atp edition Ganzheitliches anlagenweites Security Management (Vorschau)
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3 / 2012<br />
54. Jahrgang B3654<br />
Oldenbourg Industrieverlag<br />
Automatisierungstechnische Praxis<br />
<strong>Ganzheitliches</strong> <strong>anlagenweites</strong><br />
<strong>Security</strong> <strong>Management</strong> | 34<br />
Hardware-basierte<br />
Informationssicherheit | 42<br />
Integriertes System- und<br />
Dienste-<strong>Management</strong> | 50<br />
Entwicklung von IT-<strong>Security</strong>-<br />
Tests für Profinet IO | 58
editorial<br />
Der Stuxnet-Effekt – Wird die<br />
IT-<strong>Security</strong> zur Innovationsbremse?<br />
Sicherheitslücke bei Blackberry“ ... „Hackerangriff auf Sony“. Uns Automatisierer<br />
betrifft das nicht! Das dachten wohl einige, die glaubten, Automatisierungssysteme<br />
wären noch eine unberührte Insel mit gekapselten Funktionen.<br />
Entkoppelt von den Risiken der Consumer-IT und Office-Anwendungen. Dann<br />
griff ‚Stuxnet’ gezielt Automatisierungssysteme an. Es folgte der Virus ‚Duqu’<br />
und auch zukünftig wird es für unsere Industrieanlagen oder kritische Infrastrukturen<br />
weitere Bedrohungen geben.<br />
Wir brauchen daher eine effektive Gegenoffensive. Dabei müssen wir Betreiber<br />
konsequent unsere Verantwortung wahrnehmen, um die Sicherheit, Verfügbarkeit<br />
und Integrität unserer Produktionsprozesse und -anlagen zu gewährleisten.<br />
Gleichzeitig müssen aber Hersteller und Lieferanten die Herausforderung<br />
annehmen, eine fast zehn Jahre alte Forderung der Endanwender umzusetzen:<br />
Informationssicherheit muss stets ein grundlegendes Designziel von Automatisierungssystemen<br />
und -komponenten sein.<br />
Zusätzliche Schutzmaßnahmen auf Betreiberseite können auf Dauer nur bedingt<br />
systematische Designfehler auf Systemseite kompensieren. Gehärtete<br />
Betriebssysteme, klare Autorisierungsmechanismen, auf die Kernanwendung<br />
reduzierte Kommunikationskanäle et cetera sind nur einige der Ideen, die als<br />
Designkriterien dienen können.<br />
Bislang gilt, dass moderne Kommunikationstechnologien, die sich in der IT<br />
etabliert haben, als „Enabler“ für Innovationen auch in der Automatisierungstechnik<br />
wirken. Der Einsatz von IT-Komponenten ist derzeit in der Systementwicklung<br />
von Automatisierungslösungen Standard. Die intensive Vernetzung<br />
von Geschäftsprozessen durch die horizontale und vertikale Informationsintegration<br />
bildet die Grundlage für viele Optimierungsvorhaben in unseren<br />
Unternehmen. Auch weiterführende Abläufe wie in der Instandhaltung oder<br />
der Logistik profitieren von konsistenten und flexibel nutzbaren Prozess- und<br />
Assetinformationen. Daher können Defizite in der IT-Sicherheit und ein damit<br />
einhergehender Vertrauensverlust zur Innovationsbremse werden. Dem gilt es<br />
gezielt und mit Nachdruck entgegen zu treten.<br />
Endanwender der Namur fordern daher seit geraumer Zeit quasi ‚eigensichere‘<br />
Automatisierungssysteme, die sich selbst vor Angriffen schützen. Heute ist<br />
diese Forderung keine Vision mehr, sondern eine Notwendigkeit. Die Herausforderung<br />
ist es, geeignete Technologien zu finden, die dies effizient ermöglichen.<br />
Die klassischen Antworten der IT – etwa Virenscanner oder automatisierte<br />
Sicherheitsupdates – taugen hierfür aufgrund der notwendigen Verfügbarkeit<br />
und der deutlich längeren Lebenszyklen der Automatisierungstechnik<br />
nur bedingt. Neue, innovative Konzepte, wie effektive Whitelistingverfahren,<br />
sind gefragt. Gleichzeitig müssen die Endanwender durch eine konsequente<br />
Fokussierung ihrer Anforderungen auf die Kernaufgaben der Prozessautomation<br />
zu einer Entflechtung von den Risiken der Standard-IT beitragen.<br />
Wenn man diese Herausforderung meistert, dann werden auch zukünftig IT<br />
und Automation gemeinsam bleiben, was sie bislang waren: Innovationstreiber,<br />
die es ermöglichen Produktions- und Geschäftsprozesse in einer global vernetzten<br />
Welt weiterzuentwickeln und zukunftsfähig zu gestalten.<br />
Martin Schwibach,<br />
BASF SE, Senior Automation<br />
Manager – Produktionsnahe<br />
Kommunikationstechnik<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
3
Inhalt 3 / 2012<br />
Verband<br />
6 | AALE 2012 in Aachen – Internationale Akademie<br />
für Angewandte Automatisierungstechnik geplant<br />
Standardtestfälle sollen für Transparenz bei der<br />
Auswahl von Funklösungen sorgen<br />
Neuer Leitfaden für Betriebsanleitungen<br />
7 | Übergreifende Lösungen für die Sicherheit<br />
Namur-Award für beste Nachwuchsautomatisierer<br />
Forschung<br />
8 | Funktionsfähige Modell-Anlage für<br />
interdisziplinäres Studienprojekt fertiggestellt<br />
Kolloquium: Beiträge für „Kommunikation<br />
in der Automation“ gesucht<br />
Smart-Card-Preis geht an langjährigen<br />
IT-Sicherheitsexperten Walter Fumy<br />
branche<br />
10 | Prozessindustrie in Asien sichert den Feldbuslösungen<br />
zweistellige Wachstumsraten<br />
EtherCAT jetzt auch koreanischer Standard<br />
11 | Sensorik kehrt im Jahr 2012 zu einer „normalen“<br />
Zuwachsrate zurück – China rückt in den Fokus<br />
FDI-Implementierung erstmals demonstriert<br />
GMA-Tagung parallel zur Messe Sensor + Test<br />
interview<br />
26 | „Viele Anlagen sind nur unzureichend geschützt“<br />
Eckhard eberle im Interview mit <strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
4<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
Praxis<br />
12 | Optimierte Echtzeitüberwachung von Prozess- und<br />
Systemdaten steigert Produktion in Textilfabrik<br />
14 | Fernwirkcontroller mit IEC-Protokoll bei den<br />
Stadtwerken in Völklingen eingesetzt<br />
16 | Kleinsteuerung alarmiert Lkw-Fahrer vor zu<br />
niedrigen Tunneln für ihr Fahrzeug<br />
20 | FDT2-Standard optimiert Zuverlässigkeit und baut<br />
rollenbasierte Sicherheitsanwendung aus<br />
24 | Software statt Hardware: Neue Funktechnik<br />
erlaubt völlig neue Wireless-Lösungen<br />
30 | Public Key Infrastructure schließt die Schutzlücke<br />
und gewährleistet eine sichere Kommunikation<br />
Hauptbeiträge<br />
34 | <strong>Ganzheitliches</strong> <strong>anlagenweites</strong> <strong>Security</strong> <strong>Management</strong><br />
A. Palmin, S. Runde und P. Kobes<br />
42 | Hardware-basierte Informationssicherheit<br />
M. Runde, K.-H. Niemann und C. Tebbe<br />
50 | Integriertes System- und Dienste-<strong>Management</strong><br />
R. Lehmann, R. Frenzel und M. Wollschlaeger<br />
58 | Entwicklung von IT-<strong>Security</strong>-Tests für Profinet IO<br />
H. Adamczyk und T. Doehring<br />
rubriken<br />
3 | Editorial<br />
66 | Impressum, <strong>Vorschau</strong><br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
5
verband<br />
AALE 2012 in Aachen – Internationale Akademie<br />
für Angewandte Automatisierungstechnik geplant<br />
die Konferenz für angewandte Automatisierungstechnik<br />
in Lehre und Entwicklung an Fachhochschulen<br />
D<br />
(AALE), findet 2012 an der FH Aachen statt. Das Programm<br />
am 3. und 4. Mai umfasst 40 Übersichts- und Fachvorträge,<br />
unter anderem mit Schwerpunkten in der Lehre, der<br />
Robotik, der Prozessautomatisierung oder der 3D-Simulation<br />
gesteuerter Systeme.<br />
Das aktualisierte Programm steht abrufbereit unter<br />
www.fh-aachen.de/aale2012. Dort kann auch die Anmeldung<br />
erfolgen. Die AALE ist das Forum, auf dem sich Professoren<br />
der Automatisierungstechnik oder verwandter<br />
Gebiete austauschen und aktuelle Themen diskutieren<br />
können. Verliehen wird bei der Tagung wieder der AALE<br />
Student Award: Damit werden Absolventen mit herausragenden<br />
Bachelor- beziehungsweise Master-Arbeiten in der<br />
Automatisierungstechnik ausgezeichnet.<br />
Der Verein der Freunde und Förderer der Angewandten<br />
Automatisierungstechnik an Fachhochschulen (VFAALE<br />
Standardtestfälle sollen für Transparenz bei der<br />
Auswahl von Funklösungen sorgen<br />
Mit einem neuen Richtlinienblatt zur VDI/VDE-Richtlinie<br />
2185 will der GMA-Fachausschuss 5.21 für mehr Transparenz<br />
bei Funksystemen sorgen und deren Einsatz vorantreiben.<br />
Denn wegen mangelnder Kenntnis der detaillierten Systemeigenschaften<br />
würden heute einige Funksysteme nicht genutzt<br />
oder sogar prinzipienbedingt generell abgelehnt, beklagt der<br />
FA 5.21 „Funkgestützte Kommunikation“. Damit würden die<br />
wirtschaftlichen Möglichkeiten der Funkkommunikation<br />
nicht ausgeschöpft. Daher bestehe dringender Bedarf für Testverfahren<br />
zur Bewertung unterschiedlicher Funklösungen.<br />
Entwickelt werden sollen Standardtestfälle zur einheitlichen<br />
Zeit- und Fehlerbewertung industrieller Funklösungen<br />
mit Bezug auf Klassen industrieller Automatisierungsanwendungen.<br />
Schwerpunkte sollen liegen auf:<br />
e.V.) plant auch die Gründung einer Plattform für kooperative<br />
Promotionen. Etwa zehn Vertreter von Hochschulen<br />
und Instituten haben bereits eine Absichtserklärung<br />
zur Gründung der Internationalen Akademie für Angewandte<br />
Automatisierungstechnik (IAAA) unterzeichnet.<br />
Hauptaufgabe soll die Förderung der wissenschaftlichen<br />
Zusammenarbeit von nicht-promotionsberechtigten<br />
Hochschulen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz<br />
mit promotionsberechtigten Universitäten und Unternehmen<br />
sein, um kooperative Promotionen zu ermöglichen.<br />
Für dieses Projekt sucht der VFAALE weitere Unterstützung<br />
von Universitäten und Unternehmen.<br />
VFAALE E.V.,<br />
c/o Fachhochschule Düsseldorf,<br />
Fachbereich Elektrotechnik,<br />
Josef-Gockeln-Str. 9, D-40474 Düsseldorf,<br />
Tel. +49 (0) 211 435 13 08, Internet: www.vfaale.de<br />
Der Arbeitskreis Technische Dokumentation im ZVEI-<br />
Fachverband Automation hat seinen Leitfaden „Anforderungen<br />
an Betriebsanleitungen für elektrotechnische<br />
Produkte der Automatisierung“ überarbeitet. Der überarbeitete<br />
Leitfaden des ZVEI-Fachverbands Automation gibt einen<br />
Überblick über die aktuellen rechtlichen Vorschriften im<br />
Europäischen Wirtschaftsraum (EWR), die Einfluss auf die<br />
inhaltliche Gestaltung von Betriebsanleitungen haben.<br />
Behandelt werden die vier wesentlichen für Betriebsanleitungen<br />
relevanten Rechtsbereiche Haftungsrecht, Gemehr<br />
Transparenz durch einheitliche Verfahren,<br />
Förderung der Kommunikation und Vermeidung von<br />
Missverständnissen zwischen Automatisierungstechniker<br />
und Nachrichtentechniker,<br />
Unterstützung der Realisierung zuverlässiger Funklösungen<br />
sowie<br />
Vermeidung von Fehlinvestitionen.<br />
Im Rahmen der Arbeiten will der FA 5.21 Kenngrößen<br />
und statistische Parameter zur Zeit- und Fehlerbewertung<br />
sowie relevante Einflussgrößen spezifizieren und auf dieser<br />
Basis Anwendungsprofile und dazu passende Testfälle<br />
definieren. Interessierte Experten ruft der Fachausschuss<br />
zur aktiven Mitarbeit auf (gma@vdi.de).<br />
Verbesserung der Produktbewertung durch validierte<br />
Methoden und Modelle,<br />
Unterstützung des Qualitätsmanagements durch<br />
systematisches Vorgehen,<br />
VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und Automatisierungstechnik<br />
(GMA) VEREIN DEUTSCHER INGENIEURE E.V.,<br />
VDI-Platz 1, D-40468 Düsseldorf,<br />
Tel. +49 (0) 211 621 40, Internet: www.vdi.de<br />
Neuer Leitfaden für Betriebsanleitungen<br />
währleistungsrecht, Strafrecht und Vorschriften zum<br />
In-Verkehr-Bringen. Ebenfalls erläutert werden die daraus<br />
folgenden Anforderungen, etwa zu Formvorschriften,<br />
Aufbewahrungspflichten und Verantwortlichkeiten. Der<br />
Leitfaden ist unter www.zvei.org/automation erhältlich.<br />
ZVEI – Zentralverband Elektrotechnik- und<br />
Elektronikindustrie e.V.,<br />
Lyoner Straße 9, D-60528 Frankfurt am Main,<br />
Tel. +49 69 6302-0, Internet: www.zvei.org<br />
6<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
Übergreifende Lösungen<br />
für die Sicherheit<br />
Erik Kahlert ist neuer Vorsitzender<br />
des Lenkungskreises im ZVEI-<br />
Fachverband Sicherheit. Er ist Nachfolger<br />
der langjährigen Vorsitzenden<br />
Angelika Staimer, die aus Altersgründen<br />
nicht mehr für eine Wiederwahl<br />
zur Verfügung stand. Hauptberuflich<br />
leitet der 43-jährige Elektroingenieur<br />
die Business Unit „Fire Safety and<br />
<strong>Security</strong>“ bei Siemens Building Technologies<br />
Deutschland. Neben dem<br />
Schwerpunkt Sicherheit verfügt Kahlert<br />
über umfangreiche internationale<br />
Erfahrung im Anlagengeschäft, insbesondere<br />
im Energiesektor.<br />
Der Fachverband Sicherheit bündelt<br />
die Leitmärkte Safety (Schutz<br />
von Menschenleben, technische Sicherheit<br />
von Anlagen und Gebäuden), <strong>Security</strong> (Schutz<br />
von Infrastruktur wie Flughäfen und Energieversorgung,<br />
ITK sowie Bevölkerungs- und Katastrophenschutz) und<br />
Defence (äußere Sicherheit). Dem Fachverband gehören<br />
mehr als 90 Unternehmen der Sicherheitsbranche an.<br />
ZVEI – ZENTRALVERBAND ELEKTROTECHNIK-<br />
UND ELEKTRONIKINDUSTRIE E.V.,<br />
Lyoner Straße 9, D-60528 Frankfurt am Main,<br />
Tel. +49 (0) 69 630 20, Internet: www.zvei.org<br />
Erik Kahlert:<br />
„Die hohen<br />
deutschen<br />
Sicherheitsstandards<br />
können nur<br />
im internationalen<br />
Kontext erhalten<br />
werden.“ Bild: ZVEI<br />
| EK12-06G |<br />
So kompakt sieht<br />
ein vollständiger<br />
Servoverstärker aus.<br />
Direkter Anschluss von Servomotor<br />
und Resolver an 12-mm-Busklemme.<br />
Namur-Award für beste<br />
Nachwuchsautomatisierer<br />
Für die Bewerbung um den Namur-Award 2012 können<br />
noch bis zum 29. Juni herausragende Abschlussarbeiten<br />
zum Thema „Intelligente Prozess- und Betriebsführung“<br />
eingereicht werden. Mit dem Preis möchte die Namur die<br />
Attraktivität des zukunftsträchtigen, interdisziplinären<br />
Arbeitsgebiets Prozessautomatisierung weiter erhöhen und<br />
junge Absolventen ermutigen, sich darin zu vertiefen. Prämiert<br />
werden die beste Diplom-/Masterarbeit mit 1000 Euro<br />
sowie die beste Promotionsarbeit mit 2000 Euro.<br />
Die Arbeiten können beispielsweise aus folgenden Fachgebieten<br />
stammen: Automatisierungstechnik, Elektrotechnik,<br />
Informationstechnik, Mess-, Regelungstechnik,<br />
Prozessleittechnik sowie Verfahrenstechnik. Lehrstuhlinhaber<br />
entsprechender Fachgebiete können formlos Anträge<br />
für die beste Abschlussarbeit einreichen. Zur Unterstützung<br />
der Bewerbung können zugehörige Veröffentlichungen<br />
ebenfalls eingereicht werden. Die Unterlagen<br />
erbittet die Namur per E-Mail an office@namur.de. Die<br />
Preisverleihung findet im Rahmen der Namur-Hauptsitzung<br />
am 9. November in Bad Neuenahr statt.<br />
Namur-Geschäftsstelle,<br />
c/o Bayer Technology Services,<br />
Gebäude K 9, D-51368 Leverkusen,<br />
Tel. +49 (0) 214 307 10 34,<br />
Internet: www.namur.de<br />
IPC<br />
I/O<br />
Motion<br />
Automation<br />
www.beckhoff.de/EL7201<br />
Halle 9, Stand F06<br />
Die Servoklemme EL7201 für das Beckhoff-EtherCAT-Klemmensystem<br />
integriert im Standardklemmengehäuse einen vollständigen<br />
Servoverstärker für Motoren bis 200 W:<br />
Direkter Anschluss von Servomotor, Resolver und Haltebremse<br />
an 12-mm-Busklemme<br />
Deutliche Reduzierung des Platzbedarfs sowie der Verdrahtungsund<br />
Inbetriebnahmekosten<br />
Die integrierte, schnelle Regelungstechnik ist für hochdynamische<br />
Positionieraufgaben ausgelegt.<br />
Die Servoklemme unterstützt Synchronmotoren mit einem<br />
Nennstrom bis 4 A.<br />
Die Kombination aus Servomotorserie AM3100 und Servoklemme<br />
bietet eine kostengünstige Servoachse im unteren Leistungsbereich.
8<br />
Forschung<br />
Funktionsfähige Modell-Anlage für<br />
interdisziplinäres Studienprojekt fertiggestellt<br />
Der Hochschule Darmstadt ist es gelungen, eine Montageanlage<br />
in Betrieb zu nehmen, die Automatisierungsvorgänge<br />
in einer Fabrik abbildet. An dieser interdisziplinär<br />
betriebenen Anlage können 300 Studierende<br />
jährlich unter realen industriellen Bedingungen ausgebildet<br />
werden.<br />
An dieser<br />
„Trainings“-Anlage<br />
können bis zu 300 Studenten<br />
Abläufe in der industriellen<br />
Produktion erlernen.<br />
Bild: Deutsche Messe GmbH<br />
Kolloquium: Beiträge für „Kommunikation<br />
in der Automation“ gesucht<br />
Für das Kolloquium „Kommunikation in der Automation“<br />
(KommA) können Interessierte noch grundlagen- oder<br />
anwendungsorientierte Beiträge einreichen. Das Jahreskolloquium<br />
befasst sich mit industrieller Kommunikation, die<br />
das Rückrat jeder dezentralen Automatisierung bildet. Die<br />
Veranstalter ifak e.V. und inIT (Institut für Industrielle Informationstechnik)<br />
der Hochschule Ostwestfalen-Lippe<br />
nehmen noch Beitragsvorschläge, die eine Länge von einer<br />
Seite nicht überschreiten sollten, bis zum 11. Mai entgegen.<br />
Einzureichen sind die Papers unter www.init-owl.de/kom-<br />
Smart-Card-Preis geht an langjährigen<br />
IT-Sicherheitsexperten Walter Fumy<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
Prof. Stephan Simons vom Fachbereich Elektrotechnik<br />
und Informationstechnik konzipierte das Modell gemeinsam<br />
mit Prof. Stephan Neser vom Fachbereich Mathematik<br />
und Naturwissenschaft. Es stellt eine vollständige Fabrikmontage<br />
dar: vom Hochregallager und der damit verbundenen<br />
Logistik über die Montage mittels Robotersystemen<br />
sowie die automatisierte Endprüfung der Waren zeichnet<br />
die Fertigungsstraße alle nötigen Produktionsschritte nach.<br />
Mit der Montageanlage soll auch die mittelständische<br />
Industrie in Darmstadt und der Region Automatisierungstechniken<br />
erarbeiten und erproben.<br />
Ganz aktuell läuft in der Anlage ein Projekt zur Anbindung<br />
von Code-Readern an speicherprogrammierbare<br />
Steuerungen. Diese Forschung im Rahmen einer Bachelorarbeit<br />
dient der Identifikation von Produkten in einer<br />
modernen Fabrik.<br />
Hochschule Darmstadt,<br />
University of Applied Sciences,<br />
Haardtring 100, D-64295 Darmstadt,<br />
Tel. +49 (0) 6151 16 02, Internet: www.h-da.de<br />
Dr. Walter Fumy erhielt für seine Verdienste im Bereich<br />
Sicherheit für intelligente Karten Anfang Februar den<br />
Fraunhofer-Smart-Card-Preis 2012. „Chipkarten sind das<br />
Sicherheitstoken in IT-Infrastrukturen. <strong>Security</strong> ist deshalb<br />
die wichtigste Säule, auf denen Smartcard-Architekturen<br />
aufbauen“, lautete die Begründung der Jury.<br />
Walter Fumy hat auf dem Gebiet der IT-Sicherheit und<br />
bei der Entwicklung von Sicherheitsstandards jahrzehntelange<br />
Erfahrung gesammelt. Die bekannteste Standardisierung,<br />
die er voran trieb, ist die ISO-Normenreihe<br />
2700x über Informationssicherheits-<strong>Management</strong>-Systeme.<br />
Ein wichtiges Prüfsystem, an dem er mitgewirkt hat,<br />
sind die Common Criteria, nach denen etwa Chips im<br />
Bereich Telekommunikation, Payment und elektroma2012.<br />
Dort finden sich weitere Informationen zur Agenda<br />
der Veranstaltung. Das Kolloquium findet am 14. November<br />
2012 zum dritten Mal statt. Dieses Jahr laden die Veranstalter<br />
ins Centrum Industrial IT in Lemgo.<br />
InIT – Institut für Industrielle<br />
Informationstechnik<br />
Hochschule Ostwestfalen-Lippe,<br />
Liebigstraße 87, D-32657 Lemgo, Tel. +49 (0) 5261 702 138,<br />
Internet: www.init-owl.de/komma2012<br />
nische Ausweise weltweit auf ihre<br />
Sicherheit hin geprüft werden.<br />
Fumy studierte in Erlangen Informatik<br />
und promovierte dort auch. Er<br />
kam 1986 zu Siemens und arbeitete<br />
dort zum Thema IT-Sicherheit in unterschiedlichen<br />
Bereichen. Heute ist<br />
Fumy Chief Scientist bei der Bundesdruckerei.<br />
Dr. Walter Fumy<br />
wurde mit dem<br />
Fraunhofer-Smartcard-Preis<br />
(Statuette)<br />
ausgezeichnet.<br />
Bild: Frauhofer SIT<br />
Fraunhofer-Institut für<br />
Sichere Informationstechnologie SIT,<br />
Rheinstraße 75, D-64295 Darmstadt,<br />
Tel. +49 (0) 6151 86 90, Internet: www.sit-fraunhofer.de
Weltweiter<br />
Fernzugriff<br />
Fernwirken<br />
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© PHOENIX CONTACT 2012
anche<br />
Prozessindustrie in Asien sichert den<br />
Feldbuslösungen zweistellige Wachstumsraten<br />
Der Markt für Feldbuslösungen in der Prozessindustrie<br />
wird in den kommenden fünf Jahren stärker wachsen<br />
als im Durchschnitt aller Industrien. Zu diesem Ergebnis<br />
kommt eine Studie der ARC Advisory Group. Das Marktforschungs-<br />
und Beratungsunternehmen sieht als Wachs-<br />
2011 2012 2013 2014 2015 2016<br />
Weltweit wird<br />
der Umsatz mit<br />
Feldbuslösungen<br />
kontinuerlich<br />
weiter wachsen.<br />
Quelle: ARC<br />
tumsmotor vor allem die Emerging Markets China und<br />
Indien. In Asien sei mit jährlichen Zuwächsen von 24<br />
Prozent zu rechnen – proportional zum Wachstum der<br />
Prozessindustrie in der Region. Das zweitstärkste Wachstum<br />
erwartet ARC mit über zehn Prozent in Lateinamerika,<br />
dort allerdings von einem sehr niedrigen Niveau aus.<br />
In den entwickelten Märkten, besonders in den Nordamerika,<br />
erwarten die Berater ein unterdurchschnittliches<br />
Wachstum der Feldbussysteme in der Prozessindustrie.<br />
Eine Beschleunigung der Feldbuseinführung in diesen<br />
Regionen prognostiziert ARC, da die Hersteller verbesserte<br />
Nachrüstlösungen entwickeln und Anwender auf<br />
dieser Basis auf Feldbussysteme umstellen. Unter Berufung<br />
auf die ARC-Studie teilte die Fieldbus Foundation<br />
mit, dass 2011 fast drei Viertel des Marktes der digitalen<br />
Feldbusse auf Foundation-Fieldbus-Lösungen entfielen.<br />
ARC Advisory Group,<br />
3 Allied Drive, Dedham, MA 02026 USA,<br />
Tel. +1 781 471 10 00, Internet: www.arcweb.com<br />
EtherCAT jetzt auch koreanischer Standard<br />
EtherCAT ist nun auch als koreanischer Industriestandard<br />
(KS) anerkannt worden. Das koreanische<br />
Büro der EtherCAT Technology Group (ETG) hatte sich<br />
zwei Jahre um diese Anerkennung durch das Amt für<br />
Technologie und Standards bemüht. Key Yoo, Leiter<br />
des ETG-Büros Korea, betont: „EtherCAT ist nicht nur<br />
der Systembus der größten koreanischen Steuerungshersteller,<br />
sondern hat Verbreitung in den Schlüsselbranchen<br />
unseres Landes gefunden, wie etwa der Herstellung<br />
von Halbleitern und Flachbildschirmen,<br />
Schiffsbau und Robotik. Dass EtherCAT jetzt nationaler<br />
Standard ist, macht es für andere koreanische Hersteller<br />
und Anwender noch einfacher, die Technologie<br />
einzuführen.“<br />
ETHERCAT TECHNOLOGY GROUP,<br />
Ostendstraße 196, D-90482 Nürnberg,<br />
Tel. +49 (0) 911 540 56 20, Internet: www.ethercat.org<br />
Assistenzsysteme für Planung und Betrieb<br />
In Ausgabe 6/2012 der <strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
möchten wir das Thema Assistenzsysteme<br />
für Planung und Betrieb von Automatisierungssystemen<br />
diskutieren.<br />
Aktuelle Diskussionspunkte an der Nahtstelle<br />
von Wissenschaft und Praxis reichen<br />
von mathematisch-algorithmischen<br />
Grundlagen und formalen Modellen zur<br />
Beherrschung von Komplexität in Planung<br />
und Betrieb bis hin zu Entwicklungsmethodiken<br />
und Metriken zur Bewertung<br />
von gebrauchstauglichen Unterstützungssystemen.<br />
Besondere Herausforderungen sind dabei<br />
zunehmende Anforderungen an die<br />
Kompetenzförderlichkeit der Systeme bei<br />
zunehmender Heterogenität der Zielgruppen<br />
im Hinblick auf Ausbildung und<br />
Altersstruktur.<br />
Wir bitten Sie, bis zum 30. April 2012 zu<br />
diesem Themenschwerpunkt einen gemäß<br />
<strong>atp</strong>-Autorenrichtlinien ausgearbeiteten<br />
Beitrag per E-Mail an urbas@oiv.de<br />
einzureichen. Ziel ihres Beitrags sollte<br />
der „Brückenschlag“ zwischen aktuellen<br />
Erkenntnissen und Innovationen, den methodischen<br />
Grundlagen und den zukünftigen<br />
Anwendungen in der industriellen<br />
Praxis sein. Ansprechen soll Ihr Aufsatz<br />
technische Führungskräfte, Entscheider<br />
und Key Experts der Automatisierungsbranche.<br />
Alle Beiträge werden von einem<br />
Fachgremium begutachtet. Sollten Sie<br />
sich selbst aktiv an dem Begutach-tungsprozess<br />
beteiligen wollen, bitten wir um<br />
kurze Rückmeldung. Für weitere Rückfragen<br />
stehen wir Ihnen selbstverständlich<br />
gern zur Verfügung.<br />
Ihre Redaktion der <strong>atp</strong> <strong>edition</strong>:<br />
Leon Urbas, Gerd Scholz, Anne Hütter<br />
Call for<br />
Aufruf zur Beitragseinreichung<br />
Thema: Assistenzsysteme für Planung<br />
und Betrieb von Automatisierungssystemen<br />
Kontakt: urbas@oiv.de<br />
Termin: 30. April 2012<br />
10<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
Sensorik kehrt im Jahr 2012 zu einer „normalen“<br />
Zuwachsrate zurück – China rückt in den Fokus<br />
Nach einem Rekordumsatz im Jahr 2011 gehen die<br />
Hersteller von Sensorik und Messtechnik trotz der<br />
Euro-Schuldenkrise von einem weiteren Umsatzwachstum<br />
um fünf Prozent im laufenden Jahr aus. Das ergab<br />
eine Umfrage, die der AMA-Fachverband für Sensorik<br />
im Januar unter seinen Mitgliedern durchführte. Im<br />
vergangen Jahr hatten die Erlöse einen Sprung um 15<br />
200%<br />
180%<br />
160%<br />
140%<br />
120%<br />
100%<br />
2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012<br />
Der Trend stimmt: Nach der Krisendelle sind die<br />
Hersteller von Sensorik und Messtechnik wieder auf<br />
dem Wachstumspfad. Quelle: AMA Fachverband für Sensorik<br />
Prozent gemacht und sich damit deutlich besser entwickelt<br />
als die deutsche Industrie im Durchschnitt, der<br />
2011 bei elf Prozent lag.<br />
Einen deutlichen Umsatzschub verzeichnete die Sensorik<br />
und Messtechnik durch den zunehmenden Export,<br />
wie der Verband mitteilte. AMA-Mitglieder steigerten<br />
das Exportvolumen in den Jahren 2004 bis 2011 um 75<br />
Prozent. Besonders deutlich zeigt sich das Exportwachstum<br />
in europäische Länder, Exporte in Länder außerhalb<br />
Europas hingegen stagnieren seit Jahren. Um seinen Mitgliedern<br />
den Weg auch ins nichteuropäische Ausland zu<br />
ebnen, will der Verband seine Wirtschaftskontakte im<br />
Wachstumsmarkt China weiter ausbauen.<br />
Der Aufschwung spiegelt sich auch in den Investionen<br />
der Hersteller von Sensorik und Messtechnik wider. 2011<br />
steigerten die Unternehmen ihre Investitionen um 16<br />
Prozent. 2012 sollen es vier Prozent werden, was dem<br />
Wert der Vorkrisenzeit entspricht. Auch bei der Beschäftigung<br />
legte die Branche deutlich zu. In den vergangenen<br />
sechs Jahren sei die Zahl der Mitarbeiter um 22 Prozent<br />
gestiegen, betont der Fachverband.<br />
AMA FACHVERBAND FÜR SENSORIK E.V.,<br />
Sophie-Charlotten-Str. 15, D-14059 Berlin,<br />
Tel. +49 (0) 30 221 90 36 20, Internet: www.ama-sensorik.de<br />
FDI-Implementierung erstmals demonstriert<br />
Kurz nach ihrer Gründung zeigte die FDI Cooperation<br />
eine erste Implementierung von FDI anhand eines<br />
Funktionsmodells. Bei der Demonstration wurden Foundation-Fieldbus-,<br />
Hart- und Profibus-Feldgeräte verschiedener<br />
Hersteller erstmals mithilfe von FDI Device Packages<br />
in ein ABB-Prozessleitsystem integriert und typische Anwendungsfälle<br />
wie Parametrierung, Konfigurierung, Diagnose<br />
und Wartung vorgeführt. Das System nutzte bereits<br />
Prototypen der von der FDI Cooperation entwickelten<br />
Standard-FDI-Host-Komponenten. Am Rande der Präsentation<br />
verkündete die FDI Cooperation auch die nächsten<br />
Schritte: Fertigstellung der FDI-Konformitätstestkonzepte<br />
(Mitte 2012), Abschluss der Validierung und Freigabe der<br />
FDI-Spezifikationen für den Mitglieder-Review in den<br />
Foundations (Mitte 2012) und Fertigstellung der FDI-Standard-Host-Komponenten<br />
wie EDD Engine und User Interface<br />
(UI) Engine durch die FDI Cooperation (Ende 2012).<br />
FDI COOPERATION LLC,<br />
c/o Dr. Sigrun Ebert-Heffels,<br />
Östliche Rheinbrückenstraße 50, D-76187 Karlsruhe,<br />
Tel. +49 (0) 721 595 56 76, Internet: www.fdi-cooperation.com<br />
GMA-Tagung parallel zur Messe Sensor + Test<br />
Parallel zur Messe Sensor + Test findet am 22. und<br />
23. Mai in Nürnberg die Tagung „Sensoren und<br />
Messsysteme“ der VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und<br />
Automatisierungstechnik (GMA) statt. In vier parallelen<br />
Sessions werden aktuelle Lösungen aus der<br />
Sensorik und Messtechnik aufgezeigt. Begleitet von<br />
einer Posterausstellung bietet sich die Möglichkeit<br />
zur Diskussion mit allen Referenten und Tagungsteilnehmern.<br />
Die Themenschwerpunkte reichen von der mechanischen,<br />
chemischen und optischen Sensorik über<br />
Temperaturmessung, Bioanalytik und Magnetsensoren<br />
bis hin zu Messunsicherheit und Strukturmoni-<br />
toring. Diese Vielfalt ermöglicht den Teilnehmern<br />
einen Überblick über das heute Machbare und regt<br />
dazu an, eigene Lösungen für aktuelle und kommende<br />
Aufgabenstellungen abzuleiten. Details zum Programm<br />
und das Anmeldeformular sind zu finden unter<br />
www.sensoren2012.de.<br />
VDI/VDE-Gesellschaft Mess- und<br />
Automatisierungstechnik (GMA)<br />
VEREIN DEUTSCHER INGENIEURE E.V.,<br />
VDI-Platz 1, D-40468 Düsseldorf,<br />
Tel. +49 (0) 211 621 40, Internet: www.vdi.de<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
11
Praxis<br />
Optimierte Echtzeitüberwachung von Prozess- und<br />
Systemdaten steigert Produktion in Textilfabrik<br />
Moxa modernisiert Ethernet-basierte Kommunikationsstruktur bei Fabrik-eigener Stromversorgung<br />
Turbo-ring: Das Turbo-Ring-<br />
Protokoll garantiert Wiederherstellungzeiten<br />
unter 20 ms<br />
bei voller Auslastung mit 250<br />
Ethernet Switches.<br />
KommunikationsstarK:<br />
16+2G-Port<br />
Gigabit Managed<br />
Ethernet Switch.<br />
Effizient: Die moderne<br />
Industrial- Ethernet-Struktur<br />
sorgt für die Effizienzsteigerung<br />
in der Textilproduktion durch<br />
optimierte Echtzeit-Prozessund<br />
Systemdatenüberwachung.<br />
Bilder: Moxa<br />
Eine Textilfabrik in Moldawien benötigte eine zuverlässige<br />
Ethernet-basierte Kommunikationsstruktur mit<br />
dem Fabrik-eigenen Stromversorgungssystem. Für die<br />
Energieversorgung der Produktionsanlagen sind neben<br />
einer 330 kV-Umspannstation (eine so genannte Feldstation)<br />
dreißig 10-kV-Transformator-Unterwerke sowie ein<br />
Stromversorgungs-Unterwerk verantwortlich. Alle Stationen<br />
nutzen, neben den nach IEC 61850-3 zertifizierten<br />
Lösungen für die Stromerzeugung des Energieanbieters<br />
Areva, eine Industrial-Ethernet-Netzwerkinfrastruktur,<br />
um das Energieübertragungs- und Verteilungssystem zu<br />
optimieren und eine verbesserte Energieeffizienz für die<br />
Textilfabrik zu erzielen.<br />
Die Feldstationen übertragen Daten mittels Fernbedienungsterminals<br />
(Remote Terminal Unit, RTU) und speicherprogrammierbaren<br />
Steuerungen (Programmable<br />
Logic Controller, PLC). Deshalb muss zur Weiterleitung<br />
dieser Daten über das Ethernet-Netzwerk an das automatisierte<br />
SCADA-System des Energienetzwerks in der Leitstelle<br />
eine seriell-zu-Ethernet-Lösung eingesetzt werden.<br />
HOHE ANLAGENVERFÜGBARKEIT IST ESSENzIELL<br />
Die Verfügbarkeit des SCADA-Systems in der Leitstelle<br />
muss sieben Tage pro Woche rund um die Uhr garantiert<br />
sein, damit jederzeit Steuerungs- und Überwachungsdaten<br />
von Systemen und Prozessen innerhalb der Produktionsanlage<br />
verfügbar sind. Ein redundanter Gigabit-Ethernet-Backbone<br />
mit minimalen Wiederherstellungszeiten<br />
muss deshalb sicherstellen, dass die Energieübertragung<br />
und -verteilung konstant und ohne<br />
Ausfallzeiten durch Verbindungsunterbrechungen<br />
stattfinden kann. Seriell-zu-Ethernet-Geräteserver, die<br />
