Nachlesen - Jesuiten St. Michael

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HOMEPAGE ST. MICHAEL

Predigt zum Nachlesen

Jesuitenkirche St. Michael

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FASTENPREDIGTEN 2013

Predigt zum ersten Fastensonntag – OTTO HERMANN PESCH

München, St. Michael, 17.02.2013

Thema: Das Zweite Vatikanische Konzil: ein überraschender Aufbruch

Zielsatz: Rechnet selbst mit dem „überraschenden Aufbruch“!

Einleitung

Erlauben Sie mir, mit einer ganz persönlichen Erinnerung zu beginnen! Ich bin, und

dafür danke ich Gott auf den Knien, in einem konsequent anti-nationalsozialistischen

Elternhaus aufgewachsen. Meine Eltern, insbesondere mein Vater haben sich nie auch

nur eine Spur von der Nazi-Ideologie anrühren lassen – was mitunter für den Vater

einer sechsköpfigen Familie nicht ganz ungefährlich war. Mein Vater hatte zusammen

mit anderen jungen Katholiken 1933 bei dem damaligen Domvikar Josef Teusch, dem

späteren Generalvikar von Kardinal Frings, die Missio canonica erworben, also die

Befugnis, Religionsunterricht im Auftrag der Kirche zu erteilen. Man befürchtete damals

noch den unvermeidlichen Rückzug in eine Untergrundkirche und ein Verbot des

öffentlichen Religionsunterrichtes durch Priester und wollte für Ersatz gerüstet sein. Es

kam dann doch nicht so weit. Aber mein Vater war nun „Experte“ und Ansprechpartner

bei Fragen über Glaube und Kirche. Sein jeweiliges Umfeld (Freunde, Kollegen und

Kolleginnen) waren ihm dafür dankbar.

Nun war Papst Pius XII. am 9. Oktober 1958 gestorben. Am 28 Oktober ging - nach

einem spannenden Konklave ohne Favoriten – der Professor für Kirchengeschichte,

langjährige päpstliche Diplomat in nicht-katholischen Ländern in Osteuropa

(Griechenland, Bulgarien, Türkei), später Apostolischer Nuntius in Frankreich und

schließlich Erzbischof/Patriarch von Venedig, Angelo Roncalli, als Papst Johannes

XXIII. hervor. Und nach wenigen Tagen kamen die Kollegen und Kolleginnen, jüngste

Nachrichten im Kopf, zu meinem Vater, und eine ihrer drängendsten Fragen war: „Was

ist nur mit der Kirche los?“

In der Tat: Über Nacht veränderte der neue Papst das Gesicht der Kirche, ihr „Image“,

wie wir heute sagen würden. Nicht durch neue Verordnungen und öffentliche Reden,

sondern einfach durch einen neuen Stil seiner Amtsführung. Gewiss, er behielt das

altmodische Zeremoniell bei; trug die „Tiara“, die dreifache mittelalterliche Papstkrone,

Symbol des alten päpstlichen Anspruchs auf Weltherrschaft, die erst sein Nachfolger

ablegte; er bediente sich in seinen Ansprachen und Schriften des üblichen „Wir“ statt

„ich“ – einfach, weil er meinte, das müsse so sein. Aber er schlich sich in einfacher

Priesterkleidung aus dem Vatikan, spazierte durch Rom und redete mit den Leuten, bis

die ihn erkannten – woran sich einer der bald hoffähig werdenden Papstwitze


anschloss: „Welchen Whiskey trinkt der Papst? Natürlich: Jonny Walker!“ Er aber

kommentierte: „Sie werden sich an mein Auftreten gewöhnen wie an das eines

einfachen Gemeindepfarrers.“

Dieser Papst also wagte den unerwarteten Aufbruch des Konzils. Doch zunächst war es

sein eigener unerwarteter Aufbruch.

