Wirtschaftswoche Pendler-Manie (Vorschau)

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Liz Mohn ■ Wolfgang Reitzle ■ Hans-Joachim Watzke ■ Jean-Claude Juncker ■ Thomas Weber

42

14.10.2013|Deutschland €5,00

4 2

4 1 98065 805008

Teurer Irrtum

Warum die Klimapolitik

einen Neustart

braucht

Immobilien-Skandal

Wie der Fondsanbieter

Fairvesta Anleger

in die Irre führt

Pendler-Manie

Gesundheit und Karriere: Wie hoch ist der

Preis für das Leben auf Achse?

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien€6,00 | TschechischeRep.CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

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Einblick

Egal, ob Schwarz mit Rot oder Grün: Eine Regierung

des Missvergnügens kommt über uns. Bestenfalls

wird aus Deutschland Österreich. Von Roland Tichy

Berliner Schmäh

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Warum gibt es in Österreich keine

Arbeitslosigkeit? Weil jeder

Job dreifach besetzt ist – mit

einem Schwarzen, einem Roten

und einem Dummen, der die Arbeit

macht. Das ist Wiener Schmäh, gekeltert

aus der lähmenden Nachkriegserfahrung

mit großen Koalitionen. Die Deutschen

wünschen sich zwar eine große Koalition.

Das klingt nach Tatkraft jenseits des Parteiengezänks.

Und vielleicht kann eine

große Koalition tatsächlich Wichtiges leisten

– etwa die Korrektur der Energiewende

(siehe Seite 20). Aber dagegen steht,

dass der Streit um die bessere Lösung zur

Demokratie gehört, auch wenn es manchmal

dauert. Und in Deutschland droht

dieser Ausnahmefall zum Normalfall zu

werden, wie Österreich zeigt: Solche Riesenkoalitionen

verärgern die Wähler, die

dann die politischen Ränder stärken. Von

Wahl zu Wahl schrumpft der Koalitionsanteil

an den Wählerstimmen. Aber die

Groß-Koalitionäre, auch wenn sie sich

derzeit noch zieren, werden sich trotzdem

bald aneinanderklammern – das sichert

Posten, Dienstwagen und öffentliche Aufmerksamkeit.

Inhaltlich überlappen sich

Union und SPD ohnehin, aller künstlichen

Abgrenzung zum Hohn. Und den

Rest besorgt die unvermeidliche innere

Logik politischer Misswirtschaft: Dass die

Steuern erhöht und der Sozialstaat aufgebläht

wird, die Staatsschulden ausufern –

verbleibende Konflikte zwischen den Parteien

lösen solche Koalitionen ratzfatz auf

dem Rücken von uns Steuerzahlern und

der künftigen Generation.

Die innere Kolonialisierung des Landes

und der Wirtschaft durch Pöstchen hier

und da für Parteifreunde, durch die Einbindung

von Gewerkschaften, Sozialversicherungsträgern

und den vielen staatlichen,

halbstaatlichen und korporatistischen

Zwitterwesen wird sich beschleunigen –

bis eben jeder Posten dreifach besetzt ist.

Sie bringen einen dazu, dass man sich in

Deutschland so etwas wie eine zivilisierte

Tea Party zu wünschen beginnt, die entschieden

und kompromisslos für eine

strikte Haushaltspolitik, rigorosen Schuldenabbau

und Begrenzung des Sozialstaats

eintritt.

Die real existierende Opposition jedenfalls

wird dem korporatistischen Wuchersozialismus

nichts entgegensetzen. Wie

auch? Eine Quoten-Queen wie Katrin Göring-Eckardt

als Oppositionsführerin ist

eher eine Verschärfung des Problems,

nicht dessen Lösung. Und in Regierungsämtern

mag man sie auch nicht sehen. Das

ist eine ebenso unerfreuliche Vorstellung

wie die, dass zukünftig Gregor Gysi die zahlenmäßig

stärkste Oppositionspartei anführen

wird. Er ist zwar ein ebenso unterhaltsamer

wie charmanter, aber eben auch

diabolischer Clown. Erst jetzt und unter öffentlichem

Druck schickt er wenigstens

seine Geschäftsführerin in Urlaub – eine

frühere Agentin und Spionin der DDR, aufs

Engste wohl auch mit den verschwundenen

Milliarden und Geldwäscheunternehmen

der SED verbunden, wie „Die Welt“

enthüllt hat. Mit diesem Hintergrund und

diesen Verbindungen eignet sich Gysi

nicht als Oppositionsführer: Die SED-

Erben haben sich gut getarnt, aber nicht

von der Vergangenheit gelöst.

BEÄNGSTIGENDE LEERE

Das Amt des Oppositionsführers ist in einer

Demokratie ebenso wichtig und ehrenvoll

wie das des Regierungschefs. Opposition

ist nicht „Mist“, wie der frühere

SPD-Chef Franz Müntefering einst abwertend

behauptet hat, auch wenn man seine

persönliche Vorliebe für schöne Ämter

nachvollziehen kann. Denn die Opposition

kontrolliert und korrigiert die Regierung;

sie steht als institutionelle Alternative zu

deren Ablösung jederzeit bereit; sie trägt

eine ebenso ehrenvolle wie die Demokratie

konstituierende Verantwortung. Diese

Sicht geht in Deutschland verloren, weil

man sich durch die Tatkraft der Regierung

blenden lässt und die Opposition als Köter

abwertet, die nur die weiterziehende Karawane

der Staatsmänner anbellen.

Eine Regierung des allgemeinen Missvergnügens

und eine Leerstelle bei der Opposition:

Das ist der Berliner Schmäh der

kommenden Legislaturperiode.

n

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 3

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

6 Seitenblick Cognac-Hype dank Hip-Hop

8 Telekom: Keine E-Mails mehr durch die

USA

9 BMW: Startprobleme beim i3 |

Kaufhof: Expansion nach Luxemburg

10 Internet-Koordinator Akram Atallah über

den globalen Umbau des Netzes

12 Rente: Niedrigere Sätze erwartet |

Suhrkamp: Nächste Klage | Kartell bei Feuerwehrleitern:

Millionen für Kommunen

14 Chefsessel | Startup Kuriero

18 Chefbüro Liz Mohn, Unternehmerin und

Aufsichtsrätin bei Bertelsmann

Politik&Weltwirtschaft

20 Energie Der große Schub beim Strompreis

kommt noch | Interview: Wolfgang Anzengruber,

Chef der österreichischen Verbund

AG, will Ökostrom günstig liefern | Die Not

des Ruhrgebiets mit der Energiewende

28 Asylpolitik Wohin mit den Flüchtlingen?

31 Luxemburg Die Dauerregentschaft des

Jean-Claude Juncker wird zum Problem

32 Irland Die Lust am Sparen schwindet

34 USA Die unheimliche Macht der Tea Party

39 Berlin intern

Der Volkswirt

40 Forum Ulrike Ackermann über den Verlust

der Freiheit

41 Deutschland-Konjunktur

42 Serie Geistesblitze der Ökonomie (X)

Mancur Olson erklärt, warum Interessengruppen

so viel Macht besitzen können

44 Denkfabrik ifo-Präsident Hans-Werner

Sinn über die Wirkung des Mindestlohns

Unternehmen&Märkte

46 Universal Music Der weltgrößte Musikkonzern

führt die Branche wieder zu Wachstum

52 IVG Wie Sal. Oppenheim den Niedergang

des Immobilienkonzerns beschleunigte

56 Interview: Christophe de Margerie Der

Chef des Energieriesen Total will in

Deutschland mehr Tankstellen betreiben

60 Wolfgang Reitzle Der scheidende Linde-

Chef zündet die nächste Karrierestufe

62 A.T.U So wurde die Werkstattkette zum

Heuschrecken-Opfer

64 F. Laeisz Die Reederei kämpft um ihre

Beteiligung am Braukonzern AB Inbev

66 Banken Der Kampf um das Geschäft mit

Mittelständlern wird immer härter

Technik&Wissen

72 Klimawandel Es ist höchste Zeit für eine

neue Klimapolitik. Fünf Ansätze dazu

80 Interview: Thomas Weber Der Mercedes-

Vorstand sieht das Auto am Wendepunkt

83 Valley Talk

Titel Der Pendler-Wahnsinn

Teure Energie

Ökostrom kostet 2014 schon

wieder mehr. Doch der große

Preisschub kommt, wenn auch

die Mega-Windparks auf See

ans Netz gehen. Es ist höchste

Zeit für einen Schnitt bei der

Förderung. Seite 20

Köln–Frankfurt, Berlin–Wolfsburg,

München–Ingolstadt: Millionen Deutsche

fahren täglich stundenlang zur Arbeit.

Den Staat kostet das Leben auf Achse

Milliarden – und die Pendler gefährden

Gesundheit und Karriere. Seite 84

Fabrik der Klänge

Die Macher von Universal Music, dem weltgrößten Musikkonzern,

zeigen der angeschlagenen Medienbranche, wie sie die Digitalisierung

nutzen und mit Inhalten Profit erzielen kann. Seite 46

TITELILLUSTRATION: WIESLAW SMETEK

4 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Nr. 42, 14.10.2013

Wie das Klima noch zu retten ist

Der milliardenteure Kampf gegen die Erderwärmung entpuppt

sich als nutzloser Aktionismus. Es ist Zeit für einen Neuanfang.

Fünf Ansätze für eine effektivere Klimapolitik. Seite 72

Management&Erfolg

84 Mobilität Viele Deutsche legen für den Weg

zur Arbeit lange Strecken zurück – zum

Schaden von Gesundheit und Karriere

Geld&Börse

90 Fairvesta Wundersame Geschäfte einer

Fondsgesellschaft | Die Fehde zwischen

Fairvesta und S&K

96 Interview: Hans-Joachim Watzke

Der Geschäftsführer von Borussia Dortmund

über den Spagat zwischen Sport

und Börse | Welches Potenzial hat die

BVB-Aktie noch?

100 Italien NiviCredit schröpft Urlauber

102 Spezial: Zertifikate Neue Anlagepapiere

bringen bis zu acht Prozent – wenn die

Börsen nicht abstürzen

106 Steuern und Recht Kontozugriff bei Erbschaften

| Bauträgerhaftung | Kunstfehler |

Versicherung gegen Arbeitsunfähigkeit bei

der Baufinanzierung | Geldwerte Vorteile

bei Betriebsfeiern | Streit ums Einzelbüro

108 Geldwoche Kommentar: Neue Fed-Chefin |

Trend der Woche: Junk-Bonds | Dax-Aktien:

RWE; E.On | Hitliste: US-Schuldengrenze |

Aktie: TDC | Anleihe: Haniel | Investmentfonds:

NordIX Renten plus | Nachgefragt:

TAG-Chef Rolf Elgeti zu Korruptionsvorwürfen

| Relative Stärke: Bankaktien

Perspektiven&Debatte

116 Ausstellung In München werden Uhren aus

fünf Jahrhunderten gezeigt

119 Kost-Bar

FOTOS: GETTY IMAGES, ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, AGENTUR FOCUS/JUSTIN JIN, PR

Geschlossene Gesellschaft

Mit Traumrenditen geköderte Anleger packten 700 Millionen Euro

in Fairvesta-Fonds. Doch wie will Fairvesta Geld verdienen? Einige

Fonds haben seit Jahren keine Immobilie mehr verkauft. Seite 90

Kompliziert

In München zeigt der Genfer

Uhrenhersteller Patek

Philippe zehn Tage lang

spektakuläre Stücke der

Uhrmacherkunst – darunter eine

Taschenuhr mit eingebautem

Sternenhimmel. Seite 116

Rubriken

3 Einblick, 120 Leserforum,

121 Firmenindex | Impressum, 122 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diesmal mit einem Video über

das Backstage-Geschehen bei

Rockkonzerten und einer

Reportage über den

Kampf vieler Pendler gegen

die Nachwirkungen

des Elbehochwassers.

wiwo.de/apps

n Bernankes Erbe Wie lange will die

US-Notenbank ihre expansive Geldpolitik

fortführen? Ein Gastbeitrag

von Starökonom Martin Feldstein.

wiwo.de/post-aus-harvard

facebook.com/

wirtschaftswoche

twitter.com/

wiwo

plus.google.com/

+wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 5

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Seitenblick

GETRÄNKE

Cognac’n’Beats

Das Geschäft mit französischem Branntwein boomt in

den USA, seit Hip-Hop-Stars das Altherrengetränk

zum Statussymbol und Kultdrink erkoren haben.

50,6Millionen Flaschen Cognac

liefert Frankreich in diesem Jahr in die USA, fast drei

Prozent mehr als 2012. Das Land ist damit der wichtigste

Auslandsmarkt und wächst zudem kontinuierlich,

ausgenommen 2009, dem Jahr der Finanzkrise. 70 bis

80 Prozent der US-Käufer sind Afroamerikaner. Ausgelöst

wurde der Boom durch Rapper wie Busta Rhymes

und P. Diddy, die schon 2001 „Pass the Courvoisier“

sangen. Der Verkauf dieser schon von Napoleon

geschätzten Marke stieg daraufhin um 30 Prozent.

37,7Prozent aller Hip-Hop-Songs

erwähnen Alkohol, stellten Forscher der Boston University

School of Public Health bei der Analyse von

720 Liedern fest. Allein um die Marke Hennessy geht

es in mehr als 100 Songs; so besangen Eminem,

Destiny’s Child oder LL Coo J „Henny“ oder „Henn“.

Hennessy kommt in den USA auf einen Marktanteil

von mehr als 50 Prozent und verpflichtete Rapper

Nas als Werbepartner. Snoop Dogg wirbt für Landy.

100 000Flaschen

Conjure Cognac wurden im ersten Jahr verkauft. Die

Marke hat das Traditionshaus Birkedal-Hartmann

gemeinsam mit Rapper Chris „Ludacris“ Bridges, der

50 Prozent an der Firma hält, eigens für den US-Markt

gegründet. Bacardi brachte im Vorjahr mit D’Usse

einen neuen Cognac für die USA heraus, der von

Superstar Jay-Z beworben wird. Er sorgte bei der

Grammy-Verleihung für Aufsehen, als er Cognac aus

der Trophäe trank.

oliver.voss@wiwo.de

6 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Hype dank Hip-Hop

Musikstar Nas in Hennessys

Cognac-Keller

FOTO: PR/MOET-HENNESSY

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 7

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Menschen der Wirtschaft

Geheimtreffen im

Ministerium

Telekom-Vorstand

Kremer

DEUTSCHE TELEKOM

Keine Bytes ins Ausland

Um die Kunden vor Spionage zu schützen,

will die Deutsche Telekom den Internet-

Verkehr über die USA und Großbritannien

reduzieren.

Nur 39 Prozent der Deutschen halten die Deutsche

Telekom laut einer aktuellen Allensbach-Umfrage

für vertrauenswürdig im Umgang mit persönlichen

Daten. Der Konzern rangiert weit vor Web-Riesen

wie Microsoft, Google und Facebook (siehe Grafik).

Aber eine Zahl bereitet Thomas Kremer, Telekom-

Vorstand für Datenschutz, Sorgen. Seit den Enthüllungen

durch Edward Snowden über das systematische

Abhören des Internet-Verkehrs durch

amerikanische und britische Geheimdienste büßte

die Telekom sechs Prozentpunkte ein – mehr als die

meisten Konkurrenten.

Mit einer radikalen Maßnahme will Kremer jetzt

Vertrauen zurückgewinnen. E-Mails und andere

Datenpakete, die von einem deutschen Ort an einen

anderen deutschen Ort geschickt werden, sollen

nicht mehr die sehr häufig genutzte Route über

die in Verruf geratenen Internet-Knotenpunkte in

Großbritannien und den USA einschlagen, sondern

den direkten Weg durch Deutschland nehmen.

„Beim Transport zwischen Sendern und Empfängern

in Deutschland wollen wir garantieren, dass

kein Byte Deutschland verlässt und auch nicht

vorübergehend die Grenze überschreitet“, sagt Kre-

mer. Ein solches „National Routing“ wäre möglich,

wenn alle Netzbetreiber in Deutschland den Telekom-Vorstoß

unterstützen und Daten ohne Umweg

über andere Länder direkt in Deutschland untereinander

austauschen. Kommt es zu keiner freiwilligen

Übereinkunft, sollte laut Telekom über ein entsprechendes

Gesetz nachgedacht werden.

Bei einem Geheimtreffen am 1. Oktober im Bundeswirtschaftsministerium,

zu dem Manager mehrerer

Netzbetreiber kamen, stellte die Telekom den

Plan erstmals vor. Es gab Zustimmung, aber auch

Kritik von der Konkurrenz. Solch ein Projekt sei

technisch „hochkomplex“ und „mit höheren Kosten“

verbunden, hieß es. Vor allem internationale

Konzerne wie Vodafone und Telefónica prüfen derzeit

„sehr genau“, ob sie beim „National Routing“

mitmachen wollen. Selbst bei einem ausschließlich

in Deutschland aktiven Netzbetreiber überwiegt

Skepsis. „Im Internet lässt sich nicht zweifelsfrei

erkennen, ob Daten national oder international

geroutet werden“, sagt Thomas Bösel, Datenschutzbeauftragter

des Kölner IT-Dienstleisters QSC. Da

gebe es technische und gesetzliche Hürden.

Mittelfristig strebt Kremer eine europäische Lösung

an – aber ohne Großbritannien. Die Telekom

nennt das „Schengen-Routing“ – in Anlehnung an

das Schengen-Abkommen zur Abschaffung stationärer

Grenzkontrollen. „Wir sollten aber zuerst in

Deutschland zeigen, dass dies funktionieren kann“,

sagt Kremer.

juergen.berke@wiwo.de

Vertrauen verloren

Wem die Deutschen

einen vertrauenswürdigen

Umgang mit persönlichen

Daten zutrauen

(in Prozent, 2013,

Vorjahr in Klammern)

Telekom

Microsoft

Ebay

Vodafone

Amazon

Web.de

Google

GMX

Apple

E-Plus

O2

1&1

Alice

Yahoo

Facebook

Quelle:IfD-Allensbach

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8 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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BMW

Startprobleme beim i3

Zulieferer verärgert

BMW-Chef Reithofer mit i3

Kaum angelaufen, stockt die

Serienproduktion des BMW-

Elektroautos i3. Ursache seien

Probleme beim Zusammenkleben

von Kohlefaserteilen in der

Endmontage im Leipziger

BMW-Werk, berichtet ein Insider.

Zwischen Ende September

und Anfang Oktober hätten

dort die Bänder insgesamt zehn

Tage stillgestanden. Zulieferer

anderer Komponenten mussten

ihre Fertigung drosseln, um

nicht auf Halde zu produzieren.

Die Serienfertigung des i3,

mit dem BMW-Chef Norbert

Reithofer den Markt für Elektroautos

aufmischen will, startete

am 18. September. Wie viele

der rund 35 000 Euro teuren

Elektroautos inzwischen gebaut

wurden, will BMW nicht verraten.

„Solche Zahlen werden nur

falsch interpretiert“, heißt es bei

BMW in Leipzig. Man liege aber

voll im Plan. Vorgesehen ist eine

Jahresproduktion von rund

15 000 Autos, davon sind rund

2000 für Deutschland bestimmt.

Dass es zum Start einer neuen

Fahrzeugserie „Optimierungsschleifen“

in der Produktion gebe,

sei normal, so ein Sprecher.

Probleme bei der Karbonverarbeitung

bestreitet BMW, räumt

aber ein, man mache hier „jeden

Tag neue Erfahrungen“.

Im BMW-Entwicklungszentrum

in München kursiert bereits

der Witz, die Verantwortlichen

für das Projekt i hätten

Büros im Erdgeschoss bekommen,

„damit sie nicht aus dem

Fenster springen“.

Laut Kraftfahrtbundesamt

wurden bis Ende September in

Deutschland 151 BMW i3 zugelassen

– zu Test- und Vorführzwecken.

Offizieller Verkaufsstart

ist der 16. November. Bis

dahin soll auch das Vertriebssystem

funktionieren, dass sich

auf 46 BMW-Niederlassungen

und -Händler mit speziellen

Verträgen stützt. Die Schulung

der Servicekräfte hat erst begonnen,

ebenso die Ausstattung

der Autohäuser mit speziellen

Werkzeugen. „Das wird

ganz knapp“, stöhnt einer der

Händler, der für das Projekt i

über 150 000 Euro investiert hat.

matthias.kamp@wiwo.de, franz rother

Aufgeschnappt

Einzigartige Kamera Für die

Anti-Aids-Kampagne Product

Red hat Apple-Chefdesigner

Jonathan Ive gemeinsam mit

seinem Freund und Kollegen

Marc Newson eine Leica-Kamera

entworfen. Das hessische

Unternehmen Leica Camera

baut von dem Modell M allerdings

nur ein einziges Exemplar.

