Leseprobe (PDF) - Loewe Verlag

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Leseprobe (PDF) - Loewe Verlag

Bisher in dieser Reihe erschienen:

Still ist die Nacht

Kalt ist der Toten Hauch

Das Wispern der Gräber

Weitere Bücher von Elizabeth Chandler:

Kissed by an Angel, Band 1

Loved by an Angel, Band 2

Saved by an Angel, Band 3


Elizabeth Chandler

Aus dem Amerikanischen von Viktoria Fuchs

Unverkäufliche Leseprobe


ISBN 978-3-7855-7108-8

1. Auflage 2013

Die Originalausgabe ist 2010 bei SIMON PULSE,

einem Imprint von Simon & Schuster Children’s Publishing Division,

New York, in der Reihe Dark Secrets unter dem Titel No Time to Die erschienen.

All rights reserved. No part of this book may be reproduced

or transmitted in any form or by any means, electronic or mechanical,

including photocopying, recording or by any information storage and

retrieval system, without permission in writing from the Publisher.

Copyright © 2001 by Mary Claire Helldorfer

© für die deutschsprachige Ausgabe 2013 Loewe Verlag GmbH, Bindlach

Published by arrangement with Simon Pulse,

an imprint of Simon & Schuster Children’s Publishing Division

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Viktoria Fuchs

Umschlaggestaltung: Franziska Trotzer unter

Verwendung von Motiven von gettyimages/

English School und iStockphoto/awardik

Printed in Germny

www.loewe-verlag.de


Vielen Dank an Ray Stoddard

und die Footlighters der Mercy High School


1

Jenny? Jenny, bist du da? Bitte heb ab, Jen. Ich muss mit

dir reden. Hast du meine Mail bekommen? Ich weiß

nicht, was ich tun soll. Ich glaube, es ist besser, wenn ich

aus Wisteria abreise.

Jenny, wo bleibst du denn? Du hast mir doch versprochen,

dass du mich hier besuchen kommst. Warum bist

du denn noch nicht hergekommen? Wenn du doch bloß

abheben würdest!

Okay, ich muss wieder zur Probe. Ruf mich an. Ruf mich

an, sobald du kannst.

Ich habe die Nachricht meiner Schwester damals

etwa um elf Uhr abends abgehört, gleich nachdem

ich nach Hause in unsere New Yorker Wohnung

gekommen war. Ich habe sie sofort zurückgerufen,

wenn auch etwas widerwillig. Liza war ein Jahr älter

als ich, aber in vielerlei Hinsicht war ich die große

Schwester, die sie immer aus Schwierigkeiten befreite,

und in Schwierigkeiten brachte sie sich nicht gerade

selten. Dank ihres Hangs zur Dramatik konnte

7


meine Schwester ein kleines Missverständnis in der

Schulkantine in eine tragische Oper verwandeln.

Ich vermutete zwar, dass sie mal wieder aus einer

Mücke einen Elefanten gemacht hatte, blieb dann

aber trotzdem bis zwei Uhr morgens auf und rief sie

immer wieder auf dem Handy an. Als ich früh am

nächsten Morgen aufwachte, versuchte ich es weiter –

vergeblich. Langsam bekam ich ein mulmiges Gefühl

und beschloss, Mum von Lizas Nachricht auf meinem

Anrufbeantworter zu erzählen. Doch noch bevor ich

Gelegenheit dazu hatte, rief die Polizei von Wisteria

an. Liza war tot aufgefunden worden. Ermordet.

Elf Monate später fuhr mich Sid die schmalen Sträßchen

von Wisteria in Maryland entlang. »Das gefällt

mir nicht. Das gefällt mir ganz und gar nicht«, sagte

er.

»Also ich finde, es ist ein hübsches kleines Städtchen«,

entgegnete ich und tat so, als wüsste ich nicht,

wovon er sprach. »Zumindest haben sie eine ganze

Menge Blumen.«

»Du weißt, was ich meine, Jenny.«

Sid war der Butler und Chauffeur meines Vaters. In

den vielen Jahren, die er Dad zwischen unserer Wohnung

und dem Theater hin- und hergefahren, Liza zu

Tanz- und Gesangsstunden gebracht und mich zum

8


Gymnastiktraining kutschiert hatte, war er ein Teil

der Familie geworden.

»Deine Eltern hätten dir verbieten sollen hierherzukommen,

das will ich damit sagen.«

»Das Chase College bietet einen sehr guten Sommerkurs

für Schultheater an«, konterte ich.

»Du kannst doch Theater nicht ausstehen.«

»Menschen verändern sich, Sid«, entgegnete ich,

obwohl das in diesem Fall nicht zutraf.

»Du dich verändern? Du bist die beständigste, normalste

Person in deiner ganzen Familie.«

Ich musste lachen. »Bei meiner Familie will das

nicht viel heißen.«

Mein Vater, Lee Montgomery, entstammte der dritten

Generation einer britischen Theaterfamilie und

ließ bei allem, was er tat, einen Hauch Dramatik mitschwingen.

