Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2014-01-06 (Vorschau)

1230296.3mk4k

1|2

6.1.2014|Deutschland €5,00

0 2

4 1 98065 805008

Sir Richard Branson

schuf in 40 Jahren

ein Konglomerat von

rund 400 Unternehmen

in 30 Ländern

Die Kraft der Freiheit

Ein Schwerpunkt-Heft über Mut, Innovationen,

Chancen und Unternehmergeist

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien€6,00 | TschechischeRep.CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Einblick

Vergessen Sie die Berliner GroKo-Tristesse und

billige Kapitalismuskritik. Nehmen wir uns die

Freiheit, Neues zu unternehmen. Von Roland Tichy

Jahr der Unternehmer

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Dieses Heft zum Jahresanfang

widmen wir inspirierenden Ideen

und modernen Helden. Etwa

Elon Musk, reich geworden mit

dem Internet-Bezahldienst PayPal, der das

erste wirkliche Elektroauto Tesla finanziert

hat und nun Touristen ins All und auf den

Mars transportieren will. Oder Peter Hofbauer,

der mit seiner Idee eines neuartigen

Motors in die Rente geschickt wurde

und jetzt in den USA und China vorwärtstreibt,

was bei VW nicht machbar war.

Oder Sara Blakely, die mit so etwas aufreizend

Langweiligem wie Unterwäsche zur

jüngsten Selfmade-Milliardärin wurde.

Oder Nick Woodman, dessen robuste Go-

Pro-Kameras uns atemberaubend neue

Bilder von einer Welt in Aktion liefern und

der damit zwar kein neues Produkt, aber

einen neuen Markt schuf.

Dieses Heft widmet sich der unternehmerischen

Freiheit. Es geht um die „edle

Arbeit“ des Unternehmers, der fähig ist,

„die Güter dieser Welt zu mehren und für

alle zugänglicher zu machen“ und damit

„dem Gemeinwohl zu dienen“. Dieser Satz

stammt aus dem hinteren und daher meist

nicht mehr gelesenen Abschnitt der Lehrschrift

„Evangelii Gaudium“ von Papst

Franziskus. Wahrgenommen wird meist

nur die Einleitung mit dem fatalen Diktum

„Diese Wirtschaft tötet“. Aber auch Päpste

können irren oder sich selbst widersprechen.

Der Zuspruch für den kapitalismuskritischen

Teil-Franziskus kommt aus einer

satten Geisteshaltung, der es ums

Bewahren und Verteilen geht, weniger ums

Erfinden und Erneuern. Allerdings wird die

Welt nicht vom Festhalten getrieben, sondern

vom Verändern.

Deshalb ist es kein Zufall, dass fast alle

der von uns recherchierten groß angelegten

Innovationen nicht aus Deutschland

stammen, auch nicht von gebürtigen Amerikanern

– aber aus den USA.

BORDELL STATT GENLABOR

Denn während Wirtschaftspolitik in diesem

Jahr in Deutschland allenfalls Schadensbegrenzung

der lähmenden Absichten

einer fehlgeleiteten politischen Elite

bedeuten kann, haben die USA Startups,

Innovatoren und Unternehmer als strategische

Ressource für die Bewältigung der Zukunft

erkannt. Nach dem Boom des Internets

mit seinen neuen Giganten Google,

Cisco, Facebook und Apple verbreitert sich

das technologische Feld um neue Ideen,

die mit den Milliarden der Internet-Innovatoren

finanziert werden. Aberesgeht dabei

nicht nur um Innovationen. Es ist eine

neue dynamische Unternehmergeneration

entstanden, die aus Ideen gigantische Firmenimperien

erschafft. Diese Rockefellers

der Netzwelt greifen jetzt in andere Wissenschaftsbereiche,

die sie sich mit denselben

unternehmerischen Techniken erschließen,

mit der sie zuvor das Internet

zur Weltrevolutionsmaschine gemacht haben.

Milliardengewinne sind nichts, wofür

man sich rechtfertigen oder schämen

muss, sondern der Hebel für das nächste

wirklich große Business. Ein funktionierender

Finanzmarkt verlängert den Hebel und

die Investitionskraft, verschafft auch vielen

kleinen Aktionären Teilhabe am Erfolg.

Tatsächlich gibt es auch in Deutschland

rund um Universitäten und Fraunhofer-Institute

eine lebhafte und aktive Gründerszene.

Aber ihr Wachstum ist begrenzt,

auch weil Wagniskapital und unternehmerische

Köpfe knapp sind. Schade, dass einige

der kühnsten jungen Unternehmen von

amerikanischen oder asiatischen Konzernen

wie vom Ramschtisch weggekauft werden.

Hierzulande ist es leichter, ein Bordell

mit angeblichen Normalarbeitsplätzen zu

eröffnen als eine Dönerbude oder gar ein

Genlabor. Zu oft gilt etwas zu unternehmen

als bedrohlich, etwas zu unterlassen

dagegen als wünschenswert: Der Unterlasser

ist der Held in einer Welt der Stallhasenhaltung,

in der der Lebensunterhalt aus

der Staatskasse kommt und wo schon die

Übernahme von Eigenverantwortung verdächtig

macht.

Aber die Welt war noch nie so offen und

so frei wie heute. Nutzen wir den Freiheitsraum

und erweitern wir ihn durch unternehmerisches

Handeln. Machen wir, trotz

des Berliner Mehltaus, das Jahr 2014 zum

Jahr der Unternehmer.

n

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 3

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Überblick

Menschen der Wirtschaft

6 Seitenblick Monumente der Freiheit

8 Grundsteuer: Im Süden drohen höhere

Aufschläge

9 CityJet: Unternehmer Wöhrl plant Aufbau

einer europaweit aktiven Fluggesellschaft

10 Interview: Der türkische Politiker Hasip

Kaplan über die Krise in seinem Land |

CSU: Studenten raus

12 Chefsessel | Startup Snowbon

14 Chefbüro Jürgen Müller, Zentraleuropa-

Chef des US-Softwarekonzerns Citrix

Politik&Weltwirtschaft

16 Essay Braucht wirtschaftliche Freiheit

Grenzen – und wenn ja: welche?

21 Staat Was die Gemeinschaft leisten muss,

damit der Einzelne in Freiheit leben kann

28 Weltwirtschaft | Hongkong rangiert in

Rankings zur ökonomischen Freiheit oben,

Venezuela ganz unten. Wie kommt das?

32 Michail Chodorkowski In Freiheit äußert

sich der langjährige Putin-Kritiker weniger

freizügig als im Gefängnis

35 Berlin intern

Wunschzettel

24 Die Wünsche deutscher Spitzenmanager an

die neue Bundesregierung. Teil I: Martin

Winterkorn, Roland Mack, Holger Naumann,

Heiko Harbers

70 Teil II: Dietmar Meister, Norbert Reithofer,

Martina Koederitz, Christoph Franz,

Norbert Winkeljohann

104 Teil III: Alexander Kudlich, Lothar Harbich,

Rupert Stadler, Dieter Burmester

Der Volkswirt

36 Interview: Hans-Hermann Hoppe Der

anarcho-libertäre Ökonom plädiert für eine

staatsfreie Gesellschaft

40 Denkfabrik Demoskopin Renate Köcher

über die Erwartungen der Deutschen an

Staatlichkeit und Freiheit

Unternehmen&Märkte

42 USA Nirgendwo sonst auf der Welt machen

Gründer aus Ideen so schnell Geschäfte

wie in den Vereinigten Staaten. Warum nur?

50 Interview: Martin Richenhagen Der Chef

des Landmaschinenkonzerns Agco über

deutsche Wurzeln und amerikanische Freiheiten

52 Mitarbeiter Die Zahl der Unternehmen

wächst, die ihre Beschäftigten an der langen

Leine führen – und gut damit fahren

56 Zukunftsbranchen Wo deutsche Unternehmen

an vorderster Front stehen – und

wo sie dringend loslegen müssten

62 Interview: Richard Branson Der britische

Milliardär über die Freiheit als Unternehmer

Titel Die Kraft der Freiheit

Erfolgsgeschichten wie die des

Multi-Gründers Richard Branson

(Foto) beweisen: Innovationen

gedeihen dort besonders gut, wo

Kreativität und Kapital herrschen

− und ökonomische Freiräume

nicht zugestellt werden.

Zwischen

Gut und

Böse

Die wirtschaftliche

Freiheit braucht

Grenzen. Nur

welche? Seite 16

Michail

Chodorkowski

Wie der Ex-Gefangene seine

neue Freiheit nutzt. Seite 32

Sehr geehrte

Frau Merkel

Briefe deutscher Unternehmer

an die neue Bundesregierung,

voller Wünsche und Erwartung.

Seite 24, 70, 104

Geliebte Fessel

Jeder Komfortgewinn, den uns

neue Technik beschert, kostet

zugleich ein Stück persönliche

Freiheit. Lohnt sich das?

Ein Essay. Seite 64

TITELFOTO: CHRIS CRISMAN © 2012 CHRIS CRISMAN PHOTOGRAPHY LLC

4 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Nr. 1/2, 6.1.2014

Technik&Wissen

64 Essay Stiehlt der technische Fortschritt

den Menschen mehr Freiheit, als er ihnen

schenkt? Der Versuch einer Bilanz.

Endlich frei

Der wichtigste Schritt

auf dem Weg zur inneren

Freiheit besteht

darin, Abstand zu den

Gefühlen zu gewinnen,

die uns beherrschen

wollen. Seite 98

Ausbruch

Peter Thiel fördert

mit Breakout Labs

Forscher mit radikal

neuen Ideen. So

viel Bereitschaft zum

unternehmerischen

Risiko gibt es nur in

den USA. Seite 42

Management&Erfolg

72 Ziele So schaffen Sie, was Sie sich für 2014

vorgenommen haben

76 Umfrage Spitzenmanager verraten, wann

sie sich besonders frei gefühlt haben

77 Kolumne: Sprengers Spitzen Warum die

Politik den Unternehmen wieder mehr

ökonomischen Spielraum lassen muss

Geld&Börse

78 Regulierung Politiker knebeln die Finanzbranche

– zulasten der Rendite. Anleger sollten

ihr Geld da besser selbst investieren

81 Kapitalanlage Wie Sie ohne Berater und

Banken 50 000 Euro chancenreich anlegen

85 Lebensversicherung Anleger können

sich von ihrem Versicherer befreien und

ihre Police selbst bauen

87 Hedgefonds Wer in der Londoner City

Millionen gescheffelt hat, steigt jetzt aus und

macht sein eigenes Ding

90 Steuern und Recht Schiffsfonds |

Kapitalerhöhung

92 Geldwoche Kommentar: Dax X-Tausend |

Trend der Woche: Kupfer | Dax-Aktien:

Deutsche Telekom | Hitliste: China-Werte |

Aktien: Red Hat, Bertrandt | Anleihe: Portugal

| Fonds: Die besten und die schlechtesten

2013 | Chartsignal: Dow/Gold-Ratio

FOTOS: CHRIS CHRISMAN © 2012 CHRIS CHRISMAN PHOTOGRAPHY LLC,

LAIF, DDP IMAGES/STEFFENS, ERIC MILLETTE; ILLUSTRATIONEN:

CHRISTOPH NIEMANN, OLAF HAJEK, NICHOLAS BLECHMAN

Dossier

Der große

Berater-Check

So treffen Sieauf derSuche nach den

richtigen Consultants insSchwarze

Frei investieren

Anleger bekommen von Bankberatern

nur noch vermeintlich

risikoarme Produkte von

der Stange. Wer Geld selbst

anlegt, fährt besser. Seite 78

Berater-Dossier

Sie suchen dringend einen

zuverlässigen Wirtschaftsprüfer,

Steuerberater, PR-Agenten oder

Rechtsanwalt? Die Wirtschafts-

Woche liefert Ihnen im beiliegenden

Sonderheft die besten Berater.

Perspektiven&Debatte

98 Essay Die Kunst, sich selbst auszuhalten

102 Kost-Bar

Rubriken

3 Einblick, 103 Firmenindex | Impressum

106 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diese Woche mit einem Video

über die Motivation im

Hamburger Miniatur

Wunderland sowie einem

360-Grad-Blick in ein sehr

außergewöhnliches

Chefbüro.

wiwo.de/apps

n Kinderkarriere Lorn Meierkord

war als Achtjähriger für ein halbes

Jahr in Frankreich. Ob sich dieser

Aufenthalt für seine spätere Karriere

lohnen wird? wiwo.de/kindheit

facebook.com/

wirtschaftswoche

twitter.com/

wiwo

plus.google.com/

+wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 5

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Seitenblick

DENKMÄLER

Monumente der

Freiheit

Die Freiheitsstatue von New York, im Oktober

1886 eingeweiht, ist die bekannteste ihrer

Art, aber nicht die einzige. In vielen Städten rund

um den Globus stehen ähnliche Symbole als

Zeichen der Mahnung und der

Hoffnung.

Mytilini, Griechenland

Die Freiheitsstatue in Mytilini

auf Lesbos wurde 1922 in

Deutschland gegossen und acht

Jahre später zum Gedenken an

die Opfer des Ersten Weltkriegs

aufgestellt. Griechenland kämpfte

an der Seite Frankreichs,

Großbritanniens und Russlands.

Kiew, Ukraine

Die Statue erinnert an den Sieg

der Sowjetunion im Zweiten

Weltkrieg. Das Denkmal sollte

am 9. Mai 1980 eingeweiht

werden, dem 35. Jahrestag des

Kriegsendes. Doch es gab

technische Probleme – die Feier

wurde um ein Jahr verschoben.

Arad, Rumänien

Das 1890 errichtete Denkmal

ehrt die 13 Anführer des ungarischen

Aufstands in Arad, die

1849 hingerichtet wurden. Die

rumänische Regierung ließ die

Statue 1925 entfernen, weil sie

„rumänenfeindlich“ sei. 2004

wurde sie wieder aufgestellt.

San Marino

Die Berliner Gräfin Otilia

Heyroth Wagener schenkte San

Marino 1876 die Freiheitsstatue.

Sie besteht aus weißem Marmor

und zeigt eine Kriegerin. Ihre aus

drei Türmen bestehende Krone

soll ein Zeichen städtischer

Selbstbestimmung sein.

FOTOS: F1ONLINE, ARCO IMAGES, MAURITIUS

IMAGES, DDP IMAGES (3), IMAGEBROKER, REUTERS;

MONTAGE: DMITRI BROIDO

6 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Las Vegas, USA

Vor dem New York Hotel in Las

Vegas steht seit 1997 die Kopie

des New Yorker Originals. Ihr

Bild ging um die Welt. 2010 legte

die US-Post eine Briefmarke

auf, die statt des Originals die

Replik zeigt. Sie wurde mehr als

vier Milliarden Mal verkauft.

Riga, Lettland

Das Freiheitsdenkmal von Riga

wurde 1935 nach der Unabhängigkeit

Lettlands aufgestellt.

„Milda“ blickt nach Westen,

die traurigen Figuren am Sockel

nach Osten. Die Sowjets, die

Lettland von 1949 bis 1990 besetzt

hatten, ließen es stehen.

Paris, Frankreich

Die beste Kopie der New Yorker

Freiheitsstatue steht seit 1889

an der Seine. Das 11,50 Meter

große Geschenk stammt wie

das Original vom elsässischen

Bildhauer Frédéric-Auguste

Bartholdi. Insgesamt gibt es in

Paris vier Freiheitsstatuen.

Ishinomaki, Japan

Aus einer Touristenattraktion

wurde ein Symbol der Hoffnung:

2010 errichtete die japanische

Stadt Ishinomaki eine Kopie der

New Yorker Freiheitsstatue.

2011 zerstörte der Tsunami die

Stadt. Die Statue wurde schwer

beschädigt, blieb aber stehen.

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 7

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Menschen der Wirtschaft

Eigenes Konzept

entwickelt

Bayerns Finanzminister

Söder

STEUERREFORM

Hohe Aufschläge im Süden

Die geplante Reform der Grundsteuer

spaltet die Republik. Bayerns Finanzminister

lehnt höhere Abgaben ab und

fordert regionale Lösungen.

Sie ist die einzige Steuerreform, die sich die große

Koalition in Berlin vorgenommen hat: die Modernisierung

der Grundsteuer. Die politische Sprengkraft

ist enorm, denn diese Abgabe betrifft Hausund

Wohnungseigentümer ebenso wie Mieter.

Auch deshalb hält sich Bundesfinanzminister Wolfgang

Schäuble (CDU) zurück. Er wolle nur moderieren,

heißt es aus seinem Umfeld. Tatsächlich fällt

diese Steuer in die Kompetenz der Bundesländer

und fließt den Kommunen zu. 2013 kassierten sie

insgesamt knapp zwölf Milliarden Euro.

Die Länder sind aber zerstritten. SPD-regierte

Länder wie Bremen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen

wollen den aktuellen Verkehrswert einer

Immobilie als Bemessungsgrundlage nehmen.

Derzeit orientiert sie sich an den sehr viel niedrigeren

Einheitswerten von 1964, in Ostdeutschland

sogar an denen von 1935. Ob das überhaupt verfassungsgemäß

ist, prüft jetzt das Bundesverfassungsgericht.

„Eine Reform der Grundsteuer auf Basis

des Verkehrswertmodells bietet die Chance, eine

verfassungsfeste Ausgestaltung der Grundsteuer,

eine dauerhafte Sicherung der Gemeindeeinnahmen

sowie der Gleichmäßigkeit der Besteuerung zu

verwirklichen“, argumentiert Bremens grüne Finanzsenatorin

Karoline Linnert. Ihr Ministerium

räumt allerdings ein, dass es „bei steigenden Werten

damit grundsätzlich zu höheren Grundsteuerbelastungen

beziehungsweise Belastungsverschiebungen

kommen kann“. Sie könnten aber durch

niedrigere Hebesätze „abgefedert werden“.

Gegen das Nordmodell wehrt sich vor allem Bayern.

„Die A-Länder (also die SPD-regierten Länder)

wollen nur höhere Einnahmen damit erzielen“,

kritisiert Bayerns Finanzminister Markus Söder

(CSU). „Das Verkehrswertmodell geht am Ende

zulasten der Mieter, weil höhere Steuern auf die

Mieter umgelegt werden. Wir lehnen jede Steuererhöhung

ab.“

In Bayern und anderen wirtschaftsstarken Regionen

drohen bei einer Umstellung der Grundsteuer

auf die aktuellen Immobilienwerte hohe Aufschläge,

da dort die Immobilienpreise besonders gestiegen

sind. Deshalb will Bayern die Flächengröße

von Grundstücken und Gebäuden als Bemessungsgrundlage

heranziehen. Eine bundeseinheitliche

Reform lehnt Söder nun ab – die SPD-regierten

Länder sind in der Überzahl. Er fordert:„Wir wollen

endlich eine Regionalisierung der Grundsteuer.

Denn Steuern, die den Ländern zustehen, sollen

auch von den Ländern selbst bestimmt werden.

Das ist eine der zentralen Forderungen in der neuen

Bund-Länder-Finanzkommission.“

christian.ramthun@wiwo.de | Berlin

Ergiebige Quelle

Kommunen mit dem

höchsten Grundsteueraufkommen

(in Mio. €)

1 Berlin

2 Hamburg

3 München

4 Hannover*

5 Köln

6

7 Stuttgart

8 Bremen

9 Düsseldorf

10 Essen

.

13 Leipzig

.

15 Dresden

Frankfurt/Main

757

425

305

251

218

175

150

134

132

113

88

79

*Region;Quelle:Statistisches

Bundesamt 2012

8 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


FOTOS: PICTURE ALLIANCE/DPA/LUKAS BARTH, ROBERT BREMBECK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, ACHIM MEISSNER, PR (5)

LUFTFAHRT

Neue Airline geplant

Der fränkische Multiunternehmer

Hans Rudolf Wöhrl plant

den Aufbau einer europaweit

aktiven Regionalfluglinie. Dafür

will er die Fluggesellschaft City-

Jet kaufen, eine Tochter der französisch-niederländischen

Airline-Gruppe

Air France-KLM.

Die Übernahme will der 66-Jährige

über seine Investmentgesellschaft

Intro Aviation abwickeln.

„Intro hat ein verbindliches und

damit unterschriebenes Angebot

abgegeben. Verhandlungen

wird es keine mehr geben, vielmehr

muss die Anhörung der

Mitarbeitergremien abgeschlossen

sein, bevor das Angebot angenommen

werden kann. Einer

Fliegt auf die

Franzosen

Unternehmer

Wöhrl

*sämtliche Fernbuslinien; Quelle: Iges

Zahl der

angebotenen

Fahrten pro

Woche*

Zustimmung bedarf es dabei

nicht“, sagt Wöhrl, der durch seine

Investitionen in die Deutsche

BA und LTU bundesweit bekannt

wurde.

CityJet verbindet mit 38 kleineren

Jets 16 europäische Städte

miteinander. In Deutschland

fliegt die Gesellschaft Dresden,

Münster und Nürnberg an, Ziel

ist der London City Airport.

Wöhrl möchte CityJet mit seiner

in Friedrichshafen ansässigen

Linie Intersky vereinigen.

„Dabei geht es darum, beide zu

einer neuen, in ganz Europa aktiven

Regionallinie zu machen,

die groß genug ist, um nicht von

den Großen wie Lufthansa verdrängt

zu werden“, sagt Wöhrl.

Das Schicksal von Cirrus Air

oder Augsburg Airways fürchtet

er nicht. Beide waren mit ähnlichen

Plänen gescheitert. „Es

gibt in Europa nicht nur Billigflug

und Geschäft für die großen

Monopolisten wie Lufthansa,

sondern auch einen Markt

für Regionalverbindungen für

Geschäftsleute abseits der großen

Wirtschaftszentren in Europa“,

so Wöhrl. „Dort wird es ein

Revival geben, immer mehr Regionen

leiden unter dem Mangel

an Flugverbindungen.“

ruediger.kiani-kress@wiwo.de

Januar

1540

Boom der Busse

Wie sich der deutsche Markt der Fernlinienbusse ein Jahr nach der Liberalisierung entwickelt hat

April

3082

Aufgeschnappt

Lampenverbot Die EU verbot

schon 2012 den Verkauf der

letzten klassischen Glühbirnen.

Jetzt ziehen die USA nach; ausgerechnet

das Land, in dem Thomas

Edison 1879 die Glühbirne

erfunden hat. Seit Neujahr dür-

fen auch dort keine 40- und

60-Watt-Birnen mehr hergestellt

oder importiert werden. Der

Handel mit 75- und 100-Watt-

Birnen ist schon länger untersagt.

Bereits 2007 hatte der damalige

US-Präsident George W.

Bush das Gesetz unterzeichnet.

Leseverbot Einem italienischen

Mafiaboss wurde im Gefängnis

die Lektüre des Romans „Der

Name der Rose“ untersagt. Das

Buch von Umberto Eco sei aus

erzieherischer Sicht zu gefährlich,

ebenso die kommunistische

Zeitung „Il Manifesto“, wie

durch einen Protestbrief an das

Blatt bekannt wurde.

August

3688

Oktober

4598

Dezember

5102

Mein Fernbus DeutscheBahn Flixbus ADAC Postbus City2City

39,7 % 21,7% 14,8% 7,5% 4,8%

Marktanteile der Fernbusanbieter (nachwöchentlich zurückgelegten Kilometern)

MINDESTLOHN

Ausnahmen

gefordert

Die Arbeitgeber plädieren für

mehr Zurückhaltung beim geplanten

Mindestlohn – vor allem

um Problemgruppen den Einstieg

in den Arbeitsmarkt nicht

weiter zu erschweren. „Selbstverständlich

muss es Ausnahmen

vom gesetzlichen Mindestlohn

geben, etwa für Auszubildende,

Praktikanten und

Langzeitarbeitslose“, fordert

Reinhard Göhner, Hauptgeschäftsführer

der Bundesvereinigung

der deutschen Arbeitgeberverbände

(BDA). Insbesondere

für Langzeitarbeitslose dürften

die 8,50 Euro pro Stunde ab 2015

auf keinen Fall gelten. „Wer noch

nie gearbeitet hat und trotz aller

Bemühungen auch nicht ausbildungsfähig

ist, würde anderenfalls

keinen Job finden“, fürchtet

Göhner. Laut Koalitionsvertrag

sollen tarifliche Abweichungen

vom Mindestlohn bis Ende 2016

erlaubt sein (siehe Seite 35), ausgenommen

sind ansonsten bisher

nur Ehrenämtler in Minijobs

und Saisonarbeiter. Göhner:

„Wir werden darauf drängen,

dass für die Schwächsten am Arbeitsmarkt

Ausnahmen für den

Einstieg in Arbeit erfolgen.“

max.haerder@wiwo.de I Berlin

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 9

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

Freiheitlich

Politische Verkleinerungsform.

Denn ebenso,

wie ein bedeckter

Himmel niemals blau

ist, sondern bestenfalls

bläulich, so lebt der

Bürger im allgegenwärtigen

Staat niemals

frei, sondern allenfalls

freiheitlich. Die staatlichen

Tiefdruckgebiete

über den Bürgerköpfen

heißen etwa: Erlaubnis,

Genehmigung,

Aufsicht, Regelungsvorbehalt

oder Richtlinienkompetenz.

Sie sind es,

die das hehre europäische

Projekt der Aufklärung

in ihrem alltäglichen

Verwaltungsnebel

wieder gen Unfreiheit

verdunkeln. Das ist

nicht mehr nur ärgerlich.

Das ist schon arg.

DER FLOSKELCHECKER

Carlos A. Gebauer, 49,

arbeitet als Rechtsanwalt in

Düsseldorf, wurde auch als

Fernsehanwalt von RTL und

SAT.1 bekannt.

INTERVIEW Hasip Kaplan

»Geld in Schuhkartons«

Der türkische Oppositionspolitiker fordert

Transparenz bei den Staatsausgaben und eine

unabhängige Justiz, um die Krise im Land zu lösen.

Herr Kaplan, warum steckt die

Türkei in der Krise?

Das ist nicht einfach eine Krise,

sondern ein ganzes Problemknäuel:

Es geht um Demokratisierung,

um Gerechtigkeit in

der Wirtschaft, um staatliche

Korruptionsvorwürfe und um

die Undurchschaubarkeit des

Regierungsapparats. Mit den

Protesten im Istanbuler Gezi-

Park sind ja einige in der Türkei

totgeschwiegene Probleme der

Weltöffentlichkeit klar geworden:

Umweltfragen, das Verlangen

nach Demokratisierung,

die einsamen Entscheidungen

der Regierung. Die türkische

Regierung hat im Alleingang in

Bereichen wie Stadtentwicklung,

Energiepolitik und Berg-

CSU

Studenten

raus

Die CSU verlangt von der Bundesregierung

eine Innovationsoffensive.

So soll für deutsche

Studenten der Auslandsaufenthalt

erleichtert und als fester

Bestandteil in die Studiengänge

integriert werden, heißt es in

einem Strategiepapier für die

DER WIDERPART

Kaplan, 59, ist Vorstandsmitglied

der

türkischen Oppositionspartei

BDP.

Seit 2007 ist der

Rechtsanwalt und

kurdische Schriftsteller

Abgeordneter

im türkischen

Parlament.

Klausurtagung der CSU-Landesgruppe

kommende Woche

in Wildbad Kreuth. Im Ausland

erworbene Credit Points sollen

in voller Höhe für deutsche Noten

und Abschlüsse angerechnet

werden.

Um die Zahl der Studienabbrecher

in den Fächern Mathematik,

Informatik, Naturwissenschaft

und Technik zu

reduzieren, will die CSU die

Bundesmittel nicht mehr nach

der Zahl der Studienanfänger

bau Investitionen in Milliardenhöhe

beschlossen.

Die Korruptionsvorwürfe um

die Ministersöhne und der Konflikt

in der Regierungspartei

AKP – ist das die Folge davon?

Die AKP ist keine homogene

Partei, sondern eine Koalition

vieler muslimischen Gruppierungen.

Die Anhänger des Predigers

Fetullah Gülen bilden die

einflussreichste Gruppe. Die

Regierung hat Bildungseinrichtungen

der Gülen-Gemeinde

geschlossen. Das hat den Konflikt

zugespitzt. In jüngster Zeit

führte dann der Machtkampf zu

den Korruptionsvorwürfen.

Wie geht es jetzt weiter?

Die undurchschaubaren Aktivitäten

von Justiz und Geheimdiensten,

die Razzien bei Kindern

von Ministern, Bargeld in

Millionenhöhe, das in irgendwelchen

Schuhkartons gefunden

wurde – all das heizt die

Auseinandersetzung an, auch

im Blick auf die kommenden

Wahlen. Die Regierung, aus der

zehn Minister ausgeschieden

sind, wird immer totalitärer.

Wie wirkt sich die Entwicklung

auf die Wirtschaft aus?

Wir erleben ja schon seit Jahren

eine steigende Arbeitslosigkeit

und eine steigende Inflation.

Jetzt ist die unmittelbare Folge

der politischen Krise, dass die

Finanzierung des Imports von

sogenanntem kurdischem Erdöl

aus dem Norden des Irak der

türkischen Halk Bank wahrscheinlich

entzogen wird, die

im Zentrum der Ermittlungen

steht.

Welche Wege führen aus der

Krise?

Die Unabhängigkeit der Justiz

ist unabdingbar. Verdeckte Abhöreinsätze

der Polizei müssen

aufhören. Alle Politiker, die wegen

Meinungsäußerungen inhaftiert

sind, müssen freigelassen

werden. Dann muss die

Regierung die Steuergesetze gerecht

reformieren, Ausschreibungen

transparent machen

und der Rechnungsprüfung unterwerfen.

Vor allem die Ausgaben

von Militär- und Sicherheitsorganen

sind keiner

Kontrolle unterworfen. Das

muss sich ändern.

hansjakob.ginsburg@wiwo.de

berechnen. Stattdessen sollten

die Mittel an die Zahl der Absolventen

gekoppelt sein. Die Universitäten

hätten dann einen

deutlich höheren Anreiz, möglichst

vielen Studenten zum Abschluss

zu verhelfen.

Erneut fordert die CSU höhere

steuerliche Abschreibungen

für forschende Unternehmen;

damit war sie in den Koalitionsverhandlungen

am Finanzierungsvorbehalt

gescheitert.

henning.krumrey@wiwo.de | Berlin

FOTO: REUTERS/UMIT BEKTAS; ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER

10 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

STARTUP

DEUTSCHE TELEKOM

Frank Schmidt, 49, führt

jetzt das Telekom-Geschäftsfeld

Energie. Der Regulierungsexperte

war seit 2010

Büroleiter des Ende Dezember

ausgeschiedenen Konzernchefs

René Obermann,

50, und damit einer seiner

engsten Vertrauten. Schmidt

tritt die Nachfolge von Gabriele

Riedmann de Trinidad

an, die den Konzern im Sommer

verlassen hat. Die Telekom

will von der Energiewende

profitieren und sieht

große Wachstumschancen

beim Betreiben von intelligenten

Stromzählern und

-netzen. Bisher konnte der

2010 gegründete Geschäftsbereich

die hoch gesteckten

Erwartungen allerdings

nicht erfüllen.

KABEL DEUTSCHLAND

Manuel Cubero, 50, übernimmt

am 1. April die Leitung

des Kabelnetzbetreibers

Kabel Deutschland. Der

amtierende Vorstandschef

FREIHEITSBRIEFE

Adrian von Hammerstein, 60,

scheidet dann auf eigenen

Wunsch aus. Vodafone sicherte

sich im vergangenen Jahr die

Mehrheit an dem Kabelunternehmen.

Cubero sitzt seit März

2010 im Kabel-Vorstand.

SAPINDA

Edwin Eichler, 55, wurde zum

Jahreswechsel Vorstandsvorsitzender

der Londoner Investmentgesellschaft

Sapinda, ein

Unternehmen des einstigen

Wirtschaftswunderkindes Lars

Windhorst, 37. Sapinda investiert

in Firmen, die Öl in Zentralasien

und Kohle in Afrika

fördern sowie in der Landwirtschaft

aktiv sind. Bis Ende 2012

verantwortete Eichler im ThyssenKrupp-Vorstand

die Stahlsparte,

musste dann aber wegen

der Pannen im brasilianischen

Stahlwerk des Konzerns gehen.

BSN MEDICAL

Guido Oelkers, 48, leitet jetzt

BSN medical, den Hamburger

Hersteller von medizinischen

Produkten, darunter Leukoplast-Pflaster.

Der promovierte

Betriebswirt löst Claus-

Hermann Wiegel, 60, ab, der

in den Aufsichtsrat wechselt.

Zuletzt arbeitete Oelkers für

den Medizintechnik-Produzenten

Gambro. An Gambro

und an BSN medical ist der

Finanzinvestor EQT beteiligt.

Bis Mitte 2010 gehörte BSN

medical zu Beiersdorf.

1,5 Millionen

Briefe und E-Mails haben Menschen beim weltweiten Amnesty-

Briefmarathon bisher an Regierungen geschickt, um sich für die

Freilassung politischer Gefangener einzusetzen. Aus Deutschland

wurden über die Aktions-Web-Site mehr als 70 000 Appelle versandt.

Die deutschen Briefe auf Papier werden noch ausgezählt.

SNOW & ALPS

Skipass aus dem Internet

Im Winter kommen Stefan Senft und Tim Huonker (von links)

so richtig ins Schwitzen. Die beiden betreiben die Online-Plattform

Snowbon.com, über die man Skipässe, Skikurse und

Leihskier buchen kann. Kunden erhalten dabei Rabatte, die in

kleineren Skigebieten schon mal bis zu 50 Prozent des normalen

Tarifs ausmachen. Den Gründern bringt das Provisionen, den Liftbetreibern

und Skischulen mehr Nachfrage. „Die Anbieter haben

mehrere Probleme: Ihre Skigebiete sind phasenweise schlecht

ausgelastet, und sie verkaufen meist nicht online“, sagt Huonker,

„wir helfen ihnen, beide Probleme zu lösen.“ 600 Anbieter in 200

Skigebieten sind bereits auf der Plattform gelistet.

Jetzt haben die Gründer eine Million Euro eingesammelt, damit

ihr Startup Snow & Alps noch schneller wachsen kann; außerdem

will das Duo auch mehr Sommeraktivitäten via Snowbon

verkaufen. Das Geld kommt vom halbstaatlichen High-Tech-Gründerfonds

(HTGF) und dem Unternehmer Falk Strascheg, der in der

Gründerszene kein Unbekannter ist:Er hat das Strascheg Center

for Entrepreneurship ins Leben gerufen, in dem die Snowbon-

Gründer starteten und

Fakten zum Unternehmen

Team derzeit 11 Mitarbeiter

Nutzer rund 600 Anbieter in

etwa 200 Destinationen

Finanzierung vom High-Tech

Gründerfonds (HTGF) und Falk

Strascheg rund 1 000 000 Euro

das an der Hochschule

München Studenten zu

Unternehmern macht.

Aus ihrem Büro an der

Hochschule sind

Huonker und Senft inzwischen

ausgezogen, sie

brauchen mehr Platz.

jens.toennesmann@wiwo.de

FOTOS: PR, MARTIN HANGEN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, IMAGO/IMAGEBROKER/STELLA

12 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Jürgen Müller

Zentraleuropa-Chef des US-Softwarekonzerns Citrix

Das Geweih an der Wand war

nicht seine Idee; auch Tisch,

Stühle und Lampen hat er nicht

ausgesucht. Jürgen Müller, 56,

arbeitet in der VIP-Lounge des

Münchner Flughafens. „Ich

arbeite meistens in Flughafen-

Lounges“, sagt Müller. „Ich bin

frei von Ort, Zeit und Gerät.“

Seit Februar 2012 leitet er die

Geschäfte des amerikanischen

Softwarekonzerns Citrix in

Deutschland, Österreich und

der Schweiz, und dessen Motto

lautet „Work is not a place“–

ganz im Sinne der neuen Bundesarbeitsministerin

Andrea

Nahles, die fordert:„Mit dem

Anwesenheitswahn muss

Schluss sein.“ Müller

hält sich dran. In

München hat das Unternehmen

zwar vier

Etagen gemietet, aber

dort ist er selten anzutreffen.

Montags

macht er Home-

Office in seinem

360 Grad

In unserer iPad-

Ausgabe finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

Eigenheim in Düsseldorf, an

den anderen Tagen düst er meist

durch Europa. Auch seine Vertriebsleute

sitzen selten in München.

„Sie sollen dort sein, wo

die Kunden sind“, sagt Müller.

Nur einmal in jedem Quartal

bestellt er sie in die bayrische

Hauptstadt, für anderthalb Tage

zu einer Konferenz. „ Das muss

sein wegen der Firmenkultur“,

erklärt

der promovierte Politologe.

Das Management

trifft sich sogar

zwei Mal im Quartal

in München. Auch in

der Wahl ihrer Geräte

sind die Beschäftigten

frei. „Zur Anschaffung bekommt

jeder ein eigenes Budget“, sagt

Müller. Er schwört auf Apples

MacBook und iPhone. Nur am

Wochenende verzichtet er darauf.

„In meiner Freizeit bin ich

nicht Bildschirm-affin.“ Da

steigt er aufs Mountainbike. Ursprünglich

sollte er für den Job

von Düsseldorf nach München

umziehen. „Doch wir waren früher

viel unterwegs, jetzt wollte

meine Familie nicht schon wieder

die sozialen Kontakte abbrechen“,

erklärte Müller damals

dem Konzern und erinnerte

an dessen Motto: „Work is not

a place.“

hermann.olbermann@wiwo.de

FOTO: DIETER MAYR FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

14 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

The business of business

is business?

ESSAY | Der Papst meint: Der Kapitalismus ist „an der Wurzel ungerecht“. Bundespräsident

Gauck sagt: „Schwarze Zahlen sind kein Grund, rote Linien zu überschreiten.“

Braucht wirtschaftliche Freiheit Grenzen – und wenn ja: welche? Von Dieter Schnaas

Bundespräsident Joachim Gauck hat vor einem Jahr eine

bemerkenswert unbemerkte Grundsatzrede über

unternehmerische Freiheit gehalten und dafür geworben,

die Marktwirtschaft auf ein ethisches Fundament

zu stellen. Gewinne, so Gauck, seien in Ordnung, aber

nur solange Unternehmen auch ökologische und soziale Ziele berücksichtigten:

„Schwarze Zahlen sind kein Grund, rote Linien zu

überschreiten... Freies Unternehmertum braucht Grenzen.“

Man hat sich damals Milton Friedman als Gegenredner herbeigesehnt.

Ob der Wirtschafts-Nobelpreisträger dem Bundesfreiheitsbeauftragten

brüsk ins Wort gefallen wäre? Immerhin stammt

von Milton Friedman ein einfacher Satz, der das unternehmerische

Handeln auf seinen Kern reduziert und eben deshalb eine

ungeheure Provokation darstellt:„The business of business is business.“

Der Unternehmer hat sein Unternehmen zu führen, so Friedman,

that’s it – und wenn er das erfolgreich tut, dann füllt er damit

nicht nur sein Portemonnaie, sondern auch die Konten seiner Mitarbeiter

(Löhne) und Mit-Eigentümer (mit der Steigerung des Profits).

Füllt mit seinen Produkten Regale (zum Wohle der Kunden).

Und er-füllt damit seine gesellschaftliche Aufgabe. Punkt.

Ausgerechnet Karl Marx, der große Trierer Volksfreund, hat das

Grundgesetz der Betriebswirtschaft bereits vor 150 Jahren auf eine

ebenso berückende Formel gebracht:G-W-G’, was so viel bedeutet

wie: Ein Unternehmer nimmt eine Summe Geld (G), verwende es

auf Herstellung und Handel eine Ware (W) und erhalte dafür eine

größere Summe Geld (G’) – that’s capitalism, stupid! Natürlich hat

Marx das Gewinnertragssystem abgelehnt:Marx wollte, dass seine

Formel als Vorwurf zirkuliert–und man kann nicht sagen, dass er

damit erfolglos geblieben ist. Zuletzt hat Papst Franziskus in Anspielung

auf Adam Smiths „unsichtbare Hand“ die „unsichtbare

FOTOS: BRIDGEMANART, LAIF/CONTRASTO, VISUM/VEIT HENGST

Metamorphose I In der Frühphase des Kapitalismus werden aus

Landarbeitern Handwerker: Webstuhl im 19. Jahrhundert in England

Metamorphose II Mit der

Arbeiter: Kanonenproduktion

16 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Tyrannei der Ökonomie“ beklagt: Es gebe keinen göttlichen Mechanismus,

der Eigeninteressen in Gemeinwohl verwandle, im

Gegenteil: Die Sakralisierung des Marktgeschehens sei ein Frevel,

weil sie auch demokratisch legitimierte Interventionen als Versündigung

an ihr ablehne.

Der Grund für dieses Unbehagen liegt auf der Hand: Wenn

Marktwirtschaft bedeutet, dass wir es mit einem ungesteuerten,

dezentral organisierten Konkurrenzsystem zu tun haben, in dem

das Eigentum Einzelner die Voraussetzung für eine gelingende

Verteilung der erwirtschafteten Güter ist, dann ist die mangelnde

Verbreitung von Eigentum ein Problem. Denn Eigentum meint

nicht nur Kapitalaufbau im monetären Sinne. Es ermächtigt auch

zu Selbstbesitz und Persönlichkeitswachstum. Eigentum ist eine

mentale Ressource für das Ergreifen von Freiheit. Nur wer über

Eigentum verfügt, kann buchstäblich auf sich selbst vertrauen.

Karl Marx hatte für einen differenzierten Blick auf das Eigentum

noch keinen Sinn – und das ist verständlich, denn Marx war Zeitzeuge

eines Kapitalismus, in dem Arbeiter wie eine Sachinvestition

behandelt wurden. Entsprechend ist Marx’ Eigentum konzentriertes

Eigentum – und Marx’ Unternehmer ein roher Kapitalist, ein

Ausbeuter, der seine Arbeiter ihrer Freiheit beraubt, indem er sich

ihre Arbeitskraft aneignet. Dahinter steht die Auffassung, dass alle

Inbesitz-Nahme ursprünglich Weg-Nahme ist, ein Akt der Willkür,

durch den ein paar Beherzte annektieren, was einmal allen gehörte:

„Der Erste, der ein Stück Land einzäunte und auf den Gedanken

kam zu sagen ,Dies ist mein‘ und der Leute fand, die einfältig genug

waren, ihm zu glauben“, schrieb schon Jean-Jacques Rousseau

(1755), „war der wahre Begründer der zivilen Gesellschaft.“ Folgt

man Rousseau, ist der erste Unternehmerein erster Nehmer, so hat

es der Philosoph Peter Sloterdijk einmal zugespitzt: der erste Bürger,

der erste Betrüger, der erste Dieb.

Der Rest der Menschheitsgeschichte ist Wirtschaftspolitik und

handelt von der Verteidigung und Anfechtung dieser ursprünglichen

Aneignung. Die Besitzenden bemühen sich um die nachträgliche

Legalisierung ihrer Nahmen und suchen sie zu verteidigen.

Die Besitzlosen inkriminieren das Eigentum als Diebstahl und

drohen mit dem Einreißen der Zäune. Damit es nicht so weit

kommt und die einen behalten können, was die anderen zurückfordern,

einigen sich beide Seiten auf ein laufendes Schlichtungsverfahren

– bis zuletzt die Besitzlosen von den Unternehmern mit

Tariflöhnen und 35-Stunden-Wochen entschädigt (und vom Notar

aller Eigentumskonzentration, dem Staat, so großzügig mit gesetzlichen

Sozialversicherungen und Mindestlöhnen abgefunden)

werden, bis die Lohnabhängigkeit zuletzt Spaß macht.

EINE NIETE ZIEHEN BEI DER „GREAT LOTTERY OF LIFE“

Doch bis dahin ist es ein weiter Weg. Die schottischen Ahnherren

der Nationalökonomie argumentieren noch Anfang des 19. Jahrhunderts,

dass es sich bei der proletarischen Armut um ein „inevitable

law of nature“ handelt. Lohnerhöhungen für die „less fortunate“

würden nicht den Lebensstandard heben, sondern nur dazu

führen, dass die Arbeiter mehr Kinder in die Welt und dadurch das

Überleben aller aufs Spiel setzten. Die Unterschicht, die das Pech

habe, bei der „original division of land“ auf der falschen Seite des

Zaunes gestanden zu haben, müsse sich bitte schön damit abfinden,

bei der „great lottery of life“ eine Niete gezogen zu haben.

Hat man diese Sätze im Ohr, liest sich „unternehmerische Freiheit“

wie ein Synonym für Rücksichtslosigkeit und Kälte – und Milton

Friedman steht wie ein übler Zyniker da. Aber der Kapitalismus

als ausbeuterisches System–das ist nur die halbe Wahrheit.

Die andere Hälfte der Wahrheit ist:Der Kapitalismus ist ein lernfähiges

System mit pazifistischen Talenten. Er emanzipiert Ausgebeutete

zu Konsumenten. Und Besitzlose zu Eigentümern. Er erobert

nicht nur die Welt und richtet die Menschen zu Werkzeugen

seiner Wachstumslogik ab, sondern er richtet diese Welt auch zunehmend

reich ein. Anders als die meisten seiner Rezensenten

meinen, gereicht ihm seine moralische Neutralität dabei keineswegs

zum Nachteil, ach was: Der Opportunismus des Kapitals ist

sein größter Vorzug. War nicht etwa die „Moral“ in Europa bis weit

ins 19. Jahrhundert hinein das, was die regierende Macht sich

»

Industrialisierung werden aus Handwerkern

bei Krupp in Essen, 1914

Metamorphose III Im Wissenskapitalismus werden Arbeiter zu Angestellten

und Proletarier zu Konsumenten: Produktion von Solarzellen in Sachsen

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 17

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

»

unter ihr vorstellte? Und spricht nicht etwa viel dafür, dass ausgerechnet

das un-moralische Geld die feudale Machtmoral im

15./16. Jahrhundert sehr erfolgreich zersetzt hat – lange bevor sie

in politischen Pamphleten herausgefordert wurde? Ohne die wirtschaftlichen

Interessen der Kaufleute, ohne den Ehrgeiz der vielen,

sich ein besseres Leben buchstäblich zu verdienen, ist der Siegeszug

von Demokratie und vorstaatlichen Menschenrechten undenkbar

– wer diese Provokation nicht aushält, sollte von der „Vorherrschaft

des Geldes“ schweigen. Zynisch ist nicht der Kapitalismus.

Zynisch sind die Wohlstandsverwöhnten in den Industrieländern,

die behaupten, die Geldgier sei

die Wurzel aller Übel, weil sie die Menschen

zu Sklaven des Sachzwangs herabwürdige.

Das Übel der Geldgier kann

niemals größer sein kann als das Übel

des Geldmangels. Wer darüber Näheres

erfahren will, möge sich nur mal in bengalischen

Dörfern umhören.

Daran freilich, dass the business of

business nichts anderes als business ist,

glaubt nach der Oligarchisierung des Geldes an den Finanzmärkten

und nach dem Aufstieg des Staatskapitalismus in China niemand

mehr. Der Eigennutz eines Investmentbankers mehrt nicht

das Gemeinwohl. Und das Wettbewerbsprinzip des Kapitalismus

diffundiert nicht die Staatsmacht in Peking. Was also ist schiefgelaufen

mit der Idee der wirtschaftlichen Freiheit?

Geldmangel ist ein

ungleich größeres

Übel als Geldgier

DER AUFSTIEG DES BUSINESS-CLASS-LIBERALISMUS

Eine Antwort darauf wüsste ausgerechnet Milton Friedman. Er hat

1976 kein Problem darin gesehen, der chilenischen Militärjunta

„technischen wirtschaftlichen Rat zu geben“ – und damit nicht nur

die materielle Not vieler Chilenen gelindert, sondern auch die Idee

der unteilbaren Freiheit verraten. Seither sind wirtschaftliche und

politische Freiheit keine zweieiigen Zwillinge mehr. Seither neigen

„Liberale“ dazu, „der Wirtschaft“ Vorfahrt vor „der Politik“ zu gewähren.

Echte Liberale wie Ralf Dahrendorf oder Karl-Hermann

Flach hätten sich für solche Vereinseitigungen der Freiheitsidee

geschämt. Ihr Liberalismus meinte den „Freiheitsdrang der Menschen“.

Und ihr Wirtschaftsliberalismus meinte leistungsfördernden

Wettbewerb innerhalb eines staatlichen Ordnungsrahmens –

und keinen Business-Class-Liberalismus, der die Marktmacht von

globalen Konzernen protegiert, die liberale Demokratie als Fessel

des Marktes schmäht und sich vor autoritativen Staaten wie Singapur

ihrer „wirtschaftlichen Freiheit“ wegen verneigt.

Was dem Business-Class-Liberalismus vor allem fehlt, ist ein historisches

Verständnis des Verhältnisses

von Staat und Markt. Denn „Markt“–das

war ja bis weit ins 17. Jahrhundert hinein

ganz buchstäblich ein Ort der Verteilungsgerechtigkeit:

Der reibungslose

Tausch, die Vermeidung des Diebstahls,

die Abwesenheit von Betrug mussten

damals noch sichergestellt und durchgesetzt

werden. Erst im 18. Jahrhundert

machte man die wundervolle Entdeckung,

dass der Markt der gesetzlichen Beaufsichtigung nur in sehr

geringem Maße bedarf, weil er Betrüger auf lange Sicht aussortiert

– und weil sich an ihm natürliche, wahre Preise bilden, die um den

„echten“ Wert eines Produktes herum schwanken. Kurzum, die

wirtschaftliche Freiheit fällt der Welt nicht als Geschenk der ökonomischen

Theorie in den Schoss. Sie wird gefordert, gefördert, ermöglicht

und eingeräumt;sie wird kontrolliert, regiert und endlich

protegiert von einem liberalen Staat, der Gefallen an seiner möglichst

unauffälligen Rolle als Spielleiter des Marktgeschehens findet.

Das moderne Ergebnis dieser Regierungspraxis heißt Ordnungspolitik.

Sie zeichnet sich dadurch aus, dass Regierende und

Regierte gleichermaßen davon überzeugt sind, dass das Geschehenlassen

die Leistung marktwirtschaftlicher Prozesse steigert, solange

ein gesundes Kräftemessen stattfindet und quicklebendiges

Geld das Spielgeschehen beschleunigt.

Ort der Verteilungsgerechtigkeit Den reibungslosen Tausch und die

Abwesenheit von Betrug – das alles musste der Staat am Markt anfangs durchsetzen

Ort der Kapitalkonzen

Märkte schnurren, solange der

18 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


FOTOS: ALIMDI/KARL F. SCHÖFMANN, SZ-PHOTO/KNORR + HIRTH, VISUM/MARKUS MILDE

In den vergangenen drei, vier Jahrzehnten ist diese Ordnungspolitik

vor die Hunde gegangen – und zwar nicht, weil ihre erklärten

Feinde sich an ihr versündigt hätten, sondern ihre falschen

Freunde, die Business-Class-Liberalen. Sie haben die funktionale

Trennung zwischen Staat und Markt paradoxerweise aufgehoben

und beide Sphären unheilvoll miteinander verklammert. Die Ur-

Ursache dafür ist die Wachstumsdelle der Industrienationen in

den Sechzigerjahren und die Kreditexplosion nach Aufgabe des

Bretton-Woods-Systems 1971/1973: Seither verpflichten sich

Finanzmärkte, Notenbanken und Staaten wechselseitig, ein

Wachstum aufrechtzuerhalten, das mit

realwirtschaftlichen Mitteln nicht mehr

aufrechtzuerhalten ist. Die Notenbanken

erfüllen ihre Aufgabe, indem sie unendlich

viel Geld schöpfen. Die Finanzmärkte,

indem sie das Kapital nicht mehr um

Güter kreisen lassen, sondern nur noch

um sich selbst. Und die Staaten, indem

sie Notenbanken und Finanzmärkten

die Lizenz zur fortwährenden Geldproduktion

erteilen, um ihren sozialpolitisch verwöhnten Bevölkerungen

die Folgen der Wachstumskrise zu ersparen. Seither ist the

business of business nicht mehr nur in autoritativen Staaten, sondern

auch in liberalen Demokratien vor allem Politik. Seither ist

der Preis des Geldes aus den Fugen, der Wettbewerb verzerrt, der

Marktmechanismus gestört. Seither steigt der Wert von börsennotierten

Unternehmen nur noch deswegen, weil Politik und Notenbanken

die Zinsen manipulieren, längst überfällige Markt-Korrekturen

verhindern und die Krise durch fortgesetzte Eingriffe zugleich

vertagen und verschärfen.

Wie also lässt sich wirtschaftliche Freiheit wieder gewinnen? Zunächst

einmal: durch die radikale Entklammerung von Markt und

Staat – und durch die funktionale Stärkung beider Sphären. Es geht

einerseits darum, den Staat als recht- und rahmensetzende Gewalt

zu rehabilitieren: durch die Revision seines Selbstverständnisses

Der Kapitalismus

kennt keine innere

Sozialpflichtigkeit

als Deregulierungsagentur zur Förderung einer Finanzoligarchie.

Und es geht andererseits darum, den Markt zu rehabilitieren:

durch die Revision seines Daseinszwecks als Kreditbroker für

klamme Staaten. Nur geschützte freie Märkte, die Risiken bearbeiten

statt sie zerstückelt und verbrieft hinter einem Vorhang der

Verantwortungslosigkeit zum Verschwinden zu bringen, sind verlässliche

Lieferanten von Preisinformationen. Und nur Staaten, die

dafür sorgen, dass Märkte unabhängig von geldpolitischen

Einflüssen ihre Aufgabe erfüllen können, schlecht wirtschaftende

Unternehmen ihrer überfälligen Insolvenz auszuliefern, erhalten

sich die Freiheit, die Finanzmärkte vor

sich selbst zu schützen.

Der Kapitalismus benötigt keine moralische

Anreicherung, sondern rechtliche

und institutionelle Absicherung. Wall

Street und Bankfurt sind keine Orte der

„Tyrannei“, in denen das Gesetz der Gier

gilt; sie benötigen nur Vorschriften, die

Geldinstituten ein Fünftel Eigenkapital

für ihre Kreditgeschäfte abverlangt. Das

Geld, das sich ein Bauunternehmer bei der Volksbank leiht, bedarf

keiner ethischen Fundierung; es reicht, dass er Maurern eine Beschäftigung

bietet und neue Schulen entstehen. Unser Wirtschaftssystem

ist nicht „an der Wurzel ungerecht“, sondern eine glänzend

geölte Zivilisationsmaschine, die Milliarden Menschen verheißt,

ihrer Armut zu entkommen. Religiöser Fanatismus (Afghanistan,

Iran), Korruption (in vielen Ländern Afrikas) politische Zentralsteuerung

(Peking, Moskau, Singapur...) und Eigentumskonzentration

(westliche Staats-Finanzmarkt-Komplexe) sind ungerecht –

nicht „die Wirtschaft“, von der schon Max Weber meinte, sie sei die

„friedliche Ausübung von Verfügungsgewalt“. Tatsächlich benötigt

der Kapitalismus nur wenige ordnungspolitische Prinzipien – Risiko

und Haftung gehören zusammen, Kredite haben ihren Preis,

Schulden müssen zurückgezahlt werden, Kartelle gehören zerschlagen

–, um weitestgehend funktionstüchtig zu sein.