12<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
Relais und Sensoren an ein Ethernet-Netzwerk anbinden,<br />
übertragen Echtzeitdaten an das SCADA-System<br />
in der Leitstelle. Da sich die Endgeräte an verteilten,<br />
entfernt von der Leitstelle gelegenen Orten befinden, ist<br />
eine schnelle Datenübertragung über lange Strecken<br />
mit ausreichender Bandbreite notwendig. Die strengen<br />
Anforderungen an die technische Ausrüstung von Umspannstationen<br />
erfordern überdies die Ausstattung des<br />
gesamten Netzwerks mit industriellen Geräten, die die<br />
entsprechenden Standards erfüllen, wie beispielsweise<br />
Anforderungen an den Betrieb innerhalb erweiterter<br />
Temperaturtoleranzen.<br />
GERINGE AUSFALLRATEN DANK TURBO RING<br />
Die Textilfabrik wählte für diese Aufgabe eine Energiemanagement-Lösungen<br />
von Areva für die Energieübertragung<br />
und -verteilung und kombinierte sie mit Moxas<br />
redundanten Ethernet Switches.<br />
So wird die zuverlässige und effiziente Kommunikation<br />
zwischen den RTUs und dem zentralen SCADA-<br />
System gewährleistet. Der gesamte Netzwerkring nutzt<br />
Moxas Gigabit-Managed-Ethernet-Switches EDS-518A<br />
um sich die selbstheilende proprietäre Turbo-Ring-Technologie<br />
zunutze zu machen. Turbo Ring erzielt bei einem<br />
Ausfall Wiederherstellungszeiten von weniger als 20 ms<br />
und stellt somit sicher, dass im Falle einer Verbindungsunterbrechung<br />
keine Daten verloren gehen und keine<br />
Unterbrechung der Energieversorgung stattfindet.<br />
Dank zweier Gigabit-Glasfaserschnittstellen sowie<br />
zweier Fast-Ethernet-Schnittstellen bieten die Switches<br />
ausreichend Bandbreite für eine zügige und zuverlässige<br />
Datenübertragung über lange Strecken. Darüber hinaus<br />
verfügen die Switches über fortschrittliche <strong>Management</strong>funktionen,<br />
erweiterte Sicherheitseinstellungen, Medienredundanz,<br />
redundante Spannungseingänge, sind immun<br />
gegen den Einfluss von Störstrom und arbeiten zuverlässig<br />
im erweiterten Temperaturbereich von -40 bis<br />
75 °C, wodurch sie den besonderen Umgebungsbedingungen<br />
im Bereich der Generatoren gerecht werden.<br />
Um die Kommunikation zwischen dem SCADA-System<br />
und den zahlreichen entfernt gelegenen Endgeräten,<br />
wie Stromzähler und Schutzrelais zu erleichtern,<br />
ist jede Umspannstation mit einem seriellen Geräteserver<br />
ausgestattet. Moxas NPort-5650-Geräteserver binden<br />
die RS-422/485 Geräte direkt an den Ethernet-Backbone<br />
an und übertragen die Daten in Echtzeit an das SCADA-<br />
System, damit dank einer aktuellen und vollumfänglichen<br />
Informationssammlung eine effiziente Netzführung<br />
erfolgen kann.<br />
Neben der optimierten Stromerzeugung, -übertragung<br />
und -verteilung konnte die Textilfabrik durch den Einsatz<br />
der Kombination aus Lösungen von Areva und Moxa<br />
auch eine Effizienzsteigerung der Produktion verzeichnen,<br />
die sich aus der stark verbesserten Echtzeit-Prozessund<br />
Systemdatenüberwachung ergab. Der Kunde entschied<br />
sich darüber hinaus für diese Lösung, weil er mit<br />
der Kooperation der beiden Lieferanten eine Komplettlösung<br />
für seine Anforderungen aus einer Hand erhielt.<br />
DER STANDARD IEC 61850<br />
Eine intelligente Umspannstation muss folglich in allen<br />
Bereichen über intelligente Primärgeräte verfügen, alle<br />
Sekundärgeräte müssen vernetzt sein, und Betrieb sowie<br />
Verwaltung müssen automatisiert sein. Zur Erfüllung<br />
dieser Anforderungen kommen die Standards IEC 61850<br />
für gemeinsame Kommunikationsmodelle und IEEE<br />
1588 für präzise Zeitsynchronisation von und zwischen<br />
Geräten und Systemen innerhalb einer Umspannstation<br />
zum Einsatz.<br />
IEEE 1588 ist ein Zeitsynchronisierungsstandard, der<br />
die Ausführung komplexer koordinierter Anwendungen<br />
und fortlaufender Ereignisse innerhalb der Umspannstation<br />
durch akkurate Zeitstempel bis auf Nanosekunden<br />
genau ermöglicht. IEC 61850 ist ein Automatisierungsstandard<br />
für Umspannstationen und ein Teil der<br />
internationalen Stromversorgungsnetze. Die abstrakten<br />
Datenmodelle, die in IEC 61850 definiert sind, können<br />
auf zahlreiche Kommunikationsprotokolle einschließlich<br />
MMS (Manufacturing Message Specification), GOO-<br />
SE und SMV abgebildet werden. Diese Protokolle können<br />
auf Hochgeschwindigkeits-TCP/IP-Netzwerken laufen,<br />
um eine schnelle Response-Zeit von unter 4 ms zu erzielen,<br />
wie sie für Schutzrelais erforderlich ist.<br />
Der IEC-61850-Standard bringt Stromversorgungsnetzen<br />
zahlreiche Vorteile. IEC 61850 schafft die Interoperabilität<br />
und Integration von Geräten durch die Standardisierung<br />
technischer und mechanischer Abläufe und<br />
verbessert durch eine einheitliche Kommunikationsstruktur<br />
die Zuverlässigkeit des Systems. Daraus folgen<br />
eine einheitliche Geräte- und Datenmodellierung sowie<br />
einheitliche Namen, eine schnellere Kommunikation<br />
und niedrigere Kosten für Installation, Konfiguration<br />
und Wartung dank desselben Gerätestandards im ganzen<br />
Automationssystem.<br />
Autor<br />
Martin Jenkner<br />
ist Business Development<br />
Manager bei der Moxa<br />
GmbH.<br />
Moxa Europe GmbH,<br />
Einsteinstraße 7, D-85716 Unterschleißheim,<br />
Tel. +49 (0) 89 370 03 99 53,<br />
E-Mail: martin.jenkner@moxa.com<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
13
praxis<br />
Fernwirkcontroller mit IEC-Protokoll bei den<br />
Stadtwerken in Völklingen eingesetzt<br />
Kompakte Bauweise und aktuelle Kommunikationsstandards machten Wago-Angebot zum Favoriten<br />
Leitsystem: Thomas Klein, Prokurist und<br />
Abteilungsleiter Netzbetrieb bei den Stadtwerken<br />
Völklingen Netz: Der Betrieb ersetzt<br />
Fernwirkbausteine mit dem alten SEAB-1F-<br />
Telegramm durch den Wago-Fernwirkcontroller<br />
750-872. Er beherrscht das genormte<br />
IEC-Fernwirkprotokoll.<br />
Trafostation-<br />
Schaltanlage mit<br />
Motor antrieb:<br />
Bei der Auswahl neuer<br />
Fernwirktechnik spielte<br />
der begrenzte Platz in den<br />
meisten Unterstationen<br />
die entscheidende Rolle.<br />
Wago überzeugte durch<br />
ein modulares Konzept.<br />
Trafostation-Fernwirkanbindung:<br />
Der Wago-Fernwirkcontroller<br />
(oben links) ist eine Komponente<br />
des modularen, feldbusunabhängigen<br />
I/O-Systems zur Einbindung<br />
von Fernwirksignalen. Bilder: Wago<br />
Die Stadtwerke Völklingen Netz GmbH hat mit Wago<br />
einen kompetenten Partner bei der Einführung des<br />
IEC-Protokolls gefunden. Weil der Strom-, Gas- und<br />
Wasserversorger aus Völklingen ohnehin ein neues<br />
Leitsystem bei sich installierte, entschied er sich für<br />
die kompakte und zeitgemäße Fernwirktechnik aus<br />
Minden. Der Fernwirkcontroller 750-872 erhielt den<br />
Vorzug, weil er zwei wichtige Anforderungen erfüllt:<br />
Er beherrscht das genormte IEC-Fernwirkprotokoll<br />
und braucht nur wenig Platz.<br />
KOMPAKTES MODULSYSTEM STATT BLOCKBAUWEISE<br />
Die Fernwirktechnik für die serielle Kommunikation<br />
mit der Leittechnik basiert auf der genormten IEC-Telegrammstruktur<br />
60870-5-101. Bei der Auswahl eines geeigneten<br />
Lieferanten spielte begrenzter Platz in vielen<br />
Unterstationen die entscheidende Rolle. Herkömmliche<br />
Fernwirktechnik in Blockbauweise ist zu groß. Der Wago-Fernwirkcontroller<br />
dagegen ist eine Komponente des<br />
modularen, feldbusunabhängigen I/O-Systems zur Einbindung<br />
von Sensor- und Aktorsignalen.<br />
Das System wird seit Jahren erfolgreich in der Automatisierungstechnik<br />
eingesetzt. Angepasst an zahlreiche<br />
industriellen Anforderungen, sind für unterschiedliche<br />
analoge oder digitale Ein- und Ausgänge über 400<br />
verschiedene I/O-Module verfügbar. Die Module sind<br />
12 mm breit und können je nach Bedarf hinzugefügt werden.<br />
So braucht ein kompletter Fernwirkcontroller mit<br />
beispielsweise vier Modulen nur einen Platz von 111 mm,<br />
während traditionelle Hersteller hier fertige Module mit<br />
16 oder 32 I/O-Eingängen/Ausgängen anbieten. Das<br />
macht sich auch preislich bemerkbar. Weiterer Wago-<br />
14<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
Vorteil: die direkte Kontaktierung, sodass der Platz für<br />
eine zusätzliche Klemmleiste eingespart wird.<br />
ANGEPASSTE NETZWERK-LÖSUNG<br />
Der Fernwirkcontroller beherrscht das IEC-Protokoll<br />
normgerecht. Er war während des Ersteinsatzes bei den<br />
Stadtwerken zunächst für Punkt-zu-Punkt-Verbindungen<br />
zwischen der Leistelle und einer Unterstation eingerichtet.<br />
Die Stadtwerke jedoch benötigten die Technik für eine<br />
Netzwerk-Topologie in Linienstruktur. „Wago hat sich auf<br />
unseren Bedarf eingestellt und mit uns gemeinsam eine<br />
erweiterte Lösung gefunden“, berichtet Thomas Klein,<br />
Prokurist und Abteilungsleiter Netzbetrieb bei den Stadtwerken<br />
Völklingen Netz GmbH.<br />
An der Zusammenarbeit schätzt er vor allem die<br />
schnelle Reaktion auf Anforderungen und deren konsequente<br />
Umsetzung, obwohl sein Haus nicht zu den großen<br />
Stadtwerken gehört. Das sei insgesamt perfekt gelaufen.<br />
Thomas Klein: „Das habe ich noch nicht erlebt,<br />
dass sich ein namhafter Hersteller so flexibel zeigt.“<br />
BENUTZERFREUNDLICHES BAUKASTEN-SYSTEM<br />
In der Praxis haben die Stadtwerke die Flexibilität<br />
der Technik schätzen gelernt. Feldbus, Ein- und Ausgangsmodule<br />
und die Programmiersprache können<br />
frei gewählt werden. Die große Auswahl an I/O-Busklemmen<br />
reicht von hochverdichteten 16-Kanal-Digitalklemmen<br />
bis zu Spezialklemmen, wie eine<br />
3-Phasen-Leistungsmessklemme zur Überwachung<br />
von Transformatorstationen. Der Hersteller liefert<br />
gleich die Anschlusstechnik, Relais, Netzteile und<br />
der gleichen mit. Auch die Kommunikation per GPRS<br />
ist integrierbar.<br />
„Wir haben aktuell elf dieser Anlagen in Betrieb und<br />
sind begeistert. Wir müssen nur die Bausteine anschließen,<br />
die wir aktuell brauchen und können nach<br />
Bedarf erweitern. Für die Programmierung nutzen wir<br />
Der Fernwirkcontroller 750-872<br />
Der Fernwirkcontroller setzt die Daten gemäß der verschiedenen IEC-Protokolle<br />
um. Die Lösung ist skalierbar vom 32-Bit-Controller bis zum Industrie-<br />
PC. Die feldseitigen Messwerte werden über angereihte I/O-Module eingebunden.<br />
Es existieren Lösungen für die Gasversorgung und -verteilung mit<br />
EX-i-eigengesicherten Baugruppen (EX-geschützt).<br />
Die Zeitsynchronisierung erfolgt für IEC, SNTP, NTP, DCF77 oder GPS.<br />
Optional ist eine Wireless-Kommunikation via GPRS. Mittels Import und<br />
Export von CSV-Dateien erfolgt der Datenaustausch mit anderen Konfigurationstools.<br />
Ergänzend ist eine Anbindung von Elementen der Gebäudetechnik<br />
möglich. Klassische Fernwirk- und Automationsanwendungen werden mit<br />
einem System umgesetzt.<br />
die Entwicklungsumgebung CoDeSys mit seinen fertigen<br />
Programmbausteinen. Das funktioniert gut und<br />
erfüllt alle professionellen Anforderungen“, vergibt<br />
der Leiter des Bereichs Netzbetrieb gute Noten für den<br />
praktischen Einsatz.<br />
Aus seiner Sicht ist es für den Betrieb des Energieversorgungsunternehmens<br />
von Vorteil, dass sich die<br />
Technik bereits in der Automatisierung als fehlerfrei,<br />
zuverlässig und robust bewährt hat. Sie ist auch bei<br />
härteren Umfeldbedingungen einsetzbar. Zusätzlich<br />
mache die zertifizierte Federklemmtechnik den Einsatz<br />
der Fernwirktechnik flexibler.<br />
Die Fernwirktechnik wird nun schrittweise mit Wago-<br />
Technik erneuert. Pro Jahr sollen fünf bis zehn Fernwirkstationen<br />
umgebaut werden. An einer Erweiterung der<br />
GPRS-Funkübertragung wird gearbeitet.<br />
IEC-Protokolle<br />
Autor<br />
Der Fernwirkcontroller unterstützt die Fernwirkprotokolle<br />
IEC 60870-5-101 für die serielle Übertragung oder gemäß<br />
IEC 60870-5-104 für die TCP/IP-basierte Kommunikation.<br />
Innerhalb dieser signalorientierten Protokolle werden<br />
Meldungen, Messwerte, Bitmuster, Zählwerte und (Stell-)<br />
Befehle jeweils mit und ohne Zeitstempel ausgetauscht.<br />
Außerdem deckt er die Norm IEC 61850 ab, welche die<br />
Schutz- und Leittechnik in elektrischen Schaltanlagen der<br />
Mittel- und Hochspannungstechnik beschreibt. Hierzu<br />
gehört unter anderem die Überwachung und Steuerung<br />
bei Windenergieanlagen, bei Wasserkraftwerken oder bei<br />
einer verteilten Energieerzeugung wie Blockheizkraftwerken<br />
oder PV-Anlagen.<br />
Kontakttechnik GmbH & Co. KG,<br />
Hansastr. 27, D-32432 Minden,<br />
Tel. +49 (0) 571 887 90 11,<br />
E-Mail: martin.paulick@wago.com<br />
Martin Paulick<br />
ist Produktmanager Automation<br />
bei der Wago.<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
15
praxis<br />
Kleinsteuerung alarmiert Lkw-Fahrer vor zu<br />
niedrigen Tunneln für ihr Fahrzeug<br />
Kleinsteuerung warnt in Echtzeit mit betreffendem Lkw-Kennzeichen vor drohender Unfallgefahr<br />
Bild 1: Signalbrücke mit mechanischen Sensoren<br />
und dem neuen Lichtschranken-Sensor<br />
Bild 2: Überblick über das Gesamtsystem mit den<br />
verschiedenen Signalbrücken<br />
Zu hohe Lkw tragen immer wieder zu Verkehrsstörungen<br />
bei, indem sie Tunnel beschädigen. Damit Sperrungen<br />
und die daraus resultierenden Staus vermieden<br />
werden, bieten sich moderne Signalbrücken von HIG<br />
Traffic Systems an. Die Kleinsteuerung ILC 170 ETH<br />
2TX koordiniert die schnelle und reibungslose<br />
Funktions weise der Anlage (Bild 1).<br />
UNFÄLLE IN TUNNELN VERURSACHEN KOSTEN<br />
UND ARBEITSAUSFÄLLE<br />
In den Niederlanden ist das steigende Verkehrsaufkommen<br />
jeden Tag spürbar. Deshalb hat das Land in den vergangenen<br />
Jahren viel Geld in die Infrastruktur investiert.<br />
Insbesondere die Autobahnen sind gut ausgebaut und um<br />
viele Tunnelanlagen erweitert worden. Diese Tunnel machen<br />
den größten Kostenfaktor des Straßenbaus aus. Jeder<br />
Zentimeter zusätzlicher Bohrdurchmesser lässt die Investitionsausgaben<br />
anwachsen, sodass die Tunnel grundsätzlich<br />
nur so hoch gebaut werden, dass Lkw mit Standardmaß<br />
ungehindert passieren können.<br />
Aufgrund steigender Frachtmengen sind immer mehr<br />
Fahrzeuge mit Überhöhe auf den Straßen und somit in<br />
Tunneln unterwegs, die dafür nicht ausgelegt wurden.<br />
Die Unfälle beschädigen die Bauwerke und führen zu<br />
Staus. Beides kostet den Staat viel Geld. Auch die Menschen,<br />
die ihre Arbeitsstätte nicht erreichen können,<br />
erwirtschaften nichts, was letztendlich Mindereinnahmen<br />
der öffentlichen Hand nach sich zieht.<br />
Vor diesem Hintergrund bemühen sich die verantwortlichen<br />
Stellen, Staus vor Tunneln zu unterbinden,<br />
deren Ursache in zu hohen Lkw liegt.<br />
WARTUNGSARME UND VERSCHLEISSFREIE SENSORIK<br />
Bisher wurden Fahrzeuge mit Überhöhe durch eine<br />
mechanische Sensorik erfasst, welche unter der<br />
Schilderbrücke aufgehängt ist. Die Signale werden<br />
dann an die nächste Brücke weitergeleitet. Dort zeigt<br />
ein Leuchtzeichen den Verkehrsteilnehmern an, dass<br />
ein Lkw mit Überhöhe detektiert worden ist und der<br />
Tunnel daher teilweise oder komplett gesperrt werden<br />
muss. Diese Lösung erwies sich als unvorteilhaft,<br />
weil die mechanischen Sensoren anfällig für Verschleiß<br />
sind und folglich relativ häufig gewartet werden<br />
müssen.<br />
Die Wartung führt zur Sperrung von mindestens einer<br />
der Autobahn-Spuren. Das verursacht zusätzliche<br />
Kosten und möglicherweise sogar einen Stau. Darum<br />
suchten die Verantwortlichen nach einer wartungsarmen<br />
und verschleißfreien Lösung. Sie sollte durch Einsatz<br />
moderner Smart-Sensoren einen deutlichen Mehrwert<br />
bieten. Fündig wurde man bei der in Bodegraven<br />
ansässigen HIG Traffic Systems, einem auf die Verkehrsleittechnik<br />
spezialisierten Unternehmen.<br />
DYNAMISCHES VERKEHRSMANAGEMENT IN ECHTZEIT<br />
In den vergangenen 40 Jahren hat sich HIG Traffic Systems<br />
auf dem niederländischen Markt als wichtiger<br />
Partner im Verkehrsbereich etabliert. Etwa die Hälfte<br />
seines Umsatzes generiert das Unternehmen aus der<br />
Bereitstellung entsprechender Produkte. Außerdem<br />
setzt HIG Traffic Systems komplette Projekte um und<br />
fungiert als Systemintegrator. Der Anbieter stellt sein<br />
Fachwissen und Dienstleistungen rund um die in der<br />
16<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
Bild 4:<br />
Steuerung im<br />
Schaltschrank:<br />
Der ILC 170 ETH<br />
2TX übernimmt<br />
die Steuerung<br />
und das Daten-<br />
<strong>Management</strong><br />
für das System.<br />
Bilder: Phoenix Contact.<br />
Bild 3: Das am ersten Brückenkopf installierte<br />
Lichtschrankensystem erfasst die Geschwindigkeit<br />
und Fahrspur des zu hohen Lkw.<br />
Verkehrserkennung genutzten Sensoren zur Verfügung.<br />
Das Produkt-Portfolio umfasst unter anderem Sensoren<br />
zur Fahrzeugerfassung, Geräte für die Achsgewichtsbestimmung<br />
beim Überfahren sowie Höhen- und Geschwindigkeitssensoren.<br />
Durch die Kombination von Kommunikationstechnologien<br />
unterstützen die von HIG Traffic Systems gelieferten<br />
Lösungen ein dynamisches Verkehrs-<strong>Management</strong><br />
in Echtzeit.<br />
SYSTEM WARNT MIT NUMMERNSCHILD-ANGABE<br />
Das System zur Erfassung, Identifikation und Selektierung<br />
von Lkw mit Überhöhe besteht aus Sensoren und<br />
Aktoren, die in einiger Entfernung vor dem Tunnel montiert<br />
werden. So lässt sich das jeweilige Fahrzeug aus<br />
dem Autobahnverkehr ziehen und umleiten, ohne das<br />
der Tunnel gesperrt werden muss. Das System beinhaltet<br />
mehrere vor dem Tunnel angeordnete Signalbrücken,<br />
wobei sich die erste Brücke je nach geografischer Gegebenheit<br />
bis zu zehn Kilometer vom Tunnel entfernt befinden<br />
kann (Bild 2). So stellt das System die rechtzeitige<br />
Reaktion des Lkw-Fahrers auf die durch das System<br />
erzeugte Warnmeldung sicher.<br />
Das am ersten Brückenkopf installierte patentierte<br />
Lichtschrankensystem Tirtl (The Infra-Red Traffic Logger)<br />
der CEOS Industrial Pty. Ltd., welches aufgrund<br />
der Bauform an eine Schildkröte erinnert, detektiert<br />
die Geschwindigkeit, Fahrspur und die Objekt-Abmessungen<br />
des zu hohen Lkw (Bild 3).<br />
Das Messsignal wird mittels in die Fahrbahn eingelassener<br />
Induktionsschleifen verifiziert. Ein intelligentes<br />
Kamerasystem generiert beim Überfahren der<br />
Schleifen ein Bild des Fahrzeugs, wertet es aus und<br />
stellt die Beschriftung auf dem Kennzeichen, die<br />
durch eine integrierte Bildverarbeitung ermittelt worden<br />
ist, zur Verfügung. Das Kamerasystem ist an einen<br />
Industrie-PC angekoppelt, während die Induktionsschleifen<br />
und Lichtschranken direkt mit der Steuerung<br />
kommunizieren.<br />
Ist das Messergebnis durch den Auswerte-Algorithmus<br />
als Fahrzeug mit Überhöhe erkannt, steuert die SPS<br />
ein auf der zweiten Signalbrücke angebrachtes Leuchtschild<br />
an. Dieses blendet die Warnung mit dem Kennzeichen<br />
des zu hohen Lkw ein, damit sich dessen Fahrer<br />
tatsächlich angesprochen fühlt. Nun kann er die<br />
Autobahn an der nächsten Ausfahrt verlassen und den<br />
Tunnel über eine Landstraße umgehen.<br />
Sollte der Fahrer dennoch nicht reagieren, kontrolliert<br />
das auf dem letzten Brückenkopf montierte System,<br />
ob sich sein Lkw noch immer auf der Autobahn befindet.<br />
Ist dies der Fall, wird entweder eine Fahrspur oder<br />
der komplette Tunnel gesperrt.<br />
KLEINSTEUERUNG ALS ZENTRALES BINDEGLIED<br />
Als SPS (Speicherprogrammierbare Steuerung) wählte<br />
HIG Traffic Systems die Kleinsteuerung ILC 170 ETH<br />
2TX von Phoenix Contact (Bild 4). In der Anlage dient<br />
der Controller als zentrales Bindeglied zwischen den<br />
Sensoren, der Bildverarbeitung, den Leuchtschildern<br />
und dem Leitsystem. Er erfasst die Daten der Sensoren,<br />
prüft diese auf Plausibilität und initiiert die Anzeige<br />
der fahrzeugspezifischen Warnmeldung. Ferner kom-<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
17
praxis<br />
Prozesse steuern mit ILC 1xx<br />
Die Steuerungen der 100er Leistungsklasse von Phoenix<br />
Contact eignen sich nicht nur für Anwendungen der Verkehrstechnik.<br />
Aufgrund ihrer vielen Funktionen bieten sie sich zur<br />
Steuerung und Überwachung prozesstechnischer Applikationen<br />
beispielsweise im Bereich Nahrungsmittel und Getränke<br />
sowie Chemie und Pharmazie an.<br />
Zu den Eigenschaften der ILC 1xx zählt die flexible Erweiterbarkeit<br />
um die Standard- und Funktionsklemmen des<br />
Automatisierungsbaukastens Inline, sodass alle Anforderungen<br />
der Anwendung passgenau umgesetzt werden können.<br />
Die einfach mit der Software PC Worx Express programmierbaren<br />
Controller unterstützen sämtliche relevanten Automatisierungs-<br />
und IT-Protokolle, damit eine durchgängige<br />
Kommunikation vom Sensor bis in die Unternehmensleitebene<br />
sichergestellt ist.<br />
Ein integrierter Webserver erlaubt in Kombination mit dem<br />
Tool WebVisit die einfache Erstellung eigener Webseiten, die<br />
dann auf die Steuerung geladen werden. So kann der<br />
Anwender seine Maschine oder Anlage aus der Ferne per<br />
Standard-Webbrowser bedienen und überwachen. Über den<br />
ebenfalls eingebauten FTP-Server lassen sich Rezepturdaten<br />
via Netzwerk auf die Steuerung schreiben oder protokollierte<br />
Applikationsdaten einlesen.<br />
In Verbindung mit einer SQL-Bibliothek bauen die ILC 1xx die<br />
direkte Kommunikation zu SQL-Datenbanken auf, um etwa Daten<br />
aufzuzeichnen oder zu verwalten. Der ILC 170 ETH 2TX und der<br />
ILC 190 ETH 2TX verfügen über einen steckbaren Parametrierungsspeicher.<br />
So können Programme oder Log-Files einfach<br />
durch den Wechsel der SD-Memory-Card ersetzt werden, ohne<br />
dass ein Zugriff über den PC erfolgen muss.<br />
muniziert der ILC 170 ETH 2TX mit dem Leitsystem,<br />
sodass die ermittelten Daten dort gespeichert und zur<br />
weiteren Verarbeitung durch öffentliche Stellen verwendet<br />
werden können (Bild 5).<br />
„Wir haben diese Kleinsteuerung aufgrund ihrer<br />
Kommunikationsfähigkeit sowie der einfachen Programmierung<br />
und flexiblen Erweiterbarkeit ausgewählt.<br />
Da alle Steuerungen von Phoenix Contact über mindestens<br />
eine Ethernet-Schnittstelle verfügen und beliebig<br />
um Übertragungsstandards wie RS232, RS422, RS485,<br />
CAN oder Profibus ergänzt werden können, eignen sie<br />
sich insbesondere als zentrale Kommunikationseinheit“,<br />
sagt Erwin Wagemans, Vertriebsmitarbeiter von<br />
HIG Traffic Systems.<br />
Überzeugt hat den Verkehrstechnik-Spezialisten<br />
auch die Zuverlässigkeit der für den industriellen Einsatz<br />
konzipierten SPS, weil sich die Wartungsintervalle<br />
der Gesamtanlage deutlich senken lassen: „Die<br />
Kleinsteuerung bietet die Möglichkeit, Parameter und<br />
Daten aus der Anwendung auf eine SD-Karte zu<br />
schreiben. So wird beispielsweise die Applikation auf<br />
der SD-Karte gespeichert, um im Bedarfsfall sofort per<br />
FTP darauf zugreifen zu können. Via FTP werden die<br />
aktuellen Betriebszustände der Anlage und die ermittelten<br />
Daten übertragen. Falls erforderlich werden diese<br />
dann in der jeweiligen Verkehrszentrale archiviert<br />
und ausgewertet.<br />
So lassen sich Anlagenausfälle und Probleme mit den<br />
Sensoren im Vorfeld erkennen und eine gezielte Wartung<br />
durchführen, was die Betriebskosten der Anlage<br />
senkt“, sagt Wagemans.<br />
INDUSTRIELLE STEUERUNG STABILISIERT DAS SYSTEM<br />
Indem HIG Traffic Systems eine industrielle Steuerung<br />
nutzt, erweist sich das Gesamtsystem stabiler als<br />
in der Vergangenheit mit proprietären Lösungen. Der<br />
MTBF-Wert (Mean Time Between Failures) ist deutlich<br />
gestiegen, weshalb sich der Kosten- und Zeitaufwand<br />
für Wartungsarbeiten entsprechend reduziert.<br />
Durch die freie Programmierbarkeit unterstützt die<br />
Kleinsteuerung von Phoenix Contact außerdem nahezu<br />
alle gängigen IT-Protokolle. HIG Traffic Systems<br />
kann also die vom jeweiligen Anwender gewünschten<br />
IT-Standards einfach in der entsprechenden Applikation<br />
umsetzen.<br />
Autor<br />
Dipl.-Ing. Michael Gulsch<br />
ist Mitarbeiter im Systemmarketing<br />
Steuerungstechnik<br />
bei der Phoenix Contact<br />
Electronics GmbH in Bad<br />
Pyrmont.<br />
Phoenix Contact Electronics GmbH,<br />
Dringenauer Str. 30, D-31812 Bad Pyrmont,<br />
Tel.: +49 (0) 5281 94 60,<br />
E-Mail: mgulsch@phoenixcontact.com<br />
18<br />
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3 / 2012
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Praxis<br />
FDT2-Standard optimiert Zuverlässigkeit und<br />
baut rollenbasierte Sicherheitsanwendung aus<br />
Plattform zur Integration intelligenter Geräte durch weiterführende Spezifikation sicherer gemacht<br />
Bild 1:<br />
Programmtechnische<br />
Verifizierung des DTM<br />
Herstellers<br />
Während der vergangenen acht Jahre hat sich die<br />
FDT-Technologie einen Namen als Standard gemacht,<br />
der einerseits einen offenen Zugang zu Geräte-<br />
Informationen ermöglicht und andererseits die Netzwerkstandards<br />
aus Prozess- und Fertigungsautomatisierung<br />
auf einer gemeinsamen Plattform zusammenführt.<br />
Selbstverständlich verlangt die große<br />
Verbreitung des FDT-Standards eine kontinuierliche<br />
Weiterentwicklung, um den neuesten Sicherheitsstandards<br />
und -risiken Rechnung zu tragen. Darüber<br />
hinaus erfordern die Echtzeit-Automatisierungsumgebungen,<br />
in denen FDT eingesetzt wird, dass jede<br />
Weiterentwicklung des Standards stets auf eine bestmögliche<br />
Qualitätssicherung abzielt. Daher standen<br />
diese vom Markt vorgegebenen Anforderungen beim<br />
erst kürzlich freigegebenen Standard FDT2 immer im<br />
Zentrum der aufwendigen Entwicklungsarbeiten.<br />
Qualitätssicherung<br />
Die FDT Group besitzt seit vielen Jahren Erfahrung in<br />
der Entwicklung, Wartung und Unterstützung des FDT<br />
Standards (IEC-62345/ISA 103). Hieraus ergibt sich<br />
eine Fülle von gewonnenen Erkenntnissen und typischen<br />
Einsatzszenarien – sowohl in Bezug auf die Anwender<br />
als auch auf die Hersteller –, die alle in die<br />
Entwicklung des neuen FDT2-Standards eingeflossen<br />
sind. Daher können sich Anwender wie gewohnt auf<br />
FDT2 als robuste und zuverlässige Integrationstechnologie<br />
verlassen.<br />
Um die Qualität der Produkte, die den FDT-Standard<br />
nutzen, sicherzustellen, betreibt die FDT Group<br />
ein Netzwerk unabhängiger Testzentren. Dort wird<br />
die Konformität jedes einzelnen Produkts überprüft<br />
und bescheinigt. Sobald ein Produkt die Konformitätstests<br />
in einem dieser Prüflabore erfolgreich absolviert<br />
hat, werden die Testergebnisse an die Zertifizierungsstelle<br />
der FDT Group übermittelt, die anschließend<br />
ein Konformitätszertifikat ausstellt. Damit erhält<br />
das Produkt außerdem den Anspruch, in den<br />
Katalog zertifizierter Produkte auf der FDT Group<br />
Website (www.fdtgroup.org) aufgenommen zu werden.<br />
Bild 1 illustriert die einzelnen Schritte des Zertifizierungsverfahrens.<br />
Die FDT Group beauftragt<br />
zudem einen unabhängigen Prüfer, der die Verfahren,<br />
Vorgehensweisen und Aufzeichnungen dieser Testzentren<br />
regelmäßig auditiert, um auf diese Weise eine<br />
lückenlose Funktionsfähigkeit des gesamten Programms<br />
zu gewährleisten.<br />
Alle Produkte, die nach dem neuen FDT2-Standard<br />
zertifiziert sind, erhalten ein digital signiertes Zertifikat,<br />
das zum Zeitpunkt der Installation oder während<br />
des Betriebs elektronisch ausgelesen werden<br />
kann. Dieses digital signierte Zertifikat nutzt das<br />
System einer Public-Key-Infrastruktur (PKI) mit Zer-<br />
20<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
Bild 2: Darstellung der digitalen Signatur. Bilder: FDT-Group<br />
tifizierungsstelle (Certificate Authority – CA). Damit<br />
ist eine FDT-Rahmenapplikation jederzeit in der<br />
Lage, programmtechnisch festzustellen, ob das Zertifikat<br />
tatsächlich von der FDT Group ausgestellt<br />
wurde (die sogenannte Nichtabstreitbarkeit – Non-<br />
Repudiation) und zum jeweiligen Produkt gehört.<br />
Diese Informationen können dem Anwender dynamisch<br />
unter Verwendung von Symbolen oder sonstigen<br />
Methoden angezeigt werden. Das heißt, es ist<br />
auf einen Blick zu erkennen, welche der installierten<br />
Produkte von der FDT Group zertifiziert wurden und<br />
welche nicht.<br />
Wie im Artikel „Common Components gewährleisten<br />
eine „eingebaute“ Interoperabilität bei FDT 2.0“<br />
(<strong>atp</strong> <strong>edition</strong> 6/2011, S. 18-21) beschrieben, entwickelte<br />
ein Konsortium innerhalb der FDT Group sogenannte<br />
Common Components zur Herstellung FDTkonformer<br />
Produkte. Diese Komponenten beinhalten<br />
den Großteil der FDT-Spezifikation. Und da diese für<br />
DTMs und Rahmenapplikationen verfügbaren Common<br />
Components – sowohl einzeln als auch im Verbund<br />
– umfassend getestet wurden, ist eine hohe<br />
Interoperabilität garantiert. Durch die Nutzung der<br />
Common Components können sich Hersteller auf die<br />
eigentlichen Mehrwert-generierenden Aspekte ihrer<br />
Software konzentrieren und erreichen zudem eine<br />
deutlich schnellere Markteinführung ihrer FDT-basierten<br />
Produkte. Darüber hinaus sorgen die ausführlich<br />
vorgetesteten Common Components dafür, dass<br />
sich der Zertifizierungsprozess aller mit diesen Komponenten<br />
ausgestatteten Produkte erheblich einfacher<br />
gestaltet.<br />
Software-Authentizität und Integrität<br />
Die Implementierung des FDT-Standards erfolgt in der<br />
Regel über Software-Komponenten aus der Hand verschiedener<br />
Anbieter, die zu einer interagierenden Automatisierungs-<br />
oder Asset-<strong>Management</strong>-Umgebung zusammengestellt<br />
werden. Es wäre für eine einzelne FDT-Anwendung<br />
also keineswegs ungewöhnlich, über mehrere dutzend<br />
DTMs (die Gerätetreiber) von verschiedenen Herstellern<br />
zu verfügen, die alle in einer gemeinsamen Rahmenapplikation<br />
(dem Host) installiert werden. Während die Möglichkeit<br />
der freien Anbieterauswahl einerseits einen erheblichen<br />
Vorteil des FDT-Standards darstellt, drohen<br />
andererseits Sicherheitsprobleme, wenn die Installation<br />
und Wartung des Automatisierungs- beziehungsweise<br />
Asset-<strong>Management</strong>-Systems nicht stringent koordiniert<br />
werden. Die Entwickler von FDT2 haben diese potenziellen<br />
Fallstricke vorausgesehen und entsprechende Industriestandards<br />
eingebunden, um das Fehlerrisiko zu minimieren.<br />
Zunächst einmal basiert der neue FDT2-Standard<br />
auf der .NET-Technologie. In der Microsoft-Implemen-<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
21
Praxis<br />
Bild 3:<br />
Zertifizierungsverfahren<br />
Autoren<br />
M&M Software GmbH,<br />
Industriestr. 5,<br />
D-78112 St. Georgen,<br />
Tel. +49 (0) 7724 94 15 52,<br />
E-Mail: vht@mm-software.com<br />
Volker Herbst<br />
ist Regional Sales Manager<br />
bei der M&M Software<br />
GmbH.<br />
Katrien Peeters<br />
führt das Geschäfts- und<br />
Zertifizierungsbüro der<br />
FDT Group in Belgien.<br />
Ihre Hauptaufgaben liegen<br />
in der Organisation von<br />
Veranstaltungen der FDT<br />
Group und der Administration.<br />
2006 graduierte sie an<br />
der Université Catholique de Louvain in<br />
Louvain-la-Neuve.<br />
FDT Group, Business Office,<br />
Certification Office, Culligan Laan 1B,<br />
1831 Diegem, Belgium,<br />
Tel. +32 2 403 13 33,<br />
E-Mail: katrien.peeters@fdtgroup.org<br />
tierung einer .NET-gestützten Software-Installation<br />
garantiert das zugehörige Sicherheitsmodell, dass die<br />
digitalen Signaturen sämtlicher auf dem Zielsystem<br />