Er trug Einkaufslisten und Zeitungsannoncen

wie Verse aus einem Stück von Shakespeare

vor. Wenn er ein Glas aus der Spülmaschine nahm,

um zu prüfen, ob es auch wirklich sauber war, wirkte

er dabei wie Hamlet, der Yoricks Schädel in Augenschein

nimmt. Meine Mutter war früher ein Kinderstar

mit dem Künstlernamen Tory Summers gewesen

und hatte sechs elende Jahre in Kalifornien verbracht,

bevor sie diese Karriere, ohne mit der Wimper zu

zucken, aufgab und sich die nächste erheiratete: Ich

9


ede von meinem Vater. Aber sie war nach wie vor

eine überschwängliche Theaterseele – warmherzig

und ausdrucksstark und nicht leicht von Dingen wie

Tatsachen oder Vernunft zu beeinflussen. In vielerlei

Hinsicht war Liza wie Mum gewesen, schillernd und

flatterhaft.

Ich hatte zwar die roten Haare meiner Mutter und

die Gelenkigkeit meines Vaters geerbt, aber meine

Theatergene mussten irgendwie mutiert sein: Ich

hatte schreckliches Lampenfieber.

»Ich glaube einfach, dass du hier nicht sicher bist«,

fuhr Sid fort.

»Hier geschieht vermutlich nur ein Bruchteil aller

Morde, die in New York verübt werden, Sid«, merkte

ich an. »Außerdem ist Lizas Mörder schon nach Norden

gewandert; seinen letzten Anschlag hat er in New

Jersey verübt. Ich wette, dass er gerade jemandem an

der Brooklyn Bridge auflauert.«

Sid brummte verdrießlich. Ich war mir ziemlich

sicher, dass ihn die angebliche Leichtigkeit, mit der

ich über Lizas Mörder sprach, nicht überzeugte. Eine

Zeit lang hatte ich Trost darin gefunden, dass sie einem

Serienmörder zum Opfer gefallen war, weil das

ihren Tod so unpersönlich wirken ließ, dass es mir

einen gewissen Abstand verschaffte, aber eben nur

eine Zeit lang.

10


An der Ecke von Shipwrights Street und Scarborough

Road fuhr Sid rechts ran und setzte mich ab –

einen Block vom Campus der Uni entfernt, genau wie

ich ihn gebeten hatte. Bevor wir losgefahren waren,

hatte ich die Ostküste von Maryland auf der Karte studiert.

Wisteria lag auf einer Landzunge in der Nähe

der Bucht Chesapeake Bay, die auf der einen Seite von

dem Fluss Sycamore River und auf der anderen von

zwei breiten Nebenflüssen, dem Oyster Creek und

dem Wist, begrenzt wurde. Ich hatte unsere Anfahrtsroute

zu der kleinen Kolonialstadt so gewählt, dass

wir den Oyster ein Stück weiter flussaufwärts überquerten

und somit die Brücke umgingen, unter der

Liza ermordet worden war.

Sid stellte den Motor ab und sah mir über den

Rückspiegel in die Augen. »Ich bin jetzt schon viel zu

lange dein Chauffeur, um nicht misstrauisch zu werden,

wenn du woanders rausgelassen werden willst

als dort, wo ich dich eigentlich hinbringen soll.«

Ich lächelte ihn an und stieg aus. Sid traf sich mit

mir am Kofferraum der langen schwarzen Limousine

und lud mein Gepäck aus. Bis zum Theater der Uni

würde das eine ganz schöne Schlepperei werden.

»Warum darf ich dich nicht bis zur Tür bringen?«

»Das habe ich dir doch schon erklärt. Ich bin inkognito

unterwegs.«

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Er verdrehte die Augen. »Klar, weil ich so berühmt

bin, dass jeder sofort weiß, wer du bist, wenn er mich

sieht. Was ist der echte Grund, Jenny?«

»Das habe ich dir doch gerade gesagt: Ich will keine

Aufmerksamkeit erregen.« Meine Eltern hatten mir

in der Tat erlaubt, mich unter einem falschen Nachnamen

zum Kurs anzumelden. Nachdem sich meine

Mutter von dem Schock erholt hatte, dass ich lieber

Theater machen wollte als Gymnastik, war sie der

Meinung, dass mit einem anderen Namen sicher weniger

Druck auf mir lastete. Mein Vater fand, dass

inkognito unterwegs zu sein, etwas von einer dramatischen

Liebesgeschichte im Stile Shakespeares hatte.

Meinem Vorhaben, überhaupt nach Wisteria zu

fahren und denselben Sommerkurs zu besuchen, an

dem auch Liza teilgenommen hatte, standen sie mit

wesentlich gemischteren Gefühlen gegenüber. Aber

mein Vater hatte in diesem Sommer eine Reihe von

Aufführungen in London zu spielen und ich hatte

es geschafft, meine Eltern davon zu überzeugen, dass

ich mit siebzehn langsam zu alt dafür war, in einem

Hotel herumzuhängen und nichts zu tun. Da ich

noch nie in Wisteria gewesen war, würden mich dort

sicher weniger Erinnerungen verfolgen als in unserer

New Yorker Wohnung und dem Zimmer, das ich mit

Liza geteilt hatte.