Hauptteil – 1. Die Ankündigung

Es ist ein schöner, alter Brauch, dass ein neugewählter Papst im Laufe der ersten

Monate nach seinem Amtsantritt reihum die römischen Hauptkirchen besucht und dort

die Eucharistie feiert:: Santa Maria Maggiore, San Giovanni in Laterano, San Paolo fuori

le mure (Sankt Paul vor den Mauern, außerhalb der römischen Innenstadt). Am

Sonntag, dem 25.Januar 1959 war die letzte der Hauptkirchen zu besuchen, die

Johannes seit seiner Studentenzeit besonders liebte: St. Paul vor den Mauern. Die in

Rom anwesenden Kurienkardinäle, die mit wenigen Ausnahmen nichts ahnten, hatte er

nach der Eucharistiefeier zu einer Besprechung in den Kapitelsaal des

angeschlossenen Benediktinerklosters gebeten. Der Papst teilte ihnen als seinen

festen, keiner Diskussion mehr unterliegenden Entschluss zu einem zweifachen

Vorhaben mit: einer Synode für Stadt und Diözese Rom und eines „ökumenischen

Konzils“ für die ganze Kirche. Wobei „ökumenisch“ hier noch nichts mit unserem

geläufigen Begriff vom Verhältnis zwischen den getrennten Kirchen zu tun hat, sondern

nur, kirchenrechtlich korrekt, ein Konzil der Gesamtkirche meint, im Unterschied zu

einer Regionalsynode.

Die Verblüffung, ja das Entsetzen der Teilnehmer und bald aller Mitglieder der

römischen Kurie kann man sich vorstellen. Der Papst hat dazu später notiert:

„Menschlich hätten Wir erwarten können, dass die Kardinäle, nachdem sie Unsere

Ankündigung gehört hatten, sich um Uns geschart hätten, um ihre Zustimmung und

guten Wünsche auszudrücken. Stattdessen gab es ein frommes und eindrucksvolles

Schweigen. Erklärungen folgten in den nächsten Tagen.“ Und was für Erklärungen!

Eine der bösesten stammt von dem Kardinal Siri von Genua: „Die Kirche wird 50 Jahre

brauchen, um sich von den Irrwegen Johannes’ XXIII. zu erholen.“

Und man kann es sogar ein wenig verstehen. Pius XI. und Pius XII. waren ohne Zweifel

große Päpste. Die Vollmacht, die ihnen das Erste Vatikanische Konzil (1869/70)

zuerkannt hatte, haben sie weise genutzt, Reformanliegen engagierter Katholiken und

vieler Theologen klug gefördert, ängstliche Abwehrmaßnahmen ihres Vorgängers Pius’

X. gegen den sogenannten „Modernismus“ entkrampft und in der Kirche wieder Luft

zum Atmen geschaffen. Und so folgten in den 30er und 40er Jahren eine kleine Reform

auf die andere: von der „Erfindung“ des „Laienapostolates“ durch Pius XI. bis zur

Wiedereinführung der Osternacht-Liturgie am Ostersonntagmorgen und der

beträchtlichen Erleichterung, fast Abschaffung der Vorschrift der Nüchternheit vor dem

Kommunionempfang durch Pius XII. Treue Katholiken wie mein Vater waren stolz auf

diesen Papst. Und so gab es beim Tode Pius’ XII. gewiss noch weitere Reformanliegen,

vor allem hinsichtlich des freien Wortes in der Kirche und in der theologischen

Forschung. Aber ein Konzil? Konnten die Päpste nicht allein tun, was nottat, und das

viel weniger aufwendig und billiger?

2. Eine plötzliche Eingebung?

Seit dem Tag der Ankündigung des Konzils rätselt man daran herum, was den Papst

auf die Idee des Konzils gebracht hat. Er selbst hat später berichtet, die Idee sei ihm

gekommen in einem Gespräch mit seinem Kardinal-Staatsekretär Tardini am 20. Januar

1959, drei Monate nach seiner Wahl. „Plötzlich entsprang in Uns eine Eingebung wie

eine Blume, die in einem unerwarteten [!] Frühling blüht. Unsere Seele wurde von einer

großen Idee erleuchtet… Ein Wort, feierlich und verpflichtend, formte sich auf Unseren


Lippen. Unsere Stimme drückte es zum ersten Mal aus – Konzil.“ Wir wissen heute aus

der Erforschung des Lebens des Papstes,

dass dies so nicht ganz stimmt. Richtig aber ist, dass dieses Gespräch mit Tardini

entscheidend war. Denn wenn der Kardinalstaatsekretär sich nicht an die Spitze der