installierten Komponenten verifiziert werden. Während<br />
des Installationsvorgangs wird die Quelle der<br />
digitalen Signatur angezeigt, sodass sich der Anwender<br />
davon überzeugen kann, dass die installierte Software<br />
tatsächlich vom gewünschten Anbieter stammt.<br />
Über den Signatur-Prozess selbst wird zudem sichergestellt,<br />
dass die Software nach Erhalt der Signatur<br />
nicht verändert wurde. Die Microsoft-Marke dieser<br />
Technologie ist ‚Authenticode‘. Sie basiert auf der<br />
Protokoll-Strukturnorm X.509.<br />
Unternehmen, die FDT-basierte DTMs oder Rahmenapplikationen<br />
mit digitaler Authenticode-Signatur<br />
entwickeln wollen, müssen bei einer Zertifizierungsstelle<br />
(Certificate Authority, CA) oder lokalen<br />
Registrierungsstelle (Local Registration Authority,<br />
LRA) ein Zertifikat beantragen. Mit diesem<br />
Zertifikat können sie dann ihren Software-Code<br />
digital signieren. Im Rahmen dieses Beantragungsverfahrens<br />
stellt die CA beziehungsweise LRA sicher,<br />
dass die Identität des Antragstellers sorgfältig<br />
geprüft wird. Durch die Nutzung elektronischer<br />
Signaturen ist das Betriebssystem somit in der Lage,<br />
die Quelle und den Hersteller einer Software programmtechnisch<br />
zu verifizieren (Bild 1 und Bild 2).<br />
Genauso kann auf diese Weise ausgeschlossen werden,<br />
dass die Software nach der Signierung durch<br />
den Hersteller versehentlich oder in betrügerischer<br />
Absicht manipuliert wurde.<br />
Digitale Signaturen sind keine zwingende Voraussetzung,<br />
um eine Software zu installieren. Der Anwender<br />
wird jedoch unmissverständlich darauf hingewiesen,<br />
wenn eine Signatur fehlt oder nicht ordnungsgemäß<br />
verifiziert werden kann. In solchen<br />
Fällen erscheint die bei Software-Installationen be-<br />
22<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
kannte Meldung in der Art „Windows kann den Herausgeber<br />
nicht verifizieren...“. Anwender von FDT2-<br />
basierter Technologie sollten unbedingt sicherstellen,<br />
dass die von der Installationsroutine gemeldete Quelle<br />
der Software tatsächlich mit der gewünschten<br />
übereinstimmt, bevor sie den Software-Installationsvorgang<br />
fortsetzen.<br />
Skalierbare Sicherheit<br />
Seit seiner Einführung unterstützt der FDT-Standard ein<br />
rollenbasiertes Sicherheitsmodell. Auf diese Weise können<br />
die Rechte und Bedienmöglichkeiten der einzelnen<br />
Anwender genau auf deren Aufgabenbereich eingegrenzt<br />
werden: Beobachter, Bediener und Ingenieure.<br />
Der FDT2-Standard bietet nun erstmals die Möglichkeit,<br />
diese rollenbasierte Sicherheit noch genauer<br />
zu spezifizieren. So können beispielsweise einzelne<br />
Geräteparameter je nach Aufgabe des Anwenders vor<br />
dem Zugriff geschützt werden. Damit kann der Hersteller<br />
eines DTMs genau festlegen, in welchem Maße<br />
Anwender aus einem bestimmten Aufgabenbereich<br />
Änderungen vornehmen dürfen.<br />
Datensicherheit<br />
Die FDT2-Rahmenapplikation erzeugt eine einheitliche<br />
Projektdatenbasis, in der die Daten aller per DTM in ein<br />
Automatisierungssystem integrierten Geräte gespeichert<br />
werden. So können Projektdaten von einer zentralen<br />
Stelle aus als Backup gesichert und bei Bedarf wiederhergestellt<br />
werden. Diese Datenbasis erlaubt somit die<br />
Datenspeicherung und -sicherung aller Geräte eines<br />
Systems in einer einzigen Projektdatei. Ein solcher zentralisierter<br />
Ansatz unterstützt den Anwender wirksam<br />
bei der Wahrung der Datensicherheit.<br />
Fazit<br />
Bei der FDT-Technologie handelt es sich um eine robuste<br />
Plattform zur Integration intelligenter Geräte<br />
unabhängig von den verwendeten Netzwerktypen. Der<br />
Standard FDT2 erhöht diese Zuverlässigkeit durch<br />
verbesserte Sicherheit und Interoperabilität. Der Anwender<br />
kann sich damit voll und ganz auf die betrieblichen<br />
Abläufe konzentrieren, statt sich aufwendig um<br />
die Infrastruktur kümmern zu müssen.<br />
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Praxis<br />
Software statt Hardware: Neue Funktechnik<br />
erlaubt völlig neue Wireless-Lösungen<br />
Software Defined Radio und Cognitive Radio bieten mehr Flexibilität und Zusatzfunktionen<br />
Software Defined Radio (SDR) und Cognitive Radio<br />
(CR) eröffnen der Funkkommunikation in der Automatisierungstechnik<br />
völlig neue Möglichkeiten. Das<br />
zeigt eine Studie, die das Institut für Automation und<br />
Kommunikation (ifak) im Auftrag der Deutschen Forschungsgesellschaft<br />
für Automation und Mikroelektronik<br />
(DFAM) erstellt hat.<br />
Im Unterschied zu herkömmlichen in Hardware implementierten<br />
Funksystemen werden bei einem SDR<br />
einige oder alle Physical-Layer-Funktionen, wie beispielsweise<br />
Filterung, (De-)Modulation und (De-)Kodierung<br />
durch Software realisiert. Die damit erreichbare<br />
(Re-)Konfigurierbarkeit steigert die Flexibilität eines<br />
Funkgerätes erheblich. Diese hohe Flexibilität bildet die<br />
ideale technische Basis für Multistandard-Funkgeräte<br />
und für die Realisierung von Cognitive Radios, die in<br />
der Lage sind, ihre Umgebung zu beobachten, Veränderungen<br />
wahrzunehmen und darauf entsprechend vorgegenbener<br />
Ziele zu reagieren. Im Unterschied zu adaptiven<br />
Radios, die heute bereits Stand der Technik sind,<br />
berücksichtigen Cognitive Radios neben dem Kommunikationskanal<br />
auch weitere Einflüsse wie Anforderungen<br />
der Applikation, Eigenschaften des Netzwerkes oder<br />
Zustand und Verhaltensmuster des Nutzers.<br />
Effizientes Koexistenzmanagement<br />
Damit bieten SDR und CR das Potenzial, die neuen Herausforderungen<br />
bei Funkanwendungen in der Automatisierungstechnik<br />
effizient zu bewältigen: beispielsweise das<br />
Koexistenzmanagement verschiedener Funksysteme in den<br />
Produktionsanlagen unter Einhaltung internationaler Standards,<br />
einheitliche Inbetriebnahme- und Diagnosewerkzeuge<br />
sowie die weltweite Einsetzbarkeit von Funksystemen für<br />
Maschinen und Anlagen. Heute müssen sich Hersteller<br />
dafür auf einen geeigneten internationalen Standard festlegen<br />
oder eine breite Produktpalette anbieten. In den<br />
Funkkomponenten müssen sie zur Minimierung des Investitionsrisikos<br />
langfristig verfügbare Chipsätze oder<br />
Module verwenden, was angesichts der rasanten Entwicklung<br />
der Funktechnologien schwierig ist und mitunter zu<br />
Kompromisslösungen führt, die nicht optimal für industrielle<br />
Funkanwendungen geeignet sind.<br />
SDR hingegen ermöglicht beispielsweise flexible Signal-<br />
und Frequenzwahl, dynamische Anpassung der<br />
Luftschnittstelle, die Aggregierung von Spektrum, verkürzte<br />
Entwicklungszeiten, kleinere Risiken bei der Geräteentwicklung<br />
und kundenspezifische Anpassungen,<br />
optimale Ausnutzung moderner Antennentechnologien,<br />
den globalen Einsatz von Funklösungen sowie die Realisierung<br />
von optimierten Funklösungen für die industrielle<br />
Automation. Dem gegenüber stehen Nachteile wie<br />
aufwendigere <strong>Security</strong>-Maßnahmen, eventuell schlechteres<br />
Zeitverhalten, noch hoher Energie- und Platzbedarf<br />
sowie hohe Material- und Zertifizierungskosten für Multistandard-Radios.<br />
Cognitive Radio bringt zusätzliche Vorteile wie Erhöhung<br />
der spektralen Effizienz, Vermeidung der Reservierung<br />
von Spektrumressourcen, effizientere Algorithmen<br />
für das Koexistenzmanagment durch Selbstkonfiguration<br />
sowie die zeitliche Optimierung der Übergänge zwischen<br />
Anwendung, drahtgebundener Kommunikation und der<br />
Funkkommunikation. Nachteile könnten die Behinderung<br />
von Nicht-CR-Anwendungen, Beeinflussung durch<br />
Denial-of-Service(DoS)-Attacken sowie die komplizierten<br />
Algorithmen und der Ressourcenbedarf sein.<br />
verschiedene Funkstandards – eine Hardware<br />
Mit SDR wird beispielsweise die Realisierung von Geräten<br />
und Basisstationen ermöglicht, die verschiedene Funkstandards<br />
auf einer Hardware unterstützen. Es könnten<br />
Diagnosesysteme realisiert werden, die flexiblen Zugang<br />
zum Funkmedium haben und eine einheitliche Schnittstelle<br />
zum Benutzer bereitstellen. Darüber hinaus kann<br />
SDR im Vorfeld der Geräteentwicklung dazu dienen, Klarheit<br />
über eine Funktechnologie oder Implementierung für<br />
einen bestimmten Einsatzfall in Bezug auf Echtzeitfähigkeit,<br />
Gerätedichte, Systemdichte, Interferenz, Koexistenz<br />
und den Einfluss des Abstandes zwischen den Funkkomponenten<br />
zu erhalten und minimal mögliche Applikationszyklen<br />
und Sendeintervalle zu ermitteln.<br />
Auch die Verwendung in einem universellen Konformitätstestsystem<br />
für verschiedene Funkstandards ist<br />
denkbar, da mit SDR auch Fehler in der physikalischen<br />
Schicht emuliert werden können. Wichtig ist auch die<br />
Möglichkeit, moderne Antennentechnologien für die<br />
Umgehung von Hindernissen und die optimale Ausrichtung<br />
der Antennenhauptkeule in Richtung des (mobilen)<br />
Kommunikationspartners zu verwenden oder mehrere<br />
Ausbreitungspfade für die redundante Übertragung von<br />
Informationen zu nutzen.<br />
Adaptive beziehungsweise kognitive Funksysteme<br />
können zusätzlich die temporäre Installation eines Funksystems<br />
in unbekannter Funkumgebung ermöglichen.<br />
Für Safety-Anwendung besteht die Chance, verbesserte<br />
Redundanzkonzepte in die Funkgeräte zu implementieren<br />
und eventuell mit flexiblen Methoden zur Ortsbestimmung<br />
zu kombinieren.<br />
kosten und energieverbrauch als hürde<br />
SDR ist heute in Funkkommunikationssystemen des Militärs,<br />
der Satellitenkommunikation und der Public Safety<br />
bereits etabliert. Verstärkt wird SDR auch in Mobilfunk-Basisstationen<br />
eingesetzt und auch in mobile Endgeräte<br />
dringt die Technik zunehmend vor. In der Automatisierungstechnik<br />
allerdings bestand bisher keine<br />
Notwendigkeit, neue Funktechniken einzusetzen, da der<br />
Bedarf an drahtloser Kommunikation durch existierende<br />
Funkkommunikationssysteme abgedeckt werden kann.<br />
Dennoch eröffnet die SDR-Technologie auch dort völlig<br />
neue Möglichkeiten. Allerdings stehen hohe Bauteilkosten,<br />
der Platzbedarf und vor allem die hohe Energieaufnahme<br />
einer breiten Nutzung von SDR in industriellen Funksystemen<br />
heute noch im Wege. Diese Nachteile müssen erst<br />
durch einen funktionalen und wirtschaftlichen Gewinn<br />
für den Anwender aufgewogen werden. Am ehesten könnte<br />
das in naher Zukunft bei Speziallösungen für Safety-<br />
24<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
prozentuale<br />
Anzahl<br />
der Kunden<br />
Mobilfunk<br />
Basisstationen<br />
Satelliten<br />
Modems<br />
Im militärischen Bereich<br />
befindet sich Sofware Defined<br />
Radio schon in einem fortgeschrittenen<br />
Marktstadium –<br />
in der Automatiserungstechnik<br />
steht diese Technik noch vor<br />
der Einführung. Bild: ifak<br />
Innovatoren,<br />
Technologie-<br />
Enthusiasten<br />
funkgestützte<br />
Automation<br />
Erstanwender,<br />
Visionäre<br />
Mobilfunkgeräte<br />
frühe Mehrheit,<br />
Pragmatiker<br />
BOS 1 -Funk<br />
späte Mehrheit,<br />
Konservative<br />
militärische<br />
Kommunikation<br />
Nachzügler,<br />
Skeptiker<br />
Zeit<br />
Kunden wollen<br />
Technologie und<br />
Leistungsfähigkeit<br />
Kunden wollen<br />
komfortable<br />
Produkte<br />
1 Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben (Public Safety)<br />
Anwendungen oder Funk-Diagnosesysteme gelingen. Auch<br />
bei der Entwicklung von optimierten Funklösungen für die<br />
Automatisierungstechnik kann SDR zeitnah helfen. Nach<br />
diesen Speziallösungen könnte SDR, ähnlich wie im Mobilfunksektor,<br />
mittelfristig Einzug in die Basisstationen<br />
halten. Wann die Technik in Geräten wie Sensoren, Aktoren<br />
oder in Remote-I/O-Module integriert werden kann,<br />
hängt maßgeblich von der technologischen und preislichen<br />
Entwicklung der Hardwarekomponenten ab.<br />
mit herkömmlicher funktechnik nicht lösbar<br />
Aber gerade die zunehmende Anzahl an eingesetzten<br />
Funkkommunikationssystemen könnte in Zukunft zu<br />
neuen Herausforderungen führen, die mit herkömmlicher<br />
Funktechnik nicht mehr zu lösen sind. Die in den Produktionsanlagen<br />
eingesetzten Funksysteme teilen sich<br />
eine begrenzte Spektrumressource. Hinzu kommen<br />
Funksysteme, die außerhalb der Produktion genutzt werden,<br />
aber dasselbe Frequenzband nutzen. Ein Koexistenzmanagement<br />
ist deshalb zwingend erforderlich, um den<br />
störungsarmen parallelen Betrieb der Funksysteme zu<br />
gewährleisten. Adaptive oder kognitive Funksysteme<br />
können dabei helfen, das aufwendige manuelle datenbankgestützte<br />
Koexistenzmanagement zu unterstützen<br />
oder langfristig sogar überflüssig machen.<br />
In der Studie „Software Defined Radio und Cognitive<br />
Radio in der industriellen Automation“ werden auch der<br />
aktuelle Stand sowie die Perspektiven der technologischen<br />
und regulatorischen Entwicklungen mit Bezug auf<br />
SDR und CR detailliert dargestellt.<br />
SDR UND CR WERDEN SICH DURCHSETZEN<br />
In der Automatisierungstechnik wird mittel- und langfristig<br />
kein Weg an SDR und CR vorbeiführen. Die Vorteile von<br />
SDR und CR liegen auf der Hand, und mit Verbesserung<br />
der Hardwarekomponenten und mit fallenden Preisen wird<br />
auch die Hemmschwelle sinken, diese Technologien in der<br />
Automatisierungstechnik einzusetzen. Es gibt somit eigentlich<br />
keinen Grund, nicht schon heute die Anforderungen<br />
an eine industrietaugliche SDR-Plattform zusammenzutragen,<br />
Konzepte zu entwickeln, industrielle Funkstandards<br />
exemplarisch zu implementieren und somit erste<br />
praktische Erfahrungen mit den SDR- und CR-Technologien<br />
zu sammeln sowie deren Zeitverhalten zu untersuchen.<br />
Auch die Methoden und Algorithmen für das automatisierte<br />
Koexistenzmanagement können unabhängig von<br />
der Hardware entwickelt werden. Hier ist noch einiges<br />
an Vorarbeit zu leisten. Warten lohnt nicht, da die spezifischen<br />
Anforderungen für industrielle Anwendungen<br />
und die eigens für diesen Applikationsbereich definierten<br />
Funkstandards nur in Zusammenarbeit mit den Herstellern<br />
von Automatisierungsgeräten berücksichtigt<br />
werden können. Unabhängige externe Zulieferer wird es<br />
nicht geben.<br />
Autoren<br />
Dr. Lutz Rauchhaupt ist Leiter des<br />
Forschungsschwerpunktes „Drahtlose<br />
industrielle Kommunikation“ am ifak<br />
und Mitautor der Studie „Software<br />
Defined Radio und Cognitive Radio<br />
in der industriellen Automation“.<br />
ifak – Institut für Automation und Kommunikation e.V. Magdeburg,<br />
Werner-Heisenberg-Str. 1, D-39106 Magdeburg,<br />
Tel. +49 (0) 391 990 14 95, E-Mail: lutz.rauchhaupt@ifak.eu<br />
André Gnad beschäftigt sich am ifak<br />
mit Test- und Diagnosesystemen für<br />
industrielle Funksysteme und war<br />
Projektleiter der DFAM-Studie „Software<br />
Defined Radio und Cognitive Radio<br />
in der industriellen Automation“.<br />
ifak – Institut für Automation und Kommunikation e.V. Magdeburg,<br />
Werner-Heisenberg-Str. 1, D-39106 Magdeburg,<br />
Tel. +49 (0) 391 990 14 90, E-Mail: andre.gnad@ifak.eu<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
25
interview<br />
eckhard eberle:<br />
„Durch eine steigende Vernetzung<br />
ist die Anzahl der<br />
Schnittstellen gewachsen,<br />
die potenzielle Angriffspunkte<br />
bieten. Anwender<br />
und Hersteller müssen<br />
nun gemeinsam dafür<br />
Sorge tragen, dass daraus<br />
kein Schaden entsteht",<br />
fordert der CEO Industrial<br />
Automation Systems der<br />
Siemens-Division Industry<br />
Auto mation.<br />
26<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
„Viele Anlagen sind nur<br />
unzureichend geschützt“<br />
Eckard Eberle im Interview mit <strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
Automatisierungsanlagen werden immer stärker vernetzt. Und mit dem Trend zu offenen Systemen haben<br />
Standard-Technologien aus der Bürowelt Einzug gehalten – das schafft neue Einfallstore für Angriffe auf die IT.<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong> sprach darüber mit mit Eckard Eberle, CEO Industrial Automation Systems, Siemens-Division Industry<br />
Automation. Der Informationssicherheit widmen sich auch alle Hauptbeiträge dieser Ausgabe der <strong>atp</strong> <strong>edition</strong>.<br />
Bilder: Siemens<br />
<strong>atp</strong>: Herr Eberle, wo steht die IT-<strong>Security</strong> für die Automatisierungstechnik<br />
heute? Wie gut geschützt sind die Anlagen?<br />
ECKARD EBERLE: IT-<strong>Security</strong> in der Automatisierung<br />
hat in den letzten zwei Jahren enorm an Bedeutung gewonnen.<br />
In der Pre-Stuxnet-Ära war IT-<strong>Security</strong> bei dem<br />
Großteil unserer Kunden hauptsächlich in der Office-<br />
Welt ein Thema. Im Vordergrund stand dort ganz klar die<br />
Datensicherheit. Seit Stuxnet wissen wir, dass auch industrielle<br />
Automatisierungsnetze Ziel von Angriffen sein<br />
können. Aus unserer Sicht sind noch viele Anlagen unzureichend<br />
geschützt. Viel zu oft wird den potenziellen<br />
Bedrohungen auf Anwenderseite nicht die notwendige<br />
Aufmerksamkeit gewidmet. Wir spüren aber ganz klar,<br />
dass dieses Thema für Anwender und Hersteller immer<br />
wichtiger wird.<br />
<strong>atp</strong>: Worüber reden wir, wenn wir heute von Industrial <strong>Security</strong><br />
in der Prozess- oder Fertigungsautomatisierung<br />
sprechen – wie lautet Ihre Definition?<br />
ECKARD EBERLE: Industrial <strong>Security</strong> in der Prozess- oder<br />
Fertigungsautomatisierung umfasst alle – einschließlich<br />
datentechnischer – Maßnahmen, die Manipulation von Abläufen<br />
in Prozessen der Industrie und Infrastruktur sowie<br />
den Verlust des geistigen Eigentums verhindern sowie<br />
Schäden an Umwelt, Reputation und Finanzen vermeiden<br />
helfen sollen. Dabei kann niemand 100-prozentige Sicherheit<br />
garantieren. Industrial <strong>Security</strong> muss als Prozess gelebt<br />
und als <strong>Management</strong>-Aufgabe verstanden werden.<br />
<strong>atp</strong>: Wo liegen die größten Herausforderungen?<br />
ECKARD EBERLE: Industrieanlagenbetreiber wurden 2010<br />
vom Stuxnet-Angriff überrascht. Die wenigsten Anlagenbetreiber<br />
hatten es bis zu diesem Zeitpunkt für möglich<br />
gehalten, dass industrielle Anlagen durch gezielte Angriffe<br />
über Datennetze attackiert werden. Noch ist es eine große<br />
Herausforderung, dafür ein Bewusstsein zu schaffen und<br />
die Notwendigkeit von Schutzmechanismen überall zu verankern.<br />
Denn oft geschieht solch ein Angriff unbemerkt und<br />
das konkrete Schadensausmaß ist nicht direkt erkennbar.<br />
<strong>atp</strong>: Geht es eher um Hardware, um Software oder um die<br />
Psychologie der Anwender?<br />
ECKARD EBERLE: Es geht um alle drei Faktoren. Industrial<br />
<strong>Security</strong> darf nicht mit einem Produkt oder gar einem<br />
Tool verwechselt werden, das einfach per Katalog gekauft<br />
werden kann. Genauso wenig reichen umfangreiche Listen<br />
von Vorschriften aus, die für sich genommen zwar alle richtig<br />
und gut sind, aber erst dann wirken, wenn diese auch<br />
gelebt werden.<br />
<strong>atp</strong>: Können Sie dafür ein Beispiel nennen?<br />
ECKARD EBERLE: Ein hochentwickeltes Sicherheitskonzept<br />
ist machtlos, wenn ein Mitarbeiter einen USB-Stick<br />
am Netz anschließt und dieses infiziert. In einem solchen<br />
Fall können Hard- und Software-Mechanismen die Ausbreitung<br />
eines etwaigen Virus zwar eindämmen, aber<br />
nicht verhindern. Nur eine umfassende <strong>Security</strong>-Strategie<br />
hilft, präventiv Angriffen entgegen zu wirken. Hier<br />
stehen Richtlinien und Schulungen der Mitarbeiter an<br />
erster Stelle. Dieses Vorgehen ist sehr effizient, und es<br />
lässt sich schon viel mit geregelten Prozessen und<br />
Richtlinien erreichen.<br />
<strong>atp</strong>: Existiert bereits eine allgemein anerkannte und verbindliche<br />
Definition der Schutzziele?<br />
ECKARD EBERLE: Sicherlich gibt es allgemeine Schutzziele<br />
wie in der ISA 99 beschrieben oder allgemein die Verhinderung<br />
von Umweltschäden und der Gefahr für Leib und<br />
Leben oder des Verlusts von geistigem Eigentum. Doch im<br />
Kern muss man sich darum bemühen, dass kein unkontrollierter<br />
Zugriff auf Anlagen und Produktionsprozesse<br />
möglich ist. Gerade in diesem Bereich haben wir in den<br />
letzten Jahren im Bereich Safety-Automatisierung viele<br />
Erfahrungen gemacht, die wir auf den <strong>Security</strong>-Bereich<br />
übertragen können.<br />
<strong>atp</strong>: Immer komplexere Produkte und Produktionskonstellationen<br />
erfordern eine immer weiter gehende Vernetzung<br />
mit immer neuen Schnittstellen, die wiederum<br />
potenzielle Einfallstore für Angreifer sind. Wie lässt sich<br />
diese Gefahr bannen?<br />
ECKARD EBERLE: Diese Gefahren lassen sich durch <strong>Security</strong>-Strategien<br />
reduzieren. Das fängt bei der Systemhärtung<br />
an, wobei zum Beispiel ungenutzte USB-Ports<br />
abgeschaltet werden oder LAN-Anschlüsse hardwareseitig<br />
blockiert werden. Dies führt weiter über eine konsequente<br />
Umsetzung von Sicherheitsmaßnahmen, etwa der<br />
Netzwerksegmentierung und dem Aufbau sicherer Auto-<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
27
interview<br />
matisierungszellen, hin zu Einzelmaßnahmen wie Anti-<br />
Virus-Programmen und Whitelisting-Software auf PCbasierten<br />
Systemen oder auch zu definierten <strong>Security</strong>-<br />
Richtlinien für die Mitarbeiter. Die Hersteller sind natürlich<br />
angehalten, immer effizientere Sicherheitsfunktionen in<br />
ihren Produkten zu integrieren. Wir arbeiten stetig an der<br />
kontinuierlichen Verbesserung unserer Produkte im Bereich<br />
der Industrial <strong>Security</strong>.<br />
<strong>atp</strong>: Eine absolute Abschottung scheint oft unmöglich; zwischen<br />
der Produktion und der Außenwelt kann man zwar<br />
Schleusen aufbauen – aber irgendwann muss doch ein<br />
Mitarbeiter mit Laptop oder Datenträger Kontakt zur Produktionssteuerung<br />
aufbauen. Wie lässt sich ausschließen,<br />
dass auf diesem Weg Angriffe erfolgen?<br />
ECKARD EBERLE: Es gibt Verfahren, um Systeme zu härten<br />
und somit dieser Art von Angriffen zu begegnen. So<br />
lässt sich zum Beispiel die Kommunikation zwischen HMI/<br />
Steuerung und Engineering-Station mit einem Passwort<br />
absichern. Ebenso lassen sich die Bausteine im PLC-Programm<br />
vor unautorisiertem Zugriff schützen. Will ein<br />
Service-Mitarbeiter aus der Ferne auf die Anlage zugreifen,<br />
steht ein sicherer VPN-Tunnel einschließlich Passwortabfrage<br />
bereit.<br />
Wenn ein Mitarbeiter – etwa in einem Servicefall – per<br />
Laptop oder Datenträger an die Anlage muss, sollte gewährleistet<br />
sein, dass sowohl auf PC-Systemen wie auch<br />
auf Servicegeräten ein entsprechender Virenschutz vorhanden<br />
ist.<br />
<strong>atp</strong>: Zunehmend werden unternehmensweite Systeme wie<br />
ERP mit der Produktionsebene vernetzt. Wie lässt sich das<br />
unter <strong>Security</strong>-Aspekten verantworten?<br />
ECKARD EBERLE: Systeme wie ERP oder DCS lassen sich<br />
einfach in ein Sicherheitskonzept integrieren. Gerade bei<br />
ERP-Systemen kann man auf das breite Angebot der IT-<br />
Sicherheit zurückgreifen und auf Basis Front und Back<br />
Firewall mit einer DMZ (demilitarised Zone) für umfassenden<br />
Schutz sorgen. Die einzelnen Zonen des Netzwerkes<br />
können auf diese Weise voneinander getrennt werden,<br />
was die Sicherheit wesentlich erhöht.<br />
<strong>atp</strong>: Auch unter dem Dach der digitalen Fabrik soll eine<br />
zunehmende Vernetzung und Datendurchgängigkeit realisiert<br />
werden – lässt sich das sicherheitstechnisch beherrschen?<br />
ECKARD EBERLE: Die Beherrschung der digitalen Fabrik<br />
unter Sicherheitsgesichtspunkten ist machbar, wie wir<br />
beispielhaft in unserem Werk in Amberg zeigen. Es wird<br />
sicher noch einige Jahre in Anspruch nehmen, bis dieser<br />
visionäre Ansatz flächendeckend anzutreffen ist. Wir untersuchen<br />
dort das Zusammenspiel von digitalem Engineering<br />
und Produktion seit einiger Zeit sehr erfolgreich.<br />
Sicherheitstechnisch lässt sich ein hochkomplexes Gebilde<br />
nur durch konsequente Umsetzung von übergreifenden<br />
<strong>Security</strong>-Maßnahmen beherrschen. Das heißt: Hersteller<br />
und Anwender müssen effizient zusammenarbeiten. Gerade<br />
auf Anwenderseite ist eine Kooperation von IT und<br />
Automatisierung sehr wichtig.<br />
<strong>atp</strong>: Schaffen der Einsatz von Wireless-Technologien und<br />
von immer mehr mobilen Endgeräten neue Risiken?<br />
ECKARD EBERLE: Wir empfehlen unseren Kunden, auf<br />
industriell erprobte Lösungen zurück zugreifen, wenn eine<br />
mobile Lösung gewünscht ist. Diese lassen etwa die Bedienung<br />
einer Maschine nicht zu, wenn sich das Endgerät<br />
außerhalb des definierten Bedienbereichs befindet. Wireless-Technologien<br />
an sich bieten eine ausreichende Sicherheit,<br />
da aktuelle Verschlüsselungsmechanismen nutzbar<br />
sind.<br />
<strong>atp</strong>: Wer ist für ausreichende IT-<strong>Security</strong> verantwortlich:<br />
der Hersteller oder der Anwender?<br />
ECKARD EBERLE: Für eine ausreichende Sicherheit<br />
können nur beide Parteien gemeinsam sorgen. Auf der<br />
einen Seite steht der Hersteller, der mit seinen Produkten<br />
die Grundlage für die Umsetzung einer konsequenten<br />
Sicherheitsstrategie schafft. Auf der anderen<br />
Seite steht der Anwender, der durch den konsequenten<br />
Einsatz der Produkte sowie ihrer Sicherheitsfunktionen<br />
und die Umsetzung von Sicherheitsrichtlinien ein umfassendes<br />
Konzept erstellen kann. Eine 100-prozentige<br />
Sicherheit ist allerdings nicht realisierbar. Sicherheit ist<br />
ein Prozess, der, einmal eingeführt, einer kontinuierlichen<br />
Überwachung und Erneuerung bedarf. Wir helfen<br />
unseren Kunden dabei mit Dienstleistungen im <strong>Security</strong>-<br />
Umfeld wie dem <strong>Security</strong> Assessment, um Sicherheitsrisiken<br />
und Strategien zusammen mit dem Kunden zu<br />
definieren und zu implementieren.<br />
<strong>atp</strong>: Welche <strong>Management</strong>ebene beim Anwender sollte aus<br />
Sicht eines Herstellers das Thema IT-<strong>Security</strong> verantworten,<br />
um die besten Erfolge zu erzielen?<br />
ECKARD EBERLE: Nach unserer Auffassung liegt die<br />
Aufgabe, für das Bewusstsein des Themas Industrial<br />
<strong>Security</strong> in einem Unternehmen zu sorgen, in der obersten<br />
<strong>Management</strong>ebene. Die Erfahrung zeigt, dass sich<br />
IT-Abteilung und Automatisierungsabteilung im Bereich<br />
<strong>Security</strong> nicht immer einig sind. Bei IT-<strong>Security</strong> innerhalb<br />
der Prozess- und Fertigungsindustrie gelten verschärfte<br />
Anforderungen an die jeweilige Lösung. Während<br />
in der Office-IT-<strong>Security</strong> die Datensicherheit im<br />
Vordergrund steht, besitzt in der Industrial <strong>Security</strong> die<br />
Verfügbarkeit der Anlage die höchste Priorität. Es ist<br />
Aufgabe des oberen <strong>Management</strong>s, diese Differenzen im<br />
Vorfeld auszuräumen.<br />
<strong>atp</strong>: Wie verhalten sich funktionale Sicherheit und IT-<strong>Security</strong><br />
zu einander: ergänzen sie sich, bedingen sie sich,<br />
behindern sie sich ...?<br />
ECKARD EBERLE: Ganz klar: Funktionale Sicherheit und<br />
IT-<strong>Security</strong> ergänzen sich. IT-<strong>Security</strong> schützt gegen Cyber-Angriffe<br />
auf das Automatisierungssystem. Funktionale<br />
Sicherheit kann hier bis zu einem gewissen Maße auch<br />
hilfreich sein, dient aber in erster Linie zur Absicherung<br />
gegen zufällige Fehler im System.<br />
<strong>atp</strong>: Es existiert ein „Dschungel“ domänenspezifischer<br />
Standards für IT-<strong>Security</strong> in der Automatisierung.<br />
28<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
Reichen diese aus? Sind es zu viele? Besteht Harmonisierungsbedarf?<br />
ECKARD EBERLE: Aus heutiger Sicht existieren noch viele<br />
verschiedene Standards. Bislang gibt es noch keine international<br />
gültige Norm. Daher versuchen Hersteller zusammen<br />
mit unabhängigen Partnern, wie den CERT-Organisationen,<br />
deren Entwicklung und Harmonisierung weiter<br />
voran zu treiben.<br />
<strong>atp</strong>: Standardisierung erlaubt einerseits, Systeme mit höherer<br />
Sicherheit zu entwickeln, weil mehr Unternehmen<br />
„Sicherheit ist<br />
ein Prozess, der,<br />
einmal eingeführt,<br />
einer kontinuierlichen<br />
Überwachung<br />
und Erneuerung<br />
bedarf“, hebt Eckard<br />
Eberle hervor.<br />
Know-how einbringen. Das erhöht zwar den Aufwand für<br />
potenzielle Angreifer – aber wenn ein Angreifer die Systeme<br />
„geknackt“ hat, gewinnt er direkt Zugang zu allen Unternehmen,<br />
die diese Technologie einsetzen. Schafft die<br />
Standardisierung also größere Sicherheit oder größere<br />
Gefahren?<br />
ECKARD EBERLE: Gemeinsam mit den Anwendern haben<br />
die Hersteller von Automatisierungsprodukten die Offenheit<br />
ihrer Systeme vorangetrieben. Dies war auch immer<br />
wieder von den Anwendern gefordert worden, um mit<br />
offenen Systemen Produktivität zu erhöhen. Standard-<br />
Technologien aus der Bürowelt, wie Microsoft-Technologien,<br />
Internet-Kommunikation oder Ethernet-Kommunikationsnetze,<br />
haben daher Einzug in die automatisierte<br />
Industrieproduktion und Infrastruktur gehalten. Durch<br />
eine steigende Vernetzung ist die Anzahl der Schnittstellen<br />
gewachsen, die potenzielle Angriffspunkte bieten.<br />
Anwender und Hersteller müssen nun gemeinsam dafür<br />
Sorge tragen, dass daraus kein Schaden entsteht.<br />
<strong>atp</strong>: Kann die <strong>Security</strong> in der Automatisierung von den Sicherheitsbemühungen<br />
der nichtindustriellen IT profitieren?<br />
ECKARD EBERLE: Bei der Standardisierung von IT-Komponenten<br />
spielen auch die Sicherheitsexperten, die sich<br />
zunehmend dem Industrieautomatisierungsumfeld widmen,<br />
eine nicht zu unterschätzende Rolle. Meist aus dem<br />
IT-Umfeld stammend, tragen sie mit ihren Analysen dazu<br />
bei, dass die Automatisierungshersteller ihre Produkte<br />
hinsichtlich IT-Verwundbarkeiten optimieren<br />
können. Für Siemens ist das<br />
Thema wichtig und wir nehmen die Hinweise<br />
dieser Experten sehr ernst. Wir<br />
veröffentlichen regelmäßig Updates<br />
und arbeiten stetig an der kontinuierlichen<br />
Verbesserung unserer Produkte<br />
in diesem Bereich.<br />
<strong>atp</strong>: Was erwarten Sie von Microsoft<br />
mit Blick auf IT-<strong>Security</strong>? Wird<br />
dieses Betriebssystem angesichts<br />
der Bedrohungen auch künftig<br />
eine Rolle in der Automatisierung<br />
spielen?<br />
ECKARD EBERLE: Microsoft hat<br />
gerade in den letzten Jahren<br />
einiges im Bereich <strong>Security</strong><br />
geleistet. Wir sehen Microsoft<br />
auch in Zukunft als starken<br />
Partner in der Automatisierung.<br />
Die Erfahrung zeigt, dass<br />
eine kooperative Partnerschaft<br />
auf diesem Gebiet Früchte trägt.<br />
Die Fragen stellten Leon Urbas<br />
und Gerd Scholz<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
29
Praxis<br />
Public Key Infrastructure schließt die Schutzlücke<br />
und gewährleistet eine sichere Kommunikation<br />
Hardwaremodule und Herstellerzertifikate verhindern zudem Produktpiraterie<br />
Automatisierungstechnische Systeme besitzen meist keine<br />
inhärenten sicherheitsrelevanten Eigenschaften. Der<br />
Einsatz einer Public Key Infrastructure (PKI) schafft die<br />