12


Ich nahm meinen Rucksack und umarmte Sid.

»Schöne Ferien! Wir sehen uns im August.«

Dann zog ich am Griff meines großen Rollkoffers

und machte mich auf den Weg Richtung Campus.

Dabei tat ich mein Bestes, um keinen Blick zurück

auf Sid zu werfen, der ins Auto stieg und davonfuhr.

Mich am Flughafen von meinen Eltern zu verabschieden,

war mir diesmal sehr schwer gefallen, und bei

Sid fiel es mir jetzt auch nicht wesentlich leichter.

Mir war bewusst geworden, dass sich ein Abschied

auf Zeit schlagartig in einen für immer verwandeln

kann.

Ich zog meinen Koffer hinter mir her über den

unebenen gepflasterten Gehweg. Liza hatte recht gehabt,

was die Luftfeuchtigkeit hier anbelangte. Am

Ende des Blocks fischte ich einen Haargummi aus

meinem Rucksack und band meine lockigen Haare

zu einem Pferdeschwanz zusammen.

Direkt vor mir lag das in einem Rechteck um den Innenhof

herum angeordnete Hauptgebäude des Chase

College. Das Backsteingebäude hatte steile Schieferdächer

und Fenster mit Fensterkreuzen. Eine Ziegelmauer

mit einem von einer Laterne beleuchteten Tor

trennte den Campus von der Chase Street. Ich ging

hindurch und folgte einem von Bäumen gesäumten

Pfad zu einem weiteren rechteckigen Innen hof. Auch

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die angrenzenden Gebäude hier waren im Kolonialstil

gehalten, obwohl einige davon jünger wirkten. Sofort

erkannte ich das Raymond-M.-Stoddard-Gebäude

für Darstellende Künste, das einen ganzen Flügel

für sich einnahm.

Liza hatte es vollkommen richtig beschrieben: Das

Theater sah aus wie ein altes Rathaus, mit hohen Bogenfenstern,

einem Schieferdach und einem hohen

Eckturm, der eine Turmuhr hatte. Der Eingang zum

Theater befand sich am Kopfende, gegenüber von

einem Parkplatz und den Sportplätzen der Uni.

Im Studentenheim konnte man erst ab vier Uhr am

Nachmittag einchecken. Da ich etwas zu früh dran

war, stellte ich meinen Koffer auf dem Bürgersteig ab

und stieg die Treppe zum Theater hoch. Wenn Liza

jetzt hier gewesen wäre, hätte sie sicher darauf bestanden

hineinzugehen. Etwas hatte sich in ihr immer

verändert, wenn sie die Schwelle zu einem Theater

überquerte – dort hatte sie sich immer am lebendigsten

gefühlt.

Letzten Juli waren meine Schwester und ich zum

allerersten Mal in unserem Leben voneinander getrennt

gewesen. Nach der Mittelstufe war sie auf eine

Kunstakademie gewechselt und ich besuchte eine katholische

Highschool, aber wir hatten immer noch ein

Zimmer geteilt und uns einfach alles erzählt. Dann

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überraschte Liza uns alle, indem sie einen Theatersommerkurs

in Maryland einem weitaus renommierteren

Programm in New York vorzog, das viel besser

zu ihrer Erfahrung und ihrem Talent gepasst hätte.

Sie konnte es kaum erwarten, eine Weile von zu Hause

weg zu sein.

Sobald sie in Wisteria ankam, vermisste sie mich

aber schrecklich. Sie schrieb mir ständig E-Mails und

SMS und flehte mich an, sie doch endlich besu chen

zu kommen, damit ich ihre neuen Freunde kennenlernen

konnte, ganz besonders Michael. Sie sprach

andauernd von ihm und davon, wie verliebt sie ineinander

waren und dass noch niemand auf der ganzen

Welt eine so tiefe Liebe empfunden hätte. Ich aber

zögerte meinen Besuch immer weiter hinaus. Ich

hatte sehr lange in ihrem Schatten gestanden und

brauchte ein wenig Zeit für mich selbst. Dafür, jemand

anderes zu sein als immer nur Liza Montgomerys

Schwester. Doch dann bekam ich auf einmal alle

Zeit der Welt.

Die letzten elf Monate hatte ich mein Bestes getan,

um mich auf die Schule und die Gymnastik zu konzentrieren,

und hatte alles darangesetzt, meine Eltern

davon zu überzeugen, dass es mir gut ging. Doch mit

dem Herzen und letztendlich auch mit dem Kopf

war ich ganz woanders. Ich war leicht abzulenken.

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Ich verlegte ständig meine Sachen, was ironisch war,

da ich immer diejenige gewesen war, die Liza geholfen

hatte, ihre Sachen wiederzufinden.

