1 Der 8. März bleibt Kampftag: „… denn eine Frau ... - Welt der Arbeit

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1 Der 8. März bleibt Kampftag: „… denn eine Frau ... - Welt der Arbeit

Der 8. März bleibt Kampftag:

„… denn eine Frau im Kanzleramt ist nicht genug“

FRAUEN BESTIMMT lautet das ein wenig mehrdeutige

Motto des Deutschen Gewerkschaftsbundes zum Internationalen

Frauentag 2009. „Einige Meilensteine auf dem Weg

zur Gleichberechtigung liegen bereits hinter uns“, stellt der

DGB fest. „Wir haben viel erreicht und trotzdem: Echte

Gleichstellung… sieht anders aus.“ Und an erster Stelle auf

dem gewerkschaftlichen Forderungskatalog steht wieder

einmal „gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit“.

Wie berechtigt diese Forderung ist, wird - ob aus Zufall oder

Absicht, jedenfalls kurz vor dem Internationalen Frauentag

dieses Jahres - von der EU bestätigt. Vladimir Spidla, der

Kommissar für Arbeit und Soziales, brachte kürzlich ein

skandalöses Faktum in Erinnerung: Noch immer verdienen

europaweit Frauen weniger als Männer, wenn beide gleichwertige

oder sogar gleiche Erwerbsarbeit verrichten. Außerdem

werden Frauen weiterhin beim Zugang zu Führungspositionen

benachteiligt. Gegen diese Missstände geht der

zuständige EU-Kommissar jetzt mit einer Kampagne vor.

Deutschland rangiert auf den hinteren Plätzen

Das sollte besonders in Deutschland Beachtung finden,

denn hierzulande ist die Situation besonders negativ: Im

EU-Durchschnitt lag die Entlohnung von Frauen im vergangenen

Jahr um 17,4 Prozent unter der Bezahlung von Männern;

bei uns aber verdienten Frauen sogar 23 Prozent weniger

als ihre männlichen Kollegen. Die Ungleichbehandlung

in der Entlohnung hat sich gegenüber dem Vorjahr sogar

noch verschlechtert. In einem „Welt“-Interview stellte

der EU-Sozialkommissar dazu deshalb fest: „Deutschland

(gehört) nach wie vor zu den Staaten mit der größten Ungleichheit

bei der Bezahlung von Männern und Frauen. Nur

in Österreich, Zypern, Tschechien und Estland sind die Unterschiede

noch größer.“

Diese Unterschiede sind jedoch nicht ausschließlich in geringerer

Bezahlung von Frauen-Arbeit begründet; sie werden

stark auch durch die höhere Quote von Frauen in Teilzeitarbeit

verursacht: 31 Prozent, also fast ein Drittel, der

erwerbstätigen Frauen leisten Teilzeitarbeit – viermal mehr

als Männer. Doch ist Teilzeitarbeit für viele Frauen immer

noch die einzige Möglichkeit, überhaupt erwerbstätig zu

sein; denn es gibt für sie in Deutschland weiterhin keine

ausreichenden Möglichkeiten, Familien- und Berufsarbeit

miteinander zu vereinbaren. So fordert denn der DGB an

zweiter Stelle seiner Forderungen aus Anlass des Internationalen

Frauentags „Bildungs- und Betreuungseinrichtungen

für alle Kinder“. Tatsächlich aber werden Frauen in allzu

vielen Fällen, wie einst, als einzig Zuständige für die Erziehung

der Kinder und für die Pflege alter Angehöriger sowie

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für die Haushaltsführung betrachtet. Im EU-Durchschnitt

betätigen sich Männer sechs Stunden pro Woche im Haushalt,

Frauen aber 25 Stunden. Volkswirtschaftlich betrachtet,

ist das eine Ressourcenverschwendung; denn, so

Kommissar Spidla: „Viele Frauen haben eine exzellente

Ausbildung“, und „die Mehrzahl der Hochschulabschlüsse

wird heute von Frauen und nicht von Männern gemacht.“

Aber die Lohnunterschiede bleiben; sie sind übrigens in einigen

Branchen überdurchschnittlich hoch. Da überrascht

es kaum noch, dass Frauen, trotz vorzüglicher Ausbildung,

in Führungspositionen eine fast verschwindend kleine Minderheit

bilden: acht Prozent in den 200 größten deutschen

Unternehmen.

Vorkämpfer für Frauenrecht: Zetkin und Bebel

Diese Zustände machen deutlich, dass eine Gesetzgebung

im Sinn von Gleichberechtigung zwischen Frauen und

Männern das Eine ist, deren Umsetzung aber etwas ganz

Anderes. In der Bundesrepublik Deutschland gilt seit 60

Jahren das - gerade in diesen Wochen und Monaten gefeierte

– Grundgesetz. Zu den unveräußerlichen Grundrechten

gehört Artikel 3: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“

Zudem haben wir seit zweieinhalb Jahren das Allgemeine

Gleichbehandlungsgesetz, populär Antidiskriminierungsgesetz

genannt. Und doch gibt es immer noch Ungleichbehandlung

von Frauen und Männern im Erwerbsleben.

