Wirtschaftswoche Ausgabe vom 21.12.13 (Vorschau)

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Einblick

Alle Räder stehen still, wenn sein starker Arm

es will: Sigmar Gabriel hat für die SPD die gesamte

Wirtschaftspolitik erobert. Von Roland Tichy

Sigmar Erhard?

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Video

Roland Tichy

schildert in der

App-Ausgabe,

warum in Berlin

so schnell nichts

passieren wird

Nach Ludwig Erhard wurde das

Bundeswirtschaftsministerium

zum Rede-Amt: Mit der Kraft

des marktwirtschaftlichen Arguments

sollte es ein Gegengewicht zu den

Umverteilungsministerien schaffen, ohne

wirklich harte Kompetenzen für die wirtschaftliche

Vernunft fechten.

Sigmar Gabriel als neuer Wirtschaftsminister

hat das geändert. Mit der Zuständigkeit

für Energie, Stromnetze, für die „Digitale

Agenda“ sowie Luft- und Raumfahrt hat er

sich ein industriepolitisches Schlüsselministerium

geschaffen. Angela Merkel hat die

Energiewende erfunden und dann zugesehen,

wie ihre CDU-Minister sie gründlich

vermurkst haben: Von Tag zu Tag rückt der

Erfolg weiter weg, wird es teurer, unsicherer,

bedrohlicher für Arbeitsplätze. Und es wird

schmutziger, denn der CO 2 -Ausstoß steigt.

Gabriels Rezept ist schlicht:mehr Kohle und

Gas (WirtschaftsWoche 36/2013). Das sichert

Arbeitsplätze an Rhein und Ruhr und in der

Lausitz, wo Braunkohle gefördert wird. Er hat

sich abgesichert: Drei grüne Staatssekretäre

dämpfen den ökologischen Unmut – und im

Bundesumweltministerium wacht Barbara

Hendricks von der NRW-Kohlefraktion darüber,

dass dort der Widerstand gegen die

Rückwende nicht zu laut wird. Gabriels Erfolg

ist jederzeit in Zahlen messbar: Bleiben

die Jobs und sinkt der Strompreis, gebühren

ihm Lob und Preis für die ökonomische wie

ökologische Rettung der Republik.

Ebenso gewaltig ist seine zweite Aufgabe:

die Durchsetzung wirtschaftlicher Vernunft

gegen seine spendierfreudigen Wohlfühl-

Ministerinnen. Erste Kostproben hat die

neue Arbeitsministerin Andrea Nahles

schon geliefert:Mindestlöhne auch für Praktikanten

und wohl auch für Auszubildende.

Das duale System der Berufsausbildung wäre

am Ende. Zu verlockend sind die –

nur gefühlt – vollen Rentenkassen.

Frauenministerin Manuela Schwesig

hat ihr Politikverständnis eher

unabsichtlich offenbart: „Am Ende

muss Geld rauskommen“ – selbstverständlich

immer das Geld der

anderen. Das für die soziale Marktwirtschaft

konstituierende Austarieren

zwischen Erwirtschaften und Verteilen

erfolgt nun in den SPD-Spitzengremien.

Und Gabriel hat noch weitere Wirtschaftskompetenz

zusammengerafft (siehe Seite

30). Nackt steht Bauernminister Hans-Peter

Friedrich in der Lederhose herum – der dazugehörende

Laptop ruht indes auf Gabriels

Schenkeln. Und Alexander Dobrindt ist

Maut-Versuchsminister und darf die Breitbandkabel

verbuddeln, deren Inhalt aber

kontrolliert – Gabriel. Horst Seehofer und die

CSU entpuppen sich als Scheinriesen. Sie

schrumpfen, schaut man sich die entkernten

Ministerien der CSU näher an.

HERKULES SCHÄUBLE

Zwar tröstet sich die Union mit Finanzminister

Wolfgang Schäuble. Er soll die Banken

bändigen, den Euro retten, Schulden abbauen

und die Vermögen- und Erbschaftsteuer

verhindern. Das sind heroische Aufgaben.

Aber diese Rolle offenbart ein seltsam etatistisches

Wirtschaftsverständnis. Vor allem

aber soll Herkules Schäuble alle Ideen Gabriels

und seiner SPD schreddern – so wie er

die FDP zerstört hat. Das mag bei den gelben

Leichtmatrosen geklappt haben, aber bei einem

politischen Tier wie Gabriel und seiner

Allmacht? Unternehmer wissen, dass ihr

Wohl in den verästelten Äderungen der

Fachressorts entschieden wird. Also fühlen

sie sich beim Managerkreis der SPD besser

aufgehoben als bei den Wirtschaftsorganisationen

der Union. Die müssen draußen vor

der Tür warten. Jetzt rächt sich: Die Union

hat die Wahl gewonnen und dann die Fahne

der Wirtschaft weggeworfen wie einen nassen

Spüllappen. Auch in Hessen: Dort wirft

sie den Wirtschaftsmotor Flughafen den

Grünen als Spielzeug hin.

So steht Gabriel vor der Wahl: Er kann die

geballte Wirtschaftsmacht in seiner Hand so

links wie Frankreichs Präsident

François Hollande einsetzen.

Dann treffen sich Deutsche und

Franzosen auf dem Arbeitsamt.

Oder er orientiert sich an Gerhard

Schröders Wirtschaftsverständnis

– und setzt sich damit gegen Merkel

durch. Kann er Wirtschaft?

Dann kann er Kanzler.

n

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 5

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

10 EU-Spitzenjob: Berlin erwärmt sich für die

Französin Christine Lagarde

11 Zalando: Schweden dominieren | Elektroautos:

Tanken an der S-Bahn

12 Interview: Munich-Re-Vorstand Ludger

Arnoldussen geht Chinesen und Inder an

14 Apcoa: Probleme mit Euro-Noten | Gipfeltreffen:

Von Weltmarktführern lernen |

Apple: Beste Apps

16 Chefsessel

18 Chefbüro Klaus Regling, Chef des Europäischen

Rettungsschirms ESM

Titel So wird 2014

52

Fragen zum neuen Jahr – für

jede Woche eine. Gelingt die

Energiewende? Geht Amerika

pleite? Überlebt Air Berlin? Wird Krebs

heilbar? Wann gibt es endlich wieder

mehr Zinsen? Alle Antworten ab

Seite 10

Politik&Weltwirtschaft

20 Konjunktur 2014 Die Niedrigzinspolitik

der Europäischen Zentralbank entfacht in

Deutschland einen fragilen Aufschwung |

ifo-Umfrage zu den Erwartungen deutscher

Unternehmen und Reaktionen der Wirtschaft

auf den Koalitionsvertrag

30 Regierung Unter Bundeskanzlerin Angela

Merkel hat die SPD alleinige Verantwortung

für alle Wirtschaftsfragen

32 Interview: Jens Weidmann Der Bundesbank-Präsident

verteidigt die Niedrigzinsen

der EZB und warnt vor Reformstillstand

38 Weltwirtschaft Wie sich die wichtigsten

Volkswirtschaften im neuen Jahr entwickeln

48 Interview: Hartmut Rosa Warum haben

wir keine Zeit, obwohl wir sie im Überfluss

gewinnen?

53 Berlin intern

Wunschzettel

8 Teil I Michael Behrendt, Thomas Enders,

Klaus Engel, Matthias Willenbacher,

Jim Hagemann Snabe

74 Teil II Roman Dudenhausen, Peter Meyer,

Jens Baas, Christian Illek

146 Teil III Norbert Kotzbauer, Reinhard Ploss,

Michael Diekmann, Holger Zinke, Johannes

Teyssen, Frank Lotze

Auf tönernen Füßen

Die deutsche Wirtschaft erlebt 2014 einen kräftigen Aufschwung.

Doch der Boom hat einen Haken: Er ist die Folge der Euro-Rettung –

mit Zinsen, die für Deutschland viel zu niedrig sind. Seite 20

Unternehmen&Märkte

54 Entscheidungsjahr 2014 Floppt die Milliardeninvestition,

scheitert der Turn-around,

zerfällt die Firma? Deutsche Unternehmen

zwischen Hoffen und Bangen | Wo Zäsuren

für ganze Branchen drohen

70 Interview: Paul Achleitner Der Aufsichtsratschef

der Deutschen Bank stärkt den Vorstandschefs

Anshu Jain und Jürgen Fitschen

den Rücken, warnt vor einem Trennbankensystem

und rechnet mit steigenden Zinsen

76 Branchen In der Wirtschaft herrscht größere

Skepsis als bei den Konjunkturforschern

78 EnBW Der Chef des baden-württembergischen

Energiekonzerns, Frank Mastiaux, hat

einen Höllenjob

80 Middelhoffs Erben Die größten Versager

und Blender des abgelaufenen Jahres

Wünsche

zum Fest

Was die Wirtschaft nun

von Merkel, Gabriel

und Co. erwartet –

Wunschzettel deutscher

Unternehmer an die

neue Bundesregierung.

Seite 8, 74, 146

TITELILLUSTRATION: OLIVER MUNDAY

6 Nr. 52 21.12.2013

WirtschaftsWoche

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Nr. 52, 21.12.2013

84 Villeroy & Boch Die deutsch-französische

Porzellanmanufaktur beweist seit über 100

Jahren, dass Familienbande stärker sind als

aller politisch geschürter Hass

Zukunft

im Blick

Faxgeräte für reale

Objekte, Raketen

für Touristen und

vernetzte Steaks –

die spannendsten

Techniktrends, die

unseren Alltag ab

kommendem Jahr

verändern könnten.

Seite 88

Hoffen und Bangen

Klappt die Rettung, floppt die Milliardeninvestition, was

macht Amazon-Gründer Jeff Bezos mit der „Washington

Post“? Orte der Entscheidung 2014. Seite 54

Technik&Wissen

88 Technologie Datenbrillen, Drohnen

und 3-D-Druck:Welche technologischen

Umbrüche uns 2014 erwarten

100 Interview: Rolf Pfeifer Werden Maschinen

bald schlauer sein als Menschen?

104 Zukunft Die kühnsten Ideen, an denen

Wissenschaftler weltweit ernsthaft arbeiten

106 Valley Talk

Management&Erfolg

108 Karriere 40 Menschen unter 40, auf die man

2014 achten sollte

120 CEO-Umfrage Die Lehren aus 2013

Geld&Börse

122 Geldanlage 2014 Solange die Notenbanken

nicht bremsen, dürften Aktien weiter

steigen und auch Immobilien gefragt sein

126 Dax Die 30 Werte der ersten Aktienliga im

Einzel-Check.

136 Steuern und Recht Die wichtigsten Änderungen

2014: Doppelte Haushaltsführung |

Verbraucherinsolvenz | Kirchensteuer |

Reisekosten | Versandhandel

138 Geldwoche Nachkaufen, halten, verkaufen?

Wie sich die vor einem Jahr empfohlenen

Aktien, Zertifikate und Investmentfonds am

Markt geschlagen haben

Perspektiven&Debatte

144 Kost-Bar

Rubriken

5 Einblick, 149 Firmenindex | Impressum,

150 Ausblick

FOTOS: RAINER WEISFLOG, AUGUST/JOE PUGLIESE; ILLUSTRATION: ROLAND WARZECHA

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diesmal mit Videos unter anderem

über schlechte Manager,

Bier, vernetzte Kleidung,

die große Koalition,

die Konjunktur und Geschenke,

die man lieber

nicht annehmen sollte.

wiwo.de/apps

n Jahresendspiel Erinnern Sie

sich an die wichtigsten Ereignisse

von 2013? Dann machen Sie mit, und

gewinnen Sie Preise im Wert von bis

zu 25 000 Euro unter quiz.wiwo.de

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WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 7

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Wunschzettel

Liebe Bundesregierung...

Die Jahreswende ist die Zeit der Wünsche. Viele Spitzenmanager der deutschen Wirtschaft kamen

deshalb gerne der Bitte der WirtschaftsWoche nach, ihre Wünsche an die neue Bundesregierung zu

Papier zu bringen. Wir zeigen Ihnen die handschriftlichen Wunschzettel hier in Faksimile.

Michael Behrendt

Vorstandsvorsitzender von

Hapag-Lloyd

Thomas Enders

CEO des Luft- und Raumfahrtkonzerns

EADS

FOTOS: DOMINIK PIETSCH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, ANDREAS LABES, CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PR (2)

8 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Klaus Engel

Vorstandsvorsitzender von

Evonik Industries

Matthias Willenbacher

Gründer und

Co-Vorstand der

Ökostrom-Gruppe juwi

Jim Hagemann

Snabe

Co-Vorstandschef

von SAP

» Weitere Wünsche finden Sie auf den Seiten 74/75 und ab Seite 146

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 9

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Menschen der Wirtschaft

Aussicht auf

neuen Top-Job

IWF-Chefin

Lagarde

EU-SPITZENPOSTEN

Lagarde begeistert Berlin

Nach der Europawahl im Mai steht

die Nachfolge des EU-Kommissionspräsidenten

José Manuel Barroso an.

Die Kandidatensuche startet schon.

Seit Monaten kursieren in Brüssel dieselben Namen,

wenn es um die Nachfolge des Portugiesen

José Manuel Barroso als Präsident der EU-Kommission

geht. Im Gespräch ist etwa der irische

Premier Enda Kenny. Sein Vorteil: Er kommt aus

einem kleinen Land und hat seine Heimat aus

dem EU-Rettungsschirm geführt. Der finnische

Ministerpräsident Jyrki Katainen ist jung und dynamisch,

aber seine Regierung verhielt sich bei

der Euro-Rettung sehr störrisch. Polens Premier

Donald Tusk wäre der erste Osteuropäer an der

Spitze der EU-Kommission und könnte ohnehin

bald nach einem Job suchen, weil die Regierung

in Warschau umgebildet werden soll. In Luxemburg

hofft Jean-Claude Juncker auf einen neuen

Posten, nachdem ihn seine Landsleute im Oktober

als Premier abgewählt haben.

Jetzt taucht in Brüssel ein neuer Name auf:

Christine Lagarde, Chefin des Internationalen

Währungsfonds (IWF) und einst Wirtschaftsund

Finanzministerin Frankreichs. Der Vorsitzende

der CDU/CSU-Gruppe im Europäischen

Parlament, Herbert Reul, plädiert schon für sie.

„Ihre Finanz- und Wirtschaftskompetenz würde

uns gut anstehen“, sagt Reul. In der CDU/CSU

in Berlin findet er für seine Idee Unterstützung.

Nach dem Willen des Europäischen Parlaments

soll der Spitzenkandidat jener Partei

Kommissionschef werden, die bei der Europawahl

im Mai die meisten Stimmen erhält. Bundeskanzlerin

Angela Merkel hat aber schon betont,

dass sie solch einen „Automatismus“ nicht

sehe. Die europäischen Konservativen benennen

ihren Spitzenkandidaten voraussichtlich

erst im März. Die Sozialdemokraten haben sich

bereits auf Martin Schulz geeinigt. Der Präsident

des Europäischen Parlaments rechnet sich –

etwas optimistisch – Chancen auf den Top-Job

in der Kommission aus.

Allerdings konnte er sich in den Koalitionsverhandlungen

in Berlin nicht mit seinem Vorhaben

durchsetzen, im Vertrag zwischen CDU/

CSU und SPD Personalabsprachen zu treffen.

Dort wurde nur festgehalten, dass Union und

SPD „in einem fairen Wettbewerb“ bei der Europawahl

antreten.

Zudem sieht es derzeit nicht danach aus, dass

die Sozialdemokraten stärkste Kraft in Europa

werden. Frankreich würde einen Deutschen an

der Spitze der Kommission ohnehin ablehnen,

wie Präsident François Hollande mehrfach

angedeutet hat. Lagarde wäre dem Sozialisten

lieber – auch wenn sie eine Konservative ist.

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

01

Welche

Frau

leitet als erste einen

Dax-Konzern?

„Die Chefaufseher der Dax-

Konzerne müssen mehr

Frauen mit Geschäftsverantwortung

in die Vorstandsgremien

holen. Dann

könnte in zwei bis vier Jahren

die erste Chefin bestellt

werden“, sagt der Frankfurter

Headhunter Heiner

Thorborg. „Vielleicht wird

sie Martina Koederitz

heißen? Die heutige IBM-

Deutschland-Chefin hätte

das Zeug dazu.“

FOTOS: LAIF/HOLLANDSE HOOGTE/DAVID VAN DAM, BLOOMBERG NEWS, MASTERFILE/TRANSTOCK, AP PHOTO/RM

AUCTIONS, CORBIS/DAVID LEES, ACTION PRESS/IMAGEBROKER, PR (4), IMAGO/SEBASTIAN GEISLER

10 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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ZALANDO

Schweden dominieren

Nach zehn Minuten war alles

vorbei. Länger dauerte die erste

Aufsichtsratssitzung des Berliner

Online-Modehändlers Zalando

nicht. Entsprechend kurz

war die Agenda für das Treffen

am 9. Dezember: Es ging um

Personalien. Via Telefonkonferenz

segneten die sechs Mitglieder

des Aufsichtsrates ihre eigene

Ernennung ab. Kurz zuvor

war Zalando von einer GmbH

in eine Aktiengesellschaft umgewandelt

worden.

Bereits bekannt ist, dass Mia

Brunell Livfors, Chefin des

schwedischen Zalando-Großaktionärs

Kinnevik, den Vorsitz

des Kontrollgremiums übernimmt.

Nicht bekannt waren

bisher die fünf weiteren Mitglieder.

So gehört Anders Holch

Povlsen dazu, der Eigentümer

der dänischen Mode-Gruppe

Bestseller, bekannt durch die

Marken Jack & Jones und Vero

Moda. Er hatte sich im August

an Zalando beteiligt.

Für die Samwer-Brüder sitzt

Alexander Samwer im Gremium.

Die drei Internet-Unternehmer

und Jamba-Gründer haben

über den European Founders

Fund investiert. Zudem wachen

der Geschäftsführer des Risikokapitalgebers

Holtzbrinck Ventures,

Martin Weber, der Kinnevik-Finanzchef

Mikael Larsson

sowie Lorenzo Grabau, Investor

und Kinnevik-Verwaltungsrat,

über das Online-Unternehmen.

Damit stellen die Schweden insgesamt

die Hälfte der Aufsichtsräte.

Die erste Amtshandlung

der Kontrolleure bestand im Abschluss

von Vorstandsverträgen

mit den drei bisherigen Geschäftsführern

von Zalando. Die

Verträge von Robert Gentz, David

Schneider und Rubin Ritter

laufen bis zum 30. November

2018 (siehe Seite 58).

henryk.hielscher@wiwo.de

Ein Auge auf Zalando geworfen

Oberkontrolleurin Brunell Livfors

02

Was

wird aus

Edward Snowden?

Edward Snowden hatte

Russland nur als Zwischenstation

gesehen, im August

erhielt der ehemalige Mitarbeiter

des US-Geheimdienstes

NSA dort Asyl –

für ein Jahr. Das kann verlängert

werden, aber

Snowden möchte lieber

nach Südamerika. Brasilien

bot er Informationen an,

wenn er dafür Asyl bekommt.

Doch eine Ausreise

ist schwierig. Der bolivianische

Präsidentenjet musste

im Sommer in Wien zwischenlanden,

weil die USA

Snowden an Bord vermuteten.

Selbst eine für Januar

geplante Videobefragung

durch das EU-Parlament

soll aus Angst vor einer

Ortung nicht live erfolgen.

Wahrscheinlich ist ein

längerer Aufenthalt wie bei

Wikileaks-Gründer Julian

Assange. Der sitzt seit

18 Monaten in Ecuadors

Botschaft in London fest.

ELEKTROAUTOS

S-Bahn als

Energiequelle

Eine neue Idee elektrisiert

Deutschlands Verkehrsexperten.

Die Nationale Plattform

Elektromobilität (NPE), ein

Beratungsgremium der Bundesregierung,

will Elektroautos

künftig an Oberleitungen von

Straßenbahnen, U-Bahnen und

S-Bahnen aufladen.

Da der Nahverkehr mit

Gleichstrom arbeitet, könnten

die Drähte als Energiequelle für

Schnellladesäulen angezapft

werden, die auf Park & Ride-

Flächen oder an Laternen aufgebaut

werden.

Laut Adolf Müller-Hellmann,

Experte für Elektrische Nahverkehrssysteme

an der Technischen

Hochschule Aachen und

Entwickler der Technik, existieren

bundesweit 4200 Kilometer

Oberleitungen – ausreichend,

um mehrere Millionen Elektroautos

gleichzeitig in nur 30 Minuten

aufzuladen.

Ex-SAP-Chef Henning

Kagermann, Vorsitzender der

NPE, spricht derzeit mit dem

Bundesverkehrsministerium

über den Vorschlag. Pilotprojekte

soll es in Bremen und

Oberhausen geben.

christian.schlesiger@wiwo.de

Garagengold schlägt Aktienindex

Oldtimer mit den höchsten Wertsteigerungen zwischen 2003 und 2013*

Quelle: Classic Data; Schätzpreis des Fahrzeugs 2013 im Zustand 2

Mercedes-Benz

Bentley

Aston Martin

Ferrari

Porsche

Flügeltürer 300 SL

4½ Liter Tourer

DB 5

250 GT Pininfarina

911

800 000 € 620 000 € 300 000 € 205 000 € 69400 €

+264 %

+172 %

+226 %

+150 %

Audi

Volkswagen

Mercedes-Benz

Volkswagen

Citroën

Quattro (Urquattro)

T1 (Bus)

350 SL (R107)

Käfer 1303 Cabrio

2CV6(Ente)

41 000 € 33900 € 20500 € 17000 € 9200 €

+290 %

+299 %

+56%

+91%

+224 %

+188 %

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 11

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Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

GroKo

Was zuerst so klang, als

habe ein Mobilfunkloch

dem Ohr in schneller

Folge erst ein „ß“ und

dann ein „tz“ verschwiegen,

erwies sich

rasch als erfreulich

SMS-tauglicher Name

für die neue Regierung.

Ihr großes Binnen-K

fügt sich dabei ebenso

perfekt in den ZeitgeistInnentrend

wie die

Befreiung vom Zwang,

allzu langatmig lateinisch

buchstabieren

zu müssen, was sicher

ganz besonders alle

künftigen nordrheinwestfälischen

Lehramtsanwärter

freuen

tut. Viel fehlt nicht

mehr bis zum politischintellektuellen

„NuDi“,

dem Null-Dissens.

DER FLOSKELCHECKER

Carlos A. Gebauer, 49,

arbeitet als Rechtsanwalt in

Düsseldorf, wurde auch als

Fernsehanwalt von RTL und

SAT.1 bekannt.

INTERVIEW Ludger Arnoldussen

»Wir stehen am Anfang«

Der Asien-Vorstand des Rückversicherers

Munich Re sieht in China und Indien großes

Potenzial. Aber es gibt noch Hürden.

Herr Arnoldussen, in China hat

das Wirtschaftswachstum zuletzt

stark nachgelassen. Auch

in anderen Ländern Asiens

herrscht Unruhe. Steuert die

Region auf eine Krise zu?

Nein. Im dritten Quartal hat das

Wirtschaftswachstum in China

ja schon wieder angezogen.

Das Land ist über viele Jahre

sehr kräftig gewachsen. Dass

das mal ein bisschen abflacht,

ist normal. Außerdem finde ich

ein Wachstum von 7,8 Prozent

immer noch sehr beachtlich.

Und andere Länder in Asien wie

Indonesien wachsen auch mit

Raten von sechs Prozent.

Wie wirkt sich der Zuwachs auf

das Versicherungsgeschäft aus?

Der Wohlstand der Mittelklasse

nimmt rasch zu, und die Menschen

wollen ihre neu erworbenen

Werte absichern. Der Versicherungsmarkt

in Asien wächst

deutlich stärker als das Bruttoinlandsprodukt.

Wenn beispielsweise

Chinas Wirtschaft

um 7,5 Prozent zulegt, wächst

der chinesische Erstversicherungsmarkt

im Schaden-Unfall-

Geschäft um zwölf Prozent.

Die chinesischen Behörden

schotten den Finanzmarkt

für Ausländer weitgehend ab.

Wann ändert sich das?

Für Rückversicherer ist der

Marktzugang in China deutlich

einfacher als für Erstversicherer.

Die Niederlassung von Munich

Re in Peking hat 2003 auf

Anhieb die Lizenz bekommen,

in ganz China Geschäft zu machen.

Bei Erstversicherern ist

das mühsamer. So hat unser

Erstversicherer Ergo nur die Zulassung

für eine Provinz bekommen,

um Lebensversicherungen

zu verkaufen. Der

Marktanteil ausländischer Erstversicherer

im Schaden-Unfall-

Segment liegt weiterhin bei gerade

mal zwei Prozent. An der

einen oder anderen Stelle verändert

sich aber etwas. In Zukunft

dürfen beispielsweise

auch ausländische Versicherer

Kfz-Haftpflichtversicherungen

anbieten. Kfz-Versicherungen

sind der wichtigste Wachstumstreiber

im chinesischen Markt.

DER ASIEN-OPTIMIST

Arnoldussen, 51, ist seit 2006

im Vorstand des Münchner Rückversicherers

Munich Re und verantwortet

die Regionen Deutschland,

Afrika und Asien-Pazifik.

Wie entwickeln sich die

Prämieneinnahmen im Rückversicherungsgeschäft?

Wir haben in China inzwischen

deutlich mehr als eine Milliarde

Euro Prämieneinnahmen.

Bisher haben wir uns stark auf

große Versicherer konzentriert.

Das soll sich aber ändern. Wir

wollen jetzt auch mittlere und

kleinere Versicherer als Kunden

gewinnen. In Peking etwa sind

viele Immobilien noch nicht

gegen Schäden aus Erdbeben

versichert, von gewerblichen

Hochhäusern bis zu privaten

Wohnhäusern. Hier stehen wir

noch am Anfang und sehen

hohes Entwicklungspotenzial.

Deshalb gehe ich davon aus,

dass die Prämieneinnahmen

weiter steigen werden.

Wie finden Sie in China Ihre

Kunden?

Der chinesische Markt ist

noch nicht sehr entwickelt.

Wir fangen darum immer mit

Beratung und Know-how-

Transfer an. Für das Kfz-Versicherungsgeschäft

haben wir

beispielsweise eine eigene

Beratungseinheit. Unsere Experten

unterstützen die lokalen

Versicherer beim Aufbau

des Geschäfts. Und wir bieten

ihnen natürlich auch Rückversicherungsschutz

an. In Südostasien

und Lateinamerika machen

wir das genauso.

Ist das Geschäft in Indien einfacher?

In Indien ist es für Rückversicherer

schwierig, weil es einen

großen indischen Anbieter gibt,

den die Regierung fördert. Munich

Re darf keine Niederlassung

unterhalten, sondern nur

eine Repräsentanz. Für Erstversicherer

ist es dagegen einfacher.

Ergo betreibt dort ein

landesweites Joint Venture, das

schwarze Zahlen schreibt.

Könnten Sie in Asien nicht

schneller wachsen, wenn Sie

Konkurrenten übernähmen?

In der Rückversicherung sicherlich

nicht. Aber für Ergo sind die

Schaden-Unfall-Märkte in Südostasien

natürlich interessant.

matthias.kamp@wiwo.de | München

FOTO: ARGUM/FALK HELLER; ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER

12 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

APCOA

Ärger mit

Euro-Noten

Der größte Parkhausbetreiber

in Deutschland bekommt das

Problem mit den neuen Fünf-

Euro-Noten nicht in den Griff.

Fast ein Viertel aller Parkautomaten

von Apcoa akzeptieren

die Anfang Mai eingeführten

Scheine nicht. „Aktuell sind 77

Prozent der Standorte auf die

neuen Fünf-Euro-Scheine umgestellt“,

erklärt das Unternehmen.

Apcoa-Chef Ralf Bender

betreibt mehr als 300 Standorte

in 80 deutschen Städten, darunter

Parkhäuser an den Flughäfen

Stuttgart und Düsseldorf.

Allerdings sei Apcoa meist

nur Pächter, für die Umstellung

vieler Automaten seien die Eigentümer

verantwortlich, so

der Parkhausbetreiber. Laut Apcoa

„ist es nicht auszuschließen,

dass manche Automaten

gemeinsam mit den neuen

Zehn-Euro-Noten umgestellt

werden“. Die sollen im Herbst

des kommenden Jahres eingeführt

werden.

03

oliver.voss@wiwo.de

Wer wird

neuer

Microsoft-Chef?

Lange wurde Ford-Chef Alan

Mulally als heißester Anwärter

auf die Nachfolge von Microsoft-Chef

Steve Ballmer

gehandelt. Doch Anfang Dezember

hat der Auto-Manager

abgewunken. Jetzt dürfte

Stephen Elop das Rennen

machen. Der einstige Nokia-

Chef hat den Handydeal mit

Microsoft eingefädelt – und

war vor seinem Wechsel zu

Nokia Leiter des Microsoft-

Office-Geschäfts.

TOP-TERMINE IM JAHR 2014

22.01. Weltwirtschaftsforum In Davos treffen sich traditionell

die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft.

Bis zum 25. Januar diskutieren sie darüber, wie

neue Technologien das politische und wirtschaftliche

Mächtesystem verändern.

07.02. Olympische Winterspiele

Russlands Präsident Wladimir

Putin eröffnet im Badekurort

Sotschi die Wettkämpfe. Ein

Rekord steht schon fest: Mit

rund 37,5 Milliarden Euro sind

es die teuersten Winterspiele.

11.05. Gewerkschaften Der Deutsche Gewerkschaftsbund

(DGB) wählt auf seinem Bundeskongress in

Berlin einen neuen Vorsitzenden. Für die Nachfolge

von Michael Sommer kandidiert der

Chemie-Gewerkschafter Reiner Hoffmann. Eine

Woche später beginnt in Berlin der Weltkongress

des Internationalen Gewerkschaftsbundes.

25.05. Europawahl Die Bürger in den 28 EU-Staaten wählen

die 751 Abgeordneten des Europäischen Parlaments.

Niederländer und Briten stimmen schon

am 22. Mai ab, die Deutschen am 25. Mai.

Parallel dazu finden am 25. Mai in neun Bundesländern

Kommunalwahlen statt.

12.06. Fußball-Weltmeisterschaft In Brasilien kämpfen

bis zum 13. Juli 32 Nationalteams um den Titel.

31.08. Sachsen Bei der Landtagswahl tritt Ministerpräsident

Stanislaw Tillich erneut als Spitzenkandidat

der CDU an, die das Land gemeinsam mit der FDP

regiert.

14.09. Brandenburg Bei der Landtagswahl kämpft

Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) um sein

Amt. Derzeit regiert die SPD dort gemeinsam mit

den Linken.

Thüringen Der genaue Termin für die Landtagswahl

steht noch nicht fest, er muss zwischen dem

29. Mai und dem 28. Oktober liegen. Bisher lenkt

eine CDU/SPD-Koalition die Geschicke.

18.09. Schottland Die Schotten stimmen in einem

Referendum über die Abspaltung vom Vereinigten

Königreich ab. Entscheidet sich die Mehrheit dafür,

soll Schottland voraussichtlich am 24. März

2016 unabhängig werden.

31.12. Afghanistan Der Kampfeinsatz der International

Security Assistance Force endet. Danach bleiben

noch 600 bis 800 Bundeswehrsoldaten im Land,

vor allem, um auszubilden und zu beraten.

GIPFELTREFFEN

Von den

Besten lernen

Wo können Unternehmen trotz

Euro-Krise noch wachsen? Wie

sind Marktveränderungen zu

bewältigen? Antworten auf solche

Fragen gibt das Gipfeltreffen

der Weltmarktführer vom

28. bis 30. Januar 2014 in

Schwäbisch Hall, das die

WirtschaftsWoche mitveranstaltet.

Als Referenten werden

erwartet: Finanzminister Wolfgang

Schäuble, Thomas Enders

(EADS), Klaus Fischer (Unternehmensgruppe

Fischer), Rolf

Hollander (Cewe Color), Bertram

Kandziora (Stihl), Arndt

Kirchhoff (Kirchhoff Gruppe),

Wolfgang Kirsch (DZ Bank),

Matthias Metz (Schwäbisch

Hall), Jens Rottmair (Kässbohrer),

Herbert Schein (Varta Microbattery)

und Hans-Joachim

Watzke (Borussia Dortmund).

Infos und Anmeldung unter:

www.weltmarktfuehrer-gipfel.de

WIRTSCHAFTSWOCHE

App gelobt

Der US-Computerbauer

Apple

hat die App der

Wirtschafts-

Woche in seine

Liste der besten

Apps 2013 aufgenommen.

„Mit

dieser Liste würdigt

das App-Store-Team die

bemerkenswertesten, innovativsten

und unterhaltsamsten

Apps des Jahres 2013“, schreibt

der Konzern. Zudem ergab eine

Umfrage auf dem iPad: 92 Prozent

der Leser sind zufrieden

oder sehr zufrieden mit den

App-Ausgaben der Wirtschafts-

Woche.

mdw@wiwo.de

FOTO: LAIF/UPI PHOTO/ANATOLI ZHDANOV

14 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefsessel

Wer geht, wer kommt

Welche Verträge im Top-Management der börsennotierten Unternehmen 2014 auslaufen,

welche schon verlängert wurden und wer aufsteigt.

3

4

2 6

1

5

DAX 30

COMMERZBANK

Jochen Klösges, 49,

Vorstand für interne Abbaubank

bis 31. Dezember 2013 (1)

Ulrich Sieber, 47, Personalvorstand

bis 31. Dezember 2013

CONTINENTAL

Elmar Degenhart, 54,

Vorstandsvorsitzender bis August 2014,

verlängert bis August 2019

DEUTSCHE BANK

Stefan Krause, 51, Finanzvorstand bis

2013, verlängert bis 2018

Jürgen Fitschen, 65,

Co-Vorstandsvorsitzender bis 2015,

verlängert bis März 2017 (2)

DEUTSCHE BÖRSE

Andreas Preuß, 57,

stv. Vorstandsvorsitzender,

Handel Wertpapiere und Derivate,

bis März 2014, verlängert bis April 2017

DEUTSCHE LUFTHANSA

Christoph Franz, 53,

Vorstandsvorsitzender bis längstens

Mai 2014

DEUTSCHE POST

Roger A. Crook, 56,

Frachtvorstand bis März 2014,

verlängert bis März 2019

DEUTSCHE TELEKOM

René Obermann, 50, Vorsitzender

des Vorstands bis 31.12.2013

Timotheus Höttges, 51,

Vorstand Finanzen, ab 01.01.2014

Vorsitzender des Vorstands

Thomas Dannenfeldt, 47,

Vorstand Finanzen ab 01.01.2014 (3)

E.ON

Johannes Teyssen, 54,

Vorstandsvorsitzender bis 2013,

verlängert bis 2018 (4)

Jørgen Kildahl, 50, Produktionsvorstand

bis 2013, verlängert bis 2018

Bernhard Reutersberg, 59, Vertriebsvorstand

bis 2013, verlängert bis 2016

LINDE

Sanjiv Lamba, 49,

Vorstand Asien bis 2014, verlängert bis

Mai 2019

Wolfgang Büchele, 54,

Vorstandsvorsitzender ab Mai 2014 (5)

Wolfgang Reitzle, 64,

Vorstandsvorsitzender bis Mai 2014

MUNICH RE

Wolfgang Strassl, 57,

Vorstand Krankenversicherung/Personal

bis Dezember 2013

RWE

Rolf Martin Schmitz, 56,

stv. Vorstandsvorsitzender bis 2014,

verlängert bis Januar 2019

SAP

Werner Brandt, 59,

Finanzvorstand bis Juli 2014

Luka Mucic, 41,

Finanzvorstand ab Juli 2014 (6)

Gerhard Oswald, 60,

COO bis 2014, verlängert bis 2016

Jim Hagemann Snabe, 48,

Vorstandssprecher bis Mai 2014

SIEMENS

Peter Y. Solmssen, 58, Rechtsvorstand,

scheidet zum 31. Dezember 2013 aus

Redaktion: Claudia Tödtmann,

Quelle: Kienbaum Executive Search

Vertrag läuft aus; kommt; bleibt; steigt auf

FOTOS: PR (15), ULLSTEIN BILD, GETTY IMAGES

16 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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7

10 8

11

9

Video

In unserer

App-Ausgabe:

Frauenkarrieren –

Anspruch und

Wirklichkeit.

MDAX

AAREAL BANK

Hermann J. Merkens, 47,

Finanzvorstand bis 2014,

verlängert bis April 2019

AXEL SPRINGER

Julian Deutz, 45,

Finanzvorstand ab 2014 (7)

Lothar Lanz, 65,

Finanzvorstand bis April 2014

CELESIO

Stephan Borchert, 44,

Marketingvorstand bis Juli 2014,

verlängert bis September 2018

Marion Helmes, 48,

Vorstandssprecherin bis Dezember 2014,

verlängert bis Oktober 2018 (8)

DEUTSCHE WOHNEN

Lars Wittan, 36,

Finanzvorstand, soll Vorstand bleiben nach

Zusammenschluss mit GSW

Michael Zahn, 50,

Vorstandsvorsitzender, soll Vorstand

bleiben nach Zusammenschluss mit GSW

EVONIK

Dahai Yu, 52, Vorstand

Spezial-Materialien bis Dezember 2013

Patrick Wohlhauser, 49,

Vorstand Gesundheit und Ernährung, ab

1. Januar 2014 Ressortverantwortung für

das gesamte Chemiegeschäft (9)

Thomas Haeberle, 57, Vorstand

Ressourceneffizienz bis Dezember 2013

FRAPORT

Stefan Schulte, 53,

Vorstandsvorsitzender bis August 2014,

verlängert bis August 2019

GEA GROUP

Jürg Oleas, 55,

Vorstandsvorsitzender bis Dezember 2013,

verlängert bis Dezember 2016

KRONES

Markus Tischer, 45, Vorstand International

Services and Operations ab Januar 2014

MTU AERO ENGINES HOLDING

Reiner Winkler, 52, Vorstandsvorsitzender

ab Januar 2014 (10)

Egon W. Behle, 58,

Vorstandsvorsitzender bis Januar 2014

PROSIEBENSAT.1 MEDIA

Thomas Ebeling, 54, Vorstandsvorsitzender

bis 2013, verlängert bis 2017

RHEINMETALL

Gerd Kleinert, 65,

Vorstand Automotive bis Januar 2014

Horst Binning, 54,

Vorstand Automotive ab Januar 2014 (11)

RHÖN-KLINIKUM

Jens-Peter Neumann, 54,

Finanzvorstand bis 2013,

verlängert bis November 2016

SALZGITTER

Wolfgang Eging, 64, Vorstand Röhren bis

Januar 2014, wird Geschäftsbereichsleiter

wegen Vorstandsverkleinerung

Heinz Groschke, 65, Vorstand Handel bis

Januar 2014, wird Geschäftsbereichsleiter

wegen Vorstandsverkleinerung

SGL CARBON SE

Armin Bruch, 60, Vorstand

Marketing & Werbung bis 1. Januar 2014

Robert Koehler, 64, Vorstandsvorsitzender

bis 1. Januar 2014

Jürgen Köhler, 53, Vorstandsvorsitzender

ab 1. Januar 2014

SKY DEUTSCHLAND

Holger Enßlin, 46, Vorstand Recht bis

2013, verlängert bis Dezember 2015

Carsten Schmidt, 50,

Vorstand Sportprogramm bis 2015,

verlängert bis Dezember 2017

Steven Tomsic, 44,

Finanzvorstand bis 2013,

verlängert bis Dezember 2015

SYMRISE

Achim Daub, 51, Vorstand Düfte bis

2013, verlängert bis Dezember 2016

TALANX

Thomas Noth, 53,

IT-Vorstand, bis 31. Mai 2014

WACKER CHEMIE

Auguste Willems, 54, Vorstand

Umwelt, Gesundheit & Sicherheit

12

TECDAX

BECHTLE

SDAX

17

SKW STAHL METALLURGIE

14

Thomas Olemotz, 51,

Vorstandsvorsitzender bis Dezember 2013,

verlängert bis Dezember 2017 (12)

SARTORIUS

Reinhard Vogt, 58, Vorstand Marketing,

Vertrieb bis 2014, verlängert bis 2019

SOFTWARE

13

Karl-Heinz Streibich, 61, Vorstandsvorsitzender

bis 2013, verlängert bis 2018 (13)

XING

Ingo Chu, 42, Finanzvorstand bis 2013,

verlängert bis 2017 (14)

16

15

Ines Kolmsee, 43,

Vorstandsvorsitzende bis 31. März 2014 (15)

VOSSLOH

Werner Andree, 62,

Vorstandssprecher bis August 2014 (16)

ZOOPLUS

Cornelius Patt, 44,

Vorstandsvorsitzender bis 2013,

verlängert bis 2016 (17)

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 17

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Klaus Regling

Chef des Europäischen Rettungsschirms ESM

Die Ordnung ist gewollt. „Um

uns herum geht es oft drunter

und drüber, da muss es hier sehr

aufgeräumt sein“, sagt Klaus

Regling, 63, Managing Director

des Europäischen Stabilitätsmechanismus

(ESM) und

zentrale Figur in der Euro-Krise.

An den zwei Bildschirmen auf

seinem Schreibtisch kann er bei

Bedarf das Geschehen an den

Finanzmärkten live verfolgen.

Sollten Investoren einem Land

der Euro-Zone nicht mehr Kredit

geben, droht dem ESM neue

Kundschaft. Im Moment sieht es

nicht danach aus. In dem nüchternen

Bürogebäude auf dem

Luxemburger Kirchberg gibt es

für alle 120 Mitarbeiter

dasselbe funktionale

Mobiliar. Als

Chef gönnt sich Regling

nur mehr Regale

und einen größeren

Besprechungstisch.

Um Farbe in den

Raum zu bringen, hat

360 Grad

In unserer iPad-

Ausgabe finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

der gebürtige Hamburger ein

Werk des Malers Peter Linnenbrink

aufgehängt. Das Ölgemälde

stellt den jährlichen Stierlauf

im spanischen Pamplona dar.

Doch Regling sieht in den Stieren

etwas anderes: den Herdentrieb,

der so oft das Geschehen

auf den Märkten prägt. Hinter

dem Schreibtisch hat er „ein

altes Lieblingsbild“

aus Indonesien angebracht,

wo er als junger

Ökonom für den

Internationalen Währungsfonds

(IWF)

gearbeitet hat. Die

idyllische Dorfszene

soll ganz bewusst

einen Kontrapunkt bilden. Die

Hälfte seiner Arbeitswochen

verbringt Regling auf Reisen. Investoren

auf anderen Kontinenten

von den Anleihen des ESM

zu überzeugen ist eine seiner

wichtigen Aufgaben. An den

Tagen, an denen er an seinem

Schreibtisch sitzt, erblickt er aus

dem Fenster das größte Einkaufszentrum

Luxemburgs. Im

Nachbargebäude sitzen die Beamten

der EU-Statistikbehörde

Eurostat. Sie erheben die Zahlen,

an denen Regling ablesen

kann, ob seine Kunden wie Portugal

und Griechenland wieder

auf die Beine kommen.

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

FOTO: DOMINIK PIETSCH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

18 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Nur auf

tönernen Füßen

AUSBLICK 2014 | Die deutsche Wirtschaft steht vor einem

kräftigen Aufschwung. Doch der Boom hat einen

Haken: Er ist die Folge der Euro-Rettungspolitik durch

die Europäische Zentralbank – mit Zinsen, die für

Deutschland viel zu niedrig sind.

10

8

Mehr Geld für Maschinen

Diehistorischniedrigen Zinsen...

1,8

2,8

3,3

6

4

Für Hans-Joachim Skotarek bedeuten

Reisen nach Italien harte

Arbeit. In der vergangenen Woche

machte sich der Geschäftsführer

des Wuppertaler Reinigungsmittel-

und Kosmetikherstellers AVT

auf den Weg über die Alpen, um eine neue

Abfüllanlage für seinen Betrieb zu kaufen.

„Unsere Maschinen laufen auf Hochtouren“,

sagt Stefan Skotarek, der Sohn des Firmengründers,

der den 150-Mann-Betrieb

im Bergischen Land zusammen mit seinem

Vater und seinem Bruder leitet. „Um mit der

Nachfrage nach chlorhaltigen Reinigungsmitteln

Schritt zu halten, werden wir unsere

Kapazität in dem Bereich verdoppeln.“ Insgesamt

gibt AVT in diesem Jahr 40 Prozent

mehr für neue Maschinen und Anlagen aus.

Mit seinen Reinigungsmitteln, Deos und

Körperpflegeprodukten beliefert das Wuppertaler

Unternehmen Deutschlands große

Discountmärkte. „Die Kunden legen Wert

auf ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, unser

Markt wächst“, freut sich Skotarek. Bereits

im vergangenen Jahr hatte AVT viel Geld in

die Hand genommen und eine zweite Fabrik

in Wuppertal eröffnet. „Mit einem Betrieb allein

konnten wir die Nachfrage nach unseren

Produkten kaum mehr befriedigen.“

Freude über gute Geschäfte, gekoppelt

mit steigender Investitionslaune, herrscht

derzeit nicht nur bei AVT. In einer Exklusivumfrage

des Münchner ifo Instituts für die

WirtschaftsWoche unter knapp 500 Unternehmen

aus allen wichtigen Bereichen der

deutschen Wirtschaft erklärten 29 Prozent

der Befragten, sie wollten 2014 mehr Geld

für Investitionen ausgeben. Lediglich 22

Prozent erwägen, ihre Investitionsbudgets

zu kürzen. Vordringliches Ziel der Investitionsoffensive:

die Erweiterung der Produktionskapazitäten.

72 Prozent der Befragten

nannten das Aufstocken bestehender Anlagen

als wichtigstes Motiv. Dahinter steckt

die Aussichten auf eine bessere Konjunktur.

Fast zwei Drittel der befragten Manager erwarten,

dass die deutsche Wirtschaft im

nächsten Jahr ebenso stark oder kräftiger

wächst als 2013.

GEFÄHRLICHER BOOM

Steht die deutsche Wirtschaft also vor einem

kräftigen Aufschwung? Bislang haben

vor allem die Konsumenten die Konjunktur

über Wasser gehalten. Nun sieht es so aus,

als könnten auch die Investitionen anspringen.

Geht zudem auch die Durststrecke bei

den Exporten zu Ende, gewönne der Aufschwung

an Breite. Carsten-Patrick Meier,

Geschäftsführer des Kieler Analyseinstituts

Kiel Economics, ist überzeugt, dass die Wirtschaft

stärker wachsen wird, als die meisten

Experten erwarten. „Bleiben neue Schocks

von der Weltwirtschaft und der Euro-Krise

aus, sind nächstes Jahr deutlich mehr als

zwei Prozent Wachstum drin“, sagt Meier. In

den Folgejahren gehe es mit ähnlich hohen

Wachstumsraten weiter. „Deutschland“, so

Meier, „steht vor einem fetten Boom.“

Doch der Aufschwung hat einen Haken:

Er ist die Folge der megaexpansiven Geldpolitik,

mit der die Europäische Zentralbank

(EZB) die Kreditkosten der Krisenländer im

Süden Europas künstlich nach unten

drückt, um den Euro-Raum zusammenzuhalten.

Für Deutschland sind die Zinsen, die

nicht einmal die Teuerungsrate ausgleichen,

viel zu niedrig. „Statt der aktuellen

0,25 Prozent benötigt Deutschland einen

Leitzins von 3,0 bis 3,5 Prozent“, sagt Jörg

»

FOTO: RAINER WEISFLOG; INFOGRAFIKEN: CYPRIAN LOTHRINGER

2

65

83

70

75

15

10

–24

–29

Ausrüstungsinvestitionen 2

Auftragseingang

Investitionsgüter (Inland) 2

19 19

2006 2010 2012 2014

2008

80

85

88

90

02 03 04 05 06 07 08

95

70

00

Zehnjährige

Staatsanleihen

Hypothekenzins

(Zinsbindungvariabel bis1Jahr)

Unternehmensanleihen

10 11 12

05 10

–10

1 Kapazitätsauslastung im verarbeitenden

GewerbeinProzent;

2 zum Vorjahr in Prozent

Quelle:ifo,KielEconomics,

M.M.Warburg

13

2013

...unddie

hohe Kapazitätsauslastung 1 ...

...kurbelndie

Investitionen an

83

7

–5

0

20 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Bumm, Bumm,

Boom! Es wird wieder

investiert

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Politik&Weltwirtschaft

»

04Wie billig

wird das

Erdöl noch werden?

Der Rohölpreis startete 2012 mit

knapp 110 Dollar für das Barrel, und

da steht er jetzt auch. Die zwischenzeitlichen

Ausschläge waren im

Vergleich mit früheren Jahren ein

Klacks. Für 2014 rechnen die Energiefachleute

der Commerzbank mit einem

Durchschnitt von nur noch 106

Dollar: wegen des Schieferölbooms in

den USA, aber auch, weil nach dem

Abflauen der Atomkrise die Rückkehr

des Exportriesen Iran bevorsteht. Aber

da kann noch viel dazwischenkommen.

Und falls in Saudi-Arabien 2014

der 89-jährige König Abdullah abtritt,

ist eine neue Krise fast unvermeidbar.

Krämer, Chefökonom der Commerzbank.

Dass sich an den Niedrigzinsen in

nächster Zeit etwas ändert, ist trotz der

jüngsten Entscheidung der US-Notenbank

Fed, ihre Anleihekäufe ab Januar um zehn

Milliarden Dollar pro Monat zu verringern,

ist nicht zu erwarten. Die Zusicherung der

Fed, ihren Leitzins noch lange Zeit bei null

Prozent zu halten, dürfte es der EZB erleichtern,

an ihrer extrem lockeren Geldpolitik

festzuhalten.

Die Gefahr einer konjunkturellen Überhitzung

steigt. Sogar der Deutschen Bundesbank

wird angesichts der Bonsai-Zinsen

mulmig. „Mit den Niedrigzinsen sind Risiken

und Nebenwirkungen verbunden, die

mit der Dauer der lockeren Geldpolitik zunehmen“,

warnt Bundesbank-Chef Jens

Weidmann (siehe Interview Seite 32).

Verschärft wird die Gefahr durch die

rückwärtsgewandte Wirtschaftspolitik der

neuen Bundesregierung. Mit Mindestlöhnen,

der Rente mit 63 und der Rückregulierung

der Zeitarbeit schickt sie sich an,

Abertausende von Arbeitskräften in die Erwerbslosigkeit

oder den vorgezogenen Ruhestand

zu schicken. Die Arbeitskräfteknappheit,

die sich wegen der demografischen

Wende abzeichnet, wird so mutwillig

verschärft. Die Fähigkeit der Unternehmen,

die Produktion flexibel auszuweiten,

sinkt. „Der Koalitionsvertrag schwächt

Deutschlands Wachstumspotenzial“, kritisieren

die Ökonomen der Deutschen Bank.

