Panik in Detroit - jiffy stories

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Panik in Detroit - jiffy stories

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© 2013 jiffy stories im Residenz Verlag

im Niederösterreichischen Pressehaus

Druck- und Verlagsgesellschaft mbH

St. Pölten – Salzburg – Wien

Alle Urheber- und Leistungsschutzrechte vorbehalten.

Keine unerlaubte Vervielfältigung!

ISBN ePub:

978-3-85236-020-1

Umschlaggestaltung: Nanna Prieler

Lektorat: Patrick Hutsch


Verschwörung am Cadillac Place

Im Jahr 1926 erobert die Automobilindustrie die Welt.

Doch dieser Siegeszug wird bedroht: Der aufstrebende

öffentliche Personenverkehr in Amerika wird mehr und

mehr zur Konkurrenz. Alfred P. Sloan, der legendäre

Präsident von General Motors, schmiedet einen

raffinierten Plan: Mithilfe illegaler Methoden will er

das öffentliche Transportwesen in Amerika ruinieren, um

die eigenen Umsatzzahlen zu steigern. Gemeinsam mit den

Chefs von Chevrolet und Ford schließt er einen Pakt zur

Zerschlagung des öffentlichen Personenverkehrs. Die

Verschwörung ist ein voller Erfolg. Amerika wird

endgültig zum Autoland Nr. 1 und das öffentliche

Verkehrsnetz liegt in Trümmern. Aber das persönliche

Glück bleibt Sloan verwehrt. Seine einzige große Liebe

zur Hollywoodschönheit Allison zerbricht an seinem

beruflichen Ehrgeiz und am Ende bleibt ihm nur die

Sehnsucht nach der verlorenen Zeit der Zärtlichkeit.


12 Wochen Intrigen

Verschwörung am Cadillac Place

erscheint ab 22.09.2013 wöchentlich jeden Sonntag.

Folge 1: Panik in Detroit

Folge 2: Tee mit Hoover

Folge 3: Rumble in the Jungle

Folge 4: Flüstern und Schreie

Folge 5: Kein Zauberer von Oz

Folge 6: Alice im Land der Spiegel

Folge 7: Die Protokolle von Queens

Folge 8: Der Aufstand

Folge 9: Die Verschwörung von Camelot

Folge 10: Nachmittag in Hollywood

Folge 11: Erhörte Gebete

Folge 12: Die Liebenden und die Toten


Verschwörung am Cadillac Place

Folge 1: Panik in Detroit

von Akos Gerstner


Thomas Van Dorn war der persönliche Sekretär Henry O.

Brannigans, dem Chef für Personenkraftwagen bei der

Ford Motor Company, dem ehemals größten

Automobilhersteller der Welt, und damit Alfreds größter

Konkurrent. Wann immer Alfred und Henry vertraulich in

Kontakt treten wollten, geschah dies über Tom, denn Tom

war mit Alfred eng befreundet und er hatte ihn am Abend

zu einer Party eingeladen, die Alfred eigentlich

absagen wollte. Aber die Situation hatte sich durch ein

paar Zahlen schlagartig geändert.

Alfred hatte schon den ganzen Abend über einem

Bericht gesessen, der ihn kurz vor Dienstschluss

erreicht hatte und ihn, je länger er sich mit der

Materie befasste, immer mehr beunruhigte. Vom Fluss

tief unter ihm ertönte ein Nebelhorn und er musste

an gestrandete Wale denken, die er einst als

Vierzehnjähriger bei einer Schiffsreise vor

Neufundland gesehen hatte. Alfreds Panik steigerte

sich, als ihm Toms Einladung wieder einfiel. Kurz

entschlossen öffnete Alfred seinen Kleiderschrank,

wechselte den schwarzen Anzug gegen einen

eleganteren Smoking, damit er nicht ganz so düster

aussah, wie er es sonst immer bevorzugte, um auf

Pressekonferenzen einen kompetenten Eindruck zu

hinterlassen. Er band sich hastig noch einen

Schlips um und eilte zum Fahrstuhl. Alfred musste

reden, und das nicht mit irgendjemandem.

Als er Van Dorns Haus, 50 Meilen von Detroit auf

der anderen Seite des Lake St. Clair in Pearl

Beach, erreichte, war es schon weit nach

Mitternacht und die Feier in vollem Gang. Tom Van

Dorn hatte McKinneys Cotton Pickers angekarrt, die

drauf und dran waren, Duke Ellingtons Orchestra

den Rang als heißeste Band abzulaufen, die


ausschließlich mit schwarzen Musikern bestückt

war. Ihre Staccati flirrten schon von weit her

durch die kühle Nachtluft, während Alfred sich dem

Anwesen zu Fuß näherte. Das Partyzelt war an die

100 Meter lang und stand direkt neben dem

Herrenhaus auf dem prächtigen Rasen. Toms Frau Mae

achtete immer penibel darauf, dass kein Automobil

ihn beschädigte. So lagen drei Dutzend Limousinen

in einer langen Schlange auf der Zufahrt vor

Anker. Einige der Fahrer lehnten sich lässig an

die Kühlerhauben. Alfred grüßte sie und erhaschte

im Vorbeigehen verstohlen einen Blick auf die

Automodelle, die so bräsig in der Dunkelheit

ruhten. Zufrieden stellte er fest, dass mehr als

die Hälfte den Edelmarken von General Motors

entstammte: Cadillacs und Buicks.

Tom Van Dorn war bekannt dafür, einen Riesenhaufen

Leute zu seinen Festen einzuladen, unter der

Voraussetzung, dass ihre Anwesenheit im Interesse

der Ford Motor Company lag. Es war wahrlich eine

Menge los, denn Tom wollte für gute Stimmung

sorgen, denn nur glückliche Gäste waren auch

glückliche Käufer, und Toms Händchen für gelungene

Partys war weithin bekannt. Als ehemaliger College

Boy hatte Alfred die Festlichkeiten des reichen

Neuengland in seiner Jugend bestens kennengelernt,

vor allem ihre Koketterie, ihre Trauer, ihren

Exzess.

So trat er ein in das mächtige Gewölbe aus

Plastikplanen, Schnüren und Aluminiumgestänge bis

weit hinauf zur Spitze, das ein gewaltiges

Zirkusdach krönte, unter dem an diesem Abend die

Welt schwerelos durch Zigarrenrauch und Opium

schwebte, um immer wieder zu erzittern unter den


Beats der Big Band, die in der Mitte auf einem

Podium thronte. Zu ihren Füßen zuckten die Leiber

unter den Trompetenstößen und legten einen

vorzüglichen Five Foot Two aufs Parkett, dass

Thomas Alva Edison Hören und Sehen vergangen wäre.