»

tration Der Börsenticker rattert, die

Staat ein wachsames Auge auf sie wirft

Ort der Wachstumsillusion Wenn Staaten Banken kapitalisieren,

sind das Banken, die Staaten kapitalisieren, um Banken zu kapitalisieren...

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 19

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

»

Sicher, der Kapitalismus hat keine Seele und kennt keine Sozialpflichtigkeit.

Geld will in ihm angelegt sein und investiert werden,

weil es nie das ist, was es ist, sondern immer sein mögliches Mehr:

Produkt, Potenz und Projekt seiner selbst. Die so populäre Formel

vom Geld, das der Wirtschaft (dem Menschen) zu dienen habe

und nicht die Wirtschaft (der Mensch) dem Geld, ist daher eine

zwar hübsche, aber höchst irreführende Floskel sozial bewegter

Rhetoren. The business of business is business – wer das als Unternehmer

nicht begreift, kann sein Geschäft bald schließen.

Eben deshalb sollten wir gar nicht erst den Versuch unternehmen,

das Vermehrungsinteresse des Kapitals zu

stören. Stattdessen kommt es darauf an,

dem Kapital einerseits seine Grenzen aufzuzeigen

und ihm andererseits neue Zugriffsmöglichkeiten

zu eröffnen: jenseits

der rettungslos bankrotten Staatsfinanzmärkte.

Um es mit Marx zu sagen: Nachdem

wir geglaubt haben, wir könnten die

Ware aus seiner ursprünglichen Kapitalismusgleichung

(G-W-G’) streichen, indem

wir aus Geld einfach mehr Geld machen (G-G’), wird unternehmerische

Freiheit in Zukunft bedeuten, den Bereich der „Waren“ um Allmendegüter

zu vergrößern, um die das Geld kreisen kann: G-W’-G’.

Denn wenn Wirtschaften heißt, sich mit der Herstellung und Distribution

von Gütern unter den Bedingungen der Knappheit zu beschäftigten,

dann konvergieren Ökonomie und Ökologie, sobald die

Grundbedingungen des Wirtschaftens selbst knapp werden: die Bodenschätze

das Öl, das saubere Wasser, die frische Luft. Dann reift

rund um den Globus die Einsicht, die Erde selbst sei der „Menschheit“

Eigentum – und nicht nur der Menschheit hier und heute, sondern

auch der Menschheit, die die Erde von der Gegenwartsgeneration

erben wird. Dadurch gewinnen nicht zuletzt die besitzindividualistisch

trivialisierten Eigentums- und Freiheitsbegriffe der Business-Class-Liberalen

eine neue Qualität: Das dem Eigentum innewohnende

Prinzip der Eingrenzung und Aneignung wird durch das

Prinzip der Sorge und Verantwortung erweitert. Und Freiheit nicht

mehr als Lizenz zum Sich-gehen-Lassen verstanden, sondern mit

dem kanadischen Philosophen Charles Taylor als „Praxis steuernder

Kontrolle“, als „Fähigkeit, die wir zu verwirklichen haben“.

Freiheit als Fähigkeit, verantwortungsvoll mit ihr umzugehen?

Warum nicht? Seit der Kapitalismus Arbeiter zu Konsumenten

Der Kapitalismus

braucht keine Moral,

nur gute Gesetze

emanzipiert hat, kann sich kein Unternehmen mehr darauf

beschränken, Profite zu erzielen. The business of business is business?

Von wegen. Firmen stellen ganze Garnisonen von Geisteswissenschaftlern

ein, um ihren Produkten einen grünen, sozialen

und nachhaltigen Anstrich zu geben. Entsprechend heißt unternehmerische

Freiheit heute: sein Wirtschaften den Knappheitsverhältnissen

anpassen, das Prinzip des Eigentums global und

generationenübergreifend denken und das Prinzip der Sorge auf

die Spitze treiben – im eigenen Interesse. Und tatsächlich, es

beginnt zu funktionieren: Das, was dem Zugriff des Geldes bisher

entzogen war und in keiner Rechnung

der Ökonomen aufgetaucht ist,

das „Umsonst“ der Sonne, der Luft und

des Wassers, das „Billige“ der afrikanischen

Ressourcen und der asiatischen

Lohnarbeiter – das alles gewinnt seit

einigen Jahren an Wert und steigert

seinen Preis. Plötzlich interessiert sich

das Kapital für alle globalen Knappheiten

und für die Nebenkosten des

wirtschaftlichen Wachstums. Plötzlich entschädigt es für die

Benutzung der Natur. Plötzlich bearbeitet es den Klimawandel.

Plötzlich prämiert es einen schonenden Umgang mit Mensch, Tier

und Umwelt. Dabei erweist sich ausgerechnet das altkatholische

Prinzip des Ablasshandels als hocheffizientes Instrument des

modernen Wirtschaftens: Es nimmt die Internalisierung externer

Kosten beim Wort. Das Gewissen lenkt unseren Blick auf afrikanische

Lehrer, die in Berliner Biergärten Teller spülen, und auf

Hühner, die in enge Käfige gepfercht werden – und es drängt

Unternehmen, für einen Ausgleich von Eigentümer-, Mitarbeiterund

Kundeninteresse zu sorgen.

KALTER ZUGRIFF AUF ZUNEHMEND KNAPPE GÜTER

Eben dafür aber: für den kalten Zugriff von Kapital auf knappe Güter

unter dem Dach einer Ordnungspolitik, die Recht konsequent

(durch)setzt; für die selbstinteressierte Ächtung wirtschaftlicher

Praktiken und politischer Regime, die Macht missbrauchen; für einen

Kapitalismus, der es mit emanzipierten Konsumenten zu tun

hat – eben dafür braucht es auch in Zukunft „unternehmerische

Freiheit“. Damit the business of business auch künftig ein ganz anderes

business ist und bleiben kann.

n

Karl Marx Für ihn war der Unternehmer

ein roher Kapitalist, ein Ausbeuter, der

Arbeiter ihrer Freiheit beraubt

Milton Friedman

Für ihn war der Geschäftsmann

gut, der gute Geschäfte macht

Papst Franziskus Für ihn ist

die Ökonomie Tyrannei und Kapitalismus

an der Wurzel ungerecht

FOTOS: AKG IMAGES, CORBIS/ROGER RESSMEYER, AAP IMAGES/ALL ACCESS

20 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


ILLUSTRATION: THOMAS FUCHS

In Staates Fängen

KOALITION | Stärker als ihre Vorgänger grenzt die schwarz-rote

Bundesregierung die Freiheit der Bürger und Betriebe ein. Oft kaum

merklich, mit vielen kleinen Regeln und etlichen Millionen Euro.

Das Museum of American Finance ist

eines der jüngsten in New York. Es

residiert in der pompösen Schalterhalle

eines historischen Bankgebäudes im

Süden Manhattans. Die Ausstellung, an der

Wall Street nur ein paar Türen neben dem

WirtschaftsWoche-Büro gelegen, präsentiert

Geschichte und Wirkungsweise der Finanzwelt

und der freien Marktwirtschaft.

Auch in Europa wurde jüngst ein Marktwirtschaftsmuseum

eröffnet, es liegt ganz

zentral: die Bundesrepublik Deutschland.

Seine Hausordnung ist der Koalitionsvertrag,

die Direktorin heißt Angela Merkel.

50 Mal kommt das Wort „Freiheit“ im

Gründungsdokument der schwarz-roten

Koalition vor, davon allein 15 Mal als allgemeine

Beschwörung von Frieden und Freiheit

oder Freiheit und Sicherheit. Da ist die

Rede von Barrierefreiheit für Ältere und

Behinderte (sechs Mal, auch im Tourismus!),

digitaler Lehrmittelfreiheit, Therapiefreiheit

des Arztes, Bewegungsfreiheit

für Asylbewerber. Die unternehmerische

Freiheit kommt nur ein Mal vor. Nicht als

Verheißung oder Auftrag des Staates, Firmengründern

oder Betrieben gute Geschäftschancen

zu gewährleisten, sondern

als zwar berechtigte, aber gleichwohl drohende

Mahnung, im Abschnitt über die

Bankenunion: „Wer die Freiheit will, mit

riskanten Geschäften hohe Gewinne zu

erzielen, muss auch für die Risiken einstehen.“

Die Floskel von Politökonomen aller

Schattierungen, dass in der Marktwirtschaft,

der sozialen zumal, der Staat nur die

Rahmenbedingungen setzen solle, ist eine

Plattitüde. Das will wirklich jeder. Wie eng

oder weit dieser Rahmen sein soll, darum

geht es. Und darauf kommt es an.

Der plakativste Eingriff des Koalitionsvertrages

in die wirtschaftliche Freiheit ist

der Mindestlohn. Nicht nur, weil er einen

staatlichen Preis festsetzt. Sondern weil er

einen Grundpfeiler marktwirtschaftlicher

Beziehungen erschüttert: die Vertragsfreiheit.

Verträge kommen gemeinhin nur zustande,

wenn es handelseinige Partner

gibt. In einzelnen Branchen oder Regionen

hatten sich die Arbeitgeber und Gewerkschaften

entweder nicht einigen können,

oder es fehlte schlicht an Verhandlungspartnern.

Doch plötzlich erzwingt die Obrigkeit

per staatlichem Lohndiktat einen

solchen Vertragsschluss –und sei es in

Form einer Regierungskommission, die

den Mindestlohn zu organisieren hat.

DER STAAT VERDIRBT DIE PREISE

Staatliche Höchst- oder Mindestpreise haben

noch nie zu einer Vollversorgung geführt,

weil entweder das Angebot nicht

mehr lohnt oder die Nachfrage wegbricht.

Da Mobilität essenziell für die Teilhabe an

der Gesellschaft und einen Arbeitsplatz ist,

könnte der Staat versucht sein, diese zu garantieren.

Aber welcher Automobilhersteller

wäre dabei, wenn die Regierung mittels

einer „Autopreisbremse“ dekretierte, dass

ein Mittelklasse-Familienkombi mit 75 PS

für 12 000 Euro anzubieten wäre? Die Folge

müsste dann sein, dass der Staat auch die

Produktion übernimmt oder anordnet. Mit

der „Mietpreisbremse“ verhält es sich »

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 21

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

»

nicht viel anders. Mit der Freiheit des

Wirtschaftens ist es dann schnell vorbei.

Aber es sind nicht nur die heiß diskutierten

groben Eingriffe, mit denen der Koalitionsvertrag

den Bewegungsspielraum von

Konstrukteuren und Konsumenten, von

Bürgern und Betrieben einschränkt. Es

sind die vielen kleinen Einschränkungen,

mit denen die neue Regierung in ein System

eingreift, von dem die große Mehrheit

der Deutschen sagt, dass es eigentlich

recht gut funktioniert (und dessen in Zahlen

gefasste Bilanz vom Rückgang der Arbeitslosigkeit

über das Anwachsen der

Realeinkommen bis zu steigenden Vermögen

für viele kündet). „Die überwiegende

Mehrheit der Berufstätigen ist überzeugt,

einen sicheren Arbeitsplatz zu haben, eine

stetig steigende Zahl von Bürgern zieht eine

positive Bilanz ihrer wirtschaftlichen Situation

mit Blick auf die letzten fünf Jahre“,

schreibt das Institut für Demoskopie Allensbach

zu seiner traditionellen Stimmungsumfrage

zum Jahreswechsel.

Dennoch sieht die neue Bundesregierung

mehr Regelungsbedarf als ihre Vorgänger.

Bei der Abwägung zwischen verstärktem

Schutz weniger und den Chancen

vieler entscheidet sie sich fast regelmäßig

für ein engeres Korsett. Um ausbeuterische

Auswüchse beispielsweise in Schlachthöfen

zu bekämpfen, soll die Nutzung von

Werkverträgen generell eingeschränkt werden

– das behindert auch die Flexibilität in

Firmen, die sich korrekt verhalten. Der Versuch,

mittels einer Finanztransaktionsteuer

hochriskante Bankgeschäfte zu verhindern,

behindert auch ganz normale Unternehmen

der Realwirtschaft, Währungsrisiken

bei Exporten abzusichern oder Firmengelder

für die Altersvorsorge der Mitarbeiter

rentabel anzulegen. Eine Rückkehrgarantie

für Teilzeitkräfte könnte dazu

führen, dass gar nicht erst so viele Teilzeitstellen

wie gewünscht angeboten werden.

Tarifverträge sollen künftig auch dann für

allgemein verbindlich erklärt werden können,

wenn die tarifgebundenen Arbeitgeber

weniger als 50 Prozent der Arbeitnehmer

einer Branche beschäftigen. Es genügt

ein nicht näher definiertes „öffentliches Interesse“.

So dominieren die Vorstellungen

einer Minderheit die der Mehrheit.

Der moderne Wohlfahrtsstaat führt seine

Schäfchen nicht nur durch Paragrafenwegmarken,

sondern auch gern am goldenen

Zügel. Aus der Taufe heben will die Koalition

unter anderem eine „Initiative Kulturtourismus“,

natürlich mit Steuergeldern.

Selbst bei der Unternehmensnachfolge will

Ein freiheitlicher

Staat ist ein

starker Staat, der

Grenzen setzt –

auch sich selbst

der Staat unterstützend mitfummeln, um

die sich schon die Industrie- und Handelskammern

(ohnehin eine Institution, die sich

auf Zwangsmitgliedschaft stützt) kümmern.

Etliche Branchen werden mit neuen Förderprogrammen

gelenkt. Kein Forschungsbereich

bleibt unerwähnt, der nicht durch

Geld und gute Worte „gestärkt“, „gefördert“

oder zumindest „verstetigt“ wird, von der

Geschlechter- und Altersmedizin über die

Meeres- und Polarforschung (Klimawandel!)

bis zur Erforschung neuer Arbeits- und

Dienstleistungsprozesse. Die Krankenkassen

werden gezwungen, netto 150 Millionen

Euro zusätzlich in die Forschung zu investieren.

All das ist Ausdruck eines Denkens,

in dem Innovation nicht durch offenes, risikofreudiges

Klima ermöglicht, sondern herbeisubventioniert

werden soll.

Und Bürokratieabbau? Findet erst mal

nur auf dem Papier statt. Natürlich findet

sich das Bekenntnis im Vertragstext, sogar

schon auf Seite 25. Und dann folgen weitere

160 Seiten, in denen das Werk staatliche

Interventionen, moralischen Druck oder

staatliche Zahlungen in nahezu allen Lebensbereichen

ankündigt. Kein Wunder,

dass konkrete Ziele zum Bürokratieabbau–

beispielsweise ein Versprechen, Verbraucher

und Unternehmen um einen bezifferten

Milliardenbetrag zu entlasten – fehlen.

Wer Freiheit will, will aber keinen schwachen

Staat. Denn der hilft gerade jenen

nicht, die ihn am dringendsten brauchen.

„Geld regiert die Welt“ –dieses globale

Motto, das auch im Kleinsten gilt, beschreibt

nichts weiter als die banale Tatsache,

dass Wohlhabende sich immer irgendeine

Lösung kaufen können: ihren Lebensstandard

unabhängig von öffentlicher

Fürsorge, eine gute Bildung für ihre Kinder,

ein hübsches Häuschen. Notfalls können

sie mit ihrem Kapital abwandern. Das gilt

für jeden Rechtsstaat. Und in korrupten

Regimen schafft sich Geld durch Bestechung

den Humus, auf dem das eigene

Vermögen illegal wächst und gedeiht.

Wer wenig oder nichts hat, ist in einem

schwachen Staat hilf- und chancenlos. Er

kann nicht auf soziale Unterstützung hoffen.

Ein Sozialsystem, das den Lebensunterhalt

jener sichert, die ihn nicht selbst erwirtschaften

können (nicht:wollen), ist daher

keine Sozialduselei, sondern elementare

Freiheitssicherung. Die Agenda 2010,

die „Fördern“ und „Fordern“ neu austarierte,

war deshalb kein Programm der Entrechtung

und Freiheitsberaubung, wie linke

Kritiker monierten, sondern Anstoß und

Verpflichtung, aus eigener Verantwortung

aktiv zu werden. Manchen dieser Anreize

zurückzudrehen ist eine Schwäche des aktuellen

Koalitionsvertrages.

ARMUT VERHINDERT FREIHEIT

Nach der ganz ursprünglichen physischen

Bedrohung von Leib und Leben ist Armut–

auch Bildungsarmut–die größte Freiheitseinschränkung

überhaupt. Denn sie verhindert

ganz praktisch das, was Immanuel Kant

einst als eine der Errungenschaften der Aufklärung

definiert hat: den Ausgang des

Menschen aus seiner selbstverschuldeten

Unmündigkeit. Wobei Kant die Faul- und

Feigheit der Menschen geißelte, sich des eigenen

Verstandes überhaupt bedienen zu

wollen, statt sich im Pferch der Bevormundung

gemütlich einzurichten. In der modernen

Gesellschaft geht es freilich nicht ohne

einen gesicherten Rahmen, um beispielsweise

einen fairen Wettbewerb zu erhalten.

Größte Freiheit ist also nicht die Abwesenheit

von Staat, ist nicht Anarchie. Es ist

aber auch nicht ein übermächtiger Staat,

der alles regelt und reglementiert und damit

die Entfaltungsmöglichkeiten des Einzelnen

eingrenzt, abwürgt, am Ende gar die

Menschen ökonomisch, physisch und psychisch

einkerkert.

Ein freiheitlicher Staat ist ein starker

Staat, der Grenzen setzt –vor allem sich

selbst.

n

henning.krumrey@wiwo.de | Berlin

ILLUSTRATION: THOMAS FUCHS

22 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Wunschzettel

Liebe Bundesregierung...

Die Jahreswende ist seit Urzeiten von Ritualen begleitet und mit Erwartungen verknüpft: Man feiert

das Ende einer Zeitspanne – und fasst gute Vorsätze für das bevorstehende Jahr. Die WirtschaftsWoche

bat darum Spitzenmanager der deutschen Wirtschaft um ihre Wünsche an die neue Bundesregierung.

Martin

Winterkorn

Vorstandschef

des Volkswagen-

Konzerns

Ich wünsche der neuen Bundesregierung in jeder Hinsicht eine glückliche

Hand – vor allem natürlich bei der Stärkung des Industriestandortes

Deutschland. Es gibt viel zu tun: Von der Forschungsförderung über bezahlbare

Energie bis zur Modernisierung der Infrastruktur. Vorher wünsche

ich allen Beteiligten aber erst einmal ein paar Tage zum Durchschnaufen

und Kraft tanken – mit leeren Batterien kommt schließlich auch die beste

Regierung nicht weit.

Beste Grüße, frohes Fest und guten Rutsch wünscht

Roland Mack

Geschäftsführender

Gesellschafter

des

Europa-Parks

Rust bei Freiburg

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA (2), PR (3)

24 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Alfred Schopf

Vorstandschef

von Leica

Camera in Solms

xxx

few gerfgewa grg

re grtseg res

gresg gres

Holger

Naumann

Geschäftsführer

von Deutsche

Asset & Wealth

Management

Investment

Heiko Harbers

Chef des Netzwerk-

Ausrüsters Devolo

aus Aachen

» Weitere Wünsche finden Sie auf den Seiten 70/71 und 104/105

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 25

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

Kapitalistische

Enklave

Geschäftszentrum

in Hongkong

Wie Tag und Nacht

WELTWIRTSCHAFT | Hongkong rangiert in Rankings zur ökonomischen Freiheit ganz oben, Venezuela

steht ganz unten. Was heißt das für die Menschen? Ein Doppelporträt zweier Systeme.

In der Chungking Mansion, dem Handelsviertel

im Hongkonger Bezirk

Kowloon, riecht die Freiheit nach Moder

und indischem Curry. Bärtige Männer in

Kaftanen verkaufen in der heiß-feuchten

Luft Hähnchenfleisch, daneben gibt es gefälschte

iPhones, Kleidung aus Afrika, Kosmetik

aus Frankreich und taiwanische

Computer. Irgendwo spricht jemand Arabisch,

Schwarzafrikaner verschnüren Kisten,

daneben tummeln sich ein paar Festlandchinesen

mit jungen Rucksackreisenden

aus der westlichen Welt.

Die Chungking Mansion ist der

Schmelztiegel in der ohnehin weltoffenen

Sieben-Millionen-Stadt Hongkong. In einem

düsteren Hochhauskomplex, der das

Viertel überragt, leben 4000 Menschen aller

Hautfarben, Nationalitäten und Religionen

auf engstem Raum zusammen. Es ist

seit Jahrzehnten Anlaufstelle für geschäftstüchtige

Migranten aus Schwellen- und

Entwicklungsländern. Jeder Quadratmeter

ist kommerziell genutzt–als Verkaufstand,

Restaurant, Geldwechselstube, Hotelzimmer.

Hunderte Geschäfte und Kleinunternehmen

kaufen, verkaufen, importieren

und exportieren hier Güter aus aller Welt.

Vermutlich ist die Welt nirgendwo so multikulturell

wie hier.

Das Gegenmodell zu Hongkong heißt

Venezuela. Nach dem vom kanadischen

Fraser Institute erstellten Index der ökonomischen

Freiheit liegt Hongkong auf dem

ersten Platz von untersuchten 152 Staaten

– und Venezuela ganz hinten. Klar, in Staaten

wie Nordkorea und Kuba sieht es in

puncto Freiheit noch finsterer aus –doch

weil es für diese Länder noch nicht einmal

vergleichbare Daten gibt, werden diese

Länder im Fraser-Ranking nicht erfasst

(siehe Seite 30). Ein Vergleich dieser Länder

mit Hongkong wäre auch unfair – doch

Venezuela war durchaus schon mal weiter.

Das war bevor Präsident Hugo Chávez

1999 damit begann, den südamerikanischen

Petrostaat in ein sozialistisches Paradies

zu verwandeln. Präsident Nicolás Maduro,

der dem im März 2013 verstorbenen

Vorgänger Chávez nachfolgte, setzt dessen

unternehmerfeindlichen Kurs in verschärftem

Maße fort.

Kürzlich verbot er Herstellern elektronischer

Geräte, die Preise zu erhöhen – bei

rund 50 Prozent Inflation im Jahr kommt

das einer Art Enteignung gleich. Ladenbesitzer,

die das Spiel nicht mitmachen, wurden

von der Militärpolizei abgeführt. Sondergerichte

sollen sie künftig als „Wucherer“

verurteilen. Das gilt auch für Vermieter,

die Mieten anheben. Viele Eigentümer

lassen Büroräume und Wohnungen lieber

leer stehen, als sie zu vermieten–weil die

FOTOS: CORBIS/JOHN HARPER, LAIF/REDUX/THE NEW YORK TIMES

28 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Sozialismus des

21. Jahrhunderts

Elendsviertel in

Venezuelas Hauptstadt

Caracas

Gesetze es erschweren, gegen säumige

Zahler vorzugehen.

Auch viele lebensnotwendige Artikel in

den Supermärkten werden rar, darunter

Milch und Reis. Es fehlt an Toilettenpapier,

Speiseöl und vielem mehr. Wobei dies

nicht an schmarotzenden Einzelhändlern

liegt, die Waren horten, wie die Regierung

im gleichgeschalteten Staatsfernsehen behauptet.

Sondern daran, dass Venezuelas

Unternehmer kaum mehr investieren. Niemand

weiß, ob sein Unternehmen nicht

morgen enteignet wird. Chávez hatte Zement-

und Stromkonzerne, Telekomunternehmen,

Farmen und Stahlfirmen verstaatlicht–und

so das Investitionsklima im

Land ruiniert.

„Jeder versucht, mit möglichst geringen

Investitionen den Umsatz zu halten“, sagt

ein Unternehmensberater in Caracas. Er

will anonym bleiben, weil er in dem aufgeputschten

politischen Klima Repressalien

befürchtet. Venezuelas Wirtschaft befindet

sich in einem weitgehend rechtsfreien

Raum: Gesetze oder Vorschriften ändern

sich oft täglich und widersprechen einander.

Vor den Inspektoren der Behörden

sind Unternehmer grundsätzlich schuldig.

Es sei besser, über die Höhe einer Strafe zu

verhandeln, als den Nachweis zu versuchen,

man habe alles richtig gemacht,

empfiehlt der Berater. Vor allem kleine und

mittlere Unternehmen hätten keine Chance,

die Gesetze zu erfüllen.

Die Folgen dieser Politik zeigen sich immer

deutlicher: Da die Staatsbetriebe

schlecht funktionieren, muss Venezuela

immer mehr Lebensmittel und Konsumprodukte

importieren. Inzwischen führt

das Opec-Gründungsmitglied mit den

weltweit größten Ölreserven sogar Benzin

ein, da die eigenen Raffinerien nach einem

jahrelangen Investitionsstopp nicht mehr

in der Lage sind,die lokale Nachfrage zu

decken. Oft fällt in ganzen Landesteilen

Das Pro-Kopf-Einkommen

in Hongkong

zählt zu den

höchsten der Welt

stundenlang der Strom aus, weil die Kraftwerke

nicht genügend Energie liefern.

Im kommunistischen China ist es zwar

weder mit der politischen noch mit der

ökonomischen Freiheit weit her, doch in

Hongkong, der liberalen Enklave, hält sich

der Staat aus der Privatwirtschaft weitgehend

heraus. „Der hohe Grad an ökonomischer

Freiheit hat in Hongkong Hunderttausende

von Kleinbetrieben entstehen

lassen“, sagt Stefan Kracht von der

Unternehmensberatung Fiducia in Hongkong.

„Auf dem Festland kann es bis zu

sechs Monate dauern, um beispielsweise

eine Tochtergesellschaft zu registrieren.

In Hongkong geht das innerhalb einer

Woche.“

FLAT TAX UND KEINE ZÖLLE

Kracht kann viele Vorteile Hongkongs aufzählen:

Da ist zum einen die hohe Sicherheit

des auf angelsächsischem Kodex basierenden

Rechtssystems. Hongkongs Arbeitnehmer

verfügen über ein hohes Bildungsniveau,

internationale Erfahrung

und gute Englisch-Kenntnisse. Das Steuersystem

ist so einfach, dass es der Bierdeckel-Idee

von Friedrich Merz nahe

»

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 29

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

»

kommt. Es gibt eine Flat Tax für alle, die

Einkommensteuer liegt bei 15 Prozent, Unternehmen

zahlen maximal 16,5 Prozent.

Vor allem aber hat Hongkong den offensten

Markt der Welt: Es gibt weder Einfuhrnoch

Ausfuhrzölle.

Die Insel der ökonomischen Freiheit

zählt nicht zuletzt deswegen zu den am

meisten entwickelten Flecken der Erde:

Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen

ist mit knapp 27 000 Euro eines der

höchsten der Welt, die Arbeitslosigkeit liegt

bei 3,3 Prozent, die Inflation bei rund vier

Prozent. Kehrseite des Wohlstands ist allerdings,

dass allzu große Wachstumssprünge

nicht mehr möglich sind – zumal, wenn

man die Sonderwirtschaftszone mit Festland-China

vergleicht. Dort wächst die

Wirtschaft im Jahr um rund acht Prozent,

in Hongkong betrug das Wirtschaftswachstum

2012 nur 1,4 Prozent. Vor allem Shanghai

mit seiner Sonderwirtschaftszone

macht der kapitalistischen Metropole zunehmend

Konkurrenz.

Mäßiger Rang für Deutschland

Rankingder ökonomischen Freiheit

(Skala von0bis 10)

1. Hongkong

8,97

2. Singapur

8,73

3. Neuseeland

8,49

4. Schweiz

8,30

5. V. Arab.Emirate

8,07

.

19. Deutschland

7,68

.

150. Republik Kongo

4,57

151. Myanmar

4,08

152. Venezuela

3,93

Quelle:FraserInstitute 2013

LIBERALES TOR

Hongkongs Sonderstatus als liberales Tor

zum ebenso riesigen wie regulierten chinesischen

Festland ist bedroht. Immer weniger

Güter werden im Hafen umgesetzt, und

der Leistungsbilanzüberschuss sinkt. Immer

mehr Firmen ziehen es vor, lieber direkt

mit dem Festland zu handeln, als den

Umweg über Hongkong zu nehmen. Während

das Perlflussdelta, eine der größten

urbanen Regionen mit mehr als 130 Millionen

Menschen, wirtschaftlich boomt,

nimmt Hongkongs Bedeutung relativ gesehen

ab.

Noch wirken die strikten Kapitalverkehrskontrollen

auf Chinas Festland, die

Bürokratie, die Korruption und eine mangelhafte

Rechtsstaatlichkeit wie ein Schutzschild

für Hongkong. Nicht zuletzt gibt es

im Gegensatz zum Festland in Hongkong

auch etwas mehr Pressefreiheit: Die Bewohner

sind stolz auf die unabhängige und

kritische „South China Morning Post“.

Doch je liberaler Chinas Wirtschaft wird,

desto geringer wird auch die Bedeutung

Hongkongs. Sollte China tatsächlich wie

angekündigt bis 2020 den Yuan freigeben,

dürfte auch Hongkongs Rolle als globales

Finanzzentrum schwinden.

Ein funktionierendes Bankenwesen hätte

auch Venezuela nötig. Paradoxerweise

ist es trotz schwachen Wachstums und hoher

Inflation nicht so, dass es allen Unternehmern

schlecht geht. Verkürzt gilt: Wer

ausharrt und noch nicht verstaatlicht wurde,

verdient oftmals blendend. Besonders

Unternehmen, die lebensnotwendige Güter

wie Medikamente, medizinische Geräte,

Stromgeneratoren oder Teile für die Ölindustrie

herstelle, fahren hohe Profite ein.

Auch Dienstleister wie Versicherungen,

Gastronomen und Hoteliers verdienen ordentlich.

Und obwohl das Finanzsystem

von der Außenwelt teilweise isoliert ist,

freuen sich selbst die Banken über gute Geschäfte:

„Wir verdienen derzeit unglaublich

gut“, sagt Germán García-Velutini, Teilhaber

und Präsident des privaten Banco

Venezolano de Crédito, des ältesten Geldhauses

Venezuelas.

Die Regierung weiß sehr wohl, wie

schwierig es wäre, nach einer Verstaatlichung

der Banken ein Zahlungssystem am

Laufen zu halten. Sie ist darauf angewiesen,

dass Kredite und Petrodollar aus dem

Ausland reibungslos nach Venezuela fließen.

Einen Sturm auf die Banken und eingefrorene

Konten kann sich die Politik

nicht leisten.

Das streng regulierte Finanzsystem ist

gleichwohl ein Hemmschuh für die wirtschaftliche

Entwicklung. In Venezuela

müssen Unternehmer viel Einfallsreichtum

zeigen, um den Staat auszutricksen.

Sie importieren zum Beispiel Maschinen

Die Regierung

Venezuelas hat

das Investitionsklima

ruiniert

über das sozialistische Partnerland Kuba.

Denn die Importe „Hecho en Cuba“ werden

einfacher genehmigt und die Devisen

zur Bezahlung freigegeben. Auch Tochterfirmen

in den USA oder Panama werden

gegründet, um Bezahlungen und Importe

abzuwickeln. „Hohe Gewinne, hohes Risiko“,

sagt ein deutscher Unternehmer aus

dem Versicherungsbereich. Deswegen

müssen sich Geschäfte binnen Jahresfrist

auszahlen und Gewinne abwerfen, sonst

riskiert kein Unternehmer sie. Entsprechend

selten investieren Unternehmer

deswegen noch in die Produktion – hier

dauert die Amortisation viel zu lange.

So richtig glücklich werden die verbliebenen

ausländischen Investoren mit ihren

Gewinnen trotzdem nicht. Sie können ihr

Geld nicht legal ins Ausland überweisen,

da der Staat den Devisenhandel kontrolliert

und nur sehr beschränkt Dollar zum

offiziellen Tauschkurs zugewiesen werden.

Also suchen die Unternehmen permanent

nach Wegen, wie sie ihre Bolívar im Ausland

in Dollar verwandeln können. Der

Kauf von Gold und Rohstoffen im Ausland

ist ein Weg, Bolívar gegen Devisen zu tauschen.

IMMOBILIENPREISE STEIGEN

Wem es nicht gelingt, seine Gewinne ins

Ausland zu transferieren, der muss es vor

der Inflation schützen. Der Börsenboom in

Caracas lässt sich vor allem mit der Suche

nach Sicherheit für die Erträge erklären:

Um 430 Prozent hat der Index 2013 zugelegt,

obwohl an der Börse kaum noch private

Unternehmen gelistet sind – bis auf

Banken. Andere Unternehmen versuchen

ihre Cash-Bestände durch den Kauf von

Immobilien vor Wertverlust zu schützen;

rasant steigende Immobilienpreise sind

die Folge.

Und dann sind da noch die persönlichen

Lebensumstände: Kaum ein führender

ausländischer Wirtschaftsvertreter lebt mit

der Familie in Venezuela –aus Angst vor

Entführungen und der Alltagsgewalt. Viele

Manager haben ihre Familie nach Panama

oder in die USA umgesiedelt und sehen sie

alle 14 Tage für ein Wochenende. „Es gibt

kein Sozialleben mehr“, beobachtet ein

Expat, der wie viele andere abends seine

Wohnung nicht mehr verlässt. Denn in Caracas

mangelt es nicht nur an der Freiheit:

Mit 118 Morden pro 100 000 Einwohner ist

die Metropole Venezuelas auch die gefährlichste

Hauptstadt der Welt.

n

alexander.busch@wiwo.de | São Paulo,

philipp mattheis | Shanghai, florian willershausen

30 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

Messias wider Willen

RUSSLAND | Michail Chodorkowski war ein scharfer Kritiker von

Wladimir Putin – bis der ihn aus der Haft entließ. Im letzten in Unfreiheit

geführten Interview spricht er über den Wert der Freiheit.

Journalistischem Wunschdenken nach

musste es ein leibhaftiger Held sein,

der kurz vor Heiligabend zur Pressekonferenz

lud. Einer wie Nelson Mandela,

ein Befreier der unterdrückten Russen, ein

Stachel im Fleisch des Kreml-Autokraten

Wladimir Putin. Zehn Jahre und 56 Tage

war Ex-Oligarch Michail Chodorkowski

aus offenbar politischen Motiven in Haft.

Klar, dass bei seinem ersten Auftritt in Freiheit

der Konferenzraum des Berliner Mauermuseums

am Andrang der Weltpresse zu

bersten drohte.

Doch Chodorkowski will kein Held sein.

Zwar kündigt er an, sich gesellschaftlich zu

betätigen und dabei nach Kräften für die

Freilassung politisch Inhaftierter zu kämpfen.

Doch er schließt kategorisch aus, politisch

aktiv zu werden. Das hatte er in Briefen

und Interviews vom Gefängnis aus stets

betont–und doch mögen nicht wenige gehofft

haben, der frühere Ölmagnat würde

genug Groll auf Putin hegen, um mit seiner

Person und seinem Geld die russische Opposition

zu unterstützen. Stattdessen behauptet

er, weder Rachegefühle noch Hass

auf Putin zu hegen. Was ist bloß aus dem

Kritiker geworden, den die regimekritische

Presse zu einem Messias hochgejazzt hat?

Zähmt er seinen Unmut womöglich, weil

er es Putin als Gegenleistung für die Begnadigung

versprochen hat?

SCHRIFTLICHES INTERVIEW

In seinen letzten Tagen hinter Gittern hat

Michail Chodorkowski der WirtschaftsWoche

schriftlich ein Interview gegeben–sein

letztes in Unfreiheit. Darin klang er noch

kämpferischer. Schonungslos seziert er die

Schwächen des Putin-Regimes. Die plötzliche

Freiheit indes lässt ihn defensiver argumentieren.

Seinen Prinzipien bleibt er

aber treu: Chodorkowski will ein kluger

und kritischer Denker im Hintergrund

sein, nicht aber die Rampensau der ramponierten

russischen Opposition, die sich

mancher so wünscht.

n

florian.willershausen@wiwo.de

IN GEFANGENSCHAFT

Wie steht es um die Freiheit in Russland?

»Mehr als die Hälfte meines Lebens habe ich in der Sowjetunion

gelebt: Die Bevölkerung stand unter der Kontrolle der

Machthaber, für alles brauchte man eine Genehmigung.

Insofern war das Gefängnis keine neue Erfahrung für mich.«

IN FREIHEIT

Hat er politische Ambitionen?

»Ich werde mich nicht politisch engagieren.

Das habe ich Präsident Putin geschrieben, und das habe

ich seither immer wieder gesagt.«

Chodorkowski auf seiner Pressekonferenz am 22.12. in Berlin

Wieso hat er nicht Schuld eingestanden, um begnadigt zu werden?

»Das war nicht möglich. Ich hätte die Schuld für ein

Verbrechen tragen müssen, das ich nicht begangen habe.

Das wäre Selbstbetrug gewesen.«

Lähmt Unfreiheit ein Land ökonomisch?

»Freiheit ist gleichbedeutend mit Wettbewerb. Vor dieser

Konkurrenz hat das Regime Angst. Ein archaisches politisches

Regime wie das russische ist nicht in der Lage, komplexen

politischen, gesellschaftlichen oder ökonomischen

Prozessen Herr zu werden. Putin versteht das sehr genau.«

Warum lässt Putin nicht mehr Freiheit zu?

»Putin verhindert die nötigen Reformen, weil sie für ihn

irgendwann unweigerlich den Machtverlust zur Folge haben

würden. Das ist seine größte Furcht, sein Albtraum.«

Welche ökonomische Rolle wird Russland in Zukunft spielen?

»Statt der Modernisierung der Wirtschaft wird Russland

zurückkehren auf das Level der reinen Ausbeutung von Rohstoffen,

der einfachen Massenproduktion statt der qualitativen

Verarbeitung und Veredlung. Die makroökonomische Folge

wird sein, dass die Wirtschaft nur in geringem Tempo wächst.«

Wie lange hält sich Putin noch an der Macht?

»Bis 2015 kann das Regime sein Wirtschaftsmodell noch über

die Zeit retten. Danach kann jede ernsthafte Krise die letzte

sein. Ob das in fünf, zehn oder fünfzehn Jahren geschieht?

Ich weiß nicht, wann das Kartenhaus zusammenfällt.«

Die Fragen wurden der WirtschaftsWoche schriftlich beantwortet.

Kapituliert er vor der Politik?

»Ich sehe mich nicht in einem Kampf um politische Macht–

vor allem, da ein Machthaber ein Genie der Intrige sein

muss. Davon verstehe ich wenig. Glauben Sie mir oder nicht,

ich hatte nie politische Ambitionen.«

Chodorkowski im Interview mit der russischen Zeitung „Nowaja Gazeta“

Will er um sein Vermögen kämpfen?

»Das Kapitel Wirtschaft ist für mich mit Sicherheit

abgeschlossen–was auch bedeutet, dass ich nicht

um meine Yukos-Aktiva kämpfen werde.«

Chodorkowski gegenüber der russischen Zeitschrift „The New Times“

Hegt er Hassgefühle gegenüber Putin?

»Ich sehe die Dinge pragmatisch:

Mir gegenüber hat Putin Härte gezeigt, aber

meine Familie hat er dagegen verschont. Deswegen

sehe ich keinen Grund für Rache oder Hass.«

Chodorkowski auf seiner Pressekonferenz am 22.12. in Berlin

Was sagt er zur Haftentlassung der Musikerinnen von Pussy Riot?

»Die Freilassung politischer Gefangener macht die

Regierung zumindest ein kleines bisschen menschlicher.«

Chodorkowski in einer Mitteilung auf seiner Homepage

Was rät er den Putin-kritischen Musikerinnen?

»Das Wichtigste ist nun zweifellos, Kraft zu finden,

damit nach dieser schweren Prüfung der Gefängnisstrafe

Hass und Groll keinen Platz im Herzen haben.«

Chodorkowski in einer Mitteilung auf seiner Homepage

FOTO: DDP IMAGES/STEFFENS

32 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Ansturm der Weltpresse

Ex-Unternehmer Michail

Chodorkowski nach

der Freilassung in Berlin

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 33

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Politik&Weltwirtschaft

BERLIN INTERN | Die Fristenlösung beim Mindestlohn

ist wertlos. Das hat nun wohl auch die Union

erkannt. Und schon sind die neuen Partner in den

schönsten Streit verwickelt. Von Henning Krumrey

Groß koalieren, klein beigeben

FOTOS: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, LAIF/CHRISTIAN PLAMBECK

Gespannter Blick nach links Wie viele Abstriche

vom Mindestlohn sind verkraftbar?

Kaum ist die Koalitionsvereinbarung

unterschrieben, geht es los:

das Unterminieren jener Lieblingsvorhaben,

die der Vertragsgegner

in den Text hineinverhandelt hat.

Über die Weihnachtstage verlangte der

CSU-Vorsitzende Horst Seehofer, beim

Mindestlohn müsse es weite Ausnahmen

geben, beispielsweise für Saisonarbeiter,

Praktikanten oder Rentner. Prompt fährt

die SPD eine Retourkutsche – noch mautfrei

– gegen Seehofers Liebling, die Autobahngebühr

für Pkws. Dann kam das Thema

Rente mit 63 unter Feuer, worauf der

SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel die

Schwächen der Energiewende geißelte.

Alles schon mal dagewesen, vor vier Jahren.

Da stellte Wolfgang Schäuble als frisch

ernannter Finanzminister der schwarz-gelben

Ehe gleich am Morgen nach der Hochzeitsnacht

fest, dass die Steuersenkungspläne

der FDP niemals Realität würden.

Zwar versuchte der neue Wirtschaftsminister

Gabriel sogleich, das Gemäkel aus

München als brot- und kekslose Kunst während

der Weihnachtstage zu brandmarken:

Man müsse doch bloß den Text des Koalitionsvertrages

lesen, und „schon erledigen

sich einige sehr überflüssige Debatten“.

Ganz klar ist nicht, ob Seehofer nur die

Tage vor dem Christbaum im heimischen

Ingolstadt zu lang wurden, oder ob er nun

erkannt hat, wie wertlos die vermeintlichen

Verhandlungserfolge sind. Stolz hatte die

Union nämlich verkündet, dass der flächendeckende

Mindestlohn ja nicht schon 2015

käme, sondern erst 2017. Schließlich gäbe

es da die Ausnahme, dass bestehende Tarifverträge

bis Ende 2016 Vorrang behielten

vor der gesetzlichen Preisgrenze.

Eine Liste der Bundesvereinigung der

Deutschen Arbeitgeberverbände nennt

zwar 41 aktuelle Branchen-Tarifverträge

mit DGB-Gewerkschaften, die weniger als

die anvisierten 8,50 Euro als untersten

Lohn festschreiben. Aber nur 23 gelten

über den 1. Januar 2015 hinaus, allein 14

für Saisonarbeiter in der Landwirtschaft.

Gefährdet sind vor allem Hunderttausende

Jobs in Bereichen, in denen es gar keine Tarifverträge

gibt.

Natürlich wäre es wirtschaftlich vernünftig

und im Interesse der Arbeitsplätze (und

ihrer Inhaber) unerlässlich, hier nicht auf

8,50 Euro zu gehen, zumindest nicht

schlagartig. Aber welcher Gewerkschaftsführer

könnte nun, nach jahrelangem

Kampf für die Untergrenze, seinen Mitgliedern

erklären, dass sie so kurz vorm Ziel

plötzlich zwei Jahre länger warten sollen?

Vielleicht hat den CSU-Mann auch aufgeschreckt,

dass es politisch genauso läuft,

wie die Kritiker des Mindestlohns vorhergesagt

haben. Die neue Regierung hat die Arbeit

noch nicht richtig aufgenommen, da

postuliert der Verdi-Vorsitzende Frank

Bsirske schon, die 8,50 Euro – die nach

Einschätzung des Sachverständigenrats

Hunderttausende Arbeitsplätze kosten

werden – könnten nur ein Anfang sein. Die

Kommission aus Arbeitgebern und Gewerkschaften,

die künftig die Höhe des Mindestlohns

festlegen soll, müsse schnellstens auf

zehn Euro gehen.

SPD-Chef Gabriel kann nach den schwierigen

Verhandlungen mit der Union und der

mühevollen Überzeugungsarbeit in seiner

Partei nicht darauf hoffen, sich mit einer

weichen Lösung durchlavieren zu können.

Er muss liefern, auch wenn die Union nun

gegen den Mindestlohn mobil macht. Die

früheren FDP-Häuptlinge Guido Westerwelle

und Philipp Rösler könnten hier mit

Beraterverträgen eine Anschlussverwendung

finden: welche Folgen es hat, wenn

man gegen den größeren Koalitionspartner

schon in den ersten Tagen klein beigibt.

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 35

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Der Volkswirt

»Fehler der Evolution«

INTERVIEW | Hans-Hermann Hoppe Der anarcho-libertäre Ökonom

plädiert für Sezessionen und eine staatsfreie Gesellschaft.

Herr Hoppe, derzeit haben staatliche

Eingriffe in Wirtschaft und Gesellschaft

Hochkonjunktur. Viele Bürger misstrauen

dem Markt und wünschen sich mehr

Staat. Wie erklären Sie sich das?

Die Geschichte zeigt, dass Krisen das

Wachstum des Staates fördern. Besonders

deutlich wird dies bei Kriegen und terroristischen

Anschlägen. Regierungen nutzen solche

Krisen, um sich als Krisenlöser aufzuspielen.

Das gilt auch für die Finanzkrise. Sie

hat den Regierungen und Zentralbanken einen

willkommenen Anlass geboten, noch

stärker in die Wirtschaft und die Gesellschaft

einzugreifen. Die Staatsvertreter haben es

geschafft, die Schuld auf den Kapitalismus,

die Märkte und die Gier abzuschieben.

Wäre die Weltwirtschaft ohne die Eingriffe

von Zentralbanken und Regierungen

in Form von Liquiditätsspritzen und Konjunkturprogrammen

nicht in eine tiefe

Depression wie in den Dreißigerjahren

gestürzt?

Es ist doch ein Irrglaube, Regierungen und

Notenbanken könnten der Wirtschaft mit

Hilfsprogrammen wieder auf die Beine helfen!

Schon in den Dreißigerjahren gab es in

den USA Konjunkturprogramme. Doch die

DER RADIKALE

Hoppe, 64, ist ein führender Vertreter der

österreichischen Schule der Nationalökonomie

im deutschsprachigen Raum. Von 1986

bis 2008 war er Professor für Volkswirtschaftslehre

an der University of Nevada in

Las Vegas. Der ehemalige Habermas-Schüler

attackiert in seinem Buch „Demokratie.

Der Gott, der keiner ist“ die Funktionsmängel

demokratischer Systeme.

Große Depression endete erst nach dem

Zweiten Weltkrieg. Und in den Jahren zuvor

sank die Arbeitslosigkeit in den USA nie unter

15 Prozent. Die Banken horteten das

Zentralbankgeld, anstatt damit Kredite zu

vergeben. Derzeit ist es ähnlich. Das Geld

gelangt nicht in die Gütermärkte, die Warenpreise

steigen daher kaum. Aber das

heißt nicht, dass es keine Inflation gibt.

Man muss sich nur die Entwicklung an den

Aktienmärkten anschauen, um zu erkennen,

wohin das Geld fließt. Die Inflation

findet an den Asset-Märkten statt.

In Europa haben sich Regierungen und

Zentralbanken im Zuge der Euro-Rettung

nach Meinung vieler Kritiker über Recht

und Gesetz hinweggesetzt – ohne dass es

einen Aufschrei der Öffentlichkeit in

Deutschland gab.

Die Deutschen lassen sich von Amerika

diktieren, was sie zu tun und zu lassen haben.

Amerika hat ein vitales Interesse daran,

dass der Euro bleibt, denn für den Dollar

ist er eine bequemere Konkurrenz als 17

nationale Währungen. Amerika muss sich

so nur an eine Zentralbank, die EZB, wenden,

um seine Interessen mit politischem

Druck durchzusetzen.

FOTO: PR

36 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Die Euro-Rettung und die zunehmende

Verlagerung von Befugnissen nach Brüssel

lösen Unbehagen in der Bevölkerung

aus. Haben die politischen und wirtschaftlichen

Eliten die Integrationsbereitschaft

der Bürger überfordert?

Staaten haben generell die Tendenz, ihre

Macht zu zentralisieren. In Europa soll die

Kompetenzverlagerung nach Brüssel den

Wettbewerb der Länder untereinander

ausschalten. Der Wunschtraum der Etatisten

ist ein Weltstaat mit einheitlichen Steuern

und Regulierungen, der den Bürgern

jede Möglichkeit nimmt, durch Abwanderung

ihre Lebensumstände zu verbessern.

Die Bürger erkennen, dass die Europäische

Union im Grunde genommen ein riesiger

Umverteilungsapparat ist. Das schürt die

Unzufriedenheit und stachelt den Neid der

Völker untereinander an.

Was kann man dagegen tun?

Für die Freiheit wäre es am besten, Europa

zerfiele in möglichst viele Kleinststaaten.

Das gilt auch für Deutschland. Je kleiner

die räumliche Ausdehnung eines Staates,

desto leichter ist es, auszuwandern – und

desto netter muss der Staat zu seinen Bürgern

sein, um die produktiven Menschen

zu halten.

Sie wollen ernsthaft eine Rückkehr in die

Kleinstaaterei des 19. Jahrhunderts?

Schauen Sie sich doch die wirtschaftlich-kulturelle

Entwicklung an. Im 19. Jahrhundert

war das, was heute Deutschland

ist, die führende Region in Europa. Die

großen kulturellen Leistungen entstanden

in einer Zeit, in der es keinen großen

Zentralstaat gab. Die Klein-Territorien

standen in einem intensiven Wettbewerb

untereinander. Jeder wollte die besten

Bibliotheken, die besten Theater und die

besten Universitäten haben. Das hat die

kulturelle und geistige Entwicklung deutlich

stärker vorangebracht als etwa in

Frankreich, das schon damals zentralisiert

war. Dort konzentrierte sich alles auf Paris,

der Rest des Landes versank in kultureller

Dunkelheit.

Sie übersehen einen wichtigen Punkt: Bei

Kleinstaaterei und Sezession droht der

freie Handel auf der Strecke zu

bleiben.

Im Gegenteil. Kleinstaaten müssen

Handel treiben. Ihr Markt ist

nicht groß genug, und sie sind zu

wenig diversifiziert, um autark zu

leben. Wenn sie keinen Freihandel

betreiben, sind sie ganz

schnell wirtschaftlich am Ende.

Ein großer Staat wie Amerika

online

Eine Langfassung des

Interviews lesen Sie

im Internet unter

wiwo.de/hoppe

hingegen kann sich weitgehend selbst versorgen

und ist daher weniger auf freien

Austausch mit anderen Staaten angewiesen.

Zudem können kleine und souveräne

Staaten nicht andauernd die Schuld bei anderen

abladen, wenn bei ihnen etwas

schiefläuft. In der Europäischen Union

wird Brüssel gern für alle möglichen Missstände

verantwortlich gemacht. In unabhängigen

Kleinstaaten müssten die Regierungen

dagegen selbst die Verantwortung

für Missstände in ihrem Land übernehmen.

Das hätte eine befriedende Wirkung

auf die Beziehungen der Völker untereinander.

Kleinstaaten hätten eigene Währungen,

das wäre das Ende der Integration der

Kapitalmärkte.

Wieso? Kleinstaaten könnten sich eigene

Währungen gar nicht leisten, weil das die

»Für die Freiheit

wäre es das Beste,

Europa zerfiele in

viele Kleinstaaten«

Transaktionskosten in die Höhe triebe.

Sie würden nach einer gemeinsamen

Währung streben, die unabhängig und unbeeinflusst

ist von den einzelnen Regierungen.

Mit hoher Wahrscheinlichkeit

würden sie sich auf ein Warengeld wie

Gold oder Silber einigen, dessen Wert im

Markt bestimmt wird. Kleinstaaterei führt

daher zu mehr Markt und weniger Staat im

Geldwesen.

Würde Europa zu einer Ansammlung von

Kleinstaaten, hätte es im internationalen

Konzert großer Länder wirtschaftlich

nichts mehr zu melden. Würden Sie das in

Kauf nehmen?

Wie schaffen es dann die Schweiz, Liechtenstein,

Monaco und Singapur, wirtschaftlich

ganz vorne mit dabei zu sein? Mein

Eindruck ist, dass diese Länder

wohlhabender sind als

Deutschland und dass die

Deutschen wohlhabender waren,

bevor sie sich auf das

Abenteuer Euro eingelassen

haben. Wir sollten uns von der

Vorstellung lösen, dass Wirtschaft

zwischen Staaten stattfindet.

Wirtschaft findet zwi-

schen Menschen und Unternehmen statt,

die hier und dort produzieren. Es konkurrieren

nicht Staaten gegen Staaten, sondern

Unternehmen gegen Unternehmen.

Nicht die Größe eines Landes bestimmt

seinen Wohlstand, sondern die Fähigkeit

seiner Bürger.

Klassische Liberale fordern den Nachtwächterstaat,

der sich auf die Sicherung

der Freiheit, des Eigentums und des

Friedens beschränkt. Sie aber wollen gar

keinen Staat mehr. Warum?

Die klassischen Liberalen unterschätzen

die dem Staat inhärente Ausdehnungstendenz.

Wer bestimmt denn, wie viele aus

Steuermitteln finanzierte Polizisten, Richter

und Soldaten es im Nachtwächterstaat

gibt? Im Markt, der auf freiwilligen Zahlungen

für Güter und Dienste beruht, ist die

Antwort eindeutig: Es wird so viel Milch

produziert und zu Preisen abgesetzt, wie

Konsumenten bereit sind zu zahlen. Die

Regierung eines Staates aber wird auf die

Frage nach dem „wie viel“ immer sagen: Je

mehr Geld wir haben, desto mehr können

wir tun. Weil sie die Bürger zur Zahlung

von Steuern zwingen kann, wird die Regierung

immer mehr Geld verlangen und dafür

immer schlechtere Leistungen liefern.

Die Vorstellung von einem Minimalstaat ist

eine konzeptionelle Fehlkonstruktion. Minimalstaaten

können niemals Minimalstaaten

bleiben.

