Nachlesen - Jesuiten St. Michael

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wie es in unserer geliebten Kirche so geht, vom Nachfolger in Rom alle rehabilitiert und,

soweit noch lebend, zu Kardinälen ernannt wurden!

Johannes XXIII. musste also kein Konzil einberufen, um die Kirche spaltende

Streitfragen zu entscheiden. Warum dann aber?

Von Anfang an war für den Papst klar: Kein Konzil, das neue Dogmen verkündete und

entsprechende ausgrenzende Verurteilungen aussprach! Obwohl manche Gruppen in

der Kirche versuchten, in dieser Hinsicht ihre Chance zu nutzen, vor allem auf dem

Gebiet der Lehre von Maria, der „Mariologie“. Es gibt die berühmte Anekdote von

Roberto Tucci, dem Chefredakteur der halboffiziösen römischen Zeitschrift „Civiltà

Cattolica“, der den Papst bei einer Audienz mit einem Zentimetermaß in der Hand

antraf, vor ihm eine der (römischen) Vorlagen für das Konzil: „Sehen Sie, in dieser

Vorlage 30 cm Verurteilungen!“, sagte der Papst. Er hatte tatsächlich die Länge der

Verurteilungen mit dem Zollstock abgemessen! Das also wollte der Papst nicht. Er

wollte ein Konzil, auf dem der Weltepiskopat – insgesamt 2.700 stimmberechtigte

Bischöfe, von denen durchschnittlich 2.100 auf dem Konzil anwesend waren - ins

Gespräch darüber kommen sollte, wie die gute Botschaft des Evangeliums in der

heutigen Welt und ihren Nöten hilfreich und im besten Sinne „attraktiv“ zur Sprache

gebracht werden könne. Dabei wurde nun das Konzil selbst ein unerwarteter, ein

überraschender Aufbruch. Das kam so:

5. Das Konzil selbst – ein überraschender Aufbruch

Der Papst berief zunächst eine „Vor-Vorbereitungskommission“ (Commissio

antepraeparatoria) ein, die die möglichen Themen für das Konzil sichten und festlegen

sollte. Daraufhin berief er eigentliche Vorbereitungskommissionen zu den

vorgesehenen Themen ein, die Vorlagen als Diskussionsgrundlage für das Konzil zu

erarbeiten hatten. Bis heute rätselt man daran herum, warum der Papst nicht nur

ausschließlich Mitglieder der römischen Kurie und römische Theologen in diese

Kommissionen berief, sondern zu deren Vorsitzenden die Präfekten der für diese

Themen jeweils zuständigen römischen Kongregationen ernannte. Konnte er denn,

nach all den kurieninternen Widerständen, davon ausgehen, dass auf diese Weise

Vorlagen entstehen würden, die seinen Vorstellungen vom Auftrag des Konzils

entsprachen? Und dann das nächste Rätsel: Der Papst war, trotz mancher Kritik an

Einzelheiten, mit den erarbeiteten Vorlagen im Wesentlichen sehr zufrieden, wie seine

Randbemerkungen an den Manuskripten belegen. Er war überzeugt, dass die Texte die

Zustimmung der überwältigenden Mehrheit des Konzils finden würden – und dass das

Konzil im Dezember 1962 abgeschlossen und Weihnachten alle wieder zuhause sein

würden!

Aber es kam anders. Gleich in den ersten Tagen nach der Eröffnung des Konzils

scheiterten erste Versuche der kurialen Kräfte, das Konzil zu manipulieren – zum

Beispiel bei dem Versuch, die Konzilskommissionen mit Vertrauensleuten der Kurie zu

besetzen. Ein amerikanischer Bischof äußerte anschließend: „Wir merkten, dass wir ein

Konzil waren, und keine Schuljungen, die man zusammengetrommelt hatte.“ Und

dieses Konzil lehnte dann die vorbereiteten Vorlagen zu 90% ab und forderte völlige

Neubearbeitung. Die heftigen Debatten führten mehrfach das Konzil in ernste Krisen –

und da war es gut, dass man einen Papst mit Primatsvollmacht hatte: Johannes XXIII.

griff ein und ordnete an, was das Konzil wegen der hohen Hürden der

Abstimmungsregeln – nur mit Zweidrittel-Mehrheit – nicht zustande brachte:

Zurückziehung und völlige Neubearbeitung der umstrittenen Vorlagen.

Noch einen anderen Vorgang hat Papst Johannes als Wink des Heiligen Geistes

verstanden und beherzigt. In seiner Ankündigung des Konzils hat er als dessen Ziel

bezeichnet, die „Einheit der Christen“ zu stärken – und dabei nachweislich die

Katholiken gemeint. Aber, nicht überraschend: die „Christen“, vor allem in den

gemischt-konfessionellen Ländern, verstanden das begreiflicherweise so, dass das

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