpost (89

Millionen) wachsen aus dem Boden. An der

Galgenbergbrücke beginnen 1986 die Arbeiten

für ein neues Hotel mit Geschäfts- und

Wohnhaus. Das Castra-Regina-Center für 58

Millionen sollte aber nur in den Anfangsjahren

eine Erfolgsidee werden.

Beim Rangierbahnhof wird ein neues Güterverkehrszentrum

geplant, das ursprünglich

35 Hektar umfasst. Doch diese Fläche ist zu

klein, so entsteht ab 1988 neben dem Paketfrachtzentrum

und dem Briefzentrum gleich

Bernd Tensierowski (2. v. re.) und seine Mitstreiter vom Männerballett.

ein neuer Rangierbahnhof. Das Schreckgespenst

der hohen Arbeitslosenzahl (1985 immerhin

bis zu 14 Prozent!) gehört langsam der

Vergangenheit an. Sogar der Schlachthof wird

1987 für 20 Jahre verpachtet .

Ende der Achtziger Jahre werden wichtige

innerstädtische Verkehrsadern erneuert,

Kumpfmühler- und Galgenbergbrücke. Beide

Baumaßnahmen sorgen nicht gerade für Entspannung

bei den Autofahrern. Die könnten

jetzt aber auf ein größeres Liniennetz der

Stadtbusse zurückgreifen: Die Verkehrsbetriebe

erweitern ihr Netz von ursprünglich zwölf

Linien stetig. Auch die Einwohnerzahl steigt

wieder, 1986 liegt sie bei 129.000.

Und es gibt tatsächlich Überlegungen für den

Stadtnamen „Bad Regensburg“! Denn bei den

Instandhaltungsmaßnahmen für des Westbad

(32 Millionen Mark teuer) wird bei Bohrungen

in 420 Meter Tiefe Thermal-Mineralwasser entdeckt.

Noch kein echter Hit ist das neue Gewerbegebiet

Burgweinting-Ost. Lediglich die

Druckerei Niedermayr siedelt sich 1989 dort

an. Noch ist das eine Eintagsfliege, aber bald

schon sollten andere Unternehmen folgen.

Der neue Stadtteil im Süden

1983 beginnen auf einem 40-Hektar-Areal Erschließungsarbeiten

für einen neuen Stadtteil

zwischen dem Autobahnzubringer Kumpfmühl

und der Ganghofersiedlung: Im Baugebiet

Königswiesen-Süd entstehen 1.200 Wohneinheiten,

weitestgehend Einfamilienhäuser.

Auch Bernd Tensierowski baut dort das Haus

für seine Familie (Tochter Melanie wird 1983

geboren) – und verliert eine Kindheitserinnerung.

Denn parallel zur Autobahn war ein

beliebter Spazierweg verlaufen, den Bernds

Eltern „Pensionisten-Laufsteg“ oder „Ho-Chi-

Minh-Pfad“ nannten. Der muss nun der letzten

Häuserreihe, dem Georg-Hegenauer-Park

und dem neuen Ziegetsdorfer Fußballplatz

weichen.

Außerdem werden zusätzliche Wohngebiete

geplant: in Burgweinting, am Fürstlichen

Rennplatz und in Schwabelweis.

Dagmars Mutter Anni Motschmann kann derweil

ein stolzes Jubiläum feiern: Auch mit 75

Jahren sitzt sie 1988 noch immer an der Kasse

der Bonbonniere Hornung im Einkaufszentrum

(was sie mit 80 übrigens auch noch machen

sollte). Quasi als Ehrengast verpflichtet

der Chef einen Fußball-Weltmeister: Idol Fritz

Walter schaut vorbei.

Fröhliche Feste und erbitterte Kämpfe

Natürlich wurde in diesem Jahrzehnt auch

kräftig gefeiert in der Stadt: 1981 etwa das

tausendjährige Bestehen Stadtamhofs, das

Bürgerfest hat sich im Zweijahres-Turnus fest

etabliert und zieht mittlerweile regelmäßig

über 200.000 Menschen an.

Vom 1. bis 13. Juli 1985 feiern die Regensburger

850. Geburtstag der Steinernen Brücke

(und elf Jahre später noch einmal, schließlich

begannen die Bauarbeiten 1135 und endeten

1146) 10.000 Künstler und Standbetreiber beteiligen

sich.