Der betörende Charme dieser Masse und ihre

überwältigende Ausgelassenheit verwirrten Alfred

für einen Augenblick. Er reckte den Kopf und

versuchte benebelt vom Geschnatter und Lachen um

ihn herum einen Eindruck zu gewinnen von den vielen

verzückten Gesichtern, die fest entschlossen

schienen, Tom und Mae Van Dorn eine Fete zu

liefern, die die Gräber von Fort Alamo zum

Einstürzen bringen würde, und all die Steifheit

der Welt in einer einzigen Nacht zu vertreiben.

Tabakgirls stolzierten mit ihren Bauchläden umher

und reichten jedem mit einem blitzenden Lächeln

Zigaretten. Irgendwo in diesem beschwipsten

Gelächter tauchten Kellner wie Pinguine in der

Menge mal auf und wieder unter, hoch über den

Köpfen Tabletts mit fingerhutgroßen Gläschen voll

Absinth balancierend, der verschwörerisch und

augenzwinkernd weitergereicht wurde. Immer ein

halbes Dutzend auf einmal. Die Stimmung steuerte

auf den Siedepunkt zu, ein Blondschopf jauchzte

und reckte akrobatisch das linke Bein in die Höhe,

dabei traf sie eines der Tabletts und der Absinth

flog in hohem Bogen über die Menge hinweg und

klatschte auf dem ausgelegten Holzboden auf, die

Gläser zersprangen und der grüne Absinth verlief.

Alfred kämpfte sich bis ans andere Ende des

Zeltes, schüttelte immer den Kopf, wenn die

Kellner ihm etwas anboten, denn er wollte nüchtern

bleiben, um Tom, sobald er ihn gefunden hätte, in

seine Pläne einzuweihen.


Normalerweise reichte es, wollte man Tom kurz Hallo

sagen, einmal das Meer der Gäste zu durchkämmen.

Irgendwann würde man ihn mit angewinkeltem Arm, ein

Glas Bourbon an den Lippen, steif am Rande stehend

begegnen, wie er den Gästen beim Spaßhaben

zuschaute.

Aber Alfred konnte ihn an diesem besonderen Abend

nicht ausmachen. Er suchte sich deshalb durch die

nächste Öffnung im Zelt, durch die Servierwagen,

Cocktails und Kisten voll matt glänzendem Beluga

hineingeschleust wurden, einen Weg und stapfte

über die taunasse nächtliche Wiese zurück zum

Haus.

Die Tür zur Terrasse stand weit offen. Alfred trat

nach kurzem Klopfen ein. Er stand in Toms

Arbeitszimmer, das hell erleuchtet war. Die Ruhe

war nicht zu überhören. Es war ganz eindeutig eine

ländliche Gegend und die benachbarten Farmer

kratzten sich bestimmt am Kopf, wenn sie

hinüberspähten auf das Grundstück des Ehepaars Van

Dorn, denn überall sonst lag jeder vernünftige

Mensch um diese Uhrzeit im Bett.

“Verflucht Al, was machst du hier? Das hier ist

eine Ford-Party.” Tom stolperte eben ins

Arbeitszimmer und machte ein paar unsichere

Schritte auf Alfred zu. “Du hast mich eingeladen.”

“Hab’ ich das wirklich?” “Du lädst mich immer

ein.” “Ach, echt?” Tom war völlig durch den Wind.

In der einen Hand hielt er ein Glas mit einer

dunklen zähen Flüssigkeit, die tatsächlich aussah

wie Rohöl, wenn es frisch aus dem felsigen Boden

hervorspritzt. In der anderen eine Phiole mit


einem Strohhalm und uringelbem Saft mit blauen

Punkten. Unterm Arm hatte er eine Flasche Bourbon.

Sie war noch nicht offen, also musste es, nach

Toms Zustand zu urteilen, schon seine zweite sein.

“Na ja, auch egal. Solange der Boss weiß, dass ich

dich eingeladen hab’, kann’s mir egal sein. Hier,

nimm was. Du siehst aus, als hättest du ‘ne Leiche

im Kofferraum.”

Um dieses Durcheinander zu verstehen, muss man

wissen, dass Toms Vetter bei den kanadischen

Behörden ein hohes Tier war, und weil die Grenze zu

Kanada keine zwei Meilen entfernt lag, war es Tom

ein Leichtes, genügend illegalen Alkohol

herzuschaffen, dass es eine Horde ausgelaugter

Wilder, wie sie die Van Dorns belagerten,

zufriedenstellen würde. Die Prohibition war schon

in ihrem siebten Jahr, aber ob sie das Jahrzehnt

überstehen würde, war völlig unsicher. Sie

zeichnete sich in erster Linie dadurch aus, dass

jeder ein Schlupfloch kannte, um sie zu umgehen.

Und obwohl die Ford Corporation sich als

gottesfürchtiges Unternehmen in aller

Öffentlichkeit für eine Beibehaltung der

Prohibition aussprach, war Tommy Van Dorn

sonnenklar, dass es mit dem Geschäftemachen bald

ein Ende haben würde, wenn er auf seinen Partys

allen Ernstes Apfelsaft anbieten würde. Die Polizei

in 20 Meilen Umkreis war eingeweiht, damit auch

nicht zufällig ein Schnösel auf die haarsträubende

Idee kam, zur falschen Zeit am falschen Ort

Kontrollen durchzuführen.

“Hey, was ist los mit dir? Du trinkst nicht, du

rauchst nicht und du isst auch angeblich kein

Fleisch. Ich kapier nicht, was da drüben bei euch


los ist.” “Wer sagt das?” “Die Reporter.” “Tommy,

gib mir die Flasche, ich muss mit dir reden.” “Die

gehört mir!” Tom sträubte sich wie ein beleidigtes

Kind und zerrte an der Flasche unter seinem Arm,

obwohl Alfred sich nicht rührte. Tom murmelte

etwas von “scheiß Korken” und im selben Moment

kippte er nach vorn.

Alfred hielt ihn im Arm und Tom brabbelte halb

ohnmächtig vor sich hin. Aber Alfred hat keine Zeit

für Spiele. Er lehnte Tom an die Ottomane neben der

Tür, trat hinaus ins Foyer und weckte dort einen

Diener, der im Dunkeln döste. Zusammen schafften

sie Tom ins Bad. “Geht es Mister Van Dorn nicht

gut?” “Er wollte sich nur umbringen. Machen Sie

sich keine Sorgen.” Der Diener glotzte Alfred sehr

überrascht an, sagte aber nichts. Wortlos hielten

sie Toms Kopf unter den Duschhahn. Japsend und

unter einem Gewitter von Beschimpfungen schüttelte

sich Tom und streckte den beiden Männern die Zunge

heraus. “Das habt ihr davon.” Tom hustete Wasser

aus der Nase und jammerte herum. “Wo ist Mae? Ich

will Mae sehen. Sie hat dieses süße kleine Kinn, an

dem ich mich immer reiben kann, wisst ihr?”, er

schniefte. “Das solltet ihr auch mal machen.” Der

Diener senkte beschämt den Kopf und ging aus dem

Bad. Tom tapste auf dem Boden mit seinen nassen

Socken. “Scheiß Korken.” “Was hast du bloß mit

diesem Korken? Sieh mich mal an.” Tom reckte den

Kopf und Alfred gab ihm schnell zwei Ohrfeigen.