Am 23. November versteigert

das Auktionshaus Sotheby’s

das Unikat in New York, auch

U2-Sänger und Product-Red-

Gründer Bono will kommen.

Experten erwarten einen Erlös

zwischen 500 000 und 750 000

Dollar.

Schöner Schein Das inflationsgeplagte

Argentinien versucht

mit allen Mitteln, den Wert seiner

Währung künstlich hochzuhalten.

Das ist dem Land nun gelungen.

Zufällig. Mit der neuen

100-Peso-Note. Der Geldschein

mit dem Bild der Nationalheiligen

und ehemaligen First Lady

Evita Peron ist im Ausland stark

gefragt. Bei Ebay werden diese

Scheine schon für 30 Euro gehandelt,

der offizielle Wechselkurs

liegt bei 12,70 Euro.

KAUFHOF

Auf nach

Luxemburg

Während der Essener Warenhauskonzern

Karstadt prüft, ob

er Filialen schließen muss, expandiert

der Kölner Konkurrent

Galeria Kaufhof. Nach Information

aus dem Umfeld des Unternehmens

will Kaufhof im Jahr

2015 die erste Filiale in Luxemburg

eröffnen.

„Wir prüfen derzeit die Option,

in Luxemburg an den Start

zu gehen“, sagt Kaufhof-Chef

Lovro Mandac, will sich zu

weiteren Details allerdings

nicht äußern. Intern heißt es,

der Markteintritt im Großherzogtum

soll mit der zu Kaufhof

gehörenden Warenhauskette

Galeria Inno erfolgen. Das Unternehmen

betreibt schon 15

Warenhäuser in Belgien und

hatte im Juli die Eröffnung einer

weiteren Filiale angekündigt. In

Deutschland gehören 105 Warenhäuser

und 17 Sporthäuser

zu Kaufhof.

Die jüngste Expansion ändert

jedoch nichts daran, dass die

Kaufhof-Mutter Metro sich von

den Warenhäusern trennen

möchte. Metro-Chef Olaf Koch

betonte vor Kurzem im Interview

mit der WirtschaftsWoche,

die Warenhaussparte habe sich

„fantastisch entwickelt“, bleibe

aber auf der Verkaufsliste.

henryk.hielscher@wiwo.de

Max Planck schlägt Amerika

Wo sich Deutschlands noch lebende Nobelpreisträger ihre Auszeichnung erarbeiteten

FOTOS: REUTERS/MIKE SEGAR, PR (2)

8

Länder Institute Disziplin

Literatur

9×Max-Planck-Gesellschaft

2

2×freiberuflich

Chemie

1×Forschungszentrum Jülich

Physik

14

davon

1×Deutsches Krebsforschungszentrum

Medizin

1×Rheinische Friedrich-

Wilhelms-Universität

Wirtschaft

Quelle: Nobelstiftung, eigeneRecherche

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 9

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Menschen der Wirtschaft

INTERVIEW Akram Atallah

»Das Internet wird endlich global«

Der Chefkoordinator der nächsten Generation von Internet-Adressen

organisiert den größten Umbau im Netz. Ab Ende 2013 treten erstmals Kürzel

aus fremdsprachigen Schriftzeichen neben Adressen wie .de oder .com.

FLOSKELCHECK

Blitzmarathon

Verlängerung der historischen

Messstrecke

von 42,195 Kilometern

auf das gesamte

deutsche Straßennetz

bei gleichzeitiger Ausdehnung

des Zeitrahmens

auf 24 Stunden

zur unlimitierten Anfertigung

von Zielfotos.

Anders als am 12. September

490 v. Chr. der

sterbende Bote Pheidippides

verkündet

der Blitz heute nicht

mehr einen Sieg,

sondern Probleme.

Außerdem nehmen

Fußgänger nicht daran

teil, können sich aber

während der Veranstaltung

polizeilich

ungestört anderweitiger

Kriminalität

widmen.

DER FLOSKELCHECKER

Carlos A. Gebauer, 48,

arbeitet als Rechtsanwalt in

Düsseldorf, wurde auch

als Fernsehanwalt von RTL

und SAT.1 bekannt.

Herr Atallah, es gibt schon 23

globale Internet-Kürzel, von

.com für Unternehmen bis .xxx

für Porno-Seiten, dazu 250

Länderadressen wie .de oder

.fr. Warum führt die Internet-

Behörde ICANN noch mehr

Kürzel ein?

Das World Wide Web hat bis

heute ein entscheidendes Manko:

Die Adressen der Web-Angebote

sind nicht wirklich international.

Die Endungen, die

sogenannten Top Level Domains,

nutzen alle die lateinische

Schrift. Aber Milliarden

von Menschen – speziell in

Asien – nutzen andere Schriften

und müssen deshalb noch auf

sprachlichen Umwegen durchs

Netz navigieren. Nun wird das

Internet endlich global.

Die linguistische Gerechtigkeit

im Netz...

...ist ja nicht der einzige Antrieb

für die Erweiterung. Wir glauben

auch, dass die Neuerungen

für Netzwelt und Unternehmen

neue Geschäftsmöglichkeiten

bringen. Zum Beispiel gibt es

Online-Dienstleister, die das

Kürzel .gmbh beantragt haben,

um damit komplette Hosting-

Angebote für Firmen dieser

Rechtsform anzubieten. Andere

Antragsteller können eigene

Communitys schaffen. Der

ADAC etwa hat sich seinen Namen

als Endung gesichert und

könnte so ein eigenes Internet

nur für seine Mitglieder aufziehen.

Die Deutsche Post könnte

mit .epost einen neuen Logistikdienst

oder SAP mit .sap allen

Entwicklern und Kunden eine

eigene sichere Netzwelt einrichten,

zu der sonst niemand

Zugang hat.

Was bringt das?

Neben Marketing und Kundenbindung

spricht auch ein Mehr

an Sicherheit für die neuen

Adressen. Denn zu den Vergaberichtlinien

gehören auch höhere

Auflagen zum Schutz vor

Cyberkriminellen, die die Betreiber

der Adressen einhalten

HERR DER NAMEN

Atallah, 50, ist seit Juni

Präsident der Generic Domains

Division der Internet-Adressbehörde

ICANN. Zuvor steuerte

der aus dem Libanon stammende

Elektroingenieur das Tagesgeschäft

der Behörde.

müssen. Gerade für Banken

oder Online-Händler ist das ein

Wettbewerbsvorteil. Wir hoffen,

dass auf Dauer auch die Betreiber

von Web-Angeboten mit

gegenwärtig verfügbaren, traditionellen

Internet-Kürzeln die

höheren Sicherheitsstandards

übernehmen.

Knapp 2000 Organisationen

und Unternehmen haben eine

der neuen Adressen beantragt.

Bei 185 000 Dollar Gebühren

pro Adresse macht das knapp

360 Millionen Dollar für ICANN.

Ist das Ganze nicht in erster

Linie ein großes Geschäft für

Ihre Behörde?

Gar nicht. Wir sind eine Non-

Profit-Organisation. Und das

gilt auch für den laufenden

Vergabeprozess der neuen Endungen.

Ob er schlussendlich

kostendeckend ist, steht heute

noch nicht fest. Es ist aber festgelegt,

dass Antragsteller,

die nicht zum Zug kommen

oder ihren Antrag zurückgezogen

haben, einen Teil der Gebühren

wieder erstattet bekommen

können. Und wenn

Überschüsse bleiben, entscheidet

die Community der

uns tragenden Institutionen

und Gremien über deren Verwendung.

Wann geben Sie die neuen

Adressen frei?

Die Prüfung für viele Anträge

läuft noch. Aber wir gehen davon

aus, dass wir bis Ende 2015

insgesamt rund 1500 neue

Adressen vergeben werden. Die

Ersten können wir voraussichtlich

noch vor Ende dieses Jahres

aktivieren, darunter welche in

arabischen Schriftzeichen, in

kyrillischen oder chinesischen.

Sie sehen, das WWW wird wirklich

global.

thomas.kuhn@wiwo.de

FOTO: PR

10 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

WIRTSCHAFTSWOCHE

FT überholt

Die WirtschaftsWoche ist auch

in den ersten drei Quartalen

2013 das meistzitierte Wirtschaftsmagazin

Deutschlands.

290 Mal griffen andere Medien

WiWo-Berichte auf. Das zeigt

das neue Zitate-Ranking von

Media Tenor. Das „ManagerMagazin“

kam auf 72 Zitate, „Capital“

auf 10. Im Ranking aller

Wirtschaftsmedien einschließlich

der Tageszeitungen überholte

die WirtschaftsWoche die

„Financial Times“ und rückte

vom vierten auf den dritten

Platz – direkt hinter „Handelsblatt“

und „Wall Street Journal“.

EINLADUNG

Was wird aus

Europa?

Ist Europa noch zu retten?

Braucht Europa mehr Einheit

oder mehr Vielfalt? Darüber

diskutieren Wissenschaftler

und der Europaabgeordnete

Daniel Cohn-Bendit auf der

Europa-Konferenz, zu der das

John Stuart Mill Institut für

Freiheitsforschung und die

WirtschaftsWoche am 28. November

nach Berlin einladen.

Weitere Infos im Internet:millinstitut-freiheitsforschung.de.

TOP-TERMINE VOM 14.10. BIS 20.10.

14.10. Wirtschaftsnobelpreis Das Nobelpreiskomitee

gibt am Montag in Stockholm bekannt, wer in diesem

Jahr den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften

erhält. Der Wirtschaftspreis basiert nicht

auf Alfred Nobels Testament, sondern wird seit

1969 von der schwedischen Reichsbank gestiftet.

Koalition In Berlin treffen sich CDU/CSU und SPD

zum Sondierungsgespräch über eine Koalition.

Am Dienstag findet die zweite Sondierungsrunde

zwischen Union und Grünen statt.

Fukushima Experten der internationalen Atomenergiebehörde

inspizieren das 2011 havarierte

Atomkraftwerk im japanischen Fukushima.

15.10. Ökostrom Die Netzbetreiber teilen am Dienstag

mit, wie hoch die Umlage zur Subventionierung

des Ökostroms im nächsten Jahr ausfällt. Voraussichtlich

steigt sie von 5,3 auf 6,3 Cent je Kilowattstunde.

Ein Vier-Personen-Haushalt müsste dann

rund 45 Euro im Jahr zusätzlich zahlen.

17.10. USA Nach Berechnungen von US-Finanzminister

Jacob Lew erreicht das Land am Donnerstag

die Schuldengrenze von 16,7 Billionen Dollar.

Einigen sich Republikaner und Demokraten vorher

nicht auf deren Anhebung, wären die USA zahlungsunfähig.

Experten warnen

vor einer

weltweiten

Finanzkrise.

18.10. VDMA Der Verband der Maschinen und Anlagenbauer

wählt am Freitag in Stuttgart einen neuen

Präsidenten. Für den Posten kandidiert der

Münsterländer Familienunternehmer Reinhold

Festge, 67. Der bisherige Amtsinhaber Thomas

Lindner, 63, tritt nicht mehr an.

SUHRKAMP

Nächste

Klage droht

Bangt um seine Stimmrechte

Mitgesellschafter Barlach

Neues Kapitel im Streit um

Suhrkamp: Stimmt die Gläubigerversammlung

am 22. Oktober

der Umwandlung des Verlags

in eine Aktiengesellschaft

zu, will Minderheitsgesellschafter

Hans Barlach Schadensersatz

einklagen. Das kündigte

Carl Ulrich Mayer an, der Verwaltungsrat

von Barlachs

Schweizer Medienholding.

Seit Monaten liefern sich Barlach

und die Familienstiftung

von Suhrkamp-Chefin Ulla

Unseld-Berkéwicz einen Machtkampf

um den Verlag. Im

Rahmen einer Schutzschirminsolvenz

soll der Konflikt

durch eine gesellschaftsrechtliche

Umwandlung entschärft

werden. Barlach verlöre jedoch

Mitspracherechte.

henryk.hielscher@wiwo.de

LEITERKARTELL

Geld winkt

Um lange Prozesse zu vermeiden,

haben sich die Mitglieder

des 2011 aufgedeckten Kartells

für Feuerwehr-Drehleitern mit

den betroffenen Kommunen

auf einen Ausgleich

in Millionenhöhe

geeinigt.

Iveco Magirus

und Rosenbauer

stellen 6,41 Millionen

Euro für

jene Städte und Gemeinden bereit,

die zwischen 2000 und

2007 zusammen rund 450 Leiterwagen

für ihre Feuerwehren

gekauft hatten. Je nach Fahrzeugtyp

und Leiterlänge können

sie pauschal zwischen

10 500 und 16 000 Euro beantragen

– deutlich mehr als die 1600

bis 2200 Euro je Fahrzeug, die

die Kommunen im Zusammenhang

mit dem Löschfahrzeugkartell

erhalten,

das gleichzeitig

aufgedeckt wurde.

thomas.kuhn@wiwo.de

STUDIE

Rente sinkt

Die meisten Deutschen schätzen

ihre künftige Altersversorgung

ebenso realistisch wie

pessimistisch ein. Das zeigt die

neue Studie der Postbank. „Die

deutliche Mehrheit erwartet,

dass die Leistungen der gesetzlichen

Rentenversicherung sinken

werden, gemessen am

Lohn- und Einkommensniveau“,

heißt es in der Untersuchung.

26 Prozent der Befragten

befürchten sogar, dass die Rente

in zehn Jahren „deutlich

niedriger“ ausfällt; 31 Prozent

gehen von einer „etwas niedrigeren“

Altersversorgung aus.

Nur 21 Prozent meinen, dass sie

„gleich bleibt“. 11 Prozent haben

die Hoffnung nicht aufgegeben

und rechnen mit einer

„deutlich höheren“ Rente.

Jeder zweite Berufstätige

glaubt, dass die gesetzliche

Rente künftig nur die Grundsicherung

garantiert, unabhängig

von der Höhe der Beiträge.

hermann.olbermann@wiwo.de

FOTOS: IMAGO, FOTOSCHLICHTER/ANDREAS SCHLICHTER, PICTURE-ALLIANCE/DPA

12 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

STARTUP

THYSSENKRUPP

Beatrice Weder di Mauro,

48, verlässt noch in diesem

Jahr den Aufsichtsrat von

ThyssenKrupp. Ihr Mandat

wäre noch bis 2015 gelaufen.

Aber EU-Kommissionspräsident

Manuel Barroso, 57, habe

sie in eine Expertenkommission

berufen, darum

habe sie für den Stahlkonzern

keine Zeit mehr. Als

Gerhard Cromme, 70, sie

2010 in das Kontrollgremium

holte, wurde er dafür auf der

Hauptversammlung kritisiert.

Mit der Berufung der

Ökonomie-Professorin wolle

er „nur vom patriarchalischen

Stil“ im Konzern ablenken,

empörte sich eine

Aktionärin. Für Weder di

Mauro rückt Telekom-Chef

René Obermann, 50, in das

Kontrollgremium, das seit

dem Rücktritt von Cromme

im vergangenen März Ulrich

Lehner, 67, leitet. Jener Lehner,

der auch Aufsichtsratsvorsitzender

der Telekom ist.

CITY-IKEA

Bei ThyssenKrupp muss er sich

auf konzernerfahrene und vertraute

Aufseher verlassen können,

will er den trudelnden

Konzern wieder auf Kurs bringen.

MCKINSEY

Frank Mattern, 52, gibt Ende

des Jahres seinen Posten als

Deutschland-Chef von McKinsey

auf und verantwortet dann als

Firm Functional Leader das globale

Geschäft rund um Organisation,

Marketing und Strategie

und damit 30 bis 40 Prozent des

Umsatzes der weltgrößten Strategieberatung.

Nach dem eher

barocken Führungsstil seines

Vorgängers Jürgen Kluge, 60,

der sich in den Medien als Merkel-Freund

und Bildungspapst

feiern ließ, trat Mattern in seiner

siebenjährigen Ägide öffentlich

kaum auf. Dafür wirkte er umso

experimentierfreudiger und erfolgreicher

nach innen. „Keine

zweite Strategieberatung ist

derzeit so gut aufgestellt wie

McKinsey und Deutschland

quasi das Innovationslabor der

Firma“, urteilt Dietmar Fink,

Professor für Unternehmensberatung.

Namen für Matterns

Nachfolge kursieren bereits. Als

mögliche Kandidaten gelten der

Kölner Büroleiter und Handelsexperte

Klaus Behrenbeck, 46,

Jürgen Meffert, 50, der weltweit

die Telekommunikationssparte

verantwortet, und Katrin Suder,

41, Leiterin des Berliner Büros;

sie ist in der Hauptstadt gut verdrahtet.

10 000 Kunden

erwartet der Möbelkonzern Ikea an Spitzentagen

in seiner weltweit ersten Filiale in einer

Fußgängerzone. Mit 10 000 Quadratmetern

ist das Grundstück mitten in Hamburg-Altona das kleinste, auf

dem Ikea je einen Markt gebaut hat. Schon zum Richtfest am

Donnerstag kommen 1000 Gäste. Eröffnung ist am 30. Juni.

KURIERO

Der Lückenfüller

Fakten zum Unternehmen

Finanzierung mit eigenen Mitteln

in Höhe von 25 000 Euro

Kosten Preis für Lieferungen auf

kürzester Strecke ab 5,90 Euro

Effizienz Routenplanung reduziert

Strecken um 45 Prozent

Während seines Studiums arbeitete Sebastian Beyl als Fahrradkurier

und ärgerte sich, wenn er ein Päckchen von A nach B bringen

musste und direkt danach genau zwischen diesen Stationen

ein Dokument abholen sollte. Das könnte man zeit- und kostensparender

organisieren, dachte er sich und gründete das Unternehmen

Kuriero. Herzstück ist eine Software, die für die Fahrer die

Routen plant. So können sie auf einer Tour mehrere Aufträge erledigen

und sind besser ausgelastet.

„Wir gehen genau in die Lücke zwischen Expresskurieren und

klassischen Paketdiensten“, sagt Beyl. Kunden, die ihre Sendung

nicht sofort benötigen, sollen sie so günstiger bekommen als bei

herkömmlichen Kurieren und zudem schneller als bei Logistikern

wie DHL & Co. „Wir liefern innerhalb von vier Stunden“, verspricht

Beyl. Bisher können Sendungen per App oder online in Hamburg,

Köln und Berlin aufgegeben werden. Weitere Städte sollen folgen,

in Frankfurt laufen schon Tests. In dieser Woche kommen Mainz

und Wiesbaden hinzu. Wie schon in Berlin kooperiert Kuriero

dort mit einem lokalen Kurierdienst, statt eigene Fahrer anzuheuern.

Sie nutzen die Kuriero-Technologie

zwar nur

begrenzt, aber Beyl hofft,

dass sich das ändert und

sogar andere Anbieter sie

einsetzen. „Vielleicht planen

künftig mehrere Kurierdienste

ihre Routen

über unser System.“

oliver.voss@wiwo.de

FOTO: VISUM/BERND ROSELIEB, PR (2)

14 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Liz Mohn

Unternehmerin und Aufsichtsrätin bei Bertelsmann

Wenn Liz Mohn, 72, aus dem

Fenster schaut, sieht sie Wiesen,

Bäume und einen Teich,

auf dem Enten und Gänse ihre

Runden ziehen; am Ufer beult

sich ein Windsack neben einem

stillgelegten Hubschrauberlandeplatz

– das teure Fluggerät

ist längst abgeschafft.

Aber auch ohne Helikopter ist

die Matriarchin von Bertelsmann,

Europas größtem Medienkonzern,

viel auf Achse.

Denn von Gütersloh aus steuert

die Unternehmensgruppe

Aktivitäten in aller Welt: mehr

als 50 TV-Sender in Europa

und Asien, Hunderte von Zeitschriften

sowie annähernd 250

Buchverlage auf fünf Kontinenten.