Dabei liegt die Gleichlohnforderung nicht erst wenige Jahre

zurück, auch nicht 60 Jahre, sondern doppelt so lange.

1889, vor 120 Jahren, erklärte Clara Zetkin, die sozialdemokratische

Frauenrechts-Kämpferin, auf der Zweiten Internationale

in Paris, was sie im gleichen Jahr in einer Broschüre

(Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der Gegenwart,

Berlin 1889) veröffentlichte: Zwar habe die Industrialisierung

in jenen Jahren die Fabrikarbeit so sehr verbilligt, dass Arbeiter

ihre Familien nicht mehr allein ernähren konnten und

ihre Frauen, schlimmstenfalls sogar ihre Kinder, mit verdienen

mussten; aber die notwendig gewordene Frauen-

Erwerbstätigkeit, so Zetkin, „legte auch den Grundstein zu

der ökonomischen Unabhängigkeit, damit überhaupt zu der

Emanzipation des weiblichen Geschlechts“. Allerdings wurden

auch damals Fabrikarbeiterinnen schlechter bezahlt als

ihre männlichen Kollegen, obwohl beide, Männer wie Frauen,

für die Arbeit an Maschinen nur angelernt worden waren.

Und so klang schon in der politischen Diskussion des

ausgehenden 19. Jahrhunderts das zentrale Problem an.

Schwangerschaft, Wochenbett und andere „körperliche Störungen“

nutze, wie August Bebel schrieb (Die Frau und der

Sozialismus, Leipzig 1879), der Unternehmer aus „und findet

für die Unannehmlichkeiten, die er aus solchen Störungen

hat, einen doppelten Ersatz in der Zahlung erheblich

niedrigerer Löhne“. Zudem sei die Frau „an den Ort ihres

Aufenthaltes oder dessen nächste Umgebung gebunden;

sie kann nicht, wie in den meisten Fällen der Mann, ihren

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Aufenthaltsort wechseln.“ Mit anderen Worten: Die familiären

Rücksichten, die Frauen, besonders verheiratete Arbeiterinnen,

zu nehmen hatten, machten sie notgedrungen gefügig.

Frauen als gefürchtete Lohndrücker

Clara Zetkin hatte zwar August Bebel als Kämpfer für die

Gleichberechtigung der Frauen – auch und gerade im Arbeitsleben

– auf ihrer Seite, nicht aber die Mehrzahl ihrer

männlichen Genossen. Für die galt lange Zeit das bürgerliche

Ideal („Meine Frau hat es nicht nötig, arbeiten zu gehen“).

Außerdem erlebten Arbeiter die Frauen am Industriearbeitsplatz

neben sich als „Lohndrücker“, als „Schmutzkonkurrenz“,

wie das damals genannt wurde. Hier liegt die

Hauptursache für den sozialistischen Antifeminismus. Umso

erstaunlicher scheint zu sein, dass die Delegierten der sozialistischen

Internationale 1889 in Paris die Forderung nach

gleicher Bezahlung von Frauen- und Männerarbeit beschlossen:

„Gleicher Lohn für die gleiche Arbeit für die Arbeiter

beiderlei Geschlechts und ohne Unterschied der Nationalität“,

heißt es in der damals üblichen Diktion.

Bei der Einführung des Internationalen Frauentags – in

Deutschland 1911 – stand ein anderes Kampfziel an erster

Stelle: das Frauenwahlrecht. Nach dessen Durchsetzung,

so nahmen die Initiatorinnen und die Massen ihrer Mitstreiterinnen

an, wäre das Wesentliche erreicht: Frauen kämen

in die Parlamente und würden für eine Gesetzgebung sorgen,

die ein gleichberechtigtes, partnerschaftliches Miteinander

von Frau und Mann ermöglicht. Wir wissen, dass das

ein Trugschluss war.

Um die Wahl des Tages – den 8. März – ranken sich manche

Mythen. Es war dies auch nicht immer der international

verbindliche Termin; die Frauentage wurden anfangs in der

Regel irgendwann zwischen Februar und April veranstaltet.

In Deutschland wurde der 8. März erstmals im Jahr 1914,

am Vorabend des Ersten Weltkriegs, zum Frauentags-

Termin gewählt. Wieder ging es primär um den Kampf fürs

Frauenwahlrecht, das dann bei Kriegsende eingeführt wurde.

