Kooperation in Netzwerken des EQUAL-Programms. Vortrag auf der ...

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Kooperation in Netzwerken des EQUAL-Programms. Vortrag auf der ...

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Eva Kaewnetara / Hans Uske

Kooperation in Netzwerken des EQUAL-Programms

(Vortrag auf der BQN/BQF Herbsttagung, November 2004)

1. Unser Blickwinkel

Ich bin von IBQM gebeten worden, heute einen Vortrag zum Thema „Netzwerkarbeit

im EQUAL-Programm“ zu halten und dabei vor allem auf folgende Fragen

einzugehen:

• Welche Ziele werden mit der Netzwerkarbeit verfolgt?

• Welche Erfahrungen haben die Projekte mit der Netzwerkbildung, dem

Netzwerkmanagement und der Kommunikation in den Netzwerken?

• Lassen sich aus der bisherigen Arbeit Erfolgsbedingungen ableiten?

• Wo bestehen Probleme und welche Lösungsansätze wurden entwickelt?

Das, was ich Ihnen heute darlegen kann, sind Antworten aus einem bestimmten

Blickwinkel. Zusammen mit meiner Kollegin Eva Kaewnetara arbeite ich seit fast drei

Jahren in der EQUAL-Entwicklungspartnerschaft openIT – Öffnung der IT-Kernberufe

für Migrantinnen und Migranten“, zunächst beim Aufbau der EP, dann als Evaluator.

Außerdem arbeiten wir in einem der nationalen thematischen Netzwerk von EQUAL

mit, dem Netzwerk „Berufliche Intergration von Migrantinnen und Migranten“.

Unser Blick auf die EQUAL-Netzwerke ist also nicht ein „Programm-Blick“ sondern

der Blick aus einer Entwicklungspartnerschaft heraus. Um dies vergleichbar zu

machen: nicht der Blick den IBQM und das Ministerium auf die BQNs haben sondern

ein Blick aus einem der BQNs heraus. Wir können Ihnen heute daher auch keinen

Gesamtblick auf Netzwerkbildung bei EQUAL geben, wie es etwa die EQUAL-

Programm-Evaluation in ihrem umfangreichen Mid-Term-Bericht getan hat (ICON

INSTITUTE / COMPASS / PIW 2003).

Bevor wir inhaltlich auf die Fragen eingehen, wollen wir kurz auf einige der

Grundzüge des EQUAL-Programmes zu sprechen kommen:

Ziel der Gemeinschaftsinitiative EQUAL ist es, „modellhaft neue Handlungsstrategien

zum Abbau von Diskriminierungen jeglicher Art im Zusammenhang mit dem

Arbeitsmarkt zu entwickeln und zu erproben“ (BMWA 2004, S.6). Dies geschieht in

mehreren Themenbereichen, unter anderem im Bereich der „Verbesserung der

Beschäftigungsfähigkeit“, in dem besonders viele Projekte gefördert werden, die sich

mit Fragen der beruflichen Integration von Migrantinnen und Migranten beschäftigen.

Operatives Kernstück von EQUAL sind regionale und sektorale

Entwicklungspartnerschaften, in denen verschiedene Partner ein gemeinsames

arbeitsmarktpolitisches Ziel verfolgen. D.h. von der Form her sind diese EPs

vergleichbar mit den hier vertretenen BQNs – obwohl es natürlich einige wichtige

Unterschiede gibt.) Es gibt zurzeit 109 EPs in Deutschland (mit über 1.640

Teilprojekten). In Europa sind es insgesamt ca. 1.500. Diese EPs arbeiten in der

Regel drei Jahre lang zusammen. Das Fördervolumen pro EP liegt in Deutschland

bei ca. 2 Millionen €.


2

2. Die Netzwerkphilosophie von EQUAL

Bevor wir darauf eingehen, wie die Netzwerkphilosophie, die Idee, die hinter der

Konstruktion der Entwicklungspartnerschaften steht, aussieht, wollen wir zunächst

einige Anmerkungen zur Netzwerklandschaft machen, in die die einzelnen EPs

eingebunden sind.

Die Folie zeigt 5 Netzwerkebenen die das EQUAL-Programm umfasst (eigentlich

müssten es sogar 6 sein). (Abbildung 1)

EQUAL als Netzwerklandschaft

Nationales

EQUAL-Netzwerk

aus 109 EPs

1

15 thematische

Netzwerke

2

Entwicklungspartnerschaften

(EPs)

Transnationale

Kooperationen

3

4

1500 Development

Partnerships

in Europa

EQUAL als

EU Gemeinschaftsinitiative

5

6

Die Basis, wenn man so will, die unterste Netzwerkebene sind die

Entwicklungspartnerschaften (3) bzw. Development Partnerships (5) in Europa.