Das Zusammenspiel aus ultraniedrigen

Zinsen, die die Nachfrage ankurbeln, und

einer Retro-Wirtschaftspolitik, die die Flexibilität

der Betriebe einschränkt, droht in

einen ungesunden Boom zu münden:

Geld fließt in unrentable Projekte, Lohnund

Preisblasen entstehen, und die Wettbewerbsfähigkeit

der deutschen Wirtschaft

schmilzt dahin. In ein paar Jahren könnte

Deutschland wieder dort stehen, wo es vor

Beginn der Agenda-2010-Reformen war:

am Ende des europäischen Wachstumszugs

– als kranker Mann Europas.

Noch scheint ein solches Szenario weit

hergeholt. In den beiden vergangenen Jahren

wuchs die deutsche Wirtschaft im

Schnitt um lediglich 0,5 Prozent. Die weltweite

Flaute bremste die Exporte, und die

Unternehmen ließen der Euro-Krise wegen

ihre Investitionspläne in den Schubladen.

Hätten die Konsumenten nicht unverdrossen

Geld ausgegeben, die deutsche

Wirtschaft wäre wohl eingebrochen.

Doch die vermeintlich schwachen Zahlen

könnten trügen. „Die Stimmung bei

den Unternehmen und den Konsumenten

ist seit geraumer Zeit viel besser, als es die

amtlichen Konjunkturzahlen nahelegen“,

sagt Kiel-Economics-Chef Meier. Das spreche

dafür, dass die Wirtschaft 2013 in Wirklichkeit

zwischen 1,5 und 2,0 Prozent

wächst – statt der von den meisten Experten

geschätzten 0,5 Prozent.

Meiers Erklärung: Die Statistiker haben

Probleme, den Aufschwung, der diesmal

von der Binnennachfrage ausgeht, richtig

zu erfassen. Im Gegensatz zu einem exportgetragenen

Aufschwung, der sich dank

Zollunterlagen schnell und exakt feststellen

lässt, benötigen die Statistiker mehr

Zeit, wenn es darum geht, die Umsätze im

Die Baugenehmigungen

für Bürogebäude liegen

mit 23 Prozent im Plus

Einzelhandel, von Dienstleistern und kleineren

Unternehmen im Inland vollständig

zu erfassen. Meier rechnet daher mit einer

kräftigen Aufwärtsrevision der Wachstumszahlen

für 2012 und 2013 um jeweils

rund einen Prozentpunkt, sobald die vollständigen

Daten vorliegen.

Dass sich die Stimmung in den Unternehmen

aufhellt, ist nicht nur auf die besseren

Absatzaussichten im Inland zurückzuführen.

Auch die Geschäfte im Ausland

dürften bald besser laufen. Waren die Exporte

2013 ein Totalausfall, so werden sie

die Konjunktur 2014 stützen. Denn die

Weltwirtschaft kommt zunehmend in

Schwung. Anders als in den vergangenen

Jahren, als die Schwellenländer die Weltkonjunktur

zogen, schicken sich nun die

Industrieländer an, die Rolle der globalen

Konjunktur-Lok zu übernehmen.

EXPORTE LEGEN ZU

Allen voran die USA. Die Bürger in Amerika

haben sich in den vergangenen Jahren

eines Großteils ihrer Schulden entledigt.

Derzeit liegt ihre Schuldenlast nur noch

leicht über dem verfügbaren Einkommen,

so niedrig war sie zuletzt im Jahr 2002. Zudem

bessert sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt.

Das stimuliert den Konsum und damit

die Nachfrage nach Autos und anderen

Produkten made in Germany.

Auch für China sind die Wirtschaftsforscher

optimistisch. Das Bruttoinlandsprodukt

der zweitgrößten Volkswirtschaft der

Welt werde im nächsten Jahr um rund acht

Prozent wachsen, erwarten die Ökonomen

des US-Finanzdienstleisters IHS. Damit

bleibt China ein wichtiger Motor für andere

Schwellenländer. Deren Wachstum wird

sich im nächsten Jahr von 4,7 auf 5,4 Prozent

beschleunigen, so die IHS-Ökonomen.

In der Euro-Zone, dem wichtigsten Absatzmarkt

für die deutschen Exporteure,

zeichnet sich ein Ende der konjunkturellen

Talfahrt ab. „Alle Länder der europäischen

Peripherie werden 2014 wieder wachsen“,

sagt Carsten Klude, Chefökonom der Hamburger

Privatbank M.M.Warburg. „Die

schlechte Nachricht ist jedoch, dass dieses

Wachstum äußerst bescheiden ausfallen

wird“, so Klude.

Irland, Spanien und Portugal können die

ersten Früchte ihrer Anstrengungen ernten.

So legten die Exporte Spaniens und Irlands

2013 um jeweils rund sieben Prozent zu,

Portugal verzeichnete ein Exportplus von

immerhin vier Prozent. Damit stiegen die

Ausfuhren der Länder stärker als die deutschen

Exporte. Der Grund: Den Krisen-

»

FOTO: IMAGO/GERHARD LEBER; INFOGRAFIKEN: CYPRIAN LOTHRINGER

22 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Shoppen ist wieder in

Mehr Jobs... 1

Erwerbstätige

sozialversicherungspflichtig

Beschäftigte

40,2

41,9

...und höhere

Einkommen... 2

Nettoeinkommen

(nur Arbeitnehmer)

verfügbare Einkommen

(einschließlich

Selbstständige)

438

27,3

29,4

388

...sorgenfür

steigendeKauflaune 3

Konsumausgaben

355

2008 2009

2010

2011

2012

2013

165

193

2010

2011 2012 2013

Prognose

2014

09/2013

1 saisonbereinigte Monatswerte, in Millionen Euro;

2 saisonbereinigte Quartalswerte, in Milliarden Euro;

2008

2009

2010

2011

2012

335

343

3 reale Kosumangaben der privaten Haushalte,

in Milliarden Euro

07/2013

Quelle:Bundesbank, IWH, Destatis

Der Exportmotor springt an

Trotzstärkerem Euro... 1

1,48

1,37

...wird die anziehende

Weltkonjunktur... 2

Industrie

Dienstleistungen

1,30

2011

2012

1,36

2013

56

55 53

52

51

53

...dieExporte ankurbeln 3

monatlicher Export

94

89

93

50

52

50

1 Wechselkurs Dollar je Euro;

2010

2011

2012

2013

2011

2012

2013

2 globale Einkaufsmanagerindizes für Industrie

undDienstleistungen, Werteüber50=Expansion;

3 nominale Warenexporte, saisonbereinigte Monatswerte Quelle: Bundesbank, M.M.Warburg

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 23

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Politik&Weltwirtschaft

»

ländern gelang es, die Lohnstückkosten

zu senken. „Die Länder orientieren sich am

deutschen Geheimrezept der vergangenen

Jahre“, urteilt Warburg-Ökonom Klude.

Dennoch ist der große Durchbruch beim

Wachstum in den Peripherieländern noch

lange nicht in Sicht. Zu hoch ist die Arbeitslosigkeit,

zu hoch sind die Schulden, als

dass die Bürger vor Kauflust sprühten. Weil

zudem die Unternehmen unter hohen

Schulden ächzen, ist die Investitionsneigung

gering. In Frankreich und Italien

zeichnet sich zudem noch immer kein Reformdurchbruch

ab. Die Wirtschaft stagniert,

die Staatsschulden wachsen. Sollen

die Schulden nicht durch die Decke gehen,

benötigen beide Länder niedrige Zinsen.

„Die Europäische Zentralbank sieht sich

gezwungen, die mangelnde Reformbereitschaft

der Südländer mit einer expansiven

Geldpolitik zu kompensieren“, sagt Commerzbank-Chefökonom

Krämer.

Deutschlands Vorteil schwindet

Lohnstückkosteninder Privatwirtschaft 1

Irland

Spanien

Griechenland

Italien

Frankreich

Deutschland

2000

2005

1 Index 2000=100;

Quelle:GoldmanSachs

2010

2013

155

145

135

125

115

105

Die Niedrigzinspolitik zugunsten der

Krisenländer facht in Deutschland einen

Boom an. Hatten sich die Unternehmen

aus Furcht vor dem Zusammenbruch des

Euro in den vergangenen Jahren mit Investitionen

zurückgehalten, so hat das unbedingte

Rettungsversprechen der EZB die

Unsicherheit weichen lassen. Experten

rechnen damit, dass sich der Investitionsstau

bald auflöst. „Die Unternehmen haben

genügend eigene Mittel, es gibt hierzulande

keine Kreditklemme, und die Finanzierungskosten

sind niedrig, das spricht

dafür, dass von den Investitionen ein ordentlicher

Schub kommt“, sagt Stefan

Schilbe, Chefökonom des Düsseldorfer

Bankhauses HSBC Trinkaus.

Nachdem die Ausrüstungsinvestitionen

zwei Jahre in Folge gesunken sind, dürften

sie im nächsten Jahr um sechs Prozent steigen,

2015 sogar um neun Prozent, erwarten

die Forscher des Deutschen Instituts für

95

05Stürzt

Frankreich ab?

Frankreich steckt im Reformstau

fest, weshalb die US-Ratingagentur

Standard & Poor’s die Kreditwürdigkeit

um eine weitere Stufe auf AA

reduziert hat. Dennoch profitiert das

Land weiter von günstigen Zinsen

auf seine Staatsanleihen. Die Märkte

rechnen nicht damit, dass Frankreich

seinen finanziellen Verpflichtungen

nicht mehr nachkommen

kann. 2014 werden rund 174 Milliarden

Euro fällig. Das Land sichert sich

vorsorglich ab: Die Schuldenagentur

AFT nutzt die aktuell niedrigen Zinsen

dazu, eigene Anleihen vor ihrer

Fälligkeit zurückzukaufen und kurzfristige

Anleihen durch langfristige

zu ersetzen. Ein Absturz Frankreichs,

der die Euro-Zone aus den Angeln

heben würde, muss deshalb im

nächsten Jahr noch nicht befürchtet

werden. Eine spürbare Verteuerung

der Zinsen hätte allerdings den

Charme, den bislang fehlenden

Reformdruck zu erhöhen.

06Kommt die

Maut?

Keine Frage: Der Wille ist vorhanden.

Nur wie es funktionieren soll, weiß in

der großen Koalition bislang niemand.

Im Bundesverkehrsministerium wird

referiert, was im Koalitionsvertrag

steht: Eine Vignette werde „europarechtskonform“

sein und deutsche

Autofahrer nicht zusätzlich belasten.

Doch eine Kompensation über die

Kfz-Steuer ist für mehrere Millionen

Autofahrer gar nicht möglich. Brüssel

blickt mit Argusaugen nach Berlin,

ein juristisch niet- und nagelfestes

Konzept hat der neue Verkehrsminister

Alexander Dobrindt noch lange

nicht parat. Frühestens 2015 könnte

es so weit sein – und dann dürften

die Nachbarstaaten klagen.

Wirtschaftsforschung (DIW). Ob die Investitionen

jedoch allesamt sinnvoll sind, ist

fraglich. „Die künstlich nach unten gedrückten

Zinsen lassen Investitionsprojekte

rentabel erscheinen, die es bei genauer Betrachtung

nicht sind“, warnt Stefan Kooths,

Konjunkturexperte des Kieler Instituts für

Weltwirtschaft (IfW). Dadurch drohe viel

Geld in Fehlinvestitionen zu versanden.

Das gelte besonders, da der Staat rentable

Projekte, wie etwa die Verkehrsinfrastruktur,

für sich reklamiere. „Für privates

Kapital bleiben da weniger rentable Projekte

übrig“, warnt Kooths. Entpuppen sich die

Investitionen später als Fehlinvestitionen,

etwa weil die Kosten aus dem Ruder laufen

oder die Banken die Kreditlinien kappen,

fällt der Abschwung umso heftiger aus.

BAU BOOMT

Ein Kandidat für mögliche Fehlinvestitionen

könnte die Bauwirtschaft sein. Die historisch

niedrigen Finanzierungskosten, die

Angst vor Inflation und unsicherer Altersvorsorge

sowie die stabilen Einkommensund

Beschäftigungsaussichten treiben immer

mehr Anleger in den Kauf von Wohnungen,

Häusern und Bürogebäuden.

Selbst die von der Regierung beschlossene

Mietpreisbremse dürfte Interessenten nicht

abschrecken. Dafür sorge der Mangel an alternativen

Anlagemöglichkeiten, sagt Heiko

Stiepelmann, stellvertretender Hauptgeschäftsführer

des Hauptverbands der Deutschen

Bauindustrie.

Noch sieht Stiepelmann keine Blase am

Wohnungsmarkt, zumal sich der Preisanstieg

auf die urbanen Ballungszentren konzentriere

und durch die massiven Zuwanderungen

gestützt sei. „In diesem Jahr werden

wir in Deutschland einen Zuwanderungssaldo

von rund 400000 Personen haben, die

Fertigstellungen von Wohngebäuden erreichen

mit rund 230000 Einheiten gerade mal

das Niveau, das für die Bestandserhaltung

notwendig ist“, sagt Stiepelmann.

Ausgeschlossen ist eine Blase dennoch

nicht. Preisanstiege für Bestandsimmobilien

in Großstädten von bis zu 30 Prozent

binnen drei Jahren haben die Bundesbank

jüngst veranlasst, vor regionalen Preisblasen

zu warnen. Zwischen fünf und zehn

Prozent seien die Immobilien in städtischen

Zentren überbewertet, in Hamburg und

Berlin sogar um bis zu 20 Prozent, warnen

die Währungshüter. Mittlerweile eilen die

Preise für Immobilien den Mieten in den

Großstädten davon. In Hamburg und München

stiegen die Kaufpreise im dritten Quartal

2013 doppelt so schnell wie die Mieten,

FOTO: SHOTSHOP

24 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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in Berlin sogar dreimal so kräftig. Auch kleinere

Städte wie Regensburg und Freiburg

sind von dieser Entwicklung betroffen, ergab

vor Kurzem der große Städtetest der

WirtschaftsWoche (Heft 50/2013).

Weil der Markt für Wohnimmobilien häufig

abgegrast ist, strömen Anleger zunehmend

in den Markt für Bürogebäude. Von Januar

bis Oktober schossen die Baugenehmigungen

für Büroimmobilien um 23 Prozent

in die Höhe. In diesem Sektor schließt selbst

Stiepelmann eine Blase nicht mehr aus.

KOSTEN UND PREISE STEIGEN

Weil die Unternehmen mehr Geld in neue

Maschinen und Bauten stecken, nimmt die

Nachfrage nach Arbeitskräften zu. So gaben

20 Prozent der vom ifo Institut befragten

Manager an, 2014 den Personalbestand

aufzustocken, nur zehn Prozent wollen ihn

verringern. Die ifo-Ökonomen rechnen

mit einem Anstieg der Erwerbstätigenzahl

um 230 000 gegenüber 2013. Weil qualifizierte

Arbeitskräfte trotz Zuwanderung

knapp werden, steigen die Löhne. Die Forländer

ihre Lohnkosten drücken und wieder

wettbewerbsfähig werden, drohen die

Kosten in Deutschland aus dem Ruder zu

laufen. Bereits seit 2008 sind die Lohnstückkosten

in der Privatwirtschaft um insgesamt

rund zehn Prozent gestiegen. Die

politisch angefachte Lohnbonanza dürfte

diesen Aufwärtstrend in den nächsten Jahren

beschleunigen.

Noch hoffen die Unternehmen, den Kostenschub

an ihre Kunden weitergeben zu

können. So geben 50 Prozent der von ifo

befragten Manager an, die Preise für ihre

Produkte und Dienstleistungen als Folge

des Mindestlohns zu erhöhen. Die staatlich

administrierte Lohnpolitik wird so zu

einem gefährlichen Inflationsbeschleuniger.

Kiel-Economics-Ökonom Meier rechnet

damit, dass Deutschland auf Sicht der

nächsten vier bis fünf Jahre auf Teuerungsraten

von drei bis vier Prozent zusteuert.

Doch nicht allen Unternehmen dürfte es

gelingen, die höheren Lohnkosten an ihre

Abnehmer zu überwälzen. „Für uns sind

die Absatzpreise an die Discounter fix, da

Höhere Löhne und

magere Sparzinsen

treiben den Konsum

scher des IWH erwarten für nächstes Jahr

ein Plus bei den Tariflöhnen von 2,7 Prozent,

für 2015 sind es sogar 3,0 Prozent.

Dabei gehen die IWH-Ökonomen davon

aus, dass die Tarifpartner in den anstehenden

Lohnrunden die unteren Gehaltsgruppe

stufenweise auf den Mindestlohn von

8,50 Euro anheben, der laut Koalitionsvertrag

ab 2017 ausnahmslos gelten soll. Doch

mit den unteren Lohnstufen dürften auch

die oberen Lohngruppen steigen, um die

Lohnabstände zu wahren.

Kurzfristig wird der Zuwachs an Kaufkraft

dem privaten Konsum Flügel verleihen.

„Allein der Mindestlohn erhöht die

Lohnsumme um 1,5 Prozent“, weiß Commerzbanker

Krämer. Dazu kommt, dass

die EZB den Bürgern durch Minizinsen auf

Bankeinlagen das Sparen regelrecht vermiest.

Die meisten Experten rechnen daher

damit, dass die Bürger in den nächsten

zwei Jahren ihren Konsum um 1,5 bis 2,0

Prozent erhöhen.

Doch was kurzfristig wirkt, hinterlässt

langfristig Schäden. Während die Krisen-

können wir kurzfristig kaum dran rütteln“,

sagt Familienunternehmer Skotarek, der in

Spitzenzeiten auch Zeitarbeiter bei AVT

beschäftigt. „Erhöhen die Zeitarbeitsunternehmen

ihre Preise, geht das voll zulasten

unserer Gewinne“, sagt Skotarek.

KEIM DER NÄCHSTEN KRISE

Die Ökonomen des IWH sind sich daher sicher,

dass der Mindestlohn Arbeitsplätze

kosten wird. „Arbeitsplatzverluste bei denjenigen,

die jetzt weniger als 8,50 Euro je

Stunde verdienen, werden unvermeidbar

sein“, schreiben sie.

Der Boom, vor dem Deutschland steht,

mag sich zunächst gut anfühlen. Doch er

steht auf tönernen Füßen. Fehlinvestitionen,

Preisblasen, schwindende Wettbewerbsfähigkeit

und steigende Arbeitslosigkeit

von Problemgruppen sind der Preis,

den Deutschland für eine fehlgeleitete Geldund

Wirtschaftspolitik zahlt. „Der Boom“, so

fürchtet IfW-Ökonom Kooths, „trägt bereits

den Keim der nächsten Krise in sich.“ n

malte.fischer@wiwo.de

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 25

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Politik&Weltwirtschaft

IFO-UMFRAGE

Gebremste Zuversicht

Deutschlands Unternehmen wissen nicht so recht, was sie 2014 erwartet. Großes

Wachstum sehen sie nicht, dennoch wollen sie investieren und die Beschäftigung

stabil halten, so eine Exklusiv-Umfrage* des ifo Instituts für die WirtschaftsWoche.

In einem allerdings sind sich die Unternehmen weitgehend einig: Die Vorhaben der

großen Koalition machen den Standort Deutschland nicht besser.

1

Welches Konjunkturszenario für 2014 haben Sie den

Planungen in Ihrem Unternehmen zugrunde gelegt?

...stärker wächst

als 2013

19 %

...schrumpft

3%

Wirgehen

davon aus, dass

die deutsche

Wirtschaft...

45%

...ebenso schnell

wächst wie 2013

2

...weniger

investieren

als 2013

Wie sieht Ihre Investitionsplanung

für 2014 aus?

22%

SLOW

...langsamer

wächst als

2013

31 %

Wir

werden...

29%

49 %

4

Wie reagieren Sie auf den geplanten

Mindestlohn und die vorgesehene

stärkere Regulierung der Zeitarbeit?

...mehr investieren

als 2013...

...ebenso viel

investieren

wie 2013

...keine Angabe

22%

26%

...weniger gering Qualifizierte

und weniger Zeitarbeiter

beschäftigen

...mehr gering Qualifizierte

und mehr Zeitarbeiter

beschäftigen als bisher

2%

Wir

werden...

50%

...genauso viele gering Qualifizierte

und Zeitarbeiter beschäftigen wie

bisher und die höheren Kosten

durch Preisanhebungenanunsere

Kunden weitergeben

...und zwar vorwiegend in Form von:**

Erweiterungen der Kapazitäten

Ersatzbeschaffungen

Rationalisierungen

23%

41%

72%

26 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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3

Wie sehen Ihre Beschäftigungspläne für 2014 aus?

...und zwar durch die verstärkte

Suche in folgenden Zielgruppen:**

Berufsanfänger

Personen aus der stillen Reserve

26%

Arbeitslose

12%

Zuwanderer

11%

58%

...erhöhen

...verringern

20%

10 %

Wir werden

die Zahl unserer

Mitarbeiter...

MODERATE

70 %

...stabilhalten

FAST

5

Welche Folgen haben die steigenden

Energiekosten für Ihre Investitions- und

Standortplanungen?

...mehr Geld in

energiesparende

Maschinen und

Anlagen stecken

30%

...verstärkt im Ausland

statt in Deutschland

investieren

5%

Wir werden...

63%

...die regionale Aufteilung

unserer Investitionen nicht

ändern

* Umfragedes ifo Instituts unter 500 Unternehmen aus Industrie, Bau, Handel

und Dienstleistungen im Dezember 2013, Differenz zu 100: keine Angabe;

** Mehrfachnennungen möglich

6

...habenkeine

Auswirkungen auf

die Standortqualität

Welche Folgen haben die Beschlüsse der neuen

Bundesregierung (Mindestlohn, Regulierung der

Zeitarbeit, Rente mit 63, Mietpreisbremse, Ausbau

erneuerbarer Energien) insgesamt für die Qualität

des Standorts Deutschland?

13 %

...verbessern die

Standortqualität

36%

6%

Die

Beschlüsse...

...verschlechtern die Standortqualitätdeutlich,

Deutschland

wirdiminternationalen

Wettbewerb zurückfallen

45%

...schmälern die Standortqualitätnur

leicht,

Deutschland wirdim

internationalen Wettbewerb

nicht zurückfallen

ILLUSTRATION: KRISTINA DÜLLMANN

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 27

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Politik&Weltwirtschaft

Die rot-schwarze Koalition

REGIERUNG | Die Wirtschaftspolitik der nächsten vier Jahre wird nur von der SPD gemacht.

Diese ökonomische Kapitulation der Union wird für einen zur großen Chance: Sigmar Gabriel.

Wer auf die große programmatische

Rede des neuen Bundeswirtschaftsministers

wartet, der kann

seine Neugier stillen, schon jetzt. Sigmar

Gabriel hat das erste Bekenntnis bereits am

14. November abgelegt. Nicht vor Arbeitgebern,

nicht vor Gewerkschaftlern, auf keinem

Hochschul-Symposium zur Freiburger

Schule und erst recht nicht beim BDI.

Nein, Gabriel wählte für seine wirtschaftspolitische

Grundsatzrede den SPD-Parteitag

in Leipzig. Und legte mit wenigen Strichen

ein bemerkenswertes Bekenntnis zur

Idee der Freiheit ab, wie man es – nur zum

Beispiel – von der Partei mit der Freiheit im

Namen schon lange nicht mehr gehört hat.

„Liberalität“, sagte Gabriel also, „ist ja eine

Geisteshaltung, die den Menschen vor

der Übermacht des Staates ebenso schützen

will wie vor der Übermacht des Marktes.“

Es sei an der Zeit, einen „alten Freiheitsbegriff“

wieder zu entdecken, der Arbeit

und Leben genauso wenig als Gegensätze

begreife wie sozialen Halt und selbstverantwortliche

Lebensgestaltung. „Wir

sollten dieser großen und wichtigen Tradition

des Liberalismus eine neue Heimat

geben.“ So weit ging Gabriel, seinen Genossen

den leisen Zweifel einzuimpfen, ob

wirklich jede sozialdemokratisch-herzerwärmende

„kollektive Lösung“ in einer individualisierten

Gesellschaft noch ein attraktives

Angebot an Wähler darstellt.

Gabriel wäre gewiss nicht Gabriel, wenn

sich in seine Reden nicht immer auch Widersprüche

einschlichen. Einerseits. Andererseits

sollte jeder, der Gabriel die abgenutzten

Attribute des unsteten, sprunghaften

und flüchtigen Hans Dampf anheftet,

seine Antrittsrede als Parteichef aus dem

Jahre 2009 nachlesen. Wer dachte, dass der

SPD-Vorsitzende von freiheitlicher Gesinnung

nur deshalb redet, weil im Jahr des

FDP-Exodus ein bisschen Nachtreten besonders

gut käme, wird hier eines Besseren

belehrt: Gabriel hat über die Idee der Freiheit

2009 nahezu wortgleich geredet wie

heute. Und sie schon damals mit einer Leidenschaft

vertreten, wie man sie häufiger

hören möchte.

»Wir sollten der

Tradition des Liberalismus

eine neue

Heimat geben«

Man darf sich also beim Vizekanzler Sigmar

Gabriel auf ein paar Überraschungen

gefasst machen, für den Rest der SPD-Ministerriege

kann man es zumindest hoffen.

Denn wann immer in den kommenden

vier Jahren wirtschaftspolitische Fragen zu

klären und ökonomisch höchst relevante

Reformen anzustoßen sind, werden die

Antworten und Ansätze von Sozialdemokraten

geliefert. Die Bundestagswahl mag

eine gewisse Angela Merkel gewonnen haben.

Aber Deutschland hat, wenn es um

Industrie, Jobs und Standort geht, eine tiefrot-blassschwarze

Regierung bekommen.

ACHSELZUCKENDE IGNORANZ

Um das in seinem ganzen Ausmaß zu verstehen,

muss man kurz die Ausnahme von

dieser Regel erwähnen: Der einzige Minister

mit Unions-Parteibuch, der in der

nächsten Wahlperiode in ökonomischen

Fragen überhaupt etwas zu sagen haben

wird, wenn ihm der Euro dafür Zeit lässt, ist

der Finanzminister. Ja, natürlich: Wolfgang

Schäubles Stimme und sein verbürgtes

Etat-Vetorecht sind wichtig. Aber dennoch:

Die Partei Ludwig Erhards hat bei der übrigen

Postenverteilung – als es also darum

ging, zu den drängendsten Reformfragen

des Landes die passenden Köpfe zu finden

30 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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FOTO: AGENTUR FOCUS/MARKUS TEDESKINO; ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER

– eine achselzuckende Ignoranz an den Tag

gelegt, die sagenhaft ist.

Ressorts stehen für politische Herausforderungen

– und mit den herausfordernden

Ressorts wollten CDU und CSU offenkundig

nichts zu tun haben. Also griff der Koalitionspartner

beherzt zu: Die Energiewende

als das industriepolitische Projekt

des Jahrzehnts, voller Spannung zwischen

ökonomischer Wettbewerbsfähigkeit und

ökologischer Innovation? Managt Sigmar

Gabriel. Die Leitlinien der sozialen Marktwirtschaft,

die immer wieder frische Auslegung

ordnungspolitischer Traditionen in

einer ziemlich unübersichtlichen Gegenwart?

Formuliert derselbe Gabriel. Eine

Balance am Arbeitsmarkt, die kriminelle

Ausbeutung verhindert, aber trotzdem das

Jobwunder mit zu ausgreifenden Mindestlöhnen

bitte nicht gefährdet? Darum kümmert

sich Andrea Nahles (SPD). Verbraucherschutz,

und zwar zukünftig verstanden

als Schutz der Bürgerrechte im digitalen

Zeitalter? Aufgehoben bei Heiko Maas

(SPD). Und auf lebenspraktische Fragen,

die jedem Mittelständler Kopfzerbrechen

bereiten – etwa die, wie Familie und Beruf

flexibler zu vereinbaren sind, wie die Kitas

noch zahlreicher und besser werden können?

Wer gibt die Antworten darauf? Manuela

Schwesig. Auch von der SPD.

Hübsche Reste, mehr sind der Union

kaum geblieben. Hermann Gröhe dürfte

als Gesundheitsminister vier Jahre lang

(außer bei einer drängenden Pflegereform)

wortreich nichts machen. Thomas de Maizière

kann als Rückkehrer ins Innenministerium

versuchen, sich wieder den Nimbus

als preußisch-nüchterner Kanzler der Reserve

anzueignen, den er als Verteidigungsminister

im Skandalgetümmel verloren

hat. Die freundliche Johanna Wanka

soll einfach weiterhin Milliarden in die Forschung

schaufeln, was verdienstvoll ist,

aber ohne große Breitenwirkung. Ursula

von der Leyen immerhin tritt als neue Verteidigungsministerin

auf eine globale Probebühne,

die ihr gefallen dürfte – ökonomisch

wichtig ist sie nicht.

Noch das Beste, was die CSU abbekommen

hat, ist ein gefleddertes Verkehrsministerium.

Die Zuständigkeit für Städtebau

und Mietpreisbremse ging an das SPD-

Umweltressort, dafür darf es jetzt Breitbandnetze

ausrollen. Der neue Hausherr

Alexander Dobrindt mag zwar mittlerweile

eine Nerd-Brille tragen, wie sie in der Berliner

Startup-Szene Usus ist, die dicken Förderprogramme

für eine BRD 2.0 verteilt

trotzdem – der Wirtschaftsminister.

Ein Genosse

der Bosse?

Sigmar Gabriel

Nirgendwo haben CDU und CSU ihre

programmatische Kapitulation so total

vollzogen wie in der Wirtschaftspolitik. Einen

Wirtschaftsflügel, der den Namen verdiente,

gibt es nicht (mehr). Interessante

Köpfe, die eine liberal-konservative Alternative

formulieren könnten, deren Aus-

07Kommt

jetzt die teure

Euro-Rettung?

Das Versprechen der Europäischen

Zentralbank, notfalls unbegrenzt

Staatsanleihen von Krisenländern zu

kaufen, hat die Euro-Krise beruhigt.

Irland hat den Rettungsschirm bereits

verlassen, Spanien und vermutlich

Portugal werden 2014 folgen.

Um die Hilfskredite zurückzuzahlen,

müssen diese Länder in den nächsten

Jahren allerdings die Wirtschaft

in Schwung bringen. Dagegen erweist

sich Griechenland als Fass ohne

Boden. Die Kreditgeber werden

trotz erfolgter Schuldenschnitte und

Zinserleichterungen auch 2014 dem

schlechten Geld gutes hinterherwerfen

müssen. Athens Staatsschulden

werden mittlerweile zu 80 Prozent

von öffentlichen Gläubigern gehalten,

es trifft also die Steuerzahler.

strahlung weiter reicht als von hier bis zur

CDU-Mittelstandsvereinigung, sind nicht

in Sicht. Weil die Union außer dem fantasielosen

Slogan „Keine Steuererhöhungen“

keinen Begriff mehr von einem gelingenden

Wirtschaftsleben hat, den sie den

Wählern vermitteln könnte, muss sie eben

zusehen, wie die SPD sich auslebt.

DIE ERFINDUNG DES PREKARIATS

Es wird in den kommenden vier Jahren also

von Genossen abhängen, ob das Land

2017 – so der Merkel’sche Maßstab – besser

dasteht als 2013. Damit es wirklich so kommen

kann, müssen die roten Minister einigen

Verlockungen widerstehen. Etwa der,

Gewerkschaftswünsche zum ausschließlichen

Webstoff ihrer Politik zu machen. Außerdem

sollten die Sozialdemokraten endlich

zugeben, dass die vor ihr propagierte

Elends- und Prekariats-Republik mit der

Lebenswirklichkeit der meisten Bürger

nichts zu tun hat – sondern eine schlechte

Erfindung für den Wahlkampf war.

Die wohl größte Aufgabe aber, die im Kabinett

zu vergeben war, hat Sigmar Gabriel

selbst angenommen. Die Deutschen wollen

die Energiewende, grünen Strom und

keine Atomkraftwerke. Aber sie wollen für

diesen Wandel nicht endlos mehr bezahlen.

Jedenfalls nicht mit explodierenden

Rechnungen und erst recht nicht mit weniger

Arbeitsplätzen. Mit diesen Widersprüchen

muss sich der Superminister abgeben.

Er hat es so gewollt.

Dabei wird es für Gabriel nicht reichen,

der grünen Wende einen Kohleanstrich zu

geben oder vor dem „größten Deindustrialisierungsprogramm

unserer Geschichte“

(WirtschaftsWoche 36/2013) zu warnen.

Gabriel war bereits einmal Umweltminister,

er kennt die irrwitzige Subventionsmaschine

gut genug. Allein einen zweiten Genossen

der Bosse zu geben, so wie einst

Gerhard Schröder, kann es nicht sein. Aber

als Marktwirtschaftsminister der guten

Ordnung könnte er jetzt beweisen, dass er

ernst macht mit der Freiheit.

Gabriel trägt dafür den grimmigen Stolz

derer in sich, die es gegen alle Widrigkeiten

des Schicksals ziemlich weit gebracht haben.

Dieser Mann stellt sich den Aufgaben,

er schont sich und andere nicht. Man darf

getrost davon ausgehen, dass dieses Ego

sich selbst alles zutraut. Mut, auch so viel

ist klar, hat er. Gabriel kann jetzt alles gewinnen,

und er kann grandios scheitern.

Jederzeit. Freiheit bedeutet eben auch immer:

Risiko.

n

max.haerder@wiwo.de | Berlin

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 31

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Politik&Weltwirtschaft

»Der Geldwert ist stabil«

INTERVIEW | Jens Weidmann Der Präsident der Deutschen Bundesbank verteidigt die

Niedrigzinsen der EZB – warnt aber vor Gewöhnungseffekten und Reformstillstand.

Herr Weidmann, die deutschen Sparer

zahlen durch niedrige Zinsen die Zeche

für die Euro-Rettungspolitik der EZB.

Haben Sie als Währungshüter noch Vertrauen

in unser Papiergeld, oder legen

Sie Ihre Ersparnisse schon in Bitcoin an?

Über die einzelnen Krisenmaßnahmen

kann man zweifellos kontrovers diskutieren,

und Sie wissen, dass ich mich nicht

scheue, dies zu tun. Aber Ihre Behauptung

kann ich so nicht stehen lassen. Der Euro-

Raum erholt sich gerade vom schwersten

Wirtschaftseinbruch der Nachkriegsgeschichte,

entsprechend niedrig ist der

Preisdruck. Die Geldpolitik hat auf diese

außergewöhnliche Situation reagiert. Die

niedrigen Zinsen treffen nicht nur die

Sparer in Deutschland, sondern alle, die

derzeit im Euro-Raum ihr Geld risikoarm

anlegen möchten. Was Anlagen in das

Internet-Geld Bitcoin angeht, wäre ich

vorsichtig: Wegen der starken Kursschwankungen

und der geringen Tiefe und Intransparenz

des Marktes sind diese sicherlich

nicht risikoarm. Genau daran hat

die Europäische Bankenaufsicht EBA

jüngst erinnert. Nach meiner Überzeugung

ist das Vertrauen in das auf unabhängigen

Notenbanken basierende Geldwesen ungebrochen.

DER EURO-HÜTER

Weidmann, 45, ist seit Mai 2011 Präsident

der Deutschen Bundesbank und Mitglied

im Rat der Europäischen Zentralbank (EZB).

Von 2006 bis zu seiner Ernennung als

Notenbankpräsident war er Abteilungsleiter

für Wirtschafts- und Finanzpolitik im

Bundeskanzleramt.

Der Erfolg von Bitcoin spricht aber dafür,

dass die Anleger dem staatlichen Papiergeld

zunehmend misstrauen...

...Bitcoins sind doch überhaupt keine Alternative

zu unserem Geld. Sie sind als

Zahlungsmittel ein absolutes Nischenprodukt.

Versuchen Sie einmal, Ihren Samstagseinkauf

mit Bitcoins zu bezahlen. Das

treibende Motiv hinter der derzeitigen

Nachfrage nach Bitcoins scheint mir eher

die Hoffnung auf eine hohe Rendite als das

von Ihnen behauptete Misstrauen gegenüber

den bestehenden Währungen dieser

Welt zu sein. Diese Hoffnung kann aber

eben auch enttäuscht werden.

Bleibt das Problem der niedrigen Zinsen.

Das gesamtwirtschaftliche Umfeld und das

schwache Kredit- und Geldmengenwachstum

bremsen den Aufwärtsdruck auf die

Preise. In unserer Dezemberprognose er-

FOTO: OLIVER RÜTHER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

32 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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warten wir für das nächste und übernächste

Jahr Inflationsraten von unter eineinhalb

Prozent für den Euro-Raum. Das rechtfertigt

eine expansive Geldpolitik. Allerdings

entbindet uns Ruhe an der Preisfront nicht

von einer sorgfältigen Kosten-Nutzen-

Analyse der geldpolitischen Maßnahmen.

Wie fällt die aus?

Die Ruhe ist kein Freibrief für beliebige

geldpolitische Lockerungen. Ich weise auch

immer wieder darauf hin, dass mit den

Niedrigzinsen auch Risiken und Nebenwirkungen

verbunden sind, die mit der Dauer

der lockeren Geldpolitik zunehmen. Es besteht

die Gefahr, dass sich Staat und Private

an das billige Geld gewöhnen, Strukturreformen

unterlassen, Banken und Unternehmen

ohne tragfähiges Geschäftsmodell

am Leben erhalten. Auch können Vermögenspreisblasen

entstehen. Ja, es stimmt:

Derzeit wird der Ertrag sicherer Anlagen sogar

von der Inflation aufgezehrt, der Vermögenserhalt

fällt schwer. Negative Realzinsen

gab es aber auch schon zu D-Mark-Zeiten.

Sie dürfen jedoch kein Dauerzustand werden.

Die Bürger müssen sich jedenfalls darauf

verlassen können, dass die Zinsen wieder

rechtzeitig angehoben werden, sobald

der Preisdruck zunimmt.

Müssten die Zinsen nicht erhöht werden,

damit der Reformdruck steigt?

Unsere Aufgabe ist es, Preisstabilität im

Euro-Raum zu gewährleisten. Unser Mandat

besteht nicht darin, Reformen zu erzwingen.

Wettbewerbsfähige Wirtschaftsstrukturen

und solide Staatsfinanzen sind

im Eigeninteresse der Mitgliedsländer. Die

Krise hat allerdings auch sehr eindringlich

gezeigt, dass es der Geldpolitik schwerer

fällt, ihr Ziel zu erreichen, wenn diese Voraussetzungen

nicht gegeben sind. Deshalb

sind für uns als Notenbanken entsprechende

Reformen zentral.

Die EZB betont zwar, sie richte die Leitzinsen

am Durchschnitt der Euro-Länder

aus. Studien deuten jedoch darauf hin,

dass sie die Zinsen an den Bedürfnissen

der schwächsten Mitglieder orientiert.

Wenn das so wäre, hätten wir ja wohl kaum

unser Primärziel erreichen können, die Inflationsrate

unter, aber nahe zwei Prozent

zu halten. Der Kaufkraftverlust des Euro

während der 15 Jahre seiner Existenz liegt

bei genau zwei Prozent pro Jahr. Damit war

er geringer als der in den letzten 15 Jahren

der D-Mark in Deutschland, auch wenn

solche Vergleiche immer etwas oberflächlich

sind, da sie die unterschiedlichen Rahmenbedingungen

nicht berücksichtigen.

Unsere Zinsentscheidungen lassen sich

»Bitcoins sind

doch keine

Alternative zu

unserem Geld«

bis die Ursachen der Krise wirklich beseitigt

sind.

Derzeit sinken in einigen Peripherieländern

die Verbraucherpreise. Das hat

Ängste vor einer Deflation geweckt.

Für den Euro-Raum insgesamt – und das

ist für uns geldpolitisch relevant – rechnen

wir auf Sicht der nächsten zwei Jahre mit

Preissteigerungen zwischen ein und anderthalb

Prozent. Die Inflationsrate wird

also niedrig, aber positiv sein. Die längerfristigen

Inflationserwartungen liegen zudem

in der Nähe von zwei Prozent. Das Risiko

einer Deflation ist somit bei einer Gesamtbetrachtung

sehr begrenzt. Dass die

Preise in einigen südlichen Ländern sinken,

ist Teil der Anpassung, um diese Länder

wieder wettbewerbsfähig zu machen.

Eine sich selbst verstärkende und erwartungsgetriebene

Deflation, die krisenverschärfend

wirkt, sehe ich auch dort nicht.

Dennoch spekulieren die Märkte über

weitere Lockerungsmaßnahmen der EZB

wie einen negativen Zins für Einlagen der

Banken.

Ich halte es nicht für sinnvoll, direkt nach

der Zinssenkung im November schon wieder

öffentlich über die nächsten Maßnahmen

zu spekulieren. Unsere Botschaft ist:

Die EZB ist bereit zu handeln, wenn dies

nötig ist. Allerdings sind die traditionellen

Instrumente an der Null-Zins-Grenze weniger

wirksam. Es ist beispielsweise auch

nicht auszuschließen, dass Banken die mit

negativen Einlagesätzen verbundenen

Kosten über höhere Zinsen auf die Kreditnehmer

überwälzen. Negative Einlagenzinsen

können daher eventuell das Gegenteil

von dem bewirken, was eigentlich gewünscht

wird, nämlich dass das bereitgestellte

Zentralbankgeld zur verstärkten

Kreditvergabe an Unternehmen und private

Haushalte genutzt wird.

Wie wäre es denn mit neuen Geldleihgeschäften,

die die EZB an die Bedingung

knüpft, dass damit Kredite an Unternehmen

in Krisenländern vergeben werden?

Die EZB hat beschlossen, allen Banken im

Euro-Raum bis Mitte 2015 über ihre regulären

Refinanzierungsgeschäfte so viel Liquidität

zur Verfügung zu stellen wie benötigt.

Diese Vollzuteilung gibt den Banken

Sicherheit über die Liquiditätsversorgung.

Ich sehe es grundsätzlich skeptisch, wenn

die Notenbank zur Feinsteuerung von regionaler

oder sektoraler Kreditvergabe der

Banken aufgefordert wird. Das endet

schnell in planwirtschaftlichen Ansätzen.

Es würde die Geldpolitik weiter politisieren.

Zentralbanken sollten nicht in die

auch nicht einfach in Formeln abbilden.

Klar ist natürlich: Wenn sich eine signifikante

Anzahl von Euro-Ländern in der Krise

befindet, wächst der Druck auf das Euro-

System, die Anpassungslast zu mildern.

Diesem Druck müssen wir standhalten

und die Geldpolitik konsequent am Durchschnitt

des Euro-Raums ausrichten.

Für manche Länder fällt die Geldpolitik

dann aber zu expansiv aus, für andere ist

sie zu restriktiv.

In den Ländern, in denen die Geldpolitik

tendenziell zu expansiv ist, können Finanzstabilitätsrisiken

wie zum Beispiel Vermögenspreisblasen

entstehen. Dem muss

dann aber beispielsweise mit anderen Instrumenten

als denen der Geldpolitik begegnet

werden – etwa durch höhere Eigenkapitalvorgaben

für bestimmte Bankkredite.

Den Bedarf für eine solche makroprudenzielle

Politik...

...Sie meinen eine besondere Branchenaufsicht

für Banken...

...haben wir im Vorfeld der Krise zu wenig

beachtet. Deshalb gibt es in Europa jetzt

den Europäischen Ausschuss für Systemrisiken

und in Deutschland den Ausschuss

für Finanzstabilität, die solche Risiken

rechtzeitig aufspüren und Maßnahmen

vorbereiten sollen.

Na prima, dann ist die Euro-Krise vorbei?

Vorsicht, die Euro-Krise ist noch längst

nicht vorbei. Sie ist derzeit an den Finanzmärkten

weniger spürbar als vor gut einem

Jahr. Dazu haben neben den Reformfortschritten

in den Krisenländern, die fiskalischen

Rettungsmechanismen, aber wohl

auch die Ankündigung der EZB beigetragen,

unter bestimmten Bedingungen notfalls

unbegrenzt Staatsanleihen von Krisenländern

zu kaufen. Die Euro-Krise ist

ein komplexes Geflecht aus Finanz-,

Staatsschulden- und Strukturkrise. Bei der

Haushaltskonsolidierung und bei der

preislichen Wettbewerbsfähigkeit hat es in

den Krisenländern einige Fortschritte gegeben,

die auch nicht kleingeredet werden

sollten. Doch es dürfte noch Jahre dauern, »

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 33

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Politik&Weltwirtschaft

»

Geschäftsentscheidungen der Banken

eingreifen, um die Kredite in bestimmte

Regionen oder an bestimmte Kreditnehmer

zu leiten. Bei den bisherigen sehr langfristigen

Refinanzierungsgeschäften hat

sich allerdings leider gezeigt, dass die bereitgestellte

Liquidität nicht in die Kreditvergabe

an die Realwirtschaft geflossen ist,

sondern großenteils zum Ankauf von

Staatsanleihen verwendet wurde. Bei möglichen

künftigen Geschäften sollten wir

dies verhindern. Am einfachsten und

schlüssigsten durch eine Bepreisung, die

solche Carry-Trades unattraktiv macht.

Fakt ist, die Banken vergeben mit dem

Geld kaum Kredite in den Krisenländern...

...was zum einen seine Ursache in einer

schwachen Kreditnachfrage hat, aber wohl

auch eine Folge der notwendigen Bilanzbereinigung

der Institute dort ist. Dazu

kommt, dass in Ländern mit schwächerer

Konjunktur und größeren strukturellen

Problemen die Ausfallrisiken für die Banken

höher sind. Deshalb müssen sie dort

höhere Risikoaufschläge in den Zinsen verlangen.

Das mag zwar die Kreditvergabe

bremsen. Langfristig aber stärkt eine solidere

Kreditvergabe die Stabilität des Finanzsystems.

Im Übrigen ist die Kreditvergabe

auch in den Krisenländern sektoral

sehr unterschiedlich. Selbst in einem Land

mit hohem Anpassungsdruck wie Spanien

werden zwar Kredite an den Bausektor abgebaut,

aber exportorientierte Unternehmen

erhalten sehr wohl Kredite.

Sollte das Bundesverfassungsgericht im

nächsten Jahr zu dem Schluss kommen,

dass das Anleihekaufprogramm der EZB

nicht mit dem deutschen Grundgesetz

vereinbar ist, fällt womöglich der Schutzschirm

für kriselnde Euro-Länder weg.

Was wäre die Folge?

Über das Urteil des Verfassungsgerichts

will ich nicht spekulieren. Als Staatsbürger

irritiert mich bei der Debatte allerdings,

dass mitunter der Eindruck erweckt wird,

die verfassungsrechtliche Beurteilung

müsse von etwaigen Finanzmarktreaktionen

abhängig gemacht werden. Rechtssicherheit

ist ein hohes Gut. Meine Haltung

im Hinblick auf das Staatsanleihekaufprogramm

ist ja bekannt. Ich sehe es kritisch,

und ich trete für eine klare Trennung von

Geld- und Finanzpolitik ein.

Aber Sie machen sich doch sicherlich

Gedanken, was passiert, wenn der

Schutzschirm der Anleihekäufe zuklappt.

Es kommt doch letztlich auf die Regierungen

der betroffenen Länder an. Sie müssen

die Anleger durch Reformen und einen

»Niedrigzinsen

haben Risiken und

Nebenwirkungen«

nachhaltigen Kurs von der Solidität ihrer

Staatsfinanzen und der Leistungsfähigkeit

der Wirtschaft überzeugen. Gelingt dies

vorübergehend nicht und sehen die Partner

die Finanzstabilität gefährdet, stünden

die Instrumente des Euro-Rettungsschirms

ESM zur Verfügung, über deren

Einsatz Parlamente und Regierungen der

einzelnen Länder entscheiden. Nur sie

sind auch dazu legitimiert, solche Entscheidungen

zu treffen, die Notenbanken

nicht.

Bleiben wir bei den Finanzmärkten. Seit

Monaten sind die Aktienkurse im Höhenflug.

In den USA, in Deutschland, Großbritannien

und der Schweiz gehen zudem

die Immobilienpreise steil nach oben.

Befeuern die Zentralbanken mit ihrer

expansiven Geldpolitik neue Preisblasen?

08Ziehen die

Euro-Kritiker

ins Europaparlament ein?

Maximal ein Drittel der 751 Europaabgeordneten

könnte nach der

Europa-Wahl Ende Mai aus euroskeptischen

Parteien kommen, prognostizieren

Experten. Doch Einfluss

im Europäischen Parlament gewinnen

die neuen Gruppen nur, wenn

sie geeint auftreten – und das

ist äußerst unwahrscheinlich. Zu

unterschiedlich sind ihre Ziele und

Ideologien. Die etablierten Parteien

werden weiter mit wechselnden

Koalitionen die Politik bestimmen.

Derzeit suchen die Anleger wegen der

niedrigen Zinsen nach Rendite. Deshalb

strömt viel Liquidität in die Vermögensmärkte.

Bei Unternehmensanleihen hat

die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich

jüngst auf die Gefahr von Überbewertungen

hingewiesen. In Deutschland

sehen wir in einigen regional begrenzten

Immobilienmärkten einen stärkeren Preisanstieg.

Wir müssen daher genau beobachten,

ob sich daraus ein systemisches

Problem entwickelt, das die Finanzstabilität

in Deutschland oder womöglich der

Währungsunion gefährdet. In einem solchen

Fall ist im Euro-Raum die neue makroprudenzielle

Aufsicht gefordert. Die

einheitliche Geldpolitik kann nicht länderspezifisch

reagieren.

Renommierte Ökonomen werfen den

Zentralbanken vor, sie hätten mit ihrer

expansiven Geldpolitik die Finanzkrise

verursacht. Statt aus ihren Fehlern

zu lernen, würden die Notenbanken nun

ohne Konzept immer mehr Geld in das

Finanzsystem pumpen.

Moment mal. Sie müssen berücksichtigen,

vor welchen Herausforderungen die

Notenbanken in den vergangenen Jahren

standen. Sie sind mit den Auswirkungen

der schwersten Wirtschaftskrise der Nachkriegszeit

konfrontiert. Und zwar als Ergebnis

einer gefährlichen Kombination aus

Bankenschieflagen sowie Schulden- und

Zahlungsbilanzkrisen. In diesem Umfeld

haben sie mit ihren Entscheidungen auch

Neuland betreten. Von Konzeptionslosigkeit

kann aber keine Rede sein. Der Geldwert

ist stabil, und das hohe Vertrauen in

die Zentralbanken erkennen Sie an den

stabil verankerten langfristigen Inflationserwartungen.

