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Veranstaltung „Inklusion ja – aber wie?“

am 1. Juni 2012 in Berlin

„Anspruch (Inklusion) - Wirklichkeit (Segregation) - Möglichkeit (Integration)

Für Menschen mit schweren Körper- und Mehrfachbehinderungen. Eine exemplarische Analyse am Beispiel

der Tagesförderstätten der Spastikerhilfe Berlin eG“.

Gedanken zur Integrations-Inklusions-Debatte und die gegenwärtige Wirklichkeit für erwachsene Menschen

mit (schwer/st/en) Körper- und Mehrfachbehinderungen am Beispiel einer Tagesförderstätte in

Berlin.

Vortrag von Reiner Müller

Diplom-Pädagoge, Master of Business Administration

Abteilungsleiter Arbeit

Spastikerhilfe Berlin eG

unter Verwendung eines Aufsatzes von Klaus Zinn

Diplom-Psychologe, Spastikerhilfe Berlin eG

Inhaltsverzeichnis

1. Allgemeine Vorbemerkung .....................................................................................................................................................2

2. Ein Klärungsversuch..................................................................................................................................................................3

3. Segregation in der Segregation.............................................................................................................................................5

3.1. Von der (Sonder)Schule zum Sonderarbeitsplatz....................................................................................................5

3.2. Standortbestimmung der Tagesförderstätte der SHB Berlin eG im Feld der Eingliederungshilfe ...... 6

3.3. Die Pionierfunktion von Einrichtungsträgern / Einrichtungen bei der Entwicklung der

Dienstleistung Eingliederung ...............................................................................................................................................8

3.4. Die Orientierungsqualität der TFS ...............................................................................................................................8

3.5. Das Konzept der TFS: „Arbeit“ für körper- u. mehrfach behinderte Erwachsene....................................... 9

4. Abschließende Betrachtungen.............................................................................................................................................11

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1. Allgemeine Vorbemerkung

Unsere Aufgaben, Probleme und Fragen in der Eingliederungshilfe für Behinderte 1 sind sehr praktischer

Natur und Praxis bedeutet unserem Verständnis nach immer theoriegeleitete und -generierende Einheit

von Erkenntnis und Veränderung von Realität. Jede Debatte um Integration – Inklusion und noch weiter

gefasst um die Leitideen / Konzepte wie das Normalisierungsprinzip und den Empowermentansatz muss

an konkreten realistischen Eingriffen in bestehende Realität (die ja als zu überschreitende gedacht wird)

interessiert sein.

Eine Voraussetzung dafür scheint u. E. unabdingbar die Analyse eben der Realität zu sein, die es zu verändern

gilt und die ihr inhärenten förderlichen Faktoren wie auch Barrieren und Ansatzpunkte / Hebel

zur Realitätsveränderung.

Wir stützen uns beim Behinderungsbegriff bzw. die Auffassung von dem, was unter Behinderung zu

verstehen sei, auf die Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit

( ICF ) der Weltgesundheitsorganisation( WHO ): „Insbesondere ist sich die WHO darüber bewusst, dass

.... Begriffe als Stigma oder Etikette wirken können. ... Es bleibt die schwierige Frage, wie man Menschen

am besten bezeichnen kann, welche ein gewisses Maß an funktionalen Einschränkungen oder Begrenzungen

erfahren.

Die ICF verwendet den Begriff ´Behinderung`, um ein mehrdimensionales Phänomen zu bezeichnen, das

aus der Interaktion (Hervorhebung v. Verf.) zwischen Menschen und ihrer materiellen und sozialen

Umwelt resultiert.“ 2

1 Behinderung als Konstrukt ist in Anlehnung an die ICF der WHO ein formaler Oberbegriff zu Beeinträchtigungen

der Funktionsfähigkeit unter expliziter Bezugnahme auf externe und interne Kontextfaktoren. Die grundlegenden

Aspekte sind die Körperfunktionen und -strukturen (die psychische Ebene mit einbegriffen), die Aktivitäten (allg.

Durchführung von Aufgaben), die Teilhabe (Einbezogensein i. e. Lebenssituation) und die Beeinträchtigung der genannten

Aspekte sowie die Kontextfaktoren a) soziale und sachliche Umwelt (in Form teilhabe-/ aktivitätsfördernder

oder -behindernder Faktoren) und b) die Person selbst (ihre Biographie, ihr Basisverhalten, ihre persönlichen Ressourcen).