Doch es gibt nicht nur fröhliche Stunden in der

Stadt: Im September 1982 finden sich wieder

10.000 Menschen an der Steinernen Brücke

ein – doch diesmal zur Großdemonstration

„Atompfalz – niemals!“ Vor den Toren der Stadt

ist in Wackersdorf die Wiederaufarbeitungsanlage

für Kernbrennstoffe (WAA) geplant, die

Franz-Josef Strauß an dieser Stelle durchsetzen

will und von der er in seiner polternden Art

behauptet, sie sei „nicht gefährlicher als eine

Fahrradspeichenfabrik“.

Der Kampf gegen die WAA hält noch viele

Jahre an, der Schwandorfer Landrat Hans

Schuierer weigert sich, die Baugenehmigungen

zu unterschreiben. Regierungspräsident

Karl Krampol macht daraufhin 1985 das „staatliche

Selbsteintrittsrecht“ geltend, unterzeichnet

die Genehmigungen am Emmeramsplatz

selbst und leitet ein Disziplinarverfahren nach

dem anderen gegen Schuierer ein.

An Pfingsten 1986 gibt es blutige Auseinandersetzungen

am WAA-Bauzaun. Polizisten

Gewagt: So frivol geht Dagmar Tensierowski

1987 zum Schnupferball.

16 Die Regensburger Stadtzeitung Die Regensburger Stadtzeitung

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SERIE

SERIE

Die Achtziger Jahre Februar 2014 Februar 2014 Die achtziger Jahre

und Demonstranten prügeln aufeinander ein,

die Ordnungshüter setzen auch gegen tausende

völlig Unbeteiligte CS-Gas und Wasserwerfer

ein. Sogar Todesopfer gibt es im Zusammenhang

mit der geplanten Anlage: Eine

61-Jährige erleidet im Taxöldener Forst einen

Herzinfarkt, ein Demonstrant stirbt bei einem

Asthmaanfall nach einem Polizei-Einsatz mit

CS-Gas, ein Beamter kommt ums Leben, als ein

Polizeihubschrauber gegen einen Zug prallt.

Das Ende der WAA fällt ins Jahr 1989, als sich

die Betreiber doch dafür entschieden, mit der

Anlage im französischen Le Havre ins Geschäft

zu kommen. Heute steht auf dem Gelände bei

Wackersdorf ein großer Industriepark.

Verbrechen und andere Katastrophen

Auch andere unangenehme Ereignisse beschäftigen

die Stadt in den Achtzigern: Im Juli

1989 sacken Teile der Erzgebirgstraße in eine

Erdhöhle. Im gleichen Jahr – kurz nach dem

die Fürstliche Brauerei ihr Roggenbier auf den

Markt bringt – gibt es eine Bierpreiserhöhung:

In den Wirtschaften müssen zwischen 10 und

30 Pfennig mehr in für die Halbe bezahlt werden

– ein echter Skandal!

Zwei schwere Verbrechen erschüttern die Bevölkerung.

Im März 1983 wird der aus der DDR

stammende Lothar Nattke im Supermarkt des

Hortens beim Diebstahl eine Dose Kaviar für

75 Mark erwischt. Bernd Tensierowski hatte

an diesem Tag Dienst, er erinnert sich: „Der

Supermarktleiter und ein Kollege wollten ihn

ins Personalbüro bringen. Zunächst ging er

Das Wirtekarussell

anstandslos mit.“ Doch als der Dieb von der

unteren Etage ins Erdgeschoß gebracht wird,

eskaliert die Situation zum Drama.

Nattke sprüht dem Supermarktleiter Tränengas

ins Gesicht und zückt eine Waffe. „Er

schoss in die Luft, in der Metalldecke steckte

eine Kugel.“ Der Verbrecher flüchtet über den

südlichen Ausgang in Richtung Kassiansplatz.

Dort gibt er drei Schüsse ab, eine Kugel tötet

eine Rentnerin.

„Jetzt schrien die Umstehenden: Haltet ihn,

haltet ihn“, so Tensierowski. „Aus dem Lokal

‚Schwan’ in der Malergasse kam unser Hausmeister

aus der Mittagspause, er stellte sich

dem Flüchtenden in den Weg.“ Nattke streckt

ihn mit einem Schuss in den Oberarm nieder

und flüchtet. Einen Monat lang fahndet die Polizei

nach dem Mörder, ehe sie ihn schnappt. Er

bekommt lebenslänglich und stirbt im Straubinger

Gefängnis.

Ein anderer Mordfall beschäftigt die Kripo bis

heute. 1987 wird unter der Nibelungenbrücke

die Leiche der 19-jährigen Manuela Chiodo

(19) gefunden. Die Friseurin aus dem Raum Kelheim

ist nackt. Der Mörder wird nie gefunden.