Aber in einem gebe ich

Ihnen recht: Die Vorstellung, wir können

mit billigem Geld die Ursachen der Krise

bekämpfen, ist gefährlich. Geldpolitik

wirkt wie ein Schmerzmittel, nachlassende

Symptome dürfen nicht davon ablenken,

die Ursachen zu therapieren. Anders

gewendet, es besteht das Risiko, dass die

Geldpolitik aus Rücksicht auf die Folgen

an den Finanzmärkten zu lange zu expansiv

bleibt.

Bei den Banken machen Sie sich mit der

Forderung nach zusätzlichen Regulierungen

keine Freunde.

Wir müssen sinnvoll regulieren, damit wir

auf der einen Seite die Risiken für die Finanzstabilität

reduzieren und auf der anderen

Seite die Funktionsfähigkeit des Bankensystems

in seiner dienenden Rolle für

die Realwirtschaft erhalten. Nicht jedes

»

FOTO: OLIVER RÜTHER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

34 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

»

»Vorsicht, die

Euro-Krise

ist noch längst

nicht vorbei«

Regulierungsvorhaben ist zielführend,

aber das heißt nicht, dass wir die Regulierungsagenda

schon abgearbeitet haben.

Was fehlt noch?

Das Problem des Too-big-to-fail beispielsweise

ist noch nicht gelöst. Darüber hinaus

müssen wir immer auch im Blick behalten,

wie Banken oder andere Finanzmarktakteure

auf Regulierungen reagieren und wie

sie ihr unter Umständen ausweichen. Deshalb

ist es auch so wichtig, die sogenannten

Schattenbanken in die Regulierung mit

einzubeziehen.

Angeblich haben die Banken auch bei der

Festsetzung des Goldpreises und von

Wechselkursen getrickst. Wie lässt sich

denn so etwas verhindern?

Falls sich diese Vorwürfe bewahrheiten,

dann handelt es sich um kriminelles Verhalten.

Das sollte entsprechend hart bestraft

werden.

Die europäische Bankenunion hat ja unter

anderem das erklärte Ziel, die gegenseitige

Abhängigkeit von Banken und Staaten

zu durchbrechen. Dabei besteht aber die

Gefahr, dass das Problem lediglich von

der nationalen auf die europäische Ebene

verschoben wird. Wäre es nicht endlich an

der Zeit, dass Banken ihre Staatsanleihen

mit Eigenkapital unterlegen müssen?

Das fordere ich seit mehr als einem Jahr. Es

ist auch eine logische Folge der Bankenunion.

Wenn die regulatorische Behandlung

von Staatsanleihen nicht geändert

wird, laufen wir in der Tat Gefahr, die

Verbindung von Banken und Staaten nicht

zu kappen, sondern das Problem lediglich

auf die europäische Ebene zu hieven.

Gleichzeitig haben wir in der Krise gesehen,

dass die nationale Bankenaufsicht dazu

tendiert, auf ihr eigenes Bankensystem

mit einem zu rosigen Blick zu schauen. Die

Europäisierung der Bankenaufsicht ist daher

eine sehr sinnvolle Ergänzung der

Währungsunion. Eine gemeinsame Verantwortung

bedeutet aber auch, gemeinsam

für die Folgen von Entscheidungen

einzustehen.

Das heißt, der Steuerzahler soll bluten?

Gerade nicht. Was wir benötigen, sind Regeln,

um Banken abzuwickeln, ohne dass

der Steuerzahler in der ersten Verteidigungslinie

steht. Stattdessen müssen entsprechend

dem Prinzip der Eigenverantwortung

zunächst die Eigentümer und

Gläubiger haften, wenn es zu Problemen

kommt. Der Einsatz öffentlicher Mittel

muss die absolute Ausnahme werden und

sollte auch nur dann in Betracht kommen,

wenn die Bank ein tragfähiges Geschäftsmodell

hat. Dabei spricht auch in dem

noch zu schaffenden europäischen Abwicklungsregime

vieles für einen weiteren

nationalen Eigenbetrag. Denn auch nationale

Politikentscheidungen werden weiterhin

einen Einfluss auf die Qualität von

Bankbilanzen haben.

Was meinen Sie konkret?

Ich denke da beispielsweise an das Insolvenzrecht.

Wenn ein Staat dieses ändert,

wirkt sich das auch sofort auf die Qualität

der Bankbilanzen in diesem Land aus. Dafür

eine gemeinsame europäische Haftung

zu fordern, macht keinen Sinn. Oder wenn

sich Banken mit Staatsanleihen vollsaugen,

dann führt man im Grunde mit einer

gemeinsamen Haftung für die Banken

09Geht es 2014

mit Jobs und

Gehalt bergauf?

Der Job-Boom hält an: Nach einer

Prognose des Instituts für Arbeitsmarkt-

und Berufsforschung wird die

Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland

2014 um rund 240000 auf den

neuen Rekord von durchschnittlich

42,09 Millionen Menschen steigen.

Allerdings: Mögliche Jobverluste im

Niedriglohnbereich durch den geplanten

Mindestlohn von 8,50 Euro

sind hier noch nicht eingerechnet.

Die Tarifrunde startet 2014 mit den

Verhandlungen in der Chemie- und

Druckindustrie, es folgen unter anderem

der öffentliche Dienst und die

Banken. Insgesamt laufen Einkommenstarifverträge

für rund 10,8

Millionen Beschäftigte aus. Experten

erwarten in den meisten Branchen

erneut Abschlüsse, die über der

Inflationsrate liegen werden.

auch eine gemeinsame Staatshaftung ein.

Das würde den Grundsatz der Währungsunion

untergraben, der gerade besagt, dass

die Nationalstaaten selbst für ihre fiskalpolitischen

Entscheidungen haften sollen.

Ein Restrisiko bleibt also beim Nationalstaat?

Wenn es um den Einsatz von Steuergeldern

geht, bin ich in der Tat der Auffassung,

dass wir diese Risiken aus den eben genannten

Gründen nicht vollständig vergemeinschaften

sollten.

Wie soll beim angekündigten

Banken-Stresstest mit dem Risiko von

Staatsanleihen umgegangen werden?

Die Krise hat gezeigt, dass von Staatsanleihen

auch Risiken für die Bankbilanzen

ausgehen können, und dies gehört im

Stresstest berücksichtigt. Nur ein Stresstest

mit Stress für die Staatsanleihen dürfte als

glaubwürdig angesehen werden. Schließlich

geht es doch darum: Ohne glaubwürdigen

Stresstest und Transparenz in Bezug

auf die Werthaltigkeit der Bilanzpositionen

wird das Vertrauen in die europäischen

Banken nicht gestärkt werden können.

Manche Banken erhöhen ihre Eigenkapitalquote

mit Tricks. In Italien werten sie

ihre Anteile an der Notenbank auf. In Spanien

werden Ansprüche auf Steuererstattung

zur Hälfte dem Eigenkapital hinzugerechnet.

Stärkt das die Glaubwürdigkeit?

Wohl eher nicht.

Was kann man dagegen unternehmen?

Das hängt davon ab, ob die Maßnahmen

nach den Bilanzregeln darstellbar sind.

Aber auch nicht alles, was bilanziell zulässig

ist, stärkt das Vertrauen in den Bankensektor.

Daher würde ich generell Maßnahmen

bevorzugen, die dem Bankensektor

tatsächlich zusätzliches Eigenkapital zuführen.

Am Ende der Haftungskaskade steht immer

der Rettungsfonds ESM. Ob dieser

Banken nun direkt kapitalisiert oder über

Kredite an Staaten – steckt dahinter

nicht in jedem Fall eine Gemeinschaftshaftung

für die Banken?

Im Augenblick geht es darum, die bestehenden

Altlasten in den Bankbilanzen zu

ermitteln. Diese sind unter der nationalen

Aufsicht entstanden, und deshalb ist es

konsequent, dass dafür letzten Endes auch

die Nationalstaaten geradestehen. Wenn

sie das nicht aus eigener Kraft können,

dann kann ihnen ein Kredit des ESM gewährt

werden, der für diese Fälle eingerichtet

worden ist.

n

malte.fischer@wiwo.de, konrad handschuch,

angela hennersdorf | New York

36 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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USA

WIRTSCHAFTSWACHSTUM*

2013: 1,8 %, 2014: 2,5 %

INFLATION*

2013: 1,5 %, 2014: 1,4 %

ARBEITSLOSENQUOTE*

2013: 7,4 %, 2014: 6,6 %

Basteln an

der Blase

Wohnungsbauprojekt

in

Zaozhuang

Die USA glänzen zum Ende des Jahres mit

neuer Dynamik. Im November stiegen in

der größten Volkswirtschaft der Welt die

Einzelhandelsumsätze, die Arbeitslosenquote

sank auf sieben Prozent. Der Immobilienmarkt

erholt sich stetig, die Energiekosten

bleiben günstig, die Inflation niedrig.

Das ist positiv, aber noch kein Grund

zum Aufatmen. Denn auf das Gesamtjahr

2013 gerechnet, bleibt ein mageres Wirtschaftswachstum

von 1,8 Prozent.

Doch die jüngsten konjunkturellen Entwicklungen

geben Hoffnung, dass es 2014

stärker aufwärts geht. Die Ratingagentur

Standard & Poor’s hat ihren Ausblick von

2,6 auf 2,8 Prozent Wachstum nach oben

korrigiert. Vor allem Unternehmen haben

sich in diesem Jahr trotz guter Gewinne,

niedriger Zinsen und massiver Geldspritzen

der US-Zentralbank mit Investitionen

zurückgehalten. Im dritten Quartal lag die

Investitionsquote gerade einmal um 1,6

Prozent über dem Wert des Vorjahresquartals.

Grund dafür waren die chaotische fiskalpolitische

Lage in Washington und die

Unsicherheit darüber, wie es mit der Geldpolitik

der Notenbank weitergehen wird.

Bei den Konsumenten, wichtigste Stütze

der US-Konjunktur, drückten steuerliche

Belastungen auf die Stimmung. US-Verbraucher

mussten in diesem Jahr im Rahmen

der Einsparungen im Haushalt Steuererhöhungen

von insgesamt 200 Milliarden

Dollar und Kürzungen bei den Sozialleistungen

hinnehmen. Um magere 1,9

Prozent legte der Konsum in den ersten

drei Quartalen zu.

Anfang Oktober belastete der 16 Tage

dauernde Shutdown der Regierung die

Konjunktur. Tausende Angestellte in Bundesbehörden

mussten in den Zwangsurlaub,

weil sich Demokraten und Republikaner

weder auf einen Haushalt noch auf

die Erhöhung des gesetzlichen Schuldenlimits

einigen konnten. Im Februar könnte

der Streit um die Erhöhung des Schuldenlimits

im US-Kongress erneut losgehen. Immerhin

überraschte Washington im Dezember

mit einer Einigung für einen zweijährigen

Haushaltsplan. So sind Zwangskürzungen

in Höhe von 65 Milliarden Dollar

abgewendet, die vor allem das US-Militär

getroffen hätten. Stattdessen laufen nun

Hilfen für rund 1,3 Millionen Langzeitarbeitslose

aus, staatliche Bedienstete müssen

mehr für ihre Altersvorsorge zahlen,

und die Sicherheitsgebühren auf Flugtickets

steigen.

Mit der Einigung im Haushaltsstreit und

der positiven Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt

rückte die Geldpolitik der US-

Notenbank in den Fokus. Am 18. Dezember

hat Notenbankchef Ben Bernanke angekündigt,

den Kauf von Staatsanleihen

und Hypothekenpapieren von bislang monatlich

85 Milliarden Dollar ab Januar auf

75 Milliarden Dollar zurückzufahren. Dieser

Schritt war an den Märkten lange erwartet

worden. Den Leitzins, kündigte der

noch bis Ende Januar amtierende Fed-

Chef weiter an, werde die Fed weiterhin

bei nahezu null Prozent halten, bis die Arbeitslosenquote

auf 6,5 Prozent gesunken

sei. Aber auch diese Zielmarke rückt in

greifbare Nähe. Im Juni war für kurze Zeit

Panik an den Märkten ausgebrochen,

nachdem der noch amtierende US-Zentralbankchef

Ben Bernanke den Ausstieg

aus der ultraexpansiven Geldpolitik nur

angekündigt hatte. Nachfolgerin Janet Yellen

muss es jetzt gelingen, den Fuß so

langsam vom Gaspedal zu nehmen, dass

Schockwellen an den Börsen ausbleiben

und die sich erholende Konjunktur keinen

Schaden nimmt.

angela.hennersdorf@wiwo.de | New York

CHINA

WIRTSCHAFTSWACHSTUM*

2013: 7,7 %, 2014: 8,1 %

INFLATION*

2013: 2,7 %, 2014: 2,7 %

ARBEITSLOSENQUOTE*

2013: 4,1 %, 2014: 4,0 %

China macht sich bereit für den großen

Umbau seiner Wirtschaft. Die chinesischen

Medien sprechen bereits von „historischen

Reformen“. Gemeint sind die Beschlüsse

der Dritten Plenarsitzung Mitte

November, die selbst die Hoffnungen liberaler

Reformer übertroffen haben. Eine Änderung

des wirtschaftspolitischen Kurses

ist auch dringend notwendig: 7,7 Prozent,

schätzt die OECD, ist Chinas Wirtschaft

2013 gewachsen, 0,2 Prozentpunkte mehr

als die Zielvorgabe aus Peking. Doch nach

wie vor generiert China zu viel Wachstum

aus Investitionen und zu wenig aus dem

Konsum der Haushalte. Die mächtigen

Staatsbetriebe, die für rund ein Drittel der

Wirtschaftsleistung verantwortlich sind,

hemmen Innovationen und fördern Korruption

und Ineffizienz. Um die Wirtschaft

zu transformieren, will Peking bis 2020 unter

anderem die Macht der staatlichen Riesen

beschränken und die Zinsen sowie den

Handel mit dem Yuan freigeben. Das soll

den Konsum antreiben, der bisher nur

rund ein Drittel zum Wirtschaftswachstum

beiträgt.

»

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 * Quelle: IHS Global Insight

39

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Politik&Weltwirtschaft

»

„Wir treten in eine Periode geringeren,

dafür aber ausgewogeneren Wachstums

ein“, sagt Raymond Ma, Manager

beim Investmentfonds Fidelity. Davon profitieren

Unternehmen, die sich an die immer

kaufkräftigeren Konsumenten wenden.

Der HSBC-Einkaufsmanagerindex

signalisiert mit einem Wert von 50,9 im Oktober

Optimismus. Die Analysten von IHS

Global Insight rechnen im kommenden

Jahr mit acht Prozent Wachstum. Zugleich

macht der Immobilienboom dem Land zu

schaffen. Da Chinesen kaum Anlagemöglichkeiten

haben, fließt immer mehr Geld

in den Wohnungsbau. Zuletzt stiegen die

Preise in Shanghai, Peking und Guangzhou

um bis zu 20 Prozent. „Ein Einbruch in diesem

Markt würde die verschuldeten Lokalregierungen

in noch größere Probleme

bringen und eine Finanzkrise auslösen“,

sagt IHS-Experte Brian Jackson.

Denn die Verschuldung der Lokalregierungen

hat in den vergangenen Jahren extrem

zugenommen. Wie hoch sie ist, weiß

niemand genau. Die jüngste offizielle Zahl

stammt aus dem Jahr 2010: Damals standen

die Provinzen mit rund 1,3 Billionen

Euro in der Kreide. Wie viel Geld sich die

Provinzfürsten auf dem grauen Kreditmarkt

geliehen haben, ist ebenfalls ungewiss.

Mittlerweile ist in China ein gigantischer

Schattenbankensektor herangewachsen.

Schätzungen über die Umlaufhöhe

reichen von 1,7 bis 4,5 Billionen Euro.

Die Sucht nach frischen Krediten hat zu einem

ungesunden Kreislauf geführt. Immer

mehr Geld ist notwendig, um dasselbe

Wachstum zu erreichen. Sorgen bereitet

auch die Kapazitätsauslastung. Zwar stieg

die Industrieproduktion im ersten Halbjahr

um 9,3 Prozent. Im November aber lag

die Auslastung bei 78 Prozent – der niedrigste

Wert seit 2009.

All das sind Spätfolgen des Konjunkturpakets

von 2009. Ein neues Konjunkturpaket

steht daher nicht zur Debatte. Zumindest

die als Ursache für Unruhen gefürchtete

Inflation scheint gebannt: Um 2,7 Prozent

stiegen die Verbraucherpreise 2013.

Gleichzeitig dürften Pekings neue Machthaber

alles daransetzen, eine harte Landung

der Wirtschaft zu vermeiden. Chinas

Wirtschaftswachstum wird also in kleinen

Schritten schrumpfen, wenn alles nach

Plan verläuft. Denn ob Xi Jinping und Premierminister

Li Keqiang alle Reformen

umsetzen können, ist fraglich: Zu eng sind

Staatsunternehmen und politische Führungselite

verflochten.

philipp.mattheis@wiwo.de | Shanghai

Und sie

bewegt sich

doch Börse

in Tokio

JAPAN

WIRTSCHAFTSWACHSTUM*

2013: 1,7 %, 2014: 1,8 %

INFLATION*

2013: 0,3 %, 2014: 2,7 %

ARBEITSLOSENQUOTE*

2013: 4,1 %, 2014: 4,0 %

Japans Konjunkturparty dürfte 2014 mit einem

Wachstum von knapp zwei Prozent

weitergehen. Allerdings wird die Wirtschaftsleistung

im zweiten Quartal relativ

stark schrumpfen, da die Mehrwertsteuer

ab Anfang April um drei Punkte auf acht

Prozent steigt. Daher haben viele Konsu-

10Geht Amerika

pleite?

Auf 17 Billionen Dollar ist der Schuldenberg

Amerikas im Oktober angestiegen.

Pleitegehen werden die

USA trotzdem nicht. Im Notfall

springt die Notenbank Fed ein und

druckt die notwendigen Dollar für

den Staat. Allerdings könnte im Februar

neuer Streit um die Erhöhung

des Schuldenlimits drohen.

menten große Anschaffungen wie Autos,

Möbel und Häuser vorgezogen. „Dies trübt

die Zukunftsaussichten leicht ein“, warnt

Nord/LB-Analyst Stefan Große. Jedoch

sollte ein Konjunkturpaket von 39 Milliarden

Euro den negativen Konsumeffekt der

Steuererhöhung abfedern.

Daher dürfte Japan neben den USA 2014

zu den globalen Konjunkturlokomotiven

zählen. Zum einen sollten japanische Exporteure

von der global anziehenden Nachfrage,

insbesondere auch auf ihrem wichtigsten

Absatzmarkt USA, profitieren. Zum anderen

setzt die Regierung ihre Wirtschaftsstrategie

der Abenomics fort – eine Mixtur aus extrem

lockerer Geldpolitik und höheren Staatsausgaben.

Das Wachstum stimulierende Reformen

sollen diesen Kurs absichern.

Japan-Stratege Nathan Gibbs vom britischen

Fondsmanager Schroders hält dagegen

die Überwindung der Deflation für den

wichtigsten Faktor. Die Bank of Japan wird

wohl spätestens in der zweiten Jahreshälfte

die Geldschleusen noch weiter öffnen, um

ihr Inflationsziel von zwei Prozent bis 2015

zu erreichen. In der Folge sollte der Yen

weiter abwerten und den Exportfirmen

steigende Gewinne bescheren.

Dazu passt, dass Japans Arbeitgeber und

Gewerkschaften im Frühjahr über die ersten

Lohnerhöhungen seit der Finanzkrise verhandeln

wollen. Einige Konzerne wie Hitachi

und Toyota wollen die Basislöhne als Inflationsausgleich

um ein Prozent anheben.

An der Reformfront dagegen sind keine

spektakulären Durchbrüche zu erwarten.

FOTOS: BLOOMBERG NEWS/TOMOHIRO OHSUMI, LAIF/INVISION/MIKHAIL MORDASOV

40 * Quelle: IHS Global Insight

Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Der erwartete Abschluss der Verhandlungen

über das Freihandelsabkommen der

Pazifik-Anrainerstaaten wird Japans Wirtschaft

mittelfristig am meisten stärken. In

mehreren Sonderwirtschaftszonen will die

Regierung zudem die Deregulierung erproben.

Doch in der Ministerialbürokratie

sitzen viele Bremser.

Das größte Risiko 2014 ist eine Eskalation

des Inselstreits mit China. Die japanische

Wirtschaft ist inzwischen so eng mit

dem einstigen Erzfeind verzahnt, dass erneute

Unruhen in China die Konjunktur

ziemlich beschädigen dürften.

martin.fritz@wiwo.de | Tokio

BRASILIEN

WIRTSCHAFTSWACHSTUM*

2013: 2,5 %, 2014: 3,1 %

INFLATION*

2013: 6,2 %, 2014: 5,6 %

ARBEITSLOSENQUOTE*

2013: 5,5 %, 2014: 5,6 %

Brasiliens Konjunkturaussichten trüben

sich ein. Nachdem das Statistische Amt im

dritten Quartal schrumpfende Konjunkturzahlen

registrierte, korrigierten mehrere

Institute ihre ohnehin mageren Wachstumsprognosen

weiter herunter. Problematisch

ist, dass vor allem die Investitionen

in Maschinen und Anlagen nachlassen.

Auch der aktuelle Investitionszyklus in

der Infrastruktur geht möglicherweise

seinem Ende entgegen; in der Landwirtschaft

lassen die Investitionen ebenfalls

nach. Der starke Konsum kann dies alles

nicht ausgleichen. Für die Unternehmen

sind gestiegene Finanzierungskosten sowie

die hohe Inflation Gründe, sich zurückzuhalten.

Auch der schwache Real treibt

die Preise. Seit April hat die Zentralbank

deshalb begonnen, den Leitzins zu erhöhen.

Das grundlegende Problem der brasilianischen

Wirtschaft: Sie scheint nicht in

der Lage zu sein, mehr als zwei Prozent im

Jahr zu wachsen, ohne dass die Inflation

schlagartig zulegt. Denn trotz der stagnierenden

Wirtschaft bewegt sich die Arbeitslosigkeit

auf einem historisch niedrigen Niveau.

Daher erhöht jeder Wachstumsschub

sofort die Faktorkosten für Kapital

wie Arbeit.

Positiv auf das Wachstum könnten sich

die erfolgten Ausschreibungen bei Ölfeldern

und Flughäfen sowie die Fußballweltmeisterschaft

auswirken.

alexander.busch@wiwo.de | São Paulo

RUSSLAND

WIRTSCHAFTSWACHSTUM*

2013: 1,7 %, 2014: 2,7 %

INFLATION*

2013: 6,8 %, 2014: 5,2 %

ARBEITSLOSENQUOTE*

2013: 5,5 %, 2014: 5,2 %

Optimismus in großen Portionen hatte die

russische Regierung verteilt, ehe sie sich

vor einem Jahr in ihren ausgedehnten Neujahrsurlaub

abmeldete: Um 3,7 Prozent

werde die Wirtschaft in 2013 wachsen. Weniger

zwar als vor der Krise 2008 – damals

legte das russische BIP im Schnitt um sieben

Prozent pro Jahr zu –, aber eben doch

ein deutliches Plus. Im Jahresverlauf allerdings

musste das Wirtschaftsministerium

die Prognosen mehrfach nach unten korrigieren;

zuletzt ging man im November von

1,4 Prozent Wachstum aus. Für ein Land,

das wie China oder Indien einen gewaltigen

Investitions- und Modernisierungsbedarf

aufweist, ist das zu wenig – und es gibt

nicht wenige Stimmen in Moskau, die

Russland in eine dauerhafte Rezession

schlittern sehen.

Jedenfalls wächst das Land kaum noch.

Die Daten zur Industrieproduktion bewegten

sich in den Statistiken von Januar bis

einschließlich Oktober praktisch nicht

vom Fleck, der Außenhandel Russlands

schrumpfte sogar um 0,7 Prozent zum Vorjahreszeitraum.

In der Ausfuhrbilanz spielen

wie eh und je die Rohstoffe eine Hauptrolle,

wogegen nur 3,4 Prozent der exportierten

Produkte Maschinen oder Anlagen

sind. Die Abhängigkeit von den Schwankungen

der Rohstoffpreise hat die russische

Regierung nicht reduzieren können.

Im Herbst schlug Premierminister Dmitri

Medwedew Alarm. Er kritisierte die

überzogene Rolle des Staates in der heimischen

Wirtschaft, die die Entwicklung eines

leistungsfähigen Privatsektors jenseits

der Öl- und Gasindustrie verhindert. „Ich

meine, dass der Schutz des Privateigentums

und der Wettbewerb ohne Zweifel

unsere politischen Prioritäten bleiben sollten“,

so der Liberale im Team von

Kremlchef Wladimir Putin. Der Regierungschef

kündigte umfangreiche finanzielle

Unterstützung für kleinere und mittlere

Unternehmen an.

Ob dies reicht, um Russland auf Wachstumskurs

zu bringen, ist zu bezweifeln. Im

Kern leidet das Land an einem miserablen

Investitionsklima: Trotz eines attraktiven

Milliarden

in Beton Vor

den Olympischen

Spielen

in Sotchi

wurde viel

investiert

Markts fließt das meiste verdiente Geld ab,

statt reinvestiert zu werden. Enteignungen

und Prozesse gegen Manager lassen kein

Vertrauen in die Rechtssicherheit aufkommen.

Die Rechtsprechung müsste verbessert,

Korruption und Bürokratie bekämpft

werden – aber da traut sich die russische

Elite nicht heran. Wohl auch, weil der Status

quo viel zu lukrativ für die bequemliche

Führung des Landes ist.

florian.willershausen@wiwo.de |Berlin

FRANKREICH

WIRTSCHAFTSWACHSTUM*

2013: 0,2 %, 2014: 0,5 %

INFLATION*

2013: 0,8 %, 2014: 1,3 %

ARBEITSLOSENQUOTE*

2013: 10,9 %, 2014: 11,2 %

Nun hat auch EZB-Chef Mario Draghi den

mangelnden Reformeifer in Frankreich

kritisiert, doch dieser dürfte sich 2014 auf

ein Minimum beschränken. Belehrungen

aus Brüssel, Berlin oder Frankfurt könnten

zudem dazu führen, dass bei den Kommunalwahlen

im März und bei den Wahlen

zum europäischen Parlament im Mai extreme

Parteien am rechten und linken

Rand profitieren.

Nach Einschätzung der EU-Kommission

wird Frankreichs Wirtschaft 2014 zwar um

0,9 Prozent wachsen, die Neuverschuldung

jedoch 3,8 Prozent des Bruttoinlands-

»

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 * Quelle: IHS Global Insight

41

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Politik&Weltwirtschaft

»

produkts erreichen. Im Jahr darauf

rechnet Brüssel ebenfalls mit einer Defizitquote

von 3,8 Prozent – wenn die derzeitige

Politik beibehalten wird. Zur Erinnerung:

Brüssel hatte Frankreich im Mai zwei Jahre

mehr Zeit eingeräumt, um das Haushaltsdefizit

wieder unter die für die Euro-

Länder obligatorische Grenze von drei

Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP)

zu drücken.

Andere Farben

als in Paris

Proteste in der

Bretagne gegen

soziale Reformen

bei stellen diese – Landwirtschaft und Finanzinstitute

ausgenommen – 96,8 Prozent

aller Unternehmen und 52 Prozent

der Arbeitsplätze.

Nach der Bekanntgabe der vorläufigen

Arbeitslosenzahlen für Oktober jubelten

Staatschef François Hollande und seine Regierung,

die Trendwende auf dem Arbeitsmarkt

sei erreicht. Das stimmte allerdings

11Schafft

Schwarz-

Rot den schuldenfreien

Haushalt?

Die Finanzplanung von Minister

Wolfgang Schäuble sieht vor: keine

neuen Schulden ab 2015. In den

Jahren danach wollte der CDU-Politiker

sogar Überschüsse erwirtschaften.

Zumindest daraus wird nichts,

weil die GroKo mehr Geld als von der

Vorgängerregierung geplant ausgeben

will. Das mit den Überschüssen

gilt nun nicht mehr. Doch der Finanzplan

ist auf Kante genäht. Ein Konjunktureinbruch

und die zentralen

Wahlversprechen der Union – „keine

neuen Schulden“, „keine Steuererhöhungen“

– platzen.

VERBREITETER PESSIMISMUS

Weitere Sparmaßnahmen im öffentlichen

Haushalt und Steuererhöhungen haben jedoch

einen politischen Preis. Das haben

die jüngsten Unruhen in der Bretagne gezeigt.

Eine Abkehr von der 35-Stunden-

Woche und eine – gerade in der Tourismusmetropole

Paris vielversprechende –

Ausweitung der Öffnungszeiten im Handel

auf den Sonntag wären zwar nach Einschätzung

von Experten Maßnahmen, um

das Wachstum anzukurbeln. Beides gilt

allerdings als Anschlag auf „droits acquis“,

also auf einmal errungene Rechte, die in

Frankreich denselben Stellenwert wie die

UN-Menschenrechte zu haben scheinen.

Wenig überraschend ist daher der unter

französischen Unternehmern verbreitete

Pessimismus. 82 Prozent der Befragten

geben an, sie hätten kein Vertrauen in die

französische Wirtschaft. 44 Prozent erwarten,

dass 2014 ein schlechteres Jahr

wird als 2013. Entsprechend niedrig ist

die Investitionsbereitschaft. Nach einem

Rückgang der Ausgaben um sieben Prozent

in diesem Jahr werden Industrieunternehmen

laut einer Untersuchung des

staatlichen französischen Statistikamtes

Insee 2014 ihre Investitionen um weitere

zwei Prozent reduzieren. Während die Industrie

in der Euro-Zone insgesamt nach

der Krise allmählich wieder Fahrt aufnimmt,

kann Frankreich nicht mithalten:

Die Industrie dort schrumpft schneller als

die in Spanien oder Griechenland und erwirtschaftet

nur noch elf Prozent des BIPs.

Steuergutschriften, mit denen die sozialistische

Regierung die Last der hohen Arbeitskosten

abfedern wollte, fördern eher

den öffentlichen Dienst als private Unternehmen.

Da die Höhe der Gutschriften

sich nach der Zahl der Mitarbeiter bemisst,

die weniger als das 2,5-Fache des Mindestlohns

verdienen, gehen Mittelständler mit

hoch qualifizierten – und gut bezahlten –

Fachkräften meist leer aus. Kaum Entspannung

gibt es deshalb auch für den Arbeitsmarkt.

46 Prozent der Kleinunternehmen

planen 2014 keine Neueinstellungen. Danur,

sofern das Kleingedruckte ignoriert

wurde. Der Rückgang um 20 500 Arbeitssuchende

im Vergleich zum Vormonat war

vor allem auf die Vermittlung von Jugendlichen

in sogenannte „Zukunftsverträge“ zurückzuführen.

Dabei zahlt der Staat drei

Viertel des Bruttolohns. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen

und insbesondere derer im

Alter von über 50 stieg dagegen weiter an.

Davon sind inzwischen mehr als zwei Millionen

Menschen betroffen. Brüssel, die Industrieländerorganisation

OECD und der

Internationale Währungsfonds (IWF) gehen

in ihren Prognosen deshalb davon aus,

dass die Arbeitslosigkeit in Frankreich auch

2014 weiter steigen wird. Es gäbe viel zu

tun, aber die Regierung von Premier Hollande

wartet lieber ab.

karin.finkenzeller@wiwo.de | Paris

SPANIEN

WIRTSCHAFTSWACHSTUM*

2013: –1,3 %, 2014: –0,1 %

INFLATION*

2013: 1,4 %, 2014: 0,9 %

ARBEITSLOSENQUOTE*

2013: 26,4 %, 2014: 26,2 %

Spaniens Wirtschaft ist im dritten Quartal

mit 0,1 Prozent erstmals seit Anfang 2011

wieder leicht gewachsen. Die Chancen stehen

gut, dass sich das Wachstum über die

kommenden Monate langsam steigert. Die

große Frage ist, wie langsam?

FOTOS: REUTERS/MAL LANGSDON, REUTERS/MARCELO DEL POZO

42 * Quelle: IHS Global Insight

Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Hoffnung im Sucher

Eine Solarkraftanlage

in Andalusien

Hauptmotor des Wachstums ist der

Export. Spanien führte dieses Jahr Güter

und Dienstleistungen im Wert von rund

350 Milliarden Euro aus, eine „wirklich

historische Zahl“, weiß Handelsstaatssekretär

Jaime García-Legaz. Das entspricht

34 Prozent des BIPs. Doch der

Außenhandel allein kann die Wirtschaft

und vor allem die Beschäftigung nicht ausreichend

ankurbeln.

Immerhin schrumpfte auch die Binnennachfrage

im dritten Quartal weniger als

zuvor. Der Konsum der privaten Haushalte

wies von Juli bis September sogar ein Plus

auf. Die Arbeitslosenquote sank minimal,

jedoch auf ein weiterhin sehr hohes Niveau

von 26 Prozent. Die Analysten von Barclays

erwarten „nicht, dass die Nettobeschäftigung

vor Ende 2014 signifikant wachsen

wird“.

Noch ist die Binnennachfrage labil, wie

zuletzt der Einkaufsmanagerindex zeigte:

Der vom Institut Markit erhobene Index

sank im November wieder auf 48,6 gegenüber

50,9 im Oktober. Die Bestellungen für

Exporte seien zwar im November erneut

gestiegen, „aber das reichte nicht, um die

gesamten Bestellungen ins Positive zu heben“,

weiß Andrew Harker von Markit.

Wie es weitergeht, hängt vor allem von

den öffentlichen Finanzen und den Banken

ab. Das Haushaltsdefizit muss dieses

Jahr 6,5 Prozent des BIPs erreichen, 2014

stehen nach Schätzung von Barclays Capital

strukturelle Einsparungen um 0,8 Prozent

des BIPs an. Das wird nicht einfach,

meint Xavier Mena, Ökonom an der Managementschule

ESADE: „Die Steuereinnahmen

sind weiterhin gering.“

Die Banken haben zwar 2012 die Krise

der Immobilienkredite weitgehend verdaut.

Doch steigen die faulen Kredite vor

allem im Segment der mittelständischen

Unternehmen weiter an. 2014 stehen die

Stresstests und Bilanzprüfungen der EZB

12Kommt

Deflation

oder Inflation?

Im Durchschnitt liegt die Inflationsrate

2014 im Euro-Raum bei einem

Prozent – allerdings läuft der Inflationstrend

deutlich auseinander. In einigen

Krisenländern sinken die Preise

sogar. In Deutschland hingegen

kommt die Kredit- und Geldschöpfung

zunehmend in Schwung, auch

die Löhne steigen. Die Unternehmen

reichen die steigenden Kosten über

die Preise an die Kunden weiter. Im

nächsten Jahr wird die Inflation in

Deutschland noch unter zwei Prozent

liegen, in den Folgejahren aber

sind höhere Teuerungsraten wahrscheinlich.

an. Spanische Banken, deren Bilanzen gerade

unter der Ägide der Troika gründlich

durchleuchtet wurden, sollten dabei

grundsätzlich keine Probleme haben.

Doch die Kreditinstitute scheuen das Risiko.

Unter knappen und teuren Krediten leiden

daher auch solvente Kleinunternehmen

und Mittelständler.

Die Kreditklemme könnte teilweise

durch Direktinvestitionen ausgeglichen

werden. „Über die letzten zwölf Monate

haben die Zuflüsse fast 0,7 Prozent des

BIPs erreicht, was zwar nur die Hälfte des

Vorkrisenniveaus ist, aber das zweithöchste

Niveau in der Euro-Zone – nach Irland“,

wissen die Experten von Barclays Capital.

Die Wachstumsprognosen für 2014

schwanken zwischen 0,7 Prozent (spanische

Regierung) und 0,2 Prozent (IWF).

Die internationalen Investmenthäuser

sind teilweise deutlich optimistischer. Einig

sind sich alle: Es geht aufwärts.

anne grüttner | Madrid, politik@wiwo.de

PORTUGAL

WIRTSCHAFTSWACHSTUM*

2013: –1,6 %, 2014: 0,3 %

INFLATION*

2013: 0,2 %, 2014: 0,3 %

ARBEITSLOSENQUOTE*

2013: 16,7 %, 2014: 16,7 %

Für die Portugiesen steht in den ersten Monaten

des Jahres 2014 viel auf dem Spiel.

Portugals dreijähriges EU-Kreditprogramm

läuft Mitte 2014 aus, und Anfang

des Jahres muss die Kreditgeber-Troika aus

EU, IWF und EZB zusammen mit der Regierung

in Lissabon entscheiden, ob das

Land weitere Hilfen braucht.

Portugal hat durch die politische Krise im

Sommer Vertrauen verloren. Nach dem

Rücktritt des von den Euro-Kollegen geschätzten

Finanzministers Vítor Gaspar im

Juni hatten sich Premierminister Pedro

Passos Coelho und sein liberaler Junior-Koalitionspartner

beinahe entzweit. Zwar

zeigt sich die Koalition mittlerweile wieder

demonstrativ vereint hinter dem Anpassungsprogramm

der Troika. Doch eine gewisse

Skepsis der Märkte ist geblieben. Die

Ratingagentur Moody’s verbesserte unlängst

immerhin den Ausblick für Portugals

Bonität von negativ auf stabil. Die Ratingagentur

geht davon aus, dass Portugal als

vertrauensbildende Maßnahme eine vorbeugende

Kreditlinie vom ESM beantragen

wird. Die hätte ein oder zwei Jahre Lauf-

»

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 * Quelle: IHS Global Insight

43

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Politik&Weltwirtschaft

»

zeit, wäre erneut an Bedingungen geknüpft

und würde nur im Notfall aktiviert.

Viel hängt davon ab, ob Portugals Wirtschaft

sich so entwickelt wie prognostiziert.

Im dritten Quartal gab es zum zweiten Mal

in Folge ein Wachstum, wenn auch nur von

zarten 0,2 Prozent. Die Troika verbesserte

ihre Prognose für das Gesamtjahr gerade

auf minus 1,8 Prozent. Für das kommende

Jahr sind sich die Ökonomen der Notenbank

einig mit der Troika und der Regierung:

2014 soll die portugiesische Wirtschaft

wieder um 0,8 Prozent wachsen.

anne grüttner | madrid, politik@wiwo.de

Jugendliche Reformer

Matteo Renzi ist

der neue Star der

italienischen Linken

ITALIEN

WIRTSCHAFTSWACHSTUM*

2013: –1,9 %, 2014: –0,3 %

INFLATION*

2013: 1,2 %, 2014: 1,3 %

ARBEITSLOSENQUOTE*

2013: 12,2 %, 2014: 12,4 %

Der Abschwung ist gestoppt. Italiens Rezession

neigt sich nach acht Quartalen

endlich dem Ende zu. Das ist aber nur ein

schwacher Trost kurz vor Jahresschluss.

Denn sowohl die Lage am Arbeitsmarkt als

auch bei der Kreditvergabe verschlechtert

sich von Monat zu Monat. Die Rate der Jobsuchenden

erreichte im Oktober den Rekordstand

von 12,5 Prozent. Die Jugendarbeitslosigkeit

sprang auf 41 Prozent. Eine

Million Italiener unter 30 Jahren suchen

vergeblich eine Beschäftigung. Das Land

leide unter „einer tiefen sozialen Krise und

den schrecklichen Nachwirkungen der Rezession“,

sagte Regierungschef Enrico Letta

kürzlich. Was er nicht erwähnte: Besserung

ist vorerst nicht in Sicht.

RICHTUNG STIMMT

Immerhin, als letztes europäisches Krisenland

lässt nun auch Italien die Talsohle

hinter sich. Im dritten Quartal wurde der

Rückgang gestoppt, die drittgrößte Volkswirtschaft

der Euro-Zone gratuliert sich

zum Nullwachstum. „Import, Export und

Industrieproduktion ziehen an. Der Weg ist

noch lang, aber die Richtung stimmt“, twitterte

Finanzminister Fabrizio Saccomanni.

Gegenüber dem Vorkrisenstand 2008 hat

Italien 9,1 Prozent seiner Wirtschaftskraft

eingebüßt.

Eigentlich hätte 2013 die Wende bringen

sollen. Nach dem harten Sanierungskurs

unter Notstandspremier Mario Monti, der

einen Staatsbankrott abwenden half und

Platzt die

Immobilien-

13

blase in China?

Chinas Immobilienpreise steigen und

steigen – weil die Chinesen ihr Geld

fast nur in Immobilien anlegen können.

Die Inflation frisst die Sparzinsen

auf. Versuche der Regierung,

Luft aus der Blase zu lassen, hatten

bislang keinen Erfolg. Erst wenn der

Staat alternative Anlagen ermöglicht,

wäre ein Crash auf dem Immobilienmarkt

wahrscheinlich. Wenn

nicht, steigen die Preise weiter.

das EU-Strafverfahren wegen des übermäßigen

Defizits beendete, waren Reformen

angesagt. Doch die große Koalition Lettas,

eine Verlegenheitslösung zur Überwindung

der Pattsituation nach den Parlamentswahlen

im Februar, erwies sich als

nicht handlungsfähig. Die Blockade hat

dafür gesorgt, dass Italien bei der wirtschaftlichen

Wende sogar gegenüber anderen

Krisenländern wie Spanien ins Hintertreffen

geriet. Nun muss Letta nach dem

Ausscheiden von Silvio Berlusconis Partei

Forza Italia aus der Koalition einen Neustart

der Regierung versuchen. Die Hoffnungen

liegen dabei auch auf seinem neuen

Parteichef Matteo Renzi, der als Reformer

gilt. „2014 wird ein Jahr des Übergangs“,

sagt Paolo Mameli, Chefökonom

der Mailänder Großbank Intesa. Nach einem

Rückgang der Wirtschaftsleistung um

1,9 Prozent im laufenden Jahr rechnet Mameli

im kommenden mit 0,5 Prozent

Wachstum. Auch die EU-Kommission und

der IWF erwarten mit 0,7 Prozent nur ein

wenig mehr von Italien.

Die Erholung wird in jedem Fall nicht das

Ergebnis wirtschaftspolitischer Anstrengungen

sein. Sie resultiert aus dem Anziehen

der internationalen Nachfrage nach

italienischen Gütern. Positiv wirkt sich auch

aus, dass der Staat begonnen hat, seit Jahren

unbezahlte Rechnungen zu begleichen.

Ende November waren 16,3 Milliarden Euro

in die Unternehmenskassen geflossen.

Bis Ende 2014 sollen insgesamt 50 Milliarden

Euro Altschulden bezahlt werden.

Die Euro-Partner im Norden schreckt

am meisten der zu erwartende Anstieg der

exorbitant hohen italienischen Schuldenquote

von 132,7 Prozent. Ohne Haushaltskorrekturen

droht sie 2014 auf 133,2 Prozent

anzuwachsen. Entscheidend wird

deshalb die Frage sein, wie sich das Vertrauen

der Märkte in Italien entwickelt.

Wenn sich das Land in der Ruhe eines gemächlichen

Wachstum neu aufstellen

kann, stehen die Chancen gut, dass auch in

Europas bedrohlichsten Krisenherd die

Hoffnung zurückkehrt.

ulrike sauer | Rom, politik@wiwo.de

FOTO: LAIF/REDUX/ALESSIO MAMO

44 * Quelle: IHS Global Insight

Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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GRIECHENLAND

WIRTSCHAFTSWACHSTUM*

2013: –3,6 %, 2014: –0,5 %

INFLATION*

2013: –0,9 %, 2014: –0,4 %

ARBEITSLOSENQUOTE*

2013: 27,7 %, 2014: 28,8 %

Die Talfahrt war lang und steil. Ein Viertel

seiner Wirtschaftskraft hat Griechenland

seit 2009 eingebüßt. Die fünfjährige Rezession

trieb die Arbeitslosenquote auf 28 Prozent

und schmälerte die Realeinkommen

um 38 Prozent. Aber 2014 soll es endlich

wieder aufwärtsgehen, verspricht Premierminister

Antonis Samaras seinen geplagten

Landsleuten. Die Athener Regierung

und die EU-Kommission erwarten im

kommenden Jahr ein Wirtschaftswachstum

von 0,6 Prozent. Bereits 2013 dürfte die

griechische Wirtschaft weniger stark geschrumpft

sein als zunächst erwartet. Statt

4,2 Prozent wird das Minus wahrscheinlich

knapp unter vier Prozent betragen.

Deutlich übertroffen hat Griechenland

die Prognosen bei der Haushaltskonsolidierung.

Statt veranschlagter vier Prozent

betrug das Defizit im Budget nach vorläufigen

Berechnungen nur 2,2 Prozent des

BIPs. Damit erfüllte Griechenland erstmals

seit dem Beitritt zur Euro-Zone die Drei-

Prozent-Defizitvorgabe des EU-Stabilitätspaktes.

Noch 2009 lag Griechenlands Defizitquote

bei schwindelerregenden 15,6

Prozent. Den eigentlich erst für das kommende

Jahr erwarteten Überschuss in der

Primärbilanz, die den Schuldendienst ausklammert,

wird Griechenland bereits für

2013 ausweisen. Die Konsolidierungsleistung

ist umso beeindruckender, wenn man

bedenkt, dass sie vor dem Hintergrund einer

schweren Rezession erzielt wurde. Angel

Gurria, Generalsekretär der Organisation

für wirtschaftliche Zusammenarbeit

und Entwicklung (OECD), spricht von einer

„spektakulären Wende“. Hinter den Vorgaben

bleiben die Griechen bei den Strukturreformen:

Ob Stellenstreichungen im

Staatsdienst, Steuerreform oder Privatisierungen

– es hakt fast überall. Größtes politisches

Problem des Landes bleibt die immense

Arbeitslosigkeit, die allenfalls um einen

Prozentpunkt sinken dürfte. Auch die

Schuldenquote soll nur leicht von 175,5 auf

174,8 Prozent des BIPs sinken. Fazit: Griechenland

macht zwar Fortschritte, über

den Berg ist das Land aber noch nicht.

»

gerd höhler | Athen, politik@wiwo.de

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 45

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Politik&Weltwirtschaft

bankchef Mark Carney hatte im August

verkündet, eine Zinssenkung werde erst erwogen,

wenn die Arbeitslosenquote von

derzeit 7,6 auf 7,0 Prozent fallen sollte.

Denkbar ist nun, dass diese Marke schon

2015 und nicht erst im Herbst 2016 erreicht

wird, wie bisher angenommen. Die BoE

will die Exzesse am Immobilienmarkt

kurzfristig nicht mit Mitteln der Geldpolitik,

sondern durch Streichung der öffentlichen

Subventionen für Hypothekenkredite

bekämpfen.

yvonne.esterhazy@wiwo.de | London

IRLAND

Einbahnstraße

Richtung London

Industriegebiet

in Manchester

WIRTSCHAFTSWACHSTUM*

2013: 0,0 %, 2014: 1,8 %

INFLATION*

2013: 0,5 %, 2014: 1,1 %

ARBEITSLOSENQUOTE*

2013: 13,3 %, 2014: 12,3 %

GROSSBRITANNIEN

WIRTSCHAFTSWACHSTUM*

2013: 1,4 %, 2014: 2,6 %

INFLATION*

2013: 2,6 %, 2014: 2,3 %

ARBEITSLOSENQUOTE*

2013: 7,7 %, 2014: 7,3 %

Nach fünf schwierigen Jahren geht es in

Großbritannien schneller aufwärts als erwartet,

aber der Aufschwung könnte eine

Scheinblüte sein. 2014 soll die britische

Wirtschaft um 2,4 Prozent zulegen, prognostiziert

das Haushaltsbüro OBR, das

noch im März lediglich ein Plus von 1,8

Prozent vorhergesagt hatte. Großbritannien

würde damit stärker wachsen als die

restliche Euro-Zone und die anderen

G7-Staaten. Sogar den europäischen Musterknaben

Deutschland würden die Briten

damit in den Schatten stellen.

BEKANNTE WACHSTUMSTREIBER

Das spült der Regierung zusätzliches Geld

in die Kassen, sie muss nun weniger Schulden

am Markt aufnehmen. Doch es hilft

nichts, die Briten werden weiter sparen

müssen. Das Haushaltsdefizit dürfte 2013

zwar fallen, liegt mit den erwarteten 6,8

Prozent des Bruttoinlandsproduktes aber

immer noch viel zu hoch.

Zudem hat der Konjunkturaufschwung

Schönheitsfehler. Die Wirtschaftsleistung

ist immer noch geringer, als sie es vor dem

Ausbruch der Finanzkrise war. Außerdem

wird das Plus bisher vor allem vom privaten

Konsum und Immobilienboom rund

um London – also den altbekannten

Wachstumstreibern – befeuert. Bei Produktivität,

Investitionen und Export sieht

es weiterhin düster aus. Die Erholung

könnte deshalb schon bald verpufft sein.

Die Bank of England will die Leitzinsen

deshalb nicht anheben. Dabei befinden

sich die bereits seit März 2009 auf dem Rekordtief

von 0,5 Prozent. Auch das Anleiheankaufprogramm

im Volumen von insgesamt

375 Milliarden Pfund tasteten die

Währungshüter bislang nicht an. Noten-

14Ändert sich

Deutschlands

Image in der Welt?

Hoffentlich nicht. Nach einer Umfrage

der BBC leben wir im beliebtesten

Land der Welt. Zu unseren Fans zählen

84 Prozent der Ghanaer, aber

auch unsere Nachbarn – Euro-Zoff

und historischer Last zum Trotz: 68

Prozent der Spanier, 78 Prozent der

Briten und 81 Prozent der Franzosen

mögen Deutschland, vor allem wegen

der starken Wirtschaft.

Irland steht die größte Bewährungsprobe

seit einem Jahrzehnt bevor. Eisernes Sparen

und die Einhaltung der Troika-Vorgaben

haben das Land zum Vorbild für die

anderen EU-Sorgenkinder gemacht. Die

nächsten Monate werden aber zeigen, ob

Irland sich zu viel zugemutet hat, als es beschloss,

den Rettungsschirm Mitte Dezember

ohne eine Notfall-Kreditlinie zu verlassen.

Zwar verfügt das Land über ein Finanzpolster

von mehr als 20 Milliarden Euro

und kann damit theoretisch ganz 2014

überstehen. Doch Dublin will schon bald

testen, ob es sich an den Kapitalmärkten

wieder neues Geld besorgen kann.

Kritisch wird der EU-Bankenstresstest

werden, denn die irischen Banken stufen

derzeit mehr als 26 Prozent ihrer Hypothekenkredite

als notleidend ein. Die Ratingagentur

Moody’s warnt, Irlands Banken

seien gefährdet, beim Stresstest durchzufallen.

Mit 4,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts

hat Irland auch 2014 eines

der höchsten Defizite in der Euro-Zone,

bis 2015 soll dieser Wert auf 2,9 Prozent

sinken, so muss weiter gespart werden.

Um den Schuldenstand von rund 123 Prozent

des BIPs abzubauen, ist langfristiges

Wachstum erforderlich. Für 2014 wurde

die offizielle Prognose allerdings bereits

von 2,4 Prozent auf 1,8 Prozent revidiert.