Diese EPs bilden wiederum Transnationale Kooperationen (4) aus EPs

verschiedener europäischer Länder zu einer ganz bestimmten Fragestellung.

EPs mit gleicher thematischer Ausrichtung bilden nationale thematische Netzwerke

(2). Unsere EP arbeitet beispielsweise mit im nationalen Netzwerk „Berufliche

Integration von Migrantinnen und Migranten“, in dem ca. 20 EPs

zusammengeschlossen sind.

Insgesamt sind alle 109 Entwicklungspartnerschaften Teil des nationalen EQUAL-

Netzwerkes (1).

Alle Länder zusammen bilden schließlich so etwas wie das Gesamteuropäische

EQUAL-Netzwerk (6).


3

Die operative Arbeitsebene dieser Netzwerklandschaft ist die

Entwicklungspartnerschaft (EP). (Abbildung 2)

Die EQUAL-Entwicklungspartnerschaft (EP)

als Netzwerk

Neue

Partner

Transnationale

Kooperation

Koordinierende

Stelle

Technische

Hilfe

Operative

Partner

Strategische

Partner

Programmevaluation

Entwicklungspartnerschaften sind Netzwerke mit verschiedenen Partnern. Es gibt

operative Partner, die Teilprojekte selbst durchführen, strategische Partner ohne

finanzielle Beteiligung und, weil es ja ein offenes Netzwerk sein soll, potentielle neue

Partner. Die Steuerung dieser Netzwerke kann sehr verschieden sein. Die EQUAL-

Programmevaluation hat in einer Befragung der EPs nach vier verschiedenen

Netzwerk-Idealtypen gefragt und dabei herausbekommen, dass es sich vor allem um

indirekt selbstgesteuerte Netzwerke handelt, dass heißt, es gibt zwar einen Akteur im

Mittelpunkt, der aber keine übergeordnete Steuerungsfunktion hat. ICON-INSTITUTE

/ COMPASS / PIW 2003, S.165ff). Netzwerke mit einer ausgeprägten Top-Down-

Struktur sind dagegen selten.

Wir haben versucht, den Kern der Netzwerkphilosophie von EQUAL, so wie wir sie

verstehen, in einer Grafik zu visualisieren.


4

EQUAL-Netzwerkphilosophie

Ziel von EQUAL: Innovation und Mainstreaming

+ + + +

Netzwerke

Komplementäre

Partner

Offenes

Netzwerk

Nachhaltigkeitsorientiert

Einzelprojekte

Gleichgerichtete

Partner

Geschlossenes

Netzwerk

(Projekt-)

ergebnisorientiert

- - - -

Grundlage dieser Philosophie ist der Gedanke, dass die Entwicklung von

Innovationen nur Sinn macht, wenn ihre Einführung in die Regelsysteme des

Arbeitsmarktes und der Arbeitsmarktpolitik immer mitgedacht wird. Das Ziel einer

Entwicklungspartnerschaft ist also nicht schon dadurch erreicht, dass eine neue Idee

entwickelt und erprobt wird, sondern wird erst dann zum Erfolg, wenn sie in die

Regelsysteme implementiert worden ist.

Gerade weil dies das Ziel ist, erscheint die Bildung von Netzwerken (mit

verschiedenen Teilprojekten) ein erfolgversprechenderer Weg zu sein, als die

Entwicklung von Innovationen in Einzelprojekten.

Gerade weil es um „Mainstreaming“ geht, müssen in diese Netzwerke

komplementäre Partner eingebunden sein, (z.B. Bildungsträger, Sozialpartner,

Unternehmen, Selbstorganisationen, öffentliche Stellen), und nicht, was vielfach

einfacher wäre, gleichartige Partner bzw. Partner, die vor vorneherein „miteinander

können“.

Das gleiche gilt für die Offenheit gegenüber neuen Partnern.

Entwicklungspartnerschaften sollen in der Lage sein, „jederzeit neue Partner zu

integrieren“ (PGI 2001, S.184).

Schließlich, und das ist ganz entscheidend, sollen die EPs nachhaltigkeitsorientiert

arbeiten, anstatt nur ergebnisorientiert. Gerade dieser Punkt hat in der Anfangsphase

von EQUAL für viele Diskussionen in den EPs gesorgt, weil die Projektkultur in

Deutschland darauf bisher nicht zugeschnitten war. In der Vergangenheit waren

Projekte in der Regel mit dem vom Projektgeschehen abgetrennten Transfer zu

Ende. Was dann aus der Idee wurde, war nicht mehr Aufgabe der Projektakteure.