„Die Welt ist heute global

vernetzt. Und da müssen wir

hinschauen, vor Ort – vom

Schreibtisch aus lernen wir

nicht, wie diese Länder ticken“,

sagt Liz Mohn, die im

Bertelsmann-Aufsichtsrat,

in der Bertelsmann

Verwaltungsgesellschaft

sowie im Kuratorium

der Stiftung die Interessen

der Gründerfamilie

vertritt. In

360 Grad

In unserer iPad-

Ausgabe finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

ihrem Büro mag sie einen zeitlosen

Stil. „Wenn ich in Gütersloh

bin, verbringe ich hier viel

Zeit und wollte diesen Raum

von Anfang an wie eine Bibliothek

einrichten. Das passt

schließlich zu Bertelsmann:

Wir sind ein Haus der Medien.“

Entsprechend gut bestückt ist

das Bücherregal. Auf dem

Schreibtisch, einem mehr als

160 Jahre alten Mahagoni-Möbel,

steht ein Foto ihres vor vier

Jahren verstorbenen

Mannes Reinhard,

der den Aufstieg von

Bertelsmann in die

Weltliga der Medienkonzerne

eingeleitet

hatte. Eine Position,

die Liz Mohn in den

vergangenen 40 Jahren

viele hochkarätige Kontakte

beschert hat. Davon zeugen

Fotos mit Bill und Hillary

Clinton, Spaniens König Juan

Carlos und Königin Silvia von

Schweden, Ex-UNO-Generalsekretär

Kofi Annan, aber auch

mit Kreativen wie Liza Minelli

und Karl Lagerfeld. Setzt der

Konzern verstärkt darauf, die

Umbrüche durch die Digitalisierung

fürs eigene Geschäft zu

nutzen, sieht sich Liz Mohn als

Garantin für Kontinuität auf

der Eigentümerseite. „Die kontinuierliche

Weiterentwicklung

der Unternehmenskultur ist

mir ein großes Anliegen. Ich

freue mich, wenn unsere Mitarbeiter

sagen: Ich gehe gern in

meine Firma.“

peter.steinkirchner@wiwo.de

FOTO: STEFAN KRÖGER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

16 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Lange Leitung

bis zur Reform

ENERGIEWENDE | Eins ist sicher: Die Umlage für Ökostrom steigt zum Jahresanfang 2014

schon wieder deutlich. Doch richtig teuer wird es, wenn im nächsten Jahr die

großen Windparks auf See ans Netz gehen und Unternehmen auf eigenen Strom aus

Sonne oder Wind umsteigen. Höchste Zeit für einen Schnitt bei der Förderung.

Geldmaschine

Wie das Erneuerbare-Energien-

Gesetz (EEG) funktioniert.

WAS WIRD FINANZIERT?

Die EEG-Umlage wird erhoben, weil Betreiber

von Anlagen für Solarenergie,

Windkraft oder Biogas eine auf 20 Jahre

festgelegte Bezahlung je Kilowattstunde

(kWh) Strom bekommen. Je niedriger

der Börsenpreis für Strom ausfällt,

desto größer ist die Differenz, die durch

die Umlage von den Verbrauchern

finanziert werden muss. Je mehr Industriebetriebe

zudem von der Umlage

befreit sind, desto stärker steigen die

Kosten für die verbleibenden Zahler.

WIE WIRD GERECHNET?

Die Umlage wird jeweils am 15. Oktober

fürs Folgejahr bekannt gegeben.

Berechnet wird sie von den Netzbetreibern

auf Basis der Septemberdaten –

ausgehend davon, wie viele Anlagen

für Erneuerbare am Netz hängen und

welcher Börsenpreis für Strom erwartet

wird.

GIBT ES UNSICHERHEITEN?

Die Netzbetreiber schätzen ab, wie sich

die Lage im Folgejahr entwickelt: Wie

viel erneuerbare Energie kommt hinzu?

Wie entwickelt sich der Marktpreis? Wie

vielen Industriebetrieben werden Ausnahmen

gewährt, die die übrigen Verbraucher

belasten? Außerdem wird

noch eine Liquiditätsreserve eingeplant.

Helga Düring ist Herrin über eine

große Maschine. Die kann

maximal 150 Tonnen Gefrorenes

am Tag produzieren. Das

Kühleis verkauft die Bremerhavener

Eiswerk GmbH vorrangig an

Fischhändler – vergangenes Jahr 17 000

Tonnen. Doch die Stromrechnung bringt

den Zehn-Mann-Betrieb, immerhin größter

Hersteller im Land, in Existenznot. „Eine

Schreibtischentscheidung ruiniert uns“,

klagt die Geschäftsführerin.

Mehr als die Hälfte des Gesamtwerts der

Produktion geht für Energie drauf:Der Verbrauch

schlägt jährlich mit 80 745,03 Euro

zu Buche. Hinzu kommen 123 325,19 Euro

Steuern und Abgaben sowie 41 776,95 Euro

Entgelt fürs Stromnetz.

Anders als 2400 andere energieintensive

Betriebe gibt es fürs Eiswerk keine Erleichterung

von der steigenden Last der Energiewende.

„Angeblich sind wir kein Produktionsbetrieb“,

wundert sich Düring

über das Bundesamt für Wirtschaft und

Ausfuhrkontrolle (Bafa). „Wir wurden einfach

als Kältelieferant eingestuft.“ Und

Dienstleister gehen eben leer aus.

Zuletzt hat sie Energiewende-Brandbriefe

an Bundesumweltminister Peter Altmaier

und Bundeskanzlerin Angela Merkel

(beide CDU) geschrieben. Altmaier bittet

sie, „sich unseres Problems anzunehmen

und für unser Unternehmen eine Regelung

zu finden, die es möglich macht, weiter bestehen

zu können“.

Es ist wieder die Zeit der steigenden

Wende-Kosten. Jedes Jahr zum 15. Oktober

geben die Netzbetreiber bekannt, wie hoch

die Umlage nach dem Erneuerbaren-Energien-Gesetz

(EEG) ausfällt, die private Verbraucher

sowie Industrie, Gewerbe und

Handel für den gigantischen Umbau unseres

Energiesystems im kommenden Jahr

berappen müssen. Dazu kommen noch

Netzentgelte, Stromsteuer und andere Abgaben,

die bei Verbrauchern inzwischen

mehr als 50 Prozent der Stromkosten ausmachen.

Kein Wunder also, dass nach einer

Emnid-Umfrage im Auftrag der Initiative

Neue Soziale Marktwirtschaft eine Reform

der Energiepolitik bei 72 Prozent der

Deutschen ganz oben auf der Aufgabenliste

für die neue Bundesregierung steht.

FESTE VERGÜTUNG

Ab Januar müssen Verbraucher mehr zahlen:

Die Ökostrom-Umlage als Teil des

Strompreises wird 2014 bei rund 6,3 Cent je

Kilowattstunde liegen. Im laufenden Jahr

fallen bereits 5,3 Cent EEG-Umlage an. Das

ist der bisherige Rekordwert. Das Geld geht

an die Betreiber von Windparks, Solarkollektoren

und Biogaskraftwerken, die auf 20

Jahre eine feste Vergütung für ihren Strom

bekommen.

Nach Rechnung des Vergleichsportals

Verivox bedeutet das für einen Haushalt

mit drei Personen und dem Verbrauch von

3500 Kilowattstunden 2014 im Schnitt 1050

Euro für Strom im Jahr – 70 Euro mehr als

bisher. Die EEG-Umlage macht dabei 36

Euro aus, hinzu kommen 23 Euro bei Netzentgelten

und obendrauf 11 Euro Mehrwertsteuer

– selbst auf die staatlichen

Zwangsabgaben. Insgesamt würde der

Preis so um sieben Prozent klettern.

Ursprünglich war ein noch stärkerer Anstieg

erwartet worden – aber im September

gab es wenig Wind- und Solarstrom (siehe

Kasten). Besonders paradox:Die Umlage

»

FOTO: GETTY IMAGES

20 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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1,7

Konzessionsabgabe

4,6

Mehrwertsteuer

2,1

Stromsteuer

5,3

EEG-

Umlage

8,2

Energiebeschaffung

6,5

Netzentgelte,

Messung,

Abrechnung

0,4

KWK- und

Offshore-

Haftungsumlage

28,7*

Cent insgesamt

kostet im Durchschnitt eine Kilowattstunde

Strom für Privatverbraucher. Die durchschnittliche

Jahresrechnung einer dreiköpfigen Familie

steigt 2014 von 980 Euro auf 1050 Euro.

* Zahlen gerundet; Quelle: AEE

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 21

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Politik&Weltwirtschaft

»

steigt 2014 nicht vorrangig, weil so viele

neue Wind- oder Solaranlagen gebaut worden

wären oder die Industrie so großzügig

Rabatt bekam. Nach Gutachterschätzungen

ist es vor allem der Preis an der Strombörse,

der dank der vielen Ökoanlagen und reichlich

Kohlestrom massiv gefallen ist. Die Differenz

zur auf 20 Jahre festgelegten Vergütung

für Betreiber der Ökoanlagen zahlen

die Verbraucher. Die Lücke klafft bisher bei

rund 20 Milliarden Euro im Jahr.

Doch der richtig große Batzen der Energiewende

kommt auf die Verbraucher erst

noch zu. 2014 und 2015 steigen die auf die

Allgemeinheit umgewälzten Kosten nochmals

drastisch, wenn die großen Windparks

auf See ins Netz einspeisen und deren

Betreiber garantierte Erträge kassieren.

Auch die Ausnahmen von den Zwangsabgaben

bringen den Plan von der schönen

neuen Energiewelt durcheinander. Für

Unternehmen, die als energieintensiv gelten

oder in starker internationaler Konkurrenz

stehen, gibt es Rabatt. Doch die Grenze

erscheint vielen Handwerkern oder Mittelständlern

willkürlich. Immer mehr Betriebe

vermeiden die Zwangsabgabe, indem

sie Ökostrom selbst erzeugen.

ANLAGEN IM BAU

Nach einer Umfrage des Deutschen Industrie-

und Handelskammertages (DIHK)

verfügen in der Industrie acht Prozent von

2300 befragten Unternehmen schon über

eigene Solaranlagen, Windräder oder Biogaskraftwerke.

Bei weiteren 21 Prozent sind

Anlagen geplant oder schon im Bau.

Gerade kleine und mittlere Unternehmen,

aber auch Handelsketten wie Aldi versuchen,

der teuren Sonderlast zu entkommen

und stellen ihren Strom selbst her

Unterkühlte Bedingungen Fürs Herstellen von Kühleis gibt es keinen Strompreis-Rabatt

(WirtschaftsWoche 48/2012). Denn Energie

aus eigenem ökologischem Anbau unterliegt

nicht dem EEG-Aufschlag. Umweltökonom

Andreas Löschel, Chef der Expertenkommission,

die im Auftrag der Bundesregierung

die Energiewende begutachtet,

beschreibt: „Wenn immer mehr Unternehmen

ihren eigenen Strom produzieren,

treibt das zwar die Energiewende an.“ Andererseits:

Weil alle diese Umlagen-Flüchtlinge

nun keinen Strom mehr aus dem Netz

beziehen, wird der Kreis der Zahlungspflichtigen

immer kleiner – und die Last für

die Verbliebenen größer. Der Professor am

Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung

(ZEW) in Mannheim hält es deshalb

für „denkbar“, dass sie sich ebenfalls

„an einer EEG-Umlage beteiligen müssen“.

Sollen sich auch die Eigenverbraucher

am großen Gemeinschaftswerk Energiewende

beteiligen, müssten die EEG-, die

Offshore-Risiko- und die KWK-Umlage fällig

werden, dazu die Strom- und die Mehrwertsteuer,

die zusätzlich die Rentenkasse

und den Staatshaushalt füllen. Andererseits:

Wer Erdbeeren aus dem eigenen Garten

isst, muss darauf auch nicht fiktive

Mehrwertsteuer zahlen, weil er sich beim

Einkauf im Laden an der Finanzierung des

Gemeinwesens beteiligt hätte.

Die Eigenproduktion ist nur attraktiv,

wenn sie nicht teurer ist als Strom aus dem

Netz. Für Privatleute beispielsweise kostet

die Kilowattstunde derzeit knapp 29 Cent,

im kommenden Jahr vermutlich 30 Cent.

Die reinen Produktionskosten machen dabei

aber nur rund acht Cent aus.

Nimmt man noch die ersparten Kosten

für Transport und Abrechnung sowie die

darauf entfallende Mehrwertsteuer hinzu,

Was den Strompreis angetrieben hat

Durchschnittlicher Strompreis eines Drei-Personen-Haushaltes

in Cent/kWh (Jahresverbrauch von 3500 kWh)

Erzeugung, Transport,Vertrieb MwSt. Konzessionsabgabe EEG-Umlage

KWK-Aufschlag §-19-Umlage Offshore-Haftungsumlage Stromsteuer

Quelle: BDEW, AEE

Durchschnittlicher Strompreis für die Industrie in Cent/kWh

(inklusiv Stromsteuer, Jahresverbrauch 160 bis 20000 MWh)

Erzeugung, Transport, Vertrieb Konzessionsabgabe EEG-Umlage

KWK-Aufschlag §-19-Umlage Offshore-Haftungsumlage Stromsteuer

30

25

20

15 13,94 14,32 16,11 17,19 17,96 18,66 19,46 20,64 21,65 23,21 23,69 25,23 25,89 28,70 30

25

20

15

10

10

6,05 6,47 6,86 7,98 8,92 9,73 11,53 11,41 13,25 14,04 14,02 15,10

11,40 12,07

5

0

2000 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 2013

5

0

2000 01 02 03 04 05 06 07 08 09 10 11 12 2013

22 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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könnte der Eigenproduzent immerhin 17,5

Cent pro Kilowattstunde sparen – zu diesen

Kosten können selbst Häuslebauer in fast

allen Gegenden Deutschlands eine Solaranlage

auf dem Dach betreiben.

Allerdings: Auch die Selbstversorger

wollen nicht auf den Netzanschluss verzichten,

falls die Sonne nicht scheint oder

der Speicher leer ist. Heute zahlen sie aber

nur für die Leitung, wenn sie tatsächlich

Strom im Netz beziehen – also selten und

wenig. Um die Trittbrettfahrer auszubremsen,

denken alle Parteien daran, auch die

Eigenverbraucher für die Bereitstellung

der garantierten Versorgung zur Kasse zu

bitten. Denkbar wäre ein fester Grundpreis

für den Netzanschluss, quasi als Versicherungsprämie

für dunkle Zeiten. „Deshalb

sollte man künftig von ihnen einen Pauschalbeitrag

fürs Stromnetz verlangen“, fordert

Regierungsberater Löschel.

Die Politik müsse handeln, mahnt der

oberste Wende-Wächter an. „Die Kosten

des Ausbaus werden ohne Reform weiter

rasch wachsen und somit auch die EEG-

Umlage.“ Noch sei die Lage erträglich. „Insgesamt

geben wir in Deutschland für Strom

vergleichbar viel aus wie vor 20 Jahren,

nämlich etwa zweieinhalb Prozent des

Bruttoinlandsprodukts. Aber die Kosten für

Strom steigen stark. Außerdem ist fraglich,

ob die Kosten für den Umbau fair verteilt

sind.“ Die EEG-Umlage sei „eine politisch

aufgeladene Zahl“. Doch Ungemach drohe:

„Es gibt noch kein wirkungsvolles Instrument,

den Ausbau der erneuerbaren Energien

sinnvoll zu steuern und effizienter zu

fördern. Die Ausnahmen für die Industrie

zu streichen löst allein noch kein Problem.“

Um den steigenden Kosten und der

wachsenden Bürgerwut Herr zu werden,

Mehr als50

Prozent des Strompreises

für Private sind

Steuern und Abgaben

und den technischen Anforderungen der

Stromnetze richten.

Volkswirtschaftlich effizient wäre das sogenannte

Quotenmodell, das beispielsweise

der Düsseldorfer Wettbewerbs-Professor

Justus Haucap favorisiert: Jeder Energieerzeuger

müsste einen vorgegebenen

Anteil seiner Produktion aus Erneuerbaren

liefern, doch welche Quelle er dafür einsetzt,

bleibt ihm überlassen. Die Einspeiser

würden also jene Technik einsetzen, bei

der der Strom zu den niedrigsten Kosten

anfällt. Durch eine Steigerung der Pflichtquote

würde der Ausbau des sauberen

Stroms weiter vorangetrieben.

werden die Koalitionsunterhändler ein

Bündel von Änderungen schnüren müssen.

„Wir müssen jetzt schnell handeln“,

verlangt Thomas Bareiß, energiepolitischer

Koordinator der CDU/CSU-Bundestagsfraktion.

„Wir brauchen einen Zwei-

Stufen-Plan mit Sofortmaßnahmen und einer

grundlegenden Reform.“ Den weiteren

Anstieg bremsen könnte seiner Meinung

nach ein „Deckel bei der Solarenergie, damit

der Zubau etwas langsamer vorangeht“.

Eine Reduzierung der Ausnahmen für die

Unternehmen lehnt der Wirtschaftspolitiker

ab: „Wir haben die von der Umlage befreite

Strommenge in der letzten Legislaturperiode

KRITIKER FÜRCHTEN KAHLSCHLAG

Die Folge wäre klar: Alle großen Versorger

würden nur noch Windanlagen an Land

installieren – zumindest so lange, bis die

günstigen Standorte vergeben sind. Rotoren

vor der Küste und Solaranlagen wären

erst mal abgemeldet (mit Ausnahme kleiner

Dachanlagen für Privathäuser).

Politisch dürfte das Modell kaum durchsetzbar

sein. Kritiker fürchten Kahlschlag

bei anderen Technologien. Die Modulhertet.

nur um zehn Prozent ausgeweisteller

und Windturbinenbauer wären

Für die einzelnen Unternehmen ist das

eine große Erleichterung, aber in der Summe

macht das nicht viel aus.“ Auch die von

der SPD favorisierte Senkung der Stromsteuer

brächte langfristig nichts. „Das ist

ein Einmaleffekt, und das Geld fehlt dann

an anderer Stelle.“

Die grundlegende Reform, da sind sich

Union, SPD und Grüne prinzipiell einig,

muss im Laufe dieser Legislaturperiode

kommen. Produktion und Ausbau der erneuerbaren

dann aber die einzige Branche, die nicht

erfolgreich versuchen würde, durch Forschung

und Entwicklung effizienter zu

werden, um wieder Geschäft zu machen.

Trotzdem ist diese Skepsis entscheidend,

denn kein Politiker wird sich dem

Vorwurf aussetzen, er könnte beispielsweise

der deutschen Solarindustrie nach

aller Konkurrenz aus China nun auch

noch den Todesstoß versetzen. Zumal es

seit dem Bundestags-Aus der FDP keine

Energien sollen sich künftig Partei mehr gibt, die das Quotenmodell

stärker nach den Preissignalen des Marktes unterstützt.

»

FOTOS: DDP IMAGES/DAVID HECKER, LAIF/HANS CHRISTIAN PLAMBECK

Woher kommt der Strom?

Anteil an derBruttostromerzeugung

nach Energieträgern 2012 (in Prozent)

Steinkohle

19,1

25,6

Erdgas

11,3

6,0

21,9 Erneuerbare

darunter ca. 20 %EEG

16,0

7,3 Wind

5,8

617

Mrd. kWh*

Heizöl, Pumpspeicher

und sonstige

Braunkohle

Biomase

Kernenergie

3,3 Wasser

4,6 Fotovoltaik

0,8 Siedlungsabfälle

*vorläufig, teilweise geschätzt; Stand: 12/2012;

Quelle: BDEW

Noch ohne

Preisbremse

Umweltminister

Altmaier

Wer zahlt für die Erneuerbaren?

Welche Kosten desEEG die Verbraucher

2013 tragen (in Milliarden Euro)

Private

Industrie

Haushalte

Öffentliche

Einrichtungen

7,2

2,4

20,4

Mrd. €

Zahlengerundet; Quelle: BDEW

6,0

4,0

Gewerbe,

Handel,

Dienstleistungen

0,5 Landwirtschaft

0,2 Verkehr

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 23

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Politik&Weltwirtschaft

KOMMUNEN

Absprung verpasst

Für die ohnehin klammen Kommunen im Ruhrgebiet könnte der Niedergang

herkömmlicher Kraftwerke existenzbedrohend werden.

Anfang des Monats war es so weit. Lars

Martin Klieve, Kämmerer der Stadt Essen,

verkündete eine „sofortige Haushaltssperre“

– Government Shutdown also

auch im Ruhrgebiet. Alle Ausgaben, die

nicht gesetzlich vorgeschrieben sind, liegen

nun auf Eis. Gewerbesteuerausfälle,

vor allem aber die beabsichtigte Dividendenkürzung

des Energiekonzerns RWE –

von zwei Euro im Vorjahr auf einen Euro –,

haben Klieve dazu gezwungen.

Von der lokalen Opposition wird dieser

Zusammenhang in Zweifel gezogen, dennoch

zeigt die Aktion, wie groß die Sorgen

vieler Ruhrgebietskommunen sind. Sie

sehen sich als Verlierer der Energiewende.

Eher wenig können die Städte dafür,

dass die fossile Energieerzeugung zwischen

Krefeld und Dortmund von besonders

großer Bedeutung ist. Entsprechend

hoch sind die davon abhängigen Arbeitsplätze

und Gewerbesteuereinnahmen.

Garrelt Duin (SPD), Wirtschaftsminister

des Landes, verweist stolz darauf, dass

NRW „30 Prozent der deutschen Energieerzeugung“

stemme.

Noch, müsste er hinzufügen. Dass RWE

daran denkt, den Braunkohletagebau

unter Umständen vorzeitig zu schließen,

zeigt, wie rasch die Bedeutung des Energiestandorts

NRW sinkt. Die Konzerne

hoffen zwar noch auf eine EEG-Reform,

die ihnen eine Prämie für den Weiterbetrieb

fossiler Kraftwerke bringt, doch

ihre Zeit ist unweigerlich vorbei.