“Ouch! Du Arsch. Tu das nie wieder.” “Nimm’s mir

nicht übel, aber ich brauch dich jetzt.”

Eine Viertelstunde später war Tom Van Dorn den

Umständen entsprechend wiederhergestellt, mit

frischen Pantoffeln und einem blauen Bademantel.


Auf dem Rücken waren mit weißem Faden Tommys

Initialen eingestickt: “T.V.D.”. Tom hatte es

selbstständig ins Schlafzimmer im ersten Stock

geschafft, wo Alfred mit ihm ungestört reden

konnte. Nun kämmte er sich rasch die nassen Haare

nach hinten, um die Wählscheibe des Telefons besser

lesen zu können. “Ja, hier ist Mister Van Dorn. Ja,

ganz bestimmt. Ja. Nein, kein Scherz. Er soll

wirklich herkommen. Natürlich ist es wichtig, Sie

verfluchter Idiot!” Tom hing den Hörer in die

Gabel. “Diese gehirnamputierten Zwerge.” Er angelte

sich eine Zigarette aus dem Etui neben dem Telefon

und steckte sie sich mit atemberaubender

Geschwindigkeit an. “Du auch?” Alfred schüttelte

den Kopf. “In 55 Minuten ist er da.” Er blies den

Rauch aus.

Tom war wieder der Alte. Das sah Alfred an den

zitternden Fingern, mit denen Tom die Zigarette in

Händen hielt. Es war der Preis, den er zahlen

musste für dieses Schlafzimmer, dieses gewaltige

Haus, den Rasen davor, das Zelt draußen mit dem

Orchester, die vier Limousinen in der Garage, und

ja, eine Frau wie Mae. Tag und Nacht stand er zur

Verfügung, und der Aktienkurs entsprach Toms Puls,

nur in umgekehrtem Verhältnis. Deshalb musste man,

hatte man Tom gern, und es gab eine Menge Leute,

die Tom gern hatten, für ihn hoffen, dass Fords

Aktienkurs nicht eines Tages völlig einbrach.

“Und den Mist hast du nicht erfunden?” Tom lief

mit ausgestrecktem Zeigefinger durch das Zimmer,

wischte über die Regale und betrachtete danach

kritisch seine grauen Fingerspitzen. Alfred saß im

Sessel und blätterte in der Familienchronik der


Van Dorns, einem schweren Lederband, goldumrahmt.

Auf jeder Seite stand V.D., damit auch jeder

jederzeit wusste, womit er es zu tun hatte. “Aber

wer fährt denn schon mit der Bahn? Das sind doch

nur Obdachlose. Du wirst doch vor Obdachlosen

keine Angst haben.” “Bist du schon mal mit der

Bahn gefahren?” “Spinnst du? Mae würde mich

umbringen.”

Tom Van Dorn hatte ein ausgesprochen ungewöhnliches

Schicksal. Weil sein Vater sich ohne Grund vom

Familienclan der Van Dorns losgesagt, dieses

Anwesen erbaut hatte und dann im Handumdrehen

pleitegegangen war, besaß er zehn Hektar Wiese, 100

Jahre alte Möbel, einen Haufen Antiquitäten, eine

riesige Villa, aber kein Kapital, um den Unterhalt

dafür zu zahlen, geschweige denn, all das mit Leben

zu füllen. Tom war ein Gefangener seiner Tradition.

Aufgewachsen als Spross der Van Dorns, hatte er den

gewohnten Gang der Ausbildung durchlaufen, um dann

als Graduierter am Massachusetts Institute of

Technology, wo er und Alfred Freunde geworden

waren, mit 24 festzustellen, dass er für Geld

arbeiten musste. “Das scheiß Haus musst du ja auch

heizen. Du kannst keine Party veranstalten in einem

Kühlschrank.”

Aber mochte da kommen was wolle, Tommy blieb am

Ende doch immer ein Van Dorn und hatte Gewissheit,

dass er zu einem besonderen Geschlecht von Atreiden

gehörte, jene alteingesessenen Familien, die in den

frühen Zeiten einer zerstrittenen Nation einmal das

Sagen gehabt hatten, gemeinsam mit den Demmes, den

Clefs, den Rutherfords, den Stuyvesants, den

Hamiltons und einigen anderen mehr. Clans, die


heute absolut kein politisches Gewicht mehr

besaßen, aber eine aristokratische Tradition mit

Namen voller Glanz und auf ewig stolz.

Alfred hingegen war in Brooklyn aufgewachsen, und

mit seinem “Sloan” kam er daher wie ein räudiger

Hund, der sich seiner Flöhe durch den Sprung in

einen öffentlichen Brunnen entledigt hatte. Das

“P.” hatte noch einen letzten Hauch Extravaganz

gerettet, die ihm schon in der Studienzeit einige

Türen geöffnet hatte. Alfred Sloan, das konnte

irgendjemand sein, ein gewiefter Unternehmer

vielleicht, ein Mann mit Adlerblick und einem

fauchenden Kinn, ein wohlhabender, ein

einflussreicher Mann gar. Aber Alfred “P.” Sloan –

das war eine ganz andere Liga. Alfred hatte dieser

Klassenunterschied dennoch nie ernsthaft

interessiert, und auch aus diesem Grund waren er

und Tom Freunde geworden. Beide endeten im selben

Gewerbe, der eine durch Abstieg, der andere durch

sozialen Aufstieg. In ihrer Freundschaft hatte

keiner von ihnen diesem Umstand in mehr als 20

Jahren jemals einen Funken Bedeutung beigemessen.

Die Ankunft von Henry O. Brannigan dauerte wie von

Tom vorhergesagt exakt 55 Minuten. Aber Henry O.

war scheinbar zuerst ins Partyzelt marschiert. Man

konnte sein Brüllen noch im 1. Stock vernehmen,

als er, der es hasste Leute zu suchen,

unüberhörbar nach Tom rief: “VAAAN DOOOOORRRRRN!”,

gefolgt von einem Ausbruch an Gejaule und

Gekicher. Henry sah wohl ein, dass seine

Eigenschaft als Chef der Personenkraftwagen des

bis vor Kurzem größten Automobilherstellers der

Welt zu dieser Uhrzeit absolut keine Bedeutung

mehr hatte, denn kurz darauf hörte man Schritte in


der Halle des Hauses, die rasch die Treppen

hinaufkamen.