… und immer wieder die alten Kampfthemen

In den folgenden, wenigen Jahren der ersten deutschen

Republik änderten sich die Themen der Kundgebungen

zum Internationalen Frauentag: Der Kampf um den Achtstundentag

und der Kampf gegen den Strafrechtsparagraphen

218 standen fortan im Mittelpunkt der politischen Forderungen.

Außerdem ging es wiederholt um Arbeitsschutzgesetze,

um eine Verbesserung des Mutter- und Kinderschutzes,

um die Festsetzung von Mindestlöhnen und sehr

früh auch wieder um die Forderung nach gleicher Entlohnung

bei gleichwertiger Arbeitsleistung. Dann aber zer-

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schlugen die Nazis die deutsche Gewerkschaftsbewegung

und verboten die demokratischen Parteien, zuallererst die

Linken und mit ihr auch den Internationalen Frauentag.

Stattdessen propagierten sie den Muttertag, mitsamt der

NS-Mutterschaftsideologie. Ehestandsdarlehen und Mutterkreuze

sollten die Gebärfreudigkeit der Frauen, also die

Zahl der ‚Kinder für den Führer’ fördern. Das galt im NS-

Staat als Sinn für Frauenleben.

Das Ende des Zweiten Weltkriegs brachte den Beginn des

Kalten Krieges. Die sozialistisch sich nennenden Staaten

besetzten den Internationalen Frauentag mit ihrer Ideologie;

deshalb wurde im Westen an die Tradition bewusst nicht

angeknüpft. Erst als sich in der Folge der Achtundsechziger

eine neue Frauenbewegung zu formieren begann, wurden

solche Berührungsängste ignoriert und Internationale Frauentage

wieder begangen. Die Mehrzahl der Kampfthemen

waren in erschreckendem Maß noch immer so ähnlich wie

Jahrzehnte zuvor: Wahlfreiheit zur Vereinbarung von Familie

und Beruf; Chancengleichheit von Mädchen und Jungen

in schulischer und beruflicher Bildung sowie für Frauen und

Männer beim Berufszugang und bei den Aufstiegsmöglichkeiten;

die Gleichbehandlung bei Entlohnung und sozialer

Sicherung.

2009: DGB und EU gemeinsam für Gleichlohn

Etwa zur gleichen Zeit, ab den Siebzigerjahren des vergangenen

Jahrhunderts, schuf auch die Europäische Union (die

damals noch nicht EU, sondern EG und davor EWG hieß)

erste zusätzliche Möglichkeiten zur Durchsetzung von

Frauenrechten. 1975, 1976 und 1978 wurden drei Richtlinien

beschlossen, und zwar über die gleiche Entlohnung

von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, über die Chancengleichheit

beim Zugang zu Ausbildung, Beschäftigung

und beruflichem Aufstieg sowie über die Gleichbehandlung

von Frauen und Männern im Bereich der sozialen Sicherheit.

Es gab weitere Richtlinien (die von den Signatarstaaten,

also auch von der Bundesrepublik Deutschland, in nationales

Recht umgesetzt werden müssen!) und zahlreiche

Aktionsprogramme. Sie alle fußten auf Artikel 119 des

EWG-Gründungsvertrag von 1957: „Jeder Mitgliedstaat wird

den Grundsatz des gleichen Entgelts für Männer und Frauen

bei gleicher Arbeit anwenden.“ Auf dieser Basis und auf

den Richtlinien der Siebzigerjahre fanden übrigens die ersten

erfolgreichen Gleichlohn-Klagen von Frauen statt.

Trotzdem hat nach über drei Jahrzehnten der EU-Kommissar

für Arbeit und Soziales allen Anlass, eine neue

Kampagne für die Gleichberechtigung von weiblichen und

männlichen Erwerbstätigen zu starten.

Und der DGB wird sich zum Internationalen Frauentag dieses

Jahres wieder einmal stark für die Rechte erwerbstätiger

Frauen machen. Neben den beiden schon genannten

Forderungen nach Gleichlohn und Betreuungsmöglichkeiten

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für alle Kinder treten die Gewerkschaften ein für flexible Arbeitszeitmodelle,

gleiche Karrierechancen, Eindämmung

von Niedriglöhnen und so genannter prekärer Beschäftigung

sowie für eine sichere Altersversorgung. In seiner Argumentation

nutzt der DGB-Aufruf „Frauen bestimmt“ die

zahlreichen Wahlen, die in diesem Jahr noch anstehen:

„Wir werden die politischen Parteien daran messen, welche

Antworten sie auf diese dringenden Fragen geben – bei der

Bundestagswahl genauso wie bei der Europawahl, den

Landtags- und Kommunalwahlen…, denn eine Frau im

Kanzleramt ist nicht genug – das ist die berühmte Schwalbe,

die noch keinen Sommer macht.“

Antje Dertinger (März 2009)

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