Ohne Liza war es in meinem Leben sehr ruhig geworden,

doch ich konnte keinen Frieden finden. Ich

konnte es meinen Eltern nicht erklären – und auch

sonst nieman dem –, aber irgendwie hatte ich das seltsame

Gefühl, dass Lizas Geist in Wisteria geblieben

war und darauf wartete, dass ich mein Versprechen

hielt und sie besuchen kam.

Ich legte die Hand auf den Messingknauf am Theatereingang.

Die Tür war nicht abgesperrt. Mich beschlich

das merkwürdige Gefühl, dass ich erwartet

wurde, und ich ging hinein.

16


2

In der Eingangshalle waren die Fensterläden geschlossen

und nur die Leuchtschilder mit dem Wort »Ausgang«

darauf spendeten etwas Licht. Als Kind hatte

ich ständig in den Kulissen und Foyers dunkler Theater

gespielt, sodass ich mich hier sofort zu Hause

fühlte. Ich legte meinen Rucksack ab und ging zu der

Flügeltür, die in den Zuschauerraum führte. Sie war

ebenfalls nicht versperrt, also schlüpfte ich leise hindurch.

Eine Lampe ganz hinten auf der Bühne war die

einzige Lichtquelle. Doch sogar, wenn es hier stockdunkel

gewesen wäre, hätte ich diesen Ort an seinem

Geruch erkannt: Die vertraute Mischung aus Modrigkeit,

Staub und Farbe verriet sofort, dass ich mich in

einem alten Theater befand, mit abgeblätterten Goldrändern

und schweren Samtvorhängen, die von Jahr

zu Jahr etwas tiefer herabhingen. Ich ging den Mittelgang

hinunter und blieb nach etwa einem Drittel

stehen, einige Reihen vor dem Balkongeländer. Dann

setzte ich mich in einen der tiefen, wuchtigen Sessel.

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»Ich bin hier, Liza. Ich bin endlich da.«

Plötzlich überkam mich das Gefühl, dass meine

Schwester hier war. Es war so stark wie noch nie seit

dem Tag, an dem sie damals von zu Hause abgereist

war. Ich erinnerte mich an ihre Stimme, an deren Resonanz

und Umfang, wenn sie auf der Bühne stand.

Die Heiterkeit, die darin lag, wenn sie sich während

einer Vorstellung zu mir herüberbeugte und mir ihre

Meinung zur Leistung eines Schauspielers ins Ohr

flüsterte: »In diese Pause passt ein ganzer Lastwagen,

so lang ist die!«

Ich lachte und musste schlucken. Wie sollte ich nur

jemals aufhören können, Liza zu vermissen? Dann

drehte ich mich abrupt um, weil ich glaubte, etwas

gehört zu haben.

Rascheln. Bestimmt nur Mäuse, dachte ich. In diesem

alten Gebäude hausten wahrscheinlich ganze Völker

davon. Wenn jemand zur Tür hereingekommen

wäre, hätte ich einen Luftzug gespürt.

Doch ich hielt die Ohren weiterhin gespitzt und

jeder meiner Sinne war hellwach. Ich bemerkte noch

ein Geräusch, so sanft wie mein eige ner Atem: ein

murmelndes Stimmengewirr. Es kam von allen Seiten.

Mädchenstimmen, dachte ich, als das Geräusch

lauter wurde. Nein, nur eine einzige Stimme, die sich

immer wieder überlagerte, ein gruseliges Ge webe aus

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Satzfetzen und Lauten, aber nur eine einzige Stimme.

Lizas.

Ich verharrte mucksmäuschenstill und wagte nicht

einmal zu atmen. Das Geräusch verstummte. Die

Stille, die darauf folgte, war so überwältigend, dass

sie geradezu in meinen Ohren pochte und ich nicht

sicher war, ob ich wirklich die Stimme meiner toten

Schwester gehört oder mir das alles nur eingebildet

hatte. Langsam stand ich auf und sah mich um, konnte

jedoch nichts erkennen außer den Leuchtwegweisern

zum Ausgang, der goldenen Balustrade des Balkons

und der schwach erleuchteten Bühne.

»Liza?«

Zwischen meiner Schwester und mir hatte immer

eine ganz besondere Verbindung bestanden. Rein

äußerlich hatten wir uns nicht ähnlich gesehen, aber

als wir noch klein waren, hatten wir immer versucht,

alle Leute davon zu überzeugen, dass wir Zwillinge

waren. Wir waren beide Linkshänderinnen und gut

in Sprachen. Laut meinen Eltern hatten wir als Kleinkinder

sogar unsere eigene Sprache, genau wie das

manchmal bei Zwillingen der Fall ist. Auch als wir

älter wurden, wusste ich irgendwie immer, was Liza

gerade dachte. Konnte so etwas stärker sein als der

Tod?

Nein, bestimmt nicht. Ich wünschte mir nur ein-

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fach zu sehr, dass es doch möglich wäre, und weigerte

mich, von dieser Vorstellung abzulassen.

Ich ging weiter den Mittelgang entlang und stieg

die Stufen zur Bühne hinauf. Die Vorbühne – diese

Bretter, die in einem Bogen unter dem Vorhang hervorschauen

– war sehr tief. Wenn Liza hier gewesen

wäre, wäre sie sofort darauf hinausgestürmt und hätte

eine Vorstellung improvisiert. Ich ging zu der Stelle,

von der Liza behauptete, dass sie der magischste

Ort der Welt sei: ganz vorne in der Mitte der Bühne.

