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Wenn Nervenzellen explodieren

Sonne stand im finsteren Chor und schaute hilflos aus seiner Karre heraus,

ich selber kniete bleich neben dem zuckenden Vater und ministrierte

im säuerlichen Geläut der Ausdünstungen, so gut es ging. Nach einer

Ewigkeit, die meinen Bruder und mich in zwei kleine Greise verwandelt

hatte, die Sonne stand jetzt im Zenit, der Geruch von angebranntem

Fleisch lag in der Luft, schaute Vater erwachend um sich. Er nickte mir

zu, erhob sich langsam und wendete das Blatt. Er ordnete seine Kleider,

schneuzte ins Sonntagstuch, zog sein dunkelblaues Béret in die Stirn und

visierte mit den Augen einen fernen Punkt am Horizont an.

Klaus Merz, Jakob schläft

Das Gehirn ist das komplexeste Organ des Menschen. Es erfüllt

hochkomplizierte Funktionen mühelos und ist so vielseitig, daß

es dem leistungsfähigsten Computer nach wie vor und in beinahe

allen Belangen überlegen ist. Allerdings ist dieses Wundergebilde

für Störungen anfällig.

Eine Störung kann beispielsweise durch einen epileptischen

Anfall ausgelöst werden. Solch ein Anfall entsteht, wenn sich viele

Nervenzellen gehäuft und in kurzen Abständen ›entladen‹. Doch

nicht jede Störung, die anfallsweise auftritt, ist ein epileptischer

Anfall. Zudem sind mehr als zehn unterschiedliche Formen epileptischer

Anfälle bekannt. Vor allem aber hat nicht jeder Mensch,

der von einem oder mehreren epileptischen Anfällen betroffen

wurde, auch eine Epilepsie!


Nicht alles was zuckt, ist eine Epilepsie

Begriffe wie »Fallsucht«, »Krampfleiden« oder medizinisch

moderner »zerebrales Anfallsleiden« sind nur einige wenige Versuche,

die Krankheit Epilepsie zu beschreiben. Schon Hippokrates

(ca. 460–375 v.Chr.) vermutete: »Das Gehirn ist Ausgangspunkt

des Anfallsgeschehens«, glaubte aber auch, daß das epileptische

Geschehen seine Ursache in einem Überfluß an Schleim habe.

Der Begriff ›Aura‹ wird erstmals von Galen (129– ca. 200) verwendet.

Er steht dafür, daß es Anzeichen eines beginnenden

Anfalls gibt, die »nur der Kranke selbst wahrnimmt«. Paracelsus

schreibt 1525 von den Krankheiten, die »uns der Vernunft berauben«,

und stellt fest, daß auch Tiere an Epilepsie erkranken können.

Epilepsie schreckt und fasziniert die Menschen gleichermaßen.

Die Krankheit ist sagenumwoben, geheimnisvoll, hat vielen

Schriftstellern Stoff für eindrückliche Schilderungen geboten.

Fjodor Dostojewskij litt selbst an Epilepsie und hat wie kaum ein

anderer sein eigenes Krankheitsschicksal in seine Werke einbezogen.

Epilepsiemotive spielen eine wichtige Rolle in vielen seiner

Romane, wobei Fürst Myschkin in Der Idiot wohl das bekannteste

Beispiel darstellt. Thomas Mann ›bewahrt‹ Felix Krull durch einen

simulierten epileptischen Anfall vor dem Militärdienst, in Agatha

Christies Mord auf dem Golfplatz wird die Leiche eines durch einen

epileptischen Anfall zu Tode gekommenen Mannes zur Vortäuschung

eines Mordes benutzt, das Gesicht von Monk, Oliver Twists

bösem Halbbruder, ist durch epileptische Anfälle entstellt, die

als Gottesstrafe für seine Schlechtigkeit aufgefaßt werden – die

literarischen Beispiele füllen viele Bände. Künstler der verschiedensten

Kulturen wählten die Epilepsie als Motiv für Bilder und

Skulpturen, und selbst zeitgenössische Darstellungen zeigen ein

anhaltendes Interesse an diesem Krankheitsbild in der Kunst.