Grundlage für den Aufbau von sicheren Kommunikationsverbindungen.<br />
Bei einer Verwendung von Hardwaremodulen<br />
(TPM) und Herstellerzertifikaten kann darüber hinaus<br />
ein Schutz vor Produktpiraterie ermöglicht werden.<br />
In der Automatisierungstechnik werden zunehmend<br />
IT-Standardtechnologien aus der Welt der Office IT eingesetzt.<br />
Dies gilt insbesondere für die Nutzung von<br />
Ethernet und der vom Internet bekannten auf TCP/IP<br />
basierenden Protokolle. Daraus ergeben sich einerseits<br />
zahlreiche Vorteile. Es werden aber auch Bedrohungen<br />
hinsichtlich der IT-Sicherheit relevant.<br />
Einige Beispiele für fehlende sicherheitsrelevante Eigenschaften<br />
in automatisierungstechnischen Systemen<br />
sind:<br />
Auf Feldbus-Ebene besitzen die Kommunikationsprotokolle<br />
keine integrierten Schutzmechanismen.<br />
Teilnehmer und Daten werden nicht authentifiziert,<br />
sodass im Rahmen eines möglichen Angriffs Systeme<br />
auf Feldebene beliebig erweitert und beliebige Nachrichten<br />
eingespielt werden können.<br />
Die Konfiguration und Bedienung von Automatisierungssystemen<br />
setzt in der Regel keine Authentifizierung<br />
voraus, sodass beispielsweise keine Überprüfung<br />
von Berechtigungen zum Starten/Stoppen<br />
von SPS-Programmen möglich ist.<br />
Eine Übertragung von SPS-Programmen findet in der<br />
Regel ohne Verwendung von Sicherheitsmaßnahmen<br />
(Nutzerauthentifizierung, Verschlüsselung) statt.<br />
Um einen gewissen Schutz zu erreichen, sehen bestehende<br />
Richtlinien wie die „Profinet <strong>Security</strong> Guideline“ eine<br />
Segmentierung von Automatisierungsnetzen in Teilnetze<br />
und die Absicherung dieser Teilnetze mit sogenannten<br />
<strong>Security</strong>-Gateways (SG) vor. Die Kommunikation in den<br />
Teilnetzen selber ist bei einem solchen Konzept allerdings<br />
weiterhin ungeschützt. Außerdem erfordern Anschaffung,<br />
Integration und Wartung von <strong>Security</strong> Gateways<br />
einen erheblichen Aufwand.<br />
PKI-LÖSUNG LÄSST SICH FLEXIBEL INTEGRIEREN<br />
Um umfassende IT-Sicherheitslösungen flexibel in<br />
Automatisierungsnetze integrieren zu können, bietet<br />
sich die Etablierung einer geeigneten Public Key Infrastructure<br />
(PKI) an. Eine entsprechende PKI-Lösung<br />
wird derzeit im Rahmen des aktuell laufenden<br />
FuE-Projekts „SEC_PRO – Sichere Produktion mit<br />
verteilten Automatisierungssystemen“ prototypisch<br />
umgesetzt. Weitere hiermit zusammenhängende Themen,<br />
die im Rahmen von SEC_PRO untersucht werden,<br />
sind:<br />
Einsatz von hardwareunterstützten Schutzmaßnahmen<br />
(Smartcard, TPM) im Bereich der Automatisierungstechnik,<br />
auch zum Schutz gegen Produktpiraterie,<br />
Konfigurationsstation<br />
Geräte-Hersteller<br />
Root-Zertifikat (CA-Zertifikat)<br />
Bedienstation<br />
IO-Controller<br />
Teilnehmerzertifikate<br />
(CA-Zertifikat)<br />
IO-Device<br />
Teilnehmerzertifikate<br />
IO-Device<br />
Bild 1: Durch die Zertifizierung von Signaturschlüsseln,<br />
können auch mehrstufige PKIs mit<br />
einer hierarchisch organisierten CA-Struktur<br />
realisiert werden.<br />
Bild 2: Teilnehmer einer PKI am Beispiel von Profinet IO.<br />
Neben IO-Controller, IO-Devices sowie Bedien- und Konfigurationsstationen<br />
und deren Nutzern sind auch Gerätehersteller zu<br />
berücksichtigen, da sie Geräte bereits bei der Produktion mit<br />
Schlüsseldaten und entsprechenden Zertifikaten ausstatten können.<br />
Bilder: Hochschule Ostwestfalen-Lippe<br />
30<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
Herausforderung<br />
Automatisierungstechnik<br />
Maßnahmen zum verbesserten Schutz der Automatisierungsanlagen<br />
durch die Sicherstellung der Authentizität<br />
der Nutzdatenübertragung und eine Analyse<br />
des Echtzeitverhaltens derartig geschützter<br />
Netzwerke unter realen Bedingungen,<br />
Handhabbarkeit und Akzeptanz von PKI-Lösungen<br />
in der Automatisierungstechnik.<br />
INTEGRITÄT UND AUTHENTIZITÄT ALS BASIS<br />
Zum Aufbau sicherer Kommunikationsbeziehungen<br />
ist es erforderlich, dass der Empfänger einer Nachricht<br />
überprüfen kann, ob die Nachricht unverändert (Integrität)<br />
von einem bestimmten Teilnehmer (Authentizität)<br />
gesendet wurde. Ist dies möglich, so können<br />
hierauf aufbauend weitere Mechanismen realisiert<br />
werden, wie beispielsweise eine teilnehmerspezifische<br />
Rechteverwaltung (Access Control) oder ein Austausch<br />
von Sitzungsschlüsseln, die zur Absicherung der zwischen<br />
zwei Teilnehmern ausgetauschten Nutzdaten<br />
zum Einsatz kommen.<br />
Integrität und Authentizität von Nachrichten können<br />
durch Einsatz digitaler Signaturverfahren sichergestellt<br />
werden. Bei einem solchen Verfahren besitzt der<br />
Sender ein Schlüsselpaar, bestehend aus einem privaten<br />
Schlüssel (private key) und einem zugehörigen öffentlichen<br />
Schlüssel (public key). Mit dem privaten<br />
Schlüssel kann sein Besitzer Signaturen für beliebige<br />
digitale Daten erzeugen. Die Signaturen können anschließend<br />
mithilfe des öffentlichen Schlüssels verifiziert<br />
werden. Zur Überprüfung von Integrität und Authentizität<br />
muss der entsprechende öffentliche Schlüssel<br />
also bekannt sein. Damit nun ein Teilnehmer nicht<br />
von allen anderen Teilnehmern die öffentlichen<br />
Schlüssel vorab sicher speichern muss, werden Public<br />
Key Infrastrukturen (PKI) genutzt.<br />
Im Rahmen einer PKI werden Zertifikate verwendet,<br />
die einen öffentlichen Schlüssel durch eine Signatur<br />
an eine Teilnehmeridentität binden. Die Zertifikate werden<br />
hierbei von einer für alle Teilnehmer vertrauenswürdigen,<br />
übergeordneten Stelle (Certification Authority<br />
(CA)) signiert, sodass letztendlich jeder Teilnehmer<br />
nur den öffentlichen CA-Schlüssel sicher speichern<br />
muss, um die Authentizität eines beliebigen in einem<br />
Zertifikat übermittelten öffentlichen Teilnehmerschlüssels<br />
überprüfen zu können. Durch die Zertifizierung<br />
von Signaturschlüsseln, können auch mehrstufige PKIs<br />
mit einer hierarchisch organisierten CA-Struktur realisiert<br />
werden (siehe Bild 1).<br />
BINDUNG ZWISCHEN SCHLÜSSEL UND GERÄT<br />
Bild 2 zeigt am Beispiel von Profinet IO verschiedene<br />
Teilnehmer, die innerhalb einer PKI für die Automatisierungstechnik<br />
zu betrachten sind. Neben IO-Controller,<br />
IO-Devices sowie Bedien- und Konfigurationsstationen<br />
und deren Nutzern sind auch Gerätehersteller<br />
zu berücksichtigen, da sie Geräte bereits bei der<br />
Produktion mit Schlüsseldaten und entsprechenden<br />
Zertifikaten ausstatten können. Mit geeigneten Hard-<br />
Mit dem <strong>atp</strong>-award werden zwei Autoren der <strong>atp</strong> <strong>edition</strong> für<br />
hervorragende Beiträge ausgezeichnet. Ziel dieser Initiative<br />
ist es, Wissenschaftler und Praktiker der Automatisierungstechnik<br />
anzuregen, ihre Ergebnisse und Erfahrungen in Veröffentlichungen<br />
zu fassen und die Wissenstransparenz in der<br />
Automatisierungstechnik zu fördern. Teilnehmen kann jeder<br />
Autor der zum Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht älter als<br />
35 Jahre ist. Nach Veröffentlichung eines Beitrags ist der Autor,<br />
wenn er die Bedingung erfüllt, automatisch im Pool. Die<br />
Auswahl des Gewinners übernimmt die <strong>atp</strong>-Fachredaktion.<br />
Derjenige Autor, der im Autorenteam der jüngste ist, erhält<br />
stellvertretend für alle Autoren die Auszeichnung. Der Preis<br />
wird in zwei Kategorien ausgelobt: Industrie und Hochschule.<br />
Die Kategorien ermittlung ergibt sich aus der in dem Beitrag<br />
angegebenen Adresse des jüngsten Autors.<br />
Veröffentlichungen – Beitrag zum Wissenspool im<br />
Fachgebiet Automatisierungstechnik<br />
Die Entwicklung eines Wissensgebietes erfolgt durch einen<br />
kooperativen Prozess zwischen wissenschaftlicher Grundlagenforschung,<br />
Konzept- und Lösungsentwicklung und Anwendung<br />
in der Praxis. Ein solcher Prozess bedarf einer gemeinsamen<br />
Informationsplattform. Veröffentlichungen<br />
sind die essentielle Basis eines solchen Informationspools.<br />
Der <strong>atp</strong>-award fördert den wissenschaftlichen Austausch<br />
im dynamischen Feld der Automationstechnik. Nachwuchsinge<br />
nieure sollen gezielt ihre Forschungen präsentieren<br />
können und so leichter den Zugang zur Community erhalten.<br />
Der Preis ist mit einer Prämie von jeweils 2000€ dotiert.<br />
Die Auswahl erfolgt in zwei Stufen:<br />
Voraussetzung für die Teilnahme ist die Veröffentlichung<br />
des Beitrags in der <strong>atp</strong> <strong>edition</strong>. Jeder Aufsatz, der als Hauptbeitrag<br />
für die <strong>atp</strong> <strong>edition</strong> eingereicht wird, durchläuft das<br />
Peer-Review-Verfahren. Die letzte Entscheidung zur Veröffentlichung<br />
liegt beim Chefredakteur. Wird ein Beitrag veröffentlicht,<br />
kommt er automatisch in den Pool der <strong>atp</strong>-award-<br />
Bewerber, vorausgesetzt einer der Autoren ist zum Zeitpunkt<br />
der Veröffentlichung nicht älter als 35 Jahre. Ausgezeichnet<br />
wird der jüngste Autor stellvertretend für alle Autoren der<br />
Gruppe. Eine Jury aus Vertretern der <strong>atp</strong>-Fachredaktion<br />
und des -Beirats ermittelt schließlich den Gewinner in den<br />
jeweiligen Kategorien Hochschule und Industrie.<br />
Der Rechtsweg ist ausgeschlossen.<br />
Beiträge richten Sie bitte an:<br />
Oldenbourg Industrieverlag GmbH<br />
Herrn Prof. Leon Urbas<br />
Chefredakteur <strong>atp</strong> <strong>edition</strong> / automatisieren! by <strong>atp</strong><br />
Rosenheimer Straße 145 • 81761 München<br />
Tel. +49 (0) 89 45051 418 • E-Mail: urbas@oiv.de<br />
Beachten Sie die Autorenhinweise der <strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
für Hauptbeiträge unter folgendem Link:<br />
http://www.<strong>atp</strong>-online.de<br />
Bitte senden Sie Ihre Beiträge an: urbas@oiv.de
Praxis<br />
waremodulen (TPM) kann zusätzlich eine feste physikalische<br />
Bindung der privaten Schlüssel an die Geräte<br />
erreicht werden.<br />
Durch den Einsatz einer PKI in der Automatisierungstechnik<br />
ergeben sich folgende Vorteile:<br />
Eine sichere Authentifizierung aller Teilnehmer ist<br />
möglich.<br />
Auf Grundlage der Teilnehmerauthentifizierung ist<br />
eine feingranulare Rechteverwaltung (Access Control)<br />
möglich (beispielsweise rollen- oder gruppenbasiert).<br />
Mithilfe digitaler Signaturen können beliebige Teilnehmer<br />
Daten (etwa im Rahmen eines Schlüsselaustauschprotokolls,<br />
wie dem Diffie-Hellman-Protokoll)<br />
authentisch austauschen.<br />
Werden die Geräte schon vom Hersteller mit Schlüsseln<br />
und Zertifikaten einer herstellereigenen PKI<br />
ausgeliefert, ist eine eindeutige Authentifizierung<br />
dieser Geräte bei der ersten Inbetriebnahme möglich<br />
und eine initiale Konfiguration kann bereits über<br />
eine gesicherte Verbindung stattfinden.<br />
Werden darüber hinaus fest mit dem Gerät verbundene<br />
Hardwaremodule (etwa TPM) zur Generierung<br />
und sicheren Speicherung des privaten Teilnehmerschlüssels<br />
eingesetzt, so kann der Diebstahl (oder die<br />
Anfertigung einer Kopie) dieses Schlüssels sicher<br />
verhindert werden. Darüber hinaus kann diese feste<br />
Bindung des privaten Schlüssels an das individuelle<br />
Gerät als Grundlage für einen Schutz vor Produktpiraterie<br />
dienen.<br />
KOMPLEXITÄT VOM ANWENDER FERNHALTEN<br />
Eine besondere Herausforderung ist eine einfache Erstellung,<br />
Verwaltung und Verteilung der Schlüssel<br />
und Zertifikate durch den Anwender. Die Anwender<br />
einer Automatisierungslösung haben in aller Regel<br />
keine Kenntnisse über kryptographische Verfahren<br />
und PKI. Daher muss ein Konfigurationsprogramm<br />
diese Komplexität von dem Anwender fernhalten. Beispielsweise<br />
sollten schon verfügbare Konfigurationsprogramme<br />
um entsprechende PKI-Funktionalitäten<br />
erweitert werden, deren Nutzung von Anwendern<br />
keine PKI-spezifischen Detaileingaben bei der Konfiguration<br />
erfordern.<br />
Eine weitere Herausforderung bei einem Einsatz einer<br />
PKI in der Automatisierungstechnik stellt die Sperrung<br />
von Zertifikaten dar, da bestehende Lösungen zum Sperren<br />
von Zertifikaten auf zentrale Server aufbauen. Eine<br />
Sperrung eines Zertifikats ist beispielsweise nötig, wenn<br />
ein privater Schlüssel kompromittiert wurde oder ein<br />
Mitarbeiter ausgeschieden ist.<br />
Bei einer Realisierung einer PKI-Lösung für die Automatisierungstechnik<br />
ist schließlich zu beachten, dass in<br />
den eingesetzten Komponenten meist stark ressourcenbeschränkte<br />
eingebettete Systeme eingesetzt werden,<br />
sodass auf die Auswahl geeigneter kryptographischer<br />
Verfahren zu achten ist, die hinreichend effizient auf<br />
solchen Systemen implementierbar sind.<br />
FAZIT<br />
Durch den Einsatz einer PKI in der Automatisierungstechnik<br />
ist die Grundlage für den Aufbau von sicheren<br />
Kommunikationsverbindungen geschaffen. Bei einer Verwendung<br />
von Hardwaremodulen (TPM) und Herstellerzertifikaten<br />
kann darüber hinaus ein Schutz vor Produktpiraterie<br />
ermöglicht werden.<br />
Eine besondere Herausforderung stellt die Entwicklung<br />
einer einfachen und möglichst transparenten Konfigurations-<br />
und Verwaltungslösung für eine PKI zum<br />
Einsatz in der Automatisierungstechnik dar. Im Rahmen<br />
des laufenden FuE-Projekts SEC_PRO sollen anhand von<br />
Profinet IO die Einsatzmöglichkeiten einer PKI aufgezeigt<br />
und erprobt werden.<br />
Autoren<br />
M. Sc. Stefan Hausmann<br />
(geb. 1984) ist Wissenschaftlicher<br />
Mitarbeiter am inIT<br />
– Institut Industrial IT der<br />
Hochschule Ostwestfalen-<br />
Lippe. Sein Hauptarbeitsgebiet<br />
ist die IT-Sicherheit in<br />
der Automatisierungstechnik.<br />
inIT – Institut Industrial IT,<br />
Hochschule Ostwestfalen-Lippe,<br />
Fachbereich Elektrotechnik und Technische Informatik,<br />
Liebigstraße 87, D-32657 Lemgo,<br />
Tel. +49 (0) 5261 702 59 74,<br />
E-Mail: stefan.hausmann@hs-owl.de<br />
Prof. Dr. rer. nat. Stefan<br />
Heiss (geb. 1960) ist<br />
stellvertretender Institutsleiter<br />
des inIT – Institut<br />
Industrial IT der Hochschule<br />
Ostwestfalen-Lippe und<br />
vertritt die Lehrgebiete<br />
Mathematik und IT-Sicherheit.<br />
Seine Forschungsgebiete<br />
sind die Kryptographie und IT-Sicherheit<br />
in vernetzten Systemen.<br />
inIT – Institut Industrial IT,<br />
Hochschule Ostwestfalen-Lippe,<br />
Fachbereich Elektrotechnik und Technische Informatik,<br />
Liebigstraße 87, D-32657 Lemgo,<br />
Tel. +49 (0) 5261 70 25 39,<br />
E-Mail: stefan.heiss@hs-owl.de<br />
32<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
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hauptbeitrag<br />
<strong>Ganzheitliches</strong> <strong>anlagenweites</strong><br />
<strong>Security</strong> <strong>Management</strong><br />
Werkzeuge für die automatisierte Unterstützung<br />
Eine der wesentlichen Maßnahmen im Rahmen eines ganzheitlichen <strong>Security</strong> <strong>Management</strong>s<br />
ist die Erfassung von gemeldeten Ereignissen verschiedener Komponenten, die einen<br />
Angriff erkennen lassen. Eine übergeordnete Einheit sammelt alle Ereignisse und wertet<br />
sie aus, um aus Einzelereignissen oder einer Zusammensetzung mehrer Ereignisse zu erkennen,<br />
ob ein Angriff tatsächlich stattfindet und diesen an die geeignete Stelle zu melden.<br />
Diese Funktionalität wird als <strong>Security</strong> Event <strong>Management</strong> (SEM) bezeichnet. Eine weitere<br />
Funktionalität, Berichte zu erzeugen, um das Einhalten von Richtlinien nachzuweisen,<br />
wird als <strong>Security</strong> Information <strong>Management</strong> (SIM) bezeichnet. Vereint eine Einheit beide<br />
Funktionalitäten, so wird sie als <strong>Security</strong> Information und Event <strong>Management</strong> (SIEM)<br />
bezeichnet. Der Beitrag beschreibt Werkeuge für die automatisierte Unterstützung eines<br />
ganzheitlichen anlageweiten <strong>Security</strong> <strong>Management</strong>s, unter anderem ein Industrial SIEM.<br />
SCHLAGWÖRTER <strong>Security</strong> / <strong>Security</strong> <strong>Management</strong> / <strong>Security</strong> Information Event<br />
<strong>Management</strong> (SIEM) / Enterprise SIEM / Industrial SIEM<br />
IT security management for industrial plants –<br />
An automated support tool<br />
One of the key IT measures relating to security management is the monitoring of reports<br />
from various components which indicate an attack. This overall functionality is referred<br />
to as security event management (SEM). The generation of reports showing compliance<br />
with guidelines is known as security information management (SIM). If a unit combines<br />
both functionalities this is referred to as <strong>Security</strong> Information and Event <strong>Management</strong><br />
(SIEM). This article describes automated tools for an holistic plant security management.<br />
KEYWORDS <strong>Security</strong> / <strong>Security</strong> <strong>Management</strong> / <strong>Security</strong> Information Event <strong>Management</strong><br />
(SIEM) / Enterprise SIEM / Industrial SIEM<br />
34<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
Anna Palmin, Stefan Runde, Pierre Kobes, Siemens<br />
Einen wichtigen Bestandteil der Vorfeldentwicklungsarbeiten<br />
zum Thema <strong>Security</strong> bildet die<br />
Mitarbeit in nationalen und internationalen <strong>Security</strong>-Gremien<br />
wie zum Beispiel im GMA-Fachausschuss<br />
5.22, der DKE 931.1 und der ISA SP99.<br />
Das Ergebnis der Mitarbeit in diesen Gremien sind unter<br />
anderem die IEC 62443 [1] und die ISA-99 [2], welche zum<br />
Beispiel das Generieren sowie die Auswertung von Events,<br />
sogenannte Audit Events, fordern. Weiterhin fordert die<br />
Richtlinie NERC-CIP 007-3 [3] ein „<strong>Security</strong> Status Monitoring“.<br />
Auf Basis der in den Gremien definierten Standards<br />
und ausgehend von <strong>Security</strong>-relevanten Anwenderanforderungen<br />
[6] [7] bilden seit 2006 die Arbeiten hinsichtlich<br />
eines ganzheitlichen, anlagenweiten <strong>Security</strong><br />
<strong>Management</strong> – noch unabhängig von den oben genannten<br />
„Treibern“ des Themas „<strong>Security</strong>“ – einen wichtigen Bestandteil.<br />
Diese Arbeiten umfassen unter anderem die<br />
Konzeption und die Entwicklung von Werkzeugen für die<br />
automatisierte Unterstützung eines anlagenweiten <strong>Security</strong><br />
<strong>Management</strong>s, insbesondere von Werkzeugen für eine<br />
kontinuierliche Überwachung und eine optimale Anpassung<br />
des Schutzniveaus einer Anlage. Im Rahmen der<br />
Vorfeldarbeiten unter dem Titel <strong>Security</strong> Station sind das<br />
Konzept und der Prototyp eines Software-Werkzeugs für<br />
die automatisierte Unterstützung eines anlageweiten <strong>Security</strong><br />
<strong>Management</strong>s entwickelt worden. Der Prototyp<br />
wurde unter realitätsnahen Bedingungen in der Forschungsanlage<br />
Smart Automation evaluiert. Die entwickelte<br />
Expertise sowie die Erfahrungen aus den Arbeiten<br />
mit der <strong>Security</strong> Station fließen maßgeblich, neben den<br />
Anforderungen aus den Standards, in die Entwicklung<br />
des Konzepts eines Industrial SIEM.<br />
1. <strong>Security</strong> in der industriellen<br />
Automatisierung<br />
Diverse Vorteile bei der Realisierung moderner Automatisierungssysteme<br />
führen zum verstärkten Einsatz von IT-<br />
Technologien wie Ethernet und dem Internet Protocol (IP).<br />
Diese IT-Technologien lassen sich jedoch selten 1:1 in die<br />
Automatisierungswelt übernehmen. Der unbedachte Einsatz<br />
erhöht die Risiken, wie unberechtigte Eingriffe in die<br />
jeweiligen Automatisierungssysteme. Um diesen gestiegenen<br />
Risiken zu begegnen, beschäftigt sich die <strong>Security</strong><br />
Community im Wesentlichen mit zwei Aufgabenfeldern:<br />
1 | Bestrebungen in der <strong>Security</strong> Community führen zu<br />
neuen Regelwerken (zum Beispiel Normen, Richtlinien<br />
und gesetzlichen Bestimmungen), welche bei<br />
Einhaltung bestimmte Risiken ausschließen. Diese<br />
Regelwerke adressieren explizit die Automatisierungstechnik.<br />
Sie sind heute „Treiber“ für neue <strong>Security</strong>-Werkzeuge,<br />
welche die verschiedenen Maßnahmen<br />
und Technologien zum Schutz beinhalten.<br />
2 | Wie zahlreiche Veröffentlichungen, unter anderem<br />
[6], [7], belegen, ist es nicht möglich, die <strong>Security</strong>-<br />
Werkzeuge aus der IT-Welt ohne Anpassungen auf<br />
Systeme der Automatisierungstechnik zu übertragen.<br />
Die speziellen Anforderungen aus der Automatisierungstechnik,<br />
aus den Regelwerken wie auch unterschiedliche<br />
Anwenderanforderungen sind zwingend<br />
zu berücksichtigen. Die Mechanismen, Maßnahmen<br />
und Technologien aus der IT-Welt adressieren diese<br />
Anforderungen nicht explizit. Sowohl die Umsetzung<br />
von Anforderungen und Regelwerken als auch die<br />
Entwicklung der Werkzeuge sind unter anderem damit<br />
verbunden, dass bestimmte Aufgaben und Verantwortlichkeiten<br />
entstehen. Diese sollen zwischen<br />
Anlagenbetreibern, Integratoren, Herstellern und<br />
gegebenenfalls Verbänden und Normungsgremien<br />
klar verteilt werden. Ein guter Wegweiser für die Verteilung<br />
der Aufgaben und Verantwortlichkeiten ist in<br />
der Richtlinie VDI 2182 [8] beschrieben.<br />
Im Automatisierungsumfeld werden zunehmend spezielle<br />
Gesamtlösungen entwickelt und evaluiert [12], [13].<br />
Diese Lösungen erfüllen die oben genannten Anforderungen<br />
wie die Ansätze für Risikoanalysen, Berücksichtigung<br />
von funktionaler Sicherheit sowie neuen Sicherheitsstrategien.<br />
Essenziell wichtig sind ganzheitliche <strong>Security</strong>-<br />
Konzepte für die industrielle Automatisierung [11].<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
35
Hauptbeitrag<br />
Im folgenden Abschnitt wird das im Kontext der (Prozess-)Automatisierungstechnik<br />
stehende Software-Werkzeug<br />
<strong>Security</strong> Station vorgestellt, welches die beiden<br />
zuvor beschriebenen Punkte adressiert.<br />
2. <strong>Security</strong> Station<br />
2.1. Konzept<br />
Bild 1 zeigt die strukturelle Einordnung der <strong>Security</strong> Station<br />
in ein Prozessleitsystem (PLS). Die Operator Station<br />
sowie die <strong>Security</strong> Station können gemeinsam auf einem<br />
PC oder auf zwei separaten PCs laufen. Wichtig ist lediglich,<br />
dass das auf der Engineering Station vorhandene<br />
Projekt mit der jeweiligen anlagenspezifischen Hardwarekonfiguration<br />
nach jeder Aktualisierung automatisch<br />
auf die <strong>Security</strong> Station übertragen wird. Diese erstellt<br />
eine Abbildung für das <strong>Security</strong> <strong>Management</strong> und<br />
dessen Visualisierungssystem. Dabei ist das Visualisierungssystem<br />
entweder integraler Bestandteil der <strong>Security</strong><br />
Station oder einer entsprechenden Einheit (zum Beispiel<br />
Operator Station, Engineering Station) des PLS.<br />
Das Visualisierungssystem stellt die gesamte Hardware-Struktur<br />
des jeweiligen automatisierten technischen<br />
Systems mit ihren diagnosefähigen Komponenten<br />
hierarchisch dar. Zu diesen Komponenten zählen beispielsweise<br />
die Rechnersysteme, Controller, Netzwerkkomponenten<br />
und intelligente Feldgeräte.<br />
Das Konzept der <strong>Security</strong> Station basiert auf einer bereits<br />
vorhandenen Maintenance Station und sieht vor, die <strong>Security</strong><br />
Station und somit das <strong>Security</strong> <strong>Management</strong> in ein PLS<br />
zu integrieren und parallel zur Anlagenautomatisierung<br />
laufen zu lassen. So werden die vorhandenen Sichten (wie<br />
Betriebssicht, Maintenance-Sicht) um eine zusätzliche, integrierte<br />
<strong>Security</strong>-Sicht auf die Anlage ergänzt. Des Weiteren<br />
lässt sich das vorhandene Melde- und Archivierungssystem<br />
nutzen, um die <strong>Security</strong> Events zu verarbeiten.<br />
Durch die Integration sowie den parallelen Betrieb kann<br />
ein einmal eingestelltes optimales Schutzniveau über den<br />
gesamten Lebenszyklus einer Anlage sichergestellt werden,<br />
da die <strong>Security</strong> Station Änderungen im Schutzniveau zeitnah<br />
erkennt und meldet, sodass auf diese Änderungen sofort<br />
reagiert werden kann. Überdies kann das Schutzniveau in<br />
bestimmten Fällen durch die <strong>Security</strong> Station selbst (beispielsweise<br />
durch Aktivierung oder Deaktivierung entsprechender<br />
Schutzmechanismen) automatisch angepasst werden.<br />
Somit ist eine wichtige Voraussetzung für die Sicherstellung<br />
des bestimmungsgemäßen und insbesondere im<br />
Sinne von <strong>Security</strong> sicheren Betriebes der Anlage erstellt.<br />
Der Schutz der Anlage wird unter Verwendung unterschiedlicher<br />
<strong>Security</strong>-Mechanismen und -Maßnahmen realisiert.<br />
2.2 Prototypische Implementierung<br />
In der Tabelle 1 sind ausgewählte Funktionen aufgelistet,<br />
welche in der <strong>Security</strong> Station realisiert wurden.<br />
Der bestehende, auf Basis der Maintenance Station entwickelte<br />
Prototyp der <strong>Security</strong> Station kann Rechnersysteme,<br />
wie Operator Station, Controller, Netzwerkkomponenten,<br />
Feldgeräte mit integrierten <strong>Security</strong>-Mechanismen,<br />
sowie weitere Komponenten eines automatisierten<br />
technischen Systems überwachen. In Bild 2 wird der<br />
Startbildschirm der <strong>Security</strong> Station mit einzelnen Komponenten-Bildbausteinen<br />
und Symbolbildern dargestellt.<br />
2.3. Zwischenfazit<br />
Die Akzeptanz hinsichtlich der <strong>Security</strong> Station wurde bei<br />
zahlreichen Vorführungen abgefragt. Die hohe Akzeptanz<br />
resultierte vor allem aus der Gewährleistung einer komfortablen<br />
kontinuierlichen Überwachung aller <strong>Security</strong>-relevanten<br />
Ereignisse in einer Anlage sowie einer zeitnahen<br />
und angemessenen Reaktion auf diese Ereignisse. Die Diskussionen,<br />
zum Beispiel ob die <strong>Security</strong> Station generell auf<br />
einem separaten Rechner oder auf einem Rechner gemeinsam<br />
mit der Operator Station laufen sollte und somit der<br />
Operator (der in der Regel keine fundierten IT- beziehungsweise<br />
IT-<strong>Security</strong>-Kenntnisse hat) mit <strong>Security</strong>-relevanten<br />
Meldungen konfrontiert werden sollte, zeigten auf, dass<br />
ausgewählte Funktionen, je nach Anwendungsfall, unterschiedlich<br />
zu realisieren sind. Die Akzeptanz des Werkzeugs<br />
wurde dadurch nicht beeinträchtigt.<br />
Im Rahmen der langjährigen Arbeiten wuchs jedoch die<br />
Erkenntnis, dass der ursprünglich smarte Ansatz mit seinen<br />
Vorteilen, die <strong>Security</strong> Station basierend auf der Maintenance<br />
Station zu realisieren, sich als perspektivisch nachteilig<br />
erweist. Dafür gibt es vor allem drei Gründe:<br />
Bei der typischerweise kontinuierlichen Weiterentwicklung<br />
eines PLS ist ein integriertes Werkzeug wie<br />
die <strong>Security</strong> Station stets weiterzuentwickeln.<br />
Ein grundsätzlicher Wechsel im Konzept eines PLS<br />
zieht ein neues Konzept und Implementierungen in<br />
einem intergrierten Werkzeug wie der <strong>Security</strong> Station<br />
nach sich.<br />
Die Kompatibilität eines in ein spezifisches PLS integrierten<br />
Werkzeugs mit einem weiteren PLS ist nicht<br />
sichergestellt – der Einsatz in Anlagen mit mehr als<br />
einem PLS ist nur suboptimal realisierbar.<br />
Eine zweckmäßige Alternative zum integrierten Tool ist ein<br />
Werkzeug, welches unabhängig von spezifischen Produkten<br />
ist und klar definierte Schnittstellen besitzt. Somit ist es flexibel<br />
im Kontext von PLS und SCADA-Systemen (Supervisory<br />
Control und Data Acquisition) einsetzbar. Ferner ist es sinnvoll,<br />
bei der Erarbeitung eines neuen Konzeptes für ein <strong>Security</strong><br />
<strong>Management</strong> im Kontext der Automatisierungstechnik die<br />
Entwicklungen hinsichtlich von Enterprise SIEM (<strong>Security</strong><br />
Information-Event <strong>Management</strong>) in der IT zu berücksichtigen.<br />
Unter Berücksichtigung des im Enterprise-Bereich inzwischen<br />
etablierten Begriffes SIEM werden Werkzeuge,<br />
die ein <strong>Security</strong> Information Event <strong>Management</strong> in der<br />
industriellen Automatisierung realisieren und somit eine<br />
kontinuierliche Überwachung des Schutzniveaus einer<br />
Anlage ermöglichen, im Weiteren als Industrial SIEM bezeichnet.<br />
Im folgenden Abschnitt wird das Konzept eines<br />
Industrial SIEMs beschrieben [9].<br />
3. Industrial SIEM<br />
3.1 Enterprise SIEM versus Industrial SIEM<br />
Die überwiegende Anzahl angebotener SIEM ist für Enterprise-Netzwerke<br />
entwickelt worden. Sie erfordern somit<br />
36<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
Engineering<br />
station<br />
Projektierungsdaten,<br />
Hardwarestruktur<br />
<strong>Security</strong><br />
station<br />
Ethernet<br />
AS<br />
AS<br />
Firewall<br />
Profibus-DP<br />
Wireless HART<br />
Profibus-PA<br />
<strong>Security</strong>-Zelle<br />
Bild 1: Strukturelle Einordnung der <strong>Security</strong> Station<br />
im Kontext eines Prozessleitsystems<br />
Bild 2: Startbildschirm des bestehenden Prototyps<br />
der <strong>Security</strong> Station<br />
Funktion<br />
Fkt. 1<br />
Fkt. 2<br />
Fkt. 3<br />
Fkt. 4<br />
Fkt. 5<br />
Fkt. 6<br />
Beschreibung<br />
Nahtlose Integration in ein PLS und SCADA-System, das heißt jedes PLS-Projekt kann mit einer zusätz lichen<br />
<strong>Security</strong>-Sicht (analog zur Maintenance-Sicht) ergänzt werden.<br />
Automatische Generierung einer umfassenden integrierten <strong>Security</strong>-Sicht in der Hardware-Konfiguration des<br />
entsprechen PLS oder SCADA-Systems.<br />
Übersichtliche Visualisierung des <strong>Security</strong>-Zustands der eingebundenen Komponenten mit einheitlichen Symbolbildern.<br />
Jede Komponente stellt dabei ihre individuellen Funktionalitäten im Gesamtkonzept zur Verfügung.<br />
Erfassung, Auswertung und Archivierung von <strong>Security</strong> Events aller relevanten Komponenten unter Verwendung<br />
von Mechanismen des PLS und SCADA-Systems<br />
Einstellung des Soll- und Ist-Zustands der <strong>Security</strong>-relevanten Parameter (zum Beispiel Schutzstufen einer CPU).<br />
Erzeugung von <strong>Security</strong>-relevanten Meldungen (kategorisiert in „Alarm“, „Anforderung“ und „Bedarf“) im Falle<br />
eines erkannten unberechtigten Zugriffs oder bei einer identifizierten Abweichung des Ist-<strong>Security</strong>-Zustands einer<br />
Komponente von dem voreingestellten Soll-<strong>Security</strong>-Zustand.<br />
Tabelle 1: Funktionen der <strong>Security</strong> Station<br />
Funktion<br />
Beschreibung<br />
Funktion <strong>Security</strong> Station<br />
( in der Tabelle 1)<br />
Fkt. 7<br />
Erfassung, Auswertung und Archivierung von <strong>Security</strong> Events aller relevanten<br />
Komponenten<br />
Fkt. 4<br />
Fkt. 8 Senden von Alarmen und Meldungen an die Operator Station (bei Bedarf) Fkt. 6<br />
Fkt. 9 Senden von SMS oder E-Mails an zuständige Personen (bei Bedarf) nicht umgesetzt<br />
Fkt. 10 Generierung von Reports Fkt. 4<br />
Fkt. 11 Weiterleitung von erfassten <strong>Security</strong> Events an Enterprise SIEM (bei Bedarf). nicht vorgesehen<br />
Tabelle 2: Funktionen des Industrial SIEM<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
37
Hauptbeitrag<br />
die Normalisierung von eingehenden <strong>Security</strong>-relevanten<br />