2 Weltgesundheitsorganisation ( WHO ) 2001: ICF: Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung

und Gesundheit. Dt. Fassung. 2005. Herausgeber: Deutsches Institut für Medizinische Dokumentation und Information.

S. 310 f.

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2. Ein Klärungsversuch

In der aktuellen Integrations – Inklusions - Debatte werden, vereinfachend gesagt, zwei Ansätze erkennbar:

1. Integration versus Inklusion

und

2. Inklusion als „optimierte Integration“ oder „optimierte und erweiterte Integration“ 3 , die so in Bezug

auf die schulische Sozialisation so beschrieben wird: „Das Leitprinzip ... besagt, das Schulen alle Kinder,

unabhängig von ihren physischen, intellektuellen, sozialen, emotionalen, sprachlichen oder anderen

Fähigkeiten aufnehmen sollen. Das soll behinderte und begabte (Hervorhbg. d. Verf.) Kinder einschließen,

Kinder von entlegenen oder nomadischen Völkern, von sprachlichen, kulturellen oder ethnischen

Minoritäten sowie Kinder von anders benachteiligten Randgruppen oder –gebieten“ 4

bzw. als

„...allgemeinpädagogische[r] Ansatz, der auf der Basis von Bürgerrechten argumentiert, sich gegen jede

gesellschaftliche Marginalisierung wendet und somit allen Menschen das gleiche volle Recht auf individuelle

Entwicklung und soziale Teilhabe ungeachtet ihrer persönlichen Unterstützungsbedürf-nisse

zugesichert sehen will. Für den Bildungsbereich bedeutet dies einen uneingeschränkten Zugang und die

unbedingte Zugehörigkeit zu allgemeinen Kindergärten und Schulen des sozialen Umfeldes, die vor der

Aufgabe stehen, den individuellen Bedürfnissen aller zu entsprechen - und damit wird dem Verständnis

der Inklusion entsprechend jeder Mensch als selbstverständliches Mitglied der Gemeinschaft anerkannt.“

5

„Für die Vertreter des Inklusionskonzeptes gibt es keine zu separierenden und zu segregierenden Gruppen

von Schülern und Schülerinnen, sondern eine Schülergesamtheit, deren Mitglieder unter-schiedliche

Bedürfnisse haben.“ 6

Blicken wir einmal um fast 30 Jahre zurück auf die damalige Integrationsdebatte und lassen Sie mich die

darin zutage tretende Problematik der Lebenswirklichkeit Behinderter mittels eines etwas längeren Zitates

verdeutlichen: „In der allgemeinen Diskussion um die Integration Behinderter vernachlässigt man

3 Sander: „Von der integrativen Pädagogik zur inklusiven Bildung Internationale stand und Konsequenzen für die

sonderpädagogische Förderung in Deutschland. http://bidok.uibok.ac.at/library/sander-inkusion.html. Unter:

http://wiki.xn—integrationspdagogik-nzb.net/index.php/Inklusion

4 ebenda (aus der Salamanca-Erklärung 1996)

5 Andreas Hinz. In: Handlexikon der Behindertenpädagogik. Unter: Inklusion (Pädagogik) aus Wikipedia, der freien

Enzyklopädie

6 Unter: Inklusion (Pädagogik) aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie

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allzu oft die Bestimmung der Ausgangslage. Vordergründig erweckt die Forderung nach Integration (selbiges

gilt für die nach Inklusion; Anm. d. Verf.) den Eindruck, Behinderte stünden außerhalb dieser Gesellschaft.

Dem widerspricht, was heute sicher als allgemeingültiger Konsens ... angesehen werden darf,

dass menschliche Existenz außerhalb eines sozialen bzw. gesellschaftlichen Rahmens nicht denkbar ist.

Vielmehr macht die bestehende Realität in diesem Zusammenhang darauf aufmerksam, daß bestimmte

soziale Schichten oder Gruppen, insbesondere, wenn sie (auch prognostisch; Anm. d. Verf.) mit einer

´Arbeitskraft extrem minderer Güte` ausgestattet sind und / oder nach äußerlich in Erscheinung tretenden

biologischen Merkmalen bzw. aufgrund auffälliger Abweichungen von einer Verhaltensnorm als

´behindert` oder ´psychisch krank` klassifiziert werden und bestimmte Erwartungshaltungen nicht mehr

einlösen, in besonders negativer und sie zerstörender Weise die negativen Lasten dieser Gesellschaft

zutragen haben, indem man sie in Institutionen der Gewalt` (psychiatrische Abteilungen, Kliniken, Anstalten,

Heime, Sondereinrichtungen anderer Art) ausgrenzt.

