Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-10-28 (Vorschau)

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Stephan Weil ■ Christopher Pissarides ■ Andreas Dombret ■ Johannes Remmel ■ Klaus Probst ■ Stephan Leithner

44

28.10.2013|Deutschland €5,00

4 4

4 1 98065 805008

Frische aus dem Netz

Das Internet revolutioniert

den Lebensmittelhandel

Elektroautos

Ist der Tesla besser als der

neue Hybrid-Porsche?

Extras

vom Chef

Mehr rausholen, ohne

dass Ihr Arbeitgeber zahlt

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien€6,00 | TschechischeRep.CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

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Einblick

300 Politiker verhandeln den Koalitionsvertrag: eine

verfassungsrechtlich bedenkliche Riesenshow für

einen Vertrag zulasten Dritter. Von Roland Tichy

Zulasten Dritter

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Koalitionsverträge sind Theaterdonner,

viele Buchstaben ohne

bindende Wirkung. Denn weder

die Finanzkrise noch die Euro-

Krise haben sich daran gehalten. Die Abgeordneten

des Deutschen Bundestags,

so sie ihr Amt ernst nähmen, sind nicht

dem Vertrag der Parteien verpflichtet,

sondern dem ganzen deutschen Volk und

ihrem Gewissen. Die politischen Sitten

verfallen: Um die mühsamen Verhandlungen

zu schmieren, bekamen CDU und

SPD je einen weiteren Bundestags-Vizepräsidenten.

Allerdings nicht wegen der

Arbeitsbelastung der ohnehin schon mit

fünf Stellvertretern überbesetzten Riege:

Die SPD soll auf „Augenhöhe“ mit der

CDU repräsentiert sein.

Es ist ein symbolischer Akt, der wenig

Gutes erwarten lässt. Die große Koalition,

die sich auf 80 Prozent der Sitze im Bundestag

stützt, ist nach ihrem Selbstverständnis

keine Koalition der Reformen oder zur Bewältigung

einer Notlage – sondern eine Art

Selbstbedienungsladen auf Kosten der

Steuerzahler (siehe Seite 22). Diesen Verdacht

bestärkt, was bisher über das Programm

der Koalition verlautet:Die Konflikte

zwischen den Parteien werden mit Geld

für ihre jeweilige Klientel gelöst. So sollen

Mindestlöhne von 8,50 Euro flächendeckend

eingeführt werden, obwohl alle namhaften

Wissenschaftler fürchten, dass dies

zu bis zu 1,2 Millionen zusätzlichen Arbeitslosen

besonders in den strukturschwachen

Gebieten der früheren DDR führen

wird. Aber dies ist eine Trophäe für die SPD,

die den Einheitslohn zu ihrem Wahlkampfthema

gemacht hat. Zudem will die SPD die

Rente mit 67 wieder zurücknehmen. Diese

Reform hatte SPD-Kanzler Gerhard Schröder

selbst durchgesetzt, denn bis 2050 wird

die Zahl der Erwerbstätigen um ein Drittel

abnehmen, die Zahl der Rentner sich aber

um ein Drittel erhöhen. Aber was sollen

schon Fakten gegen ein sozialpolitisches

Wunschkonzert ausrichten?

Für dieses Geschenk der SPD an ihre

Wähler erhält die CDU ihren Herzenswunsch

erfüllt – höhere Renten für Mütter,

die ihre Kinder vor 1992 geboren haben.

Langfristig finanzierbar sind beide Vorhaben

nicht. Sie zerstören die Stabilität der

Altersversorgung, belasten die künftige Generation

wie ein Vertrag zulasten Dritter –

der im Privatrecht unwirksam wäre. Es regiert

der gemeinsame Wille, Geschenke zu

verteilen. 33 Milliarden Euro, die die gute

Wirtschaftslage an zusätzlichen Steuern in

die Kassen spült, reichen dafür nicht. Stillschweigend

wurde bereits das Ziel begraben,

die hohe Staatsverschuldung zu senken;

so werden die Weichen gestellt, dass

die ohnehin erst ab 2016 wirkende Schuldenbremse

außer Kraft gesetzt wird – noch

ehe sie wirken kann. Was, wenn die Wirtschaft

und Steueraufkommen schwächeln?

Die große Koalition kennt nur schönes

Wetter; Unwetter gelten als vertraglich

ausgeschlossen. Schon jetzt hat sie sich

selbst entwertet.

REFORM STEHT FÜR RÜCKSCHRITT

Weitere „Reformen“ werden erst noch ausgehandelt,

allerdings ist keine einzige

Maßnahme erkennbar, die die wirtschaftliche

Leistungsfähigkeit Deutschlands fördert

– „Reform“ steht für Belastung der Unternehmen

und ihrer Beschäftigten. Noch

hoffen einige, dass es wenigstens zu einer

Reform der „Energiewende“ kommt. Bekanntlich

hat diese zu einer so hohen Kostenbelastung

von Unternehmen geführt,

dass Abwanderungsbewegungen und ein

Investitionsstreik unübersehbar sind. Vor

allem die SPD warnt vor einem Ausbrennen

des Ruhrgebiets und vieler Städte in

NRW infolge der Energiewende: „Eine Katastrophe“,

fürchtet Garrelt Duin, Wirtschaftsminister

in NRW. Aber deutlich

wird auch, dass der politische Mut nicht

reicht, selbst verantwortete Fehler zu korrigieren:

Die hohen Kosten werden mit Maßnahmen

bekämpft, die noch höhere Kosten

verursachen. Und so geht es weiter.

Die dritte Amtszeit von Angela Merkel

könnte so enden: Sie verspielt jene wirtschaftlichen

Reformen, mit denen ihr Vorgänger

Gerhard Schröder dem „kranken

Mann Europas“ zu alter Blüte verholfen

hat. So kann sie nicht in die Geschichte

eingehen wollen.

n

WirtschaftsWoche 28.10.2013 Nr. 44 3

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

8 Seitenblick Billiger Kaffee, teure Kapseln

10 Luftfahrt:Wie viel Gepäck darf mit?

11 Praktiker: Zoff um Beraterhonorare | Mindestlohn:

Mehr Schwarzarbeit droht

12 Interview: Ein US-Geheimdienstexperte erklärt,

warum Merkel weiter abgehört wird

14 Haniel: Auch Abschied von Metro? | Hochtief:

Neuer Stellenabbau | Royal Mail: Heuschrecke

bei der britischen Post

16 Formel 1: Prozess gegen Ecclestone | Banken-Stresstest:

Staat muss helfen | Frauen-

Gleichstellung: Deutschland fällt zurück

18 Chefsessel | Startup Audibene

20 Chefbüro Eric Schweitzer, Präsident des

DIHK

Politik&Weltwirtschaft

A 22 Regierungsbildung Der Streit von Bund

und Ländern ums Geld belastet die Koalitionsverhandlungen

| Interview: Der niedersächsische

Ministerpräsident, Stephan

Weil, über die Ansprüche der Länder

30 Energie NRW-Minister Garrelt Duin spaltet

das linke Lager und die eigene Koalition

A 32 Interview: Johannes Remmel Der NRW-

Umweltminister geht auf Konfrontation

34 Forum Bettina Röhl über die Ausweitung

der Minderheitenrechte im Bundestag

36 Schiffsverkehr Zwei Unternehmen wollen

dem Bund Schleusen abkaufen

38 Bulgarien Korruption und Vetternwirtschaft

treiben das Volk auf die Straße

41 Berlin intern

Der Volkswirt

42 Kommentar | New Economics

43 Deutschland-Konjunktur

A 44 Nachgefragt: Christopher Pissarides

Für den Nobelpreisträger von 2010 ist die

Euro-Rettung keineswegs alternativlos

46 Denkfabrik Die Ökonomen Youri Chassin

und Frederik Röder über die intransparente

Finanzierung der Entwicklungspolitik

Unternehmen&Märkte

48 E-Commerce Großkonzerne wie die Deutsche

Post steigen in den Online-Handel mit

Lebensmitteln ein. Rechnet sich das?

56 Deutsche Telekom Timotheus Höttges

kämpft für den Verzicht auf Regulierung

A 60 Interview: Klaus Probst Der Vorstandschef

von Leoni will mit Autoelektronik wachsen

62 Deutsche Post Eine Tochter soll Wettbewerber

unfair attackiert haben

A 64 Deutsche Bank Personalchef Stephan

Leithner hat den schwierigsten Job

68 Energie Großbritannien plant eine Renaissance

der Atomkraft

70 Interview: Ijad Madisch Der Gründer des

Wissenschaftsportals Researchgate schafft

ein Netzwerk für Forscher

Titel Etwas geht immer

Birne im Netz

Klicken statt Kassenschlange: Was bei

Büchern und Elektronik funktioniert, soll

nun auch bei Lebensmitteln populär

werden – Einkauf per Internet.

Werden Supermärkte überflüssig?

Seite 48

Es winkt ein höheres Gehalt? Dann ist es

Zeit, die Einkünfte zu optimieren: Spendiert

der Chef statt einer Lohnerhöhung

die Kinderbetreuung, den Opernbesuch

oder das neue Smartphone inklusive

Vertrag, dann bleibt dem Mitarbeiter viel

mehr Netto. Seite 90

Halbherzige Beziehungskiste

Nach jahrelangem Warten bringen die deutschen Autobauer endlich

Elektromobile auf den Markt. Doch die Autos wecken Zweifel,

wie ernst es die Branche meint mit der Elektromobilität. Seite 72

TITELILLUSTRATION: WIESLAW SMETEK

6 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

A Person auf dem Titel erwähnt

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Nr. 44, 28.10.2013

Technik&Wissen

72 Spezial E-Mobility Die ersten deutschen

Elektroautos rollen auf den Markt. Machen

die Hersteller ernst? | Autotest: Rennfahrer

Heinz-Harald Frentzen vergleicht das

Elektroauto Tesla Model S mit dem Porsche

Panamera Hybrid

83 Valley Talk

Management&Erfolg

84 CEO des Jahres Dürr-Chef Ralf Dieter und

Sky-Boss Brian Sullivan sind Deutschlands

erfolgreichste Vorstandsvorsitzende

FOTOS: PR, KLAUS WEDDIG FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, KROHNFOTO.DE; ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER

Voll im Lack

Ralf Dieter, Vorstandsvorsitzender des Maschinen- und Anlagenbauers

Dürr, ist Deutschlands erfolgreichster Konzernlenker. Mit

Sky-Chef Brian Sullivan ist er CEO des Jahres. Seite 84

Das Ende des Einheitsgebots

Craft-Bier ist das Zauberwort in der Bierszene. Kleine Brauereien

vergären frei von Beschränkungen neue Sorten. Die Branchenriesen

wittern einen Trend. Seite 112

Föderalismus

In Berlin geht es um viel mehr als

nur um eine neue Regierung: Bund

und Länder ringen um die größten

Reformbaustellen des Landes.

Parteibücher spielen dabei kaum

mehr eine Rolle. Seite 22

Geld&Börse

90 Extras vom Chef Zusatzleistungen bringen

Angestellten mehr als Gehaltserhöhungen –

und kosten den Arbeitgeber fast nichts

98 Interview: John Paul Scandalios Der einflussreiche

Fondsmanager über die rasante

Kursentwicklung von Internet-Papieren

100 Mittelstandsanleihen Für Heberer-Anleger

beginnt eine Zitterpartie

101 US-Aktien Papiere des Cloud-Spezialisten

CSC sind nach Skandalen wieder attraktiv

102 Steuern und Recht Geschlossene Fonds |

Kindergeld | Baupfusch | Bankberatung

104 Geldwoche Kommentar: Minibonds | Trend

der Woche: Dax | Dax-Aktien: Daimler | Hitliste:

US-Schulden | Aktien: Seaboard, Tingyi |

Zertifikat: Türkei | Anleihe: Mifa | Chartsignal:

Wal-Mart | Investmentfonds: DJE

Agrar & Ernährung | Relative Stärke: Osram

Perspektiven&Debatte

112 Bier Neue Sorten dank kleiner Brauereien.

Craft-Bier ist das Zauberwort der Branche

116 Kost-Bar

Rubriken

3 Einblick, 118 Leserforum,

120 Firmenindex | Impressum, 122 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diesmal mit Heinz-Harald

Frentzens Testfahrt in Tesla

und Hybrid-Porsche

auf Video. Wir berichten

auch vom Essenskauf

im Netz und einer

besonderen Brauerei.

wiwo.de/apps

n Autoversicherung Viele Versicherer

erhöhen die Prämien, Autofahrer

können durch Wechsel Hunderte

Euro sparen. Einen Vergleich gibt es

unter wiwo.de/kfz-versicherung

facebook.com/

wirtschaftswoche

twitter.com/

wiwo

plus.google.com/

+wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 28.10.2013 Nr. 44 7

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Seitenblick

KAFFEE

Billige Bohnen

Rohkaffee ist so günstig wie seit Jahren nicht mehr.

Verbraucher spürten davon bisher aber kaum etwas,

sie kaufen immer mehr teure Spezialitäten und

Kapseln. Doch nun drängt der Discounter Aldi mit

Kampfpreisen in den lukrativen Kapsel-Markt.

0,81Euro kostete ein Pfund Kaffee im

September durchschnittlich an der Börse. Es ist der

niedrigste Stand seit vier Jahren. Vor zwei Jahren waren

es noch fast 1,50 Euro. Ein Grund sind größere Anbauflächen

und gute Ernten: Die Exporte der Ausfuhrländer

stiegen in diesem Jahr um 3,6 Prozent. In der Folge

senkte der Hamburger Kaffeeröster Tchibo die Preise

um bis zu 50 Cent, die Konkurrenten aber nicht.

130Tonnen Wildkaffee importiert das

Freiburger Unternehmen Original Food in diesem Jahr

aus der Kaffa-Region in Äthiopien. Die Bergwälder

sind die Heimat des Kaffees, wurden aber massiv abgeholzt.

Seit zehn Jahren unterstützen die Deutsche

Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit

und der Naturschutzbund die Bauern bei der Ernte

des wilden Kaffees. 18 Tonnen waren es im ersten

Jahr, im Vorjahr sogar 250 Tonnen. „Doch nach einem

guten Jahr schwächeln die Pflanzen ohne Düngung“,

sagt Original-Food-Chef Florian Hammerstein.

Trotzdem zahlt er 1,50 Euro pro Pfund und versucht,

die Preise stabil zu halten.

70Euro kostet ein Kilo Kaffee in Kapselform.

Die Nestlé-Erfindung wird trotzdem immer beliebter,

der Absatz hat sich seit 2005 verzwölffacht. Nun erobern

günstigere Nachahmerprodukte den Markt, so verkauft

Aldi Süd ab Mittwoch ein eigenes Kapsel-System.

Der Kampfpreis für das Kilo „Expressi“: 24 Euro.

oliver.voss@wiwo.de

Heimat des Kaffees

Mit deutscher Hilfe

wird in den Bergwäldern

Äthiopiens wieder

Wildkaffee geerntet

8 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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FOTO: LAIF/PETTERSSON FOR TERRA MATER

WirtschaftsWoche 28.10.2013 Nr. 44 9

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Menschen der Wirtschaft

RYANAIR

Gezerre ums Gepäck

Das Europaparlament berät, ob Fluggäste

künftig zwei Handgepäckstücke mit an

Bord nehmen dürfen. Einkäufe in Dutyfree-Shops

würden so erleichtert.

Für den 14. November sollte Ryanair-Chef Michael

O’Leary besser mal ein paar Entspannungsübungen

einplanen. Denn an diesem Tag berät in Brüssel

der Verkehrsausschuss des Europäischen Parlaments

darüber, ob alle in Europa tätigen Fluglinien

ihren Passagieren künftig erlauben müssen, neben

dem bisher üblichen einen Handkoffer noch ein

zweites Gepäckstück an Bord nehmen zu können.

Bisher lautete die Maxime bei Europas größtem Billigflieger,

dass Kunden Zweittaschen aufgeben

müssen, was Ryanair aufgrund einer Gebühr von

bis zu 160 Euro pro Koffer und Flugstrecke bis heute

üppige Zusatzeinnahmen bescherte. Während

Wettbewerber wie die Lufthansa meist ein Auge zudrücken,

hatten die Iren zuletzt wiederholt für

Schlagzeilen gesorgt, weil sie Passagieren sogar die

Mitnahme von Duty-free-Einkäufen untersagten.

Doch auch anderen Fluglinien käme eine Abkehr

von der Ein-Koffer-Regel ungelegen. Denn in den

Gepäckfächern an Bord wird es zunehmend eng,

seit die Linien in ihre Maschinen dank dünnerer

Sitzpolster bis zu ein Dutzend Stühle mehr montieren

und die Flieger zudem im Schnitt gut zehn Prozent

stärker auslastenals noch vor fünf Jahren.

Europas Flughäfen hingegen unterstützen den

Zwei-Taschen-Vorstoß. „Sonst würde fast keiner

mehr in den Terminals einkaufen“, fürchtet der

Chef eines deutschen Flughafens. Auf die zusätzlichen

Einnahmen aus Duty-free-Geschäften

sind die Airports dringend angewiesen, seit die

chronisch klammen Fluglinien auf immer höhere

Rabatte bei den Landegebühren drängen.

Wie der Ausschuss des Europäischen Parlaments

entscheidet, gilt derzeit zwar als offen. „Doch hier

in Brüssel rechnen viele Beobachter eher mit einer

liberaleren Regelung“, sagt ein Lobbyist der Flugbranche.

Er verweist dabei auf eine Reihe verbraucherfreundlicher

Entscheidungen des Europäischen

Gerichtshof im Reiserecht, etwa zu Entschädigungen

für Passagiere bei Verspätungen.

Bis die Neuregelung in Kraft tritt, kann es jedoch

noch bis zum Jahr 2015 dauern: Nach dem Ausschusstermin

wird sich im Januar zunächst noch

das EU-Parlament mit dem Thema befassen,

ehe sich der EU-Rat der Sache annimmt. „Dabei

sind natürlich auch noch Änderungen im Sinne

der Fluglinien möglich“, deutet der Lobbyist an.

Wie auch immer der Kampf ums Handgepäck ausgeht:

Die Ryanair-Crew um O’Leary dürfte in jedem

Fall hart bleiben, erwartet die Branche. „Die werden

dann eben auch Jacken zum zweiten Gepäckstück

deklarieren und die Passagiere wieder zur

Kofferaufgabe drängen“, sagt der Flughafen-Chef.

ruediger-kiani-kress@wiwo.de

Kassiert für Koffer

Ryanair-Chef O’Leary

Liberale Briten

Was Economypassagiere

mit an Bord nehmen

dürfen

Fluglinie

Easyjet

British Airways

unbegrenzt

23

kg

American/Delta/United

18 kg

Air France

12 kg

Air Berlin/Norwegian

10 kg

Ryanair/Vueling

10 kg

Turkish

8 kg

Lufthansa/Germanwings

8 kg

Singapore Airlines

7 kg

Emirates/Etihad

7 kg

Condor

6 kg

*in Größe kleinerAktentasche;

** zusätzlichDuty-free-Tüte

erlaubt

Zweiter

Koffer*

**

**

**

FOTOS: BLOOMBERG NEWS/SIMON DAWSON, DDP IMAGES, TIM SCOTT, PR (6)

10 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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PRAKTIKER

Streit um Beraterhonorare

Die Österreicherin gab sich empört.

„Es gibt keinen Berater,

den wir nicht hatten. Es ist unfassbar“,

schimpfte die frühere

Praktiker-Großaktionärin

Isabella de Krassny Ende

August über den kostspieligen

Einsatz von Unternehmensund

Rechtsberatern bei der

Baumarktkette. Nach einem

Gutachten des Praktiker-Insolvenzverwalters

Udo Gröner, das

der WirtschaftsWoche vorliegt,

ist die Kritik zwar grundsätzlich

berechtigt, da auf Konzernebene

allein 2011 und 2012 insgesamt

43,2 Millionen Euro für

„das ‚who is who‘ international

tätiger Anwaltskanzleien und

Beratergesellschaften“ ausgegeben

wurde, wie es in dem

Bericht heißt.

Die Kritik kommt aber offenbar

vom falschen Absender.

Denn auch der mit de Krassny

eng verbandelte Aufsichtsratschef

Erhard Grossnigg wollte

Beraterkosten auf den Konzern

abschieben. Laut Insolvenzgutachten

ging es in mehreren

persönlichen Besprechungen

und Telefonkonferenzen um

„die Bitte des Aufsichtsrates auf

Übernahme der Kosten für

Kritik aus der falschen Ecke

Ex-Großaktionärin de Krassny

einen juristischen Berater“. Der

Verwalter lehnte ab. Auch der

Frankfurter Rechtsanwalt Ingo

Scholz, der als sogenannter

gemeinsamer Vertreter die Interessen

der Praktiker-Anleihegläubiger

vertritt, soll leer ausgehen.

Er hatte laut Gutachten

einen Budgetbedarf in Gesamthöhe

von 618 807 Euro angemeldet.

Den Betrag will Gröner

nicht zahlen, obgleich er Anfragen

von Anleihegläubigern

an Scholz weiterleiten ließ.

Rechtsexperten erwarten indes,

dass die Insolvenzverwaltung

den Berateraufmarsch vor der

Pleite in den nächsten Monaten

im Detail aufarbeitet.

henryk.hielscher@wiwo.de

Aufgeschnappt

U-Boot-Auto Elon Musk ist derzeit

der größte Technikvisionär.

Mit Tesla hat er Elektroautos

hip gemacht, er schickt private

Raumschiffe ins All und will

Menschen durch Röhren reisen

lassen. Nun hat Musk Freude an

schwimmenden Autos gefunden:

Er investierte 727 000 Euro

in einen Lotus Esprit, der sich in

ein U-Boot verwandeln lässt.

Ganz neu ist die Technikvision

allerdings nicht: Das wandelbare

Fahrzeug wurde schon

1977 von Roger Moore als

James Bond in „Der Spion, der

mich liebte“ verwendet.

Marken von McDonald’s

Seit Monaten kämpfen Mitarbeiter

von US-Fast-Food-Ketten

für höhere Löhne. Selbst wenn

sie mehr als den gesetzlichen

Mindestlohn von 7,25 Dollar

verdienen, reiche das oft nicht

zum Leben. McDonald’s hat nun

eine besondere Lösung des

Problems gefunden: An der

Telefon-Hotline für Mitarbeiter

wurde erklärt, wie und wo sie

staatliche Lebensmittelmarken

bekommen.

MINDESTLOHN

Boom bei

Schwarzarbeit

Die Einführung eines bundesweiten

Mindestlohnes von

8,50 Euro dürfte zu mehr

Schwarzarbeit führen. Nach

Berechnungen des Instituts für

angewandte Wirtschaftsforschung

(IAW) in Tübingen würde

die Schattenwirtschaft in

Deutschland „um rund 900 Millionen

Euro pro Jahr wachsen“,

sagt IAW-Direktor Bernhard

Boockmann. Gemessen am

Gesamtumfang der Schwarzarbeit

von rund 340 Milliarden

Euro, sei dieser Effekt zwar

eher gering. Aber: „Traditionelle

Schwarzarbeitbranchen,

die bisher keinen Branchenmindestlohn

haben, wie das

Gaststätten-, Taxi- und Logistikgewerbe,

wären stark betroffen“,

warnt Boockmann. „Die Erfahrung

der Vergangenheit lehrt,

dass es zu Ausweichreaktionen

kommt.“ Die Kontrolle durch

den Zoll gilt als schwierig.

Außerdem warnt der Ökonom

„aus den bisher weitgehend

unschädlichen Branchenmindestlöhnen

die falschen

Rückschlüsse für eine

flächendeckende Lösung zu

ziehen. Bei der jetzt diskutierten

Höhe drohen erhebliche

Jobverluste.“

max.haerder@wiwo.de | Berlin

HDMI schlägt HGB

Die 15 meistverkauften Artikel bei Amazon in Deutschland seit dem Startvor 15 Jahren

1 AmazonBasics Hochgeschwindigkeits-HDMI-Kabel

2 Kindle

3 Bürgerliches Gesetzbuch

(BGB)

4 Speicherkarte,Transcend

Extreme-Speed SDHC 8GB

5 Kindle Paperwhite

Quelle:Amazon

6 Speicherkarte,Transcend

Extreme-Speed SDHC, 16 GB

7 Speicherkarte SanDisk

SDHC, 4GB

8 USB-Ladegerät für

Kindle

9 Der Lebensfreude-

Kalender

10 Smartphone Samsung

Star S5230

11 Shades of Grey –

Befreite Lust

12 Shades of Grey –

Geheimes Verlangen

13 Handelsgesetzbuch

(HGB)

14 HarryPotter und die

Heiligtümer des Todes

15 MicrosoftOffice Home

and Student 2007

WirtschaftsWoche 28.10.2013 Nr. 44 11

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Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

Energiewende

Regierungsamtlich mit

neofossiler Intelligenz

beschlossene und

ebenso spontan wie

konsequent umgesetzte

geistig-moralische

Schubumkehr auf

sämtlichen bundesdeutschen

Strom- und

Heizkostenabrechnungen.

Bewirkt durch umfassendes

solartechnisches

Recycling bis hin zur

Reklamelichtrückgewinnung

die Austrocknung

der Finanzierungswege

arabischer

Terroristen und erreicht

dadurch zuletzt

sogar mittelbar eine

weltanschauliche Neuorientierung

in der

krisengeplagten Golfregion.

DER FLOSKELCHECKER

Carlos A. Gebauer, 48,

arbeitet als Rechtsanwalt in

Düsseldorf, wurde auch als

Fernsehanwalt von RTL und

SAT.1 bekannt.

SPIONAGE James Andrew Lewis

»Die USA wird Merkel

weiter abhören«

Der Geheimdienstexperte glaubt, dass auch

China und Russland Merkel abhören, und erklärt,

warum das aus US-Sicht weiter notwendig ist.

Herr Lewis, halten Sie es für

möglich, dass US-Geheimdienste

Angela Merkels Handy

angezapft haben?

Wenn in Washington maßgebliche

Personen der Regierung

mit dem Handy telefonieren,

hören oft sechs oder sieben andere

Personen mit. Das ist in

Regierungskreisen bekannt.

Der deutschen Regierung war

das angeblich nicht bewusst.

Wenn es etwas gibt, worüber

Angela Merkel entsetzt sein

sollte, dann darüber, dass man

ihr kein sichereres Telefon gegeben

hat. Die USA können es

abhören, also können es auch

Russland und China.

Ist die Aufregung der deutschen

Regierung inszeniert?

Ich gehe davon aus, dass Frau

Merkel und ihre Regierung

wussten, wie stark sie abgehört

werden. Ich sehe die Debatte im

Kontext der Snowden-Enthüllungen:

Die Menschen, die

dessen Informationen haben,

nutzen sie geschickt für antiamerikanische

Propaganda.

Snowden hat auch Informationen

darüber, was andere Geheimdienste

tun. Nichts davon

wurde an die Öffentlichkeit

gegeben. Warum? Weil es die

These konterkariert, dass die

USA die Bösen sind. Es sind

nicht die bösen USA – es ist jeder.

Dann hat der BND das Telefon

von Barack Obama gehackt?

Ich weiß nicht, ob es die Deutschen

gemacht haben. Aber ich

weiß, dass es andere Länder

versucht haben. Jeder Politiker

ist ein Ziel, besonders, wenn es

um ein wichtiges Land geht.

Die USA zapft also auch die

Telefone aller anderen Staatsoberhäupter

in Europa an?

Nicht flächendeckend, denn

die Geheimdienste haben nur

begrenzte Kapazitäten. Sie

konzentrieren sich auf Staaten,

die im Zusammenhang mit

Terrorismus relevant sind, oder

auch China, Russland, Nordkorea.

Wer mit diesen Staaten in

Verbindung gebracht werden

kann, wird zum Ziel.

Was qualifiziert Deutschland

für diese Mitgliedschaft in

der „Achse des Bösen“? Wir

sind doch ein guter Partner.

Das ist richtig. Aber wenn Sie

mal von Angela Merkel absehen,

die ich persönlich bewundere,

haben Sie auch Personen,

die Deutschland verdächtig

machen. Gerhard Schröder war

ein ganz anderer Charakter. Sei-

DER GEHEIMDIENSTKENNER

James Andrew Lewis ist Direktor

am „Center for Strategic and

International Studies“ (CSIS).

Der Obama-Berater und Sicherheitsexperte

war in leitenden

Positionen für US-Ministerien

tätig und auch in zahlreiche

Militärprogramme involviert.

ne starken Bande zu Russland

sind aus US-Sicht Anlass zur

Sorge. Es wirkt auch nicht vertrauensbildend,

wenn etwa Siemens

dem Iran Materialien für

den Bau von Atomwaffen liefert.

Die USA sehen auch chinesische

Wirtschaftsspionage als

große Gefahr für Wirtschaft und

Sicherheit. Deutschland dagegen

hat sogar unsere Maßnahmen

gegen diese Spionage in

der EU verhindert, weil man

China als wichtigen Markt sieht.

Die US-Regierung hat gesagt,

dass sie Merkel künftig nicht

abhört. Ist das glaubhaft?

Wenn das Telefon abgehört

wurde, dann am ehesten vor

einer Reise nach China oder

einem G20-Gipfel. Die NSA

geht eher punktuell vor und

belauscht nicht ständig die

Kanzlerin. Wird sie ganz darauf

verzichten? Ich denke nicht.

Werden auch deutsche Unternehmen

ausspioniert?

Ich war über Jahre direkt in diese

Thematik involviert. Die USA

überwachen Unternehmen,

wenn es um Sicherheitsaspekte

oder Korruption geht, nicht zur

Wirtschaftsspionage. Ich weiß,

dass uns das viele nicht glauben.

Aber wem sollten wir etwa

Informationen über BMW

geben? Welchem der drei US-

Autobauer? Und was, wenn der

Eigentümer wie bei Chrysler ein

ausländisches Unternehmen

ist? Wenn man diese Sache bis

ins Detail durchdenkt, merkt

man, dass es nicht funktioniert.

Womöglich bin ich nun nicht

der Einzige, der eine Aufzeichnung

dieses Gesprächs hat...

Kürzlich habe ich mit einer

Freundin im Außenministerium

telefoniert. Fünf Minuten

später schrieb sie in einer Mail:

„Hi Jim, wir haben doch gerade

über Afghanistan gesprochen.

Schau dir mal das Video an.“ Ich

war misstrauisch, weil die Mail

von der Privatadresse kam, und

ließ den Anhang untersuchen.

Er enthielt Spionagesoftware,

und die Mail war gefälscht. Das

ist Washington.

martin.seiwert@wiwo.de | New York

FOTO: GETTY IMAGES/DREW ANGERER, ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER

12 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

KLARTEXT | Wird sich

Haniel nach dem

Celesio-Verkauf auch

von Metro trennen?

Anker

gelichtet

Als der Duisburger Familienkonzern

Haniel

im November 2012

ankündigte, seine Beteiligungen

am Pharmahändler

Celesio und am Handelskonzern

Metro zu verringern,

klang das nur nach Portfoliokosmetik,

nach einem

finanztechnischen Routineeingriff.

Schließlich, so versicherte

Haniel-Kapitän Stephan

Gemkow, blieben beide

Unternehmen „langfristig

Ankerinvestments im Haniel-

Portfolio“. Langfristig? Knapp

ein Jahr später hat Gemkow

den Celesio-Anker gelichtet:

Haniel verkauft den Pharmahändler

an den US-Rivalen

McKesson. Für die Duisburger

ist der Deal ein Befreiungsschlag.

Gemkow hat

nun die Mittel, um die Schulden

der Holding zu minimieren.

Und er kann zugleich in

neue, kleinere Unternehmen

investieren. Fragt sich nur,

ob Haniel auch den zweiten

Ankerplatz verlässt. In ein

bis zwei Jahren könnte sich

Haniel von Metro verabschieden,

spekulieren Beobachter.

Alternativ könnte

Gemkow die „Verschlankung“

des Händlers forcieren

– also den Verkauf von

Metro-Töchtern wie Kaufhof

oder MediaSaturn. Metro-

Chef Olaf Koch betonte

jüngst schon die Bedeutung

der Ankeraktionäre für eine

– genau –„langfristige Unternehmensstrategie“.

Kein

Grund zur Sorge also: Metro

wird nicht verkauft. Zumindest

nicht in diesem Jahr.

henryk.hielscher@wiwo.de

HOCHTIEF

Massiver Jobabbau

Der seit 2011 von Spanien aus

gesteuerte größte deutsche

Baukonzern Hochtief wird massiv

Arbeitsplätze abbauen. Im

Rahmen des Umstrukturierungsprogramms

Mercure will

Vorstandschef Marcelino

Fernandez mindestens 800

Stellen bei der Tochter Hochtief

Solutions streichen, heißt es im

Unternehmen. Nach Worst-

Case-Szenarien könnten sogar

bis zu 2000 Stellen wegfallen.

Überwiegend betrifft der Abbau

Deutschland, wo nach dem Verkauf

der Facility-Management-

Sparte im Juli noch rund 5000

der 9000 verbliebenen Solutions-Mitarbeiter

arbeiten – unter

anderem in den Bereichen

Hochbau, Infrastruktur und Ingenieurbau.

Fernandez will

„möglichst auf betriebsbeding-

Bis zu 2000 Stellen in Gefahr

Hochtief-Chef Fernandez

ROYAL MAIL

Heuschrecke

an Bord

Der Chef des britischen Hedgefonds

The Children’s Investment

Fund (TCI), Christopher

Hohn, hat schon mehrfach die

Pläne von Unternehmen durchkreuzt,

wie die Deutsche Börse

nur zu genau weiß. Nun hat

Hohn ein neues Ziel: TCI hat einen

Anteil von 5,8 Prozent an

Royal Mail erworben und ist

nach dem britischen Staat – der

immer noch 37,8 Prozent hält –

nun der größte Aktionär des

soeben privatisierten Postkonzerns.

Bisher will sich der für

seinen aggressiven Kurs gefürchtete

Hohn noch nicht im

Detail zu seinen Plänen äußern.

Post-Aktien zum Schleuderpreis

TCI-Chef Hohn

te Kündigungen verzichten

und die Reduzierung durch

individuelle, einvernehmliche

Vereinbarungen“ erreichen,

schreibt Solutions-Vorstand

Nikolaus Graf von Matuschka

in einer E-Mail, die er vergangene

Woche an die Mitarbeiter

schickte und die der Wirtschafts-

Woche vorliegt.

Doch das profitable europäische

Paketgeschäft und die vielen

Immobilien der Post ließen

sich sicher gut verkaufen. Kritiker

werfen der britischen Regierung

vor, Royal Mail beim Börsengang

am 11. Oktober mit

einem Emissionspreis von 330

Pence pro Aktie verschleudert

zu haben: Der Kurs ist mittler-

Wie sich die Abfindungen errechnen,

wurde mit dem Betriebsrat

und der Gewerkschaft

IG Bau in einem Tarifvertrag

geregelt. „In den vergangenen

Jahren“ habe Hochtief im Europageschäft

„Renditen unterhalb

der Kapitalkosten“ erwirtschaftet,

begründet Matuschka in der

E-Mail die Abbaupläne, „die

Strukturen passten nicht zum

Umsatzvolumen – die Folge

waren Verluste“.

harald.schumacher@wiwo.de

weile auf 530 Pence gestiegen.

In Deutschland torpedierte

Hohn 2005 die Pläne der Deutschen

Börse, die London Stock

Exchange zu übernehmen, und

erzwang die Ablösung von Börsenchef

Werner Seifert. 2007

forderte er die Zerschlagung

des niederländischen Bankenriesen

ABN Amro, sodass dieser

zum Übernahmeobjekt wurde.

Diesen Sommer forderte Hohn

den Luftfahrtkonzern EADS auf,

seine Beteiligung am französischen

Flugzeugbauer Dassault

zu verkaufen.

In den letzten Jahren erlitt

TCI allerdings auch eine Reihe

von Rückschlägen. Hohn versuchte

vergeblich, den japanischen

Stromversorger J-Power

zur Ausschüttung höherer Dividenden

zu zwingen. Infolge der

Finanzkrise verlor sein Fonds

43 Prozent an Wert, hat den

Verlust aber wieder aufgeholt.

yvonne.esterhazy@wiwo.de | London

FOTOS: SVEN SIMON, LIZ LYNCH, INTERTOPICS/MICHA THEINER

14 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

FORMEL 1

Unter Wert

Einen Tag nach seinem 83. Geburtstag

wird es ernst für

Bernie Ecclestone: Am

Dienstag beginnt vor einem

Londoner Gericht der Prozess

der Münchner Film- und Fernsehfirma

Constantin Medien

gegen das Unternehmen des

Formel-1-Chefs. Im Kern geht

es um die Frage, ob die BayernLB

ihren Anteil an der Formel

1, der einst aus der Konkursmasse

des Filmhändlers

Leo Kirch auf sie übergegangen

war, auf Betreiben Ecclestones

unter Wert verkauft hat.

Das 46-Prozent-Paket an der

Formel 1 war im April 2006 für

820 Millionen Dollar an den Finanzinvestor

CVC Capital Partners

verkauft worden. Hätte der

Verkaufspreis bei mehr als 1,1

Milliarden Dollar gelegen, hätte

Constantin Medien aufgrund

einer früheren Vereinbarung

Anspruch auf einen Teil des Erlöses

gehabt. Das Unternehmen

klagt nun auf Schadensersatz

von mindestens 171 Millionen

Dollar.

Gerhard Gribkowsky, Ex-Vorstand

der Bayerischen Landesbank,

war 2012 in München zu

achteinhalb Jahren Haft verurteilt

worden, weil er 44 Millionen

Dollar Schmiergeld von

Ecclestone angenommen hatte.

yvonne esterhazy@wiwo.de | London

GLEICHSTELLUNG

Deutschland

fällt zurück

Mit der Flexi-Quote gescheitert,

das Elterngeld ein teurer Fehlschlag,

Rückzug in die Familie

statt Verbleib in der Regierung:

Die scheidende Bundesfamilienministerin

Kristina

Schröder, CDU, kassierte für

Frauenquote gesunken

Ex-Familienministerin Schröder

29.10. Autoindustrie Der europäische Autoherstellerverband

Acea veröffentlicht Dienstag die Zahlen der

Neuzulassungen von Nutzfahrzeugen

in Europa. Am Freitag

folgen Informationen zum

US-Autoabsatz im Oktober.

30.10. Geldpolitik Zinsentscheid der US-Notenbank. Eigentlich

war erwartet worden, dass die US-Notenbank

am Mittwoch ihre Anleihenkäufe reduziert.

Nach dem US-Haushaltsstopp und den negativen

Folgen für die Konjunktur rechnen die meisten

Analysten damit allerdings erst für 2014.

Konjunktur Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung

veröffentlicht sein monatliches Konjunkturbarometer.

Zudem nennt der Verband

Deutscher Maschinen- und Anlagenbauer die Auftragseingänge

im September.

Porsche Gleich fünf Klagen gegen die Porsche-

Dachgesellschaft PSE werden in Braunschweig

verhandelt. Es geht um Schadensersatzforderungen

von Spekulanten wegen der VW-Übernahme.

EU Beim Innenministertreffen dürfte erneut über

die Flüchtlingspolitik gesprochen werden.

31.10. Steuern Ob die Staatseinnahmen weiter so üppig

fließen wie derzeit, zeigt sich am Donnerstag.

Dann werden die Ergebnisse der jüngsten Steuerschätzung

bekannt gegeben.

03.11. Energie Die Berliner stimmen in einem Volksentscheid

am Sonntag darüber ab, ob die Stadt das

Stromnetz kaufen soll. Entschieden wird das aber

erst im Vergabeverfahren kommendes Jahr.

ihre Entscheidungen oft Häme.

Dass sie Frauen mit ihrer Politik

einen Bärendienst erwiesen hat,

bestätigt nun der Global Gender

Gap Report des World Economic

Forum: Gemessen an der

Chancengleichheit in Politik,

TOP-TERMINE VOM 28.10. BIS 03.11.

Wirtschaft, Bildung und Gesundheit,

rangiert Deutschland

weltweit auf Rang 14, einen

Platz schlechter als im Vorjahr.

Denn der Anteil berufstätiger

Frauen sank ebenso wie ihre

Bezahlung. Der Frauenanteil in

der Politik, im mittleren und

höheren Management sank von

38 auf 30 Prozent. An der Spitze

liegt wieder Island, gefolgt

von Finnland, Norwegen und

Schweden. Ebenfalls vor

Deutschland: Nicaragua (Platz

10) oder die Philippinen ( 5).

manfred.engeser@wiwo.de

BANKENSTRESSTEST

Nothilfe vom

Staat

Die Europäische Zentralbank

hat einen großen Stresstest für

wichtige Kreditinstitute der

Euro-Zone angekündigt. Das

könnte auch Folgen für die

deutschen Steuerzahler haben.

Denn der hierzulande in der

Finanzkrise geschaffene staatliche

Bankenrettungsfonds Soffin

steht noch bis 31. Dezember

2014 als Auffangbecken bereit.

„Er dient damit auch als nationaler

Backstop für den Fall, dass

Retter der Banken Bundesfinanzminister

Schäuble

im Zuge des EZB-Stresstests

Kapitallücken bei deutschen

Kreditinstituten aufgedeckt

werden“, sagte ein Sprecher

von Bundesfinanzminister

Wolfgang Schäuble. Das gelte

auch für Banken, die bisher

keine Soffin-Hilfen erhalten

haben. Der Soffin vergibt auf

Antrag Kapital oder Garantien

an Krisenbanken und finanziert

Bad Banks, in denen notleidende

Kredite gebunkert

werden. Die Mitglieder der

Euro-Zone sollen laut EZB nationale

Auffangbecken einrichten

– sogenannte Backstops. Sie

greifen Banken unter die Arme,

die beim Stresstest durchfallen

und ihren Kapitalbedarf nicht

aus privaten Quellen decken

können.

mark.fehr@wiwo.de | Frankfurt

FOTOS: PR, LAIF/HANS CHRISTIAN PLAMBECK, PICTURE-ALLIANCE/DPA/FREDRIK VON ERICHSEN

16 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

STARTUP

ADIDAS

Patrik Nilsson, 49, soll als

neuer Reebok-Chef die Probleme

mit der Adidas-Marke

lösen. Der Schwede führt zugleich

auch das adidas-Geschäft

in Nordamerika. Nilsson

löst Uli Becker ab. Der

50-Jährige galt als Vertrauter

von Adidas-Vorstandschef

Herbert Hainer, 59, und

möglicher Nachfolger. Doch

nach 23 gemeinsamen Jahren

bei Adidas trennen sich

nun die Wege der beiden

Manager, weil es Becker

nicht gelang, Reebok zum

Erfolg zu führen. Seit 2008

hatte Becker als Reebok-

Chef versucht, die von Adidas

neu erworbene Marke in

die Spur zu bringen. 2012

wurde er bereits zum Nordamerika-Chef

degradiert,

nun löst ihn Nilsson ab. Becker

soll ein Angebot von

Adidas abgelehnt haben, im

Unternehmen zu verbleiben.

Nach einer Auszeit will er sich

neuen Aufgaben widmen.

INSOLVENZEN

IFO INSTITUT

Kai Carstensen, 42, verlässt

Ende Februar das ifo Institut für

Wirtschaftsforschung in München,

dessen Konjunkturforschungsabteilung

er seit mehr

als sechs Jahren leitet. Carstensen

übernimmt an der Universität

Kiel am 1. März 2014 den

Lehrstuhl für Ökonometrie. Für

den gebürtigen Schleswig-Holsteiner

ist es eine Rückkehr in

die Heimat. Carstensen hat in

Kiel promoviert und fünf Jahre

lang den Forschungsbereich

Geldpolitik am Kieler Institut

für Weltwirtschaft (IfW) geleitet.

Im Herbst 2014 hört dort Konjunkturchef

Joachim Scheide

auf. Carstensen steht für den

Job eigenen Angaben zufolge

aber nicht zur Verfügung. Er will

sich als Professor intensiver um

die Forschung kümmern. Wer

ihm als Konjunkturchef beim

ifo Institut folgt, ist noch unklar.

PROCTER & GAMBLE

Jean Gabriel Duveau, verantwortlicher

Brand-Manager für

Baby Care beim Konsumgüterriesen,

wird für seine Arbeit ausgezeichnet.

Der Marketingpreis

Goldenes Brandeisen geht in

diesem Jahr an Pampers.

Duveau nimmt die Auszeichnung

am 26. Oktober bei der

Marken-Gala in Frankfurt entgegen.

Der „Oscar des deutschen

Marketings“ wird seit 2006 vergeben.

Frühere Preisträger waren

Ikea, Red Bull und Nespresso.

26 000

Unternehmenspleiten

erwartet der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen

(BDIU) in diesem Jahr. So wenige gab es zuletzt 1996. Im Vorjahr

hatten 28 297 Firmen Insolvenz angemeldet. Die Gläubigerschäden

bleiben jedoch hoch: Im ersten Halbjahr betrugen die Forderungsverluste

rund 12,8 Milliarden Euro.

AUDIBENE

Akustiker am Hörer

Nein, Marco Vietor, 33, (rechts) und Paul Crusius, 32, die beiden

Gründer des Hörgeräte-Vermittlers Audibene, haben keine

Probleme mit ihren Ohren. Softwareentwickler Vietor und Crusius,

ein ehemaliger Medizintechnik-Berater der Boston Consulting

Group, die beide an der Privatuni Vallendar bei Koblenz studierten

und kurz in einer WG zusammen wohnten, haben das Konzept

an einem Sommerabend in Frankfurt entwickelt. Vietor war

bei seinem Vater aufgefallen, dass sich auch ältere Menschen immer

stärker ins Internet trauen. Warum also nicht den Kauf eines

Hörgerätes online anbahnen?

„Damit tun sich viele leichter, als über die Schwelle eines Akustikergeschäfts

zu treten“, erklärt Vietor. Auf der Audibene-Web-Site,

der wohl größten ihrer Art in Europa, haben die beiden Gründer

etliche Informationen rund ums Hören zusammengestellt. Interessierte

können sich von einem der 16 Akustiker, die für Audibene

arbeiten, telefonisch beraten lassen. Die endgültige Auswahl des

passenden Hörgerätes übernimmt aber ein Akustiker vor Ort – auf

Empfehlung von Audibene. Das Startup arbeitet mit 350 Partnerakustikern

zusammen,

Fakten zum Unternehmen

Start: 1. Mai 2012; profitabel

angeblich seit Juli 2013

Kunden: pro Woche schätzungsweise

800 Kontakte

Ziel: die geplante Zahl der Partnerakustiker

beträgt 400–450

die dafür eine Prämie von

etwa 20 Prozent des Hörgerätepreises

erhalten.

Nach eigenen Angaben

arbeiten die Berliner seit

Juli profitabel. Einen Ableger

in den Niederlanden

gibt es auch.

juergen.salz@wiwo.de

FOTOS: DDP IMAGES/SIPA PRESS/CELESTE/MCMULLAN, ANNO DITTMER, IMAGO/WOLTERFOTO

18 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Eric Schweitzer

Präsident des DIHK

Ein guter Tag beginnt für Eric

Schweitzer, 48, mit einer guten

Zeitung und einer Tasse Latte

macciato. Wenn die Frage

kommt, womit er sein erstes

Geld verdient hat, dann lächelt

er und antwortet: „Mit Sammeln

von Altmetall.“ Seine Sammelleidenschaft

hat ihn zu einem

der einflussreichsten Familienunternehmer

des Landes gemacht.

Denn der promovierte

Betriebswirt ist nicht nur Präsident

des Deutschen Industrieund

Handelskammertages

(DIHK). Zusammen mit seinem

Bruder Axel führt er auch die

Alba Group – eines der größten

Recyclingunternehmen der

Welt. Schweitzer, in

Ipoh in Malaysia geboren,

beherrscht den

Auftritt auf zwei Bühnen.

Als Lobbyist engagiert

er sich für die

Interessen der rund

3,6 Millionen gewerblichen

Unternehmen

360 Grad

In unserer iPad-

Ausgabe finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

des Landes. Als Unternehmer dirigiert

er ein Imperium mit 200

Tochter- und Beteiligungsfirmen,

das knapp 9000 Mitarbeiter

beschäftigt und im vergangenen

Jahr rund 2,9 Milliarden Euro

umsetzte. Im Haus der Deutschen

Wirtschaft in Berlins Mitte

liegt sein DIHK-Büro in der ersten

Etage. Klein, fast unscheinbar

ist es. Wer den

Weg dorthin nicht

kennt, geht daran vorbei.

„Ich definiere

mich nicht über die

Größe des Büros“, sagt

Schweitzer. Die Stadt

hat ihn geprägt. Das

sollen auch die plakativen

Bilder des Berliner Künstlers

Christopher Lehmpfuhl

demonstrieren, die den Kurfürstendamm

und das Brandenburger

Tor zeigen. „Sie sind

authentisch“, sagt Schweitzer

über die Werke des modernen

Impressionisten, der stets im

Freien und mit den Fingern malt.

An der Wand gegenüber hängt

ein Fernseher. Meist läuft der

Nachrichtensender N24. „Das

Büro hat etwas vom Bauhaus“,

beschreibt der DIHK-Chef das

geradlinige Ensemble aus USM-

Haller-Möbeln. „Das passt zu

meiner Ordnungsliebe“, gesteht

er, „zugemüllt mag ich es nicht.“

ulrich.groothuis@wiwo.de

FOTO: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

20 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Die wahre Regierung

FÖDERALISMUS | Die schwarz-roten Koalitionsverhandlungen haben begonnen. Aber

in Berlin geht es um viel mehr als nur eine neue Regierung: Bund und Länder

ringen um die größten Reformbaustellen des Landes. Parteibücher spielen dabei kaum

mehr eine Rolle. Die Ministerpräsidenten spielen ihre Macht aus. Gemeinsam.

Volker

Bouffier

HESSEN

CDU

Schwarz-Rot oder

Schwarz-Grün?

Erst muss Bouffier

die eigene Koalition

zimmern, bevor

er Einfluss hat

Hannelore

Kraft

NRW

SPD

Politik mit Kohle-

Kraft: Die mächtigste

Frau der

SPD dirigiert die

roten Länder

im Bundesrat

Winfried

Kretschmann

BA-WÜ

Grüne

Ökovorkämpfer

im Bundesrat.

Der Oberrealo will

bei Energiewende

und Finanzen

mitmischen

22 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Normalerweise treffen sich alle

Ministerpräsidenten der Bundesländer

nur vierteljährlich,

so wie vergangene Woche in

Heidelberg. Aber was heißt

schon normal? Künftig sehen sich 15 der 16

Damen und Herren mindestens wöchentlich

in der Bundeshauptstadt. Sie alle gehören

zur großen Verhandlungsrunde von

CDU, CSU und SPD, die die große Koalition

aus der Taufe heben soll. Etliche Minister

aus der Provinz sind dabei, ebenso Fraktions-

und Landeschefs. Bei den Sozialdemokraten

stellen die Landespolitiker sogar

die Mehrheit der Delegation. Das Signal ist

eindeutig: Bundespolitik ist Ländersache.

Die große schwarz-rote Runde ist eine

inoffizielle Bund-Länder-Kommission. Natürlich,

es geht nun mit Leidenschaft um

den Koalitionsvertrag, um Mindestlöhne,

um Rente, Betreuungsgeld, Europa, mehr

Steuern oder nicht. Aber das föderale Gefüge

der Bundesrepublik steht immer mit

auf der Agenda. Es ringen nicht nur Unionisten

mit Genossen, es ringen Bund und

Länder miteinander. Das Parteibuch hilft

da bei der Orientierung nur bedingt.

Alle großen Probleme, die die künftige

Bundesregierung anpacken will oder

muss, kann sie nur mithilfe der Länder lösen.

Ohne die Zustimmung des Bundesrats

läuft nichts. Ob Bildung, Infrastruktur oder

Energiewende – die gemeinsame Finanzierung

oder die Verwaltung der Bundesaufgaben

durch Länder und Kommunen geben

den Ministerpräsidenten einen kräftigen

Hebel in die Hand. Den wollen sie nutzen,

um die eigene Finanzlage zu verbessern.

Die ach so große Koalition schrumpft

zu einer Regierung von Länder Gnaden.

Entsprechend selbstbewusst tönt es aus

der Ferne nach Berlin. „Wir sprechen sicher

ein Wörtchen mit“, sagt der niedersächsische

SPD-Ministerpräsident Stephan Weil

mit demonstrativer Gelassenheit. Schließlich

würden „die Vertreter der Länder immer

wieder – über die Parteigrenzen hinweg

– Gemeinsamkeiten feststellen“ (siehe

Seite 28). „Es wird sicher immer Forderungen

an den Bund geben, wo sich alle Länder

einig sind“, ergänzt der sächsische Ministerpräsident

Stanislaw Tillich (CDU).