Aber wer soll denn das Eigentum

schützen und Recht setzen, wenn nicht

der Staat?

Wenn der Staat Eigentum durch staatliche

Polizisten schützt, erhebt er dafür Steuern.

Steuern sind jedoch Enteignung. Der Staat

wird so zu einem enteignenden Eigentumsschützer.

Und ein Staat, der Gesetz

und Ordnung aufrechterhalten will, aber

selber Gesetze erlassen kann, ist ein Gesetze

brechender Rechtsschützer.

Damit ist die Frage nicht beantwortet.

Wem wollen Sie die Aufgabe übertragen,

Recht und Eigentum zu schützen?

Diese Aufgaben sollten Unternehmen

übernehmen, die sich genauso im freien

Markt zu bewähren haben, wie das bei allen

anderen Gütern der Fall ist. Jede Gesellschaft

ist durch Eigentumskonflikte gekennzeichnet.

Es muss nicht der Staat sein,

der sie löst. Stellen Sie sich eine Gesellschaft

ohne Staat vor. In einer solchen natürlichen

Ordnung ist jede Person zunächst

als Eigentümer der Dinge anzusehen,

die sie kontrolliert. Der Anzug, den Sie

tragen, ist demzufolge Ihr Eigentum. Wer

etwas anderes behauptet, hat die Be-

»

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 37

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Der Volkswirt

»

weislast. Konflikte werden in einer solchen

Ordnung durch natürliche Autoritäten

geschlichtet. In Dorfgemeinschaften

sind dies Personen, die von allen geachtet

werden, sie wirken als Richter. Kommt es

zu Streitigkeiten zwischen Personen, die

unterschiedlichen Dorfgemeinschaften

angehören und sich an unterschiedliche

Richter wenden, muss der Konflikt auf der

nächsthöheren Ebene geschlichtet werden.

Wichtig ist, dass kein Richter ein

Rechtsmonopol hat.

Mit Verlaub: Das hört sich ziemlich

unrealistisch an.

Ist es aber nicht! Schauen Sie nur, wie

heutzutage grenzüberschreitende Streitfälle

geschlichtet werden. International

herrscht eine Art Anarchie im Recht, denn

es gibt keinen alles regelnden Weltstaat.

Was machen die Bürger im Dreiländereck

von Basel, also Deutsche, Franzosen und

Schweizer, wenn es zu Konflikten zwischen

ihnen kommt? Jeder kann sich zunächst an

die für ihn zuständige Gerichtsbarkeit

wenden. Gibt es keine Einigung, werden

unabhängige Schlichter angerufen, die den

Fall entscheiden. Kommt es deshalb zu

mehr Streitereien zwischen den Bürgern

dieser Region als zwischen den Bürgern

von Köln und Düsseldorf? Ich habe noch

nichts davon gehört. Das zeigt doch, dass

man interpersonelle Streitigkeiten friedlich

regeln kann, ohne dass es einen Staat als

Rechtsmonopolisten gibt.

Ein staatsfreies Rechtssystem dürfte die

Vorstellungskraft der meisten Bürger

überfordern.

Warum? Im Grunde genommen sind das

nachvollziehbare Gedanken, die uns nur

über die Jahrhunderte von den Befürworten

staatlicher Macht ausgetrieben wurden.

Es war evolutorisch ein Fehler, die

Freiheit der Menschen bei der Wahl der

Rechtsetzung und -sprechung durch ein

staatliches Rechtsmonopol zu ersetzen.

Letztes hat dazu geführt, dass durch Wahlen

zum Teil Proleten an die Macht gelangen,

die die ihnen zufallende Gesetzgebungsmacht

nutzen, sich am Eigentum derer

zu bereichern, die mehr haben als sie

selbst. Ein Clanchef hingegen, der freiwillig

als Schlichter für Streitfälle gewählt wird,

dürfte ein ohnehin begüterter Mensch

sein, der keinen Grund hat, anderen nach

dem Eigentum zu trachten. Sonst würde er

nicht als Schlichter gewählt.

Wie wollen Sie in einer Welt ohne staatliche

Ordnung verhindern, dass elementare

Freiheitsrechte wie das auf körperliche

Unversehrtheit verletzt werden?

Gegenfrage: Werden solche Verstöße in der

Gegenwart durch die Existenz von Staaten

verhindert? Es wird immer Gegenden geben,

in denen es Mord und Totschlag gibt,

solange die Menschen Menschen sind. Haben

Staaten das in irgendeiner Weise verbessert?

Da habe ich doch meine Zweifel.

Auch Staaten werden von Menschen geleitet.

Aber im Gegensatz zu einer staatsfreien

Gesellschaft haben die Staatsführer ein

temporäres Monopol auf ihre Machtposition.

Menschen sind nun mal keine Engel,

sondern führen häufig Übles im Schilde.

Deshalb ist die beste Verteidigung der Freiheit

und des Eigentums, niemandem ein

Monopol zu verschaffen. Sowie es ein Monopol

gibt, steigen die nicht engelhaften

Wesen auf und werden zu einer Gefahr.

»Die beste Verteidigung

der Freiheit

ist, niemandem

ein Monopol zu

verschaffen«

Nehmen wir mal an, wir folgten Ihnen und

verlagerten klassische Staatsaufgaben

wie den Eigentumsschutz und die Rechtsprechung

auf private Organisationen.

Stehen wir dann nicht vor dem Problem,

dass in diesen Organisationen ebenfalls

zweifelhafte Gestalten das Kommando

übernehmen können – und Kartelle

zulasten der Bürger bilden?

Die Gefahr, dass es dazu kommt, ist gering.

Kartelle können langfristig nur überleben,

wenn der Staat sie schützt. Unternehmen

gründen Kartelle, um den Markt untereinander

aufzuteilen. Davon profitieren die

schwachen Mitglieder. Die starken Mitglieder

hingegen können außerhalb des Kartells

höhere Marktanteile erzielen. Sobald

sie das erkennen, zerfällt das Kartell.

Bis dahin aber beuten die Kartellbrüder

die Bürger aus.

Jetzt begehen sie aus Angst vor dem Tode

Selbstmord. Wenn Sie die Aufgabe dem

Staat übertragen, hat dieser von vornherein

ein Monopol, das er missbrauchen

kann, um die Freiheit der Bürger einzuschränken.

Wie wollen Sie in einer staatsfreien Privatrechtsgesellschaft

mit dem Problem

externer Effekte umgehen? Wer soll

beispielsweise dafür sorgen, dass der Verursacher

von Umweltschäden auch die

Kosten trägt?

Das Problem ist einfach zu lösen. Man

muss dem Geschädigten ein Klagerecht

geben. Dann kann er den Verursacher eines

Schadens zu einer Entschädigungszahlung

verklagen. Im 19. Jahrhundert war es

normal, dass Bürger gegen Unternehmen

klagten, wenn diese ihr Eigentum durch

Umweltverschmutzung schädigten. Später

hat der Staat das Klagerecht eingeschränkt,

um bestimmte Industriezweige zu schützen.

Entscheidend ist, dass die Eigentumsrechte

klar zugeordnet werden.

Was meinen Sie damit?

Das Grundprinzip muss lauten: Wer zuerst

da ist, erhält das Eigentumsrecht. Wenn

zum Beispiel eine Firma einen Betrieb mit

starker Schadstoffemission in der Nähe einer

bestehenden Wohnsiedlung errichtet,

dann können die Bürger auf Entschädigung

klagen. Das ist ein einfaches Prinzip,

das selbst Kinder verstehen. In den USA

haben sich zur Zeit der Goldgräber ohne

das Zutun des Staates Kriterien entwickelt,

nach denen die Goldschürfer ihr Terrain

abgrenzten. Damals gab es Personen, die

die Claims registrierten. Das zeigt: Eigentumsfragen

lassen sich tatsächlich ohne

Staat lösen.

Die Landesverteidigung können Sie

aber nicht ohne den Staat organisieren.

Niemand kann und sollte von der

Sicherheit, die eine Armee liefert, ausgeschlossen

werden. Ergo braucht man

den Staat, um alle Bürger via Steuern an

den Kosten zu beteiligen.

Wer sagt denn, dass alle Bürger verteidigt

werden wollen? Wir leben in einer Welt der

Knappheit. Geld, das für die Verteidigung

ausgegeben wird, steht für andere Zwecke

nicht mehr zur Verfügung. Manche Menschen

wollen vielleicht gar nicht verteidigt

werden, sondern von ihrem Geld lieber in

den Urlaub nach Hawaii fliegen. Sie würden

sich bei einem Angriff von außen möglicherweise

entscheiden, das Land zu verlassen,

und benötigen keine Verteidigung

durch eine Armee. Der Staat hat kein

Recht, sie durch Steuern zur Finanzierung

einer Streitkraft zu zwingen. In einer staatsfreien

Gesellschaft könnten die Menschen,

wenn sie dies wollen, kleinere Einheiten

bilden und sich selbst verteidigen oder dafür

private Sicherheitsdienste beauftragen.

Sie hätten die Freiheit, selbst zu entscheiden,

wofür sie ihr Geld ausgeben. n

malte.fischer@wiwo.de

38 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Der Volkswirt

DENKFABRIK | Die Bundesbürger unterschätzen das Ausmaß der staatlicher Regulierung

in Deutschland. Mit vielen Eingriffen sind sie sogar einverstanden – wenn sie glauben,

dass ihnen diese nutzen. Dass die Freiheit eine Grundvoraussetzung für das Funktionieren

der Markwirtschaft darstellt, ist vielen gar nicht bewusst. Von Renate Köcher

Diffuse Positionen

Der Koalitionsvertrag

von Union und SPD

sieht in mehreren

Bereichen eine verstärkte

staatliche Regulierung

vor, ob im Bereich der Gesundheitspolitik,

in Bezug auf

Mindestlöhne, Obergrenzen für

Mieten oder Frauenquoten.

Die Mehrheit der Bürger ist

zunächst einmal skeptisch, ob

die Pläne der Koalition insgesamt

dazu angetan sind, das

Land voranzubringen. Nur 24

Prozent äußern sich zuversichtlich,

56 Prozent haben Zweifel.

Es sind jedoch nicht die zusätzlichen

Regulierungen, die die

Bürger skeptisch stimmen. Mit

vielen Staatseingriffen sind die

Bürger durchaus einverstanden

– wenn sie den Eindruck haben,

dass diese einem guten Zweck

dienen oder ihnen unmittelbare

Vorteile versprechen. So sind

79 Prozent für einen flächendeckenden

staatlichen Mindestlohn,

71 Prozent für eine Mietpreisbremse.

Auch viele auf

europäischer Ebene diskutierte

oder beschlossene Regulierungen

können mit Unterstützung

oder zumindest gleichmütiger

Duldung rechnen.

tive Mehrheit im Konflikt zwischen

Freiheitsspielräumen und

anderen Zielen wie etwa dem

Anliegen, mehr Gleichheit zu

erreichen, grundsätzlich für die

Freiheit. Aber die große Mehrheit

hat nicht den Eindruck, dass die

Freiheitsspielräume von Bürgern

und Wirtschaft nennenswert beschnitten

werden. Für sich persönlich

ziehen 39 Prozent die Bilanz,

dass der Staat zu stark in ihr

Leben eingreift, während sich 60

Prozent nicht nennenswert eingeschränkt

fühlen. Und wer zu starke

Eingriffe moniert, denkt dabei

in erster Linie an die Steuerbelastung,

weniger an Vorgaben für

individuelle Entscheidungen.

Die meisten sind sogar überzeugt,

frei wählen zu können, wie

sie sich finanziell für den Krankheitsfall

und das Alter absichern –

obwohl es hier umfassende staatliche

Vorgaben gibt. Nur ganze

13 Prozent der Bürger fürchten

die Einschränkung ihrer Freiheit

durch zu viele sozialstaatliche

Regelungen.

Genauso wenig glauben die

Bürger, dass unternehmerische

Freiräume über Gebühr eingeengt

werden könnten. Nur 16 Prozent

haben den Eindruck, dass der

Staat zu stark in die Wirtschaft

eingreift. Entsprechend fordert

auch nur eine Minderheit mehr

Zurückhaltung.

Eine generelle Ausweitung

staatlicher Regulierungen wird

zwar ebenfalls nur von einer Minderheit

gefordert, aber sie

schreckt die meisten auch nicht.

Nur 31 Prozent sind überzeugt,

dass es ihnen in einem stärker

durch den Staat kontrollierten

Wirtschaftssystem schlechter gehen

würde; die Mehrheit hat zu

diesem Thema entweder keine

Meinung oder glaubt, dass mehr

FREIHEIT KAUM THEMA

Staatliche Intervention ist nicht

per se positiv oder negativ. Es

gibt sinnvolle, aber auch überzogene

oder kontraproduktive

Regeln. Beunruhigend ist jedoch,

dass kaum darüber diskutiert

wird, wo der Nutzen einer

stärkeren Regulierung überwiegt

und wo die Politik unnötig

Freiräume der Bürger oder der

Wirtschaft einschränkt. Freiheit

ist seit Langem kaum noch Thema

in der öffentlichen Debatte.

Zwar entscheidet sich eine relastaatliche

Interventionen und Vorschriften

für sie persönlich keine

Folgen hätten.

Ähnlich ambivalent sind die

Haltungen zum deutschen Wirtschaftssystem.

Zwar ist die überwältigende

Mehrheit überzeugt,

dass es sich bewährt hat und es

zur sozialen Marktwirtschaft keine

überzeugende Alternative gibt.

Gleichzeitig unterschätzen viele

völlig die Bedeutung unternehmerischer

Freiheitsspielräume. Die

meisten Bürger definieren dieses

Wirtschaftssystem vor allem über

soziale Aspekte: die sozialen

Sicherungssysteme, faire Arbeitsbedingungen

und Löhne, sichere

Ruf nach Sicherheit

Wasmacht die soziale Marktwirtschaftaus?

(Angaben in

Prozent)

Absicherung gegenArbeitslosigkeit,

Krankheit 76

FaireArbeitsbedingungen

undLöhne

75

Möglichst viele sichere Jobs 68

Chancengerechtigkeit 66

GerechteVerteilungvon Einkommen

undVermögen

56

Dass sich Unternehmen

sozial engagieren

55

AllgemeinerWohlstand 50

Eigeninitiative 33

UnternehmerischeFreiheit 31

Glauben Sie, dass es Ihnen in

einem stärker vom Staat kontrollierten

Wirtschaftssystem besser

gehen würde als heute?

Unentschieden,

keine

Angabe

32

31

Quelle: Allensbacher Archiv

Ja

10

Nein,eswürde

mirschlechter gehen

27

Es würde

mir

genauso

gehen

Arbeitsplätze, Chancengerechtigkeit

und eine gerechte Verteilung

von Einkommen und Vermögen.

Dagegen gehören nur

für knapp jeden Dritten zu einer

sozialen Marktwirtschaft unbedingt

auch Eigeninitiative,

unternehmerische Freiheit und

Grenzen für den Einfluss des

Staates auf die Wirtschaft.

SYSTEMDEBATTE FEHLT

Das Verständnis von sozialer

Marktwirtschaft ist damit nicht

ausbalanciert, sondern einseitig

an den sozialen Anliegen orientiert.

Dass Freiheitsspielräume

der Unternehmen und Konsumenten

und umgekehrt Grenzen

für staatliche Regulierung eine

Grundvoraussetzung für eine

funktionierende, erfolgreiche

Marktwirtschaft sind, ist zu wenig

bewusst. Obwohl die überwältigende

Mehrheit das System

nicht grundsätzlich infrage

stellt, sind die ordnungspolitischen

Positionen diffus. Dies

mag auch damit zu tun haben,

dass es seit Jahrzehnten nicht

mehr die Konkurrenz der Systeme

gibt, bei der Marktwirtschaft

und sozialistische Planwirtschaft

als klar konturierte Gegenentwürfe

vor Augen standen.

Weder in der Politik noch in der

Gesellschaft insgesamt werden

heute noch Systemdebatten geführt.

Entsprechend sehen viele

in einem stärker vom Staat

kontrollierten System auch nur

graduelle Veränderungen der

Marktwirtschaft und keine

Schwächung des Systems.

Renate Köcher ist Geschäftsführerin

des Instituts für Demoskopie

Allensbach und Mitglied

des Aufsichtsrates mehrerer

Dax-Unternehmen.

FOTO: PR

40 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

Das größte

Risiko ist, nichts

zu riskieren

USA | Nirgendwo auf der Welt machen Gründer aus Ideen

so schnell Geschäfte wie in den Vereinigten Staaten.

FOTO: LAIF/REDUX/RAYMOND MCCREA JONES

Ein alter roter Rucksack ist Sara

Blakelys Glücksbringer. Mit

diesem zog die große, schlanke

Amerikanerin vor 15 Jahren

los, um ihre Erfindung an den

Mann oder besser an die Frau

zu bringen. In dem Tragebeutel

steckte ein von ihr selbst geschneiderter

Prototyp ihres neuen Produktes:

eine Hose aus dem Material einer Seidenstrumpfhose,

allerdings an den Füßen

abgeschnitten.

Lange zog die damals 27-Jährige in den

USA von Nähfabrik zu Nähfabrik. Doch

keiner der Chefs hielt etwas von ihrem Einfall.

„Figurformende Unterwäsche? Die haben

mich alle für verrückt erklärt“, erinnert

sich Blakely. Schließlich erbarmte sich

doch ein Fabrikmanager und nähte ein

paar der hauchdünnen Höschen. Seine

zwei Töchter hatten ihn bequatscht, sie

fanden die Idee klasse.

Für die junge Frau, die es nicht zur Anwältin

schaffte und sich mit dem Verkauf

von Faxgeräten durchschlug, war dies eine

Art Initialzündung. Innerhalb von drei Jahren

zog Blakely im Alleingang ihre Firma

namens Spanx hoch, ohne Kapitalgeber,

ohne Geld für Werbung, in den ersten zwei

Jahren von ihrem Apartment in Florida

aus, bevor sie 2001 in den Bundesstaat

Georgia umzog. Ein Freund bastelte für sie

eine Internet-Seite, sie selbst investierte ihre

Ersparnisse in Höhe von 5000 Dollar.

Die inzwischen 42-Jährige ist heute Alleininhaberin

eines Unternehmens mit 100

Angestellten in Atlanta. Das US-Magazin

„Forbes“ kürte sie vor einem Jahr zur jüngsten

Selfmade-Milliardärin. Blakely setzt

mit ihrer Unterwäsche, die Speckrollen

wegretuschiert, Pos strafft und Schenkel

optisch schrumpfen lässt, jährlich 250 Millionen

Dollar um. In der Branche wird geschätzt,

dass die Profitmargen bei 20 Prozent

liegen, die Ware geht in alle Welt. Seit

drei Jahren gibt es Spanx auch für Herren,

die mit dem Unterhemd den Bierbauch

und sich mit der Unterhose vorn und hinten

straffen wollen. Inzwischen haben Bekleidungsketten

wie C&A und H&M oder

die Wäschemarke Triumph ebenfalls körperformende

Unterwäsche im Programm.

PARADIES FÜR STARTUPS

Er klingt wie eine abgeschmackte Stereotype,

der Spruch vom „Land der unbegrenzten

Möglichkeiten“. Doch die Unterwäscheherstellerin

Blakely beweist, dass er

offenkundig weiter Gültigkeit hat. Der Aufstieg

von Google, Amazon, Facebook oder

Twitter in den vergangenen Jahren führt

der Welt vor, wie sehr die USA Individuen

Freiheiten bietet, mit neuen Ideen das

Leben und den Globus zu verändern.

Nur, dass die Stars von heute nicht mehr

patriarchalische Gründer sind, sondern

dynamische Unternehmer aus allen Altersgruppen

und beiden Geschlechtern. „Es

waren Unternehmer, die aus Startups

Sara Blakely

Spanx, Unterwäsche

Speckrollen wegretuschieren, den Po straffen,

die Schenkel optisch schrumpfen lassen:

Mit solchen Schummeleien wurde die

Alleininhaberin der Mode-Marke Spanx zur

jüngsten Selfmade-Milliardärin der Welt.

HHHHHHHHHHHHHHHH

»

Nährboden des Erfolgs

H Die USA sind der größte funktionierende

und einheitliche freie

Markt. 317 Millionen Menschen

sprechen die gleiche Sprache

und handeln nach den gleichen

Regeln. Damit bringen selbst

kleine Marktnischen so viel Umsatz,

dass sie für den Aufbau von

Großunternehmen reichen.

H Heerscharen von Risikokapitalgebern

stehen bereit, um Gründer

zu finanzieren, ohne dafür

im Gegensatz zu Banken Sicherheiten

zu verlangen. Im dritten

Quartal 2013 flossen auf diese

Weise 5,82 Milliarden Euro in

junge Unternehmen. In Europa

waren es laut dem Informationsdienst

Dow Jones Venture-

Source nur 1,13 Milliarden Euro.

H Laut der privaten Business-

School Babson College bei Boston

sind 43 Prozent aller Amerikaner

davon überzeugt, dass die

Möglichkeiten für Unternehmer

in den USA gut sind. Das ist der

höchste Wert seit der ersten

Erhebung im Jahr 1999.

H Unternehmer zu sein gilt in den

USA als erstrebenswert, so

Babson College. 2012 hatten

ungefähr 13 Prozent der Berufstätigen

etwas mit Startups zu

tun, entweder als deren Gründer

oder Beschäftigte.

42 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 43

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

»

ganze Industrien hochgezogen haben“,

sagt Steve Case. „Wenn Amerika weiter in

der Spitzenliga mitmischen will, müssen

wir noch stärker auf diese strategische Ressource

setzen.“

Der 55-jährige Amerikaner sieht sich

als Hüter dieser „strategischen Ressource“.

Case ist gelernter Politologe und eine der

großen Internet-Legenden der USA. Er

formte in den Achtzigerjahren den US-Online-Dienstleister

AOL, der in den Neunzigerjahren

zum Branchenführer weltweit

aufstieg. 2000 verkaufte er AOL an den Filme-Konzern

Time Warner, schuf damit das

größte Medienunternehmen der Welt und

wurde darüber Milliardär. Doch der 164

Milliarden Dollar schwere Deal entpuppte

sich bald als kolossaler Fehlschlag, was

sein Architekt Case zugibt.

Trotzdem ist Case regelmäßig auf Achse

und hält Vorträge über die segensreiche

Wirkung von Startups, ob im Silicon Valley,

in New York und Los Angeles, aber auch in

strauchelnden US-Metropolen wie Chicago.

Er betätigt sich als Wagnisfinanzierer

für neue Gründer, berät US-Präsident Barack

Obama, wie die Bedingungen für

Jungunternehmer in den USA zu verbessern

seien, und arbeitet an entsprechenden

Gesetzesvorlagen mit.

Wohl nirgends auf der Welt sind die Bedingungen,

aus Ideen schnell riesige Geschäfte

zu machen, so gut wie in den USA.

Der gigantische Binnenmarkt, Geld für

Gründer ohne Sicherheiten, die positive

Einstellung zum Unternehmertum – ein

solches Umfeld saugt Kreative rund um

den Globus geradezu an. Viele der jüngeren

Vorzeigeunternehmer wie der gebürtige

Russe und Google-Miterfinder Sergey

Brin, der Südafrikaner und Mitentwickler

des Bezahldienstes PayPal, Elon Musk,

oder der Franzose und Ebay-Schöpfer

Pierre Omidyar haben via Vereinigte Staaten

den großen Aufstieg hingelegt.

Und viele auch außerhalb des Internets

tun es ihnen gleich, ob der Fleischforscher,

der Motorentüftler, der Weltverbesserer

oder der Kamerabastler.

KREATIVER WELLENSURFER

Jemand ärgert sich, dass etwas nicht so

funktioniert, wie er sich das vorstellt, erfindet

etwas Besseres, gründet eine Firma, die

das Produkt herstellt – und wird steinreich.

So liefen früher die Gründergeschichten,

die heute aber immer weniger funktionieren.

Denn für solche 08/15-Karrieren sind

die meisten Produkte zu komplex geworden,

als dass ein einzelner Tüftler ihre Entwicklung

beherrschen könnte. Doch es

gibt Nischen, die Konzernlenker mit ihrem

Milliardenblick übersehen – und damit

Leuten Raum bieten wie dem US-Surfer

Nick Woodman.

Der heute 38-Jährige war 2002, nach

seinem Grafikdesign-Studium im kalifornischen

San Diego und der Insolvenz

eines von ihm gegründeten Startups,

arbeitslos geworden. Also floh der leidenschaftliche

Wellenreiter zur Selbstfindung,

nach Australien, um fünf Monate zu surfen.

Dort kam ihm der Einfall, wie schön

es wäre, wenn Surfer eine Kamera hätten,

mit der sie bei voller Fahrt selbst Fotos

schießen könnten.

VON HANDARBEIT ZU HIGH TECH

Beseelt von dieser Idee kehrte Woodman

in die USA zurück, mit 600 Muschelketten

im Gepäck. Die hatte er für unter zwei Dollar

das Stück in Indonesien gekauft und

verhökerte sie nun für 60 Dollar an den

Stränden von Kalifornien. Bald hatte er genügend

Startkapital beisammen, um eine

Kamera für Surfer zu entwickeln.

Woodman bastelte einen Gurt, mit

dem man sich eine Kamera beim Wellenreiten

um den Bauch schnallen kann.

Sodann brachte er an herkömmlichen

wasserdichten Kameras aus chinesischer

Herstellung Armbänder an. Diese nähte er

selbst mit der Nähmaschine seiner Mutter.

Die ersten Kameras verkaufte Woodman

an Surfer-Läden. Seitdem er 2006 auf

Digitaltechnik umstieg, motiviert er seine

Entwicklertruppe, mit jedem neuen Modell

den etablierten Herstellern technisch

voraus zu sein.

Die sehr kleine, leichte, wasserdichte

und schlagfeste Action-Sport-Kamera findet

inzwischen reißenden Absatz. Der Umsatz

verdoppelte sich jährlich auf zuletzt

521 Millionen Euro. 2012 verkaufte Woodman

2,3 Millionen Kameras, je nach Modell

für 200 bis 400 Dollar das Stück. 2013

wird GoPro wahrscheinlich die Umsatzmilliarde

geknackt haben.

Woodman hat offenbar eine sehr ergiebige

Nische gefunden. Jede fünfte in den

USA verkaufte digitale Filmkamera ist inzwischen

eine GoPro. Fallschirmspringer

oder Motorradfahrer schnallen sich das

dritte Auge ans Handgelenk, um die Brust

oder den Helm. Filmregisseure bestücken

Drohnen mit den kleinen Apparaten, um

für wenig Geld nie gesehene Luftaufnahmen

zu machen. Biologen binden sie Zugvögeln

auf den Rücken, Fußballer überwachen

damit Torlinien und Polizisten den

Verkehr. Und die Kamera, die kanadische

Jugendliche Anfang 2012 mit einem Ballon

ins Weltall schickten und die mit spektakulären

Aufnahmen zurück zur Erde schwebte?

Natürlich eine GoPro.

Woodmans Firma ist inzwischen ein

weltweit begehrtes Unternehmen. 2012 erwarb

der taiwanesische Elektronikkonzern

Foxconn, der unter anderem das iPhone

von Apple produziert, für 200 Millionen

Dollar 8,88 Prozent an GoPro. Damit sind

die rund 45 Prozent, die Woodman an Go-

Pro hält, über eine Milliarde Dollar wert –

etwa so viel wie der Rest der Anteile, die bei

Risikokapitalgebern liegen.

Die Erfolgsstory enthält auch eine kleine

Prise Europa. Der exzentrische, frischgebackene

Milliardär Woodman hat ein Idol,

und das ist Dietrich Mateschitz, der Gründer

und Chef von Red Bull. Der hat in den

vergangenen Jahren um seinen Energie-

Drink herum einen riesigen Eventzirkus

aufgebaut, von der Formel 1 mit Weltmeister

Sebastian Vettel über den österreichischen

Extremsportler Felix Baumgartner,

der aus 20 Kilometer Höhe mit dem

Fallschirm zur Erde sprang. „Ich hatte die

Möglichkeit, Dietrich zu treffen“, erzählt

Woodman, „und ich habe ihm gesagt, dass

er der inoffizielle Pate von GoPro ist.“

INNOVATIVER FRÜHRENTNER

Mehr als eine Prise Europa enthält die Idee,

die Peter Hofbauer schon in den Achtzigerjahren

hatte, als er Chef der Motorenentwicklung

bei Volkswagen war. Hofbauer

hatte einen Zweitaktmotor völlig neuen

Zuschnitts ersonnen, geeignet für Benzin,

Diesel oder Erdgas, für Kleinwagen ebenso

wie für schwere Trucks. Die Zylinder sind

hier nicht wie bei einem normalen Verbrennungsmotor

nebeneinander angeordnet,

sondern gegenüber.

Opoc nannte der frühere Maschinenbau-Professor

das Prinzip, für Opposed

Piston, Opposed Cylinder – zu Deutsch:

gegenüberliegende Kolben, gegenüberliegende

Zylinder. Opoc ist bis zu 50 Prozent

sparsamer als ein Turbodieselmotor, außerdem

viel kleiner, leichter und billiger.

Doch VW wollte nichts davon wissen – zu

revolutionär, zu gewagt. „Motorenentwickler

bei VW, BMW oder Daimler sollen bestehende

Technik optimieren, nicht sie

über den Haufen werfen“, sagt Hofbauer.

„Viel zu groß wäre das Risiko, dass Produkteinführungen

verzögert werden oder die

Kosten aus dem Ruder laufen.“

Zehn Jahre lang blieb Hofbauer bei

Volkswagen, wo er wichtige Innovatio-

»

FOTO: GREGG SEGAL

44 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Nick Woodman

GoPro, Mini-Action-Kameras

Der Surfer aus Kalifornien entwickelte

eine wasserfeste und

schockresistente Action-Sport-

Kamera. 2013 wird er damit eine

Milliarde Dollar erlösen.

HHHHHHHHHHHH

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 45

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

»

nen wie den ersten VW-Dieselmotor

verantwortete. Dann ging er frühzeitig in

Rente, zog an die US-Westküste, um das

Leben zu genießen, langweilte sich aber

bald und beschloss, noch einmal ein ganz

großes Rad zu drehen: Er wollte seinen

Opoc-Motor serienreif machen und ihn an

Auto- oder Lkw-Hersteller verkaufen.

Hofbauer versuchte es erst mal allein,

fand aber anders als in Deutschland die

nötige Unterstützung–in Gestalt von Risikokapitalgebern.

Die waren schnell zur

Stelle, allerdings wollte der Österreicher

sich nicht unbedingt irgendwelchen

schwer einzuschätzenden Investoren ausliefern.

Also klopfte er bei einem potenziellen

Abnehmer des Motors an: der US Army.

Mit der finanziellen Unterstützung des

Militärs entwickelte er in den folgenden

Jahren einen großen Lkw-Dieselmotor.

Der bildete den Grundstock für das Unternehmen

Ecomotors, das Hofbauer 2008

in der Nähe der US-Autohochburg Detroit

gründete. Als Unterstützer und Mitgesellschafter

konnte er Microsoft-Gründer Bill

Gates sowie Vinod Khosla, den Mitbegründer

des Computerkonzerns Sun Microsystems

(heute Oracle), gewinnen. Die beiden

Milliardäre überschlagen sich förmlich vor

Lob für den neuen Motor. „Eine Technik

von globaler Bedeutung“, schwärmt Gates.

Von einer „bahnbrechenden Innovation,

die die Kohlendioxidemissionen stärker

senken könnte als jede andere Technologie“,

spricht Khosla.

IN DEUTSCHLAND NICHT MÖGLICH

Hofbauer hat gute Chancen, seine Idee in

alle Welt zu verbreiten. Der US-Lkw- und

Motorenhersteller Navistar will den Opoc-

Motor zusammen mit Hofbauers Firma

Ecomotors weiterentwickeln und auf den

Markt bringen. Der chinesische Technologiekonzern

Zhongding investiert bereits

200 Millionen Dollar in eine Fabrik für

Opoc-Motoren in der Provinz Anhui im

Osten Chinas. Von 2014 sollen jährlich

rund 150 000 der neuartigen Motoren vom

Band laufen. Mit drei weiteren chinesischen

Unternehmen hat Ecomotors Vorverträge,

die in den Bau von Opoc-Motoren

münden, wenn diese in Praxistests ihre

Serienreife bewiesen haben.

„Dass wir so weit gekommen sind, liegt

an der Unterstützung und der Offenheit in

den USA“, sagt Hofbauer, „in Deutschland

wäre das nicht möglich gewesen.“ Weil die

Feinarbeit an dem Opoc-Motor in den vergangenen

zwei Jahren ins Stocken geriet,

musste Hofbauer allerdings den Berliner

Ingenieurdienstleister IAV anheuern. „Es

läuft toll mit IAV, wir machen schnelle Fortschritte“,

sagt Hofbauer.

Welche Fernwirkungen die Zusammenarbeit

mit IAV hat, wagt Hofbauer noch gar

nicht abzuschätzen. Denn neben deutschen

Autozulieferern wie Continental

und Schaeffler ist sein Ex-Arbeitgeber

Volkswagen mit 50 Prozent der größte IAV-

Aktionär. Ob der vielleicht einmal den Motor

eines abtrünnigen Ex-Managers einbaut,

muss sich zeigen.

RAUM FÜR UTOPIEN

Von solchen konkreten Überlegungen sind

Gabor und Andras Forgacs noch weit entfernt.

Allerdings ist ihre Idee viel revolutionärer:

Sie könnte die Ernährung der

Menschheit, die Landwirtschaft und die

Nutzung von Boden und Wasser einmal

weitreichend verändern.

Das Vater-und Sohn-Gespann mit ungarischen

Wurzeln arbeitet mit seinem Startup

Modern Meadow (zu Deutsch: Moderne

Weide) daran, Hackfleisch für Hamburger

mit 3-D-Druckern und im Labor gezüchteten

Zellen herzustellen. Für Buletten

dieser Art müssten also keine Rinder

mehr massenhaft gemeuchelt werden.

Zwar forschen etliche Wissenschaftler

weltweit an der Herstellung von Fleisch,

ohne dafür Tiere zu benötigen. Aber Modern

Meadow ist derzeit das einzige neu

gegründete Unternehmen, das bereits

kommerziell arbeitet und erste Proben von

Produkten vorweisen kann. Die beiden

Ungarn stehen für die Sorte von Erfindern,

deren Ideen auf den ersten Blick utopisch

erscheinen, bis sich herausstellt, dass sie

mit heutigen Technologien durchaus realisierbar

sind.

Damit sind Modern Meadow und das

Vater-und-Sohn-Duo genau das Richtige

für Peter Thiel. Der deutschstämmige Milliardär

und Hedgefondsmanager aus San

Francisco, der unter anderem Facebook finanzierte,

hat ein Faible für Unternehmer

mit großen Visionen. Seit Jahren beklagt

der 46-Jährige, dass die Internet-Hochburg

Silicon Valley zwar viele neue Firmen hervorbringe,

aber selten Unternehmen mit

bahnbrechenden Ideen, die die Menschheit

verändern könnten.

Um hierzu einen Beitrag zu leisten, hat

der gelernte Jurist und Philosoph von der

Stanford University vor zwei Jahren einen

neuartigen Fonds namens Breakout Labs

gegründet. Der finanziert nicht nur die

Pseudofleisch-Fabrik Modern Meadow,

sondern ein Dutzend weiterer ähnlich exotische

Gründer. Die Breakout Labs residieren

in Thiels weitläufigem Büro in einer

ehemaligen Kaserne mit Traumblick auf

die Golden Gate Bridge.

Der Fonds ist in mehrfacher Hinsicht

einzigartig in der Risikokapital-Szene. Zum

einen versucht Thiel mit ihm, eine Art

wohltätiger Wagniskapitalist zu sein. Denn

der Milliardär ist fest davon überzeugt,

dass neue Technologien die Menschheit

zum Guten verändern können. Dabei ist

für ihn klar, dass dies am besten Unternehmen

können, weswegen er mit den Breakout

Labs in aussichtsreiche Visionen investiert

–nach dem Motto: mit kapitalistischen

Methoden die Welt verbessern.

Zum anderen beschränken sich Thiels

Breakout Labs rein auf die Anschubfinanzierung.

Der Fokus liegt auf Projekten wie

Modern Meadow, an die sich keine anderen

Geldgeber wagen, weil ihnen das Risiko

viel zu groß oder die Idee schwer zu vermitteln

ist. Im Zentrum stehen Folgewirkungen,

die möglichst weit über einen einzelnen

Aspekt oder eine Branche hinausgehen

sollen.

EINMALIGE GELDSPRITZE

Die Konstruktion der Breakout Labs wurde

von Chefin Lindy Fishburne ersonnen.

„Wir sind allerdings keine Wohltäter“, sagt

Fonds-Chefin Fishburne und meint damit,

dass die Breakout Labs kein Geld verschenken.

Sie investieren maximal 350 000

Dollar je Projekt. Grundsätzlich gibt es nur

eine einmalige Geldspritze. Danach muss

sich das Startup andere Mittel wie öffentliche

Forschungsgelder, Kredite oder Geld

von Investoren besorgen. Aussicht auf den

Zuschuss von den Breakout Labs haben

nur Projekte, bei denen eine Nachfolgefinanzierung

wahrscheinlich ist.

Denn dies ist der Moment, in dem die

Breakout Labs ihre Anschubfinanzierung in

Unternehmensanteile umwandeln oder

dafür von der geförderten Firma Lizenzabgaben

kassieren. Diese sind auf das Dreifache

des eingesetzten Kapitals begrenzt.

Welche Rendite das Investment bringt,

hängt davon ab, wie schnell das Geschäft

anläuft beziehungsweise ob und wann das

Unternehmen an die Börse geht oder verkauft

wird. Die Lizenzeinnahmen sowie die

Anteile fließen dem Fonds zu. Überleben

die jungen Unternehmen nicht, haben die

Breakout Labs das Kapital verloren.

Seit seiner Gründung im November 2011

hat Thiels Fonds von 700 vorgeschlagenen

Projekten bislang 16 ausgewählt und rund

fünf Millionen Dollar in sie investiert.

»

FOTOS: ERIC MILLETTE, LAIF/POLARIS/BRIAN VAN DER BRUG

46 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Peter Thiel

Breakout Labs, Investor

Der deutschstämmige Milliardär hat

Facebook und PayPal groß gemacht. Jetzt

gründete er Breakout Labs, einen Fonds zur

Förderung für Forscher, die radikale Ideen

verfolgen und an den Grenzen von Wissenschaft

und Technik rütteln, zum Beispiel mit

Hamburgern aus dem 3-D-Drucker.

HHHHHHHHHHHHHHHH

Elon Musk

SpaceX, Raumfahrt

PayPal, Tesla, Zip2, Solarcity, Hyperloop:

Der gebürtige Südafrikaner hat mit seinen

Firmen schon viele Branchen revolutioniert.

Für 2018 peilt er seinen größten Coup an:

eine Rakete zum Mars. Die soll einen Roboter

mitnehmen, um Bodenproben zu sammeln.

HHHHHHHHHHHHHHHH

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 47

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

von SpaceX. Aufträge im Wert von weiteren

drei Milliarden Dollar stammen vom US-

Militär und privaten Auftraggebern etwa

aus der Telekommunikation.

Längst arbeitet der Technologie-Visionär

zusammen mit der NASA an einer viel größeren

Mission – dem Flug zum Mars. Der

soll voraussichtlich 2018 einen Roboter auf

den roten Planeten befördern, der dort Bodenproben

entnimmt. Bis zur Besiedelung

ist es noch ein weiter Weg. Aber laut Musk

soll es nur noch wenige Jahrzehnte dauern.

»

Die Einnahmen beim Ausstieg aus dem

Projekt fließen an den Fonds zurück und

stehen für die Finanzierung weiterer Ideen

bereit. Aus den ursprünglichen fünf Millionen

Dollar könnten so theoretisch einmal

mehrere hundert Millionen Dollar Kapital

für Gründer werden.

Der Schwerpunkt der 16 ausgewählten

Projekte liegt auf biologischem Gebiet.

Eines davon ist das junge Unternehmen

CytoVale in San Francisco, das eine neue

Kategorie von Biomarkern entwickelt, die

Krankheiten wie Krebs früher erkennbar

machen. Und auch einen ersten wirtschaftlichen

Erfolg können sich die Breakout

Labs auf die Fahnen schreiben. Anfang Dezember

wurde ein Startup namens Skyphrase,

das mithilfe künstlicher Intelligenz

Informationen interpretiert, an den Google-Konkurrenten

Yahoo verkauft.

Peter Hofbauer

Ecomotors, Automotoren

Der Ex-Volkswagen-Manager sagt den

großen Autokonzernen den Kampf an: mit

einem neuartigen sparsamen, kleinen und

günstigen Zweitaktmotor – ausgetüftelt

nicht in Wolfsburg, sondern in den USA.

HHHHHHHHHHHHHHHH

GRIFF NACH DEN STERNEN

Um ganz andere finanzielle Größenordnungen

ging es bei Martin Eberhard. Der

Ingenieur aus Berkley in Kalifornien ist das

Paradebeispiel dafür, wie Innovationskraft

und risikobereite Investoren eine Umgebung

schaffen, in der neue Unternehmen

entstehen, die mächtige etablierte Anbieter

angreifen.

Eberhard hatte die Suche fast aufgegeben.

Kein Risikokapitalgeber im Silicon

Valley wollte die Entwicklung eines Autos

finanzieren, das von rund 7000 Notebook-

Akkus angetrieben wird. Zu riskant, ja sogar

verrückt schien das Projekt. Also machte

er sich im Winter 2003 auf die Suche

nach einem wirklich wagemutigen Geldgeber

für sein Startup, das er nach dem italienischen

Physiker Tesla benannte.

Der Amerikaner fand Internet-Multimillionär

Musk, der ihm nach nur kurzer

Bedenkzeit 7,5 Millionen Dollar Startkapital

zusagte. Weitere 300 Millionen Dollar sollten

über die Jahre hinzukommen. Für zusätzliche

465 Millionen Dollar garantierte

2009 die US-Regierung. Heute ist Tesla Motors

der bekannteste Produzent von Elektrolimousinen

weltweit. Der Börsengang 2010

spülte eine Milliarde Dollar in die Kasse des

Unternehmens und half bei der Besicherung

weiterer Kredite für die Produktion der

neuen Elektrolimousine Tesla S.

Nun greift Musk auch noch nach den

Sternen – mit seinem Weltraumunternehmen

SpaceX. Hier fungiert der Wahlamerikaner

als Chefkonstrukteur und hat aus

seinem Vermögen 100 Millionen Dollar

Startkapital aufgebracht. Die Freiheit, im

Orbit Geschäfte zu machen, gewährte ihm

die US-Regierung.

Anfang Dezember schlug Musk erstmals

zu und zündete eine überarbeitete Rakete

vom Typ Falcon 9, um einen Satelliten in

den Himmel zu schießen und der europäischen

Ariane sowie der russischen Proton

den Kampf anzusagen. „Unsere Preise sind

die günstigsten auf der ganzen Welt“, tönt

Musk. „Wir werden andere Raketenhersteller

zwingen, entweder neue und bessere

Technologien zu entwickeln, oder sie müssen

aus dem Raketenmarkt aussteigen.“

Musk konnte bis heute langfristige

Transportverträge im Wert von derzeit

knapp einer Milliarde Dollar mit der USamerikanischen

Raumfahrtbehörde NASA

schließen. Das sichert die Finanzierung

WERBUNG MIT VORBILDERN

Trotz solcher Erfolge herrscht selbst im

Land der anscheinend unbegrenzten Möglichkeiten

nicht nur eitel Sonnenschein.

Auch US-Politiker sind schnell dabei,

wenn es um, neue Steuern geht. Ausgerechnet

die Wirtschaftszentren Kalifornien

und New York haben die höchsten Abgaben

im Land und viele Auflagen für aufstrebende

Unternehmen.

Auch klagte das US-Wirtschaftsmagazin

„Business Week“, die USA vereinigten „das

Schlechteste aus beiden Welten: geringe

soziale Mobilität und rapid wachsende

Einkommensungleichheit“. So sei es in den

Vereinigten Staaten deutlich wahrscheinlicher

als etwa in Deutschland, arm geboren

zu werden und arm zu bleiben.

Den Mangel an gut ausgebildeten Fachkräften

haben die USA in der Vergangenheit

stets durch Anwerbung ausländischer

Talente gemindert. Ausgerechnet diese

Strategie droht nun durch die Auseinandersetzung

zwischen Demokraten und Republikanern

um eine Einwanderungsreform

Schaden zu nehmen.

Schon gibt es im Silicon Valley abenteuerliche

Pläne, ein Startup-Schiff könnte in

internationalen Gewässern vor Kalifornien

ankern und Talente aus dem Ausland beherbergen.

AOL-Gründer Case hält nichts

davon. „Unternehmerische Freiheit muss

verteidigt werden“, sagt er. Am besten gehe

das, wenn die USA „weiterhin mit Vorbildern

und deren Erfolgen fürs Gründertum

werben können“.

Dazu will Unterwäsche-Spezialistin Blakely

weiter beitragen. Als Nächstes will sie

High Heels erfinden, die bequem sind.

Denn sie glaube nicht an den Satz, wer

schön sein will, muss leiden. „Das größte

Risiko im Leben ist, nichts zu riskieren“,

sagt Blakely.

n

matthias.hohensee@wiwo.de | Silicon Valley,

martin seiwert | New York, angela hennersdorf | New York

Lesen Sie weiter auf Seite 50 »

FOTO: SCOTT STEWART FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

48 Nr. 2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

»Man ist

wirklich am

Lenkrad«

INTERVIEW | Martin Richenhagen

Der Rheinländer und Chef

des US-Landmaschinenkonzerns

Agco über deutsche Wurzeln

und amerikanische Freiheiten.

DER WELTBÜRGER

Richenhagen, 61, ist seit 2004 Chef des

drittgrößten Landmaschinenherstellers der

Welt. Agco mit Sitz in Duluth, Georgia, beschäftigt

weltweit 20000 Mitarbeiter und

setzte 2012 zehn Milliarden Dollar um mit

Marken wie Fendt, Massey und Valtra. Der

gebürtige Kölner war früher Religionslehrer.

Er lebt mit Frau und drei Kindern in Atlanta.

Herr Richenhagen, seit zehn Jahren

arbeiten Sie in den USA. Vor zwei Jahren

haben Sie die amerikanische Staatsbürgerschaft

angenommen. Warum?

Als Staatsbürger sind meine Erbschaftsteuern

geringer. Außerdem bin ich flexibler.

Ich habe jetzt beide Staatsbürgerschaften

und kann mich so lange ich will in der

EU und in den USA aufhalten.

Also nur ganz praktische Gründe, keine

emotionalen?

Es ist schon gut, wenn man als CEO einer

US-Firma Amerikaner ist. Noch immer

werde ich von Amerikanern beglückwünscht,

wenn ich erzähle, dass ich die

Staatsbürgerschaft bekommen habe.

Fühlen Sie sich eher als Deutscher oder

als Amerikaner?

Früher habe ich mich als Europäer gesehen,

heute eher als Weltbürger. Ich bin ja

immer irgendwo in der Welt unterwegs. Im

Süden der USA fühle ich mich sehr wohl,

das Leben ist angenehm. Man muss nur

akzeptieren, dass man nicht in einem mittelalterlichen

Ambiente einkaufen geht,

sondern in einer Mall.

Stimmt das Bild von Amerika als Land der

unbegrenzten Möglichkeiten?

Mir hat das Land viel geboten. Ich durfte hier

zum ersten Mal ein börsennotiertes Unternehmen

führen. Ich bin Chairman und CEO,

also Vorstands- und Aufsichtsratschef in einer

Person. Das ist sehr praktisch. Man ist

wirklich am Lenkrad, kann gestalten. Wenn

es nicht klappt, ist man allerdings schnell

wieder weg, wie man bei den früheren deutschen

Chefs von Blackberry oder SAP gesehen

hat. Die durchschnittliche Haltbarkeitsdauer

eines CEO hier ist zweieinhalb Jahre.

In Deutschland ist es nicht so volatil.

Für Sie wurde der American Dream wahr.

Als Religionslehrer gingen Sie in die

Wirtschaft, heute sind Sie ein erfolgreicher

Fortune-500-CEO. Wäre das auch in

Deutschland möglich gewesen?

Das glaube ich schon. Es ist aber tatsächlich

so, dass man in den USA offener ist für

Menschen mit anderem Hintergrund. Unser

deutscher Bäcker in Atlanta ist eigentlich

Kfz-Mechaniker. So etwas haben Sie in

Deutschland nicht, wo die Handwerksberufe

strikt reglementiert sind. Der Nachteil

hier ist, dass viele Handwerker keine Ahnung

haben von dem, was sie tun.

Finden Sie bei Agco genügend qualifizierte

Mitarbeiter in den USA?

Man muss etwas genauer hinschauen als

in Deutschland, wo die Mitarbeiter in der

Regel ihr Handwerk beherrschen, wenn sie

eine Ausbildung absolviert haben.

Der Börsenwert von Agco hat sich seit

Ihrem Amtsantritt 2004 verfünffacht.

Wäre das auch passiert, wenn Agco seinen

Sitz in Deutschland hätte?

Das ist möglich, so unterschiedlich sind die

Verhältnisse nicht. Aber die Aktienkultur in

den USA hat uns sicherlich geholfen. In Zukunft

werden die niedrigeren Energiekosten

auch ein Vorteil sein. Eine Reihe ausländischer

Unternehmen wollen deshalb

hier ihre Kapazitäten ausbauen.

Sind auch die bürokratischen Hürden für

Unternehmen in den USA niedriger?

Baugenehmigungen zum Beispiel bekommt

man schneller. Es gibt insgesamt

weniger Bürokratie, aber die Lage verschlechtert

sich gerade: Die Steuern steigen,

der bürokratische Aufwand auch, die

Gesundheitsreform bringt zusätzliche Lasten

für Unternehmen. Ich bin dafür, dass

jeder Amerikaner eine vernünftige Krankenversicherung

bekommt, aber das darf

nicht zulasten der Unternehmen gehen.

Insgesamt hat sich unter Präsident Barack

Obama die Stimmung in der Wirtschaft

verschlechtert. Amerika ist heute kein

Niedrigsteuerland mehr. Und es gibt wenig

Hoffnung, dass Washington die Probleme

angeht, denn die Regierung ist weitgehend

blockiert. Das liegt vor allem an den Tea-

Party-Leuten, die lieber über Glaubensfragen

streiten, als sich mit politisch wichtigen

Dingen zu befassen. Man muss befürchten,

dass das bis zur nächsten Wahl so bleibt.

Die amerikanische Autogewerkschaft

UAW, vergleichbar mit der IG Metall

in Deutschland, hatte bislang nicht viel Ein-

FOTO: GETTY IMAGES/PHOTOTHEK/UTE GRABOWSKY

50 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


fluss im Süden der USA, wo auch Sie produzieren.

Das ändert sich gerade. Sehen

Sie das als Bedrohung für den Standort?

Ich bin grundsätzlich für die Mitbestimmung

in den Betrieben. Die UAW allerdings

hat durch ihre extremen Lohnforderungen

maßgeblichen Anteil am Niedergang

der Autoindustrie in Detroit. Ich glaube

nicht, dass es ihr gelingt, sich im Süden

so breitzumachen und einen ähnlichen

Schaden anzurichten. Im eigenen Unternehmen

haben wir drei verschiedene Gewerkschaften,

allerdings sind da nicht solche

Hardliner dabei wie die UAW. Unser

Betriebsratsvorsitzender kommt aus einer

katholischen Gewerkschaft. Es ist fast immer

möglich, mit Gewerkschaften konstruktiv

zusammenzuarbeiten. Das ist uns

in den USA, in Deutschland mit der IG Metall

und sogar in Frankreich gelungen.

Reagieren Wirtschaft und Gewerkschaften

in den USA besser auf Krisen?

In Deutschland will man Probleme immer

gründlich lösen, man diskutiert, lamentiert

und ist deprimiert. Amerikaner suchen lieber

pragmatisch nach Lösungen.

Und haben Sie sich als deutscher CEO die

Gründlichkeit schon abgewöhnt?

»Die Amerikaner

sind im Marketing

besser als die

Deutschen«

HHHHHHHHHHHHHHHH

Ich bin gründlich. Mein Schreibtisch ist

immer aufgeräumt. So wurde ich erzogen.

Die Frage ist allerdings, ob das immer hilfreich

ist.

Was macht die US-Unternehmen neben

Pragmatismus und Optimismus sonst

noch stark?

Die Amerikaner profitieren von ihrem großen,

einheitlichen Heimatmarkt, in dem

Wachstum viel leichter ist, als wenn man in

andere Länder expandieren muss. Sie haben

viel leichteren Zugang zu Kapital. Eine

Kapitalerhöhung ist in den USA eine leichte

Übung, in Deutschland ist das noch etwas

Besonderes. Die Amerikaner sind im

Marketing besser als die Deutschen. Und

sie sind stärker darauf ausgerichtet, Gewinne

zu erzielen. Während Deutsche immer

mit schicken Maschinen produzieren

wollen, lassen Amerikaner alte Anlagen so

lange laufen, bis sie auseinanderfallen. Das

vermeidet unnötige Investitionen.

In Deutschland werden regelmäßige Dividendenausschüttungen

erwartet, Unternehmen

in den USA reinvestieren die

Gewinne lieber. Ist das auch ein Grund für

die Stärke amerikanischer Unternehmen?

Amerikanischen Aktionären reicht es

meistens, wenn sich die Aktie gut entwickelt.

Wenn man die Gewinne dann für das

Unternehmen verwenden kann, ist das ein

klarer Wettbewerbsvorteil.

Sie haben sich 2008 wochenlang Urlaub

genommen, um an der Spitze der deutschen

Dressurreiter-Equipe an den Olympischen

Spielen in Peking teilzunehmen.

So ein langer Urlaub ist sehr unamerikanisch.

Wie kam das im Unternehmen an?

Ja, das ist sehr unamerikanisch. Aber ich

hatte davor maximal fünf Tage Urlaub pro

Jahr. Da war es gerechtfertigt, mal ein bisschen

länger wegzubleiben.

n

martin.seiwert@wiwo.de | New York,

angela.hennersdorf@wiwo.de l New York

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

Frei, gleich, flexibel

MITARBEITER | Die Zahl der Unternehmen wächst, die ihre Beschäftigten an der langen Leine führen,

damit diese mehr Innovationen zuwege bringen–oder überhaupt bei der Firma anheuern.

