Gottes-Bilder: Vater und Mutter - Ev. Reformierte Gemeinde Ronsdorf

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Gottes-Bilder: Vater und Mutter - Ev. Reformierte Gemeinde Ronsdorf

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Abendgottesdienst in der Ev.-ref. Gemeinde Ronsdorf am 06.10.2013

„Gott“ – Vater oder Mutter

Predigt von Pfr. Dr. Jochen Denker

Ihr Lieben,

Gottes-Bilder werden uns in den nächsten Abendgottesdiensten beschäftigen.

Vielleicht stutzt der eine oder die andere und fragt: „Wie? Wir haben doch gelernt,

dass man sich keine Bilder von Gott machen soll – und jetzt Predigten zu

dem Thema. Da reicht doch wohl eine und die sagt: ‚Mach Dir kein Bildnis‘ und

dann ist die Sache auch durch.“

Seht, es gibt viele Arten von Bildern und nicht alle fallen unter das sogenannte

Bilderverbot“. Die Bibel selber spricht in „Bildern“ von Gott. Sie sucht Vergleiche

aus der Welt, in der wir leben, um einige der vielen Facetten Gottes besser zu

verstehen. Wir können ja nur menschlich von Gott reden, wir brauchen dazu auch

„Sprachbilder“, sonst müssten wir ganz von ihm schweigen.

Was Gott uns verbietet ist, ihn auf ein Bild festzulegen, am besten noch in Blei

gegossen oder in Stein gemeißelt, damit wir es vor uns hinstellen können und sagen:

„Das ist unser Gott“ oder das wir als kleines Amulette in die Tasche stecken

und sagen: „Ich hab Gott immer bei mir – ich hab ihn in der Tasche.“ Dann gilt:

Macht euch kein Bildnis, betet es nicht an und dient ihnen nicht. Der lebendige

Gott kann in kein totes Bild gepresst werden, er passt in keine unserer vielen

Schubladen.

Die Gottes-Bilder, mit denen wir uns in den nächsten Monaten befassen stammen

alle aus der Bibel.

Heute beginnen wir mit dem wohl bekanntesten. Gott als Vaterund wir werden

sehen, dass wir dann sogleich auch sagen müssen „und als Mutter“. Denn beides

steckt in der Bibel, auch wenn unsere Tradition gerade das zweite kaum wahrgenommen

hat.

Wenn wir Gott „unseren Vater“ nennen, dann sagen wir damit zu allererst, dass

wir ihn uns als ein Gegenüber und als eine Person vorstellen. Er ist ein „Du“,

dem ich als „Ich“ gegenübertrete, mit dem ich in Kontakt kommen kann, reden

kann, der auf mich reagiert und ich auf ihn. Das ist das erste: Gott ist ein lebendiges

Gegenüber, kein Ding, keine tote Sache.

Personen kennen wir in unserer Welt nun aber immer als männlich oder weiblich.

Das „Bild“ von Gott als Vater wählt dann eindeutig die männliche Seite, wie das

die meisten biblischen „Bilder“ von Gott tun. Und das hat wohl zwei nachvollziehbare

Gründe:

Zum einen stammt die Bibel aus einer patriarchalen Welt. Zu bestimmen hatten

die Männer, sie galten etwas, sie machten Geschichte, sie hatten das Sagen. Die

Macht lag in ihren Händen und von Gott, dem „Herrn“, dem Schöpfer des Himmels

und der Erde, dem „Allmächtigen“, sprach man daher in männlichen Bilder.


Man sprach vom „Richter“, dem „Herrscher“ und „König“, und wenn man davon

reden wollte, wie nahe er ist, wie eng mit dem Menschen verbunden, da lag das

„Bild“ des „Vaters“ gewissermaßen auf der Hand. Wenn man von seiner Liebe

sprechen wollte, war er der „Vater“, der seinen „Sohn“, sein „Kind“ Israel liebt –

oder auch der „Bräutigam“ der Israel, seiner „Braut“, in manchmal eifersüchtiger

und brennender Liebe zugewandt ist.

Und da war noch ein anderer Grund, in männlichen Bildern von ihm zu sprechen.