Die Arbeitslosenquote fiel zwar mittlerweile

von knapp 15 Prozent auf 12,8

Prozent, ist damit aber immer noch viel

zu hoch.

n

yvonne.esterhazy@wiwo.de | London

FOTO: GETTY IMAGES/FLICKR

46 * Quelle: IHS Global Insight

Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Wachsen, damit

bleibt, was ist?

INTERVIEW | Hartmut Rosa Der Soziologe über das große Rätsel

der Moderne: Warum haben wir keine Zeit, obwohl wir sie im

Überfluss gewinnen?

Herr Rosa, Sie haben vor sieben Jahren

eine Theorie der Beschleunigung vorgelegt,

sie seither immer wieder aktualisiert.

Spricht die Dauerpräsenz des Themas

nun für oder gegen Ihre Beobachtung,

dass alles immer schneller alt wird?

Ich glaube eher dafür. Zumal ich immer betont

habe, dass aller Beschleunigung auch

ihr Gegenteil innewohnt. Denn einerseits

vollzieht sich in unserer Gesellschaft der

technische, soziale und kulturelle Wandel

immer schneller. Andererseits bleiben die

Prozessstrukturen dahinter stabil, etwa das

eherne Gesetz des Wachstums. Hier sehe

ich sogar Anzeichen der Erstarrung, der

Kristallisation. Mittlerweile können wir

uns ja eher das Ende der Geschichte vorstellen

als eine Alternative zur Steigerungslogik

des Kapitalismus.

Sind Erstarrung und Beschleunigung zwei

Seiten einer Krise der Moderne?

Ich bin kein Entschleunigungs-Guru.

Langsamere Internet-Verbindungen sind

keine Lösung. Allerdings glaube ich, dass

eine Gesellschaft, die für immer mehr

Wachstum und Innovationen sorgen muss,

um sich strukturell zu erhalten, logisch auf

eine Krise zuläuft. Wann reicht’s? Wann

sind wir schnell genug? Nie. Dass das soziale

und ökonomische System einer Logik

der dynamischen Stabilisierung folgt – es

muss wachsen, damit es bleiben kann, wie

es ist – , kann man gegenwärtig gut in Griechenland

beobachten: Wenn die Wirtschaft

schrumpft, verlieren wir Arbeitsplätze,

machen Firmen zu, sinken die Staatseinnahmen,

steigen die Ausgaben, kommt

es zu einer Staatsschuldenkrise, verliert

das politische System an Legitimation,

bricht das soziale System zusammen.

Müssen wir wirklich immer schneller

werden? Oder sollten wir nicht umgekehrt

fragen: Welches Tempo ist gut für uns?

Doch, unbedingt. Es gibt nämlich Umgebungssysteme,

die nicht Schritt halten mit

unserem Lebenstempo, das Ökosystem

zum Beispiel oder unser Psychosystem –

die Folgen sind Burn-out und Depressionen.

Oder denken Sie an das politische

THEORETIKER DER BESCHLEUNIGUNG

Rosa, 48, lehrt Soziologie an der Schiller-

Universität Jena und ist Direktor des Max-

Weber-Kollegs in Erfurt. Seit der Veröffentlichung

seiner Habilitationsschrift „Beschleunigung“

(2005) gehört er zu den Stars seines

Fachs. Im Gespräch zeigt sich Rosa ganz

auf der Höhe seines Themas: ungeheuer

redeeilig, sprachflüssig, gedankenschnell.

FOTO: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

48 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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System: Je komplexer und pluralistischer

die Gesellschaft, desto zeitaufwendiger

sind die Verfahren der Entscheidungsfindung.

Die Demokratie hinkt dann unvermeidlich

hinter der Dynamik der ökonomisch-technischen

Entwicklung her. Alle

drei Phänomene sind Ausdruck einer sich

verschärfenden De-Synchronisation.

Ihre Deutung der Moderne ist also nicht

nur eine Zeitdiagnose, sondern auch eine

Zeit-Diagnose: Die Zeit selbst, sagen Sie,

sei aus den Fugen.

Es gibt viele Beschreibungen der Moderne.

Traditionell wird sie auf den Begriff von

„Rationalisierung“ und „Individualisierung“

gebracht. In jüngerer Zeit wurde sie

etwa als Freizeit-, Erlebnis-, Risiko-, Informations-

oder Multioptionsgesellschaft

gedeutet. Ich finde, dass diese Theorien in

ihren Beschreibungen zu punktuell sind.

Dass ihnen der Aspekt der Dynamik fehlt.

Darauf ist auch Joseph Schumpeter

schon gekommen. Für ihn war der

Kapitalismus eine gewaltige Maschine,

die ständig Umwälzungen produziert.

Beschleunigung ist das verbindende Element

der soziologischen Klassiker. Nehmen

Sie Karl Marx: „Alles Ständische und

Stehende verdampft“, die Bourgeoisie jagt

unwiderstehlich über den Globus… Oder

Max Weber. Der zeigt mit seiner „Protestantischen

Ethik“, dass im Kapitalismus

nicht Geldverlust, sondern Zeitverschwendung

zur tödlichsten aller Sünden wird...

Georg Simmel beschreibt die Großstadt als

Tempophänomen, das uns kollektive Nervosität

beschert... Und Émile Durkheim

spricht von Anomie: Wenn die Normen der

Lebensführung nicht Schritt halten mit

dem sozialen Wandel, droht der Einzelne

den Halt zu verlieren, und es kommt zu Solidaritätsverlusten.

Und doch hat keiner je das große Rätsel

gelöst: Warum gewinnen wir mithilfe der

Technik ständig Zeit, nur um sie unterm

Strich wieder zu verlieren?

Das ist in der Tat die große Frage. Fast jede

Technik – das Auto, die Mikrowelle, der

Fahrstuhl – dient der Zeitersparnis. Wo

bleibt die ersparte Zeit? Das war der Ausgangspunkt

meiner Überlegungen. Wie

kann man die moderne Parallelgeschichte

des Zeitwohlstands und der Zeitknappheit

erzählen? Denn knapp war die Zeit ja

bereits in traditionellen Kulturen, etwa

wenn ein Unwetter heranzog und die Ernte

noch nicht im Schober war. Aber Zeitknappheit

als Lebensgefühl ist ein modernes

Rätsel.

Lösen Sie’s auf!

Wenn ich heute statt zehn Briefen zehn

E-Mails schreibe, spare ich die Hälfte der

Zeit: Früher habe ich eine Stunde gebraucht,

heute eine halbe. Das Problem ist

nun, dass die Wachstumsrate meiner Kommunikation

über ihrer Beschleunigungsrate

liegt – dass ich statt 10 Briefen 20 Mails

schreibe. Ich brauche also wieder eine

Stunde. Aber auch in dieser Rechnung

steckt schon ein Fehler, denn ich muss jetzt

nicht mehr über 10, sondern über 20 Vorgänge

nachdenken, das heißt: Ich brauche

mehr als eine Stunde. Es ist immer dasselbe:

Der Horizont dessen, was man mithilfe

neuer Techniken erledigen kann, wächst

und schrumpft zugleich.

Okay, das erklärt unser Gefühl, ständig

Zeit zu verlieren. Aber es erklärt noch

nicht unser schlechtes Gefühl, ständig

Zeit zu verlieren. Warum fühlen wir uns

der Beschleunigung nicht gewachsen?

Weil uns die Synchronisation von Alltagszeit,

Lebenszeit und historischer Zeit

Seine Zeitstruktur ist generationengebunden

und linear: Er hat eine übergreifende

Idee von seinem Leben. Die Idee, sein Leben

als Erzählung zu entwerfen.

Das sind Gedanken der Aufklärung. Das

individuelle Leben soll sich runden.

Und der Menschheit fällt die Aufgabe zu,

sich zu vervollkommnen. Daran glaubt

heute keiner mehr...

Richtig, es kommt zu einem neuen Übergang,

zu der Vorstellung, dass die Welt sich

zwar ändert, aber nirgendwo mehr hin

schreitet. Die Spätmoderne setzt ein, wenn

die Veränderungsgeschwindigkeit sich ändert.

Das Bewusstsein erhält sich, dass die

Zukunft anders sein wird. Aber sie geht nirgends

mehr hin, wird ziellos. Der Mensch

muss nun alle paar Jahre abschätzen, ob er

noch richtig liegt mit der Art, wie er lebt,

wohnt und arbeitet. Ein Student sagt heute

nicht mehr: Ich studiere Soziologie, weil

ich Soziologe werden will. Sondern er sagt:

Ich studiere „jetzt halt mal“ Soziologie.

»Wir laufen nicht mehr auf eine Verheißung

zu, sondern vom Abgrund weg«

schwerfällt. Unsere Alltagszeit ist von Routinen

und Rhythmen geprägt: aufstehen,

Kinder in die Schule bringen, Abendessen,

„Tatort“ gucken. Aber natürlich entwickeln

wir auch eine Perspektive auf unser Leben

als Ganzes, stellen uns die Frage nach unserer

Lebenszeit, also danach, wie wir unsere

„biografische Zeit“ verbringen wollen:

Studieren? Karriere machen? Früh in Rente

gehen? Beide wiederum sind eingebettet

in die übergreifende Zeit der Epoche, die

uns prägt. Die Verknüpfung dieser drei

Zeitebenen ist das, was wir unter unserem

„In-der-Zeit-Sein“ verstehen.

Und das Gefühl fürs „In-der-Zeit-Sein“ ist

in der Moderne gestört?

Früher, in der ständischen Gesellschaft,

waren Alltag, Lebenszeit und historische

Zeit, waren Vergangenheit, Gegenwart und

Zukunft integriert. Man war Bäcker, weil

der Vater Bäcker war, und wusste, wie man

als Bäcker zu leben hat. Die Zeitstruktur

war zyklisch. In der klassischen Moderne

gibt es alternative Lebensentwürfe. Der

Sohn wird nicht mehr Bäcker, weil der Vater

Bäcker ist. Er ergreift einen anderen Beruf,

er zieht weg, er hat auch eine andere

politische oder religiöse Orientierung. Er

hat den Anspruch, es anders zu machen.

Das heißt, die Welt ändert sich nicht mehr

von einer Generation zur nächsten...

...sondern kann schon in zehn Jahren eine

andere sein. Das Zeitbewusstsein der Jungen

ist episodisch: Jetzt ist es so, bald ist es

anders. Die Postmoderne hat das Phänomen

– übertragen auf Kunst und Architektur

– gut beschrieben: Wir haben es nicht

mehr mit einer Abfolge von Stilepochen zu

tun, sondern mit einem experimentellen

Stile-Spiel, mit der Kollage von Fragmenten.

Und übertragen auf die Wirtschaft: Wir

wachsen um des Wachstums willen – und

Fortschritt ist leere Progression?

So ist es. Wirtschaftliches Wachstum hat

uns Wohlstand verheißen – und die Eroberung

von Freiräumen zur Gestaltung unseres

Lebens. Entsprechend hatten fast alle

Generationen die Hoffnung, dass es „unseren

Kindern mal besser gehen wird“. Seit

den Neunzigerjahren hoffen wir, dass es

„unseren Kindern mal nicht schlechter gehen

wird“. Finanzmarktderegulierung, Globalisierung

und Digitalisierung haben den

Kapitalismus ins Leere beschleunigt, das

heißt: Wir laufen in Zeiten der beschleunigten

Beschleunigung nicht mehr auf eine

Verheißung zu, sondern vom Abgrund

weg. Die Idee des Wachstums ist nicht »

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 49

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Politik&Weltwirtschaft

»

»Drei Wochen ins Kloster? Das ist nur eine

mehr: Wir müssen die Ressourcen besser

nutzen und fleißiger sein, um was Neues

zu realisieren. Sondern die Idee ist: Wir

müssen jedes Jahr einen Zahn zulegen, damit

alles bleiben kann, wie es ist.

Na ja, wo kein Wachstum ist, mangelt es

auch an Wohlstand. Sie selbst haben das

Beispiel Griechenland erwähnt.

Wenn ich von Postwachstum rede, meine

ich nicht eine Gesellschaft, die nicht

wächst. Im Gegenteil, es gibt wichtige Bereiche,

in denen wir wachsen, beschleunigen

und innovativ sein müssen – etwa im

Falle grüner Technologien. Aber zu beschleunigen,

um zu bleiben, wie wir sind,

das ist ein Systemfehler.

Was schlagen Sie vor? Wachsen ist aus

betriebswirtschaftlicher Sicht kein

Systemfehler. Sondern primäre Voraussetzung

für unternehmerisches Handeln.

Richtig. Ökonomisch tätig wird nur der, der

Aussicht hat, mehr herauszubekommen,

als er investiert hat. Das ist die Wurzel des

Wachstumszwangs.

Und die wollen Sie jetzt rausreißen?

Ich will auf unsere verzweifelte Lage aufmerksam

machen. Es gibt keine Fortschrittsidee

mehr, aber wir müssen die Illusion

von Fortschritt aufrechterhalten. Wir

müssen immer schneller sein, ohne irgendwohin

zu kommen. Müssen uns steigern,

ohne uns verbessern zu können.

Warum dämonisieren Sie den Kapitalismus

als ein System, dessen Logik größer

ist als die Menschen, die ihm angeblich

unterworfen sind? Sie können doch nicht

allen Ernstes meinen, dass der Beschleunigungsimperativ

alle unsere Lebensbereiche

auf totalitäre Weise durchdringt?

Es geht hier nicht um ein totalitäres politisches

System, sondern um eine Art systemischen

Druck, gegen den man sich kaum

zur Wehr setzen kann. Bei den Zeitnormen

der Moderne handelt es sich eben nicht

um ethische oder politische Normen, über

die man streiten könnte. Sie wirken hinter

dem Rücken der Akteure. Sie gelten unbefragt.

Eine Norm aber, die alle Bevölkerungsgruppen

und alle Lebensbereiche

durchdringt, ohne dass sie kritisiert werden

kann, ist totalitär.

Du liebe Güte. Sie erklären uns zu

willenlosen Werkzeugen, zu Sklaven eines

anonymen Beschleunigungsregimes.

Marxismus, ick hör dir trapsen...

Ich bin kein Marxist. Aber ich finde Marx‘

These hochinteressant, dass die Kapitalbewegung

zum Subjekt der Geschichte wird,

die uns Menschen zu ihren Objekten macht.

Ein Manager mag für drei Wochen ins Kloster

gehen. Aber das hat nichts mit dem richtigen

Leben im falschen zu tun. Das ist nur

eine Technik, um noch effizienter zu sein.

Das nenne ich funktionale Entschleunigung.

Mit diesem Argument halten Sie doch nur

Ihre Theorie wasserdicht. Sie können,

funktional gesehen, praktisch alles zum

Derivat der großen Beschleunigungsbewegung

erklären.

Ich gebe zu, es gibt Alternativen. Zum Beispiel

den hochbegabten Doktoranden, der

gesagt hat: In diesem verhetzten Wissenschaftsbetrieb

mache ich nicht mit, ihr

könnt mich mal, ich gehe nach Indien, um

dort zu meditieren. Der ist tatsächlich ausgestiegen.

Aber der zahlt auch einen hohen

Preis: Ein Zurück gibt es nicht. Auch aus

Wirtschaftskreisen höre ich, dass gerade

der hochbegabte Nachwuchs sich zuweilen

totalverweigert. Offenbar gibt es ernst

zu nehmende Widerstandsressourcen.

Widerstand ist das eine. Alltagsbeobachtungen

sind das andere. Bei Klassentreffen

stellt man fest, dass die Menschen

ortsfester und undynamischer sind, als

Sie annehmen. Überschätzen Sie nicht

die Mobilmachung des modernen Menschen?

Vielleicht. Jedenfalls wechseln die Menschen

nicht so häufig den Beruf und den

Wohnort, wie es die Beschleunigungsthese

nahelegt. Aber was bei Dableibenden wie

Wegziehenden ins Unterbewusstsein einzieht,

ist ein entschiedenes Kontingenzbewusstsein:

das Wissen darum, dass es die

Möglichkeit und womöglich auch die Erwartung

gibt, dass nicht alles bleibt, wie es

ist. Jeder weiß: Es kann etwas kommen.

Gekommen sind, historisch gesehen,

Acht-Stunden-Tag und sechs Wochen

Jahresurlaub. Wie verträgt sich Ihre These

der zunehmenden Zeitknappheit mit dem

Zuwachs an Freizeit?

Beschleunigung heißt nicht, dass wir weniger

Freizeit haben, sondern dass wir unsere

Zeit verdichten. Die meisten Menschen

haben heute To-do-Listen im Kopf. Und

diese Listen werden nicht nur immer länger.

Auch wächst das Gefühl, die Listen

nicht mehr abarbeiten zu können. Wir ermahnen

uns immer, wenn wir gerade etwas

tun oder lassen, wir könnten eigentlich

auch gerade etwas anderes tun oder lassen.

Wir verinnerlichen die Beschleunigung?

Ja, unser Verständnis von Muße hat sich

geändert. Ursprünglich ist Muße ein anderes

Wort für die Idee des Feierabends. Ein

Zustand der Ruhe, den man genießt, weil

das Tagwerk vollbracht ist. Man sitzt am

Kamin und liest ein Buch oder spielt

Schach. Dieses Mußegefühl tritt heute

kaum noch ein, weil man endlich wieder

FOTOS: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

50 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Technik, um noch effizienter zu sein«

mal joggen gehen, einen Kollegen anrufen

oder mit der Mutter telefonieren wollte.

Selbst beim Kindergeburtstag wissen Sie,

dass Sie zwischendurch noch mal schnell

in Ihre Mails schauen könnten. Kurz, keine

Sache hat mehr „ihre“ Zeit. Die festen Zeitfenster

– Dienstag Chor, Samstag Fußball,

Sonntag Kirche – lösen sich auf. Unsere Lebenssphären

verschränken sich.

Und Orte der Muße...

...müssen wir heute regelrecht aufsuchen.

Das, was früher ein Dorf ohne Zuganschluss

war, ist plötzlich der pure Luxus.

Trotzdem gibt es auch im Alltag Zeiten

und Zonen, in denen das Gesetz der Beschleunigung

dezidiert nicht gilt. Denken

Sie an die Familie...

...das Ehrenamt, den Sportverein, die

Kirche…

...oder an Weihnachten.

Unbedingt. Weihnachten ist ein Anachronismus,

der rücksichtslos in das moderne

Zeitregime hineinkracht. Und besonders

innovativ ist es auch nicht:Seit 2000 Jahren

dieselbe Geschichte. Ist das nicht großartig?

Da sieht man endlich mal die Differenz

zu allem, was wir sonst so treiben. Keine

Beschleunigung, nichts…

...wenn da nicht der Erledigungsstau vor

dem Heiligen Abend wäre...

...in dem alle ihre To-do-Listen abarbeiten...

Und nach Weihnachten? Haben wir das

Gefühl, alles aufholen zu müssen?

So ist es. Denn die Welt hält ja nicht an, nur

weil die Gesellschaft als Ganzes in unseren

Breiten rund um Weihnachten das große

Loslassen übt. Die Informations- und Kapitalströme

kennen kein Weihnachten und

kein Wochenende. Die fließen weiter, immer

weiter.

15Was wird aus

Griechenland?

Zum ersten Mal seit sechs Jahren

Rezession wird Griechenlands Wirtschaft

2014 wieder wachsen. Die

EU-Kommission prognostiziert für

das kommende Jahr ein kleines Plus

von 0,6 Prozent beim Bruttoinlandsprodukt.

Doch die Probleme bleiben

groß: Nach wie vor hat das Land

nicht genug reformiert. Vor allem die

Privatisierung muss endlich anlaufen.

Dazu kommt: Im ersten Halbjahr

2014 übernimmt das Land die Präsidentschaft

in der EU.

Wie können wir uns wappnen gegen die

Beschleunigung? Einfach cool bleiben?

Das hatte schon Georg Simmel im Sinn.

Die Nervosität nimmt zu – und ich reagiere

darauf mit Blasiertheit, lasse mich nicht

an- und nicht aufregen. Der Nachteil ist,

dass man dadurch möglicherweise die Fähigkeit

verliert, sich berühren zu lassen.

Nun wünschen sich die meisten Menschen

aber eher mehr Empathie als weniger. Es

gibt eine große Sehnsucht nach Resonanz –

danach, berührt und bewegt zu werden:

von anderen Menschen, von einer Landschaft,

von einer Erfahrung. Das aber setzt

voraus, dass man sich auf anderes einlässt.

Meine These ist: Wir können verstandesmäßig

schnell in unterschiedlichen Lebenssphären

agieren, aber nicht emotional.

Wir schaffen es nicht mehr, uns die

Dinge anzuverwandeln.

Noch einmal: Wie schafft man Abhilfe?

Etwa dadurch, sich für bestimmte Dinge

explizit nicht zu interessieren?

Das behaupten viele Zeitmanager, Lothar

Seiwert etwa. Man müsse Prioritäten setzen.

Es sei eine Charakterschwäche, nicht

Nein sagen zu können. Aber was heißt das?

Wenn mein neues Buch mir das Wichtigste

ist – soll ich dann die Anfrage des Rektors

ignorieren, der uns für die nächste Exzellenzinitiative

in Stellung bringen will? Oder

dem Studenten, der ein Empfehlungsschreiben

braucht, bescheiden, sein beruflicher

Werdegang stehe auf meiner Prioritätenliste

leider ganz unten? Ich finde, es

wäre eine Charakterschwäche, zu sagen:

Ihr könnt mich alle mal.

Demnach bleibt uns nur übrig, mit der

Beschleunigung leben zu lernen?

Wir sollten darüber nachdenken, was ein

gutes Leben ist. In den einschlägigen Ratgebern

ist immer nur von Ressourcensteigerung

die Rede: Wie werden Sie glücklicher?

Wie werden Sie reicher? Wie finden

Sie bessere Freunde? Ich behaupte: Wer

diesen Ratgebern folgt, verfehlt das gute

Leben. Stattdessen geht es um musikalische,

körperliche, auch soziale Erfahrungen

– Erfahrungen, die jenseits des Steigerungszwangs

liegen...

...religiöse Erfahrungen...

...unbedingt. Die Bibel ist ein einziges Dokument

des Flehens, des Hoffens und

Schreiens nach einem, der da ist und antwortet.

Sie gibt ein Resonanzversprechen:

Da ist jemand, der hört dich. Deshalb ist

Religion für viele – entgegen allen soziologischen

Prognosen – auch weiterhin ein attraktiver

Erfahrungsbereich.

n

dieter.schnaas@wiwo.de | Berlin, christopher schwarz

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 51

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Politik&Weltwirtschaft

BERLIN INTERN | Wahlkreis, Partei, Regierungsjob –

für Politiker ist Familie, was sonntags im Kalender frei

bleibt. Manche steigen aus. Neu ist, dass Männer

ihr Privatleben als Grund nennen. Von Cordula Tutt

Doppelleben

FOTOS: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PICTURE-ALLIANCE/DPA

Presseball statt immer am Ball bleiben

Jörg Asmussen mit Henriette Peucker

Es gibt nur drei Sorten Spitzenpersonal

in Berlin. Konservative, Liberale

und Alternative – zumindest

wenn es drum geht, wie sie

Politikberuf und Privatleben vereinbaren.

Schwer ist es allemal: Die meisten pendeln

zwischen Wahlkreis und Hauptstadt.

Sie drehen Extrarunden in der Partei, um

sich abzusichern. Aufhorchen lässt, dass

zwei Männer nicht mehr wollen wie bisher.

Nehmen wir an, ihre Argumente sind

ernst gemeint und verschleiern keine anderen

Motive. Der vorige Kanzleramtsminister

Ronald Pofalla (CDU) zog sich aufs Mandat

zurück. Er wolle mit seiner Freundin, einer

Anwältin im Rheinland, eine Familie gründen.

Pofalla hat zwei Scheidungen hinter

sich. Jörg Asmussen (SPD), Direktor bei der

Europäischen Zentralbank, lässt Frankfurt

und viele Dienstreisen zurück für den

Staatssekretärsposten im Bundesarbeitsministerium.

Er verweist auf zwei kleine Töchter;

Partnerin Henriette Peucker hat einen

anspruchsvollen Job bei einer PR-Agentur.

Bei Männern ist dieser Verzicht neu. Erstmals

in Deutschland begründen sie ihn mit

Sehnsucht nach der Familie. Ihre Angst

schwindet, schwach zu wirken. Oft wollen

auch beide Partner im Beruf etwas erreichen.

Das geht kaum ohne Abstriche.

Pofalla und Asmussen sind Alternative.

Sie schränken das Politische zugunsten des

Privaten radikal ein. Zu ihnen gehört Eckart

von Klaeden (CDU), der vom Kanzleramt als

Lobbyist zu Daimler wechselte. Bei allen

Querelen über politische Nähe zu seinem

Arbeitgeber vor dem Wechsel gerät in Vergessenheit,

dass auch er „familiäre Gründe“

nannte. Von Klaeden hat mit Frau Maren, einer

Ärztin, drei Töchter. Interessant, dass ein

Industriejob zwischen Stuttgart, Berlin und

Brüssel stressfreier auf ihn wirkt.

Auch Ex-Familienministerin Kristina

Schröder (CDU) ist nun einfache MdB und

erwartet ihr zweites Kind. Hildegard Müller

verabschiedete sich einst als Staatsministerin

im Kanzleramt und als Abgeordnete

für Düsseldorf. Die Tochter in Berlin und der

Partner in Heidelberg kamen zu kurz. Heute

führt sie den Bundesverband der Energieund

Wasserwirtschaft (BDEW).

Anders die Liberalen – sie praktizieren

das Prinzip „Leben und leben lassen“. Im

Alltag ziehen sie das Private dem Politischen

manchmal vor, scheuen sich aber,

das publik zu machen. Sie wohnen mit ihrer

Familie in Berlin. Seltener tauchen sie womöglich

im Wahlkreis auf. Das geht leichter

für Abgeordnete kleiner Parteien, die keinen

Wahlkreis per Direktmandat betreuen.

Etliche Grüne, so auch Fraktionsvize

Kerstin Andreae, leben mit Mann und

Kindern in Berlin. Doch auch Bundesaußenminister

Frank-Walter Steinmeier

(SPD) zählt dazu. Sein Wahlkreis liegt in

Brandenburg an der Havel, er selbst wohnt

in der Hauptstadt.

Zahlreicher sind die Konservativen. Sie

ziehen das Private ins Politische, zeigen

Fotos der Lieben und traditionelle Rollen.

Die Familie wohnt im Wahlkreis. Mancher

sagt stolz: „Meine Frau kümmert sich quasi

allein erziehend um unsere vier Kinder.“

Es gibt auch aufgeklärte Konservative.

Sie suchen den Imagegewinn als Familienmensch.

SPD-Chef Sigmar Gabriel nahm

2012 eine Auszeit für Töchterchen Marie.

Doch twitterte er, schrieb Thesenpapiere

und gab Interviews samt Foto mit fremdem

Kinderwagen. Ähnlich aktiv war Tübingens

OB Boris Palmer (Grüne), der die Elternzeit

für engagierte Einsätze gegen das Bahnprojekt

S21 nutzte. Jüngst gab er bekannt,

dass Partnerin Franziska Brantner (MdB)

und er sich trotz Tochter getrennt haben:

„500 Kilometer Entfernung, jeder mit

einem 200-Prozent-Job – das ist zu viel.“

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 53

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Unternehmen&Märkte

Katharsis oder

Katastrophe

ENTSCHEIDUNGSJAHR 2014 | Floppt die Milliardeninvestition,

scheitert die Rettung, bricht das

Geschäft weg, kommt das endgültige Aus? Für viele

Unternehmen werden die kommenden zwölf

Monate überlebenswichtig. Eine Reise durch Deutschland

an Orte zwischen Hoffen und Bangen.

Wagnis Carbonkarossen

Werksleiter Schramm muss die

neue BMW-Elektroautofabrik in

Leipzig 2014 auslasten

54 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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LEIPZIG | BMW

Von null auf

unbekannt

Ein echtes Elektroauto

Sachsen wollte BMW-Chef Norbert

Reithofer haben, etwas

gänzlich Neues, das die

Zukunft des Automobilbaus verkörpert:

stromgetrieben, Carbonkarosserie,

klimaschonend produziert und per Mobilfunk

voll ins Internet eingebunden. Das

war 2008. Heraus kamen neue Fabrikhallen

in Leipzig, neue Batterietechnik, der

Einstieg in die Kohlefasern – und das

E-Mobil i3.

In den kommenden Monaten muss sich

das Auto beweisen. Kann das Leipziger

BMW-Werk, wo der dortige Elektroauto-

Chef Helmut-Joseph Schramm im September

die i3-Produktion startete, seine

Kapazität von 40 000 Fahrzeugen pro Jahr

ausreizen? Oder startet BMW so schleppend

und ernüchternd in das Elektrozeitalter

wie Opel mit dem Stromer Ampera?

Neidisch beobachten Reithofers Wettbewerber

seit Jahren, wie BMW mit dem

Carbonautoprojekt Aktionäre und Öffentlichkeit

bezirzt und sich als innovativer

Autokonzern inszeniert. Der Aktienkurs

verdoppelte sich seit dem Start des i3-Projekts

vor fünf Jahren. Daimler dagegen

»

FOTO: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 55

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Unternehmen&Märkte

»

dümpelt noch immer auf dem Niveau

von 2008. Audi zeigte sich beim Thema

Elektroautos lange unentschlossen und

überließ den Münchnern den Vorsprung

durch Technik.

40 000 i3 will BMW 2014 absetzen. Die

Chancen, dass sich Neider bald ins Fäustchen

lachen können, scheinen trotz skeptischer

Stimmen zu schwinden. Im Test der

Zeitschrift Autobild besiegte der i3 eines

der besten Mittelklassefahrzeuge, den VW

16

Springt der

Automarkt in

Europa 2014 wieder an?

Die Anzeichen dafür sind gut: In den

letzten Wochen des alten Jahres zog

die Nachfrage in Spanien deutlich

an, auch in Frankreich und Deutschland

scheint das Tief überwunden.

2014 wird es, wenn die Euro-Krise

nicht wieder aufflammt, eine weitere

Erholung des Marktes geben – viele

neue Modelle sollten die Käufer in

die Autohäuser locken.

Golf GTD. „Er ist so gut wie ein Golf und

verbraucht ein Drittel“, titelte das Magazin.

Auch die Resonanz der Kunden kann sich

sehen lassen. Über 100 000 Interessenten

haben sich für eine Probefahrt angemeldet.

Rund 10 000 verbindliche Bestellungen

aus Europa lagen BMW bereits bei der

Markteinführung Mitte November vor.

In Amerika und Asien wird das Auto in

den kommenden Monaten eingeführt. In

den USA, wo die E-Limousine Tesla für

Schlagzeilen sorgte, gibt es bereits einen

Milliardenmarkt für Elektroautos. Rund

100 000 E-Autos finden jährlich einen Käufer.

BMW setzt auch auf diesen Markt.

Ein Erfolg des BMW i3 könnte die Aufholjagd

beschleunigen, die sich Deutschlands

Autoindustrie beim Elektroauto vorgenommen

hat. Noch haben VW und Co. wenig

Elektrisches im Angebot. Doch zahlreiche

Modelle sind in den Startlöchern. Wie der

Elektromobilitätsindex der WirtschaftsWoche

und der Unternehmensberatung McKinsey

zeigt, kann Deutschland in den kommenden

fünf Jahren zum zweitwichtigsten Elektroautoproduzenten

nach Japan aufsteigen.

martin.seiwert@wiwo.de

MÜNCHEN | Siemens

Flucht aus den Peinlichkeiten

Als Joe Kaeser nach einigen

Bayern

turbulenten Tagen im Juli

den Siemens-Vorstandsvorsitz

von Peter Löscher übernommen

hatte, wählte er den

Innenhof der Konzernzentrale am Wittelsbacher

Platz in München, um sich der Öffentlichkeit

zu präsentieren. Die Sonne

schien, die Stimmung war gelöst. Unter die

Journalisten hatten sich viele Mitarbeiter gemischt.

Die Veranstaltung hatte etwas von

einem Townhall-Meeting.

Ein wenig von der guten Stimmung, die

damals am Wittelsbacher Platz herrschte,

würde Kaeser wohl am liebsten mit ins neue

Jahr nehmen. Denn der Konzernchef muss

zeigen, wie er in Rekordzeit die Fehler seines

Vorgängers bereinigen kann. Im Mai will er

präsentieren, wie der Konzern mit seinen

370000 Mitarbeitern wieder ganz an die

Spitze gelangen soll.

2014 muss der Umbruch für Siemens

kommen, denn die Zeichen stehen schlecht.

Wegen des schwachen Auftragseingangs im

Vorjahr sank der Umsatz im Ende September

abgelaufenen Geschäftsjahr um ein Prozent.

Der Gewinn der fortgeführten Aktivitäten

fiel auf 4,2 Milliarden Euro nach 4,6 Milliarden

Euro im Vorjahr.

So sind die Münchner bei der Rendite,

schlimmer aber noch bei der Innovationskraft

in den vergangenen Jahren gegenüber

Wettbewerbern wie General Electric aus den

USA oder ABB aus Schweden deutlich ins

Hintertreffen geraten. Immer neue Verzögerungen

beim Anschluss der Nordsee-Windparks

und der Auslieferung von ICE-Zügen

an die Deutsche Bahn kratzen mächtig am

Ruf des Unternehmens. „Peinlich“ seien die

Verzögerungen, bekannte Kaeser freimütig.

Erste Umrisse des Wegs aus den Peinlichkeiten

und des Umbaus sind erkennbar. So will

Kaeser künftig stärker auf das Geschäft mit

Software setzen, um damit noch stärker vom

Trend zur Digitalisierung in Fabriken, der

sogenannten Industrie 4.0, profitieren zu

können. Zukäufe auf diesem Feld schließt er

ausdrücklich nicht aus.

Um den einzelnen Landesgesellschaften

rund um den Globus mehr Unabhängigkeit

zu gewähren, hat Kaeser bereits die sogenannte

Cluster-Struktur des Konzerns aufgelöst.

Das globale Netz an Niederlassungen,

das den Konzern eher behäbig gemacht

hat, wurde aufgelöst. Künftig agieren die einzelnen

Landesgesellschaften wieder eigenständig

und berichten direkt an die Zentrale.

Das soll die Flexibilität erhöhen.

Doch um mit der Konkurrenz gleichzuziehen,

werden solche Kurskorrekturen nur

erste Schritte sein. Erforderlich ist ein Neuzuschnitt

des vierten Sektors namens Infrastruktur

und Städte. Dort sind Geschäftseinheiten

wie die Gebäudetechnik und Hochgeschwindigkeitszüge

gebündelt, die wenig

Synergiemöglichkeiten bieten. Vor allem

aber will Kaeser die Innovationskraft des

Traditionskonzerns stärken, etwa durch eine

bessere Karriereförderung der Ingenieure

im Konzern. Den Überschuss an Masters

of Business and Administration (MBA) und

Juristen will er abbauen.

Eines hat Kaeser seinem Vorgänger im

Amt des Vorstandschefs voraus: Anders als

Löscher, ist der Neue an der Spitze kommunikativ

und charismatisch und verfügt über

ein Netzwerk in Wirtschaft, Politik und Medien.

Ihm wird zugetraut, dass er die Mannschaft

mitnehmen kann, auch wenn es mal

schwierig wird. Die wartet jetzt mit Spannung

auf den Mai.

matthias.kamp@wiwo.de | München

Großbaustelle

Siemens

Konzernzentrale

am Wittelsbacher

Platz in München

FOTOS: DDP IMAGES/DAPD, CORBIS/REUTERS/KAI PFAFFENBACH

56 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Trennwand zwischen Aufsehern

und Notenbankern

Neues Hauptquartier der

EZB im Frankfurter Ostend

FRANKFURT | Europäische Zentralbank

Dienerin zweier Herren

Europa will seine Banken sicherer

machen. Die Verantwortung

dafür übernimmt

Hessen

im kommenden Herbst die

Europäische Zentralbank

(EZB). Deren Aufgabe war es bisher

nicht, den Finanzsektor zu

überwachen, sondern den Euro stabil zu

halten. Ob beides gleichzeitig klappt, entscheidet

sich am EZB-Sitz in Frankfurt.

Damit die EZB-Aufsicht über die rund

130 wichtigsten Banken im Euro-Raum

handlungsfähig wird, muss die Zentralbank

nicht nur schnellstens einen Apparat

von rund 1000 Regulierungsexperten aus

allen Euro-Ländern installieren. Die künftigen

Wachhunde über die Bankenszene

unter Führung der Französin Danièle Nouy

müssen zugleich Trennwände zu den Notenbankern

unter dem Italiener Mario

Draghi ziehen. Geldpolitische Maßnahmen

wie Leitzinssenkungen dürfen nämlich

auf keinen Fall mit dem Hintergedanken

erfolgen, von der EZB beaufsichtigte

Banken zu stabilisieren. Dann wäre die

wertvolle Unabhängigkeit der Zentralbank

dahin.

Zuvor aber wird die EZB die Institute einem

Stresstest unterziehen, um vor dem

Start der zentralen Aufsicht Kapitallücken

und Schwächen im Geschäftsmodell zu erkennen.

Reichen die Eigenmittel nicht aus,

um etwaige Löcher in der Bilanz zu stopfen,

müssen private Investoren und notfalls

die Regierungen des Heimatstaates einspringen,

bevor die EZB-Aufseher

die Verantwortung übernehmen.

Vor dem Stresstest müssen

vor allem solche Banken zittern,

die große Bestände an Staatsanleihen,

Schiffskrediten oder Finanzierungen

von Gewerbeimmobilien

halten. In Deutschland

sind das etwa die Landesbanken

Video

In unserer App

spekuliert

Redakteurin

Stephanie Heise

über fallende

Helden 2014

Nord/LB und HSH Nordbank sowie die immer

noch teilverstaatlichte Commerzbank.

Die EZB-Aufseher wollen hier jedenfalls

strenge Maßstäbe anwenden.

Die biblischen Ausmaße der Superaufsicht

zeigen sich auch an den Büroflächen,

die das Mammutvorhaben verschlingt.

Selbst die künftige EZB-Zentrale,

die gerade in einem gigantischen Turmbauprojekt

im Frankfurter Ostend errichtet

wird, ist zu klein, um auch noch das Heer

der neu angeheuerten Aufseher zu beherbergen.

Daher wird die EZB ihre aktuelle

Zentrale vor dem legendären Euro-Monument

am Willy-Brandt-Platz trotz des parallelen

Neubaus behalten. Solange aber die

Notenbanker nicht in ihr neues Domizil

umgezogen sind, müssen die Aufseher mit

Büros im benachbarten Japan

Center Vorlieb nehmen. Und

auch auf dem ohnehin angespannten

Wohnungsmarkt der

Minifinanzmetropole wird es eng.

Makler berichten, dass die EZB

gerade die wenigen freien Apartments

für ihre Leute reserviert.

»

mark.fehr@wiwo.de | Frankfurt

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 57

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Unternehmen&Märkte

WALLDORF | SAP

Packen, rütteln,

anschreien

Baden-

Württemberg

Zwar laufen die Geschäfte

des Weltmarktführers für

Unternehmenssoftware

gut. Trotz negativer Währungseinflüsse

ist SAP auf

Kurs zu einem Rekordergebnis

für 2013. Dennoch erwartet die

deutsche Belegschaft 2014 eine Zäsur.

Denn mit der Hauptversammlung Ende

Mai rückt Co-CEO Jim Hagemann Snabe,

seit 2010 Teil des SAP-Führungsduos, in

den Aufsichtsrat. Von da an steht der Amerikaner

Bill McDermott allein an der Unternehmensspitze.

Insider argwöhnen, ginge

es allein nach McDermott, hätte SAP den

Hauptsitz längst in den USA, und die Deutschen

verlören an Einfluss.

Zum einen arbeitet der 52-Jährige mit

dem Zahnpastalächeln und der Ausstrahlung

eines Nachrichten-Anchor-Mans ohnehin

die meiste Zeit in der US-Zentrale in

Philadelphia. Zum anderen sind die Vereinigten

Staaten bis heute der mit Abstand

ESSEN | Karstadt

Poker um Luftnummer

Nordrhein-

Westfalen

Für viele Karstadt-Mitarbeiter

dürften die Stellenanzeigen

ihres Arbeitgebers

wie blanker Hohn klingen.

„Starten Sie durch am

Point of Sale oder einer anderen

Stelle unseres Unternehmens“, wirbt der

Essener Warenhauskonzern um neue Kräfte.

„Denn wir bieten Ihnen in jeder Hinsicht

beste Aussichten.“

Karstadt steckt in der wohl schwersten

Krise seit der Insolvenz vor vier Jahren.

2014 könnte sich das Schicksal des traditionsreichen

Handelshauses entscheiden

Die Beteuerungen des einst gefeierten Retters

Nicolas Berggruen, den Warenhauskoloss

weder zerlegen noch das Stammgeschäft

verkaufen zu wollen, haben sich als

Luftnummern entpuppt.

So hat sich die Immobiliengruppe Signa

des österreichischen Unternehmers René

Benko neben zahlreichen Karstadt-Häusern

im September die Mehrheit an der

größte und wichtigste Softwaremarkt der

Welt. Alle entscheidenden Wettbewerber –

wie Oracle oder IBM, Google oder Salesforce

– haben dort ihren Hauptsitz. Um den

Bekanntheitsgrad und auch die Attraktivität

für junge US-Talente zu steigern, sei ein

Umzug über den Atlantik mittelfristig unumgänglich,

sagen Befürworter.

Ob McDermott solch einen Schritt direkt

nach seiner Amtsübernahme durchpeitscht,

ist fraglich. Denn seit geraumer

Zeit müht sich das Management, intern die

Wogen zu glätten, die SAP-Aufsichtsratsboss

Hasso Plattner mit seinem Appell aufgeworfen

hat: „Manchmal will ich die Walldorfer

Entwickler packen, schütteln und

anschreien: Bewegt euch schneller!“

Dass SAP gleichzeitig in eine Europa-AG

umfirmiert, werten manche als Zwischenschritt

hin zu einer Verlagerung in die USA.

Offiziell dient die Europa-AG dazu, die

nach deutschem Recht erforderliche Vergrößerung

des Aufsichtsrats zu verhindern;

tatsächlich schwächt sie aber auch die

Macht der deutschen Betriebsräte.

SAP bestreitet Umzugsabsichten in die

USA vehement. Im Gegenteil, McDermott

suche doch schon längst eine Wohnung in

Deutschland.

michael.kroker@wiwo.de

Premium- und Sportsparte des Konzerns

einverleibt. Wenig später wurde bekannt,

dass Benko und der israelische Diamantenmilliardär

Beny Steinmetz zudem über

eine Option verfügen, auch die Mehrheit

des klassischen Warenhausgeschäfts zu

übernehmen – für den symbolischen Preis

von einem Euro. Nun drohen dem Unternehmen

erhebliche Mieterhöhungen – als

eine Art Gegenleistung für Investitionen

der Österreicher.

Alle Beteiligten hüllen sich in Schweigen,

aussagekräftige Daten zur Finanzlage

bleiben unter Verschluss. Sollten auch die

Warenkreditversicherer an der Zukunftsfähigkeit

des Konzerns zweifeln, käme Karstadt

in existenzielle Not. Angesichts der

Gemengelage scheinen einige Vermieter

bereits den Rückzug anzutreten. Zudem

rückt eine alte Idee wieder auf die Agenda:

ein Zusammenschluss von Karstadt mit

der Metro-Tochter Kaufhof.

henryk.hielscher@wiwo.de

BERLIN | Zalando

Sprung aus

dem Karton

Berlin boomt als Standort

für Internet-Gründer.

Berlin Wachstumsstarke Unternehmen

wie der Spieleentwickler

Wooga, die Musiktauschbörse

Soundcloud oder Research-

Gate, ein Netzwerk für Wissenschaftler, gingen

hier schon an den Start. Doch eines

fehlt der Berliner Szene noch immer für

den großen Durchbruch: die Aussicht auf

den Verkauf oder Börsengang eines zum

Konzern gereiften Startups. 2014 könnte es

klappen: Das Schuh- und Modeportal Zalando

gilt in der XXL-Liga der Gründer als

heißester Kandidat für einen Börsengang.

Geschäftsführer Rubin Ritter erklärte im

Herbst einen Börsengang für mittelfristig

„sehr attraktiv“, wandelte Zalando im Dezember

in eine Aktiengesellschaft um.

Auch das jüngste Kostensparen lässt sich

als Prophylaxe für einen Börsengang interpretieren.

So soll der kaum einjährige Luxusableger

Emeza mangels Erfolg schließen.

Denn die Verluste der vergangenen

Jahre dürften das größte Handicap für

Glücksschreie bei den Anlegern sein.

Zwar rücken 2013 zwei Milliarden Euro

Umsatz in greifbare Nähe. Doch dass mehr

als 50 Prozent der Ware zurückgesendet

werden, vermiest die Marge. Zudem sind

die Marketingausgaben erheblich, der Bau

neuer Logistikzentren schlägt ins Kontor.

Reduzierte Zalando die Kosten und das

Börsenumfeld bliebe stabil, steht dem

Sprung aus dem Karton wenig im Weg.

17

Überlebt

henryk.hielscher@wiwo.de

Air

Berlin?

Ja, solange Hauptaktionär Etihad aus

Abu Dhabi Lust hat, neues Geld in

die deutsche Tochter zu pumpen –

und genug neue Wege dazu findet,

ohne dass Air Berlin luftfahrtrechtlich

nicht mehr als deutsche Airline

gilt und Streckenrechte verliert.

58 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Heißes Gelände

In den deutschen Stahlwerken

wackeln die Jobs

FOTO: GETTY IMAGES/ULRICH BAUMGARTEN

ESSEN | ThyssenKrupp

Fast am Schmelzpunkt

Nordrhein-

Westfalen

Es waren tiefe Einschnitte

für ThyssenKrupp (39

Milliarden Euro Umsatz,

157 000 Beschäftigte). Mit

fast 100 Jahren starb Ende Juli

Berthold Beitz, der als Testamentsvollstrecker,

Krupp-Generaldirektor, Aufsichtsratsvorsitzender

und Oberhaupt der

Krupp-Stiftung mithilfe von drei Aufsichtsräten

den Ruhrkonzern 60 Jahre geprägt

hatte. Zuvor musste auf Beitz’ Geheiß Gerhard

Cromme den Aufsichtsratsvorsitz aufgeben

und ThyssenKrupp nach 27 Jahren

verlassen. Konzernchef Heinrich Hiesinger

war damit zwei erdrückende Überväter los.

Beweisen, dass er den angeschlagenen

Konzern 203 Jahre nach Gründung sanieren

kann, muss der Ex-Siemens-Manager

nun 2014. Die Voraussetzungen sind denkbar

schlecht. Zwar ist das hochdefizitäre

Walzwerk in Alabama (USA) nun für ein Ei

und ein Butterbrot (1,1 Milliarden Euro)

verkauft. Aber die unglücklichen Stahlmanager

des Mischkonzerns sind auf der

nagelneuen defizitären Stahlschmelze in

Brasilien sitzen geblieben.

Gleichzeitig muss Hiesinger mit Eingriffen

des schwedischen Investors Cevian

rechnen, der inzwischen eine Beteiligung

von knapp elf Prozent hält. Die Cevian-Manager

haben zum Beispiel beim Kranbauer

Demag Cranes gezeigt, dass sie sich auch

ins operative Geschäft einmischen. Der

mit Spannung erwartete Auftritt von Cevian-Vertretern

auf der Hauptversammlung

am 17. Januar wird zeigen, was sie von der

Arbeit Hiesingers halten.

Interne Kritiker sagen bereits, Hiesinger

sei seit seinem Antritt im Januar 2011 zu

zaghaft vorgegangen. Die lukrativen Geschäftssparten

Aufzug und Anlagenbau

hätten längst in eigenständige Gesellschaften

ausgegliedert werden müssen, um zu

zeigen, dass ThyssenKrupp ohne das auch

in Deutschland kriselnde Stahlgeschäft

überleben könnte. Dafür braucht Hiesinger

allerdings Partner. Denn in den Technologiesparten,

zum Beispiel dem Aufzugsbau,

ist ThyssenKrupp für den Weltmarkt

in vielen Bereichen zu klein. Zur Zeit

ist ThyssenKrupp dabei, im Geschäftsfeld

Autokomponenten kräftig zu investieren,

besonders in China, wo gerade ein neues

Werk eröffnet wurde.

Entscheiden dürfte sich Hiesingers

Schicksal jedoch beim Stahl. Hier gibt es in

Deutschland seit Jahren Überkapazitäten.

Mit fast 30 000 Beschäftigten hat Thyssen-

Krupp nach Insiderschätzungen gut 6000

Stahlarbeiter zu viel an Bord. Hinzu

kommt, dass Hiesinger jetzt die Verluste in

Höhe von 150 Millionen Euro pro Quartal,

die das brasilianische Stahlwerk produziert,

dringend eindämmen muss.

Zu allem Überfluss wird sich 2014 auch

herausstellen, wie groß das Ausmaß bei

den Kartellabsprachen bei Automobilblechen

in den vergangenen Jahren war und

wie hoch die Kartellstrafe ausfallen wird.

Die kann sich nach Expertenschätzungen

auf eine halbe Milliarde Euro summieren.

ThyssenKrupp ist fast schon am

Schmelzpunkt angelangt.

»

andreas.wildhagen@wiwo.de

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 59

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Unternehmen&Märkte

Dubiose Bieter

Formel-1-Rennen auf

dem Nürburgring

KOBLENZ | Nürburgring

Zieleinlauf mit Trauerrand

Rheinland-

Pfalz

Es liegt in der Natur einer

Autorennstrecke, dass Triumphe

und Tragödien

dicht beieinander liegen.

Am insolventen Nürburgring

gilt das sogar neben

der Strecke: Endet der Verkauf mit einem

Erfolg, oder platzt er ganz? Auf wie vielen

Millionen bleiben die Gläubiger sitzen?

Schon im ersten Quartal 2014 wollen der

Koblenzer Insolvenzverwalter Jens Lieser

und sein Trierer Kollege Thomas Schmidt

einen neuen Besitzer für die legendäre

Nordschleife von 1927 sowie den 1984 erbauten

Grand-Prix-Kurs gefunden haben.

Zum Verkauf steht auch ein 2009 eingeweihter

Business- und Freizeitkomplex,

den die frühere rheinland-pfälzische Landesregierung

unter Kurt Beck (SPD) für 330

Millionen Euro in die Eifel betonieren ließ –

der Hauptgrund für den Bankrott.