Der Tod des Übervaters

Am 1. Oktober 1988 landet Franz-Josef Strauß

vor dem Jagdschloss Aschenbrenner Marter

bei Donaustauf. Er will im dortigen Revier von

Fürst Johannes an einer Hirschjagd teilnehmen.

Der 73-Jährige kommt vom Oktoberfest

in München, hat dort angeblich eine Maß

getrunken und eine Schweinshaxe gegessen.

Ein Erdbeben höchster Kategorie in der nach oben offenen Wirtshausskala gab es 1986. Im

Mittelpunkt: die Wirte der drei Eckpfeiler Regensburger Bier-Tradition, dem Kneitinger, dem

Hofbräuhaus und dem Gravenreuther. Im Mutterhaus am Arnulfsplatz hieß der Wirt Hans

Schafbauer. Er ist Neffe des letzten Kneitinger-Bräus mit diesem Namen, der 1975 das Zeitliche

gesegnet hatte. Schafbauer war nun der Hoffnung, er würde einmal alles bekommen: die

Brauerei, das Stammhaus und das Sagen über den Keller am Galgenberg und den Garten an

der Steinernen Brücke. Doch Johann Kneitingers Witwe Sophie gründete lieber eine Stiftung.

Da verließ Schafbauer den Kneitinger. Zum 1. Juni 1986 war er der neue Wirt im Hofbräuhaus,

das er mit seiner Frau Gertie, einer begnadeten Köchin, gekauft hatte. Den Kneitinger übernahm

Georg Bezold, der vorher eine Bundeswehr-Kantine geführt hatte und sich an Regensburgs

wichtigster Adresse nicht lange halten sollte. Und der alte HB-Wirt Schlüter? Der wechselte

in den Gravenreuther.

(ssm)

Nach dem Verlassen des Hubschraubers bricht

der Ministerpräsident und CSU-Übervater zusammen,

wird reanimiert. Dabei brechen Rippen,

eine durchsticht die Lunge, Luft dringt in

den Magen.

Auch eine Notoperation kann den Ehrenbürger

der Stadt (der Titel ist ihm 1985 wegen

seiner Verdienste um die BMW-Ansiedlung

verliehen worden) nicht mehr retten. Nach 43

Stunden und 45 Minuten Todeskampf stirbt

er am 3. Oktober 1988 im Krankenhaus der

Barmherzigen Brüder an Multiorganversagen.

Der Leichnam wird in der Krankenhauskapelle

aufgebahrt, 15.000 Menschen defilieren vorbei.

Die Aussegnungsfeier wird von Bischof

Manfred Müller zelebriert. Am 5. Oktober

wird der Leichnam mit einer Polizei-Eskorte

nach München überführt. Auch diesen Tag

hat Bernd Tensierowski nicht vergessen: „Die

komplette Autobahn war zwischen Prüfening

und München gesperrt.“

Wenige Monate später stirbt ein zweites CSU-

Urgestein. Der aus Brennberg stammende frühere

Innenminister Herrmann Höcherl („Ich

kann nicht den ganzen Tag mit dem Grundgesetz

unter dem Arm rumrennen“) macht

am 18. Mai 1989 mit 77 Jahren seinen letzten

Atemzug.

Die neue Medienlandschaft

gern) folgt im März 1988 ein Jahrhunderthoch-

18 Die Regensburger Stadtzeitung Die Regensburger Stadtzeitung

19

wasser, der Wasserstand ist der höchste seit

1882. In den Straßen rund um die Donau

werden Stege verlegt, Tausende von Sandsäcke

liegen vor den Hauseingängen. Dennoch

entsteht Schaden von 10 Millionen Mark, ARD

und ZDF berichten tagelang in den Hauptnachrichten.

Im September 1988 wird in der damaligen

Donauhalle im Gewerbepark eine große Samstagabend-Sendung

produziert: „Vier gegen

Willi“, eine Sendung mit Hamster, Blödel-Barde

Mike Krüger und Fürstin Gloria.

Regensburger Perestroijka

Spätestens Ende der Achtziger Jahre ist der

Kalte Krieg in Europa beendet, die Entspannungspolitik

des russischen Staatspräsidenten

(mit den Schlagworten „Glasnost“ und

„Perestroijka“ – eben Entspannung) hat auch

Auswirkungen auf die Donaumetropole der

Oberpfalz: 1989 verlassen die letzten amerikanischen

Truppen ihre Unterkünfte an der Zeißstraße,

im gleichen Jahr kommen die ersten

Flüchtlinge aus der DDR nach Regensburg.