DIVIDENDE HALBIERT

Für die städtischen Haushalte hat das

massive Folgen, nicht nur wegen der

fehlenden Gewerbesteuern. Viele Kommunen

sind über ihre Stadtwerke an

Kraftwerken beteiligt. Mancherorts, zum

Beispiel in Dortmund, wurden noch vor

wenigen Jahren teure Investitionen in

neue Kraftwerke getätigt. Der Hagener

Energiekonzern Enervie – Haupteigner

sind die Städte Hagen und Lüdenscheid

– hat gerade die Stilllegung seines gesamten

Kraftwerksparks beantragt, weil

der Betrieb unrentabel ist. Die beiden

Eng verbunden

Energieerzeugung

mitten in

Dortmund

Mit87Euro ist die

RWE-Aktie in mancher

Bilanz vermerkt – an der

Börse gibt es 27 Euro

strauchelnden Energiekonzerne Steag und

Trianel sind zu bedeutenden Teilen in der

Hand von Ruhrgebietskommunen.

Wie stark diese Beteiligungen die Stadtkassen

belasten, zeigt sich gerade am

Streit um die RWE-Dividende. Viele Städte

haben es verpasst, ihre Beteiligungen – wie

der rheinische Nachbar Düsseldorf – in

Boomzeiten zu vergolden. Mitte September

hatte nun Konzernchef Peter Terium angekündigt,

die Dividende um die Hälfte zu

kürzen. Ein Konsortium von kommunalen

Eignern hält gut 24 Prozent der Aktien. Im

laufenden Jahr werden statt der erwarteten

350 Millionen Euro nur 175 Millionen hereinkommen.

Am stärksten betroffen sind

Dortmund und Essen (je 19 Millionen Euro

weniger), Mülheim (5,5 Millionen) und

Bochum (6,8 Millionen). „Ich werde alle

Möglichkeiten nutzen, um eine höhere Dividende

zu erreichen“, donnerte Mülheims

Kämmerer Uwe Bonan. Die Reaktion zeigt,

in welches Dilemma sich Konzern und

Städte mit ihrer gegenseitigen Abhängigkeit

manövriert haben. Angesichts der wirt-

schaftlichen Lage ist es nachvollziehbar,

dass RWE sein Geld lieber investieren

möchte. Die Kommunen üben somit einen

Druck aus, der ihnen mittelfristig

selbst schadet. Es falle ihm schwer, wendete

Oberhausens Kämmerer Apostolos

Tsalastras ein, „ohne Blick auf die betriebswirtschaftlichen

Hintergründe“

ungekürzte Ausschüttungen zu fordern.

Die Stadt ist mit 1,4 Millionen Euro von

der Dividendenkürzung betroffen.

ÜBERSCHULDUNG DROHT

Am heftigsten aber könnten die RWE-Anteile

die Kommunen über ihre Bilanzen treffen.

Denn die Ruhrgebietskommunen wirtschaften

allesamt nach dem doppischen

System der Haushaltsführung. Als Vermögenswert

sind die RWE-Anteile in die Eröffnungsbilanzen

eingeflossen, die zwischen

2006 und 2009 in den Städten aufgestellt

wurden. Die RWE-Anteile wurden zu aktuellen

Marktwerten bewertet und seitdem nie

wieder aktualisiert. Statt mit rund 27 Euro

– so der aktuelle Marktwert der Aktie (siehe

auch Seite 109) – finden sich in den

Bilanzen Bewertungen zwischen 46 Euro

(Bochum) und 87 Euro (Remscheid). Seit

Anfang des Jahres aber gilt in NRW eine

neue Bilanzierungsverordnung, die vorschreibt,

„außerplanmäßige Abschreibungen

bei einer voraussichtlich dauernden

Wertminderung vorzunehmen“. Sollte die

Kommunalaufsicht darauf beharren, könnten

die Städte, die ohnehin am Rand der

Handlungsfähigkeit operieren, reihenweise

in die Überschuldung rutschen.

Manche Kämmerer spielen bereits

abenteuerliche Schachzüge durch, um

das Bilanzdesaster noch zu verhindern.

So heißt es aus Bochum, man könne ja

zeitgleich den Wert der anderen städtischen

Beteiligungen, wie am Versorgungsunternehmen

Gelsenwasser, nach

oben korrigieren. In Mülheim hingegen

sucht man bereits nach Wegen, die Kosten

für das städtische Missmanagement

auf die Bürger umzuwälzen. Kämmerer

Bonan macht sich stark dafür, das

Straßenbahnnetz stillzulegen und stattdessen

auf Busse zu setzen. Das würde

die Betriebsausgaben senken, hätte aus

Sicht der Stadt aber noch einen weiteren

angenehmen Nebeneffekt. Kosten für

Straßenerneuerungen können anders als

bei Schienen zu großen Teilen auf die Anwohner

umgelegt werden.

n

konrad.fischer@wiwo.de

FOTO: RALF HÜLS/WIKIMEDIA

24 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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ENERGIEWENDE

Weitere Informationen

zur internationalen

Energie- und

Klimapolitik finden

Sie auf Seite 72

Realistischer ist da schon der

Entwurf des Branchenverbandes

BDEW. Die Organisation

der Stromerzeuger möchte zwar

die Hülle des EEG erhalten, aber

einige einschneidende Änderungen

vornehmen. An die Stelle

der auf 20 Jahre gewährten

Einspeisevergütung pro Kilowattstunde

sollte die Strommenge

festgeschrieben werden,

für die es eine Förderung gibt.

Der Produzent hätte ein Interesse,

dann Strom zu verkaufen, wenn der Bedarf

besonders hoch ist, also auch der für

ihn erzielbare Preis. Heute bekommt der

Erzeuger selbst dann Geld, wenn die Energie

gar nicht gebraucht oder seine Anlage

sogar abgeregelt werden muss, weil ihr Betrieb

die Stabilität des Netzes gefährdet.

Künftig würde der BDEW auch dies gern

unterbinden. Wer eine Anlage in einer Region

baut und anschließt, in der das Netz

bekanntermaßen nicht ausreicht, würde

dann zwei Jahre lang keine Entschädigung

erhalten, wenn die Anlage nicht liefern

darf. So soll der Wildwuchs auf der grünen

Wiese, das Windrad in abgelegenen Ecken

verhindert werden.

Dazu soll auch die gleitende Marktprämie

beitragen, die es heute nur auf freiwilliger

Basis gibt; künftig sollte sie für alle

neuen Anlagen gelten. Sie gleicht die Differenz

zwischen der eigentlich vorgesehenen

Einspeisevergütung und dem durchschnittlichen

Börsenpreis aus. Wer also zu

Zeiten überdurchschnittlicher Preise seinen

Strom anbietet, schneidet besser ab.

Zum BDEW-Konzept gehört freilich

auch ein Punkt, der gerade den größeren

Kunden der Branche gar nicht gefällt: Die

Befreiung von Industrie und Gewerbe von

der EEG-Umlage soll demnach eingeschränkt

werden. Denn der BDEW fürchtet

angesichts steigender Umlagen um die Akzeptanz

der Wende.

Eine wirkliche Gefahr für große Stromverbraucher

droht jedoch nicht von einer

neuen Bundesregierung egal welcher Farbe.

Den großen Sprenghebel setzt die EU-

Kommission in Brüssel an:

Seit Langem war abzusehen, dass die EU-

Kommission die deutsche Ökostromförderung

angreifen würde, sobald die Bundestagswahl

vorbei ist. EU-Energiekommissar

Günther Oettinger hatte der kommenden

Bundesregierung schon im Sommer eine

„Generalrevision des EEG“ empfohlen.

Brüssel erhebt zwei Einwände: Einerseits

herrschen Bedenken, ob das deutsche Vorgehen

mit dem EU-Wettbewerbsrecht

vereinbar ist. Andererseits

sieht die EU-Kommission

mit Sorge, wie das EEG den deutschen

Strompreis in die Höhe

treibt. Dass Endkundenpreise in

der EU generell höher sind als in

anderen Teilen der Welt, alarmiert

die EU-Behörde.

Noch im Oktober wird Oettinger

Ideen zur Ökostromförderung

vorlegen. Seine Vorschläge

sind eine frontale Attacke auf das

EEG. Oettingers Beamte gestehen zwar ein,

dass eine junge Branche wie Ökostrom anfangs

öffentliche Unterstützung benötige.

Daraus dürfe aber keine Dauereinrichtung

werden.

SUBVENTIONEN BEFRISTEN

„Sobald der Sektor der erneuerbaren Energien

seinen Kinderschuhen entwachsen ist

und zulegt und die Kosten sinken, ist es

wichtig, dass Produktions- und Investitionsentscheidungen

vom Markt getrieben

werden“, heißt es in dem Entwurf der Leitlinien.

„In der Praxis heißt das, von Einspeisevergütungen

wegzukommen hin zu

Prämien.“

Brüssel plädiert dafür, dass die Marktkräfte

stärker zum Tragen kommen, als das

bisher in Deutschland beim garantierten

Abnahmepreis der Fall ist. Wichtig auch:

Subventionen müssen klar befristet sein.

Auch die Befreiung der Großunternehmen

wird in Brüssel mit Skepsis gesehen.

Die Beamten von Wettbewerbskommissar

Joaquín Almunia prüfen bereits, ob es sich

dabei um eine Beihilfe, also eine Subvention

handelt. Ein formales Verfahren wurde

bisher aber aus Rücksicht auf die Bundestagswahl

nicht eröffnet.

Bei allem Brüsseler Eifer ist die EU-Kommission

jedoch bereit, auf deutsche Befindlichkeiten

Rücksicht zu nehmen. So

hat Almunia vergangene Woche intern angekündigt,

Subventionen für Atomkraftwerke

nun doch nicht zuzulassen, wie es

seine Beamten in einem Entwurf vom

Sommer geplant hatten. Davon hätte etwa

Großbritannien profitiert, das neue Meiler

projektiert. Die Bundesregierung hatte

scharf protestiert, was nun Wirkung zeigte.

Kommissionspräsident José Manuel Barroso

sorgte dafür, dass Kernkraftwerke im

Entwurf gestrichen wurden.

n

cordula.tutt@wiwo.de | Berlin, henning krumrey,

silke wettach | Brüssel

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WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 25

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Politik&Weltwirtschaft

INTERVIEW Wolfgang Anzengruber

»Ein falscher Weg«

Der Chef der österreichischen Verbund AG, größter Wasserkraft-Betreiber

in Bayern, will sauberen Strom günstiger liefern – wenn man ihn lässt.

Herr Anzengruber, was erstaunt Sie

mehr: dass die Deutschen die Energiewende

so abrupt eingeleitet haben, oder

dass sie immer noch nicht umkehren?

Ich frage mich immer: Wie kann man

mit so viel Geld so wenig Strom erzeugen?

Von den sich selbst gesetzten Zielen

hat man keines erreicht. Sichere und

kostengünstige Versorgung – negativ.

Und der CO 2 -Ausstoß ist nicht gesunken,

sondern sogar gestiegen. Nebenbei wird

ein Industriestandort in Schwierigkeiten

gebracht und ein ganzer Sektor – die

Energiewirtschaft – gegen die Wand gefahren.

Die großen deutschen Energieversorger

haben mehr als 100 Milliarden

Euro Börsenkapitalisierung verloren.

Aber wenn es Sie beruhigt: Österreich

verhält sich ähnlich, wenn auch nicht

ganz so übertrieben. Das österreichische

Ökosteuergesetz ist zeitlich und volumenmäßig

begrenzt.

Das heißt: Man muss ganz schön mutig

sein, es zu machen wie die Deutschen.

Aber man muss verrückt sein, so mutig

sein zu wollen?

Da will ich mich nicht einmischen. Beim

Erkennen der Schwächen des Systems

scheint es doch eine große Einigkeit zu

geben. Für die Vergangenheit gilt

Rechtssicherheit, dafür ist Deutschland

ja bekannt. Aber wenn man erkennt,

DER ALPEN-WASSERMANN

Anzengruber, 57, führt seit 2009 Österreichs

größten Stromerzeuger und Netzbetreiber,

die Verbund AG. Sie betreibt

unter anderem 21 Kraftwerke in Bayern.

dass man auf einem falschen Weg ist, muss

man für die Zukunft anders handeln. Das

ginge schon ab morgen.

Sie haben doch gut verdient, als Sie mit

Ihren Pumpspeichern billigen Windund

Sonnenstrom in Deutschland kaufen

und später bei Flaute und Schatten teuer

zurückverkaufen konnten.

Heute leiden die Pumpspeicherwerke.

Früher wurde in der Nacht das Wasser

hochgepumpt, wenn ansonsten wenig

Strom verbraucht wurde. Zu den Verbrauchsspitzen

morgens, mittags und

abends wurde es abgelassen. Mittags liefert

die Solarenergie nun günstigen Strom,

da können wir nichts mehr verkaufen.

Heute ginge es vor allem darum, Regelenergie

zur Stabilisierung des Netzes zu

liefern. Aber dafür reicht die Verbindung

zum deutschen Markt nicht aus, weil innerdeutsche

Transportnetze fehlen. In

Deutschland wird darüber diskutiert, mit

vielen Fördermilliarden neue Speicher zu

bauen. Und in Österreich haben wir diese

Speicher, aber sie können aufgrund

der fehlenden Netze nicht ins System.

Was wollen die Kunden?

Dazu gibt es etliche Umfragen und Studien.

Für alle Kunden, private wie unternehmerische,

steht die Versorgungssicherheit

an erster Stelle. Dann kommt

ein akzeptabler Preis. Und die Nachhaltigkeit

kommt eben erst an dritter Stelle.

Öko auf Platz drei? Damit kommen Sie

in Deutschland nicht durch.

Das sagen die Kunden! Ein Blackout wäre

noch schlechter als ein höherer Preis. Bei

uns als Wasserkraftbetreiber gibt es die

Nachhaltigkeit sogar kostenlos dazu.

Aber solange es nicht gelingt, auch die

Erneuerbaren dem Wettbewerb zu unterwerfen,

sondern dort weiter die Rendite

garantiert ist, so lange finden keine Investitionen

mehr in den Wettbewerbsbereich

statt. Es werden nur noch die Kraftwerke

zu Ende gebaut, die begonnen

wurden. Bevor die ans Netz gehen, muss

man sie schon in der Bilanz wertberichtigen,

weil der Betrieb nicht mehr lohnt.

Wie könnten Sie mit Ihren Kraftwerken

an der Grenze besser zum Zuge

kommen?

Die Hälfte unseres Absatzes geht nach

Deutschland. Wir sind mit 21 Kraftwerken

auf bayrischem Boden. Wir wünschen

uns eine Vereinbarung mit

Deutschland über eine gemeinsame

Beschaffung bei der Regelenergie, wie es

sie mit den anderen Nachbarländern wie

der Schweiz oder Slowenien gibt.

Könnten Sie die Wasserkraft ausbauen?

Bei Ihnen gibt’s doch auch Proteste!

Bei uns geht es nicht darum, neue

Dämme zu bauen, wir haben vor allem

Kavernenkraftwerke, drinnen im Berg,

von außen kaum wahrnehmbar. Wir würden

das Wasser gern öfter umpumpen.

Mit Blick auf den heimischen Markt hat

Österreich ausreichend Pumpspeicherwerke.

Aber für unsere Nachbarn könnten

wir noch viel tun – die Alpen bieten

sich als Speicherlösung an. Und Pumpspeicherkraftwerke

sind nun mal die

günstigste und effizienteste Möglichkeit,

Strom in großen Mengen zu speichern.

Ihr Wunsch an die Deutschen?

Deutschland sollte die Tugenden betonen,

die es stark gemacht haben: Ingenieurkunst

und Marktwirtschaft. Die Physik

folgt den Vorgaben der Politik eh nicht.

henning.krumrey@wiwo.de | Berlin

FOTO: PR

26 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Der Tragödie letzter Teil

Barroso auf Lampedusa

Armutszeugnisse

FLÜCHTLINGE | Vor Europas Küste ertrinken Flüchtlinge, in deutschen

Städten rebellieren Bürger gegen Asylbewerber. Die Politik

scheitert an der Aufgabe, das Wohlstandsgefälle zu entschärfen.

Im August 2011 irrt Haki durch die Straßen

von Tripolis und weiß nicht mehr

weiter. Er kommt aus dem Tschad, Haki

ist ein Fremder in Libyen, das von einem

erbitterten Bürgerkrieg erschüttert wird.

Und er steht zwischen den Fronten. „Sie

haben uns Geld geboten, Gaddafi und

auch die Rebellen“, sagt er. 10 000 Dinar,

wenn du Gaddafi unterstützt, 500 000 Dinar,

wenn du für ihn tötest, so lauteten die

Angebote. Gaddafis Schergen nehmen die

Fingerabdrücke von denen, die sich melden.

Haki meldet sich nicht. Er landet im

Gefängnis, kommt wieder frei, flieht. Aber

alle Pfade in seine Heimat sind da längst

abgeriegelt, ebenso die Grenze zu Ägypten.

Also nimmt Haki den letzten Weg, der ihm

noch bleibt: über das Mittelmeer, nach

Lampedusa.

Heute steht Haki in einem Zeltlager mitten

in Berlin und nippt an einer rosa-roten

Kaffeetasse, während er erzählt. Rund 100

Flüchtlinge leben seit einem Jahr in dem

Camp am Oranienplatz. Viele von ihnen

kommen von der Insel, wo ihnen die italienische

Regierung einen orange-blauen

Plastikausweis in die Hand drückte und

sagte: Hier habt ihr euren Aufenthaltstitel.

Jetzt geht! Wir haben keine Zukunft für

euch. Also gingen sie, mit Hoffnung auf ein

besseres Leben. Und was manche fanden,

war ein Protestcamp in Berlin.

600 Dinar, etwa 350 Euro, zahlte Haki damals

für die Überfahrt. Sie fuhren mit acht

Booten, fünf nur kamen an. Was aus den

anderen drei Booten geworden ist? Haki

weiß es nicht. „Aber ich träume davon.

Und Boote mag ich nicht mehr.“

Was einen Menschen bewegen kann, für

eine Flucht sein Leben aufs Spiel zu setzen,

seine klägliche Habe dafür einzusetzen,

dass Fluchthelfer ihn wochenlang durch

die Wüste schleusen und übers Meer? „Das

verstehen Sie nicht“, sagt Khadra Sufi, „da

trennen sich die Welten.“ Sie selber, Diplomatenkind

aus Somalia, kennt beide, floh

als junge Erwachsene vor dem Elend zu

Hause nach Deutschland, wurde Moderatorin

im Privatfernsehen. Jetzt reiste die

33-jährige Kölnerin wieder in die Heimat

ihrer Familie. „Da würden wir keine zwei

Tage überleben“, meint sie – und spricht

von Bettelarmen, „die sich entscheiden

müssen, ob sie einen halben Becher Wasser

zum Waschen nach der Toilette verbrauchen

sollen oder zur tröpfchenweisen

Verpflegung ihrer Kinder“.

LEERE GESTEN

Das Unglück vor Lampedusa hat solche

Verzweiflung öffentlich gemacht und den

europäischen Umgang gleich mit. Mehr als

300 Leichen waren nötig, um der EU-Führungsriege

eine Erkenntnis abzuringen:

Das europäische Flüchtlingssystem funktioniert

nicht – es kostet Menschenleben.

28 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA, CORBIS/DEMOTIX

Erst geflüchtet, dann gefürchtet Polizisten

schützen ein Asylbewerberheim in Berlin-

Hellersdorf vor wütenden Anwohnern

Deutschland im Plus

Anerkannte Asylantenin

EU-Mitgliedsländern(2012)

Nach Verteilungsschlüssel

Deutschland

Frankreich

Großbritannien

Italien

Spanien

Polen

Niederlande

Schweden

Österreich

Finnland

Tatsächlich

aufgenommen

62867

77540 +23%

48847

60560

46102

28175

39924

15 715

27943

2565

14 894

10 750

13 875

10 310

9035

43865

7117

17 425

4489

3095

+24%

–39%

–61%

–91%

–28%

–26%

+386%

+145%

–31%

Die Ereignisse von der italienischen Küste

genauso wie Krawalle vor deutschen

Notunterkünften oder die Zustände in

Wohnquartieren haben auf den ersten

Blick nichts miteinander zu tun. Aber sie

stellen Armutskonflikte in ein grelles Licht

und stellen Fragen, die Politiker bisher

nicht beantworten – sei es aus Angst oder

aus Unvermögen. In welchem Umfang ist

humanitäre Hilfe unabdingbar? Wann

überfordert sie die Helfenden selbst? Und

wie soll die EU eine anständige Asylpolitik

betreiben, wenn ihre Mitglieder schon mit

dem Wohlstandsgefälle innerhalb der eigenen

Grenzen überfordert sind?