Forderungen von insgesamt 560 Millionen

Euro müssen die Insolvenzverwalter

befriedigen, die meisten liegen beim rheinland-pfälzischen

Steuerzahler. Gläubiger

müssen sich auf ein trauriges Jahr einstellen,

selbst wenn der Verkauf klappt. Zwar

ging ein unverbindliches Angebot über immerhin

275 Millionen Euro ein. Doch der

Bieter, eine La Tene Capital Limited aus

Hongkong, entpuppte sich bei Recherchen

der WirtschaftsWoche als reichlich dubios.

Die Firma ist erst wenige Monate alt und

hat zwielichtige Hintermänner, aber keine

nachvollziehbaren Referenzen.

Andere der zunächst unverbindlichen

Angebote lagen weitaus niedriger. Der

ADAC bot mit geschätzten 30 bis 40 Millionen

Euro jedoch zu wenig, die Offerte war

nicht konkurrenzfähig. Allerdings: Wie viele

Bieter verbindliche Angebote abgeben

und was sie tatsächlich bereit sind zu zahlen,

das muss sich noch zeigen.

florian.zerfass@wiwo.de | Frankfurt

RHEDA-WIEDENBRÜCK | Tönnies

Um die Wurst

Nordrhein-

Westfalen

„Rheda-Wiedenbrück

mit seinen 47 000 Einwohnern

ist zugleich eine

sehr alte und eine sehr junge

Stadt“, wirbt die Kleinstadt zwischen

Dortmund und Bielefeld für sich.

Jung, weil sie erst 1970 durch die kommunale

Neugliederung entstand. Alt, weil es

Urkunden von Rheda und Wiedenbrück

aus Zeiten von Kaiser Otto I. vor mehr als

1000 Jahren gibt.

Alt und Jung prallen in der Doppelstadt

auch in anderer Hinsicht aufeinander: in

Form einer Familienfehde zwischen den

Schweinebaronen Clemens Tönnies, 57,

und seinem 22 Jahre jüngeren Neffen Robert.

Der Ausgang des Streits, inzwischen

vor Gericht, wird 2014 erwartet.

Es geht um die Macht bei Tönnies, dem

größten Fleischkonzern Deutschlands mit

einem Umsatz von rund fünf Milliarden

Euro und 8000 Mitarbeitern. Clemens will

der alleinige Boss bleiben. Neffe Robert

macht ihm diese Rolle streitig und hat

mehrere Klagen auf den Weg gebracht.

Zunächst geht es um ein Doppelstimmrecht,

das Clemens die Vorherrschaft im

Fleischkonzern sichert, obwohl er und Robert

je 50 Prozent der Anteile halten. Das

Doppelstimmrecht haben ihm die Neffen

verliehen, behauptet Clemens. Stimmt so

nicht, entgegnet Robert, das sei damals

lediglich als eine „Augenblickslösung“ eingeräumt

worden. Im Januar will die 8.

Kammer für Handelssachen des Landgerichts

Bielefeld mit der Vernehmung von

Zeugen beginnen.

Das ist nur der Aufgalopp. Robert fordert

wegen „groben Undanks“ zudem fünf Prozent

der Unternehmensanteile zurück, die

er dem Onkel 2009 geschenkt hatte.

Für Clemens Tönnies, im Nebenjob Aufsichtsratschef

bei Schalke 04, geht es um

sein Lebenswerk. Schließlich war er es, der

aus der Fleischgroßhandlung seines 1994

verstorbenen Bruders binnen 20 Jahren eine

weltweit operierende Fleischmaschine

machte. Damit mehrte er auch das Vermögen

seines Neffen Robert in Höhe von

schätzungsweise rund 400 Millionen Euro.

Roberts Meriten lesen sich bescheiden:

Mitglied der 2. Kompanie, Gruppe Busche,

im Schützenverein zu Rheda, dem Onkel

Clemens als General und Vereinschef vorsteht.

Metzgerlehre, BWL-Studium, mit einer,

wie jüngst kolportiert, gepfuschten Diplomarbeit.

Danach wechselnde Positionen

auf der mittleren Führungsebene im

gemeinsamen Unternehmen.

Leute in Rheda-Wiedenbrück fragen sich

daher: Was will Robert eigentlich? Geld?

Rache? Macht? Gerechtigkeit? Irgendetwas

davon wird er 2014 bekommen.

»

mario.brueck@wiwo.de

FOTO: IMAGO/HOCHZWEI

60 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

MAINZ | ZDF

Risse im Gängelband der Politik

Baden-

Württemberg

Fenster auf und einmal

durchlüften – der

Stammsitz des Bundesverfassungsgerichts

in Karlsruhe

wird gerade kräftig umgebaut.

Bauarbeiter haben die

komplette Glasfassade entfernt, aufs Dach

kommt eine Fotovoltaikanlage. Vermutlich

noch ehe im kommenden Jahr die Bundesrichter

hier wieder einziehen, muss sich ihr

Erster Senat darüber einigen, wie kräftig sie

auch beim Zweiten Deutschen Fernsehen

für frischen Wind sorgen wollen.

Denn die SPD-regierten Bundesländer

Rheinland-Pfalz und Hamburg sind vor das

höchste deutsche Gericht gezogen, um feststellen

zu lassen, dass dem Sender in Mainz

die staatsvertraglich festgelegte Staatsferne

fehlt. Die Kläger begründen ihren Vorwurf

mit der Besetzung der Kontrollgremien des

ZDF. 35 der 77 Mitglieder im Fernsehrat, der

etwa die Richtlinien für das Programm aufstellt,

seien dem Staat zuzuordnen. Das

reicht locker, dass Regierungsparteien etwa

die Wahl eines Intendanten lenken. Der

Verwaltungsrat, der den Intendanten kontrolliert,

ist gar ein regelrechtes Politbüro: 6

der 14 Mitglieder sind vom Staat entsandt,

die übrigen kleben ebenfalls an den Parteien.

Hinzu kommen die sogenannten Freundeskreise:

Fein säuberlich aufgeteilt in

schwarz und rot, scharen hier die direkten

Parteigänger viele der angeblich parteifernen

Vertreter der im Fernsehrat vertretenen

gesellschaftlich relevanten Gruppen um

sich. In diesen informellen Kreisen, die in

keinem Gesetz erwähnt werden, stellen seit

Jahrzehnten die staatstragenden Parteien

Vor Gericht

Nachrichtenstudio

beim ZDF

die Weichen für Personalien und Programm

des ZDF.

Von dem Urteil in Karlsruhe voraussichtlich

im Frühjahr hängt daher viel ab. Schließen

sich die Richter der Meinung der Kläger

an, könnten sie die Zahl der Politiker spürbar

reduzieren. Zudem könnten sie die Vertretung

der gesellschaftlich relevanten

Gruppen neu regeln. Migranten und Muslime

etwa sind gar nicht vertreten. Damit

würden die Richter mehrere Fliegen mit einer

Klappe schlagen: Das ZDF könnte ein

von der Dominanz der Parteipolitiker befreiter

Raum werden. Das wiederum könnte

die Akzeptanz der Öffentlich-Rechtlichen

bei der Bevölkerung steigern, hofft mancher

ZDF-Insider. Und warum sollte ein solcher

Ukas nicht auch Folgen für die ARD-Sender

haben, denen ein Umbau der Gremien

ebenfalls nicht schaden könnte?

peter.steinkirchner@wiwo.de

18Überholt VW

Toyota?

Nein, die Chancen stehen gut, dass

der Volkswagen-Konzern 2014 erstmals

mehr als zehn Millionen Autos

absetzt. Aber Toyota dürfte seinen

Vorsprung noch behaupten – die Abwertung

des Yen gibt den Japanern

weiter kräftigen Rückenwind.

KÖLN | Bilfinger

Wahrheit im

Untergrund

Nordrhein-

Westfalen

Die schwerste Altlast

seines Vorgängers Herbert

Bodner wird Bilfinger-Boss

Roland Koch

2014 einholen – und ganz

Deutschland beschäftigen. Fast fünf Jahre

nachdem beim Einsturz des Kölner Stadtarchivs

am 3. März 2009 zwei Menschen starben

und Milliardenschäden an Kulturgütern

entstanden, soll die Ursache endlich

geklärt werden. Falls eine Schlitzwand der

benachbarten U-Bahn-Baustelle das Desaster

auslöste, käme es dick für die Unternehmen

Bilfinger, Züblin und Wayss &

Freytag, die eine Arbeitsgemeinschaft bildeten.

Manager müssten sich strafrechtlich

verantworten, die Konzerne riesige Schadensersatzforderungen

schultern. Allein

die Stadt Köln beziffert ihre Regressansprüche

auf „mindestens eine Milliarde Euro“.

Rund 25 Meter unter der Erde können

Gutachter und Ermittler in den kommenden

Monaten mit Bildern von Unterwasserkameras

– und später auch trockenen

Fußes – Lamelle 11 der Schlitzwand in Augenschein

nehmen, die das Erdreich unter

dem Stadtarchivgebäude stabil halten sollte,

es aber offenbar nicht tat. Ob das an einem

Loch in der massiven Stahlbetonwand

oder an falschen geologischen Annahmen

lag, für die nicht die Baufirmen

verantwortlich wären, ist heiß umstritten.

Laut Behördensprecher Ulrich Bremer

spricht „die derzeitige Indizienlage eher für

eine Fehlstelle in der Schlitzwand als für einen

hydraulischen Grundbruch“. Der ermittelnde

Oberstaatsanwalt Torsten Elschenbroich

spricht gegenüber der WirtschaftsWoche

von der „Stunde der Wahrheit“,

die durch das „Freilegen der Verdachtsfläche“

bevorstehe. Sie kommt so

spät, weil vor der Errichtung des 17,5 Millionen

Euro teuren Besichtigungsbauwerks

Hunderttausende Archivstücke aus Schutt

und Schlamm geborgen werden mussten.

Vor der Verjährung am 3. März 2014 wollen

die Staatsanwälte auch die Personen

benennen, gegen die sie strafrechtlich wegen

fahrlässiger Tötung und Baugefährdung

ermitteln – vor allem Mitarbeiter der

Baufirmen. Neuer Höhepunkt in einem der

größten Bauskandale des Landes. n

harald.schumacher@wiwo.de

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA

62 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Blick über die Klippe

AUSLAND | Liefern sie Blaupausen für Wettbewerber? Oder den Beweis, wie schnell auf

den Aufstieg der Absturz folgen kann? Unternehmen rund um den Globus treffen

2014 Entscheidungen, die eine Zäsur für sie selbst und ganze Branchen bringen können.

Undurchschaubarer Investor

Alle Welt rätselt, was

Amazon-Gründer Bezos mit

der renommierten US-Zeitung

„Washington Post“ vorhat

64 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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WASHINGTON POST | USA

In mysteriöser Mission

Washington Jeff Bezos tauchte Anfang

D.C. Dezember bei der beliebten

US-Fernsehnachrichtenshow

„60 Minutes“ auf. Der Chef des Internet-Händlers

Amazon verkündete grinsend

wie immer, demnächst Pakete per

Drohnen zu verschicken. Mit den kleinen

ferngesteuerten Flugzeugen sei die gewünschte

Ware in 30 Minuten an Ort und

Stelle beim Kunden.

Bringen die unbemannten Flieger

demnächst auch die „Washington Post“

und ersetzen den Zeitungsboten? Sollte es

jemals so weit kommen, muss der König

des Online-Handels erst einmal entscheiden,

was er mit der traditionsreichen

US-Zeitung vor hat. Anfang August kaufte

er das Blatt für 250 Millionen Dollar. Seitdem

wartet die Medienbranche, dass der

erfindungsreiche 49-Jährige endlich die

magische Formel für die „Washington

Post“ präsentiert, die als Blaupause für alle

angeschlagenen Zeitungshäuser dienen

könnte.

Wie viele andere Wettbewerber weltweit

kämpft das Blatt, das mit der Aufdeckung

des Watergate-Skandals den damaligen

US-Präsidenten Richard Nixon zum Rücktritt

brachte, mit sinkender Printauflage

und weniger Werbeeinnahmen durch die

Konkurrenz im Internet.

Die Digitalisierung des Blattes wolle er

vorantreiben, so viel verriet Bezos. Dass er

sein Privatvermögen in den Ausbau der

Online-Redaktion und neue digitale Formate

steckt, ist unwahrscheinlich. Die

„Post“ müsse auch wachsen, betont Bezos.

Überleben allein reiche nicht.

Aber wie schwierig es ist, mit digitalen

Nachrichten zu wachsen, beweist gerade

das US-Magazin „Forbes“. Obgleich der

Verleger in den vergangenen Monaten viel

Geld in den Digital-Ausbau investierte,

steht „Forbes“ zum Verkauf. Ein kleiner

Verlag, heißt es in der Branche, könne das

Geschäft mit News einfach nicht mehr gewinnbringend

betreiben.

Immerhin, mehr als die Hälfte des

Kaufpreises für die Post hat Bezos schon

wieder eingespielt. Das historische Hauptquartier

der Zeitung nahe dem Weißen

Haus wird zum März 2014 für 159 Millionen

Dollar an eine Immobiliengesellschaft

verkauft. Jetzt muss für die Redakteure des

Blattes erst einmal eine neue Bleibe gefunden

werden.

Schon wird in Washington gemunkelt, es

gehe Bezos gar nicht um die Neu-Erfindung

des Zeitungsgeschäftes. Vielmehr

wolle der Unternehmer mehr Einfluss auf

die amerikanischen Politiker gewinnen.

Schließlich ist die „Washington Post“ bei

den Regierenden in den USA und den Parlamentariern

eine mächtige Stimme. Bezos

könnte sie nutzen, um für Gesetze Stimmung

zu machen, die Amazon nützten –

zum Beispiel für die zivile Nutzung von

Drohnen. Der US-Kongress will demnächst

darüber befinden, ob, und wenn ja,

in welchem Umfang unbemannte Flugkörper

für den kommerziellen Einsatz genutzt

werden dürfen.

Umstritten ist mit Bezos’ neuer Rolle als

Zeitungsverleger ein weiteres Projekt seines

Unternehmens. Amazon, inzwischen einer

der größten Anbieter von Cloud-Computing-Dienstleistungen,

will für den US-Geheimdienst

CIA ein virtuelles Rechenzentrum

aufbauen. Der Besitzer einer der einflussreichsten

US-Zeitungen kollaboriert

mit den Geheimdiensten? Und das, nachdem

„Washington Post“-Redakteure die

weltweite Überwachung der Internet- und

Telefonkommunikation durch den US-

Geheimdienst NSA mit aufdeckten?

angela.hennersdorf@wiwo.de | New York

FOTO: AUGUST/JOE PUGLIESE

CHINA | Alibaba

Über alle Grenzen

Am 11. November, Chinas

Hangzhou „Single’s Day“, explodieren

die Aufträge bei Alibaba, dem

größten Online-Händler im

Reich der Mitte. Denn dann schicken sich

alleinstehende Chinesen gegenseitig Geschenke,

die sie am liebsten bei Taobao

kaufen, der E-Commerce-Plattform von

Alibaba. 152 Millionen Pakete im Wert von

5,7 Milliarden US-Dollar waren es diesmal.

2014 soll es für Alibaba noch einen Jubeltag

geben, aber dann dank kauffreudiger

Aktionäre. Denn das Unternehmen, am

ehesten vergleichbar mit der Internet-Handelsplattform

Ebay, will an die Börse, am

liebsten nach Hongkong. Beim größten

Börsengang seit Facebook könnte der chinesische

E-Commerce-Gigant zehn Milliarden

US-Dollar einsammeln, 16 Milliarden

waren es 2012 bei Facebook .

Doch wie viele Unternehmer gibt auch

Alibaba-Gründer Jack Ma das Ruder ungern

ganz aus der Hand. So möchte er sich

Sonderrechte bei der Ernennung des Vorstands

sichern, um damit Alibaba vor dem

Einfluss von Hedgefonds und anderen Investoren

zu schützen – und um seine Unternehmensstrategie

beizubehalten. Das

aber widerspricht den Regeln der Hongkonger

Börse, wonach die Vorstandsmitglieder

ausschließlich von den Aktionären

ernannt werden. Deswegen liebäugelt Jack

Ma auch mit den Börsen NYSE und NAS-

DAQ in den USA.

Auf einen Börsenwert von rund 70 Milliarden

Dollar könnte Alibaba kommen.

Optimisten rechnen gar mit 100 Milliarden,

denn die Wachstumsaussichten sind

enorm. Obgleich erst die Hälfte aller Chinesen

das Internet nutzt, bestellten sie

alleine 2013 Waren im Wert von 290 Milliarden

Dollar bei Alibaba. 2015 sollen es

500 Milliarden Dollar werden, erwartet die

Unternehmensberatung Bain. Das könnte

15 Milliarden Dollar Gewinn bringen. Und

selbst das scheint erst der Anfang zu sein:

In die Vollen wird Alibaba gehen, wenn es

Schwellenländer wie Indien, Indonesien,

aber auch Südamerika ins Visier nimmt.

philipp.mattheis@wiwo.de | Shanghai

19Kommt dank

Spitzelaffäre

nun die deutsche Cloud?

Es gibt sie längst: 2010 wurde die Initiative

Cloud Services Made in Germany

gegründet. Dabei sind mittelständische

Cloud-Anbieter mit Sitz und

Gerichtsstand in Deutschland wie

CAS Software, Pironet NDH oder Onventis.

Ihre Bedeutung – Marktanteil

aktuell bei rund 20 Prozent – dürfte

dank NSA-Skandal weiter steigen.

»

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 65

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Unternehmen&Märkte

JAPAN | Kashiwazaki

Neuanlauf ins Atomzeitalter

Tepco steht für The Tokyo

Kashiwasaki

Electric Power Company. Es

könnte aber auch die Abkürzung

für total entgleist, peinlich, chaotisch

und obsolet sein. Denn seit dem

Atomdesaster in Fukushima 2011 repräsentiert

der japanische AKW-Betreiber den

größten anzunehmenden Unternehmenshorror:

hohe Milliardenverluste, Rettung

durch den Staat per Übernahme der Aktienmehrheit,

Abschaltung wichtiger Produktionsstätten,

sprich: aller AKW.

Im Juli wird sich zeigen, welches Leben

es für Tepco nach dem Nahtod gibt. Dann

will der Konzern die Atomanlage Kashiwazaki-Kariwa

an Japans Westküste wieder in

Betrieb nehmen, mit sieben Reaktoren die

größte Atommeiler-Ansammlung der Welt.

Führe das Monstrum die Stromerzeugung

wieder hoch, brächte es Tepco auf einen

Schlag fünf Milliarden Euro Betriebsgewinn

und sparte teure fossile Brennstoffe

für Ersatzkraftwerke. Der Gesamtkonzern

schriebe erstmals ohne Staatshilfe wieder

schwarze Zahlen und könnte sich über Anleihen

finanzieren.

Dazu benötigt Tepco jedoch die Genehmigung

zum Neustart der zwei modernsten

Atommeiler von Kashiwazaki. Diese

Siedewasserreaktoren der dritten Generation

verfügen über je knapp 1400 Megawatt

Bruttoleistung und erfüllen die neuen

Sicherheitsauflagen am schnellsten.

Doch ein Freibrief ist das nicht. Denn die

japanische Atombehörde NRA will die Sicherheitsprüfung

der beiden Meiler sofort

stoppen, falls es neue Probleme im havarierten

AKW Fukushima gibt. Die Atomaufseher

wollen mit dieser Drohung verhindern,

dass Tepco sich eher auf den Neustart

in Kashiwazaki als auf die radioaktiven

Lecks in Fukushima konzentriert.

Die Behörde will zudem den geologischen

Untergrund untersuchen. Bei einem

Erdbeben 2007 wurden Kraftwerksanlagen

beschädigt, obwohl der Standort sicher

sein sollte. Drei der sieben Reaktoren blieben

seitdem abgeschaltet, nach Fukushima

mussten auch die anderen vier vom

Netz. Tepco bestreitet Aktivitäten der Erdspalten,

aber den Aufsehern reichen die

vorgelegten Daten nicht. Zudem müssen

die Anwohner dem Ablassen von radioaktivem

Gas im Katastrophenfall zustimmen,

sonst wird der Neustart nicht genehmigt.

Hirohiko Izumida, der zuständige Gouverneur

der Präfektur Niigata, in der die gigantische

Anlage liegt, hält die Pläne für

ein Luftschloss. Er misstraut der Lernfähigkeit

des Konzerns und fordert seine Zerschlagung.

Pech für Tepco: Izumida besitzt

ein Vetorecht für das AKW Kashiwazaki.

Darum legt Tepco ihm einen Köder aus:

Der Strompreis sinkt, sobald vier Kashiwazaki-Reaktoren

wieder ans Netz gehen.

martin.fritz@wiwo.de | Tokio

Köder niedriger Strompreis

Atomkraftwerk Kashiwazaki

BELGIEN | Europäische Union

Daumenschrauben

für Deutschland

Brüssel wechselt 2014 in

großem Stil sein Personal:

Brüssel

Ende Mai wird ein neues

Europaparlament gewählt,

im November tritt eine

neue EU-Kommission an. Das dürfte den

Politbetrieb zeitweise verlangsamen. Auf

wichtige Weichenstellungen muss sich die

deutsche Industrie aber einstellen.

Vor allem dem Erneuerbare-Energien-

Gesetz (EEG) und damit der Energiewende

droht die Totalrevision durch Brüssel. EU-

Energiekommissar Günther Oettinger ist

überzeugt, dass die Änderungen, die von

den Unterhändlern der großen Koalition

an dem Paragrafenwerk und Großprojekt

beschlossen wurden, dem Gemeinschaftsrecht

nicht genügen.

Oettingers wichtigster Kombattant ist

Wettbewerbskommissar Joaquín Almunia,

der im Dezember ein Beihilfeverfahren

zum EEG eingeleitet hat. In Brüssel

herrscht große Skepsis, ob die massiven

Ausnahmen für stromintensive Unternehmen

mit europäischen Gesetzen vereinbar

sind. Im Extremfall könnte Brüssel die Befreiung

der 1716 Unternehmen rückgängig

machen und die Unternehmen zwingen,

die ersparte Umlage der vergangenen zehn

Jahren zurückzubezahlen. Hinzukommt,

dass Almunia noch im Sommer weitreichende

energiepolitische Leitlinien durchsetzen

will. Dann könnten die Vorschriften

fallen, die den Erzeugern langfristig die

Einspeisung von Ökostrom garantieren.

Almunia wird seinen Posten zwar Ende

Oktober aufgeben, das Verfahren gegen

Deutschland und die neuen Leitlinien sind

davon jedoch unberührt.

Ähnliche grundlegende Eingriffe stehen

den deutschen Autobauern bevor. Anfang

2014 wird die Beschränkung auf durchschnittlich

95 Gramm CO 2 -Ausstoß pro

Kilometer auf EU-Ebene endgültig entschieden

– ab dem Jahr 2021. Bei Verstößen

drohen empfindliche Strafen.

Die Deutsche Bahn hofft auf Hilfe von

ganz oben, um das „vierte Eisenbahnpaket“

zu ihren Gunsten aufzuweichen. EU-

Verkehrskommissar Siim Kallas plant mit

dem Gesetz eine stärkere Trennung von

Netz und Betrieb. Ursprünglich verlangte

er die komplette Zerschlagung von inte-

FOTOS: IMAGES.DE/LINEAIR/TOM KÖNE, BLOOMBERG NEWS/ANDREY RUDAKOV

66 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Gefahr im Schacht

Kalisalzförderung in Russland

grierten Schienen- und Beförderungsriesen

wie der Deutschen Bahn. Nach Gegenwind

aus Berlin gab er leicht nach.

Doch auch sein entschärfter Vorschlag

ärgert Bahn-Chef Rüdiger Grube immer

noch. Erstens soll er keinerlei Einfluss

mehr auf die Besetzung der Top-Positionen

in der Infrastruktursparte haben. Darüber

soll künftig der Bund als eigentlicher

Eigentümer des Schienennetzes entscheiden.

Zweitens soll die Bundesnetzagentur

darüber wachen, dass es Karenzzeiten bei

einem möglichen Wechsel eines Bahn-

Managers in die Infrastruktursparte gibt.

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

20Kommt endlich

der erste

Apple-Fernseher?

Nein, erst 2015 oder 2016, erwartet

Ming-Chi Kuo von KGI Securities,

einer der bestinformierten Apple-

Analysten. 2014 fokussiert

sich Apple auf seine Smartwatch.

RUSSLAND | K+S

Russisch Roulette

Gut drei Stunden dauert

die holprige Fahrt

Beresniki

von der Ural-Metropole

Perm bis nach Beresniki – eine

Stadt der Größe Osnabrücks, die vom

Kalibergbau lebt. Hier fördert der russische

Weltmarktführer Uralkali seinen weißen

Schatz. In den Böden lagert eines der größten

Kalivorkommen der Welt. Meterhohe

Fräsen fressen sich durch die Stollen, die

unter Tage auf mehreren Hundert Kilometern

den Boden durchziehen. Auf der Erde

darüber türmen sich Berge voller Abraum.

Die umliegenden Chemiefabriken verarbeiten

das Kali zu Düngemitteln.

Von Beresniki und Uralkali hängt die Zukunft

des größten deutschen Rohstoffkonzerns,

K+S in Kassel, ab. Ob und inwieweit

der Dax-Konzern künftig Geld verdient,

liegt in der Hand von Uralkali-Chef Wladislaw

Baumgertner. Es ist wie beim russischen

Roulette, das Ende könnte für K+S

katastrophal sein.

Ende Juli hatte Baumgertner für einen

Preisrutsch bei Kali gesorgt – von 400 Dollar

je Tonne in Richtung 300 Dollar. Baumgertner

kündigte das Kartell mit dem weißrussischen

Partner Belaruskali auf und zugleich

an, künftig mehr Kali zu günstigeren

Preisen auf den Weltmarkt zu werfen. Gemeinsam

beherrschten Uralkali und Belaruskali

über die Hälfte des Weltmarktes.

Baumgertners Ankündigung kommt für

K+S-Chef Norbert Steiner einem Albtraum

gleich. Denn die Nordhessen sind auf hohe

Kalipreise angewiesen; ihre Produktionskosten

liegen im Vergleich zu Wettbewerbern

hoch – im Schnitt bei 280 Dollar je

Tonne. Der K+S-Gewinn brach durch den

Preisrutsch weg, die Aktie verlor in wenigen

Tagen ein Viertel ihres Wertes.

In wenigen Wochen verhandelt Baumgertner

mit den mächtigen staatlichen

Düngemittel-Importeuren aus China und

Indien. Deren Nachfragemacht dürfte für

weiteren Preisdruck sorgen. Der im Vergleich

zur Konkurrenz eher kleine Kasseler

Konzern gilt als „Preisnehmer“ – einer, der

selbst keine Preise festsetzen kann.

Seine Mitarbeiter schwört K+S-Chef

Steiner schon mal auf harte Zeiten ein.

Über einen möglichen Personalabbau soll

noch entschieden werden. Ansonsten

bleibt dem 59-jährigen Juristen nur zu hoffen,

dass Uralkali-Chef Baumgertner im

fernen Beresniki bald ein Einsehen hat.

»

juergen.salz@wiwo.de, florian willershausen

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 67

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Unternehmen&Märkte

USA | VW

Einfallstor für

Eroberer

KANADA | Blackberry

Zwischen Koma

und Nahtod

Heruntergewirtschaftet

Der Smartpone-Pionier soll

schrumpfen, um zu wachsen

Thorsten Heins hatte bis vor

Kurzem den schwersten Job

Waterloo in der IT- und Telekombranche:

Chef des schwerst

angeschlagenen Smartphone-Herstellers

Blackberry. Doch der Ex-Siemens-Manager

scheiterte. Ihm misslang nicht nur,

Blackberry zu altem Glanz zurückzuführen.

Er verspielte durch seine riskante Strategie,

Privat- und Geschäftskunden zu bedienen,

auch noch das Restvertrauen in

den Smartphone-Pionier aus Waterloo östlich

der Wirtschaftsmetropole Toronto.

Damit ist die Rettung von Blackberry fast

unmöglich geworden. Nachdem nun auch

die ehemals üppigen Barreserven fast aufgezehrt

sind, ist das Unternehmen zwar

noch nicht tot, liegt aber auf der Intensivstation.

Die Optionen für Heins Nachfolger

John Chen sind eingeschränkt.

Blackberry hat einen großen Nachteil gegenüber

anderen wichtigen Marken wie

Apple, Samsung und Nokia. Diese bieten

außer Smartphones auch Zusatzprodukte

an oder haben, wie die Lumia-Handys von

Nokia mit Microsoft, einen reichen Mutterkonzern

im Rücken. Blackberry dagegen

steht allein und muss ausschließlich vom

Verkauf seiner Geräte und Dienstleistungen

leben. Das schließt kostspielige Werbekampagnen

aus.

Erwartet wird deshalb, dass Chen im

nächsten Jahr Blackberry auf Unternehmenskunden

sowie abhörsichere Kommunikation

spezialisiert. Oder aber er verhökert

den gefallenen Smartphone-Star an

Interessenten wie Google oder den weltgrößten

Computersteller Lenovo aus China.

Beide könnten eine bekannte

Smartphone-Marke gebrauchen.

Expertise, um komatöse Unternehmen

doch noch zum Leben zu erwecken, besitzt

Chen. Als er 1998 den Chefposten beim

US-Datenbankkonzern Sybase übernahm,

galt dieser als gescheitert. Chen machte

ihn flott und verkaufte ihn 2010 für 5,8 Milliarden

Dollar an SAP. Dass der 58-jährige

High-Tech-Veteran überhaupt bei Blackberry

antritt, gibt also Hoffnung. Dafür

lässt sich Chen fürstlich bezahlen: Neben

drei Millionen Dollar Jahresgehalt erhält er

auch noch Aktien im Wert von derzeit 84

Millionen Dollar, falls er fünf Jahre dabeibleibt

und Blackberry vor dem Ruin rettet.

matthias.hohensee@wiwo.de | Silicon Valley

21Macht der

neue Chef

Puma wieder zu einer

gefragten Marke?

Björn Gulden schraubt den Mode-

Schnickschnack bei der Raubkatzenmarke

runter und erdet sie wieder

auf Sportplatz und Turnhalle. Hier

gegen immer aggressivere Konkurrenz

Boden gutzumachen, wird sehr

schwer. Puma dürfte aber dank seiner

sportlichen Historie noch genug

Glaubwürdigkeit besitzen, um die

Trendwende zu schaffen.

Chatanooga Bob King läuft die Zeit davon.

Der Chef der US-Autogewerkschaft

UAW wird im Juni

in Rente gehen. Wenn die Mitarbeiter im

Volkswagen-Werk in Chattanooga, Tennessee,

mitspielen und die UAW bis dahin als

ihre Gewerkschaft wählen, hätte der

67-jährige Rechtsanwalt etwas geschafft,

was keinem Vorgänger gelang: Eine große

Autofabrik im gewerkschaftsfeindlichen

Süden wäre unter Kontrolle der UAW.

Tatsächlich geht es in Chattanooga um

viel mehr, nämlich das Lohnniveau in der

wichtigsten Volkswirtschaft der Welt und

die Fortexistenz der besonders niedrigen

Saläre im Süden der USA. Die UAW mit

einst 1,5 Millionen Mitgliedern ist durch

den Jobabbau bei General Motors, Ford

und Chrysler auf 380 000 Mitglieder geschrumpft.

Fast alle verlorenen Jobs lagen

im Norden der USA, wo die UAW hohe

Löhne aushandelte. Im Süden sind die

Löhne nur halb so hoch wie im Norden in

Detroit, auch weil die UAW im Süden bislang

kaum Einfluss hat. Das will sie nun mit

aller Macht ändern, nicht zuletzt aus Eigennutz:

„Wenn wir diese internationalen

Werke nicht erobern“, sagt King, „hat die

UAW auf lange Sicht keine Zukunft.“

Als Einfallstor hat King das VW-Werk in

Chattanooga erkoren. Sehr zum Verdruss

von republikanischen US-Politikern gibt es

seit über zwei Jahren intensive Beratungen

zwischen UAW, deutschen VW-Betriebsräten

und der IG Metall. Im November plädierte

auch VW-US-Chef Jonathan

Browning, der am 1. Januar vom langjährigen

VW-Manager Michael Horn überraschend

abgelöst wird, für die Wahl von Betriebsräten

in Chattanooga.

Über die Hälfte der Belegschaft hat inzwischen

ihre Unterstützung für die UAW erklärt.

In den kommenden Monaten werden

sie darüber abstimmen, ob ein von der

UAW kontrollierter Betriebsrat installiert

wird. Anders als in Deutschland gibt es in

den USA auf betrieblicher Ebene nur Arbeitnehmervertretungen

in Form von Gewerkschaften,

bei VW also über die UAW.

Gut möglich, dass die Gewerkschaft also

schon 2014 ihre Fahne in Chattanooga und

später auch in anderen Autowerken hisst. n

martin.seiwert@wiwo.de | New York

FOTO: REUTERS/DADO RUVIC

68 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

»Dafür lohnt es

sich, zu kämpfen«

INTERVIEW | Paul Achleitner Der Aufsichtsratschef der Deutschen Bank

stärkt den Vorstandschefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen den Rücken,

warnt vor einem Trennbankensystem und rechnet mit steigenden Zinsen.

70 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Herr Achleitner, die Banken stehen

erneut heftig in der Kritik. Haben sie aus

der Vergangenheit nichts gelernt?

Sie sagen es selbst: Es geht um die Vergangenheit.

Alle Fakten sind seit Jahren bekannt.

Das macht sie nicht besser, das entschuldigt

nichts. Aber der fatale Eindruck,

dass sich nichts geändert hat, stimmt nicht.

Es gibt andere Abläufe, andere Kontrollen,

ein anderes Risikobewusstsein. Und zweifeln

Sie nicht an der Einsichtsfähigkeit der

handelnden Personen. Jeder in leitender

Position bei einer Bank will, dass sich Dinge

nicht wiederholen. Die gemachten Erfahrungen

waren nicht vergnügungsteuerpflichtig.

Es ist unser Interesse, dass wir

uns in die richtigen Bahnen bewegen.

Wir hören die Botschaft, doch können wir

an die Umkehr nicht wirklich glauben.

Die Skepsis ist nachvollziehbar und verständlich.

Unsere Branche hat über Jahrzehnte

erklärt, dass sie am besten funktioniert,

wenn es möglichst wenige Regeln

gibt. Als sie dann den Wagen an die Wand

gefahren hatte, musste der Staat zur Rettung

einspringen. Das hat das Vertrauen

zutiefst erschüttert. Emotionen wie Ärger,

Frust und Wut dürfen einem rationalen

Dialog aber nicht im Wege stehen. Ohne

ein stabiles Finanzsystem gibt es keine stabile

Gesellschaft. Dafür haben Banken und

Politik gemeinsam die Verantwortung.

Will denn die Politik Ihre Mitwirkung?

Wir leben in einer Zeit der Re-Regulierung.

Politiker und Aufseher entscheiden, das ist

in einer Demokratie üblich. Üblich ist aber

auch, dass alle Argumente auf dem Tisch

liegen und fair diskutiert werden. Bei der

Gestaltung der Finanzmärkte geht es um

komplexe Zusammenhänge. Es wäre

gefährlich, wegen eines generellen

Misstrauens die Berufsgruppe von

Gesprächen auszuschließen, die am

meisten von den Sachverhalten versteht.

Dann können neue Regeln, die

ich für notwendig halte, unbeabsichtigte

Nebenwirkungen hervorrufen.

Viele Dinge, die ans Tageslicht kommen,

sind für Außenstehende schockierend.

Wie konnte es so weit kommen?

Exzesse sind charakteristisch für große

Umwälzungen. Während der industriellen

Revolution im 19. Jahrhundert entstanden

Innovationen, von denen wir noch heute

profitieren. Aber es gab auch aus heutiger

Sicht unakzeptable Begleiterscheinungen

wie Kinderarbeit und Umweltzerstörung.

Es hat Jahrzehnte gedauert, bis sich die

Standards entwickelt haben, die heute

selbstverständlich sind. In den vergangenen

Jahrzehnten haben wir eine finanzielle

Revolution erlebt. Ohne die Innovationen

der Finanzbranche hätte es etwa weniger

Investitionen und Entwicklung in China

gegeben. Ohne Zweifel hat es dabei Exzesse

gegeben, die heute, mit nur wenigen

Jahren Abstand, kaum zu erklären sind.

Die Exzesse sind doch keine Folge eines

Naturgesetzes. Die Kultur der Banken war

Nährboden für kriminelle Handlungen.

Einige Verhaltensweisen waren immer und

überall absolut unakzeptabel. Wir bedauern

und verurteilen sie. Wir können aber

nicht alles mit den Maßstäben von heute

messen. Die Erwartungen und Erkenntnisse

darüber, wie Geschäfte am besten ablaufen,

haben sich geändert.

Für die versuchte Manipulation von

Referenzzinsen musste die Deutsche

Bank kürzlich eine Rekordstrafe zahlen.

Sie haben bereits vor Monaten erklärt,

dass kein Vorstand darin verwickelt

war. Hat sich die Erkenntnis geändert?

Nein.

Was wissen Sie über mögliche Manipulationen

beim Goldpreis oder Devisen?

BANKER UND LENKER

Achleitner, 57, ist einer der einflussreichsten

Finanzmanager Deutschlands. Der Österreicher

fing 1988 bei der Investmentbank

Goldman Sachs an, deren deutsches Geschäft

er ab 1994 leitete. 2000 wechselte er

als Finanzvorstand zur Allianz, 2012 wurde

er Aufsichtsratschef der Deutschen Bank. Er

sitzt zudem in den Kontrollgremien von

Daimler und Bayer. Auch seine Frau, die

Wirtschaftsprofessorin Ann-Kristin Achleitner,

beaufsichtigt mehrere Großkonzerne.

Die Bank hat ein ureigenes Interesse daran,

Prozesse kontinuierlich zu überprüfen.

Wenn es Hinweise auf Unregelmäßigkeiten

gibt, leiten wir Untersuchungen ein.

Bei jedem Skandal stellt sich die Frage,

ob Anshu Jain als Ex-Chef des

Investmentbankings die glaubwürdige

Führungsfigur für eine bessere Zukunft ist.

Davon sind wir im Aufsichtsrat fest überzeugt.

An der Spitze der Bank stehen Persönlichkeiten,

die unter den alten Spielregeln

korrekt gehandelt haben, und erfolgreich

waren, aber wissen, wie fundamental

sich die Regeln verändert haben und dafür

sorgen, dass sich die Bank anpasst. In der

Kultur der Deutschen Bank war bei Weitem

nicht alles schlecht. Die Bank war und ist

ökonomisch eine sehr erfolgreiche Organisation.

Als solche tut sie sich mit Veränderungen

schwer. Manager, die sich bewiesen

haben, sind glaubwürdig und können als

Katalysatoren des Wandels wirken.

Halten Sie an den Vorstandsvorsitzenden

fest, wenn neue Vorwürfe auftauchen

und Jürgen Fitschen wegen versuchten

Prozessbetrugs im Verfahren um die

Pleite von Leo Kirch vor Gericht steht?

Meine Kollegen im Aufsichtsrat und ich

haben uns mit allen derzeit bekannten

Themen früh beschäftigt und sind deshalb

überzeugt, dass Anshu Jain und Jürgen Fitschen

das richtige Team sind, um die Dinge

im Sinne der Bank voranzutreiben.

Eigentlich sollte Herr Fitschen 2015

aufhören. Kürzlich haben Sie seinen

Vertrag um zwei Jahre verlängert. Wäre ein

Einzelner mit der Aufgabe überfordert?

Ich würde denjenigen sehr bewundern,

der alle aktuellen Herausforderungen allein

bewältigt. Ich bin sehr froh, dass wir

ein eingespieltes Team haben, das die Aufgaben

gemeinsam schultert.

Eine Hauptaufgabe ist der sogenannte

Kulturwandel. Der Begriff ist schwammig.

Das stimmt, und das wird sich nicht ändern.

Sie können nicht einen Schalter umlegen,

und dann laufen die Dinge ab sofort an-

»

FOTO: FRANK BAUER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 71

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Unternehmen&Märkte

»

ders. Die Bank braucht Zeit für den Wandel.

Und es hat sich schon viel getan. Die

Bank hat ihr Vergütungssystem komplett

überarbeitet, Kontrollen ausgebaut, Geschäftsbeziehungen

überprüft. Und sie hat

mit Integrität, Partnerschaft, Disziplin, Innovation,

Kundenfokus und Nachhaltigkeit

sechs Werte hervorgehoben, an denen sich

alles Handeln ausrichten soll.

Solche Werte sind leicht verkündet.

Sie wären tatsächlich leicht verkündet,

wenn sie vor allem dem Marketing dienen

sollen. Aber die Werte sind bei uns aus langen,

harten Diskussionen zwischen Aufsichtsrat,

Management und Mitarbeitern

entstanden. Was meinen Sie, wie lange allein

über den Begriff Innovation debattiert

wurde, der bei Bankgeschäften ja leicht einen

negativen Beiklang hat? Der Prozess

hat mehr als ein Jahr gedauert. Da hat sich

niemand irgendetwas leicht gemacht.

Selbst wenn die Bank es ernst meint,

gehen Vorsätze im Alltag schnell verloren.

Jeder Einzelne muss verstehen, was sich

für ihn ändert. Die Bank macht dazu insgesamt

250 000 Schulungen. Die Werte sollen

nicht nur in einer ethischen Dimension parallel

zum regulären Geschäft existieren,

sondern Teil des Geschäfts sein. Wer sich

dem nicht anpassen kann oder will, hat in

der Bank keinen Platz mehr.

Wie lange wird es noch dauern, bis alle

Altlasten abgearbeitet sind?

Viele Fehlentwicklungen haben Wurzeln,

die Jahrzehnte zurückreichen. Das lässt

sich nicht in wenigen Monaten korrigieren.

Wie gehen Sie persönlich damit um?

All die Rück- und Querschläge lassen sich

nicht routinemäßig wegstecken. Das geht

nur, wenn man glaubt, dass es sich für etwas

zu kämpfen lohnt. Ich bin davon überzeugt,

dass eine Industrie- und Exportnation

wie Deutschland mindestens eine große

und globale Bank braucht.

Wir Deutschen müssen doch nicht in

jeder Disziplin in der Weltliga mitspielen.

Globales Bankgeschäft ist Kapitalmarktgeschäft.

Und auf den Kapitalmärkten entscheidet

sich unsere Zukunft mit. Früher

haben sich Unternehmen allein über Kredite

finanziert. Heute läuft ein großer Teil

über den Kapitalmarkt. Dessen Bedeutung

wird wachsen, weil die Regulierung die Kapazität

der Banken beschränkt.

Warum muss eine Bank deutsch sein?

Weil es die Kunden wünschen. Und weil

wir an den Ausspäh- und Abhöraktionen

der NSA gesehen haben, was passieren

kann, wenn eine Nation ein globales Netzwerk

wie das Internet beherrscht. Die USA

dominieren die Finanzmärkte bereits zu etwa

80 Prozent. Wir Europäer sollten unseren

Sitz am Tisch nicht freiwillig räumen.

Ginge es Deutschland ohne Deutsche

Bank wirklich schlechter?

Über Erfolg entscheiden in der globalisierten

Wirtschaft vier Netze: Energieversorgung,

Internet, Kapitalmarkt und Industrie.

Bei den ersten beiden spielt Deutschland

keine Rolle, wir profitieren aber von der

überproportional großen industriellen Infrastruktur.

Ob sich diese Position dauerhaft

verteidigen lässt, wenn wir in allen anderen

Feldern nicht mehr vertreten sind,

wird sich zeigen. Als Österreicher weiß ich,

dass Nationen kein gottgegebenes Recht

auf Bedeutung haben.

Geht das Programm der großen Koalition

hier in die richtige Richtung?

Prozesse fressen Profite auf

Weil dieDeutsche Bank mehr Geld für

Rechtsstreitigkeiten zurückstellen

muss, fallen dieGewinne

5

4

3

2

1

0

–1

–2

–3

–4

III IV I II

2012 2013

Quelle:Unternehmensangaben

Rückstellungen

(inMrd.Euro)

Vorsteuergewinn

(inMrd.Euro)

Wir sollten die Bundesregierung an Taten

und nicht an Worten messen. Mit ihrem

breiten Mandat sollte sie verantwortungsbewusst

umgehen. Der Koalitionsvertrag

ist da nur eine Absichtserklärung...

...mit der Absicht, Reformen zurückzudrehen

und neue Wohltaten zu verteilen.

Deutschland ist relativ erfolgreich. Das

macht es schwer, notwendige Veränderungen

durchzusetzen. Dafür werden wir

kämpfen müssen.

Die Regierung will, dass Banken

große Teile ihres Kapitalmarktgeschäfts

abspalten. Was wären die Folgen?

Wir halten unsere Argumente für das Modell

Universalbank für glaubwürdig und

belastbar. Wenn das die Politik nicht überzeugt,

müssen wir uns von dem Anspruch

verabschieden, global wettbewerbsfähig

zu sein. Denn dafür brauchen wir das Kapitalmarktgeschäft.

Mit der Abspaltung würde

man zudem das Gegenteil von dem er-

III

reichen, was gewünscht ist. Die Teilbanken

müssten sich eigenständig am Markt finanzieren,

was teuer würde. Um die Kosten zu

verdienen, müssten die Beschäftigten dort

riskante Geschäfte machen.

Genau das passiert schon. Große Teile

des Investmentbankings dienen nur der

Bank, nicht den Kunden.

Das ist ein pauschaler Vorwurf. Die Gefahr

ist groß, dass sinnvolle und gut entwickelte

Instrumente in Verruf geraten, weil sie exzessiv

genutzt wurden. Wenn wir von Derivaten

sprechen, denken die meisten an

Teufelszeug. Regulierung sollte Produkte

nicht komplett verurteilen, sondern ihre

sinnvolle Verwendung sichern. In der Autoindustrie

funktioniert das. Heutige Wagen

könnten deutlich schneller fahren, was

aber eine Mischung aus staatlichen Beschränkungen

und Selbstverpflichtung der

Hersteller verhindert. Das sollte auch bei

Banken funktionieren.

Finanzminister Wolfgang Schäuble will

kräftig weiter regulieren. Hat er recht?

Eine stringente und harte Regulierung

kann in der neuen Welt ein Wettbewerbsvorteil

sein. Wir müssen aber Regeln vermeiden,

die sich widersprechen, Konkurrenten

in anderen Industrienationen Vorteile

bieten oder reine Bürokratie darstellen.

Der Sinn von Regulierung kann nicht

sein, unternehmerische Initiative in der Finanzindustrie

zu unterbinden. Dann fällt

Europa im globalen Wettbewerb zurück.

Wer hat hier die besten Voraussetzungen?

Vor allem die USA. Die Kombination aus

billiger Energie, billigem Geld, günstigen

Arbeitskräften, innovativer Technologie,

positiver Demografie und einer flexiblen

Wirtschaftsstruktur wird für einen Sprung

nach vorn sorgen. Hinzu kommt: Weil in

den USA immer mehr spanisch gesprochen

wird, werden sich die Beziehungen

mit Lateinamerika deutlich intensivieren.

Die USA wären in diesem Jahr fast pleitegegangen

und profitieren von einer extrem

lockeren Geldpolitik mit Nullzinsen.

Schulden an sich sind nichts Schlechtes.

Wir müssen sie im Verhältnis zur wirtschaftlichen

Kraft eines Landes sehen. Die

hohe Verschuldung überall auf der Welt

war ein leistungsförderndes Mittel, eine Art

Doping für die Wirtschaft. Jetzt sind wir in

einem Prozess des Entzuges, den die meisten

Volkswirtschaften nur mit Ersatzdrogen

durchstehen. Das sind die außergewöhnlichen

Maßnahmen der Notenbanken.

Mit ihrer Hilfe kann sich die Welt

Schritt für Schritt auf eine niedrigere Verschuldung

einstellen.

72 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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FOTO: FRANK BAUER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

»In der Kultur der Deutschen Bank

war bei Weitem nicht alles schlecht«

Die niedrigen Zinsen enteignen die Sparer,

einlagenstarke Banken und Versicherungen

leiden. Ist das ein Dauerzustand?

Für eine gewisse Zeit ist das so, und das ist

schmerzhaft. Auf Dauer wird sich das ändern.

Wenn wir weltweit die Verschuldung

abbauen, geht das Kapitalangebot zurück.

Gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung

auf neun Milliarden Menschen. Wir haben

also einen steigenden Bedarf und ein sinkendes

Angebot an Kapital. Das kann langfristig

nur zu höheren Zinsen führen.

Wann fängt der Ausstieg aus der lockeren

Geldpolitik an?

Die USA werden bald anfangen. Der Prozess

wird sich in den kommenden drei bis

fünf Jahren vollziehen. Ohne das Doping

durch überhöhte Verschuldung werden

wir allerdings niedriger springen und langsamer

laufen als vorher.

Die Europäische Zentralbank denkt derzeit

über neue Lockerungen wie Negativzinsen

und neue Anlaufprogramme nach.

Wenn es die gibt, werden sie nur vorübergehend

sein. Ich bin optimistisch, dass wir

in Europa bald mehr Wachstum sehen.

In Europa gelten vor allem die angeschlagenen

Banken als Hindernis für eine

Erholung. 2014 sollen eine Bilanzprüfung

und ein Stresstest der EZB für Klarheit

sorgen. Was erwarten Sie?

Wir brauchen einen strengen und stringenten

Test, um die Glaubwürdigkeit des

Bankensystems wieder herzustellen. Seit

der Pleite von Lehman Brothers vor mehr

als fünf Jahren ist das Vertrauen zwischen

den Instituten zerstört. Solange es nicht

wieder hergestellt ist, können viele Banken

ihrer Aufgabe nicht nachkommen, die

Wirtschaft mit Geld zu versorgen.

Martin

22Bleibt

Blessing

Commerzbank-Chef?

Auch wenn Politiker und enttäuschte

Aktionäre seine Abberufung fordern:

Blessing wird sich wohl auf dem

Chefsessel halten und die kriselnde

Bank bis zum Auslaufen seines Vertrags

2016 drehen. Anzeichen dafür

gibt es: Das unter Niedrigzins und

hohen Kosten ächzende Privatkundengeschäft

gewinnt neue Kunden

und schreibt wieder bescheidene

Gewinne. Auch schreitet der Abbau

von Altlasten in der internen Bad

Bank voran. Sollte die Commerzbank

jedoch beim großen EZB-Stresstest

scheitern, wird es eng für Blessing.

Denn den Staat wird er nicht noch

mal zur Hilfe rufen.

Ist das Vorgehen dazu geeignet?

Es ist grundsätzlich richtig. Der Bilanzprüfung

sind naturgemäß Grenzen gesetzt. Da

geht es nur darum, ob Banken ihre Positionen

richtig bewertet haben. Entscheidend

für die Glaubwürdigkeit sind ausreichend

harte Annahmen im späteren Stresstest.