Die Musiker waren die Idee von Stefan

Dombrowski. Stolz steht der

39-jährige gelernte Röntgentechniker

vor der Elbphilharmonie, der neuesten

Attraktion im Hamburger Miniatur Wunderland.

Während am Original immer

noch gewerkelt wird, probt im Nachbau –

ein Meter lang, 82 Zentimeter hoch – bereits

das Orchester. Die Streicher, Blechbläser

und Flötisten, jeweils gerade mal zwei

Zentimeter hoch, wiegen sich im Takt.

„Alle Musiker sind mit einem dünnen

Draht am Boden befestigt, die Bewegungssteuerung

erfolgt über drei hinter den

Wänden des Konzertsaals versteckte Elektromagneten,

die die Figuren mal in die eine,

mal in die andere Richtung ziehen“, erklärt

Modellbauer Dombrowski seine Welt

der Winzlinge.

IMAGEFAKTOR FREIHEIT

Die Anlage verdankt die Stadt Hamburg

nicht nur Dombrowski, sondern vor allem

dessen Chefs, den Zwillingen Gerrit und

Frederik Braun. Die beiden Unternehmer,

die den Freizeitpark, 250 Meter Luftlinie

von der echten Elbphilharmonie entfernt,

2001 gegründet haben, pflegen eine besondere

Philosophie. Sie räumen ihren Mitarbeitern

so viel Freiheit wie möglich ein.

Konkret heißt das: Für die Miniatur-

Wunderland-Kreativtruppe aus 50 Modellbauern

und Elektrotechnikern gelten keine

Restriktionen wie Kostenvoranschläge,

Budgets oder Zeitvorgaben. Nur mit Mitarbeiter

an der langen Leine, so die Überzeugung

der Braun-Zwillinge, kann ihr Unternehmen

erfolgreich sein. Denn erst dann

entstünden auch überraschendende oder

pfiffige Einfälle wie die Magnet-Musiker.

„Die Vielfalt der Ideen macht den Reiz

der Anlage aus“, sagt Frederik Braun, und

sein Mitarbeiter Dombrowski ergänzt:

„Wenn wir eine Idee haben, überlegen wir,

wie man sie realisieren könnte, und dann

tüfteln wir so lange, bis es funktioniert.“

Das freie Überlegen und Tüfteln an der

Alster hat Gigantisches in Klein hervorgebracht.

900 Züge mit gut 15 000 Waggons

auf 13 Kilometer Gleisanlagen rollen durch

Hamburg, alles en miniatur. Es gibt eine

Fantasiestadt Knuffingen mit eigenem

Flughafen. Wer will, kann sich die USA mit

der Spielhölle Las Vegas und Miami in Florida,

die Alpen oder Skandinavien, jeweils

im Maßstab 1:87 verkleinert, anschauen.

Die Abwechslung kennt keine Grenzen.

Auf dem Mast eines Seglers balancieren,

gefertigt von Dombrowskis Kollegin Elke

Bochonek, Käpt’n Blaubär und sein begriffsstutziger

Matrose Hein Blöd aus der

„Sendung mit der Maus“. Anderswo pinkeln

zwei Männer im hohen Bogen von einer

Brücke. Und ein Tierarzt leistet einer

lilaweißen Milka-Kuh Geburtshilfe.

Das Kreativkonzept des Unternehmerduos

geht auf. Die Vielfalt der Ideen lockt

inzwischen jährlich mehr als eine Million

Besucher in die Hamburger Speicherstadt.

Neben Hafen und Reeperbahn zählt das

Wunderland mittlerweile zu den größten

Attraktionen der norddeutschen Metropole.

Der Umsatz dürfte im zweistelligen Millionenbereich

liegen; genaue Zahlen veröffentlichen

die Gründer nicht.

Die Mitarbeiter einfach mal machen lassen–auf

diese Idee verfallen auch andere

Unternehmen, vom Sensorenhersteller bis

zum IT-Konzern. Die Folgen sind greifbar:

»Die Vielfalt der

Ideen macht

den Reiz unserer

Anlage aus«

Frederik Braun, Gründer Miniatur Wunderland

Die zufriedeneren Mitarbeiter sind kreativer.

Mehr Freiheiten fördern zudem das

Image des Arbeitgebers, wenn sich in Zeiten

des demografischen Wandels der Wettbewerb

um Fachkräfte verschärft.

„Das Interesse der Unternehmen, den

Mitarbeitern mehr Freiräume zu geben,

wächst“, sagt Erik Bethkenhagen, Geschäftsführer

bei Kienbaum in Gummersbach bei

Köln, der vor allem die Personalabteilungen

von Unternehmen berät. Ein Grund sind die

steigenden Ansprüche der Mitarbeiter an

ihre Tätigkeit. Soziologen haben Absolventen,

die derzeit von den Hochschulen in die

Unternehmen strömen, „Generation Y“ (abgeleitet

vom englischen „why“) getauft. Die

Mitarbeiter von morgen stellen häufiger als

früher die Sinnfrage und wollen sich stärker

im Beruf verwirklichen, gleichzeitig aber

auch genügend Zeit für Freizeit und Familie

haben. „Denen müssen die Unternehmen

etwas bieten“, sagt Berater Bethkenhagen.

STIMULIERUNG DER GEHIRNZELLEN

Dabei sind mehr Freiheit, Freizeit und Flexibilität

für die Unternehmen kein Selbstzweck.

Den meisten, die derzeit bei ihm anfragen

würden, gehe es „nicht um Philanthropie

oder um demokratischere Strukturen

im Betrieb“. Im Vordergrund stehe

schlicht, „die Potenziale der Mitarbeiter zu

heben“. Die Formel vieler Unternehmer ist

deshalb sehr einfach. „Zufriedenere Teams

sind erfolgreichere Teams“, sagt Ana-Cristina

Grohnert, Personalchefin bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

EY, früher

Ernst&Young. „Das lässt sich klar belegen.“

Die Palette der Freiheiten, die die Unternehmen

in dieser Absicht ihren Mitarbeitern

gewähren, ist vielfältig. Ideen dazu

gibt es in Firmen aller Klassen, in der

23-Mitarbeiter-Agentur CPP aus Offenbach

ebenso wie im Weltkonzern Adidas.

Während andere arbeiten, dürfen die

Beschäftigten am Konzernsitz im fränkischen

Herzogenaurach Sport treiben, sooft

und so lange sie wollen – sofern sie die Zeit

morgens oder abends dranhängen. Die

3400 Mitarbeiter in der Zentrale können

aus mehr als 200 kostenpflichtigen Kursen

wählen – von Yoga und Pilates bis hin zu

FOTOS: ARNE WEYCHARDT FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

52 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Fußball, Basketball, Boxen oder Squash.

Wer will, kann seine Laufrunden im eigenen

Adi-Dassler-Stadion mit dem WMtauglichen

Rasen drehen. Im nächsten

Frühjahr eröffnet auf dem Firmengelände

ein 1100 Quadratmeter großes Fitness-

Center. Bald soll auch der 15 Meter hohe

künstliche Kletterfelsen stehen.

Der Leistungsdruck ist immens bei Adidas,

der Konkurrenzkampf in der Sportartikelindustrie

hart. Mit einem Jahresumsatz

von knapp 15 Milliarden Euro rangieren

die Franken mit großem Abstand auf Platz

zwei hinter dem US-Giganten Nike. Um

nicht zurückzufallen, zählt jede Minute.

Die Idee, Mitarbeitern trotzdem freizugeben

für Sport während der Arbeitszeit,

stammt vom kalifornischen Outdoor-Ausrüster

Patagonia. Dessen Gründer Yvon

Chouinard lässt seine Leute während der

Arbeit im Pazifik surfen. Dem Erfolg tut das

keinen Abbruch: Der Patagonia-Umsatz,

Uneingeschränkt basteln

Budgetrestriktionen und Zeitvorgaben – für

die Kreativtruppe vom Hamburger Miniatur

Wunderland gelten solche Zwänge nicht.

Modellbauer wie Elke Bochonek und Stefan

Dombrowski können in Ruhe an ihren Projekten

tüfteln, Brücken bauen und Gebirge

erschaffen. Das Konzept kommt an – und

lockt jährlich eine Million Besucher.

der für 2013 bei etwa 600 Millionen Dollar

liegt, wächst seit Jahren zweistellig.

Auch Adidas profitiert, wenn die Gehirnzellen

der Mitarbeiter etwa beim Laufen

stimuliert werden. Produktmanager Andrew

Barr zum Beispiel schnürt gemeinsam

mit Kollegen mittags häufiger mal die

Laufschuhe. „Klar sprechen wir dabei auch

immer wieder über neue Produktideen“,

sagt der gebürtige Schotte.

Eine gute Idee hatten Barr und seine

Mit-Läufer vor gut einem Jahr: „Ein paar

von uns sind in eng anliegenden Kompressionsshirts

gelaufen. Dabei haben wir uns

gefragt, ob wir nicht dieselbe Technologie

für das Obermaterial von Laufschuhen

einsetzen könnten.“ Kompressionseinlagen

stimulieren den Blutfluss im Körper.

Direkt nach der Mittagspause schnappten

sich Barr und seine Kollegen Scheren,

schnitten ein Kompressionsshirt auseinander

und zogen es über einen Schuh. „Das

fühlte sich so gut an, dass wir weitergemacht

haben“, sagt der 29-Jährige. Heute

findet sich diese Idee im Energy Boost wieder,

dem Top-Laufschuh von Adidas.

Etwas ganz anderes hat sich 3M (weltweit

rund 30 Milliarden Dollar Umsatz, 88 000

Mitarbeiter) einfallen lassen. Die Entwickler

des US-Technologiekonzerns bekommen

in der Regel klar gesagt, was sie zu tun

haben. Aber 15 Prozent ihrer Arbeitszeit

dürfen sie für eigene Projekte aufwenden,

die außerhalb ihrer Aufgaben und

»

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 53

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

weil das Patent auch auf ihn angemeldet

wurde. Von jedem Euro, den 3M durch

den Ampelklebstoff künftig einnimmt, geht

ein kleiner Anteil an den Erfinder.

Der Betrag kann sich, wenn es gut läuft,

nach Auskunft des Unternehmens „zu

einem zusätzlichen Monatsgehalt pro

Jahr“ summieren.

»

Selbstständig abschalten

Beim Sensorenhersteller Sick im badischen

Waldkirch entscheiden Mitarbeiter über die

Lage der Arbeitszeit und des Urlaubs. Teams

in der Produktion legen eigenständig fest,

wann das Telefon ausgeschaltet wird, um

ungestört arbeiten zu können.

manchmal sogar abseits der 3M-Produktpalette

liegen. Die berühmten gelben

Post-it-Haftzettel zum Beispiel sind auch

durch die 15-Prozent-Regel entstanden.

Die nutzte auch Adrian Jung, Spezialist

für Industrieklebstoffe in der Entwicklungsabteilung

der deutschen Niederlassung

in Neuss bei Düsseldorf. Der 38-jährige

Chemiker hörte immer wieder die gleichen

Klagen von Kunden. Anwender, die

Maschinenteile verkleben, waren sich zum

Beispiel nicht hundertprozentig sicher,

wann sie diese maximal belasten durften.

Denn dem verwendeten Klebstoff war

nicht anzusehen, wann dieser Zeitpunkt

erreicht war. Ebenso wenig konnten sie abschätzen,

ob der Klebstoff schon zu alt war

und die optimale Wirkung verloren hatte.

Jung ergriff die Initiative und überzeugte

seine Chefs, ihm 15 Prozent seiner Arbeitszeit

für die Lösung des Problems zu überlassen.

Er begann, mit Farben und Chemikalien

zu experimentieren, die die Eigenschaften

des Klebstoffs anzeigen sollten.

Nach ersten Erfolgen durfte er sein Team

sogar auf drei Mitarbeiter aufstocken. Am

Ende kreierte Jung einen neuartigen „Ampelklebstoff“,

der die Härtung sichtbar

macht: Verfärbt der Klebstoff sich nach

dem Auftragen grün, dürfen Maschinenteile

und andere Schwergewichte belastet

werden. Wird er blau, wurde er zu lange

oder falsch gelagert und muss ausrangiert

werden. 3M wirbt nun damit, dass der Ampelklebstoff

im Flugzeugbau oder bei

Windkraftanlagen die Sicherheit erhöht.

Erfinder Jung bekommt dafür keine

Prämie, sondern einen Anteil am Umsatz,

EIN NICKERCHEN ZWISCHENDURCH

Eine ähnliche Regel wie bei 3M existiert

auch bei Google: Die Mitarbeiter dürfen 20

Prozent ihrer Arbeitszeit für eigene Projekte

aufwenden. Mit solchen Freiheiten will

der Suchmaschinen-Gigant vor allem hoch

spezialisierte Fachkräfte anlocken. „Softwareentwickler

sind schließlich händeringend

gesucht“, sagt Google-Manager Stefan

Keuchel. Bei Google arbeiten weltweit

25000 Entwickler, etwa die Hälfte aller Mitarbeiter.

Um qualifizierte Mitarbeiter zu gewinnen,

bietet der Internet-Konzern (Umsatz

2012: etwa 50 Milliarden Dollar) allerlei

Freiheiten, von denen Beschäftigte vieler

anderer Unternehmen nur träumen.

Das Mittagessen in der Kantine ist kostenlos.

Es gibt einen Games Room mit Kicker,

Billardtisch sowie Xbox- und Wii-

Spielkonsolen. Im komplett verdunkelten

Quiet Room darf, wer mag, ein Nickerchen

halten. Ein eigenes Fitness-Center mit zwei

persönlichen Trainern rundet das Angebot

ab. Seit Jahren zählt Google zu den beliebtesten

Arbeitgebern in Deutschland.

Kritiker sehen darin bloß eine besonders

intelligente Form des Unternehmens,

möglichst viel aus den Leuten herauszuholen.

„Mit dieser Tarnung verfolgen Unternehmen

einen knallharten Zweck“,

schreibt der Bestsellerautor Martin Wehrle,

der sich als Chronist des Büro-Wahnsinns

(„Ich arbeite in einem Irrenhaus“) einen

Namen gemacht hat. „So bequem soll es

sein in ihren heiligen Hallen, so heimelig

und luxuriös, dass der Mitarbeiter gar nicht

mehr nach Hause will“, sagt Wehrle. „Der

moderne Arbeitsplatz ist ein Fliegenfänger:Mit

seinem süßen Duft lockt er die Mitarbeiter

an – und dann bleiben sie kleben.

Gerne 60, 70 Stunden pro Woche.“

DER NOT GEHORCHEND

Vertrauen ist gut, Freiheit auch – aus diesem

Grund fehlt in der Kantine der Sick AG

die Kasse. „Wir vertrauen darauf, dass die

Mitarbeiter den korrekten Betrag von ihrer

Geldkarte abbuchen lassen“, sagt Personalchef

Andreas Grieger. Der Industriebetrieb

im badischen Waldkirch stellt Sensoren

»

FOTOS: OLIVER NANZIG, PR

54 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

»

her, die etwa die Kunstschätze im Pariser

Louvre vor Diebstahl schützen.

Grieger ist zuständig für weltweit 6300

Mitarbeiter, davon 3000 in Deutschland,

und spricht viel von Vertrauen und Eigenverantwortung.

Die Mitarbeiter können ihre

Arbeitszeit frei wählen, innerhalb eines

weiten Korridors von 6.30 Uhr bis 19 Uhr.

Sie müssen sich lediglich –eigenständig –

absprechen, wer wann anwesend ist.

Teams in der Produktion entscheiden gemeinsam

über die Urlaubsplanung oder

darüber, wann das Telefon mal ausgeschaltet

wird, um ungestört arbeiten zu können.

Die Freiheiten gewährt der Sensoren-

Spezialist eher der Not gehorchend. Denn

Waldkirch nördlich von Freiburg im Breisgau

liegt ziemlich ab vom Schuss. „Die Region

ist zwar attraktiv, aber wir müssen geeignete

Mitarbeiter erst einmal hierher locken“,

sagt Grieger. „Mit den flexiblen Arbeitszeiten

und Entscheidungsfreiheiten

können wir bei Bewerbern punkten.“ Im

Gegenzug verlange das Unternehmen

auch viel von der Belegschaft, immerhin

wachse der Umsatz jedes Jahr zweistellig,

im Geschäftsjahr 2012 auf 970 Millionen

Euro.

VERHASSTES OBRIGKEITSDENKEN

Rund 750 Kilometer nördlich, in Velgen bei

Lüneburg. In dem kleinen Dorf in Niedersachsen

sitzt die Firma Deerberg–das Gegenteil

von Amazon. Der Online-Handelsriese

aus den USA fällt durch niedrige Löhne,

permanenten Leistungsdruck und befristete

Arbeitsverhältnisse auf, klagt die

Gewerkschaft Verdi. Dass es auch ganz anders

gehen kann, zeigt Deerberg.

Der mittelständische Versandhändler

hat sich auf den Verkauf nachhaltig produzierter

Mode spezialisiert. Der Umsatz legt

regelmäßig zweistellig zu und hat inzwischen

55 Millionen Euro erreicht. Die Zahl

der Mitarbeiter verdoppelte sich in den

vergangen drei Jahren auf mehr als 400.

Inhaber Stefan Deerberg setzt darauf,

den Mitarbeitern möglichst viele Freiheiten

zu lassen, etwa in Form flexibler Arbeitszeitmodelle,

ihnen aber damit auch mehr

Verantwortung zu geben. Das fängt bei der

Ausbildung an: 2009 gründete Deerberg

dazu das Lindgrenhus, das wie ein eigenständiger

Versandshop funktioniert. Nicht

altgediente Chefs, sondern junge Auszubildende

treffen dort die Entscheidungen. Die

Azubis suchen das Sortiment selbst aus

und kaufen eigenständig bei Lieferanten

ein. Bald soll das Projekt erweitert werden.

Etwa 30 junge Nachwuchskräfte werden

Unternehmersein üben

Firmenchef Deerberg (links) überlässt

seinen Auszubildenden die Auswahl

des Sortiments. Demnächst sollen die

Nachwuchskräfte des mittelständischen

Versandhändlers aus Niedersachsen

einen eigenen Online-Shop aufbauen.

sich künftig um einen eigenen Online-Shop

rund um das Thema nachhaltiges Wohnen

kümmern, Möbel einkaufen, Präsentation

und Versand managen.

Dass seine Mitarbeiter selbstständig

denken und entscheiden können sollen,

zählt zu den Grundüberzeugungen von Inhaber

Deerberg. Der 53-Jährige hat einige

Jahre im Flugzeug- und Maschinenbau gearbeitet

und hasst seitdem jegliches Obrigkeitsdenken.

Vor 27 Jahren gründete er gemeinsam

mit seiner Ehefrau Gabi den

Ökoversandhändler. Die Angst vor Fehlern

lähme die Kreativität und das Engagement

der Mitarbeiter, sagt Deerberg: „Angst ist

Unfreiheit.“

ROTIERENDE CHEFS

Jeder Mensch kann führen, glaubt Gernot

Pflüger, auch die Schüchterneren würden

mit ihrer Verantwortung wachsen. Der ehemalige

Musiker und Journalist, der auch als

Wachmann und als Verkäufer in einem

Computerladen jobbte, gründete in den

Achtzigerjahren die Werbeagentur CPP

Studios in Offenbach. Mit zwei Dutzend

Mitarbeitern produziert der 48-Jährige

unter anderem Werbefilme, schafft Events,

berät Unternehmen und konzipiert Multimedia-Produktionen.

Zu den Kunden zählen

IBM, BMW, Audi und Samsung. Jährlicher

Umsatz: etwa fünf Millionen Euro.

Doch CPP ist keine normale Werbeagentur.

Seit mehr als 25 Jahren kommt Pflüger

ohne feste Führungskräfte aus. Stattdessen

wechseln sich die Mitarbeiter in der Chefrolle

ab: Mal übernimmt der eine, mal der

andere eine Führungsposition –je nachdem,

wer am besten im Thema ist oder den

Kunden besonders gut kennt.

Selbst Investitionen sind Gemeinschaftsentscheidungen.

Am Jahresende

entscheiden die Mitarbeiter – auch Pflüger

hat nur eine Stimme – wie viel Geld im Unternehmen

verbleibt oder ausgezahlt wird.

Alle erhalten das gleiche Gehalt, nur Pflüger

bekommt mehr. „Ich bin als Eigentümer

für alles im Risiko, von der Kreditlinie

über Investitionen bis hin zu Versicherungen,

Miet- oder Leasingverträgen“, begründet

er die Ausnahmeregelung.

„Ich persönlich favorisiere diese Art von

Arbeit“, sagt Pflüger, „weil für die Erfolgsfaktoren

eines Unternehmens wie Innovation,

Veränderungsfähigkeit und Produktivität

eine solche Umgebung nach meiner

Erfahrung die beste ist.“

n

juergen.salz@wiwo.de, mario brück,

henryk hielscher, hans-jürgen klesse, michael kroker,

harald schumacher, peter steinkirchner

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 2 55

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

Nie wieder MP3 und Walkman

ZUKUNFTSBRANCHEN | Energiespeicher mit Methangas, Datenwolke, intelligente Häuser,

3-D-Drucker: In welchen Wachstumsbranchen deutsche Unternehmen an vorderster Front stehen –

und wo sie dringend loslegen müssten.

Ginge es rein nach den Ideen, müsste

sich Deutschland um seine Zukunft

wenig Sorgen machen. Mit 13321

Patenten haben sich Unternehmen und

Bastler 2012 mehr Ideen schützen lassen

als Erfinder aus jedem anderen Land Europas.

Weltweit landet die Bundesrepublik

auf Platz zwei hinter den USA und vor der

High-Tech-Hochburg Japan.

Doch so erfinderisch Deutschlands Ingenieure

auch sind: Sie tun sich vergleichsweise

schwer damit, ihre Ideen zu marktfähigen

Produkte zu machen, und überlassen

den wirtschaftlichen Erfolg oft Unternehmen

aus dem Ausland. „Die Liste der

verpassten Chancen ist kaum kürzer als die

der genutzten Gelegenheiten“, lästert IT-

Unternehmer Stephan Scholtissek, zuvor

Mitteleuropachef der Beratung Accenture.

Das hat leider eine lange Tradition. Obwohl

der gebürtige Kurhesse Philipp Reis

1861 die erste funktionierende elektrische

Fernsprechverbindung baute, heimste der

Schotte Alexander Graham Bell den wirtschaftlichen

Erfolg ein mit seiner Bell Telephone

Company, dem Vorläufer des weltgrößten

Telekomkonzerns AT&T. Rudolf

Hell aus Eggmühl bei Regensburg präsentierte

1956 das erste funktionsfähige Faxgerät.

Doch weil der Elektroriese Siemens auf

den Fernschreiber setzte, nutzten japanische

Unternehmen die Technik ebenso wie

beim Aachener Andreas Pavel, dessen Mini-Kassettenspieler

Stereobelt 1977 Sony

als Walkman zum Welterfolg machte.

Jüngster Patzer: Ein Team um den Elektrotechniker

Karlheinz Brandenburg entwickelte

an einem Fraunhofer-Institut in

Erlangen ab 1982 das als MP3 bekannte

Verfahren zur Kompression digitaler Audiodaten

– heute der Standard für Musik

im Internet und digitale Player. Weil es kein

umfassendes MP3-Patent gibt, machen

das Geschäft vor allem Riesen wie Apple.

Ein Fehler, der US-Unternehmen selten

passiert, weiß Matthew Ganz, der vor seinem

Job als Boeings Deutschland-Chef die

Forschung des Luftfahrtriesen geleitet hat.

„Ein Unternehmen muss die Leitungen mit

kreativen Ideen füllen und diese Ideen in

einem rigorosen Prozess zu Geld machen.“

Die Chance, das Credo des US-Managers

umzusetzen und loszulegen, hat nun eine

neue Generation von Forschern. „Im Bereich

des klassischen Internets, gesellschaftlicher

Vernetzung und Mobile Computing

ist der Zug zwar abgefahren“, sagt

Axel Oppermann, Technologieanalyst bei

der Beratung Avispador aus Niestetal bei

Kassel. „Doch bei Dingen wie Elektromobilität,

intelligenten Stromnetzen oder vernetzter

Produktion steht Deutschland gut

da.“ Dazu kommen überraschende Felder

wie die Logistik und einfachere Goodenough-Produkte

für den Massenmarkt.

Damit Neuerern das Schicksal der Walkman-

und MP3-Erfinder erspart bleibt,

müssen Unternehmen aber nicht nur auf

Technik achten, sondern auch auf neue

Prozesse und Dienstleistungen. „Damit wir

vom Land der Ideen zum Land der Marktumsetzung

werden“, so Unternehmer

Scholtissek, „muss es ein Umdenken geben:

Marke, Design, Lifestyle tragen genauso

viel zum Erfolg bei wie Ingenieurskunst.“

ruediger.kiani-kress@wiwo.de, michael.kroker@wiwo.de,

rebecca eisert, nele hansen, anke henrich,

jürgen rees, benjamin reuter

LOGISTIK

Durch die Brille

Logistik ist zwar die drittgrößte Branche in

Deutschland, beschäftigt 2,8 Millionen

Menschen in 60000 Unternehmen, gilt

aber technisch eher als langweilig. Doch

auch wenn die Sparte wenig neue Technologien

hervorbringt, ist sie bei der Anwendung

von High-Tech wie Datenmanagement

oder dem Einsatz von Robotern vorn.

Jüngstes Beispiel ist der Einsatz von Datenbrillen,

die dem Nutzer alle gewünschten

Informationen wörtlich vor Augen führen.

Mithilfe der Technologie Augmented

Reality, bei der die reale Welt mit virtuellen

Informationen überlagert wird, zeigt die

Datenbrille Lageristen und Produktionsmitarbeitern,

in welchem Regal sich die gewünschte

Schraube, Mutter, die bestellte

Hose oder das T-Shirt liegt – und den »

Gut eine Milliarde Euro Umsatz

könnten Datenbrillen für Logistikarbeiter

deutschen Unternehmen bescheren

FOTO: CARO/RUPERT OBERHAEUSER

56 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

Der Umsatz im 3-D-Druck von heute

1,7 Milliarden Euro wird sich bis

2015 vervierfachen

»

kürzesten Weg dahin. Zuletzt prüft die

Brille über die integrierte Kamera, ob der

Mitarbeiter auch den richtigen Artikel hat.

Damit hat der Lagerarbeiter beide Hände

frei und macht weniger Fehler.

Bisher waren solche Brillen zu schwer

und unkomfortabel, um sie den ganzen

Tag zu tragen. Doch nun bieten US-Unternehmen

wie Motorola Solutions und Vuzix

sowie der Trierer Optikhersteller Trivisio

und demnächst Google mit der Google

Glass leichtere Geräte mit teilweise längerer

Akkulaufzeit. In die können deutsche

Unternehmen ihre Technologien einbringen

und sie mit ihren Datenbanken vernetzen.

Das könnte ein Milliardenmarkt sein.

Denn: „Der Bedarf an 100-prozentiger

Zuverlässigkeit bei maximaler Flexibilität

in der Kommissionierung und Montage

steigt“, erwartet Klaus Richter, Logistikexperte

am Fraunhofer-Institut für Fabrikbetrieb

und -automatisierung in Magdeburg.

„Bislang ist Deutschland bei den Logistikanwendungen

der Datenbrille am weitesten“,

sagt Michael Lawo, Professor am

Technologie-Zentrum Informatik und Informationstechnik

der Uni Bremen (TZI).

Der Anfang ist gemacht. Im Bremer Mercedes-Werk

testete Daimler mit TZI und

dem Bremer Unternehmen xCon Partners

eine Datenbrille. Salt Solutions aus München

und Itizzimo aus Würzburg haben zudem

eine Technik entwickelt, die Google-

Datenbrillen über WLAN mit dem Lagerhaltungssystem

von SAP verbindet.

MASCHINENBAU: 3-D-DRUCKER

Um Jahre voraus

So innovativ die derzeit gut 6200 Unternehmen

des Maschinenbaus auch sind: Das

Rückgrat des deutschen Exports hat große

Veränderungen vor sich – aber auch die

richtigen Werkzeuge. Dafür sorgt neben

Fortschritten bei besonders präzisen Sensoren

oder Werkstoffen als Ersatz für teuere

High-Tech-Metalle vom Typ Seltene Erden

eine Revolution der Fertigungstechnik.

Will Airbus-Produktionsvorstand Günter

Butschek neue Bauteile für ein Flugzeug

ausprobieren, müssen seine Ingenieure

keinen Lieferanten mehr suchen. Sie werfen

einen Apparat in der Größe eines Kleiderschranks

an, und der spuckt das passende

Stück aus. Dafür sorgt ein Verfahren

namens additive Fertigung, Lasersintern

oder – weniger steif – 3-D-Druck. Wohl keine

Technik wird die industrielle Wertschöpfungskette

so verändern. Wer ein Ersatzteil

braucht, bestellt es in spätestens 20

Jahren nicht beim Hersteller, sondern bezahlt

für die Datei und druckt es selbst.

3-D-Druck wird keine Alternative zur

Massenfertigung sein, wohl aber für Kleinserien

von wenigen Hundert oder Tausend

Stück. Ein Gerät für voll funktionsfähige

Bauteile aus Kunststoff oder Metall kostet

zurzeit noch bis zu 250000 Euro und

braucht Stunden, um aus Metall– oder

Kunststoffpulver ein streichholzschachtelgroßes

Teil in Mikromillimeter-dünnen

Schichten aufzubauen.

Dank individualisierter Prothesen oder

Zahnkronen sowie Teilen für die Luftfahrt

oder Autoindustrie lagen die Umsätze mit

3-D-Druck allein im Metallbau 2012 weltweit

bereits bei 1,7 Milliarden Euro. „Bis

2015 wird sich der Umsatz vervierfachen“,

sagt Martin Eisenhut, Partner bei der Beratung

Roland Berger in München. Dafür

sorgt vor allem, dass die Drucker komplexe

Formen ohne Verschnitt am Stück ausspucken,

neue Konstruktionen ermöglichen

und auch nicht gießbare Legierungen von

Spezialmetallen verarbeiten können.

Größte Profiteure des Booms könnten

deutsche Maschinen- und Anlagenbauer

sein wie SLM Solutions aus Lübeck, Concept

Laser aus dem bayrischen Lichtenfels

und Weltmarktführer EOS aus Krailling bei

München. „Schauen wir auf die Umsatzverteilung,

sitzen 80 Prozent der Hersteller

in Deutschland“, sagt Eisenhut.

Noch sind sie Wettbewerbern aus den

USA oder Asien technisch um Jahre voraus.

Doch die Spitzenposition ist ohne öffentliche

Förderung wie zum Beispiel das milliardenschwere

US-Projekt National Additive

Manufacturing Innovation Institute in

Gefahr, befürchtet EOS-Strategie-Chef Nikolai

Zaepernick: „Wenn die Bundesregierung

unsere Position nicht deutlicher unterstützt,

werden wir den Vorsprung mittelfristig

einbüßen.“

FOTOS: CORBIS/IMAGINECHINA,PICTURE ALLIANCE/DPA/BERND SETTNIK,ALIMDI.NET/DENIS MEYER

58 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


500 Millionen Euro Umsatz bringt

allein in Norddeutschland der Aufbau von

Wasserstoff-Windspeichern

ENERGIESPEICHER

Sprit aus Wasser

Eines der größten Probleme der Energiewende

wird sich in den kommenden Wochen

wieder zeigen: Im Winter, wenn der

Himmel über Deutschland grau und der

Wind still ist, produzieren grüne Kraftwerke

kaum noch Energie. An manchen Tagen

decken Solar- und Windanlagen, die über

das Jahr gesehen rund 20 Prozent des deutschen

Strombedarfs liefern, dann nur ein

Prozent der benötigten Leistung. Im Frühjahr

und Herbst liefern die Anlagen dagegen

regelmäßig viel zu viel Strom.

Eine der besten Möglichkeiten, um die

Energieproduktion in den verschiedenen

Jahreszeiten zu versöhnen, ist, den Strom

in Wasserstoff umzuwandeln. Bei dem

Elektrolyse genannten Verfahren spaltet

vereinfacht gesagt ein Elektroschock Wasser

in Wasserstoff und Sauerstoff. Der Wasserstoff

kann in Kavernen oder Tanks beinahe

unbegrenzt lagern. Autos können ihn

tanken und Kraftwerke ihn mit Erdgas vermischt

in Wärme oder Strom verwandeln.

Wasserstoff als Energieträger ist so vielseitig,

dass prominente US-Wissenschaftler

wie Jeremy Rifkin von einer ganzen

Wasserstoffwirtschaft träumen, in der Kohle,

Öl und Atom obsolet werden. Daimler-

Chef Dieter Zetsche ist sogar überzeugt,

dass „Wasserstoff das bessere Öl ist“.

Aber das Öl der Zukunft ist ohne Elektrolyse

kaum in Massen herzustellen. Bisher

reichte für die Anwendungen in der Chemieindustrie

der Wasserstoff, der in Nebenprozessen

anfiel oder auch aus Erdgas,

Erdöl oder Kohle gewonnen wurde. Für

Elektrolyse-Anlagen, die den Energieträger

aus Wasser gewinnen, fehlte schlicht die

Nachfrage. Die Geräte, die aktuell in Betrieb

sind, stellen weltweit rund 40 Unternehmen

in Handarbeit her. Führend sind

hier vor allem in Europa unbekannte US-

Schmieden wie Giner oder Proton Energy

Systems. Technische Fortschritte gab es auf

dem Gebiet der Wasserelektrolyse in den

letzten Jahrzehnten kaum, wie eine Studie

von Forschern des Fraunhofer-ISE zeigte.

Aber das könnte sich bald ändern.

Denn jetzt, wo Wasserstoffautos etwa

von Hyundai und Toyota auf die Straße

kommen und weltweit immer mehr grüne

Energie erzeugt wird, beginnen deutsche

Konzerne wie Siemens und ThyssenKrupp,

effizientere Elektrolyse-Maschinen zu entwickeln.

Bis 2015 will Siemens sowohl kleine

Geräte für die Serienproduktion auf den

Markt bringen als auch fußballfeldgroße

Anlagen, die den überschüssigen Strom

ganzer Windparks verarbeiten können.

Der Aufwand könnte sich lohnen: Allein in

Norddeutschland wären für den Aufbau einer

Wasserstoffwirtschaft Investitionen

von rund einer halbe Milliarde Euro nötig,

errechneten kürzlich die Analysten von

Ernst&Young.

Um fast 80 Milliarden Euro wächst

die Medizintechnik bis 2018, ein Großteil

einfachere Apparate für Schwellenländer

MEDIZINTECHNIK

Gut genug reicht

Davon träumen andere Branchen: 4,5 Prozent

Wachstum pro Jahr bis 2018, dann

wird der weltweite Umsatz für Medizintechnik

bei 455 Milliarden Euro liegen, fast

80 Milliarden mehr als heute. Die Gesundheitswirtschaft

gilt als einer der stärksten

Treiber globalen Wachstums und made in

Germany als perfektes Qualitätssiegel, um

deutsche Medizintechnik zu vermarkten.

Doch vor allem Mittelständler unterhalb

der Schlagkraft einer Siemens-Medizintechniksparte

verpassen gerade den Einstieg

in das aussichtsreichste Segment: Es

ist die sogenannte Good-enough–Technik.

Sie liefert abgespeckte Instrumente und

Apparate, die aber passgenau die Konsumentenerwartungen

erfüllen.

Denn Milliarden Menschen in Schwellenländern

wollen gar nicht die traditionelle

Spezialität deutscher Ingenieure: das

Neuste vom Besten zum höchsten Preis.

Mangels Geld genügen ihnen zuverlässige,

transportable und leicht zu reparierende

Produkte. Sie sind bei Bild- und Diagnosequalität

ähnlich gut wie die High-Tech-Geräte,

verzichten aber auf Extras wie externe

Anschlüsse oder die Möglichkeiten, Untersuchungsergebnisse

auszudrucken. So

kostet eine tragbares, PC-basiertes Ultraschallgerät

15000 Dollar, mit vielen Ex-

»

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 59

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

»

tras ausgestattete High-Tech-Geräte

aber 100 000 Dollar.

Inzwischen steigt der Gut-genug-Absatz

selbst in westlichen Staaten. Zum einen,

weil dort die Gesundheitsausgaben aus

dem Ruder laufen, und zum anderen, weil

auch die Good-enough-Technik immer

ausgereifter ist. Reverse Innovation nennt

sich das: In Ländern wie China oder Indien

zunächst für die Heimatmärkte entwickelte

Good-enough-Technik erobert den Westen.

Bei abgespeckten Produkten aus der

Telekommunikationsindustrie – zum Beispiel

Tablets – gibt es das längt.

Der Lübecker Medizintechniker Dräger

nutzt den Trend in seinem Beritt längst.

Der Mittelständler entwickelte dafür beispielsweise

in Shanghai ein Narkosegerät.

Doch die Mehrheit ist spät dran. Gregor-

Konstantin Elbel, Partner Health Care bei

Deloitte in Düsseldorf, warnt: „Familienunternehmen

haben diesen Trend zu lange

nicht ernst genommen, und den Startups

mangelt es anders als in den USA häufig

an Kapitalgebern.“ Inzwischen gehe es

um Preis- und Qualitäts- statt um Technikführerschaft:

„Die Deutschen müssen Produkte

auch mit einheimischen Mitarbeitern

von Anfang an vor Ort entwickeln.“

Zudem hat sich Europas Medizintechniklobby

gerade einen Bärendienst erwiesen,

indem sie strengere Qualitätsstandards

durch die EU verhinderte. Sie wären mit

denen der US-Aufsichtsbehörde FDA vergleichbar

gewesen und hätten die Europäer

weltweit wettbewerbsfähiger gegenüber

den erfolgreichen Medizintechnikern aus

Amerika gemacht.

2015 will Toyota das erste Serienauto

mit Brennstoffzelle auf den Markt bringen

BRENNSTOFFZELLEN-AUTO

Vorreiter Japan

Sosehr Deutschland als Vorreiter der Autotechnik

gilt, bei Elektromotoren setzen andere

die Maßstäbe. So arbeitet Toyota an

einem E-Mobil mit 500 Kilometer Reichweite,

das sich in nur drei Minuten betanken

lässt. Nicht Akkus treiben den 136 PS

starken FCV Concept der Japaner, sondern

Wasserstoff. Daraus produziert die Brennstoffzelle

Strom.

2015 will Toyota das Modell in der Größe

der Mercedes E-Klasse für 80 000 Euro anbieten

und damit deutschen Anbietern davonfahren

wie bereits beim Hybrid-Vorreiter

Prius. Denn obwohl Daimler & Co. seit

fast 20 Jahren am Wasserstoffantrieb forschen,

zögern sie mit der Serienproduktion

und drohen eine Zukunftstechnik und einen

Milliardenmarkt zu verpassen.

Dabei fing alles gut an. Mercedes hatte

bereits 1994 mit dem bis unters Dach mit

Technik vollgepackten Transporter Necar1

das erste Wasserstoffauto vorgestellt. Doch

danach kam nicht mehr viel. Aktuell haben

die Stuttgarter nur eine Allianz mit Ford

und Renault-Nissan geschmiedet. Zwar

verweist Daimler-Chef Dieter Zetsche darauf,

dass bereits 100 Brennstoffzellen-

Fahrzeuge in Kundenhand seien. Doch die

Serienproduktion startet wohl erst 2017 –

zwei Jahre nach Toyota, Honda und Co.

Kaum besser stehen die anderen deutschen

Autoriesen da. VW hat sich immerhin

mit dem kanadischen Brennstoffzellenproduzenten

Ballard verbündet, um

nicht ganz blank dazustehen, falls die Sache

doch in Gang kommen sollte. BMW

setzt auf seine Allianz mit Toyota.

Doch ähnlich wie bei Hybrid- und rein

batteriegespeisten Fahrzeugen drängt sich

der Verdacht auf, dass die deutschen Hersteller

kaum Interesse an der Technik haben.

Das Elektrozeitalter stellt das bisherige

Geschäftsmodell infrage, vor allem die

milliardenteuren Motorenwerke. Sie werden

dann kaum noch gebraucht, weil Elektromotoren

ohne Kolben und Ventile nur

ein Zehntel der Teile eines Verbrennungsantriebs

haben und weniger Unterhaltsund

Werkstattkosten verursachen. Doch

lange werden sich Daimler & Co. diese Haltung

nicht mehr leisten können.

FOTO: PR

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


SMART HOME

Fehlende Anreize

50 Milliarden Dollar groß ist der

Markt für smarte Hausgeräte 2020

Vergessen, den Herd auszumachen? Kein

Problem: Künftig kann ihn der Besitzer

einfach per Handy abschalten. Sinken die

Strompreise mittags, weil Solaranlagen auf

Volllast Energie produzieren, dann legt die

Waschmaschine von selbst los.

Diese sogenannten Smart-Home- und

Smart-Grid-Anwendungen sind eine reizvolle

Vision–doch im Alltag der Menschen

noch nicht angekommen. Noch fehlen Anreize

und es hakt an technischen Details,

glaubt Peter Kellendonk, Chef des gleichnamigen

Mittelständlers aus Köln, der unter

anderem Technologien für die Gerätevernetzung

entwickelt.

Attraktiver würden Smart-Home-Anwendungen,

wenn die Strompreise wie in

den USA variabel wären. „Wenn die Kosten

für eine Kilowattstunde bei einem Überangebot

etwa von 28 auf 14 Cent fallen und eine

intelligente Steuerung dann die Haushaltsgeräte

einschaltet, kann ich ein paar

Hundert Euro im Jahr sparen“, sagt Kellendonk.

Dass solche Anreize wirken, zeigte

ein Feldversuch in Aachener Haushalten.

Ein weiteres Problem: Es fehlt eine industrieweite

Norm, mit der sich Geräte wie

Waschmaschinen und Smartphones verständigen

können. Das will Kellendonk mit

der Initiative EEBus ändern. Das Bundesministerium

für Wirtschaft und Technologie

fördert das Projekt, bei dem gut 40 Unternehmen

wie Miele, Bosch, die Telekom,

EnBW und E.On einen Standard erarbeiten,

über den Stromzähler, Smartphones

und Geräte kommunizieren können.

Welche Unternehmen das Wettrennen

um die intelligenten Wohnungen und

Häuser der Zukunft gewinnen, ist noch völlig

offen. Laut einem Report der US-Analysten

von MarketsandMarkets kämpfen

Siemens, Schneider Electric aus Frankreich,

die Schweizer ABB und ein halbes

Dutzend weiterer Technikriesen um die

Marktführerschaft. Auf denjenigen, der das

Rennen macht, warten stattliche Umsätze:

Das weltweite Marktvolumen für smarte

Hausgeräte und ihre Vernetzung schätzt

MarketsandMarkets auf 50 Milliarden Dollar

im Jahr 2020.

CLOUD COMPUTING

Boom dank NSA

35 Milliarden Umsatz kostet die

NSA-Affäre US-Cloud-Anbieter

Seit Jahren beklagen Experten den Rückstand

von Deutschland in der Informationstechnologie

(IT). Bis auf den Weltmarktführer

für Unternehmenssoftware

SAP stammen alle wichtigen Anbieter für

Hardware, Software und Internet aus den

USA. Dabei sind die Aussichten für deutsche

IT-Anbieter aktuell so gut wie lange

nicht, vor allem für Unternehmen mit

Schwerpunkt Cloud Computing, einem

der wichtigsten Wachstumsfelder der IT.

Grund ist die NSA-Affäre. Die gigantische

Datenschnüffelei der US-Geheimdienste

dürfte zu nennenswerten Geschäftseinbußen

bei US-Cloudanbietern

führen. Das jedenfalls erwartet die Information

Technology and Innovation Foundation

(ITIF), ein Thinktank mit Sitz in der

Hauptstadt Washington. Laut einer ITIF-

Studie könnten amerikanische IT-Unternehmen

in den kommenden Jahren 10 bis

20 Prozent ihrer Cloud-Auslandsumsätze

einbüßen. Das entspräche rund 35 Milliarden

Dollar zwischen 2014 und 2016.

Aktuell verbuchen heimische Anbieter

von den gut fünf Milliarden Euro Jahresumsatz

mit Cloud-Produkten in Deutschland

erst ein Fünftel, schätzt der Marktforscher

Crisp-Research aus Kassel. „Der Anteil

wird nicht zuletzt dank der NSA-Affäre

zumindest kurzfristig zulasten der US-

Wettbewerber weiter steigen“, sagt Axel

Oppermann, Chef des Marktbeobachters

Avispador aus Niestetal in Nordhessen.

Helfen soll dabei die Initiative Cloud Services

Made in Germany, die das IT-Unternehmen

AppSphere aus dem nordbadischen

Ettlingen 2010 gegründet hat. Der

Verbund in Deutschland ansässiger Cloud-

Anbieter, dem auch namhafte Vertreter wie

CAS Software, Pironet NDH und Onventis

angehören, will für mehr Rechtssicherheit

und höchstmöglichen Datenschutz beim

Einsatz von Cloud-Diensten sorgen. n

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen&Märkte

»Das macht richtig süchtig«

INTERVIEW | Richard Branson Der britische Multi-Gründer und mehrfache Milliardär spricht in einem

seiner raren Interviews über die Freiheit als Unternehmer.

DER HIPPIE-KAPITALIST

Branson, 63, zum Ritter geschlagener Schulabbrecher, hat ein Imperium mit

mehr als 400 Unternehmen aufgebaut, dessen Jahresumsatz auf 17,7 Milliarden

Euro geschätzt wird. Er startete mit einem Studentenmagazin, später kamen das

Plattenlabel Virgin und die Airline Virgin Atlantic hinzu. Sein Vermögen beziffert

„Forbes“ mit 3,3 Milliarden Euro, obwohl rund ein Fünftel seiner Projekte scheiterte

wie eine Virgin Cola, Brautmoden oder ein soziales Netzwerk. 2014 will er

gar mit Virgin Galactic Touristen in den Weltraum schießen. Branson hat sich aus

dem operativen Geschäft zurückgezogen, lebt auf seiner privaten Jungferninsel

Necker Island und setzt sich für erneuerbare Energien und die Legalisierung von

Drogen ein. Branson ist verheiratet und hat zwei Kinder.

62 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


FOTO: CHRIS CRISMAN © 2012 CHRIS CRISMAN PHOTOGRAPHY LLC

Sir Richard, Sie haben in Ihrem Leben

immer wieder Neues angefangen und

Unternehmen in Branchen gegründet, die

nichts miteinander zu tun hatten. Das

Spektrum reicht von einer Plattenfirma

über eine Fluglinie bis hin zu Hochzeitskleidern

und jetzt dem Bankgeschäft. Eine

Sucht, ein Manie, eine Form von Hyperaktivität?

Als kleiner Junge haben mir meine Eltern

immer gesagt, ich müsste versuchen, die

Welt zu verändern, und dabei zwar verantwortungsbewusst

sein, aber auch Abenteuerlust

zeigen. Meine frühe Kindheit hat

mich in dieser Hinsicht stark geprägt und

meine Entschlossenheit gestärkt, immer

etwas Neues auszuprobieren. Alles fing mit

einem Studentenmagazin an, das ich als

Teenager startete, um jungen Leuten eine

Stimme zu geben. So etwas war damals ungewöhnlich.

Als es ein Erfolg wurde, machte

ich mich auf die Suche nach weiteren

Projekten, von denen ich annahm, dass ich

dort besser sein würde als andere. Das hat

so viel Spaß gemacht und es war so ein

wunderbares Gefühl zu erleben, wie Ideen

und Geschäfte wachsen–das macht richtig

süchtig!

Wieso mussten das immer wieder unbekannte

Gebiete sein, von denen Sie keine

Ahnung hatten?

Ein neues Unternehmen zu gründen ist

immer ein Risiko, egal, ob man Fachwissen

mitbringt oder nicht. Entscheidend ist es,

sich positiv vom Bestehenden abzuheben

und an die eigene Sache zu glauben. Heutzutage

habe ich natürlich ein gutes Team,

das mich bei der Umsetzung meiner Ideen

unterstützt. Die Chefs der Unternehmen in

meiner Gruppe verfügen über das nötige

Spezialwissen. Sie sind mit Leidenschaft

dabei, und meist kennen sie die Produkte

und Dienstleistungen viel besser als ich.

Genau so muss es auch sein.

Das würden viele andere Unternehmer

auch von sich sagen. Worin unterscheiden

Sie sich von denen?

Ich bin ein Mensch, der ständig neue Herausforderungen

sucht und es liebt, etwas

Unbekanntes zu erlernen. Das finde ich

faszinierend. Mir ist es gleichgültig, ob es

darum geht, wie eine Fluggesellschaft

funktioniert, wie sich die Musikindustrie

verändert oder wie man ein kommerziell

operierendes Raumschiff bauen muss. Als

ich die Fluglinie Virgin Atlantic startete, haben

uns viele Experten unterschätzt und

gedacht, jemand, der Schallplatten verkauft,

kann keine echte Konkurrenz sein.

Aber es war unsere frische Perspektive, der

DAS BRANSON-IMPERIUM

Bunt gemischt

Die wichtigsten aktuellen und ehemaligen

Unternehmen, die zum Firmenimperium

Virgin Group des britischen

Unternehmers Sir Richard Branson

gehören (Anteil in Klammern):

Virgin Records/Music – 1992 verkauft

an den Musikkonzern EMI

Virgin Media TV- und Kabelgesellschaft,

2013 verkauft an den

Kabelkonzern Liberty Global

Virgin Atlantic Fluglinie (51 %)

Virgin Rail Zugbetreiber (51 %)

Virgin Active Fitnessclubs (49 %)

Virgin Money Finanzdienstleistungen

(55 %)

Virgin Galactic Raumfahrt (100 %)

unkonventionelle Zugang zum Reisegeschäft,

der unseren Erfolg ausgemacht hat .

Was können heutige Unternehmensgründer

davon lernen?

Neugierig sein, Fragen stellen, Entschlossenheit

und Zielstrebigkeit zeigen, das sind

Charaktereigenschaften, die einen Entrepreneur

ausmachen. Sie haben absolut nichts

mit der Zugehörigkeit zu einer bestimmten

Generation zu tun. Wenn überhaupt, gibt es

heute sogar noch mehr Möglichkeiten für

Menschen, die ein Unternehmen gründen

wollen, ohne den üblichen Karrierepfad beschritten

zu haben. Ganz entscheidend dabei

ist: Man darf kein Risiko scheuen und

sollte immer den eigenen Instinkten folgen.

Schön und gut, doch in der Realität wird

heutzutage immer mehr reguliert. Ist das

gegenwärtige wirtschaftliche und politische

Klima in vielen westlichen Ländern

nicht eher hinderlich für Gründer?

Leider ist die Jugendarbeitslosigkeit in

Großbritannien mit rund 20 Prozent sehr

hoch. Deshalb müssen wir unbedingt in

Startups investieren. Dafür sind nur kleine

Geldbeträge und vor allem gute Ratschläge

erforderlich. Wir haben uns mit anderen

zusammengetan, um Virgin Startup zu

starten. Das ist ein gemeinnütziges Projekt,

das Tausenden junger Menschen finanzielle

Hilfe, Beratung und Mentor-Programme

anbieten wird. Wir folgen dabei dem Vorbild

eines staatlichen Förderprogramms.

Ich bin sehr gespannt auf die Entwicklungen,

die sich daraus ergeben werden.

Was muss von gesellschaftlicher Seite

getan werden, um Innovation und eine

stärker von unternehmerischem

Gedankengut geprägte Kultur zu fördern?

Es gibt sie doch bereits, die Unternehmer

mit viel Potenzial. Die derzeitige Startup-

Szene ist aufregend. Es mangelt also nicht

an zündenden Ideen, und die Menschen

sind heute sogar offener für Unternehmensgründungen.

Aber wir müssen diese

Talente unbedingt fördern und Investitionsmittel

bereitstellen, damit die Sachen

nicht im Sande verlaufen.

Wie beurteilen Sie die Lage in Deutschland?

Europas größte Volkswirtschaft leidet

immer noch unter dem Ruf, sehr bürokratisch

zu sein, verfügt andererseits aber

auch über einige sehr erfolgreiche Unternehmen.

Ich glaube, wir können alle voneinander

lernen...

...geht es vielleicht noch etwas diplomatischer?

Nein, im Ernst, auch in Deutschland gibt

es bei der Förderung von Unternehmergeist

und Startups sehr gute Arbeit. Ich bin

der Ansicht, dass alles mit der richtigen

Einstellung beginnen muss. Das heißt

ganz einfach: positiv sein, Startups unterstützen.

Muss ein Gründer gelegentlich auch kulturelle,

moralische und rechtliche Normen

brechen, um ein erfolgreicher Unternehmer

zu sein?

Ich will nicht so weit gehen, Regel- und Gesetzesverstöße

zu propagieren, aber ich

wäre mit Sicherheit heute nicht da, wo ich

bin, wenn ich nicht bereit gewesen wäre,

Risiken einzugehen. Wenn mir jemand

sagt, das geht nicht oder so geht’s nicht,

dann werde ich alles daransetzen, diese

Meinung zu widerlegen. Schließlich basiert

meine Geschäftsphilosophie schon

lange auf dem Motto: „Ist doch ganz egal,

tun wir’s einfach!“

Wo würden Sie persönlich die Grenze

ziehen?

Ein Unternehmen zu gründen ist eine große

Herausforderung, das testet die eigenen

Grenzen. Aber ich bin fest davon überzeugt,

dass man sich selbst keine Einschränkungen

auferlegen sollte. Denn

man lernt ja schließlich aus den eigenen

Fehlern. Ich war früher viel naiver als heute,

habe aber daraus Lehren gezogen. So

habe ich mir geschworen, dass ich niemals

etwas tun würde, was mich ins Gefängnis

bringen könnte. Ich würde heutzutage

auch kein Geschäft abschließen, das mir

oder meiner Familie Peinlichkeiten bereiten

könnte.

n

yvonne.esterhazy@wiwo.de | London

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 63

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Technik&Wissen

Geliebte Fessel

ESSAY | Stiehlt technischer Fortschritt den Menschen mehr Freiheit,

als er ihnen schenkt? Wie die persönliche Bilanz ausfällt, hängt davon ab, wie wir mit

der Technik umgehen, meint WirtschaftsWoche-Autor Christian Deysson.

Eine einzige Frage reichte, um den konservativen Präsidentschaftskandidaten

Mitt Romney im amerikanischen

Wahlkampf 2012 als Lachnummer abzustempeln.