Dass er unter den vielen Zimmern dann ausgerechnet

Toms Schlafzimmer gewählt hatte, war kein Zufall,

denn in seiner Begleitung erblickte Alfred niemand

anderen als die reizende Mae Van Dorn. Sie hatte

das Gebrüll im Zelt wahrscheinlich sofort

unterbunden und Henry heraufgebracht. Tom saß an

sein Klavier gelehnt, das er seit zehn Jahren nicht

angerührt hatte, und drohte vor Müdigkeit am

glatten Lack abzurutschen. Alfred blätterte immer

noch in der Van-Dorn-Chronik und starrte die immer

selben Sepiafotos an, unter denen sich lediglich

die Jahreszahlen änderten. Henry überwand sich und

ging mit federnden Schritten auf Alfred zu. “Es

muss wohl ziemlich wichtig sein. Habt ihr ‘n

Kaffee?” Mae hatte schlechte Nachrichten. “Ich

glaube, der Kaffee ist alle.” Henry musste

einsehen, dass es wirklich nur ums Geschäft ging.

Alfred holte den Bericht hervor, der ihn

veranlasst hatte, um Mitternacht bis hierher an die

kanadische Grenze zu fahren, um in einem geheimen

Treffen Henry O. Brannigan von der Ford

Corporation etwas mitzuteilen. Er bot Henry die

eng geschriebenen Seiten an, aber Henry schüttelte

den Kopf. “Sag‘s mir in deinen eigenen Worten. Ich

hab’ für so was keine Geduld mehr.” Und so kam es,

dass Alfred Henry einen Einblick gewährte in eine

Angelegenheit, die ihn seit mehreren Stunden

beschäftigt hatte.

Sorge kroch erneut in ihm hoch, ein Gefühl

fehlender Kontrolle, vielleicht sogar Ohnmacht,

während seine Hände über das bedruckte Papier


glitten und er Henry aufmerksam machte auf die eng

geschriebenen Statistiken.

Die bemerkenswerten Zahlen galten den elektrischen

Bahnen im öffentlich-städtischen Verkehrsnetz des

Staates New York. Die New York Railways Corporation

war jedem in der Automobilbranche ein Begriff und

viele, auch Alfred selbst, waren damit auch schon

gefahren. Die Bahn war praktisch, nicht teuer und

schnell. In diesem Bericht, der mit dem Zusatz

“vertraulich, P.o.B – President of the Board”

versehen war, stellten die Verfasser jedoch eine

interessante und eben besorgniserregende Verbindung

her zwischen General Motors anvisierter

Absatzsteigerung, der Bevölkerungsentwicklung in

den östlichen und westlichen Ballungsräumen und

eben der New York Railways Corporation.

Normalerweise hätte der Firmenvorstand beschlossen,

das gesamte Bahnsystem einfach aufzukaufen und dem

Konzern einzuverleiben. Das aber war im Falle New

Yorks nicht möglich. Wenn auch in privater Hand,

waren die Stadtbahnen vom Gesetz vor einem Erwerb

durch Konzerne wie General Motors geschützt. Zudem

entzogen sie sich, durch Strom angetrieben anstatt

mit Benzinmotoren, dem Einfluss der

ölverarbeitenden Konzerne, die zu den Verbündeten

der Automobilindustrie gehörten.

Die wesentliche Erkenntnis des Berichts war die

alarmierende Tatsache, dass die Entwicklung des

öffentlichen Bahnnetzes in New York dem Zugriff

von General Motors und damit allen anderen

Automobilfirmen völlig entzogen war. Ein

Konkurrent aber, den sich General Motors nicht

einverleiben konnte, der sich aber auch nicht

durch Preiskämpfe in die Knie zwingen ließ, da er


ja Bahntickets und nicht Automobile verkaufte, war

eine permanente Gefahr. GM hatte seine Krisen

immer nur bewältigt, weil die Firma Konkurrenten

aus dem Weg geräumt hatte.

Wenn aber Alfred nichts unternahm, würden weitere

Städte dem Beispiel folgen und ein eigenes

Bahnsystem aufbauen, das, so wie in New York und

einigen anderen Orten, schon sehr erfolgreich die

vielen Millionen Pendler Tag für Tag zu den Büros,

den Fabriken, den Theatern und Kinos und natürlich

auch wieder zurück brachte, und hinunter zu den

Stränden von Brighton Beach oder Newport, den

Konfirmationsfesten auf Long Island, Springfield

und Williamsburg, den Schwiegereltern in

Connecticut oder Jacksonville und den

Soldatenfriedhöfen vor New Jersey, Chattanooga und

Richmond. Mit anderen Worten: Millionen und

Abermillionen Kunden im ganzen Land, die ebenso ein

Automobil hätten kaufen können, es aber nicht tun

würden, weil das in einer Stadt mit einem

funktionierenden Bahnsystem völlig sinnlos war.

“Das sind alles Leute ohne ein Auto?” Alfred

nickte. “Und früher oder später ziehen die anderen

nach. Cincinnati, St. Louis, Atlanta. “

Alfred hatte Henry mit seiner Panik mittlerweile

angesteckt, denn in Henrys Fantasie fiel bereits

eine Metropole nach der anderen den gierigen

Bahnbetreibern in die Hände, um auf ewig in einer

parallelen Dimension gefangen zu sein, in einer

Welt ohne Automobil. New York, Boston, Baltimore,

Chicago, Philadelphia, Pittsburgh. Auf einmal war

es wie ein unübersichtliches Dominospiel, und

Henry griff entgeistert nach Toms Bourbon.


“Von Kalifornien will ich gar nicht reden. Die

glauben, ihre Bahn ist die beste Bahn auf der

ganzen Welt.” “Du meinst Pacific Electric?”,

fragte Alfred. Henry stürzte den Bourbon hinunter.

“Ich war letztes Jahr dort, Al. Ich hab’ sie

gesehen. Sie hat rote Waggons, so rot wie ein

reifer Pfirsich. Und die Gleise erst. Feinster

Stahl aus Pittsburgh.” Alfred rückte näher an

Henry heran: “Hör mir zu, Henry. Ford und GM sind

die Platzhirsche. Wenn wir anfangen, ziehen alle

anderen mit. Aber ohne deine Hilfe geht es nicht.”

“Aber du hast doch bestimmt einen Plan. Sonst

wärst du nicht hier und ich auch nicht.” “Na ja”,

Alfred wirkte für einen Moment verunsichert, “ein

Nichtangriffspakt.” Henry sah Alfred mit

zusammengekniffenen Augen an: “Al, alles was ich

kann, ist verkaufen, und du willst, dass ich mir

die Hände zusammenbinde, freiwillig ins Wasser

springe und schwimme.” “Ich verlange nichts, was

wir nicht schon mal gemacht haben. Ehrenwort. Ich

will nichts anderes als eine gemeinsame Strategie

gegen die städtischen Bahnen. Deinen Verkauf wird

kein Mensch antasten. Alles, worum ich dich bitte

ist, dass wir unsere Aktionen gegen die Bahn

koordinieren, anstatt einzeln über sie

herzufallen. Im Kampf gegen die Bahn keine

Konkurrenz. Kriegst du das hin?” Henry überlegte.