Der Ausdruck »morbus sacer« deutet darauf hin, daß die Epilepsie

auch in der Bibel erscheint – ohne daß sie allerdings präzise

bezeichnet würde. Um ein Beispiel zu nennen: Der Sturz des

Saulus vom Pferd und die anschließende christliche Bekehrung

zum Paulus in Damaskus kann durchaus als schwerer epilpetischer

Anfall interpretiert werden: »Während er aber dahinzog,

geschah es, daß er in die Nähe von Damaskus kam, und plötzlich

umstrahlte ihn ein Licht vom Himmel her, und er stürzte zu

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Boden und hörte eine Stimme. (…) Da stand Saulus vom Boden

auf, obgleich jedoch seine Augen geöffnet waren, sah er nichts.«

(Apostelgeschichte 9; 3,4,8).

Votivtafeln spielen seit dem 17. Jahrhundert im christlichreligiösen

Brauchtum eine große Rolle. Die meist naiv bemalten

Holztafeln zeigen den Grund der Anrufung oder den Heiligen,

der um Hilfe angefleht wurde, und sind auch für die Krankheit

Epilepsie und an Epilepsie erkrankte Menschen bekannt. Zahlreiche

dieser Tafeln zeigen Schutzpatrone für Epilepsie wie den

Heiligen Valentin, den Heiligen Bernhard, den Heiligen Cyriakus

oder den Heiligen Severin von Noricum, andere stellen Christus

als Epilepsieheiler dar.

Es verwundert nicht, daß in den Köpfen der Menschen die

abenteuerlichsten Vorstellungen über die Krankheit Epilepsie

herumgeistern. Im Laufe der Jahrhunderte wurde sie entweder in

sphärische Höhen erhoben oder aber als Gottesstrafe verteufelt.

Im Mittelalter war man einerseits überzeugt, daß Vertrauen, Optimismus

und Mut günstige Voraussetzungen für eine erfolgreiche

Epilepsiebehandlung seien, gleichzeitig glaubten viele jedoch, daß

diese Krankheit eine ›gichtige, vermeinte‹, das heißt angehexte,

angewünschte sei und nur mit überirdischer Hilfe geheilt werden

könne. Zur Zeit des Dritten Reichs wurde die »Fallsucht« auch

von Medizinern fälschlicherweise als eine Erbkrankheit angesehen;

folglich fielen Menschen mit Epilepsie unter das am 14. Juli 1933

von der Reichsregierung beschlossene ›Gesetz zur Verhütung erbkranken

Nachwuches‹. Das Gesetz trat im Januar 1934 in Kraft

und führte zunächst zur Zwangssterilisation von Epilepsiekranken

und gipfelte in der sogenannten Euthanasie-Aktion T4, der über

siebzigtausend behinderte Menschen zum Opfer fielen.

Am weitesten verbreitet ist wohl das Bild vom Menschen, der

wie von einer Axt gefällt und laut schreiend zusammensinkt. Ohne

Bewußtsein liegt er am Boden, Arme und Beine zucken, aus dem

Mund tritt Schaum. Tatsächlich gibt es diese Form der Epilepsie;

ja, sie ist gar nicht einmal so selten – auch bekannt als »Grand-mal-

Anfall« aber sie ist nur eine Form von vielen. Als Merksatz gilt:

Nicht alles, was zuckt, ist Epilepsie, und: An Epilepsie erkrankte

Menschen müssen nicht zucken.

Epileptische Anfälle sind also keineswegs immer von Auffälligkeiten

wie Schrei, Bewußtlosigkeit, Steifwerden, Zungenbiß,

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Umfallen, Blauwerden oder Krampf begleitet. Im Gegenteil: Sie

können so harmlos daherkommen – etwa eine bloße Unaufmerksamkeit

von wenigen Sekunden oder aber ein kurzes Zucken einer

Hand –, daß nicht einmal die Betroffenen etwas davon merken.