An großen Gesten, die dieses Unvermögen

überdecken sollen, mangelte es in der

vergangenen Woche nicht. EU-Kommissionspräsident

José Manuel Barroso reiste

nach Lampedusa, sprach mit Flüchtlingen,

die lebendig italienischen Boden erreicht

hatten, setzte eine betretene Miene auf und

versprach 30 Millionen Euro zusätzlich.

Doch von einer Neuausrichtung der europäischen

Asylpolitik kann nicht die Rede

sein. Niemand will den Kompromiss aufschnüren,

den die Mitgliedstaaten im Juni

gefunden hatten – ein halbes Jahrzehnt

nachdem die EU-Kommission erste Reformvorschläge

vorgelegt hat. Noch ist

nicht einmal klar, ob manche der Auffanglager

in Italien, Spanien oder Griechenland,

die für das humanitäre Selbstbild der

EU schlicht unwürdig sind, saniert werden.

Oder ob bald Schluss ist mit der aggressiven

Hilflosigkeit Italiens, mittellose Flüchtlinge

wegen illegaler Einreise zu Geldstrafen

von 5000 Euro zu verurteilen.

Sicher ist heute nur, dass es sich bei dem

Asylkompromiss um einen Minimalkonsens

handelte, dem ein zentrales Element

fehlte: ein gerechter Verteilungsmechanismus.

Die Europaabgeordneten haben sich

mit großer Mehrheit für ein solches Instrument

ausgesprochen, angelehnt an das

Verfahren, das in Deutschland die Verteilung

von Asylbewerbern auf die Bundesländer

regelt. „Europa muss intensiv über

eine neue, abgestimmte Flüchtlingspolitik

beraten“, fordert Klaus Zimmermann, Direktor

am Forschungsinstitut zur Zukunft

der Arbeit (IZA). „Auch nationale Aufnahmequoten

dürfen bei diesen Überlegungen

nicht mit einem Tabu belegt werden.“

Doch die EU-Staaten wollen davon

nichts wissen. Der Grund liegt auf der

Hand: Würden feste Kriterien wie die Einwohnerzahl

und die Wirtschaftsleistung

zugrunde gelegt, dann müssten einige

Länder sehr viel mehr Flüchtlinge aufnehmen

als bisher. Spanien etwa hat 2012 rund

90 Prozent weniger Flüchtlinge in Empfang

genommen, Italien rund 60 Prozent, als

dies mit einem festen Schlüssel der Fall wäre,

ermittelte die FDP-Europaabgeordnete

Nadja Hirsch (siehe Grafik). Ausgerechnet

die Länder, die jetzt mehr Solidarität einfordern,

profitieren vom Status quo.

So schnell wird sich nichts ändern an

dem Grundsatz, dass ein Asylbewerber

ausschließlich in dem Land um Anerkennung

bitten darf, in dem er zuerst EU-Boden

betreten hat. Dies hat zur Folge, dass

die Chancen, eine neue Heimat zu finden,

stark schwanken. So hat Zypern 2012

Flüchtlinge aus Afghanistan fast nie anerkannt,

Italien dagegen zu über 90 Prozent.

Deutschland lag mit einer Anerkennungsquote

von 40 Prozent im Mittelfeld.

Manchmal sieht die Praxis aber auch anders

aus: Haki aus dem Tschad bekam auf

Lampedusa keines der orange-blauen

Plastikkärtchen. Die italienischen Behörden

hatten seine Daten nicht registriert,

deshalb hat er vor einem Jahr in Deutschland

einen Asylantrag stellen können – so

wie Zehntausende andere Hilfesuchende.

2013 dürfte hierzulande sogar zu einem

Asylrekordjahr der jüngeren Vergangenheit

werden: Schon im September lag die

Antragszahl bei 85 325 und damit um 74

Prozent höher als im Vorjahreszeitraum.

Man kann nicht sagen, dass deutsche Behörden

mit der Herausforderung besonders

gut klarkommen würden.

REALITÄTSVERWEIGERUNG

Untergebracht werden die Flüchtlinge

meist in Asylbewerberheimen, umfunktionierten

Schulen oder engen Wohncontainern.

Das Land Baden-Württemberg erachtet

4,5 Quadratmeter pro Person als

Wohnfläche für ausreichend, in Sachsen

dürfen bis zu fünf Personen auf einem

Zimmer untergebracht werden, in Mecklenburg-Vorpommern

sind es sechs. In anderen

Ländern gelten gar keine Vorgaben.

Vor Ort fühlen sich wiederum oft die Anwohner

von der meist geballten und von

der Politik miserabel kommunizierten Unterbringung

der Asylbewerber bedroht. In

Berlin-Hellersdorf gab es erst vor Kurzem

aggressive Widerstände gegen ein neues

Flüchtlingsheim (und kurz darauf wütende

Gegen-Demos). Die Wohnsituation ist

meist das Hauptproblem: Die Asylheime

liegen häufig in Bezirken, die ohnehin unter

sozialer Spannung stehen, Beschäftigungsmöglichkeiten

gibt es kaum. Die Bewohner

dürfen nicht arbeiten, sie dürfen

die Grenze des Bundeslandes nicht überqueren.

Und so kommt es auf engem Raum

immer wieder zu Konflikten zwischen den

verschiedenen Nationalitäten, Religionen

und eben auch mit den Anwohnern.

Doppelte Realitätsverweigerung der Politik,

wie sie vergangene Woche in Brüssel

und Berlin zu beobachten war, hilft in dieser

Lage niemandem. Erst versuchte die

EU-Kommission mit einer Studie den Eindruck

zu erwecken, als gäbe es innerhalb

Europas keinerlei Armutseinwanderung.

Die Bürgermeister von Dortmund, Duisburg

oder Mannheim wissen es leider besser.

Aber es war ebenso fahrlässig, als Bundesinnenminister

Hans-Peter Friedrich

Quelle:Europäisches Parlament

»

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 29

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Politik&Weltwirtschaft

FLÜCHTLINGE

Code oranje

Der niederländische Vize-Premier

Lodeweijk Asscher macht Front

gegen die EU-Kommission – weil sie

die Probleme der Migration leugnet.

Dumpfe Parolen Protestzug von

Rechtsextremen in Enschede

Gefahren, die vom Wasser drohen, beobachten

die Niederländer seit Jahrhunderten

genau. Für die Flüsse des Landes gilt

„Code oranje“, also Alarmstufe orange,

sobald von ihrem Pegel eine Gefahr ausgeht.

Nach Auffassung des niederländischen

Vize-Premierministers Lodeweijk

Asscher hat sein Land bei der Migration

diese Alarmstufe erreicht: „An manchen

Stellen drohen die Deiche zu brechen.“ In

einem unmissverständlich formulierten

Appell richtete sich Asscher, der auch

niederländischer Arbeitsminister ist, im

Sommer an die EU-Kommission und regte

einen europäischen „code oranje“ für

Migration an.

Doch aus Brüssel kam eine Abfuhr. Die

niederländische EU-Kommissarin Neelie

Kroes riet ihrem Landsmann spöttisch,

er solle wie die Kinderbuchfigur Hansje

Brinker doch seinen Finger in das Loch

im Deich stecken. Der ungarische Sozialkommissar

László Andor befand, in

Krisenzeiten bedienten Politiker nun mal

gerne die Ängste ihrer Wähler.

Die Reaktionen ärgern Asscher nicht

nur wegen des Tonfalls. Brüssel preist die

Arbeitnehmerfreizügigkeit – und weigert

sich schlicht, deren Schattenseiten wahrzunehmen.

Die Diskussion über Arbeitsmigration

wird in Europa zum Tabu, gerade

erst vergangene Woche legte Andor

eine Studie vor, die Sozialmissbrauch widerlegen

soll. Asscher wehrt sich gegen

Denkverbote, die im Zweifel Ausländerfeindlichkeit

schüren: „Gerade wer sich in

Europa zum Mitte-links-Lager zählt, sollte

noch einmal gut darüber nachdenken,

wie wir die Arbeitnehmerfreizügigkeit so

regeln, dass alle Bürger in Europa davon

einen Vorteil haben“, fordert der Sozialdemokrat.

Anders als etwa Großbritannien haben

die Niederlande seit der EU-Osterweiterung

2004 nur sehr wenig hoch Qualifizierte

angezogen. Eine aktuelle Studie

des regierungseigenen Sociaal en Cultureel

Planbureau (CPB) zeigt, dass nur

sechs Prozent der jüngst eingewanderten

Bulgaren über einen Hochschulabschluss

verfügen. 64 Prozent der bulgarischen

Migranten bringen maximal einen Realschulabschluss

mit. In Bulgarien selbst

liegt der Anteil aber nur bei 25 Prozent,

was zeigt, dass gerade weniger Gebildete

sich Chancen in Westeuropa erhoffen.

Diese Klientel tue sich aber schwer, die

Landessprache zu erlernen, so die Studie

weiter. 42 Prozent der Bulgaren sagen

von sich selbst, dass sich ihre Sprachkenntnisse

seit der Ankunft in den Niederlanden

nicht verbessert habe. Und nicht

alle, die wegen eines Jobs kommen, finden

auch einen: Bei den Bulgaren sind es

nur 60 Prozent.

FREIZÜGIGKEIT AB 2014

In den Niederlanden gilt – wie in

Deutschland auch – ab Januar 2014 uneingeschränkte

Freizügigkeit. Bisher dürfen

Bulgaren und Rumänen in den meisten

EU-Ländern nur als Selbstständige

arbeiten. Minister Asscher will nun einen

Zustrom aus den beiden Ländern vermeiden

und Wohlfahrtstourismus unterbinden.

In einem Brief an die niederländischen

Abgeordneten kündigt er ein

Gesetz an, wonach künftig nur EU-Bürger

mit Aufenthaltsrecht einen Anspruch auf

Sozialleistungen bekommen sollen.

Obdachlose aus Rumänien und Bulgarien

will Asscher zurück in ihre Heimatländer

schicken. Er setzt dabei auf die

polnische Stiftung Barka, die Obdachlose

heute schon dazu animiert, nach Polen

zurückzugehen. Asscher will, dass Barka

auch Programme für Bulgarien und Rumänien

entwickelt. Das Problem ist nur:

Der Verkauf von Obdachlosenzeitungen

in den Niederlanden bringt mehr ein als

eine geregelte Arbeit im Heimatland.

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

»

in seiner Replik so tat, als gäbe es – vor

allem aus Bulgarien und Rumänien – ausschließlich

Armutseinwanderung.

„Seit Beginn der EU-Osterweiterung hören

wir Warnungen vor zu viel Zuzug in unsere

Sozialsysteme“, sagt IZA-Experte Zimmermann.

In der Tat gäbe es bei Bulgaren

und Rumänen „kritische Einzelfälle“ in

deutschen Städten. „Was es bis heute trotz

der Grenzöffnung nicht gibt, sind Belege

für den massenhaften Missbrauch in

Deutschland“, sagt Zimmermann. Eines ist

ihm deshalb besonders wichtig: „Unter

dem Strich gilt: Einwanderung zahlt sich

für die Bundesrepublik aus.“

KAMPF GEGEN MISSBRAUCH

Zumal sich der stattfindende Missbrauch

laut Zimmermann von strikteren Behörden

durchaus begrenzen ließe: „Das Einfallstor

für den Bezug von Sozialleistungen

ist die Anmeldung einer Selbstständigkeit.

Ein paar simple Fragen nach dem Geschäftskonzept

oder der Finanzierung würden

genügen.“ Andere Länder wie Großbritannien

gehen diesen Weg. In Deutschland

hingegen stieg die Zahl der rumänischen

und bulgarischen Kindergeld- und Hartz-

IV-Empfänger zwischen April 2012 und

April 2013 um jeweils rund 40 Prozent.

Es kommt verschärfend hinzu, dass EU-

Sozialprogramme, die gerade auch Roma

helfen sollen, bislang unangetastet blieben.

Mittlerweile müssen die Mitgliedstaaten

zwar jedes Jahr in Brüssel einen nationalen

Strategieplan zur Eingliederung der

insgesamt zehn bis zwölf Millionen Roma

vorlegen. Die Bilanz fällt jedoch ernüchternd

aus, beklagt Justizkommissarin Viviane

Reding: „Es stehen insgesamt 50 Milliarden

Euro pro Jahr zur Verfügung, die

nicht benützt werden.“

Der Deutsche Städtetag, der schon im Januar

angesichts dramatischer Lagen in

einzelnen Kommunen Alarm schlug, richtet

sein Hilfsgesuch deshalb an Bund und

Länder. Etablierte Integrationskonzepte

seien für die Armutseinwanderer ungeeignet,

warnt Hauptgeschäftsführer Stephan

Articus. An den Kosten für Wohnen und

Gesundheitsversorgung der Zuwanderer

müssten sich daher „Bund und Länder

spürbar beteiligen“.

Im November soll eine Arbeitsgruppe

Vorschläge vorlegen. Haki aus dem Tschad,

Überlebender von Lampedusa, der sieben

Sprachen spricht, wird davon nie etwas

haben.

n

jacqueline goebel | politik@wiwo.de, hans jakob ginsburg,

max haerder | Berlin, silke wettach | Brüssel

FOTO: LAIF/HOLLANDSE HOOGTE

30 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Im Wohlstand erstarrt

LUXEMBURG | Premier Jean-Claude Juncker hat beste Chancen, die Neuwahlen zu gewinnen.

Doch die Dauerherrschaft der Konservativen behindert den überfälligen Wandel.

FOTO: LAIF/GABY GERSTER

xemburg vor den Europäischen Gerichtshof

gezerrt, weil es auf E-Books einen ermäßigten

Mehrwertsteuersatz von drei

Prozent statt der Standardrate von 15 Prozent

ansetzt. Sollten die Richter die Praxis

beenden, entfällt für Amazon ein Standortvorteil.

Auch die Finanzbranche, die bisher für

25 Prozent der Steuereinnahmen und für 30

Prozent des BIPs sorgte, ist kein Selbstläufer.

Mit dem Ende des Bankgeheimnisses

dürften im Privatkundengeschäft 5000 bis

6000 gut dotierte Jobs wegfallen. Alle lu-

Seine Landsleute haben ihm verziehen

Luxemburgs Premierminister Juncker

Der zweite Satz im Wahlprogramm

liest sich wie bei Angela Merkel geklaut.

„Sie kennen die CSV“, heißt es

im Manifest der Christlich Sozialen Volkspartei

Luxemburgs – ganz so, wie die Kanzlerin

die deutschen Wähler beim TV-Duell

angesprochen hat.

Die Aussichten der stärkeren Regierungspartei

bei den Neuwahlen am 20. Oktober

sind sehr gut. Die wenigsten Bürger

erwarten eine Ablösung der CSV, auch

wenn sich einer Meinungsumfrage zufolge

55 Prozent der Wahlberechtigten einen Regierungswechsel

wünschen.

Bei den Popularitätswerten deklassiert

der christlich-soziale

Premier Jean-Claude Juncker

seine Herausforderer gnadenlos.

Dabei stellt der wahrscheinliche

Wahlgewinner seinen

Landsleuten nicht einmal

rosige Jahre in Aussicht. „Das

sind keine Zeiten, in denen ich

große Versprechen machen

kann“, betont Juncker, „das

sind keine Zeiten von großen

Sprüngen.“

Das Land mit dem höchsten

Pro-Kopf-Einkommen der EU

bekommt die Krise des Kontinents

durchaus zu spüren. Das

Bruttoinlandsprodukt (BIP)

dürfte in diesem Jahr den Vorhersagen

der EU-Kommission

zufolge um nur 0,8 Prozent zulegen. Die

Arbeitslosigkeit ist mit prognostizierten 5,5

Prozent gering, tendiert aber nach oben.

Vor allem ist das bisherige Geschäftsmodell

als Steueroase und ungewöhnlich attraktiver

Standort für internationale Banken

kaum noch haltbar. Mit Steuervorteilen

hat das kleine Land bisher Unternehmen

wie den Internet-Buchhändler Amazon

angelockt, der hier seine Europa-Zentrale

errichtete. Beim G20-Gipfel im Juli

wurde das luxemburgische Steuermodell

international geächtet, das Amazon bisher

ermöglichte, seinen britischen Umsatz

von beinahe fünf Milliarden Euro im Jahr

am Londoner Fiskus vorbei nach Luxemburg

zu schleusen und dort nur gering zu

versteuern. Die EU-Kommission hat Luxemburgischen

Parteien, sogar die Grünen,

setzen auf die Fondsbranche, die im Großherzogtum

seit Ende der Achtzigerjahre bewusst

gefördert wurde. Derzeit sind die in

Luxemburg verwalteten Aktiva bereits wieder

höher als vor der Finanzkrise. Es gibt

aber keinerlei Garantie, dass die Fonds im

Land bleiben und nicht auf Standorte wie

Irland ausweichen, wenn der Staat mehr

Geld von ihnen will. „Die Konkurrenz

schläft nicht“, sagt Charles Muller, Partner

bei KPMG in Luxemburg und zuvor Vize

des Luxemburger Fondsverbands Alfi.

Das luxemburgische Außenministerium

arbeitet an einem neuen Image, um den

Standort zu verkaufen. Doch diese Kampagne

kann ein zentrales Problem nicht übertünchen:

Der lange ungefährdete Wohlstand

und der Mangel an Regierungswechseln

haben das Land schwerfällig gemacht.

FILZ UND SELBSTGEFÄLLIGKEIT

Premier Juncker führt die Geschäfte seit 18

Jahren, seine CSV regiert Luxemburg gar

seit dem Zweiten Weltkrieg mit nur einer

kleinen Unterbrechung von 1974 bis 1979.

In Luxemburg macht das Wort vom „CSV-

Staat“ die Runde, weil die Partei wichtige

Stellen im Staatsapparat mit

ihren Leuten besetzt hat. Das

führt zu Filz und behindert jeden

Wandel.

„Es ist nicht gut, wenn immer

dieselben an der Macht

sind“, sagt Fondsexperte Muller.

„Wir sind erstarrt.“ Seine

Einschätzung teilen viele Entscheider

in der Luxemburger

Wirtschaft. Einige von ihnen

haben sich in Initiativen wie 5

vir 12 (5 vor 12) oder 2030.lu

zusammengeschlossen und

fordern eine offene Debatte

statt der üblichen Selbstgefälligkeit.

Eine halbherzige

Rentenreform wie bisher und

die nur vorübergehend ausgesetzte

Lohnindexierung, die

auch die EU-Kommission kritisiert

hat, kann sich das Land künftig

nicht leisten.

Allerdings sind die Beharrungskräfte

groß, denn 60 000 der 225 000 Wähler arbeiten

für den Staat und sind somit an

Wandel wenig interessiert. Juncker hat sich

zudem bei seinen Landsleuten wieder eingeschmeichelt.

Sie haben ihm auch die Geheimdienstaffäre

verziehen, die zur Neuwahl

geführt hat. Obwohl die meisten Bürger

Juncker für den Skandal verantwortlich

machen, werden sie ihn wohl wieder wählen.

Das erklärt Charles Margue, Chef des

Meinungsinstitutes TNS Ilres: „Wenn es

um die Person Juncker geht, dann hört es

bei den Luxemburgern mit dem Rechtsstaatsverständnis

auf.“

n

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 31

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Politik&Weltwirtschaft

Aus der

Puste

IRLAND | Kurz vor dem Ausstieg

aus dem Rettungspaket will

das Land 600 Millionen Euro weniger

einsparen als vereinbart.

Erfolgreiche Politiker hören sich anders

an: „Das Volk hat entschieden,

ich respektiere das Ergebnis. Manchmal

bezieht man eben Prügel“, erklärte der

irische Premier Enda Kenny. Seine Landsleute

hatten zuvor in einem Referendum

überraschend dafür gestimmt, den Seanad,

die zweite Parlamentskammer, zu behalten.

Dabei wollte Kenny mit der Abschaffung

des Oberhauses bis zu 20 Millionen

Euro pro Jahr sparen.

Auch sonst versagen dem Premier immer

mehr Iren die Gefolgschaft, sie sind

des Sparens überdrüssig. Seit Beginn der

Wirtschaftskrise 2008 hat Irland seine Ausgaben

um insgesamt 28 Milliarden Euro

gekürzt – mehr als drei Viertel der bis 2015

geplanten Einsparungen. Doch das Land,

das 2010 nach der Rettung seiner Banken

ein Haushaltsdefizit von 30,8 Prozent des

Bruttoinlandsproduktes (BIP) aufwies, hat

noch immer eines der höchsten Defizite in

der Euro-Zone; der Schuldenstand ist mit

123 Prozent des BIPs erdrückend hoch, die

Arbeitslosenquote mit rund 13 Prozent

auch. Dabei soll Irland im nächsten Jahr als

erstes Krisenland der Euro-Zone wieder

auf eigenen Beinen stehen.