„Warum kann man im Passagierflugzeug eigentlich kein

Fenster öffnen, um schnell mal frischen Sauerstoff in die

Kabine zu lassen?“, sagte der Obama-Herausforderer zu Reportern

der „Los Angeles Times“. Kurz zuvor war ein Privatjet mit seiner

Frau Ann wegen Rauchentwicklung in der Kabine in Denver notgelandet.

Dass die Bullaugen in Verkehrsflugzeugen nicht zu öffnen

seien, empfand der Technikkritiker aus Massachusetts anscheinend

als eine krasse Art von Freiheitsberaubung.

Obwohl Romney seine Frage als Scherz gemeint hatte, ergoss

sich Stunden später der Spott der Nation in Kommentaren, Blogs

und Tweets über den konservativen

Politiker. Hahaha..., in

der Stratosphäre ein Fenster

aufmachen! Ganz Amerika kicherte

über „Mister Oxygen“,

den Mann, der Boeing-Jets angeblich

mit Fensterkurbeln

nachrüsten wollte.

Dabei war Romneys Fragestellung

längst nicht so dämlich,

wie sie sich zunächst liest. Im Grunde war der Politiker (wohl

eher versehentlich) auf ein fundamentales Dilemma der Technikphilosophie

gestoßen: Innovation gibt es nicht umsonst. Der erste

Lehrsatz der Technikfolgenabschätzung nämlich lautet, dass jede

neue technische Errungenschaft neben Fortschritten zwangsläufig

auch Einschränkungen mit sich bringt.

WAS LOHNT ES SICH ZU OPFERN?

Die Währung, in der die Anwender den Preis für technologische

Verbesserungen am häufigsten bezahlen, heißt Freiheit: Für jede

zusätzliche Annehmlichkeit, die uns die Technik beschert, wird ein

Stückchen individuelle oder gesellschaftliche Freiheit fällig. Überspitzt

ausgedrückt: Technischer Fortschritt und individuelle Unabhängigkeit

verhalten sich umgekehrt proportional. Wer mehr

von Ersterem will, muss ein Stück von Letzterer opfern.

Bei jeder neuen Technologie stellt sich denn auch wieder die

Frage, ob der Gewinn, den sie verspricht, ihre potenziell negativen

Jede neue technische

Annehmlichkeit kostet uns

ein Stückchen Freiheit

Folgen aufzuwiegen vermag. Ob es sich lohnt, auf einer Ebene ein

Stück Freiheit zu opfern, um auf einer anderen ein größeres Stück

davon zu erlangen? Für das Privileg, in wenigen Stunden mit Mach

0,8 ganze Kontinente und Ozeane zu überfliegen, opfern die meisten

Menschen jedenfalls gern die Freiheit, die Nase dabei in den

Wind zu halten.

HEIMLICHER PREIS DES FORTSCHRITTS

Wie ein roter Faden zieht sich der subtile, aber strikte Antagonismus

von Technik und Freiheit durch alle Techniksparten. Nehmen

wir zum Beispiel die Energietechnik. Wie stählerne Nabelschnüre

durchziehen Öl- und Gaspipelines Kontinente und Meere. Sie

versorgen ganze Volkswirtschaften mit den fossilen Brennstoffen,

ohne die in der industrialisierten

Welt nichts mehr geht. Der

Preis für den technischen Komfort,

an einem eisigen Wintermorgen

den Regler am Thermostat

mal eben um ein paar

Grad höher drehen oder in der

Hundehitze des Sommers die

Klimaanlage einschalten zu

können, ist die kollektive energetische

Abhängigkeit von den produzierenden Ländern.

Abhängigkeit aber ist nur ein hübscheres Wort für Unfreiheit.

Doch wer will schon zur großen Freiheit der ums Lagerfeuer kauernden

Neandertaler zurückkehren?

Ein ähnlicher Dualismus von Technik und Unfreiheit herrscht in

der einst autarken Landwirtschaft: Längst vorbei sind die Zeiten, in

denen der Bauer als sein eigener Herr über Feld und Hof schritt.

Computerisierte Agrartechnik, patentierte schädlingsresistente

Pflanzen, GPS-gesteuertes Precision Farming, Ernteroboter und

stetig steigende Ernteerträge stehen auf der Sonnenseite der agrartechnischen

Innovation – aber hohe Schuldenlast und finanzielle

Abhängigkeit von Herstellern des patentierten Saatgutes auf ihrer

Schattenseite. Auch die Landwirte zahlen also –aus freiem Entschluss

und nüchternem Kalkül – den Preis für den technischen

Fortschritt mit einem Stück individueller Freiheit.

Selbst in der Medizin gibt es den Fortschritt nicht umsonst:

Noch nie seit Hippokrates hatten die Ärzte im Kampf gegen

»

ILLUSTRATION: CHRISTOPH NIEMANN

64 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 65

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Technik&Wissen

»

Krankheit und Sterblichkeit

ein so raffiniertes technisches

Arsenal zur Hand wie heute.

Dank neuer medizin- und pharmatechnischer

Entwicklungen

springen immer mehr Patienten

dem Tod von der Schippe,

nimmt die durchschnittliche

Lebenserwartung in industrialisierten

Ländern seit Jahrzehnten

kontinuierlich zu.

Doch der perfide Nebeneffekt

der technischen Innovation ist,

dass viele Krankenhäuser unter

der Investitionslast der neuen

Technik kollabieren und dass

medizinische Intensivpflege

fast unbezahlbar wird. Schlimmer

noch: Vor lauter Fortschritt

sind immer mehr schwerstkranke

Menschen gegen ihren

Willen in ihrem siechen Körper

gefangen: vernabelt und verkabelt

mit Maschinen, Monitoren

und Computern, die sie künstlich

am Leben halten.

Die letzte Freiheit im Leben –

in Ruhe sterben zu dürfen –

muss sich der Patient heute im

Voraus per Verfügung verbriefen

lassen. Sonst wird auch sie

ihm durch eine perfekt empathiefreie

lebensverlängernde

Medizin geraubt.

Doch nirgendwo tritt das

Freiheits-Paradox so krass zutage

wie in der Informations- und Kommunikationstechnik, die heute

vom Lebensnotwendigen bis zum Überflüssigen, vom Banalen

bis zum Metaphysischen sämtliche Lebensbereiche durchdringt

und unsere Freiheiten dabei auf vielfältige und verzwickte Weise

beschneiden kann. Ohne die etablierte Informationsinfrastruktur

wären Gesellschaften lahmgelegt, könnten Regierungen, Volkswirtschaften,

Verkehrssysteme, Bildungseinrichtungen oder Armeen

nur noch rudimentär funktionieren, wäre Zivilisation, wie

wir sie kennen, nicht mehr möglich.

DAS LEBEN, EINGESÜLZT IN BITS UND BYTES

Längst ist die Abhängigkeit von Computern, Servern, Datenbanken

und Kommunikation so unausweichlich geworden, dass das

öffentliche wie auch das private Leben regelrecht in Bits und Bytes

eingesülzt ist. Es gibt kein Zurück in den analogen Lebensmodus.

Eine Welt ohne Informationstechnik ist heute so schwer vorstellbar

geworden wie eine ohne Energie-Ressourcen.

Doch welcher Preis wird dann für so viel Abhängigkeit fällig?

Eine klare Antwort kam im letzten Sommer aus Washington. Zug

um Zug machten immer neue Enthüllungen und Schockmeldungen

über die weltweite heimliche Datenüberwachung durch die

amerikanische National Security Agency (NSA) deutlich, dass die

Vertraulichkeit und Sicherheit der Daten im Netz ungeachtet von

Passwörtern und vermeintlich sicherer Verschlüsselung nichts als

Bis zum NSA-Skandal wurde

dem Internet wie einer

Ersatzreligion gehuldigt

eine fromme Illusion ist. Die

persönlichen Informationen,

die wir in die viel gepriesene

und ach so praktische Daten-

Cloud auslagern, könnten wir

geradeso gut gleich zu den

NSA-Servern hochladen.

Dass die amerikanischen

und britischen (in geringerem

Umfang auch andere europäische)

Geheimdienste, angeblich

immer im Kampf gegen

Terrorismus und Drogenkriminalität,

jahrelang systematisch

die Daten privater Nutzer ausschnüffelten.

Dass sie abermillionenfach

E-Mails ausspähten,

sich zehntausendfach Zugang

zu Servern großer Datencloud-

Betreiber von Apple über Microsoft

bis Google verschafften,

Konten bei sozialen Netzwerken

wie Facebook und Twitter

durchleuchteten und die Telefone

bis hin zu dem der Bundeskanzlerin

abhorchten.

All das wirkte auf das allgemeine

Vertrauen in die Integrität

des Netzes und die Freiheit

der Datenkommunikation wie

ein digitaler Tsunami. Der NSA-

Skandal ist das Fukushima des

Internets. Die öffentliche Meinung

über das Internet ist nun

auf Jahre hinaus kontaminiert

von einem an Paranoia grenzenden

Misstrauen gegen jede Form von Datenspeicherung.

Für Deutschland, wo immer schon eine leicht neurotische,

von den Amerikanern milde belächelte Angst vor Datenmissbrauch

herrschte, gilt das besonders. Das Letzte, was die Menschen

– dank NSA –heute mit dem Internet assoziieren, ist der

Begriff der Freiheit. Im Übereifer der Terrorismusbekämpfung

tappte das Weiße Haus also in eine alte Denkfalle und verwechselte

Freiheit mit Sicherheit. Dabei hatte doch Benjamin Franklin,

einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten, seinen Landsleuten

schon vor mehr als 200 Jahren ins Stammbuch geschrieben:

„Diejenigen, die die Freiheit zugunsten der Sicherheit preisgeben,

werden am Ende keines von beidem haben–und sie verdienen es

auch nicht.“

Gleichwohl könnte der NSA-Skandal, ungeachtet der politischen

Flurschäden, die er anrichtete, am Ende paradoxerweise

vielleicht sogar auch etwas Positives bewirkt haben: Der naiven

Blauäugigkeit, mit der das Internet seit dem „arabischen Frühling“

weltweit als demokratisches Befreiungsinstrument gefeiert und

geradezu als Ersatzreligion glorifiziert wurde, setzte der NSA-

Schock einen unerhört wirksamen Dämpfer auf.

Kurz vor dem Ausbruch des Sturms um die NSA hatte der französische

Anthropologe und Medienforscher Philippe Breton von

der Universität Straßburg gerade wieder einmal vor dem Trugschluss

gewarnt, aus dem Internet simple digitale Patentlösungen

ILLUSTRATIONEN: CHRISTOPH NIEMANN

66 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


für jedes denkbare gesellschaftliche

Problem herauslesen zu

wollen. „Der Internet-Zentrismus

hat allmählich Züge einer

Heilslehre angenommen“, kritisierte

der Medienwissenschaftler

und forderte die „Säkularisierung

der Kommunikation“.

Mehr als alle anderen Informationsbereiche

dürfte die mobile

Kommunikation in den vergangenen

Jahren zur Internet-

Abhängigkeit beigetragen haben.

Noch nie in der Geschichte

waren wir als Individuen so eng,

so höchstpersönlich an eine

einzige Technologie gekettet.

Seit Informations- und Kommunikationstechnik

zum mobilen

Netz verschmolzen sind, begleitet

uns das mobile Internet

in Form von Smartphones, Tablets

und Notebooks auf Schritt

und Tritt. Es lässt uns sogar

dann nicht mehr los, wenn wir

es getrost für ein paar Stunden

vergessen sollten.

Mit exponentiellen Wachstumsraten

verbreiten sich die

Smartphones zurzeit auf der

ganzen Welt. Nach jüngsten

Prognosen hat die Invasion sogar

gerade erst richtig begonnen:

Rund 1,9 Milliarden

Smartphones sind derzeit global

in den Mobilfunknetzen angemeldet.

5,6 Milliarden, also fast dreimal so viele, könnten es

nach Schätzung des Mobilfunkausrüsters Ericsson in fünf Jahren

schon sein. Der mobile Datenverkehr soll sich im selben Zeitraum

sogar verzehnfachen.

Die Gründe für den Smartphone-Boom kann jeder Benutzer aus

eigener Erfahrung nachvollziehen: Die Kombination von jederzeit

und (fast) überall bequem verfügbarem mobilem Datenzugang einerseits

und dem handschmeichlerischen Alleskönner in der Tasche

andererseits ist einfach unwiderstehlich: immer dabei, jederzeit

griffbereit, stets schlau und auskunftsfreudig... ein smarter

kleiner Helfer, auf den immer Verlass ist, dem man sich willig anvertraut

und den man partout nicht mehr missen mag.

VON KOMFORT ZU HÖRIGKEIT

Auf dem Nachhauseweg in der S-Bahn noch schnell online einkaufen?

In der fremden Großstadt mühelos zur Adresse des nächsten

Termins navigieren oder im Urlaub ein paar Schnappschüsse

von der Skipiste für die Daheimgebliebenen ins Facebook stellen?

Bei Gesprächen unter Freunden mal eben ein schlagendes Argument

für die Diskussion googeln? Alles kein Problem.

So viel Komfort schafft feste Bindungen, um nicht zu sagen Hörigkeit.

Aber noch nie haben die Menschen den Gang in die Abhängigkeit

so beschwingt und lustvoll angetreten wie jetzt mit dem

Smartphone in der Tasche. Die liebsten und stabilsten Fesseln sind

Noch nie waren wir persönlich

so sehr an eine einzige

Technologie gekettet

schließlich die, die man sich selber

anlegt. Und die dauerhafteste

Unfreiheit ist die, in die sich

der Mensch aus freien Stücken

begibt: ständige Verfügbarkeit

per Whatsapp, E-Mail und SMS;

fortgesetzte Status-Updates per

Facebook, Twitter, Foursquare;

visuelle Kommunikation in

Echtzeit per Instagram, Skype

und Chat-Diensten.

Wer sich dann den Luxus herausnimmt,

einfach einmal abzuschalten,

um ein paar Stunden

lang „incommunicado“ zu

sein, lebt nicht nur mit dem geheimen

Unbehagen, etwas verpassen

zu können. Offline zu

gehen, erzeugt heute geradezu

Schuldgefühle. War das Crackberry-Syndrom

– die Sucht

nach ständiger Erreichbarkeit –

einst eine typische Managerkrankheit,

so ist digitales Junkietum

heute eher Volkskrankheit

geworden. Bezeichnend ist

eine Forsa-Umfrage unter jugendlichen

Handybenutzern,

die ergab, dass eine deutliche

Mehrheit der Befragten lieber

auf Sex als aufs Smartphone

verzichten würden.

Vielleicht wäre das ja anders,

wenn sich auch das Liebesleben

in Bits und Bytes quantifizieren

ließe. Denn kaum etwas

liegt bei der Generation Smartphone so sehr im Trend wie das

Phänomen des quantifizierten Selbst. Sichtbarer Ausdruck für diese

digital gestützte Form des Körperkults ist das lustvolle Sammeln,

Protokollieren und Veröffentlichen eigener Körperdaten.

TREND ZUR SELBSTVERMESSUNG

Vom Essen übers Laufen, Radfahren und Fitness-Workout bis

hin zu den Schlafstunden lässt sich heute alles in Kilokalorien

und Kilojoule, Stunden und Minuten, Kilometer und Höhenmeter

registrieren, in Food- und Fitness-Datenbanken eingeben,

in sozialen Netzwerken teilen. Ganz zu schweigen von den Zeitgenossen,

die heute fast schon zwanghaft alles, was auf ihrem

Teller liegt, fotografieren und ins Netz stellen, ehe sie es essen.

Und weil, was hip ist, einen Namen braucht, heißt dieser Trend

„Food-Porn“.

Ein rapide wachsender Markt von „Wearable Technology“, also

mobilen Sensoren wie digitalen Schrittzählern, Fitness-Armbändern,

Puls- und Blutdruckmessern hilft Joggern, Marathonläufern,

Radfahrern, Wanderern und fitnessbewussten Senioren, ihre Aktivitäten

auf den Schritt genau zu erfassen, in verbrauchte Kalorien

umzurechnen und die Ergebnisse per Smartphone direkt in die

Cloud und in diverse soziale Netzwerke hochzuladen.

Was dem Häftling beim Freigang die elektronische Fußfessel, das

ist dem Sportbegeisterten der Fitness-Tracker am Handgelenk.

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 67

»

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Technik&Wissen

»

Wirklich frei kann und sollte

man sich dabei nicht mehr fühlen.

Das Ganze schaukelt sich in

sozialen Netzen schließlich zu

einem exhibitionistisch angehauchten

Gruppenerlebnis

hoch. Dabei lassen sich die Cybersportler

schon während ihres

Workouts „real time“ von einem

virtuellen Publikum anfeuern,

und die Diät-Jünger beglückwünschen

sich online gegenseitig

zu den jüngsten Enthaltsamkeitsrekorden.

Zugleich wächst der selbsterzeugte

Druck. Bei Twitter sind

schon vor dem Frühstück öffentliche

Selbstanklagen wie

diese zu lesen: „immer diese

morgenläufer in meiner timeline.

das schlechte gewissen ist

schon zum riesen gewachsen“.

Durchaus denkbar, dass

eines Tages nicht mehr das

eigene schlechte Gewissen,

sondern die Krankenkasse den

Morgenlauf per Smartphone

anmahnt. Warum auch nicht?

Möglicherweise ist es nur eine

Frage der Zeit, wann die Krankenkassen

–natürlich im Einverständnis

mit ihren Versicherten

– auf deren Fitness-Daten in

der Cloud zugreifen, um günstigere

Tarife für gesundheitsbewusste

Kunden zu kalkulieren.

Geradeso, wie es die ersten Autoversicherungen jetzt mit

vergünstigten Telemetrie-Policen für disziplinierte Autofahrer

testen, die bereit sind, ihr Fahrverhalten durch einen elektronischen

Sensor im Auto kontrollieren zu lassen.

Vor dem Frühstück füllt sich

die Timeline mit Selbstanklagen

der Cybersportler

ERSETZT GOOGLE DAS EIGENE DENKEN?

Spätestens an dieser Stelle dürfte klar werden, dass die Technik

nicht nur die Welt, sondern auch uns Menschen verändert–unsere

Denkstrukturen, unsere Wertvorstellungen, unser Kommunikationsverhalten,

unsere Empfindungen.

Internet-Skeptiker wie der amerikanische Autor Nicholas Carr

(„Wer bin ich, wenn ich online bin ... und was macht mein Gehirn

solange?“) argwöhnen, dass das Netz die Menschen zur Denkfaulheit

erzieht, sie der Konzentrationsfähigkeit beraubt und ihnen

letztlich die Mutter aller Freiheiten – die des autonomen Denkens

– nehmen könnte. „Ich stelle fest, wie sich meine eigenen Denkgewohnheiten

dramatisch gewandelt haben, seit ich mich vor 15 Jahren

zum ersten Mal ins Web einwählte“, schreibt Carr, „und ich

mag nicht, was der Computer mit mir anstellt.“ Derselbe Autor

räumt freilich auch ein, dass die Menschen „dankbar sein sollten

für die Reichtümer an Information, die das Netz bietet“.

So what? Sind wir jetzt etwa im Begriff, Denkfreiheit gegen Informationsfülle

einzutauschen? Ist das grenzenlose Vertrauen auf

Googles Suchfilter-Algorithmen gar der Beginn des digitalen Idiotentums?

Werden wir, wie der

weißrussische Netz-Verteufler

Evgeny Morozov in seinem Erfolgsbuch

„Smarte neue Welt –

Digitale Technik und die Freiheit

des Menschen“ prophezeit,

am Ende „smarte Geräte, aber

dumme Menschen“ haben?

Letztlich sind solche zutiefst

pessimistischen Visionen Ausdruck

eines archaischen, nur

tiefenpsychologisch erklärbaren

Technik-Unbehagens, das

sich bis zum griechischen Philosophen

Sokrates zurückverfolgen

lässt. Sokrates hatte eine

ausgeprägte Abneigung gegenüber

der Schrift, die als Technologie

damals fast so umwälzend

war wie heute das Internet.

Der Philosoph schwor auf

mündliche Kommunikation

und lehnte es strikt ab, seine

Lehre schriftlich festzuhalten,

weil er in der Schrift eine Gefahr

fürs freie Denken und eine Korrumpierung

der Philosophie

sah. Zum Glück brachen seine

Schüler die Regel des Meisters,

denn sonst wüsste heute ironischerweise

kein Mensch mehr

etwas über den Vater der

abendländischen Philosophie.

Technischer Fortschritt und

Freiheit lassen sich also beileibe

nicht so einfach saldieren, wie

die Netzkritiker uns vorrechnen wollen. Was die Informationstechnik

mit der Freiheit anstellt? Ob und in welchem Umfang die

an die Technik verlorenen Freiräume tatsächlich durch neue Freiheiten

auf anderer Ebene kompensiert werden, liegt also letztlich

im Auge des Betrachters.

Was Kulturpessimisten, Nostalgiker und Technophobe in grober

Unterschätzung des menschlichen Gehirns, seiner Anpassungsfähigkeit

und seiner Emergenz als digitale Selbstversklavung verteufeln,

ist für überzeugte Netzwerker eine technikgestützte Form der

Emanzipation, eben Freiheit auf einer neuen, anderen Ebene.

Anstatt auf die Technik zu starren, wie das Kaninchen auf die

Schlange, und vor vermeintlichen Freiheitsberaubungen durch

die Technik zu bibbern, sollten wir auf die Emergenz des menschlichen

Gehirns und auf die Anpassungsfähigkeit des Denkens vertrauen

und lernen, mit den neuen Freiheiten, die die Technik gewährt,

richtig umzugehen, sie gewinnbringend zu nutzen.

Die beste Methode für uns Menschen, das autonome Denken

ungeachtet der digitalen Helfer nicht zu verlernen, ist, es systematisch

und kontinuierlich zu praktizieren, also den Komfort des mechanischen

Denkens nicht überhand nehmen zu lassen, das Denken

nicht den Maschinen zu überlassen.

Die Freiheit – vor allem die des Denkens – ist ein Muskel. Man

muss ihn trainieren, damit er funktioniert.

n

technik@wiwo.de

ILLUSTRATION: CHRISTOPH NIEMANN

68 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Wunschzettel

Liebe Bundesregierung...

Der Versicherungschef sorgt sich um die schnelle Alterung der Bevölkerung, der Autoboss um die

Energiekosten und den Erhalt der Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts, der IT-Experte um die

Sicherheit der Daten. Was sich Top-Manager im neuen Jahr von der großen Koalition wünschen.

Dietmar Meister

Vorstandschef

der Generali

Deutschland

Versicherungsholding

FOTOS: IMAGO, DDP IMAGES, ANGELIKA ZINZOW FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PR (2)

70 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Norbert

Reithofer

Vorstandschef

der BMW Group

„Ich wünsche mir, dass die Politik bei ihren

Entscheidungen die Wettbewerbsfähigkeit des

Standorts Deutschlands im Auge behält.

Dies gilt insbesondere für Themen wie Flexibilität

am Arbeitsmarkt und bezahlbare Energie.“

Martina

Koederitz

Chefin von IBM

Deutschland

„Ich wünsche der neuen Bundesregierung

im Sinne Deutschlands und Europas eine

glückliche Hand für ihre Arbeit in den

kommenden Jahren. Die Lufthansa-

Gruppe wird ihren wichtigen Beitrag für

Arbeitsplätze und die Anbindung der

deutschen Wirtschaft an die internationalen

Märkte leisten. In diesem Sinne

hoffen wir aber auch, dass die Koalitionsvereinbarung,

die die Stärkung der

Wettbewerbsfähigkeit des

deutschen Luftverkehrs

zum Ziel hat, im Hinblick

auf faire globale Wettbewerbsbedingungen

verwirklicht wird.“

Christoph Franz

Vorstandschef

der Deutschen

Lufthansa

Norbert

Winkeljohann

Vorstandssprecher

PricewaterhouseCoopers

» Weitere Wünsche finden Sie auf den Seiten 24/25 und 104/105

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 71

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Management&Erfolg

Packen wir’s an

ZIELE | Haben Sie zum Jahreswechsel neue Vorsätze gefasst?

Und gleichzeitig festgestellt, dass Sie viele alte gebrochen haben? Das muss nicht sein.

So schaffen Sie 2014, was Sie sich vornehmen.

Herbert Hainer vergleicht das

Leben eines Managers gern

mit dem eines Athleten: Beide,

sagt der Adidas-Chef, benötigten

Talent, Leidenschaft

und Ehrgeiz. Die wichtigste Parallele zwischen

Spitzensport und Management:

Führungskraft wie Hochleistungssportler

bräuchten vor allem eines – klare Ziele.

Und weil Adidas 2013 nicht alles erreicht

habe, was sich das Unternehmen vorgenommen

habe, sei sein Ziel als CEO von

Deutschlands größtem Sportartikelhersteller

klar: „Wir müssen uns 2014 noch mehr

anstrengen.“

Ein nachvollziehbares Gefühl. Wer blickt

zum Jahresende nicht zurück und hält zwischen

Weihnachtsbraten und Silvesterfeuerwerk

inne. Denkt darüber nach, was in

den zurückliegenden zwölf Monaten gut

gelaufen ist und was schlecht. Überlegt,

welche Fehler er gemacht, welche Chancen

er verpasst hat.

Viele stellen in diesen Tagen nicht nur

ihre mentale Uhr auf null, sie blicken auch

auf die kommenden Monate und fassen

konkrete Vorsätze fürs neue Jahr, privat wie

beruflich. Die einen wollen, wieder mal,

den Zigaretten abschwören, mehr Sport

machen, weniger Alkohol trinken oder sich

gesünder ernähren. Andere wollen auf der

Karriereleiter nach oben klettern, neue

Kunden gewinnen, Projekte anstoßen oder

einfach mehr Geld verdienen.

Denn diese Ziele sollen unser Verhalten

positiv beeinflussen. Uns dabei unterstützen,

pragmatisch zu handeln, diszipliniert

zu bleiben und konzentriert zu arbeiten.

Im Privatleben ebenso wie im Job. Das bestätigt

auch eine Studie der Unternehmensberatung

Accenture aus dem Jahr

2011, die 3400 Personen weltweit nach ihren

wichtigsten beruflichen Plänen und

Wünschen befragte. Die meisten wollten

sich Wissen und Können aneignen, ihre

Karriere planen oder flexibel arbeiten.

Doch etwas zu wollen ist das eine. Es zu

tun und die Pläne gegen Widerstände –

nicht zuletzt gegen eigene psychologische

Blockaden – durchzusetzen das andere.

Das Bauchgefühl belegt auch ein Blick auf

die Statistik: etwa eine Untersuchung des

britischen Psychologen Richard Wiseman,

37 Prozent

der Deutschen möchten

mehr verdienen

26 Prozent

der Bundesbürger

wollen ihre Arbeit

lockerer sehen

17Prozent

der Deutschen wollen

mehr Wertschätzung für

ihre Arbeit bekommen

Quelle: Manpower

der vor einigen Jahren mehr als 3000 Briten

zu diesem Thema befragt und begleitet hat.

52 Prozent der von Wiseman beobachteten

Personen glaubten, dass sie ihre Pläne einhalten

würden. Die ernüchternde Bilanz

nach einem Jahr: Gerade einmal zwölf Prozent

der Probanden hatten geschafft, was

sie sich fürs abgelaufene Jahr vorgenommen

hatten. Auch in Deutschland ist es mit

der Disziplin in Sachen Vorsätze nicht weit

her: Nur etwa jeder Fünfte schafft es, sich

an seine Vorsätze zu halten – und selbst das

nur zwei bis drei Monate.

Schon seltsam. Menschen haben heute

mehr Freiheit denn je. Sie können das Studienfach

ebenso frei wählen wie den Beruf.

Dennoch scheitern viele dabei, ihre Ziele

zu erreichen. Trotzdem – oder gerade deswegen?

Was also kann jeder Einzelne dafür

tun, seine Vorsätze in die Tat umzusetzen?

Und wie gelingt es Führungskräften, im

Unternehmen eine Kultur zu schaffen, die

Mitarbeitern hilft, ihre Ziele zu erreichen?

DREI ESSENZIELLE FRAGEN

„Wollen allein genügt nicht“, sagt Hugo

Kehr, Psychologieprofessor und Motivationsforscher

an der Technischen Universität

München. Er rät Managern, Angestellten

regelmäßig drei Fragen zu stellen: Erledigen

Sie Ihre Aufgaben wirklich gerne?

Wie wichtig sind sie Ihnen? Und haben Sie

die notwendigen Fähigkeiten?

„Wer diese Fragen mit seinen Mitarbeitern

diskutiert, nimmt ihnen Angst“, sagt

Kehr. Außerdem lernten Chefs ihre Angestellten

dadurch besser kennen. Vor allem

aber fördern sie deren Motivation.

Warum das hilft? Weil der Mensch von

Natur aus zu Disziplinlosigkeit neigt. Und

ILLUSTRATION: DANIEL STOLLE

72 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


weil er die Mühe für eine Aufgabe gerne

unterschätzt. Hinzu kommt:Im modernen

Berufsalltag fällt es schwer, Pläne einzuhalten.

Die Arbeitswelt steht guten Vorsätzen

im Weg. Besprechungen und Fristen hier,

Termine und E-Mails dort–alle sind ständig

unter Strom, werden abgelenkt und

verzetteln sich.

Thomas Fischer ist sich dieser Gefahr bewusst.

Der 37-jährige Vorstand und Partner

der Düsseldorfer Unternehmensberatung

Avantum Consult pendelt ständig zwischen

internen Besprechungen und externen

Kundenterminen. Außerdem besucht er regelmäßig

die Standorte in München, Hamburg

und Zürich. Kein Tag ist wie der andere.

Deshalb nimmt er sich jeden Freitagabend

eine halbe Stunde Zeit, bevor er nach

Hause fährt, und reflektiert die vergangene

Woche. Außerdem notiert er sich die wichtigsten

Pläne für die folgende Woche – und

was er am kommenden Montag gleich als

Erstes angeht. „So verliere ich meine Ziele

nicht aus den Augen“, sagt Fischer.

Doch die eigenen Ziele einfach nur

aufzuschreiben genügt nicht. Sonst besteht

die Gefahr, dass keiner der Punkte abgearbeitet

wird. Denn Forscher wissen: Je

mehr Ziele, desto geringer ist die Motivation,

sie tatsächlich zu erledigen. Nach Ansicht

des renommierten Motivationspsychologen

Peter Gollwitzer von der Universität

Konstanz erreichen Menschen eher,

was sie sich vorgenommen haben, wenn

sie sich vorher überlegen, wie sie es schaffen

wollen.

Zu diesem Fazit kam im Jahr 2012 auch

die Psychologin Amy Dalton von der Hongkong-Universität

für Wissenschaft und

»

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 73

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Management&Erfolg

»

Technologie. In mehreren Experimenten

setzten sich Hunderte von Teilnehmern

verschiedene Ziele. Mal wollten sie

gesünder essen, mal ordentlicher sein, mal

verschiedene Aufgaben im Labor lösen.

IN KLEINE SCHRITTE ZERLEGEN

Und dabei zeigte sich: Die Umsetzungsabsichten

waren zwar durchaus hilfreich –

aber lediglich dann, wenn die Probanden

nur ein Ziel im Kopf hatten. Sollten sie

mehrere Vorhaben gleichzeitig erledigen,

waren die konkreten Absichten sogar kontraproduktiv.

Die Freiwilligen empfanden

die Ziele als schwieriger, erreichten sie seltener

und hatten auch weniger Spaß daran.

Vermutlich deshalb, weil den Teilnehmern

durch die konkreten Pläne erst bewusst

wurde, wie viel noch zu tun blieb.

Umso wichtiger ist es, seine Ziele in kleine

Schritte zu zerlegen – darauf setzt etwa

Achim Berg. Der 49-Jährige, von 2007 bis

2010 Deutschland-Chef des Softwarekonzerns

Microsoft und heute CEO des Dienstleistungskonzerns

Arvato in Gütersloh, notierte

sich vor seinem Amtsantritt in Ostwestfalen

seine Ziele im neuen Job: die ersten

100 Tage zuhören; Standorte besuchen;

mit Kunden, Führungskräften und Mitarbeitern

diskutieren.

„Ich finde es überaus motivierend, Ziele

zu setzen und konzentriert daran zu arbeiten“,

sagt Berg. „Das funktioniert allerdings

nur, wenn man sich lediglich wenige und

vor allem realistische Ziele setzt.“

Teresa Amabile kann das bestätigen. Für

ihre Studien ließ die Harvard-Professorin

in den vergangenen Jahren Tausende einfacher

Angestellte Tagebuch über ihren Arbeitsalltag

führen. Außerdem befragte

Amabile Hunderte von Führungskräften.

Sie wollte herausfinden, welche Faktoren

das Arbeitsleben angenehm gestalteten.

Das Ergebnis: Am wichtigsten war den

Teilnehmern, im Job sichtbare Fortschritte

zu erzielen. Wohlgemerkt: Dafür waren gar

nicht unbedingt große Meilensteine notwendig,

auch Kleinigkeiten stimmten die

Menschen zufrieden. Hauptsache, sie kamen

überhaupt voran. Amabile nennt das

„die Macht der kleinen Siege“.

Dieses Gefühl kennt auch Lilian Kura

gut. Die 39-Jährige arbeitet seit knapp 15

Jahren als freiberufliche Werbetexterin,

Lektorin und Übersetzerin von Jugend-

Sachbüchern. Außerdem twittert sie ausgiebig.

Inzwischen folgen ihr bei dem

Kurznachrichtendienst knapp 6500 Nutzer.

Um sich nicht allzu sehr ablenken zu

lassen, hat sie sich einige Tricks überlegt.

Große Ziele in kleine Schritte zu zerlegen

erhöht die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg

Ihre Bürotage beginnt Kura stets gleich:

Zunächst hält sie ihren Tagesplan – unbedingt

handschriftlich – in einer To-do-Liste

fest, wobei sie besonders wichtige Aufgaben

bunt hervorhebt. Zwischen den

Hauptaufgaben notiert sie selbst vermeintliche

Kleinigkeiten wie „Müll rausbringen“

oder „Unterlagen zur Krankenkasse

schicken“. Der Grund: „Ist ein kleines

Zielerreicht, streiche ich es energisch

durch“, sagt Kura, „und das gibt dann den

richtigen Kick, sofort ein größeres Projekt

anzupacken.“

Hat sie wirklich große Aufgaben vor sich

– muss etwa ein längerer Text fertig werden

–, erzählt sie Freunden und Kollegen davon.

Und bittet diese darum, sie regelmäßig

nach dem Stand der Dinge zu befragen

– eine Art ausgelagerter Selbstkontrolle.

Und wenn wirklich mal höchste Konzentration

angesagt ist, nutzt Kura den

„OmmWriter“ – eine Schreib-Software, die

sämtliche Hintergrundprogramme und

Benachrichtigungen ausblendet. So kann

sie sich voll auf das Schreiben ihres Textes

fokussieren.

„Das ist manchmal beinahe Folter“, sagt

Kura, „aber wenn man so ein sprunghafter

Arbeitstyp ist wie ich und ohne strengen

Chef dasteht, muss man sich eben irgendwie

selbst disziplinieren.“

Doch häufig ist der Chef selbst einer der

Gründe, warum Angestellte ihre Ziele nicht

erreichen. Warum? Im Berufsalltag werden

viele Ziele von oben nach unten delegiert.

Die Unternehmensleitung gibt den Führungskräften

Zahlen vor. Und diese reichen

die Auflagen umgehend an die einfachen

Angestellten weiter. Für die Motivation ist

das heikel. Denn Menschen fällt es per se

schwer, fremde Ziele zu akzeptieren. Umso

wichtiger ist es, dass die Angestellten zumindest

wissen, warum sie etwas tun.

INTENSIVER INVOLVIEREN

Davon ist auch Caterine Schwierz von der

Personalberatung von Rundstedt überzeugt.

Viele Unternehmen hätten zwar eine

Strategie für ihre eigene Zukunft, „aber

nicht für ihre Mitarbeiter“, sagt Schwierz.

Die einen sprächen zu wenig über ihre Entwicklungswünsche,

die anderen machten

sich darüber zu wenig Gedanken. „Natürlich

ist das ein anstrengender Prozess“, sagt

Schwierz, „doch davon profitieren alle Beteiligten.“

Die Deutsche Bahn hat diesen Prozess

vor einigen Jahren gestartet. Als 2009 der

neue Vorstandsvorsitzende Rüdiger Grube

antrat, war die Stimmung im Konzern

schlecht. Also läutete die Bahn einen Kulturwandel

ein. Die Führungskräfte sollen

Vorbilder sein und den Mitarbeitern nicht

nur erklären, was sie wie erledigen sollen –

sondern vor allem, warum. Ein umfassendes

Feedback für Führungskräfte ist inzwischen

verbindlich. Und bei der Besetzung

von Leitungsfunktionen berücksichtigt das

ILLUSTRATION: DANIEL STOLLE

74 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Unternehmen, wie die Kandidaten ihre

Mitarbeiter führen.

Die letzte Mitarbeiterbefragung zeigte

erste Fortschritte. Unter den Mitarbeitern

herrsche immerhin eine „verhalten positive

Grundstimmung“, sagt Jeroen Hansmann,

Personalmanager der Deutschen

Bahn. „Doch am Wunsch nach mehr Einbindung

müssen wir weiter arbeiten.“

Im eigenen Interesse–denn Mitarbeiter,

die sich nicht ausgegrenzt, sondern mitgenommen

fühlen, sind leistungsfähiger, weniger

frustriert und nicht so leicht gestresst.

Wie groß der Nachholbedarf in diesem

Punkt in deutschen Unternehmen noch ist,

ergab erst vor wenigen Wochen eine Umfrage

des Deutschen Führungskräfteverbands

und der Bertelsmann Stiftung unter knapp

1300 Führungskräften, davon 73 Prozent

aus Konzernen mit mehr als 2000 Beschäftigten.

Das Ergebnis war ernüchternd: 77

Prozent fühlten sich bei der Karriereentwicklung

durch ihr Unternehmen kaum

oder gar nicht unterstützt. Den einen stand

die Bürokratie im Weg, den anderen fehlte

es an Innovationskultur und Vertrauen.

„Unternehmen drohen in eine Motivationsfalle

zu tappen“, sagt Martin Spilker,

Leiter des Kompetenzzentrums Führung

und Unternehmenskultur der Bertelsmann

Stiftung. Führungskräfte seien durch

unzureichende Karrieremöglichkeiten und

mangelnde Wertschätzung enttäuscht.

Viele Manager machten ihren Job zurzeit

eher „mit angezogener Handbremse“.

Wie aber lässt sich diese Motivationsfalle

umgehen? Noch dazu, wenn mehrere Generationen

mit ganz unterschiedlichen

Träumen, Wünschen, Zielen aufeinandertreffen

– also Jüngere auf Weiterbildung,

Bezahlung und berufliche Entwicklung

Wert legen, während für Ältere eher Arbeitsabläufe,

Effizienz und betriebliches

Engagement im Vordergrund stehen, wie

der Psychologe Hannes Zacher von der

Universität Gießen vor einigen Jahren bei

einer Befragung von 150 Erwerbstätigen

mit einem Durchschnittsalter von 44 Jahren

herausfand.

Woher die Unterschiede rühren? Die

amerikanische Psychologin Laura Carstensen

geht davon aus, dass Menschen ihr

Handeln bewusst danach ausrichten, wie

viel Zeit ihnen noch auf Erden bleibt. Diese

Perspektive wirkt sich auch auf den Job aus.

Jüngere wollen vor allem neue Eindrücke

gewinnen, ältere legen Wert auf Sicherheit

und Stabilität.

Darauf hat sich die deutsche Niederlassung

des Elektrotechnikkonzerns ABB

bereits eingestellt. Vor einigen Jahren

beschloss das Unternehmen, sich um alle

Angestellten zu kümmern – und dabei die

Bedürfnisse der verschiedenen Generationen

zu beachten. Im Großen wie im Kleinen.

Schon seit Jahrzehnten gibt es bei

der ABB Aufmerksamkeiten für Firmenjubiläen.

Doch früher erhielt jeder Mitarbeiter

zunächst nach zehn und dann

noch einmal nach 25 Jahren Betriebszugehörigkeit

Geld geschenkt. Inzwischen

gibt es bereits nach fünf Jahren ein Geschenk

– und die Angestellten können

zwischen Geld, Sonderurlaub oder einem

Zuschuss für die betriebliche Altersvorsorge

wählen.

WENIGER IST MEHR

Doch besonders stolz ist ABB-Personalchef

Jan-Christoph Schüler auf spezielle

Workshops, die das Unternehmen seit einigen

Jahren anbietet. Dort sitzen etwa zehn

Mitarbeiter aus einer Generation mit

Coaches zusammen. Und beantworten vor

allem drei Fragen: Wo stehe ich derzeit?

Wo will ich noch hin? Und wie erreiche ich

das? Das Feedback auf die Kurse sei durchweg

positiv, sagt Schüler. Ältere Mitarbeiter

bedanken sich häufig bei ihm dafür, dass

sie sich für eine neue Herausforderung entschieden

haben.

Manchmal ist demnach kein allzu großer

Aufwand notwendig, um seine Ziele zu erreichen.

Weniger ist häufig mehr – das weiß

auch Christoph Vilanek. Der Chef des Mobilfunkanbieters

Freenet blickte kürzlich

ebenfalls zurück auf erfolgreiche Monate.

Die Übernahmen des Apple-Händlers

Gravis und des Mobilfunk-Online-Händlers

Motion TM erwiesen sich als gutes Geschäft,

Umsatz und Gewinn stiegen, die

Zahl der Kunden ebenfalls.

Doch statt sich zurückzulehnen und die

Erfolge zu genießen, formulierte Vilanek

schon die nächsten Ziele: 2014 will Freenet

den Gewinn auf 360 Millionen Euro steigern,

weitere Zukäufe sind denkbar. Sein

Erfolgsrezept? „Ich lasse mich nicht von

Unruhen oder Stimmungen runterziehen“,

sagt Vilanek. „Ich sehe die Dinge meist

positiv.“ Daher verbuche er selbst geringe

Erfolge oder ein noch so kleines positives

Feedback „auf das große Habenkonto

,Zufriedenheit‘“.

Das heißt noch lange nicht, dass jeder

Angestellte immer nur angenehme Dinge

erledigt, sagt Motivationsforscher Hugo

Kehr: „Aber langfristig leistet niemand gute

Arbeit, wenn er sie nicht gerne macht.“ n

daniel.rettig@wiwo.de

TIPPS

Tschakka!

Mit diesen Ratschlägen erreichen

Sie Ihre Ziele einfacher.

ZIELE ZUSPITZEN

Ziele müssen spezifisch, messbar,

realistisch erreichbar sein und einen

konkreten zeitlichen Rahmen

haben. „Ich will konzentrierter arbeiten“

ist zu schwammig formuliert.

Besser: „Ich will nur alle 60 Minuten

E-Mails checken.“

ZEIT NUTZEN

Wenn morgens Ihr Rechner hochfährt,

nutzen Sie die Zeit und notieren die

wichtigsten Pläne des Tages. Dasselbe

können Sie wiederholen, wenn Sie ihn

abends ausschalten.

ERFOLG EINREDEN

Wer sich vorher einredet, dass er ein

Ziel definitiv erreicht, erhöht seine Erfolgschancen.

Denken Sie an frühere

Erfolge. Was ist Ihnen schon einmal gut

gelungen? Wie haben Sie das geschafft?

FRISTEN SETZEN

Setzen Sie sich enge Fristen. Ist eine

Präsentation auf Freitag terminiert,

legen Sie Ihr Ultimatum auf Mittwoch.

Das verhindert Hektik und schafft

Puffer für den Feinschliff.

STOLZ SEIN

Konzentrieren Sie sich darauf, wie stolz

und zufrieden Sie im Erfolgsfall sein

werden. Scham oder Schuld machen

ein schlechtes Gewissen – und lassen

uns gute Vorsätze über Bord werfen.

EHRGEIZ WAGEN

Setzen Sie sich ruhig hohe Ziele – dann

sind Sie hinterher umso glücklicher.

Natürlich riskieren Sie, das Ziel nicht zu

erreichen. Aber auf dem Weg werden

Sie so oder so dazulernen.

ZIEL FOKUSSIEREN

Nehmen Sie sich immer nur eine Sache

vor. Zu viele Ziele verwirren und lassen

die Disziplin sinken. Weiterer Vorteil:

Dann können Sie sich schneller über

einen Erfolg freuen – und der erhält die

Konzentration.

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 75

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Management&Erfolg

UMFRAGE

Nickerchen im Strandkorb

Deutsche Top-Manager verraten, in welchen Momenten ihres Lebens

sie sich besonders frei gefühlt haben.

Peter Bauer | Aufsichtsratschef Osram

»Vieles, was mir meine Disziplin zuvor verboten hatte:

mitten in der Woche auf einen Berg zu gehen oder die

kompletten Sommerferien mit der Familie zu verbringen,

ohne dauernd erreichbar sein zu müssen.«

Thomas Hegel |

CEO LEG Immobilien

»Bei einem Strandspaziergang

an der Nordsee in einem der

letzten Strandkörbe an der Seite meiner Frau

einfach mal so einschlafen zu können.«

Mehr

Lufthansa-Chef

Franz und andere

Top-Manager antworten

in unserer

App-Ausgabe

Klaus Engel |

CEO Evonik

»Als im

Terminkalender

für das neue

Jahr noch kein

einziger Termin

stand.«

Stefan Hartung |

Geschäftsführer

Robert Bosch

»Als ich

das erste Mal

eine Cessna C150

allein gesteuert

habe.«

Stephan Zoll |

Deutschlandchef

Ebay

»Ich war 15 Jahre alt

und saß an einem Mittwochvormittag

im Flieger nach San Francisco. Es war

der Start zu meinem Schuljahr in den

USA – ohne Eltern, in eine aufregende

Stadt.«

Eun-Kyung Park |

Geschäftsführerin Sixx

»Ein spontaner Kanu-Urlaub im kanadischen

Nationalpark fernab der Zivilisation

mit meinem Mann und guten Freunden mitten im Indian

Summer. Paddeln, Zeltauf- und -abbau, Feuerholz

sammeln und eine Begegnung mit einem Braunbären –

glücklicherweise saßen wir gerade im Kanu.«

Rüdiger Grube |

Chef Deutsche Bahn

»Ich musste mir den Zugang zur

Hochschule erst mühsam über

den zweiten Bildungsweg erarbeiten. Als

ich dann 1972 endlich das Studium des

Fahrzeug- und Flugzeugbaus an der FH in

Hamburg aufnehmen konnte, hatte ich das

Gefühl: Jetzt stehen dir alle Türen offen!«

FOTOS: THOMAS DASHUBER, PR (6), MARC DARCHINGER

76 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


SPRENGERS SPITZEN

Freiheit statt Moral-Blähung

Warum die Politik den Unternehmen wieder mehr ökonomischen Spielraum lassen muss.

Und Manager den Eigensinn der Wirtschaft selbstbewusst verteidigen müssen.

FOTO: LITERATURTEST/SABINE FELBER

Mindestlöhne, die die untere

Lohngrenze nicht mehr dem

Spiel von Angebot und

Nachfrage unterwerfen, sondern

dem Gesetzgeber; Frauenquoten,

die Leistung und Erfahrung durch Geschlecht

ersetzen; gedeckelte Managergehälter

und Überlegungen, die maximale

Einkommensspreizung innerhalb

eines Unternehmens gesetzlich festzulegen;

Unternehmen als Schnüffelhunde

der Steuerbehörden; eine Compliance-

Bürokratie, die monströse Formen angenommen

hat und Unternehmenswert

vernichtet; Corporate Social Responsibility,

Corporate Governance, eine Gründungswelle

für Wirtschaftsethik-Lehrstühle,

die den geistigen Überbau staatlich

finanzieren: Immer stärker wird die

Tendenz, die Wirtschaft nicht nach ökonomischen,

sondern politischen Vorstellungen

zu gestalten. Überall droht der gehobene

Zeigefinger, überall soll über der

unsichtbaren Hand des Marktes die

sichtbare Faust des Staates schweben.

Was ermutigt die Politik, so stark in die

grundgesetzlich garantierte Unternehmensfreiheit

einzugreifen? Es sind die

Unternehmen selbst, die in vorauseilendem

Gehorsam so tun, als sei eine Firma

eine wohlfahrtsstaatliche Veranstaltung.

Blättert man durch die Geschäftsberichte,

entsteht der Eindruck, es gehe den

Unternehmen nicht mehr darum, kommerziell

erfolgreich zu sein, sondern das Gemeinwohl zu fördern.

Kein Unternehmen, das nicht meint, irgendwelche Werte über das

wirtschaftliche Überleben stülpen zu müssen. Überall schwappt

die Normativierungssemantik durch Führungs-Leitlinien, Mission-Statements,

Visions und andere säkularisierte Bibeln. Die Melodie

dazu: „Wir sind alle kleine Sünderlein“, Willy Millowitschs

Karnevalsschlager aus den Sechzigerjahren.

Reinhard Sprenger, 60, Ex-Manager bei 3M

und Adecco, zählt zu den renommiertesten

deutschsprachigen Managementautoren.

»Ein Unternehmen ist

sozial, wenn es gute

Produkte und Dienstleistungen

anbietet –

zu Marktpreisen«

REDEN WIE AUF DEM KIRCHENTAG

Gerade Konzerne plakatieren großflächig ihre soziale Rolle und ihren

Nutzen für die Gesellschaft. Nicht wenige Manager erliegen der

Verführung dieser Moral-Blähung. Sie reden mitunter, als hätten sie

sich auf einen Kirchentag verirrt. Ein guter Manager muss danach

nicht nur funktional klug betriebswirtschaften, nein, nachhaltig soll

er das tun und ethisch einwandfrei. Marktwirtschaft ohne die Beifügung

sozial scheint zum Schimpfwort

mutiert, der sozial-ökologische Fußabdruck

wichtiger als der Gewinn. Nicht

mehr Qualität hat dann ihren Preis, sondern

der Grad moralischer Unbedenklichkeit.

Und als Person soll er ein Vorbild sein,

menschlich und fachlich gleichermaßen.

Schlicht das Überleben der Firma zu sichern

und profitabel zu sein, gilt der Abzockerei

als gefährlich nah. Gesellschaftlicher

Wert, so scheint es, wird erst dann geschaffen,

wenn Manager Geld verbrennen,

das ihnen nicht gehört.

KULTURELLE SÄTTIGUNGSBEILAGE

Doch je mehr Unternehmen sich als Bußgemeinschaften

und Wohltäter darstellen,

desto größer werden die Eingriffsansprüche

der Politik. Das kennen wir noch vom

Schulhof: Hast du kein Selbstvertrauen,

wirst du verhauen. Schwäche lädt ein.

Vieles, was da neudeutsch unter Corporate

Citizenship läuft, ist glücklicherweise

unternehmerischer Alltag, der ein Umsteuern

mit Blick auf soziale Belange gar

nicht nötig macht. Unternehmen haben

schon immer so gehandelt. Nur wird es

nun als unternehmenskulturelle Sättigungsbeilage

ausgewiesen. Was dabei

ausgeblendet wird? Dass Unternehmen

Veranstaltungen zur Erzeugung und zum

Vertrieb von Gütern und Dienstleistungen

sind. Dabei gilt zwingend das ökonomische

Prinzip. Punkt. Natürlich, es kann

uns nicht egal sein, wie Produkte und Gewinne zustande kommen.

Aber wenn ein Manager erfolgreich ist und sich dabei innerhalb

des gesetzlichen Rahmens bewegt, besteht kein Grund zur Gesinnungsnötigung.

Ein Unternehmen ist dann sozial, wenn es gute

Produkte und Dienstleistungen anbietet – zu Marktpreisen. Es hat

nicht einmal die Aufgabe, Arbeitsplätze zur Verfügung zu stellen.

Oder sind Arbeitsplätze in Deutschland sozialer als in Tschechien?

Es kann auch nicht seine primäre Aufgabe sein, Steuern zu zahlen

– die werden ohnehin auf den Konsumenten abgewälzt.

Wo bleiben die Manager, die nicht den Kotau vor dem Zeitgeist

machen? Die Unfug öffentlich Unfug nennen? Die den Eigensinn

der Wirtschaft stolz verteidigen? Die sich nicht irre machen lassen

von einer aggressiven Hypermoral? Die klar sagen: Wir können

Adam Riese nicht aus dem Amt jagen? Wir brauchen Manager, die

sich einmischen. Denn Nichthandeln heißt zustimmen.

n

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 77

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse

Übers Ziel hinausgeschossen

REGULIERUNG | Politiker wollten Auswüchse wie Lehman-Zertifikate für Rentnerinnen

und überteuerte Fonds verhindern. Doch die komplexe Welt der Finanzmärkte

lässt sich nicht in Paragrafen und Formulare pressen. Wer chancenreich anlegen will,

muss sich von den unter neuen Regeln ächzenden Banken und Beratern befreien.

Kennen Sie den? Kommt ’n

Mann zur Bank...“ Es klingt wie

ein Witz, ist aber bierernst, was

sich in deutschen Banken täglich

abspielt. Rolf Wagner hat es

erlebt. Ein Depot hatte er geerbt: drei Aktienfonds,

ein Mischfonds, zwei Rentenfonds,

ein paar Pfandbriefe und Anleihen,

ein Immobilienfonds und – weil sein Opa

dort ein Leben lang gearbeitet hatte – ein

großer Posten Aktien eines Dax-Konzerns.

Wagner, Naturwissenschaftler „mit wenig

Spaß an der Lektüre von Anlageratgebern

und Börsenbüchern“, rief seine Bank an. Er

wollte sich beraten lassen, ob das Depot

okay sei oder ob er umschichten solle.

Er bekam zwar sofort einen Termin, der

aber lief etwas anders als erwartet. Der Berater

runzelte die Stirn, murmelte etwas

von „sehr hohem Aktienanteil“, „breiterer

Risikostreuung“ und „subjektiver Risikotoleranz“.

Als Wagner nachfragte, welche Papiere

er denn nun behalten und welche er

verkaufen solle, schaltete der Berater auf

stur. Zu einzelnen Wertpapieren könne er

gar nichts sagen, „da müssten Sie sich dann

in der Presse oder im Internet selbst eine

Meinung bilden“. Wagner war perplex; die

Neuordnung seines Erbes hat er erst mal

aufgeschoben, „auf unbestimmte Zeit“.

Dass der Banker nicht wollte, wundert

Uwe Eilers nicht: „Ein solches Depot hätte

einige Stunden Verwaltungsaufwand gekostet“,

sagt der Gründer und Chef des Vermögensverwalters

Geneon aus Königstein.