Ereignissen, im Weiteren als <strong>Security</strong> Events bezeichnet.<br />
Beispiele dafür sind ein erkannter fehlgeschlagener Anmeldeversuch<br />
an einem PC (der im Windows Event Log<br />
erfasst wird) und ein erkannter unberechtigter Zugriff auf<br />
eine IP-Adresse, der durch eine Firewall abgewehrt und<br />
gegebenenfalls in eine Logdatei geschrieben wird. Die<br />
Normalisierung wird in der Regel als Abbildung von einzelnen<br />
Bestandteilen beziehungsweise Parametern der<br />
eingehenden Events auf die Datenstruktur des SIEM realisiert.<br />
Dies ist die Aufgabe der Konnektoren. Gängig sind<br />
vorgefertigte Konnektoren zur Integration von Syslogund/oder<br />
SNMP-fähigen Komponenten wie Switches,<br />
Firewalls und Routern sowie vorgefertigte Konnektoren<br />
zur Integration von Windows-Komponenten über die<br />
WMI-Schnittstelle, siehe zum Beispiel [14].<br />
Bei genauerer Betrachtung sind Enterprise SIEM im<br />
Umfeld der Automatisierungstechnik weniger geeignet.<br />
Folgende Punkte verdeutlichen dies:<br />
Im Enterprise-Umfeld erfassen SIEM nicht selten die<br />
<strong>Security</strong> Events einiger tausend Komponenten – hingegen<br />
ist die Anzahl dieser Komponenten in einem<br />
Automatisierungssystem deutlich geringer.<br />
Die Höhe des Datenaufkommens im Automatisierungsumfeld<br />
ist im ungestörten Fall deutlich genauer<br />
vorhersagbar.<br />
Die Enterprise SIEM werden typischerweise als Appliance<br />
(Hardware, die nur einem einzigen Zweck,<br />
in diesem Fall nämlich nur dem Firewall-Zweck<br />
dient) mit Linux-Betriebssystem verkauft, was gegebenenfalls<br />
eine Anpassung hinsichtlich eines Windows-Betriebssystems<br />
notwendig macht<br />
Die Enterprise SIEM sind sehr leistungsfähig und<br />
dementsprechend sehr teuer, was im Automatisierungsumfeld<br />
ein Ausschlusskriterium darstellt<br />
Des Weiteren reichen die zum Standardumfang eines<br />
Enterprise SIEM gehörenden Konnektoren erfahrungsgemäß<br />
nicht aus, um die herstellerspezifischen Automatisierungskomponenten<br />
einzubinden, die häufig proprietäre<br />
Transportwege zur Weiterleitung von <strong>Security</strong> Events verwenden.<br />
Die notwenige Anpassung erfordert einen hohen<br />
Aufwand, was sich wiederum in erhöhten Kosten für den<br />
Kunden der Automatisierungstechnik niederschlägt.<br />
3.2 Funktionen eines Industrial SIEM<br />
Ein Industrial SIEM besitzt klar definierte Schnittstellen<br />
zum verwendeten PLS und/oder SCADA-System und läuft<br />
auf einem separaten Rechner. Somit werden die zuvor<br />
genannten Defizite der <strong>Security</strong> Station vermieden. In der<br />
Tabelle 2 werden ausgewählte Funktionen eines Industrial<br />
SIEM aufgelistet und der Bezug zu den Funktionen<br />
der <strong>Security</strong> Station hergestellt.<br />
Für die Realisierung der Funktion 7 sind folgende Vorarbeiten<br />
notwendig:<br />
Spezifikation der in relevanten Komponenten zu erfassenden<br />
<strong>Security</strong> Events,<br />
Spezifikation der für die Übertragung der Events an<br />
das Industrial SIEM zu verwendenden Transportwege,<br />
Spezifikation eines einheitlichen Formats, in welchem<br />
alle erfassten <strong>Security</strong> Events durch das Industrial<br />
SIEM ausgewertet und archiviert werden sollen.<br />
Im Zusammenhang mit den Funktionen 7 und 8 ist zu<br />
beachten, dass zur Absicherung der Kommunikation zwischen<br />
allen relevanten Komponenten einer Anlage und<br />
dem Industrial SIEM gegen unberechtigte Zugriffe adäquate<br />
Vorkehrungen zu treffen sind. Dies gilt auch bezüglich<br />
der Kommunikation zwischen dem Industrial<br />
SIEM und der Operator Station. Beispielsweise kann je<br />
nach Anwendungsfall die Verwendung von bestimmten<br />
Schutzmechanismen erforderlich sein.<br />
Wie aus den Beschreibungen in Abschnitt 3 hervorgeht,<br />
sind die Schwerpunkte eines Industrial SIEM<br />
Referenzen<br />
[1] International Electrotechnical Commission: IEC 62443,<br />
Industrial communication networks – Network and system<br />
security<br />
[2] Industry Standard Architecture: ISA99.03.03, <strong>Security</strong> for<br />
industrial automation and control systems - System<br />
security requirements and security assurance levels, 2010<br />
[3] Standard CIP–007–3 — Cyber <strong>Security</strong> — Systems <strong>Security</strong><br />
<strong>Management</strong>, 2009<br />
[4] U.S. Department of Homeland <strong>Security</strong> and the Chemical<br />
Sector Coordinating Council: Roadmap to Secure Control<br />
Systems in the Chemical Sector, 2009. Verfügbar unter:<br />
http://www.uscert.gov/control_systems/pdf/ChemSec_<br />
Roadmap.pdf, zuletzt geprüft am 15.07.2011<br />
[5] WIB, Report M-2784-X-10,Process Sontrol Domain -<br />
<strong>Security</strong> Requirements for Vendors, Version 2.0,<br />
2010<br />
[6] NAMUR: IT-Sicherheit für Systeme der Automatisierungstechnik:<br />
Randbedingungen für Maßnahmen beim Einsatz in der<br />
Prozessindustrie, Arbeitsblatt NA 115, 2006<br />
[7] Lüders, S.: Anforderungen an die Cyber-Sicherheit von<br />
Kontrollsystemen, CERN, 2006<br />
[8] Siemens AG: Sicherheitskonzept PCS 7 und WinCC, Verfügbar<br />
unter: http://support.automation.siemens.com/WW/llisapi.dll?<br />
func=cslib.csinfo&lang=de&siteid=csius&aktprim=0&extranet=<br />
standard&viewreg=WW&objid=38616083&treeLang=de,<br />
zuletzt geprüft am 05.07.2011<br />
[9] Kobes, P.; Gummersbach, J.-L.; Palmin, A.; Talanis, T.; Schönmüller,<br />
B.: <strong>Security</strong> <strong>Management</strong> in der industriellen Automatisierung,<br />
In: Tagungsband der „Automation 2011“, Baden-Baden 2011<br />
[10] VDI/VDE GMA FA 5.22: Informationssicherheit in der industriellen<br />
Automatisierung – Allgemeines Vorgehensmodell,<br />
Richtlinie VDI/VDE 2182, Blatt 1, 2007<br />
38<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
andere als bei einem Enterprise SIEM. Letzteres sammelt<br />
die durch diverse Komponenten der Automatisierungsanlage<br />
erfassten <strong>Security</strong> Events und versendet<br />
selektiv Meldungen an die Operator Station. Dabei<br />
muss darauf geachtet werden, dass eine Meldung nur<br />
dann erzeugt wird, wenn der Operator auch tatsächlich<br />
eingreifen muss. Weitere wichtige Unterscheidungsmerkmale<br />
eines Industrial SIEM sind der geringe Konfigurationsaufwand,<br />
die einfache Bedienbarkeit sowie<br />
ein überschaubarer Wartungsaufwand. Das Verarbeiten<br />
einer möglichst hohen Anzahl Events pro Sekunde und<br />
die sehr leistungsfähige und komplexe Korrelationsfunktion<br />
sind eher zweitrangig.<br />
Durch die Realisierung der genannten Funktionen<br />
werden sowohl eine schnelle Reaktion auf kritische <strong>Security</strong><br />
Events als auch forensische Auswertungen aller<br />
erfassten <strong>Security</strong> Events ermöglicht und die Anforderung<br />
nach Rückverfolgbarkeit erfüllt.<br />
Bild 3 veranschaulicht die wesentlichen Funktionen<br />
eines Industrial SIEM.<br />
Die Referenzklasse für die<br />
Automatisierungstechnik<br />
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Hauptbeiträge werden im Peer-Review-Verfahren<br />
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Fazit<br />
Ausgehend von Normen und Richtlinien wird gefordert,<br />
die <strong>Security</strong> in automatisierten technischen Systemen<br />
der Industrie zu erhöhen. Diese Standards sind in Zusammenarbeit<br />
von Anlagenbetreibern, Integratoren und<br />
Herstellern entstanden und für alle Parteien hilfreich<br />
und verbindlich.<br />
Eine kontinuierliche Überwachung des <strong>Security</strong>-Zustands<br />
eines solchen Systems ist dazu notwendig. Die Basis<br />
dafür ist, dass alle Komponenten des Automatisierungssystems<br />
relevante <strong>Security</strong> Events detektieren und an eine<br />
Einheit melden. Diese übergeordnete Einheit sammelt die<br />
<strong>Security</strong> Events und wertet sie aus, um Berichte zu generieren<br />
sowie, im Bedarfsfall, Alarme und Meldungen an die<br />
Operator Station eines PLS oder eines SCADA-Systems zu<br />
senden. Käufliche, für den Einsatz im Enterprise-Umfeld<br />
[11] Kästner, J.; Palmin, A.: <strong>Ganzheitliches</strong> <strong>Security</strong>-Konzept<br />
für die industrielle Automatisierung, In: Tagungsband der<br />
„Automation 2008“, Baden-Baden, 2008<br />
[12] ARC Advisory Group: Risiko als Anstoß für verstärkte<br />
Investitionen in die Cybersicherheit von Industriesteuerungen,<br />
Whitepaper, 2011. Verfügbar unter:<br />
http://www.industry.siemens.com/topics/global/en/<br />
industrialsecurity/Documents/ARC-Siemens-Cyber<strong>Security</strong>-<br />
2011-v1_d.pdf, zuletzt geprüft am 15.07.2011<br />
[13] Siemens AG, Industrial <strong>Security</strong>, Webseite, 2011. Verfügbar<br />
unter: http://www.industry.siemens.com/topics/global/de/<br />
industrialsecurity/seiten/Default.aspx, zuletzt geprüft am<br />
15.07.2011<br />
[14] Schwenkler, T.: Sicheres Netzwerkmanagement: Konzepte,<br />
Protokolle, Tools, Springer-Verlag, Berlin Heidelberg, 2006<br />
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Oldenbourg Industrieverlag<br />
www.<strong>atp</strong>-online.de<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong> erscheint in der Oldenbourg Industrieverlag GmbH, Rosenheimer Str. 145, 81671 München
Hauptbeitrag<br />
Enterprise<br />
SIEM<br />
Verdichtete<br />
<strong>Security</strong><br />
Events<br />
<strong>Security</strong><br />
Log<br />
entwickelte, SIEM-Systeme eignen sich nicht für diese Aufgabe.<br />
Es müssen speziell für die Automatisierungstechnik<br />
angepasste SIEM-Systeme entwickelt werden.<br />
Die Bestrebungen, eine SIEM-Funktionalität für die Systeme<br />
der industriellen Automatisierung anzubieten, ist die<br />
Operator<br />
Station<br />
Alarme,<br />
Meldungen<br />
Industrial SIEM<br />
GUI<br />
Reporting<br />
Tool<br />
Correlation<br />
Engine<br />
E-Mails,<br />
SMS<br />
Reports<br />
Customer<br />
Connector<br />
Syslog<br />
Connector<br />
SNIP Trap<br />
Connector<br />
Bild 3: Ein möglicher Aufbau<br />
eines Industrial SIEM<br />
<strong>Security</strong> Events<br />
Firewall<br />
Switch<br />
SPS<br />
PC-Station<br />
Weitere Komponenten<br />
Antwort von Herstellern dieser Systeme auf neue Risiken<br />
– häufig ausgehend von verwendeten IT-Technologien – und<br />
entsprechenden Anforderungen der wichtigsten Standards.<br />
Ein ganzheitliches, <strong>anlagenweites</strong> <strong>Security</strong> <strong>Management</strong><br />
– wie der im Rahmen der Arbeiten zu einer <strong>Security</strong> Station<br />
angestrebte und im vorliegenden Beitrag dargestellte –<br />
beinhaltet zudem Funktionalitäten, welche weder ein<br />
Enterprise SIEM noch ein Industrial SIEM bereitstellt. Zu<br />
dieser Funktionalität zählt beispielsweise eine optimale<br />
und gegebenenfalls automatische Anpassung des Schutzniveaus<br />
eines automatisierten technischen Systems. Diese<br />
Anpassung kann beispielsweise durch Aktivierung beziehungsweise<br />
Deaktivierung von entsprechenden Diensten,<br />
Einstellungen und Schutzmechanismen beziehungsweise<br />
deren Konfiguration realisiert werden. Im Rahmen der<br />
Vielzahl perspektivisch noch anstehenden Aufgaben im<br />
Umfeld „<strong>Security</strong>“ sind unter anderem diese Funktionalitäten<br />
zu diskutieren.<br />
Manuskripteingang<br />
06.12.2011<br />
Danksagung<br />
Im Peer-Review-Verfahren begutachtet<br />
Die Autoren danken Karl-Heinz Kirchberg für die<br />
gemeinsame Entwicklung des Konzepts und des<br />
Prototyps der <strong>Security</strong> Station. Weiterhin danken die<br />
Autoren Thomas Talanis und Bernd Schoen mueller<br />
sowie allen anderen beteiligten Kollegen des Sektors<br />
Industry für die gemeinsame erfolgreiche Arbeit am<br />
Konzept eines Industrial SIEM.<br />
Autoren<br />
Dipl.-Math. Anna<br />
Palmin (geb. 1973)<br />
ist Entwicklungsingenieurin<br />
im<br />
Themenfeld<br />
„<strong>Security</strong> in der<br />
Prozessautomatisierung“<br />
in der<br />
Vorfeldentwicklung<br />
des Sektors Industry der Siemens AG in<br />
Karlsruhe. Sie hat Mathematik mit dem<br />
Schwerpunkt Kryptographie an der<br />
Justus-Liebig-Universität Gießen<br />
studiert. Ihre Hauptarbeitsgebiete sind<br />
<strong>Security</strong> <strong>Management</strong>, <strong>Security</strong> als<br />
Systemeigenschaft sowie praktische<br />
Evaluierung von <strong>Security</strong>-Konzepten<br />
und <strong>Security</strong>-Mechanismen.<br />
Siemens AG – I IA ATS 3 1,<br />
Östliche Rheinbrückenstraße 50,<br />
D-76187 Karlsruhe,<br />
Tel. +49 (0) 721 595 63 41,<br />
E-Mail: anna.palmin@siemens.com<br />
Dr.-Ing. Stefan<br />
Runde (geb. 1980) ist<br />
Projektleiter für das<br />
Thema "Future Architectures<br />
for Process<br />
Automation" bei<br />
Siemens. Nach der<br />
Ausbildung zum<br />
Energieelektroniker,<br />
studierte er Elektro- und Informationstechnik<br />
an der FH Hannover und promovierte an<br />
der Helmut-Schmidt-Universität Hamburg.<br />
Seine Forschungsinteressen sind Beschreibungsmittel,<br />
Methoden und Werkzeuge für<br />
verbesserte Engineering-Unterstützung und<br />
Architekturen von Automatisierungssystemen<br />
unter Berücksichtigung von Qualität,<br />
Effizienz und Einfachheit.<br />
Siemens AG – I IA ATS 3 1,<br />
Östliche Rheinbrückenstraße 50,<br />
D-76187 Karlsruhe,<br />
Tel. +49 (0) 721 595 79 77,<br />
E-Mail: stefan.runde@siemens.com<br />
Dr.-Ing.<br />
Pierre Kobes<br />
(geb. 1954) ist<br />
Principal<br />
Engineer für das<br />
Thema „lT<br />
<strong>Security</strong> in<br />
Automation“ bei<br />
der Siemens AG<br />
in Karlsruhe. Er ist diplomierter<br />
Ingenieur der École Nationale<br />
Supérieure de Physique de Strasbourg<br />
und promovierte an der<br />
Universität Strasbourg.<br />
Siemens AG – I IA ATS 3 SP,<br />
Östliche Rheinbrückenstraße 50,<br />
D-76187 Karlsruhe,<br />
Tel. +49 (0) 721 59584 33,<br />
E-Mail: pierre.kobes@siemens.com<br />
40<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
ISO 26000<br />
in der Praxis<br />
Der Ratgeber zum Leitfaden<br />
für soziale Verantwortung<br />
und Nachhaltigkeit<br />
Eine Norm zur Verbesserung der Welt?<br />
Nein, die ISO 26000 ist ein Leitfaden – nicht mehr, aber auch nicht weniger!<br />
Auch wenn die ISO 26000 kein zertifizierbarer <strong>Management</strong>system-Standard<br />
und die Anwendung freiwillig ist, wird ihre Tragweite für Unternehmen<br />
beträchtlich sein. Denn sie ist ein Leitfaden, der anhand von beispielhaften Verhaltensregeln<br />
(Best Practices) Orientierung gibt, wie sich Organisationen verhalten<br />
sollten, damit sie nach internationalem Verständnis als gesellschaftlich<br />
verantwortungsvoll angesehen werden. Er stimmt sowohl mit den Richtlinien<br />
der Vereinten Nationen UN als auch mit den Richtlinien der internationalen<br />
Arbeitsorganisation ILO überein. Im besonderen Fokus dieses höchst aktuellen<br />
Ratgebers steht das Wirtschaftsleben im Zeitalter der Globalisierung.<br />
Hrsg.: K.-C. Bay<br />
1. Auflage 2010, 228 Seiten, Hardcover<br />
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mit einer Gutschrift von € 3,- auf die erste Rechnung belohnt.<br />
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PLZ, Ort<br />
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Vulkan Verlag GmbH<br />
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Postfach 10 39 62<br />
45039 Essen<br />
Widerrufsrecht: Sie können Ihre Vertragserklärung innerhalb von zwei Wochen ohne Angabe von Gründen in<br />
Textform (z.B. Brief, Fax, E-Mail) oder durch Rücksendung der Sache widerrufen. Die Frist beginnt nach Erhalt<br />
dieser Belehrung in Textform. Zur Wahrung der Widerrufsfrist genügt die rechtzeitige Absendung des Widerrufs<br />
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Bevorzugte Zahlungsweise Bankabbuchung Rechnung<br />
Bank, Ort<br />
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Kontonummer<br />
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Datum, Unterschrift PAISO12010<br />
Nutzung personenbezogener Daten: Für die Auftragsabwicklung und zur Pflege der laufenden Kommunikation werden personenbezogene Daten erfasst und gespeichert. Mit dieser Anforderung erkläre ich mich damit einverstanden, dass ich vom<br />
Oldenbourg Industrieverlag oder vom Vulkan-Verlag per Post, per Telefon, per Telefax, per E-Mail, nicht über interessante, fachspezifische Medienund Informationsangebote informiert und beworben werde. Diese Erklärung kann<br />
ich mit Wirkung für die Zukunft jederzeit widerrufen.
hauptbeitrag<br />
Hardware-basierte<br />
Informationssicherheit<br />
Einsatz von <strong>Security</strong>-Token-Technologien<br />
Die Nutzung Ethernet-basierter Kommunikationssysteme in der Automatisierungstechnik<br />
erfordert zunehmend den Einsatz von IT-<strong>Security</strong>-Maßnahmen zum Schutz der Automatisierungsnetzwerke.<br />
Ausgehend von einer Darstellung der IT-<strong>Security</strong>-Schutzziele beschreibt<br />
dieser Beitrag Maßnahmen zur Erhöhung der Informationssicherheit von Automatisierungskomponenten<br />
beziehungsweise der Datenkommunikation, wobei hardwarebasierte<br />
Komponenten zur Informationssicherheit beitragen können.<br />
SCHLAGWÖRTER Informationssicherheit / Ethernet / Automatisierungsnetzwerk /<br />
<strong>Security</strong> Token<br />
Hardware-based IT security –<br />
<strong>Security</strong> Token Technologies in Automation<br />
The use of Ethernet-based communication systems in automation requires IT security<br />
measures to protect the automation networks. Based on the IT security objectives, methods<br />
are described to protect the automation components and communications infrastructure,<br />
including ways in which hardware-based components can be used to ensure security.<br />
KEYWORDS IT <strong>Security</strong> / Ethernet / Automation Network / <strong>Security</strong> Token<br />
42<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
Markus Runde, Karl-Heinz Niemann, Christopher Tebbe, Hochschule Hannover<br />
Der verstärkte Einsatz Ethernet-basierter Kommunikationssysteme<br />
in der Automatisierungstechnik<br />
erleichtert die vertikale Integration von der<br />
Feldebene bis zur Betriebsleitebene [1]. Eine Anbindung<br />
an das Internet ermöglicht darüber hinaus<br />
eine globale Vernetzung der Automatisierungskomponenten,<br />
zum Beispiel für Remote Services.<br />
Diese zunehmende Vernetzung führt zu einer Ausbreitung<br />
der IT-<strong>Security</strong>-Probleme aus der Bürowelt auf die Ebene der<br />
Automatisierung (beispielsweise Malware). Dadurch wächst<br />
der Bedarf an Maßnahmen zum Schutz der IT-<strong>Security</strong> von<br />
Automatisierungsanlagen. Inzwischen befassen sich Institutionen,<br />
wie IEC [2] und VDI/GMA [3], sowie Hersteller- und<br />
Anwendervereinigungen, wie die Profibus-Nutzerorganisation<br />
[4] und die ODVA [5], mit der Informationssicherheit in<br />
der Automatisierungstechnik. Maßgeblich werden hier Vorgaben<br />
zu einem Information <strong>Security</strong>-<strong>Management</strong>-System<br />
(ISMS) [6] sowie technische, personelle und organisatorische<br />
Maßnahmen behandelt, die im Wesentlichen an allgemeine<br />
Informations-Sicherheitskonzepte angelehnt sind. Bild 1<br />
zeigt die Struktur einer Automatisierungsanlage, wobei diese<br />
Vorgaben berücksichtigt werden.<br />
Die Vorgaben beschreiben primär den Aufbau einer Automatisierungsanlage,<br />
bei der Teilnetze, zum Beispiel durch<br />
Firewalls, abgeschottet werden. Innerhalb dieser Teilnetze<br />
gilt die Kommunikation als abgesichert (Trusted Zones). In<br />
[7] wird jedoch beschrieben, dass es möglich ist, Datenströme<br />
innerhalb dieser Teilnetze zu verfälschen und somit die Steuerung<br />
und die Sicherheit der Anlage zu beeinflussen. Um<br />
diesen Einfluss einzugrenzen, sind Maßnahmen erforderlich,<br />
die den Schutz der Anlage verbessern. Als Ausgangspunkt<br />
dienen die Schutzziele der Informationssicherheit.<br />
Dieser Beitrag beschreibt einen komponentenbasierten<br />
Schutz der Kommunikationsinfrastruktur von auf Ethernet<br />
basierenden Automatisierungsnetzwerken, welcher im Rahmen<br />
des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung<br />
geförderten Projekts „Sichere Produktion in verteilten Automatisierungsanlagen<br />
(SEC_PRO)“ erarbeitet werden. Dabei<br />
verfolgt das Vorhaben den Einsatz von Hardware-basierten<br />
<strong>Security</strong>-Token-Technologien zur Wahrung der Informationssicherheit<br />
in automatisierungstechnischen Anlagen.<br />
1. Definition der IT-Schutzziele und MaSSnahmen<br />
Die Durchsetzung von Schutzzielen ist zur Erhaltung<br />
der IT-<strong>Security</strong> von datenhaltenden Systemen maßgeblich.<br />
Dabei ist es die Aufgabe der IT-<strong>Security</strong>-Maßnahmen,<br />
Beeinträchtigungen des Systems abzuwenden.<br />
Hieraus ergeben sich definierte IT-Schutzziele,<br />
die für Büro und Automatisierung gelten. Die Schutzziele<br />
folgen den allgemeinen in der IT-Sicherheit gültigen<br />
Vorgaben.<br />
Insbesondere die Verfügbarkeit, Vertraulichkeit und Integrität<br />
werden in Übereinstimmung mit den Ausführungen<br />
in [3] als grundlegende Schutzziele aufgeführt. Häufig<br />
wird diesen Schutzzielen in Anwendungen der Automatisierungstechnik<br />
eine andere Priorität zugeordnet als in<br />
der Bürowelt [2].<br />
1.1 Maßnahmen zur Erfüllung der Schutzziele<br />
Auch innerhalb von geschützten Bereichen ist ein Angriff<br />
auf Automatisierungskomponenten denkbar. Folglich ist<br />
die Einbindung der Automatisierungsgeräte selbst zur<br />
Wahrung der IT-Schutzziele sinnvoll. Dazu können kryptografische<br />
Maßnahmen angewendet werden, die bereits<br />
in der Standard-IT üblich sind [8]. Nachfolgend werden<br />
diese Maßnahmen erläutert [9] [10].<br />
Authentizität und Verbindlichkeit<br />
Die Authentizität von Netzwerkteilnehmern wird über<br />
den Austausch eindeutiger Identifikationsmerkmale sichergestellt.<br />
Bild 3 zeigt die Abfolge zur Authentifizierung<br />
zweier Teilnehmer.<br />
Die Nutzung der eindeutigen Identifikationsmerkmale<br />
ermöglicht darüber hinaus eine direkte Zuordnung von<br />
Vorgängen zu bestimmten Teilnehmern in einem Netzwerk.<br />
Hierdurch kann das Schutzziel der Nichtabstreitbarkeit<br />
erfüllt werden. Teil der Identifikationsmerkmale können<br />
zudem zusätzliche Daten enthalten, die der weiteren Absicherung<br />
der Kommunikation dienen. Ein Beispiel wäre der<br />
Austausch von Sitzungsschlüsseln.<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
43
Hauptbeitrag<br />
Bild 2: Grundlegende Schutzziele<br />
der Informationssicherheit [3]<br />
Verfügbarkeit<br />
Vertraulichkeit<br />
Integrität<br />
Nichtabstreitbarkeit<br />
Authentizität<br />
sonstige<br />
Schutzziele<br />
Bild 1: IT-<strong>Security</strong>-Maßnahmen in Automatisierungsnetzwerken<br />
Header Klartext Trailer<br />
Header Anfrage Idenfikaonsmerkmal T1 Trailer<br />
Erstellen einer<br />
Prüfsumme der Daten mit<br />
geheimen Schlüssel<br />
Prüfsumme<br />
Header Anfrage Idenfikaonsmerkmal T1 Trailer<br />
Header<br />
Klartext<br />
Verschlüsselte<br />
Prüfsumme<br />
Trailer<br />
Bild 3: Authentifizierungsvorgang<br />
Bild 5: Schutz der Integrität der Daten<br />
Header Klartext Trailer<br />
Header Klartext Trailer<br />
Verschlüsseln<br />
der Daten<br />
Header Klartext Trailer<br />
Header<br />
Verschlüsselter Text<br />
Trailer<br />
Bild 4: Ungesicherte Datenkommunikation<br />
Bild 6: Schutz der Vertraulichkeit der Daten<br />
Integrität und Vertraulichkeit<br />
Die Übertragung von Daten in einem Netzwerk erfolgt in<br />
der Regel im Klartext (Bild 4). Dies kann sinnvoll sein, da<br />
sich die Kommunikation im Wartungsfall mit einem Diagnosegerät<br />
analysieren lässt. Allerdings stellt die Datenübertragung<br />
im Klartext ein potenzielles Informationssicherheitsrisiko<br />
dar [7].<br />
Zum Schutz der Daten werden zwei Ansätze verfolgt,<br />
um die Integrität beziehungsweise die Vertraulichkeit der<br />
Daten zu erhalten [10].<br />
Schutz der Integrität: Um eine Datenintegrität zu erzielen,<br />
sind Prüfsummenverfahren zu verwenden, die Manipulationen<br />
an den übertragenen Informationen erkennbar<br />
machen (siehe Bild 5).<br />
Eine sichere Prüfsumme wird mit Hilfe eines gemeinsamen<br />
Geheimnisses erzeugt, dass der Empfänger und<br />
der Sender kennen. Dazu wird das Geheimnis (Schlüssel)<br />
während der Erzeugung der Prüfsumme so eingebunden,<br />
dass ein Berechnen der Prüfsumme durch einen Dritten,<br />
der nicht über den Schlüssel verfügt, unmöglich ist. Bei<br />
diesem Verfahren bleiben die Daten weiterhin lesbar<br />
(beispielsweise mit einem Netzwerkdiagnosewerkzeug<br />
wie Wireshark). Veränderungen an den Inhalten sind<br />
jedoch erkennbar.<br />
Schutz der Vertraulichkeit: Die Erhaltung der Vertraulichkeit<br />
der zu übertragenden Daten lässt sich durch eine<br />
Verschlüsselung erreichen, welche mit Hilfe eines gemeinsamen<br />
Geheimnisses durchgeführt wird (siehe Bild 7).<br />
Bei der Verschlüsselung werden die Ursprungsdaten<br />
durch die verschlüsselten Daten unter Anwendung eines<br />
gemeinsamen geheimen Schlüssels ersetzt. In diesem Fall<br />
sind die Daten durch Dritte nicht mehr lesbar, auch nicht<br />
für ein Netzwerkdiagnosewerkzeug.<br />
Nachweis der Verfügbarkeit<br />
Eine häufig erfolgreiche Angriffsstrategie ist, einzelne Komponenten<br />
außer Gefecht zu setzen und durch Angreiferkomponenten<br />
zu ersetzen. Im Sinne der Informationssicherheit<br />
können Maßnahmen getroffen werden, die die Verfügbarkeit<br />
eines Teilnehmers beziehungsweise einer Verbindung zweifelsfrei<br />
nachweisen. Dazu werden kryptografische Merkmale<br />
eingesetzt. Diese dürfen durch unautorisierte Dritte nicht<br />
reproduzierbar sein. Das einfachste Beispiel hierfür ist die<br />
Verwendung von verschlüsselten Sequenznummern.<br />
44<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
1.2 Herausforderung bei der Erfüllung<br />
der Schutzziele<br />
Neben organisatorischen und personellen kommen technische<br />
Maßnahmen, wie Firewalls, zum Einsatz, um die<br />
Schutzziele zu wahren. Entsprechende Maßnahmen<br />
können durch den Einsatz von kryptografischen Verfahren<br />
unterstützt werden. Dazu müssen Schlüsselinformationen<br />
sicher in den Baugruppen der Automatisierungsanlage<br />
verwahrt werden.<br />
Dies stellt jedoch besondere Herausforderungen an Automatisierungsanlagen,<br />
was die Schlüsselverwahrung und<br />
Schlüsselverwaltung betrifft. Im Folgenden werden ein mögliches<br />
Verfahren zur sicheren Verwahrung von Schlüsselinformationen<br />
in Automatisierungskomponenten beschrieben<br />
und die Problematik der Schlüsselverwaltung behandelt.<br />
2. <strong>Security</strong>-Token-Technologien<br />
Für die Anwendung kryptografischer Verfahren werden<br />
Schlüsselinformationen benötigt, welche sicher verwahrt<br />
werden müssen. In der Regel liegen diese Schlüsselinformationen<br />
im Speicher des jeweiligen Automatisierungsgeräts<br />
vor. Diese Schlüsselinformationen könnte ein Angreifer<br />
über eine Schwachstelle im Automatisierungsgerät<br />
möglicherweise auslesen. Solch ein Zugriff auf Schlüsselinformationen<br />
würde die kryptografischen Maßnahmen<br />
unwirksam machen.<br />
Da eine Aufbewahrung der Schlüsseldaten im Speicher<br />
des Automatisierungsgeräts selbst nicht sicher ist, empfiehlt<br />
sich ein Speicher, der von äußeren Einflüssen unabhängig<br />
arbeitet. <strong>Security</strong> Token verfügen über diese Art von sicherem<br />
Speicher und bieten zudem zahlreiche weitere kryptografische<br />
Funktionen, die auf ihnen ausgeführt werden [11].<br />
Bei den <strong>Security</strong> Token handelt es sich um Halbleiterbausteine,<br />
welche speziell zur Ausführung und Beschleunigung<br />
von kryptografischen Funktionen und zur sicheren Verwahrung<br />
von Schlüsseln entwickelt wurden. Der Aufbau des<br />
Token verhindert dabei einen Zugriff auf intern abgespeicherte<br />
Informationen sowie die Einflussnahme auf kryptografische<br />
Funktionen, die im Token implementiert sind.<br />
2.1 Aufbau eines <strong>Security</strong> Token<br />
Bild 7 zeigt den grundlegenden Aufbau eines <strong>Security</strong><br />
Token und der darin enthaltenen Komponenten.<br />
Anbindung des <strong>Security</strong> Token<br />
Die Anbindung eines <strong>Security</strong> Token erfolgt über Leiterplattenbusse,<br />
wie den I²C- oder Low-Pin-Count-Bus (LPC),<br />
kann jedoch auch über andere Busse erfolgen. Dabei verarbeitet<br />
das Token bei entsprechenden Befehlen über die<br />
Schnittstelle mitgelieferte Daten. Auf Vorgänge innerhalb<br />
des Token besteht kein Zugriff.<br />
Funktionen des Kryptoprozessors<br />
Der im Token enthaltene Kryptoprozessor stellt verschiedene<br />
Funktionen (Kryptofunktionen) zur Berechnung von<br />
kryptografischen Verfahren zur Verfügung. So kann das<br />
überlagerte System den Kryptoprozessor mit der Verarbeitung<br />
wie der Verschlüsselung und Entschlüsselung von Datenpaketen<br />
beauftragen. Durch die direkt im Token realisierten<br />
kryptografischen Funktionen ist gewährleistet, dass<br />
für die Informationssicherheit kritische Berechnungen, wie<br />
Verschlüsselungen, die geheimer Schlüsselinformationen<br />
bedürfen, durch äußere Einflüsse unbeeinflusst bleiben.<br />
Speicher des <strong>Security</strong> Token<br />
Ein <strong>Security</strong> Token verfügt über flüchtige und nichtflüchtige<br />
Speicher. Der nichtflüchtige Speicher hält Informationen<br />
vor, die zur eindeutigen Identifikation des Token dienen. In<br />
der Regel verlassen die Informationen im nichtflüchtigen<br />
Speicher niemals das Token. Im Gegensatz dazu hält der<br />
flüchtige Speicher Daten während der Laufzeit der Plattform<br />
vor, wie beispielsweise temporär genutzte Schlüssel. Handelt<br />
es sich um geheime Schlüssel, verlassen diese niemals<br />
unverschlüsselt das Token. Deshalb können Dritte die<br />
Schlüsselinformationen weder beeinflussen noch auslesen.<br />
Maßnahmen gegen Manipulationen<br />
<strong>Security</strong> Token verfügen häufig über konstruktive Maßnahmen<br />
im Aufbau, die das physische Auslesen von Informationen<br />
aus dem Token verhindern sollen. Allerdings<br />
sind Fälle bekannt, in denen die Informationen ausgelesen<br />
werden konnten [12]. Solche Verfahren sind jedoch äußerst<br />
aufwendig und setzen ein spezielles Equipment voraus.<br />
2.2 Vergleich von Technologien<br />
Derzeit werden verschiedene <strong>Security</strong>-Token-Technologien<br />
auf dem Markt vertrieben. Die häufigste Variante sind<br />
die Smartcards [13], wie sie zum Beispiel für den elektronischen<br />
Zahlungsverkehr oder für den neuen Personalausweis<br />
verwendet werden. Dazu lassen sich die Smartcards<br />
mit beliebigen Funktionen ausstatten. Neben diesen<br />
tragbaren Token werden seit einigen Jahren auch <strong>Security</strong><br />
Token in Chipform verwendet. Ein Beispiel ist das<br />
Trusted-Platform-Module (TPM) [14], welches ähnliche<br />
Funktionen wie eine Smartcard zur Verfügung stellt und<br />
im Rahmen des Trusted Computing eingesetzt wird [15].<br />
Neben diesen beiden <strong>Security</strong>-Token-Technologien gibt<br />
es weitere Varianten. Jedoch sind diese weniger wichtig<br />
für Anwendungen in der Automatisierungstechnik. Tabelle<br />
1 bringt einen Vergleich der beschriebenen Technologien<br />
für einen Einsatz in der Automatisierungstechnik.<br />
Trotz der geringen Anzahl an Kryptofunktionen eignet<br />
sich das TPM aufgrund seiner Bauweise besonders für eingebettete<br />
Systeme. Durch die feste Bindung des TPM an eine<br />
Plattform ist im Falle eines Defekts der Plattform das TPM<br />
mit auszutauschen. Daher muss die Plattform mit dem entsprechenden<br />