Was passiert, wenn eine Bank durchfällt?

Die Banken brauchen dann mehr Kapital.

Und zwar nicht nur Eigenkapital, sondern

auch neue Formen der Finanzierung. Hier

gibt es bereits Anleihen, die automatisch in

Kapital gewandelt werden, wenn das Eigenkapital

einer Bank unter eine bestimmte

Schwelle fällt. Wenn sich diese durchsetzen,

ist das eine Beruhigung für Investoren.

Im Zweifel muss wieder der Staat und

damit der Steuerzahler einspringen.

Die Aufseher arbeiten an einem System,

mit dem sich Banken abwickeln lassen.

Wichtig sind klare Spielregeln. Dazu gehört

eine eindeutige Haftungsreihenfolge, wie

sie nun festgelegt ist: Zuerst müssen die

Kapitalgeber für Verluste einstehen, dann

die Anleihegläubiger, anschließend Einlagen

über 100 000 Euro und erst zuletzt der

Steuerzahler. Das ist ein großer Fortschritt.

Die Deutsche Bank wird immer zu groß

sein, um sie fallen zu lassen.

Es geht nicht um reine Größe, sondern um

Komplexität. Wie alle Großbanken hat die

Deutsche Bank einen Abwicklungsplan für

den Krisenfall erstellt. Dafür hat sie die

Komplexität reduziert und sich aus einzelnen

Geschäftszweigen wie zuletzt Teilen

des Rohstoffhandels verabschiedet.

Ist es nicht absurd, dass große Banken

durch die Krise noch größer werden.

Die Deutsche Bank hat ihre Bilanz zuletzt

deutlich verkleinert. Während der finanziellen

Revolution sind viele Institute auf

einer Welle oben mitgeschwommen, aber

deren Geschäftsmodelle funktionieren in

der neuen Welt nicht mehr. Der Druck auf

die Ertragslage ist enorm. Kaum eine europäische

Großbank verdient ihre Kapitalkosten,

exorbitante Renditen wird es auf

absehbare Zeit nicht geben. Verbunden

mit regulatorischem Druck wird dies zu

angemessenen Größenordnungen führen.

Vielleicht würde man die Deutsche Bank

weniger skeptisch beäugen, wenn endlich

die lange angekündigte Frau in den

Vorstand einzieht. Wann ist es so weit?

Es ist so weit, wenn die richtige Kompetenz

auf die richtige Stelle trifft. Wir werden alles

vermeiden, was nach einer reinen Quotenentscheidung

aussieht. Damit würden wir

niemandem einen Gefallen tun.

n

cornelius.welp@wiwo.de | Frankfurt, roland tichy

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 73

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Wunschzettel

Liebe Bundesregierung...

Ein Energiemanager hätte gerne mehr Planungssicherheit in Zeiten der Energiewende, der Chef einer

Krankenkasse ein Bekenntnis zu mehr Wettbewerb. Was sich Top-Manager von der Politik wünschen.

Roman Dudenhausen

Gründer und Vorstand

der Energieberatung

Conenergy

Peter Meyer

ADAC-Präsident

und Unternehmer

FOTOS: ARCHIV KLAR/RETO KLAR, DIETER MAYR FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PR (2)

74 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Jens Baas

Vorstandsvorsitzender

der Techniker

Krankenkasse

Christian Illek

Vorsitzender

der Geschäftsführung von

Microsoft Deutschland

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 75

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Unternehmen&Märkte

Boom bei Gesundheit und Bau

BRANCHENAUSBLICKE 2014 | Viele Branchen sind für ihr nominales – also nicht inflationsbereinigtes –

Wachstum skeptischer als die Konjunkturforscher, die für die Gesamtwirtschaft 3,8 Prozent erwarten.

LOGISTIK 2014

Wachstum

Beschäftigung

MASCHINENBAU 2014

Wachstum

Beschäftigung

2 % 1% 3% 1,5 %

+

+

+

Trend zur Globalisierung bleibt ungebrochen

USA und China treiben Wachstum

Paketboom durch Internet-Handel und Trend zu immer kürzeren

Zustellzeiten

Fachkräftemangel bei Ingenieur- und IT-Fachkräften sowie

Lkw-Fahrern kann Wachstum bremsen

Defizite bei Verkehrs- und Energieinfrastruktur

+

+

Anziehende Konjunktur sowohl im Inland als auch in den beiden

größten Exportmärkten China und den Vereinigten Staaten

Großer Treiber nach zwei schwachen Jahren sind vor allem die

wieder steigenden Ausrüstungsinvestitionen

Steigende Energiekosten setzen einigen Anbietern zu. Andere

fürchten um ihre Flexibilität in der Produktion, falls die neue

Regierung den Einsatz von Leiharbeitern deutlich erschwert

IT/TELEKOMMUNIKATION 2014

Wachstum

Beschäftigung

MEDIEN 2014

Wachstum

Beschäftigung

1,6 % 0,1 % 1,5 %

– 0,5%

+

+

IT mit Plus von 2,8 Prozent Motor der Branche. Wachstumsfelder

sind mobiles Internet, Cloud Computing und Big Data

Investitionen der Netzbetreiber in Infrastruktur sorgen für

leichtes Plus der Telekommunikation von 0,5 Prozent

Smartphones und Tablets verdrängen Geräte wie Kameras und

Camcorder. Dank der Fußball-WM wächst die

Unterhaltungselektronik aber immerhin um 1,2 Prozent

+ Fußball-WM und Olympia steigern Quoten und Verkäufe

+ Zeitungen führen Bezahlangebote im Netz ein

Sorge vor weiteren Werbebeschränkungen aus Brüssel

Printmedien stehen bei den Werbeeinnahmen weiterhin

stärker unter Druck als TV und Online

TV-Sender stehen vor immer stärkerer Konkurrenz durch

Internet-Angebote und veränderte Sehgewohnheiten

LUFTFAHRT/TOURISMUS 2014

CHEMIE 2014

Wachstum

Beschäftigung

Wachstum

Beschäftigung

2–3 % 1 % 1,5 % 0 %

+

Höhere Einkommen sowie der Preiskampf als Folge des Überangebots

durch Billig- und Golf-Airlines fördern die Nachfrage

Kürzere Betriebszeiten an Flughäfen wie Frankfurt könnten das

Wachstum jedoch dämpfen

Teures Kerosin und steigende Abgaben drücken auf die

Gewinne der Fluglinien

Nur leichte Zunahme bei Geschäftsreisen

+

+

Zunehmende Nachfrage aus dem Inland und der Europäischen

Union erwartet

Impulse durch Investitionsboom in den USA, ausgelöst durch

billiges Schiefergas

Sparkurs bei Konzernen wie Lanxess, Bayer oder Evonik

Mögliche höhere Kosten: EU könnte Befreiung von der

Ökostrom-Umlage für energieintensive Unternehmen kippen

ILLUSTRATION: KRISTINA DÜLLMANN

76 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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GESUNDHEITSWIRTSCHAFT 2014

Wachstum

Beschäftigung

ENERGIE 2014

Wachstum

Beschäftigung

5 % 1%

– 1 % – 3%

+

+

Schätzerkreis erwartet weit höhere Kassenzahlungen

Steigende Nachfrage nach privat finanzierten Diensten

Wegen des Problems, 100 000 neue Beschäftigte zu gewinnen,

wäre überdurchschnittlicher Produktivitätsanstieg nötig

KONSUM 2014

Wachstum

Beschäftigung

+

Hohe Effizienzsteigerungen bei industriellen Stromverbrauchern,

infolgedessen sinkender Stromabsatz

Kaum Investitionen in neue Kraftwerke, da durch Wind und

Sonnenenergie Kohle- und Gaskraftwerke ausgebremst werden

Durch Gewinneinbrüche fallen bei den großen Versorgern

Tausende von Jobs weg. Versuch des Gesundschrumpfens

Die Hoffnung auf Green Jobs im Bereich erneuerbare Energien

sinkt, da Unternehmen auch in diesem Sektor sparen

3,1 % 1 %

VERSICHERUNGEN 2014

Wachstum

Beschäftigung

+

+

+

+

+

Niedrige Arbeitslosenquote treibt privaten Konsum

Bedeutung von Smartphones für Informations-, Bestell- und

Bezahlprozesse beim Einkaufen wächst weiter

Modeketten und Warenhäuser kämpfen ums Überleben

BAU 2014

Wachstum Beschäftigung

3,5 % 1 %

Immobilieninvestitionen bleiben attraktiv – kaum Alternativen

Die Netto-Zuwanderung beflügelt den Wohnungsbau

Kommunen investieren verstärkt in die Infrastruktur

Der Mangel an Fachkräften und Azubis wird zum Bremsfaktor

+

+

+

2 % 0 %

Rückenwind durch günstiges volkswirtschaftliches Umfeld

Steigende Preise in der Schaden- und Unfallversicherung

Verbessertes Risikomanagement durch schrittweise Umstellung

auf neues Aufsichtsrecht nach Richtlinie Solvency II

Niedrige Zinsen verschärfen Druck auf Lebensversicherer

Höhere Schaden-Kosten-Quoten bei Schaden- und Unfallversicherern

im abgelaufenen Jahr

AUTOMOBIL 2014

Wachstum

Beschäftigung

2 % –1%

+

BANKEN 2014

Wachstum

Beschäftigung

0 % – 1 %

Die Banken profitieren vom Wachstum der Gesamtwirtschaft

Niedrigzinsen belasten einlagenstarke Institute, leicht

verbessertes Wertpapiergeschäft kann dies kaum ausgleichen

Regulierung zwingt dazu, das Geschäft zu verkleinern

Der Kostendruck bleibt hoch, die Folge ist Stellenabbau

+

+

+

+

Leichte Erholung der Pkw-Nachfrage in Europa

Starke Nachfrage nach deutschen Premiumautos weltweit

Kraftstoffpreise bleiben stabil

Flut neuer Modelle mit sparsamen Antrieben

Weiter steigende Strompreise erhöhen die Herstellungskosten

Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns

Eingriffe der Politik in Leih- und Zeitarbeit sowie Werkverträge

Quellen: Branchenverbände, ifo Institut, KPMG, Moody’s,

ZenithOptimedia, eigene Recherchen

Redaktion: nele hansen, stephanie heise, anke henrich, henryk hielscher,

matthias kamp | München, rüdiger kiani-kress, michael kroker, jürgen salz,

harald schumacher, peter steinkirchner, franz w. rother, cornelius welp | Frankfurt,

andreas wildhagen | unternehmen@wiwo.de

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 77

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Unternehmen&Märkte

Ein Mann für alle Fallen

ENBW | Frank Mastiaux hat einen der härtesten Jobs in der deutschen Industrie. Er muss den

baden-württembergischen Stromversorger vor dem Untergang retten.

Frank Mastiaux kommt ohne Anzugjacke

und Krawatte in die Berliner

EnBW-Residenz direkt am Schiffbauerdamm.

Ein kurzer Rundumblick durch

die gewaltige Fensterfront auf den Bahnhof

Friedrichstraße und das Theater des Berliner

Ensembles, dann setzt er sich mit einem

hörbaren Schnaufer, greift sich eine

Plastikflasche Evian-Wasser und nimmt einen

kräftigen Schluck.

Der Chef des baden-württembergischen

Stromversorgers wirkt gehetzt. Die Maschine

von Stuttgart war verspätet. Und er

muss gleich zu einem Empfang des Bundespräsidenten.

Mastiaux streckt die Beine

aus und blickt auf ein Papier, das ihm seine

Helfer vorbereitet haben. „Wir müssen

Neues wagen“, liest er laut vor, fegt das Blatt

weg und wechselt das Thema. „Wie finden

Sie mein Büro? Ist es nicht etwas zu groß?“

So ist er, der Vorstandsvorsitzende des

drittgrößten deutschen Energiekonzerns:

selbstironisch, sprunghaft-schnell, eigentlich

untypisch für einen Konzernlenker.

ENGES ZEITKORSETT

Seine Vita könnte der 49-Jährige rasch herunterrattern:

Abitur in Gladbeck, Chemiestudium

im benachbarten Bochum,

Promotion über „Quantitative Schwingungsspektroskopie

von Mineralölprodukten“,

1993 Einstieg beim Tankstellenkonzern

Aral in Bochum, danach acht Jahre

beim Mineralölmulti BP in London,

2007 Chef der erneuerbaren Energien

beim Düsseldorfer Energiekonzern E.On,

2010 zuständig für dessen Geschäft in

Schwellenländern, seit Oktober 2012 Chef

von EnBW mit Doppelsitz in Karlsruhe

und Stuttgart.

In einem ganz engen Zeitkorsett muss

Mastiaux nun alles auf einmal hinbekommen,

was er bisher etappenweise bewältigte,

und das an der Spitze eines Konzerns

mit 20 Milliarden Euro Jahresumsatz und

19 000 Beschäftigten.

Der Endvierziger hat einen der härtesten

Jobs, den Deutschlands Industrie zurzeit

zu vergeben hat. Denn er sitzt gleich in

mehreren Fallen. Kein Energiekonzern war

so abhängig vom Atom wie EnBW, aber die

Gewinne aus den vier Atomkraftwerksblö-

Ein Gehetzter

Der EnBW-Chef

Mastiaux wird

von Politikern

verschiedener

Couleur getrieben

78 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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FOTO: IMAGO/STOCKHOFF

cken, vor der Energiewende gut eine Milliarde

Euro, fallen bis 2022 vollständig weg.

Auf die EnBW-Kohlekraftwerke zu hoffen

bringt nichts, ihr einstiger Gewinn von 500

Millionen Euro verwandelte sich in Verluste,

weil massenhaft hoch subventionierter

Ökostrom Vorrang genießt. Bliebe nur, die

Lücken durch Windstrom zu füllen. Doch

die Einnahmen sind vergleichsweise gering,

und Bürger mosern gegen Masten.

Natürlich ist Mastiaux kein Anfänger. Er

hat bei E.On und vorher bei BP gelernt, wie

das internationale Energiegeschäft funktioniert

und wie groß die Abhängigkeit von

der Politik, endlosen Genehmigungen,

Umweltauflagen und der Bevölkerung ist.

Bei EnBW bekommt er das zwar auch zu

spüren, doch vielfach potenziert und auf

die kommenden sieben Jahre verdichtet.

MISERE OHNE ENDE

Keine Frage, Mastiaux hat einen der politischsten

Jobs der deutschen Wirtschaft. Er

braucht den neuen Wirtschafts- und Energieminister

Sigmar Gabriel (SPD), um den

Umstieg auf grünen Strom und gleichzeitig

die Nutzung der EnBW-Gaskraftwerke hinzubekommen.

Zu Hause in Baden-Württemberg

ist er mit dem grünen Ministerpräsidenten

Winfried Kretschmann konfrontiert,

der den Konzern als Großaktionär

(Landesanteil: 46 Prozent) kontrolliert.

Kretschmann drängt darauf, dass sich

EnBW zum Ökounternehmen mausert

und in seiner Legislaturperiode 1000

Windräder in Baden-Württemberg errichtet.

Bis jetzt betreibt EnBW gerade mal 17.

Schließlich muss Mastiaux die erzkonservativen

oberschwäbischen Kommunen

zufriedenstellen, die ebenso 46 Prozent der

Aktien halten und anders als Kretschmann

eher gegen Windräder zwischen Schwarzwald

und Neckartal sind. Mastiaux muss es

ihnen allen recht machen, dabei sympathisch

wirken und nicht anecken wie sein

Vorvorgänger Utz Claassen.

In seinem Job sei das Problem Politik

doppelt schwierig, sinniert Mastiaux und

wagt einen vorsichtigen Fingerzeig an die

christdemokratisch und grün angehauchte

Fraktion in seinem Aufsichtsrat. „Die Anteilseigner

der Landesregierung im Aufsichtsrat

trennen zwischen der Verantwortung

für das Land und den parteipolitischen

Farben.“ Er fordert das auch ein.

Ohne sich durchzulavieren, wird Mastiaux

als EnBW-Chef kaum überleben. Dass

er bisher kaum Windräder gebaut hat, relativiert

er und meint: „Nicht alle badenwürttembergischen

Windräder müssen

von EnBW errichtet werden.“ Mastiaux

weiß zu gut, wie schnell er es sich mit einflussreichen

Politikern verscherzen kann,

wenn er mit Windrotoren die Augenweiden

in Tourismusregionen stören würde.

Mastiaux hat es nicht leicht in Deutsch-

Südwest. Er ist weder Württemberger noch

Badener, er stammt aus dem Ruhrpott. Darum

versucht er sich gar nicht erst auf

Schwäbisch, noch viel weniger auf Berater-

Denglisch. Stattdessen ist er bemüht, den

kumpelhaften Typ zu geben, ansonsten

aber Klartext zu reden.

Viel anderes bleibt Mastiaux auch nicht.

Denn sein Handlungsspielraum ist ziemlich

eng. 2011 verbuchte EnBW wegen der

Abschaltung zweier Blöcke der Atommeiler

in Neckarwestheim und Philippsburg

schlagartig einen Verlust in Höhe von 900

Millionen Euro. Es folgte ein Jahr mit 2,3

Milliarden Euro Überschuss vor Zinsen,

Abschreibungen und Steuern. Vor der

23Kommt die

Fusion

Karstadt/Kaufhof?

Scheitert die Sanierung von Karstadt,

wird sich Kaufhof einzelne

Filetstücke herauspicken. Ein größerer

Zusammenschluss ist nur

möglich, wenn der österreichische

Immobilieninvestor René Benko

vom Kaufhof-Mutterkonzern Metro

die Warenhaussparte übernimmt.

Energiewende waren die Gewinne dreimal

so hoch.

Und die Misere nimmt kein Ende. In den

ersten neun Monaten des Geschäftsjahres

2013 brach der ohnehin schmale Gewinn

um 60 Prozent im Vergleich zum Vorjahr

ein, weil EnBW nicht ausreichend Strom

absetzen konnte. Besserung ist kaum in

Sicht. Neben seinen beiden Atommeilern,

die zum Auslaufen verdammt sind, verfügt

Mastiaux noch über 43 Kohlekraftwerksblöcke,

die allesamt unwirtschaftlich sind.

Das ist prekär, denn EnBW versorgt nicht

das dünn besiedelte flache Land, sondern

eines der industriellen Zentren Deutschlands

mit mittelständischen Weltmarktführern

und Großunternehmen wie Audi,

Bosch oder Porsche. Gelingt der Ausstieg

aus der Atomkraft nicht, ohne gleichzeitig

für eine grüne und sichere Alternative zu

sorgen, gefährdet Mastiaux die Jobs, die

dem Ländle eine Spitzenposition in

Deutschland beschert haben.

„Wir müssen rasch neue Erlösquellen erschließen“,

doziert Mastiaux. Um das Vabanquespiel

zu illustrieren, nimmt Mastiaux

einen Kugelschreiber und skizziert mit

schnellen Strichen die Gewinnentwicklung

von EnBW bis 2020. Der Überschuss

der konventionellen Kraftwerke vor Zinsen,

Steuern und Abschreibungen von 1,2

Milliarden Euro 2012 wird bis 2020 auf läppische

300 Millionen Euro zurückgehen.

Die riesige Lücke von 900 Millionen sollen

die erneuerbaren Energien schließen, die

fast dreimal so viel Einnahmen bringen

sollen, sowie Anlagen zur dezentralen

Energieversorgung. So will es der grüne

Kretschmann. Mastiaux wird kämpfen

müssen, um das zu erreichen.

24Wie hoch

steigt der

Strompreis noch?

Er klettert für Privatkunden durch

steigende staatliche Abgaben und

Erhöhungen der Stromkonzerne bis

2018 um 13 Prozent, prophezeit das

Institut der Deutschen Wirtschaft.

Für die Industrie könnten die Tarife

im gleichen Zeitraum sogar um 20

Prozent steigen.

Als Nächstes heißt es aber, alles zu unternehmen,

um wenigstens einem Teil seiner

Kohle- und Gaskraftwerke eine Geschäftsgrundlage

zu verschaffen: indem er die

Bundesregierung überredet, den Meilern

Einnahmen zu verschaffen, auch wenn sie

nur als Reserve bereitstehen.

Wie, das hat Mastiaux vor der Wahl

schon Kanzlerin Angela Merkel vorgetragen:

Wer unsteten Ökostrom produziert,

soll Zertifikate erwerben, um damit die

fehlende Versorgungssicherheit bei Betreibern

fossiler Kraftwerke auszugleichen. Ob

die Regierungschefin und ihr neuer Wirtschafts-

und Energieminister die Idee gut

finden, wird die Neujustierung der Energiewende

zeigen.

n

andreas.wildhagen@wiwo.de

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 79

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Unternehmen&Märkte

Middelhoffs Erben 2013

MANAGER | „Big T.“ ist nicht zu schlagen: In China startete Thomas Middelhoff im

Filmbusiness durch. In Deutschland prozessierte er sich durch die Gerichte, und in

Frankreich fand er eine neue Heimat. Bei so viel Einsatz droht sein Wirken um den

Handelsriesen Arcandor fast in Vergessenheit zu geraten. Um die Erinnerung wachzuhalten,

hat die WirtschaftsWoche wieder die gefallenen Helden der Wirtschaft gekürt

und ihre Bilanz auf einer Skala von eins bis zehn (ein echter Middelhoff) eingestuft.

Kronjuwel portioniert

Wie machen die das nur in Essen? Wann immer es darum geht, ein Top-

Kaliber des internationalen Jetset-Business zu verpflichten, ist Karstadt mit

von der Partie. Wann immer es gilt, einen beherzten Griff zu wagen, darf

Karstadt nicht fehlen – selbst wenn es nur der ins Klo ist. Respekt! Erst verrichtete

in Essen Thomas Middelhoff sein Geschäft aufs Imposanteste, nun

macht Nicolas Berggruen weiter. Letzterer vermag es ob seiner Aura sogar,

das siechende Unternehmen allein im Glanze seiner Person wieder genesen

zu lassen. Folgerichtig informierte Berggruen die „lieben Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter“ jüngst per Brief über seinen „Beitrag zur endgültigen

Gesundung von Karstadt“. Nämlich: Er verscherbelt die Mehrheit an den

Luxus- und Sportgeschäften. Dass der Held von Essen das Kronjuwel des

deutschen Einzelhandels nicht polieren, sondern portionieren würde, hatte

er bis dahin zwar strikt dementieren lassen, aber Schwamm drüber. „Niemand

muss sich Sorgen machen“, lässt Berggruen seine Karstadt-Kräfte im

Brief noch wissen. Nö, Quatsch, Sorgen bei Karstadt – warum auch?

Ideale Referenzen

Als Thorsten Heins im Januar 2012 an die

Spitze des angeschlagenen Smartphone-

Pioniers Blackberry geholt wurde, konnte er

sich mit geradezu idealen Referenzen für

diesen Harakiri-Job empfehlen: Schließlich

war er schon einmal auf den Chefsessel eines

strauchelnden Mobil-Herstellers berufen

worden, im Frühjahr 2004 als Chef der

Handysparte von Siemens. Der Erfolg hielt

sich in Grenzen: Nur ein Jahr später verkaufte

Siemens sein trudelndes Mobiltelefon-Geschäft

an den taiwanesischen IT-

Konzern BenQ, der den Laden 2006 in die

Pleite rutschen ließ. Gar nicht so unähnlich

reüssierte Heins bei den Kanadiern aus –

nomen est omen – Waterloo: Seit seinem

Amtsantritt häufte er Quartal um Quartal

neue Verluste an und sorgte derweil mit

fröhlichen Visionen für Furore: „In fünf Jahren

sehe ich Blackberry als den absoluten

Marktführer im Bereich des Mobile Computing“,

prophezeite er noch im Frühjahr

2013. Investoren schenkten der steilen

These indes kaum Beachtung. Als schließlich

der von ihm selbst geplante Notverkauf

von Blackberry scheiterte, endete Heins’

Waterloo-Ära: Die einst saftige Brombeere

ist verschrumpelt zum winzigen Beerchen.

Diskrete Dienste

Ralph Shrader lebt

den amerikanischen

Traum: Sein Job ist so

sicher wie der eines

Beamten, doch er darf

sich CEO nennen und

ein Gehalt von 3,7 Millionen

Dollar kassieren.

Sein Brötchengeber, die Beratung Booz Allen

Hamilton, macht 99 Prozent ihres Umsatzes

mit US-Behörden. So konnte es

Shrader locker angehen, als bekannt wurde,

dass Ex-Booz-Mitarbeiter Edward

Snowden tonnenweise NSA-Unterlagen an

die Presse weitergeleitet hat. Dass

Snowden angeheuert wurde, obwohl er zuvor

bei der CIA aufgefallen war – egal, ist

halt schwer, gutes Personal zu finden.

FOTOS: ACTION PRESS, PICTURE-ALLIANCE/DPA (3), BLOOMBERG NEWS, LAIF

80 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Matthäus 14, 22–33

Wunder in Blau

Für Herausforderungen gibt’s in Deutschland

viele Manager, für Unmögliches nur einen:

Hartmut Mehdorn, Garant für Wunder,

zumindest der blauen Art. Wie beim

verpatzten Börsengang der Bahn und der

noch offenen Sanierung von Air Berlin zeigt

der 71-Jährige nun bei der Rettung des

neuen Berliner Flughafens, dass er für Bewegung

steht. Wenn auch nicht notwendigerweise

in die richtige Richtung. Gut ein

Jahr nachdem Mehdorn mit einem Rudel

Berater unter anderem seines Freundes

Roland Berger das groß angekündigte Beschleunigungsprogramm

Sprint inklusive

Fanartikel vom Becher bis zur Tasche startete,

gibt es zwar auf der Baustelle ebenso

wenig Fortschritte wie bei der Ankündigung

eines Starttermins oder zumindest einer

Teileröffnung. Doch anderswo gab es reichlich

Bewegung. Als Erstes biss Mehdorn

Mit-Geschäftsführer Horst Amman nach

monatelangem sandkastenreifem Gezänk

raus. Dazu gerieten die Baukosten mit wohl

bald sechs Milliarden Euro so hoch, dass

allein die Zinskosten die heutigen Umsätze

übersteigen. Immerhin: Seit Mehdorn die

Baucontainer für deutlich mehr als eine

Million Euro versetzen ließ, sieht Deutschlands

größtes Baudesaster wenigstens

etwas schöner aus.

Kann ja mal passieren, lieber Frank

Asbeck. Sie kaufen der TV-Plaudertasche

Thomas Gottschalk für geschätzte fünf

Millionen ein Schloss am Rhein ab, und das Das große Baumarkt-Vokabel-Bingo

wird genau dann publik, als Sie die Öffentlichkeit

mit der Nachricht schocken, ihr

Unternehmen stecke in einer existenzbedrohenden

Krise. Eben dumm gelaufen.

Es kann auch mal passieren, dass Aktionäre

aufgrund jahrelanger Misswirtschaft

und Fehleinschätzungen des Managements

quasi enteignet werden und auf mehr als

80 Prozent ihres Kapitals verzichten müssen.

Zum Trost: Für ein Prinzessinnen-

Schloss von Playmobil dürfte es für den einen

oder anderen SolarWorld-Kleinaktionär

trotzdem noch reichen. Es kann sogar passieren,

dass Anleihegläubiger auf mehr als

die Hälfte ihres Geldes verzichten und ausgerechnet

Sie sich Ihr Bankkonto durch Aktienverkäufe

im Oktober und November für

gut drei Millionen Euro aufplustern. Das ist

eben die grüne Variante des Kapitalismus.

Aber wie kann es passieren, dass Sie sich

mitten in der größten Krise des Unternehmens

zutrauen, das Thüringer Solarwerk

von Bosch zu übernehmen, weil der Elektronikkonzern

aufgrund milliardenschwerer

Verluste kein Solargeschäft mehr haben

will? Immerhin hängen daran 800 Arbeitsplätze.

Mal ehrlich: Maseltov – zu Deutsch: Viel

Glück! – ist schon ein selten dämlicher

Name für einen Fonds, der

ausgerechnet mit der Machtübernahme

von Praktiker Geld verdienen

will. Da hätte sich die österreichische

Heimwerkerfee und

Fondsleiterin Isabella de

Krassny beim großen Baumarkt-Vokabel-Bingo

doch

wirklich was Sortimentsaffineres

rauspicken können:

„Investmenthäcksler“ (1)

zum Beispiel, „Geldkomposter“

(2) oder warum

nicht der schlichte und

schöne Klassiker aller Baumarktdramen:

das „Kettensägenmassaker“

(3). Schließlich

gab es da ja diese –

aufgemerkt! – „hammermäßig“

(4) üblen Nachrichten über die

Heimwerkerbude. Erst nahm de

Krassny Vorstand und Aufsichtsrat

des Konzerns in die „Zange“

(5), griff beherzt in die „Werkzeugkiste“

„Axt“ (7) am Konzern an, tauften allerlei Läden

auf die Marke Max Bahr um und versuchten

den rostigen Namen Praktiker

an den „Nagel“ (8) zu hängen. Allein, es

half nichts. Das Billig-Image haftete

dank der jahrelangen „20-Prozent-aufalles“-Aktionen

wie „Pattex“ (9) am

Unternehmen. Als dann auch noch

der lange Winter die Umsätze zertrümmerte

wie ein „Hilti-Bohrer“

(10) den „Spritzbeton“ (11), war

endgültig Schluss. Praktiker trudelte

in die Pleite. Bei Investoren

erfreute sich die Baumarktruine

darob ähnlicher

Beliebtheit wie „Schleif“- (12)

als Ersatz fürs Klopapier.

Selbst mit dem Verkauf von

Max Bahr war für die Insolvenzverwaltung

kein „Blumentopf“

(13) mehr zu gewinnen.

Rund 14 000 Mitarbeiter

dürfen sich jetzt einen neuen

Job suchen, Tausende Gläubiger

werden wohl leer ausgehen,

und auch das Spielgeld von de

(6) der Finanzgestal-

Krassny ist futsch. Tja, der Name

Stimmt es eigentlich, lieber Herr Asbeck,

dass Sie über Wasser gehen können? tung und platzierte schließlich ihre

Maseltov passt da einfach nicht. »

eigenen Mannen an der Spitze des

saarländisch-hanseatischen Selbermachvereins.

Die setzten prompt die

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 81

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Unternehmen&Märkte

Teufels Beitrag

Absturz im Mangrovensumpf

Gerhard Cromme, das hohe C der deutschen Wirtschaft, der Mega-Supermann der Managerszene:

super angezogen, super vernetzt, super höflich. Als Vorstandschef Mega-

Fusion von Krupp mit Hoesch 1992 und mit Thyssen 1997. Dann als Aufsichtsratsvorsitzender

Mega-Chancen auf die Nachfolge von Berthold Beitz als Chef der Krupp-Stiftung

und Herrscher über die deutsche Schwerindustrie. Crommes Träume gehen allerdings

ebenso megamäßig in die Hose: Von ihm abgesegnete Investitionen in zwei Stahlwerke

in den brasilianischen Mangrovensümpfen bei Rio und im US-Staat Alabama reißen

Mega-Löcher in die Bilanz: An die sechs Milliarden Euro Schulden, im dritten Jahr in Folge

häufen sich die Verluste. Ein eisenharter Konzern am Rande des Untergangs. Aber

Cromme hat bis März 2013 als Oberaufseher alles „unter Kontrolle“, wie er beteuert.

Seine Reisespesen mit Firmenjets gelten zum Schluss nur noch als Petitesse im Vergleich

zu dem Desaster, das er angerichtet hat. Er muss gehen auf Druck von Ziehvater

Beitz, der wenige Monate später stirbt. Cromme klammert sich nun an den Chefsessel

des Siemens-Aufsichsrats, um nicht von der Bühne der Supermänner zu verschwinden.

Britische Banken sind Orte der Verderbnis.

Zockende Teufel greifen Millionenboni ab

und hauen den Mammon für Schampus,

Stripperinnen und sonstige Sünden raus.

Selbst in diese Nacht glimmt gelegentlich

das Licht des Herrn. In London erschien es

in Gestalt von Paul Flowers. Der Pfarrer erkletterte

2010 die Aufsichtsratsspitze der

Co-Op Bank. Das Ethik-Institut meinte den

Slogan „Gut mit Geld“ moralisch und missionierte

durch Übernahmen von Konkurrenten

drauflos. Flowers aber geriet in

Versuchung. Ein Video zeigt ihn beim Großeinkauf

harter Drogen, unter der Kontrolle

des „Crystal Methodist“ schlitterte die

Bank fast in die Pleite. Schließlich sah auch

er, dass es nicht gut war. Seine Kenntnisse

des Bankwesens seien „wahrscheinlich veraltet“,

er habe aber

„andere Erfahrungen“.

Der Antichrist muss

Engländer sein.

Staubige Visionen

Stelle gesucht

Mit reichlich Trara wurde

2009 die Desertec-

Initiative (DII) ins Leben

gerufen, die sich

für Deutschland so ambitioniert

ausnahm wie

einst die Mondlandemission

der USA. Bis

2050, so das Ziel der zugehörigen Projektgesellschaft,

sollten für 400 Milliarden Euro

in der Sahara an die 300 Sonnenkraftwerke

gebaut werden und der dort erzeugte Strom

via Mittelmeer-Kabel Europa erleuchten.

„Es liegt mir sehr am Herzen, eine Lösung

für die globalen Probleme zu suchen“, predigte

der damalige Ober-Gut- mensch im

Desertec-Aufsichtsrat, Max Schön, zugleich

Chef des deutschen Club of Rome. „Ich

fühlte mich wie der Präsident einer Bananenrepublik“,

stöhnte dagegen DII-Chef

Paul van Son. Mit gutem Grund: Bis dato

existiert kein einziges Kraftwerk, DII fungiert

heute schlicht als Beratung.

Werte Arbeitgeber,

als gelernter Bischof von Limburg durfte ich

bereits erste Erfahrungen im Bereich

schlüsselfertiges Bauen sammeln.

Nun ist es an der Zeit für

neue berufliche Herausforderungen,

vorzugsweise als Führungskraft

in der gehobenen Immobilienwirtschaft.

Ich biete:

n einschlägige Kenntnisse

im Kostenmanagement

von Großprojekten,

n mehrjährige Erfahrung

in barocker

Lebensgestaltung,

n sicheren Umgang

mit gängigen

Reisebuchungsportalen,

n ausgezeichnete

Lateinkenntnisse in

Wort und Schrift,

n überdurchschnittliche

Affinität zu

schmucken Residenzen und flauschigem

Hermelinfell,

n hohes Engagement (nachweislich

mehrere Arbeitseinsätze auch sonntags).

Ich suche:

n eine Kultur der Budget- und

Fehlertoleranz,

n viel Vertrauen,

n eine wohlaustarierte Work-Lifestyle-Balance,

n eine angemessene,

leistungsunabhängige

Vergütung.

Sollten Sie über entsprechende

Vakanzen

verfügen,

zögern Sie nicht,

sich bei mir vorzustellen.

Gott zum Gruße,

Ihr Franz-Peter

Tebartz-van Elst

FOTO: DAPD/HARTMANN, PR, IMAGO (2), PICTURE-ALLIANCE/DPA (2)

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Saubermann ganz

dreckig

Uwe Laue, Chef der Debeka, präsentierte

sich in der Versicherungszunft bisher als Tugendwart

und Wertepapst. Als vor zwei Jahren

die Düsseldorfer Ergo wegen ihrer Sexreisen

für Vermittler unter Beschuss kam,

empörte sich Laue: Bei seinem Unternehmen,

Deutschlands größtem Anbieter privater

Krankenversicherungen (PKV), bekämen

die erfolgreichsten Vermittler bestenfalls einen

Besuch der Bundesgartenschau spendiert.

Nun zeigen sich nicht nur ein paar

dunkle Flecken auf Laues vermeintlich weißer

Weste, nein, der ganze Anzug ist verschmutzt.

Vertreter der Debeka, so der Verdacht,

sollen mit schmuddeligen Methoden

Adresslisten von Beamtenanwärtern ergaunert

haben, um diesen Krankenversicherungen

zu verkaufen. Die Staatsanwaltschaft

ermittelt. Die Debeka wehrt sich gegen die

Vorwürfe. Erst im Juni war Laue Vorsitzender

des Verbands der Privaten Krankenversicherer

geworden. Mister Saubermann, so

das Kalkül der Branche, sei erste Wahl, um

in Berlin für den Erhalt der unter Beschuss

geratenen PKV zu trommeln. Doch Politiker

dürften nun allenfalls müde lächeln, wenn

Laue in Berlin aufkreuzt. Im schlechtesten

Fall drücken sie ihm Eimer und Lappen in

die Hand, um in der Debeka-Zentrale in

Koblenz mal richtig sauber zu machen.

Havarie in

stürmischer See

Er wollte der Herr der Meere sein. Jahr für

Jahr mit seiner Klitsche namens Windreich

einen milliardenschweren Mühlenpark in

die Nordsee rammen und Stromkonzernen

wie RWE und E.On zeigen, wie man Energiewende

auf hoher See macht.

Mit dem Nordsee-Windpark Global Tech 1

haut das sogar hin. 2012 rast Willi Balz auf

der Überholspur. Doch der Gegenverkehr

wird immer dichter. Das Geld für neue

Windparks bekommt er nicht zusammen.

Darlehen werden fällig, die Verschuldung

steigt. Fortan dreht sich beim umtriebigen

Schwaben alles um Zwischen- und Brückenfinanzierungen.

Selbst die Staatsanwaltschaft

Stuttgart kann den Motorsportfreak

nicht bremsen. Die Behörde rückt im

März zur Razzia am Firmensitz und andernorts

aus. Der Verdacht: Insolvenzverschleppung,

Anlagebetrug, Bilanzmanipulation.

Balz weist die Vorwürfe weit von sich, es

seien Versuche von Neidern, ihn zu stoppen.

Nach der Razzia schreibt er Beruhigungsbriefe

an die Zeichner seiner Anleihen.

„Die Talsohle ist durchschritten, bei

Windreich geht es richtig aufwärts“, jubelt

er Ende Juli. Alle „Lügengeschichten über

Pleiten, Pech und Pannen“ könnten Windreich

nichts anhaben, trompetet er später.

„Die Liquidität ist nicht überschäumend.

Aber von einer Insolvenz sind wir ganz weit

weg“, tönt die Ein-Mann-Energiewende Mitte

August.

Ganz weit weg ist dann genau einen Monat

später: Mitte September beantragt Balz

Insolvenz in Eigenregie. Schließlich seien

die Zahlungsschwierigkeiten nur vorübergehender

Natur. Denkste. Die Insolvenz in Eigenregie

scheitert. Im Dezember wird das

Insolvenzverfahren eröffnet.

n

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 83

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Unternehmen&Märkte

Personifizierte deutschfranzösische

Geschichte

Familienunternehmer

von Boch (links), Villeroy

Unbeirrbare Grenzgänger

VILLEROY & BOCH | 2014 wird

es 100 Jahre her sein, dass

Deutsche und Franzosen sich

im Ersten Weltkrieg niedermetzelten.

Trotz aller Wirren

vorher und nachher blieb sich

die deutsch-französische Porzellanmanufaktur

treu – die

Familienbande waren stärker als

aller politisch geschürter Hass.

Auf den Spuren

der Vorfahren

Die Wintersonne scheint auf das riesige

Gebäude aus rotem Sandstein mit den spätbarocken

Abteifenstern. Der Sitz des Porzellanherstellers

Villeroy & Boch in Mettlach

an der Saar, im Dreiländereck Deutschland,

Frankreich und Luxemburg, gleicht einer

Trutzburg. Kaum eine Region in Europa ist

so häufig zwischen die Fronten geraten.

Und kaum ein anderes Unternehmen steht

so für die deutsch-französische Geschichte.

Die Familienfirma hat dem Nationalismus,

den Kriegen zwischen beiden Ländern und

den Grenzverschiebungen widerstanden.

100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs

ist es an der Zeit, der ungewöhnlichen

Geschichte des Unternehmens nachzuforschen.

Dazu traf die WirtschaftsWoche zwei

Nachfahren der Gründer: den deutschen

Aufsichtsratsvorsitzenden Wendelin von

Boch und den französischen Vorstand für

Tischkultur, Nicolas Luc Villeroy.

FOTO: DOMINIK PIETSCH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

84 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Was ist Villeroy & Boch? Ein deutsches

Unternehmen? Ein von Grund auf französisches,

das aber durch den Lauf der

Geschichte auf deutschem Boden steht?

Nicolas Luc Villeroy überlegt ein wenig,

bevor er auf die Frage antwortet. „Wir sind

im Herzen ein europäisches Unternehmen,

das juristisch heute eine deutsche

Aktiengesellschaft ist“, sagt der 52-Jährige

und lächelt.

Villeroy repräsentiert den ersten Teil des

Unternehmensnamens. Er ist in siebter

Generation Nachfahre der Familie des Keramikfabrikanten

Nicolas Villeroy, der im

18. Jahrhundert eine Steingutfabrik gründete

– in Wallerfangen, dem damaligen

Vaudrevange im Herzogtum Lothringen.

Er hat einen französischen Pass und sich

längst daran gewöhnt, dass die Deutschen

seinen Familiennamen „Willeroi“ aussprechen

statt „Willroa“, wie es richtig wäre.

Für den zweiten Teil in Villeroy & Boch

steht Wendelin von Boch. Auch seine Wurzeln

sind französisch, er selbst aber ist

Deutscher. Sein Urahn François Boch war

der Bombardier du Roi, der königliche Kanonengießer

von Ludwig XV. Er begann

1748 mit seinen drei Söhnen Keramikgeschirr

herzustellen.

Enkel Jean-François erwarb 1809 die unter

Kaiser Napoleon säkularisierte Benediktinerabtei

in Mettlach und baute sie zur

Fabrik für sein aufstrebendes Unternehmen

um. Doch dann zwang 1815 der „Wiener

Kongress“ das Frankreich des geschlagenen

Napoleon, das Gebiet des heutigen

Landkreises Merzig-Wadern an Preußen

abzutreten.

Richtig eins wurden die beiden französischen

Steingut- und Keramikfabrikanten

aber auf deutschem Boden. Denn die Villeroys

und die Bochs blieben in Preußen und

fusionierten ihre Unternehmen zu Villeroy

& Boch: zuerst 1836 auf Firmenebene, um

der drohenden Konkurrenz der englischen

Industrie gegenzuhalten, und sechs Jahre

später auch privat durch die Hochzeit von

Eugen Boch und Octavie Villeroy.

Bezeichnend für Villeroy & Boch ist bis

heute, dass das Unternehmen deutschfranzösisch

geblieben ist über alle politischen

und kriegerischen Gegensätze hinweg.

Weder die Rheinkrise noch der

deutsch-französische Krieg 1870/71 stellten

den Bund infrage, und auch nicht der

Erste und der Zweite Weltkrieg. Heute ist

das Unternehmen mit zuletzt 744 Millionen

Euro Umsatz und 7400 Mitarbeitern

einer der führenden Premiumhersteller im

Bereich Bad- und Tischkultur.

Mal deutsch,

mal französisch

Zu erwarten war der Verbleib der Franzosen

in Preußen nicht. Schon 1840 wurden in

Deutschland nationalistische Rheinlieder

mit heftigsten Verbalattacken gegen die

„Welschen“ gedichtet, und Reichskanzler

Otto von Bismarck provozierte den deutschfranzösischen

Krieg. Nach dem Verlust von

Elsass-Lothringen pflegte Frankreich einen

starken Revanchismus. Im Ersten Weltkrieg

metzelten sich die Nachbarn in den Gräben

von Verdun nieder.

Danach oszillierte Villeroy & Boch regelrecht

zwischen beiden Ländern. Erst gehörte

das Unternehmen wieder zu Frankreich,

weil das Saargebiet vom Deutschen Reich

abgetrennt und wirtschaftlich von Paris für

Reparationen ausgebeutet wurde. 1935

kam das Saarland dann unter die Verwaltung

von Nazi-Deutschland. Nach dem

Zweiten Weltkrieg lag es in der französischen

Besatzungszone. Das Saarland einschließlich

Mettlach erhielt den Sonderstatus

eines französischen Protektorats mit

eigener Staatsbürgerschaft. Dagegen begehrten

die Einwohner auf. 1955 schließlich

kam die Region, und damit auch Villeroy &

Boch, per Volksabstimmung zur Bundesrepublik

Deutschland.

Was die ganz Zeit über blieb, waren mit

einigen Unterbrechungen die Absatzmärkte,

die Villeroy & Boch bereits früh erschlossen

hatte. Schon seit 1847 gingen größere

Exporte nach Paris, Warschau und London,

Moskau oder Sankt Petersburg. Auch Skandinavien,

Italien, Spanien, Griechenland,

die Schweiz und die Türkei gehörten zum

Absatzgebiet. Etwa 1850 kamen Nord- und

Südamerika hinzu.

„Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass es

zu einem so frühen Zeitpunkt noch ein Unternehmen

gab, das derart international

unterwegs war“, sagt von Boch. Im August

ist er 71 Jahre alt geworden. Den Adelstitel

erhielt seine Familie 1892 von Kaiser Wilhelm

II. Villeroy & Boch hatte längst auch

Niederlassungen in Belgien und Luxemburg,

ein Teil der Familie lebte auch dort.

„Da fing es schon an, kompliziert zu werden“,

sagt von Boch.

Erbfeindschaft, Revanchismus, Faschismus?

Aufsichtsratschef von Boch schüttelt

bei allen drei Wörtern energisch den

Kopf. „Wir hatten gemeinsame Großeltern.

Der Nationalismus, den man in und zwischen

den Kriegen lebte, war für uns ein

No-Go. Es war einfach nicht vorstellbar,

weil wir eine ganz andere Kultur hatten.“ In

seiner Familie habe es keine Nazis gegeben,

weil diese politische Einstellung „uns

völlig fremd war“.

So war die Villeroy & Boch-Erbin Martha

von Boch-Galhau, die 1905 den Reaktionär

und späteren Reichskanzler der Weimarer

Republik, Franz von Papen, heiratete, dafür

bekannt, dass sie Adolf Hitler verabscheute.

Selbst in dessen Gegenwart verweigerte

sie kategorisch den Hitler-Gruß.

Im privaten Kreis sprach sie lieber Französisch

als Deutsch. „Der kosmopolitische

Geist unserer Familien prägt unsere Unternehmenskultur

bis heute“, sagt von Boch.

Diesen Geist zu leben, war allerdings

nicht immer einfach. Als das Saargebiet

1920 mit Inkrafttreten des Versailler Vertrags

für 15 Jahre der Regierung des Völkerbundes

unterstellt und wirtschaftlich dem

französischen Zoll- und Währungsgebiet

zugeschlagen wurde, durften die dortigen

Werke das Deutsche Reich nicht mehr beliefern.

Die Vorschrift hätte für Villeroy &

Boch das Ende bedeuten können.

„Von 1870 an war das Unternehmen

komplett in Richtung Deutschland ausgerichtet“,

erzählt Vorstand Villeroy. „Unsere

Home Base war Deutschland.“ Von Villeroy

& Boch stammen beispielsweise

die Fliesen

für das berühmte

1300 Quadratmeter

große Bodenmosaik

im Kölner Dom. Ein

Teil davon mit den

Abbildungen von 93

360 Grad

In unserer App-

Ausgabe sehen Sie

Rundumsichten

des Villeroy &

Boch-Stammsitzes.

Kölner Bischöfen,

zahlreichen Wappen

und Inschriften ist

noch heute im Chorumgang zu sehen.

Auch andere Kathedralen, Herrenhäuser,

Banken und Schlösser wie Herrenchiemsee

wurden von den Saarländern ausgestattet.

Dass Villeroy & Boch trotzdem den

Ausschluss vom deutschen Markt überlebte,

lag daran, dass das Unternehmen zusätzliche

Fabriken in Bonn, Torgau und

Breslau kaufte, um im Reich Geschäfte

machen zu können.

Im Osten enteignet

Sein wirtschaftliches Überleben verdankt

Villeroy & Boch auch dem Umstand, dass das

Unternehmen die Produktpalette seit der

Fusion 1836 systematisch ausgeweitet hat. Zu

Fliesen und Tischporzellan kamen zunächst

Gläser aus der 1843 gegründeten Cristallerie

Wadgassen hinzu. 1856 eröffnete das Werk

»

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 85

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Unternehmen&Märkte

»

in Dresden, das auch den „Dresdner

Milchladen“ beliefern sollte, heute eine der

größten touristischen Attraktionen der Stadt.

1870 begann die Faiencerie in Wallerfangen

mit der Fertigung von „Wasserleitungsgegenständen“,

den Vorläufern der späteren Sanitärkeramik,

mit der Villeroy & Boch heute

gutes Geld verdient.

Einen ebenfalls tiefen Einschnitt brachte

das Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Fabriken

in Deutschland waren erheblich beschädigt,

die Werke in Breslau (heute Polen) sowie

Dresden und Torgau in der späteren DDR

enteignet. Die saarländischen Fabriken

gehörten erneut zum französischen Wirtschaftsraum.

Plötzlich wurde Frankreich der

Hausmarkt des Unternehmens. Doch schon

zehn Jahre später, 1955/56, war es damit wieder

vorbei. Wettbewerber wie Rosenthal oder

Hutschenreuther hatten jedoch die Zeit genutzt,

um in Deutschland zu wachsen. Villeroy

& Boch machte aus der Not allerdings eine

Tugend und war binnen weniger Jahre auf

zwei Märkten zu Hause, dem französischen

und dem deutschen.

Heute, 265 Jahre nach der Gründung,

sind die Probleme des Unternehmens

andere, aber nicht kleiner. Villeroy & Boch

musste in den vergangenen Jahren Tausende

Arbeitsplätze abbauen und mehrere

Werke schließen. Seit drei Jahren stagniert

der Umsatz. 2009 und 2010 machte das

Unternehmen Verlust. Zudem wurde

Villeroy & Boch wegen verbotener Preisabsprachen

im Sanitärbereich zu einer

Kartellstrafe von 71,5 Millionen Euro verurteilt.

25Dürfen Krankenkassen

Beiträge

wieder selbst steuern?

Laut Koalitionsvertrag: ja, aber nur

ein bisschen. Der Beitragssatz soll

auf 14,6 Prozent gesenkt, der Arbeitgeberanteil

bei 7,3 Prozent festgesetzt

werden. Klamme Kassen

können weiterhin einen Zusatzbeitrag

einfordern, aber statt wie bisher

als Einheitssatz dann prozentual

vom beitragspflichtigen Einkommen.

Das wird vor allem teurer für besser

verdienende Versicherte.

Treueschwur für das Saarland Fertigung von Sanitärartikeln bei Villeroy & Boch

Grund für die Zuspitzung war die Flut

billiger Porzellanimporte aus Asien, verschärft

durch die Konkurrenz von Möbelhändlern

und Discountern sowie das veränderte

Konsumverhalten. Die Zeiten, in

denen Hochzeitslisten und Wunschzettel

für Geburtstage und Jubiläen die Kassen

von Herstellern und Händlern füllten,

gehören der Vergangenheit an.