2019 ist das Schicksalsdatum, das die Ministerpräsidenten

vereint. Dann laufen der

Solidarpakt und der Länderfinanzausgleich

aus. Ein Jahr später greift die Schuldenbremse

endgültig. Alle stehen in den

»

Horst

Seehofer

BAYERN

Stanislaw

Tillich

SACHSEN

Olaf

Scholz

HAMBURG

FOTOS: DDP IMAGES, LAIF, PICTURE-ALLIANCE/DPA,

ACTION PRESS (2), NILS BAHNSEN

CSU

A Hund is er scho

– und die Bayern

lieben ihn. Darf in

der Union alles –

und bekommt fast

alles, was er will

CDU

Der Freistaat ist

das Musterland

des Ostens,

dementsprechend

finden Tillichs Ansichten

viel Gehör

SPD

„König Olaf“

regiert mit absoluter

Mehrheit. Ein

Anführer im

schwarz-roten Verhandlungspoker

WirtschaftsWoche 28.10.2013 Nr. 44 23

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Politik&Weltwirtschaft

»

nächsten Jahren unter gehörigem Spardruck

und fordern – mal lauter, mal leiser –

Unterstützung vom Bund.

Ein Blick in den Bundesrat zeigt, wie

ohnmächtig die neue Bundesregierung

sein wird. Obwohl die beiden großen Parteien

im Bundestag 80 Prozent der Mandate

halten, bringen sie in der zweiten Kammer

keine Mehrheit zustande (siehe Grafik

Seite 26). Darin spiegelt sich die Schwäche

der Volksparteien, die in kaum einem Land

ohne Koalitionspartner regieren können.

Traditionell enthalten sich die Landesregierungen

im Bundesrat der Stimme, wenn

sich die heimische Koalition nicht auf eine

gemeinsame Linie einigen kann. Da jeder

Antrag im Bundesrat die absolute Mehrheit

erfordert, wirkt eine Enthaltung wie

ein Nein. Vorteil Bund: Bei den sogenannten

Einspruchsgesetzen kommt kein Veto

des Bundesrates zustande.

Kräftig aufgestockt

Bildungsausgabendes Bundes

(inMilliarden Euro) 7,3

3,0

4,3

2000 2005 2012

Quelle:Destatis

Verfall provoziert

Investitionen in deutsche Fernstraßen

(inMilliarden Euro)

7

6

nominal

5

4

in Preisenvon 2005

ohne weiteren Preisanstieg

3

05 06 07 08 09 10 11 12 13 14 15 16 17

2013:Soll, ab 2014:Plan;Quelle:Pro Mobilität

Auf der Standspur Die Verkehrsnetze

leben von der Substanz

VORTEIL LÄNDER: RAT IST TEUER

Zustimmungsgesetze brauchen eine

Mehrheit, damit das Paragrafenwerk in

Kraft tritt. Da die Stimmen der einzig verbliebenen

schwarz-gelben Koalition in

Sachsen ohnehin nicht ausreichen, müssen

sich Union und SPD um das Plazet der

rot-grün regierten Länder bemühen. Der

Union ist das nicht einmal unlieb, schließlich

will sie die Ökopartei als weitere Koalitionsoption

heranziehen. Den Grünen ermöglicht

das eine erhebliche Mitsprache in

der Bundespolitik.

Und die wollen das Angebot kräftig nutzen.

So möchte der baden-württembergische

Ministerpräsident Winfried Kretschmann

neben der Energiewende vor allem

für eine bessere Finanzausstattung kämpfen.

„Hier werde ich mich für eine dritte Föderalismuskommission

starkmachen. Ziel

muss es sein, in Verhandlungen mit den

anderen Ländern und dem Bund, ein faires,

transparentes Ausgleichssystem zu erreichen.“

Die Zeit dränge: „Uns eint doch

alle die Sorge, wie wir unter der Regie der

Schuldenbremse ab 2020 zukünftig noch

politischen Gestaltungsspielraum haben.“

Der grüne Vizeregierungschef in Schleswig-Holstein,

Robert Habeck, setzt ebenfalls

auf die Länderkammer: „Dort sind die

Grünen über die Landesregierungen direkt

an vielen Entscheidungen beteiligt und

können Einfluss nehmen.“ Das beschränke

sich nicht auf Themen wie die Energiewende,

schließlich hätten Grünenpolitiker in

den Ländern inzwischen eine Vielzahl an

Ministerien inne: Wirtschaft, Bildung, Finanzen,

Umwelt, Landwirtschaft, Verkehr

Die Tür steht offen!

Die Länder hoffen

auf noch mehr Geld

oder Justiz. „Initiativen und Einmischung

sind in allen Themenfeldern zu erwarten.“

Was die Verhandlungsposition des

Bundes schwächt: Die Entwicklung seiner

Finanzen geht in die richtige Richtung. Von

einer geplanten Neuverschuldung von

25,1 Milliarden Euro in diesem Jahr dreht

der Saldo des Bundeshaushalts ab 2015

ins Positive. 2016 rechnen die Beamten

von Finanzminister Wolfgang Schäuble mit

einem Plus von 5,2 Milliarden Euro, ein

Jahr später soll der Überschuss schon

fast doppelt so hoch ausfallen. Vorausgesetzt

natürlich, die sich zusammenkaufende

Koalition schafft nicht lauter neue

Ausgabeposten.

Das weckt Begehrlichkeiten. Denn bei

den Ländern ist die Lage deutlich schwieriger.

Zwar geht auch bei ihnen die Neuverschuldung

zurück, aber die Ministerpräsidenten

und ihre Finanzminister fürchten

die Zeitbomben in ihren Etats. Weil Länder

und Kommunen den Großteil des Beamtenheeres

und der sonstigen öffentlich Bediensteten

unterhalten, stehen sie auch für

die wachsenden Pensionslasten gerade.

Und vor allem: Die Schuldenbremse im

Grundgesetz knebelt die Länder erheblich

stärker als den Bund. Denn während der

jederzeit neue Kredite in Höhe von 0,35

Prozent des Bruttoinlandsproduktes –

rund 9,5 Milliarden Euro – ordern darf und

weitere Schlupflöcher nutzen kann (siehe

WirtschaftsWoche 43/2013), dürfen die

Länder ab 2020 keinen Cent mehr zusätzlich

aufnehmen.

FINANZEN: ARMRECHNEN

Entsprechend wollen die Länder die Finanzausstattung

völlig neu justieren: Systematisch

richtig wäre es, die Zuständigkeiten

sauber zu trennen und jeder Ebene so viel

Geld zuzuordnen, dass jeder seine Aufgaben

erledigen kann. Aber ein solcher Neustart ist

unwahrscheinlich. Denn dann müssten

auch die Steuereinnahmen neu verteilt werden.

Bisher fließen Mehrwert-, Kapitalertrag-

sowie Lohn- und Einkommensteuer zu

FOTOS: LAIF/KAI NEDDEN, GLOBAL-PICTURE/BERNHARD FREISEN

24 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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unterschiedlichen Prozentsätzen an die drei

Ebenen des Staates. Die Körperschaftsteuer

gehört hälftig Bund und Ländern.

In den vergangenen Jahren haben die

Länder dem Bund schon finanzielle Zugeständnisse

abgerungen. So steigerte er seine

Zahlungen für die Wohnkosten der

Hartz-IV-Empfänger und übernahm das

Bildungspaket für Kinder armer Familien.

Auch die Grundsicherung im Alter – die Sozialhilfe

für Rentner – zahlt Schäuble. Dafür

reduzierte der Bund seinen Beitrag für die

Arbeitsförderung. Und mit den Entflechtungsmitteln

versüßte der Bund den Ländern

seinen Rückzug aus der Finanzierung

kommunaler Verkehrswege.

In der nächsten Runde wollen die Länder

erreichen, dass der Bund auch die Kosten

für die Eingliederung Behinderter übernimmt.

Und ein noch drückenderes Problem:

die Altschulden der Länder.

Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf

Scholz hatte einen Tilgungsfonds vorgeschlagen,

in dem die Altschulden der Länder

zusammengefasst werden. Gespeist

werden soll er aus den Mitteln des heutigen

Solidarpaktes II, mit dem bisher die neuen

Länder unterstützt werden. Der läuft 2019

aus. Diese Gelder sollten dann für die Bedienung

der Altschulden bereitstehen und

direkt vom Bund verwaltet werden.

Die SPD-Länder sind sich da weitgehend

einig, auch die saarländische CDU-Ministerpräsidentin

Annegret Kramp-Karrenbauer

hegt Sympathien. Praktisch für die Länder:

Verhandlungsführer der SPDin allen Finanzfragen

und damit Gegenspieler von Wolfgang

Schäuble ist – der Hamburger Scholz.

Doch mit den Altschulden ist es den Ländern

nicht getan. „Die Länder benötigen so

viel Geld, dass die strukturellen Unterschiede

auf der Einnahmenseite zwischen ihnen

ausgeglichen werden können“, verlangt der

Sachse Tillich Unterstützung. Wer allerdings

zusätzliche Wünsche habe, solle diese

realisieren, „ohne dass die anderen dadurch

finanziell belastet werden“. Sein neuer

Kollege aus Brandenburg ergänzt:

„Wichtig ist und bleibt, dass der Bund die finanzielle

Ausstattung der Länder und Kommunen

verbessert – und nicht die Sparanstrengungen

der Länder konterkariert“, fordert

Dietmar Woidke (SPD). Der Solidarpakt

müsse weiterlaufen: „Auch nach 2019

wird notwendig sein, dass der Bund sich zur

Lösung gesamtstaatlicher Aufgaben in den

Ländern finanziell engagiert.“ Der Brandenburger,

seit dem Frühjahr mit allen Hochwassern

gewaschen, sieht den Bedarf nicht

nur bei Bildung, Wissenschaft, Forschung

und Infrastruktur, sondern auch beim

Schutz vor Überschwemmungen. Und generell

gelte: „Wir brauchen einen Ausgleich

für strukturschwache Regionen – vollkommen

unabhängig von Himmelsrichtungen.“

Das ist die neue Standardformulierung,

die derzeit etliche Länderchefs im Munde

führen. Die Hilfe für die neuen Länder soll

umgebaut werden zur Unterstützung von

Notgebieten in Ost und West. Die thüringische

Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht

nennt das „Deutschlandfonds“, über

den „zeitlich und räumlich begrenzt Hilfe

zu Selbsthilfe geleistet wird“.

DIE ENERGIEWENDE BREMSEN

Unter der Leitung von NRW-Ministerpräsidentin

Hannelore Kraft (SPD) und Bundesumweltminister

Peter Altmaier (CDU) verhandelt

eine eigene Arbeitsgruppe, was im

Koalitionsvertrag zur Energieversorgung

stehen soll. Die SPD-Spitzenfrau an Rhein

und Ruhr steht für einen Kurs, der Rücksicht

auf die traditionellen Stromerzeuger nimmt

und an Kohlekraftwerken nichts Schändliches

finden kann. Zudem kämpft sie dafür,

dass energieintensive Industrien großzügige

Ausnahmen von den Umlagen für Netzausbau

und erneuerbare Energien erhalten.

Altmaier hält zwar offiziell die Fahne für

die Energiewende hoch, doch in seiner

Unions-Gruppe sind Wirtschaftspolitiker

wie Energiewende-Skeptiker Thomas Bareiß

(CDU) in der Überzahl. Stark ist auch

der sogenannte Kohleflügel der SPD unter

den Verhandlern. Wirtschaftsminister Heiko

Maas vertritt im Saarland die Interessen

von Kohle und Stahl, Ministerpräsident

Dietmar Woidke das Braunkohleland

Brandenburg. NRW-Wirtschaftsminister

Garrelt Duin (SPD) forderte bereits flott,

auch Betreibern fossiler Kraftwerke müssten

bis zu sechs Milliarden Euro Stütze gezahlt

werden, damit diese eine sichere

Stromreserve böten (siehe Seite 32). Im

Wahlprogramm hatte die SPD zwar noch

einen Anteil von 75 Prozent erneuerbare

Energien an der Stromversorgung bis zum

Jahr 2030 angestrebt. Doch das galt als Programm

für Rot-Grün – die Ökopartei forderte

offiziell gar 100 Prozent Erneuerbare.

Das dürfte für reichlich Konflikte mit rotgrün

oder grün-rot geführten Landesregierungen

sorgen. Die neue Grünen-Chefin

Simone Peter beklagte bereits, in der Arbeitsgruppe

seien „die Kohlefreunde praktisch

unter sich“. Billiger dürfte das Mammutprojekt

unter diesen Vorzeichen nicht

werden. Abstriche bei den Subventionen

für Solarenergie oder Windkraft und

»

WirtschaftsWoche 28.10.2013 Nr. 44 25

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Politik&Weltwirtschaft

»

Kammer des Schreckens

Sitzverteilung im Bundesrat

Hamburg Hessen*

Mecklenburg-Vorpommern

Thüringen

3

3 5

Sachsen-Anhalt

4

Saarland 4

3

Berlin

4

27

Bayern

Stimmen

6

Sachsen 4

*Ausgang der Regierungsbildung noch unklar; Quelle: Bundesrat

Biogas sind gegen Grüne schwer zu erreichen.

Und schon die jüngste Senkung

der Einspeisevergütungen war am Widerstand

einer ganz breiten Länderkoalition

gescheitert: Der Norden wollte den Wind

behalten, der Osten die Solarfabriken, und

Bayern mochte den Solarbauern nicht die

zusätzliche Verdienstchance vermiesen.

VERKEHR: GELD LOCKERMACHEN

Gut eine Woche nach der Bundestagswahl

einigten sich die 16 Verkehrsminister der

Länder in Berlin auf eine Zahl, die bei den

Koalitionsverhandlungen eine große Rolle

spielen wird: 40 Milliarden Euro. So hoch

sei der finanzielle Nachholbedarf bei Straßen,

Schienen und Wasserwegen. Das

Geld sei nötig, um den Sanierungsstau aufzulösen.

Der Bund, so das einstimmige Petitum,

möge das Geld doch künftig in einen

Sonderfonds einlegen.

Die Chance der Ministerpräsidenten für

mehr Geld war nie größer. In den Koalitionsverhandlungen

wird Verkehr zu einem

Top-Thema. Bei der Arbeitsgruppe mit

Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer

(CSU) an der protokollarischen Spitze geht

es vor allem um die Höhe der Investitionssumme,

nicht um das Ob. Ramsauer kalkulierte

den Finanzbedarf für die Bundeswege

selbst zuletzt auf vier Milliarden Euro.

Doch es dürfte deutlich teurer werden.

Denn mehr Geld soll es auch für Neu- und

Ausbau geben. Zwar herrscht Einigkeit unter

den Ländern, dass der Erhalt Vorrang

hat. Doch „größeren Investitionsbedarf“

sieht Thüringens Ministerpräsidentin Lieberknecht

auch bei „ausstehenden Neubauprojekten

aus dem Bundesverkehrswegeplan“,

so die CDU-Politikerin. „Über die

Finanzierung brauchen wir eine Debatte

Rheinland-Pfalz

Nordrhein-Westfalen

4

6 Niedersachsen

6 Bremen

3

Baden-Württemberg

6

Erforderliche

Mehrheit

35 Stimmen

ohne Tabus.“ Mit einer Ausnahme: „Für

diejenigen, die schon Kfz-Steuer zahlen,

muss sie kostenneutral sein.“

Mit ihrer Forderung steht Lieberknecht

nicht allein. Die Länder schreiben gerade

ihre Neubau-Wunschzettel für den künftigen

Bundesverkehrswegeplan, den der

Bund bis 2015 erstellt. Allein Bayern meldete

398 Projekte an. „Bliebe es bei der

heutigen Geldzuweisung des Bundes an

Bayern, würde es 160 Jahre dauern, bis alle

angemeldeten Projekte abgearbeitet sind“,

sagt Florian Pronold, Landeschef der Bayern-SPD

und stellvertretender Vorsitzender

der Bundestagsfraktion. Länder wie

Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen

stehen den Bayern wenig nach und reklamieren

ebenso selbstbewusst Neubaubedarf.

Der billige Ausweg würde teuer:mehr

Millionen in den Neubautopf, um Ärger

mit den Ländern einfach wegzukaufen.

Auch die Kommunen fordern Geld – und

dürften es bekommen. Schon in der vergangenen

Legislaturperiode verbuchten

die Länder im Auftrag der Kämmerer einen

Teilerfolg. Ursprünglich wollte Kassenwart

Schäuble die Entflechtungsmittel in Höhe

von 1,3 Milliarden Euro ab 2014 abschmelzen.

Doch Schäuble knickte ein, verlängerte

die Finanzierung bis 2019. Angesichts

40 Milliarden

Euro beträgt der

Nachholbedarf

beim Verkehr

4

4

Schleswig-

Holstein

Brandenburg

maroder Straßen und Schienen etwa im

Ruhrgebiet wäre ein Ende der Bundeszuweisungen

nach 2019 bei einer großen Koalition

unwahrscheinlich.

BILDUNG: WER HAT DAS SAGEN?

Das Kooperationsverbot untersagt dem

Bund, auf Länderebene dauerhaft in Bildung

zu investieren. Die große Koalition

2005/2009 hatte dies den Ländern übertragen.

Bundestagspräsident Norbert Lammert

(CDU) nennt dies „eine der genialsten

Verfassungsänderungen, die uns seit

1949 gelungen ist“ – und meint es ironisch.

Das bringt viele Länderhaushalte in finanzielle

Schieflage. Vor allem SPD-geführte

Regierungen pochen auf eine Abschaffung

des Verbots. Auch Bundeskanzlerin

Angela Merkel zeigte sich zwischenzeitlich

bereit, hier mitzuwirken. Die große

Koalition könnte die Grundgesetzänderung

mit ihrer Mehrheit ruck, zuck durchdrücken

– und bekäme dafür wohl auch

noch Stimmen von der Opposition.

Doch der Teufel liegt im Detail. Die Länder

wollen vor allem mehr Geld für den

Ausbau der Universitäten und Schulen,

aber inhaltlich wollen sie sich bei der Bildungspolitik

nicht hineinreden lassen. Wenig

Widerstand ist bei den Hochschulen zu

erwarten. Der Bund könnte einzelne Lehrstühle

oder Professuren mit bundesweiter

Bedeutung fördern.

Doch bei der Schulpolitik ist die Ausgangslage

anders. Bayern, Sachsen und Baden-Württemberg

pochen auf Unabhängigkeit.

Länder wie Nordrhein-Westfalen

brauchen dringend mehr Geld. Die Aufgaben

sind immens: Ausbau der Ganztagsschule,

Inklusion behinderter Kinder und

Jugendlicher, mehr Sozialpädagogen für

individuelle Förderung, eine Digitalisierungsoffensive

und Sprachförderung.

Trotz der horrenden Kosten gibt es im Bundesrat

keine eindeutige Mehrheit für mehr

Einfluss des Bundes in der Schulpolitik.

Denn dann müssten die Länder dem

Bund auch etwas bieten: etwa mehr Wettbewerb

bei schulischen Leistungen, bundesweite

Bildungsstandards oder Anerkennung

von Bildungsabschlüssen. Aus dieser

Gemengelage ergibt sich am ehesten eine

Chance auf ein Ende des Kooperationsverbotes

„light“: Der Bund darf Hochschulen

dauerhaft finanzieren, Schulen aber nur in

Sonderfällen oder auf Umwegen.

n

henning.krumrey@wiwo.de | Berlin,

max haerder, christian schlesiger, cordula tutt

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26 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

INTERVIEW Stephan Weil (SPD)

»Wir sprechen mit«

Der niedersächsische Ministerpräsident über die Macht der Länder, die

Aufgaben einer großen Koalition und die Sehnsucht nach mehr Geld.

Herr Ministerpräsident, wir möchten

mit Ihnen über Macht sprechen. Sind

Sie mächtig?

Im Land gibt mir die Verfassung die

Richtlinienkompetenz für die Politik,

aber ich stehe einer Koalition vor und

muss mich vor dem Parlament verantworten.

Das ist also das genaue Gegenteil

monarchischer Macht. Und ich bin einer

von 16 Ministerpräsidenten, wir haben

eine wichtige Gestaltungsaufgabe über

den Bundesrat – aber nur gemeinsam.

Fünf Ministerpräsidenten waren schon

bei den Sondierungen dabei, bei den

Koalitionsverhandlungen sind es alle.

Entscheiden die Länder, ob es mit der

großen Koalition in Berlin etwas wird?

Wir sprechen sicher ein Wörtchen mit.

Das ist auch nötig, denn die große Koalition

wird auf Dauer nur Erfolg haben,

wenn alle staatlichen Ebenen gut zusammenarbeiten.

Ein Beispiel: Unser wichtigstes

wirtschaftspolitisches Thema ist

die Bildung. Vor zehn Jahren hätte ich für

diese Verknüpfung noch ein mokantes

Lächeln geerntet. Heute bestätigen mir

alle Unternehmer im Land, wie wichtig

sehr gute Bildung für alle für eine sehr

gute Wirtschaft ist. Die Länder gestalten

die Bildungsprozesse und finanzieren

DER AUFGERÄUMTE

Weil, 54, ist seit Februar 2013 niedersächsischer

Regierungschef. Mehr als sechs Jahre

lang war er zuvor Oberbürgermeister von

Hannover – dort, wo er seit den Achtzigerjahren

als Jurist und Kämmerer arbeitete.

den Löwenanteil der Ausgaben, da kommt

an uns keiner vorbei.

Ist das nur die typische SPD-Sicht?

Nein, das kann mit gesundem Menschenverstand

jeder erkennen. Meine Unions-

Kollegen sehen das genauso.

Ist es also egal, wie die Macht im

Bundesrat verteilt ist?

Keineswegs, sondern umgekehrt:Gerade

weil der Bundesrat eine wichtige Rolle hat,

ist es entscheidend, wer hier die Mehrheit

hat. Aber etwas anderes ist auch richtig: In

den nun beginnenden Verhandlungen

werden die Vertreter der Länder immer

wieder – über die Parteigrenzen hinweg –

Gemeinsamkeiten feststellen. Die Parteien

nehmen die Ministerpräsidenten aus

wohlerwogenen eigenen Interessen mit in

die Koalitionsverhandlungen.

Wie viel muss man dann gleich im

Koalitionsvertrag regeln, um nicht später

beim Bundesrat aufzulaufen?

Schwarz-Rot muss sich hüten, nur kleine

Kompromisse und bescheidene Regelungen

zu liefern. Eine große Koalition legitimiert

sich mit großen Lösungen. Das

Schicksal der schwarz-gelben Koalition

mahnt, wichtige Themen nicht nur über

Prüfaufträge zu vertagen. Das legt nur den

Keim für Zwietracht.

Soll es eine Föderalismuskommission III

geben, um endlich die Beziehungen

zwischen Bund und Ländern klar zu regeln?

Nach den Vorgängern I und II weigere ich

mich, Föderalismuskommissionen mit

großen Würfen gleichzusetzen.

Wir sind halt Optimisten!

Ich bin Realist. Das Kooperationsverbot

zwischen Bund und Ländern in der Schulpolitik

halte ich für einen großen Fehler.

Der Rahmen, in dem wir über die Neuordnung

reden, ist zweitrangig. Hauptsache,

wir reden überhaupt, es gibt jede Menge

Handlungsbedarf. Neben der Bildungsfinanzierung

muss der Soli weiterentwickelt

werden. Und wir haben den Länderfinanzausgleich

neu zu regeln, ein heißes Thema

angesichts der unterschiedlichen Voraussetzungen

und Interessen.

Und alles muss in dieser Legislaturperiode

gelöst werden, weil schon 2019

die bisherigen Regelungen auslaufen.

So ist es, und zwar unter den Bedingungen

der Schuldenbremse. Das Hintertürchen

neuer Schulden ist nun zugemauert.

Müsste man nicht ganz neu anfangen: Welche

Aufgaben sollen die Länder behalten?

Was kostet das? Und aus welchen Quellen

kommt das erforderliche Geld?

Genau das ist mein Wunsch. Was die

Länder leisten sollen, müssen sie auch

leisten können. Die Verhandlungen darüber

müssen gleich im nächsten Jahr beginnen.

Was wollen Sie konkret erreichen?

Wir brauchen nicht in erster Linie noch

mehr Mitfinanzierung von Länderausgaben

durch den Bund, sondern vor allem

eine bessere Finanzausstattung der

Länder, damit wir – und auch die Kommunen,

für deren Finanzierung wir

mitverantwortlich sind – unsere Aufgaben

auch selbstständig und gut erledigen

können. Die Regierung Schröder hat

beispielsweise seinerzeit ein Ganztagsschulprogramm

aufgelegt. So etwas

würde mich auch heute wieder freuen,

noch besser aber wäre eine grundsätzliche

Stärkung der eigenen Finanzkraft

der Länder.

FOTO: LAIF/CHRISTIAN BURKERT

28 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Was denn nun? Mehr eigene Mittel oder

Gnadenbrot vom Bund?

Unser Land ist in den vergangenen

65 Jahren gut mit dezentralen Lösungen

gefahren. Aber dazu müssen ausreichende

Finanzmittel vorhanden sein. Solange wir

die nicht durch die Steuerverteilung erhalten,

müssen sie eben über Sonderprogramme

hereinkommen. Das ändert aber

nichts an den Zuständigkeiten: Die Bildungspolitik

bestimmen die Länder.

Es gibt den Vorschlag, dass der Bund im

Gegenzug für Geld zumindest Leistungsvergleiche

zwischen den Ländern durchführen

kann. Machen Sie da mit?

Das Grundgesetz regelt klar: Der Bund ist

nicht der Vorgesetzte der Länder. Also hat

er auch keine Noten zu verteilen. Außerdem:

Die Stadtstaaten sind aufgrund ihrer

Sozialstruktur so benachteiligt, dass sie

immer schlecht abschneiden würden. Das

hat keinen Sinn.

Im Jahr 2019 wird die Wende 30 Jahre

her sein. Muss dann Schluss sein mit

expliziter Ostförderung?

Es war und ist richtig, notwendige Veränderungsprozesse

jahrzehntelang vom Westen

zu stützen und mitzufinanzieren. Aber

2019 müssen die Voraussetzungen für eine

gesonderte finanzielle Unterstützung neu

definiert werden. Bei der Fortentwicklung

des Solis sollte es in Zukunft darum gehen,

die wirklich bedürftigen Regionen zu identifizieren.

Das ist längst nicht in allen Ostregionen

so. Und auch in den westdeutschen

Ländern gibt es Regionen, die viel Unterstützung

brauchen. Die Förderung nach

Himmelsrichtungen muss aufhören. Wir

sollten beispielsweise an der demografischen

Entwicklung ansetzen: Wo viele

Menschen aus ländlichen Räumen abwandern

und die Bevölkerung deutlich

schrumpft, müssen wir gegensteuern.

Neue Schulden will aber keine Partei

machen. Wo soll denn das Geld für all

diese Förderungen herkommen?

Da fragen Sie gerade den Falschen. Ich sage:

Wir werden um maßvolle Erhöhungen

der Staatseinnahmen nicht herumkommen.

Wir müssen Investitionen in die Zukunft

tätigen, die sich rentieren werden –

allerdings vielleicht erst in 10, 15 Jahren.

Der Soli bleibt also, auch nach 2019?

Ja, aber er muss sowohl inhaltlich wie verfassungsrechtlich

neu begründet werden.

Ich will den Soli jedenfalls nicht abschaffen.

Muss die Gegenfinanzierung im

Koalitionsvertrag klar geregelt sein?

Im Gleichklang

Steuereinnahmen vonBundund Ländern

mitGemeinden (inMilliarden Euro)

350

Länder undGemeinden

300

250

200

Bund

150

2005 2007 2009 2011 2013*

*SteuerschätzungMai 2013;Quelle:BMF

Wir werden sicher keine Vorhaben unter

Finanzierungsvorbehalt stellen. Die Union

will Steuererhöhungen ausschließen.

Dann muss sie aber auch sagen, woher das

nötige Geld kommen soll.

Ist Schulden abbauen gegenüber dem

Investieren nachrangig?

(Überlegt) Sie merken an meinem Zögern,

dass ich nachdenke, aber die Antwort lautet:

Im Zweifel ja. Sonst laufen wir in die

Falle, dass wir sparen, koste es, was es wolle.

Wenn wir jetzt dem Schuldenabbau die

Top-Priorität beimessen, reduzieren wir

unsere Handlungsmöglichkeiten für Zukunftsinvestitionen

– zum Beispiel für

qualitativ hochwertige Bildung für alle –

dramatisch. Und das sage ich als langjähriger

Stadtkämmerer, der nie Freude an

Schulden hatte.

Könnte die Schuldenbremse doch noch

etwas hinausgezögert werden?

Nein, weil sich dann unsere Generation in

die Büsche schlagen würde. Wir haben

diese Schulden gemacht und hinterlassen

unseren Kindern deutlich schwierigere

Ausgangsbedingungen. Wir müssen uns

jetzt drum kümmern, alles andere ist nicht

vertretbar.

Sind denn alle Länder 2020 in der Lage,

ohne Schulden auszukommen?

Niedersachsen wird es voraussichtlich

schaffen. Aber ehrlich gesagt, habe ich

noch nie sieben Jahre am Stück erlebt, die

wirtschaftlich ununterbrochen gut gelaufen

wären. Deswegen bin ich vorsichtig.

Ein harter Konjunktureinbruch könnte jeden

Haushalt über den Haufen werfen.

Wir stoßen immer auf dieselbe Konstellation:

klamme Länder gegen den Bund.

Die Länder sind nach wie vor unterfinanziert.

Der Bund hat finanziell wesentlich

bessere Perspektiven und obendrein

wenigstens noch etwas Spielraum für

Neuverschuldung, während die Länder –

aus Gründen, die mir schleierhaft sind –

darauf verzichtet haben.

Der Bund hat den Klagen doch längst

nachgegeben, die Grundsicherung

im Alter übernommen oder den

Kita-Ausbau finanziert. Reicht das

noch nicht?

Die Finanzprojektion von Bund und

Ländern spricht eine eindeutige Sprache.

Der Bund darf mit immer weiter

steigenden Haushaltsüberschüssen

rechnen. Das gönne ich ihm von Herzen.

Die meisten Länder jedoch sind strukturell

tief in den roten Zahlen – trotz aller

Anstrengungen. Die Übernahme der

Grundsicherung war deshalb ein erster

Erfolg für die Kommunen, nun müssen

wir in den Koalitionsgesprächen auch

über die Eingliederungshilfe von Behinderten

reden...

...die bis zu 13 Milliarden Euro

Entlastung bedeuten würde.

So ist es. Man mag über einzelne Stufen

sprechen, aber ohne Übernahme dieser

Kosten ist die Zweiklassengesellschaft

bei den Kommunen nicht zu beenden.

Insgesamt fehlt Ländern und Kommunen

jährlich ein deutlicher zweistelliger

Milliardenbetrag.

Haben Sie eigentlich mehr Sorgen vor

den Koalitionsverhandlungen oder

vor Ihrer eigenen Basis, die am Ende

den Vertrag ablehnen könnte?

Die Verhandlungen mit der Union beschäftigen

mich mehr.

Merkel ist renitenter als der Genosse an

der Basis?

Bei unseren Mitgliedern gibt es natürlich

eine große Skepsis gegenüber Schwarz-

Rot. Dieser Skepsis kann man nur mit

guten Ergebnissen begegnen.

Spricht die SPD eigentlich noch offen

über die Gründe für das zweitschlechteste

Wahlergebnis der Nachkriegszeit?

Das müssen wir gemeinsam tun! Aber

der Not gehorchend, nicht dem eignen

Triebe haben wir jetzt erst die Gretchenfrage

zu beantworten, ob wir in eine große

Koalition gehen. Dann aber müssen

wir analysieren, warum wir nun zum

zweiten Mal hintereinander so ein unbefriedigendes

Ergebnis bekommen haben.

Mit einer Parteitagsdebatte allein ist

das nicht getan.

n

max.haerder@wiwo.de | Berlin, henning krumrey | Berlin

WirtschaftsWoche 28.10.2013 Nr. 44 29

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Politik&Weltwirtschaft

Koordinierter Bruch

ENERGIE | Ein Koalitionsstreit in NRW offenbart die größte Hürde

einer EEG-Reform: die Zustimmung der rot-grün regierten Länder.

Von Reiner Priggen waren bis

zur vergangenen Woche keine

Gefühlsausbrüche überliefert.

Der NRW-Fraktionsvorsitzende

der Grünen ist meist auf

Ausgleich bedacht, in der an Alphatieren

nicht armen Düsseldorfer

Landtagskoalition mit der SPD gilt er als

Vermittler. Doch am Dienstag vergangener

Woche platzte ihm der Kragen. Morgens

früh trommelte er zu einer eiligen Pressekonferenz,

trotz sitzungsfreier Woche und

obwohl viele der SPD-Minister bei Koalitionsgesprächen

in Berlin weilten.

Einziges Thema: Kabinettskollege Garrelt

Duin. „Der Koalitionsvertrag gilt für alle“,

polterte Priggen, „auch für die, die erst

später dazugekommen sind.“ Wirtschaftsminister

Duin wurde nach der Landtagswahl

2012 von Ministerpräsidentin Hannelore

Kraft (SPD) geholt, zuvor war er wirtschaftspolitischer

Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.

Wenige Tage zuvor hatte

Duin in einem Interview mit der WirtschaftsWoche

(Heft 43/2013) recht konkrete

Vorstellungen zur Energiewende geäußert.

Das Ausbautempo der Erneuerbaren

müsse gedrosselt werden, so Duin. Die Anzahl

der von der Abgabe befreiten Unternehmen

soll seiner Ansicht nach eher steigen.

Zudem will er fossile Reservekraftwerke

mit bis zu sechs Milliarden Euro im Jahr

fördern. Damit erntet er nun heftige Kritik.

Sein Kontrahent im Kabinett, Umweltmi-

Energiewende

Baggern gegen Erneuerbare

Braunkohletagebau Garzweiler

(vorn), Windkraft (hinten)

6 Milliarden Euro pro

Jahr will Duin an Kraftwerke

verteilen, damit sie

am Netz bleiben

nister Johannes Remmel (Grüne)

holt zum umfassenden Gegenschlag

aus (siehe Seite 32).

Auch über die Grenzen des

Bundeslandes hinaus schlägt der

Streit nun große Wellen. Denn die

rot-grünen Landesregierungen

nehmen bei der Energiewende eine

Schlüsselrolle ein. Für eine EEG-Reform ist

eine Zustimmung des Bundesrats erforderlich,

ohne die sechs von Grünen und SPD

regierten Bundesländer mit ihren 29 (von

69) Stimmen geht da wenig. Angesichts der

Preisexplosion beim EEG lässt sich die Reform

zudem kaum aufschieben, auch aus

Brüssel kommt massiver Druck.

Und so erkennen die im neuen Bundestag

ziemlich zahnlosen Grünen offenbar

ihre Gestaltungschancen über die Landespolitik.

Schleswig-Holsteins Vizeregierungschef

und „Minister für Energiewende“

Robert Habeck (Grüne) setzt auf den

Bundesrat als Korrektiv gegen eine übergroße

Bundeskoalition. „Unter den demokratischen

Organen des Landes wird der

Bundesrat neue Bedeutung erfahren. Dort

sind die Grünen über die Landesregierungen

direkt an vielen Entscheidungen beteiligt.“

Wie seine Parteifreunde in NRW stellt

er sich zudem unmissverständlich gegen

die von Duin ins Spiel gebrachte Vergütung

für fossile Reservekraftwerke: „Sechs Milliarden

für Kraftwerke, die wir nicht mehr

wollen sollen. Dafür eine Art Kohle-EEG

einzuführen ist völlig falsch.“

In Niedersachsen sieht sich zugleich Ministerpräsident

Stephan Weil (SPD) genötigt,

für seinen nordrhein-westfälischen

Parteifreund in die Bresche zu springen,

was das Ausbautempo der Erneuerbaren

angeht. Der Ausbau müsse „besser gesteuert

und kosteneffizienter gestaltet werden“.

Auch wenn er damit nicht automatisch ein

langsameres Tempo verbinden will, sagt

Weil: „Wir werden uns die Fördersätze ansehen

und stärker nach Wirtschaftlichkeit

gehen müssen.“

HOFFEN AUF STREIT

In Baden-Württemberg will man sich zwar

noch nicht auf einen offenen Streit mit

dem Koalitionspartner einlassen, die Absetzbewegung

bei den Sozialdemokraten

vom grün angehauchten Wahlprogramm

wird aber genau beobachtet. Dabei hält

Landesregierungschef Winfried Kretschmann

(Grüne) den Umbau der Energieversorgung

für zentral in den nächsten vier

Jahren: „Das Thema Energiewende ist in

der nächsten Legislaturperiode entscheidend.“

Sozialdemokraten und Unionisten

könnten den Umbau eher schleifen lassen.

Deshalb müsse seine Partei im Bundesrat

Einfluss nehmen: „So wie sich die Lage

momentan abzeichnet, werden wir Grüne

wohl sehr hart kämpfen müssen, um die

Energiewende zum Erfolg zu führen.“

Die Düsseldorfer Opposition hofft derweil

auf den großen Streit in der Koalition

über das Thema Energie, das Rot-Grün am

Rhein in den Neunzigerjahren schon einmal

an den Rande des Bruchs getrieben

hatte. In der Koalition gehe es „drunter und

drüber“, frohlockt der wirtschaftspolitische

Sprecher Hendrik Wüst (CDU). Für kommenden

Donnerstag hat seine Partei eine

Sondersitzung des Wirtschaftsausschusses

einberufen. Dadurch soll sich die Spaltung,

wenn möglich in aller Öffentlichkeit, noch

ein bisschen vertiefen.

n

konrad.fischer@wiwo.de, max haerder, cordula tutt | Berlin

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FOTO: IMAGO

30 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

INTERVIEW Johannes Remmel

»Völlig falsch«

Der grüne NRW-Umweltminister greift die Reformideen seines

Kollegen, Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) scharf an.

Herr Remmel, Ihr Regierungskollege

Garrelt Duin hat mit Reformideen für

das Erneuerbare-Energien-Gesetz für

viel Ärger gesorgt. Was ist falsch daran,

endlich in die Detailplanung zu gehen?

Tief gehende Reformvorschläge oder Detailplanungen

kann ich noch nicht erkennen.

Ich sehe eher, dass gerade ein

Erneuerbare-Energien-Bashing stattfindet.

Das ist der falsche Weg. Das Festhalten

an fossilen Rohstoffen in der Vergangenheit

hat vor allem die Kassen weniger

Großkonzerne gefüllt.

Aber muss man die Förderung nicht

kappen? Die Investitionen laufen doch

derzeit völlig aus dem Ruder.

Es muss eine Reform geben, aber nicht,

um zu bremsen. Um es klar zu sagen: Für

NRW brauchen wir nicht weniger, sondern

mehr Tempo. Sonst findet die Wertschöpfung

in anderen Regionen statt, und

wir zahlen die Zeche. Für eine Reform ist

es wichtig, dass wir den Ausbau da fördern,

wo die Energie verbraucht wird.

Und das genügt?

Sicher nicht. Aber das zentrale Problem

liegt auf dem Strommarkt, nicht beim

EEG. Und zwar deshalb, weil keine

Neuinvestitionen refinanziert werden

können, solange der Preis so niedrig ist.

Solche Investitionen will Herr Duin mit

einem Kapazitätsmarkt erreichen,

wo Betreiber Geld bekommen, wenn sie

Kraftwerke am Netz halten.

Das ist ein ziemlich staatsgläubiger Ansatz,

finden Sie nicht? Fakt ist: Im Moment

gibt es zu viele Kapazitäten am Markt. Deshalb

müssen wir, wenn wir über Reserven

sprechen, doch bitte über Investitionen für

die Zukunft reden und nicht über Subventionen

für abgeschriebene Kraftwerke.

Aber geht es ganz ohne Kapazitätsmarkt?

Nein, so etwas Ähnliches brauchen wir, aber

das müssen wir in Richtung 2022 regeln,

wenn die letzten Atomkraftwerke

schließen. Die Frage muss jetzt lauten,

wie wir die Energiewende am

kostengünstigsten hinbekommen.

Da lässt sich über den europäischen

Verbund viel erreichen.

Dauert das nicht viel zu lange?

Jedem, der einen deutschen Kapazitätsmarkt

forciert, muss klar sein, dass er an

der EU-Kommission nicht vorbeikommt.

Die Verärgerung über einen Alleingang

Deutschlands ist riesengroß. Wir bitten die

EU, das Vertragsverletzungsverfahren ruhen

zu lassen, um Vorschläge zu machen,

die an der nationalen Grenze enden? Das

wird Brüssel nicht akzeptieren.

Wie wollen Sie die EU überzeugen?

Der ganze Strommarkt muss europäisch

orientiert sein, auch bei den Kapazitäten.

Bei den Ausnahmen muss man andere Kri-

GRÜNES URGESTEIN

Remmel, 51, ist seit 2010 Umweltminister

in Nordrhein-Westfalen. In der Landespolitik

ist der Grüne seit 1995 aktiv.

terien finden, vor allem die Fragen, ob in

einer Branche internationaler Wettbewerb

herrscht, ob das Unternehmen international

operiert. Da bin ich mit Kollege

Duin einer Meinung: Wir müssen die

Ausnahmen flexibler gestalten.

Der sagt auch: Dann werden eher mehr

Unternehmen profitieren.

Den Reformvorschlag mit dieser Botschaft

zu verbinden halte ich für völlig

falsch – sowohl Richtung Brüssel als auch

gegenüber den Verbrauchern.

Es sind nicht wenige Unternehmen, die

über hohe Strompreise klagen.

Zur Wahrheit gehört: Wer tagesaktuell

einkauft und von allen Ausnahmen von

Ökosteuer bis Emissionshandel profitiert,

der hat zurzeit einen sehr

günstigen Strompreis .

Wie groß müsste ein Kapazitätsmarkt

sein?

Weitaus weniger als die kolportierten

sechs Milliarden Euro.

Bevor wir neue Subventionen

schaffen, müssen andere Optionen ausgereizt

werden: mehr Kraft-Wärme-Kopplung,

mehr Speicher, mehr Flexibilität. Wir

haben derzeit kein Kapazitätsproblem.

Aber ein Rentabilitätsproblem. Die Konzerne

brauchen Investitionssicherheit.

Jetzt mal ernsthaft: Ist die Politik dafür

da, falsche Geschäftspolitik der Konzerne

zu korrigieren?

Zumindest hat sie in NRW das Problem,

dass die Kommunen finanziell am Tropf

der Energiekonzerne hängen.

Gab es irgendeine Anweisung der Landesregierung,

RWE-Aktien zu halten

oder bei der Steag einzusteigen? Nicht

dass ich wüsste.

Die Städte müssen alleine klarkommen?

Ja, in Bezug auf ihre Geschäftstätigkeit

und Beteiligungen. Das ist hausgemacht.

Vor allem müssen sich die Konzerne ändern.

Wenn wir die Energiewende wollen,

dann darf das nicht neuer Wein in alten

Schläuchen sein, sondern neuer

Wein in neuen Schläuchen.

Die alten Schläuche sind RWE und E.On.

Nein, die Geschäftsmodelle, die sie in der

Vergangenheit geprägt haben. Die Konzerne

wissen seit 2002, dass die Energiewende

kommt. Aber sie haben nicht investiert,

sondern darauf gesetzt, dass sie

es drehen können. Diese Fehler kann die

öffentliche Hand im Nachhinein nicht finanziell

goutieren.

Energiewende

konrad.fischer@wiwo.de

FOTO: WAZ FOTOPOOL/JOACHIM KLEINE-BÜNING

32 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Großmut ist nicht angebracht

FORUM | Grüne und Linke verlangen eine Stärkung ihrer Oppositionsrechte, notfalls auch durch eine

Änderung des Grundgesetzes. Doch wird die Verfassung auch zugunsten von FDP und AfD geändert?

Und steht den Grünen und der Linken überhaupt ein Minoritätenbonus zu? Von Bettina Röhl

Da alle Zeichen auf Bildung einer Koalition aus Union und SPD

stehen, reklamieren Linkspartei und Grüne lautstark erweiterte

Rechte für die von ihnen repräsentierte Kleinst-Opposition.

Die vielen parlamentarischen Rechte, die der Linkspartei und

den Grünen (zusammen 17 Prozent Stimmanteil und etwa 20 Prozent

Anteil an Parlamentssitzen) verwehrt sind, wollen diese jetzt

mit einer Änderung der Geschäftsordnung des Deutschen Bundestags

und sogar mit einer Änderung des Grundgesetzes durchsetzen.

Es geht um mehr Redezeit. Es geht um die Möglichkeit zur Einsetzung

eines Untersuchungsausschusses oder einer Enquete-

Kommission. Es geht um erweiterte Expertenanhörungen

und insbesondere

auch um die Möglichkeit, ein Normkontrollverfahren

vor dem Bundesverfassungsgericht

anstrengen zu können. Hierfür

hat die Verfassung mit Bedacht eine

25-Prozent-Hürde vorgesehen. Die zukünftige

kleine Opposition hat aber nur 20

Prozent. Union, SPD und auch Bundestagspräsident

Norbert Lammert haben

bereits Großzügigkeit signalisiert. Einzig

die Union sperrt sich dagegen, jetzt gleich

das Grundgesetz zu ändern.

Und in der Tat: Bevor man auf die Verhältnisse

in einer bestimmten Legislaturperiode

hin, Gesetze oder gar eine Verfassung

ändert, weil angeblich ohne diese Änderung

die Demokratie in Gefahr wäre, müsste

es doch schon etwas dicker kommen. Die Wähler haben entschieden,

wie stark sie die Opposition haben wollen. Quoren zu senken,

um deren Macht nachträglich zu erhöhen, hat – bei allem Verständnis

dafür, dass Demokratie auch von der Opposition lebt – in Wahrheit

etwas Gespenstisches.

WIE BEI DER EUROPAWAHL

Sollten jetzt tatsächlich verfassungsrangige Hürden nachträglich

herabgesetzt werden, dann könnten FDP und AfD mit Fug und

Recht nachträglich die Herabsetzung der Fünf-Prozent Hürde verlangen;

etwa auf drei Prozent, wie bei der Europawahl. Dies wäre

demokratisch weitaus sauberer als dunkelrot-grüne Privilegien zu

verteilen. Immerhin sind auch FDP und AfD zwei veritable Oppositionsparteien.

Säßen die beiden Parteien, die immerhin knapp

zehn Prozent der Wähler repräsentieren, mit im Bundestag, wären

auch alle Quoren für die Opposition erfüllt, die Linkspartei und

Grüne jetzt per Geschäftsordnung und per Gesetz für sich erzwingen

wollen. Aber das wollen die Grünen und die Linkspartei bei ihrem

hehren Geschrei für die Demokratie natürlich nicht.

Die Geberlaune der großen Parteien gegenüber den Grünen

und der Linken ist daher alles andere als angebracht. Seit ihrer

Gründung vor mehr als 30 Jahren verfügen die Grünen über eine

wahrhaft überproportionale Medienmacht. Sie sind seit Jahrzehnten

die Themensetzungspartei schlechthin, sie beherrschen den

öffentlichen Diskurs über weite Strecken. Grüne Politik und grüne

Politiker sind in den Medien omnipräsent. Ihr Programm wird,

häufig in seiner vollen Widersprüchlichkeit, mehr als das anderer

Parteien rauf und runter kommuniziert. Zudem ist die mediale Bewertung

grüner Politik auffallend und notorisch positiv. Unter diesem

Gesichtspunkt benötigen die Grünen als kleine zukünftige

Oppositionspartei keinen besonderen Minoritätenschutz.

Auch die noch nicht als solche erkannte

fünfte und kontinuierlich mächtiger

werdende Gewalt im Staate, in Form einer

unübersichtlichen Industrie wissenschaftlicher

Forschungsinstitute mit ihren

sogenannten Experten, ist grün und zu

einem geringeren Teil rot beherrscht.

Diese Institute, von Universitäten über

öffentlich geförderte Vereine und Stiftungen

bis hin zu privat finanzierten und

meist öffentlich begünstigten Einrichtungen,

beeinflussen entscheidend, was

veröffentlicht wird, wie es veröffentlicht

Bettina Röhl lebt als Publizistin in wird und über welche Themen Studien

Hamburg. 2001 wurde sie mit Enthüllungen mit welcher Zielrichtung verfasst werden.

zur Gewaltvergangenheit des damaligen So gestaltet auch dieser Industriezweig

Außenministers Joschka Fischer bekannt. nicht unwesentlich grüne Politik.

Auch die Linkspartei kommt medial

umfangreicher und intensiver rüber, als es ihrem Stimmanteil bei

Wahlen entspricht. Fakt ist, dass sich Grüne (8,4 Prozent) und Linke

(8,6 Prozent) auch in Zukunft keine Sorgen über ihre Darstellung in

den Medien machen müssen. Im Gegenteil. Eine Mischung aus

Mitleid und falsch empfundener Fairness seitens der Medien dürfte

dazu führen, dass die Präsenz der linken Opposition im öffentlichen

Raum weiter zunehmen wird – und dies eben in steigendem

Maße überproportional zu deren Bedeutung. Last, but not least

sind die Grünen die einzige deutsche Partei, die über eine wirkliche

außerparlamentarische Kampagnenfähigkeit verfügt und sich dieser

Fähigkeit auch bewusst ist. Die Grünen waren immer auch parallel

als Apo auf der Straße vertreten – eine wesentliche Basis ihrer

Macht. Auch deshalb kommt ein besonderer Minoritätenschutz

nicht in Betracht.

n

FORUM DER FREIHEIT

Die WirtschaftsWoche lädt Ihre Leser ein, sich in einem neuen

Online-Forum mit der Idee der Freiheit auseinanderzusetzen.

Was bedeutet heute Freiheit? Wo ist sie durch den Staat gefährdet?

Schreiben Sie uns unter www.wiwo.de/forumderfreiheit

FOTO: PR/PAUL SCHIRNHOFER

34 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Aus Verzweiflung

VERKEHRSWEGE | Aus der Not wollen Unternehmen dem Staat

Schleusen abkaufen – und eröffnen dem Bund neue Geldquellen.

bare Standort für Agrargüter vor Polen“,

sagt Geschäftsführer Martin Bock. Weitere

Investitionen in den Standort stellt FGL infrage,

sollte der Ausbau der Kammern von

60 auf 130 Meter nicht realisiert werden.

Heute benötigen dreiteilige Schubverbände

drei Stunden für eine Schleusenfahrt –

20 Minuten wären machbar.

Der Brief an den „Herrn Minister“ erreichte

Peter Ramsauer Anfang September.

Weil der CSU-Politiker den

Ausbau des Teltowkanals nahe Berlin

stoppte, wollen Brandenburger Unternehmen

die Sache selbst in die Hand nehmen

und dem Bund zwei marode Schleusen in

Kleinmachnow und Fürstenwalde abkaufen.

Sie seien bereit, „die betreffenden

Kammern beider genannter Schleusen für

je einen symbolischen Euro zu erwerben

und diese in kürzester Frist bedarfsgerecht

auszubauen“, heißt es in dem Schreiben,

das der WirtschaftsWoche vorliegt – zwei

Euro-Stücke kleben schon mit drauf.

Die Übernahme von Schleusen durch

Privatinvestoren wäre ein Novum – und ein

Modell, wie Infrastruktur finanziert werden

kann. In den Koalitionsverhandlungen

zwischen Union und SPD könnten öffentlich-private

Partnerschaften (ÖPP) unerwartet

zu einem Top-Thema aufsteigen.

Auch die Bahnindustrie bietet sich inzwischen

als Finanzierer an. Der Nachholbedarf

bei Investitionen in Straßen, Schienen

und Wasserwege ist enorm (siehe Grafik).

Dabei ist die Kaufofferte des Vereins

Weitblick, in dem sich die ansässigen Unternehmen

und Kommunen südwestlich

der Hauptstadt zusammengeschlossen haben,

eigentlich ein Akt der Verzweiflung.

Der Bund investierte seit der Wiedervereinigung

zwar rund eine Milliarde Euro in

Ruhiges Wasser Die Schleusenfahrt bei

Kleinmachnow dauert bis zu drei Stunden

den Ausbau der Brandenburger Häfen und

Wasserwege. Doch die letzten Nadelöhre

auf dem Teltowkanal blieben unangetastet.