Die Rettung des Landes haben EU und

Internationaler Währungsfonds (IWF) mit

67,5 Milliarden Euro unterstützt. Doch nun

wollen die Iren, die bisher alle Vorgaben

des Rettungsprogramms erfüllt haben, die

Konsolidierung nicht wie versprochen weiterführen.

Der Haushaltsentwurf für 2014,

den die Regierung am Dienstag dieser Woche

vorstellen will, werde Einschnitte und

Steuererhöhungen von 2,5 Milliarden Euro

enthalten – statt der ursprünglich vereinbarten

3,1 Milliarden Euro, so Finanzminister

Michael Noonan. Dennoch soll es

gelingen, 2014 das Defizitziel von 5,1 Prozent

des BIPs zu unterschreiten, denn im

laufenden Fiskaljahr seien die Steuereinnahmen

höher und die Ausgaben der Ministerien

geringer ausgefallen als erwartet,

sagt der Finanzminister.

Die Irische Zentralbank hält es dagegen

für falsch, die nötigen Sparmaßnahmen

aufzuschieben: „Es ist riskant, den Sparkurs

jetzt zu lockern, wichtiger wäre sicherzustellen,

dass an den Märkten das Vertrauen

in Irland erhalten bleibt“, sagte Lars

Frisell, Chefvolkswirt der Notenbank. Zwar

sei der politische Wille vorhanden, das Defizit

bis 2015 auf weniger als drei Prozent

des BIPs zu senken. Doch wegen seiner

großen Abhängigkeit von Exporten sei Irland

in hohem Maße anfällig für externe

Schocks.

AUF JEDEN FALL ERFÜLLEN

Beim IWF gibt man sich dagegen pragmatisch:

„Irland muss das über zwei Jahre gesetzte

Sparziel von 5,1 Milliarden Euro auf

jeden Fall erfüllen, um das Defizitziel von

drei Prozent bis 2015 zu erreichen, doch im

Hinblick auf die Ausgestaltung der jährlichen

Teilziele gibt es Flexibilität“, sagt Craig

Beaumont, Irland-Missionschef des IWF.

Immer mehr faule Kredite

HypothekenkrediteirischerBanken,die

seit drei beziehungsweise sechs Monaten

nichtmehrbedient werden*

18

15

12

9

6

3

Ohne Zahlungseit:

SechsMonaten

oder länger

Drei bissechs

Monaten

09 2010 2011 2012 2013

*Anteilamgesamten Hypothekenvolumen

in Prozent; Quelle:Irische Zentralbank

Kommt bald ohne Rettungsschirm aus

Irlands Finanzminister Noonan

Um ihren Schuldenberg abzubauen,

werden die Iren laut Frisell sogar jahrzehntelang

fiskalische Disziplin üben müssen.

Voraussetzung für einen Schuldenabbau

aber ist Wachstum. Die irische Notenbank

hat ihre Wachstumsprognose für das laufende

Jahr auf 0,5 Prozent gekürzt und erwartet

2014 ein Plus von 2,0 Prozent. Auch

der IWF hat seine Prognosen nach unten

revidiert: Er rechnet 2013 mit einem

Wachstum von nur 0,6 Prozent und 2014

von 1,8 Prozent. „Geringes Wachstum

bleibt das wichtigste Risiko für die Tragfähigkeit

der Schulden“, so der IWF.

HOHE RÜCKSTÄNDE

Sorgen machen dem Fonds auch die Probleme

der irischen Banken, die bereits

mehr als 26 Prozent ihrer Kredite als notleidend

einstufen müssen. Das liegt vor allem

an den Schuldnern, die mit der Rückzahlung

ihrer Hypothekenraten sechs Monate

und mehr im Rückstand sind (siehe

Grafik). „Es hat viel zu lange gedauert, bis

die Banken das Problem anpackten, seit

Beginn der Bankenkrise sind immerhin

schon fünf Jahre vergangen“, sagt Frisell.

Irlands Notenbank macht jetzt Druck. Bis

Ende des ersten Quartals 2014 müssen die

Banken für 70 Prozent ihrer Hypothekenschuldner

mit Zahlungsrückständen eine

Lösung ausarbeiten. Gleichzeitig bereiten

sich die Banken auf den Stresstest im

Frühjahr 2014 vor. Gut möglich, dass danach

weiterer Finanzierungsbedarf besteht,

um die Bilanzen der Institute zu stärken.

Kenny und der IWF warben in der

Vergangenheit dafür, Irland zur Rekapitalisierung

der Banken Hilfe aus dem permanenten

Rettungsschirm ESM zu gewähren

– doch Deutschland und andere EU-Staaten

mauern.

Auch aus der Notfall-Kreditlinie von

zehn Milliarden Euro, die Irland gerne hätte,

wird wohl vor dem Ausstieg aus dem

Rettungspaket nichts mehr. „Ich sehe diese

Kreditlinie ohnehin nur als Versicherungspolice,

wir brauchen sie nicht unbedingt“,

sagt Frisell. Denn Irlands Schuldenagentur

NTMA hat vorgesorgt und sich in den vergangenen

18 Monaten regelmäßig Geld an

den Kapitalmärkten besorgt – sie verfügt

jetzt über ein Polster von fast 25 Milliarden

Euro und hat damit genug Barmittel um

2014 über die Runden zu kommen, ohne

die Kapitalmärkte anzuzapfen.

n

yvonne.esterhazy@wiwo.de | London

FOTO: REUTERS/CATHAL MCNAUGHTON

32 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Kämpfen, nicht kuschen

USA | Wer steckt hinter den rechten Rebellen der Tea Party im US-Parlament, und warum nehmen

die Erzkonservativen auch eine Staatspleite in Kauf, um ihre Politik durchzusetzen?

Ausnahmsweise

mal für die Regierung

Demonstrant

vor dem Kapitol

Rand Paul schimpft wie ein Rohrspatz.

Dass die Kriegsveteranen derzeit

nicht die Gedenkstätte für die

Soldaten des Zweiten Weltkriegs besuchen

können, daran sei US-Präsident Barack

Obama schuld, empört sich der Republikaner

und Tea-Party-Aktivist. Allen Ernstes

behauptet der 50-jährige US-Senator aus

Kentucky, Obama habe Schlägertrupps geschickt,

um das Denkmal in Washington

abzuriegeln. Der den Amerikanern heilige

Ort inmitten der Hauptstadt ist ein Nationalpark.

Und als solcher ist er, wie alle anderen

im Lande auch, seit dem 1. Oktober

geschlossen – so lange, bis sich Demokraten

und Republikaner im Kongress auf ein

Budget einigen. „Das Denkmal ist frei zugänglich,

da macht eine Absperrung doch

überhaupt keinen Sinn“, keift Paul. Obama

wolle damit nur den Republikanern die

Schuld an der Haushaltskrise in die Schuhe

schieben.

Tatsächlich macht Obama vor allem Politiker

wie Paul, die der Tea Party – dem

rechtspopulistischen Flügel der Republikanischen

Partei – angehören, für den Haushaltsnotstand

verantwortlich. Paul zählt zu

ihren Anführern. Für den Präsidenten sind

sie eine „kleine extreme Splittergruppe“,

die es geschafft habe, den Staat lahmzulegen.

Selbst moderate Republikaner kritisieren

die Anhänger der Tea Party als

„Lemminge mit Sprengstoffwesten“.

Die radikalen Aktivisten weigern sich beharrlich,

einem neuen Haushalt zuzustimmen,

solange nicht die Gesundheitsreform,

die Millionen Amerikaner erstmals

krankenversichert, zurückgenommen oder

zumindest verschoben wird. So wollen sie

»Es wird höchste

Zeit, dass der

Kongress auf

die Wähler hört«

John Fleming, Tea Party

das Gesetz, das der Kongress bereits verabschiedet

und das Oberste Gericht als verfassungskonform

bestätigt hat, doch noch

stoppen. Seit Anfang Oktober hat der Staat

daher kein gültiges Budget, Nationalparks

und staatliche Museen sind bereits geschlossen,

rund 800 000 Angestellte des

Bundes hat die US-Regierung in den unbezahlten

Urlaub geschickt.

Von insgesamt 435 Abgeordneten im US-

Repräsentantenhaus, davon 234 Republikaner,

gehören gerade einmal knapp 30

Abgeordnete zu den rechtspopulistischen

Tea-Party-Rebellen. Zu ihren Wortführern

gehören außer Paul, der die Anti-Steuern-

Organisation „Kentucky Taxpayers United“

gegründet hatte und dessen Vater Ron sich

2008 und 2012 um die Präsidentschaftskandidatur

bewarb, auch die 57-jährige

Michele Bachmann, eine erzkonservative

christliche Abgeordnete aus Minnesota,

und die Texaner Ted Cruz (42, Senator)

und Jeb Hensarling, (56, Vorsitzender des

Finanzdienstleistungsausschusses im Repräsentantenhaus).

Sie alle kämpfen kompromisslos für ihre

Überzeugungen, kuschen vor keiner Mehrheit

und feilschen nicht. Ihre obersten Ziele:

so wenig Staat wie möglich, eine strikte

Haushaltspolitik, rigoroser Abbau der

Staatsschulden, möglichst niedrige Steuern,

drastische Kürzungen bei Sozialleistungen.

Eine vom Staat vorgegebene

Pflicht, sich gegen Krankheit zu versichern,

ist diesem radikal-libertären Haufen genauso

zuwider wie eine Einschränkung des

Rechts, Waffen zu tragen.

Seitdem die Republikaner 2010 die

Mehrheit im Repräsentantenhaus zurückerobert

haben, hat auch die Tea Party an

Einfluss gewonnen. Knapp die Hälfte der

konservativen Wähler ist mit der Politik

der Republikaner in Washington extrem

unzufrieden – erst recht, seitdem Obama

im November die Präsidentschaftswahl erneut

gewonnen hat, nur acht Prozent sind

zufrieden, wie eine Umfrage des Pew Research

Center Ende September ergab. Kein

Wunder also, dass rechte Hardliner die

Oberhand bei den Konservativen gewinnen.

„Die Tea-Party-Bewegung ist vor allem

für die Republikaner zu einem Pro-

FOTO: LAIF/UPI

34 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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lem geworden“, sagt der renommierte

Politikwissenschaftler Ian Bremmer vom

Thinktank Eurasia Group in New York.

Dass die rechte Minderheit die Agenda

in Washington so sehr bestimmen könne,

liege auch am mangelnden Interesse der

Amerikaner an der Politik, so Bremmer.

Nicht einmal 57,5 Prozent der Wähler seien

im vergangenen Jahr zur Urne gegangen,

und außer der Tea-Party-Bewegung

existiere in den USA kaum politischer Aktivismus.

„800 000 Angestellte des Staates

werden in den Zwangsurlaub geschickt,

das müsste der politischen Klasse in Washington

extrem peinlich sein, aber eine

politische Krise löst das nicht aus“, stellt

Bremmer erstaunt fest. Für beide politischen

Parteien gebe es deshalb keinen

zwingenden Grund, einen Kompromiss

zu finden.

Präsident Obama will sich nicht von einer

Minderheit erpressen lassen. Lenkt er

ein und erkauft sich die Verabschiedung eines

Budgets mit Zugeständnissen an die

Opposition, droht die Gefahr, bei den

nächsten Verhandlungen wieder erpresst

zu werden. Auch John Boehner, dem republikanischen

Chef des Repräsentantenhauses,

kommt es mehr darauf an, die Partei

zusammenzuhalten, als den Konflikt

mit den rechten Rebellen aufzunehmen.

AUF KOSTEN DER STEUERZAHLER

Entstanden ist die rechtspopulistische Bewegung

noch unter Präsident George W.

Bush, der sich im Zuge der Finanzkrise für

ein milliardenschweres Rettungspaket für

angeschlagene US-Banken und Autokonzerne

entschieden hatte. Dieser massive

Eingriff des Staates in die Wirtschaft auf

Kosten der Steuerzahler hat die Konservativen

innerhalb der Republikaner zutiefst

verärgert. Die Unzufriedenheit mit der Politik

der eigenen Partei und später mit der

Politik des neuen demokratischen Präsidenten

Obama ließ überall in den Staaten

organisierte rechte Bewegungen entstehen.

In Anlehnung an die Bostoner Tea

Party des Jahres 1773, als sich die amerikanischen

Kolonien gegen die britische Kolonialpolitik

erhoben, nannten sich die Graswurzel-Revolutionäre

Tea Party.

Die Widerstandskämpfer von heute sind

konservative Amerikaner, die vorher überwiegend

nicht politisch aktiv waren. So etwa

Amy Kremer, eine ehemalige Flugbegleiterin,

die 2009 aus Frust über die Politik

in Washington eine der ersten Tea-Party-

Proteste über den Kurznachrichtendienst

Twitter organisiert hat. Später schloss sie

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 35

»

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Politik&Weltwirtschaft

Eine kleine radikale Minderheit hat es geschafft, das ganze Land lahmzulegen (von links) Bachmann, Hensarling, Paul, Meadows

»

sich zunächst den Tea Party Patriots an

und gründete dann den Tea Party Express

in Kalifornien. Letzterer fährt mit Bussen

durchs Land und organisiert vor Ort Proteste

gegen die Obama-Regierung. Kremer

gilt heute als eine der einflussreichsten und

aggressivsten Konservativen der Tea-Party-

Bewegung. Als mindestens ebenso einflussreich

wie Kremer gilt Jim DeMint. Von

2005 bis Anfang dieses Jahres war der

62-jährige Republikaner aus South Carolina

US-Senator. Seit einigen Monaten ist er

Chef des erzkonservativen Thinktanks The

Heritage Foundation in Washington und

unterstützt die Tea-Party-Bewegung mit

Geld und Lobbyarbeit.

Der außerparlamentarischen Opposition

ist es längst gelungen, auch im politischen

Betrieb in Washington anerkannt zu

werden. Im Jahr 2010 rief Michele Bachmann

im Parlament den Tea Party Caucus

ins Leben. Diesem Ausschuss gehören

heute rund 50 Abgeordnete der Republikaner

an. Die Rebellen brachten auf diesem

Weg seitdem mehr als 40 Gesetzentwürfe

ein, die die Gesundheitsreform kippen

sollten. Der von den Demokraten kontrollierte

Senat schmetterte sie immer wieder

ab. Erfolgreich wehrten sich die Rechten

allerdings gegen eine Verschärfung des

Waffengesetzes in den USA in diesem

Frühjahr.

Geschickt haben es die Tea-Party-Parlamentarier

in den vergangenen Wochen

verstanden, ihre moderaten Parteikollegen

unter Druck zu setzen. Eine wichtige Rolle

spielte dabei der bis dahin wenig bekannte

Tea-Party-Rebell Mark Meadows. Der

54-Jährige aus dem US-Bundesstaat North

Carolina ist erst seit Januar 2013 Abgeordneter

des Repräsentantenhauses. Er drängte

den Republikaner-Sprecher Boehner da-

FOTOS: GETTY IMAGES, PICTURE PRESS, REUTERS, CORBIS

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zu, einem neuen Budget nur zuzustimmen,

wenn die Gesundheitsreform gestoppt

werde. Der Neuling in Washington

sammelte 79 Unterschriften von Parlamentariern

für seine Forderung, die Regierung

notfalls auch lahmzulegen – und gilt

seitdem als heldenhafter Wegbereiter des

„government shutdowns“.

Wortreiche Unterstützung erhielt Meadows

vom Parteikollegen John Fleming.

Der 62-jährige Politiker und Geschäftsmann

– ihm gehören 33 Subway-Sandwich-Schnellrestaurants

in Louisiana –

wird nicht müde, auf möglichst vielen konservativen

amerikanischen Radio- und

TV-Stationen zu wiederholen, dass die Gesundheitsreform

das gefährlichste Gesetz

sei, das jemals im Kongress verabschiedet

worden sei. „Obamacare ist die größte Bedrohung

der US-Wirtschaft seit der Großen

Depression“, warnt Fleming. Die Reform

schraube die Gesundheitskosten für

Millionen Amerikaner in die Höhe, Unternehmen

würden gezwungen, Mitarbeiter

zu entlassen, weil sie sich die Versicherungskosten

für ihre Arbeitnehmer nicht

leisten könnten. Der Republikaner Senator

Ted Cruz hatte es sogar geschafft, kurz vor

Einführung der Gesundheitsreform am 1.

Oktober 21 Stunden am Stück im Parlament

gegen die Reform zu reden.„Es wird

höchste Zeit, dass der Kongress auf die

Wähler hört“, fordert Tea-Party-Rebell Fleming.

Denn die wünschten sich zwei Dinge

ganz dringlich: die Gesundheitsreform

zu stoppen und die Staatsschulden zu verringern.

KEINE ANGST VOR DER PLEITE

Das Schuldenlimit und die drohende

Staatspleite sind nach der Lahmlegung des

Regierungsapparates der nächste Kriegsschauplatz

der Tea Party. Mitte dieser Woche

erreichen die USA ihr gesetzlich festgelegtes

Schuldenlimit von 16,7 Billionen

Dollar. Genehmigt der Kongress keine Anhebung,

droht den USA die Zahlungsunfähigkeit.

Dann kann die Regierung weder

ihre Schuldzinsen bedienen noch Sozialleistungen

wie etwa Renten auszahlen.

Ein ähnliches Szenario drohte im August

2011, als sich Demokraten und Republikaner

ebenfalls nicht auf die Erhöhung des

Schuldenlimits einigen konnten. Damals

stufte die Ratingagentur Standard & Poor’s

die Kreditwürdigkeit des Landes um eine

Stufe nach unten. Daraufhin schmierten

die Börsen weltweit ab. Auch jetzt drückt

die Schuldenkrise auf die Stimmung an

den weltweiten Märkten (siehe Seite 108).

Janet Yellen, die designierte neue Notenbank-Chefin,

wird die ultralockeren Geldpolitik

der Fed weiterführen. Die erneute

Haushalts- und Schuldenkrise lassen ihr

keine andere Wahl. Die Fed wird weiterhin

monatlich Staatsanleihen und Hypothekenpapiere

in Milliardenhöhe ankaufen.

Für die Tea-Party-Aktivisten ist die

Schuldenkrise kein Grund zum Einlenken:

Schließlich käme es ja auch gar nicht zu einer

Staatspleite, meint etwa US-Senator

Paul. Denn der Kongress habe ein Gesetz

verabschiedet, das festlegt, dass die USA

die Zinsen auf ihre Schulden mit Priorität

vor allen anderen Verpflichtungen begleichen.

Obama solle aufhören, den Amerikanern

und der Wall Street Angst einzujagen.

„Wir kämpfen weiter“, sagt US-Senator

Paul. Ins gleiche Horn bläst Pauls Mitstreiterin

Bachmann. „Sie können darauf wetten,

dass wir weitermachen“, sagt die Tea-

Party-Politikerin, „und zwar so lange, bis

die Gesundheitsreform gestoppt ist.“ n

angela.hennersdorf@wiwo.de | New York

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Politik&Weltwirtschaft

BERLIN INTERN | Die Abgeordneten der FDP-Fraktion

verabschieden sich so aus dem Bundestag, wie sie die

letzten vier Jahre gegeneinander gearbeitet haben:

mit Missgunst und Getuschel. Von Henning Krumrey

Has(s)tiger Abschied

FOTOS: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, VISUM/STEFAN BONESS

Ein Rückzug in Würde, so hatten

sich die Abgeordneten die letzte

Sitzung der FDP-Bundestagsfraktion

vorgestellt. Einmal noch im

Reichstagsgebäude tagen, einmal noch

mit den Kollegen plaudern, mit denen man

vier Jahre zusammen oder auch gegeneinander

gearbeitet hat. Und dann: Ende

des parlamentarischen Daseins der FDP.

Am Dienstag vergangener Woche bestimmte

die Fraktion drei aus ihrer Mitte

als Liquidatoren, die den Laden abwickeln

Ohne Worte FDP-Fraktion i.L. heißt nicht:

„ist liberal“, sondern „in Liquidation“

wie jeden anderen mittelständischen Betrieb

– dann löste sie sich mit einem förmlichen

Beschluss auf.

Doch so würdevoll wie erhofft tagten die

93 Abgeordneten nicht. Der Schleswig-Holsteiner

Jürgen Koppelin, einst als pfiffiger

Haushälter ein Quälgeist von Regierungen

jedweder Couleur, gab den verbitterten alten

Mann. Ob denn die drei Liquidatoren etwa

noch extra Geld für ihre Arbeit kassieren

dürften, fragte der 68-Jährige giftig (Antwort:

nein). Früher reüssierte er im Parlamentskabarett

„Die Wasserwerker“ als bissiger

Kommentator, jetzt trat er auf als

verbissener Inquisitor. Ob auch sichergestellt

sei, dass der Leiter der Fraktionsverwaltung

sich bei den Auflösungsentscheidungen

nicht bereichern könnte?