5

3. Das Beispiel der EP openIT 1

Wir wollen nun auf die zweite eingangs gestellte Frage eingehen: „Welche

Erfahrungen haben die Projekte mit der Netzwerkbildung, dem

Netzwerkmanagement und der Kommunikation in den Netzwerken?“ und dies

anhand der EP darlegen, die wir evaluieren und an deren Entstehung wir mit beteiligt

waren, die Entwicklungspartnerschaft „Öffnung der IT-Kernberufe für Migrantinnen

und Migranten“, kurz „openIT“

Bei unseren ersten Evaluationsgesprächen zur Ermittlung der Ziele und Arbeitspläne

mit Akteuren der Teilprojekte von OpenIt und auch bei anderen Beobachtungen der

Arbeit der EP fiel uns auf, dass sich neben sehr heterogenen Selbstbeschreibungen

ein bestimmtes Bild der EP herausgeschält hatte, dass sich bei genauer Betrachtung

als dysfunktional und hemmend erwies. Wir haben dieses Selbstverständnis

„Zwiebelmodell“ genannt und in Abbildung 4 (für eine Zwiebel allerdings ungewohnt

eckig) visualisiert:

Wie wurde unsere EP am Anfang von uns wahrgenommen

(Zwiebelmodell)

Außenwirksame Projekte

Öffentlichkeitsarbeit

(ZAP; AG)

Management

bfw

indirekte Unterstützungsprojekte

Evaluation

RISP

Finanzabwicklung

LVA

direkte Unterstützungsprojekte

Moderation

S&h

Qualifizierungsprojekte

Rekru-

Tierung

(VIA West Internet

LZZ Projekt

usw.) bfw

„Lernen

lernen“

Dialog

(bfw; Neue Arbeit)

Zusatz-

Angebote

bfw

TCA

OPENIT

Horizon-

Tales

Mainstreaming

Coaching

Kontext

Sprachkurse

Teilprojekt Asyl

RISP

Unterrichtsforschung

Uni Münster

Migranten-Forschung

LZZ

Vertikales Mainstreaming

Ziel

!

Von EQUAL

In diesem Zwiebelmodell erscheint die EP „im Kern“ als Qualifizierungsprojekt. Die

Qualifizierungsprojekte des Berufsfortbildungswerkes (bfw) und der Neuen Arbeit der

Diakonie (Ausbildung, Weiterbildung, Umschulung und Brückenqualifizierungen) sind

in diesem Selbstverständnis „das Eigentliche“, „der Motor“, „das Zentrum“. Dieses

„Eigentliche“ gilt es zu verbessern, zu optimieren, zu verändern und zwar bezogen

auf das Ziel der Integration von Migrantinnen und Migranten.

1 Die folgenden Ausführungen sind z.T. wörtlich übernommen aus zwei Aufsätzen, die wir zur EQUAL-

Evaluation verfasst haben. Vgl. Kaewnetara / Uske 2003; Kaewnetara / Uske 2004a.


6

Um „den Kern“ herum liegen dann Schalen mit abnehmender Bedeutung. Weil sich

die Akteure der EP „im Kern“ als Qualifizierungsprojekt denken, erscheinen die

direkten Unterstützungsprojekte für die Qualifizierungsvorhaben noch am

bedeutendsten: Das Coaching-Projekt der Firma Kontext ist unmittelbar als

Dienstleister in die Qualifizierungsprojekte integriert, ebenso das Projekt „Lernen

lernen“ der Firma IATG, geplante fachliche Zusatzangebote des bfw oder auch

eventuelle Sprachkurse.

Weiter entfernt vom „Eigentlichen“ sind dann die meisten der Teilprojekte: Das

Management (bfw), die Evaluation (Rhein-Ruhr-Institut an der Universität Duisburg-

Essen, RISP), die Finanzabwicklung (Landesversorgungsamt), die Moderation (die

Firma S&H), das Internet-Projekt (bfw), die Forschungsprojekte Asyl (RISP),

Unterrichtsforschung (Uni Münster) und Migranten-Forschung (Landeszentrum für

Zuwanderung des Landes Nordrhein-Westfalen, LZZ). Noch eine Schale weiter vom

Kern entfernt agieren dann die außenwirksamen Teilprojekte und

Querschnittsaufgaben wie Öffentlichkeitsarbeit (der Firma ZAP), Rekrutierung

(Verband der Initiativgruppen in der Ausländerarbeit / LZZ), vertikales und

horizontales Mainstreaming (AG Mainstreaming).

Zwei Dinge fallen an diesem Modell auf:

1. Die Randlastigkeit: Die meisten Projekte und Aufgabenfelder befinden sich in den

äußeren beiden Schalen der Zwiebel. Die Mitte ist unterrepräsentiert – auch

finanziell. Die ESF-Mittel, die für „den Kern“ und die direkten Unterstützungsprojekte

verwendet werden, sind deutlich geringer als für die Projekte der äußeren Schalen.