So hob der Bund 2010 den fertigen Planfeststellungsbeschluss

für den Neubau der

Schleuse Kleinmachnow wieder auf, weil

ihm das Geld fehlte. Ramsauer investiert

nur noch in das Kernnetz.

Für den Futtermittel-Getreide-Landhandel

(FGL) in Fürstenwalde ist das bitter. Die

Tochtergesellschaft des Landwirtschaftskonzerns

Agravis in Münster investierte

seit der Wende 70 Millionen Euro in Getreidelager.

Fürstenwalde sei „der letzte schiff-

Auf Verschleiß

Wieviel der Bundpro Jahr zu wenig

in dieInfrastruktur investiert

(inMilliarden Euro)

Straße

Schiene

Quelle:Daehre-Kommission

Wasserwege

0,5

1,4

2,6

MEHR VERKEHR ALS GEDACHT

Für FGL ist der Rückzug Berlins aus der

Verantwortung auch deshalb ärgerlich,

weil sich der Verkehr besser entwickelt hat.

Der Bund kategorisierte den Kanal vor wenigen

Jahren als „sonstige Wasserstraße“ –

und damit als bedeutungslos. Dies habe

„dem rückläufigen Verkehrsaufkommen“

entsprochen, das in der Prognose für 2025

„für den Teltowkanal (TeK) prognostiziert

wurde“, heißt es in einem Schreiben des

Bundesverkehrsministeriums von Februar

dieses Jahres an den Verein. Es sei aber

„richtig, dass die aktuellen Verkehrszahlen

am TeK über 600 000 Tonnen liegen, was

einer Einstufung in die Kategorie C entspricht“

– und damit einer Einstufung, die

Bestandsinvestitionen gesichert hätte.

FGL und Unternehmen wie der Baukonzern

Züblin wollen die Investition von bis

zu 60 Millionen Euro nun selbst stemmen.

Die Finanzierung sei gesichert. „Wir machen

keine dicken Backen, ohne dass wir

es nicht bezahlen können“, sagt Bock. Der

Bund soll aber Geld beisteuern, das für die

Grundinstandsetzung der mehr als 100

Jahre alten Schleusen ohnehin vorgesehen

war, aber durch Neubau obsolet würde:

mindestens zehn Millionen Euro. Rechnen

würde sich das Projekt, weil die Investoren

später auch Schleusengebühren kassieren.

So ein Modell funktioniert auch anderswo.

Bund und Baukonzerne finanzierten

rund ein Dutzend Autobahnabschnitte gemeinsam.

In Köln investierte Ikea eine Million

Euro in die Verlängerung einer Straßenbahnlinie,

um besser erreichbar zu

sein. Das Möbelhaus reaktiviert für drei

Millionen Euro nun auch in Lübeck einen

Bahnhalt. Die Bahnindustrie will ebenfalls

etwa beim Neubau veralteter Stellwerke

einsteigen. Man wolle ein Pilotprojekt realisieren,

sagte Verbandsgeschäftsführer

Ronald Pörner Mitte Oktober.

Anfängliche Bedenken schüttelte der

Bund inzwischen ab. „Ein Verkauf der

Schleusen ist grundsätzlich denkbar“, heißt

es auf Anfrage. Es gebe noch offene „Facetten

und Fragestellungen“. Doch sei beabsichtigt,

„zu einem Gespräch einzuladen“. n

christian.schlesiger@wiwo.de | Berlin

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA

36 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Die Mafia am Schwarzen Meer

BULGARIEN | Der Ärger über Korruption und Vetternwirtschaft treibt das Volk seit Monaten zu

Protesten auf die Straße. Auch die deutsche Wirtschaft mischt beim Klüngel auf dem Balkan mit.

Der Frust sitzt tief

Demonstration in Sofia

Mit Kritik an den Zuständen in ihrem

Land haben Kalina Pavlova

und ihre Familie nie gespart.

Schon als in Bulgarien noch die Kommunisten

herrschten, ging es bei den Pavlovas

oft hoch her. „Wenn die Türen zu waren,

haben wir übers Regime geschimpft, bis

uns die Köpfe rot anliefen“, erinnert sich

die Architektin. Gründe hatte die Familie

reichlich. Pavlovas Großeltern besaßen

einst große Ländereien – bis die Kommunisten

sie enteigneten.

Jetzt sitzt die zierliche Bulgarin in einem

Straßencafé in ihrer Heimatstadt Varna.

Draußen flanieren Touristen vorbei und

genießen die letzten Spätsommertage.

Die Saison geht dem Ende entgegen, an

den Stränden der beliebten Schwarzmeermetropole

findet man wieder mühelos

einen Platz.

Pavlova, die zu den Gründungsmitgliedern

der Grünen in Varna gehört, nippt an

ihrer Cola und zögert. Natürlich, Bulgarien

gelte heute als Demokratie, und privater

Landbesitz sei selbstverständlich. „Zufrieden

ist das Volk trotzdem nicht“, sagt sie,

„der Ärger bei den Menschen wegen der

politischen Verhältnisse wird jeden Tag

größer, wer kann, verlässt das Land.“ Die

Demokratie sei auch ein Vierteljahrhundert

nach dem Fall des Eisernen Vorhangs

sehr schwach.

UNZUFRIEDENE BÜRGER

Seit mehr als vier Monaten treffen sich im

Zentrum der Hauptstadt Sofia jeden

Abend unzufriedene Bürger zu Kundgebungen.

Mal kommen einige Hundert, mal

zwischen 20 000 und 30 000 Menschen. Es

sind nicht die sozial abgehängten, die einkommensschwachen

Bulgaren, die mit

Trillerpfeifen, Trommeln und fantasievollen

Transparenten den Rücktritt der Regierung

fordern. Vielmehr machen hier die

gebildeten Angehörigen der Mittelschicht

ihrem Ärger über Vetternwirtschaft, Kor-

ruption und die Herrschaft der Oligarchen

im zweitärmsten aller EU-Länder Luft –

nur den Menschen in Rumänien geht es

noch schlechter (siehe Grafik). Büroangestellte

in Anzug und Krawatte demonstrieren

neben Studenten, Künstlern und Müttern

mit Kinderwagen.

Als die Menschen im Frühjahr auch im

fast 500 Kilometer entfernten Varna demonstrierend

durch die Straßen zogen,

war Pavlova dabei. Was die Grünen-Politikerin

vor allem aufregt: die Machenschaften

der TIM-Gruppe in ihrer Heimatstadt.

TIM, das ist ein weitverzweigtes und undurchsichtiges

Netz von weit mehr als 100

Unternehmen mit geschätzten 30 000 Mitarbeitern.

Gegründet haben die Gruppe

Anfang der Neunzigerjahre ehemalige Elitesoldaten.

Die drei Buchstaben stehen für

die Vornamen ihrer Anführer. Ihr erstes

Geld sollen sie unter anderem im Drogenhandel,

mit Schutzgelderpressung, Autodiebstahl

und Zuhälterei verdient haben.

38 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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FOTO: CORBIS/DEMOTIX/GONZALES PHOTO

Von „Anführern der organisierten Kriminalität“

sprach 2005 der damalige US-Botschafter

in Sofia in einem internen Bericht,

der im Rahmen der Wikileaks-Enthüllungen

bekannt wurde. Das Netzwerk sei „die

größte Bedrohung der bulgarischen Wirtschaft“,

heißt es dort.

Heute gehören zum TIM-Imperium unter

anderem mehrere TV-Sender, eine Zeitung

und die Fluggesellschaft Bulgaria Air.

Die Führung des undurchsichtigen Netzwerks

hat beste Verbindungen in die Politik

in der Hauptstadt, vor allem aber in der

Schwarzmeerstadt Varna, wo TIM den

Großteil seiner Aktivitäten betreibt. Das

Konglomerat kontrolliert von dort aus unter

anderem den gesamten Getreidehandel

im Nordosten Bulgariens.

ROBUSTE METHODEN

„Varna gehört TIM“, sagt Georg Tuparev,

stellvertretender Vorsitzender der bulgarischen

Grünen und einer der besten Kenner

des zwielichtigen Geflechts. Bei Privatisierungen

haben sich Unternehmen der

Gruppe für wenig Geld Filetstücke gesichert,

hat Tuparev herausgefunden, außerdem

betreibe TIM in Varna noch immer

Schutzgelderpressung. Das Netzwerk, behauptet

er, verwalte die nationale Pensionskasse

und leite daraus auch schon mal

höhere Summen in eigene Unternehmen

um. Kaum eine Zeitung traue sich über die

fragwürdigen Machenschaften der TIM-

Gruppe zu berichten; wer es versuche, werde

mit „robusten Methoden“ eingeschüchtert,

erzählt Tuparev, der bereits Erfahrungen

mit den Einschüchterungsversuchen

der Gruppierung gemacht hat. „Eine moderne

Form des Feudalismus.“

In Varna hat TIM mit seinen Verbindungen

in die örtliche Politik dafür gesorgt,

dass das Planungsbüro der Gruppe die Flächennutzungspläne

der Stadt erarbeitet.

Die fallen regelmäßig so aus, dass sie vor

allem Unternehmen des TIM-Netzwerks

entgegenkommen. Bei anderen verbreiten

die Planer Angst und Schrecken. Zahle etwa

ein Restaurantbesitzer sein Schutzgeld

nicht, drohe man ihm mit der Umwidmung

des Landes, auf dem es steht, sagt die

Architektin Pavlova. Ein Aufschrei ging

durch die Bevölkerung der Stadt, als bekannt

wurde, dass TIM sich im Rahmen einer

langfristigen Pacht die sogenannte

„Erste Allee“ gesichert hat. Auf dem malerischen,

baumbewachsenen Küstenstreifen

Varnas sollen nun Hotels und Einkaufszentren

entstehen. „Wir haben es einfach satt“,

sagt Pavlova.

Die Verbindungen der TIM-Gruppe reichen

bis nach Deutschland. Bläulich-grau

schimmern die mächtigen Hangars am

Flughafen Sofia in der Morgensonne. Lufthansa

Technik steht in gelben Buchstaben

am oberen Rand der Außenwand. Seit 2007

wartet die Tochtergesellschaft des deutschen

Carriers hier Flugzeuge. In den Hallen

fand schon der Ball der deutschen Wirtschaft

in Bulgarien statt. Lokaler Partner

von Lufthansa Technik ist die Bulgarian

Aviation Group, ein Unternehmen, das der

TIM-Gruppe zugerechnet wird. Die Deutschen

halten die Mehrheit an dem Gemeinschaftsunternehmen.

Zu konkreten

Große Lücke

Bruttoinlandsprodukt je Einwohner

(intausend Dollar,kaufkraftbereinigt)

24

22

20

18

16

14

12

10

Bulgarien

Quelle:IWF

Polen

Rumänien

Ungarn

2011 2012 2013 2014

Vorwürfen gegen TIM will sich Lufthansa

nicht äußern. „Die juristische Prüfung und

Bewertung von Vorwürfen gegen bulgarische

Unternehmen obliegt allein der Justiz

des EU-Mitgliedstaates Bulgarien“, sagt ein

Lufthansa-Sprecher.

Mit dem Flaggschiff der TIM-Gruppe,

dem Chemie- und Düngemittelkonzern

Chimimport, ist der Flughafenbetreiber

Fraport verbandelt. Das Joint Venture Fraport

Twin Star Airport Management, an

dem die Deutschen 60 Prozent halten, hat

seinen Sitz in Varna und betreibt dort den

Flughafen sowie den Airport in Burgas. Der

Dachverband der kritischen Aktionärinnen

und Aktionäre hat die Aktivitäten des

MDax-Konzerns in der Vergangenheit

mehrfach kritisiert. „Die Fraport AG verstößt

gegen das zehnte Prinzip des UN Global

Compact, zu dessen Einhaltung sie sich

verpflichtet hat“, sagt Bernd Moritz, Vorstandsmitglied

des Aktionärsverbands.

Doch auch Fraport hält sich bedeckt. Ein

Sprecher verweist auf die Zuständigkeit der

bulgarischen Justiz.

Zweifelhafte Machenschaften wie die

der TIM-Gruppe, geduldet und unterstützt

von der Politik, sorgen sowohl bei den Eliten

als auch beim einfachen Volk für einen

schleichenden, aber stetigen Verlust von

Vertrauen in ihr Land. Resignation und

Hoffnungslosigkeit greifen um sich. Mehr

als eine Million Menschen haben in den

vergangenen Jahren Bulgarien den Rücken

gekehrt. Vor allem die gut Ausgebildeten

versuchen einen neuen Anfang, auch in

Deutschland.

Von der Euphorie, die bei der Aufnahme

des Landes in die Europäische Union 2007

herrschte, ist nichts mehr zu spüren, im

Gegenteil. „Viele Menschen geben Brüssel

die Schuld an unserer Misere“, sagt Pavlova.

Unsinnige Gerüchte hielten sich, so die

Grünen-Politikerin, nach denen Sofia

mehr Geld nach Brüssel abführe, als es an

Fördergeldern aus EU-Töpfen bekomme.

Dabei sind es die Wirtschafts- und Finanzkrise,

vor allem aber die eigene Reformunfähigkeit

und das Geflecht aus korrupten

Politikern und Oligarchen, die das

Balkanland lähmen. Die Bilanz ist ernüchternd.

Beim Doing-Business-Report der

Weltbank fiel Bulgarien innerhalb von fünf

Jahren von Platz 46 auf Platz 66. Die jährlichen

ausländischen Direktinvestitionen

sind seit 2008 um 80 Prozent geschrumpft.

Beim Korruptionswahrnehmungsindex

von Transparency International liegt das

Land auf Rang 75, hinter Ghana, Saudi-

Arabien und Südafrika.

APPARATSCHIKS UND OLIGARCHEN

Als die Krise 2008 zuschlug, rächte sich,

dass Bulgarien nach dem Fall des Eisernen

Vorhangs nie wirkliche Reformen unternommen

hatte. Anders als in Polen oder

der Tschechoslowakei, wo zur Wende alternative

Kräfte wie die Solidarnosc und

die Charta 77 bereitstanden, dominierten

auf dem Balkan nach dem Systemwechsel

Apparatschiks aus der zweiten Reihe der

einstigen Staatspartei. Die Eliten steckten

schnell ihre Reviere ab. Oligarchen begannen,

das Land auszuplündern.

„Bulgarien ist viel zu früh in die EU aufgenommen

worden“, sagt der bulgarische

Journalist Dragomir Ivanov, „hier existieren

immer noch die alten Strukturen.“ Das

Problem: Der Beitritt zum Club der Reichen,

wie Ivanov die EU bezeichnet, habe

zweifelhafte Gruppierungen wie TIM erst

legitimiert.

n

matthias.kamp@wiwo.de | München

WirtschaftsWoche 28.10.2013 Nr. 44 39

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Politik&Weltwirtschaft

BERLIN INTERN | Deutschland hat am 22. September

den Aufschwung gewählt: bei den Staatsausgaben.

Im Parlament macht Schwarz-Rot den Anfang – mit

jahrelangen Folgekosten. Von Henning Krumrey

Sonderposten, extra teuer

FOTOS: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, DEUTSCHER BUNDESTAG/LICHTBLICK/ACHIM MELDE

Sieben sind zwei zu viel Das neue Bundestagspräsidium

grüßt in Übergröße

Sie haben nicht zu viel versprochen,

die Kampagneros von CDU/

CSU und SPD. Das starke Bündnis

der beiden Volksparteien

schafft Wachstum und Arbeitsplätze. Leider

aber wachsen erst mal nur die Kosten,

und die Jobs entstehen im Staatsapparat.

Mit der Entscheidung, die Zahl der Bundestags-Vizepräsidenten

auf den Rekordwert

von sieben zu erhöhen, taten die Spitzen

von Christ- und Sozialdemokraten zwar

sich keinen Gefallen, wohl aber den Profiteuren:

Peter Hintze, einst CDU-Generalsekretär

und Staatssekretär im Wirtschaftsministerium;

den Ex-Ministerinnen

Edelgard Bulmahn oder Ulla Schmidt von

der SPD. Welche der beiden Damen bei der

alten Regelung leer ausgegangen wäre,

weiß nur Parteichef Sigmar Gabriel.

Was denn die beiden Sonderposten kosten,

wollten skeptische Abgeordnete im

Fraktionsvorstand der Union vor der konstituierenden

Sitzung des Parlaments vergangene

Woche wissen. „Etwa 100 000 Euro“,

lautete die beschwichtigende Antwort der

Führung. Die Zahl ist zwar nicht gelogen,

aber doch nur ein Bruchteil der Wahrheit.

Genaues mag die Bundestagsverwaltung

nicht ausrechnen: Demokratie soll nicht

kleinkrämerisch kalkuliert sein. Am Ende

käme noch jemand auf die Idee, eine Diktatur

sei günstiger (obwohl jedem klar sein

sollte, dass Totalitarismus teuer zu stehen

kommt und am Ende stets einige mit dem

Leben bezahlen). Marco Buschmann jedoch,

frisch ausgeschiedener FDP-Abgeordneter,

nahm Ausstattungsrichtlinien und

Besoldungstabellen zur Hand, um eine grobe

Rechnung zu erstellen. Weitere Punkte

ließen sich ergänzen, sodass ein rundes Bild

entsteht – und eine sperrige Summe.

100 000 Euro – die Summe ist richtig. So

viel kostet der Aufschlag für die herausgehobene

Position (eine halbe Diät, also 4126

Euro) für die beiden – pro Jahr allerdings.

Genau sind es 99 024 Euro. Die zusätzliche

Aufwandsentschädigung von 307 Euro pro

Kopf und Monat (oder 14 736 Euro pro

Legislaturperiode) fällt da kaum ins Gewicht.

So ein Vizepräsident verrichtet seine

Tätigkeit natürlich nicht mit einem Klapptisch

in den Wandelgängen des Reichstagsgebäudes.

Er verfügt vier Jahre lang über:

n Ein rund 25 Quadratmeter größeres Büro

als normal; macht bei einem äußerst günstig

kalkulierten fiktiven Mietpreis von zehn

Euro pro Quadratmeter 12 000 Euro

n Eine zweite Sekretärin, die den Arbeitgeber

mit Sozialversicherung und allem Drum

und Dran rund 2600 Euro kosten dürfte.

Ergibt weitere 124 800 Euro

n Einen Referenten, der mit 264 000 Euro

zu Buche schlägt

n Einen Dienstwagen der Oberklasse, dessen

Leasingrate angesichts enormer Herstellerrabatte

nur bei 300 Euro monatlich

liegen dürfte. Sind aber wieder 14 400 Euro

n Gelenkt wird der Wagen vom „Chefkraftfahrer,

monatliche Arbeitszeit bis 288 Arbeitsstunden“

. Laut Tarifvertrag verdient

der rund 3700 Euro brutto. Als Arbeitgeberbrutto

sind rund 4800 Euro anzusetzen.

Macht in vier Jahren 230 000 Euro

Das schöne Amt bringt es mit sich, dass

man auch vier Jahre nach der Abwahl noch

im Staatsdienst bleibt und die normale Diät

bekommt. Schon wieder 400 000 Euro. Erhalten

bleiben auch ein – wenn auch deutlich

kleineres – Büro und eine Sekretärin.

Das schöne Auto ist zwar futsch, aber es

steht noch der Fahrdienst des Bundestags

bereit, wie für die aktiven Abgeordneten.

Summa summarum kostet jeder zusätzliche

Vizepräsident fröhliche 1,15 Millionen

Euro in den nächsten acht Jahren.

Kleiner Trost für Finanzminister Wolfgang

Schäuble: Die Beträge sind zu versteuern.

WirtschaftsWoche 28.10.2013 Nr. 44 41

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Der Volkswirt

KOMMENTAR | Der Höhenflug des

Euro ist eine Folge der globalen

Geldschwemme. Darunter leiden

die Krisenländer. Von Malte Fischer

Die Euro-Blase

Moden wechseln bekanntlich

schnell –

auch an den Finanzmärkten.

Gut

ein Jahr ist es her, da gab kaum

ein Finanzmanager noch einen

Pfifferling auf den Euro. Europas

Bürger schleusten aus

Angst vor dem Kollaps der Gemeinschaftswährung

ihre Ersparnisse

ins Ausland. Anlagen

in Schweizer Franken, norwegischen

Kronen, australischen

und kanadischen Dollar waren

hip. Doch mittlerweile hat sich

der Wind gedreht, Europas Gemeinschaftswährung

ist wieder

in. Anleger aus aller Welt strömen

in den Euro und treiben

dessen Wechselkurs in die Höhe.

Mitte vergangener Woche

knackte der Euro gegenüber

dem US-Dollar die Marke von

1,38. Zuletzt hatte er vor rund

zwei Jahren so hoch gelegen.

Auch gegenüber anderen Währungen

hat der Euro Terrain

gutgemacht. Binnen eines Jahres

wertete er gegenüber dem

britischen Pfund um knapp vier

Prozent auf, gegenüber dem

Schweizer Franken gewann er

rund zwei Prozent an Wert.

Auch gegenüber den Rohstoffwährungen

australischer Dollar

(plus zehn Prozent), norwegischer

Krone (plus neun Prozent),

kanadischem Dollar (plus

acht Prozent) und brasilianischem

Real (plus elf Prozent)

stieg sein Wert. Gegenüber dem

japanischen Yen legte er sogar

um 22 Prozent zu.

BLATT GEWENDET

Euro-Fans, die die Krise der vergangenen

Jahre schon immer

für übertrieben hielten, jubilieren.

„Das Schlimmste ist vorbei“,

schreiben die Ökonomen

der Berenberg-Bank in einem

Marktkommentar. Die Bestandsgarantie,

die der Chef der Europäischen

Zentralbank (EZB),

Mario Draghi, dem Euro im Spätsommer

2012 gab, habe das

Blatt gewendet. Das Verschwinden

der Unsicherheit, die Lockerung

des Sparkurses und das

Greifen von Reformen in den Krisenländern

hätten den Weg frei

gemacht für einen neuen Aufschwung

in Europa. Tatsächlich

ist die Wirtschaft in Portugal

(plus 1,1 Prozent), Spanien

(plus 0,1 Prozent), Irland (plus

0,4 Prozent) und Griechenland

(plus 0,6 Prozent) zuletzt gewachsen.

Doch das kann die Renaissance

des Euro nicht erklären,

solange die wirtschaftlichen

Schwergewichte Italien und

Frankreich mit ihrer chronischen

Reformverweigerung die

Wachstumsperspektiven der gesamten

Euro-Zone belasten.

SCHLEUSEN GEÖFFNET

Der Höhenflug des Euro ist daher

zum größten Teil auf die

superexpansive Geldpolitik in

den USA, Japan, Großbritannien

und der Schweiz zurückzuführen.

Die Notenbanken dort haben

ihre Schleusen noch stärker

geöffnet als die EZB. In den

USA und Japan pumpen die

Währungshüter weiterhin Monat

für Monat 85 Milliarden Dollar

beziehungsweise 7500 Milliarden

Yen (umgerechnet 55 Milliarden

Euro) in den Finanzsektor.

Ein erheblicher Teil dieses Geldes

fließt nach Europa, wo italienische

und spanische Staatsanleihen

mit Renditen von

mehr als vier Prozent locken. Die

Euro-Blase, die so entsteht,

spiegelt die exportgetriebene

Erholung der Krisenländer nicht

wider – sie gefährdet sie vielmehr.

NEW ECONOMICS

Weite Spanne

Der neue Glücksatlas zeigt: Die Ungleichgewichte

in Europa nehmen weiter zu, auch die Lebenszufriedenheit

der Bürger unterscheidet sich immer stärker.

Bernd Raffelhüschen, Renate Köcher:

Deutsche Post Glücksatlas, Knaus 2013.

Die Lebenszufriedenheit in Europa

driftet weiter auseinander.

Das ist die zentrale Botschaft

des Glücksatlas 2013, den die

Forscher Bernd Raffelhüschen

(Universität Freiburg) und Renate

Köcher (Institut Allensbach)

im Auftrag der Deutschen

Post erstellt haben. Dafür wurde

die Zufriedenheit der Bürger in

allen EU-Mitgliedstaaten, Russland

und der Türkei ausgewertet.

Die Daten stammen von der

Europäischen Kommission.

„Der negative Trend hat

sich leider verstärkt“, so Raffelhüschen,

die Einschätzungen

der EU-Bürger fallen immer

weiter auseinander. Auf der Skala

von null (sehr unzufrieden)

bis zehn (sehr zufrieden) erreichen

die Bürger im glücklichsten

Land Dänemark einen Mittelwert

von 8,9. In Griechenland

sind es 3,4. Damit liegen der

höchste und der niedrigste Wert

5,5 Punkte auseinander – mehr

als die Hälfte der gesamten Skala.

Vor zehn Jahren betrug der

Abstand 3,5 Punkte. Selbst im

unzufriedensten Land lag der

Durchschnitt damals über der

Schwelle von fünf, die Menschen

waren also in ganz Europa

eher zufrieden.

Das ist jetzt deutlich anders.

2012 lag der durchschnittliche

Zufriedenheitswert in sechs

Ländern unter dem Mittelwert

fünf. Selbst die EU – Durchschnitt

6,3 – nähert sich dieser

Schwelle immer mehr an, noch

im Vorjahr lag der Wert mit 6,6

ein gutes Stück höher.

Dabei folgt die Zufriedenheit

erstaunlich eindeutig der Entwicklung

der Arbeitslosigkeit in

einem Land. So wuchs die Wirtschaft

zuletzt sowohl in Großbritannien

als auch in den

Niederlanden kaum. In Großbritannien,

wo die Arbeitslosigkeit

stagnierte, hatte das jedoch

kaum einen Einfluss auf die

Lebenszufriedenheit (plus 0,1

Punkte), in den Niederlanden

sank die Zufriedenheit hingegen

deutlich ab (minus 0,3).

Hier war die Arbeitslosigkeit

zuletzt gestiegen.

GROSSES UNGLÜCK

Ähnliches zeigt sich auch in den

Krisenländern Irland (Platz 9/

minus 0,3), Portugal (Platz 29/

minus 0,7) und Griechenland

(Platz 30/minus 0,7). „Hier muss

von einem wirklich großen Unglück

gesprochen werden“, so

Raffelhüschen. Am deutlichsten

verbessern konnten sich unterdessen

etwas überraschend

Frankreich (plus 0,3) und Lettland

(plus 0,4), in Deutschland

blieb die Zufriedenheit trotz des

Booms mit 7,1 stabil.

konrad.fischer@wiwo.de

Glücklich im Norden

Lebenszufriedenheit in Europa

(Vorjahreswert)

0 =sehr unzufrieden

10 =sehr zufrieden

1(1) Dänemark

8,9 (8,9)

2(3) Schweden

8,2 (8,1)

3(2) Niederlande

8,0 (8,3)

4(4) Luxemburg

7,7 (7,8)

5(6) Großbritannien

7,6 (7,5)

6(5) Finnland

7,5 (7,6)

7(7) Belgien

7,2 (7,2)

8(9) Deutschland

7,1 (7,1)

9(8) Irland

10 (10) Österreich

Quelle: Eurobarometer/

Glücksatlas

6,9 (7,2)

6,8 (6,8)

FOTO: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

42 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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KONJUNKTUR DEUTSCHLAND

Aussichten für

Exporteure bessern sich

Seit mehr als einem Jahr treten

die deutschen Exporte auf der

Stelle. Doch nun deuten erste

Zeichen auf ein Ende der Flaute

im Außenhandel hin. Der vom

Münchner ifo Institut monatlich

exklusiv für die Wirtschafts-

Woche ermittelte Indikator

für das Exportklima hat sich im

September zum vierten Mal

in Folge verbessert. Mit 0,08

Zählern liegt er erstmals seit

zwei Jahren wieder im positiven

Bereich.

Ausschlaggebend dafür war,

dass sich das Wirtschaftsklima

in wichtigen Handelspartnerländern

aufgehellt hat. Das gilt

vor allem für die europäischen

Länder. In Belgien, Dänemark,

Großbritannien, Italien und Polen

zeigten sich die privaten

Haushalte und die Unternehmen

im September besser gelaunt

als im Vormonat. In den

USA veränderte sich das Wirtschaftsklima

kaum – trotz des

im Erhebungszeitraum tobenden

politischen Streits um den

Staatshaushalt. In China hat

sich die Zuversicht der Unternehmen

etwas gebessert. Der

Einkaufsmanagerindex für die

Industrie legte vorläufigen Berechnungen

zufolge im Oktober

von 50,2 auf 50,9 Punkte zu. Das

Bruttoinlandsprodukt in China

expandierte im dritten Quartal

mit 7,8Prozent etwas stärker als

im Vorquartal (7,5 Prozent).

Das Klima wandelt sich zum Guten

Exportklimaund Ausfuhren

Bis Ende nächsten Jahres

dürfte sich das Wachstumstempo

Analysten zufolge jedoch auf

Raten um sieben Prozent abkühlen.

Die Exporterwartungen

der deutschen Unternehmen

sind von September auf Oktober

leicht auf 10,0 Punkte gesunken.

Daran konnte auch der

starke Bestelleingang aus dem

Ausland (ohne sonstigen Fahrzeugbau)

nichts ändern, der im

August um 3,7 Prozent gegenüber

dem Vormonat zulegte. In

ihrem jüngsten Herbstgutachten

gehen die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute

davon

aus, dass sich die realen

Exporte von Waren und Diensten

nach einer Stagnation in

diesem Jahr 2014 um 5,0 Prozent

erhöhen.

0,25

1,5

0,20 1,0

0,15

Exportklimaindikator*

0,5

0,10

0

0,05

–0,5

0

–1,0

–0,05

–0,10

Exporte (real, saisonbereinigt,

–1,5

–2,0

–0,15

Veränderung zum

–2,5

–0,20

Vorjahr in Prozent)

–3,0

–0,25

2007 2008 2009 2010 2011 2012 2013

–3,5

*Geschäfts- und Konsumklima auf den wichtigsten Absatzmärkten

sowie realer Außenwert des Euro (Indexpunkte);Quelle:ifo

Durchwachsene

Frühindikatoren

Die Einkaufsmanager in der

deutschen Industrie blicken zuversichtlicher

in die Zukunft als

bisher. Das zeigt ein Index, den

der Londoner Finanzdienstleister

Markit auf Basis von Umfragen

in der Branche ermittelt.

Im Oktober legte der Einkaufsmanagerindex

vorläufigen Berechnungen

zufolge um 0,4 auf

51,5 Punkte zu. Werte über 50

signalisieren einen Anstieg der

Produktion in den nächsten

Monaten. Damit überschritt der

deutsche Wert den Durchschnitt

der Euro-Zone (51,3).

In Frankreich rutschte der Indikator

für die Industrie auf 49,4

Zähler und deutet somit auf

eine schrumpfende Produktion

hin. Im Dienstleistungssektor

trübte sich der Index in allen

drei Regionen ein. In Deutschland

sank er auf 52,3 Zähler, in

Frankreich ging er auf 50,2

Punkte zurück, und in der Euro-

Zone rutschte er auf 50,9 Zähler.

Volkswirtschaftliche

Gesamtrechnung

Real. Bruttoinlandsprodukt

Privater Konsum

Staatskonsum

Ausrüstungsinvestitionen

Bauinvestitionen

Sonstige Anlagen

Ausfuhren

Einfuhren

Arbeitsmarkt,

Produktion und Preise

Industrieproduktion 1

Auftragseingänge 1

Einzelhandelsumsatz 1

Exporte 2

ifo-Geschäftsklimaindex

Einkaufsmanagerindex

GfK-Konsumklimaindex

Verbraucherpreise 3

Erzeugerpreise 3

Importpreise 3

Arbeitslosenzahl 4

Offene Stellen 4

Beschäftigte 4, 5

2011 2012

Durchschnitt

3,3

1,7

1,0

7,0

5,8

3,9

7,8

7,4

2011 2012

Durchschnitt

6,6

7,5

1,1

11,5

111,3

54,8

5,6

2,1

5,6

8,0

2974

466

28460

0,7

0,8

1,2

–4,8

–1,5

3,2

3,9

2,2

–0,9

–4,2

0,2

3,4

105,0

46,7

5,9

2,0

2,0

2,1

2897

478

29004

II/12 III/12 IV/12 I/13 II/13

Veränderung zum Vorquartal in Prozent

–0,1

0,1

–0,4

–3,0

–1,4

1,0

3,1

2,3

Juni

2013

2,1

4,5

–1,0

1,2

105,9

48,6

6,5

1,8

0,1

–2,2

2946

425

29348

1 Volumen, produzierendes Gewerbe, Veränderung zum Vormonat in Prozent; 2 nominal, Veränderung zum Vormonat in

Prozent; 3 Veränderung zum Vorjahr in Prozent; 4 in Tausend, saisonbereinigt; 5 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte;

alle Angaben bis auf Vorjahresvergleiche saisonbereinigt; Quelle: Thomson Reuters

0,2

0,1

0,7

–2,2

0,5

1,5

1,4

0,6

Juli

2013

–1,1

–1,9

–0,5

–0,8

106,2

50,7

6,8

1,9

0,0

–2,6

2941

425

29395

–0,5

–0,3

0,1

–2,0

–0,7

1,5

–2,4

–1,3

August

2013

1,4

–0,3

–0,2

1,0

107,6

51,8

7,0

1,5

–0,5

–3,4

2950

426


0,0

0,8

–0,1

–0,6

–2,1

–1,1

–1,8

–2,1

Sept.

2013





107,7

51,1

7,0

1,4



2975

429


0,7

0,5

0,6

0,9

2,6

1,3

2,2

2,0

Okt.

2013






51,5

7,1







Letztes Quartal

zum Vorjahr

in Prozent

0,9

1,1

1,3

–1,2

1,2

3,1

1,1

1,4

Letzter Monat

zum Vorjahr

in Prozent

–3,0

0,1

0,4

–5,5

6,2

12,0

18,3




2,1

–9,8

1,2

WirtschaftsWoche 28.10.2013 Nr. 44 43

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Der Volkswirt

NACHGEFRAGT Christopher Pissarides

»Wie in der Ehe«

Der Ökonomie-Nobelpreisträger von 2010 hält ein

Ende des Euro für möglich und empfiehlt mehr

Flexibilität auf den Arbeitsmärkten der Krisenländer.

Herr Pissarides, die Wirtschaft

in den Ländern der Euro-Zone

wächst wieder. Ist die Krise

damit vorbei?

Nein. Mittlerweile werden die

Defizite in der Euro-Konstruktion

immer offensichtlicher. Die

Organisation der Europäischen

Zentralbank (EZB) ist falsch,

wir hätten zum Beispiel von

Anfang an eine gemeinsame

Bankenaufsicht gebraucht.

Nötig sind unter anderem eine

Bankenunion und eine bessere

finanzpolitische Abstimmung

in der Euro-Zone. Ein Durchwursteln

wie bisher, das geht

nicht mehr lange gut. Wenn die

Politik zu Reformen nicht bereit

ist, sollten wir darüber nachdenken,

den Euro wieder abzuschaffen.

Sie halten die Abschaffung des

Euro wirklich für eine realistische

Option?

Durchaus. Zuerst müsste man

in jedem Land eine Parallelwährung

einführen und nach

und nach einen Übergang von

der gemeinsamen zur eigenen

Währung gewährleisten. Diese

würde dann noch für eine recht

lange Zeit zirkulieren. Wechselkursschwankungen

zwischen

den beiden Parallelwährungen

dürfte die Geldpolitik dabei nur

in beschränktem Ausmaß erlauben.

Wie hoch wären die Kosten,

wenn der Euro tatsächlich

scheitert?

Hoch, vor allem politisch. Ein

Ende des Euro wäre eine große

Niederlage für die Europäische

Union. Allerdings: Auch der

jetzige Kurs verursacht hohe

Kosten – weil wir Austerität erzwingen.

Wollen Sie, dass ohnehin

überschuldete Staaten weiter

DER NOBELPREISTRÄGER

Pissarides, 65, ist Ökonomieprofessor

an der London School

of Economics (LSE). Der in Zypern

geborene Experte für Wachstumstheorie

und Arbeitsmärkte

erhielt 2010 den Nobelpreis für

Wirtschaftswissenschaften.

FOTOS: PICTURE PRESS/EYEVINE/GRAZIANO ARICI, LAIF/VU

44 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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ungehemmt neue Schulden

machen? Wie soll das denn

funktionieren?

Ich plädiere für Schuldenschnitte,

so wie wir sie bei manchen

Schwellenländern und in

Griechenland gesehen haben.

Für eine Schuldenkrise ist ja

nicht nur derjenige verantwortlich,

der sich Geld leiht – sondern

auch derjenige, der immer

weiter Geld verleiht. Da sollte

man am Ende die Lasten

teilen und ein neues Kapitel

aufschlagen.

Mit Verlaub: Wer soll diesen

Ländern anschließend noch

Geld leihen?

Investoren werden auch diese

Länder finanzieren, wenn sie

überzeugt sind, dass es sich bei

dem Haircut um ein einmaliges

Ereignis handelt. Daher muss

bei einem Schuldenschnitt

nicht nur ein bisschen, sondern

ein substanzieller Teil der

Schuld erlassen werden. Wenn

eine gemeinsame Bankenaufsicht

durch die Europäische

Zentralbank und eine verstärkte

Fiskalkooperation hinzukommen,

werden Investoren die

Anleihen dieser Staaten wieder

kaufen.

Im Fall Griechenland hat die

Politik auch beteuert, der erste

Schuldenschnitt sei ein einmaliges

Ereignis. Und nun gilt

unter Experten ein zweiter

Schnitt als nahezu sicher...

...weil der erste nicht groß

genug ausgefallen ist. Und niemand

hat damit gerechnet, dass

der Einbruch des griechischen

Bruttoinlandsprodukts so stark

sein würde.

Wie sollte die von Ihnen

angemahnte Fiskalkooperation

genau aussehen?

Die EU-Kommission sollte

über eine unabhängige Agentur

die Finanzpolitik in allen

Staaten der Euro-Zone kontrollieren.

Sie sollte eigene Vorhersagen

machen und bei den

nationalen Regierungen hinterfragen,

warum diese bestimmte

Dinge tun.

Aber wir erleben doch jetzt

schon, dass sich die Nationalstaaten

aus Brüssel keine Vorschriften

machen lassen wollen

– geschweige denn, dass sie

Kompetenzen in der Haushaltsführung

abgeben wollen.

Ja, das höre auch ich aus der

Kommission. Die Krisenstaaten,

die derzeit europäische Hilfen

bekommen, akzeptieren allerdings

die Überwachung ihrer

Haushalte.

Sie haben 2010 für Ihre

Arbeitsmarktforschung den

Ökonomie-Nobelpreis erhalten.

Was raten Sie angesichts der

Rekordarbeitslosigkeit in vielen

EU-Staaten?

Die wichtigste Regel lautet:

Arbeitsmärkte müssen flexibel

sein. Die Betriebe müssen neue

Mitarbeiter ohne große Bürokratie

einstellen können – und

jemanden auch ohne großen

Aufwand wieder entlassen

können. Ebenso wichtig sind

flexible Arbeitszeiten und keine

übertrieben starren Jobbeschreibungen

in den Arbeitsverträgen.

Im zypriotischen

Gastgewerbe etwa haben die

Gewerkschaften lange auf

extrem genaue und starre Jobbeschreibungen

gepocht. Ein

Barkeeper serviert Drinks an

der Bar und darf maximal an

den Tischen in der Bar bedienen.

Wenn der Hotelbesitzer

den Mitarbeiter aber im Restaurant

einsetzen will, kann der

sich darauf berufen, dass er

kein Kellner ist. Ich höre, dass

diese Regel gerade geändert

worden ist...

...was kein Einzelfall

ist. Spanien etwa

hatte sehr lange

einen sehr unflexiblen

Arbeitsmarkt.

EURO-KRISE

Er war sogar der unflexibelste in

ganz Europa! 2010 und 2011 gab

es hier zwar einige Reformen.

Aber bis die greifen, dauert es

seine Zeit. Die Ergebnisse werden

wohl erst so richtig sichtbar,

wenn das Land aus der Rezession

kommt.

Ist es eigentlich ein positiver

Nebeneffekt der Krise, dass

viele Regierungen nun überfällige

Reformen angehen?

Man kann auch in guten Zeiten

Reformen angehen. Aber es

stimmt schon: Dann sind die

Anreize geringer.

Deutschland hat seinen

Arbeitsmarkt im vergangenen

Jahrzehnt reformiert, als es

selbst in der Krise steckte. Wie

beurteilen Sie die Situation

bei uns?

»Der Mangel an

Vertrauen ist das

gravierendste

Problem in

dieser Krise«

Deutschland schlägt sich im

europäischen Vergleich sehr

gut. Bundeskanzlerin Angela

Merkel profitiert dabei allerdings

von den Entscheidungen

ihres Vorgängers Gerhard

Schröder.

In Deutschland könnte es nach

den Koalitionsverhandlungen

schon bald einen gesetzlichen

Mindestlohn geben. Finden Sie

diesen Schritt richtig?

Mindestlöhne sind dann eine

gute Sache, wenn sie nicht zu

hoch sind, also etwa 40 bis 45

Prozent des Median-Lohns entsprechen.

Sie haben den positiven

Effekt, dass sie junge Leute

dazu bringen, sich Arbeit zu

suchen. Jenseits

dieses Niveaus halten

Mindestlöhne Arbeitgeber

davon ab, Jobs

anzubieten.

Sie sprechen explizit

von jungen Leuten...

...weil die noch nicht genug

über den Arbeitsmarkt wissen

und sich selbst nicht gut einschätzen

können. Ihnen müssen

wir der Einstieg ins Arbeitsleben

erleichtern. Eine andere

gefährdete Gruppe, der der

Staat helfen muss, sind Langzeitarbeitslose.

Sie brauchen

Unterstützung, zum Beispiel

Lohnkostenzuschüsse. Wenn es

gelingt, diese beiden Gruppen

stärker in den Arbeitsmarkt zu

integrieren, muss man sich um

die anderen keine Sorge mehr

machen.

Frankreich und Belgien –

aber auch andere Länder in der

Euro-Zone – zahlen ihren

Erwerbslosen unbefristet

Arbeitslosengeld. Was halten

Sie davon?

Das ist keine gute Idee. Stattdessen

sollte der Staat versuchen,

Arbeitslose wieder in einen Job

zu bekommen. Die Skandinavier

machen vor, wie eine solche

aktive Arbeitsmarktpolitik

aussehen kann. Es hilft zudem

sehr, wenn Gewerkschaften

und Politik an einem Strang ziehen.

Konflikte und Streiks sind

immer schlecht für die Beschäftigung.

Aber die Dinge sind in

Bewegung. In meinem Heimatland

Zypern etwa zeigen sich

die Gewerkschaften gerade sehr

kooperativ.

Sie beraten den zypriotischen

Präsidenten Nikos Anastasiadis

und haben jüngst betont,

dass der Süden Europas dem

Norden nicht mehr vertraue.

Umgekehrt dürfte ja wohl

dasselbe gelten.

Der Mangel an Vertrauen ist

vermutlich das gravierendste

Problem in dieser Euro-Krise.

Es ist wie in einer Ehe, wo etwas

falsch gelaufen ist: Da muss

man erst einmal nett zueinander

sein – und sich viel Zeit

geben.

Wie sehr sind Regierungen

prinzipiell bereit, dem Rat von

Ökonomen zuzuhören?

Die Politik hört uns zu. Mit der

Umsetzung ist es dann eine

ganz andere Sache.

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

WirtschaftsWoche 28.10.2013 Nr. 44 45

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Der Volkswirt

DENKFABRIK | Viele Länder finanzieren ihre Entwicklungshilfe durch ein

intransparentes Geflecht aus Steuern und Abgaben, das die Verbraucher

belastet. Wer den ärmeren Ländern wirklich helfen will, muss hingegen

seine Märkte öffnen. Von Youri Chassin und Frederik Röder

Wohlstand durch Freihandel

Die deutschen Konsumenten

zahlen mit

die höchsten Elektrizitätspreise

in Europa.

Unter den vielen Energiesteuern,

Gebühren und

Sonderabgaben befindet sich

auch eine obskure Steuer, die

dabei helfen soll, nicht nur den

Klimawandel zu stoppen, sondern

auch noch Entwicklungshilfe

zu unterstützen. Die Bundesregierung

setzt rund zehn

Prozent der Einnahmen aus

dem Handel von CO 2 - Emissionszertifikaten

für die Finanzierung

von Entwicklungshilfe

ein. Auf diesem Wege haben

die Bundesbürger in den vergangen

Jahren mehrere Hundert

Millionen Euro an Entwicklungshilfeprojekten

finanziert.

Doch was unterscheidet diese

Form der Finanzierung von

Entwicklungshilfe von der traditionellen

Entwicklungshilfe? Bei

Erstgenannter handelt es sich

im Fachjargon internationaler

Organisationen um „Innovative

Financing for Development“,

kurz IFD. Offiziell sind damit verschiedenartige

Projekte und Finanzierungsmechanismen

für

die Entwicklungshilfe gemeint.

FALSCHES INSTRUMENT

Im Kern handelt es sich dabei

um ein Sammelsurium an neuen

Steuern und Steuererhöhungen.

Eine der ersten IFD war die

„taxe Chirac“ in Frankreich, die

der deutschen Luftverkehrsabgabe

ähnelt, aber seit 2006

hauptsächlich zur Finanzierung

von Entwicklungshilfeprojekten

verwendet wird. Nur wenige

Reisende in Frankreich und anderen

Ländern mit ähnlichen

Steuern wissen, dass sie jedes

Mal, wenn sie in ein Flugzeug

steigen, die gemeinnützige Organisation

UNITAID unterstützen,

eine internationale Einrichtung

zur verbilligten Beschaffung von

Medikamenten für ärmere Staaten.

UNITAID fließen auf diese

Weise jährlich mehr als 500 Millionen

US-Dollar zu. Die Vereinten

Nationen rechnen mit einem Anstieg

der Einnahmen von UNITAID

auf bis zu zehn Milliarden Dollar

jährlich für den Fall, dass die Steuer

auf weitere Länder ausgeweitet

wird. Beispiele für IFD, die sich

»Es gibt keinen

positiven

Zusammenhang

zwischen

Entwicklungshilfe

und Wirtschaftswachstum«

wendung der Mittel zu gewähren.

Viele IFD wie Tabak- und Alkoholsteuern

sind zudem unter verteilungspolitischen

Gesichtspunkten

fragwürdig, da sie untere Einkommensgruppen

relativ stärke belasten

als mittlere und obere Einkommensgruppen.

IFD sind daher ein

fragwürdiges Instrument der Entwicklungshilfefinanzierung.

Berechtigterweise bestehen

Zweifel, ob die Entwicklungshilfe

tatsächlich der beste Weg ist, die

Lebensbedingungen in den ärme-

noch in der Planung befinden,

sind die Finanztransaktionsteuer,

weitere CO 2 -Steuern sowie höhere

Steuern auf Tabakwaren.

Aus finanzwissenschaftlicher

Perspektive vereinen IFD fast

sämtliche Schwachpunkte, die eine

Steuer haben kann. Sie sind intransparent

und stehen in keinem

Zusammenhang mit den Projekten,

die sie finanzieren. Zudem

sind sie mit hohen Erhebungsund

Verwaltungskosten verbunden.

Die demokratische Legitimität

solcher Steuern ist äußerst

fragwürdig, da nationale Regierungen

nur teilweise Einblick in

die Verwendung der Mittel haben.

So hat sich UNITAID geweigert,

dem französischen Rechnungshof

Einblick in die rechtmäßige Verren

Ländern zu verbessern. Der

ehemalige Weltbank- und Entwicklungs-Ökonom

William Easterly

hat gezeigt, dass es keinen

Zusammenhang zwischen Entwicklungshilfe

und Wirtschaftswachstum

gibt. Denn viele Gelder

fließen in Großprojekte, die nicht

aus ökonomischen, sondern aus

politischen Gründen ausgewählt

werden, da sie den politischen Eliten

als Prestigeprojekte dienen.

Nicht selten fließen die Gelder in

das Privatvermögen dieser Personen

und dienen der persönlichen

Bereicherung, statt das Wachstum

der Wirtschaft anzukurbeln.

Dagegen gibt es einen positiven

Zusammenhang zwischen ökonomischer

Freiheit und Wirtschaftswachstum.

Sogar U2-Sänger

Bono hat jüngst eingeräumt,

dass internationale Entwicklungshilfe

nur einen eingeschränkten

Nutzen gegen Armutsbekämpfung

hat und dass

Freihandel und Unternehmertum

deutlich besser geeignet

sind, den Wohlstand zu erhöhen.

Maßnahmen, die den ärmeren

Ländern wirklich helfen,

wären die Öffnung der Märkte in

den entwickelten Ländern, die

Abschaffung der anachronistischen

Gemeinsamen Agrarpolitik

der Europäischen Union, die

Beseitigung von Einfuhrquoten

sowie die Deregulierung von

Einfuhrbestimmungen. Nicht

ohne Grund sagt der indische

Außenminister Salman Khurshid:

„Entwicklungshilfe war gestern,

Handel ist morgen.“

MEHR FREIHANDEL

Wer die wirtschaftliche Lage in

den Entwicklungsländern verbessern

will, sollte sich daher

darauf konzentrieren, wie man

mehr wirtschaftliche Freiheit

dorthin bringen und wie der

Westen durch den Abbau von

tarifären und nicht tarifären

Handelshemmnissen die Exportchancen

von Anbietern aus

den Entwicklungsländern erhöhen

kann. Anders als das Erschließen

von immer neuen Wegen

der Besteuerung dient der

freie Handel wirklich dem

Wachstum der Wirtschaft und

dem Wohlstand in der Dritten

Welt.

Youri Chassin arbeitet als

Ökonom am Montreal

Economic Institute in Kanada.

Frederik Röder ist Gesundheitsökonom

und Associate

Researcher beim Montreal

Economic Institute.

FOTOS: MAURITIUS IMAGES/ALAMY, PR (2)

46 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Paket von Tante Emma

E-COMMERCE | Erst waren es nur Bücher, dann Elektronik, Haushaltsgeräte und Mode.

Jetzt kommen in der nächsten Stufe Lebensmittel in den Online-Handel.

Obst, Fleisch, Mehl und Nudeln aus dem Netz – wie es funktioniert, was es kostet und

wer von diesem Wandel profitiert.

Eigentlich müsste Norbert Fuchs

an diesem Mittwochnachmittag

wieder durch einen Supermarkt

im Düsseldorfer Stadtteil Unterrath

hetzen: Wasserflaschen,

Brot und Nudeln, Popcorn, Obst und Gemüse,

Zigaretten – alles in den Einkaufswagen

legen, an der Kasse Schlange stehen,

bezahlen, einpacken, zurück nach Hause

hetzen. Eineinhalb Stunden gehen darüber

schnell herum. Doch Fuchs hat Besseres

zu tun: Der T-Shirt-Händler bedruckt

oder bestickt Klamotten mit neuen Motiven

in seinem Laden.

Stattdessen schiebt nun Youssef Majteti

für ihn den Einkaufswagen durch einen

Rewe-Markt im Düsseldorfer Süden, wo

alle Online-Bestellungen zusammengestellt

werden. Früher hat der 23-jährige

Majteti als Tankwart gearbeitet, seit zwei

Monaten packt er Einkäufe bei Rewe.

Majteti hält einen elektronischen

Einkaufszettel in

der Hand, der Fuchs’

Einkaufswünsche anzeigt,

scannt jede bestellte Ware

ein und legt sie in den Einkaufswagen.

Anschließend

verstaut er Milch, Quark

und Butter in einem Kühlschrank,

die Kiste mit Nudeln und

die Dosentomaten kommen in ein

Regal. Am nächsten Morgen ergänzt

Majteti frische Waren wie Obst und

Gemüse, bevor ein Fahrer von Rewe

die Waren abholt und sie bei Fuchs

und anderen Bestellern vorbeibringt.

Noch zählt der Düsseldorfer zu

einer winzigen Avantgarde in

Deutschland – Kunden, die ihre

Lebensmittel übers Internet einkaufen.

Lange wird ihm die Sonderrolle

nicht mehr beschieden

bleiben: Logistiker und Händler

bereiten gerade mit Macht die

nächste Revolution im Handel

vor – den Verkauf auch von Lebensmitteln

für den täglichen Bedarf

im Internet.

„Unser Ziel ist es, dem Online-Lebensmittelhandel

in Deutschland zum Durchbruch

zu verhelfen“, tönt Andrej Busch,

der bei der Deutschen Post DHL das Paketgeschäft

leitet. „Ich habe noch nie verstanden,

dass man sich die leichten Sachen

wie Bücher oder CDs bestellt und die

schweren Lebensmittel selbst nach Hause

schleppt“, ergänzt Briefvorstand Jürgen

Gerdes, der die Post für den Lebensmittelhandel

rüsten will.