Langsam ließ ich den Blick über die leeren Sitzreihen

schweifen.

Ich bin hier, Liza, dachte ich noch einmal.

Nachdem sie gestorben war, hatte ich versucht, mir

abzugewöhnen, in Gedanken mit ihr zu sprechen

und mir vorzustellen, was ich zu ihr sagen würde,

wenn sie von der Schule nach Hause kam. Es würde

ja doch nie wieder geschehen.

Ich bin hergekommen, Liza, genau wie ich es dir

versprochen habe.

Ich rieb mir die Arme, da es plötzlich kalt geworden

war. Die Luft schien mit einem Mal so seltsam schwer

zu wiegen, dass ich mich fast schwerelos fühlte. Mir

wurde ganz flau im Kopf. Ich hatte das Gefühl, einfach

in die Luft steigen und aus meinem Körper davonschweben

zu können. Zunächst war es merkwür-

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dig angenehm. Dann war mir plötzlich so, als ob

sich meine Knochen und Muskeln auflösten. Ich war

dabei, vollkommen die Kontrolle über mich zu verlieren,

ich spürte meinen Körper nicht mehr! Panik

überfiel mich.

Um mich herum gingen Lichter in kühlen Farben

an, wie blaue Farbfilter vor Bühnenscheinwerfern.

Plötzlich kamen mir Verse in den Sinn, die so vertraut

wirkten, als hätte ich sie schon tausendmal aufgesagt:

O Zeit, du musst dies entwickeln, nicht ich. Es ist ein Knoten,

der zu hart verschlungen ist, als dass ich ihn auflösen

könnte.

Unmittelbar danach wurde mir klar, dass ich den

Text laut ausgesprochen hatte.

»Falsches Stück.«

Die tiefe Männerstimme ließ mich aufschrecken.

»Das haben wir letztes Jahr gespielt.«

Ich fuhr herum.

»Tut mir leid, ich wollte dich nicht erschrecken.«

Das blaue Licht verschwand und verwandelte sich

in ganz normale Bühnenbeleuchtung. Ein groß gewachsener,

schlanker Kerl mit dunkelblonden Haaren,

etwa mein Alter oder vielleicht auch ein paar

Jahre älter, stellte einen Karton ab. Er musste die

Scheinwerfer angemacht haben, als er hinter der Bühne

hervorkam. Er schlenderte auf mich zu, lächel te

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mich an und streckte mir die Hand zur Begrüßung

hin. »Hi. Ich bin Brian Jones.«

»Ich heiße Jenny.« Nur mit Mühe konnte ich mich

auf meine Umgebung konzentrieren. »Jenny Baird.«

Brian musterte mich lange und ich fragte mich, ob

ich unsicher geklungen hatte, als ich meinen neuen

Nachnamen ausgesprochen hatte. Dann lächelte er

wieder. Er hatte eines dieser sich langsam entfaltenden,

verführerischen Lächeln. »Jenny Baird mit den

langen roten Haaren. Freut mich, dich kennenzulernen.

Nimmst du am Sommerkurs teil?«

»Ja. Du auch?«

»Ich bin immer hier. Diesen Sommer bin ich der

Bühnenmeister.« Er zog ein Taschenmesser aus der

Hosentasche, klappte es auf und ging zurück zu dem

Karton. Er kniete sich davor hin, bohrte die Klinge

in den Deckel und schlitzte ihn auf. »Willst du ein

Skript? Bereitest du dich schon auf morgen vor?«

»Nein, nein, ich bin keine Schauspielerin. Ich arbeite

hinter den Kulissen.«

Er warf mir einen weiteren langen, fragenden Blick

zu und zog dann eine Handvoll Taschenbücher heraus,

allesamt Ausgaben von Shakespeares Sommernachtstraum.

»Dann hast du wahrscheinlich noch

nicht von Walker gehört«, sagte er. »Er ist der Regisseur

und besteht darauf, dass alle spielen.«

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»Er kann gerne darauf bestehen, aber das wird ihm

nicht viel helfen«, entgegnete ich. »Ich habe Lampenfieber.

Ich kann spielen, wenn ich in einem Klassenzimmer

bin oder mit Freunden zusammen. Aber

sobald ich auf einer Bühne stehe und das Licht der

Scheinwerfer im Gesicht habe und mich ein Publikum

anstarrt, dann passiert es.«

»Was passiert denn dann?«, fragte Brian und klang

amüsiert.

»Meine Stimme wird piepsig und meine Hände fangen

an zu schwitzen. Ich bekomme das Gefühl, dass

ich mich gleich übergeben muss. Natürlich«, fügte

ich hinzu, »wollte keiner meiner Grundschulleh rer

jemals abwarten und herausfinden, ob ich das wirklich

tun würde.«

Er lachte.

»Es ist total peinlich«, sagte ich.