TPM nach einem Tausch über entsprechende<br />
Verfahren wieder in die Anlagenstruktur eingebunden werden.<br />
Smartcards hingegen sind, insbesondere aufgrund<br />
ihrer Kontaktierung, für den industriellen Einsatz (Vibration,<br />
Schock, aggressive Atmosphäre) nicht geeignet. Weiterhin<br />
ist die Integration der Smartcard deutlich teurer.<br />
Wenngleich sich die Smartcard für eingebettete Systeme<br />
weniger eignet, so ist eine Anwendung zur personengebundenen<br />
Benutzerauthentifizierung (zum Beispiel an<br />
Leitstationen) sinnvoll. Sowohl TPM als auch Smartcard<br />
verfügen über einen sicheren Speicher, um kryptografische<br />
Informationen aufzubewahren.<br />
3. <strong>Security</strong> Token in der Automatisierungstechnik<br />
Die Funktionen eines <strong>Security</strong> Token bieten die Möglichkeit,<br />
die jeweilige Komponente beziehungsweise deren Datenkommunikation<br />
zu schützen.. Bild 8 zeigt eine Automatisie-<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
45
Hauptbeitrag<br />
rungskomponente mit integriertem <strong>Security</strong> Token (TPM).<br />
Durch die Integration des TPM und der darin enthaltenen<br />
weltweit eindeutigen Schlüsselinformationen ist die<br />
Automatisierungskomponente zweifelsfrei im Netz identifizierbar.<br />
Durch diese Eigenschaften und die Bindung an<br />
ein einziges Gerät stellt das <strong>Security</strong> Token ein vertrauenswürdiges<br />
System (Trusted Platform) im Netzwerk dar.<br />
So können sich alle Teilnehmer eines Netzwerks gegenseitig<br />
eindeutig authentifizieren.<br />
Durch diese Kombination ist es denkbar, eine homogene<br />
IT-<strong>Security</strong>-Infrastruktur von der Betriebsleitebene bis zur<br />
Feldebene umzusetzen. Aufgrund der eindeutigen Identifizierbarkeit<br />
eines Systems mittels TPM lässt sich somit<br />
eine sichere Kommunikation in Ethernet-basierten Automatisierungsnetzwerken,<br />
über die Grenzen eines Teilnetzes<br />
hinaus, ermöglichen.<br />
Dies führt zu neuen Aufgaben hinsichtlich der Verwaltung<br />
der Schlüssel der verschiedenen Automatisierungskomponenten.<br />
Da dies insbesondere im Umfeld der Automatisierungstechnik<br />
aufgrund des Mengengerüsts und<br />
der Komplexität von Anlagen mit hohem Aufwand verbunden<br />
ist, ist es sinnvoll, ein öffentliches Schlüsselmanagement<br />
zu verwenden. Hierbei kann beispielsweise ein<br />
Public-Key-<strong>Management</strong> (PKI) zum Einsatz kommen,<br />
welches automatisch die Schlüssel und Identifikationsmerkmale<br />
verteilt. Im Rahmen des Projektes SEC_PRO<br />
wird in einem Teilprojekt zurzeit ein Verfahren zur<br />
Schlüsselverwaltung in automatisierungstechnischen<br />
Anlagen auf Basis einer PKI erarbeitet und der damit verbundene<br />
Aufwand analysiert [17].<br />
3.1 Evaluierung der Echtzeitfähigkeit<br />
Der Einsatz der <strong>Security</strong>-Token-Technologie in der Automatisierungstechnik<br />
stellt weiterhin Anforderungen an die<br />
Automatisierungskomponenten hinsichtlich der Echtzeitfähigkeit.<br />
Für die folgende Betrachtung zur Echtzeitfähigkeit<br />
ist der offene industrielle Profinet-Standard entsprechend<br />
der aktuellen Spezifikation herangezogen worden [18].<br />
Profinet ermöglicht eine zyklische echtzeitfähige Kommunikation<br />
im Bereich unter 1 ms. Um eine Verarbeitung<br />
der übertragenen Daten in diesem Taktzyklus zu ermöglichen,<br />
werden die Daten vor Ablauf dieser Zeit zur Verfügung<br />
gestellt. Um daher die Echtzeitfähigkeit zu erreichen,<br />
ist die Verarbeitung aller Informationen unterhalb von<br />
500 µs sinnvoll.<br />
Nutzung kryptografischer Funktionen<br />
Hinsichtlich der dabei einzusetzenden Kryptofunktionen<br />
geben das National Institute of Standards and Technology<br />
(NIST) und das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik<br />
(BSI) Empfehlungen über die Verwendung<br />
dieser Funktionen in der Informationstechnik heraus (Tabelle<br />
2). Diese Empfehlungen berücksichtigen einen sicheren<br />
Einsatz der jeweiligen Kryptofunktion über das Jahr<br />
2030 hinaus. Dabei wird zwischen symmetrischen, zu<br />
welchen im weitesten Sinne auch Prüfsummenverfahren<br />
gehören, und asymmetrischen Verfahren unterschieden<br />
[10]. Da wegen der langen Laufzeiten von Produktionsanlagen<br />
ein Einsatz von Kryptofunktionen in der Automatisierungstechnik<br />
über das Jahr 2030 hinaus erforderlich<br />
ist, sind entsprechende Verfahren zu verwenden.<br />
Grundlage dieser Beurteilung ist die jeweilige kryptografische<br />
Stärke. Diese wird oftmals anhand des Aufwandes<br />
zur Lösung des zugrunde liegenden mathematischen<br />
Problems der kryptografischen Funktion und der dabei<br />
verwendeten minimalen Schlüsssellänge definiert. Da mit<br />
steigender kryptografischer Stärke der notwendige Aufwand<br />
zur Berechung dieser Funktionen zunimmt, ist insbesondere<br />
der Aspekt der Ressourcenbeschränkung in<br />
Automatisierungsgeräten maßgebend bei der Verwendung<br />
dieser Funktionen. Daher erfolgt im weiteren Verlauf eine<br />
Bewertung auf Basis der Laufzeit der Algorithmen, um die<br />
Echtzeitfähigkeit zu gewährleisten. Um die Vergleichbarkeit<br />
zu wahren, werden dabei stets die kryptografischen<br />
Funktionen eingesetzt, die die jeweiligen Plattformen zur<br />
Verfügung stellen.<br />
Anbindung und Echtzeiteignung<br />
Die Anbindung eines <strong>Security</strong> Token erfolgt über eine für<br />
das Token erstellte Schnittstelle. Bild 9 verdeutlicht diese<br />
Anbindung.<br />
Um die Echtzeiteignung festzustellen, ist eine Messung<br />
der Laufzeit der auf den Token implementierten Kryptofunktionen<br />
durchgeführt worden. Da das Token die Berechnungen<br />
eigenständig durchführt, hat das System, auf<br />
dem das Token eingesetzt wird, keinen Einfluss auf die<br />
Messung. Sämtliche Funktionen werden im Kryptoprozessor<br />
des Token durchgeführt, weshalb die Schlüsseldaten<br />
nur intern im Token verwendet werden.<br />
Zur Messung der Laufzeit der Funktionen sind dem Token<br />
Daten zur Verarbeitung übermittelt worden. Diese entsprachen<br />
einer maximalen Größe der Profinet-Nutzdaten (1440 Byte).<br />
Wie die gemessenen Zeiten in Tabelle 3 zeigen, ist bei<br />
alleiniger Nutzung des <strong>Security</strong> Token beziehungsweise<br />
der implementierten Kryptofunktionen aufgrund der begrenzten<br />
Rechenleistung keine echtzeitfähige Kommunikation<br />
unter den zuvor definierten Bedingungen möglich,<br />
da entsprechende Operationen, je nach Verfahren, schon<br />
zwischen 3 ms und zirka 1,8 s benötigen.<br />
Wegen der niedrigen Rechenleistung sowie der begrenzten<br />
Anzahl von Kryptofunktionen in den <strong>Security</strong> Token, erfolgte<br />
eine Evaluierung eines weiteren Konzepts unter zusätzlicher<br />
Nutzung einer softwarebasierten Kryptobibliothek.<br />
Einsatz einer Kryptobibliothek<br />
Durch die Verwendung einer softwarebasieren Kryptobibliothek<br />
(beispielsweise OpenSSL [24]) werden die zuvor<br />
auf dem <strong>Security</strong> Token durchgeführten Kryptofunktionen<br />
auf eine Rechnerplattform ausgelagert. Bild 10 zeigt<br />
die Anbindung des Token an die Anwendung bei Nutzung<br />
einer softwarebasierten Kryptobibliothek.<br />
Durch diese Anbindung kann die größere Rechenleistung<br />
der jeweiligen Rechnerplattform zur Berechnung der<br />
Kryptofunktionen in Anspruch genommen werden. Dadurch<br />
verringert sich die Laufzeit der Berechnung. Die<br />
kritischen Schlüsselinformationen werden jedoch weiterhin<br />
im Token belassen und bei Bedarf im Token direkt<br />
erstellt. Diese werden im Kontext der Anwendung nur<br />
geschützt verwendet und verlassen das Token gegebenenfalls<br />
nur verschlüsselt. Somit dient das Token als externer,<br />
sicherer Schlüsselspeicher. Dadurch ist gewährleistet, dass<br />
trotz der Berechnung der Kryptofunktionen außerhalb des<br />
Token auf der Rechnerplattform die Schlüsseldaten geschützt<br />
und die genannten Schutzziele gewahrt bleiben.<br />
Tabelle 4 zeigt die Auswertung einer Messung bei Nutzung<br />
einer Kryptobibliothek auf einem niedrig-performanten<br />
System mit einem CPU-Takt von 600 MHz, wie es zum<br />
Beispiel in eingebetteten Systemen anzutreffen ist. Die<br />
Bewertungskriterien sind analog zur vorherigen Messung<br />
bei alleiniger Nutzung der <strong>Security</strong> Token.<br />
46<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
3.2 Bewertung der Einsatzfähigkeit<br />
Ein <strong>Security</strong> Token selbst ist nicht in der Lage, kryptografische<br />
Funktionen zur Aufrechterhaltung einer Profinet-<br />
Echtzeitkommunikation zu verarbeiten (Tabelle 3). Aufgrund<br />
der begrenzten Rechenleistung eines <strong>Security</strong><br />
Token bietet sich die Auslagerung der Kryptofunktionen,<br />
zur Berechnung außerhalb des Token, an. Durch die stark<br />
angestiegene Rechenleistung, auch im Umfeld der Automatisierungsgeräte,<br />
ist so eine rechtzeitige Verarbeitung<br />
der kryptografischen Funktionen gewährleistet, wenngleich<br />
hierdurch die Komplexität der Anbindung des Token<br />
erhöht wird (Tabelle 4).<br />
Bei diesem kombinierten Ansatz zeigt sich, dass asymmetrische<br />
Verfahren wie das RSA-Kryptosystem und Elliptic-<br />
Curve-Cryptography (ECC) aufgrund der in Tabelle 4 dargestellten<br />
hohen Laufzeiten dennoch ungeeignet sind. Symmetrische<br />
Kryptofunktionen hingegen, wie AES oder Verfahren<br />
auf Basis von Prüfsummen, sind für die echtzeitfähige Profinet-Verbindung<br />
einsetzbar. Da jedoch im Allgemeinen Verfahren<br />
wie RSA und ECC primär zur Authentifizierung eingesetzt<br />
werden, bietet sich deren Einsatz für den einmaligen<br />
Verbindungsaufbau zwischen Teilnehmern im Netzwerk an.<br />
Die Verarbeitungszeit des kryptografischen Algorithmus ist<br />
dabei als unkritisch zu sehen. Auf diesem Wege kann ein<br />
Sitzungsschlüssel für ein symmetrisches Verfahren übertra-<br />
Schnistelle<br />
<strong>Security</strong> Token<br />
Kryptoprozessor<br />
Kryptofunkonen<br />
Flüchger Speicher<br />
Nichlüchger<br />
Speicher<br />
Bild 7: Grundaufbau eines <strong>Security</strong> Token<br />
Auswahlkriterien<br />
Smartcard<br />
TPM<br />
Kryptografische Algorithmen + -<br />
Eindeutige Identifizierbarkeit o +<br />
Anwendungsentwicklung o +<br />
Herstellerunabhängigkeit + +<br />
Datentransferrate o +<br />
Komplexität der Integration - +<br />
Austauschbarkeit + -<br />
Kosten - +<br />
Anwendung in<br />
Automatisierungskomponenten<br />
Bewertung o +<br />
o<br />
+<br />
Tabelle 1: Vergleich von Smartcard und TPM [16]<br />
Bild 8: Anwendung eines <strong>Security</strong> Token<br />
in Automatisierungskomponenten<br />
Rechnerplattform<br />
Rechnerplattform<br />
<strong>Security</strong> Token<br />
Bild 9:<br />
Anbindung des<br />
<strong>Security</strong> Token an<br />
die Anwendung<br />
<strong>Security</strong> Token<br />
Bild 10:<br />
Nutzung einer<br />
Kryptobibliothek<br />
Jahr<br />
Minimale<br />
Schlüssellänge<br />
Symmetrisches<br />
Kryptosystem<br />
Asymmetrisches Kryptosystem<br />
RSA [10] ECC [21]<br />
Prüfsummenverfahren<br />
2011 - 2030 112 3DES [19] 2048 224 SHA-244 [22]<br />
2030+ 128 AES-128 [20] 3072 256 SHA-256<br />
2030++ 192 AES-192 7680 284 SHA-384<br />
2030+++ 256 AES-256 15360 512 SHA-512<br />
Tabelle 2:<br />
Empfohlene<br />
kryptografische<br />
Funktion nach<br />
NIST [23]<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
47
Hauptbeitrag<br />
gen werden, der sich zur weiteren gesicherten echtzeitfähigen<br />
Profinet-Kommunikation nutzen lässt.<br />
3.3 Anwendungsmöglichkeiten eines <strong>Security</strong> Token<br />
Die Nutzung eines <strong>Security</strong> Token erlaubt Anwendungsmöglichkeiten,<br />
die im Kontext der Automatisierungstechnik<br />
eine hohe Relevanz aufweisen. Dabei kann das oben<br />
gezeigte Konzept aus <strong>Security</strong> Token und Kryptobibliothek<br />
genutzt werden. Diese sind:<br />
A: Authentifizierung der Automatisierungskomponenten<br />
Durch die Nutzung des Token entsteht eine vertrauenswürdige<br />
Plattform. Diese Plattform weist sich gegenüber<br />
allen Teilnehmern des Netzwerkes eindeutig aus.<br />
S: Schutz der echtzeitfähigen Datenkommunikation<br />
Bei Authentifizierung erfolgt der Austausch von<br />
Schlüsselinformationen. Diese gewährleisten den Aufbau<br />
einer sicheren echtzeitfähigen Kommunikation.<br />
S: Schutz vor Produktpiraterie<br />
Die eindeutige Identität ermöglicht die Überprüfung<br />
der Echtheit einer Plattform. So ist eine Erkennung<br />
plagiatierter Automatisierungsgeräte möglich.<br />
V: Verteilte Überwachung der Komponenten<br />
Das TPM ermöglicht eine Attestierung des Zustands<br />
der Plattform gegenüber anderen Teilnehmern im<br />
Netzwerk. Damit erfolgt eine verteilte Überwachung<br />
der Gerätefunktionalität, die den Zustand der Anlage<br />
im Sinne der Informationssicherheit erfasst.<br />
Es zeigt sich, dass der Einsatz der <strong>Security</strong>-Token-Technologie<br />
zahlreiche Möglichkeiten bietet, die Informationssicherheit<br />
in Automatisierungsnetzwerken zu verbessern.<br />
Zusammenfassung und Ausblick<br />
Die Verwendung Ethernet-basierter Kommunikationssysteme<br />
in der Automatisierungstechnik fordert den<br />
Einsatz geeigneter Maßnahmen zum Schutz des Automatisierungsnetzwerks<br />
gegen Eingriffe in die IT-<strong>Security</strong>.<br />
Die Darstellung der Schutzziele zeigte, dass eine<br />
Absicherung der Automatisierungsnetzwerke durch<br />
geeignete kryptografische Maßnahmen unterstützt werden<br />
kann. Die dabei angewandten kryptografischen<br />
Funktionen sind auf den Automatisierungskomponenten<br />
direkt auszuführen, um einen Schutz innerhalb der<br />
abgeschotteten Teilnetze zu etablieren. Dies ergibt neue<br />
Herausforderungen für die sichere Verwahrung von<br />
Schlüsselinformationen in den Komponenten.<br />
Um darüber hinaus eine Verwaltung der Schlüssel im<br />
Umfeld komplexer Automatisierungsanlagen zu ermöglichen,<br />
ist der Einsatz eines automatischen und offenen<br />
Schlüsselmanagements via PKI denkbar. Dies muss jedoch<br />
hinsichtlich des damit verbundenen Aufwandes<br />
analysiert werden. Durch die hybride Verwendung von<br />
<strong>Security</strong> Token und einer Softwarelösung kann die Informationssicherheit<br />
in einem Automatisierungsnetzwerk<br />
verbessert und die Echtzeitfähigkeit dieses Ansatzes<br />
auf einem Profinet-Netzwerk erhalten werden. Allgemein<br />
zeigt sich, dass der Einsatz von <strong>Security</strong> Token<br />
auf Automatisierungskomponenten wichtige Beiträge in<br />
der Automatisierungstechnik leistet.<br />
Manuskripteingang<br />
01.11.2011<br />
Im Peer-Review-Verfahren begutachtet<br />
Anzahl der Messungen: N = 20<br />
Angaben: Mittelwert<br />
± Standardabweichung<br />
Verschlüsseln /<br />
Signieren<br />
TPM (<strong>Security</strong> Token)<br />
Entschlüsseln /<br />
Verifizieren<br />
Smartcard (<strong>Security</strong> Token)<br />
Verschlüsseln /<br />
Signieren<br />
Entschlüsseln /<br />
Verifizieren<br />
AES-Kryptofunktion (256 Bit) nicht vorhanden 1 784 130 ± 12 833 μs 1 782 677 ± 1 729 μs<br />
Prüfsummenverfahren<br />
(AES-basiert / 128 Bit)<br />
nicht vorhanden 564 349 ± 3 824 μs 536 402 ± 1 284 μs<br />
RSA-Kryptofunktion (2048 Bit) 3603 ± 63 μs 4 595 471 ± 19 270 μs 1 014 050 ± 2 341 μs 3603 ± 63 μs<br />
ECC-Kryptofunktion (192 Bit) nicht vorhanden 569 212 ± 2 873 μs 511 219 ± 1 872 μs<br />
Tabelle 3:<br />
Laufzeitauswertung<br />
der Ansätze [16]<br />
Anzahl der Messungen: N = 20<br />
Angaben: Mittelwert<br />
± Standardabweichung<br />
Verwendung einer Kryptobibliothek (OpenSSL)<br />
Verschlüsseln /<br />
Signieren<br />
Entschlüsseln /<br />
Verifizieren<br />
AES-Kryptofunktion (256 Bit) 75 ± 1,5 μs 74 ± 2,4 μs<br />
Tabelle 4:<br />
Performance-Auswertung<br />
bei Nutzung einer<br />
Kryptobibliothek [16]<br />
Prüfsummenverfahren (AES-basiert / 128 Bit) 56 ± 0,4 μs 55 ± 0,2 μs<br />
RSA-Kryptofunktion (2048 Bit) 4 369 ± 430 μs 323 277 ± 3248 μs<br />
ECC-Kryptofunktion (192 Bit) 3 290 ± 1352 μs 4 950 ± 54 μs<br />
48<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
Referenzen<br />
Autoren<br />
[1] Schwab, C. et al.: Totally horizontal and vertical integration<br />
for automation systems - virtual automation networks,<br />
ETFA 2005. IEEE, 2006<br />
[2] ISA 99.01.01: Terminology, Concepts and Models, 2007<br />
[3] VDI/VDE 2182: Informationssicherheit in der industriellen<br />
Automatisierung. Beuth, 2008<br />
[4] PNO: PROFINET <strong>Security</strong> Guideline. PROFIBUS Nutzerorganisation<br />
e.V., (http://www.profibus.com/nc/downloads/<br />
downloads/profinet-security-guideline/download/159/.,<br />
Karlsruhe, 2005)<br />
[5] ODVA/Rockwell Automation: <strong>Security</strong> Whitepaper - Ethernet/<br />
IP. Increasing Plant Floor <strong>Security</strong> Today,<br />
http://www.ethernetip.de/downloads/files/RA%20security%<br />
20whitepaper%208-25-03.pdf 2008<br />
[6] ISO 27001: Information technology - <strong>Security</strong> techniques<br />
- Information security management systems - Requirements,<br />
2008<br />
[7] Akerberg, J. et al.: Exploring <strong>Security</strong> in Profinet IO.<br />
COMPSAC 2009. IEEE, 2009<br />
[8] ISO 27002: Information technology -- <strong>Security</strong> techniques<br />
-- Code of practice for information security management,<br />
2008<br />
[9] Eckert, C.: IT-Sicherheit. Oldenbourg, München [u.a.], 6.,<br />
überarb. und erw. Auflage, 2009<br />
[10] Schneier, B.: Angewandte Kryptographie. Protokolle,<br />
Algorithmen und Sourcecode in C. Addison-Wesley, Bonn<br />
[u.a.], 1999<br />
[11] Mayes, K. E. et al.: Smart cards, tokens, security and<br />
applications. Springer, New York ; London, 2008<br />
[12] Tarnovsky, C.: How to Crack a Smartcard Chip. BlackHat DC<br />
Conference, BlackHat, 2010<br />
[13] Rankl, W.: Smart card handbook. Wiley, Chichester, West<br />
Sussex, U.K, 2010<br />
[14] Trusted Computing Group: Trusted Platform Module (TPM)<br />
Main Specification. Part 1: Design Principles. v1.2, 2007<br />
[15] Pohlmann, N. et al.: Trusted Computing. Ein Weg zu neuen<br />
IT-Sicherheitsarchitekturen. Vieweg, Wiesbaden, 2008<br />
[16] Tebbe, C: Auswahl und Erprobung einer <strong>Security</strong>-Token-<br />
Technologie für den Einsatz in Windows-basierten Automatisierungskomponenten,<br />
Master Thesis. Hannover, 2011<br />
[17] Hausmann, S.; Heiss, S.: Einsatz einer PKI in der Automatisierungstechnik.<br />
In <strong>atp</strong> <strong>edition</strong> Automatisierungstechnische<br />
Praxis 3/2012. Oldenbourg Industrieverlag GmbH, München,<br />
2012, S. 30-32<br />
[18] IEC 61784-2: Industrial communication networks - Profiles<br />
-- Additional fieldbus profiles for real-time networks based<br />
on ISO/IEC 8802-3, 2007<br />
[19] FIPS 46-3: Specification of Data Encription Standard (DES).<br />
Federal Information Processing Standards, 1999<br />
[20] FIPS 197 Specification for the Advanced Encription Standard<br />
(AES). Federal Information Processing Standards, 2001<br />
[21] Darrel Hankerson et al.: Guide to Elliptic Curve Cryptography.<br />
Springer-Verlag New York, Inc., Secaucus, NJ, USA, 2003<br />
[22] FIPS 180-2 Specification for the Secure Hash Standard (SHA).<br />
Federal Information Processing Standards, 2001<br />
[23] Barker E. et al.: Recommendation for Key <strong>Management</strong><br />
- Part 1: General – Revision http://csrc.nist.gov/groups/ST/<br />
toolkit/documents/SP800-57Part1-Revision3 May2011.pdf,<br />
Mai 2011<br />
[24] Ralf S. Engelschall: OpenSSL: The Open Source toolkit for<br />
SSL/TLS (Website) http://www.openssl.org/, Februar 2011<br />
Dipl.-Ing. (FH) Markus<br />
Runde M.Eng. (geb. 1984)<br />
ist seit 2010 wissenschaftlicher<br />
Mitarbeiter an der<br />
Fakultät I - Elektro- und<br />
Informationstechnik der<br />
Hochschule Hannover im<br />
Fachbereich Prozessinformatik<br />
und Automatisierungstechnik.<br />
Zuvor studierte er an der<br />
Fachhochschule Hannover Automatisierungstechnik<br />
und Prozessinformatik. Forschungsschwerpunkt:<br />
Entwicklung von informationstechnischen<br />
Sicherheitslösungen für vernetzte<br />
Automatisierungskomponenten.<br />
Hochschule Hannover, Fachbereich Elektrotechnik,<br />
Postfach 92 02 61, D-30441 Hannover,<br />
Tel. +49 (0) 511 92 96 12 40,<br />
E-Mail: Markus.Runde@FH-Hannover.de<br />
Prof. Dr.-Ing. Karl-Heinz<br />
Niemann (geb. 1959)<br />
vertritt seit dem Jahr 2005<br />
die Lehrgebiete Prozessinformatik<br />
und Automatisierungstechnik<br />
an der<br />
Hochschule Hannover. Von<br />
2002 bis 2005 war er an der<br />
Fachhochschule Nordostniedersachsen<br />
für das Lehrgebiet Prozessdatenverarbeitung<br />
verantwortlich. Davor war er in<br />
leitender Stellung in der Entwicklung von<br />
Prozessleitsystemen unter anderem bei ABB,<br />
Elsag Bailey und Hartmann & Braun tätig.<br />
Hochschule Hannover, Fachbereich Elektrotechnik,<br />
Postfach 92 02 61, D-30441 Hannover,<br />
Tel. +49 (0) 511 92 96 12 64,<br />
E-Mail: Karl-Heinz.Niemann@FH-Hannover.de<br />
Christopher Tebbe<br />
M.Sc. (geb. 1984) ist seit<br />
2012 wissenschaftlicher<br />
Mitarbeiter an der<br />
Fakultät I - Elektro- und<br />
Informationstechnik der<br />
Hochschule Hannover<br />
im Fachbereich Prozessinformatik<br />
und Automatisierungstechnik.<br />
Zuvor studierte an der<br />
Fachhochschule Hannover angewandte<br />
Informatik mit dem Schwerpunkt sichere<br />
Informationssysteme.<br />
Hochschule Hannover, Fachbereich Elektrotechnik,<br />
Postfach 92 02 61, D-30441 Hannover,<br />
Tel. +49 (0) 511 92 96 12 40,<br />
E-Mail: Christopher.Tebbe@FH-Hannover.de<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
49
hauptbeitrag<br />
Integriertes System- und<br />
Dienste-<strong>Management</strong><br />
Ein Weg zur verbesserten Informationssicherheit<br />
Das <strong>Management</strong> von Eigenschaften von Automatisierungskomponenten, die Einfluss auf<br />
die Informationssicherheit haben können, ist eine komplexe Herausforderung. Dieser<br />
Beitrag stellt einen Ansatz zum Systemmanagement vor und zeigt, wie sich durch ein<br />
einheitliches, durchgängiges Vorgehen die Informationssicherheit in automatisierungstechnischen<br />
Anlagen positiv beeinflussen lässt. Anhand zweier Anwendungsfälle wird<br />
dargestellt, wie das Web Based Enterprise <strong>Management</strong> in die Automation überführt<br />
werden kann.<br />
SCHLAGWÖRTER Serviceorientiertes <strong>Management</strong> / Web Based Enterprise <strong>Management</strong> /<br />
IT-<strong>Security</strong>-<strong>Management</strong> / Netzwerkmanagement<br />
A way to improve System <strong>Security</strong> –<br />
Integrated System and Service <strong>Management</strong><br />
Managing the complex security related features of automation components is a challenging<br />
task. This article presents an approach to system management and describes how an homogeneous,<br />
integrated approach can have a positive impact on overall IT security in automated<br />
plant. Two applications are presented showing how Web-based enterprise management<br />
can be implemented for industrial automation.<br />
KEYWORDS Service oriented <strong>Management</strong> / Web Based Enterprise <strong>Management</strong> /<br />
<strong>Security</strong>-<strong>Management</strong> / Network <strong>Management</strong><br />
50<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
Robert Lehmann, Roman Frenzel, Martin Wollschlaeger, Technische Universität Dresden<br />
Moderne Automatisierungssysteme zeichnen<br />
sich neben stetig wachsender Funktionalität<br />
durch eine Zunahme der Komplexität aus.<br />
Dies trifft auf die Komponentenanzahl und<br />
die Vielfalt der eingesetzten Technologien zu.<br />
Um diese Komplexität über den Lebenszyklus hinweg beherrschen<br />
zu können, ist es notwendig, umfassende <strong>Management</strong>systeme<br />
in der Automatisierung zu etablieren.<br />
Durch die zunehmende Komplexität wachsen auch die<br />
Herausforderungen an ein durchgängiges, handhabbares<br />
und vor allem verständliches <strong>Management</strong> von Funktionen<br />
und Eigenschaften, die die Informationssicherheit [1]<br />
betreffen. Eine solche Art von IT-<strong>Security</strong>-<strong>Management</strong><br />
findet in modernen Automatisierungsanlagen weitestgehend<br />
proprietär statt – sofern relevante Funktionen und<br />
Eigenschaften überhaupt aktiv gemanagt werden.<br />
Eine einheitliche Sicht auf die Informationssicherheit<br />
gewinnt in der Automatisierungstechnik deutlich an Relevanz.<br />
Dies verdeutlichen die intensiven Bemühungen<br />
der nationalen (VDI, Namur, BSI) und internationalen Gremien<br />
(ISA) und das wachsende Bewusstsein der Anwender<br />
und Hersteller.<br />
Die Thematik Datenschutz und Datensicherheit ist für den<br />
Anwender in der Regel fest verwoben mit den Begriffen Verfügbarkeit,<br />
Integrität und Verschlüsselung. Es ist offensichtlich,<br />
dass diese Punkte für die Informationssicherheit eines<br />
Gesamtsystems, eines Geschäftsbereiches oder sogar eines<br />
ganzen Unternehmens signifikant sind. Einen bedeutenden<br />
Anteil an der Gesamtsicherheit haben jedoch auch vermeintlich<br />
kleine Faktoren, die aus funktionaler, administrativer<br />
oder betrieblicher Sicht einen Beitrag leisten. Eine einfache<br />
Möglichkeit, Dienste im Netzwerk von zentraler Stelle ausoder<br />
einschalten zu können, dürfte einen stärkeren Einfluss<br />
auf die Systemsicherheit haben, als beispielsweise die gleichen<br />
Dienste ausschließlich über eine zusätzliche Firewall<br />
zu reglementieren. Das Abschalten von nicht benötigten<br />
Diensten ist nachhaltiger als das Blockieren derselben. Derartige<br />
kleine Faktoren werden durch moderne Systemmanagementansätze<br />
(Bild 1) adressiert, die im Wesentlichen<br />
dem FCAPS-Gedanken folgen. Hinter FCAPS verbergen sich<br />
<strong>Management</strong>funktionen, die die Aufgabenbereiche Failure-,<br />
Configuration-, Accounting-, Performance- und eben auch<br />
(IT)-<strong>Security</strong>-<strong>Management</strong> adressieren [2].<br />
1. <strong>Management</strong> in der Automatisierung<br />
In Automatisierungssystemen werden bereits <strong>Management</strong>-<br />
Ansätze verfolgt, wobei das Netzwerkmanagement im Fokus<br />
steht. Das Systemmanagement adressiert über das Netzwerkmanagement<br />
hinaus alle Bestandteile eines verteilten<br />
Systems. Dazu zählen neben IT-Strukturen prinzipiell auch<br />
verteilte Automatisierungssysteme. Systemmanagement<br />
mit offenen Standards hat heute in der Automatisierung<br />
jedoch nur eine untergeordnete Bedeutung. Durch die zunehmende<br />
Integration von IT-Basistechnologien (Ethernet,<br />
Web, XML) in die Automation ist es naheliegend, auch die<br />
Ansätze zum <strong>Management</strong> dieser Technologien auf ihre<br />
Anwendbarkeit für die Automation zu überprüfen. In IT-<br />
Systemen ist eine Reihe von <strong>Management</strong>standards für<br />
verschiedenste Anwendungsbereiche verfügbar. Diese reichen<br />
von spezifischen <strong>Management</strong>verfahren für Webservices<br />
oder für Zertifikate über die auch in der Automation<br />
bekannten <strong>Management</strong>verfahren SNMP (Simple Network<br />
<strong>Management</strong> Protocol) bis hin zu vollständigen Systemmanagementverfahren<br />
wie WBEM (Web Based Enterprise <strong>Management</strong>).<br />
Alle genannten Standards haben einen mehr<br />
oder weniger starken Anspruch an das <strong>Management</strong> von<br />
Eigenschaften, die die Informationssicherheit betreffen.<br />
SNMP ist bis heute der einzige <strong>Management</strong>standard<br />
aus der IT, der in der Automation verbreitet ist. So ist zum<br />
Beispiel für alle Profinet-IO-Geräte ab Conformance Class<br />
B SNMP zwingend zu unterstützen. In der IT selbst kommt<br />
SNMP flächendeckend zum Einsatz. Die Mehrheit der Systemhersteller<br />
bietet umfassende SNMP-Implementierungen<br />
im Rahmen ihrer Produkte an.<br />
Eine verwaltete Komponente (engl. managed component)<br />
wird im SNMP als Agent bezeichnet. Sie nimmt Anfragen<br />
des Managers entgegen und führt sie aus. Der Agent ist das<br />
Bindeglied zwischen <strong>Management</strong>-Protokoll und der<br />
Funktion beziehungsweise Hardware der Komponente. Die<br />
Kommunikation erfolgt meist vom Manager zum Agenten,<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
51
Hauptbeitrag<br />
eine Ausnahme bilden die SNMP-Traps, die ereignisbasiert<br />
Nachrichten vom Agenten zum Manager übermitteln.<br />
SNMP spezifiziert nicht, welche Daten (managed objects)<br />
ein Agent liefern muss, sondern legt mit der <strong>Management</strong><br />
Information Base (MIB) als Informationsmodell lediglich<br />
Struktur und Notation der Daten fest. Ein explizites Funktionsmodell,<br />
das funktionale Zusammenhänge beschreibt,<br />
existiert in SNMP nicht.<br />
SNMP zeichnet sich vor allem durch seine Einfachheit<br />
und geringe Komplexität aus. Die flache Struktur der Datagramme<br />
lässt – allerdings nur bei genauer Kenntnis der<br />
managed objects – einen direkten lesenden und schreibenden<br />
Zugriff zu. SNMP ist leistungsstark, solange bekannt<br />
ist, welche Daten angefragt werden sollen. Ein SNMPwalk,<br />
das sukzessive Abfragen von Datengruppen, ist hingegen<br />
aufwendig, da für jeden Iterationsschritt eine neue Anfrage<br />
gestellt wird.<br />
Obwohl SNMP in vielen Bereichen eingesetzt wird, zeigt<br />
sich doch, dass es bei komplexen Anwendungsfällen an<br />
technische Grenzen stößt. So ist das Informationsmodell<br />
nur bedingt erweiterbar, zumindest führen Erweiterungen<br />
zu großer Redundanz der MIBs. Eine für die Anwendung<br />
in der Automation wesentliche Einschränkung ist, dass<br />
Zusammenhänge struktureller oder funktionaler Art innerhalb<br />
des Modells, die über einfache Gliederungen in<br />
Tabellen hinausgehen, in der MIB nicht modellierbar sind.<br />
Während in SNMP zum Beispiel einfach darstellbar ist,<br />
über wie viele Ethernetanschlüsse ein Gerät verfügt und<br />
wie viele davon aktuell genutzt werden, muss die Anzahl<br />
der freien Anschlüsse hingegen als neuer Wert in das Informationsmodell<br />
eingeführt werden und kann nicht aus<br />
den beiden bekannten Werten abgeleitet werden. Erweitert<br />
man den Anwendungsfall um die Frage, welche der Anschlüsse<br />
wie projektiert sind, etwa um die Nutzung nicht<br />
autorisierter Anschlüsse zu erkennen, so ist dies in SNMP<br />
nur durch funktionale Verknüpfungen außerhalb des Informationsmodells<br />
möglich.<br />
Ursprünglich als Zwischenlösung bis zur Einführung<br />
komplexerer <strong>Management</strong>ansätze gedacht, hat sich SNMP<br />
bis heute behaupten können. SNMP hatte in Version 1 massive<br />
Sicherheitseinschränkungen. Bis einschließlich Version<br />
2c werden keinerlei Authentifizierung oder Verschlüsselung<br />
unterstützt. Die mit der aktuellen Version 3<br />
eingeführten Sicherheitsmechanismen adressieren dies,<br />
werden in der Praxis auf Grund ihrer Komplexität jedoch<br />
nur sporadisch eingesetzt.<br />
2. Web Based Enterprise <strong>Management</strong><br />
Mitte der 90er-Jahre wurde von einem Konsortium bestehend<br />
aus Cisco Systems, Microsoft Corporation, Compaq<br />
Computer, BMC Software und der Intel Corporation der erste<br />
Vorschlag zu Web Based Enterprise <strong>Management</strong> (WBEM)<br />
eingereicht, mit dem eine einheitliche und offene Plattform<br />
zum übergreifenden <strong>Management</strong> von Systemen geschaffen<br />
werden sollte. Diese soll <strong>Management</strong> nicht mehr auf Lesen<br />
und Setzen von Werten reduzieren, sondern <strong>Management</strong>aufgaben<br />
als funktionsbezogene Dienste anbieten und dabei<br />
soweit möglich bestehende Technologien und Standards<br />