Können Workaholics, Freizeitfanatiker

und gestresste Eltern

bald gleichermaßen aufatmen?

Nie wieder schleppen, weder an

Fleischtheken noch an Kassen

anstehen, keine trödelnden Kunden

vor einem oder rabiate

Drängler im Rücken – endlich

120 Mal im

Jahr suchen Verbraucher

vor dem Einkaufen einen

Parkplatz

Video

In unserer App-

Ausgabe berichtet

Redakteurin Nele

Hansen von ihrem

Online-Kauf

gehören Feierabend und Samstag

ausschließlich mir oder der

Familie?

Noch ist der Online-Anteil im

Lebensmittelhandel verschwindend

klein. Waren im Wert von

etwa 500 Millionen Euro gelangen

derzeit online zum Kunden.

Das sind bei einem Gesamtumsatz

von rund 200 Milliarden Euro

gerade einmal zwischen 0,2 und 0,3 Prozent.

Und das Gros der Waren im Internet-

Handel besteht aus erlesenen Weinen oder

anderen Delikatessen.

Doch die Prognosen zeigen steil nach

oben. „Jetzt kauft man noch italienische

Trüffel übers Internet, am Ende aber wird

sich Alltagsbedarf wie Nudeln und Toilettenpapier

durchsetzen“, glaubt Thomas

Netzer, Partner und Logistikexperte bei der

Unternehmensberatung McKinsey in Köln.

Netzer und seine Berater-Kollegen von

Accenture oder A.T. Kearney erwarten,

dass sich der Online-Lebensmittelhandel

bis 2020 auf einen Anteil von drei bis fünf

Prozent am Gesamtmarkt mehr als verzehnfacht.

Das wären dann bis zu zehn

Milliarden Euro.

2013 stieg der Anteil der Lebensmittel-

Online-Shopper gegenüber 2011 um 50

Prozent von 18 auf 27 Prozent der Befragten,

belegt eine aktuelle A.T.-Kearney-

Studie. „Insbesondere Familien mit zwei

Kindern, bei denen die Eltern viel arbeiten

und wenig Freizeit haben, kaufen immer

mehr übers Internet“, sagt Jochen Hiemeyer,

Handelsexperte bei Accenture. Als

besonders netzaffin gelten 30- bis 50-Jährige

und junge Singles – sie kaufen nun

zunehmend auch Lebensmittel im Web.

»

ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER; FOTO:

48 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Steil bergauf

Welche Chancen der Online-Lebensmittelhandel

beim Verbraucher hat, wird unterschiedlich

beurteilt. Die Spannweite reicht

von verhalten bis überaus optimistisch.

„Ich glaube, dass sich der Lebensmittel-

Online-Handel durchsetzen wird. Wir gehen

von einem Anteil von fünf Prozent bis

zum Jahr 2020 aus“, sagt Thomas Netzer,

Partner und Logistikexperte bei McKinsey.

Das wäre ein Umsatzanteil von zehn Milliarden

Euro am gesamten Lebensmittelmarkt

in Deutschland.

Jochen Hiemeyer, Handelsexperte der

Beratung Accenture ist etwas zurückhaltender:

„Dass ein Zalando für Lebensmittel

um die Ecke kommt, sehe ich nicht.“

Doch auch er rechnet mit einem Marktanteil

von drei bis vier Prozent bis 2020.

Prognose fürden Umsatz im

Lebensmittel-Online-Handel

in Deutschland

(inMilliarden Euro)*

0

10 12 14 16 18 20 22

*optimistische Schätzungaus vier Szenarien;

Quelle:HandelsMonitor 2012/2013

8

6

4

2

WirtschaftsWoche 28.10.2013 Nr. 44 49

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Unternehmen&Märkte

»

DIE NÄCHSTE REVOLUTION?

Einen Schub erwarten die Experten,

wenn auch der Rest der Bevölkerung

die Vorteile erkennt. „Viele sehen noch

nicht, wie viel Zeit sie im Supermarkt

verbringen und wie viel Sprit sie verfahren“,

Über1000

Liter H-Milch liefert

Emmas Enkel pro

Monat. H-Milch

ist damit das

meistverkaufte

Produkt

sagt McKinsey-Berater Netzer.

Er hat genau nachgerechnet

und kam im Schnitt

auf fünf Tage, davon allein

ein Tag an der Kasse und 260

Liter Sprit im Jahr.

Lange galten Lebensmittel

und Internet als unvereinbar. Erste Versuche

wie der 2009 in Dortmund gegründete

Online-Shop Froodies scheiterten

im Mai 2012, weil das Unternehmen

die komplexe Logistik nicht bewältigte.

Auch der Versandhandelskonzern Otto

stellte einen Versuch, frisches Brot und frische

Butter übers Internet zu verkaufen,

nach vier Jahren 2004 wieder ein. Überlegungen

für einen Neustart wurden 2011

verworfen. Erst kürzlich schloss auch der

mittelständische Händler Tegut, der Lebensmittel,

teilweise in Bioqualität und mit

Frischegarantie, online vermarktete, seinen

Shop, weil die Zahl der Kunden überschaubar

blieb.

Experten folgerten daraus, dass sich der

Lebensmittelhandel anders als Elektronik,

Haushaltsgeräte oder Kleidung generell

nicht ins Internet verlagern ließe: Die Margen,

hieß es damals, seien mit ein bis zwei

Prozent zu gering, es gebe zu viele Läden,

die Logistik sei zu teuer. Fisch müsste gekühlt,

druckempfindliches Obst aufwendig

verpackt werden – zu viel Aufwand, das Paket

zum gewünschten Zeitpunkt zum Kunden

zu bringen.

Aber all das ändert sich gerade auf breiter

Front. Neue Verpackungen halten fri-

sche Milch, Käse oder Tiefkühlpizza 48

Stunden kalt, ausgeklügelte Lieferkonzepte

helfen, die Waren am gleichen Tag direkt

bis vor die Tür zu schicken. Zudem wächst

die Zahl der Bestellungen, was eine wirtschaftliche

Zustellung innerhalb einer bestimmten

Zeit erlauben könnte. Gleichzeitig

lernen die Kunden, sich schnell in den

riesigen Sortimenten eines Internet-Supermarktes

zurechtzufinden: Regelmäßige

wiederkehrende Einkäufe werden einfach

abgespeichert, damit sie beim nächsten

Mal einfach per Mausklick abgerufen werden

können.

Kamen die Pioniere vor rund zehn Jahren

vor allem aus Großbritannien

(siehe Kasten Seite 54), beteiligen

sich in Deutschland nun ganz unterschiedliche

Anbieter am neuen Geschäft

mit Lebensmitteln:

n Startups wie Emmas Enkel oder

Food.de liefern mit eigenen Fahrzeugen

bis vor die Haustür.

n Die Deutsche Post hat vor einem

Jahr die Mehrheit am Online-Lebensmittelversender

Allyouneed

übernommen. Um mehr Waren

auszuliefern, rüstet die Post mit 750

Millionen Euro nun ihre Paketzentren

auf, um künftig schneller und

auch nach Feierabend zustellen zu

können.

n Das Handelsunternehmen Bünting im

ostfriesischen Leer verschickt für seinen

Fertig auf den Tisch

Wer nicht mehr selber Kochbücher

wälzen oder sich den Kopf über die passenden

Zutaten zerbrechen mag, der

bekommt von Online-Anbietern wie

Hello Fresh, Kommt Essen, Kochhaus,

Kochzauber, Tasty Box oder Schlemmertüte

alle Zutaten für ein leckeres

Mahl zugeschickt – inklusive Rezept.

Wöchentlich schickt etwa das Berliner

Unternehmen Hello Fresh eine

Kochbox ins Haus – ganz nach Gusto

vegetarisch oder mit Fleisch – mit

Zutaten für drei bis fünf Mahlzeiten.

Die Zubereitungszeit

soll höchstens ein halbe

Stunde dauern. 39 Euro

kostet eine „Classic

Box“, die Zutaten

und Rezepte für drei

Mahlzeiten für zwei

Personen enthält.

Online-Shop Mytime aus einem Zentrallager

in Oldenburg.

n Die Handelsketten Rewe und Kaiser’s

Tengelmann testen mit den Online-Shops

Rewe online und Bringmeister in Metropolen

eigene Lieferdienste aus den Filialen.

n Edeka hat den Shop Edeka24 eingerichtet,

der Waren per Paket versendet.

n Der Paketversender DPD arbeitet an einer

minutengetreuen Online-Paketverfolgung.

Auch UPS und Hermes entwickeln

zusätzliche Wahlmöglichkeiten für Zeitpunkt

und Ort der Zustellung. Mit dem Kurierdienst

Tiramizoo kann DPD auch am

gleichen Tag liefern.

n Klassische Lebensmittelspeditionen wie

das Versmolder Unternehmen Nagel übernehmen

die Zusammenstellung der Einkäufe

und liefern mit ihren Fahrzeugen bis

an die Haustür.

SCHNELL SORTIERT

Die Deutsche Post mit ihrer Pakettochter

DHL ist derzeit der stärkste Treiber im

Online-Lebensmittelhandel. Einer der

Schwerpunkte liegt im Ruhrgebiet.

Montagabend halb sechs, Paket-Zustellzentrum

der Post in Bochum. Rund 100 Pakete

lagern am Rand der Sortierhalle. Für

zehn Paketboten beginnt die Schicht. Einer

von ihnen ist Dirk Mäurer. Er nimmt Pakete

von der Rutsche: Die meisten von Amazon

und Mytime. Mäurer lädt sie in den gelben

DHL-Lieferwagen.

Im Gegensatz zum Vormittag, wenn die

Transporter vor Paketen fast überquellen,

sind die Fahrzeuge der Abendtour noch

ziemlich leer. „Für die Post ist die Feierabendzustellung

an der Haustür zwar

noch relativ neu, bei Lebensmitteln aber

unerlässlich“, sagt Ole Nordhoff, Verantwortlicher

für den Bereich Marktentwicklung

bei DHL Paket:„Wenn ich mein Paket

noch abholen muss, kann ich genauso gut

in den Supermarkt gehen.“ Deshalb hat die

Post entschieden, in Köln, Berlin, den

Ruhrgebietsstädten und in München Lebensmittel

auch in den Abendstunden

zuzustellen – wählen kann der Kunde

zwischen 18 und 20 Uhr oder von 20 bis 22

Uhr.

Mäurers Tour geht heute quer

durch Duisburg und Oberhausen.

Bis kurz vor 22 Uhr ist er unterwegs,

rund 60 Kilometer verzeichnet

der Kilometerstand,

zehn Pakete hat er dann abgeliefert.

Bis Mitte 2014 will die Post

die Abendzustellung auf alle deutschen

Ballungszentren ausweiten.

FOTO: GETTY IMAGES (3), ROBERT POORTEN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PR

50 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Auswählen Eine Mitarbeiterin bei Emmas

Enkel stellt die Bestellung zusammen

Verschicken Ein Allyouneed-Paket auf dem

Weg zum Empfänger

Bis an die Haustür bringen Ein Rewe-

Zusteller liefert Äpfel und Birnen

„Gewinn machen wir mit den Feierabendtouren

natürlich noch nicht“, gibt

DHL-Manager Nordhoff zu. Das Angebot

gibt es erst seit Juli und ist daher noch neu.

Damit sich der Aufwand überhaupt rechnet,

liefert die Post nicht nur Pakete ihrer

Tochter Allyouneed aus, sondern auch die

der Wettbewerber von Mytime, Rewe, dem

Bio-Online-Supermarkt Biodirekt aus Düsseldorf,

dem Mönchengladbacher Fleischhändler

Gourmetfleisch oder dem Düsseldorfer

Startup Emmas Enkel.

ALLES GEWINNER?

Noch ist die Frage offen, welches Geschäftsmodell

sich durchsetzen wird.

Die Paketbeförderer haben gute Chancen.

Bisher verdienen sie nur an der

Auslieferung etwa von Weinen wie des

Hamburger Versenders Hawesko

oder von Müslipackungen

des Passauer

Anbieters

mymuesli oder

Paketen des

Berliner Zi-

5 Tage verbringt ein

Mensch im Jahr im

Supermarkt, davon einen

an der Kasse

schicken, was ebenfalls Transportaufwand

verursacht.

Für Doris Gräfe, Lebensmittelexpertin

der Verbraucherzentrale NRW in Düsseldorf

sind die Verpackungen darum Hauptansatzpunkt

für Kritik:

„Man produziert Berge

von Müll.“

Um das zu vermeiden,

hat die

Deutsche Post

nun eine Mehr-

2,5 Stunden

dauert der Wocheneinkauf

im Schnitt

200 Millionen zusätzliche Pakete – und

damit 10 bis 15 Prozent des heutigen

Paketmarkts“, kalkuliert McKinsey-Experte

Netzer.

Die Post möchte sich damit nicht zufriedengeben.

Durch die Übernahme des Internet-Lebensmittelversenders

Allyouneed ist

sie selbst zum Händler geworden. Insgesamt

20000 verschiedene Lebensmittel, Drogerie-

und Haushaltswaren bunkert der Logistikriese

in seinem Zentrallager. Die 14000

Quadratmeter große Halle steht im logistischen

Zentrum Deutschlands, in Staufenberg

bei Kassel, direkt gegenüber dem Paketverteilzentrum

der Post. Geht eine Bestellung

im Computer ein, stellen Mitarbeiter

von Allyouneed die Waren zusammen, verpacken

sie und machen sie versandfertig.

Wer frische Lebensmittel bis 12 Uhr bestellt,

erhält sie bereits am nächsten Tag. Produkte,

die nicht gekühlt werden müssen, können

bis 18 Uhr bestellt werden. Danach werden

die Lebensmittelsendungen ins Paketzentrum

gebracht und dort auf Lastwagen

umsortiert, die die Verteilzentren der Post

anfahren. Von da aus gehen die Sendungen

direkt zum Besteller.

Zu den genauen Umsätzen

schweigt All-youneed-Gründer und

-Geschäftsführer Jens Drubel: „Profitabel

werden wir nicht innerhalb von

zwei bis drei Jahren sein, das ist eher ein

Marathon“, sagt Drubel.

Kompliziert ist bislang noch die Verpackung

der Waren. Der Post- und Allyouneed-Kunde

erhält mindestens zwei Pakete

zeitgleich: eines mit frischen Waren wie

Obst, Gemüse und Milch, eines mit haltbaren

Produkten wie Reis und Müsli. Richtig

aufwendig wird der Versand gekühlter Lebensmittel.

Zwei Tüten mit je 250 Gramm

Mozzarella benötigen sechs Kühlakkus,

damit die kleinen Käsebälle 48 Stunden

kalt bleiben – beides zusammen bringt

mehr als vier Kilo auf die Waage. Wer mag,

kann die Verpackung kostenlos zurückweg-Styroporbox

entwickelt, die aber vorerst

nur bei Abendlieferungen eingesetzt

wird. Rund 25 Euro kostet sie im Einkauf

und rechnet sich nach fünf Durchläufen. In

Ingolstadt bietet der Konzern testweise Paketbriefkästen

für ein oder zwei Einfamilienhäuser

an. Die überdimensionierten

Briefkästen stellen die Kunden vor ihre

Haustür, Kühlakkus halten die Pakete mit

Käse oder Wurst frisch. Je nach Größe zahlt

der Hausbesitzer zwischen 99 und 179 Euro

für die Kästen. Paketbote und Besitzer

können die Kästen mit einem Schlüsselchip

öffnen. Der Bote bringt Sendungen

und nimmt Retouren wieder mit. Zwei

Wasserkisten passen in die größte Version.

garrenhändlers Starke Zigarren. Die

Abendzustellung eröffnet den Paketdiensten

ganz neue Möglichkeiten. „Wenn man

annimmt, dass der Lebensmittel-Online-

Markt auf zehn Milliarden Euro wächst,

SCHLEPP-AUFSCHLAG

Wenn Online-Besteller Fuchs aus Düsseldorf

Lebensmittel bei Rewe ordert, holt Packer

Majteti die Waren aus denselben Regalen,

an denen sich auch die Kunden im La-

und einen durchschnittlichen Einkauf

von 50 Euro zugrunde legt, wären das den bedienen. 25 bis 35 Minuten dauert »

WirtschaftsWoche 28.10.2013 Nr. 44 51

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Unternehmen&Märkte

In den Korb

Online-Lebensmittelanbieter in Deutschland

Anbieter

Rewe online

Bringmeister (Kaiser’s

Tengelmann)

allyouneed.com

(Deutsche Post)

edeka24.de

Emmas Enkel

mytime.de

(Bünting)

food.de

otto Gourmet

mymuesli.com

Sommelier Privé

delinero.de

lebensmittel.de

biodirekt

Gourmetfleisch

Gourmondo

Real Drive

Angebot

Vollsortiment

Vollsortiment

Vollsortiment

außer Tiefkühl

keine frischen

Produkte

Vollsortiment

Vollsortiment

Vollsortiment

Fleisch

Müsli

Wein als Abo

Spezialitäten

direkt vom Prod.

Vollsortiment

Obst-/

Gemüsepakete

Fleisch

Feinkost

Vollsortiment

40 €

15 €

keiner

9,98 €

keiner

keiner

keiner

keiner

keiner

keiner

variiert

keiner

keiner

keiner

20 Euro

keiner

Lieferzeitraum

wählbar 8–22 Uhr

wählbar 8–23 Uhr

tagsüber/wählbar

18–20/20–22 Uhr 1

nicht wählbar 2

wählbar 10–22 Uhr/

DHL: 18–22 Uhr1

Wunschtag/

DHL: 18–22 Uhr1

wählbar 8–14/

16–22 Uhr

nach Absprache

nicht wählbar 2

nicht wählbar 2

nicht wählbar 2

nicht wählbar 2 , außer

Berlin

tagsüber/wählbar

18–20/20–22 Uhr 1

8–12/DHL 18–22 Uhr1

bei Expressbest.

frei wählbar

Wunschabholtermin

Liefergebühr Region Lieferdienst

3–7 €

(ab 150 € : 2 €)

meist 4 €

4,90 €

(ab 20 €: frei)

3,95 €

(ab 75 €: frei)

4 € (ab 40 €: frei)/

DHL: 6 €

4,99 €

(ab 65 €: frei)

5 €

0–9,90 €

3,90 €

(ab 40 €: frei)

6,90 €

(ab 80 €: frei)

5,90 €

0–4,99 €

0 €

5–19 €

4,90 €

(ab 75 €: frei)

0 €

HH/B/D/K/M/S/F

München/Berlin/

Düsseldorf

deutschlandweit

deutschlandweit

Ruhrgebiet und D;

teils deutschlandweit

deutschlandweit

29 Städte

deutschlandweit

deutschlandweit

deutschlandweit

deutschlandweit

deutschlandweit

deutschlandweit

eigener Lieferservice/DHL/

Abholung

eigener Lieferservice

DHL

Mindestbestellwert

DHL/Abholung/Lieferservice3

eigener Lieferservice/

Abholung/DHL

DHL

Lieferservice

UPS/Go

DHL

DHL

DHL/UPS/GLS/

BRT

u.a. DHL/DPD

eigener Lieferservice

DHL

deutschlandweit UPS/DHL

deutschlandweit

DHL Standard

und Express

Isernhagen/Köln-Porz nur Abholung

1 im Ruhrgebiet, in Köln, Berlin und München bietet DHL eine Abendzustellung an, bei der sich Zeitfenster zwischen 18 und 20 Uhr sowie

20 und 22 Uhr festlegen lassen; 2 über paket.de lässt sich der Wunschtag bei DHL-Paketen festlegen; 3 testweise in einigen Märkten

»

das Konfektionieren eines durchschnittlichen

Wocheneinkaufs mit 50 bis 80 Artikeln.

„Gewinn machen wir bislang noch

nicht“, sagt Dirk Engelbertz, E-Commerce-

Manager bei Rewe. „Aber wir sparen uns

hohe Fixkosten für ein Online-Lager und

können durch unsere hohe Ladendichte

schnell expandieren. Natürlich geht das

nur bis zu einer bestimmten Größe.“ Majteti

prüft die Orangen auf weiche Stellen, die

Bananen wendet er einmal: „Ich packe nur

ein, was ich auch selbst kaufen würde.“

Für den Erfolg des elektronischen Lebensmittelhandels

wird dieser Maßstab

entscheidend sein. 55 Prozent der befragten

Verbraucher haben vor allem Zweifel

an Frische und Qualität der gelieferten

Produkte, haben die A.T.-Kearney-Berater

in einer Studie herausgefunden. Teilweise

zu Recht, wie Testkäufe der Verbraucherzentrale

NRW zusammen mit dem WDR

im Frühjahr ergaben. Der Online-Shop

lebensmittel.de etwa fiel dabei durch: Die

Eier waren zerquetscht, das Schweinefleisch

angefroren, die Bananen braun, die

Lieferung kam insgesamt zu spät. Der

Online-Supermarkt hat Abhilfe versprochen,

will die Verpackung verbessern und

Bestellspitzen besser abfedern.

Ebenso wichtig für die Akzeptanz ist die

pünktliche Belieferung. Rewe beschäftigt

dafür eigene Leute wie Florian Kukalla, der

mit einem von drei kleinen Lkws Waren

ausfährt.

62 Kilometer lang ist Kukallas Liefertour

heute. Erster Kunde ist ein Unternehmensberater

in der Düsseldorfer Altstadt. Kukalla

nimmt die Einkaufstüten aus den Transportkisten.

„Rewe hier“, sagt Kukalla, nachdem

er den Klingelknopf gedrückt hat. Der

Besteller hat seine Wohnung im vierten

Stock: Vier Wasserkisten, eine Bierkiste

und mehrere Pizzakartons schleppt Kukalla

bis vor die Wohnungstür. Der Berater

zahlt per Kreditkarte oder Paypal. Drei bis

sieben Euro kostet der Lieferservice, je

nachdem, wann die Ware zugestellt werden

soll. Ab drei Getränkekisten kommen

noch einmal 75 Cent dazu.

Kukalla hat Glück: Alle Kunden sind

heute zum vereinbarten Termin zu Hause.

ILLUSTRATION: KRISTINA DÜLLMANN; GETTY IMAGES

52 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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„Wenn ein Kunde nicht zu Hause ist, versuche

ich ihn telefonisch zu erreichen. Fünf

Minuten kann ich schon mal warten, oder

ich versuche es am Ende der Tour noch

mal“, sagt Kukalla. Wenn der Fahrer seine

Tüten nicht los wird, nimmt er sie wieder

mit in den Rewe-Markt und storniert die

Bestellung kostenlos.

Heute ist Kukalla auf seiner Tour gut ausgelastet.

Wie viele Kunden schon bei Rewe

online bestellen, verrät das Unternehmen

nicht. Auch Bringmeister (Tengelmann),

Mytime (Bünting) oder Edeka mögen dazu

nichts angeben. „Bei einem Durchschnittseinkauf

von 50 Euro kosten Logistik und

Lieferung rund 15 Euro“, sagt McKinsey

Experte Netzer. Für Händler ist das deutlich

mehr, als wenn ein Kunde in der Filiale

einkauft.

NICHTS FÜR SCHNÄPPCHENJÄGER

Viele Shops berechnen die Lieferkosten

daher extra. Teilweise sind auch die Produkte

teurer als im Supermarkt vor Ort:

Ein Liter Milch von Bärenmarke kostet so

bei food.de 1,02 Euro, bei Emmas Enkel

1,20 Euro. Bei Rewe kostet der Liter 99 Cent

– genauso viel wie im Markt vor Ort.

Online-Shopping ist nichts für Schnäpp-

chenjäger: Wer seinen Wochenendeinkauf

normalerweise splittet und bei Kaufland,

Rewe und Aldi für 52 Lebensmittel insgesamt

rund 63 Euro zahlt, muss für die gleiche

Auswahl bei food.de, der primär teurere

Marken führt, 120 Euro rechnen – im

Schnitt also fast doppelt so viel wie im

Supermarkt und Discounter um die Ecke,

ergaben die Testkäufe der Wirtschafts-

Woche-Redaktion.

Während Startups vorpreschen und

Handelsketten wie Rewe sich vorsichtig an

den Online-Handel herantasten, bleiben

andere skeptisch. Das Geschäft sei zu „kostenintensiv“,

weil die Kühlkette einen hohen

logistischen Aufwand erfordere, heißt

es etwa beim Discounter Lidl. Daher sei

„ein Online-Warengeschäft nicht Ziel unserer

Überlegungen“.

Auch Olaf Koch, Chef des Düsseldorfer

Handelskonzerns Metro, winkt ab. Lebensmittellieferungen

an Restaurants und Caterer

gehören zwar seit Jahren zum Kerngeschäft

der Metro-Großhandelssparte Cash

& Carry. Doch für die SB-Warenhaustochter

Real sei ein Einstieg nicht geplant.

„Bei der Belieferung von Endkunden

stellen sich ganz andere Fragen als bei einem

Service für Großabnehmer: Wie finanzieren

Sie die letzten Meter der Belieferung,

was machen Sie, wenn der Kunde

nicht zu Hause ist? Wie gehen Sie mit

der hohen Verderbquote um?“, fragt

Koch. „Sie müssen Ausfälle einkalkulieren,

und wenn Sie das auf den Lieferpreis umlegen,

wird es teuer.“ Das könne in Nischen

funktionieren, aber nicht im großen Stil.

Dafür sei der deutsche Lebensmittelhandel

„einfach zu preissensitiv“,

sagt Koch.

Real bietet lediglich an zwei

Standorten die Möglichkeit,

die online bestellten Einkäufe

abzuholen. Amazon bietet

zwar seit einigen Jahren Lebensmittel

in Deutschland an,

allerdings kaum frische Produkte.

Unternehmen, die sich an das

schwierige Geschäftsmodell wagen, arbeiten

aber bereits daran, den Aufwand zu

senken. „Die Kosten könnten bald bei rund

zehn Euro liegen, rund sieben Euro für die

Zusammenstellung und drei Euro für die

Zustellung“, glaubt Berater Netzer. Bei entsprechender

Effizienz könnten die Logistikkosten

nur noch 10 bis 15 Prozent über

denen beim Laden-Einkauf liegen. Die Zusatzkosten

kann der Händler verrechnen,

weil online tendenziell höhere Warenkörbe

erzielt werden, oder der Kunde zahlt höhere

Versandkosten, spart aber gleichzeitig

Zeit und Sprit.

Somit wird die Schlacht um den Kunden

im Online-Lebensmittelhandel am Ende

über die wirtschaftlichste Logistik gewonnen.

McKinsey-Experte Netzer ist beim

Liefersystem über Filialen skeptisch. Dort

müssten die Waren erst ein- und anschließend

wieder ausgeräumt werden, dadurch

entstünden doppelte Logistikkosten. Besser

sei ein eigener Standort für Online-Wa-

REWE

Lieferung aus Filialen

food.de

Lieferung aus deutschlandweiten

Lagern

Allyouneed

Postversand aus Zentrallager

Emmas Enkel

Lieferung aus den Läden

ren, wie ihn die Post mit Allyouneed oder

Real mit Lagern in Isernhagen und Köln-

Porz betreibt. „Der Handel muss bereit

sein, in Zentrallager zu investieren“, fordert

Netzer. „Wenn man erste Gehversuche von

den Filialen aus macht, ist das aber durchaus

sinnvoll.“

Der Leipziger Karsten

Schaal verfolgt ein anderes

Geschäftsmodell.

Der 37-jährige Grafikdesigner

gründete

38%

der Konsumenten gaben

die Lieferung an die

Haustür als Hauptmotiv

an, warum sie Lebensmittel

online kaufen

food.de 2011 zusammen mit Christian Fickert.

Ein eigenes Lager haben die beiden

nicht, sie beziehen die bestellten Äpfel, Birnen

und Taschentücher aus Lagern, die

über ganz Deutschland verteilt sind und

die ein Händler betreibt, der ansonsten Lebensmittelketten

beliefert.

Mit eigenen Lieferwagen liefert food.de

in 29 Städten etwa in Frankfurt, München

oder Düsseldorf zum Festpreis von fünf

Euro pro Bestellung. „Die Kosten für die

Lieferung sind damit noch nicht gedeckt“,

räumt Schaal ein. „Aber je stärker wir

Vorteile

schnelle Expansionsmöglichkeiten,

keine

zusätzlichen Lagerkosten

geringe Lagerkosten

Nutzung der bestehenden

Postlogistik

Bekanntheit wird durch

Laden gesteigert, verschiedene

Verkaufskanäle

Nachteile

höhere Logistikkosten

durch Ein- und Ausräumen

in der Filiale

hohe Kosten für

den Transport

hoher Verpackungsaufwand

hohe Kosten für

Transport und

zentrale Lager

»

WirtschaftsWoche 28.10.2013 Nr. 44 53

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Unternehmen&Märkte

»

wachsen und je kürzer dann die Fahrten

zwischen den einzelnen Kunden werden,

desto schneller werden wir profitabel.“ Der

Gründer will dann eine Marge im niedrigen

einstelligen Bereich erzielen – ähnlich

wie im stationären Handel.

AB AUFS LAND?

In diesem Jahr setzt das Lebensmittel-

Startup rund eine Million Euro um. Um

die Lieferwege möglichst kurz zu halten,

beliefert food.de nur Kunden in Ballungsräumen,

genauso wie Rewe oder Emmas

Enkel. „Wir könnten auch ländliche Regionen

beliefern, aber dann mit einem besonderen

Modell“, sagt Schaal. Ob das in der

Praxis funktioniert, ist allerdings fraglich:

„In Seddin, einem kleinen Ort in der Nähe

von Berlin, gibt es keinen Supermarkt

mehr. Es wäre denkbar, dass alle Einwohner

bestellen, und wir an einem vorab vereinbarten

Tag vorbeikommen und die Waren

liefern.“

Ein ähnliches Modell verfolgt Emmas

Enkel, gegründet 2011 von Sebastian Diehl

und Benjamin Brüser. Im Laden in der

Düsseldorfer Innenstadt zwischen Königsallee

und Hauptbahnhof erinnern Krämerwaagen

und Plüschsessel an Tante-Emma-

27000

verschiedene Produkte

sind bei Büntings Online-

Shop Mytime

erhältlich

Zeiten. Die Kunden können

ihre Lebensmittel im

Laden oder online bestellen.

Per Shopping-App lassen

sich Tomaten und Gurken,

die zur Neige gehen, mithilfe

eines QR-Codes mit dem Handy scannen

und mobil bestellen. Nachbestellungen

durch eine automatische Bilderkennung

befinden sich gerade in der Testphase.

Der Laden hat zusammen mit

dem Lager nur 300 Quadratmeter Fläche,

also gerade mal einen Bruchteil der Größe

eines Discounters. In einem angeschlossenen

Lager hält Diehl 4500 verschiedene

Produkte vor.

Emmas Enkel haben einen digitalen Supermarkt

zusammen mit dem Telekomanbieter

Vodafone entwickelt. Vor der Vodafone-Deutschland-Zentrale

in Düsseldorf

können die Mitarbeiter auf neun großen

Bildschirmen die Birnen, Tomaten und

Müslipackungen 2.0 einscannen,

in den virtuellen

Warenkorblegenund ins Büro

oder nach Hause liefern lassen.

Im Oktober 2011 lag der Umsatzanteil

des Online-Geschäfts

bei Emmas Enkel bei fünf Prozent,

heute sind es 70 Prozent.

An den beiden Standorten Düsseldorf

und Essen stellen Mitarbeiter

die Waren zusammen. In

Essen und Düsseldorf liefern

Emmas Enkel mit eigenen Lieferwagen, im

restlichen Ruhrgebiet am gleichen Abend

über DHL. Einen Teil des Sortiments verschickt

das Startup auch deutschlandweit.

Noch sind regelmäßige Kunden im

Online-Lebensmittelhandel selten. T-Shirt-

Drucker Fuchs etwa hat vor drei Monaten,

aus reiner Neugier, zum ersten Mal online

bestellt: „Das ist bequem, und ich kann

mein Leergut direkt wieder loswerden.“ n

nele.hansen@wiwo.de, henryk hielscher

GROSSBRITANNIEN

Dunkle Läden

Bis 2018 soll sich der Online-Umsatz

mit Lebensmitteln verdoppeln.

In Japan ist Online-Shopping weniger verbreitet.

Hier hat diese Einkaufsvariante

kaum eine Chance, weil die Kunden täglich

frische Produkte bevorzugen. Auch in

den USA fristen die Lebensmittel-Online-

Händler eher ein Nischendasein. Großbritannien

gilt dagegen als Online-Pioniermarkt:

Für viele Briten gehört das längst

zum Alltag, der Einkauf von Nahrungsmitteln

im Netz ist dort schon seit über zehn

Jahren gut etabliert. „Solange es bequem

ist und die Qualität stimmt, kümmert es

uns nicht, woher die Lebensmittel kommen,

die meisten Briten kaufen ohnehin

bei den großen Supermarktketten und

kaum bei Tante-Emma-Läden ein“, sagte

Andrew Stevens, Senior Analyst bei der

privaten Forschungsgruppe Verdict. „Die

Kunden kaufen gern online ein, sie vertrauen

den Zahlungssystemen und den

Einzelhandelskonzernen.“

Treiber beim Lebensmittel-Shopping im

Netz sind, wie sollte es anders sein, internetaffine

Käufer im Alter zwischen 25 und

34 Jahren. Von 2008 bis 2013 legten die

Umsätze dort laut Stevens um 117 Prozent

zu, im Schnitt um rund 16 Prozent im Jahr.

SCHNELLES WACHSTUM

Das rasante Tempo dürfte sich noch eine

Weile fortsetzen: „Wir glauben, dass sich

der Markt von derzeit umgerechnet 7,7

Milliarden Euro bis 2018 auf 17,1 Milliarden

Euro mehr als verdoppeln wird“, sagt

Joanne Denney-Finch, Chefin des Lebensmittel-Einzelhandelsverbandes

IGD. „Die

Technologie hat den Lebensmitteleinkauf

fundamental verändert, die Kunden suchen

im Netz die günstigsten Angebote, lesen

dort Rezepte und schauen Filme über

die Zubereitung an.“ 19 Prozent aller Käufer

nutzen zudem Preisvergleichsportale.

Die Supermärkte selbst haben in Kühllieferwagen

investiert, sodass die Waren

am Tag nach der Bestellung frisch beim

Kunden ankommen. Bis 23 Uhr wird geliefert,

innerhalb eines Zeitfensters von einer

Stunde. Dafür muss der Kunde maximal

sechs Euro bezahlen. „Click und Collect“

–der Kunde holt die Waren hier selbst ab

– ist noch in der Testphase.

Meist werden die Bestellungen der

Online-Kunden in den Filialen zusammengestellt.

Die Supermarktbetreiber Tesco

und Asda unterhalten aber inzwischen

auch „Dark Stores“ (Dunkle Läden) genannte

Warenlager für Online-Käufe.

Bei Kosten von bis zu 17 Euro verdienen

die Supermärkte zwar kein Geld mit dem

Online-Verkauf. Aufgrund des harten Wettbewerbs

bleibt ihnen aber keine Wahl.

WENIGER GROSSEINKÄUFE

Marktführer ist Tesco: 60,2 Prozent aller

Kunden, die im Netz Lebensmittel einkaufen,

beziehen diese über Tesco.com,

wo das gesamte Sortiment zum gleichen

Preis angeboten wird wie in den Märkten.

Derzeit werden erst 5,5 Prozent aller Lebensmittelkäufe

übers Internet getätigt,

in den nächsten zehn Jahren könnte

dieser Anteil laut Stevens auf elf Prozent

steigen. Damit sei das Wachstum dann

aber ausgereizt: „Die Briten wissen, dass

zu viele Lebensmittel im Müll landen. Der

Trend zum Großeinkauf nimmt ab.“ n

yvonne.esterhazy@wiwo.de

FOTO: GETTY IMAGES

54 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

»Größe zählt«

DEUTSCHE TELEKOM | Der künftige Vorstandschef Timotheus

Höttges kämpft für ein neues Wettbewerbsmodell ohne

Regulierung, das starke europaweite Spieler hervorbringen soll.

Timotheus Höttges kennt alle Spielarten

einer modernen Lobbyarbeit:

Meist ist es eleganter, mit dem Florett

gezielte Stiche zu setzen, um sich bei Politikern

gleich welcher Partei Gehör zu verschaffen.

Doch dieses Mal wischt der künftige

Telekom-Chef diese Grundregel beiseite.

Wer als kleiner Europäer von einer

Armada kraftstrotzender Web-Giganten

aus den USA in die Enge getrieben wird,

greift in seiner Not schon mal zum schweren

Säbel.

Der Notruf ist ein dreiseitiges Positionspapier,

das der WirtschaftsWoche vorliegt

und das Höttges in diesen Tagen an

Kanzlerin Angela Merkel und andere wichtige

Entscheidungsträger in Berlin und

Brüssel verschickt hat. Unter der Überschrift

„Strategie zur Stärkung der europäischen

Telekommunikationsindustrie“

entstand eine Wunschliste mit Reformvorschlägen,

die erforderlich sind, damit die

Deutsche Telekom und andere europäische

Marktführer in die Weltspitze zurückkehren

können.

Höttges fordert nicht nur einen völligen

Verzicht auf Regulierungsmaßnahmen,

sondern auch eine aktive Industriepolitik

und weniger strenge Fusionskontrollen,

damit die Deutsche Telekom genauso groß

und wertvoll werden kann wie die Giganten

in den USA. Nur durch „mutige Deregulierungsschritte

sei der Rückstand aufzuholen.

Intensiv hat der Finanzvorstand, der spätestens

am 1. Januar René Obermann ablöst,

die Kräfteverschiebungen im Internet

analysiert. Die mit vielen Vergleichszahlen

gespickte Bestandsaufnahme zeichnet ein

dramatisches Bild: Die Profiteure der rasant

wachsenden Geschäfte rund ums Internet

Notruf aus Bonn Der künftige Telekom-

Chef Höttges fordert staatliche Hilfe

haben fast ausnahmslos ihren Firmensitz

in den USA oder in Asien. Die Verlierer

kommen dagegen aus Europa. „Die einst so

bedeutende Stellung der Europäer auf dem

Weltmarkt ist verloren gegangen“, warnt die

Telekom in ihrem Positionspapier. „Die Telekommunikation

als kritische und systemrelevante

Netzindustrie ist im Vergleich mit

den USA und Asien nur noch eingeschränkt

konkurrenzfähig.“

DROHENDER AUSVERKAUF

Höttges’ Botschaft ist unmissverständlich:

In zentralen Bereichen des Internets –

Hardware, Software und Services – haben

Unternehmen aus den USA (Apple, Google,

Microsoft, Amazon) und Asien (Samsung)

mit stetig steigenden Marktanteilen

die Kontrolle übernommen. Europa hat

den Anschluss verloren. Jetzt gehe es darum,

die verbliebenen Bastionen der Europäer

beim Bauen (Ericsson, Alcatel-

Lucent, Nokia Solutions Networks) und

Betreiben der Netze (Vodafone, Deutsche

Telekom, Telefónica, Orange) zu verteidigen.

Ansonsten droht auch dort der Ausverkauf.

Denn auch die Netzbetreiber schlittern

auf eine gefährliche Schieflage zu.

Die EU-Kommission hat inzwischen erkannt,

dass es akuten Handlungsbedarf

gibt. Doch die bisherigen Reformvorschläge

reichen dem Telekom-Chef nicht

aus, um den Rückstand aufzuholen. „Die

neuen Regulierungsvorschläge aus Brüssel

könnten mehr Ehrgeiz vertragen“, kritisiert

Höttges.

Am 24. Oktober trafen sich die EU-

Staats- und Regierungschefs in Brüssel, um

über Vorschläge der EU-Kommission für

einen einheitlichen europäischen Telekommarkt

und den Abbau von Investitionshürden

beim Bau von superschnellen

Glasfaser- und Mobilfunknetzen zu entscheiden.

Doch allein schon der Vorschlag

der EU-Kommission, bis 2016 auf alle Roaming-Aufschläge

bei Mobiltelefonaten im

Ausland zu verzichten, werde in den Bilanzen

eine Milliardenlücke hinterlassen und

die Investitionsbereitschaft weiter dämpfen,

heißt es bei der Telekom.

Europas Telekomriesen stehen auf einem

wackligen Fundament. Heftige Preiskämpfe

mit vielen Hundert Konkurrenten,

aber auch die von den Regulierungsbehörden

verordneten Tarifsenkungen lassen die

Einnahmen seit Jahren zurückgehen. Die

Finanzkraft der zum Teil hoch verschuldeten

Ex-Monopolisten reicht daher

nicht aus, um die dringend benötigten,

aber riskanten Milliardeninvestitionen

»

FOTO: FRANK DARCHINGER

56 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Schlusslicht Europa

Anteil am operativen Gewinn der weltweiten

Internet-Wirtschaft (inProzent)

Pro-Kopf-Umsatzvon Mobilfunkkunden

in den USAund Europa (inEuro)

Investitionen pro Kopf in Telekommunikationsnetze

(inEuro)

Europa

USA +5 %

40 210

–13%

190

36

41

170

36

32

32

150

28

130

19

110

24

90

20

70

2002 2012 2002 2012 2007 2008 2009 2010 2011 2012 2003 2005 2007 2009 2011 2013

Quelle:DeutscheTelekom, BernsteinResearch, OECD

»

in superschnelle Glasfaser- und Mobilfunknetze

zu stemmen. Gebraucht werden

europaweit 270 Milliarden Euro, doch die

können die Konzerne nicht mal gemeinsam

aufbringen. Der Investitionsstau ist

mittlerweile so groß, dass führende Industrienationen

wie Deutschland, Frankreich,

Spanien und Italien beim Ausbau von

Glasfasernetzen zu den Schlusslichtern

gehören.

AUF BRAUTSCHAU GEHEN

Ganz anders ist die Lage jenseits des

Atlantiks. Dort prosperiert die Branche, die

Riesen können aus dem Vollen schöpfen.

Umsätze, operative Gewinne und Börsenwert

steigen seit Jahren. Denn das US-

Wettbewerbsmodell setzt auf wenige starke

Konzerne und mutet den Verbrauchern

deutlich höhere Preise zu. Nur vier landesweite

Netzbetreiber, darunter die Marktführer

AT&T und Verizon, teilen sich das

Mobilfunk- und Festnetzgeschäft. Die Folge:

Das Budget für Infrastrukturinvestitionen

steigt kontinuierlich und liegt mit

knapp 180 Euro pro Kopf inzwischen um

40 Prozent höher als in Europa (siehe

Grafik). Die Kriegskassen sind so prall

gefüllt, dass AT&T jetzt in Europa auf

Brautschau geht und sich nach geeigneten

Kandidaten umschaut.

Und die Schere droht noch weiter auseinanderzuklaffen:

Die EU-Kommission

prognostiziert für den Zeitraum 2008 bis

2016 einen Umsatzrückgang in Europa von

zehn Prozent, während für Nordamerika

und Asien mit einem Anstieg von 35 beziehungsweise

40 Prozent zu rechnen ist.

Der Negativtrend ließe sich laut Telekom

stoppen, wenn sich Europa stärker am US-

Modell orientiert. Die Maxime dürfe nicht

länger eine verbraucherfreundliche Regulierung

mit möglichst vielen Wettbewerbern

und ständig sinkenden Preisen sein.

„Größe zählt“, sagt Höttges. „Regulierung

und Wettbewerb sollten so umgestaltet

werden, dass der Weg für eine innereuropäische

Konsolidierung und Kooperationen

geebnet wird. Nur so erreichen wir die

notwendige Größe, um im Wettbewerb mit

US-amerikanischen und asiatischen Konkurrenten

bestehen zu können.“

Notwendig sei eine neue Industriepolitik,

die die europäische Telekombranche

nicht gängelt, sondern unterstützt und fördert.

„Um den Rückstand gegenüber den

US-Telekommunikations- und -Internet-

Giganten aufzuholen, brauchen wir eine

europäische Standortstrategie und neue,

mutigere Deregulierungsschritte“, fordert

Höttges gegenüber der WirtschaftsWoche.

„Das würde Milliarden an Mitteln zum

Aufbau der Netze freisetzen.“

Der Telekom schwebt ein neues Wettbewerbsmodell

mit drei Säulen vor:

1. Vollständiger Verzicht auf Regulierung

In den Regionen in Europa, wo es mehrere

Infrastrukturen etwa durch Kabel-TV-Anbieter

oder Betreiber superschneller Mobilfunknetze

gibt, sollten Ex-Monopolisten wie

die Telekom von allen Auflagen befreit werden.

Die Preise für Internet und Telefonie

könnten dann wieder steigen und die Milliardeninvestitionen

in neue Glasfaser- und

Mobilfunknetze sich schneller rechnen.

2. Größenvorteile schaffen

Um ein Gegengewicht zu den US-Web-Giganten

bilden zu können, müssen Fusionen

erleichtert und strategische Allianzen

erlaubt werden. Gemeinsam von europäischen

Unternehmen angeschobene Projekte,

etwa wie jüngst bei einem netzübergreifenden

Standardisierungsvorhaben,

dürfen nicht wie kürzlich geschehen unter

Kartellverdacht geraten, sondern sollten

gefördert werden.

3. Harmonisierung der Wettbewerbsregeln

im gesamten Internet

Für Netzbetreiber und Web-Anbieter sollen

die gleichen Regeln gelten. Es darf

nicht sein, dass der Wechsel zu einem anderen

Netzbetreiber mit Vorgaben wie Rufnummernmitnahme

streng reglementiert

ist, es aber gleichzeitig etwa bei einem

Wechsel von Apple zu einem anderen Anbieter

fast unmöglich ist, die auf iTunes gespeicherten

Musikstücke auf ein Gerät eines

Herstellers mit einem anderen Betriebssystem

zu übertragen.

Setzt sich die Telekom mit ihren Vorschlägen

durch, brechen für kleinere Konkurrenten

harte Zeiten an. Die ursprünglich

gehegte Hoffnung, dass Anbieter ohne

eigenes Netz wie etwa United Internet mit

wachsender Kundenzahl in eigene Infrastrukturen

investieren, habe sich nicht erfüllt,

stichelt die Telekom in ihrem Papier –

und hebt hervor, dass es diese Form des

Wettbewerbs in den USA kaum noch gäbe.

Die Betroffenen haben sich im Verband

der Anbieter von Telekommunikationsund

Mehrwertdiensten organisiert. Sie

wollen am 13. November mit Ex-Bundespostminister

Christian Schwarz-Schilling

als Hauptredner den 15. Jahrestag des Falls

des Telekom-Monopols feiern. Für nostalgisches

Schwärmen über die damalige

Aufbruchstimmung bleibt wenig Zeit.

Schwenkt Europa tatsächlich auf das erfolgreichere

US-Wettbewerbsmodell um,

beginnt für sie der Kampf ums Überleben.

Die Erfahrung lehrt, dass dies nicht über

Nacht passiert. Europäische Mühlen mahlen

meist langsam. Und auch bei den Koalitionsverhandlungen

streiten CDU/CSU

und SPD lieber über Energiewende und

Mindestlohn statt über die Aufholjagd Europas

im Internet. Aber vielleicht wird aus

Höttges’ Notruf ja ein Weckruf.

n

juergen.berke@wiwo.de

58 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

DER STRIPPENZIEHER

Probst, 60, hat in Erlangen studiert. Seine

Karriere startete der promovierte Chemie-

Ingenieur 1980 in der Planungsabteilung

der Großkraftwerk Franken AG. 1989

wechselte er als Werksleiter zu Leoni, 1997

wurde er Vorstand. Seit Juli 2002 ist er

Vorstandsvorsitzender des Weltmarktführers

bei Kabeln für die Autoindustrie.

»Drei Kilometer

Kabel«

INTERVIEW | Klaus Probst Der Chef des Autozulieferers Leoni

will in China und durch mehr Elektronik im Auto wachsen.

Herr Probst, Leoni hat einen Großteil der

Fertigung für seine europäischen Kunden

aus Kostengründen nach Nordafrika

verlagert. Jetzt gibt es wegen der immer

wieder aufflammenden politischen Unruhen

in der Region Riesenprobleme. Ist Ihr

Globalisierungskurs damit gescheitert?

Nein, keineswegs. Die Probleme betreffen

nur einen relativ geringen Teil unseres Geschäfts.

Fast die Hälfte der Bordnetz-Produktion

für europäische Kunden kommt

nach wie vor aus Osteuropa. Wir haben

dort Fabriken in Polen, Rumänien, Russland,

Serbien, der Slowakei und der Ukraine.

In Nordafrika produzieren wir in drei

Ländern: In Tunesien, wo wir mit rund

12 000 Beschäftigten in drei Werken der

größte private Arbeitgeber sind, ist die Lage

ruhig, in Marokko gab es nie Störungen.

Aber in Ägypten standen die Bänder still.

Ägypten ist eine schwierige Region, da

hatten wir im Sommer größere Probleme.

Wir mussten zeitweise wegen des nächtlichen

Ausgangsverbots den Schichtbetrieb

umstellen. Und wir waren für einige Wochen

gezwungen, teilweise auf Luftfrachttransporte

auszuweichen, weil die Zollbeamten

im Hafen von Alexandria gestreikt

haben. Das alles hat zusätzliche Kosten

verursacht, aber wir konnten die Lieferkette

zu unseren Automobilkunden zu 100

Prozent aufrechterhalten. Zurzeit läuft die

Produktion in Ägypten wieder normal, und

wir erwarten, dass sich die Lage stabilisiert.

Wäre es nicht besser, sich aus Ägypten

zurückzuziehen?

Bordnetze und Kabelbäume werden weit

überwiegend in Handarbeit gefertigt. In

Nordafrika liegt der Stundenlohn bei rund

zwei Euro, was die Region sehr attraktiv

macht. In Deutschland haben wir Stundenlöhne

von 35 Euro, eine Fertigung hier wäre

viel zu teuer. Selbst ehemalige osteuropäische

Billiglohnländer wie Polen sind wegen

gestiegener Löhne kaum noch wettbewerbsfähig

für unser Geschäft. Die Produktion in

Nordafrika ist für uns ohne Alternative, ein

Rückzug aktuell kein Thema.

Und Ihre Kunden sind bereit, das damit

verbundene Risiko zu tragen?

Ja, keiner unserer Kunden hat verlangt,

dass wir uns aus Ägypten zurückziehen.

Die Entscheidung über Standorte fällt in

enger Abstimmung mit den Kunden, denn

es besteht eine sehr hohe Abhängigkeit von

unserer zuverlässigen Lieferfähigkeit.

Warum ist das so?

Vielfach verteilen Autohersteller ihr Auftragsvolumen

für bestimmte Teile auf mindestens

zwei Zulieferer. Bei Bordnetzen

wird dagegen häufig die Strategie des

Single-Sourcings umgesetzt, das heißt, entweder

das gesamte System oder auch Teile

davon werden nur an einen Zulieferer

vergeben. Bordnetze gehören mit zu den

teuersten Zukaufteilen eines Automobilherstellers.

Bei einem Mittelklasseauto sind

wir mit 200 bis 300 Euro an der Wertschöpfung

beteiligt, bei einem Sportwagen sogar

mit 500 bis 600 Euro. Um die hohen Vorlaufkosten

auf mehrere Jahre verteilen zu

können, schließen wir meistens Verträge

mit den Autoherstellern, die für die gesamte

Laufzeit einer neuen Modellreihe gelten.

In der Premiumklasse dauert die Entwicklung

eines neuen Bordnetzes zwei bis drei

Jahre, die Kosten summieren sich auf einen

hohen einstelligen Millionenbetrag.

Warum ist es so teuer, ein paar elektrische

Leitungen zurechtzuschneiden?

Autos haben heute sehr viel Elektronik und

Elektrik an Bord, entsprechend komplex

FOTO: PR

60 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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sind die Kabelverbindungen, die den elektrischen

Strom zu den verbrauchenden Teilen

bringen oder Signale weiterleiten. Ein

VW-Käfer der ersten Baujahre hatte die

Beleuchtung vorne und hinten, ein Bremslicht,

Blinker und Hupe, insgesamt vermutlich

kaum mehr als 100 Meter Kabel. Heute

haben Autos Fensterheber und Navigationsgerät,

Lautsprecher vorne, hinten und

in den Türen, Kurvenlicht und Abstandskontrollsysteme,

Sensoren, die Scheibenwischer

und Beleuchtung steuern, die

Bremskraft dosieren oder Airbags auslösen.

Ein gut ausgestattetes Mittelklasseauto hat

drei Kilometer Kabel und rund 1500 Steckverbindungen

unter dem Blechkleid.