2. Die Abhängigkeit von den Qualifizierungsprojekten: Wenn sie als „Kern“ und als

„Motor“ verstanden werden, bekommt die EP ein Problem, wenn, um im Bild zu

bleiben, „der Motor nicht anspringt“. Tatsächlich fingen die meisten Kurse erst 2003

an, waren nicht genau planbar (wegen der Arbeitsamts-Finanzierung), weder zeitlich

noch örtlich. Irgendwie meinten daher die Akteure, sie hingen in der Luft, weil ihnen

die Basis ihrer Arbeit fehlte, und erst, wenn sich das ändere, „könne es richtig

losgehen“. Ein solches Selbstverständnis erzeugt Blockaden und Konflikte und das

Gefühl der Lähmung, weil alles, was im Rahmen der Teilprojekte und

Querschnittsaufgaben gemacht wird, irgendwie sinnlos erscheint, wenn das

„Eigentliche“ nicht so funktioniert, wie es im Modell vorgesehen war.

Tatsächlich wird das „Zwiebelmodell“ in den Köpfen 2 der Akteure weder ihrer Arbeit,

noch den Zielen von EQUAL gerecht:

1. Das Ziel der EP ist nicht „Verbesserung von Qualifizierungsprojekten“, sondern

„Öffnung der IT-Kernberufe für Migrantinnen und Migranten“. Gerade weil die Akteure

der EP (bereits in der Interessenbekundung) deutlich gemacht haben, dass sie nicht

der Ansicht sind, dass ihr Ziel allein durch Qualifizierung erreicht werden kann, haben

sie ein breites Projektdesign mit vielen, sehr unterschiedlichen Teilprojekten gewählt.

2. Ziel von EQUAL ist es nicht (wie z.B. bei den regionalisierten ESF-Projekten),

Migrantinnen und Migranten (oder andere Zielgruppen) zu qualifizieren, auch nicht

(wie in innovativen Vorgängerprogrammen, z.B. ADAPT), arbeitsmarktpolitische

2 Wie es da rein gekommen ist, und wie alle beteiligten Akteure daran mitgestrickt haben, ist eine

andere Sache, auf die wir an dieser Stelle nicht näher eingehen können. Eine genaue Analyse der

diversen Texte im Vorfeld des Projektes, während der Antragsphase und in der Gründungsphase

könnte wahrscheinlich zeigen, dass die Akteure der TP sich über diese Fragen zu wenig

Rechenschaft abgelegt haben. Hinzu kommt, dass das „Projektzentrum“ historisch und aktuell das bfw

war und ist. Da das bfw „als Bildungsträger“ wahrgenommen wird, (obwohl es im Rahmen der EP viele

andere Dinge tut (Management, Transnationalität, Internet) kann der Eindruck befestigt werden,

OpenIt sei „im Kern“ ein Qualifizierungsprojekt.


7

Innovationen zu produzieren. Zentrales Ziel ist vielmehr die Nachhaltigkeit solcher

Innovationen ins Werk zu setzen. Deshalb sind für das Gelingen von EQUAL das

horizontale und das vertikale Mainstreaming von besonderer Bedeutung. Hier

entscheidet sich, ob das EQUAL-Programm erfolgreich sein wird oder nicht. Die EPs

sind dazu aufgerufen, sich an diesem Mainstreaming-Prozess, der von der

Programmebene organisiert wird, aktiv zu beteiligen.

Wir haben deshalb vorgeschlagen, das „Zwiebelmodell“ aufzugeben, und stattdessen

die EP durch ein neues Modell zu redefinieren, das wir „Zielscheibenmodell“ genannt

haben (Abbildung 5).

Selbstverständnis

Der EP openIT

seit Ende 2002

(Zielscheibenmodell)

bfw

Transnationalität

Qualifizierungsprojekte

Teilprojekte

Management

bfw

Unterrichts-

Forschung

Vertikales

Mainstreaming

Mittelverwaltung

bfw

Forschung

Asyl

Migranten-

Forschung

Nachhaltige

Öffnung

Der IT-

Kernberufe

Evaluation

Moderation

bfw

Öffentlichkeitsarbeit

Horizontales

Mainstreaming

Lernen

lernen

bfw

Internet

Coaching

bfw

Neue Arbeit

Das zentrale Ziel der EP (die Mitte der Zielscheibe) ist nach diesem Modell die

nachhaltige Öffnung der IT-Kernberufe für Migrantinnen und Migranten. Die zentralen

Mittel dazu sind das vertikale und horizontale Mainstreaming (also die

Implementation ihrer Ansätze in „normale“ Arbeitsmarktpolitik sowie die

Verbreiterung bei anderen Akteuren (z.B. Bildungsträgern). Um dieses Ziel zu

erreichen führt die EP ihre innovativen Teilprojekte und anderen Aktivitäten durch.