„Zu jeder einzelnen Aktie, zu jedem Fonds

und zu jeder Anleihe muss der Berater den

Kunden über alle möglichen Risiken aufklären

und danach ein jeweils sieben- bis

neunseitiges Protokoll erstellen.“

Wenn dann am Ende eine Aktienposition

und ein Fonds ausgetauscht werden,

hat die Bank ein paar Hundert Euro draufgezahlt;

und sie macht sich juristisch angreifbar,

wenn sie schlampig beraten hat.

Die Finanzkrise hat einen Regulierungsschub

ausgelöst: Seit 2010 müssen Berater

minutiös dokumentieren, was sie mit ihren

Kunden besprechen; für jeden Fonds, jedes

Zertifikat und jede Aktie müssen sie ein

„Produktinformationsblatt“ aushändigen.

Mehrere Rundschreiben der Aufsicht Ba-

Fin regeln bis in Detail, wie und was der

Bankerempfehlen darf–und was nicht.

„Die Folge ist, dass sich immer mehr

freie Berater, aber auch kleinere Banken,

Sparkassen und Fondsboutiquen ganz aus

der Anlageberatung zurückziehen“, sagt Eilers.

„Der bürokratische Aufwand im Verhältnis

zum Ertrag ist zu groß; für ein Depot

mit 10 bis 20 Wertpapieren kommt

schnell ein Kostenaufwand von etwa 1000

Euro im Jahr zusammen.“

Sicher: Die Politik musste die Anlageberatung

härter regulieren. Wer älteren Damen

hochriskante Schiffsfonds mit 20 Prozent

Nebenkosten als „schwimmenden

Pfandbrief“ oder Lehman-Zertifikate als

Sparbuchersatz andreht, braucht sich nicht

Unter dem Etikett

Verbraucherschutz

wuchs ein

Bürokratiemonster

zu beschweren, wenn ihm der Regulierer

stärker auf die Finger schaut.

„Regulierung ist immer dort gut, wo sie

mehr Transparenz schafft, zum Beispiel

bei den Kosten“, sagt Markus Sievers, Geschäftsführer

des Fondsanbieters Apano in

Dortmund, „was früher nicht so selten war,

etwa Vermittler, die einen geschlossenen

Fonds mit verdeckten Kosten von bis zu 20

Prozent als günstig verkauften, das geht

heute zum Glück nicht mehr.“

DRUCK AUF BERATER

Niemand will zurück in die fast unregulierten

Kapitalmärkte vor 1998, als schwarze

Schafe fast im rechtsfreien Raum agieren

konnten. Doch hat der Staat unter dem Etikett

Verbraucherschutz ein Bürokratiemonster

geschaffen, das oft das genaue Gegenteil

dessen bewirkt, was es fördern sollte:

unabhängige kompetente Beratung.

„Der Gesetzgeber wollte vor allem den

unbedarften Anleger schützen – etwa den

privaten Bauherren, dessen Notgroschen

für Reparaturen der Vermittler in Genussscheine

mit sieben Prozent Rendite gesteckt

und deren Risikenerverschwiegen

hat“, sagt André Spee von GSAM + Spee Asset

Management in Düsseldorf, „in der Praxis

aber führt die Regulierung dazu, dass

gerade besonders schutzwürdige Anleger–

solche mit kleinen oder mittleren Vermögen

und ohne Finanz-Vorbildung, so gut

wie gar keine Beratung mehr erhalten.“

Sparkassen und Genossenschaftsbanken

bieten kaum noch Beratung an; wenn überhaupt,

dann nur noch in Hauptniederlassungen;

freie Finanzvermittler und Honorarberater

können sich sich laut Kreditwesengesetz

sogar strafbar machen, wenn

»

ILLUSTRATION: NICHOLAS BLECHMAN

78 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Tagesgeld

Gold

25

15

Selbst gemachte Rendite

Musteraufteilung einesMischdepots

(Anteile in Prozent)

30

30

Aktien

Anleihen

Entwicklung des Mischdepots im

Vergleich zum Dax

Index (1.1.2008=100); Mischdepot bestehend aus je 30 Prozent Aktien (Dax) und Anleihen (RDax), 25 Prozent Gold

(Preis in Euro) und 15 Prozent Tagesgeld (1,5ProzentZins); Anteile werden jährlich auf das Ausgangsniveau gebracht;

Quelle:Bloomberg, eigene Berechnung

150

120

90

60

Mischdepot in Punkten

Dax in Punkten

30

2008 2009 2010 2011 2012 2013

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 79

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse

Bloß kein Risiko

Welche Produkte sich ausSicht der

Deutschenambesten dazu eignen, um

Vermögen aufzubauen (inProzent)

Selbst genutzteImmobilie

2013

2012

Lebensversicherung

Rentenversicherung

Bausparvertrag

FremdgenutzteImmobilie

24

21

Rücklagenauf Sparbuch

19

BetrieblicheAltersversorgung

18

19

Edelmetalle*

Tagesgeld*

Riester-Rente

Aktien

Festgeld

11

10

9

Investmentfonds

9

8

FestverzinslicheWertpapiere

8

7

Immobilienfonds

3

3

Rürup-Rente

1

2

13

13

13

17

17

30

27

28

26

28

27

35

*2012nochnichtabgefragt;Mehrfachnennungen

warenmöglich;Quelle:Deutscher SparkassenundGiroverband

(Oktober 2013)

45

50

»

sie zum Kauf oder Verkauf einzelner Papiere

raten – egal, ob chinesische Goldmine,

Siemens-Aktie oder Bundesanleihe.

Aber auch Vermögensverwalter und größere

Banken, die noch beraten dürften, gehen

den Weg des geringsten Widerstands,

verkaufen lieber komplexe Fonds und Zertifikate,

als ein Depot aus Einzelaktien zusammenzustellen.

Der Aufwand ist der

gleiche, nur die Gebühren sind höher.

„Banken sind seit der Finanzkrise keinen

Millimeter von ihren Renditezielen abgewichen“,

sagt Marcel van Leeuwen, Vorstand

des Vermögensverwalters DWPT in

Herzogenaurach, „und weil andernorts die

Margen wegbrechen, haben sie den Druck

auf die Kundenberater sogar erhöht.“

Mehrkosten durch Bürokratie führen also

nicht dazu, dass Kunden besser beraten

werden, sondern dass Banken verkaufen,

was ihnen am meisten Geld bringt – im

Zweifel sind das die hauseigenen Fonds,

Dachfonds und Zertifikate.

RISIKOSCHUTZ PER GESETZ

In Sachen Kleinteiligkeit und Pseudonutzen

stehen die Regeln den Statuten eines

Schrebergartenvereins in nichts nach.

So darf Anlegern, die sich für einen

Fonds interessieren, keine Grafik mit dessen

Wertentwicklung der letzten elf Monate

mehr gezeigt werden, wohl aber eine

über zwölf Monate. „Kenne ich einen neuen

Fonds, dessen Konzept mich überzeugt

und der zu einem Kunden passen würde,

so muss ich sagen, dass der Fonds vor neun

Monaten bei 100 Euro stand und heute bei

110“, sagt Sievers. „Ich darf aber nicht sagen,

dass er zehn Prozent Plus gemacht

hat, geschweige denn einen Chart zeigen.“

Das gilt als übertriebene Werbung mit

kurzfristig erzielter Rendite–verboten.

Vermögensverwalter Eilers: „Kundenberater

verwenden inzwischen mindestens

ein Drittel ihrer Arbeitszeit, manche auch

die Hälfte, um die Bürokratie zu erledigen;

es ist klar, dass diese Zeit für Sinnvolles

fehlt, etwa die Analyse der Depots oder der

Kundenbedürfnisse.“ Nebeneffekt:Banken

und Vermögensmanager verkaufen zumeist

solche Produkte, bei denen sie juristisch

am wenigstens angreifbar sind, nicht

unbedingt solche, die der Kunde bräuchte.

Seit Mitte 2011 verlangt das „Gesetz zur

Stärkung des Anlegerschutzes und Verbesserung

der Funktionsfähigkeit des Kapitalmarktes“

ein Dokument, das Funktion, Gebühren,

Chancen und Risiken jedes Investments

„kurz und verständlich darstellt“. Bei

Nichtbeachtung drohen bis zu 50 000 Euro

Bußgeld und Haftung auf Schadensersatz.

Damit wollte die Politik die Falschberatung

eindämmen.

Gut gemeint, schlecht gemacht: In der

Praxis werden jetzt zum Beispiel Fonds in

Klassen unterteilt, wie genau, hat der

Fondsverband BVI auf 20 Seiten Leitlinien

definiert. Um einen „synthetischen Risiko/

Ertrags-Indikator“ zu berechnen, welcher

dokumentiert und dem Anleger ausgehändigt

werden muss, gibt es nun für jede

Fondsklasse eine Formel, die sich stark an

der Schwankungsanfälligkeit der Fonds in

den vergangenen fünf Jahren orientiert: Je

stärker der Fonds schwankte, desto höher

die Risikoklasse.

Im Ergebnis landen über 85 Prozent aller

Fonds in den höchsten Risikoklassen 5, 6

und 7, wie eine Studie des Institute of Management

Accountants ans Licht brachte.

„Darunter sind viele klassische Aktienfonds,

die über 10 oder 15 Jahre eine hervorragende

Performance haben, nur eben

wegen der Schwankungen 2008 vom System

einen schlechten Risiko-Score erhalten“,

sagt Sievers.

So werden selbst gute Aktienfonds kaum

noch vermittelt. Dafür bekommen Anleger

Rentenfonds, die zwar kaum schwanken,

mit denen sie aber nicht mal einen Inflationsausgleich

schaffen. Nur auf vergangene

Schwankungen zu schauen, kann heftig in

die Irre führen: „Die Fonds des US-Milliardenbetrügers

Bernie Madoff schwankten

auch nicht, bevor sein Kartenhaus zusammenbrach;

sie wären laut heutiger Regulierung

in der niedrigsten Risikoklasse gelandet.

Verwahrrisiken – wo sitzt die Gesellschaft,

welche Erfahrung haben die Manager–spielen

keine Rolle“, sagt Sievers.

IN DIE EIGENE HAND NEHMEN

So bestärkt die Politik die Anleger in dem

Irrglauben, dass unvermeidliche Wertschwankungen

mit überzogenem Risiko

gleichzusetzen sind – und treibt sie per Gesetz

in schwach rentierende Produkte.

Als Ausweg bleibt nur, sein Depot selbst

zu managen und in regelmäßigen Abständen

neu auszutarieren. Wer dies etwa über

eine Direktbank tut, zahlt nur schlanke Gebühren

und hat wenig bürokratischen Aufwand.

Vor allem aber kann er bei überschaubarem

Risiko auch gute Renditen erzielen

– selbst in schwierigen Phasen (siehe

Grafik Seite 79). Auf den folgenden Seiten

zeigt die WirtschaftsWoche, wie unabhängige

Anleger ihr Vermögensmanagement

selbst in die Hand nehmen können.

stefan.hajek@wiwo.de

80 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


GELDANLAGE

Nimm es in die Hand!

Wie Sie mit einer einfachen Strategie 50 000 Euro chancenreich

anlegen oder sich mit monatlich 200 Euro ein Vermögen aufbauen –

völlig frei von Banken und Beratern.

kracht. Für die Do-it-yourself-Anleger bieten

Direktbanken inzwischen viele Möglichkeiten,

provisionsorientierten Beratern

zu entkommen und neben einem kostenlosen

Depot auch noch die Anlageprodukte

selbst zu günstigen Kosten zu ordern.

Die WirtschaftsWoche stellt einfache

Strategien für ein solides und chancenreiches

Mischdepot vor und zeigt, wie Sparer

mit regelmäßigen Monatsraten ein Vermögen

aufbauen. Mit den ausgewählten Anlageprodukten

wird die Umsetzung zum

Kinderspiel. So hält der Neujahrsvorsatz

„Selber machen“ garantiert mehr als ein

paar Wochen.

ILLUSTRATION: NICHOLAS BLECHMAN

Es ist die Zeit der guten Vorsätze. Die

einen nehmen ein paar Kilo ab, andere

wollen endlich mit dem Rauchen

aufhören. Langweilig. Das kann jeder.

Wie wäre es damit: Nehmen Sie Ihre Geldanlage

dieses Jahr selbst in die Hand!

Dass kaum jemand diesen Neujahrsvorsatz

fasst, ist nicht verwunderlich. Bei einer

Umfrage in zwölf Ländern im Auftrag der

Direktbank ING-Diba bekannten sich 53

Prozent der Deutschen dazu, keine Finanzbildung

zu haben. Das ist Europa-Spitzenwert

bei den Ahnungslosen.

Banken hatten deshalb lange leichtes

Spiel damit, Privatanlegern ihre Produkte

ins Depot zu drücken. Nach den schlechten

Erfahrungen der Finanzkrise aber ist

das Vertrauen der Anleger in die Berater

genauso gestört wie das in die Produkte der

Finanzindustrie: „Zu kompliziert, zu gefährlich,

zu teuer“, urteilen Anleger über

die Angebote.

Damit liegen sie oft richtig. Das Problem

ist nur: Als Reaktion machen viele –gar

nichts. Sie streiken, lassen ihr Erspartes, in

Summe Billionen, zähneknirschend als Tages-

und Festgeld zu Minizinsen liegen.

Die mickrigen Zinsen aber gleichen nicht

mal die Inflation aus. Gemessen an der

Kaufkraft, verliert das Vermögen an Wert.

Schluss damit. Erster Schritt: Sparer eröffnen

bei einer Direktbank oder ihrer

Hausbank ein Depot. Dann bestücken sie

dieses mit renditeträchtigeren Anlageprodukten.

Gut gemacht, setzt ein solches Depot

das Vermögen auch nicht unkontrolliert

Verlusten aus, wenn es an der Börse

Der Bauplan ist

einfach, Geld wird

auf vier Anlageklassen

verteilt

ACHT PROZENT RENDITE

Die Bauanleitung für ein ausgewogenes

Depot ist simpel: Anleger sollten ihr Geld

gut verteilen. Bewährt haben sich feste Anteile

für verschiedene Anlageklassen. So

können Langfristanleger mit je 30 Prozent

ihres Sparvermögens Aktien und Anleihen

solider Unternehmen kaufen, 25 Prozent in

Gold investieren und 15 Prozent als Tagesgeld

parken.

Diese Aufteilung, von der Wirtschafts-

Woche mehrfach vorgestellt (zum Beispiel

in WirtschaftsWoche 27/2009 und 3/2012),

hat Anlegern in der Vergangenheit hohe

und stabile Erträge gebracht. Anleger hätten

mit dem Mischdepot in jedem beliebigen

Jahr zwischen dem Boomjahr 2000

und 2012 starten können und kämen immerhin

auf Renditen zwischen 3,9 (bei

Start 2011) und 8,6 Prozent pro Jahr (Start

2009). Für diese Rechnung wurde für Aktien

die Entwicklung des Dax, für Anleihen

die des RDax (Anleihen von im Dax notierten

Unternehmen), für Gold die Wertentwicklung

in Euro und für Bargeld ein Jahreszins

von 1,5 Prozent angesetzt.

Die Modellrechnung geht davon aus,

dass Anleger ihr Vermögen anfangs nach

den genannten Quoten auf die Anlageklassen

verteilen und die Depotanteile

dann jährlich wieder auf das Ausgangsniveau

bringen. Sind Aktien gestiegen

und machen nach einem Jahr schon 40

Prozent des Depots aus, würde der Anleger

Gewinne mitnehmen und ein Viertel der

Aktien verkaufen. Der Aktienanteil im

Depot würde dann wieder auf 30 Prozent

sinken. Alternativ könnte der Anleger auch

mehr Geld in die Hand nehmen und dieses

in die übrigen Anlageklassen stecken, um

so wieder auf die gewünschte Verteilung zu

kommen.

Diese quasi-automatischen Anpassungen

sind eine wichtige psychologische

»

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 81

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse

»

Stütze. Sie schützen Investoren vor dem

gefährlichen Herdentrieb: vor Käufen,

wenn die Börse oder der Goldpreis oben

sind, und vor Verkäufen im Kurstief, wenn

alle raus wollen.

Im Rückblick haben sich die antizyklischen

Anpassungen ausgezahlt. Sie haben

die Renditen je nach Startjahr um 0,3 bis

1,0 Prozentpunkte pro Jahr gesteigert. Nur

für das Startjahr 2012 ist die Rendite für ein

Depot, dessen Quoten nicht angepasst

Über viele Jahre rentabel sparen

Diese Anlagen eignen sich für einen langfristigen Ratensparplan

Anlageklasse

Aktien

Anleihen

Gold

Anlageklasse

Bonussparplan

oder

Breit gestreutes Depot

wurden, höher. Der Grund ist simpel:

Durch die Umschichtung hätten Anleger

den Aktienanteil nach dem positiven Börsenjahr

zum Jahreswechsel 2012/2013 gesenkt

und den Goldanteil erhöht. Dadurch

hätten sie weniger stark vom erneut guten

Börsenjahr 2013 profitiert und wären stärker

von der schwachen Goldpreisentwicklung

getroffen worden.

Doch das sind Momentaufnahmen.

Langfristig zahlt es sich aus, gegen den

Mit einer guten Mischung aus Aktien, Anleihen, Gold und Bargeld haben Langfrist-

Anleger Aussicht auf stabile Gewinne.

Aktien, 30 % des Depots (Branche/Land)

Hannover Rück (Rückversicherung, DE)

Daimler (Auto, DE)

McDonald’s (Fast Food, USA)

Novartis (Pharma, CH)

Sparprodukt

Tagesgeld Tagesgeld der ING-Diba 15 1,0 Geld täglich verfügbar; deutsche Einlagensicherung;

Kontakt: ing-diba.de

1 in Prozent; die Anteile der Anlageklassen sollten auch beim Gesamtdepot jährlich angepasst werden;

2 in Prozent pro Jahr; Grundzins ist variabel; beim Bonussparplan bezieht sich die Rendite auf die 20 Jahre Laufzeit

inklusive Bonuszahlungen und zum aktuellen Grundzins (1,73 Prozent pro Jahr); Quelle: Bloomberg, Anbieter

Apple (Unterhaltungselektronik, USA)

GEA Group (Maschinenbau, DE)

alternativ: Dax-ETF (iShares)

Anleihen, 30 % des Depots (Branche/Land)

Asklepios Kliniken (Kliniken, DE)

EWE Oldenburg (Energie, Kommunikation, DE)

Deutsche Post (Logistik, DE)

Haniel (Mischkonzern, DE)

Deutsche Telekom (Kommunikation, DE)

alternativ: Anleihen-ETF (iShares)

Gold, 25 % des Depots

Gold 1 Feinunze (zum Beispiel Anlagemünzen)

alternativ: Gold-Indexfonds (ETC)

Cash, 15 % des Depots

Indexfonds (ETF) iShares auf

den Dax

Indexfonds (ETF) iShares auf

Euro-Unternehmensanleihen

physisch oder als Indexfonds

(ETC)

Sparprodukt

1892-Rendite-Sparen

Ratenanteil

1

30

30

25

Ratenanteil

1

15

ISIN

ISIN

DE0005933931

DE0002511243

DE000A1EK0G3

Rendite 2

DE0008402215

DE0007100000

US5801351017

CH0012005267

US0378331005

DE0006602006

DE0005933931

ISIN

XS0542428833

DE000A0Z2A12

XS0977496636

XS0482703286

XS0850057588

DE0002511243

Art

physisch

physisch hinterlegt

Zins 3

Kurs

(Stoppkurs) 1

62,38 (52,90)

62,90 (52,90)

70,36 (59,80)

58,27 (49,40)

404,40 (330,00)

34,60 (29,40)

85,75

Kurs 1

104,17

116,57

100,26

113,64

101,05

127,28

ISIN

entfällt

DE000A1EK0G3

Kontakt

(Internet)

Kurs-Gewinn-

Verhältnis 2

9,0

11,1

16,2

18,9

12,7

15,6

Dividende 3

Laufzeit Rendite 3

28.09.2017 2,8

16.07.2021 2,8

9.10.2023 2,7

1.02.2017 2,5

30.10.2019 1,8

unbegrenzt

Kurs 1

876,64

93,81

Einlagensicherung

Ak Bank

ING-Diba

1,25

1,00

akbank.de

ing-diba.de

deutsche Einlagensicherung

deutsche Einlagensicherung

1 in Euro; 2 Schätzung auf Basis Gewinn 2014; 3 in Prozent (Dividende: Schätzung für 2014); Quelle: Bloomberg, Anbieter

3,7

Bemerkung

kostengünstig; kauft Aktien des Dax auch

physisch; als ETF-Sparplan erhältlich

kostengünstig; kauft Anleihen auch physisch;

als ETF-Sparplan erhältlich

Indexfonds auch als ETF-Sparplan erhältlich;

Preisaufschläge bei physischen Käufen

Bemerkung

renditestark; variabler Grundzins und laufzeitabhängige

Bonuszahlungen von einer Baugenossenschaft;

Kontakt: 1892.de

4,6

3,6

3,5

3,3

2,3

2,1

Strom zu schwimmen. So wäre der Goldanteil

bei einem 2008 gestarteten Mischdepot

bis Anfang 2013 ohne Anpassungen

auf 39 Prozent gestiegen. Der Preisrutsch

beim Gold im vergangenen Jahr, in Euro

gerechnet rund 30 Prozent, hätte den Anleger

zwölf Prozent seines Depotwertes gekostet.

Dank der regelmäßigen Anpassungen

aber wurde Gold zu Spitzenpreisen

verkauft. Das Goldminus 2013 kostete

nur neun Prozent des Depotwerts.

Die Wertanstiege der übrigen Depotposten

glichen das weitgehend aus, unter dem

Strich blieb nur ein leichtes Minus von

0,8 Prozent.

Gold selbst –trotz der miesen Entwicklung

im vergangenen Jahr – hat sich als Depotbaustein

bewährt. 2011 fing es die

schwache Börsenentwicklung zum Beispiel

perfekt auf. Kein Zufall: Langfristig

entwickelt sich der Goldpreis meist gegenläufig

zu Aktienkursen, was aus Gold eine

gute Krisenversicherung macht.

DURCHHALTEN WIRD BELOHNT

Die genaue Anteilshöhe der einzelnen Anlageklassen

ist nicht in Stein gemeißelt. Anleger

können – je nach Risikoneigung und

Anlagedauer – von der Musteraufteilung

abweichen. Wer weniger Risiko will, hält

zum Beispiel mehr als 30 Prozent Anleihen.

Wichtig ist aber, sich dabei nicht zu

sehr von der Entwicklung der vergangenen

Jahre oder Monate leiten zu lassen. Setzen

Anleger den Aktienanteil nur deshalb höher

an, weil Aktien sich in den vergangenen

zwei Jahren gut geschlagen haben,

würden sie erneut mit der Herde laufen

und ihre Aktien vergleichsweise teuer kaufen.

Groß wäre dann die Gefahr, dass sie

beim nächsten Kurssturz ihren Fehler bemerken

und die komplette Depotaufteilung

über den Haufen werfen.

Strategisch aufgestellte Portfolios, die

selten umgeschichtet werden, erzielen höhere

Renditen, so das Ergebnis einer aktuellen

Auswertung des Fondsdatenanbieters

Morningstar. Die Experten ermittelten

anhand der Mittelzu- und -abflüsse bei Investmentfonds,

dass die meisten Anleger

zur falschen Zeit kaufen und verkaufen. In

den Genuss der schönen, von den Fonds

ausgewiesenen Renditen kommen dadurch

nur wenige Anleger–diejenigen, die

mit ihrem Fonds auch Kurstäler durchschreiten

und dabei bleiben. Sie profitieren

dann, wie in den vergangenen Jahren, jeweils

nach dem Crash von der Erholung.

Vor allem bei deutschen Aktienfonds

stellten die Morningstar-Analysten große

82 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


ILLUSTRATION: NICHOLAS BLECHMAN

Abweichungen fest. Die Kurse schwankten

hier über drei Jahre besonders stark, und

die Anleger reagierten entsprechend

sprunghaft. „Viele haben den Höhenflug

deutscher Aktien verpasst, weil die deutschen

Aktienfonds seit Juli 2011 aus den

Depots herausgeworfen wurden“, so Ali

Masarwah von Morningstar. Wer die Aktienfonds

in den vergangenen drei Jahren

gehalten hat, erzielte im Schnitt jährlich

10,3 Prozent Rendite. Berücksichtigt Morningstar

aber die Mittelzu- und -abflüsse

der Fonds, was der Rendite eines hektischen

Traders nahekommt, bleiben nur

noch 7,5 Prozent pro Jahr.

DEPOT FÜR DEN RUHIGEN SCHLAF

Viele Anleger verabschiedeten sich sogar

komplett. Laut Deutschem Aktieninstitut

haben sich seit 2000 1,4 Millionen Deutsche

aus Aktien zurückgezogen. Nur

noch 4,9 Millionen sind als Aktionäre

direkt an unternehmerischen Erfolgen beteiligt.

Der Dax führte den Anlegern eindrücklich

vor, wie ein einziges Jahr bis zu

40 Prozent Börsenwert und damit ein

Großteil des investierten Vermögens ausradieren

kann. Solche Verluste – selbst

wenn sie nur auf dem Papier stehen und

nicht realisiert werden – kann und will

nicht jeder Anleger aushalten. Aktien deshalb

den Rücken zu kehren, wäre aber ein

großer Fehler. Die mickrigen Tagesgeldzinsen

sind keine Lösung.

Das vorgestellte Mischdepot schont die

Nerven, sichert Anlegern aber gleichzeitig

die Chance auf langfristige Kurssteigerungen

mit Aktien. Selbst in den Börsencrash-

Jahren 2002 und 2008 verlor das Depot we-

Sind Aktien stark

gestiegen, wird ihr

Anteil nach einem

Jahr reduziert

niger als neun Prozent, kein Vergleich zum

Dax. Und 2011 – der Dax büßte 15,5 Prozent

ein – brachte das Mischdepot noch 1,2

Prozent Gewinn. So können besorgte Anleger

gut schlafen.

Von der Theorie zur Praxis: Wie sollen

Anleger 50 000 Euro aussichtsreich anlegen?

Das langfristig ausgerichtete Mischdepot

mit je 30 Prozent Aktien und Anleihen,

25 Prozent Gold und 15 Prozent Tages-

oder Festgeld gibt eine empfehlenswerte

Aufteilung vor. Bei einer größeren

Summe können Anleger bei der praktischen

Umsetzung auf Einzelwerte setzen

(siehe Tabelle Seite 82 unten). Mit je sechs

Anleihen und Aktien würden sie 2500 Euro

pro Einzelwert investieren; die Kauf- und

Verkaufsgebühren (Direktbanken verlangen

für solche Orders nur 10 bis 15 Euro)

blieben überschaubar.

Die ausgewählten Aktien stammen von

Unternehmen unterschiedlicher Branchen,

die eine gute Risikostreuung bieten.

Ob mehr Menschen Daimlers Autos kaufen,

hängt kaum damit zusammen, ob

mehr Fast-Food-Fans Burger und Pommes

von McDonald’s essen. Und ob Käufer sich

für iPhone oder iPad von Apple entscheiden,

hat nichts damit zu tun, ob gleichzeitig

mehr Menschen an multipler Sklerose,

Krebs oder Leukämie erkranken und

ein Medikament von Novartis brauchen.

Etwas kleinere Werte wie die Gea Group

bieten die Chance, vom Wachstum aufstrebender

Unternehmen zu profitieren.

Der Maschinen- und Anlagenbauer aus

Düsseldorf beliefert vor allem die Nahrungsmittelindustrie.

Die Geschäftssparte

Energie, die zum Beispiel Wärmetauscher

und Kühltürme baut, soll verkauft werden,

um im Kerngeschäft weiter wachsen zu

können.

Neben den Aktien stehen mehrere Anleihen

mit gutem Chance-Risiko-Verhältnis

zur Auswahl. Die aufgeführten Unternehmen

sind vergleichsweise solide finanziert

und stammen erneut aus sehr unterschiedlichen

Branchen.

INDEXFONDS FÜR BEQUEME

Wollen Anleger ihr Risiko noch breiter

streuen und einzelne Aktien nicht kontinuierlich

verfolgen, können sie auf Indexfonds

(ETFs) ausweichen. Deren Wertentwicklung

entspricht der eines bestimmten

Index. So steigt und fällt der aufgeführte

Dax-ETF mit dem Dax. Anleger umgehen

hier das Risiko eines Einzelwerts. Beispiel:

Über fünf Jahre hat der Dax gut 60 Prozent

zugelegt, Dividenden nicht eingerechnet.

Vier Einzelaktien aber (E.On, RWE, Commerzbank

und K+S) haben Aktionären im

gleichen Zeitraum 40 bis 70 Prozent Verlust

eingebrockt. Mit einer zufällig ausgewählten

einzelnen Dax-Aktie hätten Anleger auf

fünf Jahre in einem von drei Fällen weniger

als im Dax selbst verdient. Über zwölf Monate

hätte das Risiko, schlechter als der

Dax abzuschneiden, sogar bei über 50 Prozent

gelegen.

„Investmentfonds sind wegen der gesetzlich

vorgeschriebenen Risikostreuung

für viele Anleger ideal, vorausgesetzt, sie

achten auf niedrige Kosten“, sagt Reinhard

Martius, Finanzplaner aus Friedrichsdorf

im Taunus. Der Dax ist gut gemischt, und

die laufenden Kosten des Dax-ETFs sind

mit 0,16 Prozent pro Jahr sehr gering; Ausgabeaufschläge

fallen beim Handel über

die Börse nicht an. Der ETF-Anbieter iShares,

von dem die aufgeführten ETFs stammen,

kauft auch wirklich die im Index abgebildeten

Einzelwerte, was die ETFs besonders

transparent macht. Andere Anbieter

schließen oft komplexe Finanzgeschäfte

ab, um die Wertentwicklung des Index

nachzubilden. Anleger wissen dann nicht,

in welche Aktien ihr Geld letztlich fließt.

»

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 83

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse

STRATEGIE

Vor Illusionen

schützen

Wer kühl kalkuliert und sich von

Panik nicht anstecken lässt, hat die

besten Chancen an der Börse.

Angst und Gier treiben die Herde, so

entstehen heftige Kursbewegungen, die

aber auch schnell wieder drehen und

deshalb gute Kauf- und Verkaufschancen

bieten. US-Ökonom Robert Shiller

zieht Parallelen zum Fußball: „Halte

dich von der Meute fern, dann wird der

Ball früher oder später zu dir kommen.“

KONTROLLE BEHALTEN

Wer Unternehmen mit überzeugendem

Geschäftsmodell hält, prüft Kennzahlen

wie Kurs-Gewinn-Verhältnis, Umsatzund

Cashflow-Entwicklung über viele

Jahre und vergleicht sie mit den Zahlen

der Konkurrenten. Gründe, die zu einem

Investment führen, schriftlich festhalten:

hilft klarer zu denken und kann,

wenn der Wunsch, zu verkaufen übermächtig

wird, nachgelesen werden.

GEWINNE LIEBEN LERNEN

Stimmen die Gründe für den Kauf noch,

wird eine Aktie nur ihrer Kursgewinne

wegen nicht riskanter. Also halten, auch

dann, wenn es zwischenzeitlich nach

unten geht. Verschlechtern sich

wesentliche Parameter: verkaufen.

KEIN TOTES PFERD REITEN

Irren ist menschlich. Wer schon beim

Aktienkauf festlegt, welches Minus er

maximal akzeptiert, schützt sich vor

Illusionen. Etwa der, nur noch Nachrichten

wahrzunehmen, die die eigene

positive Überzeugung stützen.

ELEKTRONISCHE RETTER

Stop-Loss-Orders, bei deren Unterschreiten

automatisch verkauft wird,

disziplinieren und bewahren davor, permanent

nach Kursen schauen zu müssen.

Sinnvoll aber nur bei sehr liquiden

Werten. Bei Aktien unterhalb des Dax

gefährlich, weil Profis die Aktien unter

das Stopp-Loss drücken und billig abfischen

könnten.

heike.schwerdtfeger@wiwo.de | Frankfurt

»

Unabhängig von

Banken anlegen

bringt Rendite

und sogar Spaß

Auch Sparer, die langfristig ein Vermögen

ansammeln wollen, können sich ein

Mischdepot aufbauen. Hätte ein Sparer seit

2008 jeden Monat 200 Euro nach unserem

Muster auf Aktien, Anleihen, Gold und Tagesgeld

verteilt, wären aus eingezahlten

12 000 Euro 17 600 Euro geworden. Die

Rendite auf das durchschnittlich eingesetzte

Kapital hätte 6,6 Prozent pro Jahr betragen.

Erneut wird unterstellt, dass Sparer

die Depotanteile jeweils zu Jahresanfang

wieder auf das Ausgangsniveau bringen.

Bei monatlichen Einzahlungen in einen

Sparplan müssen sich Anleger über das

richtige Timing nicht den Kopf zerbrechen.

Wer über 10 oder 20 Jahre monatlich den

gleichen Einsatz leistet, hat den Vorteil,

zwischenzeitliche Verluste an der Börse

aussitzen zu können und dabei auch noch

günstiger einzukaufen: Wenn die Aktienkurse

niedrig sind, bekommt der Anleger

für seine Rate mehr Anteile im Depot gutgeschrieben

als bei hohen Kursen. Dieses

Prinzip hilft aber nur, wenn die Kurse über

die Laufzeit stark schwanken. Im Laufe der

Zeit verliert es immer mehr an Bedeutung,

weil dann das schon angesparte hohe Vermögen

den Schwankungen der Märkte ungebremst

ausgesetzt ist. Schlimmstenfalls

drohen Szenarien wie Mitte 2008 bis Anfang

2009, als der Dax unter 3700 Punkte

fiel. In solchen Phasen kann ein nur aus

Aktien gebildetes Sparplanvermögen unter

die Summe der Einzahlungen rutschen.

AUF DIE KOSTEN ACHTEN

Niedrige Kosten und Gebühren sind für

Ratensparer noch wichtiger als bei Einmal-

Investments. Steckt ein Anleger zwölfmal

pro Jahr Geld in vier verschiedene Geldanlagen,

sind allein das 48 verschiedene Aufträge.

Ohne die kostenfreien Überweisungen

auf ein Tagesgeldkonto müsste der Anleger

immer noch 36 Orders erteilen; weitere

Aufträge für die jährliche Anteilsanpassung

kämen hinzu. Bei zehn Euro Gebühr

pro Order fielen also wenigstens 360

Euro an. Der Sparer würde bei monatlichen

200 Euro Rate 15 Prozent Gebühren

zahlen – zu viel.

Ratensparer sollten daher für jede

Anlageklasse nur ein Produkt wählen und

hier auf ETFs setzen. Einzelwerte kommen

nicht infrage, da die Orderzahl noch weiter

steigen würde. Die WirtschaftsWoche hat

ETFs ausgewählt, die bei Direktbanken wie

Comdirect, ING-DiBa oder Cortal Consors

als ETF-Sparplan erhältlich sind (siehe

Tabelle Seite 82 oben). Vorteil: Für solche

Sparpläne verlangen die Banken nicht ihre

normalen Gebühren. Sie belohnen das regelmäßige

Sparen, das für sie mit wenig

Aufwand verbunden ist, mit niedrigeren

Kosten, oft nur 1,5 Prozent der Kaufsumme.

Für die Cash-Komponente bieten sich

ebenfalls Tagesgeldkonten an. Eine Alternative

sind renditestarke Bonus-Sparpläne,

in die dann 15 Prozent der Monatsrate fließen

würden. Die gibt es vor allem bei Sparkassen

und Volksbanken, aber auch von

Wohnungsbaugenossenschaften. Deren

Spartöpfe werden von der Aufsicht BaFin

kontrolliert. Das Geld darf nur für Kauf und

Instandhaltung der genossenschaftlichen

Immobilien genutzt werden. Zudem gibt es

eine Einlagensicherung der 48 Baugenossenschaften

mit Spareinrichtung, die bei

Problemen einspringen würde.

SICHERE ZINSEN VON GENOSSEN

Über die Spareinrichtung der Berliner Bauund

Wohnungsgenossenschaft 1892 bekommen

Sparer einen Bonussparplan für

maximal 25 Jahre. Der variable Grundzins

liegt derzeit bei 1,73 Prozent pro Jahr, zusätzlich

gibt es laufzeitabhängige Boni auf

die jährlichen Einzahlungen. Die Bonuszahlungen

steigen, vom 14. Jahr an fließen

50 Prozent. So werden Sparer dafür belohnt,

den Vertrag weiter zu besparen –

prinzipiell können sie aber jederzeit aussteigen.

Die Rendite erreicht nach 20 Jahren

ihr Maximum. Auf Basis des aktuellen

Grundzinses und inklusive Boni hätten

Sparer dann 3,7 Prozent Zins pro Jahr kassiert.

Über die maximal 25 Jahre Laufzeit

kommen sie auf 3,5 Prozent Gesamtrendite

pro Jahr. Einzige Bedingung: Anleger müssen

der Baugenossenschaft beitreten. Dafür

sind einmalig 300 Euro Einlage fällig.

Dafür können sie als Mitglied der Genossenschaft

nicht nur Zinsen kassieren, sondern

beim nächsten Berlin-Besuch auch

eine günstige Gästewohnung mieten. Geld

frei anzulegen lohnt sich also nicht nur,

sondern kann auch Spaß machen.

niklas.hoyer@wiwo.de, heike schwerdtfeger | Frankfurt

84 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


ILLUSTRATION: NICHOLAS BLECHMAN

ALTERSVORSORGE

Einfach im Eigenbau

Wozu hohe Kosten zahlen, wenn die Police doch nur Niedrigrenditen

abwirft? Wie Anleger sich vom Joch der Versicherer befreien

und sich ihre eigene Lebensversicherung zusammenstellen.

Eine sichere und gut planbare Altersvorsorge

gibt es nur vom Versicherer?

Stimmt nicht! Anleger können sich

ihre eigene Lebens- oder Rentenversicherung

bauen. Mit den richtigen Bausteinen

wird die mindestens genauso sicher wie eine

normale Police, bringt ihnen aber deutlich

mehr Flexibilität. Und–anders als bei

den herkömmlichen Policen – müssen sie

keine hohen Vertriebs- und Verwaltungskosten

tragen.

WORAUF ES ANKOMMT

n Aus einer Lebensversicherung bekommen

Kunden gegen fixe monatliche Beiträge

später auf einen Schlag eine größere

Summe ausgezahlt. Die garantierte Mindestsumme

steht dabei schon zu Beginn

fest. Obendrauf kommen noch Überschüsse,

die allerdings nicht garantiert sind und

in den vergangenen Jahren immer weiter

gesunken sind. Bei länger laufenden Verträgen

muss nur die Hälfte der später ausgezahlten

Überschüsse mit dem persönlichen

Steuersatz versteuert werden. Vor 2005 abgeschlossene

Altverträge profitieren noch

von früheren Steuerregeln; hier bleibt die

Einmalauszahlung meist ganz steuerfrei.

n Eine Rentenversicherung funktioniert

ähnlich, nur dass die Auszahlung nicht auf

einen Schlag, sondern in Form einer lebenslangen

Rente erfolgt. Für die Rendite

entscheidend ist hier also letztlich, wie lange

der Versicherte lebt. Steuer fällt je nach

Beginn der Rentenzahlung an. Fließt die

erste Rente mit 67, müssen Versicherte lebenslang

17 Prozent der Rente mit ihrem

persönlichen Steuersatz versteuern.

Oft beinhalten die Policen einen zusätzlichen

Todesfallschutz, wobei die Auszahlung

im Todesfall meist so gering ist,

dass sie kaum ins Gewicht fällt. Für die

Absicherung von Angehörigen sollten

Vorsorgesparer besser eine separate Risiko-

Lebensversicherung abschließen, die dann

auch ausreichenden Schutz bietet. Faustregel:

Eine Police über das Drei- bis Fünffache

des Bruttojahreseinkommens gilt als empfehlenswert.

Auch andere Risikokomponenten–etwa

der Schutz gegen Berufsunfähigkeit

– sollten besser nicht im Paket mit

einer Lebens- oder Rentenpolice, sondern

separat abgeschlossen werden.

Als Vergleich für die selbst gebaute Lebens-

und Rentenversicherung dienen Policen

von CosmosDirekt. Der Direktversicherer

zeichnet sich durch niedrige Kosten

aus und garantiert den Kunden daher im

Branchenvergleich hohe Auszahlungen.

Ein 30-jähriger Sparer bekommt von

CosmosDirekt gegen 100 Euro Monatsbeitrag

in der Lebensversicherung eine garantierte

Auszahlung von 53 950 Euro mit 67

Jahren. Nach Steuern sind das bei einem

angesetzten persönlichen Steuersatz von

nur 30 Prozent etwa 52 500 Euro (die Steuer

fällt ja nur auf die Hälfte des Gewinns aus

der Police an). Eine Rentenpolice mit gleichem

Beitrag sichert ihm vom 67. Geburtstag

an monatlich garantierte 194,83 Euro –

bis ans Lebensende. Nach Steuern entspricht

das 184,89 Euro.

Diese Werte gilt es zu schlagen!

SELBST GEBAUTE POLICE

Unser Vorsorgesparer legt, wie die meisten

Lebensversicherten, Wert auf größtmögliche

Sicherheit. In der selbst gebauten

Police soll der größte Teil der Einzahlungen

daher in möglichst sichere staatsnahe

Anleihen fließen. Für die Berechnung

orientieren wir uns an den Nettorenditen

von Anleihen der Europäischen Investitionsbank

(siehe Tabelle Seite 86 oben) jeweils

nach Abzug von Abgeltungsteuer

und Soli. In Sachen Sicherheit dürfte die

staatliche Bank mit bestem Kreditrating

(AAA) jeden Lebensversicherer um Längen

schlagen.

Die Nettorenditen der EIB-Anleihen

nach Abzug der Abgeltungsteuer liegen

zwischen 2,2 Prozent (30 Jahre Laufzeit)

und 0,9 Prozent (5 Jahre Laufzeit). Für kürzere

Laufzeiten wurden 0,4 Prozent Nettozins

angenommen. Da es solche Anleihen

nicht schon in kleinen Tranchen von unter

1000 Euro zu kaufen gibt, investiert der

Sparer einmal im Jahr. So fallen auch die

von uns ebenfalls berücksichtigten Kaufgebühren

nicht zu stark ins Gewicht (je nach

Ordergröße günstige 10 bis 20 Euro, wie sie

bei einem Direktbroker fällig wären).

Alternativ zu Staatsanleihen könnte der

Sparer auch einen Banksparplan wählen,

der ihm bei langer Spardauer zusätzliche

Bonuszahlungen sichert. Vor allem Spar-

»

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 85

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse

»

kassen, aber auch Bau- und Wohngenossenschaften

bieten solche Sparpläne an.

Unser Sparer will aber keinen Dienstleister

zwischenschalten – er kauft nur möglichst

sichere Anleihen, und die lieber direkt.

Für die selbst gebaute Lebensversicherung

will er mit 67 Jahren auf eine

gleich hohe garantierte Mindestauszahlung

kommen wie bei der CosmosDirekt-

Police. Dafür müsste er jeden Monat 83,78

Euro für die Anleihen zurücklegen und diese

einmal im Jahr kaufen.

Zu Beginn fließt das Geld in 30-jährige

Anleihen. Auch die kassierten Zinsen aus

den Anleihen steckt der Sparer gleich wieder

in neue Anleihen, um so voll vom Zinseszinseffekt

zu profitieren. Später, wenn

das Auszahlungsjahr näher rückt, verkürzt

er die Anleihelaufzeiten immer weiter: Bis

zum Alter von 37 Jahren kauft er 30-jährige

Anleihen, bis 47 dann 20-Jährige und so

weiter. Angenommen wird dabei, dass die

aktuellen Renditen auch in Zukunft gelten

– angesichts des Niedrigzinsumfeldes ist

das nicht besonders optimistisch.

Zum Schluss erhält der Vorsorgesparer

nach Steuern und Gebühren 52 518 Euro

ausgezahlt. Also genau so viel wie die Garantieauszahlung

der Lebensversicherung

nach Steuern (siehe Tabelle unten).

AKTIEN-SAHNEHÄUBCHEN

Von der monatlichen Sparrate von 100 Euro,

die für die Lebensversicherung fällig

wäre, sind aber noch 16,22 Euro frei. Diese

kann der Sparer risikoreicher anlegen.

Selbst wenn diese Investition komplett verloren

ginge, hätte er im Vergleich zum Garantieniveau

der Lebensversicherung keinen

Nachteil.

Angenommen, die 16,22 Euro pro Monat

fließen in einen Indexfonds (ETF) auf den

Dax und bringen nach Steuern und Gebühren

im langfristigen Durchschnitt fünf

Prozent Rendite pro Jahr, käme der Sparer

nach 37 Jahren auf 20 317 Euro. Um diese

Summe hätte er die Mindestzahlung der

Lebensversicherung übertroffen.

Will der Sparer mit 67 Jahren nur garantiert

seine Einzahlungen zurück (also ohne

die Mindestverzinsung), reicht es, wenn er

monatlich 71,18 Euro für die Anleihen einplant.

Dann blieben ihm 28,82 Euro pro

Monat für die freie Geldanlage. Bei fünf

Prozent Rendite nach Steuern und Gebühren

brächte ihm diese freie Anlage über die

ganzen 37 Jahre Laufzeit 36 099 Euro an Ertrag.

In diesem Szenario würde der Sparer

die Garantiesumme der Police sogar um

rund 28 000 Euro übertreffen.

Zuflüsse über Jahrzehnte

Die selbst gebaute Altersvorsorge

setzt auf einen Mix möglichst sicherer

Anleihen. Zur Berechnung wurden

Anleihen der Europäischen Investitionsbank

(EIB) genutzt

Emittent Laufzeit Kupon 1 Nettorendite

ISIN

EIB 14.3.2042 3,625 2,2 XS0752034206

EIB

EIB

EIB

15.3.2035

15.4.2024

15.3.2019

2,625

4,125

2,500

2,2

1,7

0,9

XS0878008225

XS0290050524

XS0669743246

1 in Prozent pro Jahr; Quelle: Bloomberg

Die selbst gebaute Rentenversicherung

funktioniert ähnlich. Allerdings kennt der

Sparer natürlich nicht seine Lebensdauer.

Wenn ein besonders risikoscheuer Sparer

seine kompletten Beiträge nur in sichere

Anleihen investiert, kann er vorab aber

ausrechnen, wie lange das Geld reicht.

Erneut fließen die Sparbeiträge anfangs

in 30-jährige Anleihen, später in Anleihen

mit kürzerer Laufzeit. Selbst nach Renteneintritt

kann der Vorsorgesparer hier

weiter 30-jährige kaufen. Schließlich will

er mit 67 ja nicht direkt auf sein komplettes

Sparguthaben zugreifen. Nach Auszahlung

seiner Rente – analog zur Netto-Rente

aus der Rentenversicherung monatlich

184,89 Euro – bleibt von den Zinsen und

Rückzahlungen der bereits laufenden

Anleihen anfangs noch genug übrig. Steckt

er das Geld bis zum 76. Geburtstag in

30-jährige Anleihen und verkürzt die

Laufzeit der Anleihen dann alle zehn

Jahre, kann er mit den Einkünften seine

Zusatzrente problemlos finanzieren. Insgesamt

reicht sein Geld bis zum 113. Geburtstag.

Versicherer stellen über das garantierte

Mindestniveau hinaus höhere Renten in

Aussicht. Könnte der Versicherer dauerhaft

2,85 Prozent mit seinen Kapitalanlagen erwirtschaften,

würde er dem Kunden unseres

Musterangebots später 317,90 Euro

gleich 301,68 Euro nach Steuern im Monat

überweisen. Finanziert der Sparer eine

Rente in dieser Höhe aus seinen Anleihen,

ginge ihm das Geld schon mit 89 aus.

Allerdings geht diese Rechnung davon

aus, dass die bei der selbst gebauten Altersvorsorge

angesetzten niedrigen Zinsen

ein Leben lang gelten. Der Lebensversicherer

würde 2,85 Prozent pro Jahr

aber nur schaffen, wenn die Anleihezinsen

steigen, denn Versicherer legen zu rund

80 Prozent in festverzinslichen Papieren

an. Steigen die Zinsen, würde auch der

Eigenbau-Sparer aus neu gekauften Anleihen

mehr kassieren, sein Geld würde

also länger reichen.

Anders als der selbst gebaute Sparplan

bietet die Rentenversicherung dem Sparer

den Vorteil, dass seine Rente garantiert lebenslang

fließt. Nachteil: Stirbt der Sparer

früh, bekämen die Erben aus der Police nur

wenig oder sogar gar kein Geld. Das verbleibende

Guthaben aus dem Eigenbau-

Sparplan könnte der Sparer dagegen jederzeit

vererben – oder ausgeben.

niklas.hoyer@wiwo.de

Den Versicherer schlagen

Wie Vorsorgesparer die Auszahlung aus einer Lebensversicherung übertreffen

(alle Angaben in Euro)

Musterfall: Alter 30 Jahre, Spardauer 37 Jahre, Monatsrate 100 Euro

Der klassische Weg:

Kapital-Lebensversicherung abschließen

monatliche Einzahlungen in die Police

garantierte Auszahlung mit 67 Jahren

(nach Steuern) 1

100

52 518

Die unabhängige Alternative:

Selbst einen Anleihe-Sparplan aufbauen

monatliche Einzahlungen in sichere Anleihen 83,78

Anleihen-Guthaben mit 67 Jahren

52 518

(nach Steuern) 2

monatliche Einzahlung in Dax-Indexfonds (ETF) 16,22

ETF-Guthaben mit 67 Jahren (nach Steuern) 2 20 317

Fazit: Schon 83,78 Euro monatliche Einzahlungen in Anleihen der Europäischen Investitionsbank (EIB) unterschiedlicher

Laufzeit bringen über 37 Jahre mit rund 52 500 Euro genauso viel Guthaben nach Steuern wie die

Garantiesumme einer Lebensversicherung mit 100 Euro monatlicher Einzahlung. Die restlichen 16,22 Euro pro

Monat kann der Anleger chancenreicher anlegen und so die Garantiesumme um über 20 000 Euro übertreffen.

1 30 Prozent persönlicher Steuersatz mit 67 Jahren, besteuert wird nur die Hälfte des Ertrags aus der Lebensversicherung;

2 26,38 Prozent Abgeltungsteuer und Soli während der Laufzeit; fünf Prozent angesetzte Netto-

Rendite aus Dax-ETF; Quelle: CosmosDirekt, eigene Berechnungen

86 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


HEDGEFONDSMANAGER

»Ich mach, was ich will!«

Freiheit pur: Wer als Investmentbanker oder Vermögensverwalter

in der City Millionen kassiert hat, steigt aus, gründet seinen Fonds

und verteilt Geld über eine wohltätige Stiftung.

sie nur an der Ostküste der USA noch zahlreicher

anzutreffen. Von London aus legen

sie mehrere 100 Milliarden Pfund an; oft residieren

sie in eleganten Stadthäusern, bei

denen von außen jeder Hinweis auf die

prominenten Mieter fehlt – schließlich legt

man großen Wert auf Diskretion.

Für die Hedgies muss es Mayfair sein,

denn hier herrscht eine gediegenere Stimmung

als in den Finanztempeln des ungeschminkten

Materialismus, eben in der City

oder auf Canary Wharf. Hedgefondsmanager

und Private-Equity-Gründer sehen

sich als Speerspitze der Finanzelite. Auf

normale Banker blicken sie mit einer gewissen

Überheblichkeit herab. Sie gelten

als hochintelligent, schwimmen mit ihren

unkonventionelle Methoden gegen den

Strom, und: „Wir haben keine Angst vor Risiko.

Das unterscheidet uns vom Rest der

Menschheit“, sagt einer von ihnen mit einem

Anflug von Arroganz.

ILLUSTRATION: NICHOLAS BLECHMAN

Treffpunkt von Geld und Glamour:

Der VIP-Tag vor der offiziellen Eröffnung

der Kunstmesse Frieze im Londoner

Regent’s Park ist Stars, Fotomodellen

und finanzkräftigen Sammlern vorbehalten.

Hier trifft man sie, die lässigen Millionäre

im T-Shirt und offenen Hemd, die

auf der Suche nach hipper Gegenwartskunst

durch das weiße Zelt mit den rund

150 Galerien aus aller Welt schlendern und

versuchen, sich die besten Stücke zu sichern.

Jeff Koons’ Pop-Skulptur eines kopfstehenden

Hummers etwa oder Jennifer

Rubells gigantische Plastik einer Schwangeren,

deren offene Bauchhöhle zum Kuscheln

einlädt. Daria („Dascha“) Schukowa,

die Freundin des Oligarchen Roman

Abramowitsch, ist am VIP-Tag traditionell

dabei, ebenso wie das frühere Supermodel

Elle Macpherson, Schauspielerin Uma

Thurman und viele Hedgefondsmanager.

Für die ist moderne Malerei nicht nur Statussymbol:

„Hedgies kaufen Kunst, weil

das ihnen hilft, Stress zu bekämpfen und

eine andere Perspektive zu finden“, sagt der

Galerist Joe La Placa. Ein Warhol, Pollock

oder Picasso an der Wand eines Büros im

Londoner Edelviertel Mayfair sendet allerdings

auch eine klare Botschaft an reiche

Kunden: „Seht her–ich hab’s geschafft!“

Nirgendwo in Europa operieren mehr

Hedgefonds als in Mayfair, weltweit sind

»Der Rest der

Menschheit hat

Angst vor dem

Risiko, wir nicht«

Hedgefondsmanager

„WIE VIEL GELD BRAUCHEN WIR?“

Er und seine Mitstreiter suchen unterbewertete

Aktien, Unternehmen mit schwachem

Management. Schon äußerlich setzen

sich die Hedgefondsmanager von den

uniformiert wirkenden Bankern ab. Vom

Krawatten- und Anzugzwang haben sie

sich längst befreit. Viele haben früher

selbst in Investmentbanken gearbeitet, bei

Goldman Sachs, Merrill Lynch oder der

Deutschen Bank; als Experten für Übernahmen,

Analysten oder Händler und haben

dabei Millionen-Boni eingestrichen.

Dann sind sie ausgestiegen, machten

sich selbstständig. „Privatiers“, so nannte

man früher reiche Menschen, die sich nur

noch um die Mehrung des eigenen Vermögens

kümmern mussten. Der jahrelange

Boom der Finanzindustrie hat in London,

New York und Greenwich im US-Staat

Connecticut eine ganz neue Klasse von

Selfmade-Millionären geschaffen.