Bewegung stellte, dann würde alles vergeblich sein. Und Tardini gehorchte – nicht

überzeugt, aber loyal, vielleicht mit etwas „Dienst nach Vorschrift“, wie bald dann auch

bei den anderen Mitgliedern der Kurie, im Klartext: mit ein wenig Spiel auf Zeit in der

nicht unbegründeten Erwartung, vielleicht sogar Hoffnung auf den baldigen Tod des

Papstes und damit das Ende der Konzilspläne. Offenbar waren damals auch die

deutschen Bischöfe heimlich von solcher Erwartung geprägt, denn sie haben bis zum

Herbst 1959 gewartet, ehe sie die päpstliche Ankündigung vom Januar in ihren

Amtsblättern veröffentlichten!

Der Papst hat diese Gedankenspiele natürlich gemerkt. Selbstironisch hat er den

Sachverhalt im August 1961, ein gutes Jahr vor der Eröffnung des Konzils einmal so

dargestellt:„Als die Kardinäle der Heiligen Römischen Kirche am 28.Oktober 1958 mich

im Alter von 77 Jahren zum Oberhaupt der ganzen Herde Christi erwählten, verbreitete

sich die Meinung, ich würde ein Papst des provisorischen Übergangs sein. Und jetzt

stehe ich bereits im vierten Jahre meines Pontifikates und habe ein gewaltiges

Programm abzuwickeln, auf das die ganze Welt erwartungsvoll blickt.“

3. Konzilspläne

Auf jeden Fall war es zunächst einmal ein „überraschender Aufbruch“ für Johannes`

XXIII. selbst. Wie es seiner persönlichen Frömmigkeit entsprach, hat er seine

kirchenpolitischen Initiativen immer als Eingebung des Heiligen Geistes verstanden.

Man sieht das besonders an seiner Hinwendung zur Ökumene, auf die wir noch zu

sprechen kommen. Dennoch, ganz aus dem Nichts kam sein Konzilsplan nicht. Kardinal

Ottaviani, damals Chef der Kongregation für die Glaubenslehre, die zu seiner Zeit noch

Sanctum Officium hieß – ganz genau wie bei seiner Gründung 1542: Sanctum Officium

Romanae et universalis Inquisitionis: „Heiliges Officium der römischen und weltweiten

Inquisition“ – hat später einmal geäußert, er habe im Konklave, aus dem Johannes

XXIII. als Papst hervorging, diesen auf die Konzilsidee gebracht. Da ist etwas dran.

Denn wir wissen heute: Die Päpste Pius XI. und Pius XII. hatten Pläne gemacht, das

1870 wegen des Ausbruchs des Deutsch-Französischen Kriegs nur unterbrochene und

vertagte Erste Vatikanische Konzil erneut einzuberufen und abzuschließen. Sie haben

diese Pläne wieder aufgegeben, als sie sich darüber klar wurden, welche

Schwierigkeiten dem entgegenstehen würden – nicht zuletzt die Frage, ob die Bischöfe

aus dem damaligen Ostblock überhaupt die Genehmigung bekommen würden, zum

Konzil anzureisen.

Johannes XXIII. wusste also von diesen Konzilsplänen und könnte von ihnen angeregt

worden sein. Nur eins war ihm von vornherein klar: Dieses Konzil würde er nicht

einberufen.

4. Ein Konzil ganz neuen Typs

Normalerweise wird ein Konzil einberufen – soweit dies nach dem Primatsdogma des

Ersten Vatikanischen Konzils überhaupt noch nötig und empfehlenswert ist -, um

heillose Streitfragen, die den Zusammenhalt der Kirche bedrohen, einer Lösung

zuzuführen. Das kann man vor allem an den Konzilien der Alten Kirche erkennen.