“Denk daran, wir haben einen großen Vorteil. Die

Bahnen können nicht untereinander kooperieren. Die

in New York haben nichts zu tun mit denen in

Newark oder Baltimore. Das sind alles völlig

getrennte Systeme. Ihr Kapital ist begrenzt und

ihre Macht endet an der Stadtgrenze. Aber unsere

nicht. Verstehst du, worauf ich hinauswill?”

Henrys Blick klärte sich. Er wusste, worauf Alfred


hinauswollte. Aber so wie jedem Verkäufer graute

ihm vor Plänen, die nicht er sich ausgedacht

hatte. Individuelle Logik konnte verheerende

Wirkung haben, wenn man aneinander vorbeiredete.

“Während wir unsere Mittel konzentrieren und uns

gemeinsam immer nur eine Stadt auf einmal

vornehmen, bleiben sie getrennt und schwach.” “Was

soll ich Big Boss erzählen? Ich hab’ keine Lust,

meine Stelle zu verlieren, nur weil er Sodbrennen

kriegt von dieser Story.” “Big Boss erzählst du

nichts. Ich werde du Pont auch nichts erzählen.

Die Konzernleitung, die Besitzer, die Aktionäre –

niemand wird es jemals erfahren. Die Sache hat nie

stattgefunden. Es bleibt unterhalb der Spitze.

Keine Dokumentation. Keine Protokolle. Keine

Journalisten.”

Henry wog den Kopf. Er begriff nun, wie

folgenschwer und umfassend Alfreds Vorstellungen

waren, und es gefiel ihm. Die Idee hatte Substanz.

Alles, was Substanz besaß, konnte er verkaufen.

Deshalb war er in der Automobilbranche gelandet

und nicht in der Politik.

“Ich werde ein informelles Treffen vorschlagen.

Sagen wir in New York, beim Finale der World

Series. Die Stadt wird voll sein. Der Gouverneur

kommt, er hat Chaplin eingeladen. Er hat es sogar

geschafft Sousa zu überzeugen, mit seiner Kapelle

auf dem Times Square aufzutreten. Tausende Fans,

vielleicht auch der Präsident. Das ist genug Zucker

für die Zeitungen. Es wird keinen interessieren,

wenn wir auch da sind.”

Alfred hatte schon heiße Ohren. Die ganze Operation

war improvisiert. Er hatte wie in einem Anfall


dazuerfunden und immer weiter dazuerfunden, als

wäre er einer dieser bemitleidenswerten

Drehbuchautoren in Santa Monica, die bis zum

nächsten Morgen zehn Filmideen aufs Blatt bringen

mussten, sonst würden sie aus dem Hotelzimmer

geschmissen. Aber als er geendet hatte, war ihm

plötzlich alles völlig klar. “Das klingt wie 1917.”

“Es ist 1917. Wir werden Krieg führen, Henry, aber

ohne Kriegserklärung, und das Land wird es niemals

erfahren.” Alfred hielt wieder inne. “Ich hab’ bloß

noch keine Ahnung, wie wir es anstellen sollen.”

“Ich rede mit unserer Rechtsabteilung. Wenn du

wirklich Krieg haben willst, brauchst du Anwälte.

Jeder braucht Anwälte.”

Die ganze Zeit hatten Tom und Mae mit offenem Mund

danebengestanden. Mae weniger, weil sie erstaunt

gewesen wäre, als vielmehr, weil sie vergaß, ihren

Mund zu schließen, und so kamen ihre hübschen

weißen Beißerchen zum Vorschein, die nach

mehrjähriger Tortur mit permanenten Zahnspangen das

in Hollywood so geschätzte Oval erreicht hatten.

Tom aber hatte den Mund nicht geschlossen, weil er

wirklich überfordert schien von der Tragweite des

Vorhabens, dessen Zeuge er soeben geworden war.

Ihm fiel nicht mehr ein als: “Seid ihr

größenwahnsinnig?” Alfred überlegte, ob es sich

lohnte, um zwei Uhr nachts darüber zu diskutieren,

ob er größenwahnsinnig war oder doch nur müde,

oder ob er einfach recht hatte, weil er gar keine

andere Wahl hatte. In dem Moment aber kam aus Maes

immer noch geöffnetem Mund ein rollender Laut.

Maes Versuch, die Zunge in Bewegung zu bringen,

was wegen des Absinths in ihrem schmalen Körper


eine Weile in Anspruch nahm, um dann etwas

schlampig und nicht unbedingt elegant, aber wen

interessierte das jetzt schon, zu sagen: “Wenn ihr

mich fragt, ihr braucht ‘ne Tarnung.” “Mae, was

redest du da?” “Hast du Tomaten auf den Ohren? Sie

brauchen ‘ne Tarnung, ‘n Ablenkungsmanöver.”

“Brüll nicht so rum, wir haben dich schon

verstanden.” Tom hatte eigentlich schon im Stehen

die Augen geschlossen, denn er wollte ins Bett.

Aber in Mae war das Leben wieder zurückgekehrt:

“Warum hältst du dann nicht die Klappe?”

Eine kurze Pause herrschte. Mae wankte stumm auf

dem Teppich mitten im Zimmer. Die drei Männer

starrten sie an und Mae starrte schwankend zurück.

“Was is’?” “Wir warten, Mae.” Tom konnte sich kaum

auf den Beinen halten. “Auf deine Tarnung.” “Ach

so, richtig, die Tarnung.” “Mae, wir haben nicht

den ganzen Tag Zeit. Ich will ins Bett.” Mae

glotzte wieder in die Runde, die Männer glotzten

zurück und Alfred schaute höflich auf die Uhr,

nicht sicher, wer im Raum der Verrückteste war.

“Wenn ihr diese Kameltreiber plattmachen wollt,

dann braucht ihr ‘ne Tarnung, so wie ‘n

Trojanisches Pferd, ihr stellt ‘n Pferd aus Holz

vor die Brooklyn Bridge, steckt ‘n paar Typen mit

Schwertern rein, die ziehen das Pferd nichts

ahnend in die Stadt und ihr guckt, was passiert.”

Tom rutschte um ein Haar vom Klavier. “Du hast ja

nicht alle Tassen im Schrank.” Mae hörte nicht

hin. “Ist doch logisch, dass so ‘n Pferd aus Holz

nie existiert hat und nur ‘ne Metapher ist. Die

haben denen einfach ‘ne Falle gestellt, weil sie

anders nicht reingekommen wären. Und wenn Al und

Henry hier Odysseus und seine Kumpels sind, dann


ist das Pferd die Tarnung und diese Trojaner sind

die Typen von der elektrischen Bahn. Hast du es

jetzt kapiert?” Mae triumphierte und stieß einen

indischen Elefanten aus blauem Porzellan vom

Klavier.