Ein Teil der so Ausgegrenzten wird, was besonders zynisch ist, dann von jenen, die die Ausgrenzung bzw.

darüber hinaus oft auch die Bedingungen zu verantworten haben, unter denen Behinderung (die soziale

Antwort auf ein als Behinderung verstandene individuelle Verfasstheit; Anm. d. Verf.) ... in Erscheinung

treten kann, dadurch funktionalisiert, daß man sich ihnen mitleidsvoll zuwendet oder Maßnahmen, wie

z. B. ´Aktion Sorgenkind`(jetzt ´Aktion Mensch`; Anm. d. Verf.) in Gang setzt, die den realen Mechanismus

von Ausschluss aus den regulären Lebens- und Lernzusammenhängen und den Einschluss (Inklusion;

Anm. d. Verf.) in Anstalten und Heime oder die Segregierung in Sonderkindergärten und Sonderschulen

(sowie für Erwachsene Werkstätten für Behinderte, unterhalb derer Förderbereiche und darunter

Tagesförderstätten, Beschäftigungstagesstätten u. a.; Anm. d. Verf.) verschleiern.

Diese Zusammenhänge schaffen als real existierende gesellschaftliche Verhältnisse einen Widerspruch,

dem wir uns offen stellen müssen. Dies verdeutlicht, daß Behinderte in besonders extremer Weise die

negativen Lasten unserer Gesellschaft zu tragen haben, sie aber nicht außerhalb unserer gesellschaftlichen

Realität stehen, sondern in einem ihrer zentralen Brennpunkte.“ 7

Und wo stehen wir heute?

Die o.b. Lebensrealität Behinderter, insbesondere die der Schwerstbehinderten – deren „Gruppenmerkmal“

in einem (wahrscheinlich dauerhaften und gleich bleibend) extrem hohen Unterstützungsbedarf

zur Teilhabe und zur Umsetzung von Aktivitäten – einschließlich der Pflege und Versorgung – (alles Kosten!)

zu finden ist, hat sich nur marginal verändert; die Mehrzahl wird trotz aller Bekundungen; Programmen,

Leitlinien und Grundsatzideen etc. 8 nach wie vor in ihren Entwicklungs- Lern- und Betäti

gungsmöglichkeiten und Lebensräumen von den als nicht behindert geltenden Mitgliedern der Gesellschaft

ausgesondert und besonders behandelt.

Das substantiell Neue in der gegenwärtigen Debatte um eine zukünftige durchaus wünschbare Gesellschaft

von ausnahmslos darin inkludierten Gesellschaftsmitgliedern gegenüber einer durch funktionale

und strukturelle Segregation gekennzeichneten Gesellschaftswirklichkeit überhaupt und nicht nur in

Bezug auf ein weiterhin zementiertes Behindertenbetreuungswesen der Aussonderung und Besonde-

7 Feuser, G. : Zwischenbericht Gemeinsame Erziehung behinderter und nicht behinderter Kinder im Kindertagesheim.

Hrsg. Diakonisches Werk Bremen(1984) S.10

8 Beispielsweise das Weltaktionsprogramm der UN für behinderte Menschen 1983 oder die UN-Konvention über die

Rechte des Kindes von 1989, die Salamanca-Konferenz 1994 mit der Forderung nach einer Erziehung ohne Ausgrenzung,

die Bestrebungen um die Umsetzung und Entwicklung Normalisierungsgedankens seit B. Nirje in den 50iger

Jahren Die breit geführte Integrationsdiskussion und Realisierungsbestrebungen seit den 70iger Jahren, die ICF 2001

/ 2004 haben am etablierten System der Behindertenhilfe gekratzt, es aber nicht in seinen Grundfesten erschüttern

können. Cui bono? (Wem nützt es?)