integrieren. Mittlerweile ist WBEM [3] die Basis für eine<br />
ganze Reihe von <strong>Management</strong>initiativen, die auf den durch<br />
die Distributed <strong>Management</strong> Task Force (DMTF) standardisierten<br />
Konzepten und Technologien aufsetzen.<br />
Innerhalb der IT wird WBEM durch eine Vielzahl von<br />
Unternehmen unterstützt und ist untrennbar mit der Erfolgsgeschichte<br />
der Internettechnologien verbunden. So<br />
nutzt WBEM Technologien wie http und XML, trägt aber<br />
auch Informationssicherheitsüberlegungen Rechnung. Anders<br />
als bei SNMP sind sowohl Authentifikation, Autorisation,<br />
Integrität, Verschlüsselung und auch Logging fester<br />
Bestandteil der WBEM-Infrastruktur.<br />
WBEM ist kein monolithischer Standard, sondern bezeichnet<br />
eine Gruppe von Technologien zum System-<strong>Management</strong>.<br />
Anders als bei den klassischen <strong>Management</strong>-<br />
Ansätzen gibt es in einer WBEM-Infrastruktur eine zentrale<br />
Kommunikationskomponente, den CIM Object Manager<br />
(CIMOM) (siehe Bild 2). Der CIMOM nimmt Anfragen<br />
von WBEM-Clients und Antworten der Provider (dem<br />
Pendant zu SNMP-Agents) entgegen. In der Kommunikation<br />
fungiert der CIMOM somit als Broker zwischen beiden<br />
Elementen. Die Provider dienen als Schnittstelle zwischen<br />
WBEM und dem Managed Node.<br />
Die Provider stellen Softwarekomponenten dar, die für<br />
spezifische Aufgaben geschaffen werden. Sie können Werte<br />
lesen, manipulieren oder Funktionen ausführen. Dabei<br />
ist offen, wo ein Provider implementiert ist. Es besteht<br />
keine Notwendigkeit, dass der Provider auf dem gleichen<br />
Host wie der CIMOM ausgeführt wird, er kann auch direkt<br />
auf dem Managed Node oder einem beliebigen anderen<br />
Host laufen. Es ist ebenfalls möglich, einen vollständigen<br />
WBEM-Server auf einem Kompaktgerät zu betreiben, ein<br />
Ansatz wird in [4] erläutert.<br />
3. Common Information Model (CIM)<br />
Die letzte wesentliche Komponente eines WBEM-Systems<br />
ist das CIM-Repository. Es enthält das Informationsmodell,<br />
das gemäß der CIM-Spezifikation aufgebaut ist. Alle<br />
Managed Objects in einem WBEM-System sind durch<br />
einen entsprechenden Eintrag im CIM repräsentiert. Wie<br />
erwähnt, ist CIM das Informationsmodell, das nicht nur<br />
hinter WBEM, sondern auch hinter einer Anzahl an spezifischen<br />
<strong>Management</strong>-Initiativen steht. CIM zeichnet<br />
sich vor allem durch einen vollständig objektorientierten<br />
Ansatz aus [5][6]. Anders als in MIB können in CIM komplexe<br />
Zusammenhänge zwischen Informationen durch<br />
Modellelemente ausgedrückt werden.<br />
CIM stellt sich als einheitliches, erweiterbares und<br />
durch einen hohen Grad an Wiederverwendung gekennzeichnetes<br />
Modell dar. Das Modell selbst besteht aus drei<br />
Teilen, die als Schema [7] verfügbar sind. Das zentrale<br />
Schema ist das Core-Schema, es enthält die grundlegenden<br />
Modellelemente und ist nur wenigen Veränderungen unterworfen.<br />
Die Common-Schemas decken die üblichen<br />
Anwendungsfälle ab und werden an technologische Änderungen<br />
angepasst. Die Extension-Schemas sind der dynamischste<br />
Teil. Mit ihnen werden spezifische <strong>Management</strong>funktionen<br />
und detaillierte Ausprägungen modelliert.<br />
Neue Technologien sind zunächst ebenfalls in Extension-Schemas<br />
modelliert. Prinzipiell können alle<br />
Schemateile durch den Anwender umgestaltet werden,<br />
wobei die Kompatibilität zur WBEM-Infrastruktur solange<br />
erhalten bleibt, wie nicht gegen die Konventionen im Meta-Schema<br />
verstoßen wird.<br />
Die Core- und Common-Schemas werden von der DMTF<br />
gepflegt und verwaltet und beinhalten bereits eine Viel-<br />
52<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
zahl an Schemas, die direkt in der Automation angewendet<br />
werden können. So befasst sich das Network-Schema mit<br />
logischen Eigenschaften der Kommunikationsinfrastruktur,<br />
das Physical-Schema mit physischen Eigenschaften<br />
von Managed Objects (unter anderem Abmessungen,<br />
Steckplätze) und das Setting-Schema mit deren aktuellen<br />
Konfigurationen.<br />
4. Einsatzmöglichkeiten von WBEM<br />
Einfache Aufgaben im Bereich des <strong>Management</strong>s von Automatisierungsanlagen<br />
lassen sich mit Systemen wie SNMP<br />
gut lösen. Gewinnen die Szenarien an Komplexität, steigt<br />
der Aufwand der Umsetzung mit solchen Systemen überproportional.<br />
Im Folgenden wird an zwei Anwendungsfällen<br />
veranschaulicht, in welchen Bereichen Web Based<br />
Enterprise <strong>Management</strong> die Komplexität für den Anwender<br />
reduziert und in welchem Umfang moderne <strong>Management</strong>systeme<br />
die Informationssicherheit positiv beeinflussen.<br />
4.1 Versionsmanagement<br />
Automatisierungskomponenten besitzen Software in<br />
Form von Firmware. Durch verschiedene Randbedingungen<br />
kann es notwendig werden, die Software auf den Geräten<br />
zu aktualisieren, um den korrekten Betrieb weiterhin<br />
zu gewährleisten, oder bei bekannten Schwachstellen<br />
angemessen zu reagieren.<br />
Die Aktualisierung der Software erfolgt in der Regel mit<br />
herstellerspezifischen Werkzeugen und beinhaltet eine<br />
Hier entstehen Paketverluste!<br />
Manager<br />
.<br />
.<br />
.<br />
ERP<br />
.<br />
.<br />
.<br />
MES<br />
Mana-<br />
gement-<br />
Server<br />
Welche Komponenten sind nicht aktuell?<br />
Welche Dienste werden (von wem) angeboten?<br />
Schaltet alle Dienste ab, die nicht in Policy_X sind!<br />
...<br />
F<br />
C<br />
A<br />
P<br />
S<br />
Bild 1:<br />
Dienstorientiertes<br />
<strong>Management</strong><br />
Operator Station / WBEM-Client<br />
Operator<br />
Informationsmodell<br />
(CIM)<br />
WBEM-System<br />
XML<br />
RMI<br />
Authentifizierungs-<br />
Server<br />
Nutzer r/w Rechte,<br />
Namespace-Rechte<br />
CMPI<br />
CIMOM<br />
Java<br />
Repository<br />
(CIM)<br />
Provider Provider Provider<br />
. . .<br />
Bild 2:<br />
Architektur einer<br />
WBEM-Anwendung<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
53
Hauptbeitrag<br />
Profinet<br />
Get_Instance: CIM_ComputerSystem<br />
Get_Instance: TUDIC_ Device (abstractclass)<br />
I&M<br />
I&M<br />
Get_Instance:TUDIC_DevicePN Get_Instance:TUDIC_DevicePB<br />
Device<br />
Device<br />
Provider<br />
generischer<br />
WBEM-Client<br />
Get_Instance: Linux_Computer System<br />
Web<br />
Server<br />
Web Service<br />
Auslösung I&M<br />
Web Service<br />
Updateserver<br />
Provider<br />
Provider<br />
CIMOM<br />
spezifischer<br />
WBEM-Client<br />
WBEM<br />
Web Server<br />
(Hersteller)<br />
Bild 3: Anwendungsfall<br />
Versionsmanagement mit WBEM<br />
Abfolge von Schritten, die sich für jedes Gerät annähernd<br />
wiederholt. Hierzu gehören Schritte wie das Feststellen<br />
des Ist-Standes, das Ermitteln und Auswählen des Soll-<br />
Standes aus den vom Hersteller angebotenen Versionen<br />
sowie gegebenenfalls das Einspielen des gewählten Softwarestandes<br />
nach anlagenspezifischen Richtlinien. Jeden<br />
dieser Teilschritte für eine große Anzahl von Geräten manuell<br />
zu wiederholen, beansprucht relativ viel Zeit. Während<br />
dieser Reaktionszeit verbleibt das System in einem<br />
potenziell gefährdeten Zustand.<br />
WBEM ermöglicht es, die Einzelschritte für das Überprüfen<br />
der Möglichkeit und Notwendigkeit einer Softwareaktualisierung<br />
zu einem einzelnen Arbeitsschritt<br />
zusammenzufassen. Dabei ist die Anzahl an Geräteinstanzen,<br />
für die eine Updateüberprüfung durchgeführt werden<br />
soll, kein limitierender Faktor. WBEM kann ganze Klassen<br />
und Klassenhierarchien von Informationen als Block abfragen<br />
(Bild 3). Mit einer einzigen Anfrage an das System<br />
können zum Beispiel alle aktualisierbaren Profinet-Geräte<br />
eingesehen werden. Die Verknüpfung der Informationen,<br />
ob eine Aktualisierung verfügbar ist, übernimmt das Informationssystem<br />
selbst.<br />
Für die Realisierung des Anwendungsfalls ist es erforderlich,<br />
Geräteinformationen zu gewinnen, anhand derer<br />
festgestellt werden kann, ob für die Geräte neue Softwarekomponenten<br />
vorliegen. Für Profibus und Profinet hat<br />
die Profibus International (PI) die Identification & Maintenance-Functions<br />
(I&M) [8] definiert. Sie beinhalten Informationen,<br />
die als numerische Werte in den Geräten abgespeichert<br />
sind. Darunter befinden sich Angaben über Hersteller,<br />
Gerätetyp, Seriennummer, Revisionsnummern,<br />
Installationsdatum. Sind die Informationen ausgelesen,<br />
können sie mithilfe externer Systeme interpretiert werden,<br />
sodass ein Zugriff auf weitere Informationen wie Einbauanleitungen<br />
oder Zertifikate ermöglicht wird.<br />
Im vorliegenden Szenario wird das I&M-Feld SoftwareRevision<br />
aus jedem Gerät ausgelesen. Dazu ist der<br />
I&M-Datensatz in CIM modelliert (Bild 4). Für die Feldbustechnologien<br />
kommen dabei unterschiedliche Provider<br />
zum Einsatz. Die Vererbungshierarchie stellt sicher, dass<br />
zukünftige Technologien, die I&M-Daten unterstützen,<br />
mittels geringfügiger Modellerweiterung und eigenen Providern<br />
eingebunden werden können. Aktualisierungen auf<br />
Clientseite sind nicht notwendig.<br />
Nachdem über die Provider die Softwareversion eines<br />
oder mehrerer Geräte ermittelt wurde, lässt sich mit Hilfe<br />
eines externen I&M-Datensatzes [9] die Adresse eines<br />
WebService-Servers beim Hersteller abfragen. So kann der<br />
WBEM-Provider feststellen, ob eine neue Version vorliegt<br />
und weitere Angaben zu Beschreibung, Priorität und Ausgabedetails<br />
der neuen Version abfragen. Da Softwareupdates<br />
in Automatisierungssystemen nicht unkritisch sind,<br />
sieht der Anwendungsfall vor, dass ein Verantwortlicher<br />
in geeigneter Weise darauf hingewiesen wird, dass ein<br />
Softwareupdate vorliegt. Er kann bei Bedarf und nach<br />
gründlicher Prüfung die Aktualisierung mittels WBEM-<br />
Funktionsaufruf einspielen.<br />
Hersteller moderner Systeme und Geräte sehen entsprechende<br />
Maßnahmen in der Regel bereits vor. Es handelt<br />
sich dabei jedoch um proprietäre Systeme, die auf bestimmte<br />
Geräte (die des Herstellers) und Feldbussysteme<br />
beschränkt sind. WBEM dagegen bietet eine durchgängige<br />
Lösung an, die feldbusunabhängig ist und für alle Geräte<br />
angewandt werden kann, sofern die Gerätehersteller bereit<br />
sind, entsprechende Schnittstellen zu schaffen. WBEM<br />
erlaubt es, über die Provider einen Schutz von Hersteller-<br />
Know-how zu wahren.<br />
4.2 Änderung an Netzwerkverbindungen<br />
Ein weiteres reales Problem von Automatisierungssystemen<br />
ist der unbefugte Zugriff auf Daten, die zwischen<br />
Beteiligten eines Systems ausgetauscht werden. Die Über-<br />
54<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
Bild 4:<br />
Schemaerweiterung<br />
zum Einbinden von<br />
I&M in bestehende<br />
CIM-Schemas<br />
wachung des physischen Zugriffs auf die Kommunikationsinfrastruktur<br />
an allen Orten ist – insbesondere in<br />
komplexen Installationen – eine Herausforderung.<br />
Bekommt eine unbefugte Person Zugriff zu einem<br />
Switch, kann sie unter Umständen einen noch ungenutzten<br />
und ungesicherten Ethernetanschluss nutzen, um Geräte<br />
in die Infrastruktur einzubinden oder eine Kabelverbindung<br />
zu ersetzen. Das Abgreifen beziehungsweise<br />
Einschleusen von Daten wird dadurch vereinfacht oder<br />
überhaupt erst ermöglicht.<br />
Deshalb ist es wünschenswert, über Änderungen von<br />
Kabelverbindungen informiert zu werden. An dieser Stelle<br />
kommen zum Beispiel SNMP-Agents zum Einsatz. Sie<br />
können Traps auslösen und diese an einen vorher definierten<br />
Host senden. Hier endet die Funktionalität von SNMP.<br />
Wie mit dieser Trap umgegangen und wie darauf reagiert<br />
wird, ist nicht mehr Bestandteil von SNMP. WBEM liefert<br />
weiterführende Informationen, etwa wo sich die auslösende<br />
Geräteinstanz befindet, wie viele physische Ports sie<br />
insgesamt hat, wie viele Ports laut Projektierung genutzt<br />
werden. Eine WBEM-Lösung verlangt dabei nicht nach<br />
einer vollständigen Neukonfiguration von bestehenden<br />
Lösungen auf SNMP-Basis, sondern integriert diese und<br />
erweitert sie.<br />
Damit WBEM zusätzliche Daten liefern kann, ist es notwendig,<br />
die Informationsmodelle um entsprechende Informationsquellen<br />
zu erweitern. Das ist nicht notwendig,<br />
wenn die Quellen bereits für einen anderen Anwendungsfall<br />
modelliert wurden. Quellen können fast beliebige Formen<br />
haben, etwa Herstellerdatenbanken, Projektierungsinformationen<br />
oder auch Live-Daten von Geräten. Sind<br />
Informationsquellen modelliert, können Beziehungen<br />
zwischen ihnen aufgebaut werden. Eine ist-verbundenmit-Beziehung<br />
würde beispielsweise auf Grundlage der<br />
eingebundenen Informationsquelle Projektierungsdatenbank<br />
die Information liefern, mit welcher Gegenstelle das<br />
umgesteckte Kabel verbunden sein sollte.<br />
Im vorliegenden Anwendungsfall wäre lediglich die<br />
Anbindung an die Projektierungsdatenbank neu zu modellieren.<br />
Die Integration von SNMP-Traps (DMTF: CIM_<br />
SNMPTrapIndication) und die ist-verbunden-mit-Beziehung<br />
(DMTF: CIM_ConnectedTo) sind in den Common-<br />
Schemas der DMTF bereits enthalten und lassen sich direkt<br />
wiederverwenden.<br />
5. Potenziale von WBEM<br />
Immer, wenn Technologien neu in eine Domäne eingebracht<br />
werden, stellt sich die Frage nach dem Nutzen und<br />
dem Mehrwert. Sicherlich trifft das bei WBEM – vor allem<br />
zu Beginn – auch zu. Modelle müssen erst erweitert oder<br />
geschaffen, Provider müssen zunächst erzeugt werden.<br />
WBEM bietet jedoch eine Reihe von Vorteilen gegenüber<br />
den bestehenden Lösungen. Durch die starke und noch<br />
zunehmende Verbreitung von WBEM in der IT können<br />
durch den Einsatz in der Automation die beiden Domänen<br />
besser gekoppelt werden. Hier besteht Potenzial für erhebliche<br />
Kosteneinsparungen durch Wiederverwendung<br />
von Informationen, Geräte-Beschreibungen, Modellelementen<br />
und Schnittstellen.<br />
In der IT gibt es Anwendungsszenarien, die in <strong>Management</strong><br />
Profiles beschrieben werden. Sie geben detailliert an,<br />
wie die WBEM-Informationsmodelle für eine spezielle<br />
<strong>Management</strong>-Aufgabe einzusetzen sind. Ähnliches wäre<br />
auch für die Automation denkbar und würde die Interoperabilität<br />
noch einmal deutlich steigen. Weiterhin sind<br />
für WBEM Ansätze vorhanden, die explizit das Thema<br />
IT-<strong>Security</strong> adressieren [10] und vollständig innerhalb des<br />
Informationsmodells arbeiten. Ähnlich zu den aus dem<br />
Datenbankbereich bekannten Anfragesprachen bietet<br />
WBEM mit WQL eine vergleichbare Sprache an. Damit ist<br />
es möglich, im instrumentierten Modell sehr komplexe<br />
Sachverhalte während der Laufzeit einfach abzufragen.<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
55
Hauptbeitrag<br />
Wesentlich bei WBEM ist auch die Möglichkeit, bestehende<br />
Lösungen nahtlos zu integrieren. Dadurch ist es nicht<br />
nur machbar, Legacy-Systeme weiter zu betreiben, sondern<br />
dies führt auch zu einer Abstraktion und Harmonisierung<br />
der Schnittstellen. Letztlich sind für WBEM und CIM eine<br />
Reihe von leistungsfähigen Werkzeugen und Frameworks<br />
verfügbar, die Spezifikation und Implementierung von<br />
Modellen und Providern stark vereinfachen.<br />
Fazit<br />
Für heterogene Anwendungsgebiete wie die Automation<br />
erfordert das <strong>Management</strong> von Eigenschaften mit Auswirkungen<br />
auf die Informationssicherheit leistungsfähige<br />
Ansätze. Nur so kann die notwendige ganzheitliche Betrachtung<br />
erreicht werden. WBEM bietet dafür einen Ansatzpunkt.<br />
Die Konzepte, die hinter WBEM liegen, eignen<br />
sich gut für Ethernet-basierte Automatisierungssysteme,<br />
da eine Vielzahl von Modellen bereits vordefiniert ist.<br />
Eine Erweiterung auf spezifische Kommunikationslösungen<br />
wie Feldbusse ist relativ gut möglich. Dies kann zum<br />
Beispiel durch Beteiligung an der Standardisierung des<br />
Informationsmodells und durch Definition von automatisierungsspezifischen<br />
<strong>Management</strong>profilen erfolgen.<br />
Wie jede leistungsfähige Lösung bringt auch WBEM einigen<br />
initialen Aufwand mit sich. Allerdings sinkt dieser<br />
Aufwand besonders durch die hohe Wiederverwendbarkeit.<br />
WBEM bietet vor allem im Vergleich zu bestehenden<br />
<strong>Management</strong>-Lösungen auf Basis von SNMP größere Flexibilität<br />
und eine deutlich bessere inhärente Informationssicherheit.<br />
Manuskripteingang<br />
15.11.2011<br />
Im Peer-Review-Verfahren begutachtet<br />
Referenzen<br />
[1] VDI/VDE 2182: Informationssicherheit in der industriellen<br />
Automatisierung. Beuth. 2008<br />
[2] ISO/IEC 10040: Information technology -- Open<br />
Systems Interconnection -- Systems management<br />
overview, 1998<br />
[3] Distributed <strong>Management</strong> Task Force, Web-Based<br />
Enterprise <strong>Management</strong> (WBEM) Initiative 2011,<br />
(http://www.dmtf.org/standards/wbem/)<br />
[4] Hutter, M. Szekely, A. und Wolkerstorfer J.:.<br />
Embedded System <strong>Management</strong> using WBEM,<br />
Integrated Network <strong>Management</strong>, IM '09, 2009<br />
[5] Distributed <strong>Management</strong> Task Force,<br />
CIM Infrastructure Specification 2010,<br />
(http://www.dmtf.org/standards/cim)<br />
[6] Hobbs, C.: Practical Approach to WBEM/CIM<br />
<strong>Management</strong>, CRC Press; 1st <strong>edition</strong>, 2004<br />
[7] Distributed <strong>Management</strong> Task Force, 2.29.0 CIM<br />
Schema 2011,<br />
(http://www.dmtf.org/standards/cim/<br />
cim_schema_v2291)<br />
[8] Profibus Profile Guidelines, Part 1, Identification<br />
& Maintenance Functions. Version 1.1,Profibus<br />
International, May 2003, Order-No. 3.502<br />
[9] Wollschlaeger, M., Frenzel, R.: An Information<br />
Model for Life Cycle Support of Field Device related<br />
Documents. WFCS 2006 6th IEEE Workshop on Factory<br />
Communication Systems, 28. 30.06.2006, Turin,<br />
Proceedings pp.231-234<br />
[10] Pilz, A.: Policy-Maker, a Toolkit for Policy-Based<br />
<strong>Security</strong> <strong>Management</strong>, Network Operations and<br />
<strong>Management</strong> Symposium - NOMS 2004, 2004<br />
Autoren<br />
Univ.-Prof. Dr.-Ing.<br />
habil. Martin<br />
Wollschlaeger<br />
(geb. 1964) ist seit<br />
2003 Inhaber der<br />
Professur Prozesskommunikation<br />
an<br />
der TU Dresden.<br />
Arbeitsgebiete sind<br />
industrielle Automatisierungsnetze,<br />
<strong>Management</strong> von heterogenen industriellen<br />
Netzen, Informationsmodelle und<br />
Beschreibungssprachen sowie Integrationsprozesse<br />
in der Automation.<br />
Dipl. Inf. Robert<br />
Lehmann<br />
(geb. 1980) ist seit<br />
2007 wissenschaftlicher<br />
Mitarbeiter<br />
an der Professur<br />
Prozesskommunikation<br />
an der<br />
TU Dresden.<br />
Arbeitsgebiete sind Datensicherheit<br />
in industriellen Automatisierungsnetzen,<br />
<strong>Management</strong> von heterogenen<br />
industriellen Netzen sowie Industrial<br />
Ethernet.<br />
Dipl. Inf. Roman<br />
Frenzel (geb. 1980)<br />
ist seit 2007 wissenschaftlicher<br />
Mitarbeiter an der<br />
Professur Prozesskommunikation<br />
an<br />
der TU Dresden.<br />
Arbeitsgebiete sind<br />
Geräteintegration in industriellen<br />
Automatisierungsnetzen, <strong>Management</strong><br />
von heterogenen industriellen Netzen<br />
sowie die Unterstützung von Profibus<br />
International bei der Umsetzung von<br />
Softwareprojekten.<br />
Technische Universität Dresden,<br />
Institut für Angewandte Informatik,<br />
D-01062 Dresden,<br />
Tel. +49 (0) 351 46 33 96 70,<br />
E-Mail: Martin.Wollschlaeger@tu-dresden.de<br />
Technische Universität Dresden,<br />
Institut für Angewandte Informatik,<br />
D-01062 Dresden,<br />
Tel. +49 (0) 351 46 33 82 38,<br />
E-Mail: Robert.Lehmann@tu-dresden.de<br />
Technische Universität Dresden,<br />
Institut für Angewandte Informatik,<br />
D-01062 Dresden,<br />
Tel. +49 (0) 351 46 34 20 13,<br />
E-Mail: Roman.Frenzel@tu-dresden.de<br />
56<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
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Automatisierung für die Prozessindustrie<br />
NAMUR-Kompendium 2010<br />
Was interessiert Betreiber von verfahrenstechnischen Anlagen in Zeiten der Krise am meisten? Wie können Krisen als Chance genutzt<br />
werden? Antworten gibt dieses Kompendium, in dem die wichtigsten NAMUR-Aufsätze aus der <strong>atp</strong> der letzten Jahre zusammengestellt<br />
sind. Schärfen Sie Ihren Blick für neue Märkte, verschaffen Sie sich einen Überblick über den Stand der Technik und informieren Sie sich<br />
über Aspekte, die gerade jetzt besonders interessieren. Mit diesem Sammelband bekommen Sie wichtige Anregungen zu den Themen<br />
Anlagensicherheit, Feldbusse, Asset <strong>Management</strong>, Geräteintegration, Instandhaltung oder Umbau bestehender Produktionsanlagen.<br />
Diese Zusammenstellung gibt einen anschaulichen Überblick über die Arbeit der NAMUR.<br />
Hrsg. NAMUR • 1. Auflage 2010, 254 Seiten, Broschur • ISBN: 978-3-8356-3157-1<br />
Wörterbuch der Leit- und Automatisierungstechnik<br />
Im Zuge der Globalisierung werden Übersetzungen von automatisierungstechnischen Fachbegriffen immer wichtiger. Auch die veröffentlichten<br />
Werksnormen sind immer häufiger zweisprachig abgefasst. Entscheider wie auch Praktiker kommen im Berufsalltag mit<br />
fachspezifischen Englischkenntnissen schneller und besser voran. Das neue Wörterbuch (Deutsch – Englisch / Englisch – Deutsch) deckt<br />
alle wichtigen Begriffe der Leit- und Automatisierungstechnik ab und ist deshalb ein überaus nützliches, kompaktes Werk für Ingenieure<br />
und Techniker der Leit- und Automatisierungstechnik.<br />
W, Schorn, N. Große • 1. Auflage 2010, 150 Seiten, Broschur • ISBN: 978-3-8356-3170-0<br />
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hauptbeitrag<br />
Entwicklung von IT-<strong>Security</strong>-<br />
Tests für Profinet IO<br />
Schwachstellenminimierung bei der Geräteentwicklung<br />
Im Rahmen des Forschungsvorhabens VuTAT (Vulnerability Tests of AT Components)<br />
wird ein Testframework auf Basis frei verfügbarer Open Source Software entwickelt. Die<br />
Testmethodik fokussiert auf eine weitgehend automatisierte Identifikation und Analyse<br />
von IT-<strong>Security</strong>-Schwachstellen Ethernet-basierter Automatisierungskomponenten. Der<br />
Beitrag analysiert etablierte Testmethoden und Werkzeuge und die spezifiziert anwendungs-<br />
und kommunikationsbezogenen Kenngrößen, um die Testansätze systematisch zu<br />
erweitern.<br />
SCHLAGWÖRTER Informationssicherheit / Test / Robustheit / Profinet IO<br />
Development of IT <strong>Security</strong> Tests for Profinet IO –<br />
Manage Vulnerabilities in the Device Development<br />
In the VuTAT research project, a test framework will be defined and implemented which<br />
is based on open source software. The test method focusses on the identification and analysis<br />
of IT security vulnerabilities of Ethernet-based automation components. Established<br />
test methods and tools are analysed, as well as application and communication related<br />
characteristic parameters, with the aim of systematically extending the test approach.<br />
KEYWORDS IT security / robustness / test / Profinet IOx<br />
58<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
Heiko Adamczyk, Tino Doehring, ifak e.V. Magdeburg<br />
Mit der VDI/VDE-Richtlinie 2182 wird aus dem<br />
Blickwinkel der industriellen Automation aufgezeigt,<br />
dass ein kausaler Zusammenhang zwischen<br />
Bedrohung (zum Beispiel Virus),<br />
Schwachstelle (beispielsweise Design-, Implementierungs-,<br />
Konfigurationsfehler im Kommunikations-<br />
Stack) und Risiko besteht. Zerlegt man das Risiko in seine<br />
zwei klassischen Faktoren, so erhält man das Schadensausmaß<br />
und die Eintrittswahrscheinlichkeit. Wird weiterhin<br />
angenommen, dass Bedrohungen (zum Beispiel nach BSI-<br />
Grundschutzkatalog [5]) latent vorhanden sind und sie nicht<br />
ohne Weiteres eliminiert werden können – auch nicht, wenn<br />
auf jegliche Kommunikationstechnik verzichtet wird. Bereits<br />
über einen externen Speicher kann ein Virus jederzeit in ein<br />
Automatisierungsgerät eingebracht werden, vorausgesetzt,<br />
das Gerät verfügt über eine solche externe Speicherschnittstelle.<br />
Geht man nun einen Schritt weiter und betrachtet auch<br />
die vorhandene Feldbusschnittstelle, dann wird klar, dass<br />
ein gewisses Bedrohungspotenzial immer prinzip- beziehungsweise<br />
konstruktionsbedingt existiert. Mit der Einführung<br />
Ethernet-basierter Automatisierungsprotokolle, vertikaler<br />
Integration, Fernwartung und Fernsteuerung steigt<br />
automatisch die Bedeutung der Einhaltung von Anforderungen<br />
an die Informationssicherheit (IT-<strong>Security</strong>).<br />
Im Forschungsvorhaben VuTAT [1] wurde die beschriebene<br />
Wirkungskette näher beleuchtet. Dabei ging es darum,<br />
wie Hersteller von Automatisierungslösungen einen wirkungsvollen<br />
Beitrag zur Berücksichtigung von IT <strong>Security</strong><br />
bei der Geräteentwicklung leisten können. Letztlich war<br />
die Frage zu beantworten, an welchem Hebel der Wirkungskette<br />
einfach und effektiv angesetzt werden kann. Das Risiko<br />
mit den Faktoren Eintrittswahrscheinlichkeit und<br />
Schadensausmaß bedingt Wissen über die Endanwendung,<br />
inklusive der Assets. Dieser Hebel steht allerdings mehr<br />
dem Endanwender und weniger dem Hersteller zur Verfügung.<br />
Wenn die genannten Faktoren aus der Wirkungskette<br />
gestrichen werden, bleibt allein die Schwachstelle übrig.<br />
Liegen dem Hersteller keine IT-<strong>Security</strong>-Anforderungen<br />
vor, besteht nicht die Notwendigkeit einer Implementation<br />
von speziellen IT-<strong>Security</strong>-Schutzfunktionen (zum Beispiel<br />
Mechanismen zur Verschlüsselung, der Integritätssicherung).<br />
Trotzdem kann und sollte er einen Beitrag zur<br />
Gewährleistung von IT-<strong>Security</strong> während der Produktentwicklung<br />
leisten. Die Etablierung eines IT-<strong>Security</strong>-relevanten<br />
Entwicklungsprozesses wäre ein zielführender<br />
Beitrag, wie er unter anderem in den Forschungsvorhaben<br />
Mosaik [7] und flexWARE [8] beschrieben wird. VuTAT<br />
liefert einen entscheidenden Beitrag zur Identifikation und<br />
Analyse von IT-<strong>Security</strong>-Schwachstellen in Ethernet-basierten<br />
Automatisierungsgeräten. Erste Ansätze werden<br />
dabei in diesem Beitrag vorgestellt.<br />
1. Standardisierung von IT-<strong>Security</strong>-Tests<br />
Ein wesentlicher Aspekt bei der Umsetzung eines IT-<strong>Security</strong>-relevanten<br />
Entwicklungsprozesses ist es, Schwachstellen<br />
zu reduzieren. Unter Schwachstellen werden Fehler im Sinne<br />
von Design-, Implementierungs- beziehungsweise Konfigurationsfehlern<br />
betrachtet. Grundlage der Analyse sind<br />
dabei Standards und Guidelines aus dem IT-<strong>Security</strong>-Umfeld,<br />
insbesondere aus dem Anwendungsbereich der industriellen<br />
Automatisierung. Als besonders relevant wurden<br />
Standards der ISO/IEC 27000-Serie und der IEC 62443 bewertet.<br />
Darüber hinaus hat sich in Deutschland die VDI/<br />
VDE-Richtlinie 2182 etabliert. Erwähnenswert sind ebenfalls<br />
die Arbeitsergebnisse des National Institute of Standards and<br />
Technology [2], die Open Information System <strong>Security</strong><br />
Group [3], das Open Source <strong>Security</strong> Testing Methodology<br />
Manual [4], das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik<br />
[5] sowie die Profibus-Nutzerorganisation e.V. [6].<br />
Die von diesen Organisationen veröffentlichten Methoden<br />
wurden im Vorhaben VuTAT analysiert und bewertet.<br />
Aus dem Blickwinkel der aufgeführten Aktivitäten erscheinen<br />
vor allem die Ansätze des ISA <strong>Security</strong> Compliance<br />
Institute (ISCI), das in direktem Zusammenhang mit<br />
der IEC 62443 steht, und die Aktivitäten innerhalb der<br />
PNO, konkret im Arbeitskreis Profinet-<strong>Security</strong>, relevant.<br />
Im folgenden Abschnitt werden diese ausgewählten Aktivitäten<br />
eingehender beleuchtet. VuTAT verfolgt einen<br />
Best Practice-Ansatz, in dem möglichst viele bestehende<br />
Ansätze aufgegriffen werden.<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
59
Hauptbeitrag<br />
2. Analyse IT-<strong>Security</strong>-relevanter Tests<br />
Im Umfeld der PNO wurde Ende 2009 das Profinet IO Net<br />
load Whitepaper [11] erarbeitet. Ziel ist, anhand von definierten<br />
Netzlast-Parametern, qualitative Aussagen zum<br />
Netzlastverhalten von Profinet IO (PNIO)-Geräten treffen zu<br />
können. Basierend auf diesem Whitepaper existiert seit Anfang<br />
2011 ein Werkzeug, das für PNO Mitglieder als „Profinet<br />
<strong>Security</strong> Level 1 Tester“ auf der PNO-Webseite zum<br />
kostenfreien Download zur Verfügung steht. Inwieweit nun<br />
IT-<strong>Security</strong>-Aspekte, wie zum Beispiel Denial of Service<br />
(DoS), damit abgedeckt werden, wurde im Vorhaben VuTAT<br />
speziell untersucht. Ergebnis der Analyse: Das Werkzeug<br />
Profinet <strong>Security</strong> Level 1-Tester, das eine Implementierung<br />
der Konzepte des Whitepapers darstellt, führt eher Robustheitstests<br />
und weniger dedizierte <strong>Security</strong>-Tests durch. So<br />
werden beispielsweise DoS-Tests explizit ausgeklammert.<br />
2.1 Profinet IO Net load Whitepaper<br />
Das Profinet IO Net load Whitepaper beschreibt Robustheitstests<br />
ausschließlich für PNIO-Geräte. Es wurden ausgewählte<br />
Parameter definiert, die eine qualitative Aussage<br />
zum Netzlastverhalten von PNIO-Geräten ermöglichen.<br />
Diese Aussagen werden während des Zertifizierungsprozesses<br />
gesammelt und sind informativer Bestandteil des<br />
Profinet-IO-Device-Zertifikats. Unter dem Begriff Net class<br />
IO<br />
Controller<br />
Monitoring<br />
via TAP<br />
Level 1 Level 2<br />
Level 3<br />
Software Development <strong>Security</strong> Assessment<br />
IO Device<br />
(Switch)<br />
IO Device<br />
under Test<br />
(DUT)<br />
IO Device<br />
(Switch)<br />
Functional <strong>Security</strong> Assessment<br />
Load Generator<br />
Communication Robustness Testing<br />
(all levels)<br />
Bild 1: Testsystem des Profinet <strong>Security</strong> Level 1-Tester<br />
Bild 2: ISASecure EDSA-Programm<br />
Certification scheme<br />
(100)<br />
Maintenance of<br />
ISASecure<br />
certification (301)<br />
ISASecure<br />
certification<br />
requirements (300)<br />
Chartered lab<br />
operations and<br />
accreditation (200)<br />
CRT tool<br />
recognition<br />
(201)<br />
ISCI certification<br />
scheme<br />
operation (101)<br />
Bild 3:<br />
Zertifizierungsschema<br />
nach ISCI [9].<br />
FSA<br />
(311)<br />
SDSA<br />
(312)<br />
CRT<br />
common<br />
(310)<br />
Report<br />
example<br />
(303)<br />
Symbol and<br />
certificates<br />
(204)<br />
ASCI Chartered<br />
Test Lab Process<br />
ISO/IEC Guide 65<br />
ans IAF version<br />
ISO/IEC 17025<br />
ISO/IEC 17011<br />
CRT<br />
"Ethernet"<br />
(401)<br />
CRT<br />
ARP<br />
(402)<br />
CRT<br />
IPv4<br />
(403)<br />
CRT<br />
ICMPv4<br />
(404)<br />
CRT<br />
UDP<br />
(405)<br />
CRT<br />
TCP<br />
(406)<br />
PNIO Kommunikationskanal<br />
Anwendungsschnittstelle<br />
Anwendungsschnittstelle<br />
PNIO Kommunikationskanal<br />
Anwendungsschnittstelle<br />
Anwendungsschnittstelle<br />
Anwendung<br />
(Producer)<br />
Anwendung<br />
(Consumer)<br />
Anwendung<br />
(Producer)<br />
comm.req<br />