Das Erstaunliche an dieser Episode war allerdings,

dass Alfred, sobald Mae geendet hatte, sich

plötzlich wieder erinnerte, wie sehr ihm Mae

früher imponiert hatte mit ihrem Verstand. Aber

wegen ihres fabelhaften Aussehens wurde sie von

keinem ernst genommen. Denn Mae hatte, den Magen

voll mit Absinth, das enge Kleidchen verklebt vom

Tanzen, in ihrem Suff die Lösung des Problems

erkannt. Alles was ihnen fehlte, und darin lag

Maes Sekundengenie dieser Nacht, war tatsächlich

eine Tarnung, eine Falle, ein Trojanisches Pferd,

das es ihnen gestatten würde, unbemerkt einen Fuß

in die Bahn zu bekommen. Alfred wäre Mae gerne um

den verschwitzten Hals gefallen, aber der Sessel,

auf dem er inzwischen Platz genommen hatte, war so

bequem, dass er diesen Ausbruch an Emotion nicht

rechtfertigen konnte, und so blieb er sitzen und

schwieg.

Mae, das war eigentlich Mary-Lou Browning, Tochter

eines fernen Verwandten John Brownings, dem

legendären Erfinder der Winchester Repetierbüchse

und des Browning Revolvers, und ganz nebenbei war

sie auch Toms große Liebe, obwohl Alfred Mae länger

gekannt hatte als Tom.

Mit ihrem wohlproportionierten Gesicht und ihrer

Figur hätte Mae ohne Weiteres beim Film landen

können, dem Traumziel eines jeden Mädchens und

einst auch das ihre. Aber aus unerfindlichen

Gründen hatte sie die Karriere ohne Not eines Tages


in den Wind geschlagen. Niemand wusste, was

geschehen war, aber vermutlich war sie

schlussendlich das eine Quäntchen zu klug, zu

empfindsam und dachte zu viel nach. Es fehlte ihr

an Egoismus und Zerstörungswillen, um sich über die

Träume anderer Mädchen, die genauso geeignet

gewesen wären, hinwegzusetzen. Aber die Erinnerung

an ihre verlorenen Träume machte sie verbittert.

Seitdem vergrub sie sich in philosophische Texte,

studierte Karl Marx, wusste alles über das

Scheitern der Räterepublik und las William Blake in

sündhaft teuren Sonderdrucken, die sie sich aus

England kommen ließ. Ach ja, und sie entdeckte ihre

Liebhaberei für Partys und Absinth.

Der Abend hätte in zufriedener Eintracht so

weitergehen können, denn gemeinsam lauschten sie

nun “Yes we have no bananas”, das aus dem Zelt

herüberklang, vorgetragen von einer der

Revuetänzerinnen, die sich von ein paar Millionären

dazu hatte breitschlagen lassen und die sie später

noch nach wohin auch immer begleiten würde.

Mae aber, ermutigt durch ihre kleine Anekdote und

vermischt mit dem Mangel an Selbstdisziplin, der

einen nach überstandener Müdigkeit in der Nacht oft

überkommt, sagte etwas leichtfertig zu Alfred:

“Ich hab’ übrigens Allison gesehen.”

Alfred hob den Kopf. Tom verzog den Mund.

“Verflucht, Mae, nein.” “Aber natürlich. Ich hab’

sie sogar kurz gesprochen.” “Verflucht, Mae.” “Ich

hab’ doch nichts getan.” Henry O. Brannigan war der

Einzige, der nicht verstand, was unversehens so

viel Energie in das Ehepaar gebracht hatte.

“Allison?” “Allison Ayers.” “Noch nie gehört.


Arbeitet die für mich?” “Sie ist eine

Schauspielerin, Mr. Brannigan.” “Das ist Bettys

Ressort. Ich kenne mich mit diesen Schauspielern

nicht aus. Ich verstehe nur was von Rindern und

Autos.”

Der Einzige, der nichts gesagt hatte in diesem

kurzen Aufbrausen, war Alfred. Stattdessen stand er

entschlossen auf und nickte den anderen kurz zu.

Während Tom davon überfordert war, sich

aufzurappeln und den Abschied Alfreds zu

organisieren, den er spontan beschlossen hatte,

reichte Alfred Henry, der sich jetzt von Alfreds

Hektik ebenfalls wieder anstecken ließ, die Hand:

“Tut mir leid, dass es so unerwartet kam.”

Tom fluchte ein paar Mal, gefolgt von einem “Tut

mir leid, Mr. Brannigan”. Mae suchte verzweifelt

irgendwelche Pantoffeln unter dem Klavier. Alfred

ging weder zu schnell noch zu langsam aus dem

Zimmer Richtung Treppe, damit es nicht so aussah,

als würde er flüchten. “Du Idiotin! Allison Ayers!”

“Ich habe wirklich keine Ahnung, wer diese Mrs.

Ayers sein soll”. Henry kratzte sich am Kopf. Tom

zog Maes Pantoffeln unter der Ottomane hervor und

reichte sie ihr wütend. Mae schlüpfte hinein und

trippelte Alfred hektisch hinterher. “Warte Al! Ich

komme!”

Halb wartete Alfred, halb strebte er der Haustür

entgegen. Unten hielt er Mae die Tür auf, bis sie

in Reichweite war, und bewältigte dann in ein paar

Sätzen die Freitreppe vor der Zufahrt. Mae fror und

blieb oben stehen. “Al, es tut mir leid. Sei mir

nicht böse, Al. Bitte.” Alfred hob beschwichtigend

die Hand zum Abschied und ging rasch zum Tor


hinaus, wo sein Chauffeur Barnie mit dem Cadillac

schon auf ihn wartete.

Allison Ayers, das war für Alfred, was die

Schauspielerei für Mae und der vergangene

Familienruhm der Van Dorns für Tom. Allisons Name

hatte in ihm eine Panik ausgelöst wie die New

Yorker Bahn im Büro, und Panik ließ sich nur mit

Reaktion und Handlung bewältigen. Alfred gelangte

auf die Landstraße, klopfte ans Fenster seiner

Limousine. Barnie war wach. Er hatte in weiser

Voraussicht Kaffee mitgebracht. Alfred setzte sich

wortlos hinten in den Wagen. Barnie legte seinen

Kaffee aus der Hand, drehte den Anlasser, ließ mit

einem Knall den Motor an, und mit einem folgenden

tiefen Brummen rollte das Fahrzeug los.