Der äußere Ring sind die Qualifizierungsprojekte, die die EP vor allem aus zwei

Gründen brauchen. Sie benötigt sie als Mittel für ihre Teilprojekte (weil sie dort

experimentieren und forschen) und als Ko-Finanzierung.

Der Vorteil dieses neuen Selbstverständnisses liegt in der Verschiebung der

Gewichte.

• Auf den Qualifizierungsprojekten lastet dann nicht mehr die Verantwortung, die

Richtung vorgeben zu müssen.

• Die Teilprojekte können ihre Arbeit neu und sinnvoll redefinieren.


8

• Unsere Zielvision wird kompatibel zur EQUAL-Programm-Philosophie

(Mainstreaming als Kernaufgabe).

Dieses Verständnis der Arbeit ist durchaus von Anfang an in den Programmpapieren

der EP enthalten gewesen, aber eben nicht als ausformulierte Praxis und vor allem

nicht als handlungsleitende Vision.

Den Wechsel im Selbstverständnis war daher eine funktionale Umdeutung mit dem

Ziel, die Kooperation der Akteure so zu verbessern, dass eine gemeinsame

Problemanalyse und Zielsetzung praktisch hergestellt worden ist. Dies schließt auch

gemeinsame Vorstellungen darüber, was Innovationen für die EP sind, mit ein.

Die Entwicklung eines gemeinsamen Wissenshintergrundes und

Selbstverständnisses ist eine wesentliche Grundlage für die Zielschärfung. Dies ist

auch im weiteren Verlauf wichtig gewesen. Natürlich weiß jeder Akteur in unserer EP,

dass die IT-Branche in der Krise ist, und das eine Öffnung für Migrantinnen und

Migranten eher schwieriger geworden ist, dennoch war dieses Wissen nicht

systematisiert auf die Geschichte unserer EP bezogen. Wir haben deshalb Anfang

des Jahres das Problem in zwei Grafiken (Abbildungen 6 und 7) visualisiert:

Vorher:

Unsere Vorstellung bei Gründung der EP openIT

Boomende IT-Branche

Zentrales

gesellschaftliches

Thema

Auf diese Situation

zugeschnittene Teilprojekte

Open IT

Aus- und Weiterbildung

als bewährtes

Instrument

Motivierbare Lehrkräfte

Interessierte

Strategische Partner

Motivierte

TeilnehmerInnen


9

Nachher:

Die Umweltbedingungen haben sich radikal verändert

Krise der IT-Branche

Diskurswandel

Von der IT-Euphorie

Zum Negativklischee

IT-Berufe verlieren den

Ruf als „Zukunftsberufe“

EP

Open IT

Irritationen der Teilprojekte

Strategien der TP sind auf

Überkommene Voraussetzungen

zugeschnitten

Legitimationsprobleme nach außen

Hartz-Reform

Umstellung auf

Bildungsgutscheine

(Aktuell keine mehr im

IT-Bereich)

Keine Vorschaltkurse

Strategische Partner

AA als zentraler Partner

fällt aus

Unternehmen haben weniger

Interesse

De-Motivation der TN

Sinkende Chancen auf

Arbeitsplatz nach der

Weiterbildung

Erst diese Zusammenschau erlaubt den Blick auf das Ausmaß der Probleme, vor die

wir gestellt sind. Sie erlaubt auch, vorhandenes Unbehagen an der eigenen Arbeit

und die der Partner einzuordnen. Die Veränderungen der Umwelt erscheinen als

Netzwerk sich bedingender und sich gegenseitig verschärfender Problemfelder. Die

EP weiß jetzt genauer, warum sie das Ziel, die IT-Kernberufe für Migrantinnen und

Migranten zu öffnen aktuell nicht erreichen kann.

Was wird dann aber aus der „Öffnung der IT-Kernberufe“. Wie sähe eine realistische

Neubestimmung unseres EP-Zieles aus. Dafür haben wir einen Vorschlag gemacht

und als Kurvenlandschaft visualisiert.


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Die Ziele von openIT als Kurvenlandschaft

Optimismuskurve (Antrag)

Realistisches Ziel

Tatsächlicher Verlauf

+ unsere Prognose

Pessimismuskurve (aktueller Diskurs)

2001

Idee zu openIT

Februar

2004

Das Ziel bleibt die Öffnung der IT-Kernberufe für Migrantinnen und Migranten.

Gespräche mit Expertinnen und Experten zeigen uns, dass der IT-Bereich

perspektivisch durchaus eine Wachstumsbranche ist mit Berufschancen für

Migrantinnen und Migranten. Bei realistischer Betrachtung wird dieses Ziel aber im

Projektzeitraum nicht erreichbar sein. Dies hat die Konsequenzen, dass wir

Innovationen entwickeln für einen Bedarf, der erst in Zukunft eintreten wird.