»Das kann ich mir vorstellen«, sagte er, jetzt mit

sanfterer Stimme. »Vielleicht können wir dir helfen,

dein Lampenfieber zu überwinden.«

Ich ging zu ihm. »Vielleicht kannst du ja dem Regisseur

erklären, dass das bei mir nichts wird.«

Lächelnd sah er zu mir hoch. In seinen tiefbraunen

Augen waren abwechselnd Ernsthaftigkeit und Erheiterung

zu sehen. »Ich werd’s versuchen. Aber ich warne

dich besser schon mal vor: Walker kann ziemlich

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stur sein, was seine Regeln anbelangt, und auch ziemlich

hart gegenüber seinen Schülern. Darauf ist er

stolz.«

»Klingt so, als würdest du ihn ziemlich gut kennen.«

Hat Brian auch Liza gekannt?, fragte ich mich.

»Ich komme jetzt ins dritte Semester hier an der

Uni«, erwiderte Brian, »und auch als ich noch zur

Highschool gegangen bin, war ich schon immer zum

Sommerkurs hier, als Schauspieler. Hast du unsere Inszenierung

von letztem Jahr gesehen?«

»Nein. Welches Stück habt ihr denn aufgeführt?«

»Das, aus dem du gerade zitiert hast«, rief er mir in

Erinnerung.

Einen Augenblick lang fühlte ich mich ertappt.

»Was ihr wollt.«

»Das war ein Teil von Violas Text«, fügte er hinzu.

Lizas Rolle. Deshalb konnte ich mich an den Text

erinnern – ich hatte ihr beim Üben für das Vorsprechen

geholfen.

Dennoch fühlte ich mich unbehaglich bei der Art,

wie Brian mich musterte.

Wusste er, wer ich wirklich war? So ein Blödsinn,

sagte ich zu mir selbst. Liza war schlaksig und dunkelhaarig

gewesen, wie mein Vater, während meine

Mutter und ich mit unseren roten Mähnen wie die

Nachfahren von Kobolden aussahen. Liza war im

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kleinen Kreis beerdigt worden, nur die engsten Verwandten

und Freunde waren eingeladen gewesen.

Meine Mutter war stets darauf bedacht, mich vor den

Medien zu schützen.

»Das ist ein tolles Stück«, sagte ich. »Das haben wir

auf meiner Schule dieses Jahr auch gespielt«, fügte ich

hinzu, um zu erklären, woher ich den Text kannte.

Brian zählte still die Bücher. »Wo bist du denn untergebracht?«,

fragte er dann und stand auf. »Haben

sie dir schon gesagt, welches Gebäude sie dir zugeteilt

haben?«

»Ja, ich bin im Theaterhaus.«

»Was für ein Glück!«

»Mir gefällt ganz und gar nicht, wie das klingt.«

Er lachte. »Es gibt vier Gebäude, die als Unterkünfte

für den Sommerkurs verwendet werden«, erklärte

er. »Das Theaterhaus, eine Studentinnenvereinigung

und zwei Burschenschaften. Ich bin der Hausvater für

eine der Burschenschaften. Zwei andere Studenten

sind Hausvater und Hausmutter für die andere Burschenschaft

und die Studentinnenvereinigung. Aber

du und die anderen Mädchen im Theaterhaus werden

von General Springerstiefel höchstpersönlich beaufsichtigt.

Ich glaube, die Teilnehmer vom letzten

Jahr hatten noch ein paar heftigere Namen für die

Aufsicht da in petto.«

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Das wusste ich bereits von Liza, aber auf der anderen

Seite hatte Liza nie viel für Leute übriggehabt,

die von ihr erwarteten, dass sie sich an Regeln hielt.

»Ist sie wirklich so schlimm?«, fragte ich.

Er zuckte die Schultern. »Ich bin anderer Meinung.

Aber sie ist schließlich auch meine Mutter.«

Ich musste lachen und hielt mir dann erschreckt

die Hand vor den Mund, weil ich befürchtete, seine

Gefühle verletzt zu haben.

Grinsend zog er meine Hand von meinem Mund.

»Du solltest dein Lächeln nicht verstecken, Jenny. Es

ist hübsch.«

Ich konnte spüren, wie mir heiß im Gesicht wurde.

Wieder fielen mir seine dunklen braunen Augen mit

den sanften, matten Wimpern auf.

»Wenn du kurz wartest, während ich noch nach ein

paar anderen Materialien sehe, bringe ich dich rüber

zum Theaterhaus.«

»Okay.«

Brian verschwand hinter der Bühne. Ich ging zum

Rand der Vorbühne und setzte mich hin. Ich ließ die

Beine baumeln, starrte in die Dunkelheit hinein und

dachte nach. Brian hatte mitbekommen, wie ich Lizas

Text aufsagte, aber er hatte mit keinem Wort die Stimmen

erwähnt, die ich gehört hatte, als ich im Publikum

gesessen hatte. Ich überlegte, ob ich ihn danach

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fragen sollte, wollte aber nicht, dass er mich für vollkommen

verrückt hielt.