330 Menschen aus Ostdeutschland werden in

Auffanglagern in der Bajuwaren-, der Leopoldund

der Nibelungenkaserne untergebracht.

Dort stehen die Arbeitgeber Schlange, DDR-

Bürger gelten als fleißige und wenig aufmüpfige

Arbeitskräfte.

Sport: Absturz, Skandalspiel, Großereignis

Doch was machen eigentlich die beiden sportlichen

Aushängeschilder der Stadt, der Jahn

und der EVR? Der SSV ist wieder einmal abgestürzt,

findet sich zwischen 1980 und 1983

in der Landesliga wieder. 1983 gelingt der

Aufstieg in der Bayernliga, dort kicken die

Rothosen fünf Spielzeiten mit wechselndem

Erfolg: Mal fehlen vier Punkte zur Meisterschaft,

mal zwei zum Direktabstieg. 1988 aber

ist es wieder einmal soweit, der Jahn muss

runter. Ausgerechnet in dem Jahr, in dem der

SSV sein 100-jähriges Bestehen begeht, ist die

Truppe nur viertklassig.

Dasselbe gilt auch für den EV Regensburg, der

1980 in der Regionalliga antritt. Dort werden

aber die Gegner reihenweise weggeputzt, gegen

die armen Gendorfer gelingt sogar ein

24:0-Sieg. Ab 1981 jagt der EVR dem Puck in

der Oberliga nach. 1986 klopft der Klub sogar

ans Tor zur 2. Bundesliga. In der letzten Partie

fehlt lediglich noch ein Heimsieg gegen den

Stadtzeitung: Serie Regensburg – wie wir wurden, was wir sind

Das muss man der Regensburger Stadtzeitung lassen: Die Serie „Regensburg – wie wir wurden,

was wir sind“ ist eine informative Zusammenschau der jüngsten Geschichte unserer

Stadt, wie man sie selten findet. Beim Lesen der einzelnen Beiträge und dem Betrachten

der Bilder aus der Zeit der 1930er bis 1980er Jahre werden – zumindest was die allerjüngste

Vergangenheit betrifft – Erinnerungen wach. Doch wichtiger noch als das Wachrufen alter

persönlicher Erlebnisse sind meines Erachtens die Schilderung des Alltags der Regensburger

in all den Jahren sowie der konkrete Blick auf die Entwicklung unserer Stadt. Erfreulich: Auch

die Schattenseiten unserer Stadtgeschichte werden nicht verschwiegen (Schandmarsch der

Juden durch die Maximilianstraße; irrwitzige Pläne der Verkehrsplaner in den 60er und 70er

Jahren). Summa summarum: absolut lesenswert!


Dr. Klaus Schulz, Stadtrat a.D.

EV Stuttgart. Doch bei frühlingshaften Temperaturen

entwickelt sich vor prächtiger Kulisse

des brechend vollen Stadions an der Nibelungenbrücke

ein Skandalspiel:

Während sich die jungen Eigengewächse im

Team die Lunge aus dem Leib laufen, sind die

alten Hasen um Publikumsliebling Mark Mc-

Gregor von einer seltsamen Ladehemmung

befallen. Die Partie geht mit 3:4 verloren, einer

der jungen Regensburger Wilden im Team

wird sich später erinnern: „Wir Jungen kamen

mit Tränen in den Augen in die Kabine, die

Alten saßen da und haben nur gegrinst. Da

war uns klar: Die wollten gar nicht aufsteigen.“

Für positive Schlagzeilen sorgt beim Eissportverein

das Bambini-Turnier, das mittlerweile

internationalen Flair genießt und sogar Teams

aus Russland, Kanada und der USA anlockt.

Auch ein anderes sportliches Großereignis

wird geboren: 1985 findet erstmals der Arber-

Radmarathon statt, der wenige Jahre später

Tausende von Teilnehmern verzeichnen und

sogar nach Tschechien führen wird.

Und wieder wird alles anders

Zum Ende des Jahrzehnts gibt es viele Tendenzen

zur Veränderung. Bei den Kneipen hat das

quirlige Wirtschaftswunder das muffige „Forum“

in der Oberen Bachgasse abgelöst. Wer

„In“ ist, geht in eine der beiden angesagten

Diskos, dem „Scala“ (schwere Türe) oder dem

„Sudhaus“ (noch schwerere Türe). Auch das

Café Galerie leistet sich einen eigenen Türsteher,

ins „Rock Café“ kommen unter 18-Jährige

erst gar nicht rein.