Der hatte mit den Religionen im Umfeld Israels zu tun. Da waren die kriegerischen

Götter und die fruchtbaren Göttinnen und jeder und jede hatte eigene Charakterzüge

und Aufgaben. Auf dem Weg zum Glauben an einen Gott, fiel für Israel

die Möglichkeit aus, die beiden Geschlechter auf mehrere Götter zu verteilen

und da wählte man aufs Ganze gesehen vorrangig die männlich Variante.

Aber man tat das nicht ungebrochen! Und hier liegt die bis heute verstörende und

wunderbare Kraft der biblischen Rede von Gott. Denn so durchgängig männlich,

wie wir bis heute von Gott reden und denken, redet und denkt sie von ihm nicht.

Leider ist manches von der „weiblichen Seite“ Gottes in Vergessenheit geraten

und in den vielen Übersetzungen auch „wegretuschiert“ worden.

Ein paar Beispiele:

5.Mose 4,

15 So hütet euch nun wohl - denn ihr habt keine Gestalt gesehen an dem Tage, da

der HERR mit euch redete aus dem Feuer auf dem Berge Horeb -,

16 dass ihr euch nicht versündigt und euch irgendein Bildnis macht, das gleich

sei einem Mann oder einer Frau

Oder in Hosea 11,9 heißt es

„Ich bin Gott und nicht ein Mann“

Aber schon die griechische Übersetzung des Alten Testaments veränderte diesen

Satz in „Ich bin Gott und nicht ein Mensch“

Schon die Schöpfungsgeschichte könnte dazu mahnen, Gott nicht nur männlich –

aber auch nicht nur weiblich – zu denken. Da heißt es:

1.Mose 1,27 „Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf

er ihn und er schuf sie – als Mann und Frau“ wörtlicher: „männlich und weiblich“.

Das Ebenbild Gottes ist nach 1. Mose 1 gerade nicht allein der „Mann“ – Gott ist

darum auch nicht einfach „männlich“, sondern das Ebenbild Gottes ist der

Mensch in seiner Zweigeschlechtlichkeit.

Und nur wenn beides im Blick ist, kann von der „Gottebenbildlichkeit“ des Menschen

gesprochen werden, weil der Mensch eben nicht nur allgemein „der

Mensch“ ist, sondern er ist männlich oder weiblich mit all dem, was das mit und

aus ihm macht.

Wie arm wäre die Welt, gäbe es nur Männer. Wie arm, gäbe es nur Frauen. (Mal

ganz abgesehen davon, dass sie dann rein physisch keinerlei Zukunft hätte).

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Wie arm wäre unser „Bild“ von Gott, wäre es allein männlich.

Und es zeigt sich, dass die Bibel von Gott dann auch in ausdrücklich „weiblichen

Bildern“ reden kann.

„Denn so spricht der HERR:… Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.“

heißt es in Jesaja 66,13.

Und der 131. Psalm singt – Fürwahr, (bei Dir, HERR, ist) meine Seele still und

ruhig geworden wie ein kleines Kind bei seiner Mutter (Vers 2).

Und auf zwei weitere Verse möchte ich hinweisen die sich in unseren Lutherbibeln

so leider nicht finden.

Psalm 2,7: »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt. heißt es da von Gott.

Wörtlich steht dort aber: „Du bist mein lieber Sohn, heute habe ich dich geboren“.

Aber nein, Gott ist männlich, er kann nicht gebären, er kann nur zeugen – scheint

Luther gedacht zu haben. Da dominiert in unguter Weise ein Bild von Gott über

die Vielfalt, in der die Bibel von ihm spricht.

Ein ähnliches Bild zeigt Psalm 90,2

„Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden, bist

du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit“, übersetzt Luther

Wörtlich heißt es in der hebr. Bibel „Bevor die Berge geboren wurden und du unter

Wehen Erde und Erdkreis geboren hast – durch alle Zeiten bist Du, Gott.

Das ist erstaunlich! Von Gott, der im 1. Vers des Psalms mit dem männlichen Begriff,

„Herr“ oder „Herrscher“ angeredet wurde heißt es: „du hast die Erde geboren“.

Gott als gebärende Frau, als Mutter in den Wehen. Das wird hier mit einer

männlichen Verbform gesagt, doch Gott ist dabei in einer unverkennbar weiblichen

Rolle. Luther und viele Übersetzungen mit ihm bis heute wollen das nicht

wahrhaben und setzen stattdessen das dogmatisch so gewohnte „schaffen“ ein,

das an den Schöpfer erinnert. Das steht aber so nicht da.