Aber es ist gar nicht verrückt, sagte ich zu mir selbst.

Es hätte mich eigentlich gar nicht überraschen sollen,

dass ich mich an einem Ort, an dem ich an Liza

denken musste, an ihren Text erinnerte. Es war nur

natürlich, dass mir ihre Stimme in den Sinn kam,

wenn ich sie so sehr vermisste.

Dann fiel mein Blick auf etwas hoch oben auf dem

Balkon, ganz rechts – eine blitzschnelle Bewegung.

Angestrengt versuchte ich, mehr zu erkennen, doch

dafür war es zu dunkel. Rasch stand ich auf. Plötzlich

war ein Lichtstreif zu sehen. Eine Tür an der Seite des

Balkons ging auf und eine dunkle Gestalt ging hindurch.

Irgendjemand hatte dort oben gesessen.

Wie lange wohl schon?, fragte ich mich. Seit dem

Rascheln, das ich gehört hatte, kurz nachdem ich das

Theater betreten hatte?

»Stimmt etwas nicht?«, fragte Brian, der wieder aus

den Kulissen auftauchte.

»Nein, nein, alles in Ordnung. Mir ist nur gerade

eingefallen, dass ich mein Gepäck am Eingang stehen

gelassen habe.«

»Damit ist bestimmt nichts passiert. Ich bringe

dich zur Hintertür, die benutzen alle. Dann kannst

du schnell rübergehen und es holen.«

27


Er führte mich hinter die Bühne und schaltete alle

Lichter aus, bis auf die eine Lampe, die auch vorher

schon gebrannt hatte. Dann gingen wir eine Treppe

hinunter, an deren unterem Absatz sich der Ausgang

befand.

»Diese Tür ist normalerweise nicht abgeschlossen«,

sagte Brian. »Die Leute aus der Großstadt finden es so

gut wie immer seltsam, dass wir so einfach alles offen

lassen, aber es gibt echt keinen sichereren Ort als den

hier.«

Abgesehen von dem ein oder anderen Serienmord,

dachte ich.

Wir traten hinaus auf eine Außentreppe, deren fünf

Stufen zur Straße hinaufführten. Gegenüber dem

Theater auf der anderen Straßenseite befand sich

eine Reihe großer Häuser im viktorianischen Stil, die

der Rückseite des Unikarrees zugewandt waren. Davor

standen Autos Schlange, Gepäck wurde ausgeladen

und Kursteilnehmer versammelten sich auf dem

Rasen und in den Portalen. Jemand winkte Brian zu

und rief nach ihm.

»Bis später, Jenny«, sagte er und machte sich auf

den Weg zu den Häusern.

Ich ging zurück zum Eingang des Stoddard Theaters,

um mein Gepäck zu holen. Als ich um die Ecke

bog, prallte ich fast mit jemandem zusammen. Wir

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lieben beide abrupt stehen. Der Junge war in meinem

Alter, groß, hatte schwarze Haare und trug ein

schwarzes T-Shirt und schwarze Jeans. Er sah mich

an und wandte dann schnell den Blick ab, doch ich

konnte meinen nicht von ihm lösen. Das Blau seiner

Augen war unglaublich.

»’tschuldigung«, sagte er schroff und ging dann in

einem großen Bogen an mir vorbei.

Ich drehte mich um und sah zu, wie er zielstrebig

auf die Häuser der anderen Straßenseite zuging.

Ich wusste natürlich, dass jeder Theatermensch mindestens

ein komplett schwarzes Outfit im Schrank

hat, vielleicht sogar zwei, weil Schwarz drama tisch,

tough und cool ist. Aber gleichzeitig ist es auch die

Farbe, die man trägt, wenn man möglichst nicht gesehen

werden will, und dieser Typ wollte definitiv

nicht gesehen werden, zumindest nicht von mir. Das

hatte ich an der Art gespürt, wie er den Blick abwandte.

Er hatte sich irgendwie schuldbewusst verhalten,

wie jemand, der auf frischer Tat ertappt wurde – zum

Beispiel dabei, wie er sich vom Theaterbalkon davonschlich.

Ob er wohl Lizas Stimme gehört hatte? War er

vielleicht sogar der Grund dafür, dass ich sie gehört

hatte? Das, was ich gehört hatte, konnte sehr leicht

Lizas Stimme auf Tonband gewesen sein, digital be-

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arbeitet und über das Lautsprechersystem des Theaters

abgespielt.

Diese Erklärung hatte nur einen einzigen Haken:

Sie verlangte nach einer weiteren. Warum sollte jemand

so etwas tun?


3

Bis ich meinen Koffer abgeholt, ihn um das ganze

Gebäude herumgezogen und die Straße überquert

hatte, war der Typ in Schwarz in der Menge der anderen

Schüler vor den Wohnhäusern verschwunden.

Das Theaterhaus hatte eine Plakette und war das gepflegteste

der vier dreistöckigen Häuser. Es hatte ein

pyramidenförmiges, steiles hellgelbes Schindeldach

mit weißem Rand, aus dem in unterschiedliche Richtungen

Giebel herausragten. An einer Ecke befand

sich ein Türmchen.