Solche gab es zur Zeit der Pius-Päpste nicht – jedenfalls nicht solche, die nicht die

Päpste selbst aufgrund ihrer Lehrautorität längst entschieden hatten – nicht immer ohne

problematische Folgen, wie zum Beispiel im Gefolge der Enzyklika Humani generis von

1950 mit ihrem Rundumschlag gegen alle neueren Aufbrüche in der katholischen

Theologie und der nachfolgenden Maßregelung der betroffenen Theologen – die dann,


wie es in unserer geliebten Kirche so geht, vom Nachfolger in Rom alle rehabilitiert und,

soweit noch lebend, zu Kardinälen ernannt wurden!

Johannes XXIII. musste also kein Konzil einberufen, um die Kirche spaltende

Streitfragen zu entscheiden. Warum dann aber?

Von Anfang an war für den Papst klar: Kein Konzil, das neue Dogmen verkündete und

entsprechende ausgrenzende Verurteilungen aussprach! Obwohl manche Gruppen in

der Kirche versuchten, in dieser Hinsicht ihre Chance zu nutzen, vor allem auf dem

Gebiet der Lehre von Maria, der „Mariologie“. Es gibt die berühmte Anekdote von

Roberto Tucci, dem Chefredakteur der halboffiziösen römischen Zeitschrift „Civiltà

Cattolica“, der den Papst bei einer Audienz mit einem Zentimetermaß in der Hand

antraf, vor ihm eine der (römischen) Vorlagen für das Konzil: „Sehen Sie, in dieser

Vorlage 30 cm Verurteilungen!“, sagte der Papst. Er hatte tatsächlich die Länge der

Verurteilungen mit dem Zollstock abgemessen! Das also wollte der Papst nicht. Er

wollte ein Konzil, auf dem der Weltepiskopat – insgesamt 2.700 stimmberechtigte

Bischöfe, von denen durchschnittlich 2.100 auf dem Konzil anwesend waren - ins

Gespräch darüber kommen sollte, wie die gute Botschaft des Evangeliums in der

heutigen Welt und ihren Nöten hilfreich und im besten Sinne „attraktiv“ zur Sprache

gebracht werden könne. Dabei wurde nun das Konzil selbst ein unerwarteter, ein

überraschender Aufbruch. Das kam so:

5. Das Konzil selbst – ein überraschender Aufbruch

Der Papst berief zunächst eine „Vor-Vorbereitungskommission“ (Commissio

antepraeparatoria) ein, die die möglichen Themen für das Konzil sichten und festlegen

sollte. Daraufhin berief er eigentliche Vorbereitungskommissionen zu den

vorgesehenen Themen ein, die Vorlagen als Diskussionsgrundlage für das Konzil zu

erarbeiten hatten. Bis heute rätselt man daran herum, warum der Papst nicht nur

ausschließlich Mitglieder der römischen Kurie und römische Theologen in diese

Kommissionen berief, sondern zu deren Vorsitzenden die Präfekten der für diese

Themen jeweils zuständigen römischen Kongregationen ernannte. Konnte er denn,

nach all den kurieninternen Widerständen, davon ausgehen, dass auf diese Weise

Vorlagen entstehen würden, die seinen Vorstellungen vom Auftrag des Konzils

entsprachen? Und dann das nächste Rätsel: Der Papst war, trotz mancher Kritik an

Einzelheiten, mit den erarbeiteten Vorlagen im Wesentlichen sehr zufrieden, wie seine

Randbemerkungen an den Manuskripten belegen. Er war überzeugt, dass die Texte die

Zustimmung der überwältigenden Mehrheit des Konzils finden würden – und dass das

Konzil im Dezember 1962 abgeschlossen und Weihnachten alle wieder zuhause sein

würden!

Aber es kam anders. Gleich in den ersten Tagen nach der Eröffnung des Konzils

scheiterten erste Versuche der kurialen Kräfte, das Konzil zu manipulieren – zum

Beispiel bei dem Versuch, die Konzilskommissionen mit Vertrauensleuten der Kurie zu

besetzen. Ein amerikanischer Bischof äußerte anschließend: „Wir merkten, dass wir ein

Konzil waren, und keine Schuljungen, die man zusammengetrommelt hatte.“ Und

dieses Konzil lehnte dann die vorbereiteten Vorlagen zu 90% ab und forderte völlige

Neubearbeitung. Die heftigen Debatten führten mehrfach das Konzil in ernste Krisen –

und da war es gut, dass man einen Papst mit Primatsvollmacht hatte: Johannes XXIII.

griff ein und ordnete an, was das Konzil wegen der hohen Hürden der

Abstimmungsregeln – nur mit Zweidrittel-Mehrheit – nicht zustande brachte:

Zurückziehung und völlige Neubearbeitung der umstrittenen Vorlagen.