Aber wenn die Architektur steht, können

Sie Millionen an Bordnetzen verkaufen.

Nur wenn die Fahrzeuge einer Baureihe

immer die gleiche Ausstattung hätten. Das

ist längst nicht immer so. Vor allem deutsche

Hersteller haben ellenlange Ausstattungslisten,

kaum ein Bordnetz ist wie das

andere. Das bringt eine hohe Komplexität

in unser Geschäft: Bei Fahrzeugen der Premiumklasse

kommt man leicht auf mehr

als 20 Millionen Varianten. Ebenfalls eine

Herausforderung sind die kurzen Lieferfristen

von normalerweise zehn, manchmal

auch nur vier Tagen nach Bestellung.

Wie sehen Sie das Thema Elektroauto?

Das ist eine wichtige, zukunftsfähige Entwicklung,

auch wenn rein elektrisch angetriebene

Fahrzeuge wohl auf absehbare

Zeit ein Nischenprodukt bleiben. Optimistischer

bin ich bei Hybridfahrzeugen. Die

neuen Modelle werden den europäischen

Markt zügig erobern. Weil Hybride einen

konventionellen und einen elektrischen

Antrieb haben und zwei Bordnetze benötigen,

bringt uns das auf lange Sicht ein Umsatzplus

von 15 bis 20 Prozent pro Auto.

Leoni ist bei Bordnetzen Marktführer in

Europa, 70 Prozent aller Autohersteller

zählen zu Ihren Kunden. Damit haben Sie

eine starke Verhandlungsposition.

Die Marktstellung ist gut, trotzdem ist der

Kostendruck seitens der Autobauer hoch.

Im Schnitt erwarten die Kunden Preisabschläge

von etwa zwei Prozent pro Jahr.

Also müssen Sie weiter automatisieren?

Aktuell ist nur ein sehr kleiner Teil des

Wertschöpfungsprozesses automatisiert,

nämlich das Zuschneiden der Kabel und

das Anbringen der Steckkontakte. Bei den

anderen Verarbeitungsschritten bestehen

relativ hohe Hürden, da einerseits mit den

Kabeln sogenannte biegeschlaffe Bauteile

behandelt werden müssen. Andererseits

erschwert die hohe Variantenvielfalt eine

automatisierte Fertigung. Wir gehen davon

aus, dass in den kommenden fünf bis zehn

Jahren insgesamt 20 Prozent der Wertschöpfung

automatisierbar werden.

Und wo sollen die notwendigen Produktivitätsfortschritte

denn herkommen?

Vor allem durch kürzere Montagezeiten

und Gewichtsreduzierung. Heute dauert

die Montage 15 bis 18 Minuten pro Kabelbaum,

da lässt sich durch effizientere Prozessgestaltung

noch einiges herausholen.

Und Gewicht sparen können wir durch

neue Kupferlegierungen und Aluminium.

Da sehe ich Leoni im Vorteil, weil wir mit

unserer Kabeldivision der weltgrößte Lieferant

einadriger Fahrzeugleitungen sind.

Bei der hohen Abhängigkeit vom Auto

macht Ihnen die Krise der Hersteller in

Südeuropa sicher Kopfzerbrechen?

Ja und nein. Drei Viertel unseres Geschäfts

machen wir mit der Autoindustrie, da ist es

unvermeidbar, dass die Probleme der südeuropäischen

Volumenhersteller auf uns

durchschlagen. Die stehen aber nur für

rund ein Drittel unserer Automotive-Umsätze.

Der Rest verteilt sich zu je einem

Drittel auf Kunden aus Mittelklasse und

Premium. Vor allem das Exportgeschäft

läuft sehr gut, und das sorgt für Ausgleich.

Von den Besten

lernen

Wo können Unternehmen trotz Euro-

Krise noch wachsen? Wie sind Marktveränderungen

zu bewältigen? Warum

ist der Standort Deutschland ein Erfolgsfaktor?

Antworten auf Fragen wie diese

gibt das Gipfeltreffen der Weltmarktführer

vom 28. bis 30. Januar 2014

in Schwäbisch Hall, das die Wirtschafts-

Woche mitveranstaltet. Als Referenten

erwartet werden Bundesfinanzminister

Wolfgang Schäuble, Thomas Enders

(EADS), Klaus Fischer (Unternehmensgruppe

Fischer), Rolf Hollander (Cewe

Color), Bertram Kandziora (Stihl), Arndt

Kirchhoff (Kirchhoff Gruppe), Wolfgang

Kirsch (DZ Bank), Matthias Metz (Schwäbisch

Hall), Jens Rottmair (Kässbohrer),

Herbert Schein (Varta Microbattery),

Hans-Joachim Watzke (Borussia Dortmund).

Informationen und Anmeldung

unter www.weltmarktfuehrer-gipfel.de

GIPFELTREFFEN DER

WELTMARKTFÜHRER

Wie läuft Ihr Industriegeschäft?

Nicht ganz so gut, die Kunden kommen

überwiegend aus Europa, da schlagen die

Probleme der Südeuropäer durch.

2013 wird also ein eher schwaches Jahr?

Was die Geschäftsentwicklung insgesamt

angeht, sind wir ganz zufrieden. Wir erwarten,

dass unser Vorjahresumsatz von 3,8

Milliarden Euro stabil bleibt. Beim Ergebnis

vor Zinsen und Steuern können wir die

236 Millionen Euro von 2012 nicht halten,

wir rechnen mit rund 170 Millionen Euro.

Das wird Ihre Aktionäre nicht erfreuen.

2013 wird das Ergebnis stark durch Vorlaufkosten

für viele neue Projekte belastet.

Normalerweise haben wir acht bis zehn

Anläufe pro Jahr, in diesem Jahr sind es 16.

Das kostet erst einmal Geld, verdienen

werden wir daran dann in den Folgejahren.

Welche Ziele haben Sie sich gesetzt?

Wir wollen kräftig wachsen und 2016 einen

Umsatz von fünf Milliarden Euro erreichen,

die Umsatzrendite soll von derzeit

rund 4,5 auf 7,0 Prozent steigen.

Wo soll das Wachstum herkommen, wenn

das Industriegeschäft schwächelt?

Wenn die Konjunktur in Europa wieder anzieht,

wird sich auch das Industriegeschäft

erholen. Wir sind Weltmarktführer bei Kabelsystemen

von Industrierobotern und

europäischer Marktführer bei Kommunikation

und Infrastruktur, etwa der Verkabelung

von Flughäfen oder Bahnhöfen. Auch

im Medizintechnikgeschäft, etwa bei Kabelbäumen

für Zahnarztstühle, oder bei

Hausgeräten sind wir gut positioniert.

Die europäischen Auto-Volumenhersteller

dürften sich aber nicht so schnell erholen.

In der Autoindustrie werden in den nächsten

Jahren die Wachstumsimpulse vor

allem aus den gut laufenden Märkten in

China und den USA kommen. China wird

für uns immer wichtiger. Wir sind dort mit

zehn Werken vertreten, aber noch stammen

95 Prozent des Bordnetzgeschäfts aus

Joint Ventures europäischer und amerikanischer

Autobauer vor Ort. Chinesische

Produzenten spielen für uns aktuell kaum

eine Rolle. Das dürfte sich bald ändern.

Chinas Automarkt wird in fünf Jahren so

groß sein wie der in Europa und den USA

zusammen.

Einfacher wäre es, den Umsatz durch

Zukäufe zu erhöhen.

Das haben wir in der Vergangenheit bei

passender Gelegenheit gemacht. Durchaus

möglich, dass wir 2014 wieder aktiv

werden. Das nötige Geld dafür wäre jedenfalls

kein Problem.

n

hans-juergen.klesse@wiwo.de

WirtschaftsWoche 28.10.2013 Nr. 44 61

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Unternehmen&Märkte

Sortierer in Aufruhr

DEUTSCHE POST | Der Logistikkonzern hat Anteile eines

Unternehmens gekauft, das rüde gegen Wettbewerber vorgehen soll.

Mit dem Einstieg der Bonner begann eine

Serie fragwürdiger Methoden. Postcon

etwa war einer der Hauptkunden von

Compador. Mit deren Maschinen sortierte

die TNT-Tochter die bei Großkunden eingesammelten

Briefe. Die meisten Sendungen

wurden über Zusteller der Muttergesellschaft

TNT und regionale Kooperationspartner

ausgeliefert. Einen Teil speiste

Postcon in das Zustellnetz der Deutschen

Post ein. Der Briefkonzern gewährt für das

Vorsortieren der Briefe nach Postleitzahlen

gesetzlich festgelegte Rabatte. Das sogenannte

Konsolidierungsgeschäft ist für

TNT lukrativer als die Briefzustellung in

Eigenregie. 2012 erwirtschaftete Postcon

einen Gewinn von 14 Millionen Euro.

Das Treffen im Tulip Inn, einem Hotel

in der Düsseldorfer Fußballarena,

endete für Max Toller mit einer speziellen

Offerte. Der Mitarbeiter der Postcon,

einer Tochtergesellschaft der holländischen

Post TNT, sollte über seinen Arbeitgeber

Bericht erstatten, wenn es etwa

mit Kunden „Probleme oder andere

Schwierigkeiten geben“ würde, habe ihn

sein Gegenüber gebeten. Es lockte die Aussicht

auf Geld. Der angebliche Auftraggeber:

ein Manager des Berliner Unternehmens

Compador.

Toller heißt in Wahrheit anders. Doch

der Versuch der Einflussnahme ist in einem

Gesprächsprotokoll festgehalten, das

ein Vertrauensmann der Postcon mit dem

angesprochenen Kollegen im Anschluss an

das ominöse Treffen anfertigte. Compador

bestreitet die Vorwürfe. Das Papier, das der

WirtschaftsWoche vorliegt, bringt jedenfalls

auch die Deutsche Post in Erklärungsnot:

Der Logistikkonzern ist an Compador

beteiligt. Das Berliner Unternehmen hat in

jüngster Zeit mit zweifelhaften Methoden

auf sich aufmerksam gemacht. Post-Konkurrenten

schlagen nun Alarm. Die Deutsche

Post, so ihr Vorwurf, nutze Compador

als Trojanisches Pferd, um Wettbewerb im

Briefmarkt auszuhebeln.

Bescheid zugestellt Netzagentur prüft den

Verdacht auf Missbrauch in Briefzentren

Es wäre nicht das erste Mal, dass eine Beteiligung

der Deutschen Post in Verruf gerät.

Vor zwei Jahren beanstandete das

nordrhein-westfälische Oberverwaltungsgericht

das Vorgehen von First Mail. Die

100-prozentige Billigtochter der Post hatte

versucht, den Konkurrenten der Mutter

über Kampfpreise Kunden abzujagen. Die

Post hält im Briefgeschäft immer noch einen

Marktanteil von 90 Prozent, doch das

Sendungsaufkommen sinkt seit Jahren stetig.

Der im Juni 2010 gestartete E-Postbrief

hat die Planzahlen bislang nicht erreicht.

Nun sieht es so aus, als nutze die Post die

Beteiligung Compador als neue Speerspitze

gegen Wettbewerber. Im Dezember vergangenen

Jahres kaufte sich die Post in das

Unternehmen ein: mit 49 Prozent bei der

Sparte Compador Technologies GmbH, die

Maschinen für das Vorsortieren von Briefen

produziert und wartet. Zusätzlich hält

der Konzern 26 Prozent an der Schwestergesellschaft

Compador Dienstleistungs

GmbH, die Briefsendungen bei Großkunden

einsammelt und bei der Deutschen

Post oder privaten Briefdiensten zur Zustellung

abgibt.

ZWEIFEL AN GEWINNERZIELUNG

Doch dann kündigte Compador den Wartungsvertrag

mit Postcon. Zudem warb es

mehr als 30 Vertriebsmitarbeiter ab. Die finanziellen

Mittel dafür stammten zum Teil

aus dem Einstieg der Deutschen Post. Danach

folgte eine Angebotsoffensive, die an

First-Mail-Zeiten erinnert. Vor allem bei

Kunden aus dem Postcon-Portfolio wurde

Compador mit teils extrem niedrigen Preisen

vorstellig. Ein Kunde etwa, der pro Tag

rund 300 Briefe verschickt, bekam einen

Rabatt von 15 Prozent aufs Standardporto

von 58 Cent – üblich sind etwa zehn Prozent.

Vertriebsmitarbeiter der TNT-Tochter

zweifeln intern an der „Gewinnerzielungsabsicht“.

Compador-Chef Jens Gunter Greve

hält dagegen, er „kalkuliert kaufmännisch

fair und korrekt“.

Inzwischen hat sich auch die Bundesnetzagentur

eingemischt. Die Behörde eröffnete

im Juli „ein Verfahren der besonderen

Missbrauchsaufsicht“. Sie geht dem

Verdacht nach, dass die Post-Tochter In-

Haus Services der Schwester Compador im

Vergleich zu deren Wettbewerbern „unterschiedliche

Konditionen anbietet“: Briefzentren

in Frankfurt und Essen würden

Compador günstigere Einlieferungszeiten

anbieten als Postcon. Laut Deutsche Post

trifft der Vorwurf der Diskriminierung

„nicht zu“. Es seien unterschiedliche Briefmengen

angefragt worden, die unterschiedliche

Zeitfenster rechtfertigten.

Überhaupt will die Deutsche Post vom

Geschäftsgebaren der neuen Beteiligung

wenig mitbekommen. Compador gehe mit

„kompetitiven, aber marktüblichen Preisen

in den Markt“, versichert Achim Dünnwald,

Chef der Sparte Briefkommunikation.

„Extrem niedrige Preise würden der

Positionierung von Compador nicht

»

FOTOS: DDP IMAGES/UWE MEINHOLD, WESTEND61/TOM HOENIG

62 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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oktober 2013

österreich

starkes Land

wirtschaft kultur tourismus

Die neue

unübersichtlichkeit

bringen Die neuen parteien frischen Schwung oder Chaos?

Eine Promotionbeilage von

ABLINGER.GARBER

mit themenschwerpunkt:

finanzplatz

Österreich

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wir hören zu

Palfinger AG · 5020 Salzburg, Austria · E-Mail h.roither@palfinger.com Rahofer.

Hebe-Lösungen von PALFINGER sind ein Begriff für Zuverlässigkeit. PALFINGER macht sich

als Verantwortungsträger auch für andere stark. Für Mitarbeiter, Lieferanten, Kunden und

die Gesellschaft. Soziales Engagement ist für uns als gewachsenes Familienunternehmen

mehr als ein Begriff. Es ist gelebte Kultur.

www.palfinger.ag

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eDitorial . inhalt

eDitorial

liebe leserinnen und leser!

im alten china galt es bekanntlich als fluch, jemandem zu wünschen:

„mögest du in interessanten zeiten leben“. In Österreich

sind nach den Wahlen vom September ohne Zweifel interessante

Zeiten angebrochen. Ähnlich wie in Deutschland, aber unter völlig

anderen Vorzeichen, wird jetzt diskutiert, wie das Land in den

nächsten Jahren regiert werden soll. Und ähnlich wie in Deutschland

scheint auch hierzulande keines der möglichen Szenarien

wirklich wünschenswert. Für die Unternehmen ist dabei nicht allein

die Frage bedeutend, ob ein wirtschaftsfreundlicher Kurs zu

erwarten ist oder eher höhere Steuern und andere Belastungen

drohen. Noch wichtiger wird die Frage sein, ob der hartnäckige

Reformstillstand überwunden werden kann, der dazu führte,

dass Österreich bei vielen wichtigen Standortkennzahlen international

zurückgefallen ist. Österreich starkes Land hat die möglichen

Zukunftsszenarien ein bisschen näher beleuchtet und sich

auch bei der Partei der NEOS umgesehen –die überraschenden

Polit-Neueinsteiger gehen mit vielversprechendem Schwung erstmals

ins Parlament (Seite 4).

Die Sorge um die politische Zukunft der Alpenrepublik darf

freilich nicht den Blick auf die wirtschaftliche Realität verstellen:

Die sieht nämlich durchaus erfreulich aus. Österreichs

Wirtschaftsbosse glauben weiterhin, dass der Euro als Gemeinschaftswährung

alle Krisen überdauern wird und dass die Reformversuche

an den internationalen Finanzmärkten Wirkung

zeigen (Seite 10). Das Vertrauen in die Kapitalmärkte kommt

nicht von ungefähr: Die Wiener Börse hat sich in den letzten

Jahren gut geschlagen. Warum das so war, zeigt ein Blick in unseren

Spezialreport über den Finanzplatz Österreich (ab Seite

33) – der zu Unrecht gescholtene Mittel- und Osteuropafokus

des Handelsplatzes in der Bundeshauptstadt trug dazu bei, aber

auch ein harter Kern von überdurchschnittlich performenden

Unternehmen, die gegen den Trend mit ihren Produkten ferne

Märkte erobern.

Lesen Sie auch, weshalb die Vordenker des österreichischen

Tourismus (traditionell einer der wichtigsten Wirtschaftszweige)

den Alpen als Urlaubsregion eine große Zukunft vorhersagen

(Seite 20), warum Schweinefleisch seit Neuestem als Gourmetprodukt

gilt (Seite 18) und weshalb

Sie bei Ihrem nächsten

Wienbesuch unbedingt die Ausstellung

über Oskar Kokoschka

(Seite 30) sehen sollten.

reDaktion

4 Die neue unübersichtlichkeit

Bringen die neuen Parteien Schwung oder Chaos?

10 kapitalmarlt - gezähmt oDer gefesselt?

Österreichs Wirtschaftsbosse zu den Maßnahmen der EU

15 Die zahlungsmoral Der Österreich

Österreichs Unternehmen zahlren trotz Krise pünktlich,

nur der Staat ist das schwarze Schaf.

21 erfolgsgeschichte(n) im schnee

Die Stärken des österreichischen Wintertourismus

liegen in der starken Infrastruktur.

themenschwerpunkte

urlaub

kultur

bÖrse

20 Ski- und Wintersport zwischen Montafon

und Nassfeld

30 Von spannenden Dialogen und

Völkerverbindung: Österreichs Kulturlandschaft

33 Finanzplatz Österreich: Blue Chips

an der Donau

unternehmen &institutionen

– AGRANA

– AT&S

– Austrian Airlines

– Bergbahn Kitzbühel

– Entwicklungsagentur

Kärnten

– Fachhochschule Salzburg

– Fellner Wratzfeld & Partner

– Gemäldegalerie Wien

– Falkensteiner Hotel &

Spa Carinzia

– FIEBINGER POLAK LEON

– Hotel Zimba, Schruns

– InterSky

– KISKA

– Landestheater/

Musiktheater Linz

– MCI Management

Center Innsbruck

– Montafon Tourismus

– Mountain Resort Feuerberg

– Niederösterreich Convention

– Tourismusverband

Obertauern

– OMV

– Palfinger

– Rosenbauer

– Salzburger Adventsingen

– StandortAgentur Salzburg

– Stiftung Mozarteum Salzburg

– VIG Vienna Insurance Group

– Villach-Warmbad · Faaker See ·

Ossiacher See Tourismus

– WEBSTER UNIVERSITY

– Wienerberger

– Wiener Börse

– Wiener Symphoniker

– Zell am See-Kaprun Tourismus

e. michael brauner

redaktionsleitung

viel freude beim

lesen wünscht ihnen

e.michael

brauner

impressum: „Österreich starkes land“ ist ein redaktioneller promotionbeihefter

vom verlag ablinger.garber in der wirtschaftswoche. Herausgeber: Ablinger &

garber gmbH. geschäftsführung: Walter garber. redaktion: E. michael Brauner, Joseph

Brösel, Clemens Hirtenberger, Daniel mittermeier, gloria Staud, Ernst Spreng. grafik:

thomas Dablander, Sonja Kranebitter, Kathrin marcher. Promotion/Anzeigen: tasso Astl,

Hans gergurich, Klaus grabherr, matthias Häussler, thomas Lindtner, teresa Umlauft.

Foto titelseite: nEoS/nicole Heiling, KUriEr/Jürg Christandl; montage: Ablinger.garber.

ablinger.garber, medienturm, 6060 Hall in tirol, Österreich, tel. +43/5223/513-0,

Fax +43/5223/513-30, verlag@ablinger-garber.at, www.ablinger-garber.at.

österreich starkes land 2/2013 3

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wirtschaft

viel ratlosigkeit, schon direkt nach der wahl: die spitzenkandidaten werner faymann (spÖ), michael spindelegger (Övp),

heinz-christian strache (fpÖ), eva glawischnig (grüne), frank stronach (team stronach), matthias strolz (neos). Foto: KUriEr/Jürg Christandl

Die neue

unübersichtlichkeit

Die nationalratswahlen haben Die alpenrepublik ratlos zurückgelassen.

Wurde die Regierungskoalition abgewählt oder nicht? Bringen die

neuen Parteien frischen Schwung oder Chaos? Vor allem aber: Wer fühlt sich nun

eigentlich für die nötigen Reformen zuständig?

von e. michael brauner &daniel mittermeier

genau eine Woche nach der Wahl

ging eine erfreuliche Nachricht

durch die Medien: Bei der Österreichische

Riesenkürbis-Staatsmeisterschaft,

die anlässlich der Gartenmesse in Tulln abgehalten

wurde, konnte ein junger Bauer

einen neuen Rekord aufstellen. Franz Mathias

aus Oberkreuzstetten schickte einen

669 Kilo schweren Kürbis in den Bewerb,

den dicksten, der je in Österreich geerntet

wurde, und gewann souverän.

scheint ja doch eine insel der seligen

zu sein, das Land, in dem Zeitungen und

Onlinedienste mitten in politischen Umbruchzeiten

Platz für solche Nachrichten

haben. Oder ist die Ratlosigkeit nach

dem Urnengang so groß, dass die Zeitungsleser

lieber in die sichere Welt der

ländlichen Idyllen flüchten?

Das wahlergebnis sperrt sich jedenfalls

gegen jede simple Erklärung. Wahlverlierer

sind wohl ohne Zweifel die Regierungsparteien

SPÖ und ÖVP, die vor

allem deshalb Wähler verloren, weil diese

mit der Zusammenarbeit der beiden nicht

einverstanden waren – so brachte es die

Wahlmotivforschung zutage. Die alte

Regierung wurde abgewählt, wenn auch

nicht im arithmetischen Sinn, denn die

beiden Parteien verfügen neuerlich über

eine knappe Mandatsmehrheit im Parlament.

interpretation Des

wahlergebnisses

von hier an wird die interpretation des

wahlergebnisses vertrackt, denn die Größenverhältnisse

im neuen, sechs Parteien

umfassenden Parlament lassen praktisch

4 österreich starkes land 2/2013

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wirtschaft

keine tragfähigen Mehrheitskonstellationen

zu – abgesehen eben von der soeben

abgewählten Koalition von SPÖ und

ÖVP. Eine Rechtsregierung, wie sie 2000

bis 2006 bestand, geht sich nicht mehr aus.

Ein rot-grünes Kabinett verfehlt das nötige

Mindestgewicht bei weitem, nicht

einmal eine Dreierkoalition aus SPÖ,

Grünen und den erstmals im Parlament

vertretenen NEOS kommt über 50 Prozent.

Selbst die (ideologisch ohnehin undenkbare)

Verbindung zwischen Sozialdemokraten

und der rechtspopulistischen

FPÖ hätte nur die kleinstmögliche Mehrheit

von einem einzigen Mandat.

Der versuch, die alte regierung abzuwählen,

hat sichtlich das Gegenteil bewirkt:

Jetzt gibt es erst recht keine Alternative

zu Rot-Schwarz – von einer

„großen“ Koalition kann man angesichts

eines gemeinsamen Stimmenanteils von

50,8% wohl nicht mehr sprechen. Die

Unausweichlichkeit einer Neuauflage der

soeben abgewählten Regierung bereitet

so gut wie jedermann Unbehagen – auch

den betroffenen Parteien selbst. Die einigermaßen

absurde Folge: Die Granden

beider Regierungsparteien sind zu

Mahnern geworden, heben den Zeigefinger

und warnen einander, dass es so nicht

weitergehen kann. „Das Wahlergebnis

ist ganz sicher kein Auftrag, so weiter zu

machen wie bisher“, gab der Fraktionschef

der ÖVP, Karlheinz Kopf, schon

am Wahlabend das Thema vor. Kurz darauf

sprang ihm Tirols Landeshauptmann

Günther Platter (ÖVP) bei: „Ich warne

davor, so weiter zu machen wie bisher“.

Der Kärntner Landeschef Peter Kaiser

(SPÖ) sprach von der „letzten Chance für

die Große Koalition“. Und sogar Werner

Faymann, der bisherige und wohl auch

nächste Bundeskanzler, begann seine

Verhandlungen um eine neue Regierung

mit dem nachdenklichen Satz: „Vieles

muss sich ändern. Wir brauchen mehr

Entschlusskraft und mehr Tempo, damit

die Politik wieder an Ansehen gewinnt.“

stillstanD in Der regierung…

Die guten Vorsätze werden wohl nicht

reichen, um den fundamentalen Konstruktionsfehler

aller rot-schwarzen Regierungen

zu beheben, dass nämlich die

politischen Konzepte der beiden nicht

unter einen Hut zu bringen sind. Eine

Richtungsentscheidung, wie sie üblicherweise

von Wahlen erwartet wird, kommt

so nicht zustande. Bei jedem konkreten

Problem kracht der staatsinterventionistische,

marktskeptische Ansatz der SPÖ

mit dem wirtschaftsfreundlichen und zugleich

gesellschaftlich konservativen Kurs

der ÖVP zusammen. Das Ergebnis ist

meist ein Kompromiss, der keinen zufriedenstellt

– oder aber die gegenseitige

Blockade.

Der zwang zum kompromiss kam

früher einmal bei den Wählern gut an,

schließlich ersparte sich das Land alle

größeren politischen Konflikte. Allerdings

kamen Reformen immer nur halbherzig

und verwässert zustande, in den

letzten Jahren dominierte das Bild des

Stillstands. Der wirkt sich am bittersten

im Bildungssystem aus, wo die Regierung

seit nunmehr sieben Jahren an jedem

Versuch scheitert, die Qualität auf eu- »

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to Walzer.

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Wien

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österreich starkes land 2/2013 5

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wirtschaft

ropäisches Niveau zu heben. Doch auch

anderswo häufen sich die Versäumnisse:

Die Staatsverschuldung steigt, die Wirtschaft

ächzt unter hohen bürokratischen

Auflagen, das Pensionssystem ist siebzehn

Jahre nach der ersten Ankündigung einer

Reform noch immer ein gefährlich instabiles

Gebilde, das nur durch Schuldenmachen

aufrecht erhalten werden kann. Nicht

zuletzt wartet ein Problem namens „Föderalismus“

auf Lösung: Die Machtverteilung

zwischen Bund und Ländern ist aus

dem Ruder gelaufen, die Länder haben zu

viel Einfluss auf Entscheidungen, für die

sie keine (vor allem finanzielle) Verantwortung

übernehmen müssen.

…DurcheinanDer

im parlament

Alle diese dringend anstehenden Reparaturen

finden sich in den Programmen

der Oppositionsparteien wieder und

werden von diesen wohl auch auf die Tagesordnung

gesetzt werden. Das ist keineswegs

nur aussichtslose Pflichtübung,

denn im künftigen Parlament könnte es

durchaus lebhaft werden. Die Grünen

thematisierten schon im Wahlkampf ihren

Wunsch, mitzuregieren. Daraus wird

zwar vermutlich nichts werden, doch die

Konzepte dafür haben sie in der Schublade.

Was spricht also dagegen, jenes

Bildungsreform-Programm auszupacken,

das sie für den unerfüllt gebliebenen

Traum einer rot-grünen Regierung

vorbereitet hatten?

Die größte oppositionspartei, die

FPÖ, ist mit 40 Mandaten nur unwesentlich

kleiner als die ÖVP (47) und die

SPÖ (52). Zwar sind Konzepte und langfristige

Ziele nicht gerade eine Stärke

der rechtspopulistischen Gruppierung,

doch ihre Vertreter fordern schon jetzt

eine ihrer Größe entsprechend intensive

Mitsprache ein. Sie kann in Konfliktfällen

einmal zugunsten der SPÖ, dann

wieder zugunsten der ÖVP ausfallen –

die müssen sich dann entscheiden, ob

sie darauf verzichten, ein wichtiges Anliegen

durchzubringen, obwohl sie eine

Mehrheit gegen ihren Regierungspartner

finden würden.

stronach – selfmaDeman

Die anderen beiden voraussichtlichen

Oppositionsparteien lassen sich programmatisch

schon leichter einordnen,

wobei im Fall von Team Stronach einige

Skepsis hinsichtlich der Stabilität

der Gruppe angebracht scheint. Die Partei

wurde im Herbst 2012 vom austro-kanadischen

Industriellen Frank Stronach

gegründet, einem Selfmademan, der aus

kleinen Anfängen den heute weltweit

tätigen Autozuliefer-Konzern Magna

schuf. Von Anfang an mit großer medialer

Aufmerksamkeit bedacht, fuhr das

Team Stronach drei beachtliche Wahlerfolge

bei Landtagswahlen ein. Noch

vor dem Sommer 2013 lag die Partei in

Umfragen stabil über 10%. Der eigenbrötlerische

Stil des 81-jährigen Parteigründers,

verbunden mit kabarettreifen

TV-Auftritten, scheint aber die

Wähler dann doch verschreckt zu haben,

das Team blieb mit 5,7% weit unter

seinen Möglichkeiten. Nach dem enttäuschenden

Abschneiden entbrannten

Streitereien um Geld und Positionen in

praktisch allen Gremien, von den Landesorganisationen

bis zum Parlamentsklub,

wobei ein stark autokratischer Stil

Stronachs zutage trat. Ob in dieser Konstellation

ernsthafte politische Arbeit

möglich sein wird, muss sich erst noch zeigen.

Die amerikanisch angehauchte wirtschaftsliberale

Programmatik – niedrige

Steuern, dafür auch weniger staatliche

Fürsorge – besetzt aber bei aller Radikalität

ein in der österreichischen Politik

völlig unterrepräsentiertes Thema.

phänomen neos

Bleiben als neuer Hoffnungsschimmer

die NEOS. Die Partei existiert annähernd

so lang wie das Team Stronach,

nahm aber die genau umgekehrte Entwicklung.

Stronach investierte Millionen,

warb mehrere Abgeordnete einer

anderen Partei (BZÖ – die Gruppe

schaffte es nicht mehr ins Parlament)

ab und saß damit gewissermaßen schon

vor dem Start im Parlament, genoss

hohe mediale Aufmerksamkeit – und

sackte kurz vor den Wahlen ab. Den

NEOS hätte nur wenige Wochen vor

der Wahl niemand zugetraut, über die

Mindestschwelle von vier Prozent zu

kommen. Sie entstanden als eine Art

Projektgruppe rund um den ehemaligen

Businesscoach und Consultant

Matthias Strolz (siehe nebenstehendes

Interview), blieben lange Zeit unter der

Wahrnehmungsgrenze der Medien und

verbrachten ihre Zeit damit, ein wahrhaft

beeindruckendes Programm zu

entwickeln. Wie aus dieser Truppe unerschrockener

Utopisten eine auf Anhieb

erfolgreiche Partei wurde, das wird

wohl noch Stoff für politikwissenschaftliche

Werke liefern. Die NEOS sind fest

entschlossen, ihre Inhalte ins Parlament

zu bringen und quer durchs Parteienspektrum

dafür Unterstützung zu suchen.

Dass eine Partei mit gerade einmal

4,7% zur treibenden Kraft werden

will, deutet auf hohe Energie und viel

Vertrauen in ihre Überzeugungskraft

hin – aber schließlich haben sie mit ihrem

Einzug ins Parlament ja schon gezeigt,

dass auch Wunder manchmal

möglich sind.

schwache regierungen, ein quirliges

Parlament, hohe Steuern – irgendwie

klingt das verdächtig nach jener Art

von Konstellation, die politische Beobachter

früher stets als „italienische Ver-

6 österreich starkes land 2/2013

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wirtschaft

interview mit matthias strolz

eines der topthemen

im wahlkampf und für

die neue regierung: die

bildungspolitik.

Foto: contrastwerkstatt/fotolia.com

„Die politik

wirD bunter“

Die neos sinD Die „new kiDs“ Der

Österreichischen politik. Ihr Gründer und

nunmehriger Fraktionschef Matthias Strolz sprach mit

Österreich starkes Land über seine Motive, Politiker

zu werden und die Pläne seines Teams, Leben ins

Parlament zu bringen.

das interview führte e. m. brauner

hältnisse“ bezeichneten und darin das

unbeherrschbare Chaos sahen. Doch

vielleicht ist ein bisschen Chaos genau

das, was ein Land wie Österreich nach so

vielen Jahren des Stillstands braucht.

Die neos sind erst vor wenigen monaten

wie aus dem nichts in der österreichischen

politszene aufgetaucht, bunt

zusammengewürfelt aus mehreren

gruppen. wie definieren sie ihre position

denn: links, rechts, in der mitte?

matthias strolz: Wir sind eine moderne

Zentrumspartei. Die Begriffe

links und rechts sagen heute ja nicht

mehr sehr viel, ich finde, dass die Eckpunkte

unseres Programms viel aufschlussreicher

sind. Wir verstehen uns

als Bürgerbewegung, wir propagieren

intellektuelle Redlichkeit, bei uns

steht die individuelle Freiheit im Mittelpunkt,

zu der aber auch die Verantwortung

gehört, sowohl die Eigenverantwortung

als auch die für

das Gemeinwohl. Und daraus ergibt

sich zwangsläufig die Verantwortung

für die nächsten Generationen, weshalb

auch Nachhaltigkeit zu unseren

Grundwerten gehört.

würden sie das etikett „wirtschaftspartei“

akzeptieren?

Ja. Wir sind eine wirtschaftsliberale

politische Kraft. Wir glauben an den

»

österreich starkes land 2/2013 7

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wirtschaft

interview mit matthias strolz

Markt. Dazu gehört übrigens auch

die Überzeugung, dass der Staat Rahmenbedingungen

und Regeln schaffen

muss, damit es am Markt fair zugeht.

Es ist ein völliges Missverständnis,

zu glauben, dass liberale Märkte den

Staat nicht brauchen. Wir sind überzeugt,

dass die soziale oder ökosoziale

Marktwirtschaft jenes Wirtschaftssystem

ist, das in der Geschichte am

erfolgreichsten dabei war, der größten

Anzahl von Menschen Wohlstand,

Selbstbestimmtheit und Freiheit zu

gewährleisten.

sie waren bis vor einem Jahr erfolgreicher

geschäftsführer eines consulting-unternehmens.

wie kommt man

da auf die idee, eine

partei zu gründen?

Ich bin dem Ruf

meines Herzens gefolgt.

Das klingt kitschig,

ich weiß, aber

es war einfach so.

Auch meiner Frau

habe ich gesagt,

wenn ich das nicht

mache, dann wirst du in naher Zukunft

einen frustrierten Zyniker daheim sitzen

haben. Ich mache das, weil es das

Richtige ist. Die Ideen, die wir umsetzen

wollen, sind zweifellos schon davor

über Jahre gereift.

hat sie der erfolg überrascht?

Kurz vor dem Wahlabend nicht mehr,

da haben wir dann schon fest daran

geglaubt, dass wir den Einzug schaffen.

Emotional belastend waren paradoxerweise

die Tage unmittelbar danach,

ich habe tausende Mitteilungen

über Telefon, E-Mail, Facebook, SMS

bekommen, alle Medien haben sich

plötzlich für uns interessiert, wir sind

fast in eine Art Wochenbettdepression

gefallen.

ungewöhnlich war, dass die neos im

wahlkampf nicht durch personen gepunktet

haben, sondern durch ihr programm.

wie kam es dazu?

„ich bin Dem ruf meines

herzens gefolgt. Das

klingt kitschig, ich weiß, aber

es war einfach so.“

Matthias Strolz, Fraktionschef NEOS

Foto: nEoS/nicole Heiling

Da sind 150.000 Stunden an Arbeit

hineingeflossen. Wir haben über ein

Jahr hin vierzehn Klausuren abgehalten,

auch Konsultationen im Internet.

Wir haben gestritten, umgeschrieben,

abgestimmt. Uns war klar: Wenn wir

Verantwortung übernehmen und Dinge

verändern wollen, dann dürfen wir nicht

mit hehren, aber nebulosen Zielen in

die Politik hineingehen, sondern müssen

tragfähige Inhalte vorlegen.

im wahlkampf hat ihnen hans-peter

haselsteiner geholfen, ein prominenter

industrieeller, der mit der strabag

eines der größten bauunternehmen europas

aufgebaut hat. welche rolle wird

er künftig bei den neos spielen?

Haselsteiner war sicher der Turbo im

Wahlkampf, dafür sind wir ihm wirklich

dankbar. Er bleibt uns auch künftig

als Elder Statesman und Berater

erhalten. Sollten wir zu Regierungsverhandlungen

eingeladen werden, würde

er uns dabei unterstützen und stünde

auch für ein Ministeramt zur Verfügung.

mit ende oktober beginnt der parlamentarische

alltag. was wird jetzt anders

in Österreich?

Wir fürchten, dass es zunächst weiter

abwärts geht, bevor wir das Ruder

endlich herumreißen können.

SPÖ und ÖVP starten offensichtlich

noch ein letztes Mal zur Großen Koalition,

was bedeutet, dass sie bei der

nächsten Wahl unter die Todeslinie

des Machtkartells fallen (Anm.: Gemeinsam

weniger als die Hälfte der

Mandate erreichen). Für das Land ist

das betrüblich, weil wir seit Jahren in

Standortvergleichen immer weiter zurückfallen,

dafür klettern die Indizes

bei Staatsverschuldung und Korruption

nach oben. Kaum jemand traut einer

Neuauflage einer SPÖ-ÖVP-Koalition

große Würfe zu. Die wären aber

dringend notwendig.

aber im parlament herrschen doch

ganz neue verhältnisse?

Da tun sich auch Chancen auf für neue

Konstellationen, die Politik könnte

durchaus bunter werden als bisher.

Warum zum Beispiel erklären wir nicht

die Bildungsreform zur koalitionsfreien

Angelegenheit? In diesem Bereich

ist der Stillstand am drückendsten.

Das Parlament soll Konzepte

diskutierten, dann wird geheim abgestimmt,

um ideologische Reflexe und

blinden Klubzwang zu verhindern.

wie halten sie’s mit der eu?

Wir sind sicher die EU-freundlichste

Partei im Parlament. Europa ist eine

Schicksalsgemeinschaft, vom Norden

bis zum Süden und vom Westen bis

zum Osten. Wir sind ebenso eine kulturelle

Gemeinschaft – jetzt müssen wir

lernen, uns auch als Chancengemeinschaft

zu verstehen.

8 österreich starkes land 2/2013

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Promotion

wirtschaft

gleitflug über den wolken

von Drei auf sieben maschinen in nicht einmal einem Jahr: Die Regionalfluglinie

InterSky hat einen Quantensprung hinter sich. Jetzt gilt es, den Erfolg dauerhaft abzusichern –

zum Beispiel mit günstigen Städteverbindungen und attraktiven Urlaubsflügen.

Wenn Süddeutschland im Oktoberfest-Fieber

liegt, dann geht

das auch an einer Airline wie

InterSky aus Friedrichshafen nicht spurlos

vorbei. Die Geschäftsreisenden staunten

nicht schlecht, als ihnen plötzlich rotwangige

Schönheiten im Dirndl Sicherheitsgurte

anlegten und den Bordservice

übernahmen. Zwar servierten sie weder

Maßkrüge noch Stelzen, sondern die gewohnten

Snacks, doch die Stimmung an

Bord wurde durch das ungewohnte Outfit

spürbar gelöster. Die ländlich-festliche

Tracht – natürlich mit knallblauen

Schürzen in der Firmenfarbe – war das

Ergebnis einer Kooperation zwischen

dem Regionalflugunternehmen und der

Münchner Dirndl Manufaktur Samtherz.

Die handgemachten Hütchen dazu

stammten von der niederbayerischen

Hutmacherin Ingrid Heiduk. „Eigentlich

war das nur als Marketingaktion im September

und Oktober gedacht“, schmunzelt

InterSky-Geschäftsführer Peter Oncken,

„aber bei den Kunden ist es so gut

angekommen, dass wir das wahrscheinlich

bald einmal wiederholen werden.“

facts

– gründung: 2001

– flugzeuge: 3 Dash 8-Q300, 2ATR 72-600,

1 ATR 72-200, 1Embrear 120

– mitarbeiter: 150

– umsatz 2012: 22,6 Mio. Euro

– passagiere 2012: 160.000

Düsseldorf

Hamburg

Berlin

Karlsruhe Memmingen

München

Friedrichshafen

Zürich

Salzburg

Graz

Genf Altenrhein

Pula Zadar

Menorca

InterSky Linienverbindungen Winter & Sommer

InterSky Linienverbindungen Sommer

InterSky Charterverbindungen Sommer

Winterstreichung vom 23.12.2013 – 02.03.2014

Bitte beachten Sie unseren eingeschränkten Flugplan im

Zeitraum vom 23.12.2013 – 03.01.2014.

Olbia

Elba

Neapel

Naxos

neuheit bei intersky: flugbegleiterinnen

im Dirndl-look

Fotos: interSky

natürlich nicht auf allen strecken,

denn InterSky ist inzwischen immer öfter

in Regionen unterwegs, wo das Oktoberfest

ebenso unbekannt ist wie die

alpinen Kleidersitten. Die Fluglinie aus

der Bodenseeregion – Firmensitz ist

Bregenz in Österreich – legte in den letzten

eineinhalb Jahren einen Wachstumsschub

hin, der die Flotte von ursprünglich

drei Maschinen auf derzeit sieben

katapultierte. Drei Dash 8-Q300 mit je

50 Sitzplätzen sowie zwei neue ATR 72-

600 mit je 70 Plätzen zählen zum eigenen

Bestand, dazu wurden eine 30-sitzige

Embrear 120 und eine ATR

72-200 geleast.

„es war ein Quantensprung“,

bekräftigt Geschäftsführer Oncken,

„wir können damit zusätzlich

Strecken bedienen und haben

unser Netz deutlich verdichtet.“

Die Kunden nahmen die neuen

Strecken, wie etwa Salzburg – Zürich

oder Karlsruhe – Hamburg,

dankbar an.

Die herausforderung für 2014

lautet somit, das Erreichte abzusichern.

„Unser Kerngeschäft liegt bei

Geschäftsreisen zu Destinationen abseits

der großen Verkehrsknoten“, erläutert

Oncken das Konzept, „das ist ein schwieriger

Markt, der aber viel Potenzial hat.

Deshalb setzen wir auf vorsichtiges, aber

langfristiges Wachstum.“

Durch die hartnäckige krise der europäischen

Luftfahrt ist das Geschäft mit

den Flügen in die kleineren Städte in Bedrängnis

gekommen – allerdings auf paradoxe

Weise: Die Großen ziehen sich

aus dem Regionalmarkt zurück, dadurch

fallen viele Verbindungen weg. Oncken:

„Schnelle Verbindungen ohne umständliches

Umsteigen, das ist es, was die mittelständische

Wirtschaft sucht.“

Der winterflugplan konzentriert sich

deshalb auf die bewährten Partnerstädte

Düsseldorf, Berlin, Karlsruhe, Hamburg,

Zürich, Salzburg und Graz. Von dort –

und natürlich auch vom Heimat-Airport

Friedrichshafen – werden jeweils unterschiedliche

Destinationen angeflogen.

Das zweite große geschäftsfeld von

InterSky bedient das Fernweh von Urlaubsreisenden

mit Charterflügen zu interessanten,

aber etwas abgelegenen Urlaubsdestinationen

im Mittelmeerraum.

Hier blickt Oncken auf eine erfolgreiche

Saison zurück: „Zum Glück scheint die

Phase überwunden, wo die Leute aus

Krisenangst auf Urlaube verzichteten.

Heuer war die Nachfrage so groß, dass

wir gar nicht alle Anfragen von Reiseveranstaltern

nach Charterflügen erfüllen

konnten, weil wir unsere Kapazitätsgrenze

erreicht hatten.“ Elba, Menorca,

Olbia auf Sardinien, Pula und Zadar in

Kroatien sollen deshalb auch im nächsten

Sommer wieder die weißblauen Vögel

aus Süddeutschland empfangen. PR

kontakt

InterSky Luftfahrt GmbH

Bahnhofstraße 10, A-6900 Bregenz

Tel. +43/5574/48800-46

reservation@flyintersky.com

www.flyintersky.com

österreich starkes land 2/2013 9

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wirtschaft

kapitalmarkt –

gezähmt oDer

gefesselt?

Österreichische wirtschaftsbosse

meinen: Die Maßnahmen der EU für die Finanzwirtschaft

sind lästig, aber sie wirken. von josef brösel

Der Kapitalmarkt ist der Blutkreislauf

des Wirtschaftssystems. Internationale

Zahlungsströme und das

Wechselspiel von Investment und Rendite

halten die Wirtschaft lebensfähig. Doch mit

der Finanzkrise ist das System in Verruf geraten.

Strengere Regeln sind gefragt, der nahezu

unregulierte globale Kapitalverkehr

muss an die Leine gelegt werden, forderten

selbst viele liberale Ökonomen. Nach jahrelangen

Diskussionen hat die EU jetzt neue

Vorschriften durchgesetzt und zugleich die

Verantwortung aller Mitglieder der Eurozone

für die Stabilität der gemeinsamen

Währung eingefordert. Ist die Gefahr damit

gebannt? Wird Europa wieder konkurrenzfähig?

Oder haben die Aufpasser in Brüssel

und Frankfurt übers Ziel hinausgeschossen,

wurden Banken und Börsen eher gefesselt

als gezähmt? Österreich starkes Land fragte

führende Vertreter der alpenländischen

Wirtschaft – und wollte zugleich deren Erwartungen

an die künftige Regierung in Erfahrung

bringen.

Die fragen ...

a) Die eu hat in der folge der

finanzkrise europaweit die regeln

für banken und fonds verschärft –

höhere haftungsvorschriften,

strengere finanzmarktaufsicht

etc. stärken diese maßnahmen

ihr vertrauen in die stabilität der

finanzmärkte? oder ist der nächste

crash schon vorprogrammiert?

b) Die euro-rettung durch die ezb ist

vor allem in Deutschland immer

noch heftig umstritten. halten sie

es für richtig, dass auch in zukunft

alle euroländer für schulden ihrer

ärmsten mitglieder haften sollen?

oder sollen in künftigen fällen auch

große banken oder ganze länder in

konkurs gehen dürfen?

c) was erwarten sie sich von einer

neuen regierung in Österreich?

und, was muss europa tun, um

weiterhin am weltmarkt

mitmischen zu können?

Die antworten ...

mag. christoph

neumayer

generalsekretär Vereinigung

Österreichischer

industrieller

Foto: Jürg Christandl

a) es braucht stabile finanzmärkte –

keine frage! Aber: Regulierungen dürfen

nicht zu Lasten der Kreditvergabe – für

KMU die Basis der Finanzierung – gehen.

Dies würde naturgemäß eine Schwächung

des Standortes bedeuten. Das gilt auf

nationaler wie auch auf europäischer

Ebene. Die Umsetzung der globalen Basel-

III-Richtlinien in europäisches Recht sehen

auch Erleichterungen für KMU-Kredite

vor. Die Tendenz geht aber eher in Richtung

zu viel Regulierung, während das Fördern

von Wachstum vernachlässigt wird.

Wir brauchen aber dringend mehr Wachstum,

denn nur so sichern wir Arbeitsplätze

und halten unser Sozialsystem stabil. Die

wirtschaftliche Entwicklung wird volatil

bleiben, der Aufschwung 2014 eher wenig

dynamisch.

b) ich warne vor eurobonds. Die Hilfen

für die in Zahlungsschwierigkeiten geratenen

Euro-Mitgliedsländer durch den derzeitigen

fiskalischen Stabilisierungsmechanismus

sind gedeckelt und für den Ausnahmefall

gedacht – und sie bedürfen einstimmiger

Beschlüsse aller Mitgliedsländer. Daher ist

diese Solidarleistung innerhalb der Eurozone

auch in Ordnung. Es kann damit Zeit erkauft

werden, damit die gegenwärtigen Probleme

der Staaten auf nationaler Ebene gelöst werden

können. Das bedeutet aber auch, dass

die sogenannten „Programmländer“ ihre Gegenleistung

erbringen und durch Strukturreformen

wettbewerbsfähig werden müssen.

Wovor ich aber zum derzeitigen Zeitpunkt

warne, sind Eurobonds. Diese dauerhafte

Vergemeinschaftung des Risikos mit entsprechenden

Auswirkungen auf die individuellen

Finanzierungskosten der Mitgliedsländer

ist nicht im Sinne der Währungsunion.

c) Qualitätsoffensive in der ausbildung

– so lautet die wichtigste forderung.

Österreich braucht eine neue, zukunftsorientierte

Standortoffensive, die auch in die Verwaltungsstrukturen

des Staates geht. Zudem

brauchen wir ein, an eine moderne Arbeitswelt

angepasstes Arbeitszeitgesetz, gerade im Hinblick

auf die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Unternehmen wie ArbeiternehmerInnen

müssen durch eine Senkung der Arbeitszusatzkosten

entlastet werden. Das Steuersystem

bedarf einer neuen Struktur und Vereinfachungen.

Und wir müssen dem Fachkräftemangel

eine Qualitätsoffensive in der Ausbildung

entgegensetzen. Wir erwarten uns von der Europäischen

Kommission die rasche Umsetzung

ihrer Industriestrategie, mit der die EU-weite

Industriequote bis 2020 von 15,5 Prozent auf

20 Prozent angehoben werden soll. Da kann

es keine Initiativen der Kommission geben, die

diesem Ziel zuwiderlaufen! Den Worten müssen

nun konkrete Taten folgen!

facts

Die industriellenvereinigung (iv) ist die freiwillige

Interessenvertretung der österreichischen

Industrie. Sie vertritt 4.200 Mitglieder in

Europa und Österreich. Die IV ist das österreichische

Mitglied bei BUSINESSEUROPE, dem

freiwilligen europäischen Industrie- und Arbeitgeberverband

mit Sitz in Brüssel.

10 österreich starkes land 2/2013

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wirtschaft

ing. karl-heinz

strauss

Vorstandsvorsitzender

Porr-gruppe

Foto: Porr/Archiv

a) Die finanzkrise hat systemische probleme

im finanzsektor aufgezeigt, tatsächlich

bewegen sich manche „Auswucherungen“

von Finanzspekulationen in einem

rechtlichen Graubereich. Sie basieren auf

einer Vernichtung von realwirtschaftlichen

Werten und führen beinahe zwanghaft in

eine Krise. In der Hoffnung, bisherige Versäumnisse

mit Tatendrang auszugleichen,

hat Brüssel eine Reihe von Maßnahmen verabschiedet,

die im Wesentlichen eine Aufgabe

haben: die Kontrolle zu verschärfen.

Alleine durch Kontrollmaßnahmen ist eine

Finanzkrise aber nicht zu verhindern. Kontrollmechanismen

können Probleme aufzeigen,

es bedarf aber auch der richtigen Instrumente,

die Alarmzeichen wirkungsvoll

aufzeigen und Handlungsanleitungen geben.

Die EU muss sich entschlossen gegen Spekulationsformen

stellen, deren Zweck gegen

die eigene Wirtschaft gerichtet ist. Ist

nach der Krise auch vor der Krise? Natürlich

wird es auch künftig Wirtschaftseinbrüche

geben, das ist in einer freien Marktwirtschaft

ein immanenter Faktor. Traurig wäre

es nur, wenn die gleichen Fehler wiederholt

werden würden.

b) „Die eurozone ist eine solidargemeinschaft,

diese Aussage ist im Zuge der

Griechenlandkredite ein häufig benutztes

Schlagwort“. Die Frage ist aber, ob Solidargemeinschaft

nicht eher bedeuten muss,

einem Land die bestmögliche Chance für

eine wirtschaftliche Erholung zu bieten. Und

wenn dieser Weg über einen geordneten

Staatsbankrott führt, ob es nicht auch die

Pflicht der Eurozone ist, diesen zuzulassen.

Die Alternative, so scheint es, ist teurer,

führt dazu, dass Hundertausende Menschen

ihren Arbeitsplatz verlieren und lähmt ein

Land für Jahre, wenn nicht Jahrzehnte.

c) Österreichs wichtigste ressource sind

die gut ausgebildeten arbeitskräfte. Diese

gilt es auf den internationalen Wettbewerb

bestmöglich vorzubereiten. Die effizienteste

Möglichkeit dafür, ist ein Bildungssystem, das

sowohl hilft individuelle Interessen zu erkennen,

als auch diese bestmöglich zu fördern.