Es war das Jahr 1919 gewesen und der Krieg seit

fast einem Jahr vorbei. Die Menschen in New York

standen auf den Bürgersteigen und folgten

aufgeregt den Blaskapellen, die jeden Abend durch

die Viertel marschierten und fröhlich John Philip

Sousas Militärmärsche intonierten. In jenem Sommer

hing über der ganzen Stadt der Dunst von Spannung

und Lampenfieber, und die Bewohner waren in

freudiger Erwartung des neuen, nahenden Jahrzehnts

und was es an Überraschungen für sie bereithalten

würde. So malten sich auch zwei Liebende ihre

kommenden Tage in den buntesten Farben aus, ein

purpurfarbenes Glitzern rauschte an ihnen vorbei

und der betörende Duft von Angst vor dem großen

Glück breitete sich um sie herum aus. Wann immer

der Ingenieur Alfred P. Sloan und die

Filmschauspielerin Allison Ayers in diesen Wochen

der Euphorie zusammen in der Öffentlichkeit

auftraten, fühlten sie den Neid, aber auch die


freundliche Neugier um sie herum, so selbstsicher

und verliebt spazierten sie jeden Sonntag über den

Broadway.

Beide hatten in ihrer Jugend eine vorzügliche

Ausbildung erhalten, und beide hatten bereits

einen beträchtlichen Weg des Erfolgs zurückgelegt.

Alfred ein Stück mehr als Allison, aber er war

auch zehn Jahre älter und Inhaber einer Firma mit

einem ausgezeichneten Ruf, die Kugellager für die

noch junge, aber rasch wachsende

Automobilindustrie herstellte. Allison, die sich

mit 18 Jahren für die Filmschauspielerei

entschieden hatte, hatte aber trotz der zehn Jahre

nicht weniger Überzeugung oder Zielstrebigkeit.

Die Lebensspanne einer erfolgreichen Schauspielerin

im Filmgeschäft war ereignisreich, aber ebenso

kurz.

Anders gesagt, Alfred hatte mehr Zeit zur

Verfügung als Allison, um seine Vorstellungen vom

Leben umzusetzen. Doch keiner von ihnen sah darin

einen Anlass zur Sorge, bis sich in jenem

schicksalhaften Jahr 1919 beider Hoffnungen sehr

plötzlich und auf sehr unerwartete Weise

erfüllten.

Obwohl Allison in New York arbeitete und dort

bekannt war, zog es sie nach Kalifornien. Das

Filmgeschäft war damals noch furchtbar jung und

Produktionsfirmen wurden jede Woche neu gegründet

und verschwanden ebenso unbemerkt wieder.

New York war das Zentrum einer Nation, die sich

anschickte, die alten Mächte Europas zu

überflügeln, getragen von Möglichkeiten, soweit


das Auge reichte. Aber New York war zugleich alt

und gesättigt. Die Romane, die in New York

spielten, waren Romane vom Untergang. In

Kalifornien spielten keine Romane mehr, sondern

Filme, und weil Filme nach immer neuen Gesichtern

verlangten, zogen jede Woche Scharen

abenteuerlustiger junger Menschen nach Hollywood.

Allison hatte Alfred davon mit leuchtenden Augen

erzählt und stachelte ihn an, einen Zweitsitz seiner

Firma an der Westküste zu eröffnen und mit der Firma zu

expandieren. Mieten und Immobilien waren billig und

Konkurrenten rar. Sie entwarf ein utopisches Szenario,

in dem er und sie nur die Meeresküste wechseln müssten

und die kleinste Kleinigkeit würde Großes bewirken. Der

Zauber der Filmstudios, das California Valley, der

brausende Pazifik. Beide könnten ihre Träume ohne

Kompromisse weiterverfolgen und wären doch füreinander

da.

Alfred erkundigte sich alsbald nach den

Möglichkeiten, den Gesetzen des Staates Kalifornien

für Firmengründungen, nach steuerlichen

Erleichterungen Neuzugezogener, eruierte die

Expansionspläne der Automobilfirmen und den

anvisierten Straßenausbau.

Zur selben Zeit jedoch erhielt Alfred das Angebot,

die Anteile seiner Firma zu verkaufen und dafür

eine hohe Stellung bei General Motors in Detroit

zu übernehmen. Detroit war nicht unbedingt Los

Angeles. Genau genommen lag zwischen beiden

Städten eine Entfernung von 2300 Meilen, in einer

Zeit, da Flugzeugreisen noch eine seltene Ausnahme

darstellten. Doch Alfred schwieg. Weder erwähnte


er das Angebot gegenüber Allison, noch ermutigte

er sie, weiter über Kalifornien zu erzählen.

Allison hatte die Veränderung zunächst hingenommen

und sie war auch bereit, ihre Pläne ruhen zu

lassen. Sie entschied sich, eine Weile zu warten,

warten auf ihn, warten auf Zeichen, die er ihr

geben würde. Aber Zeichen kamen nicht, stattdessen

ein Brief. Der Besitzer von General Motors

persönlich, Pierre du Pont, lud Alfred zu sich nach

Hause ein, zur Unterredung, zweifelsohne um Alfred

ein Angebot zu unterbreiten, das er nicht ablehnen

konnte.

Dazu muss man sagen, dass der Name du Pont in

dieser Zeit nach dem Krieg einen magischen Klang

besaß. Du Pont, das war wie Rockefeller, wie J.P.

Morgan, wie Carnegie, nur älter, edler und einen

Tick altmodischer.

Du Pont war eine aus dem vorrevolutionären

Frankreich stammende Dynastie und zugleich der

weltgrößte Hersteller von Sprengstoffen. Seit mehr

als 100 Jahren versorgte er das amerikanische

Militär mit Schießpulver. Mit den Gewehrkugeln, die

in den Schlachtgetümmeln von Gettysburg abgefeuert,

den Kanonenrohren, die auf den Feldern Virginias

eingesetzt worden waren, hatten die du Ponts ein

Vermögen verdient, als Lieferanten beider Seiten

dieses nie enden wollenden Krieges. Sie gehörten zu

den Krösussen unter den Industriefamilien des

vergangenen Jahrhunderts und bestimmten mit über

die Geschicke des amerikanischen

Industrieimperiums. Und in dem Augenblick, als

Alfred das märchenhafte Anwesen der du Ponts in

Longwood Gardens betrat, kurz vor den Toren


Philadelphias gelegen, wusste er, dass er verloren

hatte. Was konnte Allison schon ausrichten gegen

einen Drei-Uhr-Nachmittagstee bei einem

Industriemagnaten, der 200 Millionen Dollar schwer

war.

Dass Allison daraufhin ihren Koffer packte, war

überraschend, und auch nicht. Sie hatte inzwischen

mit Erfolg für eine Rolle in einem

Bürgerkriegsdrama der Paramount Pictures

Filmproduktion vorgesprochen. Noch im selben Monat

sollte mit den Vorbereitungen begonnen werden, und

so wurde sie dringend in Los Angeles erwartet. Als

sie dann eines Morgens beide am Bahnhof standen,

hielt Alfred den Griff ihres Koffers umfasst und

schwieg.

Allison trug einen dunklen Faltenrock. Die blonden

Haare hatte sie streng nach hinten gekämmt und

unter ihrem Kopftuch mit einem Knoten festgebunden.

Sie hatte sich hinter ihrer Sonnenbrille sehr

aufmerksam gepudert, und nur an der roten

Nasenspitze hätte man vermuten können, dass dieser

Puder mehr war, als Puder gemeinhin sein soll.