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ung ist die Begriffsrevolution bei gleichzeitiger Reduktion der Komplexität der Realität, auf die sich diese

Begriffsrevolution bezieht:

Die grafische Darstellung in dieser oder anderer Anordnung, Colorierung und Konfiguration ihrer Elemente wird

oftmals zum Verständnis der Begriffe Exklusion bis Inklusion offeriert.

1. 2. 3. 4.

Exklusion * Separation * Integration ** Inklusion **

* Das Bezugssystem kann nur ein gesellschaftliches Subsystem bzw. gesellschaftliche Subsysteme untereinander

sein und nicht die Gesellschaft. Die gesellschaftliche Natur des Gattungswesens Mensch ist sein Artspezifikum und

damit unhintergehbar für seine Existenz. Die Individualität des Gattungswesens ist in seiner Einmaligkeit daher

immer nur gesellschaftlich und in seiner Gesellschaftlichkeit als einmalig denkbar. Ein Segregiert-, Exkludiert- oder

Integriert / Inkludiertsein kann sich also nicht auf dieses Artspezifikum beziehen sondern auf die konkret-historische

gesellschaftliche Lage und Position von Individuen, nicht jedoch auf Gesellschaft als überindividuelles individuelle

Existenz vermittelndes System menschlicher Lebensgewinnung.

** Bei historisch sauberer Rezeption der Integrationsdiskussion ist Inklusion ein Scheingegensatz zur Integration

bzw. deren scheinbare qualitative Überschreitung

3. Segregation in der Segregation

Forderungen nach Veränderungen bleiben u. E. solange bloß ein Wunschgedanke, wenn sie nicht auf die

konkreten politischen, rechtlichen, fachpolitischen und fachlichen Barrieren aufmerksam machen und

bestehende Möglichkeiten innerhalb gegebener Verhältnisse abheben.

3.1. Von der (Sonder)Schule zum Sonderarbeitsplatz

Als die der (Sonder-)Schule nachfolgenden, an deren Bildungsgang anknüpfenden und darauf aufbauenden

Institutionen mit ihren weiterführenden Aufgaben und Zielen (je nach individueller Voraussetzung

bei Schulabschluss: eingestuft als werkstattfähig / nicht oder noch nicht werkstattfähig und dem sich

daraus ergebenden Förderbedarf) sind zu nennen:

• die Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM)

der Leistungstyp Förderbereich (FB)

und zwar

• angeschlossen an eine WfbM

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oder

der in diesen Leistungstyp eingeschlossene Einrichtungstyp Tagesförderstätte (TFS) oder Beschäftigungstagesstätte

(BTS). Diese sind für Menschen mit einem hohen individuellen Förderbedarf

gedacht.

Die (Sonder-)Schule ist als eine der beruflichen Bildung resp. dem Arbeitsleben vorausgehende und dahin

führende Institution zu verstehen. Als ein Element des (sonder-)schulischen Bildungsauftrages wird die

Vorbereitung auf das Arbeitsleben genannt. In den in den Rahmenplänen für Unterricht und Erziehung

in der Berliner Schule - Schule für Geistigbehinderte – formulierten Zielen und Aufgaben heißt es auf

Seite 2 u. a.:

„Die Schule für Geistigbehinderte hat das Ziel und die Aufgabe, die Persönlichkeit des Schülers durch

individuell angemessene Hilfen zu entwickeln, Fertigkeiten zu vermitteln, den Schüler zur

Selbständigkeit und sozialer Integration zu führen und ihn auf das Arbeitsleben vorzubereiten.“

Des Weiteren schließt der Bildungsgang der Schule mit dem Schwerpunkt „Geistige Entwicklung“ nach §

29 Abs. 4 des Schulgesetzes den „berufsqualifizierenden Lehrgang“ ein.

In der Abschlussstufe wird die Heranführung an die Arbeitswelt unterrichtlich und organisatorisch systematisch

verfolgt:

• schulintern im Rahmen des Werkstattunterricht-Konzeptes der Abschlussstufen in schuleigenen

Werkstätten

• schulextern durch von der Schule organisierten und begleiteten Betriebspraktika und Besuchen

in für die betreffenden SchülerInnen geeigneten Folgeeinrichtungen

In der Regel schließt sich dann nach Abschluss des (Sonder-) Schulbesuches, die Aufnahme in eine Folgeeinrichtung

der beruflichen Reha (z.B. WfbM / Eingangsstufe) oder - bei „Vorliegen eines außerordentlichen

Pflegebedarfs“ und der „Erwartung, dass ein Mindestmaß an wirtschaftlich verwertbarer Arbeit

nicht erbracht“ werden könne (womit nach herrschendem Verständnis der Personenkreis der schwerst

behinderten und schwerst mehrfach behinderten Menschen gemeint ist) – in den Leistungstyp Förderbereich,

angegliedert an eine WfbM bzw. den Einrichtungstyp Tagesförderstätte an; letztere dienen dann

nicht mehr der „Eingliederung in die Arbeitswelt“ sondern der „Eingliederung in die Gemeinschaft“.