Investitionen in Bildung und Forschung müssen

daher in der kommenden Legislaturperiode

den zentralen Schwerpunkt im Regierungsprogramm

einnehmen.

facts

Die porr-gruppe ist mit mehr als 10.000

Mitarbeitern und einer Produktionsleistung

von rund EUR 2,9 Mrd. (2012) eines der größten

Bauunternehmen Österreichs mit Standorten

in den Ländern Zentral-, Südost- und Osteuropas

und Expansion in die internationalen

Märkte im Nahen Osten.

Dr. rené siegl

geschäftsführer

Austrian Business

Agency Foto: ABA

a) Die usa haben vorgezeigt, dass man

mehr als 400 Banken erfolgreich abwickeln

kann. Man sollte daher vom „Too big to fail“-

Prinzip zu einer geregelten Abwicklung von

Problembanken übergehen. Dies gilt jedoch

nicht für Nationalstaaten. Das Signal an die

Finanzmärkte wäre fatal, sollte etwa Griechenland

von den EU-Partnerländern fallen

gelassen werden. Dies darf allerdings nicht

zur Erpressung der Nettozahler führen, und

das Prinzip „Reformen gegen Kredite“ muss

weiter gelten.

b) europa muss den begonnenen reformprozess

intensiv weiterführen:

Die Maastricht-Budget-Grenzen wieder einhalten,

die Lohnstückkosten senken, die

Arbeitsmärkte liberalisieren, die Reindustrialisierung

forcieren und den Sozial- und Versorgungsstaat

auf ein leistbares Niveau zurückführen.

Dann wird Europa gestärkt aus der

Krise hervorkommen und muss nicht Bedenken

haben, in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts

für die Chinesen die T-Shirts zu nähen.

c) Das oben gesagte gilt in abgeschwächter

form auch für Österreich,

allerdings sehe ich hier das dringlichste Problem

im besorgniserregenden Zustand des

Bildungssystems. Bildung sollte vorhandene

Stärken weiter ausbauen und nicht Mittelmaß

schaffen, Schulen sollten miteinander im

Wettbewerb stehen, und der Lehrberuf sollte

wieder ein Sozialprestige erlangen, dass auch

die Besseren und Besten eines Jahrgangs motiviert

werden, diese Aufgabe wahrzunehmen.

facts

Die austrian business agency (aba) ist

die Betriebsansiedlungsagentur der Republik

Österreich. Gegründet 1982, bemüht sich die

ABA um Direktinvestitionen internationaler

Unternehmen in Österreich und betreut

Interessenten bei der Standortsuche sowie

bei allen Fragen der Betriebsansiedlung.

Dr. karl sevelDa

Vorstandsvorsitzender

raiffeisen Bank

international (rBi)

Foto: m. Kammeter

a) auch wenn oft der gegenteilige eindruck

herrscht, ist die EU auf dem Weg

zu stabilen Finanzmärkten in den vergangenen

Jahren bereits ein gutes Stück vorangekommen.

Mein Vertrauen in die Stabilität

der Finanzmärkte hat deshalb zugenommen.

Wichtig ist, dass bei den weiteren notwendigen

Regulierungsschritten Qualität Vorrang vor

Quantität hat und dass man den Banken ausreichend

lange Übergangszeiträume zugesteht.

b) Der zahlungsausfall eines staates innerhalb

der Währungsunion ist aufgrund der

dadurch entstehenden Kollateralschäden die

denkbar schlechteste Option. Vielmehr gilt

es, die Notwendigkeit eines Schuldenschnitts

erst gar nicht aufkommen zu lassen. Die Krisenpolitik

in der Eurozone muss daher alles

daransetzen, die öffentlichen Finanzen auf

ein solides Fundament zu stellen. So müssen

die Staaten stärkere Anstrengungen unternehmen,

die Staatsverschuldung in Rich-

»

österreich starkes land 2/2013 11

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wirtschaft

tung der 60-Prozent-Marke (60 % des BIP)

zu bewegen. Je stärker die Staatsverschuldung

steigt, desto größer ist tendenziell auch

das Risiko, dass der Schuldenberg nicht mehr

beherrschbar wird. In einer Währungsunion

sind gemeinsame Instrumente zur Krisenbekämpfung

erforderlich. Dies haben die letzten

Jahre gezeigt. Mit dem Krisenfonds ESM

und dem OMT-Programm der EZB wurden

hier auch wichtige Schritte gesetzt. Eine vielfach

geforderte gemeinsame Haftung für die

Staatsschulden ließe jedoch den Reformeifer

erlahmen und den Anreiz zum Abbau der

Staatsverschuldung deutlich reduzieren. Dies

würde die Eurozone als Ganzes schwächen.

Damit wäre niemandem geholfen.

c) Dringender handlungsbedarf für die

neue bundesregierung hinsichtlich Wirtschaft

und Kapitalmarkt besteht besonders in

fünf Bereichen, die stark miteinander verwoben

sind:

1. Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit Österreichs

durch Senkung der Lohnnebenkosten,

Bürokratieabbau und Beendigung der Diskussion

um die Einführung neuer Steuern

2. Staats- und Verwaltungsreform zwecks Eliminierung

von Kompetenz-Wirrwarr und

Aufgaben- und Einnahmenäquivalenz

3. Finanzierung einer Steuersenkung des Faktors

Arbeit durch Ausgabensenkungen und

weitere Privatisierungen

4. Beendigung der Vernachlässigung der Wiener

Börse als wichtige Finanzierungsquelle

für Wachstum und Beschäftigung durch

Förderung von Risikokapital und KESt-freie

Altersvorsorge

5. Sinnvolle Lösungen zur nachhaltigen Sicherung

unserer Pensionen und des Gesundheitssystems

Damit Europa seine Wettbewerbsposition am

Weltmarkt verteidigen kann, müssen die Anstrengungen

im Bereich Forschung und Entwicklung

intensiviert, das Umfeld für Unternehmensgründungen

verbessert, sowie die

Flexibilität am Arbeitsmarkt (nicht nur aber

besonders in Südeuropa) erhöht werden. Nur

so kann Europa mit Strukturwandel auf Basis

starker Innovation und hochwertiger Güter

und Dienstleistungen bestehen.

facts

Die rbi betrachtet Österreich und Zentralund

Osteuropa (CEE) als ihren Heimmarkt.

In CEE verfügt die RBI über ein engmaschiges

Netzwerk von Tochterbanken, Leasinggesellschaften

und zahlreichen spezialisierten

Finanzdienstleistungsunternehmen in

17 Märkten. Asien ist ein weiterer geografischer

Schwerpunktmarkt, wo die RBI ebenso

mit Filialen vertreten ist wie–als einzige

österreichische Bank – in den Weltfinanzzentren.

Insgesamt betreuen mehr als

59.000 Mitarbeiter circa 14,3 Millionen

Kunden in mehr als 3000 Geschäftsstellen.

Di (fh) anDreas

gerstenmayer Lage verschärft, indem sie weiterhin billiges

CEo At&S Foto: At&S Ag facts

a) Die derzeitige finanzkrise hat meiner

meinung nach schonungslos die

schwachstellen der europäischen währungsunion

aufgedeckt. Es kann nicht

sein, dass sich Staaten überproportional zu

ihrer Wirtschaftsleistung billig verschulden

können, und andere die Folgen tragen müssen.

Dazu kommt, dass die Politik die Notenbanken

missbraucht und noch zusätzlich die

Geld maroden Finanzinstituten zur Verfügung

stellt und diese künstlich am Leben erhält.

Das ist in der Realwirtschaft in dieser Form

undenkbar und würde zu enormen Wettbewerbsverzerrungen

führen. Daher trete ich

dafür ein, dass Banken, deren Geschäftsmodell

nicht mehr funktioniert, in einen geordneten

Konkurs gehen und nicht auf der

Geldtasche der Steuerzahler sitzen bleiben

sollten. Ob das für die öffentliche Hand, also

Länder und Gemeinden auch zutreffen soll,

muss man sich noch gut überlegen.

Der Leiterplattenhersteller at&s ist weltweit

führend bei der Herstellung von Mikroelektronik-Bausteinen

für die Mobilfunkbranche, Automobilelektronik,

Industrieelektronik und Medizintechnik.

Das Unternehmen betreibt drei

Betriebsstandorte in Österreich sowie Werke

in Indien, China und Korea. Vertriebsniederlassungen

bestehen in zahlreichen Ländern Europas

sowie wie in den USA und Australien.

Di Johann

marihart

Vorstandsvorsitzender

AgrAnA Ag Foto: AgrAnA

a) ich glaube an die richtigkeit dieser

maßnahmen. Ich sehe daher den nächsten

Crash für die EU nicht. Aber die mangelnde

Übereinstimmung der EU-Politik mit insbesondere

der US-amerikanischen trägt die Gefahr in

sich, dass sich Europa vom weltwirtschaftlichen

Aufschwung abkoppelt. Daher ist Augenmaß bei

der Rigidität der Maßnahmen gefragt und Vorsicht

beim USA-EU-Freihandelsabkommen.

b) ich glaube, die haftung der euroländer

ist das kleinere übel. Konkurse sind ein Totalschaden.

Die Prävention und Antizipation

sind allerdings der nötige - mehr oder minder

sanfte - Zwang zur Harmonisierung. Das

größte Übel der EU ist die mangelnde Harmonisierung,

die zum Beispiel im Agrarbereich

seit Jahrzehnten selbstverständlich ist.

c) von der neuen legislaturperiode in

Österreich erwarte ich mir Maßnahmen zum

Bürokratieabbau, zur „Entsteuerung“ von Arbeit

und eine Anhebung des De-Facto-Pensionsalters.

Das ist es, was unsere Wettbewerbsfähigkeit

entscheidend schwächt.

Dieses Einsparungspotenzial muss in Innovation

und Bildung investiert werden. Nur so haben

wir eine Chance, zwischen den USA und

Asien weiter zu reüssieren.

facts

agrana ist ein führender Hersteller von

Zucker, Stärke und Bioethanol, Weltmarktführer

in der Herstellung von Fruchtzubereitungen

für die Molkereiindustrie sowie der bedeutendste

Produzent von Fruchtsaftkonzentraten in

Europa. Mit 56 Produktionsstandorten in

26 Ländern ist der Veredlerkonzern auf

allen Kontinenten tätig.

12 österreich starkes land 2/2013

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wirtschaft

meister im Ökohausbau

mit Dem plusenergiehaus lisi siegte Österreich

beim Wettbewerb in den USA und zeigte seine Kompetenz

im innovativen Baubereich.

von gloria staud

Als „era of steel and gals“ und

„beauty wood“ titulierte die Los

Angeles Times das Gemeinschaftsprojekt,

mit dem Österreich den

bedeutendsten universitären Wettbewerb

für nachhaltiges Bauen „Solar Decathlon“

gewann. Teams der TU Wien, der

Fachhochschule St. Pölten, der Fachhochschule

Salzburg und des Austrian Institute

of Technology (AIT) hatten zusammen

das „Living Inspired by Sustainable

Innovation“, also Wohnen, das von nachhaltigen

Innovationen inspiriert wird,

konstruiert. Das kurz LISI genannte

Haus besteht großteils aus Holz und recycelbaren

Materialien. In Zeiten von Klimawandel

und Ressourcenverknappung

soll es für die Zukunft des Wohnens stehen.

Für den Innenausbau zeichneten

Studierende der FH Salzburg verantwortlich:

Boden-, Wand- und Dachaufbauten

sowie die Konstruktionen der Außenbereiche

des Plusenergiehauses mit innovativen

Ideen.

beim solarhaus lisi arbeitete die

fh salzburg die ausstattung mit holz

aus.

Foto: Solar Decathlon team Austria

neues aus holz

So ergaben sich durch die intelligente

Verwendung von Ressourcen entlang der

Wertschöpfungskette völlig neue Möglichkeiten

in der Gestaltung, der Rohstoff

„Baum“ wurde dabei optimal genutzt.

„Heimische Tannenstämme lieferten

uns nicht nur das Holz für die Konstruktion

und die Wandverkleidungen, aus der

Rinde fertigten wir Platten, die im Schlafraum

und Bad Verwendung finden – bislang

ein Novum“, freut sich Studiengangsleiter

Alexander Petutschnigg. Auch für

die Hobelspäne gab es Abnehmer. Die

jungen Nachwuchsdesigner fertigten daraus

die Sitzschalen für die Küchenstühle.

„Beim Solar Decathlon setzten wir nicht

nur ein Zeichen unserer Kompetenzen

im Holz- und Möbelbau, sondern zeigen

auch wie ästhetisch nachhaltiges Wohnen

sein kann“, so Petutschnigg.

Gestaltungsspielräume – in denen fühle ich

mich zuhause. Schon als Kind mochte ich

nur Spielsachen, mit denen man was machen kann.

Bauklötze, Ritterburgen, Plastikfiguren. Ich wurde

Architekt von Gedankengebäuden! Dafür muss man

sich selbst was einfallen lassen. Und dann entscheiden,

wie man es konkretisiert. Das Finanzmarktrecht ist

derzeit ja einem Abenteuerspielplatz nicht unähnlich,

wo Freibeuter ihre Schatzkisten auf fernen Inseln

vor dem Fluch der Karibik in Sicherheit bringen.

Gegen die anrollenden Tsunamiwellen immer neuer

Regulierungen segelt man hart am Wind. Da

muss man schon ein echter Seebär sein…

MMag. Dr. Martin Gaggl . Bank- und Kapitalmarktrecht

www.fplp.at

A-1060 Wien, Am Getreidemarkt 1

Tel: +43 1 58258 . fplp@fplp.at

österreich starkes land 2/2013 13

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wirtschaft

Promotion

über 140 kreative aus mehr als 20 nationen entwickeln bei kiska Designlösungen, die marken nachhaltig stärken.

Fotos: KiSKA

Drei marken –

drei handschriften –

eine Designagentur.

wenn es um marken geht, zählt nur Das eine:

Durchhalten. Bleiben Sie Ihrer Marke treu, denn wir bleiben es auch.

Wir nehmen unsere Kunden ernst,

und wir nehmen ihre Marken

sehr ernst. Jede Marke hat ihre

eigene Handschrift und jede Marke verdient

auch ihr eigenes Design. Es geht

nicht um Selbstverwirklichung, sondern

um das Sichtbarmachen der Marke, das

Herauskitzeln des Markenkerns und um

eine emotionale Kommunikation und

Gestaltung der Markenbotschaft. Eine

stimmige und für den Konsumenten relevante

Gesamtbotschaft lässt sich nur

durch Differenzierung und den Mut

durchzuhalten erreichen.

wir haben diesen mut und sind daher

auch in der Lage, eng mit unseren Kunden

an der Marke zu arbeiten und unterschiedliche

Designs für jeden unserer

Kunden zu entwickeln. Wir bleiben Ihrer

Marke treu, tun Sie es auch. PR

facts

Als eines der führenden Design- und Markenberatungsunternehmen

in Europa bedient

KISKA dank eines integrierten Designansatzes

alle Elemente einer Marke vom Produkt über

die Verpackung und Produktumgebung bis

hin zur Kommunikation. Auf Basis von markenund

designstrategischen Untersuchungen sorgen

über 140 Kreative aus 20 verschiedenen

Nationen für fokussierte Lösungen und ein

durchgängiges Markenerscheinungsbild über

alle Medien hinweg und bedienen damit Premiumkunden

wie Adidas, AKG, Atomic, Audi,

HILTI, Kettler, Opel oder Zeiss.

kontakt

KISKA GmbH, Marcus Waldmann

St. Leonharder Straße 4, A-5081 Anif/Salzburg

office@kiska.com

www.kiska.com

marke: frauscher (aut)

– markenwerte: Handmade,

premium quality, fun to drive.

– Design: Leistungsstark, elegant

und Luxus für jeden Tag.

marke: akg acoustics (De)

– markenwerte: Best sound quality,

passion for music.

– Design: Professionell, zuverlässig

und benutzerfreundlich.

marke: ktm (aut)

– markenwerte: Purity, performance,

adventure, extreme.

– Design: Reduziert, aggressiv,

funktional.

14 österreich starkes land 2/2013

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wirtschaft

Die zahlungsmoral

Der Österreicher

zahlen ihre kunDen pünktlich? Wenn ja, ist das ein Zeichen, dass die

Konjunktur bald nach oben geht, behaupten Wirtschaftsforscher. von josef brösel

mit dem Werbeslogan „Wir zahlen

gerne“ sorgte vor einigen Jahren

eine österreichische Versicherung

für Aufsehen – und für Schmunzeln.

Tatsächlich scheint das aber eine verbreitete

Eigenschaft in der Alpenrepublik zu

sein. Eine Trendumfrage des Kreditschutzverbandes

KSV 1870 ergab, dass Österreicher

offene Rechnungen gern rasch vom

Tisch haben wollen. 74 Prozent der Firmenkunden

begleichen ihre Rechnungen

innerhalb der Frist, lange vor einer Mahnung

– international betrachtet ein vorbildlicher

Wert, wobei üblicherweise Zahlungsziele

von 25 Tagen vereinbart werden.

Beachtlich ist überdies, dass sich die Zahlungsmoral

der Österreicher trotz anhaltender

Wirtschafts- und Finanzkrise nicht

verändert hat. „Das zeigt die hohe Seriosität

unserer Betriebe und dass sie sich ihrer

Rolle und Verantwortung auch in nicht so

rosigen Zeiten sehr genau bewusst sind“,

meint KSV 1870-Vorstand Johannes Nejedlik.

Der schlechte zahler

ist Der staat

Privat sind die Österreicher übrigens noch

gewissenhafter als im Geschäftsleben,

denn hier werden Verbindlichkeiten im

Schnitt schon innerhalb von 18 Tagen beglichen.

Das einzige schwarze Schaf in der

Herde der braven Zahler ist ausgerechnet

der Staat. Die öffentliche Hand, bekanntermaßen

sehr flink beim Eintreiben von

Abgaben, bewegt sich auffällig langsam,

wenn es ums Zahlen geht – hier vergehen

durchschnittlich 41 Tage von der Rechnungslegung

bis zur Überweisung des

offenen Betrags. Kreditschützer Johannes

Eibl vom KSV 1870 kritisiert denn auch:

„Die öffentliche Hand sollte im Zahlungsverkehr

generell mit gutem Beispiel voran

gehen. Das wäre ein wichtiger Impuls für

die Wirtschaft, deren Funktionieren vom

»

österreich starkes land 2/2013 15

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wirtschaft

Foto: Halfpoint/fotolia.com

laufenden Geldfluss abhängig ist. Wenn

dieser ins Stocken gerät, sind automatisch

mehrere Geschäftspartner betroffen, die

dann sehr oft ihrerseits in Verzug geraten.“

ohnehin stellt sich die frage, ob nicht

die Bereitschaft zum prompten Zahlen

in naher Zukunft auch unter den Firmen

nachlässt. Denn die Kreditschützer haben

in ihrer Umfrage auch Probleme mit der

Umsatzentwicklung aufgespürt. Zwar berichten

30% der Unternehmen von steigenden

Umsätzen, aber im Vorjahr waren

es noch 39%. Umgekehrt geben 21% der

Befragten an, dass ihre Umsätze sinken.

Wenn die Zukunftserwartungen schlechter

werden, dann lässt auch die Zahlungsmoral

nach, haben Wirtschaftsforscher

herausgefunden. Auf eine Phase, wo die

Eingänge auf dem Konto immer schleppender

werden und die Zahl der Mahnungen

zunimmt, folgt nicht selten eine

Zeit der gänzlichen Zahlungsausfälle.

Damit wirD eine abwärtsspirale

in gang gesetzt

Denn Finanzchefs von exportorientierten

Unternehmen reagieren auf nichts so

empfindlich wie auf uneinbringliche Forderungen

in einem Drittland. Die Bereitschaft,

ausländischen Partnern Lieferantenkredite

zu gewähren, nimmt in

unsicheren Zeiten rapide ab. Genau diesen

Effekt hat das Kreditversicherungsunternehmen

Atradius jetzt in Deutschland

beobachtet: Die Bereitschaft

deutscher Lieferanten, Geschäftspartnern

im Ausland Zahlungen auf Ziel zu gewähren,

ist im letzten Jahre von 58,4% auf

36,4 % zurück gegangen, hat sich also nahezu

halbiert. Ein verständlicher Schritt

der betroffenen Unternehmen, wenn man

einen Blick auf die Risikoanalysen für

eine Reihe von deutschen Exportländern

wirft. Atradius erwartet beispielsweise für

Belgien und Frankreich im nächsten Jahr

einen Anstieg der Firmeninsolvenzen um

6 % bzw. 4 %. Für Griechenland und Italien,

die seit Jahren ein hohes Insolvenzniveau

verzeichnen, wird mit einer Zunahme

von 10 % gerechnet.

Österreich ist von dieser entwicklung

einstweilen nicht betroffen. Zwar schwanken

auch hier die Konjunkturprognosen

(letzter Stand: Die Nationalbank erwartet

für 2014 ein Plus von 1,5%, nach 0,3% im

heurigen Jahr), die Umfragen unter den

Unternehmen zeigen höchst unsichere

Erwartungshaltungen. Doch die Firmen

zahlen pünktlich – und bleiben daher im

Geschäft.

für die künftige neue regierung gilt es

also eine ganz einfache Aufgabe zu lösen:

Sie muss mit ihren Reformen erreichen,

dass die Zahlungsmoral der Österreicher

so hoch bleibt wie sie ist, dann läuft auch

die Konjunktur.

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Sources: Universum Survey & CHE

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16 österreich starkes land 2/2013

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Promotion

wirtschaft

service als standortvorteil

mit Der stanDortagentur unterstreicht salzburg seine

Position als attraktiver Ort für internationale Unternehmen.

umfangreiche betreuung

Mit der StandortAgentur Salzburg steht

ausländischen Unternehmen ein kompetenter

Partner für einen raschen Ansiedlungsprozess

am neuen Standort zur Seite.

Zum kostenlosen Serviceangebot zählen,

neben der Standortberatung und -suche,

die Unterstützung bei der raschen

Abwicklung von Behördenverfahren, die

Vermittlung zu Steuer- und Rechtsexauch

für internationale unternehmen ist

salzburg attraktiv.

Foto: tourismus Salzburg

Salzburg gilt als eine der erfolgreichsten

und lebenswertesten Wirtschaftsregionen

Österreichs. Getragen

von einem starken Mix aus KMUs,

Industriebetrieben und Weltmarktführern

ist Salzburg bei Bruttoregionalprodukt,

niedriger Arbeitslosigkeit und mit seiner

jährlichen Wirtschaftsleistung von rund

20 Mrd. Euro einer der führenden Wirtschaftsstandorte

Österreichs. Die einmalige

verkehrsgeografische Lage, moderne

Infrastruktur und stabile wirtschaftliche

Rahmenbedingungen machen Salzburg

für internationale Unternehmen zum attraktiven

Anziehungspunkt.

perten oder die Koordination von Terminen

mit Behörden, Maklern und Banken.

Ein weiterer Servicebereich der Standort-

Agentur umfasst die Betreuung von ausländischen

Unternehmern, deren internationalen

Mitarbeitern und Angehörigen

bei Fragen zum Zuzug nach Salzburg. Individuelle

Beratung und konkrete Hilfestellung

in Fragen zum Aufenthalts- und

Melderecht, dem österreichischen Schulsystem

und der Integration in der neuen

Heimat Salzburg stehen dabei an oberster

Stelle.

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kontakt

StandortAgentur Salzburg GmbH

Südtiroler Platz 11

A-5020 Salzburg

Tel. +43/662/4513 27 0

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österreich starkes land 2/2013 17

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wirtschaft

schwein, frisch

von Der weiDe

schweinefleisch als billigproDukt – Das war

gestern. Findige österreichische Bauern haben uralte

Rassen neu gezüchtet, halten ihr Borstenvieh auf der Weide.

Der Speck der edlen Tiere landet in der Topgastronomie

und in noblen Feinkostläden.

von e. michael brauner

Heinrich ist der Liebling aller Gäste,

auch wenn er sich manchmal

daneben benimmt. Er will eben

gern mit altem Brot gefüttert werden,

also reibt er seinen haarigen Rüssel schon

mal am Bademantel der Wellnessurlauber,

die im Garten hinter dem Weingut

Krispel am Pool entspannen, den Blick

in die Weinberge der südöstlichen Steiermark

gerichtet. Wirklich kuschelig wirkt

das ungewöhnliche Haustier nicht gerade,

trotz seiner treuherzig dunklen Augen,

die wohl der Grund waren, weshalb

Heinrich seine Herde verlassen und im

Hof herumlaufen darf. Er ist ein Mangalitzaschwein,

Abkömmling einer urwüchsigen

Rasse, die fast schon ausgestorben

war, schwarz, ruppig, mit dichtem, kräuseligem

Fell bewachsen und so robust, dass

sie fast das ganze Jahr im Freien gehalten

werden kann. Das Gehege dafür beginnt

gleich hinter dem Garten, dort suhlen sich

ein paar Dutzend der dunklen Gestalten,

wühlen mit den Hufen Wurzeln aus

der Erde oder suchen unter den Bäumen

nach Eicheln und Pilzen.

glückliche schweine

Das Schweineparadies in den grünen

Hügeln ist kein Einzelfall. Immer öfter

reißen österreichische Bauern ihre alten

Ställe nieder, verkaufen die hochgezüchteten

Turbo-Fleischlieferanten und

starten mit Jungtieren aus alten, halb

vergessenen Rassen neu durch: Das Mangalitza-Wollschwein

ist heute das häufigste

unter den wiederentdeckten Weideschweinen,

gefolgt von der meist grau

gefleckten Turopolje-Rasse und dem tiefschwarzen

Porc Noir de Bigorre. Auch

Neuzüchtungen wie das Labonca fühlen

sich an der frischen Luft wohl. Die glücklichen

Tiere liefern später Fleisch, Würste,

Schinken und Speck, die ein Vielfaches

von dem kosten, was Konsumenten üblicherweise

im Supermarkt für Schweinernes

ausgeben würden. Trotzdem können

die Edelschweinzüchter mit der Nachfrage

kaum Schritt halten.

ruppig, robust und mit kräuselhaar:

das mangalitzaschwein wird heute wieder

geschätzt.

Foto: robert Kneschke/fotolia.com

mehr fett, bitte

Kein Wunder: Das Fleisch dieser Tiere

hat mit Fünf-Euro-das-Kilo-Aktions-Koteletts

aus dem Supermarkt wenig gemein.

Mit Eicheln gefütterte Mangalitzaschweine

schmecken fast wie Wild.

Dagegen liefert ein Spanferkel der Turopolje-Rasse

fast weißes Fleisch, das noch

dazu ungewöhnlich saftig ausfällt. Und

fein durchzogen sind die Schnitzel, denn

die Naturschweine dürfen auch wieder

Fett am Leib haben, das bei den Konsumenten

so lange verpönt war. Manchmal

ist das sogar das Beste: Mangalitzaschweine

tragen eine dicke Fettschicht am

Rücken, daraus entsteht durch Lagern in

Basalttrögen ein blütenweißer Speck, der

bei der Reifung einen zartnussigen Geschmack

entwickelt, am Gaumen schmilzt

und sofort jeden Gedanken daran vertreibt,

dass es sich um reines Schweinefett

handelt. Findige Köche legen hauchdünne

Scheiben davon über frisch geröstete

Steinpilze oder kombinieren sie mit gebratener

Seezunge.

gourmets lieben die neue schweinekultur,

weshalb heute auch in den Fünf-

Sterne-Hotels von Kitzbühel Tiroler

Schinkenspeck als Amuse-Bouche zum

Dinner gereicht wird. Oder in einem der

höchstdekorierten Restaurants Österreichs,

beim „Obauer“ in Werfen (Salzburg),

„Schweinsschopf mit Garnelen und

Avocadocreme“ auf der Karte steht.

wobei sich trefflich streiten lässt,

ob die Gourmets und Spitzenköche

den Boom ausgelöst haben, indem sie

nach Hummer und Jakobsmuscheln das

Schwein als „in“ ausriefen und damit einen

Markt schufen – oder umgekehrt engagierte

Landwirte die längst vergessenen

Qualitäten von Schweinefleisch wieder

entdeckten und die verwöhnten Esser

überzeugten.

strenge Qualitätskriterien

Den Kunden der Vulcano Schinkenmanufaktur

in Auersbach, Oststeiermark, sind

solche Fragen egal. Sie wollen einfach das

frische Aroma des zartrosa Schinkens genießen,

der im Vulkangestein reift, zusammen

mit pfeffrigen Salamis und würzig

geräuchertem Wangenspeck. Das Rohmaterial

liefern ein paar Dutzend Bauern

der Umgebung, die sich verpflichtet haben,

ihre Schweine nach strengen Qualitätskriterien

zu halten.

auch fleischer roman thum in wien

verlässt sich nur auf ausgesuchte Lieferanten.

Sein preisgekrönter gekochter

Mangalitza-Beinschinken wird in mehrere

Länder Europas exportiert, zum Beispiel

auch zu Schumann‘s TagesBar in

München. Der Prosciutto-ähnliche Rohschinken

vom Porc Noir dagegen bleibt

meist Stammkunden vorbehalten – es

gibt einfach noch nicht genug davon.

18 österreich starkes land 2/2013

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ALPLOG Carinthia.

Das Logistikzentrum im Süden Österreichs.

In Kärnten, im Herzen des Dreiländer-Ecks Italien, Slowenien und Österreich, in

unmittelbarer Nähe zu Villach und direkt an der Autobahn A2, liegt das Logistikzentrum

ALPLOG. Unternehmen und Dienstleister aus dem Logistikbereich finden

hier voll erschlossene Ansiedlungsflächen.

Überzeugende Argumente:

Gesamtfläche: circa 164 Hektar

Individuell gestaltbar: Industrie- und Ansiedlungsflächen ab € 55/m 2

Zukunftsträchtig: Ausbau zu einem Dry-Port, u.a. für die Nord-Adriatischen Häfen

(Venedig, Triest, Koper, Rijeka, Ravenna)

Attraktiver Service: Großverschiebe- und Umschlagbahnhof mit angeschlossenem

Logistikzentrum der ÖBB

Beste Lage: am Schnittpunkt der Tauern- und der Baltisch-Adriatischen-Achse

Sprechen Sie mit uns! Wir unterstützen Sie kompetent und kostenfrei bei allen

Fragen zu einer Ansiedlung bzw. Expansion in Kärnten.

Wir freuen uns auf Ihre Kontaktaufnahme!

Entwicklungsagentur Kärnten GmbH

Tel.: +43(0)463 55800 97

E-Mail: office@madeinkaernten.at

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.


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urlaubserlebnis

österreich

schnee, berge, einzigartige landschaft und die passende infrastruktur: für den wintergast hält Österreich die perfekte mischung bereit.

Damit positioniert sich die alpenrepublik als starke macht im wintertourismus.

Foto: tVB St. Anton am Arlberg/Josef mallaun

erfolgsgeschichte(n)

im schnee

Der wintertourismus zählt zu Den wesentlichen wirtschaftsfaktoren

in Österreich. Seine Stärke erhielt er vor allem durch den Ausbau der Lifte und Seilbahnen.

Den Expansionen stehen aber auch kritische Stimmen gegenüber.

von gloria staud

Spätestens ab Ende September kleben

Ski- und Snowboardfans an

den Scheiben und warten auf Regen.

Je mehr kommt und je früher es

kalt wird, desto besser die Pisten in Österreich.

Und schon am nächsten Wochenende

werden die längst präparierten

Brettln gepackt und ab ins Alpenland, hinauf

in die Höh’. Der Wintertourismus gehört

zu Österreich wie die Sachertorte

und der Donauwalzer, und beim Wintersport

liegt die Alpenrepublik ganz vorne

in Europa – nicht nur (oft) sportlich, sondern

vor allem was die Gäste betrifft. 65,6

Millionen Nächtigungen verbuchte das

Land in der Wintersaison 2012/13, mit

einem Plus von 1,8 Prozent.

wirtschaftsmotor

seilbahnen

Seit Jahrzehnten beschert der Wintertourismus

dem Land in den Alpen

eine besondere betriebswirtschaftliche

Stärke. Mit der Technisierung und Mechanisierung

des Skiraumes kam in den

1960er/70er Jahren die breite Welle der

Gäste. Die Erschließung der Skigebiete,

auch in unbekannten Gegenden, ging

einher mit der rasanten Entwicklung der

Aufstiegstechnologien. Dieser starke Impuls

katapultierte Österreich zur heutigen

dominierenden Macht im Wintertourismus.

einen relevanten beitrag zu diesem

wirtschaftlichen Erfolg bringen die österreichischen

Seilbahnen ein. Die Zahlen

sprechen für sich: der Winter 2012/2013

brachte der Branche einen Kassenumsatz

von 1.243 Millionen Euro. Blickt

man auf die Kennzahlen, so gab es ein

Plus bei den Skier Days (rund 8,4%) und

außerdem ein Plus bei den Umsätzen

»

österreich starkes land 2/2013 21

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urlaubserlebnis Österreich

Die einzigartigkeit des winterurlaubs in Österreich soll neu interpretiert werden, schlagen experten vor.

Foto: gletscherbahnen Kaprun Ag

Die seilbahnwirtschaft

gehÖrt zu Den Österreichischen

wirtschaftsmotoren.

Seilbahner-Obmann Franz Hörl

unterstreicht die Innovationskraft

der Branche. Foto: WK/Seilbahnwirtschaft

(rund 7%) bei gleich vielen Betriebstagen.

Auch die Zahl der Beförderungen ist

um ca. 9% angestiegen im Vergleich zum

Vorjahr. Damit gehörte der letzte Winter

zu den drei erfolgreichsten insgesamt in

der Branche. „Als ökonomisch denkende

und innovative Branche haben Österreichs

Seilbahnen bereits vor Jahren erfolgreiche

und wichtige Schritte gesetzt um

die Zukunft des heimischen Tourismus

zu sichern“, erklärt Franz Hörl, der Obmann

des Fachverbandes der Seilbahnwirtschaft

Östereichs.

innovationskraft

für Das lanD

Seit dem Jahr 2000 habe die Branche in

Österreich sechs Milliarden Euro in Sicherheit,

Qualität, Komfort und Beschneiung

investiert und damit massive

Akzente im Angebotsbereich gesetzt.

Über 70 Prozent der Urlauber kommen

wegen dem Skifahren nach Österreich.

In Sachen Infrastruktur, Modernität der

Liftanlagen, Beschneiungsanlagen, die

auch in niederschlagsarmen Zeiten für

uneingeschränktes Pistenvergnügen sorgen,

Sicherheit auf der Piste und qualitativ

hochwertiger Gastronomie am Berg ist

Österreich Vorreiter und

international anerkannter

Innovator. Davon profitiert

die gesamte Tourismus-Wirtschaft

in den alpinen

Regionen nachhaltig.

„Laufende Investitionen

befriedigen den stetig steigenden

Qualitätsanspruch

der Gäste, und die Attraktivität

der gesamten Region wird gesteigert.

Ohne Seilbahnen gäbe es viele blühende

Täler und lebenswerte Regionen in

der heutigen Form sicher nicht“, ergänzt

Franz Hörl.

seilbahnen sinD „wertschÖpfungs-turbos“

unD

stabile arbeitgeber

Die Seilbahnbetreiber sind nicht nur der

Generaldienstleister am Berg – sondern

auch ein maßgeblicher Umsatzbringer

und Wertschöpfungsfaktor. Bergbahnnut-

zende Wintersportler generieren einen

Bruttoumsatz von rund 5,56 Mrd. Euro.

Der Wertschöpfungs-Multiplikator liegt

bei 6,6. Seilbahner-Obmann Hörl unterstreicht:„Wir

sind damit wesentlich für die

Stimulation der allseits zitierten Binnenmärkte

verantwortlich. Immerhin beziehen

wir einen überwiegenden Teil unserer

Leistungen in Österreich und in unserem

direkten Umfeld.“ Die Republik Österreich

profitiere mit einem Umsatzsteueraufkommen

von rund 584 Millionen Euro

in erheblichem Umfang von diesen Ausgaben.

wintererlebnis neu

interpretieren

Einhergehend mit dem Erfolg stellt sich

für die Tourismuswirtschaft natürlich die

Frage, wohin die „Reise“ weiter gehen

soll. Dabei gibt es auch Stimmen, die dem

weiteren Ausbau im Bereich der Alpen

eine Trendwende entgegen setzen möchten.

So etwa Tourismusexperte Andreas

Braun. Der gebürtige Kitzbüheler leitete

zwölf Jahre die Tirol Werbung und bereitete

den Weg für eine breite Thematisierung

des Phänomens Tourismus. 1994

wechselte Braun zu Swarovski und verwirklichte

mit André Heller die Kristallwelten

Damals wie heute blickt er kritisch

22 österreich starkes land 2/2013

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urlaubserlebnis Österreich

auf den Tourismus. „Man muss aufpassen,

dass man sich nicht auf dem Erfolg ausruht.

Die Weichen für verschiedene qualitative

Differenzierungen seien bereits gestellt

– von Wellness- oder Kinderhotels

„Den winter in Den alpen

nicht trivialisieren“, schlägt

Tourismusexperte Andreas Braun

ein Nachdenken über ästhetische

Tiefe vor.

Foto: Swarovski

über Events bis zu Kulinarikoffensiven

auf den Tiroler Gletschern versuchen die

Touristiker, Regionen oder Orte stärker

zu positionieren. Visionär Braun schlägt

jedoch einen vertiefenden Ansatz vor:

„Ich glaube, wir brauchen eine Neuinterpretation

des Wintererlebnisses. Winter in

Österreich darf nicht banal werden. Das

bedeutet für mich: das Angebot verknappen,

wertvoller und bedeutender machen.

Ich glaube, wir müssen Geschwindigkeit

aus dem derzeitigen Prozess herausnehmen

und nicht nur auf eindimensionale

Technologie setzen.“ Das bedeutet für ihn

über den öffentlichen Raum am Berg zu

sprechen und hier neue Akzente zu setzen:

mit zeitgemäßer Architektur,

Aussichtsplattformen,

öffentlicher Land-Art.„Das

heißt beispielsweise auch,

mit nostalgischen Liften die

Gäste bewusst wieder die

Langsamkeit spüren lassen.

Ich denke, wir sollten diese

geografischen Höhen und

Tiefen in unserem Land in

ihrer Vielschichtigkeit wahrnehmbar machen.

Ich denke, wir sollten uns aus dem

technoiden Wettbewerb herausnehmen, da

wir wahrscheinlich die Attraktivität des österreichischen

Winterraumes trivialisieren.“

renaissance Des blicks

auf Die alpen

Der Tourismusexperte fordert damit einen

grundsätzlichen Haltungswechsel,

eine qualitative Redimensionierung in

der Branche ein. Österreich hätte bisher

erst wenige Prozente des Potentials im

Wintertourismus ausgeschöpft. „Es geht

um eine tiefe ästhetische, menschliche

Dimension. Der Winter an sich trägt

schon Tiefe in sich. Wir brauchen eine

Renaissance des Blicks auf die Alpen,

auf ihre Schönheit mit Sonne, Luft und

Schnee. Winterurlaub soll zum Gesamtkunstwerk

werden“. Als Gedankenübung

schlägt Braun eine „Verdeckungsbilanz“

vor: man solle sich einmal 90 Prozent der

Liftfahrprogramme wegdenken – und

damit die Lust an Innovationen und Ideenfindung

wieder finden.

Österreichs winter 2012/13

(nov.–april) in zahlen

– kassenumsatz der seilbahnwirtschaft:

EUR 1243 Mio. (reiner Umsatz Bahnen

und Lifte)

– skier Days: 54,2 Mio. Skier Days

– beförderungen: 605 Mio. Personen

– betriebstage: 31.800 Tage

– nächtigungen: 65,6 Millionen (+ 1,8 %)

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genießt man die kalte Jahreszeit in der

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österreich starkes land 2/2013 23

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urlaubserlebnis Österreich

Promotion

so schön kann urlaub sein!

Pistenzauber garantieren die Skigebiete

Gerlitzen Alpe und Dreiländereck,

die mit ihren schneesicheren

Pisten beste Möglichkeiten für

Anfänger und Profis bieten.

wer nicht zu den alpinskifahrern zählt,

kann sich beim Tourengehen, Langlaufen,

Rodeln oder Eislaufen im Naturpark

Dobratsch (Kärntens erster Naturwer

für Den winterurlaub eine kombination aus

Skispaß, Familienidylle, Thermal-Badevergnügen und dem mediterranen

Flair einer der schönsten Städte des Landes sucht, ist in der

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liegt das mountain resort feuerberg**** spirit & spa auf

1765 m Höhe direkt an den Liften und Pisten.

Es zählt zu den höchst gelegenen Skihotels

Österreichs. Die Premiumlage

mit Panoramablick sowie eine traumhafte

Wellnesslandschaft (2500 m² Spa)

machen das Resort zu einem begehrten

Winterurlaubsziel. Der Spa umfasst Bergquellpools

im Freien (35°) sowie die Alpentherme

(32°) ebenfalls im Freien, das Hallenbad

„Aquamarin“, neun Saunawelten,

zehn Ruheoasen und einen Fitnessraum.

Der hit für familien: eine Kindererleb-

niswelt mit Riesenrutsche, Softplayanlage,

Theater und Betreuung mit kreativen Programmen

für Kids zwischen drie und fünfzehn

Jahren. Zum Resort gehören eine

Ski- und Snowboardschule inkl. Skiverleih.

Das Übungsgelände „Schneebärenland“

mit eigenem Kinderlift liegt direkt

neben dem Resort.

tipp für die anreise: Fliegen Sie bequem

ab Hamburg, Köln-Bonn oder Berlin

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Tage, Ski-Ausrüstung, Bambini-Liftkarte, täglicher

Feuerberg Mittagsimbiss inklusive

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Flughafen ist nur 50 km entfernt. PR

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24 österreich starkes land 2/2013

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Promotion

urlaubserlebnis Österreich

Der aufsteiger unter Österreichs skiregionen

Die einzigartige Bergwelt und die perfekten Bedingungen für Wintersportler

und Erholungsuchende haben das montafon im Laufe der

letzten Jahre zu einer der beliebtesten Skiregionen Österreichs gemacht.

Und sogar zur beliebtesten in ganz

Vorarlberg, die vielen Auszeichnungen

sprechen für sich. Für alle,

die gerne auf den Brettern stehen, bietet

das Montafon auch in diesem Winter jede

Menge Möglichkeiten für atemberaubende

Bergerlebnisse.

zahlreiche freeride hotspots im Montafon

gehören zu den schönsten Österreichs.

Außerdem sind die Pisten generell

für jedes Alter und Level geeignet.

für die ganz kleinen gibt es in allen Skigebieten

verschiedene Angebote zur Betreuung.

So können die Eltern beruhigt

auf eigene Faust ein paar Abfahrten machen,

und die Kinder werden spielerisch

an das Skifahren herangeführt. Auch abseits

der Piste lädt die traumhafte Schneewelt

zu vielen weiteren Aktivitäten ein.

ein traum, der nicht nur erholsam, sondern

dank der attraktiven Packages und

Vergünstigungen auch erschwinglich ist. PR

montafoner winter 2013/14

– 232,5 km Pisten (inkl. Skirouten)

– ca. 290 km ausgesteckte

Schneeschuhrouten und Winterwanderwege

– ca. 100 km Langlaufloipen mit

6 Höhenloipen

–2beleuchtete Naturrodelbahnen

– Alpine-Coaster-Golm

– Eislaufplätze

10 Skischulen und Skikindergärten

– Gratisskibusse

– Freeride-Areas mit einer Vielzahl von

Tiefschnee- bzw. Firnabfahrten

– tolles Skitourengebiet

Fotos: Montafon Tourismus GmbH/Alexander Kaiser

montafon tourismus gmbh

A-6780 Schruns

Vorarlberg, Austria

Tel. +43/5556/722530

Fax +43/5556/74856

info@montafon.at

www.montafon.at

hier liegt man richtig ...

Herzlich willkommen bei gepflegter Gastfreundschaft in familiärer Atmosphäre

–im hotel zimba*** s – in Schruns-Tschagguns im Montafon.

getreu unserem Motto: Hotel Zimba

– um Berge besser – sind wir mit

unserem Team immer bemüht, Ihren

Urlaub so schön wie möglich zu gestalten.

Unser Hotel liegt inmitten von

Schruns-Tschagguns in der herrlichen

Montafoner Bergwelt. Diese zentrale Lage

bietet einen idealen Ausgangspunkt zum

Schifahren und sonstigem Bergsportvergnügen.

Ein Urlaubstag beginnt mit einem

einladenden Frühstück und endet in einem

guten Bett – in den gemütlichen, eigenen

vier Wänden. Nach einem Tag voller Aktivitäten

oder auch zur Entspannung zwi-

schendurch gibt es unsere Wellnessalm

zum Energietanken für Körper und Seele.

Der Abend klingt gemütlich in unserer

ZimbaBAR mit Musik aus.

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5.1. bis 27.2.2014 und 9.3. bis 29.3.2014

Skigenuss pur–Total inklusive:

– 5–7 Nächte Verwöhnhalbpension

– 4–6-Tage-Skipass für das gesamte Montafon

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Veltlinerweg 2

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österreich starkes land 2/2013 25

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urlaubserlebnis Österreich

Promotion

obertauern – wo der

schnee zu hause ist

Der „hot spot“ unter Österreichs skigebieten –Das größte Pfund, mit dem der

renommierter Salzburger Wintersportort nicht ungern wuchert, ist seine Lage. Gerade mal

90 km von der Mozartstadt entfernt, von Wien oder München aus gleich gut zu erreichen.

Doch nicht nur die Verkehrslage,

auch die Höhenlage ist einzigartig.

Auf 1740 Meter Höhe liegt das

Ortszentrum, und von da spannen sich

die Pisten, den Speichen eines großen

Rades gleich, an den Flanken einer majestätischen

Bergkulisse bis hinauf auf

2526 Meter Höhe. Nicht umsonst nennt

man Obertauern auch die „Schneeschüssel

Österreichs“. Perfekte Wintersportbedingungen

ab Ende November bis Anfang

Mai ermöglichen die langfristige Urlaubsplanung

ebenso wie den spontanen Kurztrip.

tauernrunDe: Die schÖnste

runDe, seit es skilauf gibt

In vielen Häusern und Hotels von Obertauern

hängen noch Fotos, die die legendären

Beatles bei waghalsigen

Abfahrten auf den Pisten von

Obertauern zeigen. Sie waren die

Mitbegründer des internationalen

Renommees, das Obertauern seit bald 40

Jahren stetig mehrt. Fast mehr noch als die

Prominenten hat die geniale Anlage und

Vernetzung der Lifte zum legendären Ruf

Obertauerns als perfektes Skizentrum

beigetragen. Von jedem Punkt des Ortes

aus ist man in wenigen Minuten mitten im

Skigeschehen. Die Lifte sind so feinsinnig

verwoben, dass man, entweder im Uhrzeigersinn

oder gegen diesen, sämtliche

Pisten abfahren kann und immer wieder

zur Ausgangsstation zurückkehrt.„Tauernrunde“

nennt sich das, ein Perpetuum mo-

bile des Skilaufs, einzigartig

in seiner Art im gesamten Alpenraum. Bedient

wird dieser Skizirkus von 26 modernen

Seilbahn- und Liftanlagen, die als Zubringer

und Verbindungselemente zu den

rund 100 Kilometer Pisten fungieren.

glatt unD bucklig unD

ziemlich fett

Wenn sich die Skiläufer und Snowboarder

schon in die Après-Ski-Domänen

des Ortes verzogen haben, hebt ein anders

Schauspiel an. Unzählige Pistenraupen

schnurren die Hänge rauf und

runter, walzen glatt und rauen auf, um

26 österreich starkes land 2/2013

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Promotion

urlaubserlebnis Österreich

skiopening mit parov stelar banD

Österreichischer electro swing/pop

in obertauern: Am Samstag, den

30.11.2013 wird PAROV STELAR BAND

den Winter in Obertauern eröffnen! Dieser

Österreichische Künstler hat mit seiner

Band 2013 aktuell drei Amadeus Awards in

der Tasche (darunter als bester Live-Act)

obertauern – highlights

– Saisonstart mit Teilbetrieb

der Lifte: 20.11.2013

– Skiopening 2103/14:

28.11. bis 08.12.2013

– Open-Air-Konzert mit

PAROV STELAR BAND: 30.11.2013

– Ö3-Krampusparty: 7.12.2013

– Ü-30-Skiwochen: 11. bis 25.1.2014

– Gamsleiten Kriterium – Österreichs

größte Schatzsuche: 24. bis 27.4.2014

das Skivolk am anderen Morgen wieder

auf perfekt präparierte Pisten zu stellen.

Hat die Nacht erst einmal ihre volle

Dunkelheit erreicht, dann mutieren die

stählernen Ungetüme mit ihren Scheinwerfern

zu einem Heer von Glühwürmchen,

die emsig über die Pisten fliegen.

Doch nicht nur ob seiner glatten Pistenperfektion

spielt Obertauern in der winterlichen

Champions League. Auf der

„Gamsleiten 2“ bietet Obertauern eine

der steilsten Buckelpisten Europas, Kategorie

tiefschwarz und der gesuchte

Kick für die Besten unter den Skifahrern

und Snowboardern. Letztere delektieren

sich in Obertauern noch an einem weiteren,

ziemlich fetten Vergnügen, dem

Snowpark Obertauern. Ein spezieller

Treffpunkt für die Freestyleszene mit

tollen Sprüngen und Slide-Elementen.

Der SNOWPARK OBERTAUERN

"The Spot" lässt die Herzen der Freestyler

höher schlagen, schließlich ist da für

jeden etwas dabei.

ganz oben viel los

Obertauern bietet modernsten Hotel-

und Appartementkomfort, ein Top-

Wellness- und Fitnessangebot, vielfältige

Shoppingmöglichkeiten, jede Menge

Après-Ski, ein aufregendes Nachtleben,

zahlreiche Events der Extraklasse und

nicht zuletzt eine herrlich unbeschwerte

Urlaubsstimmung – von der Hüttengaudi

bis zum heißen Nachtleben, egal, ob man

allein oder mit Freunden unterwegs ist.

In der aufregenden Nachtszene findet jeder,

was er sucht: Heiße Rhythmen, coole

Drinks, interessante Leute oder zünftige

Schmankerln. Und davon gibt's in Obertauern

jede Menge.

PR

tourismusverbanD obertauern

Pionierstraße 1

A-5562 Obertauern

Tel. +43/6456/7252

Fax +43/6456/7252-9

info@obertauern.com

www.obertauern.com

attraktive ski-pauschalen

– Eröffnungswochen:

20.11. bis 21.12.2013

– Bobby‘s Schneeabenteuer:

14. bis 21.12.2013; 22.3. bis 29.3.2014;

19.4. bis 26.4.2014

– Pulverschneewochen:

11.1. bis 1.2.2014

– Sun &Fun-Wochen: 22.3. bis 12.4.2014;

19.4. bis 4.5.2014

kiDs & teens ganz oben

– Kostenloses Skifahren für

Kinder bis 5 Jahre

– Bobby’s Schneeabenteuer-Paket (s.o.)

– Bibo Bär Familienskipark,

Ski-Geisterbahn

– Betreuung in den Kindergärten

– Ski-Vorschule für Kinder von 3bis 4Jahren

– Mittagsspecials für Kinder

– Kinderschatzsuche in bestimmten

Ferienzeiten

– Lawinen-Sicherheitstraining, Airborden,

Telemarken, Eisklettern

– Freestyle- und Freeride-College

und -Kurse

– Rodelbahn, Pferdeschlittenfahrten,

Eislaufplatz ...