Fritz Fend, der Konstrukteur des legendären

Messerschmitt-Kabinenrollers aus den Fünfziger

und Sechziger Jahren, tüftelt am Auto

der Zukunft. Er stellt eine Studie des F 2000

Karo vor, einer futuristischen Version seines

„Schneewittchen-Sarges“, die doch nie in Serien-Produktion

gehen wird.

In der Stadtmitte verliert Regensburg ein weiteres

Traditionsgeschäft: 1989 fällt das Gebäude

von Gummi Schmaus der Spitzhacke

zum Opfer. Den Laden, der besonders zur

Weihnachtszeit bei den Kindern so beliebt

war, weil er in den Schaufenstern ums Eck

auch Spielzeug ausstellte, ist nicht mehr. Dafür

gibt es im Oktober 1989 den ersten „Langen

Donnerstag“, an dem sich aber nur die Hälfte

der Einzelhändler beteiligt und an dem die

Geschäfte bis 20 Uhr geöffnet bleiben.

Die Ratisbona hat einen neuen Titel bekommen,

sie zählt seit 1988 zu den „Historischen

zehn Städten voller Charme und Romantik“

(neben Lübeck, Bremen, Bonn, Münster, Trier,

Heidelberg, Augsburg und Würzburg).

Doch im Zentrum der charmanten Stadt ist ein

heftiger Streit entbrannt. CSU-Bürgermeister

Friedrich Viehbacher will am Donaumarkt eine

Stadthalle für 50 Millionen Mark durchsetzen.

„Lieber 1.000 Wohnungen als eine Stadthalle“,

so hält die SPD dagegen. Bei einer Bürgerversammlung

im Kolpinghaus stimmen 200

Regensburger für die Halle, 298 dagegen.

Viehbacher hofft weiterhin auf „einen breiten

Konsens“ und verkennt die Stimmung in der

Stadt völlig. Das sollte sein politisches Aus

bedeuten, doch mehr darüber in unserer nächsten

Ausgabe…

(ssm)

Im letzten Teil der Stadtzeitungsserie „Regensburg – wie wir

wurden, was wir sind“ beschäftigen wir uns in der März-Ausgabe

mit den Neunziger Jahren.

Fotos: Stadtbildstelle/Hanske/ssm

Hans Schafbauer... ...und seine Frau Gertie. Neu in den Achtzigern: Strafzettel schreiben ab jetzt die Blaujacken. Das Thon-Dittmer-Palais vor der Sanierung - heute nicht wiederzuerkennen.

Die ersten, die von Strauß’ Einlieferung ins

Krankenhaus berichtet hatten, waren die Radioleute

von Radio Charivari. Martin Wunnike,

heute Verlagsleiter der Mittelbayerischen

Zeitung, hatte den richtigen Riecher und berichtete

live vom Schauplatz. Er schrieb damit

Radiogeschichte.

Das Lokalradio war im Vorjahr zusammen mit

Radio Donauspatz an den Start gegangen. Das

erste Wort, das der Sender von sich gab, war

übrigens ein unflätiges. „Scheiße, wir sind ja

schon auf Sendung“, sagte die Nachrichtensprecherin,

als sie selbiges bemerkte.

Ähnlich geistreich war der allererste Beitrag des

Regionalfernsehens, das seine Nachrichtensendung

„teletag“ im Spätherbst 1989 mit den

Worten „Regionalfernsehen gestartet“ begann.

Ein gewisser Heinz-Alfred Stöckel hatte zudem

vollmundig den Start eines dritten Radiosenders

namens Radio Ratisbona angekündigt, in

die Tat umgesetzt wurde das allerdings nicht.

Dafür mischt seit 1984 eine freche Stadtzeitung

die Presselandschaft der Domstadt auf.

„Da capo“ heißt sie noch in den ersten Monaten,

ehe sie zur Regensburger Stadtzeitung

wird, die 2014 ihr 30-jähriges Bestehen feiern

kann.

Gegründet hat die Zeitung ein Mann, der später

noch für große Furore sorgen wird: Peter

Kittel. Mit 250 Mark in der Tasche kommt er

von Cham nach Regensburg, erobert erst die

Kneipenlandschaft, danach die Mädchenherzen

und schlussendlich die Stadt. Später wird

er sogar zwei Papstbesuche organisieren.

Auch im bundesweiten Fernsehprogramm

taucht Regensburg vermehrt auf: Auf den harten

Winter 1987 mit täglich bis zu minus 20

Grad (sogar die Donau friert zu und wird zum

„Wanderweg“ für Tausende von Regensbur-

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