3.2. Standortbestimmung der Tagesförderstätte der SHB Berlin eG im Feld der Eingliederungshilfe

Die Tagesförderstätte (TFS) dient nach § 54 (1) SGB XII i. V. mit § 55 SGB IX der Teilhabe am Leben in der

Gemeinschaft 9 , nicht jedoch auch der beruflichen Eingliederung 10 . Die TFS ist für diejenigen Mensche mit

Behinderungen gedacht, „die nicht, noch nicht oder noch nicht wieder eine WfbM besuchen können“ 11 .

9

Gemeinschaft. Zu einer Einheit (Gruppe) zusammengefasste Individuen mit emotionalen Bindekräften (Beziehung).

Der deutsche Soziologe F. Tönnis (1855 -1936) entwickelt in seinem Werk „Gemeinschaft und Gesellschaft“

1887 den Gegenstand der Soziologie. Gemeinschaft und Gesellschaft, die zwar einander begrifflich ausschlössen, in

der Realität jedoch vermischt seien, sind nach Tönnis Formen sozialer Bejahung.

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Dazu ist festzuhalten, dass die WfbM innerhalb des allgemeinen Arbeitsmarktes einen besonderen

Platz ein nimmt; sie ist teilfinanzierter sozialer Dienstleister und Gewinn erwirtschaftendes Wirtschaftunternehmen

in einem. Sie ist daher, im Gegensatz zu Tagesförder- oder Beschäftigungsstätten gehalten,

in ihrem „Arbeitsbereich“ 12 durch „wirtschaftlich verwertbare Arbeit“ 13 Entgelte zu erzielen.

Der Eingangsbereich, der im Rahmen der beruflichen Eingliederung behinderter Menschen prinzipiell

jedem ungeachtet der Art und Schwere der Behinderung zugänglich sein muss, prüft die Werkstattfähigkeit

im Sinn von Leistungsfähigkeit 14 , mit einem gewissen Prognosewert über spätere Verwertbarkeit

der Person als Arbeitskraft. Die Kriterien hierfür liegen „unter Würdigung aller Umstände des Einzelfalles,

insbesondere der Persönlichkeit des behinderten Menschen und seines Verhaltens während des Eingangsverfahrens“

15 , auf der Ebene der Persönlichkeit und seiner sozial-kommunikativen Kompetenz 16 .

Sind diese Kriterien erfüllt, tritt der behinderte Mensch in den Berufsbildungsbereich ein. Dieser „fördert

die behinderten Menschen so, dass sie spätestens nach Teilnahme an Maßnahmen des Berufsbildungsbereichs

in der Lage sind, wenigstens ein Mindestmaß wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung im

Sinne des § 136 Abs. 2 des Neunten Buches Sozialgesetzbuch zu erbringen“ 17 .

Ist es an und für sich bei dem Rehabilitationsauftrag der WfbM schon zu problematisieren, dass es Ausschlusskriterien

gibt, so wird das Problem im Folgenden noch gravierender. Die nächste Hürde ist das

sog. Mindestmaß an wirtschaftlich verwertbarer Arbeit, das vom Gesetz- und Verordnungsgeber nicht

definiert ist.