Alfred wiederum hatte etwas Unerschrockenes.

Gewiss, er trug eine Hose, ein Hemd und auch einen

Hut. Aber er hätte genauso gut etwas ganz anderes

tragen können. Nicht die Kleidung formte ihn, es

war ein Gefühl, eine Erinnerung, die von ihm

ausging und sich im Raum herum verfing. Allison

wollte ihm über die Wangen streichen, doch er

wehrte ab, trotz der Tränen, die ihm über das

Gesicht liefen. “Komm mit mir mit”, flehte sie ein

letztes Mal vergeblich. Seitdem hatte er Allison

nicht wieder gesehen. Das war sieben Jahre her.


“Sir, geht’s Ihnen gut?” Alfred hatte tatsächlich

geweint im Schutze der Dunkelheit auf dem Rücksitz,

und er war unvorsichtig geworden, denn das Licht

der Scheinwerfer eines entgegenkommenden Wagens

wurde kurz auf seine Wange reflektiert und hatte

einen Strahl in Barnies Rückspiegel geworfen.

Unauffällig wischte Alfred die Tränen ab. Doch er

fühlte sich jetzt erleichtert. Behutsam kramte er

einen Schreibblock aus seiner Manteltasche, knipste

ein kleines Leselicht über dem Sitz an und begann

konzentriert zu notieren. Alles was an diesem Abend

geschehen war, Henrys Anmerkungen, Maes verrückte

Geschichte, alle Ideen, die Alfred durch den Kopf

gegangen waren. Er war zurück. Die Kraft war wieder

in ihm und die Gespenster, die Mae herbeigerufen

hatte, gebannt. Als Alfred das Büro erreichte,

brach über Detroit bereits der Tag an.

Die Matrosen auf den Frachtern, die sich bei

Morgengrauen über den Detroit River einen Weg

bahnten, ließen ihre Augen am Ufer

entlangschweifen und wussten nicht, ob sie

Ehrfurcht oder Stolz empfinden sollten beim

Anblick dieser Skyline. In wenigen Jahren war

Detroit zu einem Ungetüm herangewachsen, mit

Straßenschluchten und wuchtigen Prachtbauten, nur

noch überragt vom Cadillac Tower, dem höchsten

Gebäude der Stadt. Seine Fassade war über und über

bedeckt mit Fliesen aus Terrakotta und er

beschrieb eine Höhe von genau 133 Metern. Doch

obwohl nach einem französischen Einwanderer

benannt – und der als Gründer Detroits in die

Geschichte eingehen sollte –, dachten die

Menschen, die den Cadillac Tower betraten oder

verließen, bei Cadillac nicht mehr an einen Mann


aus Fleisch und Blut. Sie dachten an ein

Automobil, an einen Haufen Blech und Gummi, der

nur zu Werbezwecken Cadillac getauft worden war.

Alfred lächelte voll Ingrimm über dieses Bild, denn

es bedeutete nichts Geringeres als die Tatsache,

dass ein Mensch im kollektiven Gedächtnis durch ein

Produkt ersetzt worden war. Es war die neue Zeit.

Sie drang durch alle Ritzen und in alle Poren,

besetzte das Bewusstsein und machte, dass die

Menschen der Gegenwart anders fühlten, als noch

ihre Eltern, Großeltern und ihre Urgroßeltern

gefühlt hatten.

Alfred hatte diesen historischen Wandel als einer

der Ersten im Automobilgeschäft begriffen. Deshalb

war er von du Pont in weiser Voraussicht überhaupt

engagiert worden. Wie nur wenige andere, reduzierte

Alfred alles auf ein theoretisches Modell, bis in

den Gleichungen kein Korn Mensch mehr vorkam. Das

half ihm die Verantwortung zu tragen, ohne in der

Klapsmühle zu landen, denn kein vernünftiger Mensch

hätte sonst behaupten können, er sei der Boss eines

Ladens mit 120.000 Angestellten, 19 Fabriken und

1,2 Mio. verkauften Fahrzeugen. Wahrscheinlich war

das auch der wesentliche Unterschied zwischen

Alfred und Tom. Tom war der Ansicht gewesen, Alfred

sei größenwahnsinnig. Aber Alfred betrachtete alles

als eine rein abstrakte Operation. Alfred entfernte

sich von der Realität, um sie besser in den Griff

zu kriegen.

- - -

Viele Jahre später, als alles vorbei war und

jedermann sagen konnte: “Was gut ist für General

Motors, ist gut für die Vereinigten Staaten von


Amerika”, erinnerte sich ein kahler alter Mann mit

einem Hut aus Stroh und Sandalen mit dünnen

Lederriemen auf seiner Veranda daran, dass an dem

Tag, als er erfahren hatte, dass Alfred Pritchard

Sloan die Geschäfte in Detroit übernehmen würde,

ihn dunkle Vorahnungen überkommen hatten. Dieser

Mann sollte Alfreds letzter Gegenspieler werden im

fernen Kalifornien, mit seiner unbesiegbar

wirkenden Pacific Electric Railway, ihren Waggons,

rot wie Pfirsich, und den Gleisen aus Pittsburgher

Stahl. Doch zu ihm kommen wir sehr viel später,

denn den alten Mann mit dem markanten Namen Jack

Fulton-Smith verband noch eine ganz andere, sehr

persönliche Geschichte mit Alfred, von der Alfred

zu diesem Zeitpunkt noch nichts wissen konnte.

Vorher galt es erst einmal, ein sehr viel näheres

Ziel dem Erdboden gleichzumachen, und dieses Ziel

hieß: New York.


Ausblick Folge 2:

Als erstes Ziel wählt Alfred das Straßenbahnnetz von

New York City. Unterstützung sucht er beim jungen Chef

des neu gegründeten FBI – J. Edgar Hoover. Von ihm

erhofft er sich vertrauliche Informationen über seine

Gegner.

Verschwörung am Cadillac Place 2: Tee mit Hoover

erscheint am 29.09.2013.


Über den Autor

Akos Gerstner wurde 1979 in Budapest geboren. Kurz vor

Weihnachten desselben Jahres reiste seine Familie nach

Deutschland aus. Abitur am Wittelsbacher Gymnasium,

München. Es folgt Studium des künstlerischen

Dokumentarfilms an der Hochschule für Fernsehen und

Film München. Politisch aktiv als Studentenvertreter.

Drehbücher mit und für Kollegen, most notably Stanislav

Güntner. Eigene Kurzfilme, u.a. „Ein Held unserer

Zeit”, „Die Liebenden und die Toten”. Weil old style

Kunstfilme nicht zu finanzieren sind, erfolgte die

Ausweitung der Kampfzone auf Spielfilmdrehbücher, u.a.

„Zwei plus zwei“. Nebenher Studium der Soziologie an

der Fernuni Hagen.

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