Noch einen anderen Vorgang hat Papst Johannes als Wink des Heiligen Geistes

verstanden und beherzigt. In seiner Ankündigung des Konzils hat er als dessen Ziel

bezeichnet, die „Einheit der Christen“ zu stärken – und dabei nachweislich die

Katholiken gemeint. Aber, nicht überraschend: die „Christen“, vor allem in den

gemischt-konfessionellen Ländern, verstanden das begreiflicherweise so, dass das


Konzil sich auch die Frage nach neuer Einheit zwischen den getrennten Kirchen stellen

solle. Und so kam es zu einem wahren Dammbruch ökumenischer Erwartungen an das

Konzil – und für dieses Thema hatte man in Rom gar keine Fachleute. Was tat der

Papst? Er wandte sich an die „Illegalen“: an die, die seit langem getan hatten, was

kirchenrechtlich ohne römische Erlaubnis verboten war: in theologischen Arbeitskreisen

unter Fachleuten die theologischen Streitfragen zwischen den Kirchen zu diskutieren.

Von besonderer Bedeutung wurde der schon seit 1946 bestehende und von den

Bischöfen Lorenz Jaeger (Erzbischof von Paderborn) und Wilhelm Stählin

(evangelischer Bischof in Oldenburg) „beschützte“ ökumenische Arbeitskreis, darum

lange auch „Jaeger-Stählin-Kreisi“ genannt, in dem sich jährlich hinter verschlossenen

Ledertüren die Crème der deutschen katholischen und evangelischen Theologie

versammelte und diskutierte. Der Papst berief Erzbischof Jaeger zum Chefberater für

ökumenische Fragen, machte ihn zum Kardinal, gründete auf seinen Rat hin das

Sekretariat für die Einheit der Christen, machte den Leiter des päpstlichen Bibelinstituts

und einzigen Ökumene-Fachmann in Rom, den Jesuiten Augustin Bea zu dessen Leiter

und ihn ebenfalls zum Kardinal, und lud offizielle Beobachter der nicht-katholischen

Kirchen zum Konzil, wo sie über das Einheitssekretariat Verbesserungsvorschläge für

die werdenden Konzilsdokumente einreichen sollten – was sie mit großer Wirksamkeit

taten.

Und so wurde das Konzil eine unerwartete, überraschende Gesprächs- und

Diskussionsversammlung und erarbeitete seine eigene Tagesordnung, unter

maßgebendem Einfluss vor allem von Seiten prominenter deutscher und französischer

Bischöfe und – ihrer theologischen Berater, unter ihnen auch ein junger und schon

prominenter Theologe mit Namen Joseph Ratzinger, damals Professor in Bonn. Was

dabei herauskam, davon werden wir in den folgenden Predigten noch Einzelheiten

hören. Jedenfalls: Die erste Sitzungsperiode wurde zur Warmlauf-Phase des Konzils

und endete mit den Arbeitsaufträgen an die nunmehr vom Konzil selbst berufenen

Kommissionen für die einzelnen Themen. Von „Weihnachten wieder alle zuhause“

konnte keine Rede mehr sein.

6. Der letzte Aufbruch des Papstes

Aber wie weiter ohne den schon todkranken Papst? Noch einmal kommt es zu einem

überraschenden Aufbruch. Der Papst rief den Erzbischof von Brüssel, Kardinal

Suenens, und den Erzbischof von Mailand, Kardinal Montini zu sich und verständigte

sich mit ihnen auf eine Fortsetzung des Konzils mit zwei weiteren Sitzungsperioden –

es wurden dann drei - zu den Themen „Die Kirche in ihrem Innenverhältnis“ und „Die

Kirche in ihrem Verhältnis zur Welt“. Kardinal Montini trug dies wie einen eigenen

Vorschlag in der Konzilsaula vor und fand die Zustimmung der Väter. Nun konnte

Johannes nur noch hoffen, dass sein Wunschkandidat Montini auch sein Nachfolger

würde. Er wurde es als Papst Paul VI., nachdem Johannes XXIII. im Juni 1963

gestorben war, tief betrauert von der ganzen christlichen Welt – und nicht nur der

christlichen Welt.