Genannt werden jedoch drei Tatbestände: „Nicht gemeinschaftsfähig“, „außerordentliche Pflegebedürftigkeit“

und „sonstige nicht näher bestimmte Umstände“, die unterstellen, dass das Mindestmaß nicht

erbracht werden könnte. U. E. stehen die o. g. Tatbestände für ein Unvermögen, aus unterschiedlichen

Gründen und Bedingungen heraus, für bestimmte schwierige individuelle Anforderungsprofile nicht

hinreichende Förder- und Betreuungsmöglichkeiten vorhalten oder organisieren zu können. Teilhabeund

Aktivitätsmöglichkeiten werden eingeschränkt. Positiv formuliert und für uns bedeutsam dazu ist

ein Urteil des BSG vom 29.06.1995. Demnach ist das Mindestmaß wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung

dann „zu erwarten, wenn der behinderte Mensch an der Herstellung der von diesen Werkstätten

(TFSn; Anm. d. Verf.) vertriebenen Waren- und Dienstleistungen durch nützliche Arbeit beteiligt ist.“

Dabei ist nach diesem Urteil interessanterweise „...nicht Maßstab eine betriebswirtschaftliche Kalkulation

des Verhältnisses zwischen Arbeitsergebnis und Aufwand an qualifiziertem Fachpersonal...“.

10

In der Leistungsbeschreibung des überörtlichen Trägers der Sozialhilfe Berlin (SenSoz) von 1999 wird noch „die

systematische Eingliederung in die Arbeitswelt“ als ein Ziel der Leistung angegeben. Punkt 3.1., S.1

11

Werkstättenverordnung (WVO) § 5

12

ebenda

13

ebenda § 3

14

Leistungsfähigkeit. „Maximales Leistungsniveau einer Person bezüglich einer Aufgabe oder Handlung unter Test-

(Anm. d. Verf.) sprich näher zu bestimmenden Prüf-Bedingungen...“. In: .Dr. M.F. Schuntermann: Einführung in die

ICF (2005) S. 10

ICF. International Classification of Functioning, Disability and Health; Weltgesundheitsorganisation (WHO) (2001).

Dt.: Internationale Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit. In: Deutsches Institut für

medizinische Dokumentation und Information - DIMDI: Final Draft (2004)

15

WVO § 3

16

soziale / sozial-kommunikative Kompetenz.

• Als soziale Kompetenz werden sozial relevante Verhaltensweisen in Bezug auf Interaktionen zwischen Menschen

innerhalb eines bestimmten Umfeldes und/oder innerhalb eines bestimmten Ereigniszusammenhanges

verstanden

• Soziale Kompetenz meint die von einer Person erlangte Anpassung an die Regeln sozialer Verkehrsformen innerhalb

eines bestimmten Kulturkreises

• Soziale Kompetenz bezieht sich auf (normen-)angemessene Verhaltens-Darstellung

17

WVO § 4

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Mit dieser etwas längeren formalen Darstellung sollte die Systemlogik von gesellschaftlich funktionsteilig

bestimmter und institutionell organisierter 18 Segregation zwischen Nichtbehinderten und Behinderten

einerseits und zwischen letzteren andererseits (Segregation in der Segregation!) in Bezug auf altersund

entwicklungsmäßig aufeinander bezogene und aufeinander folgende Bereiche der Gesellschaft:

(Vorschule) Schule, Arbeitsleben (Beruf) verdeutlicht werden.

3.3. Die Pionierfunktion von Einrichtungsträgern / Einrichtungen bei der Entwicklung der Dienstleistung

Eingliederung

Da der gesetzliche Auftrag der Eingliederung keine statische Größe ist, sondern sich nach Maßgabe gesellschaftlicher

und darin inbegriffen fachlicher und (fach-)politischer Entwicklungen verändert (erstere

vollziehen sich insbesondere immer in und durch die Praxis als Einheit von Erkenntnis und Veränderung

im gegenwärtigen System der Behindertenhilfe in / durch deren Einrichtungen, sozusagen „vor Ort“),

galt und gilt weiterhin, worauf Prof. Dr. jur. J. MÜNDER 1992 in einem Gutachten hinwies, dass den Leistungserbringern

(hier die TFS) im Verbund mit anderen Institutionen und gesellschaftlichen Gruppen in

der Eingliederungshilfe immer eine Pionierfunktion zugekommen sei und weiterhin zukomme.

Diese Pionierfunktion hat ihren eigentlichen Inhalt in einer gelingenden Kundenorientierung im Sinne

der heute aus der ICF ableitbaren Zieldimensionen der Teilhabe- und Aktivität nach Maßstäben von

Normalisierung und Empowerment. Für die NutzerInnen des Leistungstyps Förderbereich (angegliedert

an eine WfbM bzw. betrieben in Tagesförder- oder Beschäftigungstagesstätte) hieße das, dass deren

Eingliederung „zur Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft“ (SGB IX §§ 55 – 59) nicht gleichzeitig den

Auschluss von der der Eingliederung „zur Teilhabe am Arbeitsleben“ (SGB IX §§ 33 – 43) bedeuten darf.