Ein Junge, der ungefähr so groß war wie ich, aber

drei oder vier Mal so breit, versperrte mir den Gehweg.

Zu seinen Füßen lagen wie müde Hunde zwei

vollgepackte Rucksäcke und ein ramponierter Koffer.

Er blickte Richtung Veranda, wo ein Haufen Mädchen

tratschte und lachte.

»Wunderschön«, sagte er.

Ich schielte an ihm vorbei und hoffte, dass er merkte,

dass ich vorbeiwollte, aber er war vor Staunen zur

Salzsäule erstarrt. »Wer denn?«, fragte ich schließlich.

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Er blinzelte überrascht. »Was?«

»Welches Mädchen?«

Er schob verlegen die Hände in die Hosentaschen.

»Ich … ich meinte das Haus. Es ist im Queen-Anne-Stil

gebaut, der war Ende des neunzehn ten Jahrhunderts

modern. Sieh nur, die tolle Kombination aus verschiedenen

Formen: dreieckig, rechteckig, rund, konisch.

Und die Struktur von Dach und Vordergiebel.«

Er hatte einen starken Bronx-Akzent, was ich eher

mit einem Bierverkäufer im Footballstadion in Verbindung

brachte als mit jemandem, der sich für die

Architektur des neunzehnten Jahrhunderts begeisterte.

Ich unterdrückte ein Kichern.

»Ich hätte allerdings kontrastreichere Farben verwendet«,

fuhr er fort. »Rot, Gold, Grün. Limettengrün,

vielleicht. Ja, auf jeden Fall. Limettengrün.« Das

letzte Wort schluckte er verlegen hinunter. »Ich sollte

eigentlich dort drüben sein«, murmelte er, warf sich

seine Rucksäcke über die Schultern und griff nach

seinem Koffer. Er machte sich auf den Weg zu einem

grauen Haus, von dem die Farbe abblätterte und vor

dem auf dem Rasen ein kariertes Polstersofa und ein

lila Couchtisch standen. Ganz klar das Haus einer

Burschenschaft.

»Also dieses Haus«, rief ich ihm nach, »könnte wirklich

einen neuen Anstrich vertragen.«

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Er drehte sich um und lächelte kurz. Das Lächeln

ließ sein rundes Gesicht trotz seiner dunklen Haare,

seiner stoppeligen Augenbrauen und seiner fast

schwarzen Augen wie das eines pausbäckigen Engels

wirken.

Während er in Richtung Burschenschaft eilte, ging

ich zum Theaterhaus und stieg die Stufen zu der ganz

um das Haus herumlaufenden Veranda hinauf. Vier

Mädchen standen dort eng zusammen und unterhielten

sich so laut, dass auch drei andere, die etwas abseits

standen, leicht mithören konnten. Ich stellte mich zu

den drei ruhigeren Mädchen.

»Und, haben sie dich rausgeworfen?«, fragte ein

Mädchen mit eleganten dünnen Afrozöpfchen. Sie

hatte hohe Wangenknochen und dunkle Haut, die

seidig schimmerte wie Satin.

»Nein, Shawna, das haben sie nicht«, entgegnete

ein anderes Mädchen und seufzte dabei gelangweilt.

»Wie kommt’s?«, fragte Shawna. »Geben sie dir einfach

immer noch mal eine Chance?«

»So was in der Art.«

Shawna lachte. »Wie oft hast du’s denn schon versucht,

Keri?«

»Nicht so oft, wie ich eigentlich wollte. Ich habe

herausgefunden, wer noch auf die Schule geht, mit

der mir meine Eltern ständig drohen. Eine Zeit lang

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wäre es sicher ganz unterhaltsam, aber dann würde

es seinen Reiz verlieren.«

Während sie sprach, fuhr Keri sich mit ihren langen

Fingernägeln durchs kurze Haar. Es war tiefschwarz

und weiß gefärbt. Ihre leicht verschlafenen Augen

waren mit schwarzem Kajal umrandet. Ich kannte

diesen Look: Liza hatte ihn ab und zu eingesetzt, um

den Menschen um sie herum mitzuteilen, dass sie

besser bald etwas unternahmen, wenn sie weiterhin

ihre Aufmerksamkeit haben wollten.

»Hey, Keri, Paul ist wieder da«, sagte ein anderes

Mädchen.

»Ach echt?« Der gelangweilte Ausdruck verschwand

von ihrem Gesicht.

»Immer noch hinter Paul her«, bemerkte das große,

dünne Mädchen.

Shawna schüttelte den Kopf. »Ich verstehe dich einfach

nicht.«

»Keri will nicht verstanden werden«, sagte das vierte

Mädchen aus der Gruppe. Sie hatte lange schwarze

Haare und mandelförmige Augen mit samtigen

Wimpern.

»Ich meine, er sieht ja ganz gut aus«, fing Shawna

an, »aber –«

»Oh, schaut mal, wer da zu uns rüberkommt«, unterbrach

Keri sie kühl.

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