Mainstreaming heißt also in unserem Fall Produkte zu entwickeln, deren

Nachhaltigkeit sich nicht unmittebar in der Umsetzung erweist. Unsere Produkte

müssen „überwintern“ können, also „winterfest“ konzipiert werden.

Wenn wir zur Steuerung der EP Erklärungen anbieten, die einerseits Blockaden

sichtbar machen, andererseits Konstruktionen nahe legen, diese zu überwinden,

greifen wir auch auf gesellschaftliche Symbolsysteme zurück, die solche Tatbestände

allgemein begreifbar machen. Wir haben es bei den EP-Akteuren mit Menschen zu

tun, die in verschiedene Fachdiskurse eingebunden sind. Dies macht eine

Verständigung auf der fachdiskursiven Ebene schwierig bis unmöglich. Es geht also

um Verständigungsprozesse auf einer „interdiskursiven“ Ebene, dem „gemeinsamen

Wissen“ der Akteure. Dieser Interdiskurs wird, wie u.a. der Dortmunder

Literaturwissenschaftler Jürgen Link (1997) und der Duisburger

Sprachwissenschaftler Siegfried Jäger (1993) beschrieben haben, vor allem durch

ein kulturell geprägtes Kollektivsymbolsystem zusammengehalten, das den

Individuen Orientierungen ermöglicht. Alle Mitglieder einer bestimmten Kultur

(nämlich unserer) wissen, was gemeint ist, wenn vom „Überwintern“ oder von

„winterfest“ die Rede ist. Kurvenlandschaften sind allgemein verständliche

Erklärungsmittel in den Medien. Allerdings gehören dazu auch problematische

Kollektivsymbole. Die Aussage „das Boot ist voll“ ist ein oft praktiziertes Mittel, um


11

Ängste vor Einwanderern zu verstärken. Und wenn in den Medien und der Politik

„das soziale Netz“ reißt, zielt das auf ein Publikum, dem über diese Metaphern erklärt

wird, dass es „den Gürtel enger“ zu schnallen hat.

Wir haben bewusst nach Symbolen gesucht, die allen Akteuren verständlich sind,

und die Bausteine für wirklich kollektive Selbstverständigungsprozesse abgeben. Es

wäre ja durchaus möglich gewesen, die Blockadeprozesse in den EPs fachdiskursiv

präziser und elaborierter zu beschreiben, etwa als soziologische oder psychologische

Prozesse. Dies wäre aber wenig hilfreich, da dies Selbstverständigungsprozesse

wahrscheinlich blockiert hätte. Wir brauchen Erklärungen, die die Komplexität der

Probleme nicht einfach beseitigen, die sie andererseits aber symbolisch (also

reduziert) begreifbar machen. Wir sind angewiesen auf eine Welt der Metaphern,

Symbole, Grafikelementen, Bildern, die Ausgangspunkt für die Problemsichten sind,

die wir in den Netzwerken diskutieren müssen.

4. Probleme der Netzwerkbildung bei EQUAL

Wir wollen nun zum Schluss auf die letzten beiden Fragen, die wir am Anfang

vorgestellt haben, eingehen:

• Lassen sich aus der bisherigen Arbeit Erfolgsbedingungen ableiten?

• Wo bestehen Probleme, und welche Lösungsansätze wurden entwickelt?

Wir beginne mit der letzten Frage, wobei wir auf drei Problembereiche kurz eingehen

wollen:

Problem Nummer 1 ist ein zentrales Steuerungsproblem von EQUAL, das dieses

Programm deutlich von vergleichbaren Programmen, etwa BQN, unterscheidet:

Innovation und Netzwerkbildung finden bei EQUAL unter den Bedingungen eines Ko-

Finanzierungs-Tunnelblicks statt.

EQUAL-Projekte sind dazu da, arbeitsmarktpolitische Innovationen zu erzeugen.

Tatsächlich schließen sie einen großen Teil möglicher Innovationen durch ihre Form

aber wieder aus. Dieser Ausschluss erfolgt durch einen programmimmanenten

Blickwinkel, den die Akteure, ob sie wollen oder nicht, einzunehmen haben – den

Kofinanzierungs-Blick.

Bei der Gründung einer EP werden Ideen nach einer bestimmten Logik selektiert,

weil die Akteure Ko-Finanzierungs-Ideen mitlaufen lassen müssen. Die EP-Idee

verdankt sich also immer schon einem Tunnelblick, einer Schere im Kopf, die

Kreativität nur als Funktion einer parallelen Ko-Fi-Idee zulässt und alles andere als

nicht machbare Utopie ausschließt. Da die Ko-Fi-Möglichkeiten sich aber auf wenige

Felder beschränken, entsteht ein EQUAL-eigentümlicher Innovations-Korridor

entlang bestimmter Verrechnungsquellen (Weiterbildungsfinanzierung durch das

Arbeitsamt, Sozialhilfe, Bescheinigungen über kostenlose Mitarbeit von Unternehmen

etc.).