»Epileptischer Anfall« ist ein Sammelbegriff für die unterschiedlichsten

Krankheiten und Ursachen. Der Name geht auf das griechische

Wort επιλαµπειν zurück, was »packen«, »jemanden heftig

ergreifen« bedeutet. Eine allgemeingültige und für alle Anfallsformen

zutreffende Beschreibung könnte so lauten: Ein epileptischer

Anfall ist eine relativ kurz dauernde, plötzliche Änderung

des Bewußtseins, Denkens, Verhaltens, Erinnerns, Fühlens oder

Empfindens oder der Anspannung der Muskulatur auf Grund

einer vorübergehenden Funktionsstörung von Nervenzellen im

Gehirn in Form vermehrter und einander gegenseitig aufschaukelnder

elektrischer Entladungen.

So präzise diese Umschreibung sein mag, so untauglich ist sie

für den Alltag. Vereinfachend könnte man sagen: Epileptische

Anfälle sind Ausdruck einer vorübergehenden Funktionsstörung

von Nervenzellen. Die Auswirkungen hängen davon ab, welche

Funktion die beteiligten Nevenzellen normalerweise haben.

Wenn zum Beispiel die für die Geruchsempfindung verantwortlichen

Zellen betroffen sind, kann es zu einer Beeinträchtigung der

Riechfähigkeit kommen. Gleiches gilt für Zellen in Verbindung

mit dem Sehen oder dem Gedächtnis. Man weiß inzwischen, daß

jede Nervenzelle und jeder Nervenzellverband im Gehirn ›epileptisch‹

werden können.

Epilepsie ist die Bezeichnung für eine Gruppe funktioneller

Störungen des Gehirns, deren Gemeinsamkeit darin besteht, daß

es zu wiederholten und ›spontanen‹ epileptischen Anfällen kommt.

Diese werden im Gehirn von abnormen, exzessiven elektrischen

Entladungen von Nervenzellen begleitet. Epileptische Anfälle sind

unspezifische Antworten des Gehirns auf eine Vielzahl möglicher

Schädigungen und Reize. Die Ursachen können sowohl in einer

ererbten, von Geburt an vorhandenen erhöhten Anfallsneigung,

in erworbenen Schädigungen des Gehirns als auch in einer

Veränderung am Gehirn oder einer Verletzung, die bereits längere

Zeit zurückliegt, bestehen. Warum eine alte Verletzung oft während

vieler Jahre keine Anfälle auslöst und es plötzlich – ohne erkenn­

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aren Grund – dazu kommt, ist bis heute nicht geklärt. Sehr

oft läßt sich allerdings auch mit den modernsten Untersuchungsmethoden

die tatsächliche Ursache einer Epilepsie nicht nachweisen.

Von der Krankheit Epilepsie wird erst nach zwei epileptischen

Anfällen, die im Abstand von mindestens vierundzwanzig Stunden

auftreten und für deren Auftreten jeweils keine aktuelle Ursache

oder Auslöser erkennbar sind, gesprochen. Zu einer diagnostizierten

Epilepsie gehört auf längere Sicht ein mehr oder weniger großes

Risiko eines erneuten, überwiegend ›spontanen‹ Auftretens

epileptischer Anfälle. Dies bedeutet, daß die Betroffenen aufgrund

einer zeitweise auftretenden Störung in ihrem Gehirn eine

erhöhte Neigung zu epileptischen Anfällen haben. Nach einem

ersten epileptischen Anfall kann allenfalls von einem Verdacht

auf eine beginnende Epilepsie gesprochen werden, sofern sich

auch im Elektroenzephalogramm (EEG) deutliche Hinweise

dafür finden. Verglichen mit Menschen mit einer diagnostizierten

Epilepsie erleiden etwa zehnmal mehr Menschen in ihrem Leben

nur einen einzigen Anfall.

Gleichzeitiges Auftreten gleichbleibender Merkmale

Ein Syndrom ist das gleichzeitige Auftreten mehrerer, gleichbleibender

Merkmale. In der Medizin bezeichnet ein Syndrom

ein Krankheitsbild mit regelhaftem Auftreten einer bestimmten

Kombination von Kennzeichen oder Krankheitsmerkmalen. Es

wurde früher häufig nach den Menschen benannt, die es zuerst

beschrieben oder ›entdeckt‹ haben.

Ein Epilepsiesyndrom ist ein typisches Krankheitsbild mit

bestimmten Formen epileptischer Anfälle und Merkmalen hinsichtlich

der Anfallsformen, der Ursache, dem Ort des Anfallsursprungs

im Gehirn, den Auslösefaktoren, dem Erkrankungsalter,

dem Schweregrad, der Beziehungen zum Schlaf-Wach-Rhythmus

oder des Verlaufs.