„Meiner Frau habe ich gesagt: Wie viel

Geld ist eigentlich nötig? Brauchen wir

wirklich noch mehr? Ich mach jetzt lieber,

was ich will“, bringt es ein ehemaliger Private-Equity-Manager

auf den Punkt. Mit 48

hat er sich aufs Altenteil zurückgezogen.

Statt das Geld fremder Anleger zu platzieren,

managt er nur noch seine eigenen Investitionen,

kocht einmal in der Woche für

seine Familie – Gourmetrezepte, selbstverständlich

– und steuert seinen Vintage-Ferrari

bei der Oldtimer-Rallye Mille Miglia

durch den italienischen Apennin.

Mit 40 oder 50 Jahren sind Banker in

London oft so gut situiert, dass sie kein

»

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 87

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse

»

Geld mehr verdienen müssen. Jim

O’Neill, langjähriger Chefvolkswirt und

Partner von Goldman Sachs, stieg mit 56

aus, nach 31 Jahren in der City. Die clever

in Form von Fonds vermarktete Abkürzung

BRIC für die Wachstumsmärkte Brasilien,

Russland, Indien und China hatte ihn vor

zwölf Jahren weltberühmt gemacht. Bei

Goldman räumte man dem Briten, den viele

als Rockstar einer trockenen Zunft verehrten,

viele Freiheiten ein. Doch künftig

macht der Sohn eines Postboten aus Manchester

wirklich nur noch, was er will. So

produziert der Multimillionär jetzt für die

BBC eine Radio-Serie über die MINT-Staaten

(Mexiko, Indonesien, Nigeria, Türkei),

ohne Honorar. Außerdem kümmert sich

O’Neill als Vorsitzender um die von ihm

mitgegründete Wohltätigkeitsorganisation

Shine, die unterprivilegierten Kindern bessere

Schulbildung ermöglichen soll.

»Macht mir mein

Job noch Spaß?

Bin ich immer

noch gut darin?«

Vermögensverwalter Bonham Carter, Jupiter

„AN DIE NÄCHSTE GENERATION“

Auch der 53-jährige Chef der Vermögensverwaltung

Jupiter, Edward Bonham

Carter, kündigte gerade überraschend seinen

Rücktritt an. Der Bruder der Schauspielerin

Helena Bonham Carter („The

King’s Speech“) sagte einmal, er stelle sich

jeden Morgen die Frage: „Macht mir mein

Job noch Spaß? Bin ich immer noch ein guter

Vermögensverwalter?“ Fragen, die er

nach mehr als zehn Jahren an der Spitze

von Jupiter nun offenbar mit „Nein“ beantwortet.

Ab März wird er bei Jupiter Vize-

Aufsichtsratschef sein. Finanziell hat er

ausgesorgt: Sein 2,8-Prozent-Anteil an Jupiter

ist knapp 50 Millionen Pfund wert.

So mancher Abschied ist nicht ganz freiwillig:

„Nach fast 25 Jahren mit M&G ist die

Zeit gekommen, um den Stab an die nächste

Generation weiterzugeben“, schwafelte

Graham French vom Aktienfonds M&G

Global Basics, einer der Stars der Branche.

Der Mann ist gerade mal 47. 2012 hatte seine

Performance gelitten, weil er die Entwicklung

der Rohstoff- und Minenaktien

falsch eingeschätzt hatte. An manchen Tagen

habe er sich so mies gefühlt, dass er am

liebsten die Decke über den Kopf gezogen

hätte und im Bett geblieben wäre, räumte

er ein. Nun bleibt er M&G noch sechs Monate

als Berater erhalten, eine vertraglich

vereinbarte Zwangspause. Ist die abgelaufen,

kann French neu durchstarten – womöglich

mit seinem eigenen Hedgefonds.

Neben Karriereknick und Sehnsucht

nach neuen Herausforderungen bewegt

auch die Abneigung gegen das immer enger

geschnürte Korsett neuer Finanzmarktregulierung

Banker dazu, der City den Rücken

zu kehren. „Der Wechsel zu einem

Hedgefonds wirkt befreiend, allerdings

schauen einem dann die Investoren auf die

Finger“, sagt Meyrick Chapman, der vor

fünf Jahren zu Elliott Advisors ging, dem

britischen Ableger des 24 Milliarden Dollar

schweren New Yorker Hedgefonds Elliott

International Associates. Rund 26 Jahre

hatte Chapman zuvor in der City verbracht,

unter anderem als Rohstoffhändler und im

Eigenhandel von Bankers Trust.

Das Haus ist längst abbezahlt, die Kosten

für die Privatschule der Kinder und die Urlaubsreisen

werden quasi aus der Portokasse

finanziert–dann fehlt der Nervenkitzel,

den die Alphatiere der City brauchen,

um ihren Drang nach Anerkennung zu befriedigen.

Im Reich der wenig regulierten

Schattenbanken –vor allem bei Hedgefonds

und Private-Equity-Gesellschaften –

finden sie Zuflucht, Herausforderungen,

Motivation und abermals viel Geld. Denn

anders als bei den Banken, die von der EU

künftig an eine kürzere Leine genommen

werden sollen, gibt es bei den Schattenbanken

auch künftig keine Bonusbeschränkungen.

Und wenn es gut läuft, sind

die Prämientöpfe milliardenschwer:

Hedgefonds kassieren traditionell zwei

Prozent des angelegten Vermögens plus 20

Prozent des Fondsgewinns als Gebühren.

88 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


»Gäbe man ihm

Gummibärchen

statt Geld, wäre er

auch zufrieden«

Ex-Börsenchef Seifert über TCI-Manager Hohn

Die „Sunday Times“, die jedes Jahr eine

Liste der 1000 reichsten Einwohner Großbritanniens

veröffentlicht, konstatierte zuletzt,

dass 778 Superreiche ihren Wohlstand

nicht geerbt, sondern selbst erarbeitet

hatten. Ein Viertel dieser Selfmademen

stammt aus dem Finanzbereich. Reichster

Hedgefondsmanager ist der Brite Alan Howard,

der einst als Händler für Credit Suisse

arbeitete, mit einem Vermögen von geschätzt

1,5 Milliarden Pfund.

Auf Platz sechs der Liste stehen Crispin

Odey und Nichola Pease, eine der wenigen

Frauen in der Hedgefondsszene, mit einem

gemeinsamen Vermögen von 450 Millionen

Pfund. Das Paar lebt mit seinen drei

Kindern in einer ruhigen Straße in Chelsea,

wo Häuser mindestens zehn Millionen

Pfund kosten. Der 54-jährige Odey, der in

erster Ehe mit der ältesten Tochter von

Pressebaron Rupert Murdoch verheiratet

war, setzt aktuell Millionen auf einen fallenden

Aktienkurs von Manchester United.

Auf seinem Landgut vertreibt er sich daneben

die Zeit mit der Jagd – einem Hobby,

das bei Hedgies sehr en vogue ist.

Wieder aufgetaucht ist gerade der Ex-

Chef der Barclays Bank, Bob Diamond.

Rund anderthalb Jahre nachdemerüber

den Skandal um Manipulationen des Libor-Zinssatzes

gestolpert war, hat der

62-jährige, von Ex-Labour-Wirtschaftsmi-

nister Peter Mandelson einst als das „unakzeptable

Gesicht des Kapitalismus“ angeprangert,

mit seinem Finanzvehikel Atlas

Mara an der Börse 325 Millionen Dollar

eingesammelt, für Investitionen in Afrika.

Dass Diamond Geld braucht, ist eher unwahrscheinlich:

Von 2006 bis Sommer

2012 soll er bei Barclays fast 100 Millionen

Pfund verdient haben.

Sein Afrika-Engagement ist kein wohltätiges,

er will in die Finanzbranche der Sub-

Sahara investieren. Für andere Superreiche

der Finanzwelt aber sind längst nicht mehr

nur Yacht und Kunstsammlung Statussymbole.

Ein wohltätiger Zeitvertreib ist ein absolutes

„Must have“.

„NICHT AM SCHREIBTISCH ALTERN“

Davide Serra etwa, der nach einer Karriere

als Bankanalyst – zuletzt bei Morgan Stanley

–2006 den Hedgefonds Algebris gründete,

hat mit seiner Frau Anna eine Wohltätigkeitsorganisation

gegründet: „Hakuna

Matata“, für soziale Projekte in Tansania.

Starthilfe für seinen Fonds, der heute 1,2

Milliarden Dollar verwaltet, erhielt Serra

von einem anderen Hedgefondsmanager:

Chris Hohn, Chef von TCI (The Children’s

Investment Fund). Hohn hat seit 2003 rund

eine Milliarde Pfund an die Children’s Investment

Fund Foundation (CIFF) seiner

Frau überwiesen. Die Stiftung finanziert

Hilfsprojekte in Indien und Afrika.

„Die meisten Hedgefondsmanager werden

an ihrem Schreibtisch alt. Er wollte etwas

tun, um die Welt zu verbessern“, sagt

seine Frau Jamie Cooper-Hohn gern, wenn

es um die Genese von TCI und CIFF geht.

Frankfurts Ex-Börsenchef Werner Seifert,

der 2005 ein Opfer von Hohns aggressivem

Aktionismus wurde, glaubt allerdings, dass

dessen wahre Triebfeder das Streben nach

Sieg ist: „Wenn man ihm statt Geld Gummibärchen

gäbe, wäre er vermutlich auch

damit zufrieden“, schreibt Seifert im Buch

„Invasion der Heuschrecken“.

Der niederländische Anthropologe Joris

Luyendijk, der über 100 Banker befragt hat,

sieht viele Getriebene, geprägt von Rivalität,

Wettkampfdenken und Spielsucht. „Sobald

das Geld zu fließen beginnt, ist es sehr,

sehr schwer, sich davon zu lösen... und sobald

man gewonnen hat, kommt dann dieses

Gefühl der Leere, das Bestandteil jeder

Sucht ist“, sagt einer der unter Zusage

strenger Anonymität interviewten Banker.

Selbst finanzielle Freiheit bedeutet eben

nicht immer, frei von Zwängen leben zu

können.

n

yvonne.esterhazy@wiwo.de | London

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 89

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse | Steuern und Recht

86 Milliarden bis Mitte 2013

reduziert. HSH Nordbank und

Commerzbank deckten

Ende 2008 etwa 58 Prozent der

Schiffsfinanzierungen in

Deutschland ab. Angeblich

trennen sich Banken von

Schiffskrediten, weil sie Auflagen

des Abkommens Basel III

erfüllen wollen, das sie zwingt,

mehr Eigenkapital zu halten.

Vor allem dürfte ihnen das Geschäft

zu riskant geworden sein.

SCHIFFSFONDS

Von Bord gegangen

Banken und Initiatoren sanieren sich bei Schiffsfonds, Anleger zahlen drauf.

Optimismus sieht anders aus.

Die HSH Nordbank, der weltgrößte

Schiffsfinanzierer, rechnet

frühestens 2015 mit einer

Erholung auf dem Schiffschartermarkt.

Derweil müssen

Schiffsfonds, geschlossene Beteiligungen,

mit denen Privatanleger

in Frachtschiffe investieren,

bluten. Allein in diesem

Jahr sind 120 pleitegegangen.

Seit 2009 sind esetwa 400.

Die Banken, die jahrzehntelang

gut an Provisionen und

Kreditzinsen für Schiffsbeteiligungen

verdient haben, gehen

RECHT EINFACH | Wintersport

Wintersport macht Spaß,

kann aber auch gefährlich

werden. Oft haben die Unfälle

ein juristisches Nachspiel.

§

Flugnummer. Ein junger

Mann aus dem Ruhrgebiet

ging in den Stadtpark zum

Rodeln. Leider suchte er

sich einen Hügel aus, dessen Sockel

an einer Betonkante endete.

Er konnte nicht mehr bremsen

und landete unsanft auf der am

Hügel vorbeiführenden Straße.

Schadensersatz von der Kommu-

jetzt von Bord. So hat die HSH

Nordbank das Geschäft mit

Schiffskrediten eingedampft:

Bereits im September habe sie

diese Sparte auf 15 Milliarden

Euro reduziert. Ende 2009

waren es noch 21 Milliarden.

Nach den Vorgaben der EU

hätte die HSH Nordbank bis

Ende 2014 Zeit gehabt, den

Bestand an Schiffskrediten zu

verringern, so die Bank.

Noch radikaler geht die Commerzbank

vor, die gar keine

Schiffskredite mehr vergeben

will und sich sukzessive von

ne als Eigentümerin des Parks bekam

er keinen. Vor Gericht wurde er

belehrt, dass die Grünanlage nicht

für Schlittenfahrer, sondern für

Spaziergänger gedacht sei (Oberlandesgericht

Hamm, I-9 U 81/10).

Bocksprung. Zwei 15-jährige Jungen

aus der Nähe von Nürnberg

veranstalteten in einer Eishalle

Bockspringen. Bei einem Sprung

rutschte einer aus, sein Freund fuhr

ihm mit den scharfen Kufen seiner

Schlittschuhe über den linken Zeigefinger.

Für das bei dem Unfall

laufenden Finanzierungen

trennt. Mitte Dezember verkaufte

die Bank ein 280 Millionen

Euro schweres Portfolio aus

Krediten für 14 Chemikalientanker

an den US-Hedgefonds

Oaktree Capital. Ende September

hatte die Commerzbank

noch Schiffsfinanzierungen im

Wert von 15,7 Milliarden Euro

im Portfolio.

Die sieben wichtigsten deutschen

Banken für die Schiffsfinanzierung

haben laut Bundesbank

ihre Forderungen von 97

Milliarden Euro Mitte 2012 auf

verlorene erste Fingerglied erhielt

der Teenager von seinem Kumpel

2500 Euro Schmerzensgeld. Nach

Ansicht der Richter war der Verursacher

des Schadens alt genug,

um die Gefährlichkeit der Aktion

verstehen zu können. Da beide

das Bockspringen gemeinsam geplant

hätten, bekäme der Geschädigte

allerdings nur die Hälfte der

SARGNAGEL FÜR FONDS

Für Schiffsfonds ist die Flucht

der Banken aus der Schiffsfinanzierung

so etwas wie ein

Sargnagel. „Wenn eine Finanzierung

ausläuft, findet sich zurzeit

keine finanzierende Bank,

die den Kredit übernimmt.

Meist ist auch der Restwert des

Schiffes so gering, dass keine

ausreichende Sicherheiten

vorhanden sind“, sagt Peter

Hahn, Rechtsanwalt aus Hamburg.

Die Schiffe sind nach Beginn

der Finanzkrise deutlich

weniger wert, weil die Charterraten

massiv eingebrochen

sind. Wie viel ein Schiff wert ist,

misst sich nach der Höhe der

Charterrate.

Gerät ein Schiffsfonds ins

Schlingern, versuchen die

Banken ihr Geld ins Trockene

zu bringen. „Im Fall von Sanierungsmaßnahmen

bedarf es

immer eines positiven Fortführungsgutachtens

eines unabhängigen

Sachverständigen“,

sagt Christian Nieswandt, Leiter

des Unternehmensbereiches

ihm sonst zustehenden 5000 Euro

(Oberlandesgericht Nürnberg,

14 U 1768/08).

Bandscheibe. Eine Frau aus

Nordrhein-Westfalen fuhr auf

einer Bobbahn und hatte anschließend

Beschwerden mit der

Bandscheibe. Ursache seien

Unebenheiten im Eiskanal. Schadensersatz

bekam sie keinen.

Bahnbedingte Erschütterungen

gehörten beim Bobfahren dazu,

meinten die Richter (Oberlandesgericht

Hamm, 2 O 456/02).

FOTOS: LAIF/CHRISTOPH PAPSCH, GETTY IMAGES/SEAN GALLUP, ULLSTEIN BILD/REUTERS/FABRIZIO BENSCH, PR

90 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Shipping bei der HSH Nordbank.

Fehle eine positive Prognose,

komme es auch bei laufenden

Finanzierungen zu

Kündigungen. Beim Abbau der

Schiffskredite sei es unerheblich,

ob die Finanzierungen notleidend

seien oder nicht, so die

Commerzbank.

RISIKO NOTVERKAUF

Verabschiedet sich die Bank aus

der Finanzierung, bleibt in der

Regel nur der Verkauf der Schiffe

zu einem Preis, der meist nur

die Schulden bei der Bank

deckt. Die Anleger gehen bei einem

solchen Notverkauf in der

Regel leer aus. Banken, denen

selbst das Wasser bis zum Hals

steht, können darauf keine

Rücksicht nehmen. Sie drängen

auf einen zügigen Verkauf. Das

Dortmunder Emissionshaus Dr.

Peters Group beispielsweise

wurde von der Commerzbank

gebeten, „einvernehmliche

Gespräche mit dem Charterer

über einen Verkauf der Schiffe

der Fonds Nr. 106, 109 und 110

zu führen“. Gegenüber der WirtschaftsWoche

erklärte Dr. Peters,

die Charterraten dieser

Schiffe hätten sich in den letzten

Wochen rapide verbessert.

Deshalb habe die Commerzbank

„keinen weiteren Druck

ausgeübt“ und führe die Finanzierung

weiter. Am 9. September

hatte die Fondsgeschäftsführung

die Anleger über die

Verkaufsabsichten der Commerzbank

informiert. Dass die

Commerzbank komplett aus

Schiffskrediten aussteigen will,

ist seit Juni 2012 bekannt. Ob

alle Anleger mit Schiffsfonds

davon wussten, bleibt fraglich.

Ist der Kredit gekündigt,

kommen die Anleger in eine

Zwangslage: Entweder, sie stimmen

einem Notverkauf zu und

verlieren ein Großteil ihres Geldes,

oder sie entscheiden sich

für eine Weiterführung mit

ungewissem Ausgang. Genauso

geht es derzeit den Anlegern

des Fonds MS Navalia 3 des

Emissionshauses MPC. Ein Verkauf,

so MPC, bringe derzeit

umgerechnet nur 3,7 Millionen

Euro ein. Bank und Anleger haben

bei Auflage des Fonds 27,3

Millionen Euro aufgebracht. Ein

Gutachten für den von MPC geschätzten

Verkaufserlös gebe es

nicht, der Betrag beruhe auf

„Marktanalysen“. Ein Weiterbetrieb

des Fonds Navalia 3 macht

derzeit kaum Sinn. Das Schiff

bringe laut MPC derzeit nur

7000 Dollar pro Tag Charter ein.

Um alle Kosten inklusive der

Finanzierung zu decken, wären

aber 10 000 Dollar pro Tag nötig,

so MPC.

„Dass Initiatoren an Verlustbringern

festhalten, hat zwei

Gründe: Hoffnung auf Besserung

und die Aussicht, weiter

Gebühren für das Management

des Fonds kassieren zu können“,

sagt Dietmar Kälberer,

Fachanwalt für Kapitalanlagerecht

aus Berlin. Ohne nachhaltige

Besserung des Chartermarkts

sei jede Sanierung eines

Schiffsfonds zum Scheitern verurteilt.

Dass die Wende zum

Besseren schnell kommt, ist unwahrscheinlich.

„Die Reeder investieren

trotz eines Überangebots

von Frachtkapazitäten in

neue Tonnage, um mit größeren,

energieeffizienteren

Schiffstypen, deren Betriebskosten

geringer sind, wettbewerbsfähiger

zu sein. Mit dem

zusätzlichen Angebot an Schiffen

verlängert sich aber die Krise

auf dem Chartermarkt“, sagt

Markus Gerhard, Experte für

Schiffsfinanzierung an der

Frankfurt School of Finance &

Management.

Für das Überangebot sind

auch die Schiffsfonds verantwortlich.

Anders als viele Profis

aus der Schiffsbranche haben

sie vor allem in kleinere Schiffe

investiert, die derzeit weit weniger

gefragt sind. So haben

Schiffsfonds beispielsweise

Panamax-Schiffe finanziert, die

sich an den bisherigen Maßen

des Panamakanals in Mittelamerika

orientierten. Seit 2007

wird der Kanal ausgebaut, um

deutlich größeren Schiffen eine

Passage zu ermöglichen. 2015

wird der Ausbau abgeschlossen

sein. Der Schiffsfonds CFB

162 von der Commerzbank, der

ein Containerschiff der Panamax-Klasse

finanzierte, wurde

noch 2007 aufgelegt. Dumm für

die Anleger, dass Panamax-

Schiffe künftig für diese Kanalpassage

nicht mehr gebraucht

werden.

VERLUSTE ABWEHREN

Anleger, die in einem sanierungsbedürftigen

Schiffsfonds

gefangen sind, können sich juristisch

gegen drohende Verluste

wehren. Dazu müssen sie der

vermittelnden Bank nachweisen,

dass sie verdeckte Provisionen

verschwiegen oder die betroffenen

Anleger falsch

beraten hat. In eindeutigen Fällen

haben die Anleger gute

Chancen, ihr Geld wiederzubekommen.

So wurden Beteiligungen

an Schiffsfonds in Einzelfällen

auch an Rentner

verkauft, die eine risikoarme Altersvorsorge

suchten. Die Commerzbank

etwa wurde vom

Landgericht Wuppertal (3 O

467/12) zu Schadensersatz verurteilt,

weil sie 2004 einem heute

87-jährigen Anleger den

Schiffsfonds LF Flottenfonds IV

verkauft hatte. Die Bank hatte

dem Rentner verdeckte Provisionen

verschwiegen. In diesem

Fall hatte die Commerzbank im

Seniorenheim eine Zweigstelle.

martin.gerth@wiwo.de

KAPITALERHÖHUNG

VOLKER ARNDT

ist Fachanwalt

für Steuerrecht

in der

Sozietät Ruge

Purrucker

Makowski.

n Herr Arndt, was droht

Anlegern bei vor 2009

gekauften Aktien, wenn eine

Kapitalerhöhung ansteht?

Anleger können Gewinne mit

ihren Altaktien vor und nach

der Kapitalerhöhung steuerfrei

realisieren. Auch die während

der laufenden Kapitalerhöhung

zugeteilten und meist

handelbaren Bezugsrechte

können sie steuerfrei verkaufen.

Beteiligen sich die

Anleger aber an der Kapitalerhöhung

und bekommen

neue Aktien, verlieren sie für

diese die Steuerfreiheit. Hier

gilt das Datum der Kapitalerhöhung

als Kaufdatum.

n Wäre es steuerlich sinnvoller,

die Bezugsrechte

zu verkaufen und den Erlös

wieder in die Aktien

zu stecken, als sich diese

direkt zuteilen zu lassen?

Nur steuerlich betrachtet: Ja,

denn so können die Anleger

den Wert des Bezugsrechts,

zum Beispiel die Differenz aus

aktuellem Börsenkurs und

Ausgabepreis der neuen

Aktien, steuerfrei einnehmen.

Sie tragen für die nachfolgende

Anschaffung der neuen

Aktien allerdings das Risiko

der Eindeckung zu einem

dann erhöhten Kurs. Dies

könnte den Vorteil aufwiegen.

n Was müssen Anleger beachten,

wenn sie sich an der

Kapitalerhöhung beteiligen?

Sie sollten die abgeltungsteuerfreien

Altbestände in ein

Zweitdepot übertragen. Sonst

geht das Finanzamt beim Verkauf

davon aus, dass zuerst

die abgeltungsteuerfreien Altaktien

verkauft werden. Das

wird meist unerwünscht sein.

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 Redaktion: niklas hoyer, heike schwerdtfeger | Frankfurt

91

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Aktien bieten noch

Chancen, ganz unabhängig von

runden Rekordständen.

Von Hauke Reimer

Dax X-Tausend

Die optimistischen

Prognosen zum Jahresanfang

sind gerade

veröffentlicht, da

beginnt der Dax zu schwächeln.

Dabei hatten wir die 10 000

doch fest im Visier. Runde Marken

im Dax aber haben praktisch

keine Bedeutung. Überwindet

der Dax in schneller

Folge Tausender-Marken, kann

dies einen intakten Aufwärtstrend

signalisieren – aber eben

auch eine Übertreibung. Eine

Anlageentscheidung darauf

aufzubauen grenzt an Aberglauben.

„Zwei Mal stieg der

Dax über 8000 Punkte – und

stürzte ab. Verkaufen würde ich

trotzdem nicht“, war Anfang

März bei einem Dax-Stand von

7940 an dieser Stelle zu lesen

(WirtschaftsWoche 11/2013).

Das gilt weiter, auch bei Dax

10 000. Die US-Notenbank, die

Märkte mit Geld flutet und die

Börsen treibt, hat zwar den

Schalter umgelegt, will ihre Anleihekäufe

von 85 Milliarden

Dollar monatlich auf 75 Milliarden

kürzen. Doch das sind Marginalien,

auf die die Börsen vorbereitet

waren. Die Zinsen

werden unten bleiben, Anlagealternativen

sind rar und die

Gewinne vieler deutscher Unternehmen

in Ordnung. Die

Schuldenkrise ist nicht gelöst,

aber in der allgemeinen Wahrnehmung

in den Hintergrund

getreten. Dass die Probleme

nur aufgeschoben sind, ist bekannt,

doch noch, so trivial es

klingen mag, spielt die Musik.

Wer nicht mittanzt, also in Erwartung

des sicher irgendwann

fälligen Crashs nur Bargeld und

Gold hält, verpasst Gewinne.

Anleger sichern sich ab, indem

sie ihr Vermögen breit verteilen

(siehe Seite 81), am besten

nach festen Regeln, aber eben

auch auf Aktien.

Prognosen über Dax 10 000 ,

11 000, 12 000 – wer bietet

mehr? – helfen dabei kaum weiter.

Eine satte Mehrheit der

Prognostiker erwartet, dass der

Dax im Jahr 2014 die Marke von

10 000 Punkten nimmt. Ich

rechne auch damit. Ist das nun

besonders mutig? Wohl kaum.

Von 9550 Punkten zum Jahresschluss

müsste der Dax nur

noch fünf Prozent gutmachen.

Allein in diesem Jahrtausend

aber schaffte er acht Mal einen

Tagesgewinn von über sieben

Prozent.

IMMER MIT DEM TREND

Die höchste Prognose für den

Dax, die Banken gegenüber dem

„Handelsblatt“ abgaben, lag bei

11 000 Punkten. Das Problem:

Beobachter geben immer wieder

der Versuchung nach, den

Trend der Vergangenheit vorsichtig

fortzuschreiben. Dass es

dann so kommt, ist unwahrscheinlich.

Holger Benke, Geschäftsführer

der Hertie-Stiftung,

hat einmal nachgerechnet

und 416 Dax-Prognosen untersucht,

die Banken für die Jahre

1992 bis 2005 abgegeben haben.

Wie stark der Dax stieg oder

fiel, hatte damals kaum ein Analyst

auch nur annähernd richtig

vorhergesagt. Zwei Drittel der

Prognosen erkannten zwar die

Richtung, in die der Dax gehen

würde. Ein Kunststück ist aber

auch das nicht: In den vergangenen

65 Jahren schlossen deutsche

Aktien 45 Jahre mit einem

Plus ab, der Dax verbuchte seit

seiner Einführung 18 Gewinnund

acht Verlustjahre. Wer einfach

immer steigende Kurse vorhersagte,

lag also in mehr als

zwei Dritteln der Fälle richtig.

TREND DER WOCHE

Eine Chance für Kupfer

Der Bedarf an Industriemetallen wächst, doch nicht

überall müssen deshalb gleich die Preise steigen.

Nach drei Jahren Baisse proben

die Metalle den Aufschwung:

die Preise für Kupfer und Aluminium,

die führenden Industriemetalle,

legten im vergangenen

Monat um gut fünf Prozent

zu. Auslöser sind die optimistischen

Prognosen zur weltweiten

Konjunkturentwicklung; zuletzt

setzte der IWF seine

Wachstumserwartungen für die

US-Wirtschaft herauf.

Vor allem bei Kupfer steigt

der Bedarf. In den Schwellenländern

treiben Verstädterung

und Industrialisierung die

Nachfrage (in China lagen die

Kupferimporte Ende 2013 mit

einer zweistelligen Prozentrate

über Vorjahr). In den Industrieländern

wächst der Bedarf dank

des dynamischen Häusermarkts,

besonders in den USA

Höher stapeln

8300 Dollar je Tonne Kupfer im Visier

und in Deutschland. Auf der

anderen Seite deckeln Minenschließungen

und ein sinkender

Kupfergehalt je Tonne Erz

bei laufenden Projekten das

Angebot. Der Kupferpreis hat

2014 die Chance auf eine Wende.

Nächstes Ziel wären die

Top-Notierungen von Anfang

2013 (8300 Dollar je Tonne).

Weniger gut sind die Aussichten

für Aluminium. Zwar steigt

auch hier die Nachfrage;zudem

kündigen Hersteller wie Rio

Tinto oder die russische UC

Rusal Förderkürzungen des für

Alu notwendigen Rohstoffs

Bauxit an. Doch die Lagerbestände

sind hoch, und im

Hauptverbraucherland China

wird die Produktion massiv ausgeweitet.

Mehr als eine kurze

Erholung ist bei Alu kaum drin.

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 2.1.2014 / 18.02 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 9400,04 –0,9 +20,8

MDax 16516,85 +0,2 +35,9

Euro Stoxx 50 3059,93 –0,4 +12,9

S&P 500 1832,73 –0,5 +25,3

Euro in Dollar 1,3658 –0,2 +3,0

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 1,94 +0,06 2 +0,50 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 3,02 +0,03 2 +1,18 2

Rohöl (Brent) 3 108,67 –2,7 –3,7

Gold 4 1225,00 +2,2 –27,7

Kupfer 5 7439,50 +2,2 –8,0

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 897,44 Euro; 5 in Dollar pro Tonne; Quelle: vwd group

FOTOS: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PICTURE-ALLIANCE/DPA/BODO MARKS, ACTION PRESS/BERND KAMMERER

92 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


DAX-AKTIEN

Spitzenpreis in Sicht

Versilbert die Telekom ihr US-Geschäft, wird sie in

Europa stärker – und bleibt ein Top-Dividendenwert.

HITLISTE

Gefährlicher Hunger

Bis zu 87 Prozent verloren

Der Börsengang des US-Ablegers

T-Mobile im vergangenen

Mai entpuppt sich als Geniestreich:

Nicht nur, dass sich

die Aktie (von der zwei Drittel

der Deutschen Telekom gehören)

binnen acht Monaten auf

33,60 Dollar verdoppelt hat.

Jetzt besteht die Chance, dass

die Telekom den Verkauf zu

einem Spitzenpreis realisieren

kann. Interessenten gibt es

mehrere: den japanischen

Kommunikationsriesen Softbank,

der seine US-Tochter

Sprint mit T-Mobile verschmelzen

könnte; oder den

amerikanischen Satellitenfernsehanbieter

Dish, der den Einstieg

in den US-Mobilfunkmarkt

sucht. 18 Milliarden Dollar ist

der Telekom-Anteil von T-Mobile

derzeit an der Börse wert.

Wenn die Telekom darauf einen

25-prozentigen Aufschlag herausholt,

wären das 22,5 Milliarden

Dollar (16 Milliarden Euro)

Verkaufserlös. Damit käme die

Telekom beim Netzausbau in

Europa einen großen Schritt voran

und hätte nebenbei genug

Geld für eine hohe Dividende.

NEUEMISSIONEN

Fleißig abgestoßen

China-Aktien sollten der Frankfurter Börse globalen

Glanz verleihen. Für Anleger waren sie ein Desaster.

Dax

Kurs Kursent- Gewinn KGV Börsen- Dividen-

(€) wicklung pro Aktie (€) wert den-

1 Woche 1 Jahr 2013 2014 2014

(Mio. €) rendite

(%) 1

Dax 9400,04 +0,7 +20,8

Aktie

Stand: 2.1.2014 / 18.02 Uhr

Adidas 91,40 +2,8 +35,4 4,03 4,96 18 19122 1,48

Allianz 128,15 +0,8 +18,3 13,37 13,66 9 58430 3,51

BASF NA 76,38 +1,5 +4,4 5,44 5,98 13 70153 3,40

Bayer NA 100,05 +0,7 +39,0 5,70 6,44 16 82736 1,90

Beiersdorf 73,12 –0,5 +16,9 2,37 2,67 27 18426 0,96

BMW St 83,54 +0,2 +10,0 7,95 8,16 10 53579 2,99

Commerzbank 11,47 +1,3 +2,9 0,31 0,76 15 13059 -

Continental 157,50 –0,5 +76,7 11,07 12,47 13 31501 1,43

Daimler 61,65 +1,3 +44,7 5,40 5,71 11 65931 3,57

Deutsche Bank 34,09 +1,7 –0,2 3,06 4,13 8 34751 2,20

Deutsche Börse 59,77 +4,7 +27,2 3,39 3,95 15 11536 3,85

Deutsche Post 25,91 –0,3 +52,4 1,51 1,64 16 31326 2,70

Deutsche Telekom 12,13 –1,9 +38,5 0,67 0,70 17 53993 5,77

E.ON 13,06 –1,1 –9,0 1,19 1,01 13 26123 8,43

Fresenius Med.C. St 50,64 –1,6 –2,9 3,59 3,93 13 15574 1,48

Fresenius SE&Co 110,95 –0,3 +27,5 5,80 6,52 17 25039 0,86

Heidelberg Cement St 55,27 +2,3 +16,2 3,68 4,23 13 10363 0,85

Henkel Vz 82,77 +0,6 +31,4 4,05 4,43 19 34114 1,15

Infineon 7,67 +1,2 +19,9 0,26 0,39 20 8287 1,57

K+S NA 21,61 +5,0 –38,5 2,13 1,14 19 4136 6,48

Lanxess 47,62 +4,9 –29,3 1,48 3,49 14 3962 2,10

Linde 150,50 +0,7 +14,0 7,95 8,98 17 27940 1,79

Lufthansa 15,17 –1,4 +2,4 0,89 1,49 10 6977 -

Merck 129,00 +0,8 +27,1 8,81 9,23 14 8336 1,32

Münchener Rückv. 156,30 –2,0 +12,4 16,73 16,89 9 28031 4,48

RWE St 25,65 –2,2 –18,9 3,92 2,47 10 15635 7,80

SAP 61,67 +1,1 –0,7 3,31 3,65 17 75762 1,78

Siemens 98,99 +1,6 +22,0 4,80 6,73 15 87210 3,03

ThyssenKrupp 17,10 +0,1 –8,3 0,04 0,60 29 8798 -

Volkswagen Vz. 200,50 +1,3 +12,0 20,47 23,61 8 91288 1,78

1

berechnet mit der zuletzt gezahlten Dividende

Warum in aller Welt müssen

chinesische Unternehmen in

Frankfurt an die Börse? Weil

in China sehr viel mehr an die

Börse wollen, als die Regierung

es zulässt. Weil sie gute

Geschäfte in Deutschland

machen, weil sie hier mehr

Aufmerksamkeit bekommen

als in New York. Diese Story

haben sie versucht, uns zu erzählen,

die chinesischen Manager

selbst, so sie des Englischen

mächtig waren, und all

ihre Berater und Investmentbanker.

Der wahre Grund war

wohl doch ein anderer: Weil

Gefräßige kleine Drachen

Wie sich China-Aktien in Frankfurt entwickelten

Börsengang

im

Nov.2012

Juli 2012

Juli 2012

Mai 2012

Dez. 2011

Juli 2011

Juli 2011

Juni 2011

April 2011

März 2010

Okt. 2009

Unternehmen/Branche

Firstextile/Herrenhemden

Fast Casualwear/Freizeitkleidung

Ming Le Sports/Sportbekleidung

Haikui Seafood/Meeresfrüchte

Ultrasonic/Schuhe

Youbisheng Green Paper/Altpapier

China Specialty Glass/Spezialglas

United Power Technology/Generatoren

Powerland/Handtaschen

Joyou/Armaturen

Vtion Wireless/Mobilfunk

Quelle: Deutsche Börse, Bloomberg

sie hofften, hier mehr Dumme

zu finden als anderswo. Deutsche

Anleger gaben zwar nur

sehr wenig Kapital. Aber die

Unternehmen hatten eine Börsennotierung

für ihr gesamtes

Aktienkapital (vorletzte Spalte

der Tabelle). Die Investoren

hinter den Unternehmen konnten

aus ihren Holdings in Singapur

oder Cayman Islands fleißig

Aktien abstoßen. Jetzt droht

schon die nächste China-Initiative:

Außenminister Frank-Walter

Steinmeier will Frankfurt zu

einem Zentrum des weltweiten

Yuan-Handels machen.

Emissionspreis/

Erster Preis

(Euro)

10,00/10,00

5,00/5,00

13,00/13,20

10,00/10,00

9,00/9,00

6,50/6,60

9,00/9,00

9,00/9,10

15,00/16,50

13,00/14,75

10,75/10,75

Börsenwert

bei

Emission

(Mio. Euro)

118

57

204

103

96

66

136

91

248

354

172

Gewinn/

Verlust für

Zeichner

(Prozent)

2,1

–66,8

–62,9

–51,8

–9,1

–34,9

–72,1

–65,9

–87,0

–3,0

–68,6

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 93

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse | Geldwoche

AKTIE Red Hat

Ein alter Hut erfindet

sich neu

60 Millionen angesteuert

Von Bertrandt entwickeltes

Lenkradmodell

Schattenmann in der Wolke

Red Hat setzt auf Cloud-Profite

Für das US-Unternehmen

Red Hat sind Cloud-Services,

also die Vermarktung von

Mietsoftware und ausgelagerte

Datenkapazität statt eigener

Speicher, relativ neu. Der

Konzern kaufte sich in den

vergangen drei Jahren Expertise

zu und richtet seine Produktpalette

jetzt auf die Cloud

aus. Als Anbieter des Betriebssystems

Linux 1993 gestartet,

ist Red Hat neben Suse hier

weltweiter Marktführer und

kooperiert mit IT-Größen wie

Dell, Intel, AMD, IBM oder

Cisco.

Zwar basiert das Betriebssystem

Linux auf einem öffentlich

zugänglichen Quellcode

(Open Source), Kunden

müssen aber per Abonnement

ihren Zugang zu Red-

Hat-Produkten sichern. Im

vergangenen Quartal konnte

Red Hat seine wichtigsten

25 Abos verlängern, mit Preisaufschlägen

von im Schnitt

20 Prozent.

Das Unternehmen bietet alle

seine Dienste jetzt auch

über die Cloud an: Unternehmenskunden

können mithilfe

von Red Hat eine hausinterne

Cloud aufbauen oder ihre extern

auf Servern von Amazon

gespeicherten Daten verwalten.

Auch das Microsoft-Konkurrenzprodukt

Linux als

Softwaredienstleistung gibt es

über die Cloud. Umsätze aus

den neuen Cloud-Segmenten

sollen im neuen Geschäftsjahr

2014/15 (ab März) sichtbar werden.

Enttäuschen sollten sie

aber nicht, denn allein mit der

neuen Version7des Klassikers

Red Hat Enterprise Linux, die

für 2014 erwartet wird, dürfte

Red Hat kaum großes Potenzial

bieten.

Das klassische Geschäft sichert

aber die Cloud-Fantasie

ab. Mit dem letzten Quartalsergebnis

konnte Firmenchef Jim

Whitehurst punkten: Red Hat

erzielte 343 Millionen Dollar

Umsatz aus dem Abo-Modell

und 54 Millionen Dollar durch

Service und Training. Insgesamt

ist das ein Wachstum von

15 Prozent gegenüber dem Vorjahresquartal

– der Aktienkurs

schoss von 49 Dollar auf über 56

Dollar hoch und glich den Kursverlust

nach schwachen Umsatzzahlen

im zweiten Quartal

aus. Auf den ersten Blick erscheint

die Aktie jetzt teuer.

Doch andere Cloud-Aktien sind

noch höher bewertet oder machen

sogar Verlust. Die Vergleichsgruppe

Software-Dienstleister,

zu der etwa NetSuite und

Salesforce gehören, notiert insgesamt

mit einem Durchschnitts-KGV

vonüber 39.

Red Hat

ISIN: US7565771026

65

60

55

50

45

40

35

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

30

2011 2012 2013 14

Kurs/Stoppkurs(in Dollar): 56,04/47,63

KGV 2013/2014: 41,3/38,2

Dividendenrendite(in Prozent):0

Chance

Risiko

Niedrig

Hoch

Quelle:FactSet

AKTIE Bertrandt

Mehr Mitarbeiter

mit viel mehr Gewinn

Es gibt nicht viele börsennotierte

Unternehmen, die mit

Personaleinstellungen werben–aus

Angst, kleinkarierte

Analysten könnten dahinter

steigende Kosten und sinkende

Erträge wittern. Dass es

auch anders geht, zeigt der Ingenieur-Dienstleister

Bertrandt:

Binnen sieben Jahren

wuchs die Belegschaft von

4700 auf fast 11 000 Mitarbeiter

heran. Wenn der Nettogewinn

im laufenden Geschäftsjahr

(bis September 2014) gut

60 Millionen Euro erreicht,

hätte er sich in dieser Zeit verdreifacht.

Hinter der Wachstumsgeschichte

von Bertrandt stehen

die großen Trends der Kundenbranche

Autoindustrie:

niedrigerer Spritverbrauch

und geringere Emissionen;

mehr Sicherheit und Komfort;dazu

eine immer stärker

aufgefächerte Modellpalette.

Alle drei Trends erhöhen bei

den großen Autoherstellern

den Bedarf an speziellen Antrieben,

Abgassystemen oder

elektronischen Steuerungen,

die Bertrandt entwickelt.

Dass die Autoindustrie

2014 um fünf Prozent wachsen

soll, kurbelt das Geschäft

zusätzlich an. 2015 dürfte der

Bertrandt-Umsatz erstmals die

Marke von 900 Millionen Euro

übertreffen. Die Gewinnmargen

sind stabil, netto sollten an

die 70 Millionen Euro drin sein.

Kunden von Bertrandt sind

nahezu alle wichtigen Autohersteller:

Daimler, BMW, Volkswagen,

Porsche. Letzterer ist sogar

mit 25,01 Prozent an

Bertrandt beteiligt – schon seit

13 Jahren unverändert, weshalb

eine weitere Aufstockung inklusive

Übernahme vorerst wenig

wahrscheinlich ist. Abgasspezialist

Boysen aus Altensteig

hält 14,9 Prozent. Mit 59 Prozent

Eigenkapital ist die Bilanz

bestens gepolstert.

Bertrandt

ISIN: DE0005232805

100

80

60

40

20

10

Quelle:FactSet

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

09 10 11 12 13

Kurs/Stoppkurs(in Euro): 107,80/91,60

KGV 2013/14: 17,2/15,8

Dividendenrendite(in Prozent):2,0

Chance

Risiko

Niedrig

Hoch

FOTOS: DDP IMAGES/SIPA USA, PR, PICTURE-ALLIANCE/DPA/LOU AVERS

94 Redaktion: Geldwoche+Zertifikate: Anton Riedl, Sebastian Kirsch

Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


CHARTSIGNAL

Gold besser als Aktien

Trotz herber Verluste: Die langfristige Gold-Hausse

ist noch nicht vorbei, sagt die Dow/Gold-Ratio.

Geschichte wiederholt sich

Das Verhältnis des US-Industrieaktiendurchschnitts

Dow

Jones zum Goldpreis hat sich

in der Vergangenheit als tauglicher

langfristiger Indikator

für strategische Vermögensentscheidungen

erwiesen.

Die Kennzahl – Dow/Gold-

Ratio genannt–lässt sich ermitteln,

indem der aktuelle

Stand des Dow durch den

Goldpreis in Dollar geteilt

wird. Steigt die Kennzahl, weisen

US-Standardaktien eine

bessere Performance auf als

Gold – und umgekehrt. Seit

Gründung der Notenbank

Fed 1913 kam es in der Dow/

Gold-Ratio zu fünf großen

Zykluswechseln. Die letzen

drei fanden statt 2000 (1),

1980 ( 2) und 1972 (3).

2000 hatte eine Liquiditätsschwemme

der Fed eine Spekulationswelle

an den Aktienmärkten

in Gang gesetzt. Mit

Erreichen der bis 1925 zurückgehenden

Trendlinie T1

war eine Umschichtung von

Aktien auf Gold angesagt. Der

anschließend einsetzende

Abwärtstrend der Dow/Gold-

Ratio ist bis heute intakt. Gemessen

an den Abwärtstrends

in den Dreißiger- und Siebzigerjahren

und der aus den damaligen

Tiefpunkten konstruierten

Trendlinie T2 hat der aktuelle

Abwärtstrend gar erst die Hälfte

seine Weges zurückgelegt.

Nach der starken Gegenbewegung

seit Ende 2011 (C/D)

aber geht die Masse der Anleger

euphorisch von weiter steigenden

Aktienmärkten aus. Dagegen

ist die Stimmung am Goldmarkt

fast depressiv.

Die Dow/Gold-Ratio aber

gibt bereits erste Signale für eine

Trendumkehr in Gestalt eines

aufsteigenden Keils. Damit

wird die Ausbildung eines langfristigen

Abwärtstrendkanals

wahrscheinlich. Ein langfristiger

Abwärtstrendkanal in der

Dow/Gold-Ratio hatte sich

auch nach einer Gegenbewegung

in den Siebzigerjahren herausgebildet

(A/B). Der erneute

Test der Trendlinie T3 markierte

das damlige zyklische Tief

(4). Der neue Abwärtstrendkanal

verliefe etwas flacher.

Am langfristigen Ziel einer

Dow/Gold-Ratio von weniger1

ändert das aber nichts.

Nach der starkenGegenbewegungder Dow/Gold-Ratio könnte der Goldpreiswie

Mitteder Siebziger in eine zweite Phaseeines langfristigen Bullenmarktes eintreten

50

40

30

20

15

10

5

3

B

A

T3 2

T2

1

4

1968 72 76 80 84 88 92 96

Quelle: Thomson Reuters

T1

langfristiger

Abwärtstrendkanal

1

Dow/Gold-Ratio

2000 04 08

aufsteigender

Keil

C

12

D

ANLEIHE Portugal

Sparkurs

lohnt sich

Staatsanleihen der Kriseninsel

Irland gehören derzeit zu den

Rennern: Trotz wackliger

Tendenzen an den weltweiten

Anleihemärkten legten etwa

irische Papiere mit Laufzeit

bis 2017 (IE00B8DLLB38)

binnen vier Monaten um vier

Prozentpunkte zu. Könnte sich

diese Erfolgsgeschichte bei

den Anleihen des Krisenstaats

Portugals wiederholen? Immerhin

will das Land bis Sommer

den Euro-Rettungsschirm

verlassen – und Laufzeiten bis

2017 bringen noch immer 4,4

Prozent Jahresrendite.

Seit 2011 erhält Portugal Finanzhilfen

von seinen europäischen

Partnern und dem

IWF. Von insgesamt zugesagten

78 Milliarden Euro sind

bisher 71,4 Milliarden geflossen.

Im Gegenzug fährt die Regierung

in Lissabon einen harten

Sparkurs, bei dem sie allein

2014 die Ausgaben um 3,9 Milliarden

Euro senken will. Das

entspräche 2,3 Prozent der

jährlichen Wirtschaftsleistung.

Die Neuverschuldung, derzeit

5,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts,

soll auf vier Prozent

gedrückt werden.

Bei der Sanierung kommt

das Land voran. 580 Millionen

Euro brachte der jüngste Börsengang

der staatseigenen

Post CTT indie Kasse. Ebenfalls

ein Erfolg war die Laufzeitverlängerung

kurz- bis mittelfristiger

Staatspapiere, die im

Zuge der Finanzkrise ab 2008

begeben wurden. Damit reduziert

das Land die Tilgungslast

bis 2015 von 27 Milliarden Euro

auf 20 Milliarden Euro. Sogar

das Abschalten von Straßenbeleuchtungen

soll den

Etat entlasten – 2014 um eine

halbe Million Euro.

Im Sommer 2014 läuft das

europäische Hilfsprogramm

Weg vom Schirm Hoffnung in

Portugal (Bahnhof Lissabon)

aus. Ob Portugal dann finanziell

auf eigenen Beinen stehen kann

oder weitere Kredithilfen benötigt,

ist offen. Die Kontrolleure

von EU, EZB und IWF attestieren

dem Land jedenfalls Fortschritte

und rechnen nach einer Wirtschaftsschrumpfung

(minus 1,8

Prozent 2013) in diesem Jahr

erstmals wieder mit einem leichten

Wachstum von 0,8 Prozent.

Bei der Schuldenbekämpfung

gibt es aber auch Rückschläge.

So erklärte das oberste Gericht

des Landes die Kürzung von Beamten-Renten

für verfassungswidrig.

400 Millionen Euro wollte

die Regierung damit

einsparen. Steuererhöhungen

als Alternative kommen kaum

infrage: Die Einkommenssteuer

wurde schon mehrmals heraufgesetzt;und

eine höhere Mehrwertsteuer

würde denKonsum

abwürgen. 18 Prozent Arbeitslosigkeit

und die harte Opposition

der Gewerkschaften verschärfen

das politische Klima.

Portugiesische Staatsanleihen

mittlerer Laufzeit sind, bei kleinem

Einsatz, eine spekulative

Ergänzung. S&P bewertet die

Papiere mit der Note BB als riskantes

Investment, dort aber im

solideren oberen Bereich.

Kurs (%) 99,84

Kupon (%) 4,35

Rendite (%) 4,40

Laufzeit bis 16. Oktober 2017

Währung

Euro

ISIN

PTOTELOE0010

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 95

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse | Geldwoche

FONDS Templeton Global Fundamental Strategies

Besser beim Marathon

als auf der Kurzstrecke

Rolle rückwärts Verkaufserlös

aus USA für Europa-Expansion

Mit Solar- und Windkraftaktien

aus Asien, Biotech- und

Japanaktien ließen sich 2013

die höchsten Fondsgewinne

in recht exotischen Märkten

erzielen. Gold war bereits wie

im Vorjahr einer der größten

Verlierer, hohe Goldpositionen

drückten Mischfonds.

Für Anleger, die über die Verteilung

ihres Vermögens auf

Aktien, Anleihen und Gold

nicht lange nachdenken wollten

und das Fondsmanagern

überließen, wurde mancher

Mischfonds zur herben Enttäuschung.

Hielten die Manager

etwa stur an hohen Goldpositionen

fest, wie die

Hamburger Mack & Weise,

gab es rote Zahlen. Mancher

der Musterschüler beim Mischen

aus 2013 ist auch keine

Empfehlung, weil er noch zu

frisch am Markt ist und ein

Nachweis fehlt, dass er auch

schwierige Märkte übersteht.

Gut aufgehoben sind Anleger

beim Mix Global Fundamental

Strategies von Franklin

Templeton. Mit einem Plus

von 13 Prozent schaffte er es

2013 nicht in die Top-Ränge.

Jährlich zwölf Prozent in den

vergangenen fünf Jahren

machten das Portfolio aber zu

einem der langfristig erfolgreichsten.

Der Fonds bietet

Anlegern eine Kombination

aus zwei Dritteln Aktien und

einem Drittel Anleihen. Anleihenexperte

Michael Hasenstab

– bekannt durch seinen

frühen Einstieg in irische Anleihen

– mag derzeit polnische,

mexikanische und koreanische

Staatsanleihen, weil sie höhere

Renditen bieten als Bonds der

großen Industrieländer. Zu den

Aktienfavoriten seiner beiden

Kollegen Norman Boersma und

Peter Langerman zählen derzeit

Finanzwerte, die hohe 24 Prozent

des Aktienportfolios ausmachen,

darunter ING. Boersma

hält europäische Banken für

unterbewertet, da sie von einer

besseren Konjunktur in Europa

profitieren könnten und auf

reizvollen Auslandsmärkten

präsent seien. Die neu organisierte

Euroland-Bankenaufsicht

hält er für einen soliden Rahmen,

der dazu beitragen könne,

dass sich die Banken stabilisierten.

Eine der stärksten Positionen

ist Vodafone. Der auf Umstrukturierungen

spezialisierte

Langerman hatte die Briten lange

vor dem Verkauf ihrer US-

Beteiligung an Verizon Wireless

für 130 Milliarden Dollar im

Portfolio und profitiert von einer

Ausschüttung eines Teils

der Summe an Aktionäre. Mit

dem Rest kann Vodafone die

Europa-Expansion finanzieren.

Global Fundamental Strategies

ISIN: LU0316494805

200

180

160

140

120

100

80

Chance

Risiko

Niedrig

MSCI World-Aktienindex

Citigroup Welt-

Staatsanleihenindex

2009 10 11 12 13

Auf100 umbasiert,inEuro;

Quelle:Thomson Reuters

Hoch

Die besten und schlechtesten Fonds 2013

Fondsname 1

Aktienfonds

TOP

LSF Asian Solar & Wind

PPF CP Global BioPharma

SEB Concept BioTech

JB EF Health Innovation

DekaLux-BioTech CF

BGF Japan Value Hedged

BB Biotech

Dexia Biotechnology

FLOP

Stabilitas Pacific Gold+Metals

Noah-Mix OP

Stabilitas Gold+Resourcen

JB Multipartner Gold Equity

Dynamic Precious Metals

Craton Capital Precious Metal

ComStage NYSE Arca Gold Bugs ETF

Nestor Gold Fonds

Anleihenfonds

TOP

Nordea-1 Euro Bank Debt BP EUR

db x-trackers II iTraxx Crossover

Banken Fokus Basel III

nordIX Renten plus

Henderson Horizon Euro High Yield Bond

Nordea-1 European High Yield Bonds

E.d. Rothschild Signatures Financial Bonds

Lazard European High Yield

FLOP

KBC Renta TRY-Renta

Turkisfund Bonds

Dexia Bonds Turkey

HSBC GIF Brazil Bond

hsFP Renten International UI NOK

UBS (Lux) BF Australdollar

Morgan Stanley Emerging Markets Dom. Debt

UBS Latin American Bonds $

LU0426487442

LU0118405827

LU0329426521

LU0348461467

LU0255399239

LU0415392322

LU0108459040

LU0290140358

DE0009799536

LU0229009351

LU0175576296

LU0357130854

LI0016742681

LU0488317701

LU0147784465

LU0772944145

LU0290359032

DE000A0RHEX1

DE000A0YAEJ1

LU0828815224

LU0255640731

FR0011034495

DE0005319016

LU0218855418

LU0085872132

LU0344250278

LU0254978488

DE000A0RN5V4

LU0035338325

LU0283960077

LU0055660533

60,5

58,5

58,0

58,0

57,8

57,4

57,3

–63,4

–59,1

–58,8

–58,3

–58,2

–57,2

–57,1

–57,1

19,4

17,3

16,7

14,8

11,4

10,8

10,8

10,5

–21,6

–19,8

–19,2

–18,8

–18,7

–16,8

–16,8

–16,1

31,6

28,2

29,9

27,5

13,3

23,0

27,6

–37,0

–39,0

–38,4

–32,9

–36,6

–39,6

–31,1

–33,5

neu

10,2

neu

9,9

neu

9,0

neu

9,9

–6,6

–7,4

–6,2

–5,8

0,9

1,3

–2,7

2,2

Mischfonds (Aktien, Anleihen, Investmentfonds und Derivate)

TOP

Acatis Datini Valueflex

Catus Global Chance

Allround QuadInvest Growth USD

Spängler Seilern Global

PWM DWS High Conviction Equities

Squad Capital Squad Growth

RHP Vola Strategy (Aramea)

HAIG MB Max Global

FLOP

Active Multiple Strategies Hansainvest

Pro Aurum ValueFlex UI

Mack & Weise M&W Capital

Mack & Weise M&W Privat

Pinter Selection 1 Hansainvest

ASVK Substanz & Wachstum UI

Die Fondsionäre Global BNY Mellon

CAM Value Protect IP Concept

DE000A1H72F1

LU0328682157

LU0565565750

AT0000934583

LU0240541796

LU0241337616

DE000A1JRP22

LU0230368945

DE000A1J67D2

DE000A0YEQY6

LU0126525004

LU0275832706

DE000A0M1UK5

DE000A0M13W2

DE000A0MRAB5

LU0619605388

32,0

30,9

25,3

24,7

24,3

24,2

24,0

23,1

–44,0

–43,6

–28,8

–27,0

–26,9

–23,8

–22,3

–20,5

neu

5,0

neu

12,5

6,5

16,1

neu

7,2

neu

–27,4

–13,7

–10,4

–18,5

–14,3

–11,7

neu

1 handelbare Fonds; 2 pro Jahr; Quelle: Morningstar; Stand: 30. Dezember 2013

ISIN

LU0405846410

Wertentwicklung (Prozent)

2013 3 Jahre 2

133,2

–8,1

FOTO: KEYSTONE/VOLKMAR SCHULZ

96 Redaktion Fonds: Martin Gerth, Heike Schwerdtfeger

Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Perspektiven&Debatte

Die Kunst

sich selbst auszuhalten

ESSAY | Ein Weg zur inneren Freiheit. Von Michael Bordt SJ

Dies ist ein Essay über die innere Freiheit. Über die Freiheit

und den Mut, sein eigenes Leben zu führen, und

nicht das Leben, das andere von uns erwarten. Die

größten Hindernisse auf dem Weg zur inneren Freiheit

sind nicht die äußeren Umstände, in denen wir leben.