3.4. Die Orientierungsqualität der TFS

‣ Anerkennung einer prinzipiellen und lebenslangen Lern- und Entwicklungsfähigkeit des Menschen,

die auch unter Bedingungen von Schädigung, ungeachtet ihrer Art und Schwere zutrifft

‣ Statt einer Defizitorientierung hin zur Orientierung auf Entwicklungspotentiale; d.h. Lernerfahrungen

müssen und können hoch individuell organisiert werden

‣ Statt der Qualifizierung vor Platzierung 19 zur Qualifizierung durch Platzierung 20 ; Lernen erfolgt

in regulären Arbeits- und Betätigungszusammenhängen und Lernen durch unterstütztes Tun.

‣ Statt der Annahme, dass Kompetenzentwicklung mit Verringerung oder Beendigung von Hilfebedarf

einherzugehen hätte, zur Einsicht, dass (auch bleibender und hoher und in Einzelfällen

sogar zunehmender) Hilfebedarf und Kompetenz bei Menschen mit schweren Körper- und

Mehrfachbehinderungen einen notwendigen und regelhaften Zusammenhang bilden können.

‣ Organisation und Strukturierung der sozialen und materiellen Umwelt zwecks Anpassung an die

individuellen Bedingungen und Voraussetzungen; Suchen und Gestalten von Schnittstellen zwischen

Mensch und Objekt zur Ermöglichung von Tätigkeit.

18

Institutionen sind hier nicht als „Orte“ zu verstehen, sondern als (Rechts-)Verhältnisse

19 Die zugrunde liegende Idee ist die der (nachholenden) Entwicklung von für bestimmte Tätigkeiten vorausgesetzte

Fähigkeiten / Fertigkeiten durch Training etc. einer Person. Man geht von der an die Bedingungen anzupassenden

Person aus: Person an objektive Bedingungen anpassen (P ⇒ O)

20 Die dem zugrunde liegende Idee ist die der Strukturierung und Aufbereitung der durchzuführenden Tätigkeiten

in einer Art und Weise, die der Person es ermöglicht, direkt auf die konkrete Tätigkeit bezogen aktiv und trainiert zu

werden. Man geht von den an die Person anzupassenden Bedingungen aus: Objektive Bedingungen an Person anpassen

(O ⇒ P). Schnittstellenuntergrenze der Vermittlung der Tätigkeit zwischen der Person und dem Objekt der

Tätigkeit bildet die unmittelbare physische Unterstützung der Person (halten / führen) durch eine Unterstützungsperson.

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3.5. Das Konzept der TFS: „Arbeit“ für körper- u. mehrfach behinderte Erwachsene

Die Idee eines Förder-Ansatzes, die Arbeit 21 in den Mittelpunkt der Förderung schwer/st körper- und

mehrfach behinderter Jugendlicher und Erwachsener stellte, liegt nunmehr gut 30 Jahre zurück und

konnte erstmals in der 1980 eingerichteten Jugendtagesstätte Pacelliallee umgesetzt und erprobt werden.

Dieser Ansatz stellte die konsequente Umsetzung der in der SHB seit Mitte der 1970iger Jahre dezidiert

verfolgten Leitidee der „höchstmöglichen Integration“ dann für die Altersgruppe der Jugendlichen und

dann der Erwachsenen dar.

Das Konzept der SHB „Arbeit und Beschäftigung“ mit dem provokatorischen Untertitel „Tagesförderstätte

– Werkstatt für Behinderte mit besonderem Auftrag“ (1994) hat sich seit seinen ersten Gehversuchen

vor über zweieinhalb Jahrzehnten in drei Richtungen eines umfassenden

Teilhabe, Aktivitäts- und Handlungskonzeptes entwickelt:

1. Eröffnung des Lebensfeldes Arbeit für jeden Nutzer 22 / jede Nutzerin der TFS ungeachtet der Art

und Schwere der Behinderung

2. Förderung der NutzerInnen verbunden mit der Forderung nach Durchlässigkeit in andere Einrichtungen

der Rehabilitation

3. Einrichtung von Projekten 23 :

a) gruppenbezogen (Leistungen von als nicht werkstattfähig geltenden (schwer/st) körper- und

mehrfach behinderten Erwachsenen für ein Wirtschaftsunternehmen) und

b) einzelfallbezogen (assistenzbegleitete Beschäftigung auf einem Nischenarbeitsplatz auf dem

ersten Arbeitsmarkt).