So „zum Kotzen“ fanden manche Kollegen

Koppelins Auftritt, dass sie keine Lust

mehr hatten, noch auf ein finales Feierabendbier

zu „Ossi“ zu gehen, in die Kneipe

der Parlamentarischen Gesellschaft. „Ich

will den nicht mehr sehen“, schimpfte einer

der stellvertretenden Vorsitzenden. In der

Kellerbar waren die Liberalen meist höherprozentig

vertreten als im Plenarsaal, und

Koppelin schmetterte dort gern zu vorgerückter

Stunde mit Freunden „Das Lied der

Partei“ und andere SED-Kampfgesänge:

„Die Partei, die Partei, die hat immer recht“,

heißt es da, und „Sie hat uns alles gegeben,

was wir sind, sind wir durch sie“. Alles vorbei.

Ins Bodenlose fallen die Abgänger nicht.

Bis Mitte Oktober müssen die Zimmer geräumt

sein, dann übernimmt ausgerechnet

die Linke den Bürotrakt. Der Agrarpolitiker

Michael Goldmann klagt: „Ich habe sechs

Kartons, ich weiß nicht, wo ich damit hin

soll.“ „Dazu bist du Bundestagsabgeordneter,

dass du das selbst entscheiden

kannst“, ruft die Architektin Petra Müller

entnervt in den Saal. Sie hatte sich mit dem

Problem schon vertraut machen können,

da sie für die jüngste Wahl keinen Listenplatz

ergattert hatte. Die frühere Fraktionschefin

Birgit Homburger mailte Kollegen

von Union und SPD, sie habe Topfpflanzen

und Ventilatoren „günstig abzugeben“.

Um den Rückzug aus der politischen

Frontstadt zu organisieren, bleiben den Ex-

MdBs ein paar Privilegien noch etwas erhalten.

Offiziell endet ihr Abgeordnetendasein

mit dem Zusammentritt des neuen Bundestages

am 22. Oktober. Aber seit je gilt eine

interfraktionelle Vereinbarung, dass noch

weitere 14 Tage auf Staatskosten geflogen

und Bahn gefahren werden darf. Und es

gibt Übergangsgeld, für jedes Jahr im Parlament

eine Monatsdiät, maximal 18. Wer

einen neuen Job findet, muss sich die Einkünfte

anrechnen lassen.

Und natürlich tuscheln alle, wer jetzt wo

was werden könnte. Die Niedersachsen-

Combo, die Mitarbeiter von Philipp Rösler,

hätten es schwer, meinte einer aus der

Truppe von Rainer Brüderle: „Für die gilt:

Wir können nix außer Hochdeutsch.“ Die

Juristen dürfen sich zur Not Anwaltsschilder

an die Tür schrauben. Daniel Bahr habe

nach Banklehre und dem Studium der Gesundheitsökonomie

so viel Bundesministererfahrung,

dass er bald beim Medizintechnikhersteller

B. Braun als Vorstand anfangen

werde. Bahr lässt das dementieren.

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 39

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Der Volkswirt

Freiheit in Bedrängnis

GESELLSCHAFT | Noch warten die Deutschen auf ihre neue Regierung – doch was sie von ihr erwarten,

ist klar: noch mehr Umverteilung und paternalistische Fürsorge, um die Lebensverhältnisse der Bürger

anzugleichen. Marktwirtschaft und Selbstverantwortung bleiben auf der Strecke. Von Ulrike Ackermann

Im neu gewählten Bundestag haben nun Volksvertreter die Mehrheit,

denen wirtschaftliche und individuelle Freiheit, Selbstsorge

und Selbstverantwortung der Bürger suspekt sind. Stattdessen

setzen sie auf den fürsorgenden und umverteilenden Staat – auch

wenn er noch so verschuldet ist. Bereits im Wahlkampf überboten

sich die großen Parteien, wer der bessere Vollstrecker sozialer Gerechtigkeit

sei. Wie auch immer die neue Regierung aussehen mag:

Das Pendel wird noch heftiger zugunsten der Gleichheit ausschlagen,

und die Freiheit wird noch stärker in Bedrängnis geraten. Es

wird zukünftig darum gehen, ob die Bürger zugunsten

der Gleichheit auf Freiheit verzichten

wollen oder umgekehrt den Wert der Freiheit

höher schätzen und dafür Ungleichheit in

Kauf nehmen.

Über die Jahrhunderte ging die Angleichung

der hart erkämpften politischen Bürgerrechte

mit einer Angleichung sozialer Chancen im

Hinblick auf Erziehung, Einkommen und Versorgung

einher. Zugleich eröffneten sich für alle

Bürger immer größere Chancen der Freiheit.

Denn die Gleichheit des staatsbürgerlichen

Status ist die Bedingung der Möglichkeit

Ulrike Ackermann ist Politikwissenschaftlerin

an der SRH Hochschule

Heidelberg und Direktorin des John

Stuart Mill Instituts für Freiheitsforschung.

Die WirtschaftsWoche lädt

Ihre Leser ein, sich in einem

neuen Online-Forum mit der Idee der

Freiheit auseinanderzusetzen.

Was bedeutet heute Freiheit? Wo ist

sie durch den Staat gefährdet?

Schreiben Sie uns unter

www.wiwo.de/forumderfreiheit

der Freiheit eines jeden. Voraussetzung für die

Herausbildung der Persönlichkeit und die

Praxis eines eigenen Lebensplans ist die Freiheit

eines jeden, zwischen verschiedenen Optionen

wählen zu können und sich von anderen

zu differenzieren. Die Gleichheit vor dem

Gesetz ist dabei Voraussetzung für soziale Differenzierung.

Diese rechtliche Gleichheit

schafft – so paradox das klingen mag – soziale

Ungleichheit und damit überhaupt erst die

Vielfalt und Pluralität der Lebensstile. Gerade

darin liegt die Voraussetzung für die Produktivität

und Innovationskraft einer Gesellschaft.

Uniformität und soziale Gleichheit würden hingegen Stillstand der

historischen Entwicklung bedeuten.

Ursprünglich bedeutete Gerechtigkeit schlichtweg die Durchsetzung

geltenden Rechts und die Rechtsgleichheit aller vor dem Gesetz.

Das freiheitlich-demokratische Gemeinwesen sorgt im Rahmen

eines Gesellschaftsvertrags für die Chancengerechtigkeit aller

als Voraussetzung dafür, die eigene Persönlichkeit auf je individuelle

Weise entfalten zu können.

Seit dem 19. Jahrhundert veränderte sich diese Bedeutung. Einzug

hielt der Begriff der sozialen Gerechtigkeit, der sich fortan an

sozialer Gleichheit im Sinne von Ergebnisgleichheit orientierte. Für

diese soziale Gerechtigkeit sollte nun der Staat durch Umverteilung

sorgen. Das ist eine bemerkenswerte Verschiebung der Bedeutung

von Gleichheit und Gerechtigkeit: Ging es ursprünglich in der Französischen

Revolution um die Gleichheit der Bürger vor dem Gesetz,

so verändert sich diese Forderung in Richtung einer Gleichheit der

tatsächlichen Lebensverhältnisse.

Obwohl sich die Lebensbedingungen in unseren europäischen

Wohlfahrtsstaaten seit dem 19. Jahrhundert für alle Menschen fundamental

verbessert haben, die Menschen viel länger leben, weniger

arbeiten und insgesamt wohlhabender geworden sind, ertönen

die Rufe nach mehr sozialer Gerechtigkeit und Umverteilung wieder

lauter. Trotz der Individualisierungsprozesse, die wir der westlichen

Moderne seit der Aufklärung verdanken,

und der Herausbildung der Zivilgesellschaft

ist die Vorstellung vom Staat als gütigem und

zugleich strengem Vater offenbar immer noch

sehr beliebt. Er soll für Wohlstand und Gesundheit

seiner Kinder sorgen und am besten

alle Güter gerecht und gleich unter ihnen verteilen.

Im Gegenzug zu seiner Wohltätigkeit

nehmen die Bürger dann auch seine erzieherische

Strenge und seine Wacht über die

Tugend in Kauf.

Klarer Favorit bei den Bürgern – so die Ergebnisse

des alljährlichen Freiheitsindexes

des John Stuart Mill Instituts – ist der betreuende

und kümmernde Staat, der im Unterschied

zum liberalen Staat als gerechter, wohlhabender,

menschlicher und lebenswürdiger

angesehen wird. Zugleich hat die Skepsis gegenüber

der Marktwirtschaft eine ganz neue

Dimension angenommen. Erstmalig glaubt

auch in Westdeutschland eine knappe relative

Mehrheit von 43 Prozent der Bevölkerung,

Marktwirtschaft führe automatisch zu sozialer

Ungerechtigkeit. Es scheint also immer mehr

die Überzeugung verloren zu gehen, dass diese

Wirtschaftsform Grundlage für Freiheit und

Wohlstand ist. Aber unsere bisherige Geschichte war gerade deshalb

so erfolgreich, weil sich wirtschaftliche, politische und individuelle

Freiheit immer gegenseitig bedingen und vorantreiben.

Nachdem es nun auf bundespolitischer Ebene um die Freiheit so

schlecht bestellt ist, müssen neue Impulse dafür aus der Zivilgesellschaft

kommen. Das Gegenteil von Paternalismus ist Eigensinn und

Selbstsorge, aus denen neues Selbstvertrauen, Stolz und Würde

und damit neue Lebensqualität für den einzelnen Bürger erwachsen

können. All dies sind Voraussetzungen, um die Freiheit zu

entfalten, neue Freiräume zu entdecken und sie auf dem Weg zu

Mündigkeit und Selbstbestimmung auszuloten. Eine Gesellschaft

ist lebendig und erfolgreich, wenn selbstbewusste und eigenwillige

Bürger ihre wirtschaftliche, politische und individuelle Freiheit zu

Lebensexperimenten nutzen.

n

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA

40 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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KONJUNKTUR DEUTSCHLAND

Konsumenten weiterhin

gut gelaunt

Die Bundesbürger blicken trotz

Euro-Krise und steigender Preise

für Energie und Lebensmittel

optimistisch in die Zukunft. Das

zeigt der Verbraucherindex der

Konsumentenkreditbank CreditPlus,

den das Institut exklusiv

für die WirtschaftsWoche

ermittelt. Dem Index liegt eine

repräsentative Befragung von

2000 Personen durch das

Marktforschungsinstitut Ipsos

zugrunde. Die Forscher befragten

die Konsumenten nach ihren

Erwartungen für den eigenen

Lebensstandard, ihrer

Anschaffungsneigung sowie ihrem

finanziellen Kaufpotenzial.

Der Gesamtindex, der zweimal

jährlich ermittelt wird, hat sich

im Herbst bei 105 Punkten

stabilisiert. Damit liegt er fünf

Punkte über seinem Wert zu

Beginn der Befragung Anfang

2006.

Eine deutliche Mehrheit der

Konsumenten (72 Prozent) ist

zuversichtlich, dass sich der eigene

Lebensstandard in den

nächsten Monaten verbessert.

Im Frühjahr lag dieser Anteil allerdings

noch bei 75 Prozent.

Ganz oben auf der Kaufliste der

Verbraucher stehen derzeit Möbel

und andere Einrichtungsgegenstände

– rund 17 Prozent

der Befragten wollen dafür

mehr Geld ausgeben. Auf den

Plätzen zwei und drei folgen

Reisen (15 Prozent) sowie höherwertige

Elektrogeräte (14

Prozent). Ein Auto wollen hingegen

nur vier Prozent der Befragten

kaufen. Die überwiegende

Mehrzahl der Bürger (86

Prozent) greift beim Kauf auf eigene

Ersparnisse zurück, lediglich

14 Prozent wollen Kredite

in Anspruch nehmen.

Trotz niedriger Zinsen und

der Furcht vor Inflation wollen

Stabil wie ein Fels in der Brandung

41 Prozent der Bürger ihr Anlage-

und Konsumverhalten nicht

ändern. Jeder Fünfte erwägt,

trotz Minizinsen mehr Geld in

Tages- und Festgeldkonten zu

stecken. 15 Prozent investieren

verstärkt in Aktien und Immobilien

– und 27 Prozent geben

ihr Geld lieber komplett aus, als

es zur Bank zu tragen.

malte.fischer@wiwo.de

Konsumklimaund Sparverhalten der Bundesbürger

110 Konsumklima*

Sparverhalten**

105

Ändere mein Spar- und

Konsumverhalten nicht 41%

Spare mehr auf Sparbuch

und Tagesgeldkonto

19%

100

95

Investiere mehr in Aktien

und Immobilien

Konsumiere und reise mehr

15%

14%

Kaufe mehr langlebige

Konsumgüter

13%

90

2006 07 08 09 10 11 12 13 Investiere mehr in Gold 3%

*Verbraucherindex 2006 =100; ** wie die Verbraucher auf die niedrigen Zinsen und

die Inflationsängste reagieren, Mehrfachnennungen möglich; Quelle: CreditPlus

Weniger Aufträge

für Industrie

Die deutsche Industrie hat

beim Auftragseingang einen

Rückschlag erlitten. Im Vergleich

zum Vormonat sind die

Bestellungen preis-, kalenderund

saisonbereinigt um 0,3

Prozent gefallen. Volkswirte

hatten mit einem Anstieg um

1,1 Prozent gerechnet, zumal

die Aufträge bereits im Vormonat

gesunken waren. Während

inländische Kunden 2,2 Prozent

mehr bestellten, gab die Nachfrage

nach deutschen Gütern

im Ausland spürbar nach (minus

2,1 Prozent).

Die Produktion in Deutschlands

Werkshallen hat derweil

wieder zugelegt. Der Output im

produzierenden Gewerbe kletterte

im August gegenüber Juli

um 1,4 Prozent. Im Vormonat

war die Produktion um 1,1 Prozent

gesunken. Die guten Daten

basieren vor allem auf einem

überraschend starken Output

der Automobilbranche.

Volkswirtschaftliche

Gesamtrechnung

Real. Bruttoinlandsprodukt

Privater Konsum

Staatskonsum

Ausrüstungsinvestitionen

Bauinvestitionen

Sonstige Anlagen

Ausfuhren

Einfuhren

Arbeitsmarkt,

Produktion und Preise

Industrieproduktion 1

Auftragseingänge 1

Einzelhandelsumsatz 1

Exporte 2

ifo-Geschäftsklimaindex

Einkaufsmanagerindex

GfK-Konsumklimaindex

Verbraucherpreise 3

Erzeugerpreise 3

Importpreise 3

Arbeitslosenzahl 4

Offene Stellen 4

Beschäftigte 4, 5

2011 2012

Durchschnitt

3,3

1,7

1,0

7,0

5,8

3,9

7,8

7,4

2011 2012

Durchschnitt

6,6

7,5

1,1

11,5

111,3

54,8

5,6

2,1

5,6

8,0

2974

466

28460

0,7

0,8

1,2

–4,8

–1,5

3,2

3,9

2,2

–0,9

–4,2

0,2

3,4

105,0

46,7

5,9

2,0

2,0

2,1

2897

478

29004

II/12 III/12 IV/12 I/13 II/13

Veränderung zum Vorquartal in Prozent

–0,1

0,1

–0,4

–3,0

–1,4

1,0

3,1

2,3

Juni

2013

2,1

4,5

–1,1

1,2

105,9

48,6

6,5

1,8

0,1

-2,2

2946

425

29348

1 Volumen, produzierendes Gewerbe, Veränderung zum Vormonat in Prozent; 2 nominal, Veränderung zum Vormonat in

Prozent; 3 Veränderung zum Vorjahr in Prozent; 4 in Tausend, saisonbereinigt; 5 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte;

alle Angaben bis auf Vorjahresvergleiche saisonbereinigt; Quelle: Thomson Reuters

0,2

0,1

0,7

–2,2

0,5

1,5

1,4

0,6

Juli

2013

–1,1

–1,9

–0,2

–0,8

106,2

50,7

6,8

1,9

0,0

–2,6

2941

425

29395

–0,5

–0,3

0,1

–2,0

–0,7

1,5

–2,4

–1,3

Aug.

2013

1,4

–0,3

0,5

1,0

107,6

51,8

7,0

1,5

–0,5


2950

426


0,0

0,8

–0,1

–0,6

–2,1

–1,1

–1,8

–2,1

Sept.

2013





107,7

51,1

7,0

1,4



2975

429


0,7

0,5

0,6

0,9

2,6

1,3

2,2

2,0

Okt.

2013







7,1







Letztes Quartal

zum Vorjahr

in Prozent

0,9

1,1

1,3

–1,2

1,2

3,1

1,1

1,4

Letzter Monat

zum Vorjahr

in Prozent

–3,0

0,1

0,3

–5,5

6,2

7,2

18,3




2,1

–9,8

1,2

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 41

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Der Volkswirt

SERIE: GEISTESBLITZE DER ÖKONOMIE (X)

Kleine beuten Große aus

Warum haben Interessengruppen so viel Macht? Mancur Olsons „Logik des kollektiven Handelns“

zeigt, wie Lobbyisten von demokratischen Entscheidungen Besitz ergreifen – und auf lange Sicht

die Wirtschaft ruinieren können.

Die deutsche Energiewende ist ein

Paradoxon der klassischen Sorte.

Innerhalb weniger Jahre ist aus dem

gesellschaftlichen Zukunftsprojekt eine

unkontrollierbare Umverteilungsmaschinerie

geworden. Auf der Gewinnerseite:

Landwirte, Investoren und ein paar spezialisierte

Unternehmen, zusammengerechnet

also nicht besonders viele Menschen.

Bei den Verlierern finden sich

hingegen die meisten Industriebetriebe

und alle Stromkunden, also viel mehr

Menschen. Warum lässt es die große

Mehrheit in einer Demokratie mit sich

machen, dass eine kleine Gruppe auf ihre

Kosten hohe Gewinne erzielt?

Um das zu verstehen, braucht man erstaunlich

wenig Wissen über Klima, Umwelt

oder Technik – es genügt ein Blick in

den politökonomischen Klassiker „Die Logik

des kollektiven Handelns“ von Mancur

Olson. Der US-Ökonom, der 1998 im Alter

von 66 Jahren starb, veränderte mit seinem

1965 veröffentlichten Werk das Bild von

Interessengruppen grundlegend. Zusammen

mit seinem folgenden Buch „Aufstieg

und Fall von Nationen“ fügte er der ökonomischen

Theorie ein Kapitel hinzu, das

diese bis dahin unter „ceteris paribus“ verbucht

hatte: die Struktur von Interessengruppen

in einer Ökonomie und ihren

Einfluss auf die Entwicklung derselben.

Sowohl in den Vereinigten Staaten nach

dem „New Deal“, der Staatsausgaben als

Konjunkturmotor predigte, als auch im

Nachkriegsdeutschland mit seinem rheinischen

Kapitalismus war der „Korporatismus“

die Theorie der Stunde. Sie ging davon

aus, dass Gewerkschaften und

Arbeitgeber für das Funktionieren der Demokratie

von großer Bedeutung seien. Die

Überzeugung lautete: Wenn alle Betroffenen

einer politischen Entscheidung ihre

Meinung beisteuern, findet sich wie von

selbst eine Regel, die der Gesellschaft am

besten dient. Je größer eine Gruppe, desto

lauter artikuliert sie sich. Interessengruppen

spiegeln daher letztlich die gesamtgesellschaftlichen

Verhältnisse wider.

Daran allerdings wollte Olson nicht

glauben, schließlich sah die wirtschaftliche

Realität reichlich trist aus. In den USA

herrschte Stagflation, die große alte Demokratie

Großbritannien war von übermächtigen

Gewerkschaften gelähmt. Stattdessen

reüssierten nach dem Krieg die

Ex-Diktaturen Deutschland und Japan.

Olson machte für diese Unterschiede eine

Gruppe verantwortlich, die bis dahin

keiner auf der Rechnung hatte: Lobbyisten.

In seiner Arbeit ging er von der Frage

aus, wann es überhaupt zu kollektivem

Handeln innerhalb einer Gruppe von Personen

kommt, die grundsätzlich das gleiche

Interesse haben. Eine überraschende

Erkenntnis stand gleich am Anfang: Es ist

ziemlich unwahrscheinlich, dass sich

Entertainer im Elfenbeinturm

Olson vermied ökonomische Fachsprache

Gruppen überhaupt organisieren. „Dass

das Ziel der Gruppe gemeinsam ist, bedeutet,

dass der Gewinn aus jedem Opfer,

das der Einzelne im Dienste des gemeinsamen

Zweckes macht, mit jedem in der

Gruppe geteilt wird“, beschreibt Olson das

Dilemma kollektiven Handelns.

Ein klassisches Beispiel dafür sind Gewerkschaften.