Das größte Hindernis vor der inneren Freiheit sind wir selbst.

Wir selbst sind es, die den Schlüssel zu einem freien, selbstbestimmten

Leben in der Hand haben. So attraktiv uns dieses selbstbestimmte

Leben zunächst erscheinen mag, so sehr scheuen wir

uns doch manchmal, die ersten Schritte dafür zu machen. Denn

um innerlich frei zu werden, muss man sich selbst kennenlernen

wollen. Wir müssen die inneren Fesseln kennen, um sie dann lösen

zu können. Und das wollen wir oft lieber nicht. Um der Auseinandersetzung

mit uns selbst aus dem Weg zu gehen, haben wir

viele Fluchtmöglichkeiten entwickelt: Ein Termin jagt den nächsten,

wir simsen, shoppen, planen unsere Reisen, werkeln herum,

sitzen vor dem Fernseher oder verschwinden in den unendlichen

Weiten des Internets. Wer aber mit sich selbst vertraut ist, wer gelernt

hat, sich selbst und damit alles auszuhalten, was an Spannungen,

Aggressionen, Fragen, Sorgen und Ängsten in ihm ist, der

braucht nicht mehr vor sich zu fliehen, der ist innerlich frei.

Ein Grund dafür, dass wir uns davor scheuen, uns selbst kennenlernen

zu wollen, ist die Angst vor Einsamkeit. Die Ungewissheit,

was aus den Tiefen unseres Selbst in der Einsamkeit an die Oberfläche

kommen könnte, wenn wir uns nicht mehr in Aktivitäten

stürzen können, hat für jeden erst einmal etwas Beunruhigendes,

manchmal auch Beängstigendes an sich. Nicht

selten führt die Angst davor dazu, jede Beschäftigung

mit sich selbst suspekt zu finden. Was soll

das bringen? Ist es nicht viel gesünder, etwas zu

leisten, das einen bleibenden Wert hat, anstatt

sich egozentrisch um sich selbst zu drehen und

seine Innenwelt allzu wichtig zu nehmen?

Wie eine Antwort auf diese Fragen liest sich,

was der französische Philosoph Blaise Pascal zugespitzt

formuliert hat: „Das ganze Elend des

Menschen kommt daher, dass er nicht ruhig in

seinem Zimmer bleiben kann.“ Der Mensch

stürzt sich aus seinem Zimmer ins volle Leben. Er

plant, arbeitet, sorgt sich, gründet eine Familie –

Der Text ist ein Auszug des

Buches von Michael Bordt SJ,

Professor für Philosophie in München

und Vorstand des Instituts

für Philosophie und Leadership.

aber so gut und wichtig all das auch sein mag: Die eigentliche

Triebkraft dafür ist, wenn wir Pascals Analyse folgen, nicht die

Freude an der Arbeit oder der Familie, sondern die Unfähigkeit des

Menschen, mit sich allein zu sein, bei sich zu sein und sich selbst

aushalten zu können. Dabei kann man im Leben vor vielem erfolgreich

auf der Flucht sein. Vor sich selbst aber nie.

UNGEDULD ALS TUGEND DER LEISTUNGSGESELLSCHAFT

Ich möchte damit nicht unsere Arbeit, unsere Aktivität infrage stellen,

denn was wir aktiv mit unserem Leben anfangen, ist ganz entscheidend

für unser Glück, unsere Zufriedenheit. Eine sinnvolle Tätigkeit

gehört zu einem erfüllten Leben dazu wie die Luft zum Atmen.

Gegen die zunehmende Beanspruchung durch unsere Aufgaben

und andere Menschen müssen wir jedoch ein Gegengewicht

schaffen. Wir leben in einer Kultur, die im Übermaß das äußere Leben,

die Arbeit, die Aktivität und den Erfolg betont und belohnt.

Stress zu haben gehört zum guten Ton. Wie sehr in unserer Gesellschaft

mittlerweile nur noch das Ergebnis, die Leistung und der Erfolg

zählen, wird auch daran deutlich, dass Ungeduld, also eigentlich

eine menschliche Schwäche, zur Stärke, ja geradezu zur Tugend

umdefiniert wird. Der Stress kommt vielen Menschen ausgesprochen

gelegen, weil er sie genügend von sich selbst ablenkt. Bei

sich zu sein und sich selbst auszuhalten, setzt voraus, dass wir bereit

sind, uns dieser Einsamkeit zu stellen. Sich der Einsamkeit zu stellen

setzt auch voraus, mutig und kraftvoll der Tatsache ins Auge zu

sehen, dass wir einmal sterben werden. Auch wenn wir in der Vergegenwärtigung

unserer eigenen Sterblichkeit unserer

existenziellen Einsamkeit gewahr werden:

Es ist diese Einsamkeit, die unserem Leben Tiefe

geben kann. Tiefe – und Kreativität, die aus der

Einzigartigkeit des eigenen Lebens erwächst. Unsere

Kultur steht diesem wichtigen Prozess dabei

entgegen, denn wo Aktivität, Arbeit und Leistung

so sehr geschätzt werden, wird jede Auseinandersetzung

mit der Einsamkeit, dem Sterben und

dem Tod an den Rand nicht nur der individuellen,

sondern auch der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit

gedrängt und schließlich ganz verdrängt.

Wenn unser Leben in Spannung gerät und wir

unzufrieden werden, dann suchen wir den Fehler

ILLUSTRATION: OLAF HAJEK

98 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


meistens bei anderen. So natürlich diese Reaktion auch ist: Es ist in

jedem Fall hilfreich, den Grund für die Spannungen nicht nur bei

den anderen, sondern auch bei sich selbst zu suchen. Ich kann mich

fragen, welches mein Anteil an einem Konflikt ist, den ich mit meinen

Mitarbeitern oder auch mit meinen Kindern habe, oder warum

ich so gekränkt auf meinen Vorgesetzen reagiere, obwohl andere in

der Firma mit ihm viel besser klarkommen. Ich kann versuchen,

mich in andere Menschen hineinzuversetzen und dadurch verständnisvoller

zu reagieren. So richtig und wichtig solche Überlegungen

sind, manche Konflikte lassen sich dadurch nicht aus der

Welt schaffen. Es bleibt gegenüber manchen Menschen auch dann,

wenn wir den Konflikt ausgetragen haben, ein Rest, der sich nicht

auflösen lässt. Und dann denken wir, es bleibe einem nur, die anderen

Menschen oder die Situation irgendwie auszuhalten. Das ist zunächst

zwar richtig, doch diese Erkenntnis geht nicht weit genug.

Vor allem aber ist sie fatalistisch, weilich mich als der Gefangene der

Situation und der schwierigen Menschen sehe und nichts anderes

tun kann, als sie auszuhalten. Durch diese passive Haltung mache

ich mich selbst zum Opfer. Die anderen Menschen haben Macht

über mich. Denn weil sie so sind, wie sie sind, geht es mir schlecht.

Nun kann es manchmal für einen selbst bequem sein, sich als Opfer

fühlen zu können, selbst wenn das keine Lösung ist. Denn man

übersieht dabei einen ganz wesentlichen Punkt: Eigentlich sind es

nicht die anderen Menschen, die es auszuhalten gilt, sondern die

Spannungen, die die anderen Menschen in uns erzeugen. Es sind

meine Spannungen, selbst wenn die anderen der Grund meiner

»

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 99

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Perspektiven&Debatte

»

Spannungen sein mögen. Sie auszuhalten ist ein anspruchsvoller

und aktiver Prozess, der sich mit der Passivität und Resignation der

Opferrolle nicht verträgt. Der wichtigste Schritt auf dem Weg zu einer

inneren Freiheit besteht darin, in einen Abstand zu den Gefühlen

zu kommen, die uns beherrschen wollen. In diesen Abstand

kommen wir dadurch, dass wir unser Innenleben besser verstehen

und uns in Selbstwahrnehmung üben.

UNSERE EMOTIONEN VERSTEHEN

Wenn wir unsere Emotionen besser verstehen wollen, gilt es drei

Fragen zu beantworten: „Worauf bezieht sich mein Gefühl?“ – d. h.,

welcher Mensch oder welche Situation hat es ausgelöst? Dann:

„Welche Emotion ist es?“ – fühlen wir zum Beispiel Zorn, Wut oder

Ärger? Und schließlich: „Warum habe ich die Emotion?“ – Emotionen

entstehen nur dann, wenn etwas auf dem Spiel steht, das uns

wertvoll ist. Bei welcher der drei Fragen man ansetzt, ist dabei von

Fall zu Fall verschieden, und man sollte am besten bei derjenigen

beginnen, die sich am einfachsten beantworten lässt. Worauf? Oft ist

es klar, worauf oder auf wen sich die Emotion bezieht. Ein Mitarbeiter

liefert ein schlechtes Ergebnis ab, und dann ärgere ich mich natürlich

über ihn. Manchmal ist es aber nicht so klar. Wir fühlen uns

angespannt und genervt, wissen aber nicht, warum. Hier hilft es,

sich zu fragen, ob es womöglich früher einen konkreten Anlass gab,

den man vielleicht nicht als solchen wahrgenommen hat, der aber

das Gefühl ausgelöst hat. Damit verwandt ist das Phänomen, dass

man die eigentliche Ursache der Emotion nicht wahrhaben möchte.

Man hat bei einer Arbeitsbesprechung

den Kürzeren gezogen,

der eigene Vorschlag

ist nicht durchgekommen

und man reagiert zunächst

„professionell“, lässt sich

nach außen hin nichts anmerken.

Nach Feierabend

braucht es dann nur eine

Bagatelle, um dem angestauten

Ärger Luft zu verschaffen.

Die zweite Frage lautet:

Welches Gefühl ist es überhaupt?

Auch diese Frage ist

in vielen Fällen einfach zu

Seine eigenen

Emotionen

zu betrachten

und auszuhalten

heißt

Freiheit

beantworten. Wenn ein Mensch gestorben ist, der mir viel bedeutet

hat, dann ist klar, dass mein Gefühl das der Trauer ist. Manchmal ist

uns aber unklar, welche Emotion wir haben, und auch da hilft es,

sich den Kontext klarzumachen, der zu der Emotion geführt hat. Wir

spüren zunächst nur Körperspannungen und Körperreaktionen, die

mit jeder Emotion verbunden sind. Die Verbundenheit der Emotionen

mit Körperreaktionen ist so eng, dass einige Ausdrücke für unser

emotionales Befinden mit Körperteilen verbunden sind: Man hat

„so einen Hals“ oder einem „platzt der Kragen“. Deswegen sind Körperreaktionen

ein erstes Indiz für die Emotion. Wenn wir die Emotion

aber genauer wissen wollen, müssen wir den Kontext kennen, in

dem die Emotion eingebettet ist: Sind wir neidisch oder eifersüchtig?

Sind wir zornig oder wütend?

Mit welchen Gefühlen wir reagieren, sagt oft viel mehr über uns

als alle Gedanken, die wir uns über uns selbst machen. Wir können

beispielsweise von uns denken, dass wir ausgesprochen großzügige,

freigiebige Menschen sind; wenn wir uns aber immer wieder darüber

ärgern, dass unsere Gäste, die wir ins Restaurant eingeladen haben,

sich auf unsere Kosten den teureren Wein bestellen, dann zeigt

uns unser Ärger relativ klar, dass unser Selbstbild einer Korrektur bedarf:

Wir sind offenbar nicht ganz so freigiebig, wie wir es von uns

dachten. Sich seiner Emotionen wirklich bewusst zu werden, setzt

also die Bereitschaft voraus, uns mit einem einigermaßen realistischen

Bild unserer Persönlichkeit zu konfrontieren und neben unseren

Stärken auch Schwächen kennenzulernen.

Die dritte Frage erkundet: Warum habe ich das Gefühl? Was steht

dahinter? Jede Emotion ist mit etwas verbunden, das uns wertvoll ist.

Wenn ich mich freue, weil meinen Kindern etwas gut gelungen ist,

dann zeigt sich an der Freude der Wert, den meine Kinder für mich

selbst haben. Wenn ich mich ärgere, weil mein Lieblingsverein ein

Spiel verloren hat, dann zeigt sich an dem Ärger, dass mir der Verein

etwas bedeutet, dass er mir wertvoll ist. Wer sich klarmacht, dass wir

nur dann Emotionen haben, wenn etwas für uns Bedeutsames auf

dem Spiel steht, kann sich selbstkritisch fragen, ob er bestimmten

Dingen in seinem Leben bei Lichte besehen nicht vielleicht doch einen

zu großen Wert beimisst. So ändert das Nachdenken über unsere

Emotionen unsere Emotionen selbst. Wenn ich beispielsweise

meine, dass ich für mein Lebensglück unbedingt eine weitere Beförderung

brauche, dann hat mein berufliches Weiterkommen natürlich

unmittelbare Konsequenzen für mein Gefühlsleben. Es scheint

eine Katastrophe für mich zu sein, wenn mir der berufliche Fortschritt

nicht gelingt. Mich mit ein wenig Abstand zu fragen, ob ich

mit einem Aufstieg auf der Karriereleiter glücklicher würde und ich

nicht vielleicht unrealistische Vorstellungen von den Auswirkungen

meines Karrieresprungs habe, kann den Wert des beruflichen Weiterkommens

relativieren helfen – und damit auch die emotionale

Reaktion abschwächen, falls der Wunsch nicht in Erfüllung geht.

Positive Gefühle wie Freude oder Liebe beziehen sich, so denken

wir, auf positive Ereignisse, negative Gefühle wie Ärger oder Wut auf

negative Ereignisse, die wir vermeiden sollten. Dabei übersehen wir

aber, dass hinter jeder Emotion, also auch hinter unseren „negativen“

Emotionen, ein durch und durch positiver Wert steht. So wie wir

uns über die Niederlage unserer Fußballmannschaft nur dann aufregen

können, wenn uns an der Mannschaft liegt, so stehen hinter allen

„negativen“ Emotionen, die wir haben, positive Werte. Wenn sich

eine Angestellte über die Kritik des Vorgesetzten an ihrer Arbeit ärgert,

dann kann hinter dem Ärger ihr Wunsch stehen, anerkannt zu

werden – ein positiver Wert.

Um unsere konkreten Gefühle, aber auch ihre Geschichte und die

uns umtreibenden tieferen Fragen klarer zu sehen, ist es ein wichtiger

erster Schritt, in einen Abstand zu sich zu kommen und sich besser

aushalten zu können. An diesem Punkt setzt der zweite Weg zur

inneren Freiheit an. Er besteht darin, sich nicht durch Reflexion,

sondern durch die Wahrnehmung unseres Innenlebens einen Abstand

zu verschaffen. Je größer die Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung

ist, desto größer wird unsere innere Freiheit.

E-MAILS NICHT IMMER GLEICH BEANTWORTEN

Ein einfaches Beispiel: Sie sitzen im Büro, und auf einmal blinkt eine

Mail auf, die von jemandem geschrieben worden ist, mit dem Sie

dienstlich einen größeren Konflikt haben. Sie spüren, wie sich Ihr

Körper sofort anspannt, lesen die Mail, spüren den ganzen Ärger gegen

die Person in sich aufsteigen, zumal die Mail eine Forderung an

Sie enthält, die Sie für ziemlich unverschämt halten. Sie reagieren

sofort, hämmern Ihre Antwort in die Tastatur – und schon ist Ihre

Antwortmail abgeschickt. Sie lehnen sich auf Ihrem Bürostuhl zurück

und atmen einen Moment tief durch. Sie spüren, dass Sie sich

besser fühlen und sich die Anspannung gelöst hat. Was ist hier ge-

100 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


ILLUSTRATION: OLAF HAJEK

schehen? Ein Ereignis in der Außenwelt, also die Tatsache, dass Sie

eine E-Mail bekommen haben, hat zu einer stärkeren Reaktion bei

Ihnen geführt. Sie ärgern sich. Der Ärger ist der passive Aspekt Ihres

Gefühlslebens. Gegen ihn können Sie sich ebenso wenig zur Wehr

setzen wie gegenüber der Tatsache, dass Ihr Kollege die E-Mail geschrieben

hat. Ihr unliebsamer Kollege hat Macht über Sie, selbst

dann, wenn er es nicht weiß und vielleicht auch gar nicht möchte. Er

ist in der Lage, in Ihnen Gefühle auszulösen. In dem Maße, in dem er

Macht über Sie hat, sind Sie unfrei. Er hat nicht nur Macht über Sie,

weil Sie sich mit seiner Mail und seinen Forderungen beschäftigen

müssen – diese Art von Macht ist nicht weiter dramatisch und Teil

unseres Arbeitslebens; natürlich müssen wir manchmal Dinge tun,

die uns wenig Freude machen. Dramatischer ist, dass der Kollege einen

Zugriff auf Ihr Gefühlsleben hat. Er hat damit einen Schlüssel zu

Ihrem Innenleben, den Sie ihm gerne nehmen würden.

WUT NICHT NUR HERUNTERSCHLUCKEN

Wie können wir unsere innere Freiheit zurückgewinnen? Der Schlüssel

zur Freiheit liegt darin, dem Handlungsimpuls nicht so unmittelbar

zu folgen, wie es die Stärke der Emotion nahelegt. Ein Weg dazu

ist die Selbstbeherrschung. Sich selbst zu beherrschen heißt ja wörtlich,

zum Herren über sich selbst und damit auch über seine Gefühle

zu werden. Selbstbeherrschung mutet einem allerdings in den meisten

Fällen zu, dem Druck, den der Handlungsimpuls erzeugt, einen

starken inneren Druck entgegenzusetzen –und beispielsweise die

„Wut herunterzuschlucken“. In manchen Situationen ist es wichtig,

selbstbeherrscht sein zu können. Allerdings ist die Selbstbeherrschung

immer auch mit einem Kraftakt verbunden, und es ist wenig

gesund, auf Dauer seine Wut herunterzuschlucken. An diesem Punkt

kommt die Selbstwahrnehmung ins Spiel. Sie ist eine Alternative zur

Selbstbeherrschung. Das äußere Verhalten ist in beiden Fällen

gleich, aber die innere Antwort ist verschieden. Sich selbst wahrzunehmen

bedeutet, anstelle direkt zu handeln, den Handlungsimpuls

einfach nur wahrzunehmen und nichts zu tun. Im konkreten Beispiel

hieße es, den Drang wahrzunehmen, die E-Mail sofort beantworten

zu wollen, aber die Antwort dennoch nicht zu schreiben. Das bedeutet,

eine Spannung aushalten zu müssen, die genau darin besteht,

dass man die E-Mail eigentlich sofort beantworten möchte, dies aber

nicht tut. Die Emotion wird aber nicht selbstbeherrscht hinuntergeschluckt,

sondern steht im Mittelpunkt der eigenen Aufmerksamkeit.

Es bedeutet vor allem, eine unruhige, angespannte Körperreaktion

wahrzunehmen, die schmerzlich sein kann. Wer bereit ist, diesen

Zustand wahrzunehmen, ist währenddessen auch bereit, ihn auszuhalten.

Die Selbstwahrnehmung besteht also in diesem Fall nicht in

einer Analyse meiner selbst. Sie besteht erst recht nicht darin, dass

ich anfange, mich selbst zu kommentieren oder gar zu bewerten. Es

geht in der Selbstwahrnehmung darum, die eigene innere Realität

wahrzunehmen, ohne einzugreifen. In dem Maße, in dem jemand in

dieser Wahrnehmung bleiben kann, kann er sich selbst aushalten.

Das Beispiel der E-Mail sollte deutlich machen, was es bedeutet,

dem Handlungsimpuls nicht unmittelbar nachzukommen und die

Spannung auszuhalten. Viel schwieriger ist es, den Handlungsimpuls

nur wahrzunehmen, wenn wir uns in konkreten Auseinandersetzungen

mit einer anderen Person befinden, vor allem einer Person,

die uns sehr nahe steht. Wer spürt, dass er im Streit verletzt wird,

und diese Verletzung aushalten kann, muss nicht mehr besinnungslos

mit Worten zurückschlagen.

Das größte Abenteuer Freiheit gibt es nicht umsonst. Innerlich immer

freier zu werden, um auch in unserem Tun frei zu sein, ist ein

Die innere

Freiheit anzustreben

ist

das größte

Abenteuer des

Lebens

durchaus anspruchsvoller,

zum Teil konfrontativer,

manchmal auch schmerzhafter

Prozess. Es ist verständlich,

wenn Menschen

diesem Prozess lieber ausweichen.

Der Philosoph

Martin Heidegger hat dafür

eine treffende Formulierung

gefunden: Menschen lebten

gerne im „Modus des man“.

Das soll heißen: Selbst wenn

sie sich der Illusion hingeben,

ihr ganz individuelles

Leben zu führen, so leben

sie doch nur so, wie es im

Grunde alle machen, wie „man“ eben lebt. Dadurch werden sie ihr

Leben lang nicht mit sich konfrontiert. „Man“ hat seinen Lieblingsitaliener,

regt sich über die Amerikaner auf, kauft sich das neue

iPhone, heiratet, wie „man“ es eben tut, oder heiratet auch nicht.

Solange wir unsere Aufmerksamkeit nur auf die äußeren Dinge

richten, werden wir nie der Autor der Geschichte unseres eigenen

Lebens sein. Über unser Leben herrschen dann diejenigen, die die

neuesten gesellschaftlichen Trends bestimmen, nach denen wir

dann im „Modus des man“ unser Leben einrichten. Mit innerer

Freiheit, mit Identität hat das nichts zu tun. Ein Grund dafür liegt in

einem unrealistischen Bild eines erfüllten menschlichen Lebens.

Menschliches Leben gewinnt nicht dadurch seinen Reichtum, dass

wir unserem Glück nachjagen und möglichst spannungsfreie, ununterbrochen

positive Gefühle suchen. Menschliches Leben gewinnt

seinen Reichtum durch Tiefe – in unseren Gedanken, in unserem

Gefühlsleben und in dem, was wir tun. Und dieser Schatz, dieser

Reichtum eines Lebens lässt sich nur heben, wenn wir bereit sind,

den Blick auch nach innen zu wenden.

n

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 101

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Perspektiven&Debatte | Kost-Bar

ALLES ODER NICHTS?

ANDRÉ AIMAQ

Mitinhaber der

Werbeagentur Aimaq

von Lobenstein

Aktien oder Gold?

Gold. Sagt der Inka in mir.

Cabrio oder SUV?

SUV. Wenn mir nach Wind in

den Haaren ist, benutze ich

einen Fön.

Schaltung oder Automatik?

Automatik. Handschaltung ist

was für Cabrio-Fahrer.

Fitnessstudio oder Waldlauf?

Fitnessstudio. Vom Waldlauf

bekommt man keinen Muskelkater.

Buch oder DVD?

DVD. Aber bitte keine

Romanverfilmung, die taugen

meistens nichts.

Dusche oder Wanne?

Dusche. Ich muss morgens

stehen, damit der Kreislauf in

Schwung kommt.

Nass oder trocken rasieren?

Trocken. Das ist doch deutlich

männlicher.

Rotwein oder Weißwein?

Weißwein. Wenn kein Rotwein

zur Hand ist. Oder umgekehrt.

Jazz oder Klassik?

Jazz. Einzige Ausnahme:

meine Tochter sitzt auf dem

Rücksitz und soll einschlafen.

Fenster- oder Gangplatz?

Gangplatz. Ich brauche

zumindest die Illusion, dass

ich schnell raus kann.

NEUES GESUNDHEITSHOTEL AM TEGERNSEE

Licht und Luft

Der Lanserhof am Tegernsee ist das erste deutsche Geschwister des österreichischen

Gesundheitshotels, das Luxus und Gesundheit vereinen will. Das Gesundheitsresort

wendet sich an Gäste, die nicht allein Erholung, sondern eine Therapie

für den Körper suchen. Für die Auszeit mit Entsäuerung und Entschlackung auf

Basis der Prinzipien von F.X. Mayr und mentale Besinnung soll der Rahmen in dem

21400 Quadratmeter großen Hotel beruhigend wirken. Große Fensterfronten

sollen viel Licht in die Räume bringen, ein beheizter Salzwasserpool im Freien ist

ganzjährig zu nutzen. Die Zimmergrößen beginnen bei 55 Quadratmeter, die

Elysium-Suite umfasst 100 Quadratmeter, in allen ist der Strom zur Vermeidung von

Elektrosmog abzuschalten. Preise ab 300 Euro pro Nacht im Einzelzimmer, die

medizinischen Pakete beginnen bei 1410 Euro pro Woche. lanserhof.com

GOURMETFESTIVAL

Genussgipfel

Je höher ein Ort liegt, desto

mehr verändert es unseren Geschmackssinn,

ein Phänomen,

bekannt aus dem Flugzeug.

Doch die 1822 Meter von St.

Moritz sind für die Spitzenköche

des Gourmetfestivals

noch eine bezwingbare Hürde.

Vom 27. bis 31. Januar sind 40

Events auf dem Programm vom

Sake-Aperitif bis zur Schokolade-Degustation.

Neben den

Deutschen Tim Raue, Christian

Scharrer und Andree Köthe

reisen auch Wolfgang Puck aus

den USA und Yoshihiro Takahashi

aus Kyoto an.

stmoritz-gourmetfestival.ch

THE NEW YORKER

„Forgive the informality – my secretary is on vacation.“

FOTOS: PR, CARTOON: HARRY BLISS/CONDÉ NAST PUBLICATIONS/WWW.CARTOONBANK.COM

102 Redaktion: thorsten.firlus@wiwo.de

Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Firmenindex

Hervorgegangen aus

DER DEUTSCHE VOLKSWIRT

Gegründet 1926

Pflichtblatt der Wertpapierbörsen in

Düsseldorf, Frankfurt und Stuttgart

40045 Düsseldorf, Postfach 105465,

(für Briefe)

40213 Düsseldorf, Kasernenstraße 67,

(für Pakete, Päckchen und Frachtsendungen)

Fon (0211) 887–0, E-Mail wiwo@wiwo.de

REDAKTION

Chefredakteur Roland Tichy

Stellvertretende Chefredakteure Henning Krumrey,

Franz W. Rother

Geschäftsführende Redakteurin/Chefin vom Dienst

Angela Kürzdörfer

Creative Director/Leiter Produktentwicklung Holger Windfuhr

Chefreporter Dieter Schnaas

Chefreporter international Florian Willershausen

Menschen der Wirtschaft Hermann J. Olbermann;

Thomas Stölzel, Oliver Voß

Politik & Weltwirtschaft Konrad Handschuch; Bert Losse,

Jens Konrad Fischer, Malte Fischer, Hans Jakob Ginsburg

Unternehmen & Märkte Reinhold Böhmer, Stephanie Heise;

Jürgen Berke, Mario Brück, Nele Hansen, Henryk Hielscher,

Rüdiger Kiani-Kreß, Michael Kroker, Peter Steinkirchner,

Reporter: Anke Henrich, Hans-Jürgen Klesse, Jürgen Salz,

Harald Schumacher, Dr. Andreas Wildhagen,Management:

Julia Leendertse*

Technik & Wissen Lothar Kuhn; Thomas Kuhn, Dieter Dürand

(Dossiers), Wolfgang Kempkens (Autor)*, Susanne Kutter,

Andreas Menn, Jürgen Rees

Management & Erfolg Manfred Engeser; Daniel Rettig,

Kristin Schmidt, Claudia Tödtmann

Geld & Börse Hauke Reimer; Christof Schürmann, Frank Doll,

Martin Gerth, Stefan Hajek, Niklas Hoyer, Dr. Anton Riedl

Perspektiven & Debatte Thorsten Firlus-Emmrich;

Dr. Christopher Schwarz (Reporter)

Layout Svenja Kruse (stv. AD); Beate Clever, Karin Heine,

Claudia Immig, Horst Mügge

Bildredaktion Silke Eisen; Lena Flamme, Patrick Schuch

Syndication wiwo-foto.de

Bildbearbeitung Uwe Schmidt

Informationsgrafik Anna Tabea Hönscheid, Konstantin Megas,

Carsten Stollmann, Gerd Weber

Schlussredaktion Martina Bünsow; Dieter Petzold

Produktion Markus Berg, Petra Jeanette Schmitz

ONLINE

Leitung Franziska Bluhm

Chefin vom Dienst Dr. Silke Fredrich

Redaktion Rebecca Eisert, Ferdinand Knauß, Saskia Littmann,

Meike Lorenzen, Tim Roman Rahmann, Andreas Toller

E-Mail online@wiwo.de

BÜROS

Berlin Henning Krumrey; Dr. Christian Ramthun, Max Haerder,

Christian Schlesiger, Dieter Schnaas, Cordula Tutt (Autorin)

Askanischer Platz 3, 10963 Berlin,

Fon (030) 61686–121, Fax (030) 61686–170

Brüssel Silke Wettach*, 13b, Av. de Tervuren, B-1040 Bruxelles,

Fon (00322) 2346452, Fax (00322)2346459

E-Mail silke.wettach@wiwo.de

Frankfurt

Melanie Bergermann (Reporterin), Florian Zerfaß

Unternehmen + Märkte Mark Fehr, Cornelius Welp

Geld & Börse Hauke Reimer; Annina Reimann, Heike Schwerdtfeger

Eschersheimer Landstraße 50, 60322 Frankfurt

Fon (069) 2424–4903, Fax (069) 2424594903

London Yvonne Esterházy*, 1 Mansel Road,

London SW19 4AA, Fon (0044) 2089446985,

E-Mail yvonne.esterhazy@wiwo.de

München Matthias Kamp, Nymphenburger Straße 14,

80335 München, Fon (089) 545907–28, Fax (0211) 887–978718

New York Angela Hennersdorf, Martin Seiwert, 44 Wall Street, 7 th floor,

Suite 702, New York, NY 10005, Fon (001) 6465900672

E-Mail angela.hennersdorf@wiwo.de, martin.seiwert@wiwo.de

Paris Karin Finkenzeller*, 21 Boulevard de la Chapelle,

75010 Paris, Fon (0033) 695929240

E-Mail karin.finkenzeller@wiwo.de

São Paulo Alexander Busch*, R. Otavio de Moraes

Dantas, N.° 15, apto. 04 – Vila Marina, CEP 04012–110

São Paulo, Brasilien, Fon/Fax (005511) 50281112 ,

E-Mail alexander.busch@wiwo.de

Shanghai Philipp Mattheis*, 100 Changshu Lu, No 2/App. 105,

200040 Shanghai,

Fon (0086137) 64118414,

E-Mail philipp.mattheis@wiwo.de

Silicon Valley Matthias Hohensee*, 809 B Cuesta Drive # 147,

Mountain View, CA 94040,

Fon (001650) 9629110,

E-Mail matthias.hohensee@wiwo.de

Tokio Martin Fritz*, c/o Foreign Correspondents’ Club of Japan

Yurakucho Denki North Building 20F, Yurakucho 1–7–1, Chiyoda-ku,

100–0006 Tokyo, Japan

Fon/Fax (008150) 36435446,

E-Mail martin.fritz@wiwo.de

(*Freie/r Mitarbeiter/in)

Verantwortlich für diese Ausgabe i.S.d.P.

Konrad Handschuch (Politik&Weltwirtschaft, Der Volkswirt),

Reinhold Böhmer (Unternehmen&Märkte), Hauke Reimer

(Geld&Börse), Manfred Engeser (Management&Erfolg),

Thorsten Firlus (Perspektiven&Debatte), Hermann J. Olbermann

(Menschen der Wirtschaft), Thomas Kuhn (Technik&Wissen)

VERLAG

Handelsblatt GmbH

(Verleger im Sinne des Presserechts)

Geschäftsführung Jörg Mertens, Claudia Michalski, Gabor Steingart

Abonnement/Vertriebsservice

Kundenservice WirtschaftsWoche

Postfach 9245, 97092 Würzburg

Fon 08000002054

Fax (0211) 887–3642

E-Mail vertriebsservice@wiwo.de

Jahresabonnement Inland 238,80 Euro, bei vierteljährlicher Zahlung

63,00 Euro. Vorzugspreis für Schüler und Studenten Inland (gegen

Nachweis) 169,00 Euro, bei vierteljährlicher Zahlung 45,90 Euro.

Abopreis Ausland 302,70 Euro, für Schüler und Studenten

(gegen Nachweis) 232,90 Euro, zuzüglich MwSt. in den EU-Ländern.

Luftpostzuschläge auf Anfrage.

Zahlungen für Abonnements bitte ausschließlich auf folgendes Konto:

Commerzbank AG, Düsseldorf, Nr. 211884100 (BLZ 30080000)

Mitglieder des Bundesverbands deutscher Volks- und Betriebswirte

e.V. (bdvb) erhalten die WirtschaftsWoche im Rahmen Ihres Mitgliedsbeitrags

geliefert.

Mitglieder des BDIVWA erhalten die WirtschaftsWoche zum Mitglieds-

Sonderpreis.

Studentische Mitglieder des Bundesverbandes der Börsenvereine

an Deutschen Hochschulen (BVH) erhalten die WirtschaftsWoche im

Rahmen ihrer Mitgliedschaft.

Mitglieder der Landesarchitektenkammern erhalten die Wirtschafts-

Woche zum Mitglieds-Sonderpreis.

Mitglieder des VDE – Verband der Elektrotechnik, Elektronik,

Informationstechnik e.V. erhalten die WirtschaftsWoche zum Mitglieds-

Sonderpreis.

Young Professionals des BME – Bundesverband Materialwirtschaft,

Einkauf und Logistik e.V. erhalten das Wirtschafts-Woche eMagazin im

Rahmen ihrer Mitgliedschaft

Mitglieder des b.b.h. – Bundesverband selbständiger Buchhalter und

Bilanzbuchhalter erhalten die WirtschaftsWoche im Rahmen ihrer Mitgliedschaft.

Heft-Nachbestellung

Fon (0211) 887–3640, Fax (0211) 887–3642

E-Mail shop@vhb.de

Anzeigenleitung Patrick Priesmann

Verantwortlich für Anzeigen Peter Diesner

Anzeigenverkauf

iq media marketing gmbh

Kasernenstraße 67, Postfach 102663,

40017 Düsseldorf,

Fon (0211) 887–2315, Fax (0211) 374955

Anzeigenservice

Fon (0211) 887–2339

Anzeigentarife

Fon (0211) 887–1376, Fax (0211) 887–2330

E-Mail wiwo@iqm.de

Mediainformationen www.iqm.de

Zurzeit gilt Anzeigenpreisliste Nr. 55

Zahlungen für Anzeigen

bitte ausschließlich auf folgendes Konto:

Dresdner Bank AG, Düsseldorf,

Nr. 211455000 (BLZ 30080000)

Werbung in wiwo.de

Fon (0211) 887–2653, Fax (0211) 887–2656

E-Mail iqdigital@iqm.de

Artikelanfragen

Fon (0211) 887–1888 (Mo.–Fr. 9–12 Uhr)

Fax (0211) 887–972820

E-Mail artikelanfragen@vhb.de

Nutzungsrechte

Fon (069) 7591–2930 (Mo.–Fr. 9–16 Uhr)

E-Mail nutzungsrechte@vhb.de

Druck Prinovis Nürnberg GmbH, Breslauer Straße 300,

90471 Nürnberg

Vertrieb DPV Deutscher Pressevertrieb GmbH,

www.dpv.de

Die WirtschaftsWoche wird ganz oder in Teilen im Print und digital

vertrieben. Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieser Zeitschrift

darf ohne schriftliche Genehmigung des Verlages vervielfältigt

oder verbreitet werden. Unter dieses Verbot fällt insbesondere

die gewerbliche Vervielfältigung per Kopie, die Aufnahme in

elektronische Datenbanken und die Vervielfältigung auf CD-ROM.

Für die Übernahme von Artikeln in interne elektronische

Pressespiegel erhalten Sie die erforderlichen Rechte über

PMG Presse-Monitor GmbH, Berlin,

Fon (030) 284930 oder www.presse-monitor.de.

Printed in Germany.

ISSN 0042–8582.

Für unverlangt eingeschickte Manuskripte, Fotos und Illustrationen

keine Gewähr.

Internationale Partner

Wirtschaftswoche (USPS no 0009592) is published weekly by Handelsblatt GmbH. Subscription price for USA is $270 per annum.

K.O.P.: German Language Pub., 153 S Dean St, Englewood NJ 07631. Periodicals Postage is paid at Englewood NJ 07631 and additional

mailing offices. Postmaster: Send Address changes to: Wirtschaftswoche, GLP, PO Box 9868, Englewood NJ 07631.

Die Angaben bezeichnen den

Anfang des jeweiligen Artikels

A

ABB.............................................. 61, 72

Accenture..................................... 56, 72

Adidas.................................................52

Agco................................................... 50

Air France-KLM..................................... 9

Amazon.........................................42, 52

Apple................................ 14, 42, 56, 64

AppSphere.......................................... 61

Arvato.................................................72

AT&T................................................... 56

Audi....................................................52

Augsburg Airways..................................9

B

Beiersdorf...........................................12

Bertelsmann........................................72

Bertrandt............................................ 94

BMW.......................................42, 52, 60

Boeing................................................ 64

Bosch............................................61, 76

Breakout Labs..................................... 42

BSN medical........................................12

C

C&A.................................................... 42

CAS Software...................................... 61

Cirrus Air...............................................9

Citrix...................................................14

Cityjet................................................... 9

Concept Laser..................................... 58

Continental......................................... 42

CosmosDirekt......................................85

CPP.................................................... 52

CTT.....................................................95

D

Daimler................................... 42, 56, 60

Deerberg.............................................52

Deloitte...............................................59

Deutsche BA......................................... 9

Deutsche Bahn.............................. 72, 76

Deutsche Lufthansa...............................9

Deutsche Telekom................... 12, 61, 93

Dish.................................................... 93

Dräger.................................................59

3M................................................52, 77

E

E.On....................................................61

Ebay..............................................42, 76

EnBW..................................................61

EOS.....................................................58

EQT.....................................................12

Ericsson.............................................. 64

Evonik.................................................76

Expedia...............................................10

EY.......................................................52

F

Facebook...................................... 42, 64

Ford.................................................... 60

Forsa...................................................64

Foxconn.............................................. 42

Franklin Templeton..............................96

Freenet............................................... 72

G

Gambro...............................................12

Giner...................................................59

Google...............................42, 52, 56, 64

GoPro................................................. 42

H

H&M................................................... 42

Honda.................................................60

Hyundai.............................................. 59

I

IBM.....................................................52

Instagram............................................64

Intro Aviation.........................................9

K

Kellendonk..........................................61

Kienbaum............................................52

L

LEG Immobilien................................... 76

LTU....................................................... 9

M

Microsoft............................................ 64

Miele...................................................61

Miniatur Wunderland........................... 52

Modern Meadow..................................42

Motorola Solutions...............................56

N

NetSuite..............................................94

O

Onventis..............................................61

Oracle................................................. 42

Osram.................................................76

P

Patagonia............................................52

PayPal.................................................42

Pironet NDH........................................61

Porsche...............................................94

Priceline..............................................10

Proton Energy Systems........................ 59

R

Red Bull.............................................. 42

Red Hat...............................................94

Renault-Nissan....................................60

Rio Tinto............................................. 92

S

Salesforce...........................................94

Samsung.............................................52

SAP.....................................................61

Sapinda...............................................12

Schaeffler........................................... 42

Schneider Electric............................... 61

Sick.................................................... 52

Siemens.................................. 56, 59, 61

Sixx.....................................................76

Skype..................................................64

SLM Solutions..................................... 58

Snow & Alps........................................ 12

Softbank............................................. 93

Sony................................................... 56

Space X...............................................42

Spanx..................................................42

Sprint..................................................93

T

ThyssenKrupp............................... 12, 59

T-Mobile US.........................................93

Toyota...........................................59, 60

Tripsta................................................ 10

Triumpf...............................................42

Trivisio................................................ 56

Twitter.......................................... 42, 64

U

UC Rusal............................................. 92

V

Virgin.................................................. 62

Vodafone.......................................12, 60

Volkswagen......................................... 42

von Rundstedt..................................... 72

Vuzix...................................................56

W

Whatsapp............................................64

X

xCon Partners......................................56

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 103

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Wunschzettel

Liebe Bundesregierung...

Deutsche Unternehmer treibt die Sorge, dass zusätzliche Belastungen aus dem Koalitionsvertrag die

Leistungsfähigkeit speziell des Mittelstandes schmälern und Arbeitsplätze kosten könnten. Sie

wünschen sich einen stabilen Euro, schnelle Datennetze – und eine Regierung mit Mut zu Reformen.

Alexander

Kudlich

Geschäftsführer

von Rocket

Internet

Lothar Harbich

scheidender

Geschäftsführer

des Druckerherstellers

Brother

International in

Bad Vilbel

FOTOS: LAIF (2), PR (2)

104 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Sehr geehrte Frau Bundeskanzlerin,

Rupert Stadler

Vorstandschef

von Audi

2014 ist ein bedeutendes Jahr für die deutsche Industrie. Wichtige Weichen

müssen gestellt werden, national und international.

Ich wünsche mir, dass die von Ihnen geführte Koalition darauf achtet, dass

wir, die deutsche Industrie, die Trümpfe im weltweiten Wettbewerb in der Hand

behalten können. Dazu gehören ein stabiler Euro, freie Märkte, bezahlbare

Energie, schnelle Datennetze, Förderung von Wissenschaft und Forschung und

Investitionen in die Bildung.

Wir müssen im globalen Wettbewerb um so viel besser sein wie wir teurer sind.

Wir glauben an den Standort Deutschland und investieren weiter auf hohem

Niveau.

Mit freundlichen Grüßen

Rupert Stadler

Dieter

Burmester

Gründer von

Burmester

Audiosysteme

» Weitere Wünsche finden Sie auf den Seiten 24/25 und 70/71

WirtschaftsWoche 6.1.2014 Nr. 1/2 105

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Ausblick

„Das Wichtigste ist jetzt:

Freiheit, Freiheit, Freiheit.“

Michail Chodorkowski

Kreml-Kritiker und Ex-Chef des

russischen Ölkonzerns Jukos, nach

seiner zehnjährigen Haftstrafe in

einem russischen Straflager

„Ich bin Unternehmer

geworden, weil ich nicht für

einen anderen Armleuchter

arbeiten wollte. Freiheit ist für

mich das entscheidende Wort.“

Peter Dussmann

(1938 bis 2013) Gründer des

Dienstleistungskonzerns Dussmann

„Ich schätze die Ideale

einer demokratischen und

freien Gesellschaft. Wenn

notwendig, bin ich bereit, für

dieses Ideal zu sterben.“

Nelson Mandela

(1918 bis 2013) erster

schwarzer Präsident Südafrikas

„Freiheit ist ein Gut, das durch

Gebrauch wächst, durch Nichtgebrauch

dahinschwindet.“

Carl Friedrich von Weizsäcker

(1912 bis 2007) Physiker, Philosoph

und Friedensforscher

„Deutschland ist kein

Überwachungsstaat.

Deutschland ist ein Land

der Freiheit.“

Angela Merkel

Bundeskanzlerin (CDU)

„Die Freiheit ist ein Luxus,

den sich nicht jedermann

gestatten kann.“

Otto von Bismarck

(1815 bis 1895) Reichskanzler

„Das Geheimnis des Glücks

ist die Freiheit, das Geheimnis

der Freiheit aber ist der Mut.“

Thukydides

(um 460 v. Chr. bis circa 395 v. Chr.)

griechischer Politiker und Feldherr

„Das Geld, das man besitzt,

ist das Mittel zur Freiheit;

dasjenige, dem man nachjagt,

das Mittel zur Knechtschaft.“

Jean-Jacques Rousseau

(1712 bis 1778) französischer

Philosoph

„Die Freiheit ist wie das Meer:

Die einzelnen Wogen vermögen

nicht viel, aber die Kraft der

Brandung ist unwiderstehlich.“

„Geld ist geprägte Freiheit.“

Fjodor Michailowitsch Dostojewski

(1821 bis 1881)

russischer Schriftsteller

Václav Havel

(1936 bis 2003) Schriftsteller und

tschechischer Staatspräsident

„Die Freiheit ist nur für den

zu retten, der sie besitzen

und verteidigen will.

Freiheit ohne Ordnung

treibt nur zu leicht ins

Chaotische, und Ordnung

ohne Freiheit überantwortet

uns dem Zwang.“

Ludwig Erhard

(1897 bis 1977) Bundeswirtschaftsminister

und Bundeskanzler (CDU)

„Freier Unternehmenskapitalismus

ist das

leistungsfähigste System

für soziale Zusammenarbeit

und menschlichen Fortschritt,

das je erdacht wurde.“

John Mackey

Mitgründer von Whole Foods Market,

Betreiber der weltweit

größten Biosupermarktkette

»Wer Ja sagt zu seiner Freiheit,

wer sie nicht nur will, sondern

lebt, dem fließen Kräfte zu,

die ihn und die Welt ändern.«

Joachim Gauck

Bundespräsident

„Mode spiegelt die

Veränderung einer Gesellschaft

wider. Es gibt keine Mode,

wenn es keine Freiheit gibt.“

Didier Grumbach

Modedesigner

„Die Erfindung des Automobils

hat uns Wohlstand

und Freiheit beschert.“

Dieter Zetsche

Daimler-Vorstandsvorsitzender

„Wenn ich nicht weiß und du

nicht weißt, was Freiheit heißt,

wofür haben wir dann gelebt?

Nur fürs Fressen, Kiffen,

Fernsehn? Wovon haben wir

gelebt? Wirklich nur von Wasser,

Nahrung, Wärme?“

Söhne Mannheims

deutsche Band, die ihren

Song „Freiheit“ der

Menschenrechtsorganisation

„Amnesty international“ widmete

ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER

106 Nr. 1/2 6.1.2014 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Dossier

Der große

Berater-Check

So treffen Sie auf der Suche nach den

richtigen Consultants ins Schwarze

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


3 × Platz 1

8.600 × Danke!

156 Entscheider aus Unternehmen

aller Branchen und Umsatzgrößen

haben KPMG auf Platz Eins * in

folgenden Kategorien gewählt:

Weiterempfehlung

Spezialist für Härtefälle

Bekanntheit

Dafür bedanken sich die 8.600

Mitarbeiter von KPMG in

Deutschland herzlich!

www.kpmg.de

* Berater-Check, Exklusivumfrage im Auftrag

der Wirtschaftswoche, 2013

© 2013 KPMG AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft. Alle Rechte vorbehalten.

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Einblick

Richtiger Dünger

Warum Kunden die besten Gradmesser für die Bewertung von Beratern sind.

Und was das alles mit Ihrem Gärtner zu tun hat. Von Manfred Engeser

Die Hecke stutzen, den Apfelbaum beschneiden,

die Gemüsebeete winterfest

machen: Wer einen Garten sein Eigen

nennt, hatte zuletzt jede Menge zu tun,

um sein kleines grünes Paradies gut

durch die bevorstehenden kalten Monate zu bringen.

Wem die Zeit oder der grüne Daumen fehlt,

um diese Arbeiten selbst zu verrichten, hat vermutlich

einen Experten kommen lassen. Wie aber den

richtigen finden? Klar, man kann ein bisschen im

Internet surfen, man kann die Gelben Seiten wälzen

und überlegen, welchen der selbst verfassten Elogen

man am ehesten glauben kann – um letztlich

nach Bauchgefühl einen aus mehreren Dutzend

Angeboten auszuwählen.

Man kann sich aber auch bei den Nachbarn umhören,

die sich mit den gleichen Fragen herumplagen.

Und schon die eine oder andere Erfahrung mit

diesem oder jenem Botaniker gesammelt haben.

Sie wissen, wer welche Preise aufruft – und sein

Geld wert ist. Wer zwar das Grüne vom Himmel

verspricht – und einen dann doch im Regen oder

Frost stehen lässt. Wer mit Discountpreisen lockt –

und dann die eigene Kostenprognose rasch Lügen

straft. Wer Arbeit von Meisterhand verspricht und

abrechnet – und dann doch stets nur den Lehrling

schickt. Umgekehrt wissen die Nachbarn auch, auf

wen man sich verlassen kann. Wer gute Arbeit leistet

– gerade auch, wenn man sensible Pflänzchen

im Garten stehen hat. Weil sie ihren Favoriten bei

der Arbeit erlebt haben. Und das Ergebnis kennen.

Auch wenn Sie, ob privat oder im Job, gerade nicht

um einen Spezialisten fürs Grüne verlegen sind:

Was einem für eine vergleichsweise wenig kostenintensive

Dienstleistung wie die Verpflichtung eines

Gärtners recht erscheint, sollte erst recht selbstverständlich

sein, wenn nicht nur größere Summen auf

dem Spiel stehen, sondern möglicherweise gar die

Existenz des Unternehmens: also bei der Verpflich-

tung von Unternehmensberatern, Werbeagenturen

IT-Spezialisten, Anwälten, PR-Spezialisten, Wirtschaftsprüfern

oder Steuerberatern.

Natürlich: Auch wer über die Verpflichtung solcher

Dienstleister nachdenkt, kann und sollte sich

vorab informieren. Doch wer sich nicht auf die warmen

Worte der Anbieter verlassen und sichergehen

will, mit der Auswahl keinen Bock zu schießen, sollte

– wie auch auf der Suche nach dem optimalen

Gärtner – die befragen, die in dieser Angelegenheit

am besten informiert sind und am ehrlichsten antworten:

ihre Kunden.

ZEITALTER DER EMPFEHLUNGEN

Genau das haben wir getan in unserem Beratercheck,

der die wichtigsten Dienstleister für Unternehmen

unter die Lupe nimmt. Haben keine Jury

um ihr Bauchgefühl gebeten. Sondern wollten

echte Transparenz schaffen in Branchen, die in der

Regel sehr gut von ihrer Verschwiegenheit leben.

Deshalb haben wir die Top-Manager in bis zu 1500

Unternehmen gefragt, welche Anbieter sie in der

jeweiligen Branche kennen, für wie renommiert sie

sie halten. Welche Anbieter sie bereits beauftragt

haben und welche sie gar anderen Unternehmen

empfehlen könnten – gerade auch in besonders

kniffligen Angelegenheiten. Und auch, womit sie

nicht zufrieden waren.

Das Ergebnis: kein willkürliches Zerrbild, sondern

wohlfundierte Profile, die bestens in unsere Zeit

passen – die Ära der Recommendation Economy,

in der die Macht der Empfehlung entscheidet über

Wohl und Wehe des Erfolgs. Auf individueller wie

auf Konzernebene.

Neben den Platzhirschen brachten die Manager

auch Anbieter ins Spiel, die im Verborgenen blühen

– aber dennoch sehr gute Arbeit leisten. Und dafür

sorgen können, dass auch Sie für Ihr Unternehmen

künftig den richtigen Dünger wählen.


IMPRESSUM

Chefredakteur

Roland Tichy

Redaktion

Manfred Engeser(V.i.S.d.P.);

Claudia Tödtmann (Idee),

Julia Leendertse,

Christoph Lixenfeld

Geschäftsführende

Redakteurin/Chefin vom

Dienst

Angela Kürzdörfer

Creativ Director/Leiter

Produktentwicklung

Holger Windfuhr

Gestaltung

Mirjam Patscheider

Bildredaktion

Lena Flamme

Produktion

Markus Berg,

Petra Jeanette Schmitz

Bildbearbeitung

Uwe Schmidt,

Constanze Fischer

Lektorat

Joachim Fuchs

Verlag

Handelsblatt GmbH,

Kasernenstraße 67,

40213 Düsseldorf

Anzeigenverkauf

iq media marketing gmbh,

Kasernenstraße 67,

40213 Düsseldorf

Anzeigenleitung

Patrick Priesmann

Geschäftsführung

Jörg Mertens,

Claudia Michalski,

Gabor Steingart

Druck

Prinovis Nürnberg GmbH,

Breslauer Straße 300,

90471 Nürnberg

Überblick

4 Wirtschaftsprüfer und

Steuerberater Mandanten

erwarten von ihren

Wirtschaftsprüfern und

Steuerberatern strategisches

Know how und unternehmerisches

Denken.

Welchen Anbietern sie das

vor allem zutrauen.

8 IT-Berater Abläufe vereinfachen,

Kosten senken:

Weil Unternehmen sparen

müssen, haben IT-Berater

Konjunktur.

Welche Dienstleister aus

Sicht der Kunden die besten

sind.

12 PR-Agenturen Wollen

sie mit Unternehmen ins