1<br />
PNIO Controller<br />
PNIO Device<br />
1<br />
Anwendung<br />
(Consumer)<br />
comm.ind<br />
Übertragungs<br />
-zeit<br />
Sendezyklusinterval<br />
comm.req<br />
1<br />
2<br />
PNIO Controller<br />
PNIO Device<br />
1<br />
2<br />
comm.ind<br />
Aktualisierungs<br />
-zeit<br />
Bild 4: Definition der Übertragungszeit<br />
Bild 5: Definition der Aktualisierungszeit<br />
60<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
wird so jedem zertifizierten PNIO-Device die Robustheit<br />
gegenüber definierten Netzlasten bescheinigt.<br />
Eine Umsetzung des Whitepapers erfolgte mit dem<br />
Werkzeug Profinet <strong>Security</strong> Level 1-Tester. Das Linuxbasierte<br />
Testwerkzeug (Kanotix, basiert auf Debian) arbeitet<br />
mit vordefinierten Testfällen, den KTpnio_NetzlastSequenzen.<br />
Sie sind als Skripte realisiert und lassen<br />
sich so einfach vom Nutzer ausführen. Dafür wird lediglich<br />
ein Paketgenerator benötigt (PackETH), der vorab in<br />
das Kanotix zu installieren ist. Während der Tests werden<br />
verschiedene Protokolle eingesetzt. Mit ihnen werden<br />
folgende zwei Klassen von Netzwerklasten erzeugt:<br />
Ungerichtete Netzwerklast: Hierbei werden Garbage-<br />
Telegramme mit unterschiedlichen Längen und undefiniertem<br />
Inhalt als Unicast, Multicast und Broadcast<br />
verwendet. Diese Telegramme sind direkt an das zu<br />
testende Gerät adressiert.<br />
Gerichtete Netzwerklast: Hier wird der Prüfling unter<br />
anderem mit den IT-Standard-Protokollen ARP, RARP,<br />
LLDP, IP, ICMP, TCP, UDP sowie den PNIO-Protokollen<br />
RTC, RTA, MRP, DCP und PTCP stimuliert (Broadcast,<br />
Multicast, Unicast).<br />
Die Testfälle werden in drei Klassen unterteilt:<br />
Normal Operation: Dabei behält ein Gerät seine vollständige<br />
Funktionalität bei, was beispielsweise den Erhalt<br />
der Echtzeitkommunikation und die Erreichbarkeit zusätzlicher<br />
Dienste, wie zum Beispiel SNMP, bedeutet.<br />
Limited Communication: Ein Gerät erfüllt seine Hauptaufgabe<br />
weiterhin, wobei die Echtzeitkommunikation<br />
ebenfalls nicht gestört sein soll. Allerdings muss die<br />
Erreichbarkeit von zusätzlichen Diensten, beispielsweise<br />
FTP, nicht gesichert sein.<br />
Faulty Communication: In dieser Klasse kann es vorkommen,<br />
dass die Hauptaufgabe eines Geräts stark beeinträchtigt<br />
wird. In diesem Fall ist die Echtzeitkommunikation<br />
nicht länger gesichert. Als Akzeptanzkriterium<br />
ist dabei wichtig, dass das Gerät nach Beendigung<br />
der Tests ohne einen Neustart oder Defekt wieder<br />
die normale Kommunikation (Echtzeit, zusätzliche<br />
Dienste) aufnehmen kann.<br />
Der Testsystemaufbau wird im Bild 1 dargestellt. Er verdeutlicht,<br />
dass das Monitoring der bestehenden Profinet-<br />
Echtzeitkommunikation zwischen dem IO-Controller<br />
und dem IO-Device-under-Test und der vom LoadGenerator<br />
erzeugten Netzwerklast anhand eines separaten,<br />
hoch performanten Monitors erfolgen muss. Die Performance<br />
ist deshalb wichtig, da eine große Anzahl versendeter<br />
Pakete ein Software-seitiges Monitoring, zum Beispiel<br />
durch Wireshark, kaum ermöglicht. Dies tritt insbesondere<br />
bei Messungen über einen längeren Zeitraum<br />
auf. Messungen sind jedoch zwingend notwendig, da<br />
außer der Aufzeichnung keine weiteren Ergebnisse, beispielsweise<br />
aus Sicht der Anwendung, erzeugt werden.<br />
Es erfolgt demnach auch keine automatische Bewertung<br />
der Akzeptanzkriterien. Dies ist mit Hilfe der Protokoll-<br />
Aufzeichnungen und anhand des Zustandes des Prüflings<br />
manuell durchzuführen. Das Whitepaper bietet<br />
dazu keine Hilfestellung, Es definiert auch nicht den<br />
Ausgangszustand des Prüflings. Zum geforderten Ausgangszustand<br />
der Anwendung und der Kommunikation<br />
des Prüflings werden keine Aussagen getroffen.<br />
2.2 Spezifikationen des ISA <strong>Security</strong> Compliance Institute<br />
Das ISCI wurde 2007 von Organisationen der Industrial<br />
Automation Controls Community mit dem Ziel gegründet,<br />
ein höheres Sicherheitslevel für industrielle Automatisierungssysteme<br />
zu erreichen Dies soll durch Zertifizierungstests<br />
angestrebt werden, die im Prüfling den Standard-<br />
Protokoll-Stack auf seine Robustheit hin testen. Dazu<br />
wurde für eingebettete Systeme das ISASecure EDSA<br />
Certification-Schema entwickelt (EDSA – Embedded Device<br />
<strong>Security</strong> Assurance Certification), das sich an etablierten<br />
Testprozeduren orientiert. Beispiel dafür ist die<br />
Safety Integrity Level- (SIL) Zertifizierung nach dem internationalen<br />
Standard IEC 61508 (funktionale Sicherheit).<br />
Das ISASecure EDSA Programm bietet für ein Gerät drei<br />
Zertifizierungslevel an (siehe Bild 2). Auf Basis der Level<br />
werden folgende Testziele verfolgt:<br />
Software Development <strong>Security</strong> Assessment (SDSA):<br />
Begutachtung des Softwareentwicklungsprozesses und<br />
Erstellung der Anforderungen für die Entwicklungsphasen,<br />
Functional <strong>Security</strong> Assessment (FSA): Begutachtung<br />
der Sicherheitsfunktionen des Gerätes,<br />
Communication Robustness Testing (CRT): Dieses Element<br />
der Zertifizierung bildet den Robustheitstest.<br />
Durch die Level erfolgt eine Abstufung der Testtiefe hinsichtlich<br />
der Testziele SDSA, FSA und CRT. Aus Sicht des<br />
Vorhabens VuTAT ist allein das CRT interessant. Für VuTAT<br />
werden diese Robustheitstests zur Schwachstellenidentifikation<br />
und -analyse von Ethernet-basierten Automatisierungsgeräten<br />
herangezogen. Eine Begutachtung des Softwareentwicklungsprozesses<br />
und der im Gerät möglicherweise<br />
implementierten IT-Sicherheitsfunktionen spielen<br />
in VuTAT keine Rolle. Letzteres trifft zu, da PNIO gemäß<br />
IEC 61158 keine expliziten IT-Sicherheitsfunktionen definiert.<br />
Selbst die IEC 62443 enthält derzeit keine technischen<br />
IT Sicherheitsfunktionen für PNIO-Geräte.<br />
Hinter dem CRT verbirgt sich eine Vielzahl von Protokoll-<br />
Testspezifikationen, die von der Webseite kostenfrei bezogen<br />
werden können [9]. Einen Überblick vermittelt Bild 3.<br />
Das CRT ist in fünf Prioritätsgruppen von Netzwerkprotokollen<br />
eingeteilt, wobei bis heute lediglich Gruppe 1<br />
umgesetzt wurde. Die Gruppen 2 bis 5 sollen später folgen.<br />
Zur Gruppe 1 gehören IEEE 802.3 (Ethernet), ARP, IPv4,<br />
ICMPv4, TCP und UDP. Interessant unter dem Aspekt<br />
VuTAT ist jedoch die Gruppe 4, zu der unter anderem die<br />
PNIO-Protokolle zählen. Aus heutiger Sicht bedeutet dies,<br />
dass keine existierenden ISCI-Testcases adaptiert beziehungsweise<br />
integriert werden können.<br />
Auf Basis dieser Ausgangssituation wird eine Testmethodik<br />
definiert, die möglichst viel von den aufgezeigten<br />
Ansätzen übernimmt.<br />
3. Definition von anwendungsbezogenen<br />
KenngröSSen<br />
Standardtests zur einheitlichen Bewertung industrieller<br />
Kommunikationslösungen müssen in erster Linie anwendungsorientierte<br />
Ergebnisse liefern. In den bisher vorgestellten<br />
Ansätzen fehlte diese Sichtweise. Hersteller,<br />
Dienstleister oder Anwender müssen in der Lage sein, die<br />
Ergebnisse der Tests mit Bezug zur automatisierungstech-<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
61
Hauptbeitrag<br />
nischen Anwendung beurteilen zu können. Im Vergleich<br />
eignet sich die Angabe reiner kommunikations- und gerätespezifischer<br />
Parameter weniger für eine Beurteilung.<br />
Es gilt nun, anwendungsbezogene Kenngrößen zu definieren.<br />
Dabei stellt sich die Frage, welcher essentiellen<br />
Anwendung basierend auf PNIO können Kenngrößen<br />
zugeordnet und im Testverlauf einfach ermittelt werden?<br />
Hier lohnt es sich, zunächst einen Blick in die zahlreichen<br />
ISCI-Spezifikationen zu werfen. In EDSA310 [10] findet<br />
sich die Definition der Essential Services. Das sind jene<br />
Gerätefunktionen, die vor der Testdurchführung gemeinsam<br />
vom Hersteller und Testlabor als Beobachtungsgrundlage<br />
zu definieren sind. Auf sie beziehen sich dann die zu<br />
definierenden Akzeptanzkriterien. Entscheidend ist, dass<br />
die Festlegung der Essential Services individuell ausfällt.<br />
Es lässt sich demnach keine einheitliche Definition finden.<br />
3.1 Definition der Essential Services<br />
Im Vorhaben VuTAT werden für PNIO die Dienste auf Basis<br />
der Realtime Cyclic, Realtime-Acyclic-Protokolle und<br />
des Contextmanagements als Essential Services betrachtet.<br />
Die Grundlage bildet eine Application Relationship (AR).<br />
Eine AR beschreibt unter anderem die Art und Menge der<br />
Kommunikationsbeziehungen (Communication Relationship<br />
– CR) zwischen zwei PNIO-Geräten. Eine CR bildet<br />
quasi echte Kommunikationsflüsse ab, in denen sich zyklische<br />
Nutzdaten mithilfe des Realtime-Cyclic-Protokolls<br />
(RTC) und azyklische Nutzdaten mittels des Realtime-<br />
Acyclic-Protokolls (RTA) austauschen lassen. Diese Protokolle<br />
sind in der IEC 61158 definiert. Sie bilden den echtzeitfähigen<br />
Kern eines PNIO-Kommunikationssystems<br />
und gelten damit als Essential Services mit der höchsten<br />
Bedeutung. Mittels RTC werden hauptsächlich periodische<br />
Daten, meist I/O-Daten wie zum Beispiel Sensorwerte,<br />
ausgetauscht. Die dafür verwendeten Dienste sind unbestätigte<br />
Dienste (Consumer-Provider-Modell). Mittels<br />
RTA werden hingegen aperiodische Daten ausgetauscht,<br />
das können beispielsweise Alarme oder Diagnoseinformationen<br />
sein. RTA-basierte Dienste sind bestätigte Dienste.<br />
Neben RTA/RTC definiert PNIO ein Contextmanagement,<br />
das für Verbindungsaufbau, Konfiguration und Parametrierung<br />
zuständig ist. Das Contextmanagement nutzt hier Remote<br />
Procedure Call (RPC), einen in der Office-Welt etablierten<br />
Dienst. RPC selbst ist in RFC-1057 und RFC-5531<br />
beschrieben. Der RPC-Dienst ist ebenfalls ein bestätigter<br />
Dienst und arbeitet nach dem Client-Server-Modell. Darüber<br />
hinaus gehört zum Contextmanagement noch das Profinetspezifische<br />
Discovery and Configuration Protocol (DCP),<br />
das zur Namens- und Adressauflösung verwendet wird.<br />
3.2 Übertragungszeit<br />
Die Übertragungszeit (Transmission Time) ist eine grundlegende<br />
Kenngröße, die es ermöglicht, die Verfügbarkeit und<br />
Echtzeitfähigkeit eines PNIO-Systems zu bewerten. Dabei ist<br />
von Interesse, wie lange die Übertragung eines Nutzdatums<br />
vom Producer (zum Beispiel ein Sensor) bis zum Consumer<br />
(beispielsweise einer Steuerung) dauert. Ein einheitliches<br />
Verständnis dieser Zeitspanne erfordert die genaue Festlegung<br />
des Starts der Messung und deren Ende. Gemäß VDI/<br />
VDE Richtlinie 2185 ist die Übertragungszeit der Zeitabschnitt<br />
von der Übergabe des ersten atomaren Bestandteils<br />
der Nutzdaten (Bit, Oktet) an der Schnittstelle zwischen Anwendung<br />
und PNIO-Kommunikation eines Producers und<br />
der Übergabe des letzten atomaren Bestandteils derselben<br />
Nutzdaten an der Schnittstelle zwischen PNIO-Kommunikation<br />
und Anwendung eines Consumers (siehe Bild 4).<br />
Die Übertragungszeit eignet sich als Kenngröße der Echtzeitfähigkeit<br />
besonders für Anwendungen mit aperiodischem<br />
Kommunikationsbedarf. Unabhängig vom zeitlichen<br />
Abstand zweier Übertragungen lässt sich der Zeitpunkt der<br />
Bereitstellung der Nutzdaten am Consumer bewerten.<br />
3.3 Aktualisierungszeit<br />
Die Aktualisierungszeit (Update time) entspricht im Idealfall<br />
dem Sendezeitintervall (siehe Bild 5). Das heißt, die<br />
übertragenen Nutzdaten werden an der Anwendungsschnittstelle<br />
des Consumers in denselben zeitlichen Abständen<br />
übernommen, wie sie an der Anwendungsschnittstelle<br />
des Producers übergeben wurden. Die Aktualisierungszeit<br />
ist definiert als der Zeitabschnitt von der Übergabe des letzten<br />
atomaren Bestandteils der Nutzdaten eines Producer an<br />
der Anwendungsschnittstelle eines Consumer bis zur Übergabe<br />
des letzten atomaren Bestandteils der unmittelbar<br />
nachfolgend übertragenen Nutzdaten vom gleichen Producer.<br />
Die Aktualisierungszeit eignet sich besonders für die<br />
Bewertung der Echtzeitfähigkeit von Anwendungen mit<br />
periodischem Kommunikationsbedarf. Sie kann auch zur<br />
Ermittlung der Verfügbarkeit genutzt werden.<br />
3.4 Fehlerkenngrößen<br />
Weitere anwendungsbezogene Kenngrößen sind Fehlerkenngrößen.<br />
Dazu gehören:<br />
Anzahl korrekt empfangener Pakete: Für die Anzahl korrekt<br />
empfangener Pakete gilt, dass der Dateninhalt des<br />
empfangenen mit dem Dateninhalt des gesendeten Paketes<br />
übereinstimmt und die Reihenfolge der empfangenen Pakete<br />
mit der Reihenfolge der gesendeten Pakete identisch<br />
sein muss. Überholte Pakete werden als Verlust gewertet.<br />
Anzahl verlorener Pakete: Ein Paket gilt als verloren,<br />
wenn das an der Anwendungsschnittstelle des Producers<br />
übergebene Paket nicht oder außerhalb eines definierten<br />
Zeitfensters an der Anwendungsschnittstelle<br />
des Consumers übergeben wird.<br />
3.5 Weitere Kenngrößen<br />
In der derzeitigen Bearbeitungsphase (Stand: Januar 2012)<br />
sind weitere Kenngrößen identifiziert, deren Relevanz für<br />
IT-<strong>Security</strong>-relevante Tests jedoch noch nachzuweisen<br />
ist, Beispiel Verbindungsaufbauzeit. Sie definiert die Zeitspanne<br />
zwischen dem Namensauflösungsalgorithmus<br />
mithilfe des Discovery and Configuration Protocol (DCP)<br />
und der „ApplicationReady“-Quittierung des Prüflings.<br />
3.6 Einführung von Robustheitsklassen<br />
Eine Klassifikation der Robustheit ermöglicht es dem Hersteller,<br />
sein Produkt für eine definierte Situation robust<br />
zu gestalten. Da er ohnehin einen Spagat zwischen Per-<br />
62<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
Service Client<br />
IOC<br />
Index Bedeutung<br />
Service Server<br />
IOD<br />
0xAFF0<br />
0xF841<br />
0x802A<br />
0xC000<br />
I&M0<br />
PDRealData<br />
PDPortDataReal<br />
ExpectedIdentification<br />
for one Slot<br />
ClientCall.Request<br />
I&M0<br />
Index<br />
MIB<br />
Parameter<br />
0xC001<br />
0xE000<br />
0xF000<br />
…<br />
RealIdentification<br />
forone Slot<br />
ExpectedIdentificationData<br />
for one AR<br />
RealIdentificationData<br />
for one API<br />
…<br />
MIB<br />
ServerCall.Response<br />
VendorID,<br />
OrderID,<br />
SerialNumber,<br />
HWRevision,…<br />
I&M0<br />
PDRealData<br />
…<br />
VendorID,<br />
OrderID,<br />
SerialNumber,<br />
HWRevision ,…<br />
…,<br />
PortID ,<br />
PeerPortID,<br />
PeerChassisID,<br />
PeerMAC,<br />
MAUType ,<br />
LinkState,<br />
MediaType<br />
…<br />
Bild 6: Auslesen<br />
der PNIO-MIB<br />
Index Bedeutung Informationen<br />
0xAFF0 I&M0 Hersteller ID, Ordernummer, Seriennummer, Hardwarerevisionsnummer,…<br />
0xF841<br />
PDRealData<br />
0x802A PDPortDataReal Bestandteil von PDRealData<br />
0xC000<br />
0xC001<br />
0xE000<br />
…<br />
0x8072<br />
0xF830<br />
ExpectedIdentification for one Slot<br />
RealIdentification for one Slot<br />
ExpectedIdentificationData for one AR<br />
…<br />
Fkt.4<br />
PDPortStatistic LogData<br />
Eigene Portinformationen (MAUType, LinkStatus, MediaType), Nachbarschaftsinformationen<br />
(Portinformationen, Chassis ID, MAC), …<br />
Slotnummer, ModuleID, Anzahl der Subslots,<br />
Subslotliste mit Slotnummer und SubmoduleID<br />
Slotnummer, ModuleID, Anzahl der Subslots,<br />
Subslotliste mit Slotnummer und SubmoduleID<br />
Anzahl der Slots , Liste mit Slotnummer, ModuleID, Anzahl der Subslots,<br />
Subslotliste mit Slotnummer und SubmoduleID<br />
Anzahl von empfangenen/gesendet Paketen, verworfenen Paketen<br />
(In/Out) und aufgetretenden Fehlern (In/Out)<br />
Lokaler Zeitstempel im IOD, Anzahl der Log-Einträge, Log-Einträge<br />
(AR, Status, Details)<br />
Bild 7: Inhalte der PNIO-MIB (Auszug)<br />
Single Port IUT<br />
Testwerkzeug (PC-basiert)<br />
Applikation<br />
PC<br />
GUI<br />
Ergebnis<br />
PN RT<br />
API (upper layer)<br />
PN CM<br />
PN NRT<br />
ETH<br />
IT Standard<br />
Protokolle<br />
Testtool<br />
(Open Source)<br />
Auswertung<br />
(Protokollierung)<br />
Testadapter<br />
(Lower Tester))<br />
Testfall<br />
Parameter<br />
API<br />
(lower layer)<br />
Controller<br />
Strack<br />
MIB<br />
Kenngrößen<br />
API<br />
(lower layer)<br />
Controller<br />
Strack<br />
PN CTL<br />
Bild 8:<br />
Architekturvorschlag<br />
des VuTAT-Testsystems [1]<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
63
Hauptbeitrag<br />
formance, Ressourcenbedarf und Herstellungskosten zu<br />
bewältigen hat, ist es sinnvoll, Geräte verschiedenen Klassen<br />
zuordnen zu können. Dieser Ansatz ist also zweckoptimiert,<br />
denn nicht jedes Gerät muss letztlich so leistungsfähig<br />
sein, dass es die höchsten Robustheitsanforderungen<br />
erfüllt. Der Betreiber kann so ein für seine Anforderungen<br />
optimales Produkt auswählen.<br />
Die im Folgenden vorgestellten Robustheitsklassen spiegeln<br />
einen ersten Ansatz wider. Zur tatsächlichen Bestimmung<br />
sinnvoller Robustheitsklassen müssen in weiteren<br />
praktischen Untersuchungen Bedingungen variiert werden,<br />
um die optimalen Kenngrößen und Beobachtungszeiträume<br />
festzulegen.<br />
Diskussionsgrundlage ist die zuvor definierte Aktualisierungszeit<br />
für die mit dem RTC-Protokoll zu übertragenden<br />
Nutzdaten. Bei der messtechnischen Ermittlung dieser<br />
Kenngröße ist zu beachten, dass es sich um einen<br />
statistischen Messwert handelt. Die Angabe des Perzentil<br />
95 (p95)-Wertes ist ein erster Ansatz. Anhand der unter<br />
Idealbedingungen ermittelten Aktualisierungszeit lassen<br />
sich nun Grenzwerte in unterschiedlicher Größe definieren,<br />
wovon sich letztlich die Robustheitsklassen ableiten.<br />
Beispielsweise erfüllt ein Prüfling die Klasse 1, wenn im<br />
gesamten Testverlauf seine gemessene Aktualisierungszeit<br />
den unter Idealbedingungen ermittelten Wert um<br />
nicht mehr als 10 % übersteigt. Weiterhin wurden für die<br />
Klasse 2 zunächst 30 % und für die Klasse 3 zunächst<br />
50 % als Initialwerte vorgeschlagen. Der Begriff Initialwerte<br />
verdeutlicht, dass diese Werte noch angepasst werden.<br />
Dazu ist eine Testspezifikation notwendig, die in<br />
Referenzen<br />
[1] VuTAT – Vulnerability Tests of AT Components, Laufzeit:<br />
10/2009 bis 12/2012, FKZ:16231 BG1, BMWi über AiF<br />
[2] NIST, Creating a Patch and Vulnerability <strong>Management</strong><br />
Program, Special Publication 800-40 Version 2.0<br />
[3] Information Systems <strong>Security</strong> Assessment Framework<br />
(ISSAF) draft 0.2, 01, OISSG, 2005<br />
[4] OSSTMM 3 - The Open Source <strong>Security</strong> Testing<br />
Methodology Manual, 2010<br />
[5] Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik,<br />
IT-Grundschutz-Kataloge, Online auf https://www.bsi.<br />
bund.de/ContentBSI/grundschutz/kataloge/kataloge.html<br />
[6] Profibus Nutzerorganisation e.V., Arbeitskreis Profinet<br />
<strong>Security</strong>, 2012<br />
[7] MOSAIK – Modellbasiertes Software Engineering für<br />
IT-sichere eingebettete Geräte von KMU, Laufzeit:<br />
07/2009 bis 06/2012, FKZ: VF081029, BMWi<br />
[8] flexWARE – Flexible Wireless Automation in Real-Time<br />
Environments, Laufzeit: 09/2008 bis 02/2012, FKZ: EU<br />
ICT-224350<br />
[9] ISA <strong>Security</strong> Compliance Institute; http://www.isasecure.org/,<br />
letzter Zugriff am 17.02.2012<br />
[10] EDSA-310, ISA <strong>Security</strong> Compliance Institute – Embedded<br />
Device <strong>Security</strong> Assurance – Common requirements<br />
for communication robustness testing of IP-based<br />
protocol implementations; Version 1.7; September 2010<br />
[11] White Paper Profinet IO Net load, Version 1.0, Ausgabe 1,<br />
Profibus &Profinet Nutzerorganisation e. V., 2009-11-23<br />
ihrer ersten Umsetzung zeigen wird, was die Geräte unter<br />
den Testbedingungen überhaupt erreichen. Erste Testcases<br />
werden im Vorhaben VuTAT entworfen und derzeit<br />
im Profinet-<strong>Security</strong>-Arbeitskreis der PNO diskutiert [6].<br />
4. Kommunikationsbezogene KenngröSSen<br />
Für die Diagnose im Rahmen der IT-<strong>Security</strong>-Tests wurden<br />
im Vorfeld Kenngrößen zur Verhaltensbeurteilung des<br />
Prüflings aus Anwendersicht eingeführt. Akzeptanzkriterien<br />
allein auf Basis dieser Kenngrößen sind zwar neu<br />
und zudem wünschenswert, aber letztlich nicht ausreichend.<br />
Eine vollständige Verhaltensbeurteilung des Prüflings<br />
muss sämtliche Schnittstellen in Betracht ziehen.<br />
Die Stimulation des Prüflings erfolgt ausschließlich über<br />
die PNIO-Schnittstelle. Bei näherer Betrachtung kann sie<br />
auch als Diagnoseschnittstelle fungieren. Natürlich muss<br />
dies differenziert betrachtet werden, da die Diagnosefähigkeit<br />
dieser Schnittstelle im Testverlauf möglicherweise<br />
stark eingeschränkt ist. So wird beispielsweise bei einem<br />
Test zur Überprüfung des Verhaltens bei Denial of Service<br />
beziehungsweise Volllastsituationen die Schnittstelle so<br />
stark belastet, dass sie keine oder nur unzuverlässige Diagnoseinformationen<br />
liefert.<br />
Ungeachtet derartiger Randbedingungen wurde untersucht,<br />
welche Diagnoseinformationen überhaupt an der<br />
Kommunikationsschnittstelle zur Verfügung stehen. Dabei<br />
werden zwei Ansätze verfolgt. Der erste prüft die Möglichkeiten<br />
zur Bewertung des Zeit- und Fehlerverhaltens durch<br />
Monitoring der PNIO-Kommunikation, beispielsweise mit<br />
dem Monitoring-Werkzeug Wireshark. Der zweite prüft die<br />
Möglichkeit, geräte- und kommunikationsspezifische Parameter<br />
für eine Diagnose beziehungsweise Verhaltensbewertung<br />
heranzuziehen. Der Ansatz basiert darauf, MIB-Parameter<br />
des Kommunikations-Stacks über die PNIO-Schnittstelle<br />
oder mithilfe der zugrunde liegenden Ethernet-<br />
Schnittstelle aktiv auszulesen. Parameter der <strong>Management</strong><br />
Information Base (MIB) können über definierte Lese- und<br />
Schreibdienste angesprochen werden. MIB sind nahezu für<br />
alle Ebenen des OSI-Referenzmodells definiert. Für den<br />
MIB-Zugriff hat sich der SNMP-Dienst etabliert, der sich<br />
insbesondere im Bereich des <strong>Management</strong>s von IT-Landschaften<br />
als De-facto-Standard herauskristallisiert hat.<br />
Trotz des hohen Verbreitungsgrades muss erwähnt werden,<br />
dass die Implementierung des SNMP-Dienstes und<br />
der verschiedenen MIB optional ist. So bleibt eine systematische<br />
Nutzung der MIB-Parameter für eine Gerätediagnose<br />
schwierig. Daher wird zunächst theoretisch untersucht,<br />
welche MIB und welche Parameter sich prinzipiell<br />
für eine Diagnose eignen. Es ist die Frage zu beantworten,<br />
welche Information sie im Einzelnen und im<br />
Zusammenhang liefern, zum Beispiel mit den anwendungsbezogenen<br />
Kenngrößen. Grundlage der Untersuchungen<br />
sind die globale Internet MIB (RFC-1156) und<br />
weitere MIB-Module wie zum Beispiel MIB-II für TCP/IP<br />
(RFC-1213). Auch Profinet hat eine MIB definiert. Sie findet<br />
unter anderem Anwendung bei der Akquise von Nachbarschaftsinformationen<br />
mittels LLDP-Protokoll. Die vom<br />
PNIO eingesammelten Informationen lassen sich dann<br />
über PNIO-CM-Read-Dienste auslesen.<br />
In Bild 6 ist der Zugriff auf diese Kommunikations-relevanten<br />
Parameter skizziert. Einen Ausschnitt der Kommunikations-relevanten<br />
Parameter zeigt Bild 7. Greifen wir<br />
exemplarisch auf PDRealData beziehungsweise PDPortDa-<br />
64<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012
taReal zu, so können Port-Kenngrößen ausgelesen werden.<br />
Durch den Autonegotiation-Mechanismus wird zum Beispiel<br />
die maximal mögliche Baudrate durch Handshake<br />
über Ethernet ausgehandelt. Dieser Parameter ist unter<br />
anderem hilfreich, um die Bandbreitenberechnung für die<br />
Robustheitstests (zum Beispiel DoS) durchzuführen.<br />
Wie Bild 7 zeigt, stehen weitere interessante Kenngrößen<br />
zur Verfügung. Der Parameterblock PDPortStatistic<br />
kann Fehler-Kenngrößen auf Kommunikationsebene auslesen.<br />
Während einer späteren Gesamtauswertung sind<br />
sie dann in Verhältnis zu den Fehlerkenngrößen auf Anwendungsebene<br />
zu stellen. Dabei werden Rückschlüsse<br />
hinsichtlich des Fehlerverhaltens im Kommunikations-<br />
Stack erwartet. Wie solche Rückschlüsse aussehen können,<br />
wird derzeit erarbeitet.<br />
5. Konzept für Systemtest<br />
Auf Basis der definierten Testziele und Kenngrößen wird<br />
nun ein Testsystemkonzept abgeleitet. Die spezifische<br />
Ausprägung eines Testsystems könnte wie in Bild 8 aufgebaut<br />
sein. In diesem Fall wird auf das Testsystem über<br />
eine GUI zugegriffen. Der auszuführende Testfall umfasst<br />
mehrere Testskripte, die jeweils für eine „Implementierung<br />
Under Test“ (IUT) abgearbeitet werden. Auf diese<br />
Weise lässt sich eine verteilte Testdurchführung mit zentraler<br />
Koordination im Testwerkzeug modellieren.<br />
Als Testwerkzeug wird zunächst der Open-Source-<br />
Schwachstellenscanner OpenVAS favorisiert. Mit diesem<br />
Werkzeug lassen sich zahlreiche Anforderungen des Vu-<br />
TAT Projektes umsetzen. OpenVAS unterstützt zwei Testbeschreibungssprachen,<br />
die Nessus-Attack-Scripting-<br />
Language (NASL) und „Open-Vulnerability and Assessment-Language<br />
(OVAL). Im Gegensatz zur ausführbaren<br />
Skriptsprache NASL ist OVAL eine XML-basierte Beschreibungssprache,<br />
die verwendet wird, um den Zustand<br />
eines Prüflings beziehungsweise seiner Bestandteile textuell<br />
und letztlich einheitlich zu beschreiben. In VuTAT<br />
wird zunächst NASL zur Testfall-Notation verwendet.<br />
Mittels OpenVAS werden diese dann ausgeführt.<br />
Zentraler Punkt des Testkonzeptes ist die Ermittlung<br />
von Kenngrößen und MIB-Parametern, die ausreichend<br />
detailliert ausagen, wie sich der Prüfling verhält. Eine erste<br />
prototypische Umsetzung ist für Mitte 2012 geplant. Die<br />
Umsetzung der Testcases wird zudem eng abgestimmt mit<br />
dem PNO-Arbeitskreis Profinet <strong>Security</strong> erfolgen.<br />
Fazit<br />
In diesem Beitrag wurden erste Arbeitsergebnisse des Vorhabens<br />
VuTAT vorgestellt. Dabei geht es um die Definition einer<br />
Methodik für die Identifikation und Analyse von IT <strong>Security</strong>relevanten<br />
Schwachstellen Ethernet-basierter Automatisierungsgeräte.<br />
Grundlage der aufgeführten Definitionen waren<br />
einerseits die Spezifikationen des ISCI und anderseits das<br />
von der PNO erarbeitete Profinet IO Net Load Whitepaper.<br />
Das ISCI hat die Profinet IO-Technologie zwar im Scope, eine<br />
Testspezifikation ist jedoch noch nicht verfügbar. Dafür<br />
konnten auf Basis der ISCI-Spezifikation EDSA-310 die Essential<br />
Services für Profinet IO definiert werden. Sie bilden<br />
die notwendige Grundlage für eine einheitliche Bewertung<br />
des Zeit- und Fehlerverhaltens des Profinet IO-Gerätes während<br />
der späteren Testdurchführung. Für diese Bewertung<br />
wurden die Kenngrößen Übertragungszeit, Aktualisierungszeit<br />
und verschiedene Fehlerkenngrößen definiert.<br />
Da das ISCI für Profinet IO noch keine Testspezifikation<br />
erarbeitet hat, wurde hierzu das Profinet IO Net Load Whitepaper<br />
herangezogen. Auf Basis dieses Whitepapers wurden<br />
Robustheitsklassen eingeführt, die derzeit im Forschungsvorhaben<br />
VuTAT weiter konkretisiert werden. Der Beitrag<br />
endet mit der Vorstellung eines Testsystemkonzeptes. Ab<br />
Mitte 2012 wird eine Implementierung der ersten Testcases<br />
und auch des VuTAT-Testwerkzeuges erwartet.<br />
Manuskripteingang<br />
23.01.2012<br />
Im Peer-Review-Verfahren begutachtet<br />
Autoren<br />
Dipl.-Ing. Heiko Adamczyk (geb. 1974)<br />
studierte Elektrotechnik an der Otto-von-<br />
Guericke-Universität Magdeburg mit dem<br />
Schwerpunkt Nachrichtentechnik. Seit<br />
Anfang 2005 ist er am ifak für den Forschungsschwerpunkt<br />
„Sichere industrielle<br />
Kommunikation“ verantwortlich, aus dem<br />
nun der „Schwerpunkt eingebettete und<br />
kooperative Systeme“ hervorgegangen ist.<br />
Adamczyk ist in der DKE offizieller Mitarbeiter der Arbeitsgruppe<br />
UK931.1. In der PNO ist er Mitglied der Gruppe TC3 WG18 „Profinet<br />
<strong>Security</strong>“ und innerhalb des ZVEI im Lenkungsausschuss<br />
„<strong>Security</strong>“ engagiert. Zudem ist er seit Mitte 2006 Obmann des<br />
Fachausschusses 5.22 „IT-<strong>Security</strong>“ innerhalb der VDI/VDE-GMA.<br />
ifak e.V. Magdeburg,<br />
Werner-Heisenberg-Str.1, D-39106 Magdeburg,<br />
Tel. +49 (0) 391 990 14 93, E-Mail: heiko.adamczyk@ifak.eu<br />
Dipl.-Ing. Tino Doehring<br />
(geb. 1976) studierte Elektrotechnik<br />
an der Otto-von-Guericke-Universität<br />
Magdeburg mit dem Schwerpunkt<br />
Automatisierungstechnik.<br />
Nach dem Studium Anfang 2006<br />
begann er seine Tätigkeit am ifak<br />
für den Forschungsschwerpunkt<br />
„Industrielles Ethernet“, aus dem<br />
nun der „Schwerpunkt eingebettete und kooperative<br />
Systeme“ hervorgegangen ist. Seine Arbeitsschwerpunkte<br />
sind unter anderem der industrielle Kommunikationsstandard<br />
Profinet und IT-<strong>Security</strong>-Aspekte im<br />
Bereich der industriellen Automation.<br />
ifak e.V. Magdeburg,<br />
Werner-Heisenberg-Str.1, D-39106 Magdeburg,<br />
Tel. +49 (0) 391 990 14 88, E-Mail: tino.doehring@ifak.eu<br />
<strong>atp</strong> <strong>edition</strong><br />
3 / 2012<br />
65
impressum / <strong>Vorschau</strong><br />
Impressum<br />
<strong>Vorschau</strong><br />
Verlag:<br />
Oldenbourg Industrieverlag GmbH<br />
Rosenheimer Straße 145<br />
D-81671 München<br />
Telefon + 49 (0) 89 4 50 51-0<br />
Telefax + 49 (0) 89 4 50 51-3 23<br />
www.oldenbourg-industrieverlag.de<br />
Geschäftsführer:<br />
Carsten Augsburger<br />
Jürgen Franke<br />
Herausgeber:<br />
Dr. T. Albers<br />
Dr. G. Kegel<br />
Dipl.-Ing. G. Kumpfmüller<br />
Dr. N. Kuschnerus<br />
Beirat:<br />
Dr.-Ing. K. D. Bettenhausen<br />
Prof. Dr.-Ing. Ch. Diedrich<br />
Prof. Dr.-Ing. U. Epple<br />
Prof. Dr.-Ing. A. Fay<br />
Prof. Dr.-Ing. M. Felleisen<br />
Prof. Dr.-Ing. G. Frey<br />
Prof. Dr.-Ing. P. Göhner<br />
Dipl.-Ing. Th. Grein<br />
Prof. Dr.-Ing. H. Haehnel<br />
Dr.-Ing. J. Kiesbauer<br />
Dipl.-Ing. R. Marten<br />
Dipl.-Ing. G. Mayr<br />
Dr. J. Nothdurft<br />
Dr.-Ing. J. Papenfort<br />
Dr. A. Wernsdörfer<br />
Dipl.-Ing. D. Westerkamp<br />
Dr. Ch. Zeidler<br />
Organschaft:<br />
Organ der GMA<br />
(VDI/VDE-Gesell schaft Messund<br />
Automatisierungs technik)<br />
und der NAMUR<br />
(Interessen gemeinschaft<br />
Automatisierungs technik der<br />
Prozessindustrie).<br />
Redaktion:<br />
Gerd Scholz (verantwortlich)<br />
Telefon + 49 (0) 89 4 50 51-3 44<br />
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Anne Hütter<br />
Telefon + 49 (0) 89 4 50 51-4 18<br />
Telefax + 49 (0) 89 4 50 51-3 23<br />
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Einreichung von Hauptbeiträgen:<br />
Prof. Dr.-Ing. Leon Urbas<br />
(Chefredakteur, verantwortlich<br />
für die Hauptbeiträge)<br />
Technische Universität Dresden<br />
Fakultät Elektrotechnik<br />
und Informationstechnik<br />
Professur für Prozessleittechnik<br />
D-01062 Dresden<br />
Telefon +49 (0) 351 46 33 96 14<br />
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Fachredaktion:<br />
M. Blum<br />
Prof. Dr. J. Jasperneite<br />
Dr. B. Kausler<br />
Dr.-Ing. N. Kiupel<br />
Dr. rer. nat. W. Morr<br />
Dipl.-Ing. I. Rolle<br />
Dr.-Ing. S. Runde<br />
Prof. Dr.-Ing. F. Schiller<br />
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Praxis“ erscheint<br />
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Januar/Februar und Juli/August.<br />
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66<br />
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