In Deutschland, mit 202,5 Millionen Euro

Umsatz voriges Jahr der größte Markt von

Villeroy & Boch, gaben die Verbraucher 2012

nach Schätzungen des Marktforschungsunternehmens

Marktmedia24 pro Kopf gerade

einmal 105,45 Euro für Glas, Porzellan, Keramik

und Haushaltswaren aus. Frankreich

schwächelt ebenfalls und brachte 2012 nur

26Kriegt Solarworld

doch

noch die Kurve?

Mit der Übernahme der defizitären

Bosch-Solarsparte mitten in der

eigenen Sanierung hat Solarworld-

Chef Frank Asbeck zwar die Möglichkeit,

Größenvorteile zu realisieren

und vom Bosch-Image zu profitieren.

Dennoch: Zwei kranke Solarunternehmen

machen nicht automatisch

ein gesundes. Asbeck geht zwar mit

Vollgas in die Kurve, doch die wird

hinten raus immer enger.

ein Drittel des Umsatzes in Deutschland.

Der Unternehmensbereich Bad und Wellness

litt in den ersten neun Monaten 2013

erneut unter Europas Schuldenkrise.

„Wir werden die Hoffnung nie aufgeben,

weil die Menschen, um zu überleben, immer

essen und trinken müssen“, gibt sich

Villeroy optimistisch. „Vielleicht wird die

Zukunft nicht mehr Tischkultur heißen,

sondern Esskultur. Das heißt, dass wir weniger

den komplett gedeckten Tisch, sondern

anlassbezogene Produkte anbieten.“

Damit meint er zum Beispiel Schälchen

für Fingerfood und Dips etwa bei Stehempfängen.

Die Ziele sind bescheidener geworden.

Immerhin aber ist Villeroy & Boch ein unabhängiges

Familienunternehmen geblieben,

im Gegensatz zum bayrischen Wettbewerber

Rosenthal, der nach der Insolvenz

2009 an den italienischen Besteckhersteller

Sambonet Paderno verkauft wurde.

„Wir versuchen uns als europäischer Lifestyle-Konzern

zu gerieren. Wir müssen

eben die Technologie so weiterentwickeln,

dass wir unsere Wettbewerbsfähigkeit erhalten“,

sagt von Boch.

Tränen in den

Augen

Die kleine Portion Trotz kann sich Villeroy

& Boch erlauben. Das Unternehmen ist

zwar seit 1990 an der Börse und im SDax

notiert. Doch sämtliche Stimmrechte liegen

im Besitz der Familien. „Für diese und auch

die nächste Generation“ sieht von Boch

„keinen Änderungsbedarf“ in der Geschäftspolitik.

„Aber wir wollen kontinuierlich

weiterwachsen und haben auch Expansi-

FOTOS: PR

86 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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onsstrategien“, sagt er selbstbewusst. „Sicher

ist immer möglich, in einer bestimmten

Größenordnung zu akquirieren, das haben

wir auch in der Vergangenheit getan.“

Gerührt gehen die Villeroys und von

Bochs dem kommenden Jahr entgegen,

wenn sich zum 100. Mal der Beginn des

Ersten Weltkrieges jährt. Ihr Firmensiegel,

das unter jedem Teller, jeder Tasse und auf

jeder Badewanne prangt, symbolisiert das

Eingangstor zur alten Abtei mit den drei

schweren Fundamenten. Für die beiden

Familien stehen sie nicht nur für die drei

Sparten Geschirr, Sanitär und Fliesen – das

Emblem ist für sie zugleich eine Art Treueschwur

auf den Standort Mettlach.

Als Europa 2012 den Friedensnobelpreis

erhielt, seien ihm die Tränen gekommen,

gesteht Vorstand Villeroy. Viele seiner Bekannten

hätten damals auf die Behörden

und den Regulierungswahn in Europa

geschimpft, erinnert sich der Franzose.

Doch er habe das anders gesehen: „Europa

hat nie zuvor in der Geschichte eine so

lange Friedenszeit gekannt wie die seit 1945.

Ich glaube, das muss man immer wieder

erzählen.“

n

karin.finkenzeller@wiwo.de | Paris

DEUTSCH-FRANZÖSISCHES VERHÄLTNIS

Elitärer Zirkel, praktische Helfer

Jedes Jahr im September finden sich

rund 50 Top-Leute aus Deutschlands und

Frankreichs Unternehmen im sogenannten

Evian-Kreis am Genfer See zusammen,

benannt nach dem gleichnamigen

französischen Ort. Dort diskutieren sie

über die Politik in beiden Ländern. Der

Zirkel wurde vor knapp einem Vierteljahrhundert

von dem früheren Daimler-

Lenker Edzard Reuter, Ex-Bosch-Chef

Marcus Bierich sowie dem einstigen

Danone-Vormann Antoine Riboud gegründet.

Sie wollten den Franzosen die Angst

vor der Wiedervereinigung Deutschlands

nehmen.

2013 arbeiteten Siemens-Aufsichtsratschef

Gerhard Cromme, langjähriger

Mitorganisator des Evian-Kreises, und

Jean-Luis Beffa, ehemals Verwaltungsratsvorsitzender

des französischen Werkstoffherstellers

Saint-Gobain, auf Wunsch

von Bundeskanzlerin Angela Merkel und

Frankreichs Staatschef François Hollande

an neuen Projekten für die industrielle

Zusammenarbeit der Länder.

Nach den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs

hatte sich Robert Bosch als einer

der ersten Industriellen für eine Aussöhnung

mit Frankreich eingesetzt. Beeindruckend

ist auch der Automobilzulieferer

A. Raymond in Grenoble. Firmengründer

Albert-Pierre Raymond wagte 1898,

trotz des imperialen Machtgehabes des

deutschen Kaisers, den Sprung über den

Rhein. Der damalige Bürgermeister

Johann Josef Grether erlaubte dem Franzosen,

in Lörrach eine Filiale zu gründen.

Heute ist diese der wichtigste Produktionsstandort

des Konzerns. Die Fabrik in

Lörrach wurde während beider Weltkriege

von Deutschen geschützt. Die praktischen

Helfer waren der Gründerfamilie zugetan

und vermittelten zwischen beiden Seiten.

karin.finkenzeller@wiwo. de | Paris

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Technik&Wissen

Die Zukunft im Blick

TRENDS | Warum Taxis bald fliegen, Faxgeräte Objekte verschicken und Brillen unser

Wissen erweitern: Forscher arbeiten an bahnbrechenden Techniken, die unsere

Welt und unseren Alltag radikal verändern werden. Viele nähern sich der Marktreife

– oder sind schon verfügbar.

Wenn der Restaurantgast am

Nachbartisch künftig die

Brille aufsetzt, um die Speisekarte

zu lesen, muss das

nicht mehr heißen, dass er

weitsichtig ist. Der Fremde könnte aus dem

Ausland kommen – und sich das Menü von

seiner Brille übersetzen lassen. Genau das

macht Word Lens, eine App, die es für

Smartphones schon gibt und die nun auch

auf Googles Datenbrille Glass funktioniert.

Die Brille, die bisher nur ein exklusiver

Kreis von Nutzern testet, greift via Handy

aufs Internet zu. Ihr Herzstück ist ein Bildschirm

vor dem rechten Auge, klein wie ein

Cent-Stück. Schaut der Nutzer hindurch,

scheint es ihm, als schwebe ein Bildschirm

in seinem Blickfeld. Zugleich filmt eine Kamera

in der Brille die Umgebung. Das nutzt

auch Word Lens: Ein Sprachbefehl reicht,

schon zeigt der virtuelle Bildschirm etwa

die englische Version eines deutschen Textes

an. Die App imitiert sogar die Schrift,

sodass es aussehen kann, als wären die

Zeilen auf Englisch gedruckt.

ENORMER INNOVATIONSSCHUB

So viel Skepsis Datenbrillen wecken, so

sehr ihre Kameras die Angst vor Überwachung

schüren – sie markieren zugleich einen

immensen Sprung im Zusammenspiel

von Mensch und Maschine. Denn die

Technik, die wirkt, als stamme sie aus dem

Fundus der Star-Trek-Designer, macht den

gewaltigen Wissensschatz des Internets so

leicht zugänglich wie keine andere zuvor.

Der Fortschritt ist so groß, dass dagegen

selbst der Wechsel vom monochromen

Computerbildschirm zur Maussteuerung

am PC in seiner Bedeutung verblasst.

27Wann kommen

die ersten

Wasserstoffautos?

Die ersten Serienfahrzeuge, die mit

Wasserstoff fahren, kommen 2015

auf den Markt – etwa von Toyota,

Nissan und Honda. Kleinserien –

etwa von Hyundai – werden schon

im nächsten Jahr verfügbar sein.

Video

In der App sehen

Sie hier einen

Kommentar über

kluge Kleidung

und smarte Ideen

Die smarten Datenbrillen sind

nur eine von zahlreichen, radikal

neuen Technologien, innovativen

Produkten und kreativen

Forschungskonzepten, die wir

im Folgenden vorstellen. Vieles

klingt nicht weniger gewagt als

Googles digitales Auge.

Und doch sind Drohnen als

moderne Lastesel, 3-D-Drucker für Lebensmittel,

Roboter-Ärzte oder Low-Cost-

Energiespeicher viel näher an der Realität,

als wir glauben. Schon 2014 stehen bei den

vielen Technologien entscheidende Entwicklungssprünge

zur Markreife bevor. Andere

werden sich schon in unserem Alltag

breitmachen – und in der nächsten Dekade

werden sie ihn nachhaltig verändern.

Wie auch die Computerbrillen, die 2014

erstmals in nennenswerten Mengen auf

den Markt kommen – neben Google zählen

auch Unternehmen wie Brother, Recon

oder Vuzix zu den Treibern der Entwicklung.

2016, rechnen die Marktforscher

von IHS hoch, sollen weltweit

immerhin schon rund 6,6

Millionen Exemplare verkauft

werden. Und das IT-Marktforschungsunternehmen

Gartner

geht davon aus, dass 2018 schon

zehn Prozent der US-Unternehmen

Datenbrillen industriell einsetzen.

Etwa, wenn die intelligenten Gläser

Handwerkern Reparaturanleitungen in

den Blick einspiegeln.

HOLODECK FÜR ARCHITEKTEN

Welche Möglichkeiten die Technik bereits

bietet, zeigen erste Apps auf Google Glass:

Der Reiseführer Field Trip etwa blendet Informationen

zu Bauwerken oder Denkmälern

ins reale Straßenbild ein. Wer sich in

New York ein Fahrrad des Anbieters Citi

Bike ausleiht, dem zeigt die Brille per Countdown,

wann die Leihfrist abläuft – und weist

visuell den Weg zur Abgabestation.

Das US-Startup Meta verfolgt noch kühnere

Pläne: Seine Datenbrille Space Glasses

soll Augmented-Reality-Anwendungen

ermöglichen, die echte und virtuelle Welten

verschmelzen. Bei ihr sind die gesamten

Brillengläser durchsichtige Bildschirme.

Zugleich misst sie die Tiefeninformationen

ihrer Umgebung. Beides zusammen

soll es möglich machen, dreidimensionale

Architekturmodelle, Spielfiguren oder Möbelstücke

täuschend echt ins reale Bild einzublenden

– und sie sogar mit Handgesten

zu verschieben und zu bearbeiten.

Sollte das so gut klappen wie versprochen,

wären wir endgültig in der Welt von

Star Trek angekommen. »

andreas.menn@wiwo.de

ILLUSTRATION: ROLAND WARZECHA

88 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 89

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Technik&Wissen

FERNREISEN

Ausflug in den Orbit

Touristen-Raumschiffe machen Trips ins All erschwinglich. Im nächsten

Jahr schon wollen Hunderte Menschen in die Schwerelosigkeit fliegen.

Richard Branson hat einen kühnen Traum:

Der britische Milliardär, Unternehmer und

Gründer des Raumfahrtunternehmens

Virgin Galactic will das All touristisch erschließen.

In den nächsten zehn Jahren

will er 30 000 Menschen ins All befördern –

bisher war das Vergnügen nur rund 500 Astronauten

vorbehalten. Das Raumshuttle

SpaceShipTwo, das Branson dafür entwickeln

lässt, ist fast startbereit. Nach zehn

Jahren Vorbereitung soll der Jungfernflug

kommendes Jahr stattfinden.

Der irrste Touristenflug aller Zeiten wird

am Spaceport America beginnen, einem

Weltraumbahnhof samt Abflughalle, Hangar

und Rollbahn in der Wüste des US-

Bundesstaats New Mexico. Von dort bringt

ein Trägerflugzeug das SpaceShipTwo auf

15 Kilometer Höhe. Dann klinkt sich der

Raumgleiter aus, zündet seine Raketendüsen

und schießt fast senkrecht in den Himmel,

schnell wie eine Gewehrkugel.

Mit dem ersten privaten Raumshuttle

beginnt die Ära, in der das All den Massen

zugänglich wird. Neben Virgin Galactic arbeitet

auch das US-Startup Xcor an einer

Raumfähre für Touristen. Bereits in zehn

Jahren, schätzt die Luftfahrtbehörde der

USA, wird Weltraumtourismus zum Milliarden-Dollar-Markt.

SCHWERELOS IM SHUTTLE

Und so soll der Besuch im All ablaufen:

Mehrere Minuten steigt der Raumgleiter

von der Station hinauf zu den Sternen. Der

Schub des Feuerstrahls drückt die Passagiere

in ihre Sitze. Dann stoppen die Piloten

die Triebwerke. Das Raumschiff

schießt auf mehr als 100 Kilometer Höhe

durch den luftleeren Raum. Hier, auf der

elffachen Flughöhe von Passagier-Jets und

auf einem Viertel des Wegs zur Raumstation

ISS, beginnt offiziell der Weltraum.

Es ist die aufregendste Phase des Flugs,

denn an Bord ist nun die Gravitation aufgehoben.

Die Weltraumtouristen lösen ihre

Gurte, sie treiben schwerelos durch das

Schiff. Durch tellergroße Bullaugen schauen

sie hinab auf die Erde, halb Amerika

breitet sich unter ihnen aus und darüber

das schwarze, sternenschwangere All.

Sechs Minuten lang fühlen sich die Amateur-Astronauten

wie auf einer Raumstation.

Dann gewinnt der Bann der Erde wieder

Überhand und zieht das Raumschiff hinab,

bis es zweieinhalb Stunden nach dem

Start wieder am Weltraumbahnhof landet.

250 000 Dollar kostet die exklusivste Reise

der Welt. So viel wie ein Eigenheim und

doch drastisch weniger als alle Orbit-Missionen

bisher. Ein Flug zur ISS ist etwa 70

Millionen Dollar teuer – pro Astronaut.

Und längst gibt es genug Abenteurer, die

mitfliegen wollen: 650 Tickets, sagt Branson,

habe er schon verkauft.

Technisch ist das Projekt machbar, das

haben die Amerikaner schon vor neun Jahren

bewiesen: Damals gelang dem Piloten

Michael Melvill mit dem Vorgängermodell

des SpaceShipTwo über der Mojave-Wüste

in den USA der erste private Weltraumflug.

Ob die Amerikaner derart kühne Flugmanöver

aber wie Linienflüge betreiben können,

müssen sie noch beweisen.

andreas.menn@wiwo.de

WERKSTOFFE

Unkaputtbar

wird machbar

Weltweit arbeiten Forscher an

selbstheilenden Materialien.

Halten Produkte bald ewig?

Für Handybesitzer ist es ein stetes Ärgernis:

Fällt ihr Smartphone auf den Boden, ist

oft genug das Display hin. Das passiert, laut

einer Umfrage unter iPhone-Nutzern in

England, fast jedem vierten Telefonbesitzer.

Eine riesige Serviceindustrie lebt davon,

denn global gesehen gehen die Reparaturkosten

in die Milliarden. Doch damit

könnte bald Schluss sein.

Denn weltweit forschen Wissenschaftler

an neuen, unzerstörbaren Superwerkstoffen

– wie etwa Ian Bond von der Universität

Bristol. Er beispielsweise arbeitet an einem

Glas, das sich selbst reparieren kann. Dafür

mischt er winzige Nanokugeln in die Scheibe,

die transparenten Kleber enthalten. Der

tritt bei Rissen im Glas aus und verschließt

sie. „Bisher funktioniert das schon bei

Scheiben für Militärfahrzeuge“, sagt Bond.

Bis die Technik auch für Smartphones verfügbar

ist, hat er noch ein paar Hürden zu

überwinden. Denn Display-Eigenschaften

wie Berührungsempfindlichkeit lassen sich

so noch nicht wieder herstellen.

Aber nicht nur Glas soll sich künftig

selbst heilen. Auch Plastik und Asphalt

könnten diese Qualitäten bald besitzen. Im

Oktober präsentierten spanische Materialexperten

der Universität von San Sebastian

einen weichen Kunststoff, den sie Termintor

tauften. Zerschneidet man ihn mit dem

Messer, ist er nach zwei Stunden wieder

zusammengewachsen. Künftig könnten

aus dem Material Stoßstangen werden.

Ähnliches soll bald für Straßen gelten. So

mischt der niederländische Professor Erik

Schlangen, der in Delft experimentelle

Straßenforschung lehrt, winzige Eisenstücke

in den Asphalt. Wenn er sie mit Mikrowellenstrahlung

erhitzt, schmelzen sie angerissenen

Asphalt und verhindern so die

Bildung von Schlaglöchern. Im besten Fall

verdoppelt sich die Lebensdauer des

Asphalts damit auf 40 Jahre. Auf einer 400

Meter langen Strecke der niederländischen

Autobahn wurde Schlangens Asphalt

schon verlegt – lange Staus wegen Schlaglochreparaturen

fallen hier künftig aus.

benjamin.reuter@wiwo.de

ILLUSTRATIONEN: ROLAND WARZECHA

90 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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GESUNDHEIT

Süße

Alternative

Arzneimittel und Impfstoffe aus

Zucker sind extrem haltbar. Roboter

stellen sie jetzt preiswert her.

Aus der modernen Medizin sind Eiweiße

nicht mehr wegzudenken. Denn weil diese

auch Proteine genannten Stoffe so wirksam

sind, basieren viele Medikamente – ob

Krebsmittel oder Impfstoff – auf Eiweißen.

Nur leider sind sie wahre Sensibelchen. Sie

zerfallen oft schon bei Zimmertemperatur.

„Mehr als die Hälfte der Impfkosten verschlingt

die Kühlkette; in Afrika und Asien

ist das ein Riesenproblem“, sagt Biomolekülforscher

Peter Seeberger vom Max-

Planck-Institut in Golm bei Potsdam.

LEBENSMITTEL

Print-a-Pizza

Mit Pulvern aus Algen und Insekten wollen Forscher künftig die Menschheit

ernähren. Drucker verarbeiten die Nährstoffe zu Pasta und Snacks.

Diese Pizza kommt weder aus dem Backofen,

noch duftet sie. Dafür könnte, was

Forscher des US-Unternehmens Systems &

Materials Research (SMRC) Anfang Oktober

im texanischen Austin vorführten, einen

Vorgeschmack darauf geben, wie wir

uns künftig ernähren: Erst backt eine Heizplatte

am Boden eines neuartigen

3-D-Druckers Mehl zu einem Teig, dann

quillt Tomatensoße aus den Druckdüsen,

und schließlich verteilen diese in dünnen

Fäden Käse über die Printer-Pizza.

Erst einmal sollen die eckigen Happen

Astronauten munden – in der Raumstation

ISS oder auf Mars-Missionen. Dafür hat die

US-Raumfahrtbehörde Nasa den Prototyp

in Auftrag gegeben. Doch SMRC-Chefingenieur

Anjan Contractor ist überzeugt, dass

die künstliche Nahrungserzeugung die

einzige Chance ist, die rasch wachsende

Weltbevölkerung auf Dauer mit Lebensmitteln

zu versorgen. Denn fruchtbare Böden,

um Getreide anzubauen oder Tiere

darauf zu weiden, werden weltweit knapp.

Contractors Team gewinnt daher Kohlenhydrate,

Proteine und Vitamine aus Algen,

Wasserlinsen, Gras, Insekten und Zuckerrübenblättern.

Die Entwickler mahlen

die Nährstoffe zu Pulvern, die sich bis zu 30

Jahre lagern lassen. Und 3-D-Drucker

schmelzen daraus am Ende Schicht für

Schicht Snacks, Nudeln oder eben Pizzas.

Die Amerikaner stehen mit der Idee essbarer

Druckware nicht allein: Der Drucker

der Wissenschaftler des TNO-Labors für

3-D-Lebensmittel im niederländischen

Eindhoven erzeugt aus pulvrigen sogenannten

Spice-Bytes ein Gericht pro Minute

– und zum Nachtisch Pralinen. Abgestimmt

auf den individuellen Nährstoffbedarf

und den persönlichen Geschmack.

dieter.duerand@wiwo.de

MOLEKULARE ANTENNE

Doch Seeberger hat eine Alternative: Medikamente

und Impfstoffe aus Zucker. Drei

solcher Impfstoffe existieren bereits; etwa

gegen Bakterieninfektionen, die Lungenund

Hirnhautentzündungen hervorrufen.

Denn Forscher haben erkannt, dass Zuckermoleküle

im Körper eine mindestens

so wichtige Rolle spielen wie Proteine. Die

Oberflächen von Zellen sind regelrecht gespickt

mit Zuckern. Sie dienen als molekulare

Antennen, mit denen die Zellen untereinander

Kontakt aufnehmen. Und Proteine

wie etwa das Wachstumshormon Erythropoetin

– kurz Epo – docken an diesen

süßen Oberflächen-Molekülen an, um ihre

Botschaft in die Zelle zu übermitteln.

Noch werden zuckerbasierende Impfstoffe

mithilfe von Bakterien hergestellt.

Doch eine neue Generation von Syntheserobotern,

wie sie Seeberger und sein Team

entwickelt haben, könnte das viel preiswerter

erledigen. Solche Systeme nutzt auch

Seebergers Firmenausgründung Glycouniverse

in Berlin.

Die Technik soll auch Grundlage eines

neuen hitzestabilen Zuckerimpfstoffs gegen

die Tropenkrankheit Malaria sein. Bisher

stirbt daran pro Minute ein Kind. Nur

4,5 Kilo des Zuckers wären nötig, um alle 65

Millionen Kinder zu impfen, die jedes Jahr

in den Malaria-Regionen der Welt geboren

werden, sagt Seeberger. Mehr noch: „Eine

Impfung würde pro Kind nur wenige Cent

kosten“, schätzt der Forscher. »

susanne.kutter@wiwo.de

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 91

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Technik&Wissen

VERBRAUCHERSCHUTZ

Big Data fürs Steak

Lückenlose, elektronische Kontrolle

macht Lebensmittel sicherer.

SMART HOME

Digitaler Dietrich

Immer mehr Geräte im Haushalt lassen sich mit dem Internet verbinden

und online steuern. Das ist enorm paktisch – auch für Einbrecher.

Mal sind es Salmonellen, die zu Lebensmittelrückrufen

führen, mal Giftstoffe wie

Dioxine, mal ist es Pferdfleisch in Lasagne.

Lebensmittelskandale schrecken die Verbraucher

immer wieder auf. Dann geht die

Suche los: Wo war die Quelle der Verunreinigung?

Wie kamen die tödlichen EHEC-

Erreger ins Essen? Wo wurde die Kühlkette

unterbrochen, sodass Fleisch oder Fisch

verdorben sind, bevor sie im Verkaufsregal

ankamen?

Hier soll digitale Überwachung für mehr

Verbrauchersicherheit sorgen. Schon jetzt

überwachen RFID-Funkchips bei vielen

Lebensmittelanbietern die Kühlketten.

Und der IT-Konzern IBM hat in der kanadischen

Provinz Manitoba den Herstellungsweg

eines Steaks vom Stall bis zum Teller

digital nachvollziehbar gemacht. Im sogenannten

Gobal Traceability Network sind

dafür 16 beteiligte Futtermittelhersteller,

Tierzüchter, Fleischverarbeiter, Transportunternehmer

und Großhändler vernetzt.

Noch mehr Sicherheit verspricht eine

Frischhaltefolie des Fraunhofer-Instituts

für Modulare Festkörper-Technologien. Sie

warnt durch eine Farbveränderung vor verdorbenen

Speisen. Ein Sensor in der Folie

reagiert auf Abbauprodukte, die sich bei

der Zersetzung der Lebensmittel bilden.

susanne.kutter@wiwo.de

28Wann werden

Krebs und

Aids endlich heilbar?

Bei den meisten Krebsarten sind die

Ärzte noch weit davon entfernt, sie

zu heilen. Etappenziel ist, die Krankheit

mit Medikamenten in Schach zu

halten und sie in ein chronisches Leiden

zu verwandeln – so wie Diabetes

oder Aids. Denn Aids-Patienten können

heute jahrzehntelang überleben,

wenn sie Zugang zu den modernen –

und teuren – Medikamenten haben.

Dass Hacker PCs angreifen, Mobiltelefone

fernsteuern und sogar digital iranische

Atomanlagen beschädigen können, das

zählt mittlerweile selbst bei technikfernen

Zeitgenossen zur Allgemeinbildung. Dass

aber Cybergauner immer öfter auch ganz

real in unseren Alltag eindringen, uns im

Wohnzimmer ausspähen, das Licht im

Schlafzimmer steuern, unsere Heizung regeln

oder gar die verschlossene Haustüre

entriegeln könnten, das ist bisher allenfalls

IT-Sicherheitsexperten bewusst.

Grund ist die zunehmende Vernetzung

aller Lebensbereiche, die es uns ermöglicht,

Haushaltsgeräte fast jeder Bauart –

von der Waschmaschine bis zum elektrischen

Türöffner – nicht nur von Hand zu

bedienen, sondern auch per Smartphone-

App oder über das persönliche Schalt-Portal

im Internet. So praktisch diese Smart

Home genannten Haushaltshelfer sein

mögen, die Systeme bereiten etablierten

Virenjägern zunehmend Kopfzerbrechen.

„Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis

wir neben den Schutzprogrammen für PC,

Notebook oder Handy auch eine digitale

Firewall fürs Eigenheim entwickeln müssen“,

sagt beispielsweise Eugene Kaspersky,

Gründer und Chef des gleichnamigen

IT-Sicherheitsanbieters aus Moskau. Dass

dahinter nicht bloß Panikmache steckt, belegen

die Ergebnisse auf der Black-Hat-Sicherheitskonferenz

in diesem Sommer in

Las Vegas. Dort hatten Sicherheitsforscher

unter anderem demonstriert, wie leicht

manche Smart-Home-Installationen von

außen erreich- und manipulierbar sind.

GUCKLOCH INS WOHNZIMMER

Im Falle einer inzwischen vom Markt genommenen

Haussteuerung des Anbieters

Insteon gelang es Reportern des US-Magazins

„Forbes“, bei acht Eigenheimbesitzern,

die sie via Internet-Suchmaschine gefunden

hatten, Licht oder andere technische

Geräte an- und auszuschalten. Ein Traum

auch für Einbrecher, die so selbst Alarmanlagen

den Saft abdrehen könnten. Beim sogenannten

Foscam-Hack schaltete sich ein

Angreifer in den Sprachkanal des Babyphones

und schockte die Eltern mit seiner

Männerstimme, die sie aus dem Kinderzimmer

zu vernehmen glaubten.

Und angesichts der Vielzahl mittlerweile

vernetzter Fernseher halten es Sicherheitsforscher

nur für eine Frage der Zeit, bis die

ersten Hacks bekannt werden, bei denen

Angreifer Webcams in TV-Geräten übernommen

und wie Gucklöcher ins Wohnzimmer

aktiviert haben. Im Fall von traditionellen

PC-Webcams soll das dem US-

Geheimdienst NSA schon seit Jahren möglich

gewesen sein. Und der deutsche Heiztechnikhersteller

Vaillant musste im vergangenen

Frühjahr kurzfristig das Sicherheitsleck

in der Steuerung seines Mikroblockheizkraftwerks

ecoPower 1.0 stopfen.

Gewiefte Hacker hätten mindestens die

Anlage ein- und ausschalten, aber wohl

auch die Temperatur regeln können.

Noch sind das rare Einzelfälle, doch

Smart Homes werden von der Ausnahme

zur Regel – und ihre Absicherung zur

Pflicht. Dabei sind – natürlich – die Hersteller

gefordert. Aber eben auch die Nutzer.

Ein erster, aber bisher kaum umgesetzter

Schritt ist, in allen vernetzten Geräten sichere

Passwörter einzurichten. Dass das

am PC und im Web-Shop unerlässlich ist,

haben wir ja auch schon gelernt.

thomas.kuhn@wiwo.de

ILLUSTRATIONEN: ROLAND WARZECHA

92 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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ENERGIE

Das Meer als Kraftwerk

Noch spielen Ozeane bei der Stromerzeugung kaum eine Rolle. Neue

Techniken aber könnten die Energieprobleme der Menschheit lösen.

James Ives, der Chef des irischen Startups

Openhydro, hat eine Vision: Seine Turbine

namens Arcouest soll Prototyp einer ganz

neuen Art von Kraftwerk werden. Als Strömungsfänger,

tief am Meeresgrund verankert,

wo kein Lichtstrahl mehr hinreicht,

aber das Wasser bis zu zehn Meter pro Sekunde

schnell dahin fließt, soll der Generator

künftig Strom produzieren.

Zusammen mit dem französischen Energieversorger

Électricité de France (EDF)

will Openhydro mit dieser Technik im

Frühjahr 2014 eines der ersten kommerziellen

Unterwasserkraftwerke der Welt

ans Netz bringen. Vier Turbinen sollen genug

Strom erzeugen, um durchgehend

2000 bis 3000 Haushalte zu versorgen.

Das französisch-irische Gemeinschaftsprojekt

ist nur eine von Dutzenden Initiativen,

um die in den Ozeanen der Welt gespeicherte

Energie künftig zur Stromerzeugung

zu nutzen. Das Potenzial ist riesig:

Laut der Internationalen Energieagentur

ließe sich mithilfe der Gewässer der gesamte

weltweite Strombedarf decken. Die Kräfte,

die sich die Unternehmen für ihre Meereskraftwerke

zunutze machen wollen, sind

dabei immer dieselben: Wellen, die Bewegung

von Ebbe und Flut oder Temperaturunterschiede

in den Wassertiefen.

So baut der Rüstungskonzern Lockheed

Martin gerade in China ein erstes schwimmendes

Kraftwerk, das einer Ölplattform

ähnelt. In einem Rohrsystem verwandelt

warmes Oberflächenwasser über einen

Wärmetauscher zuerst eine Spezialflüssigkeit

in Dampf, der einen Generator antreibt.

Um den Dampf zu kühlen und wieder

zu verflüssigen, durchläuft er tief ins

Wasser reichende Rohre. Dann beginnt der

Vorgang von Neuem.

Nicht weniger faszinierend ist das Projekt

des walisischen Unternehmens Tidal

Lagoon. In einer elf Kilometer langen Staumauer,

die eine künstliche Lagune in der

Swansea Bay vor der britischen Küste bildet,

treiben Ebbe und Flut Turbinen an, die

in den Wall eingelassen sind. Der Bau beginnt

in den kommenden Monaten, ab

2017 soll der Gezeitenstrom dann 100 000

Haushalte mit Strom versorgen. »

benjamin.reuter@wiwo.de

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Technik&Wissen

DROHNEN

Fliegende Postboten

Noch sind sie Spielzeug – oder Waffe. Doch bald schon werden die

Robo-Flieger auch für Logistiker und Entwicklungshelfer abheben.

Wer künftig ein Buch beim US-Internet-

Händler Amazon bestellt, soll nicht mehr

lange auf den Paketboten warten. Spätestens

30 Minuten nach der Bestellung wird

der Schmöker per Drohne vor der Haustür

landen. Noch ist der gerade erst werbewirksam

vorgestellte Lieferdienst nicht

mehr als ein Konzept – dem unter anderem

die US-Luftaufsichtsbehörde erst noch zustimmen

muss, bevor er frühestens 2015

an den Start geht. Doch die Transporttechnik,

die auch die Deutsche Post erprobt, ist

alles andere als eine Luftnummer.

So will etwa der australische Buchhändler

Zookal schon kommendes Jahr zusammen

mit dem Startup Flirtey in Sydney Bücher

per Minihubschrauber ausliefern. Das

soll die Kosten für Expresslieferungen von

8,60 auf 0,80 australische Dollar senken.

Auch das US-Startup Matternet arbeitet intensiv

an einem sich selbst steuernden

Drohnenschwarm, der etwa Medikamente

in abgelegene Dörfer in Entwicklungsländern

transportieren könnte.

Damit werden Drohnen, die bisher nur

als Spielzeug, fliegende Filmkameras oder

sündhaft teures Militärgerät unterwegs waren,

plötzlich zu einer Option für die Logistiker.

Ganze Schwärme unbemannter Fluggeräte

könnten Waren ausliefern – ohne

die Straßen zusätzlich zu belasten. Der Online-Einkauf

wäre dann mitunter sogar

29Drohen wegen

der Energiewende

Stromausfälle?

Obwohl der Anteil von Wind und Sonne

an der Stromproduktion 2013 in

Deutschland auf voraussichtlich gut

22 Prozent steigt, gab es keine

Blackouts. Laut Bundesnetzagentur

bleibt die Stromversorgung auch bei

einem weiteren Ausbau der Erneuerbaren

stabil. Allerdings hob sie den

Bedarf an Reservekraftwerksleistung

an: von 2540 auf 4800 Megawatt.

schneller als die Fahrt zum nächsten Shoppingcenter.

Und selbst in Dörfern mitten in

Afrika, die bisher kein Lkw erreichte, könnten

Menschen bald Handel treiben.

Technisch steht dieser Vision nicht

mehr viel entgegen. Sogar Spielzeugdrohnen

wie die AR Drone 2.0 des französischen

Anbieters Parrot sind schon jetzt mit

GPS-Sensoren ausgestattet, die die Position

der Fluggeräte metergenau bestimmen.

Aufsichtsbehörden könnten also Flugkorridore

bestimmen, durch die sich die

Drohnen bewegen dürfen. Zudem sind die

Geräte versierte Flieger: Computerchips

und die Bildverarbeitung sind so weit entwickelt,

dass Drohnen sich in der Luft gegenseitig

Bälle zuwerfen, in Formation

fliegen und sogar im Flug wie digitale

Greifvögel Dinge aufschnappen können.

Und schließlich können die Mikroflieger

ihre Umgebung mit Radarsensoren und

Kameras scannen und so Hindernissen

ausweichen. Schneller als Lastwagen, die

an jeder roten Ampel halten und in Staus

stehen, sind sie ohnehin. Noch aber fehlen

Umladestationen, an denen Drohnen entweder

die Batterien tauschen oder die

Fracht an Flieger mit frischem Akku weitergeben.

LASTENESEL IN DER LUFT

Ein solches Netzwerk soll etwa der Wettbewerb

schaffen, der kommendes Jahr in Kenia

startet: Beim Flying Donkey Challenge

sollen Teams Drohnen bauen, die bis zu 60

Kilogramm Last tragen und durch vorgegebene

Flugkorridore selbstständig von Dorf

zu Dorf fliegen. Bauern könnten dann beispielsweise

per Drohne Gemüse zum

nächsten Markt schicken, glaubt Ausrichter

Jonathan Ledgard, Leiter von Afrotech –

einer neuen Forschungseinrichtung an der

Eidgenössischen Technischen Hochschule

Lausanne (EPFL), die Technologien für

Afrika entwickelt. „Der Lastenesel“, sagt

Ledgard, „muss fliegen lernen.“

Viel Zeit haben die Teams nicht. Schon

2018 sollen die fliegenden Esel im Finale

gegeneinander antreten – in einem Rennen

rund um den Mount Kenia. Die Drohnen

sollen Ostafrikas zweithöchsten Berg

in maximal 24 Stunden umrunden. Auf der

200 Kilometer langen Strecke müssen sie

drei Pakete aufsammeln, die jeweils 20 Kilogramm

wiegen, und sie an festgelegten

Punkten abliefern. Den Teams, deren Flieger

am besten abschneiden, winken zwei

Millionen Dollar Preisgeld.

Die Aufmerksamkeit der Medien wird

Ledgard mit dem Projekt sicher sein. Aber

dem Briten, der jahrelang als Journalist für

den „Economist“ aus Afrika berichtet hat,

geht es keineswegs um ein irres Casting in

der Savanne. „Wenn es gelingt, Transportdrohnen

für unter 2000 Dollar zu bauen“,

sagt der Afrika-Kenner, „kann sich die

Technik rentieren.“ Im Jahr 2030, so seine

Vision, transportiert ein globales Drohnennetzwerk

Güter so sicher, wie es heute nur

mit bemannten Flugzeugen möglich ist.

andreas.menn@wiwo.de

ILLUSTRATIONEN: ROLAND WARZECHA

94 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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STROMSPEICHER

Lückenfüller

Wenn Sonne und Wind keinen

Strom liefern, sollen neuartige

Energiepuffer einspringen.

Bereits als das Orkantief Xaver Anfang Dezember

noch weit draußen auf dem Atlantik

lag, rauschte der Strompreis an der

Leipziger Strombörse in den Keller. Der

Grund: Die Händler erwarteten, dass die

Windturbinen im Land wegen des starken

Sturms drei bis vier Mal so viel Elektrizität

produzieren würden wie üblich. Dieses

enorme Angebot sei nur mit großen Preisnachlässen

loszuschlagen, glaubten sie.

Die Reaktion der Trader illustriert ein

zentrales Problem der Energiewende. Je

mehr Strom Wind- und Solaranlagen produzieren,

desto dringlicher wird die Aufgabe,

das unstete Angebot auszugleichen.

Das Ziel dabei: Statt Überschüsse mehr

oder weniger zu verschenken, sollen sie für

Zeiten gehamstert werden, in denen Wind

und Sonne pausieren.

Weltweit sind Forscher daher in einem

Wettlauf um die Entwicklung neuer, leistungsfähiger

und bezahlbarer Speichersysteme.

Sie sollen kurzzeitige Schwankungen

in der grünen Stromproduktion ebenso

kompensieren können wie längere Ausfälle,

wenn tagelang kein Lüftchen weht oder

Wolken den Himmel verhüllen.

Der Bedarf an Speicherkapazität ist gewaltig:

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung

schätzt ihn für Deutschland

im Jahr 2050 auf mindestens 16 000

Megawatt – was der Leistung von 16 Kernkraftwerken

entspricht. Aber auch in vielen

Gegenden der USA entstehen derzeit große

Wind- und Solarparks, deren Strom gelagert

werden will. Das erklärt, warum sich

gerade dort so viele Spitzenforscher in

spektakuläre Speicherprojekte stürzen.

Einer von ihnen ist Donald Sadoway,

Professor am Massachusetts Institute of

Technology (MIT). Er hat eine Batterie entwickelt,

in der Strom in preiswerte flüssigen

Metallen statt wie bisher in Feststoffen

zwischengelagert wird. Schon im kommenden

Jahr will der Chemiker mit seinem

Startup Ambri einen Prototyp testen. Die

Speicher in Containergröße sollen zwei

Megawattstunden Strom aufnehmen können.

Damit ließen sich 70 US-Haushalte einen

Tag lang mit Elektrizität beliefern.

Künftig will Sadoway die Zellen zu Großspeichern

mit einem Fassungsvermögen

von mehreren Hundert Megawattstunden

zusammenschalten. Sie könnten dann

ganze Stadtteile versorgen. Als weitere Vorzüge

der Technologie nennt der Forscher:

Auch nach Jahren intensiver Nutzung verliert

der Flüssigmetall-Akku, anders als seine

Feststoff-Pendants, kaum Ladekapazität.

Und er lässt sich preiswerter herstellen.

Vinod Khosla, Mitgründer von Sun Microsystems

und heute Risikokapital-Legende,

sowie Microsoft-Gründer Bill Gates

hat Sadoway überzeugt. Mit 15 Millionen

Dollar finanzieren sie den Bau einer ersten

Produktionsstätte für die neuen Speicher.

Beide sind als Geldgeber auch beim kalifornischen

Startup Lightsail an Bord. Dessen

Entwickler kombinieren Druckluft und

Wasser zu einem hocheffizienten Speicher.

Produzieren Solarkraftwerke mehr Strom,

als gerade benötigt wird, presst ein Motor

mit der überschüssigen Energie Luft in einen

Behälter. Damit die bei der Kompression

entstehende Wärme nicht ungenutzt

bleibt, sprühen die Kalifornier Wasser hinzu,

das die Wärme aufnimmt. Anschließend

trennen sie Druckluft und das erhitzte

Wasser und speichern sie separat.

WARMER SPRÜHNEBEL

Wird Strom gebraucht, kehrt sich der Prozess

um: Die Druckluft strömt aus dem Behälter

und treibt einen Generator an; ein

warmer Sprühnebel beschleunigt die Ausdehnung

der Luft. Dank dieses Kniffs, behaupten

die Lightsail-Entwickler, würden

von zehn Kilowattstunden, die in den Speicher

hineinfließen, sieben zurückgewonnen.

Das System wäre damit ähnlich effizient

wie gute Batterien – aber zu einem

Zehntel der Kosten. Die Londoner Marktforscher

von Navigant Research sagen

Druckluftspeichern deshalb eine große Zukunft

voraus. Schon 2023 sollen weltweit

Anlagen mit einer Kapazität von mehr als

11 000 Megawatt installiert sein.

Eine vollkommen neue Speicheridee

verfolgt das US-Unternehmen Ares aus

Santa Barbara. Die Kalifornier lassen mit

überschüssigem Strom Elektroloks einen

Hügel hinauffahren. Wird Strom gebraucht,

rollen die Loks wieder bergab. Die

anfallende Bremsenergie wird in Strom zurückgewandelt

und fließt ins Elektrizitätsnetz.

In Nevada plant Ares das erste Schienenspeicherwerk

der Welt. Es soll rund

drei Millionen US-Haushalte etwa acht

Stunden lang mit Strom versorgen.

dieter.duerand@wiwo.de

DISPLAYS

Freie Entfaltung

Bildschirme lassen sich biegen, ohne

zu brechen, und laden Handys.

Displays von Smartphones und Tablets haben

in den letzten Jahren gewaltige Fortschritte

gemacht. Ihre Auflösung wurde immer

höher, und die Farben wurden brillanter.

Nun steht der nächste Entwicklungssprung

an: Bildschirme werden flexibel. Seit

diesem Jahr verkaufen die Technikriesen

Samsung und LG Handys mit leicht gebogenen

Displays. Sie sollen sich wegen der Wölbung

besonders gut halten und dabei ohne

Fingerverrenkungen bedienen lassen. Ihr

Preis liegt bei mindestens 750 Euro.

In der nächsten Stufe wollen die Hersteller

bald schon Telefone mit flexiblen Displays

auf den Markt bringen. Die sollen

sich sogar wie eine Zigarre zusammenrollen

lassen – oder von selbst die Form verändern.

So präsentierten kanadische Forscher

kürzlich einen Display-Prototyp, dessen

Ecken sich krümmen, wenn eine

E-Mail eintrifft. Das Handy oder Tablet der

Zukunft winkt seinem Besitzer also zu.

Aber nicht nur flexibel werden die mobilen

Geräte der Zukunft sein, sie produzieren

auch ihren eigenen Strom. Das französische

Startup Sunpartner hat dafür eine

Folie aus transparenten Solarzellen entwickelt,

die sich unauffällig in das Display integrieren

lässt. Liegt das Telefon eine Stunde

in der Sonne, erzeugt sie genug Strom

für ein zehnminütiges Gespräch. »

benjamin.reuter@wiwo.de

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 95

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Technik&Wissen

MODE

Laufen und löschen

Vernetzte Kleidung macht Sportler

fitter und den Alltag sicherer.

Vielleicht liegt es ja schon an der neuen

High-Tech-Sportkleidung, an den sensorbestückten

Schienbeinschonern und Trainingsbällen.

In jedem Fall wird die TSG

1899 Hoffenheim, die Ende vergangener

Saison nur dank der Relegation im Oberhaus

des deutschen Fußballs blieb, diesen

Winter im Liga-Mittelfeld verbringen.

Fakt ist, dass der Club nun auch technologisch

vom Mäzenatentum des SAP-Mitgründers

Dietmar Hopp profitiert. Denn

seit November nutzen die Hoffenheimer

vernetzte Funktionskleidung, um den Trainingsbetrieb

zu optimieren. Integrierte

Sensoren liefern Trainingsdaten en masse:

Sprints, Tempo und Ballkontakte aller

Spieler werden erfasst, auf Computer gefunkt

und mit SAP-Software ausgewertet.

Wearables heißen diese High-Tech-Kleidungsstücke,

die Computer- und Kommunikationstechnik

mit klassischen Geweben

oder anderen Accessoires verbinden.

Smarte Computerbrillen wie etwa Googles

Glass (siehe Seite 88) sind die augenfälligsten,

aber längst nicht mehr die einzigen

Beispiele dafür. Was den Hoffenheimer

Profis teuer ist, bekommen ambitionierte

Amateure nun auch billiger. Statt Funktechnik

am Spielfeldrand und Rechenpower

vom Technikpartner SAP reichen technikaffinen

Fußballern Adidas’ smarter Adizero

Fußballschuh und eine Handy-App,

um Sprints und Schüsse zu protokollieren.

Solche smarten Kleidungsstücke werden

in Zukunft immer mehr Lebensbereiche

erobern. Vor allem dürfte die Technik mehr

Sicherheit im Alltag bieten: Forscher des

Berliner Fraunhofer-Instituts IZM haben

beispielsweise einen Babystrampler mit

Sensoren entwickelt, der die Eltern alarmiert,

falls das Kind nicht mehr atmet.

Und im vom Bundesforschungsministerium

geförderten Projekt SensProCloth arbeiten

Hersteller und Forschungsinstitute

an digital aufgerüsteter Schutzkleidung, etwa

für Feuerwehrleute. Die könnte etwa,

wie die Sensoren der Hoffenheimer Spieler,

den Fitnesszustand jedes Retters drahtlos

an die Einsatzleitung senden. Noch bevor

der Helfer im Stress schlapp machte,

könnte sein Chef den Rückzug anordnen.

thomas.kuhn@wiwo.de

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ILLUSTRATIONEN: ROLAND WARZECHA

INFORMATIONSTECHNIK

Die Superhirne

Quantencomputer begründen das

Zeitalter der Hochleistungs-IT.

Was wirklich in den neuen Superrechnern

steckt, die das kanadische Startup D-Wave

Systems den Computerlabors von Google,

der US-Raumfahrtbehörde Nasa und des

Rüstungsherstellers Lockheed Martin geliefert

hat, wissen noch nicht mal die Käufer

genau. Die Kanadier versprechen, dass

die Hochleistungsmaschinen die ersten

Quantencomputer sind – ein Rechnertyp,

der künftig millionenfach schneller arbeiten

soll als klassische Computer.

Der Leistungssprung könnte es ermöglichen,

das Wetter, Börsenbewegungen oder

Medikamentenwirkungen mit bisher unverstellbarer

Genauigkeit zu prognostizieren.

Vereinfacht lässt sich die Stärke von

Quantencomputern so beschreiben: Herkömmliche

Informationseinheiten, Bits

genannt, sind immer als 0 oder 1 definiert.

Quantenbits können beides zugleich sein.

Das beschleunigt Rechnungen enorm –

zumindest theoretisch. Denn die Technik

ist selbst für Experten kaum zu verstehen.

Daher soll 2015 die Berechnung einer bisher

wegen ihrer Komplexität unlösbaren

Kalkulation als Test herhalten: Findet die

Maschine ein Ergebnis, gehen die Forscher

davon aus, dass es sich tatsächlich um einen

Quantencomputer handelt.

benjamin.reuter@wiwo.de

MOBILITÄT

Airline ins Büro

Ganz schön abgehoben: Startups

entwickeln fliegende Autos.

Es ist eine alte Science-Fiction-Vision, die

nun Realität wird: Fliegende Autos, bekannt

aus Filmen wie „Zurück in die Zukunft“

oder „Das fünfte Element“, können

Technikfans jetzt beim US-Startup Terrafugia

vorbestellen. Das nämlich hat einen

Wagen mit dem treffenden Namen Transition

entwickelt, der sich – ähnlich einem

Bond-Mobil – auf Knopfdruck und in 60

Sekunden in ein Flugzeug verwandelt. Mit

eingeklappten Flügeln passt das 279 000

Dollar teure Vehikel problemlos in jede

Garage – ganz wie ein normales Auto.

Abheben darf der Zweisitzer allerdings

nur auf der Startbahn eines Flughafens. In

der Luft beschleunigt er auf bis zu 185 Kilometer

pro Stunde und kommt mit einer

Tankfüllung rund 750 Kilometer weit. Damit

könnten Geschäftsreisende locker von

Hamburg nach München fliegen. Einmal

gelandet, geht es ohne umsteigen auf der

Autobahn weiter in die Stadt.

Der Verbrauch des Zwittergefährts liegt

laut dem Hersteller bei elf Litern pro 100

Kilometer. Mehr als 100 Interessenten haben

bereits 10 000 Dollar als Kaufoption

angezahlt. 2015 sollen die ersten Exemplare

ausgeliefert werden.

Und die Ingenieure arbeiten schon an einem

Folgemodell, das es Pendlern ermöglichen

soll, direkt vor der Haustür abzuheben:

Das TF-X genannte Auto fährt auf

Knopfdruck zwei Flügel mit Propellern aus,

mit denen es senkrecht startet wie ein Helikopter.

Dank Autopilot, Ausweichautomatik

und einem Fallschirm, an dem der Flugwagen

bei einem Defekt zu Boden gleitet,

soll sich der Viersitzer so leicht steuern lassen,

dass sein Fahrer nur fünf Übungsstunden

und keine Pilotenlizenz braucht.

Ob das die Luftfahrtbehörden genauso

sehen, ist allerdings noch völlig offen. Einen

Vorteil hat TF-X gegenüber dem Vorläufer

allerdings: Es fliegt nicht mit Benzin,

sondern mit Strom und ist damit sehr viel

umweltfreundlicher. Der Nachteil: Laut

Terrafugia kommt der fliegende Stromer

frühestens in zehn Jahren auf Markt. »

andreas.menn@wiwo.de

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Technik&Wissen

LEBEN

Das Ende vom Ende

Unser Körper soll 300 Jahre alt

werden; das Hirn überlebt digital.

Sterben muss nicht sein, finden Futurologen

wie der US-Forscher Ray Kurzweil. Der

erfolgreiche Buchautor und Chefentwickler

des Internet-Konzerns Google schluckt

schon seit vielen Jahren täglich an die 150

Vitaminpillen, um seine Zeit im Diesseits

zu verlängern. Der 65-Jährige geht fest davon

aus, dass der Tod in wenigen Jahrzehnten

überwunden ist.