österreich starkes land 2/2013 27

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urlaubserlebnis Österreich

Promotion

winterliche hochgefühle

zwischen gletscher, berg & see

alpiner winter mit 100 %schneegarantie unD unvergesslichen highlights:

Der Winter in Zell am See-Kaprun reicht vom ewigen Eis des über 3000 Meter hohen

Gletschers bis zu den Ufern des zugefrorenen Zeller Sees.

in dieser traumhaften Kulisse ist die

ganze Bandbreite des Wintersports zu

Hause. Auf 138 Pistenkilometer kommen

Könner und Genießer in Fahrt.

aber auch für alle, die abseits der

pisten das schnee-erlebnis suchen, bietet

die Region eine Vielfalt an Winterssportaktivitäten:

Von sanften Langlauf-,

Wander- und Schneeschuhtouren durch

tief verschneite Winterlandschaften über

rasante Rodelpartien und Freeride-Erlebnisse

bis hin zu Eissportarten auf der

Natureisfläche des Zeller Sees. Abwechslungsreiche

Events, die längste Fun-Slope-

Piste der Welt und die neue Piste „Black

Mamba“ sorgen für das perfekte Urlaubserlebnis.

wintersport auf

Die sanfte tour

Auf leisen Sohlen erleben Wanderer,

Schneeschuhgeher und Nordic Walker die

winterliche Natur. Rund 40 km geräumte

Wege führen durch die malerische Zeller

Berglandschaft. Wer die Bergwelt nicht

auf eigene Faust erkunden möchte, kann

die Winterlandschaft bei geführten Touren

entdecken, beispielsweise bei einer GPS

Skisafari oder einer Kunstwanderung entlang

der Höhenpromende auf der Schmittenhöhe.

erstklassige angebote

für familien

Mit professionellen Kinderbetreuungen

und -skischulen punktet die Region Zell

am See-Kaprun bei Eltern und Kindern.

Während die Erwachsenen sorglos über

die Pisten carven, wird der Nachwuchs

von geschulten Kinderanimateuren bestens

versorgt. Kinderclubs, Skikindergärten

und Kinderskischulen bieten Programme,

die auf das jeweilige Alter

abgestimmt sind.

neue erlebniswelten

In der 'Gipfelwelt 3000' auf dem Gletscher

eröffnet sich Gästen die überwältigende

Welt der Dreitausender des Nationalparks

Hohe Tauern. Zwei neue

Aussichtsplattformen garantieren einen

atemberaubenden Rundumblick. Die modernisierte

Gipfelstation lockt unter anderem

mit dem mehrfach ausgezeichneten

Cinema 3000, einem Gipfel-Restaurant

und einem Infotainment-Highlight in

einem Stollen. Entspannung findet man

in der 20.000 m 2 großen Wasser- und Wellnesswelt

Tauern Spa.

PR

für JugenDliche

von Jänner bis märz 2014 gehört der

montag und mittwoch den snowboardern

und freeskiern: Im Januar, Februar

und März steigt jeweils ab 20.00 Uhr die

SnowNight: Montags am Lechnerberg in

Kaprun und mittwochs am CityXpress der

Schmitten in Zell am See. Hier zeigen

Boarder und Freeskier ihr Können auf einem

oder zwei Brettern. Weitere Highlights sind

die beeindruckende Lasershow und „Beat

House“ Live-Musik. Der Eintritt ist frei.

für romantische

„sternenadvent“ vom 21. november bis

22. Dezember 2013 mit Zeller Adventzauber-Markt,

Sternenkino, Nostalgiekarussell,

Nachtwächter- und Lamawanderungen sowie

Sternenschifffahrten.

zell am see-kaprun tourismus

Brucker Bundesstraße 1a, A-5700 Zell am See

Tel. +43/6542/770

welcome@zellamsee-kaprun.com

www.facebook.com/zellamsee-kaprun

www.zellamsee-kaprun.com

Fotos: tVB Zell am See-Kaprun

28 österreich starkes land 2/2013

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convention

tagen in österreich

nieDerÖsterreich tagt

Der kongress- unD wirtschaftstourismus

ist in nieDerÖsterreich besonDers

ausgeprägt. Auf der Suche nach dem besonderen

Tagungsort wird man hier sicherlich fündig. von ernst spreng

50 unternehmen sind

derzeit partner des

convention bureaus

niederösterreich.

Foto: Lois Lammerhuber

Die Bedeutung des Tagungstourismus

in Niederösterreich zeigt sich

auch im aktuellen „Meeting Industry

Report Austria“. Mit 1.375 gemeldeten

Veranstaltungen – das waren 10,3 % aller

Events in Österreich – nimmt Niederösterreich

nun nach Wien und Salzburg den dritten

Rang im Bundesländer-Ranking ein.

Dass österreichweit eher die kleineren

und mittleren kongresse bevorzugt werden

(93 % von ihnen verzeichneten unter

500 Teilnehmer) kommt auch Niederösterreich

entgegen, ist sich Landesrätin Petra

Bohuslav sicher: „Die Kongress-Locations

in Niederösterreich sind vorwiegend auf

eine Teilnehmerzahl von 100 bis 500 Personen

ausgerichtet.“

neuer katalog

Auch heuer gibt es vom Convention

Bureau Niederösterreich wieder einen aktuellen

Katalog, in dem alle 50 Toppartner

übersichtlich vorgestellt werden. Bei der

Ermittlung der optimalen Location helfen,

neben zahlreichen Fotos, die Präsentation

von speziellen Angeboten und eine

Auflistung der Besonderheiten sowie relevante

Eckdaten wie Raumflächen, technische

Ausstattung sowie Quantität und

Qualität der möglichen Bestuhlung und

des Caterings. Bestellungen für den

Katalog sind kostenlos über die Homepage

www.convention-bureau.at möglich.

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die perfekte Location

Veranstaltungen

in Niederösterreich

Loisium, Foto: Lois Lammerhuber

Von der modernen Open-Air-Bühne bis zum barocken Schloss – Niederösterreichs Locations

bieten eine beeindruckende Vielfalt an Größen und Stilen. Mit moderner Infrastruktur,

guter Erreichbarkeit, aufmerksamem Service und attraktiven Rahmenprogrammen werden

Sie auch Ihre Gäste beeindrucken.

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kultur

highlights

kokoschka in zwei sichten

in einen spannenDen Dialog treten oskar kokoschkas werke im

leopolD museum in wien: Seinen Grafiken und Gemälden werden Fotodokumente

vom Leben des Künstlers selbst komplementär zur Seite gestellt.

von gloria staud

rund 7000 Besucher stürmten zur

österreichischen Langen Nacht der

Museen am 5. Oktober das Wiener

Leopold Museum und machten so das

Haus am Museumsplatz zu den Hotspots

in der Stadt. Ein gewichtiger Grund für

das große Interesse: die neue Ausstellung

„Kokoschka. Das Ich im Brennpunkt“,

die in Zusammenarbeit mit dem Oskar

Kokoschka-Zentrum der Universität für

angewandte Kunst Wien entstanden ist.

Denn die Schau eröffnet eine neue Sicht

auf den Künstler: Schließlich ist kaum bekannt,

dass Kokoschkas Leben und Schaffen

auch durch eine Vielzahl von Fotos

dokumentiert ist. Allein im Nachlass des

Künstlers sind rund 5000 Fotos erhalten,

die sich heute in der Universität für angewandte

Kunst Wien befinden und nunmehr

erstmals in einer wissenschaftlich

kommentierten Auswahl publiziert werden.

Fotografische Aufnahmen aus Kokoschkas

Arbeitsumfeld und Privatleben

vermitteln ein reiches, intensives Künstlerleben

und sind zugleich ein Stück Kultur-

und Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts.

kokoschka in foto und bild: Die schau im leopold museum stellt die werke des künstlers

fotografien seiner person gegenüber. wie hier kokoschka vor seinem selbstbildnis

von zwei seiten um 1955.

Foto: Universität für angewandte Kunst Wien, Foto rené Burri/magnum Photos

role moDel kokoschka

Das Konzept der Ausstellung: Gemälde

und Grafiken stehen Seite an Seite mit

einer beeindruckenden Auswahl an Fotografien

aus dem Nachlass des Künstlers,

darunter Fotografien von Meisterhand,

etwa von Madame d‘Ora, Brassai,

Erich Lessing, Franz Hubmann, René

Burri, Barbara Pflaum u.v.m. Damit tritt

das Lebenswerk eines großen internationalen

Malers des 20. Jahrhunderts in einen

spannenden Dialog zur Fotografie,

dem Medium, das wie kaum ein anderes

das visuelle Gedächtnis dieses Jahrhunderts

geprägt hat. Für Gerald Bast, Rektor

der Universität für angewandte Kunst

und Kooperationspartner des Leopold

Museums, ist Oskar Kokoschka ein „Role

Model, missachtet, verachtet, verfolgt und

voller Widersprüche“. Schließlich wurde

der Künstler während der nationalsozialistischen

Ära nicht nur seiner Kunst wegen

als prominenter „entarteter“ Künstler

diffamiert, sondern auch aufgrund seiner

offenen Gegnerschaft zum Regime.

kein platz für zweite

Kokoschkas allgegenwärtige Leidenschaft

für alle Kunst- und Lebensbereiche

faszinierte viele Zeitgenossen, darunter

bedeutende Literaten, Komponisten,

Bühnenstars, Wissenschaftler, Politiker

und Lebenskünstler. All diese Facetten

spiegeln die Werke ebenso wider wie die

rund 220 ausgewählten Vintage-Prints.

Für Leopold Museum-Direktor Tobias

G. Natter ist Kokoschka ein unvergleichlicher

Medienmagier: „Wenn Oskar Kokoschka

auf dem Foto ist, dann ist für keinen

Zweiten Platz. Die Kamera begleitet

ihn auf Schritt und Tritt“. Das Leben des

schöpferischen Menschen werde hier geradezu

filmisch aufbereitet: in außergewöhnlichen

Porträts, Selbstbildnissen,

Prominentendarstellungen und Städteporträts.

„Jede Fotografie ist ein Kleinod

für sich und wird behutsam behandelt wie

eine Meisterzeichnung des Künstlers“,

umreißt Natter die einzigartige Schau.

Noch zu sehen bis 27. Januar 2014.

30 österreich starkes land 2/2013

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Promotion

kultur-highlights

mozartwoche 2014

Das klassikhighlight

zu mozarts geburtstag

international renommierte Dirigenten,

Orchester und Solisten machen vom

23. Jänner bis 2. Februar 2014 die

Mozartwoche zu einem Highlight des

Klassik-Winters.

auf dem programm steht „Orfeo ed

Euridice“ (C.W. Gluck), dirigiert von

Marc Minkowski. Die Titelrolle verkörpert

Countertenor Bejun Mehta; an seiner

Seite Camilla Tilling als Euridice und

Ana Quintans als Amor, die Chorpartie

singt der Salzburger Bachchor, es spielen

Les Musiciens du Louvre Grenoble.

Daneben sind spannend programmierte

orchesterkonzerte mit den

Wiener Philharmonikern, der Cappella

Andrea Barca, dem Freiburger Barockorchester

und dem Scottish Chamber Orchestra

und hochkarätigen Solisten und

Dirigenten zu erleben. Künstler wie Soile

Isikoski, Kristian Bezuidenhout, Rolando

countertenor bejun

mehta Fotos: m. Borggreve

künstlerischer leiter

marc minkowski

Villazón, Fazil Say und Michael Schade

gestalten das Festival. Neben Werken

von W.A. Mozart werden vor allem Arvo

Pärt, Carl Philipp Emanuel Bach und

Richard Strauss zu hören sein. PR

kontakt &karten

Kartenbüro der Stiftung Mozarteum Salzburg

Theatergasse 2 im Mozart-Wohnhaus

Tel. +43/662/873154, tickets@mozarteum.at

www.mozarteum.at

Hieronymus Bosch

Tizian | Rembrandt

Rubens | Van Dyck

völkerverbindung im advent

aus immer neuen

perspektiven

betrachtet Das

salzburger

aDventsingen

Das aDventliche

geschehen.

Die Traditionsveranstaltung

im

Großen Festspielhaus,

Keimzelle und

großes Vorbild zahlreicher

Adventsingen,

stellt heuer die

menschlichen Sehnsüchte in den Mittelpunkt.

Das neue Gesamtwerk von Hans

Köhl und Shane Woodborne wird von Caroline

Richards in sieben Bildern in Szene

gesetzt. Nicht das Trennende, sondern das

Völkerverbindende steht beim Salzburger

Adventsingen 2013 im Vordergrund. Es

zeigt neben dem biblischen Geschehen,

auch die hirtenkinder feiern am 29.11.

premiere, bis zum 15.12. folgen vierzehn

vorstellungen.

©Salzburger Adventsingen

erzengel michael,

friedlich

Johann weyringer

wie Menschen unterschiedlicher Religionen

im Glauben zu gemeinsamen Erkenntnissen

finden können.

PR

kontakt &karten

Salzburger Heimatwerk, Residenzplatz 9

A-5010 Salzburg, Tel. +43/662/843182

www.salzburgeradventsingen.at

Schillerplatz 3, 1010 Wien

Di–So 10 — 18 Uhr

www.akademiegalerie.at

österreich starkes land 2/2013 31

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kultur-highlights

Promotion

wiener symphoniker

Fotos: Lukas Beck (o.), Felix Broede(r.)

Das konzertorchester der stadt wien

Die wiener symphoniker sinD wiens konzertorchester und damit verantwortlich

für den weitaus größten Teil des symphonischen Musiklebens dieser Stadt.

Dirigent kent nagano

Auch in der Saison 2013/14 präsentieren

sich die Wiener Symphoniker

bei ihren Veranstaltungen in Wiens

berühmtesten Konzertsälen mit ausgesuchten

Pultstars. Unter anderem leitet

Kent Nagano, designierter Generalmusikdirektor

der Hamburgischen Staatsoper,

ein Konzert mit Bruckners beliebter

7. Symphonie. Simone Young

musiziert mit den Wiener Symphonikern

beim österlichen Saison-Highlight „Frühling

in Wien“ ein typisch wienerisches

Programm. Eine Woche davor feiert

Giovanni Antonini mit Bachs Johannespassion

sein Debüt am Pult des Orchesters.

Heute so selbstverständlich im Repertoire

verankerte Werke wie Anton

Bruckners Symphonie Nr. 9, Arnold

Schönbergs Gurre-Lieder, Maurice Ravels

Konzert für die linke Hand und Franz

Schmidts Das Buch mit sieben Siegeln

wurden von den Wiener Symphonikern

uraufgeführt. In den letzten Jahrzehnten

formten insbesondere die Chefdirigenten

Herbert von Karajan, Wolfgang

Sawallisch, Carlo Maria Giulini, Georges

Prêtre und Fabio Luisi das Klangbild. Ab

der Saison 2014/15 steht Philippe Jordan

als Chefdirigent dem Orchester vor. PR

kontakt

Tel. +43/1/58979-51

www.wienersymphoniker.at

„DEN RING MUSS ICH HABEN!”

DER RING DES NIBELUNGEN IM MUSIKTHEATER AM VOLKSGARTEN IN LINZ

DAS RHEINGOLD PREMIERE 26. OKTOBER 2013 DIE WALKÜRE PREMIERE 22. MÄRZ 2014

SIEGFRIED PREMIERE 1. NOVEMBER 2014 GÖTTERDÄMMERUNG PREMIERE 7. FEBRUAR 2015

MUSIKALISCHE LEITUNG Dennis Russell Davies INSZENIERUNG Uwe Eric Laufenberg BÜHNE Gisbert Jäkel KOSTÜME Antje Sternberg

GEWINNEN SIE 2 x 2 Karten für Das Rheingold oder Die Walküre mit anschließendem Dinner im Restaurant Das Anton und

Nächtigung im Hotel Courtyard by Marriott. Senden Sie ein E-Mail mit dem Betreff „Gewinnspiel“ an ring@landestheater-linz.at

Einsendeschluss: 29. November 2013

WWW.LANDESTHEATER-LINZ.AT

32 österreich starkes land 2/2013

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finanzplatz

österreich

blue chips

an Der

blauen Donau

österreich starkes land 2/2013 33

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finanzplatz Österreich

„wir brauchen ein kapitalmarktfreunDliches

klima“

wenn regierungen falsche signale setzen, fliehen die Investoren wie

aufgescheuchtes Wild. Die Wiener Börse hofft deshalb darauf, dass die nächste

österreichische Regierung keine neuen Belastungen bringt, sondern die positive

Entwicklung der letzten Jahre unterstützt.

Der Vorstand der Wiener Börse,

michael buhl, erklärt im Gespräch

mit Clemens Hirtenberger,

warum Osteuropa weiterhin eine spannende

Region für Investoren darstellt

und was die Politik

zur Belebung des

Kapitalmarkts tun „am besten wäre es, Die wertpapier-kest

könnte.

Öffentlichkeitswirk-

sam abzuschaffen. Das wäre ein

anleger reagieren

starkes Signal für den Kapitalmarkt.“

in der regel höchst Michael Buhl, Vorstand der Wiener Börse

empfindlich auf politische

entwicklungen.

ist das ergebnis der wahlen in Österreich

gut oder schlecht für die börse?

michael buhl: Die Aktienkurse haben

kaum reagiert, was bedeutet, dass der

Markt stabile Verhältnisse erwartet.

Das heißt, die wiener börse ist mit der

österreichischen politik zufrieden?

In Österreich herrscht leider seit Jahren

ein nicht sehr kapitalmarktfreundliches

Klima. Da trägt auch die Politik dazu bei,

vor allem durch eine oft feindselige Rhetorik,

wo immer noch „die Finanzmärkte“

pauschal als die Schuldigen an der Krise

herhalten müssen und nicht differenziert

wird.

tun ein paar harte worte so weh?

Es geht um die Stimmung. Wir haben das

so oft erlebt, erst jüngst wieder am Beispiel

Frankreich und Italien, da kam es

mit der Einführung der Finanztransaktionssteuer,

die als kapitalmarktfeindlich

wahrgenommen wurde, zu einem starken

Einbruch der Aktienumsätze an beiden

Börsen. So etwas kann auch in Österreich

jederzeit passieren. Deshalb hoffen

wir, dass es keine weiteren Belastungen

michael buhl, vorstand der wiener börse

bei Steuern geben wird, die auf den Kapitalmarkt

wirken – Erbschaftssteuer,

Vermögensteuer sind ja in Diskussion.

Bei der Finanztransaktionssteuer kann

sich Österreich erst recht keinen Alleingang

leisten. Gerade kleinere Märkte

brauchen die Unterstützung durch die

Foto: Wiener Börse

Politik. Das Gesamtklima ist entscheidend.

privatisierungen stehen wohl auch auf ihrem

wunschzettel…

Natürlich.Wirklich schade, dass im Wahlkampf

keine der beiden Großparteien

34 österreich starkes land 2/2013

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finanzplatz Österreich

dieses Thema aufgegriffen hat. Dabei

gäbe es ein großes Potenzial, das man heben

könnte, ohne die ideologische Frage

„Staat oder privat“ überhaupt zu streifen.

Wenn nur der Bund bei allen seinen

Unternehmen auf die Sperrminorität

von 25% plus eine Aktie zurückgeht,

lässt sich ein Volumen von 20 bis 25 Milliarden

Euro erzielen. Die können direkt

in den Abbau der Staatsschulden fließen.

Da profitieren also bei Weitem nicht nur

der Kapitalmarkt und die Anleger, sondern

auch der Staatshaushalt.

Die finanzmärkte und ihre teilnehmer

werden ja gerade strenger reguliert, großteils

geht die initiative von brüssel aus.

sind das notwendige einschränkungen,

oder erwarten sie da belastungen?

Als Marktliberaler würde ich sagen: Natürlich

brauchen Märkte einen funktionierenden

regulatorischen Rahmen, damit

es dort fair zugeht. Aber man muss

sehr darauf achten, nicht durch überschießende

Regelungen den Markt zu lähmen.

Ich denke, dass wir ausreichende Regularien

haben und sie nur „scharf machen“

müssten, also entschlossen anwenden.

Die wiener börse ist traditionell stark in

osteuropa aufgestellt, aber die cee-länder

stecken in der krise. wird die einstige

stärke nicht zum klotz am bein?

Keineswegs. Dass der CEE-Raum kriselt,

ist in mehrfacher Hinsicht eine unzulässige

Vereinfachung. Zum einen darf

man nicht alle Länder Zentral- und Mitteleuropas

über einen Kamm scheren.

Und zweitens muss man einfach sehen,

dass die Wachstumsraten in diesen Ländern

immer noch deutlich höher sind als

in Deutschland und Österreich. Wenn

Sie die Zahlen für 2013 hernehmen, da

steht es 1,8% in CEE zu 0,5% bei uns, für

2014 lauten die Prognosen 2,9% zu 1,6%.

Dazu kommt, dass in allen CEE-Ländern

mit Ausnahme Ungarns die Staatsverschuldung

deutlich niedriger liegt als

in Österreich. Mitteleuropa bleibt ein interessanter

Raum für Investoren, und unsere

Expertise dort bleibt unsere Stärke.

wie wirkt sich das niedrige zinsniveau

auf den aktienhandel aus?

Es beschert uns einen Boom bei Corporate

Bonds. An der Wiener Börse wurden

im Vorjahr Unternehmensanleihen

um rund 5 Milliarden Euro platziert,

heuer waren es bereits Ende September

über 4 Milliarden. Dazu kommen immer

mehr ausländische Bonds, auch deutsche,

die bei uns gelistet werden. Weil das so

zunimmt, haben wir ab 1. Oktober ein eigenes

Premiumsegment geschaffen, Corporate

Prime, wo es sehr strenge Qualitätskriterien

gibt, unter anderem auch

eine Stückelung, die 10.000 Euro nicht

übersteigt, weil die Papiere auch für Privatanleger

interessant sein sollen.

manche halten den boom bei corporate

bonds für eine weitere blase.

Das sehen wir nicht so. Wir glauben, dass

sich da nachhaltig etwas entwickelt, deswegen

wollen wir auch von Anfang an mit

einem Prime Segment dabei sein.

wie hat sich das verhalten der privatanleger

insgesamt verändert? setzen die aktienkäufer

auf bewährte blue chips oder

suchen sie eher nach unentdeckten nischen?

Der Markt geht deutlich in Richtung

Stockpicking, die Anleger sehen sich die

einzelnen Unternehmen sehr genau an

und differenzieren sehr stark, das sehen

wir bei unseren internationalen Roadshows

immer wieder. Österreichs Unternehmen

weisen eine große Nähe zu

Osteuropa auf, aber es gibt auch viele

namhafte Unternehmen, die international

tätig sein. Wir haben nicht zuletzt deshalb

heuer einen neuen Index aufgelegt, den

ATX Global Players, der bewusst Investoren

ansprechen soll, die ihren Schwerpunkt

außerhalb Europas und Osteuropas

legen wollen. In diesem Index sind 15

große österreichische Unternehmen, die

mindestens 20% ihres Umsatzes außerhalb

Europas machen.

steigt die nachfrage insgesamt? Das

niedrige zinsniveau müsste doch vermehrt

privatanleger vom sparbuch zurück

zu den aktien holen?

Da bahnt sich ohne Zweifel wieder ein

Umdenken an, auch deshalb, weil sich auf

der Aktienseite die Bewertungen stark

verändert haben. Wir sehen derzeit fast

durchwegs sehr moderate Kurs-Gewinn-

Verhältnisse. Leider werden Privatanleger

in Österreich nach wie vor durch die

Wertpapier-KESt (Kapitalertragsteuer

– eine Quellensteuer von 25% auf Kursgewinne;

Anm.) verschreckt, die hat den

Markt für Privatanleger regelrecht abgewürgt.

womit wir wieder bei den wünschen an

die politik wären.

Am besten wäre es, die Wertpapier-KESt

öffentlichkeitswirksam abzuschaffen. Das

wäre ein starkes Signal für den Kapitalmarkt.

österreich starkes land 2/2013 35

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finanzplatz Österreich

Promotion

in zusammenarbeit mit einem führenden halbleiterhersteller richtet at&s das werk in

chongqing, china, auf die produktion von ic-substraten aus.

Foto: At&S

firmeninfo

Die austria technologie &systemtechnik

aktiengesellschaft (at&s) ist

europäischer Marktführer und weltweit

einer der führenden Produzenten von

technologisch hochwertigen Leiterplatten

– Mitarbeiter weltweit: ~ 7.300

– Standorte: Österreich, China, Indien, Korea

– Kunden: mehr als 500

– Vorstand: Andreas Gerstenmayer (CEO),

Heinz Moitzi (CTO)

– Geschäftsjahr: 1.4.2012 – 31.3.2013

– Umsatz weltweit: EUR 542 Mio.

– Bilanzsumme: EUR 727 Mio.

– Ebit: EUR 31 Mio.

– ISIN Code: AT0000969985

– Dividende/Aktie: EUR 0,20

erfahrung aus Der

smartphone-entwicklung

Im Advanced-Packaging-Bereich ist

AT&S als einer der ersten Hersteller

mit einer patentierten Chip-Embeddinghightech

mit weitblick

at&s steigt in Die proDuktion von ic-substraten ein. Das vergrößert das

Produktangebot im High-End-Bereich und sichert das Wachstum des Unternehmens.

aktienkursentwicklung

Market: Wien, 7.10.2013,

letzter Kurs: EUR 6,59, Veränderung:

EUR +0,04; Veränderung %: +0,60 %,

Market cap.: EUR 170,68 Mio.

www.ats.net

Heute 1W. 1 m. 3 m. 6 m. 1 J. 3 J. Kompl.

8,2

8,0

7,8

7,6

7,4

7,2

7,0

6,8

6,6

6,4

Das börsennotierte Technologieunternehmen

AT&S beweist Weitblick:

Der Leiterplattenhersteller

steigt in die Produktion von IC-Substraten

ein. Substrate sind das Bindeglied

zwischen der “Mikrowelt” der Leiterplatte

und der “Nanowelt” am Chip. Analysten

schätzen das Marktpotenzial von

IC-Substraten auf derzeit 8,6 Milliarden

Dollar. Die Produktion wird im Werk in

Chongqing, China, erfolgen. Der Erlös

(rund EUR 100 Mio.) aus der am 4. Oktober

2013 abgeschlossenen AT&S Kapitalerhöhung

soll für diese Expansion verwendet

werden.

profitabler kern

Parallel zum Aufbau des IC-Substrate-

Geschäftes liegt die Aufmerksamkeit der

AT&S-Gruppe auf der profitablen Weiterentwicklung

des Kerngeschäftes. Das

Unternehmen setzt auf die Technologieführerschaft

im Bereich der hochwertigen

Leiterplatten – hochinnovative Produkte

sichern den Vorsprung vor der asiatischen

Konkurrenz. „Die Hightech-Produktion

in China im Verbund mit unserer Innovationskraft

und europäischer Governance

sind unsere Wettbewerbsvorteile, um sich

auf einem asiatisch dominierten Markt

zu behaupten“, sagt CEO Andreas Gerstenmayer.

Die AT&S Gruppe verfolgt

in allen Geschäftsbereichen eine Diversifikationsstrategie

hinsichtlich der Abnehmerbranchen

und der geografischen

Verteilung der Abnehmer.

Technologie (ECP®) bestens positioniert.

Die Integration von Chips direkt

in die Leiterplatten lässt AT&S von der

anhaltenden Miniaturisierung profitieren,

etwa im Bereich der Medizintechnik.

Dabei profitieren die Kunden von AT&S

von der Erfahrung, die bei der Entwicklung

von hochwertigen Leiterplatten für

Smartphones gewonnen wurde.

lieferant für

premiumfahrzeuge

Im Automotive-Bereich beliefert AT&S

die führenden Zulieferer der europäischen

Automobilindustrie im Premiumsegment.

Ganze 220 Millionen Leiterplatten

von AT&S werden jährlich in

Autos verbaut. Vor allem der Trend zu

Hightech-Lösungen im Auto steigert die

Nachfrage nach HDI-Leiterplatten. Die

wachsende Bedeutung der hochtechnologischen

Leiterplatten im Automotive-Bereich

verdeutlicht die durchschnittliche

jährliche Wachstumsrate für HDI-Leiterplatten

von ca. 15 % bis 2017. PR

36 österreich starkes land 2/2013

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Demner, Merlicek & Bergmann

Branche:

Logistikdienstleister

Unternehmenssitz: Wien

Mehr

Informationen:

Weitere Standorte:

AT, BG, CZ, HU, PL,

RO, RS, SK

Mitarbeiterzahl: 1.200

Wo nehmen Österreichs Unternehmen nur die Energie her?

Sicher auch von der OMV, die als einer der größten Auftraggeber des Landes über 600 Mio. Euro

pro Jahr in heimische Unternehmen investiert und so gemeinsam mit ihnen wächst.

www.omv.com

Mehr bewegen. Mehr Zukunft.

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finanzplatz Österreich

Promotion

nachhaltigkeit als erfolgsfaktor

corporate social responsibility ist kein schlagwort für wienerberger.

Der weltgrößte Ziegelhersteller baut seinen Erfolg auf nachhaltige Produkte und lokale

Verantwortung als global agierender Arbeitgeber.

Die Wienerberger AG sieht sich als

verantwortungsvolles Mitglied der

Gesellschaft. CEO und Vorstandsvorsitzender

Heimo Scheuch im Gespräch

über Corporate Social Responsibility und

Nachhaltigkeit im Unternehmen.

herr Dr. scheuch, corporate social responsibility

gehört nicht nur „zum guten

ton“ – mittlerweile hat sie bedeutenden

einfluss auf den unternehmenswert und

wird zum wichtigen erfolgsfaktor für zukünftige

entwicklungen. was genau bedeutet

corporate social responsibility für

die wienerberger ag?

Dr. heimo scheuch: Die Wienerberger

AG nimmt Corporate Social Responsibility

sehr ernst. Als Weltmarktführer in der Ziegelherstellung

ist für uns nachhaltiges Wirtschaften

seit vielen Jahren gelebtes Selbstverständnis.

Dabei bauen wir im wahrsten

Sinne des Wortes auf mehrere Säulen: als

Hersteller von nachhaltigen Produkten, als

Innovationstreiber für mehr Energieeffizienz,

Umweltverträglichkeit und Wohngesundheit

oder als weltweit tätiger Arbeitgeber

mit lokaler Verantwortung.

ceo heimo scheuch: „wir entwickeln innovative ziegel für energieeffizientes bauen.“

stichwort verantwortung für mensch und

mitarbeiter: wie definiert wienerberger als

weltweit präsenter arbeitgeber und lokaler

wirtschaftsmotor seine rolle?

Als Arbeitgeber vor allem auch in strukturschwachen

Regionen möchten wir unseren

MitarbeiterInnen stabile Arbeitsverhältnisse

bieten und sie im gleichen

Ausmaß fordern und fördern. Durch unser

Health & Safety Programm beispielsweise

haben wir die Arbeitsunfälle in den letzten

Jahren signifikant reduzieren können. Neben

Arbeitssicherheit und –gesundheit investieren

wir in umfassende Ausbildungsprogramme

für unsere MitarbeiterInnen.

Als Beispiele seien Werksleiterlehrgänge,

die Vertriebsakademie sowie auch Potenzialkräftetrainings

genannt. Eine gezielte

Weiterentwicklung sehen wir auch als

wesentlichen Bestandteil, um Führungspositionen

intern nachzubesetzen und somit

eine nachhaltige Qualitätssicherung im

Management sicher zu stellen. Die lange

Verweildauer von durchschnittlich rund

dreizehn Jahren bestätigt unsere Bemühungen.

sie sprechen von nachhaltigen produkten.

wie darf man das verstehen?

Nun, nehmen wir beispielsweise den Ziegel,

der sich über Jahrtausende als Baustoff

bewährt hat. Ob Lebensdauer, Wärmedämmung

oder Schall- und Brandschutz:

Kaum ein Baustoff kann mit dem Ziegel

mithalten. Wir investieren laufend in Weiterentwicklungen

und sehen Innovation

als Eckpfeiler der Unternehmensstrategie,

um die technischen Eigenschaften unserer

Produkte kontinuierlich zu verbessern. So

bieten wir bereits mit Dämmmaterial verfüllte

Ziegel an, mit denen Gebäude der

Zukunft realisiert werden können – Gebäude,

deren Energieverbrauch gegen

null geht. Wir gehen sogar einen entscheidenden

Schritt weiter und entwickeln

energieeffiziente Hauskonzepte, die mehr

Energie produzieren als sie verbrauchen.

Bereits realisierte Musterhäuser wie unser

e4 Ziegelhaus 2020 in Österreich oder ein

energieautarkes Haus aus Wienerberger

Ziegeln in Deutschland zeigen beeindruckend,

wie nachhaltige Energieeinsparungen

und geringer CO2-Verbrauch im

Wohnbau realisierbar sind. Mit solchen innovativen

Lösungen können bereits heute

die Vorgaben der Europäischen Union,

ab 2020 nur mehr „Nearly Zero Energy“-

Häuser zu errichten, erfüllt werden. Wir

sehen die Herausforderungen der Zukunft

wie Klimaschutz, effizienten Umgang mit

Ressourcen oder die Bereitstellung von gesunden

Wohnräumen in urbanen Ballungszentren,

als Chance wirtschaftliche und

gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen

und mit unseren Produkten Werte

für Generationen zu schaffen. PR

kontakt

Wienerberger AG

Wienerbergstraße 11, A-1100 Wien

Tel. +43/1/60192-0

www.wienerberger.com

Foto: Wienerberger Ag

38 österreich starkes land 2/2013

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finanzplatz Österreich

mehr als nachhaltig

immer mehr konsumenten wollen proDukte, die

umweltfreundlich, fair und sozial verantwortlich hergestellt wurden.

Industrie und Handel nehmen diese Forderung ernst. von gloria staud

„Der zugang zum

verantwortungsvollen

konsum hat sich seit Den

1980er Jahren gewanDelt.“

Bernadette Larcher, Nachhaltigkeitsexpertin

nachhaltigkeit ist wohl eines der

meistgebrauchten Vokabeln unter

Marketingstrategen und

Wirtschaftskapitänen. Qualität, technische

Perfektion, modisches Design

mögen wichtig sein, doch die Kunden

greifen erst zu, wenn sie überzeugt sind,

dass die Waren auch aus nachhaltiger

Produktion stammen. Der Gedanke dahinter

ist mindestens 100 Jahre alt. Das

englische Wort „Sustainability“ taucht

zuerst bei amerikanischen Holzfällern

im 19. Jahrhundert auf. Obwohl sie in

den scheinbar unerschöpflichen Wäldern

der USA tätig waren, erkannten

sie, dass sie die gefällten Bäume auch

wieder nachpflanzen müssen, wollen sie

den Wald späteren Generationen intakt

hinterlassen.

Das prinzip ist immer noch das gleiche,

nur stellt sich das Thema heute

komplexer dar, weiß die Tiroler Nachhaltigkeitsexpertin

Bernadette Larcher. Die

Berufsbezeichnung verrät einiges über

die rasant gewachsene Bedeutung, die

der Idee der Verantwortung für die Welt

der Urenkel in der heutigen Wirtschaftswelt

zukommt. Die aus dem Kaunertal

stammende Expertin bringt ihr Knowhow

besonders bei Firmen aus dem Bereich

Mode, Design und Lifestyle ein.

„Im Wesentlichen spielen drei Faktoren

zusammen“, erklärt Larcher: „Ökologische,

humanistische und ökonomische

Werte. Die Schnittmenge davon ergibt

die Nachhaltigkeit.“

so kann nachhaltigkeit aussehen: Die lampe granny ist zu 100 % aus tiroler bergschafwolle,

die in einem Ötztaler familienbetrieb handverarbeitet und vom norditalienischen

Design label casamania global vertrieben wird.

Foto: markus Bstieler

bewusst konsumieren statt

nicht-konsumieren

Umweltschonend arbeiten und auch von

den Lieferanten hohe Standards einfordern,

dabei das Wohlergehen und die

Rechte der Mitarbeiter beachten,

schließlich Verantwortung

für die Gesellschaft

zu übernehmen

– im Grunde klingt das ganz

selbstverständlich. Doch

klappt das Konzept auch für

die Luxusbranche, bei der

Überfluss und Verschwendung

geradezu zum Konzept

gehören?

sogar ganz besonders, meint fachfrau

larcher. „Luxusunternehmen hegen

Foto: Peter Rigaud

seit jeher höchste Ansprüche hinsichtlich

Qualität, hochwertiger Materialien, hochwertigem

Design und guter Verarbeitung

und setzen hier ständig neue Maßstäbe.”

Hollywoodstars und sonstige Showgrößen

leben es vor und haben einen nachhaltigen

Lebensstil für viele Menschen begehrlich

gemacht. „Der Zugang zum verantwortungsvollen

Konsum hat sich gewandelt“,

weiß Larcher. „In den 1980er Jahren

empfanden Menschen einen nachhaltigen

Lebensstil eher als Verzicht, heute sehen

sie diesen als Mehrwert. Es ist nicht

nur ökologisch und sozial verträglicher,

bessere Qualität teurer zu kaufen, dafür

aber weniger davon, es spart auch

natürliche Ressourcen. Werthaltige Produkte

machen außerdem mehr Freude.“

»

österreich starkes land 2/2013 39

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finanzplatz Österreich

besonders wichtig ist es, dass ein Unternehmen

auch über seine Produktion

hinaus gesellschaftliche Verantwortung

übernimmt: „Selber nachhaltig zu agieren

ist ein zentraler Wert. Es liegt aber auch

in der Verantwortung von Unternehmen

sich aktiv für gesellschaftliche Themen

zu engagieren“, beschreibt Bernadette

Larcher die Grundregeln. Gleichzeitig

steht auch der langfristige unternehmerische

Erfolg im Fokus. „Es nützt keinem

Betrieb, nachhaltig zu agieren, aber

wirtschaftlich erfolglos zu sein. Nachhaltigkeit

besteht auch darin, den Geschäftserfolg

des Unternehmens langfristig

abzusichern. Das bedeutet natürlich langfristiges

Handeln statt schneller Gewinnmaximierung.“

gutes tun unD

gelD verDienen

Dass Nachhaltigkeit für Unternehmen

einen echten Mehrwert darstellt, davon

sind immer mehr Führungskräfte überzeugt.

„Der Vorteil für Konsumenten

und Firmen: Wir profitieren am Ende

alle davon“, bringt Bernadette Larcher

den emotionalen Faktor auf den Punkt.

Das Wohlfühlen hat zudem einen handfesten

ökonomischen Hintergrund: Arbeitnehmer

suchen sich heute zunehmend

bewusst einen Arbeitgeber, der

fair und hochwertig arbeitet. Auch die

Konsumenten greifen immer lieber zu

nachhaltigen Produkten. Bei der Suche

nach qualifizierten Mitarbeitern wird

dieser Mehrwert ebenso zum Wettbewerbsvorteil

wie beim Kampf um die

Kunden.

schließlich kommt noch hinzu, dass

verantwortliches Handeln auch Geld sparen

kann. Eine nach Öko-Kriterien erbaute

Produktionsstätte verbraucht weniger

Energie, reduzierte Verpackungen

sparen Materialkosten und Transporte.

Zugleich fördert Nachhaltigkeit nicht nur

das wirtschaftliche Denken, sondern auch

neue Impulse – Innovationen stehen damit

alle Türen offen.

allerdings, so bernadette larcher, die

Implementierung von Nachhaltigkeit ist

ein kontinuierlicher und langfristiger

Prozess, in den alle Unternehmensbereiche

aktiv einbezogen werden müssen.

So legt etwa der GRI-Standard, ein

internationaler Maßstab für die Nachhaltigkeit,

80 Kennzahlen fest, die ein

Unternehmen einhalten muss. Österreichische

Unternehmen haben hier Vorteile:

Die gesetzlichen Vorschriften bei

Sozial- und Umweltstandards sind hierzulande

so hoch, dass die Firmen eine

gute Startbasis für den Nachhaltigkeitsprozess

haben. Produkte, die in Österreich

gefertigt werden, entsprechen

qualitativ höheren Maßstäbe, was sich

letztendlich auch postiv auf die Markenreputation

auswirkt.

bernaDette larcher studierte Kommunikationswissenschaft

und arbeitete in

Marketing und PR für österreichische Unternehmen

wie Trimedia, Vöslauer und Swarovski.

Ihr Interesse an Zukunftsthemen führte

sie 2010 nach London, wo sie ihr Know-how

im Bereich nachhhaltiger Mode bei der NGO

"MADE-BY" vertiefte. Die 41-jährige Tirolerin

berät heute mit ihrem eigenen Büro Unternehmen

aus den Bereichen Mode, Schmuck,

Design und Lifestyle.

Der hÖhenflug Des vÖnix

immer mehr anleger wollen ihr gelD nur in unternehmen

investieren, die ihnen nachhaltiges Wirtschaften garantieren. Für solche

Aktien gibt es sogar einen eigenen Index.

von josef brösel

VÖNIX steht kurz für VBV-Österreichischer

Nachhaltigkeitsindex

– ein Aktienindex, hinter dem die

Versicherungsgesellschaft VBV steht und

der täglich von der Wiener Börse berechnet

wird. Er wurde 2005 ins Leben gerufen,

derzeit umfasst er 21 Werte, von A

wie Agrana bis W wie Wienerberger. Das

Besondere daran sind die Teilnahmebedingungen:

Wer im VÖNIX geführt werden

will, muss hohe Standards an sozialer

und ökologischer Verantwortung erfüllen.

Die indexverantwortlichen kennen

hier keinen spaß. Rund 100 Einzelkriterien

sind es, die ein Unternehmen erfüllen

muss, um in die Liste zu kommen,

die derzeit gelisteten Titel sind das Ergebnis

einer Auswahl, bei der mehr als

60 österreichische Unternehmen penibel

durchleuchtet wurden. Mehrmals ist es

in den letzten Jahren vorgekommen, dass

große österreichische Unternehmen kurzerhand

gestrichen wurden, weil sie die

Zielvorgaben bei ihrer Ökobilanz nicht

erreichten oder die Berichte über ihr

Nachhaltigkeits-Management nicht ausreichend

genau waren.

Die vbv-pensionskasse rief den Index

ins Leben, weil sie als großer institutioneller

Investor selber unter dem Druck

steht, die Gelder ihrer Mitglieder nachhaltig

anzulegen. Dazu kommt ein Argument,

auf das vor allem Analysten großen

Wert legen: Eine Anlagestrategie, die sich

auf nachhaltige Titel konzentriert, ist selber

im ökonomischen Sinn „nachhaltig“,

denn in verantwortungsvoll geführten

Unternehmen gibt es weniger Risiko, dass

ein Umweltskandal oder eine Affäre um

ausgebeutete Mitarbeiter über Nacht den

Aktienkurs in den Keller schickt. Nachhaltige

Aktien sind weniger volatil.

Deshalb sollten sich anleger, die sich

auf nachhaltige Aktien spezialisieren, am

Ende des Tages nicht nur über ein gutes

Gewissen freuen, sondern auch über

satte Renditen. Im Fall des VÖNIX ging

die Rechnung bisher auf: Seit dem Start

2005 liegt der Index deutlich über dem

allgemeinen Börsenschnitt, sogar deutlich

über dem ATX PRIME.

40 österreich starkes land 2/2013

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finanzplatz Österreich

agrana mayr-melnhof gruppe voestalpine ag

konzernumsatz

gestiegen

seit 25 Jahren veredelt agrana landwirtschaftliche

rohstoffe zu Lebensmitteln

und Produkten für die weiterverarbeitende

Nahrungsmittelindustrie sowie

für technische Anwendungen in den drei

Geschäftssegmenten Zucker, Stärke und

Frucht. Im ersten Halbjahr 2013/14 stieg

der Konzernumsatz um 4,4 %. Während

höhere Rohstoffpreise in den Segmenten

Zucker und Stärke das Ergebnis belasteten,

konnte der Bereich Frucht beim operativen

Ergebnis um 75 % zulegen. Neu errichtet

wurde ein Fruchtzubereitungswerk

in Lysander|N.Y., ein strategischer Schritt

zur Marktstärkung in den USA.

www.agrana.com

Geschäftshalbjahr 1.3.13–31.8.13

Umsatz (H1 13/14) 1674,3 Mio. €

EBIT (H1 13/14) 108,0 Mio. €

Investitionen (H1 13/13) 59,3 Mio. €

Ergebnis je Aktie (H1 13/14) 4,59 €

Eigenkapitalquote (per 31.8.13) 49,8 %

Mitarbeiter (H1 13/14) 8919

soliDe basis

Die mayr-melnhof gruppe ist der weltweit

größte hersteller von gestrichenem

recyclingkarton mit einer wachsenden

Position in Frischfaserkarton, sowie Europas

führender Produzent von Faltschachteln

mit steigender globaler Präsenz.

Das Unternehmen konnte sich im

ersten Halbjahr 2013 in einem Umfeld

konjunktureller Abschwächung und deutlich

zunehmenden Wettbewerbs weiter

solide behaupten. Sowohl die Kartonproduktion

als auch die Kartonverarbeitung

verzeichneten Mengensteigerungen und

eine hohe Auslastung. Jüngste Expansionen

betreffen Verpackungswerke in Polen,

Türkei und Vietnam.

www.mayr-melnhof.com

Geschäftsjahr 1.1.–31.12.12

Umsatz 2012 1952,2 Mio. €

Betriebliches Ergebnis 2012 166,1 Mio. €

ROCE 2012 17,1 %

Cash Eranings 2012 203,7 Mio. €

Dividende je Aktie 2012 2,25 €

Mitarbeiter 06/2013 8907

ergebnis Deutlich

verbessert

Die voestalpine ag hat trotz eines Umsatzrückganges

von 4,4 Prozent aufgrund

gesunkener Rohstoffpreise im vergangenen

Geschäftsjahr alle Ergebniskategorien

deutlich verbessert. So liegt das

Eigenkapital des Unternehmens erstmals

bei über fünf Milliarden Euro und

die Dividende je Aktie wurde von 0,80

auf 0,90 Euro gesteigert. Auch die Mitarbeiterzahl

blieb trotz anhaltender Krise

konstant. Und die voestalpine zeigt sich

weiterhin investitionsfreudig. Als größte

Auslandsinvestition wurde vor kurzem

der Bau einer Direktreduktionsanlage in

Texas in Angriff genommen.

www.voestalpine.com

Geschäftsjahr 1.4.12–31.3.13

Umsatz 2012/13 11.524,4 Mio. €

EBIT 853,6 Mio. €

Jahresüberschuss 521,9 Mio. €

Gewinn je Aktie 2,61 €

Dividende je Aktie 0,90 €

Mitarbeiter 46.351

amag raiffeisen bank international conwert

millionenschwerer

auftrag

Der oberösterreichische aluminiumhersteller

amag hat 2013 einen Großauftrag

vom Luftfahrtkonzern EADS in Höhe von

bis zu 100 Mio. € erhalten. Die Vereinbarung

umfasst die Lieferung von Aluminiumplatten,

-blechen und -bänder für alle

aktuellen Airbus-Flugzeugtypen. Dank hoher

Investitionen in F&E erhielt AMAG

den Auftrag. Ende 2014 eröffnet das 1500

Mitarbeiter starke Unternehmen ein neues

Warmwalzwerk, ein Plattenfertigungs- und

ein Logistikcenter sowie eine Walzbarrenfertigung.

Die Walzwerkskapazität wird damit

in einem ersten Schritt um 50 % von

150.000 auf 225.000 Tonnen erhöht.

www.amag.at

Geschäftsjahr 1.1.–31.12.12

Absatz in Tonnen 2012 344.200 €

Umsatzerlöse 2012 814,2 mio. €

EBIT 2012 83,2 mio. €

Eigenkapitalquote 2012 61,8%

Dividende pro Aktie 2012 0,60 €

Mitarbeiter 2012 1490

strategisch

erfolgreich

Die raiffeisen bank international ag (rbi)

betrachtet Österreich, wo sie als eine führende

Kommerz- und Investmentbank

tätig ist, und Zentral- und Osteuropa

(CEE) als ihren Heimmarkt. In CEE verfügt

die RBI über ein engmaschiges Netzwerk

von Tochterbanken, Leasinggesellschaften

und zahlreichen spezialisierten

Finanzdienstleistungsunternehmen in 17

Märkten. Für das Geschäftsjahr 2012 hat

die RBI einen Konzern-Jahresüberschuss

in Höhe von 725 Millionen Euro ausgewiesen

und abermals das mit Abstand beste

Ergebnis aller österreichischen Banken

erzielt.

www.rbinternational.com

Geschäftsjahr 1.1.–31.12.12

Konzern-Jahresüberschuss

725 mio.

Bilanzsumme 136.116 mio. €

Return on Equity vor Steuern 9,7 %

Gewinn je Aktie 2,70 €

Dividende je Aktie 1,17 €

Mitarbeiter per 31.12. 60.084

rekorDergebnis

Die conwert immobilien invest se hat die

ersten sechs Monate 2013 mit dem besten

operativen Halbjahresergebnis der

Unternehmensgeschichte abgeschlossen.

Das auf Wohnimmobilien spezialisierte

Unternehmen steigerte das Ergebnis vor

Ertragsteuern (EBT) auf 36,1 Mio. € (1-

6/2012: 18,0 Mio €). „Unser Rekordergebnis

ist Ausdruck der gewonnenen operativen

Stärke und bestätigt, dass wir mit der

strategischen Neuausrichtung unseres Geschäftsmodells

auf gutem Weg sind“, sagte

Johannes Meran, Vorsitzender des Verwaltungsrats.

Interessant auch die Steigerung

bei der Vermietungsleistung: Diese verbesserte

sich von 12,1 Mio € auf 18,4 Mio €.

www.conwert.at

Geschäftshalbjahr 1.1.–30.6.13

Vermietungserlöse 113,2 mio. €

Veräußerungserlöse 145,6 mio. €

EBIT 70,2 mio. €

FFO I 18,4 mio. €

Immobilien 1740

Mieteinheiten 29.243

österreich starkes land 2/2013 41

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at&s

expansion

nach china

Die at&s-gruppe hat sich dank

ihrer hochwertigen Leiterplatten und ihrer

Innovationsstrategie zu einem internationalen

Spieler entwickelt. Die

Produkte der AT&S setzen heute Maßstäbe

im Rahmen der Miniaturisierung

und im Design von elektrischen

Geräten. Große Expansionspläne hat

AT&S in China. 350 Millionen Euro

werden bis 2016 investiert, um im zukunftsträchtigen

Geschäftsfeld IC Substrates

mitmischen zu können. Der

weltgrößte Chiphersteller Intel ist Technologiepartner

in China - und künftig

auch Aktionär der AT&S.

www.ats.net

Geschäftsjahr 1.4.12–31.3.13

Gesamterlöse 541,7 Mio. €

EBITDA 101,8 Mio. €

EBIT 30,9 Mio. €

Konzernergebnis 14,1 Mio. €

Gewinn/Aktie 0,60 €

Dividende/Aktie 0,20 €

palfinger

Die palfinger gruppe konnte im 1. Halbjahr

2013 trotz der vor allem in Europa

schwierigen Wirtschaftslage ihr Geschäft

ausbauen. Basis dafür waren die konstant

positive Entwicklung der Areas außerhalb

Europas sowie die starke Performance der

Business Area Marine. „Wir sind mit den

Ergebnissen des 1. Halbjahres sehr zufrieden.

Möglich waren diese durch unsere Internationalisierung

in den vergangenen

Jahren. Die Umsatzrückgänge auf den europäischen

Stammmärkten konnten wir

mit Steigerungen außerhalb Europas kompensieren“,

erläutert Vorstandsvorsitzender

Herbert Ortner.

www.palfinger.com

Geschäftshalbjahr 1.1.–30.6.13

Umsatz

475,1 Mio.€

EBITDA 54 Mio. €

EBIT 39,1 Mio. €

EBIT-Marge 8,2 %

Konzernergebnis 24,7 Mio. €

Mitarbeiter ca. 6300

porr

grossauftrag in katar

Die heimmärkte der porr – Österreich,

Deutschland, die Schweiz, Polen und

Tschechien – bilden das Fundament für

ein nachhaltiges Wachstum des Konzerns.

In diesen wirtschaftlich wichtigen Ländern

mit bester Bonität erbringt das Unternehmen

mehr als 85% seiner Produktionsleistung.

Aber auch in der CEE/SEE-Region

ist die PORR seit Jahrzehnten erfolgreich,

vor allem bei Infrastrukturprojekten. Das

Unternehmen expandiert in die internationalen

Märkte Katar, Oman und Saudi-

Arabien. 2013 konnte mit der „Green

Line“ der größte Auftrag der über 140-jährigen

Unternehmensgeschichte akquiriert

werden.

www.porr-group.com

Geschäftsjahr 1.1.–31.12.12

Produktionsleistung 2012 2891 Mio. €

Umsatzerlöse 2012 2315 Mio. €

EBIT 2012 54 Mio. €

Auftragseingang 2012 3500 Mio. €

Auftragsbestand 06/2013 4806 Mio. €

Mitarbeiter ca. 11.000

bene

umstrukturierung

nach mehreren Quartalen, in denen bene

eine aggressive wachstumsstrategie – mit

negativen Auswirkungen auf die Ergebniskennzahlen

– verfolgt hat, befindet sich die

Bene Gruppe in einer Phase tiefgreifender

Veränderungen. Bene hat in den vergangenen

Monaten Maßnahmen wie die finanzielle

Restrukturierung gesetzt, die den

operativen Turnaround sicherstellen sollen.