Die Bibel hält hier die Spannung aus, die die Übersetzungen auflösen. Gerade aus

dieser Unbekümmertheit, die Spannung auszuhalten spricht aber das lebendige,

nicht auf ein Geschlecht reduzierbare Gottesbild der Bibel.

Noch ein letzter Hinweis. Auch die christliche Dogmatik hat dem „Bild“ vom allein männlichen

Gott bewusst oder unbewusst mächtig Vorschub geleistet.

Wir sprechen von Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist

Im Hebräischen waren die drei Wirkweisen Gottes 2 mal männlich (Vater und Sohn) und einmal

weiblich, denn „die Ruach“ die „Geistkraft“ kann man vielleicht übersetzen, ist weiblich.

Im Griechischen blieben die beiden männlichen Prädikate stehen, aber das weibliche wurde zu

einem Neutrum (to pneuma). Im Lateinischen und dann im Deutschen blieben zuletzt sozusagen

3 „Männer“ über.

Lange Rede, kurzer Sinn.

Wir dürfen von Gott als Vater und Mutter sprechen, denn beider Kinder sind wir

auf Erden und gut, wenn wir beide haben. Freiwillig und ungezwungen verzichtet

kein Kind auf den Vater oder die Mutter.


Gott umfasst alles, was wir unter uns Menschen vielleicht in Rollen verteilt haben

und als männliche oder weibliche Eigenschaften Vater und Mutter zuschreiben.

Er ist uns nahe, wie sie es sind. Er – oder sollte man nicht doch auch mal „sie“ sagen

– sie sorgt für uns und nimmt uns zärtlich in den Arm. Wir liegen ihr am

Herzen, sie weint mit uns und tröstet uns. Gott richtet uns auf und macht uns

stark, wie es gute Eltern tun, er zeigt uns den Weg ins Leben und gibt uns Regeln,

an denen wir uns manches Mal reiben, gegen die wir aufbegehren und deren tiefen

Sinn wir doch oft ahnen. Er kann uns nicht vergessen, wie einen die eigene

Mutter nicht vergessen kann und sie lässt uns nicht fallen, wie ein Vater sein Kind

wohl immer auffängt, wenn es um Hilfe bittet und sich in seinen Arm wirft. Wie

Eltern an Kindern leiden, so leidet er, wenn unser Leben aus den Fugen gerät und

wie Eltern sich über ein gelingendes Leben freuen, freut sie sich mit uns.

Viele stört es, so von Gott zu sprechen. Vielleicht auch den einen oder anderen

von Euch. Aber muss es nicht stören, wenn wir wirklich von Gott sprechen, der

alle unsere „Bilder“ sprengt? Und ist es nicht ein Zeichen, dass wir ihn in unguter

Weise auf ein Bild festlegen, wenn wir ihn nicht auch „unsere Mutter“ nennen

können?

Und noch eines zum Schluss.

Wenn wir Bilder aus unserer Erfahrungswelt nutzen, um von Gott zu reden, dann

nehmen wir all unsere Erfahrungen mit. Auch das Bild von Vater und Mutter hat

neben seiner großen Stärken darum auch eine Schwäche. Auch mit Vater und

Mutter sind Erfahrungen nicht immer gut, weil Menschen als Väter und Mütter

nicht immer „gut“ sind. Kinder, die von ihrem Vater oder ihrer Mutter missbraucht

wurden, können mit diesem „Gottes-Bild“ große Probleme haben. Es löst

nicht aus, was es auslösen soll, nämlich die Gefühle von Liebe, Nähe und Vertrauen

wachrufen. Dann müssen andere Bilder sprechen, vielleicht auch solche,

die nicht in der Bibel stehen oder dort keine Rolle spielen. Gott als Freundin und

Freund vielleicht oder wer auch immer in meinem Leben für Treue und Zuverlässigkeit

steht, für Liebe und Geborgenheit.

Denn das ist es, was dieses „Bild“ von Gott als Vater und Mutter dir und mir

nachhaltig ins Herz schreiben will: Du bist nicht allein. Du hast ein Zuhause. Du

hast jemanden, der dich gewollt hat und dem du am Herzen liegst. Du bist Gott

wichtig! Ohne ihn wärst du nicht, der du bist – und er wäre ohne Dich nicht, der

er ist. Ihr gehört zusammen – vom Anfang bis zum Ende.

Amen.

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