Dabei setzen Zukunftsgläubige wie er

auf immense Entwicklungssprünge bei

medizinischen und biologischen Technologien.

So findet Kurzweil, dass unser Erbgut

dringend mithilfe der Gentechnik umprogrammiert

werden müsse: „Wir laufen

mit einer alten und überholten Software

herum.“ Die sei vor 10 000 Jahren optimal

gewesen, brauche aber ein Update.

BACKUP FÜR DIE EWIGKEIT

Kurzweil setzt auch darauf, den menschlichen

Körper mit immer intelligenteren

Computern zu verzahnen. Das Handy sei

schon eine Erweiterung von Körper und

Geist. Da liegt es für Kurzweil auf der Hand,

es ins Gehirn zu implantieren, sobald es

klein genug ist. Spätestens dann klappe

auch die Datenübertragung zwischen Gehirn

und Computerchips gut genug.

An Hirn-Computer-Schnittstellen arbeiten

vor allem jene Forscher, die elektronisch

gesteuerte Prothesen bauen. Bald

sollen dann auch winzige elektronische

Roboter in der Blutbahn unterwegs sein,

die den Körper fit und gesund halten. 300

Jahre könnten wir so – mithilfe von Biotech

und IT – werden, postuliert Kurzweil.

Schon in 50 Jahren sei das möglich.

Wenn der körperliche Verfall dann gar

nicht mehr aufzuhalten ist, heißt der

nächste logische Schritt für den Visionär,

unseren Geist auf eine Festplatte zu bannen.

Unsere Talente und mentalen Fähigkeiten

lebten dann als „Sicherheitskopie

für die Ewigkeit“ in silico weiter.

Für Kurzweil selbst könnte das zu knapp

werden. Deshalb will er sich nach seinem

Tod einfrieren lassen – damit er später einmal

aufgetaut und wiederbelebt werden

kann, wenn all diese Techniken Wirklichkeit

geworden sind.

susanne.kutter@wiwo.de

VERKEHR

Vorfahrt für Auto-Mobile

Selbstfahrende Wagen senken Unfallzahlen und steigern den Komfort.

Schwedens Regierung hat ein ehrgeiziges

Ziel: Die Zahl der Verkehrstoten soll auf

null sinken, und das bis spätestens 2020.

Derzeit zählt das dünn besiedelte Land

noch rund 300 von Autofahrern verursachte

Todesfälle pro Jahr. Dass die Politiker es

ernst meinen, zeigt ein gewagter Pilotversuch:

Zusammen mit dem Hersteller Volvo

lassen sie ab 2014 rund 100 selbstfahrende

Autos unter Alltagsbedingungen im Straßenverkehr,

etwa in Göteborg, testen.

Um die Wagen sicher – und vor allem

besser als menschliche Piloten – durch Innenstädte,

dicht bewachsene Alleen und

den Autobahnverkehr zu lenken, verfügen

die selbstfahrenden Autos von Volvo über

eine Vielzahl von Augen und Ohren: Sensoren,

Radarsysteme, Kameras sowie zahllose

Mikrochips. Sie schaffen so rund 20

Mal pro Sekunde ein Bild der Umgebung

und verknüpfen es mit Informationen über

Straßen, Brücken und Hügel, die in einem

Navigationsgerät hinterlegt sind.

Volvo greift mit dem Konzept den Softwareriesen

Google an, aber auch die Autohersteller

BMW, Ford, Mercedes, Nissan,

Volkswagen, Audi sowie die Zulieferer

Continental und Bosch. Sie alle präsentierten

jüngst neue Ideen für selbstfahrende

Fahrzeuge. Den Trend zum autonomen

Mobil findet Carlos Ghosn, Chef des weltweit

viertgrößten Autoherstellers Renault-

Nissan, logisch: „Selbstfahrende Autos

sind weltweit das größte Technikthema der

nächsten Jahre.“ Sein Unternehmen kündigte

kürzlich an, bis 2020 ein selbstfahrendes

Auto auf den Markt zu bringen.

Die Vorteile der computergesteuerten

Wagen sind klar: Auch wenn die meisten

Autofahrer glauben, sie lenkten ihren Wagen

besser als jede Maschine, beweist die

Statistik der Bundesanstalt für Straßenwesen

anderes: Jedes Jahr gibt es weltweit 1,3

Millionen tödliche Unfälle. 4000 allein in

Deutschland. Und in 90 Prozent dieser Fälle

ist der Fahrer schuld. Hinterm Steuer ist

der Mensch also eine ziemliche Niete. Er

sieht nachts schlecht, muss im Gegenlicht

anderer Autofahrer ständig blinzeln. Und

manchmal schläft er sogar ein.

Neben dem enormen Gewinn an Sicherheit,

den der Einsatz leistungsfähiger Computertechnik

verspricht, wächst auch der

Komfort der autonomen Fahrmaschinen

gewaltig: Statt sich über Staus aufzuregen,

könnte der Fahrer künftig lesen, Mails checken

oder dösen. Und schon bald wird sich

das Auto seinen Parkplatz ganz automatisch

und ganz alleine per Knopfdruck auf

dem Smartphone suchen.

Die Technik könnte zudem die individuelle

Mobilität selbst retten, glaubt Sebastian

Thrun, der für Google ein selbstfahrendes

Auto entwickelt: „Wir könnten die Kapazität

der Straßen verdoppeln oder gar

verdreifachen, wenn der Mensch nicht

fährt.“ Denn autonome Fahrzeuge können

dichter auffahren, nachts besser sehen,

schneller reagieren, effektiver bremsen

und sich gegenseitig vor Unfällen, Staus,

Glatteis und Regen warnen.

Diesen Komfort wollen wiederum zuerst

die Schweden von Volvo ihren Kunden bieten.

Schon 2017 soll mit dem Geländewagen

XC 90 das erste selbstfahrende Auto serienreif

sein. Wie viel die neue Technik kosten

wird, ist allerdings noch unklar.

juergen.rees@wiwo.de

ILLUSTRATIONEN: ROLAND WARZECHA

98 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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ROBOTIK

Schnippeln, wuseln, wachen

Intelligente Maschinen sollen in Zukunft alten Menschen helfen, Ärzte

per Tele-Präsenz in Kliniken beamen – und Hamburger braten.

RAUMFAHRT

Fliegende Würfel

Kleinsatelliten ermöglichen

drastisch günstigere Forschung.

Maschinen fertigen heute vollautomatisch

Hunderttausende von Produkten – von der

Autokarosserie bis zum Zielfernrohr. Seit

der Erfindung des mechanischen Webstuhls

Ende des 18. Jahrhunderts haben wir

uns daran gewöhnt, dass industrielle Herstellung

mit immer mehr Automatisierung,

Fließbändern und Robotern einhergeht.

Doch nun erobert der Automatisierungstrend

ganz neue Bereiche, die bisher

noch der Handarbeit vorbehalten waren –

von der Küche bis zum Krankenhaus.

Zwar müssen Gourmetköche vorerst

nicht um ihre Jobs fürchten. Mitarbeiter

von Fast-Food-Restaurants dagegen schon.

Sie seien durchaus ersetzbar, finden die

Gründer des kalifornischen Startups Momentum

Machines. Die Jungingenieure

Jack McDonald, Alex Vardakostas, Steven

Frehn und Ari Atkins aus San Francisco haben

einen Roboter gebaut, der ohne

menschliches Zutun Hamburger zubereitet.

Mithilfe der immerhin schlafzimmerschrankwandgroßen

Maschine wollen die

vier nun den 70 Milliarden Dollar schweren

US-Markt für Fritten und Burger mit einer

eigenen Schnellimbisskette aufrollen.

Ihr Argument: Ihr Automat mache bessere

Burger als jeder Mitarbeiter eines Fast-

Food-Restaurants.

Was nicht etwa am schludrigen Arbeiten

der Fast-Food-Köche liegt, sondern vor allem

am Preis ihrer Arbeitskraft. Vardakostas

beziffert sie in den USA auf insgesamt

neun Milliarden Dollar. Komme dagegen

sein Burger-Automat zum Einsatz, könnten

Schnellrestaurantbetreiber mehr Geld

in bessere Zutaten investieren. Superfrische

Gourmetburger – Vardakostas weiß,

worauf es ankommt. Sein Vater betreibt einige

Schnellimbissrestaurants in Kalifornien,

in denen er als Kind aushalf.

Im Alltagsbetrieb schnippelt der Automat

Tomaten, Gurken oder Zwiebeln erst

dann klein, wenn die Bestellung per Telefon-

oder Mail-Order eingeht. Und wenn

der Kunde ein Mischungsverhältnis von 20

Prozent Schwein und 80 Prozent Rind

wünscht, dann knetet der Roboter den

Fleischklops al gusto zusammen.

ARZT AUF DEM BILDSCHIRM

Noch gravierender als die Küchen dieser

Welt wird die Robotik aber das Gesundheitssystem

verändern. Schon heute unterstützen

Computer Chirurgen bei Operationen,

indem sie zum Beispiel aus Steuerbewegungen

elektronisch geführter OP-Bestecke

das unwillkürliche Zittern der Hände

herausrechnen. Und alten Menschen

helfen Roboter, das tägliche Leben zu

meistern – zum Beispiel, indem sie selbstständig

einen Hilferuf absetzen, wenn die

Senioren sich in einer Notlage befinden.

Seit wenigen Monaten hat zudem das

erste medizinische Ferndiagnosesystem

von der US-amerikanischen Gesundheitsbehörde

FDA eine Zulassung erhalten. RP-

Vita, so der Name des Remote-Präsenz-

Systems des Roboterspezialisten iRobot

und des Telemedizinanbieters In Touch

Health, wuselt in Kliniken umher, um Patienten

zu helfen.

Wird jemand in kritischem Zustand eingeliefert,

trommelt der Roboter Pfleger und

Ärzte teils physisch, teils telemedizinisch –

auf seinem Bildschirm – zusammen und

präsentiert allen die wichtigsten Daten des

Patienten. Daraufhin entwirft das Notfallteam

einen Rettungsplan für den Patienten,

den der Roboter überwacht.

susanne.kutter@wiwo.de

Als Mitte November vor der US-Ostküste

eine Minotaur-Rakete in den Weltraum

startete, stellte sie einen Rekord auf:Gleich

29 Satelliten entließ sie in den Erdorbit, so

viele auf einen Schlag wie nie zuvor. Die

Rakete war nicht einmal besonders groß.

Vielmehr waren die Satelliten besonders

klein: 28 von ihnen waren Würfel mit nur

zehn Zentimeter Kantenlänge, gespickt mit

Computerchips und Sensoren.

Es ist der bisher größte Einsatz sogenannter

Cubesats, einer neuen Klasse von Satelliten,

die erheblich preiswerter, leichter und

handlicher sind als herkömmliche Modelle.

Kosten große Satelliten mehr als 100 Millionen

Dollar und ihr Start noch einmal 80 Millionen

Dollar, lassen sich Cubesats für

10000 Dollar bauen. Und weil sie in Raketen

so wenig Platz brauchen, schießen Nasa

und Co. sie oft gar zum Nulltarif neben kommerziellen

Satelliten ins All.

Das Konzept ist schon älter – doch erst

jetzt werden Cubesats populär: Studenten

bauen Mini-Sputniks, Startups entwickeln

Weltraumteleskope, und mit den jüngsten

28 Cubesats wollen Nasa, US-Militär und

staatliche Institute Weltraummüll überwachen,

Solarzellen im All testen und messen,

wie Blitze die Atmosphäre verändern. n

andreas.menn@wiwo.de

30Wann gibt es

3-D-Drucker

bei Aldi oder MediaMarkt?

Das dürfte bald so weit ist. Preislich

liegen Geräte für den Hausgebrauch,

wie der K8200 von Vellemann oder

PRotos V2 von GermanRepRap, mit

knapp 800 Euro schon auf Discounter-Niveau.

Für die massentaugliche

Bedienbarkeit der Technik könnte

Luigi Colani sorgen. Einen von dem

Designer entworfenen 3-D-Drucker

will der deutsche Versender Pearl

schon 2014 auf den Markt bringen.

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 99

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Technik&Wissen

»Wir sind alle Cyborgs«

INTERVIEW | Rolf Pfeifer Der europäische Vordenker für künstliche Intelligenz über die Verschmelzung

von Mensch und Maschine, unsere Abhängigkeit von Technologien und ein Internet für Roboter.

Grau hängt der Nebel an diesem nasskalten

Dezembertag über Zürich

und verhüllt das umliegende Bergpanorama.

Doch das miese Wetter kann

Rolf Pfeifer die Laune nicht verderben. Der

66-jährige Physiker und Mathematiker, der

an der Universität Zürich seit 1987 das Labor

für Künstliche Intelligenz (KI) leitet, ist

gerade aus Paris zurückgekehrt. Er hat dort

die französische Ausgabe seines Buchs

„The Revolution of Embodied Intelligence“

vorgestellt.

Pfeifer ist eine Koryphäe der KI-Forschung.

Zu seinen besten Freunden zählt

Rodney Brooks, legendärer Roboterpionier

am Massachusetts Institute of Technology

(MIT). Als einer der Ersten erkannte Pfeifer,

dass sich Verstand nicht von außen als fertiges

Computerprogramm einhauchen

lässt. Der Geist brauche einen Körper, um

sich entfalten zu können, proklamierte der

Schweizer Vordenker schon in den Neunzigerjahren

– und kam so zu den Robotern.

Heute ist seine These weithin anerkannt.

Und damit seine Maschinenkreationen so

viel Sinneseindrücke wie möglich sammeln

können, rüstet er ihren Bewegungsapparat

anatomisch korrekt mit künstlichen

Sehnen, Muskeln und Knochen statt

mit bloßen Elektromotoren aus. Im Roboy,

der dieses Jahr weltweit Aufmerksamkeit

weckte, hat er diese Prinzipien perfektioniert.

Das Kerlchen kann winken, die Arme

ausbreiten und Hände schütteln. Das ist

schon eine ganze Menge für einen Roboter.

Gerade kursieren wieder einmal wilde

Prophezeiungen in der Szene. Etwa die des

US-amerikanischen Technologie-Visionärs

Ray Kurzweil, dessen Dienste sich der

Internet-Gigant Google gesichert hat. Er

behauptet, wir alle würden uns in wenigen

Jahrzehnten technisch zu Supermenschen

aufrüsten und dazu mit den Maschinen zu

Cyborgs verschmelzen. Pfeifer – kurzes

graues Haar, drahtige Figur, wache Augen

hinter den Brillengläsern – belustigen solche

Vorstellungen. „Da wird maßlos übertrieben.“

Doch auch er sieht den Beginn einer

neuen Ära heraufziehen, in der Roboter

bald wie selbstverständlich unter uns

leben. Wenn ein Konzern wie Google jetzt

in die Robotik einsteige, dann sei das ein

starkes Aufbruchssignal, glaubt er.

Mitte nächsten Jahres wird Pfeifer aus Altersgründen

an der Uni Zürich ausscheiden.

Ob er dann durch die Schweizer Bergwelt

streifen wolle? Pfeifer winkt ab. Ruhestand,

das ist nichts für ihn. Und Zürich sei

ihm, ehrlich gesagt, zu eng. „Nach einiger

Zeit kann ich dort nicht mehr atmen.“

FOTOS: TANJA DEMARMELS FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

100 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Stattdessen wird er eine Wohnung in

Shanghai nehmen und mit Forschern der

Jiao-Tong-Universität eine Weinhandlung

eröffnen. Eine besondere natürlich. In ihr

sollen Roboter mit den Kunden plaudern

und sie bei der Weinauswahl beraten.

Die elektronischen Verkäufer erkennen

Stammkunden an ihrem Gesicht und merken

sich, welche edle Tropfen sie bevorzugen.

Sogar Gläser sollen die Maschinen zur

Verkostung füllen können. Nur zum Entkorken

der Flaschen brauchen sie Unterstützung.

Diese für den Menschen einfache

Handlung ist für einen Roboter noch

immer viel zu kompliziert.

Herr Pfeifer, kennen Sie Stanley Kubricks

Kinofilm „2001 – Odyssee im Weltraum“?

Oh ja, ich habe ihn als damals junger Wissenschaftler

mehrmals gesehen und fand

ihn äußerst visionär und fesselnd.

Auch etwas beunruhigend? Denn als

die Besatzung des Raumschiffs entdeckt,

dass der Bordcomputer technische

Probleme hat, will sie ihn abschalten. Der

merkt das, verselbstständigt sich und will

die Astronauten töten. Rückt ein Szenario,

in dem Maschinen die Herrschaft übernehmen,

nach heutigem Forschungsstand

bei künstlicher Intelligenz näher?

Nein. Das ist noch auf längere Zeit reine

Science-Fiction. Aktuell braucht sich niemand

zu sorgen, wir könnten die Kontrolle

verlieren.

Aber technische Systeme können doch

immer mehr. Daimler und Google entwickeln

selbstfahrende Autos, der Versandhändler

Amazon und die Deutsche

Post wollen Pakete von autonomen Drohnen

zustellen lassen, in Japan waschen

Roboter in Friseurläden Kunden die Haare.

Das ist sehr beeindruckend und doch nicht

wirklich neu. Bei Einzeltätigkeiten, sei es

Schach spielen, an der Börse handeln oder

schweißen, sind uns Rechenalgorithmen

und Maschinen doch schon länger überlegen.

Sie sind schneller, besser, präziser, billiger,

arbeiten klaglos und ermüden nie.

Das haben wir seit Langem akzeptiert. Und

jetzt kommen einfach neue Tätigkeiten

hinzu.

Mit wachsender Intelligenz der

Maschinen hat dies nichts zu tun?

Nein. Maschinen können immer noch nur

das, wofür sie jeweils geschaffen wurden.

Der Mensch hingegen beherrscht eine ungeheure

Vielfalt unterschiedlichster Dinge.

Wir können sprechen, komplexe Situationen

erkennen und beurteilen, nähen, kochen,

Bücher schreiben und rechnen. Und

»Der Roboter, der alles kann, ist bis

auf Weiteres eine reine Utopie«

ebenso wichtig: Wir lernen ungeheuer

schnell dazu. An diese Vielseitigkeit

kommt selbst das ausgebuffteste technische

System nicht annähernd heran.

Wir müssen also auf den elektronischen

Butler, der uns die lästigen Dinge

des Alltags abnimmt, weiter warten?

So ist es. Erst werden wir viele hoch spezialisierte

Maschinen um uns herum haben,

die Staub saugen, Fenster putzen, das Geschirr

abräumen oder uns künftig das Autofahren

abnehmen. Sie sind teils schon

billig genug, um einen Massenmarkt zu bedienen.

Der Roboter, der alles kann, ist dagegen

bis auf Weiteres Utopie.

Ist Komplexität der einzige Grund für das

Scheitern?

Beileibe nicht. Nehmen wir nur unsere

Hände. Ihre Beweglichkeit und Sensitivität

ist eine wichtige Voraussetzung, für die

menschliche Vielseitigkeit. Allein in den

Fingerkuppen steckt eine große Zahl feiner

Sensoren, die Druck, Temperatur, Vibration

und Schmerz empfinden. Hinzu

kommt: Die Oberfläche unserer Hände ist

deformierbar und passt sich jeder Form eines

Objekts an. Das ist die Voraussetzung

für sicheres Greifen. Schließlich ist die

Haut extrem robust, wasserdicht – und

wenn sie verletzt ist, heilt sie von selbst. Alle

diese Eigenschaften können wir heute

technologisch nicht einmal ansatzweise

nachbilden.

Wenn das schon nicht klappt, halten Sie es

dann für möglich, das menschliche Gehirn

nachzubauen, wie es Wissenschaftler

in einem großen EU-Projekt anstreben?

Dieser Ansatz ist problematisch. Man

müsste zumindest das Gehirn in einen simulierten

Körper einbetten, anstatt es zu

isolieren. Zu glauben, das Gehirn in eine

Nährflüssigkeit stecken zu können und es

würde weiter sinnvoll funktionieren, hat

nichts mit der Realität zu tun.

1997 schlug der von IBM-Ingenieuren

konstruierte Großcomputer Deep Blue

Weltmeister Garry Kasparov im Schach.

War dies der erste Triumph einer Maschine

über den menschlichen Verstand?

Aber nur in einem sehr eingeschränkten

Sinne. Denn die Art und Weise, in der ihr

das gelang, unterscheidet sich komplett

davon, wie ein Mensch Schach spielt. Deep

Blue konnte nur extrem schnell unendliche

viele Varianten von Zügen auf ihren Erfolg

hin durchrechnen, mehr nicht. Auch

ich war anfangs überzeugt: Intelligenz

gleich Computerprogramme. Aus diesem

Gedanken heraus haben wir hier am Institut

Ende der Achtzigerjahre sogenannte

Expertensysteme entwickelt, die anhand

von Wenn-dann-Regeln voraussagen sollten,

wie sich Aktienkurse entwickeln oder

an welcher Krankheit ein Patient leidet.

Und: Trafen die Prognosen zu?

Selten. Uns wurde bald klar, dass unser

Handeln und Denken nur sehr bedingt logischen

Regeln folgt. Sie sind ein extrem

schlechtes Modell, um menschliche Intelligenz

zu verstehen. Dafür bedarf es mehr

als Mathematik

Was fehlte denn?

Ein Körper. Ohne ihn kann sich Intelligenz

nicht entwickeln. Und sie wäre ohne ihn

auch nutzlos. Evolutionsgeschichtlich ist

es klar, dass Intelligenz als Teil eines kompletten

Organismus entstanden ist. Der

evolutionäre Selektionsdruck auf das Gehirn

kam daher, sich fortbewegen und im

Raum orientieren zu müssen.

Deshalb begannen Sie, mit Robotern zu

experimentieren?

Genau. Sie bieten den Vorteil, dass wir alle

Sensorstimulationen und motorischen

»

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 101

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Technik&Wissen

»

Steuersignale abspeichern und analysieren

können. Daraus hat sich ein ganz neues

Verständnis von Intelligenz entwickelt.

Nämlich?

Wir wissen heute sicher, dass Handeln

nicht die Folge von rationalem Denken ist.

Eine Ameise verhält sich rational, sprich

zweckdienlich, wenn sie auf Futtersuche

geht und das Futter zum Nest zurück

bringt. Das ist rationales Verhalten, aber es

ist nicht die Folge von rationalem Denken.

Und der Mensch tickt ähnlich wie die

Ameise, wollen Sie sagen?

Letzte Gewissheit haben wir da nicht. Aber

wahrscheinlich sind es physiologische Bedürfnisse,

dazu gehören auch Emotionen,

die unser Handeln bestimmen.

Mit der Entwicklung seines Verstands hat

es der Mensch immerhin geschafft,

sich zur Krone der Schöpfung zu machen.

Es ist eine ungeklärte Frage der Evolution,

warum sich diese beim Menschen anzutreffende

Komplexität eingestellt hat. Zum

Überleben ist sie ganz offensichtlich nicht

zwingend notwendig. Bakterien sind eine

der erfolgreichsten Spezies, die wir auf unserem

Planeten finden. Sie haben es geschafft,

Millionen Jahre zu überleben, ohne

ihre Komplexität zu erhöhen.

Aber auch die evolutionäre Strategie

des Menschen war erfolgreich. Zu seinen

Stärken gehört es, lernen zu können.

Lässt sich diese Fähigkeit auf Roboter

übertragen?

Das ist unser Ziel. Lange war es üblich,

dem Roboter so viel wie möglich einzuprogrammieren.

Wir wollen die Vorgaben auf

ein Minimum begrenzen, um verstehen zu

können, wie ein Roboter lernt.

Und wie wird er ein gelehriger Schüler?

Wir geben ihm etwa die Aufgabe vor, ein

Glas auf einem Tisch anzuheben. Mehr

nicht. Die Lösung muss er allein finden.

Durch Versuch und Irrtum?

So ähnlich. Im ersten Schritt versucht er,

dem Glas mit einer zufälligen Bewegung

nahe zu kommen. Sein Kameraauge zeigt

ihm: verfehlt. Er speichert die Bewegungsdaten

ab und versucht es erneut und immer

so weiter. Am Ende hat der Roboter

selbst herausgefunden, wie er seinen Arm

steuern muss, damit er das Glas erwischt.

Mit anderen Worten: Er hat selbstständig

gelernt, eine Aufgabe zu lösen – und zwar

aus seiner ganz eigenen Perspektive. Jede

Maschine kann bei diesem Prozess zu einer

eigenen Lösung kommen.

Damit hätten Roboter so etwas wie

Individualität. Dürfen wir ihnen dann noch

einfach den Stecker ziehen?

31Lässt sich die

Privatsphäre

im Web-Zeitalter schützen?

Wirklich anonym ist heute im Netz

fast niemand mehr. Selbst wer aufs

Handy verzichtet (das Netzbetreiber,

Hersteller oder Polizei verfolgen

könnten), legt vielleicht beim Zahlen

mit der EC-Karte digitale Spuren.

Weil die weder vermodern noch zerfallen,

hilft nur Selbstbeschränkung:

Web-Surfen im Inkognito-Modus,

Barzahlung und der Verzicht auf die

nächste Gratis-App, die eben doch

mit den Kundendaten bezahlt wird.

Ein interessanter Punkt. In Korea haben

Forscher im Auftrag der Regierung eine

Charta für Roboterrechte aufgestellt, die

das infrage stellt. Momentan mag uns das

noch absurd erscheinen, aber diese Themen

kommen irgendwann einmal zwingend

auf uns zu. Die Antworten könnten

uns schwerfallen, denn wir werden nie

wissen, was für ein Gefühl es ist, an einer

Ladestation zu hängen.

Vielleicht doch, wenn nämlich eintritt, was

der amerikanische Technologie-Visionär

Ray Kurzweil als Zukunft ausmalt. Bis zum

Jahr 2045 werde sich der Unterschied

zwischen Mensch und Maschine aufgelöst

haben, kündigte er jüngst an.

Solche Geschichten erzählt er schon seit 20

Jahren. Die Medien greifen sie gerne auf,

weil es die Leser sofort schaudert.

Sie nehmen die Ankündigung nicht ernst?

Nicht wirklich. Der Kurzweil, glaube ich,

hat schlicht Angst vor dem Tod. Darum

102 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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schluckt er auch jeden Tag zig Pillen, um

sich gesund zu halten. Sein Ziel ist es, sich

unsterblich zu machen, indem er sich mit

Technologie verschmilzt. Hinter diesen

Fantasien stecken archaische Ängste.

Transhumanisten wie Kurzweil wollen sich

nicht damit abfinden, dass wir als biologische

Wesen ein biologisches Ende nehmen.

Und furchtbar neu ist es übrigens

auch nicht, was er beschreibt.

Wie meinen Sie das?

Wir sind alle schon seit Langem Cyborgs,

die zum Beispiel ihre Sehschwäche mit

Technik, sprich einer Brille, kompensieren.

Oder wir nehmen Viagra. Wir sind nicht

zufrieden mit dem, was die Evolution uns

mitgegeben hat. Das ist die menschliche

Natur. Es gibt Implantate, die uns wieder

hören lassen – Gott sei Dank! Und die ersten

Sportler können mit Prothesen heute

schon schneller laufen, als hätten sie normale

Beine.

»Wenn die Computer ausfallen, gibt

es Revolten und Hungersnöte«

Wo wir schon über Fortschritt sprechen.

Welches sind die gegenwärtig wichtigsten

Trends in der Robotik?

Im Zentrum stehen die Materialwissenschaften.

Der Mensch besteht zu mindestens

80 Prozent aus weichem Material:

Haut, Muskeln, Organe, Gewebe. Es leistet

Enormes für uns, und wenn wir das auf Roboter

übertragen wollen, muss es uns gelingen,

eine künstliche Haut oder einen

künstlichen Muskel mit integrierter Elektronik

herzustellen. Der zweite Trend ist,

dass die Roboter die Fabrikhallen verlassen

und ihren Lebensraum mit uns teilen. Damit

rückt die Mensch-Maschinen-Koope-

ration in den Vordergrund. Die Maschine

übernimmt die stupiden Tätigkeiten, wir

kümmern uns ums Kreative und die Aufgaben,

bei denen Flexibilität gefragt ist.

Und was erwartet uns noch?

Wir Forscher betrachten den Roboter zunehmend

nicht mehr als isolierte Einheit,

sondern als Teil eines ganzen Ökosystems.

Er interagiert mit anderen Maschinen und

teilt seine Erlebnisse und Erfahrungen

über die Cloud mit ihnen.

Denken Sie an ein Internet für Roboter?

Genau darum geht es im Robo-Earth-Projekt.

Der Austausch könnte zu einer Explosion

des Wissens unter den Maschinen

führen.

Sie fahren dann selbstständig Lastwagen

und Taxis und nehmen Millionen Menschen

die Arbeit weg.

Dafür entstehen massenweise andere Jobs.

Unter dem Strich hat technologischer

Wandel noch zu allen Zeiten das Beschäftigungspotenzial

erhöht und die Menschheit

vorangebracht.

Geht es konkreter?

Wenn die Autos gelernt haben, autonom

zu fahren, passieren kaum mehr Unfälle,

sagen Experten voraus. Dann brauchen wir

kaum mehr Reparaturwerkstätten und viel

weniger Unfallkliniken. Ist das schlimm?

Ich sage Nein. Denn irgendwer muss dafür

sorgen, dass die Technologien funktionieren.

Es muss die notwendige Infrastruktur

hergestellt und erhalten werden. Das

schafft Tausende Möglichkeiten für neue

Jobs. Wer hätte vor 20 Jahren den Beruf des

Web-Designers vorhergesehen. Heute gibt

es Zigtausende in der Welt, und niemand

muss für diese Beschäftigung ein Genie

sein.

Zugleich wächst unsere Abhängigkeit von

der Technik.

Das lässt sich nicht leugnen. Wenn morgen

die Computer ausfallen, bricht das Chaos

aus. Das ganze ökonomische System würde

kollabieren, es gäbe Revolten und Hungersnöte.

Aber uns bleibt keine Wahl: Niemand

kann mehr auf den Computer verzichten.

Das heißt, wir werden von unserer

Technologie gezwungen, sie zu benutzen.

In dem Sinne haben die Maschinen dann

doch das Kommando übernommen. n

dieter.duerand@wiwo.de

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 103

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Technik&Wissen

Einfach abheben

Das Transportsystem

The Horizon

kombiniert einen

Lastflieger mit flugfähigen

Zugwaggons

Die Freidenker

ZUKUNFT | Zugwaggons zum Davonfliegen, Katapulte für Reisen ins Weltall, schwebende

Solarkraftwerke: die kühnsten Ideen, an denen Forscher ganz ernsthaft arbeiten.

CLAUDIO LEONARDI

In Zügen davonfliegen

Edmund Stoiber, einst bayrischer Ministerpräsident

und heute EU-Bürokratieberater,

sorgte mit dem Versprecher vom Münchner

Hauptbahnhof, wo man den Zug besteigt

und dann bis Rom oder London

fliegt, noch für Erheiterung. Claudio Leonardi,

Forscher an der Eidgenössischen

Technischen Hochschule Lausanne, will

genau das nun Realität werden lassen.

Clip-Air heißt sein Konzept, bei dem

Fluggäste künftig am Bahnhof in eine Multifunktionskabine

steigen, auf Schienen

zum Flughafen rollen und dort abheben,

ohne noch einmal die Abfertigung oder

den Duty-free-Shop zu betreten. Bis zu drei

der 30 Meter langen Kabinen würden dazu

am Flughafen unter ein Spezialflugzeug in

der Form eines Rochens eingeklinkt. Jede

Kabine könnte 150 Passagieren transportieren,

so viel wie ein Airbus-A320-Jet.

Auch Frachtwagons ließen sich bei Bedarf

montieren.

Noch weiter geht der Vorschlag von Produktdesign-Studenten

der Universität

Glasgow. Ihr Horizon-System (Foto oben)

besteht aus einem elektrisch angetriebenen

Gleiter, der an Flughäfen immer nur

kurz auf eine spezielle Landebahn herabsinkt,

bereits rollende Zugkabinen einklinkt

und gleich wieder durchstartet. Neben

Passagieren haben die Kabinen frisch

geladene Akkus für den Weiterflug an Bord.

Beim Landen klinken sich die Kabinen aus

und rollen, von einem Magnetantrieb beschleunigt,

direkt in die nächste Stadt.

MICHAEL STERNER

Strom mit Schiffen erzeugen

Ideen, um das Meer als Energiequelle zu

nutzen, gibt es einige (siehe Seite 93). Kein

Konzept aber geht so weit wie das von Michael

Sterner: Der Professor für Energiespeicher

und Energiesysteme an der OTH

Regensburg will 100 Meter lange, computergesteuerte

Schiffe auf dem Nordatlantik

kreuzen lassen, um unterwegs Wasserstoff

zu erzeugen. Sobald der Wind die Schiffe

vorantreibt, sollen integrierte Turbinen

mithilfe der Wasserströmung Strom liefern,

um damit per Elektrolyse Wasserstoff

zu erzeugen. Bei günstigen Winden könnte

das Schiff fast konstant Energie in Form

von Wasserstoff in seinen Tanks speichern,

glaubt Sterner. Umgepumpt in Tanks an

Land, könnte der Energieträger beispielsweise

Wasserstoffautos antreiben.

EDMUND KELLY

Kraftwerke über die

Wolken hängen

Solarkraftwerke arbeiten bekanntlich umso

produktiver, je öfter über ihnen die Sonne

scheint. Längst planen Wissenschaftler

darum riesige Solaranlagen in Wüsten und

sogar im Weltraum. Der Kalifornier Edmund

Kelly und sein Startup Stratosolar arbeiten

nun an einer neuen Variante: Sie

wollen schwebende Solarkraftwerke in der

Stratosphäre verankern. Ballons, gefüllt

mit Tausenden Tonnen Treibgas, sollen

dünne Solarzellen hoch über die Wolken

bis auf 20 Kilometer Höhe tragen. Dort, wo

den ganzen Tag die Sonne scheint, kein

Wind weht und eisige Luft die Solaranlagen

kühlt und nochmals effizienter macht

als am Boden. Der Strom aus den theoretisch

mehrere Kilometer großen Solarluftschiffen

soll über ein Kabel zur Erde fließen,

das auch als Verankerung dient. Trotz

FOTOS: PR

104 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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des Aufwands, kalkuliert Kelly, könne der

Strom so dank der vielen Sonnenstunden

in der Stratosphäre dreimal preiswerter

sein als der aus heutigen Solaranlagen.

LOUIS MICHAUD

Tornados anzapfen

Den meisten Menschen flößen Tornados

Angst ein. Louis Michaud findet sie hingegen

so faszinierend, dass er sie künstlich

erzeugt. Denn der verrentete Ingenieur will

mit seinem Startup Avetec Kraftwerke bauen,

die aus Tornados Strom gewinnen. Dazu

will der Kanadier die warme Abluft, etwa

aus Stahlfabriken oder Kraftwerken,

durch einen hohen Schlot strömen lassen,

in der die Luft spiralförmig aufsteigt. In der

kühleren Außenluft über dem Turm entsteht

dann ein rotierender Sog, der einen

40 Meter hohen Tornado erzeugt. Dessen

Energie, hofft Michaud, kann eine Turbine

am Boden des Turms antreiben, die Strom

erzeugt. Auf diese Weise könnte die warme

Abluft eines 500 Megawatt starken Kohlemeilers

im Tornado-Turm noch mal 200

Megawatt Strom erzeugen. Einen wichtigen

Unterstützer hat Michaud schon gewonnen:

Peter Thiel, Ex-PayPal-CEO und

Investor Nummer eins bei Facebook, hat

300 000 Dollar für den Bau eines Prototyps

bereitgestellt.

DOUGLAS WITHERSPOON

Per Katapult ins All fliegen

10 000 Dollar und mehr kostet es heute, ein

Kilogramm Nutzlast zur Raumstation ISS

zu bringen. Das US-Startup Hyperv Technologies

des Physikers Douglas Witherspoon

arbeitet an einer Technik, die den

Transport zu einem Bruchteil der Kosten

ermöglichen soll: eine Mischung aus Katapult

und Schleuder, die Frachten bis in den

Orbit schießen kann. Das Slingatron genannte

Gerät soll die ins All zu transportierenden

Gegenstände auf einer spiralförmigen

Bahn beschleunigen, an deren Ende

die Abschussrampe gen Himmel zeigt. Ein

solches Katapult mit 300 Meter Durchmesser

könnte Nutzlasten auf mehr als sieben

Kilometer pro Sekunde beschleunigen,

rechnen seine Entwickler vor. Das

würde reichen, um eine untere Erdumlaufbahn

zu erreichen. So könnte ein Slingatron

jährlich Tausende Raumschiffbauteile,

Treibstofftanks, Strahlenschutzschilde

und mehr ins All bringen, hoffen die Erfinder,

die auf der Web-Plattform Kickstarter

Finanziers für ihr Projekt gefunden haben.

Stürme zähmen Der kanadische Ingenieur

Michaud will künstlich erzeugte Windhosen

nutzen, um so Strom zu produzieren

NEIL PALMER

Akkus mit Blitzen laden

Die Erdatmosphäre ist voll elektrischer Ladung.

Mehr als drei Millionen Blitze leuchten

weltweit pro Tag am Himmel. Ein Team

um den Physiker Neil Palmer von der britischen

University of Southampton haben

mit Forschern des finnischen Handyherstellers

Nokia untersucht, ob sich diese

Energie für den Betrieb elektrischer Geräte

32Wann fahren

E-Mobile endlich

so weit wie Benziner?

Bis zu 500 Kilometer Reichweite

sind mit dem Tesla S jetzt schon

drin. Nissan will die seines Kompaktmodells

Leaf vermutlich schon

2014 von 200 auf 400 Kilometer

erhöhen, vor allem weil die Akku-

Preise sinken. Wohl erst 2020 gibt

es innovative und bezahlbare

Akkus, deren Energiedichte der von

Benzin ähnelt.

nutzen lässt. Im Labor erzeugten sie einen

200 000-Volt-Blitz, fingen seine Energie mit

einem speziellen Empfänger auf und luden

mit dem Stromstoß ein Lumia-925-Smartphone,

ohne das Handy zu zerstören. Auf

die gleiche Weise wollen auch andere Forscher

mittels riesiger Türme Blitze fangen

und Strom aus der Luft ernten.

WANG MENGSHU

Meere untertunneln

Die beiden chinesischen Hafenstädte

Dalian und Yantai sind per Luftlinie nur

170 Kilometer voneinander entfernt, doch

dazwischen liegen die Wassermassen des

Golfs von Bohai. Fähren brauchen bis zu

acht Stunden, ihn zu überqueren, und wer

per Auto von einer Stadt in die andere

will, muss gar 1680 Kilometer weit um die

Bucht fahren. Verkehrsforscher wie Wang

Mengshu, Professor an der chinesischen

Akademie für Ingenieurwesen, wollen die

Strecke bis 2022 radikal verkürzen – auf 40

Minuten Fahrtzeit per Zug. Möglich machen

soll das ein gigantisches Tunnelbauwerk.

123 Kilometer lang soll es sich unter

dem Meer erstrecken und damit mehr als

doppelt so lang werden wie der aktuell

längste Tunnel der Welt, der gerade unter

dem Gotthardmassiv in den Alpen entsteht.

Geschätzte Kosten: 33 Milliarden

Dollar.

ALEKSANDR LEONIDOVICH ZAITSEV

Außerirdische anfunken

Seti, das Projekt zur Suche nach Außerirdischen,

ist vielen Menschen ein Begriff. Weniger

bekannt ist dagegen das Schwesterprojekt

Meti. Sein Ziel ist nicht, Signale von

Außerirdischen zu entziffern, sondern ihnen

welche zu schicken. Dahinter steht der

Astronom Aleksandr Leonidovich Zaitsev

von der Russischen Akademie der Wissenschaften.

Seit mehr als einem Jahrzehnt

sendet er per Teleskop Funknachrichten

an Nachbarsterne unserer Sonne.

Die Signale enthalten Grundwissen über

das Universum, etwa Teile des Periodensystems

der Elemente oder ein Bild der

menschlichen DNA-Doppelhelix. Ob aber

im All überhaupt jemand zuhört, werden

wohl frühestens Zaitsevs Urenkel herausfinden:

Erst 2029 wird die erste Nachricht

ein fremdes Sonnensystem erreichen – den

Stern Gliese 581, um den mindestens drei

Planeten kreisen. Und dann müssen die

Empfänger ja auch noch antworten. n

andreas.menn@wiwo.de

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 105

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Technik&Wissen

VALLEY TALK | Das kommende Jahr bringt weitere Dynamik in die kalifornische

Internet-Branche. Ob der Boom anhält oder die Wachstumsblase platzt, hängt

vor allem am Erfolg von Twitter. Von Matthias Hohensee

Vor dem Sturm aufs Börsenparkett

Was bringt das kommende Jahr

für das Silicon Valley und die

noch immer maßgeblich vom

kalifornischen High-Tech-Tal

beeinflusste Internet-Branche?

Absehbar ist, dass es eine Woge von Internet-Börsengängen

geben wird. Auslöser

ist der erfolgreiche IPO von Twitter an der

New Yorker Börse, trotz der tiefroten Zahlen

des Kurznachrichtendienstes. Als Kandidaten

für den Gang aufs Parkett werden

unter anderem die Online-Speicheranbieter

Dropbox und Box gehandelt, der Datenverwalter

Evernote sowie der Zimmervermittler

AirBnB. Daneben könnten die

Eventplattform Eventbrite, der Umfragedienstleister

Survey Monkey und der Zahlungsdienst

Square den IPO wagen.

Wahrscheinlich ist auch Glam Media dabei,

der vom deutschen Burda Verlag mitfinanzierte

Vermarkter von Inhalten für den

gehobenen Lifestyle, und auch die digitale

Pinnwand Pinterest. Deren Wert wird trotz

magerer Umsätze bereits auf sechs Milliarden

Dollar geschätzt. Und schließlich ist

auch der von Facebook-Investor Peter Thiel

finanzierte Datenauswerter Palantir ein

potenzieller Börsenstarter.

Und so fließt weiter viel Geld ins Silicon

Valley, obwohl Wagnisfinanziers inzwischen

schon heiße Ohren bekommen wegen der

Rekordbewertungen der Startups. Laut dem

Marktforschungsunternehmen CB Insight

ist es so viel Geld wie seit fünf Jahren nicht

mehr. Das allerdings wird bevorzugt in spätere

Runden gesteckt. Viel schwerer haben

es Unternehmen, die nach dem Start Anschlussfinanzierungen

suchen.

Ein Grund für den Fokus auf späte Finanzierungsrunden

ist die fürs nächste Jahr

erwartete Zunahme von Unternehmensübernahmen.

Viele US-Konzerne und Internet-Größen

wie Facebook, Yahoo, Google

oder Twitter haben reichlich Barreserven.

Wie viel Geld tatsächlich für Übernahmen

in den USA zur Verfügung steht, hängt auch

von den Verhandlungen der US-Wirtschaftsverbände

mit der Regierung ab. Sie

wollen einen vergünstigten Steuersatz für

im Ausland geparkte Gewinne erreichen.

Scheitert der Vorstoß, wären das hingegen

gute Nachrichten für verkaufswillige High-

Tech-Startups in Europa und dem Nahen Osten,

an die die im Ausland gebunkerten Barreserven

der US-Investoren fließen könnten.

Apple etwa hat sich gerade schon für 350 Millionen

Dollar den israelischen Bewegungssensorspezialisten

PrimeSense gesichert,

dessen Technologie Basis für die Steuerung

von Microsofts Spielkonsole Xbox ist.

KAUM ZWANG ZU NACHHALTIGKEIT

Noch mehr Geld wird wohl ein neues Gesetz

lockermachen, dass es erstmals auch US-

Kleinanlegern erlaubt, noch vor dem Börsengang

Anteile an Wachstumsunternehmen zu

erwerben. Das war wegen des Risikos lange

umstritten. Und das Risiko steigt noch, weil

durch die Geldflut zunächst einmal der

Zwang für die Gründer sinkt, nachhaltig zu

wirtschaften. Denn bis zu einem potenziellen

Crash ist ja erst einmal genug Geld da. Parallelen

zum Platzen der Dotcom-Blase vor gut

einem Jahrzehnt drängen sich jedenfalls auf.

Klar ist auch: Das Silicon Valley entwickelt

sich immer mehr zum Online-Werbetal. Google

überholt gerade beim Umsatz die lokale

33Werden

Solarzellen

bald gedruckt?

Viele Unternehmen wollen die Produktion

von Solarzellen radikal vereinfachen.

Ein Ansatz ist, sie zu drucken

wie bunte Getränkekartons. Genau

das passiert seit November beim britischen

Hersteller G24i, wo nun sogenannte

organische Fotovoltaikzellen

aus Kunststoff aus den Druckern

laufen. Im MGM Grand Hotel in Las

Vegas hat G24i bereits 8000 elektrische

Jalousien mit solchen preiswerten

Plastikzellen ausgerüstet.

Ikone Intel, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren

die Trends im High-Tech-Valley

setzte. Im Gerangel um Werbegelder geht es

vor allem um die Brosamen, die Google,

Yahoo und Facebook dem Rest der Branche

lassen. Vor allem Twitter, aber auch Pinterest

stehen unter Druck nachzuweisen,

dass ihre Dienste tatsächlich ausreichend

Klientel erreichen. Das gilt auch für mobile

Werbung. „Wenn die als lästiges Übel empfunden

wird, haben wir als Branche ein Problem“,

sagt Brian Wong, Gründer von Kiip,

einem Vermarkter mobiler Werbung.

Umso mehr, als das Interesse der Unternehmen

wächst, den Zusammenhang von

geschalteter Werbung und erfolgten Verkäufen

besser zu belegen. Im Silicon Valley

arbeitet man unter anderem deshalb an der

stärkeren Kooperation zwischen Kreditkartenanbietern,

Online-Zahlungsdienstleistern

und Händlern, um Werbewirkungen

und Entscheidungsprozesse zu erfassen.

Die Kardinalfrage für 2014 aber ist, ob

der Boom anhält oder die Tech-Blase platzt.

Nobelpreisträger Robert Shiller etwa ist sich

ziemlich sicher, dass es zur Überhitzung

kommt. Auch für den legendären Wagnisfinanzierer

Michael Moritz von Sequoia

Capital gehören Blasen zum Silicon Valley.

Folglich ist die Kunst weniger, deren Platzen

hervorzusagen, sondern das Wann, das

Wieheftig und – vor allem – das betroffene

Segment rechtzeitig zu identifizieren.

Ein gefährdeter Sektor sind Internet-

Unternehmen, deren Geschäftsmodell vorrangig

auf Internet-Werbung gründet. Hier

ist die Konkurrenz einfach zu groß. Als einer

der entscheidenden Indikatoren für das

Wohlergehen der Wachstumswirtschaft

hier im Silicon Valley gelten daher die derzeit

noch tiefroten Geschäfte von Twitter.

Da sich dessen Erfolg aber erst gegen

Ende des Jahres genauer absehen lässt,

verschiebt sich der Knall womöglich noch

einmal. Dann bebt das Tal erst 2015.

Der Autor ist WirtschaftsWoche-Korrespondent

im Silicon Valley und beobachtet von dort

seit Jahren die Entwicklung der wichtigsten

US-Technologieunternehmen.

FOTO: JEFFREY BRAVERMAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

106 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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Management&Erfolg

KEVIN FEHLING, 36

Er hat eine Ausbildung bei den Fallschirmjägern, wurde

Zeuge eines Banküberfalls und hatte mal ein Messer

im Kopf: Der Chefkoch des Restaurants La Belle Epoque

in Lübeck-Travemünde ist Deutschlands jüngster Drei-

Sterne-Koch. Fehling geht davon aus, dass ihm die Auszeichnung

2013 bis zu 2,5 Millionen Euro Marketingkosten

sparte. Nun reisen Gourmets an, um zu kosten,

welche Gerichte einem Kopf entspringen, in dem schon

ein Messer steckte.

FABIAN KIRNER, 35

„Geh in die Werbung“, hatte Fabian Kirners Bruder ihm in der

Jugend geraten. „Da gibt’s viele hübsche Mädels, viel Geld

und Produktionen in der Südsee.“ Zwar behielt sein Bruder

nicht recht, aber Kirner liebt seinen Job trotzdem. Nach

Stationen bei Kemper Trautmann, BBDO und TBWA, wo er für

VW, Pfanni oder Ramazotti arbeitete und mehr als 200 Preise

einheimste, ist Kirner seit zwei Monaten Kreativchef der

Agentur Grey. Und darf auch 2014 seiner Kreativität freien

Lauf lassen – etwa beim Kunden Allianz.

40 Köpfe, auf die

Sie 2014 achten sollten

108 Nr. 52 21.12.2013 WirtschaftsWoche

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FOTOS: HOLGER STÖHRMANN, PR, TOBIAS KOCH, PICTURE-ALLIANCE/DPA/DANIEL KARMANN

DOROTHEA BÄR, 35

Mit 14 gründet sie einen Ortsverein der Jungen Union im

fränkischen Ebelsbach, mit 24 landet sie im Bundestag.

Jetzt steigt die stellvertretende Generalsekretärin der

CSU, die auch auf Twitter aktiv ist, zur Parlamentarischen

Staatssekretärin für Digitales auf. Bär gilt als Pragmatikerin,

hält sich mit Nadelstichen gegen die CSU-Granden

zurück. Sie hat gute Aussichten auf mehr Einfluss in

Partei und Fraktion, wird mittelfristig gar als ministrabel

gehandelt.

STEFAN SICHERMANN, 33

Mit einer neuen Briefmarke feiere die Deutsche Post im

November das Jubiläum der Koalitionsverhandlungen: Diese

Ente sorgte bundesweit für Lacher. Ihr Absender: „Der Postillon“.

Hinter der Internet-Satireseite steckt Stefan Sichermann.

Seit 2008 veröffentlicht der Werber dort Satiretexte,

bei Facebook hat die Seite mehr als 380 000 Fans. Unter

„Postillon24“ zeigt Yahoo nun Sichermanns Nachrichten.

Damit ist er einer der wenigen Deutschen, die von einer

Internet-Seite leben können.

KARRIERE | Welche Manager steigen im nächsten Jahr auf? Welche Unternehmer

haben schwierige Aufgaben vor sich oder müssen große Herausforderungen

bestehen? Welche Nachwuchspolitiker stehen vor dem Sprung ins Rampenlicht?

Eine Liste von 40 Personen aus aller Welt, die noch unter 40 Jahre alt sind und

von denen Sie im kommenden Jahr hören und lesen werden.

WirtschaftsWoche 21.12.2013 Nr. 52 109

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Management&Erfolg

PETER TAUBER, 39

Ein Mann, der gegen Gesetzesentwürfe der

eigenen Partei stimmt, den Reformer Martin