Vom Standpunkt einer EP aus ist es sinnvoller, ein innovatives Ko-Fi-Konzept zu

haben, als ein noch so gutes innovatives Arbeitsmarktkonzept. Denn die drei Jahre

EQUAL wollen schließlich überstanden werden. Das gleiche gilt für die

Netzwerkbildung, bei der Partner, die Kofi mitbringen naturgemäß beliebter sind als

solche, die „nur“ gute Ideen haben. Der Ko-Finanzierungszwang mit seinen mitunter

skurrilen Anforderungen an die Akteure steuert das Geschehen in den EQUAL-

Netzwerken wesentlich mehr als alles andere.


12

Problem Nr. 2 ist die Offenheit der Netzwerke. Das Ideal des offenen Netzwerkes

geht faktisch einher mit Mechanismen der Schließung. Die drei Jahre, die das Projekt

dauert, müssen am Anfang vor allem finanziell geplant werden. Die Verteilung der

Ressourcen geschieht also bei der Antragstellung. Mittel für Partner, die dazu

kommen, sind nicht vorgesehen und auch nicht einplanbar. Offenheit kann sich dann

nur beziehen auf strategische Partner, nicht jedoch auf die operativen Partner.

Umstrukturierungen des Netzwerkes sind daher nicht möglich.

Problem Nr. 3 besteht darin, dass EQUAL Ausgrenzungsmechanismen gegenüber

kleineren Partnern enthält. Programmatisch sollen diese in das Netzwerk einbezogen

werden. Faktisch müssen sie aber, wenn überhaupt, am Katzentisch Platz nehmen.

Denn die Zahlungsmodi bei EQUAL sind gerade für diese Partner

gewöhnungsbedürftig. EQUAL-Projekte müssen faktisch über Monate vorfinanziert

werden. In der 2. Förderphase wird diese Praxis sogar institutionalisiert. Erst nach

Einreichung der Belege wird gezahlt. Man muss mit einer Vorfinanzierung von 4

Monaten rechnen. Kleinere Partner können das nicht, sie werden faktisch

ausgegrenzt.

5. Erfolgsbedingungen der Netzwerkbildung bei EQUAL

Wir kommen zum Schluss zur Frage der Erfolgsbedingungen von EQUAL-

Netzwerken, und auch da wollen wir drei dieser Bedingungen hervorheben:

1. In EQUAL-Netzwerken kommt es häufiger zu produktiven Irritationen, und dies

hängt damit zusammen, dass hier komplementäre Partner zusammenarbeiten

(müssen). Komplementäre Partner sorgen für Irritationen, und Irritation ist eine

Bedingung für transferfähige Innovation. Netzwerkarbeit sorgt dafür, dass Partner

den sicheren Hafen des jeweiligen Fachdiskurses verlassen und mit Partnern

kommunizieren müssen, die gerade nicht von den plausiblen Gewissheiten

ausgehen, die im Fachdiskurs als selbstverständlich vorausgesetzt werden.

Bildungsträger müssen immer wieder geduldig erklären, was die Unterschiede von

Aus- Weiter- und Fortbildung sind, und sie haben selbst dann die nicht unberechtigte

Vermutung, dass ihre Erklärungen bei den Migrationsfachleuten und den

Selbstorganisationen nicht wirklich verstanden werden. WirtschaftsvertreterInnen

müssen ihre Argumente, die in ihren Zusammenhängen vor dem Hintergrund

neoliberaler Gewissheiten evident diskutierbar sind, auf einmal mühsam einem

Publikum erklären, das noch in – aus ihrer Sicht – linksideologischen

Zusammenhängen lebt. Migrationsfachleute werden mit Problemsichten konfrontiert,

von denen sie meinten, sie seien bereits vor zehn Jahren endgültig geklärt worden.

Alle zusammen müssen sie sich einem „Gender-Training“ unterziehen, etwas, was

vielen von ihnen so fern ist wie der Mond. Dies alles kann von Akteuren als

lähmender Prozess erlebt werden, es kann aber auch zu produktiven Irritationen

führen, und genau dies gilt es als produktive Ressource dieser Art Netzwerkbildung

zu organisieren. EP-Steuerung hat die nicht ganz leichte Aufgabe, dafür die

Bedingungen zu schaffen.