Diese zuletzt geschilderten Hintergründe sind erst seit den 80er Jahren und der Öffnung

des Briefarchivs von Paul VI. bekannt. 1963 zitterten wir alle, ob ein Nachfolger das

Konzil beenden würde – was er kirchenrechtlich hätte tun können. Und ich erinnere

mich noch lebhaft daran, wie ich am 21.Juni 1963 hier in München im

Fundamentaltheologischen Seminar saß und an meiner Doktorarbeit bosselte. Gegen

16:30 kam Richard Heinzmann, damals Assistent von Professor Michael Schmaus,

heute seit langem emeritierter Professor für Christliche Philosophie und Präsident der

Eugen-Biser-Stifung, herunter ins Seminar. Er hatte Nachrichten gehört und sagte:

„Montini ist gewählt. Jetzt wird das Konzil weitergehen.“ Und bald wurden die ersten

Texte des unerwarteten Aufbruchs fertig: die Liturgiekonstitution, die

Kirchenkonstitution, das Ökumenismusdekret.


Schluss

Was bedeutet unser kurzer Rückblick auf das gänzlich unerwartete und dann gänzlich

überraschend verlaufene Konzil? Nur eine erstaunliche Geschichte auf der

Anekdotenseite der neueren Kirchengeschichte? Nur eine Bestätigung jener Anekdote

von jenem knochenkatholischen Südoldenburger Bauern, der zu Beginn des Konzils

gesagt haben soll: „Lass die in Rom beschließen, was sie wollen, ich bleibe

katholisch!“? Nein, der „überraschende Aufbruch“ des Papstes Johannes’ XXIII. und

des Konzils ist ein Hinweis, eine Mahnung, ja eine Forderung, aber auch und zuerst

eine Ermutigung für uns. Wir können, dürfen und sollen auch heute mit dem

„überraschenden Aufbruch“ rechnen, uns ihm anvertrauen, ihn fördern, wo das unsere

Möglichkeit ist.

1. Das fängt an, wo das kirchliche Amt, an der Spitze der Papst – bald der neue Papst -,

endlich das tut, worauf ungezählte Katholiken in der ganzen Welt warten: den schon

sprichwörtlichen „Reformstau“ in der Kirche anzupacken. Also: eine echte Kollegialität

der Bischöfe mit dem Papst in der Leitung der Kirche zu institutionalisieren – statt der

bisher rein zeremoniellen fünfjährigen Bischofssynoden, auf denen es auch unter

Benedikt XVI. zu einer echten, das heißt: auch kontroversen Diskussion über die Lage

der Kirche in der Welt nicht gekommen ist. Also: Immer gespannt nach Rom blicken!

2. Es geht weiter mit einer echten stärkeren Eigenständigkeit der Teilkirchen. Kann es

denn recht sein, dass die Kirche als Weltkirche nur so in Erscheinung treten kann, dass

auf Taiwan ebenso wie in Brasilien alles bis ins Kleinste genauso zugehen muss wie in

Rom (und eventuell in Deutschland), ohne Rücksicht auf die unterschiedlichen

Kontexte, nicht zuletzt auf dem Feld der Liturgie? Also: Neugierig sein, was sich über

Europa hinaus überraschend in der Weltkirche tut!