21 Der Lebensbereich Arbeit ist nicht auf Erwerbsarbeit reduzierbar. Lebensbereicherung u. -erweiterung sind ebenso

kennzeichnend für Arbeit. Entscheidendes Kriterium aber scheint der Zweck oder Zielbezug von Arbeit zu sein: das

Ergebnis von Arbeit soll in den gesellschaftlichen Kreislauf einfließen, ist dafür gedacht. Mit der Heranführung an

und die Durchführung von Aktivitäten, die auf Leistungen und Ergebnisse, wie sie qualitativ für den Lebensbereich

Arbeit kennzeichnend sind, abheben, ist gleichsam mit die Teilhabe an diesem Lebensbereich intendiert. Die Entwicklung

und Grenzen individueller Funktionsfähigkeit (d. i. die Aktivität Arbeit) ist auf das engste mit der Entwicklung

und den Grenzen der gesellschaftliche Funktionsfähigkeit (d. i. die Teilhabe am Lebensbereich Arbeit, wozu

auch die WfbM zu zählen ist) verbunden.

22 NutzerInnen, das sind die Menschen mit Behinderungen (Terminologie des überörtlichen Trägers der Sozialhilfe

im Land Berlin)

23 siehe dazu auch die grafische Darstellung auf folgenden Seite

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Exklusionen / Inklusionen bzw. Segregation / Integration im Lebensbereich Arbeit

Ist-Stand

Möglichkeit (verrückbare Grenzen)

FB

WfbM

1.

Arbeitsmarkt

TFS #

LOLA +

Fa. Sintec ++

1.

Arbeitsmarkt

WfbM

ABFB*

FB

Legende:

#

Tagesförderstätte der SHB eG (1990 – 2012)

+

Projekt Logistik u. Lagerhaltung (LOLA) der TFS mit Rehavista, einer Fa. für Kommunikationshilfen; seit

2001

++

Eingliederung eines schwerst körperbehinderten und nicht lautsprachmächtigen jungen Mannes in

den PC-

Bereich einer Softwarefirma (2001 bis 2006) auf einen dauerunterstützten Arbeitsplatz dort

*

Planung des überörtlichen Trägers der Sozialhilfe für einen Leistungstyp unterhalb des Förderbereiches

(FB)

Gegenwärtige Exklusion / Segregation

Gewünschte und teilweise praktizierte Durchlässigkeit;

Verbindliches Prinzip der Durchlässigkeit

Kontinuierliche und immer wieder erfolgreiche Eingliederungsbemühungen der TFS

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4. Abschließende Betrachtungen

Der Ruf nach Aufhebung der durch Exklusionen / Segregationen gekennzeichneten gesellschaftlichen

Lebenswirklichkeit im Allgemeinen und der von sozialen Minoritäten im Besonderen, wird mit Integration

/ Inklusion auf den Begriff gebracht.

Den Exklusions- / Segregationsmechanismen stehen historisch-konkret mögliche und damit evolutionär

wirksam werdende Integrations- / Inklusionsbemühungen und –erfolge gegenüber;

Beispielsweise unsere Visionen, dass für als nicht werkstattfähig geltende Menschen mit andauerndem

und höchstem Unterstützungsbedarf qualifizierte Teilhabe und Aktivität im Lebensbereich Arbeit

möglich ist. Das ist seit über 20 Jahren empirisch belegbar.

Integration / Inklusion des aus der WfbM segregierten / exkludierten Personenkreises (auch gerade

angesichts der geplanten weiteren Segregation in der Segregation mit Namen ABFB 24 ) sozusagen als

Brücke zur Integration / Inklusion in den ersten Arbeitsmarkt lautet daher konsequenterweise: Die

eine gemeinsame Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM), ungeachtet der Art und des Ausmaßes

der Behinderung.

24 Angebot zur Beschäftigung, Förderung und Betreuung, ein Leistungstyp „unterhalb“ des Förderbereichs

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