Jeder Kenner eines Epilepsiesyndroms weiß auf Anhieb, mit

welchen Merkmalen zu rechnen ist. Nachteilig ist, daß die meisten

Syndrome in der Medizin schon vor vielen Jahren beschrieben

wurden, meist zu einer Zeit, als man noch nichts oder kaum etwas

zu Fragen wie der Vererbung oder möglicherweise zugrundeliegenden

Veränderungen wußte. Dies bedeutet, daß wahrscheinlich

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viele dieser vermeintlich einheitlichen Syndrome mit zunehmendem

Wissen ›auseinanderfallen‹ oder aber auf verschiedene

Ursachen zurückgeführt werden und damit möglicherweise auch

verschiedenen Behandlungsformen zugeordnet werden müssen.

Epilepsiesyndrome bleiben oft längere Zeit unentdeckt.

Manchmal liegt dies einfach daran, daß es sich um eher seltene

Krankheitsformen handelt. Manchmal liegt es indes auch daran,

daß die ersten Krankheitszeichen oder Anfälle wenig dramatisch

sind und lange Zeit überhaupt nicht an die Möglichkeit einer

Epilepsie gedacht wird. Ein typisches Beispiel ist die sogenannte

juvenile myoklonische Epilepsie (JME), bei der die betroffenen

Jugendlichen oft über einige Jahre hinweg morgendliche, unwillkürliche

Zuckungen der Armmuskulatur bei intaktem Bewußtsein

haben, ohne daß sie sich etwas Besonderes dabei denken.

Dies auch deshalb, weil diese Zuckungen praktisch immer dann

auftreten, wenn die Betroffenen nur sehr wenig geschlafen haben.

Erst wenn generalisierte tonisch-klonische oder Grand-mal-Anfälle

hinzukommen, wird ein Arzt aufgesucht.

Rund ein Prozent der Bevölkerung ist betroffen

Epileptische Anfälle und eigentliche Epilepsien sind stärker verbreitet,

als allgemein angenommen wird. Sie zählen mit zu den

häufigsten Beschwerden, deretwegen Patienten einen Neurologen

aufsuchen. Daß die Krankheit Epilepsie als selten gilt, ist wohl

auch darauf zurückzuführen, daß man den meisten Menschen mit

einer Epilepsie nicht ansieht, daß sie daran leiden.

Grundsätzlich können epileptische Anfälle bei jedem Menschen

auftreten, dessen Gehirn plötzlich geschädigt oder durch eine akute

Erkrankung in Mitleidenschaft gezogen wird. Beinahe jeder Mensch

mit bestimmten Hirntumoren erleidet einen epileptischen Anfall.

Ebenso Menschen, die sich eine schwere Kopfverletzung zugezogen

haben, deren Gehirn von Sauerstoffmangel betroffen ist oder die

von bestimmten Medikamenten eine Überdosis eingenommen

haben. Wenn diese Umstände nicht verändert werden, kann es zu

wiederholten Anfällen kommen. Wie bereits erwähnt, heißt dies

noch nicht zwingend, daß die Betroffenen eine Epilepsie haben

(Abb. 1).

Bis zum achtzigsten Lebensjahr hat jeder zehnte Mensch einen

oder mehrere Anfälle. Indes: Zumeist sind diese Anfälle nicht mit

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Anfall

epileptischer Anfall

akute Ursache

nein ja

einzelner Anfall

nein ja

Epilepsie

nichtepileptischer

– TIA

– Synkope

– etc.

akuter symptomatischer

Anfall

(Gelegenheitsanfall)

unprovozierter Anfall

Abb. 1: Entscheidungsfindung, ob ein Anfall im Rahmen einer Epilepsie vorliegt

oder nicht (TIA = transitorisch-ischämische Attake).

Häufigkeit

(pro 1000

Menschen)

10 (1%)

5 (0.5%)

0 10 20 40 60 80 Alter

Abb. 2: Häufigkeit einer Epilepsie in Abhängigkeit vom Lebensalter (nach

Hauser).

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