3. Und wiederum geht es weiter mit der seit dem Konzil immer noch unabgegoltenen

institutionell abgesicherten Mitwirkung des ganzen Volkes Gottes, also der Laien, an

der Gestaltung des kirchlichen Lebens, und zwar nicht nur in beratender Funktion, die

die Amtsträger zu nichts verpflichtet. Ermutigend sind freilich Vorgänge, wie die

Tatsache, dass der Erzbischof von München, Kardinal Marx mehrere Frauen in leitende

Positionen am Münchener Ordinariat bestellt hat, darunter eine Frau zur Leiterin des

Bildungsreferates. Der Bischof von Osnabrück hat, wenn meine Information stimmt,

eine Frau zur Leiterin des Seelsorge-Referates bestellt. Also: unsere Bischöfe auch

einmal loben, weil noch Zeichen und Wunder geschehen!

4. Ich zögere nicht, auch zum öffentlichen Zuspruch zu ermutigen, wenn Gruppen von

Laien und/oder Theologen mit einem öffentlichen Aufruf, zum Beispiel einem

„Memorandum“, dringende Anliegen für eine Reform in Verkündigung und

Gemeinschaftsleben der Kirche vortragen. Wenn, wie geschehen, hochrangige

rotgekleidete Repräsentanten des kirchlichen Amtes meinen urteilen zu dürfen, das sei

gegen die Lehre der Kirche, so kann man ihnen nur Canon 212 § 3 des neuen

Kirchenrechts von 1983 entgegen halten, den eigentlich alle Laien auswendig können

sollten: „Entsprechend ihrem Wissen, ihrer Zuständigkeit und ihrer hervorragenden

Stellung haben sie [alle Gläubigen] das Recht und bisweilen sogar die Pflicht,

ihre Meinung in dem, was das Wohl der Kirche angeht, den geistlichen Hirten

mitzuteilen und sie unter Wahrung der Unversehrtheit des Glaubens und der Sitten und

der Ehrfurcht gegenüber den Hirten und unter Beachtung des allgemeinen Nutzens und

der Würde der Personen den übrigen Gläubigen kundzutun“ – also: zu veröffentlichen!

Denn wer als Insider etwas weiß, welche Mühe ein solcher Text macht, der weiß auch:

Es ist auch dies immer ein überraschender Aufbruch.

5. Und endlich: Es gilt auch aufmerksam zu sein, auf den eigenen „überraschenden

Aufbruch“. Wir stehen am Beginn der Fastenzeit – oder, wie man heute etwas

schönfärberisch sagt: der „österlichen Bußzeit“. Es könnte ja sein, dass uns – über

„sieben Wochen ohne…“ hinaus - der überraschende Einfall käme, einmal etwas zur


Auffrischung und Vertiefung unseres Glaubens zu tun. Etwa: einmal das ganze Neue

Testament zu lesen! (Empfehlung im Anschluss an Romano Guardini: Mit der

Apostelgeschichte beginnen, dann die Evangelien, dann die Briefe, und zwar zuerst die

sogenannten „katholischen“, also nicht von Paulus geschriebenen Briefe und dann die

Paulusbriefe, am besten beginnend mit dem persönlichsten Brief: dem Philipperbrief).

Oder einmal den Tag beginnen (oder abschließen) mit der Lektüre eines religiösen

Buches. Oder sich einmal mit Aufbau und Bedeutung der Eucharistiefeier beschäftigen,

an der wir alle Sonntage teilnehmen. Oder die religiösen Fortbildungsangebote der

kirchlichen Bildungswerke und Akademien in Anspruch nehmen. Wir haben allen

Anlass, auch uns selbst einen „überraschenden Aufbruch“ zuzutrauen. Früher sprach

man hier gläubig von den „Eingebungen des Heiligen Geistes“. Die haben, ganz

nüchtern, die Gestalt unserer guten Einfälle, die wir befolgen oder überhören können.

Und dazu hat der Apostel Paulus einen Rat, der im Rückblick auf den unerwarteten

Aufbruch des Konzils wie ein Programm dasteht: „Löschet den Geist nicht aus“ (1

Thess 5,19). Und der Apostel fügt wie für uns hinzu: „Verachtet prophetisches Reden

nicht! Prüft alles, und das Gute behaltet!“

HINWEIS: TEXT NUR ZUM PERSÖNLICHEN GEBRAUCH

JEGLICHE VERÖFFENTLICHUNG, AUCH NUR IN TEILEN, IST NUR DEM AUTOR VORBEHALTEN

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