Im Rahmen der operativen Restrukturierungsmaßnahmen

konzentriert sich

Bene gezielt auf die Reduktion von Sachund

Personalkosten. So wurden der Mitarbeiterstand

und die Rückführung von

Lagerkapazitäten, Büroraum sowie Schauflächen

in Angriff genommen.

www.bene.com

Geschäftsjahr 1.2.12–21.1.13

Umsatz 213,6 mio. €

EBITDA –8,2 mio. €

EBIT –17,2 mio. €

Beschäftigte (31.1.) 1387

CAPEX 8,7 mio. €

Cash Flow –27,8 mio. €

evn

effizienzoffensive

Der niederösterreichische energieversorger

evn hat ein Energieeffizienz-Programm

für seine Kunden mit insgesamt

6,5 Mio. Euro gestartet. Mit diesen Mitteln

sollen Kunden bei Maßnahmen zur Steigerung

der Energieeffizienz im Haushalt

unterstützt werden. In Deutsch-Wagram

wurde ein neuer Windenergiepark eröffnet:

Fünf Windräder mit einer Gesamtleistung

von 15 Megawatt sparen pro Jahr ca.

23.000 Tonnen CO2 ein. Derzeit ist die

EVN Errichter und Betreiber von insgesamt

72 Wasserkraftwerken und 101 Windkraftanlagen.

Alleine die Windkraftanlagen

mit einer Gesamtleistung von mehr

als 200 Megawatt decken den Strombedarf

von über 100.000 Haushalten.

www.evn.at

Geschäftsquartale 1.10.12–30.6.13

Umsatzerlöse 2204,5 mio. €

EBITDA 415,1 mio. €

EBIT 238,8 mio. €

Konzernergebnis 145,2 mio. €

Cash Flow 498,4 mio. €

rath

verstärkte internationalisierung

feuerfesttechnologie

rath ist spezialist für feuerfesttechnologie

mit einem umfassenden Produktsortiment

an feuerfesten Werkstoffen für Anwendungstemperaturen

bis 1800°C sowie

umfangreichen Serviceleistungen. Rath

hat sich zum weltweit renommierten Anbieter

von Spitzentechnologie für individuelle

Feuerfestlösungen entwickelt. In

eigenen Werken in Österreich, Deutschland,

Ungarn und den USA stellt die

Rath-Gruppe ein breites Spektrum innovativer

feuerfester Produkte her. Die

Rath-Gruppe produziert dichte Steine,

Feuerleichtsteine, Massen sowie Hochtemperaturwolle.

www.rath.at

Geschäftshalbjahr 1.1.–30.6.13

Umsätze 38.443 t €

EBITDA 1.442 t €

EBIT –484 t €

Konzernergebnis –201 t €

Eigenkapital 42,9 %

Cash Flow 136t€

42 österreich starkes land 2/2013

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finanzplatz Österreich

rosenbauer

starke exporte

Der rosenbauer konzern erzielte im 1.

Halbjahr 2013 einen um 25 % gestiegenen

Konzernumsatz von 338,5 Mio.

Euro. Das Wachstum resultiert vor allem

aus den internationalen Lieferungen der

Rosenbauer International AG, die aufgrund

des guten Auftragsbestandes eine

nach wie vor hohe Auslastung verzeichnet.

Zudem konnten die Gesellschaften

in Spanien und den USA die Umsätze

steigern. Trotz der verstärkten Auslieferungen

in den ersten sechs Monaten liegt

der Auftragsbestand für das zweite Halbjahr

2013 auf hohem Niveau. Die Konzernführung

rechnet mit 10 % Umsatzsteigerung

für das gesamte Jahr 2013.

www.rosenbauer.com

Geschäftshalbjahr 1.1.–30.6.13

Umsatzerlöse 338,5 Mio. €

EBIT 16,8 Mio. €

EBIT Marge 5,0 %

Bilanzsumme 474,3

Eigenkapital i. d. Bilanzsumme 35,7 %

Gewinn je Aktie 1,4 €

strabag

internationale

bauvorhaben

Der unternehmensverbund der strabag

se ist einer der führenden europäischen

Baukonzerne. Spezialisierte Unternehmenseinheiten

bieten Leistungen unter

mehreren Marken an, darunter STRA-

BAG und Züblin, die sämtliche Bereiche

der Bauindustrie umfassen und die gesamte

Bauwertschöpfungskette abdecken.

Vor kurzem erhielt die STRA-

BAG-Tochter Züblin den Auftrag zur

Erweiterung des Allianz Campus in Unterföhring

bei München. Das Auftragsvolumen

beträgt rund 100 Mio. Euro. In

dem Bürogebäude entstehen neue Büroarbeitsplätze

und Sozialeinrichtungen.

www.strabag.com

Geschäftsjahr 1.5.12–30.4.13

Umsatzerlöse 12.983 Mio. €

EBIT 207 Mio. €

EBITDA 608 Mio. €

Ergebnis je Aktie 0,58 €

Dividende je Aktie 0,20 €

Mitarbeiter ca. 74.000

vienna insurance group

neue anleihe

Die vienna insurance group hat eine nachrangige

Anleihe mit einem Volumen von

500 Mio. Euro erfolgreich bei institutionellen

Investoren in Europa platziert. Mit

einem Orderbuch von über 2,5 Mrd. Euro

war das Angebot mehr als vierfach überzeichnet.

Die nachrangige Anleihe hat

eine Laufzeit von 30 Jahren. „Das gute

operative Ergebnis im ersten Halbjahr

2013 zeigt die weiterhin solide Geschäftsentwicklung

der Vienna Insurance Group,

die auch schwierigen Marktbedingungen

standhält. Gleichzeitig unterstreichen die

Vorsorgen die traditionell konservative Bilanzierungspolitik

des Konzerns“, so CEO

und Vorstandsvorsitzender Peter Hagen.

www.vig.com

Geschäftshalbjahr 1.1.–30.6.13

Verrechnete Prämien 5029,7 Mio €

Gewinn vor Steuern 205,7 Mio. €

Konzernergebnis 140,6 Mio. €

Combined Ratio (netto) 99,8 %

Aufwendungen f. Versicherungsfälle 3734,7 Mio. €

Verrechnete Prämien Leben 2212,6 Mio. €

s immo ag btv vier länDer bank omv

chancen in berlin

Die s immo ag hat in den letzten Jahren

den Fokus auf die stabilen Märkte

Deutschland und Österreich gelegt. CEO

Ernst Vejdovszky: „Das Immobiliengeschäft

unterliegt Zyklen, die wir im Sinne

unserer Aktionäre strategisch nützen.“ In

diesem Sinne hat das Unternehmen zum

Beispiel Immobilien in Hamburg verkauft,

die 2005 in einer sehr niedrigen

Phase erworben wurden. Die S IMMO

sieht aktuell großes Potenzial bei Eigentumswohnungen

in Berlin und denkt im

Moment sehr intensiv über die Errichtung

und den Verkauf von Eigentumswohnungen

nach.

www.simmoag.at

Geschäftsjahr 1.1.–31.12.12

Umsatz (2012) 196,7 Mio. €

EBITDA (2012) 98,8 Mio. €

Konzernergebnis (2012) 26,0 Mio. €

Bilanzsumme (2012) 2013,8 Mio. €

FFO (2012) 33,0 Mio. €

Gewinn je Aktie (2012) 0,36 €

stärkste bank

westÖsterreichs

auch in schwierigen zeiten wirtschaftet

die btv erfolgreich und weitsichtig. Diese

Haltung schätzen nicht nur die Kunden.

Auch das Financial Times Magazin „The

Banker“ zeichnete die BTV zum vierten

Mal als stärkste Bank Westösterreichs

(nach Kernkapital Tier 1) aus. In der Rangliste

der 20 größten Banken Österreichs

des trend TOP 500 erreichte die BTV die

Top-1-Platzierung bei der Kernkapitalquote.

Für die BTV ein Beweis, dass sich

auf lange Sicht klare Werte und Verlässlichkeit

auszahlen. An dieser Strategie hält

die Bank seit 109 Jahren fest.

www.btv.at

Geschäftsjahr 1.1.–31.12.12

Konzernjahresüberschuss (2012) 58,5 Mio. €

Bilanzsumme (2012) 9496 Mio. €

Forderungen an Kunden nach

Risikovorsorge (2012)

6193 Mio. €

Eigenkapital (2012) 846 Mio. €

Eigenmittel (2012) 995 Mio. €

Eigenmittelquote (2012) 17,57 €

weltweite strategie

mehr als zwei Drittel aller zukünftigen

investitionen der omv fließen derzeit in

die weltweite Suche, Erschließung und

Förderung von Rohöl und Erdgas. Vor

kurzem hat das österreichische Unternehmen

weitere Assets in Norwegen und

Großbritannien erworben – ein Investment

mit einem Gesamtvolumen von 2,65

Mrd. US-$. Die OMV steigert mit dieser

Investition nachhaltig ihre Reserven,

erhöht ihre Präsenz in politisch stabilen

Ländern und stärkt das international ausgewogene

Portfolio. Derzeit sucht die

OMV bis 2016 für dieses geplante Wachstum

rund 1600 zusätzliche Mitarbeiter in

Exploration und Produktion.

www.omv.at

Geschäftsjahr 1.1.–31.12.12

Umsatz 42.649 Mio. €

Betriebserfolg (EBIT) 3104 Mio. €

Investitionen 2426 Mio. €

Ergebnis je Aktie 4,18 €

Dividende je Aktie 1,20 €

Mitarbeiter per 31.12. 28.658

österreich starkes land 2/2013 43

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finanzplatz Österreich

nicht nur die wirtschaftsmetropole

shanghai, der gesamte chinesische

markt wird dank der lockerungen

für den kapitalverkehr für österreichische

unternehmen immer

interessanter.

Foto: Walter Wurzer

austria goes east

auf Dem weg nach asien ist nicht alles golD was glänzt. Aber, nachdem

Chinas Währungshüter die Vorschriften für den Kapitalverkehr gelockert haben und

Schanghai mit einer 26 Quadratkilometer großen Freihandelszone westliche Investoren

anlockt, können auch internationale Geschäfte in chinesischer Währung abgewickelt

werden. Der Yuan gewinnt an Wert, und Österreichs Wirtschaft wäre gut beraten, die

Chancen im Land des Lächelns zu nutzen.

von josef brösel

Die Faserspezialisten machen es

vor: Die Lenzing AG mit Headquarter

in Oberösterreich ist

Hersteller von industriell gefertigten

Cellulosefasern aus dem nachwachsenden

Rohstoff Holz – und erwirtschaftet

bereits 60 Prozent ihres Umsatzes

in Asien. 7033 Mitarbeiter weltweit sicherten

dem Unternehmen 2012, trotz

Preisverfall der Viskose auf vielen Märkten,

noch einen Umsatz von 2,09 Mrd.

Euro. Dafür mussten satte 810.000 Tonnen

Fasern verkauft werden. Fasern, die,

so die Lenzinger, nach den Grundsätzen

nachhaltigen Wirtschaftens mit eigens

auferlegten hohen Umweltstandards

gefertigt werden – auch in den

Produktionswerkstätten Asiens. Denn

das verbreitete Bild, wonach die Industrie

in China sorglos die Umwelt verpestet,

stimmt nicht mehr so ganz. Inzwischen

gelten zumindest in den meisten

Regionen strenge Umweltvorschriften –

freilich werden diese meist nur von ausländischen

Unternehmen eingefordert,

aber von der einheimischen Wirtschaft

kaum eingehalten. Das sichert so manchen

Chinesischen Unternehmen zwar

einen Finanzierungsvorteil, der sich aber

durch die relativ hohen Energiekosten in

der Massenproduktion wieder verflüchtigt.Vor

allem aber zählt in der Textilwirtschaft

die Qualität, und hier ist Lenzing

weltweit technologisch führend.

weltweit führenD

„China ist nach wie vor der wichtigste

Markt für Lenzing, insbesondere für unsere

Textilfasern“, betont Angelika Guldt,

Pressesprecherin der Lenzing AG, „bei

den Fasern für Kosmetik- und Hygienetücher

für die Nonwovens-Industrie sind

44 österreich starkes land 2/2013

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finanzplatz Österreich

wir führend in den USA, auch Europa ist

ein Markt dafür. Nicht so in China, wo

noch weniger solcher Einmalprodukte

verwendet werden. Wir gehen aber davon

aus, dass sich auch dieser Markt

durch das zunehmende verfügbare Einkommen

und die steigenden Lebensstandards

in Asien entwickeln wird.“

technologische

Quantensprünge

Ein weiterer Österreicher, der Leiterplattenhersteller

AT&S, erwirtschaftet

74 Prozent seines Umsatzes in Asien. Alleine

in China erarbeitet die Firma einen

Jahresumsatz von rund 350 Mio. Euro

– über die Hälfte des Gesamtumsatzes.

Das Unternehmen, das unter den Fittichen

des ehemaligen österreichischen

Finanzministers und jetzigen Industriellen

Hannes Androsch zum Weltmarktführer

für Leiterplatten aufgestiegen ist,

hat bereits 2002 einen Produktionsstandort

in Schanghai errichtet. Weitere Werkhallen

mussten aufgestellt werden um der

Nachfrage nach Leiterplatten für Handys,

insbesondere für Smartphones, gerecht

zu werden. Insgesamt investierte das österreichische

Unternehmen an die 600

Mio. Euro in diesen Standort. Jetzt baut

AT&S in Chongquing ein zweites Werk,

das in der ersten Ausbaustufe 350 Millionen

Euro verschlingt. Damit erhöhen sich

die Investitionen von AT&S in China vorerst

auf 850 Mio Euro und machen den

steirischen Technikgiganten zum größten

österreichischen Investor in dieser

Region. Die Erwartungen sind hoch gesteckt.

Ab 2017/18 will das Unternehmen,

mit Hauptsitz in Leoben, aus dem Werk

in Chongquing einen jährlichen Umsatz

von 400 Mio. Euro generieren. Das Areal,

von der Regierung auf 50 Jahre gepachtet,

wäre auch groß genug, um einen weiteren

Zubau in Zukunft zu garantieren. Vorerst

allerdings konzentriert sich das Leiterplattenunternehmen

auf die Produktion

von IC-Substraten (das sind Adapter,

die Minichips mit der Leiterplatte verbinden),

die in Zusammenarbeit mit Intel

in Chongqing gefertigt werden sollen.

AT&S Boss Andreas Gerstenmayer ist

von der einmaligen Geschäftsmöglichkeit

überzeugt. IC Substrate stellen für ihn einen

technologischen Quantensprung in

der Leiterplattentechnologie dar. Inwieweit

dieser Quantensprung auch die weltweiten

Absatzmärkte von AT&S beeindruckt,

hängt unter anderem auch von

der Produktqualität der in China erzeugten

Substrate ab.

trotz allem sind die märkte im Osten

nicht vergleichbar mit den Industriestaaten

im Westen. Asien, vor allem die

wirtschaftliche und immer mehr auch politische

Großmacht China, kann die anhaltende

Wirtschaftsschwäche in Europa

zwar noch abfedern. Es wäre aber fatal,

sie als dauerhaften Ersatz einzustufen.

Denn je mehr China zur voll entwickelten

Wohlstandsnation heranwächst,

desto mehr normalisieren sich auch die

ursprünglich exorbitanten Wachstumsraten.

Schon jetzt sind die Zeiten zweistelliger

Zuwächse vorbei – immerhin nimmt

sich Chinas Konjunkturaufschwung mit

7–8% jährlich im Vergleich zur westlichen

Welt mehr als respektabel aus.

Wir haben

Österreichische Wurzeln.

Lange Tradition gibt uns eine feste Basis.

Unsere Strategie der gezielten Expansion

nach CEE hat uns in den vergangenen

mehr als 20 Jahren groß gemacht.

Und blühen in

24 Ländern auf.

Heute sind wir in unseren Kernmärkten die

Nummer eins. Unsere rund 50 Versicherungen

sind in ihren Märkten bestens verankert.

Noch mehr über die VIG erfahren Sie unter www.vig.com

österreich starkes land 2/2013 45

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finanzplatz Österreich

Promotion

partner wenn’s brennt

als weltweit führenDer hersteller von feuerwehrfahrzeugen

hält der österreichische Rosenbauer Konzern

weiter auf Erfolgskurs.

Feuerwehrfahrzeuge, Löschsysteme

und Ausrüstungen – mit dem kompletten

Sortiment an Produkten und

Dienstleistungen beliefert Rosenbauer

die Floriani-Organisationen weltweit. Als

Markführer und Trendsetter prägt das Unternehmen

mit Zentrale im oberösterreichischen

Leonding und Fertigungsstätten

in Österreich, Deutschland, Russland, Spanien,

Slowenien, Saudi-Arabien, Singapur

und den USA den Brand- und Katastrophenschutz

mit richtungsweisenden Innovationen

mit. Mit rund 2500 Mitarbeitern

konnte die Gruppe 2012 den Umsatz um

20 % auf 645,1 Millionen Euro steigern.

wachstum mit nachhaltigkeit

Auch für das laufende Geschäftsjahr erwartet

Dr. Dieter Siegel, Vorstandsvorsitzender

der Rosenbauer International

AG Rekordumsätze: „Mit den zusätzlichen

Produktionskapazitäten setzen

wir einen weiteren Schritt für das künftige

Wachstum. Dazu kommen Großaufträge,

die zusätzlich Fertigungskapazitäten

erfordern.“ Im Stammland

Österreich weitet Rosenbauer daher

seine Produktionskapazitäten weiter aus

und investiert heuer an den Standorten

Leonding und Neidling gut 15,6 Millionen

Euro.

Der zukunftsorientierte familienkonzern

nimmt seine Nachhaltigkeitsverantwortung

aktiv wahr und achtet auf

Gesellschaft und Umwelt. Durch Ressourcenbündelung

werden Schwerpunkte

in den Bereichen Bildung & Jugend, Feuerwehrwesen

und Regionalität gesetzt.

vollsortimenter mit internationalem

format: rosenbauer liefert weltweit an

feuerwehren. Fotos: rosenbauer international Ag

Ein schonender Umgang mit der Natur

und die Einhaltung aller Gesetze sind

selbstverständlich.

PR

kontakt

www.rosenbauer.com

25 Jahre agrana – erfolg mit verantwortung

Die agrana beteiligungs-ag ist ein international ausgerichtetes inDustrieunternehmen,

das landwirtschaftliche Rohstoffe zu Produkten für die weiterverarbeitende Industrie veredelt.

am standort pischelsdorf (nÖ) verwertet agrana die rohstoffe zu 100prozent.

Foto: AgrAnA

Der Konzern beschäftigt rund 8.500

MitarbeiterInnen an 56 Produktionsstandorten

auf allen Kontinenten.

1988 als Dachgesellschaft für die

österreichische Zucker- und Stärkeindustrie

gegründet, hat sich AGRANA vom

österreichischen zum global tätigen Unternehmen

erfolgreich weiterentwickelt.

AGRANA hat im Geschäftsjahr 2012/13

mit 3.066 Mio. Euro erneut einen Rekordumsatz

erzielt. Heute ist AGRANA eines

der führenden Zucker- und Stärkeunternehmen

in Zentraleuropa, Weltmarktführer

bei Fruchtzubereitungen für die

Molkereiindustrie und der größte Erzeuger

von Fruchtsaftkonzentraten Europas.

„Die Entwicklung von AGRANA in den

letzten 25 Jahren steht für Erfolg mit Verantwortung.

Wir respektieren stets unsere

Umwelt und natürliche Ressourcen.

Nachhaltigkeit ist für AGRANA auch

künftig relevant. An sämtlichen Produktionsstätten

legen wir Wert auf energieeffiziente

Prozesse und größtmögliche

Nutzung aller Nebenprodukte“, betont

DI Johann Marihart, Vorstandsvorsitzender

der AGRANA Beteiligungs-AG. PR

kontakt

AGRANA Beteiligungs-AG

Friedrich Wilhelm Raiffeisen Platz 1

A-1020 Wien

info.ab@agrana.com

www.agrana.com

46 österreich starkes land 2/2013

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finanzplatz Österreich

„mehr bÖrsengänge

täten Österreich gut“

Die baaDer bank in unterschleissheim bei münchen gilt als Spezialist für den

österreichischen Anlegermarkt. Österreich starkes Land sprach mit Vorstandsmitglied

Nico Baader über den Börseplatz Wien.

das interview führte e. michael brauner

welche zukunftsentwicklung

trauen deutsche anleger dem

finanzplatz wien zu?

nico baaDer: Die Titel an der

österreichischen Börse profitierten

viele Jahre von der

starken Ausrichtung auf die

Wachstumsregion Osteuropa.

Unternehmen aus Österreich

waren ihren europäischen

Nachbarn mit ihren Aktivitäten

in der CEE-Region deutlich

voraus. Aufgrund der anhaltenden

Probleme in der Region

ist der Faktor CEE-Ausrichtung

derzeit maximal als neutrale

Kraft einzuschätzen. Der

wichtige Sektor Banken leidet

tendenziell immer noch an

dem starken Osteuropa-Engagement.

welche bedeutung hat denn

die wiener börse für anleger in

Deutschland?

Gefragt werden derzeit von

deutschen und anderen internationalen

Investoren ausgewählte liquide

Einzeltitel mit Wachstumspotenzial und relativ

günstiger Bewertung. Zu den wichtigsten

internationalen Anlegern zählen

wir derzeit deutsche, englische und amerikanische

Investoren.

wie geht es in osteuropa weiter? setzt die

börse wien mit ihrem cee-schwerpunkt

auf das richtige pferd?

Mittelfristig dürfte die CEE-Region wieder

überdurchschnittliche Wachstumsraten

aufweisen. In einigen Ländern überwiegen

derzeit aber die Risiken. Für die

Wiener Börse wird es von großer Bedeutung

sein, dass die dort notierten Unternehmen

wirtschaftlich erfolgreich sind.

nico baader,

vorstandsmitglied

baader bank

Foto: Baader Bank

Die Wiener Börse hat darüber hinaus intensiv

dafür zu kämpfen, dass sie der beste

Handelsplatz für die österreichischen

Titel bleibt.

zu den großen anlagetrends der jüngeren

vergangenheit gehörten nachhaltigkeit,

ethik und csr. was wurde eigentlich daraus?

immerhin ist Österreich ein land mit

hohen sozial- und umweltstandards.

Das gesamte Thema Nachhaltigkeit wird

mittelfristig generell weiter an Bedeutung

gewinnen. Derzeit liegt der Fokus beim

Aspekt guter Unternehmensführung.

Österreichs wirtschaft nutzt die börse als

Quelle für beteiligungskapital eher spärlich.

würden sie den unternehmen mehr

mut zur börse empfehlen?

Wie in vielen kontinentaleuropäischen

Ländern ist die Aktienkultur auch in Österreich

zu wenig ausgeprägt. Dem österreichischen

Kapitalmarkt täten Börsengänge

sehr gut. Derzeit liegt die Investorenpräferenz

bei großen und liquiden Titeln.

eng damit verknüpft ist die frage nach unternehmen

im öffentlichen eigentum. würden

sie sich für Österreich wieder einmal

eine privatisierungswelle wünschen?

Ein klares Ja. Die bisherigen Börsengänge

ehemaliger Staatsbetriebe waren

durchwegs erfolgreich. Der Track-Record

ist also als gut zu bezeichnen, was bei

künftigen IPOs aus Staatsbesitz durchaus

von Vorteil sein kann. Darüber hinaus

könnten es Eisbrecher für weitere

Börsengänge sein. Unserer Meinung nach

leiden österreichische Aktien momentan

unter einem Mangel an Aufmerksamkeit,

nicht nur weil die Anzahl der Analysten

kontinuierlich abnimmt. Erfolgreiche

Börsengänge würden auch die Aufmerksamkeit

ausländischer Investoren wieder

mehr auf Österreich lenken.

mit welcher anlageempfehlung, die Österreich

betraf oder betrifft, konnten sie seit

2008 besonders punkten und welches Österreichinvestment

hat sich in relation

zum markt schlechter entwickelt?

Die Baader Bank hat im Februar 2012 mit

der Analyse österreichischer Aktien begonnen.

Die erfolgreichste Empfehlung

unserer Analystin Christine Reitsamer, war

die Kaufempfehlung für CA Immo, die

seit der Ersteinstufung um gut 40 Prozent

zulegen konnte. Im gleichen Sektor, aber

weniger erfolgreich war die Empfehlung

für Conwert, die Aktien handeln mittlerweile

acht Prozent niedriger.

österreich starkes land 2/2013 47

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Neuer Index

ATXglobalplayers

Der neue Index der Wiener Börse besteht aus allen Unternehmen

im prime market, die mindestens 20 % ihres Umsatzes

außerhalb Europas erwirtschaften. Global Player aus

Österreich, deren Aktien zu langfristigem Vermögensaufbau und

ausgewogenem Veranlagungsmix dazugehören.

Näheres über die Wiener Börse AG unter:

www.wienerborse.at

Es handelt sich um eine Marketingmitteilung, die nicht unter Einhaltung der Rechtsvorschriften zur Förderung der Unabhängigkeit von

Finanzanalysen erstellt wurde und auch nicht dem Verbot des Handels im Anschluss an die Verbreitung von Finanzanalysen unterliegt.

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Unternehmen&Märkte

»

Folgten andere

dem Beispiel

Nordbayernpost,

wäre ein zweites

Zustellnetz tot

entsprechen.“ Man sei dort ohnehin nur

eingestiegen, „um in die Qualität des Managements

und die Technik und in ein vielversprechendes

Geschäftsfeld zu investieren“,

sagt Dünnwald. „Über Strategie und

detaillierte Geschäftspläne habe man nie

gesprochen.“

Kaum bestreiten lässt sich aber, dass das

Geschäftsgebaren der Compador-Geschäftsführung

sich für die Deutsche Post

lohnt. Die TNT-Tochter verlor einige Kunden.

Auch beim dritten größeren Konsolidierer

im Markt, der Freesort aus Langenfeld

bei Düsseldorf, spürt man seit Jahresanfang

„einen enormen Preisdruck“, sagt

Monika Plum, Leiterin Geschäftsentwicklung

bei der Muttergesellschaft Francotyp-

Postalia. Compador-Chef Greve sagt dazu,

er habe das klare Ziel ausgegeben, „den

Wettbewerb im Konsolidierungsmarkt für

sich entscheiden zu wollen“.

Dafür könnte sein nächster Coup einen

wichtigen Beitrag leisten. Greve plant ein

neues Geschäftsmodell, das darauf abzielt,

die bei Großkunden eingesammelten

Briefsendungen von den privaten Briefdiensten

zur Deutschen Post umzuleiten.

Als Experimentierfeld nutzt Compador offenbar

die Nordbayernpost in Nürnberg.

Der Briefzusteller, der pro Tag rund 100 000

Briefe verteilt, wurde 2008 von Verlagen gegründet,

schwarze Zahlen schrieb er nie.

Die Gesellschafter verkauften die Nordbayernpost

im März dieses Jahres an den Privatmann

Michael Lübnitz, der Branchenkreisen

zufolge eher weniger Erfahrung im

Briefgeschäft mitbringt.

Nach außen hin gibt es zwischen ihm

und Compador auch keine Verbindung.

Doch offenbar stehen sich beide sehr nahe.

Man habe „penibel darauf geachtet, die

Geschäftsbeziehung zu verschleiern“, sagt

ein Insider, um keinen Verdacht beim Bundeskartellamt

aufkommen zu lassen. Tatsächlich

habe sich Compador aber in das

operative Tagesgeschäft eingemischt,

Compador-Manager hätten Mitarbeitern

der Nordbayernpost gar Weisungen erteilt.

Greve und Lübnitz bestreiten das. Es habe

lediglich einen Beratungsvertrag mit Compador

„im Rahmen der Restrukturierung“

gegeben, so Lübnitz.

Unumwunden gibt Greve aber zu, welchen

Inhalt die Beratung hatte. Das Ziel sei

ein „kooperatives Wettbewerbsmodell“ gewesen.

Die Nordbayernpost-Zusteller sollten

Briefe nur noch im eigenen, deutlich

geschrumpften Kerngebiet Nürnberg austragen

– dort hätten sie Briefträgern der

Deutschen Post weiter Konkurrenz gemacht.

Die restlichen

Sendungen,

etwa 40 Prozent

der täglich

rund 100 000 Briefe,

die vor allem in Gebiete

außerhalb Frankens gingen, sollte die

Nordbayernpost nicht mehr wie vorher üblich

über private Briefdienstpartner zustellen

lassen, sondern über die Deutsche

Post. Die Verträge mit den früheren Partnern

kündigte Lübnitz – der Bonner Konzern

gewann auf einen Schlag 40 000 Briefsendungen

pro Tag.

Für die Großkunden der Nordbayernpost

hatte das durchaus Charme: So war sichergestellt,

dass die Briefe in der Regel einen

Tag nach Einwurf, im Fachjargon

„E+1“ genannt, bundesweit zugestellt wurden.

Die private Konkurrenz schafft das

nur im eigenen, meist regionalen Zustellgebiet.

Bundesweite Briefe brauchen eher

zwei Tage. Private Briefdienste, die sich etwa

in der Mail Alliance zusammengeschlossen

haben, akzeptieren den Qualitätsverlust,

um sich so wenigstens eine

Stabiles Monopol

MarktanteileimBriefmarkt*

(inProzent)

Eingesammeltund zugestellt vonder DeutschenPost

Eingesammeltund vorsortiert vonWettbewerbern,

zugestellt vonder DeutschenPost

Eingesammeltund zugestellt vonWettbewerbern

100

90

80

70

60

50

40

30

20

10

0

2004 05 06 07 08 09 10 11

*nachSendungsmengen;Quelle:WIK

Alternative zur Post zu sichern. Würde die

Nordbayernpost als Erster aus diesem System

ausscheren und andere dem Beispiel

folgen, wäre das zweite Netz aber so gut

wie tot – das Monopol der Deutschen Post

wäre dauerhaft gesichert.

Die Post will davon nichts wissen. „Wir

achten als Minderheitsgesellschafter peinlichst

genau darauf, dass wir uns in die Geschäfte

von Compador nicht einmischen“,

sagt Manager Dünnwald.

„Wir lassen dem Management

freie Hand.“ Angesichts zahlreicher

Gespräche, die das Compador-Management

im vergangenen

Jahr im Vorfeld des Einstiegs

der Deutschen Post mit Top-

Managern in Bonn geführt hat,

wirkt diese Argumentation

schwer nachvollziehbar. Greve gibt immerhin

zu, dass Gespräche auch darüber geführt

wurden, ob ein Einstieg strategisch

passen würde. Details seien hingegen nicht

Thema gewesen.

SCHWERE VORWÜRFE

Unbeantwortet bleibt angesichts dieses

ausgeklügelten Geschäftsmodells bis heute

die Frage, warum die Nordbayernpost am

Ende doch nicht überlebt hat. Ende September

entschloss sich Lübnitz zur Liquidierung,

weil ihm „die Restrukturierung

nicht gelungen ist“. Die Wettbewerber vermuten

eher ein abgekartetes Spiel: Es liege

nahe, „dass der Erwerb der Nordbayernpost

auf Veranlassung des Gesellschafters

von Compador, Deutsche Post AG, erfolgt

ist, um Nordbayernpost vom Markt zu nehmen“,

heißt es in einem Anwaltsschreiben

des Bundesverbands Briefdienste (BBD) an

die Bundesnetzagentur. Der Post-Konzern

weist die Vorwürfe als „haltlos“ zurück. So

auch Greve, der darauf hinweist, dass er so

ja potenzielle Kunden, an die er Sortiermaschinen

verkaufen könnte, verliere würde.

Auch Lübnitz verwahrt sich „aufs Äußerste

gegen ehrenrührige Unterstellungen, die

mich zur Marionette degradieren“.

Geschäftsdetails über Kunden der Postcon

muss sich Compador künftig jedenfalls

anders beschaffen. Das Landgericht Düsseldorf

hat Compador per einstweiliger

Verfügung im September verboten, Postcon-Mitarbeiter

aufzufordern, Geschäftsoder

Betriebsgeheimnisse weiterzugeben,

insbesondere über Probleme mit Kunden,

sowie über interne Schwierigkeiten und

Probleme mit Postcon-Mitarbeitern zu berichten.

Verhandelt wird im November. n

christian.schlesiger@wiwo.de | Berlin

WirtschaftsWoche 28.10.2013 Nr. 44 63

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Unternehmen&Märkte

Der Blitzableiter

DEUTSCHE BANK | Stephan Leithner hat den vermutlich härtesten

Job im Vorstand. Er muss die Skandale der Bank aufarbeiten und

für eine saubere Zukunft sorgen.

Dann will der Manager beim Treffen

in der Moskauer Filiale vom aus

dem fernen Frankfurt angereisten

Vorstand doch mal wissen, was das alles

überhaupt soll. Das ganze Gerede vom

Kulturwandel. Dieser Würfel, den alle Spitzenmanager

der Deutschen Bank in die

Hand gedrückt bekommen haben und bei

dem auf jeder Seite ein Leitwert des Unternehmens

steht. Integrität, Partnerschaft,

Disziplin, Innovation, Kundenfokus, Nachhaltigkeit

– all das mag ja in der Zentrale eine

tiefere Bedeutung haben. Aber was bitte

heiße es hier, in Russland?

Stephan Leithner hört dem Vortrag in aller

Ruhe zu. Dann bittet der Personalvorstand

die anwesenden Manager zum Diskurs. Sie

sollten doch mal genauer überlegen, was sie

im Alltag so machen. Und was diese Normen

für sie bedeuteten. Welche Geschäfte sie in

Zukunft noch so wie bisher machen können,

welche sie anders machen müssten – und

Hier kommt der

Aufräumdienst

Vorstand Leithner

welche gar nicht mehr gingen. Zwei Stunden

später sind bei Weitem nicht alle Fragen geklärt.

Und doch sehen die Versammelten etwas

klarer, berichtet einer, der bei jener Sitzung

in der vorvergangenen Woche dabei

war. Es sei jedenfalls gut gewesen, darüber

einmal geredet zu haben.

Es ist eine Zeit des Übergangs in der

Deutschen Bank. Eine Zeit der Gruppendiskussionen,

der Gesprächskreise und der

Selbstfindung. Eine Art Traumatherapie,

nachdem immer neue Vorwürfe, immer

neue Ermittlungen und immer neue Schadensersatzprozesse

das Image des mit Abstand

größten deutschen Instituts schwerstens

lädiert haben.

Alles besser machen soll der von der

Doppelspitze Anshu Jain und Jürgen Fitschen

ausgerufene Kulturwandel. Das vage

Versprechen ist ihr Großprojekt, an dessen

Erfolg sie sich messen lassen wollen. So wie

ihr Vorgänger Josef Ackermann am Ziel einer

Eigenkapitalrendite von 25 Prozent.

Und selbstverständlich ist der Wandel

Chefsache. Alle internen Mitteilungen

kommen von Jain und Fitschen, in den Sitzungen

von Vorstand und Aufsichtsrat tragen

sie regelmäßig den aktuellen Stand vor.

Stephan Leithner bleibt da im Hintergrund.

Dabei hängt das Gelingen der Neuorientierung

ganz wesentlich von ihm ab.

Als Personalvorstand muss er dafür sorgen,

dass es nicht bei schönen Worten bleibt.

Als Rechtsvorstand muss er die Sünden der

Vergangenheit möglichst rasch und geräuschlos

abarbeiten und neue Regeln einführen,

die künftig Fehltritte verhindern.

Und als Europachef muss er sich auch

noch um die großen Kunden außerhalb

Deutschlands kümmern.

ALLE BAUSTELLEN AUF EINMAL

„Es ist eine Herkulesaufgabe“, sagt ein früherer

Vorstand. „Ich habe mich gefragt, wie

der Aufsichtsrat ihm alle Großbaustellen

auf einmal zumuten kann“, sagt ein langjähriger

Vertrauter Leithners.

Als Jain und Fitschen vor eineinhalb Jahren

ihr Führungsteam vorstellten, war der

Posten für Leithner eine Überraschung.

Denn der Österreicher war vorher Investmentbanker,

Spezialist für die Beratung

großer Unternehmensübernahmen. Den

Job füllte er mit Leistung und Leidenschaft

aus. „Weichen zu stellen, an großen strategischen

Themen zu arbeiten, das war seine

Welt“, sagt einer, der ihn seit Jahren kennt.

„Dies aufzugeben ist ihm schwergefallen.“

Andererseits, so ein anderer Insider, sei

ein Sitz im Vorstand immer das Ziel des

47-Jährigen gewesen. Die Chance habe er

ergreifen müssen. Deshalb sitzt er nun in

Tarif- statt in Übernahmeverhandlungen,

muss sich mehr um Frauenförderung als

um die Finanzen deutscher Großkonzerne

kümmern, Trainings organisieren, Regeln

zum korrekten Verhalten einführen und

Vorgaben der Regulierer aus Brüssel und

Berlin umsetzen. Dinge, die gemacht werden

müssen, aber wenig Glamour bieten.

Leithner selbst sagt dazu nichts. Ins

Scheinwerferlicht hat er noch nie gestrebt.

Dass es auf dieser Seite kein besseres Foto

von ihm gibt, liegt daran, dass es überhaupt

kein besseres Foto von ihm gibt. Und

er keines von sich machen lassen will. Über

sich selbst sprechen mag er genauso wenig.

Wenn es denn sein muss, sollen das

seine Kunden tun. Lobende Worte über

Banker, Investmentbanker gar, fallen Industriemanagern

schwer. Bei Leithner jedoch

machen einige eine Ausnahme.

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA

64 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Linde-Chef Wolfgang Reitzle etwa. Mit

Leithners Hilfe zog er 2005 die Übernahme

des britischen Industriegasherstellers

BOC durch. Zusammen saßen sie oft bis

spät in die Nacht an den Details des Deals,

der aus dem Mischkonzern mit einem

Schlag ein ganz anderes Unternehmen

machte. Leithner hat Reitzle dabei schwer

imponiert. Durch seinen Einsatz, seine intellektuelle

Brillanz. Und sein klares Bewusstsein

für die Grenzen des Zulässigen,

sein penibles Einhalten aller Vorschriften.

„Seine ethischen Grundsätze, seine persönliche

Integrität sind beeindruckend“,

lobt Reitzle.

ERNSTE VERÄNDERUNGEN

Auch Fresenius-Chef Ulf Schneider hörte

bei Transaktionen bevorzugt auf Leithner.

Mit ihm leitete er etwa die Milliardenübernahmen

von Renal Care und APP ein. „Stephan

Leithner ist stets verfügbar, stets bestens

vorbereitet, stets sehr hilfreich“, sagt

Schneider. „Er verkörpert Solidität und Bescheidenheit

mit weltoffener Einstellung

und internationaler Erfahrung. Er selbst

braucht keinen Kulturwandel, weil er keine

Exzesse zu verantworten hat.“

So wie Leithner

schon ist, soll die

ganze Deutsche

Bank werden

Nicht alle Kunden sind so voll des Lobes.

Bei den abgebrochenen Anläufen von Evonik

an die Börse etwa war der Chemiekonzern

mit der Rolle der Deutschen Bank unter

Führung Leithners alles andere als zufrieden.

Und doch loben selbst Konkurrenten

seine Integrität, seine tiefe Verwurzelung

im Kundengeschäft. Dass es ihm ernst

ist mit den Veränderungen, bezweifelt keiner.

Seine Herkunft aus dem Investmentbanking

soll ihm Glaubwürdigkeit und Autorität

geben, um den Wandel auch dort

durchzusetzen. Wie Leithner schon ist, so

die Vorstellung, soll das ganze Investmentbanking

der Bank einmal werden.

Wandel tut hier not. Längst ist bekannt,

dass es in einigen Büros in Leithners Nachbarschaft

in den Jahren vor 2008 hoch und

nicht immer legal herging. „Da wurden

Produkte entwickelt, bei denen man wusste,

dass sie vermutlich implodieren würden,

und für die man später den Aufräumdienst

verkaufen wollte“, erzählt ein Insider.

Es boomten die Verbriefungen amerikanischer

Ramschhypotheken, und eine

Spezial-Verkaufstruppe zog los, um Kommunen

und Mittelständlern Produkte zu

verkaufen, mit denen die ihre Zinsrisiken

absichern sollten. Schon weil diese Kunden

keine Ahnung von Marktpreisen hatten,

gingen die Gewinne der Bank steil

nach oben. Kurzfristig jedenfalls.

Nun verlangen viele Geschädigte Genugtuung.

Leithner hat den undankbaren

Job, den von den Kollegen angerichteten

Schlamassel aufzuarbeiten. Wie hoch der

Schaden letztlich ist und für wie viel die

Bank geradestehen muss, ist noch nicht

absehbar. Drei Milliarden Euro hat sie für

Rechtsstreitigkeiten zurückgestellt. Aber

ob das reicht? „Da wird noch einiges hochkommen“,

fürchtet ein Top-Manager der

Bank. Schon bei der Vorlage der Quartalszahlen

an diesem Dienstag muss wohl

noch mal kräftig aufgestockt werden. »

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Unternehmen&Märkte

»

Wann hört das auf? Zumindest das Verfahren

um die Manipulationen des Referenzzinses

Libor wird wohl Anfang nächsten

Jahres beendet sein. Aber wer sagt, dass

die Banker des Instituts nicht auch an den

Kursen von Devisen, Rohstoffen oder Gold

herumgespielt haben? Und was kommt bei

den diversen Hypothekenklagen in den

USA am Ende heraus?

Für Leithner geht es vor allem um Taktieren

und Verhandeln, um die Suche nach

Kompromissen. Darum, zum richtigen

Zeitpunkt das richtige Maß an Transparenz

zu schaffen. Nicht immer auf jedem Paragrafen

zu bestehen, sondern die Themen

möglichst schnell, unauffällig und kostengünstig

abzuarbeiten. Die Fähigkeiten,

heißt es in der Bank, habe er sich in seiner

Zeit als Übernahmeberater antrainiert.

»

»

Er braucht keinen

Kulturwandel, weil

er keine Exzesse

verantworten muss«

RAUS AUS DEM DUNKELN

Ganz still und leise geht das nicht immer.

Die Altlasten zwingen den Vorstand mitunter

ins ungeliebte Scheinwerferlicht. Ende

2012 hat er dort seinen bisher größten Auftritt.

Der Finanzausschuss des Bundestags

will Licht ins Libor-Dunkel bringen. Eigentlich

wollen die Parlamentarier Jain

persönlich verhören, der sich aber für nicht

zuständig erklärt. Leithner übernimmt.

Und erledigt den Auftritt wie erwartet: Seine

strahlend blauen Augen blicken durch

die randlose Brille, er lächelt freundlich bis

verlegen ins Publikum. Und sagt, dass er

wenig sagen kann. Weil er wenig sagen

darf. „Abgeordnete scheitern an Mauer-

Bankern“, lauten später die Überschriften.

Auftritte vor großem Publikum sind eh

nicht so seine Sache, bei Kundenterminen

hält er sich gerne an die vorbereiteten Präsentationen.

Es ist vor allem die kalte, intellektuelle

Brillanz, die Fähigkeit zur absoluten

Konzentration, die Klienten beeindruckt.

Und Mitarbeitern mitunter Angst

macht. Schwächen erkennt er sofort, die

Begeisterung der Kollegen in der Investmentbank

für Markttrends konnte er nur

schwer teilen. „Welche Sau treibt ihr heute

wieder durchs Dorf?“, habe er immer wieder

halb skeptisch, halb spöttisch gefragt,

erinnern die sich. Und schenkten ihm zum

Geburtstag dafür einmal eine mit Marzipan-Schweinchen

verzierte Torte.

Leithner hat es nicht nötig, arrogant aufzutreten,

weil er weiß, dass er klüger ist als

die meisten seiner Gesprächspartner. Sein

leichter österreichischer Akzent lässt ihn

leutseliger wirken, als er ist. Dahinter verbirgt

sich ein ungemein ehrgeiziger und

durchsetzungsfähiger Banker. Als Investmentbanker

hielt er am Wochenende morgens

und abends im Halbstundentakt Telefonkonferenzen

ab, unterbrochen durch

ein paar Stunden Freizeit für seine drei

Kinder. Den Teilnehmern gab er gerne mal

Leithners ethische

Grundsätze

und persönliche

Integrität sind

beeindruckend«

Wolfgang Reitzle, Linde-Chef

Ulf Schneider, Fresenius-Chef

Hausaufgaben bis Montag auf, sodass deren

Freizeitplanung ins Wasser fiel.

Dass Leithner nicht nur nett kann und

am Ende des Kulturwandels keine Basisdemokratie

steht, haben auch die Betriebsräte

begriffen. „Er wirkt vielleicht erst mal etwas

naiv“, sagt ein Arbeitnehmervertreter.

Aber in der Sache kann er knallhart sein. So

setzte er gegen den Widerstand der Arbeitnehmer

das System der „Red Flags“, der

„Roten Karten“ durch. Verstöße gegen die

neuen Verhaltensregeln sollen künftig bis

hinunter zum Filialmitarbeiter mit Verwarnungen

geahndet und gespeichert werden.

Trotzdem sind die Arbeitnehmervertreter

mit ihrem Hauptansprechpartner zufrieden.

Selbst Skeptiker, so berichten Teilnehmer,

waren nach seinem ersten Auftritt

in der Betriebsratssitzung angetan. Schon

weil er deutlich länger blieb als geplant. „Er

hat ein offenes Ohr für uns und sich sehr

gut und engagiert in die Personalthemen

eingearbeitet. Er ist ein glaubwürdiger Vertreter

des Kulturwandels“, lobt ihn der Betriebsratsvorsitzende

Alfred Herling.

Mehr Kontrolle ist ein Baustein im Veränderungsplan.

Leithners Leute legen

überall eine Schippe drauf. Die Bezahlung

soll sich stärker an langfristigen Zielen orientieren,

jährlich finden 200 000 Schulungen

zum rechtmäßigen Verhalten und der

neuen Regulierung statt. Neue Produkte

sollen streng darauf geprüft werden, welche

Nebenwirkungen sie haben. Und, auch

das ist Teil des Konzepts, mehr Frauen sollen

in Führungspositionen aufrücken. Mit

der Personalchefin Pippa Lamnbert und

der Anwältin Daniela Weber-Rey hat Leithner

schon mal zwei Top-Jobs in seiner Abteilung

weiblich besetzt.

Wie viele seiner Kollegen brauchte auch

Leithner eine Weile, um zu erkennen, dass

in der Deutschen Bank in den vergangenen

FOTOS: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PICTURE-ALLIANCE/DPA

66 Nr. 44 28.10.2013 WirtschaftsWoche

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Jahren einiges gründlich schiefgelaufen ist.

Noch Ende 2008 meinten Top-Manager,

dass lediglich ein besseres Risikomanagement

nötig sei. Nun erklären die gleichen

Top-Manager die Umkehr mit durchaus

drastischen Vergleichen. Bei einem Herzinfarkt

denke der Patient auf der Intensivstation

auch erst mal nur ans Überleben.

Erst wenn er das Krankenhaus verlassen

hat, lege er sich einen gesünderen Lebenswandel

zu. 2017, so die interne Planung,

soll die Rehabilitation abgeschlossen sein.

VON ACKERMANNS GNADEN

Chefdoktor Leithner hat sich anders als

mancher Superstar der Szene immer eine

gewisse Bodenständigkeit bewahrt. Das

liegt auch an seiner Herkunft. Aufgewachsen

ist der leidenschaftliche Skifahrer im

500-Seelen-Ort Pertisau in Tirol, wo die Familie

eine Skischule, ein Hotel und einen

Golfplatz besitzt. Wobei der Bezug zur

Großindustrie von Anfang an da war. Seine

Mutter stammt aus einer großen deutschen

Industriellenfamilie. Zum Wirtschaftsstudium

zog es Leithner aus der

dörflichen Umgebung an die Schweizer

Eliteuni Sankt Gallen. „Er war zu Recht

selbstbewusst, aber kein Angeber“, erinnert

sich ein Kommilitone.

Seine Doktorarbeit ist so herausragend,

dass er mit ihr 1993 einen Preis gewinnt,

den es sonst nur für Habilitationen gibt.

Den Inhalt, die „empirische Umsetzung eines

arbitragefreien Zinsstrukturmodells,

insbesondere für einen Rentenmarkt außerhalb

der USA“ bezeichnet sein Doktorvater

Heinz Zimmermann heute noch als

„sehr fortschrittlich und eine echte Herausforderung“.

Zimmermann beschreibt

Leithner als „absolut loyalen und menschlich

beeindruckenden Mitarbeiter, der

auch die Wissenschaft bereichert hätte“.

Wichtiger noch als der Inhalt seiner Dissertation

wird für Leithner ihr Ideengeber:

Das Werk entsteht aus einer Diskussion

von Studenten mit Josef Ackermann, der

damals gerade erst in den Vorstand des

Credit-Suisse-Vorläufers SKA aufgestiegen

ist. Ackermann holt Leithner und mehrere

seiner Kollegen dann 1999 von McKinsey

zur Deutschen Bank, um das Geschäft mit

Fusionen und Übernahmen in Deutschland

zu beleben. Das ist damals eine Domäne

von US-Banken wie Goldman Sachs

und Morgan Stanley. Zu Leithners Förderern

gehört neben Ackermann auch Michael

Cohrs, der bis 2010 das weltweite Geschäft

mit Großunternehmen leitet.

Ackermann und Cohrs sind mittlerweile

Geschichte. Beide gingen nicht als Freunde

des aktuellen Co-Chefs Anshu Jain. Insider

erzählen denn auch, dass der mitunter

professoral-bedächtig wirkende Leithner

nicht unbedingt Jains Ideal eines Investmentbankers

entspricht. Manche halten

ihn gar für „Anshus Blitzableiter“. Die

gerichtlichen Auseinandersetzungen sind

Jains Achillesferse. Weitere Enthüllungen

könnten ihm gefährlich werden.

Für Leithner kein Grund, nervös zu werden.

Er arbeitet den Berg unbeeindruckt

und präzise ab. Das hat er schon immer so

gemacht, berichtet ein früherer McKinsey-

Kollege. Wegen eines Wirbelsturms war

das Büro der Beratung in New York verwaist,

nur eine Handvoll Berater aus

Deutschland harrte noch aus. Warum sie

noch da wären, fragte der letzte Amerikaner

im Gehen. „Wenn ich in Tirol bei jedem

Schneetreiben zu Hause geblieben wäre“,

antwortete Leithner, „hätte ich nicht mal

einen Schulabschluss geschafft.“

n

cornelius.welp@wiwo.de

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Unternehmen&Märkte

Atomkraft?

Yes, please!

ENERGIE | Großbritannien setzt wieder auf Atomstrom, weil alte

Kohlekraftwerke abgeschaltet werden müssen und Windenergie

nicht reicht. Trotzdem drohen Engpässe und Preissteigerungen.

Auf Twitter ergoss sich beißender

Spott über den britischen Premier:

David Cameron hatte seinen Landsleuten

empfohlen, im kommenden Winter

einen warmen Pullover überzuziehen, um

Heizkosten zu sparen. Das war zwar eine

Ente – der Tipp kam nicht aus 10 Downing

Street. Dennoch sah sich Energieminister

Ed Davey gezwungen, abends in den Fernsehnachrichten

zu bekennen: „Ja, zu Hause

trage ich einen Pulli.“

Die Briten entrüsten sich gewaltig über

die kräftigen Heizkosten- und Strompreissteigerungen,

die in den nächsten Monaten

drohen. Drei der sechs großen Versorger,

die gemeinsam rund 90 Prozent des

Marktes kontrollieren, haben bereits angekündigt,

ihre Gebühren um ein Mehrfaches

der Inflationsrate anheben zu wollen.

Die RWE-Tochter Npower wird ihren Kunden

ab Dezember sogar 10,4 Prozent mehr

berechnen als heute.

Strahlende Zukunft

Bestehende undgeplante

Atomkraftwerke in Großbritannien

Bau genehmigt

Edinburgh am Netz

Hunterston Torness Abschaltung

Chapelcross

geplant

Sellafield

Hartlepool

Heysham

Wylfa

Manchester

Trawsfynyndd

Großbritannien

Berkeley

Oldbury

Sizewell

Hinkley Point

Bradwell

London

Dungeness

Quelle:DECC

NEUE STEUER FÜR VERSORGER

„Nicht akzeptabel“ sei das, empörte sich

der ehemalige konservative Premier Sir

John Major und schlug vor, den Versorgern

eine zusätzliche Steuer aufzubrummen.

Sogar das Oberhaupt der Anglikanischen