2. Die Idee, Nachhaltigkeit über Netzwerkbildung zu steuern ist problematisch, aber

wirkungsvoll. Problematisch ist dieses Vorhaben, weil die Projektform dem

widerspricht. Projekte enden, wenn sie nicht mehr finanziert werden, und Netzwerke

brechen in der Regel genau an dieser Stelle zusammen. Unter bestimmten


13

Bedingungen muss dies im Sinne des Mainstreaming kein Nachteil sein. Wenn aus

Projekten neue Projekte werden, können sich auch Netzwerke oder Teile davon

reproduzieren und festigen und dadurch möglicherweise praktische und diskursive

Effekte erzeugen, die Nachhaltigkeit befördern.

3. Die Programmphilosophie ist trotz aller Probleme ein wichtiges

Steuerungsinstrument. Der herrschaftsfreie Diskurs, der in der Programmphilosophie

von EQUAL die Netzwerkbildung mehr oder weniger steuert, verwandelt sich in der

EP-Praxis zu einem Diskurs, bei dem Machtunterschiede und individuelle, sowie

Organisationsziele eine bedeutende Rolle spielen. Dies auszublenden hieße,

Potemkinsche Dörfer zu errichten. Im Projektalltag geht es umgekehrt zu, wie in der

Philosophie: Während sich dort komplementäre Partner zur Lösung eines Problems

zusammenfinden, um es auf diese Art besser lösen zu können, tun sich im wirklichen

Leben Akteure zusammen, um ein Problem zu definieren, dessen Lösung förderfähig

ist (und bei EQUAL kommt hinzu: Ko-Finanziert werden kann!).

Dies ist kein schlechter Ausgangspunkt: Die Ausrichtung an der EQUAL-Philosophie

verpflichtet die Partner, Dinge zu tun, dies sie sonst nicht tun würden (mit

komplementären Partnern zusammenzuarbeiten, mit der Konkurrenz zu reden,

Querschnittsthemen zu beachten usw.). Die Öffentlichkeit des Netzwerkes sorgt für

eine Transparenz, die Mitnahmeeffekte erschwert. In der Arbeit des Netzwerkes sind

WIN-WIN-Situationen möglich, und dies ist letztendlich die Grundlage dafür, dass die

Ziele von EQUAL tatsächlich erreicht werden können.

Literatur:

BMWA (2004): Innovation durch Vernetzung. Informationen zur 2. Förderrunde der

Gemeinschaftsinitiative EQUAL, Berlin

ICON-INSTITUTE / COMPASS / PIW 2003: Evaluierung der GI EQUAL für den

Zeitraum 2002-2006. Jahresbericht 2002. Mid-Term-Bericht, Berlin, Bremen, Köln,

Teltow

Kaewnetara, Eva / Uske, Hans (2003): Kann Evaluation einen Beitrag zur Förderung

von Innovationen in Netzwerken leisten? Das Beispiel zweier

Entwicklungspartnerschaften, in: Potter, Philip / Klemisch, Herbert (Hg.):

Evaluationsansätze in Kooperationsvorhaben. Beispiele aus der Praxis von

Entwicklungspartnerschaften im EQUAL Programm, KNi Papers 01 / 03, Köln, S.18-

26

Kaewnetara, Eva / Uske, Hans (Hg.) (2004) Netzwerkevaluation im Prozess. Aktuelle

Ansätze in komplexen sozialen Programmen, Duisburg (im Erscheinen)

Kaewnetara, Eva / Uske, Hans (2004a): Halbzeitevaluation von Netzwerken als Co-

Management, in: Kaewnetara, Eva / Uske, Hans (Hg.) Netzwerkevaluation im

Prozess. Aktuelle Ansätze in komplexen sozialen Programmen, Duisburg (im

Erscheinen)

Kohlmeyer, Klaus (2003): Innovation durch Akteurskooperation: Lehren aus der

gemeinschaftsinitiative Beschäftigung, in: Potter, Philip / Klemisch, Herbert (Hg.):


14

Evaluationsansätze in Kooperationsvorhaben. Beispiele aus der Praxis von

Entwicklungspartnerschaften im EQUAL Programm, KNi Papers 01 / 03, Köln, S.9-17

Link, Jürgen (1997): Versuch über den Normalismus. Wie Normalität produziert wird,

Opladen

PGI (2001): Programm für die Gemeinschaftsinitiative EQUAL in der Bundesrepublik

Deutschland 2000-2006, www.equal-de.de/download/equal_pgi_010329.pdf

Potter, Philip / Klemisch, Herbert (2003): Evaluation in Kooperationsvorhaben, in:

Potter, Philip / Klemisch, Herbert (Hg.): Evaluationsansätze in

Kooperationsvorhaben. Beispiele aus der Praxis von Entwicklungspartnerschaften im

EQUAL Programm, KNi Papers 01 / 03, Köln, S.2-8

Jäger, Siegfried (1993): Kritische Diskursanalyse. Eine Einführung, Duisburg

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