Wer sich hier beteiligt, muss

Geld (Mitgliedsbeitrag) und Zeit (Demonstrationen)

einbringen, auch seine

Aufstiegschancen im Unternehmen sinken

eher. Hat er mit dem Einsatz Erfolg

(höhere Tariflöhne), profitieren davon

aber alle Mitarbeiter, egal, ob sie in der Gewerkschaft

sind oder nicht. Im Verhältnis

zum persönlichen Ertrag ist der Einsatz

ziemlich hoch.

GRUPPENGRÖSSE ENTSCHEIDEND

Dennoch gibt es in der Realität viele Fälle

kollektiven Handelns. Nach Olsons Theorie

gibt es dafür zwei Erklärungen. Zum einen

ist die Größe der Gruppe ausschlaggebend.

In kleinen Gruppen kann sich das

Missverhältnis zwischen Einsatz und Ertrag

verändern. Unter Umständen ist der

Ertrag eines Einzelnen so hoch, dass es

sich lohnt, die Interessenvertretung allein

in die Hand zu nehmen. Aktuelles Beispiel:

die Autoindustrie. Hier gibt es nur

wenige bedeutende Unternehmen, die zudem

sehr hohe Umsätze erzielen. Wenn

Gesetzgebungspläne (zum Beispiel die in

diesem Jahr bekannt gewordene Kühlmittelverordnung

der EU) ihre Gewinnchancen

stark beeinflussen, kann es sich für ein

einzelnes Unternehmen (Daimler) lohnen,

alleine die Kosten der Lobbyarbeit

dagegen zu tragen, auch wenn die Konkurrenz

davon ebenfalls profitiert.

Schwieriger wird es in mittelgroßen

Gruppen, in denen sich für Einzelne die

selbstständige Bereitstellung des Kollektivgutes

nicht mehr lohnt. Andererseits sind

sie aber noch so klein, dass der Beitrag ei-

FOTOS: UNIVERSITY OF MARYLAND, ACTION PRESS; ILLUSTRATION: KRISTINA DÜLLMANN

42 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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etwas durch, das der gesamten Wirtschaft

nützt, profitieren auch Nichtmitglieder.

Sorgen sie für Umverteilung, kommt der

Vorteil nur ihrer Gruppe zugute. Damit

sich eine Interessengruppe, die ein Prozent

der Wirtschaft vertritt, für ein Projekt

einsetzt, das der gesamten Wirtschaft

nützt, müsste der erwartete absolute Gewinn

also 100 Mal höher sein als bei einem

Projekt, das zu Umverteilung führt.

Umzingelt von Interessen Bundeskanzlerin Merkel mit Ministern

und Lobbyisten beim Energiegipfel im Frühjahr 2013

nes Einzelnen zumindest auffällt. In diesen

Gruppen kann es durch Austausch

und sozialen Druck gelingen, sich auf ein

gemeinsames Handeln zu verständigen.

In großen Gruppen fallen diese Anreize

weg. Dies kann sich nur ändern, wenn es

den Initiatoren der Kollektivhandlung gelingt,

selektive Anreize zu schaffen, die

direkt mit der Arbeit in der Gruppe zusammenhängen.

Beispiele für negative Anreize

sind der gesetzliche Zwang zur Mitgliedschaft

(wie bei Kammern) oder gar

die Gewalt gegen Trittbrettfahrer, wie sie

in den Anfangsjahren der Gewerkschaften

durchaus üblich war. Heute spielen positive

Anreize, etwa Sonderkonditionen bei

Versicherungen oder der gewerkschaftliche

Rechtsschutz, eine wichtigere Rolle.

Große Gruppen, denen auch diese Anreize

nicht zur Verfügung stehen, bleiben hingegen

weitgehend unorganisiert – etwa

Hartz-IV-Empfänger, Verbraucher oder

Steuerzahler.

Diese unterschiedlichen Chancen auf

Interessenartikulation haben laut Olson

eine dramatische Konsequenz: „Es besteht

eine systematische Tendenz zur Ausbeutung

der Großen durch die Kleinen.“

Damit hat Olson das Bild von Interessengruppen

grundsätzlich gewandelt. Die

Annahme, dass sie die Interessen der Gesellschaft

proportional abbilden, ist seitdem

ins Reich der Legenden verbannt.

Doch er ging noch weiter. In seinem zweiten

Buch „Aufstieg und Niedergang von

Nationen“ (1982), laut Olson die „Anwendung“

der zuvor entwickelten Logik,

macht er Interessengruppen für das Auf

und Ab der gesamten Wirtschaft verantwortlich.

Seine These: Je stärker Interessengruppen

werden, desto schlechter geht

es der Wirtschaft eines Landes. Aus einer

wachstumsorientierten Gesellschaft wird

eine „rent seeking society“.

Da der Prozess, sich zu organisieren, gerade

in großen Gruppen kompliziert ist,

dauert es einige Zeit, bis sie sich bilden. Es

ist deshalb davon auszugehen, dass ihre

Anzahl zunimmt, je länger eine stabile Demokratie

besteht. Diese Interessengruppen

haben dann ein grundsätzliches Anliegen:

Sie wollen die Einkommen ihrer

Mitglieder erhöhen. Das klappt, wenn die

Gesamtwirtschaft wächst oder der Kuchen

entsprechend umverteilt wird. In der Praxis

streben die Lobbyisten laut Olson aber

allein nach Umverteilung. Denn setzen sie

SERIE

Geistesblitze der Ökonomie

Können ökonomische Theorien, die vor

30, 50 oder gar 100 Jahren entstanden,

mehr sein als Stoff für historische Abhandlungen?

Ja, sie können! In einer Serie beschreibt

die WirtschaftsWoche zentrale

Ideen der VWL, die ihre Zeit überdauert

haben – und uns bis heute helfen, die

Wirtschaft besser zu verstehen.

Bisher erschienen:

Heft 28: die Investitionsfalle von Keynes

Heft 29: das Coase-Theorem

Heft 30: die Tobin-Steuer

Heft 31: die Hotelling-Regel

Heft 32: das Solow-Wachstumsmodell

Heft 33: das Nash-Gleichgewicht

Heft 37: die Gossen’schen Gesetze

Heft 40: die Effizienzmarkt-Hypothese

Heft 41: die Ricardianische Äquivalenz

Alle Beiträge unter wiwo.de/geistesblitze

INSTITUTIONELLE SKLEROSE

Diese Strategie verändert auch die Verhaltensweisen

von Unternehmen grundlegend.

Wie die deutsche Energiebranche

lehrbuchhaft zeigt, streben sie statt nach

mehr Produktivität nach Umverteilung.

„Es gibt Evolution im Dschungel wie im

Zoo“, schreibt Olson plakativ. „Jede Gesellschaft,

was auch immer ihre Ideologien

sein mögen, gibt den am besten Angepassten

die größte Belohnung.“ Am Ende der

Entwicklung steht eine Gesellschaft mit

„institutioneller Sklerose“, beherrscht von

innovationsfeindlichen Kartellen. Das

Land erstarrt und fällt zurück.

So schlüssig Olsons Logik daherkommt,

30 Jahre nach ihrem Entstehen muss sie

doch als teilweise widerlegt gelten. In den

Jahren nach der Veröffentlichung geschah,

was Olson für unmöglich gehalten hatte:

Die Zahl der Interessengruppen verringerte

sich, anstatt zu wachsen. In einer internationalen

Periode der Deregulierung

nahm die Macht von Kartellen ab. Zugleich

zeigten sich manche Interessengruppen

– etwa die deutschen Gewerkschaften

– in wirtschaftlichen Krisen offen

für Veränderungen, die ihrer Klientel vordergründig

eher schadeten, der Gesamtwirtschaft

aber nutzten. Sie legten also

eine Vernunft an den Tag, die Olson für

unmöglich gehalten hatte.

Zugleich existieren einige Wirtschaftszweige

und im Süden Europas gar ganze

Ökonomien, die offensichtlich den Weg

zur „rent seeking society“ genommen haben.

Der berechtigte Zweifel an der Allgemeingültigkeit

von Olsons Theorie ändert

daher nichts an ihrer Bedeutung: Wie das

Beispiel der deutschen Energiewende

zeigt, ist sein Werk geeignet, die Lobbyprozesse

in einer Demokratie und ihre oft

irrationalen Ergebnisse zu verstehen.

Es ist eine Mahnung, was passieren

kann, wenn korporatistische Systeme den

demokratischen Staat kapern.

n

konrad.fischer@wiwo.de

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 43

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Der Volkswirt

DENKFABRIK | Der Mindestlohn macht zunichte, was die rot-grüne Regierung unter

Bundeskanzler Gerhard Schröder mit der Agenda 2010 erreicht hat: den Abbau

der Langzeitarbeitslosigkeit, neue Jobs für gering Qualifizierte. Von Hans-Werner Sinn

Das Rezept für Stagflation

Vor zehn Jahren hat

Gerhard Schröder mit

seiner Agenda 2010

die impliziten Mindestlöhne

des deutschen Sozialsystems

gesenkt. Er hat die Arbeitslosenhilfe

abgeschafft und

es mehr als zwei Millionen

Deutschen zugemutet, stattdessen

mit der Sozialhilfe vorlieb zu

nehmen, die er Arbeitslosengeld

II nannte und um einen

Lohnzuschuss in Form von Hinzuverdienstmöglichkeiten

ergänzte,

den Kritiker fälschlicherweise

als „Aufstockung“

bezeichnen. Indem er weniger

Geld fürs Wegbleiben und mehr

fürs Mitmachen gab, hat er die

Mindestlohnansprüche der

Betroffenen gesenkt. Das hat

die Lohnskala nach unten hin

ausgespreizt, im Niedriglohnbereich

viele neue Stellen

geschaffen und die Langzeitarbeitslosigkeit

reduziert.

EIN JOBWUNDER

Deutschland, der allseits bemitleidete

OECD-Weltmeister bei

der Arbeitslosigkeit der gering

Qualifizierten, hatte sich zu einer

substanziellen Arbeitsmarktreform

aufgerafft, die mithalf, ein

Jobwunder hervorzubringen,

um das wir heute von unseren

Nachbarn beneidet werden. Die

Arbeitslosigkeit ging von zwölf

Prozent im Jahr 2005 auf nur

noch etwa sieben Prozent in diesem

Jahr zurück. Auf der Basis

der heutigen Erwerbspersonen

gerechnet, entspricht das einem

Rückgang der Arbeitslosenzahl

um 2,2 Millionen. Interessanterweise

sind das genauso viele

Menschen, wie seinerzeit durch

die Agenda von der Arbeitslosenhilfe

auf die Sozialhilfe

herabgestuft wurden.

Die Agenda bedeutete zugleich

eine erhebliche Entlastung der Sozialsysteme,

denn trotz der Lohnzuschüsse

sparte der Staat viel

Geld, weil er weniger Arbeitslose finanzieren

musste. Der Anteil der

Ausgaben für Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger

am BIP ging in

der Zeit von 2005 bis 2012 von 3,7

Prozent auf 2,4 Prozent zurück.

Das entspricht auf der Basis des

heutigen BIPs einer Entlastung

des Staates um 35 Milliarden Euro

pro Jahr.

Besonders bemerkenswert ist,

dass die Ungleichheit nicht zunahm,

denn es erwies sich für viele

Arbeitnehmer als besser, einen

schlecht bezahlten Job zu haben,

»Wenn Deutschland

in eine

neue Flaute

kommt, hilft das

niemandem«

der durch das Arbeitslosengeld II

aufgebessert wurde, als keinen

Job – ganz abgesehen vom Schutz

vor sozialer Ausgrenzung durch Arbeitslosigkeit,

der den Betroffenen

zusätzlich zugutekam. Nach einer

Dokumentation der in dieser

Hinsicht unverdächtigen Hans-

Böckler-Stiftung fiel der Gini-Koeffizient,

der die Ungleichheit der

deutschen Einkommensverteilung

(nach Steuern und Transfers)

misst, sogar von 29 Prozent im

Jahr 2005 auf 28 Prozent im Jahr

2010. Schröder verlor über der Reform

seinen Posten, aber Deutschland

gewann den sozialen Frieden.

Das Erreichte steht bei den anstehenden

Koalitionsverhandlunder

von unten her hochgestaucht,

die Arbeitslosigkeit der gering

Qualifizierten nimmt wieder zu,

die Langzeitarbeitslosigkeit wird

erneut zum Thema, und die Sozialsysteme

werden wieder teurer.

Der soziale Frieden wird gefährdet,

weil sich die Einkommensverteilung

nicht verbessert, jedoch

wieder mehr Menschen aus dem

Arbeitsprozess ausgegrenzt werden.

Der Jubel der ökonomischen

Laienprediger für den Mindestlohn

wird nach wenigen Jahren einer

bitteren Ernüchterung weichen.

Der Hauptgrund dafür, dass die

Effekte dramatisch sein werden,

liegt im Euro-Verbund. Die Lohner-

gen nun auf dem Spiel. Ob CDU

und CSU mit den Grünen oder der

SPD koalieren: Beide Parteien haben

einen gesetzlichen Mindestlohn

von 8,50 Euro gefordert und

werden schwerlich davon abzubringen

sein. Ein solcher Mindestlohn

wird das Rad der Geschichte

wieder in die Zeit vor Schröder zurückdrehen,

denn er wird erhebliche

Lohnerhöhungen erzwingen.

Immerhin beziehen im Westen

circa 15 Prozent und im Osten circa

27 Prozent der Arbeitnehmer,

insgesamt etwa sechs Millionen

Menschen, einen Lohn, der niedriger

ist. Was passieren wird, ist das

Gegenteil dessen, was schon passiert

ist. Die Lohnskala wird wiehöhung

am unteren Ende der

Lohnskala wird nämlich Kettenwirkungen

haben, die weit über

das hinausgehen, was ökonometrische

Studien in England

oder den USA, die beide über

eigene Währungen mit einem

flexiblen Außenwert verfügen,

zeigen können. Ein Teil der

Lohnerhöhung der Geringverdiener

wird sich wegen der Trägheit

der Lohnabstände in den

mittleren Lohnbereich und damit

auch in das Preisniveau der

deutschen Güter übertragen.

Dadurch kommt es zu einer realen

Aufwertung Deutschlands

gegenüber den Euro-Partnern,

die die Vorteile der realen Abwertung

im Euro-Verbund, von

der Deutschlands Arbeitsmarkt

profitiert hat, wieder zunichtemacht.

NICHT KAUFEN

Man könnte meinen, das sei genau

das Richtige, um Griechenland

und Co. wieder wettbewerbsfähig

zu machen. Indes

brauchen diese Länder eine

deutsche Nachfrageinflation,

wie sie sich wegen der Umlenkung

der Kapitalströme nach

Ausbruch der Finanzkrise in

Form des deutschen Baubooms

auch schon zeigte. Was sie nicht

brauchen, ist die Stagflation,

die durch den gesetzlichen Mindestlohn

erzeugt wird. Wenn

Deutschland die Produkte Südeuropas

nicht kaufen kann, weil

es durch einen politisch verordneten

Kostendruck in eine neue

Flaute kommt, hilft das niemandem.

Hans-Werner Sinn ist Präsident

des ifo Instituts und Ordinarius

an der Ludwig-Maximilians-

Universität in München.

FOTO: ROBERT BREMBECK FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

44 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Dirk Baur

Entdecker

Will jungen Leuten die Tür

aufschließen, auch für Jazz und

Songs exotischer Herkunft

Brachte 2012 Lieder aus zehn

Ländern in die deutschen

Top-30-Single-Charts

Die Männer im Hintergrund

Universal-Manager Baur, Bohne,

Die Männer im Hintergrund

Universal-Manager mit Pappfiguren

ihrer Top-Stars Robbie

Williams und Abba

Tom Bohne

Trüffelsucher

Will möglichst viele neue

Künstler zu Stars machen

2012 verkauften 15 Universal-

Neulinge jeweils mehr als

100 000 CDs

Christoph Gersten

Hüter des Archivs

Sein Job: durch aufwendige

und originelle Verpackung

bereits veröffentlichter Musik

ältere Kunden beglücken

Zielgruppe:

Plattenkäufer über 40

46 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Fabrik der Klänge

UNIVERSAL MUSIC | Der weltgrößte Musikkonzern

zeigt seiner Zunft und der angeschlagenen

Medienbranche, wie sie die Digitalisierung nutzen

und trotz Gratisangeboten und Piraterie mit

Inhalten profitabel wachsen kann.

Holger Christoph

Digital-Macher

Möchte via Internet

junge Kunden zum

Musikkauf animieren

Universal-Facebook-

Kontakte: 300 Millionen/

Monat

Vor dem Auftritt ist Frank Briegmann

ein wenig unruhig. Der

46-Jährige mit dem prägnanten

Kinn hat in der Veranstaltungshalle

O2-World im Berliner Osten

gleich seinen wohl wichtigsten Auftritt

des Jahres. Und nach ihm kommen auf die

Bühne Geigenvirtuosin Anne Sophie Mutter,

Schlager-Superstar Helene Fischer und

Kölsch-Rocker Wolfgang Niedecken.

Dabei ist Nervosität völlig unnötig. Denn

wenn Briegmann – dezent gebräunt, im

schmalen, blauen Maßanzug und mit

Zahnlücken-Lächeln – auch als Jazz-Sänger

oder neuer Howard Carpendale durchginge:

Der Westfale ist kein Anheizer der

Stars – er macht sie. Briegmann leitet beim

weltgrößten Musikkonzern Universal Music

das Mitteleuropa- und Skandinavien-

Geschäft und gehört zur globalen Chefetage

der gut 4,5 Milliarden Euro Umsatz

schweren Tochter des Pariser Vivendi-

Konzerns. Und an diesem Dienstag im

September präsentiert er in Berlin Medien,

Mitarbeitern und gut 100 der wichtigsten

Plattenhändlern Mitteleuropas, mit welchen

Sounds und Scheiben sein Haus im

Weihnachtsgeschäft bei allen Anwesenden

die Kassen süßer klingen lassen will.

Den Klang beherrscht in der Branche

derzeit keiner so gut wie Universal. Wie im

Vorjahr meldete der lange krisengeschüttelte

Konzern nicht nur Gewinn und als

einziger Mehreinnahmen beim Verkauf

von Pop, Jazz und Klassik. Im ersten Halbjahr

2013 riss der Herr der Klänge sogar

den deutschen Musikmarkt aus gut zehn

Jahren Siechtum und sorgte für ein Umsatzplus

von 1,5 Prozent. Und das trotz des

anhaltenden Schrumpfkurses bei den Majors

genannten Musikfabriken Sony und

Warner sowie Mittelständlern wie der

Hamburger Edel-Gruppe oder Goodtogo

aus Köln. 2012 stammte jeder zweite der 30

meistverkauften Songs von Universal. „Die

sind wie Bayern München: auf Erfolg programmiert“,

sagt Stefan Zarges, Chefredakteur

des Branchenmagazins „Musikmarkt“

und Chef des gleichnamigen Verlags.

In der O2-Arena genießt Briegmann daher

den Jubel. „Jetzt sind wir die Avantgarde“,

ruft er, „wir sind die erste Medienbranche,

die mit ihren Inhalten digital Geld verdient

– und das fühlt sich gut an.“

Tatsächlich zeigt Universal nicht nur der

eigenen gebeutelten Zunft, sondern der

ganzen Medienbranche, wie sie die Digitalisierung

nutzen und trotz Gratisangeboten

und Piraterie profitabel wachsen kann. Auf

der Partitur stehen: durch Zukäufe zulegen,

effizienter arbeiten, durch gezieltere

Vermarktung auch der Archive verlorene

Kunden zurückerobern, mutig experimentieren

mit neuen Bezahlangeboten wie

Streaming sowie Social-Media-Seiten wie

Facebook. Und schließlich neue margenstarke

Produkte anbieten wie Fanartikel,

Dienstleistungen für Künstler sowie Kooperationen

mit TV-Sendern und Banken,

die Musik für ihre Werbung nutzen.

Die Teile dieses Rettungspakets greifen

immer besser ineinander. So gut, dass Marcel

Fenez, in Hongkong ansässiger oberster

Medienspezialist der Beratung PwC, einen

„Paradigmenwechsel im Musikbusiness“

konstatiert. So melden 9 der weltweit 20

größten Märkte wieder steigende Umsätze.

Auch in Deutschland sieht Fenez die Wende

geschafft. Für ihn ist 2013 das Wachstum

im Digitalgeschäft erstmals größer

»

FOTO: ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 47

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Unternehmen&Märkte

Frank Briegmann

Der Chef

Der beim Amtsantritt 2004

als Sparkommissar verrufene

Manager brachte Universal eine

gesunde Mischung aus

nüchterner Betriebswirtschaft

und kreativer

Atmosphäre

»

als das Minus bei physischen

Tonträgern und

sorgt bis 2017 für ein

Wachstum von im

Schnitt 0,8 Prozent.

Doch noch sind Universal

und Co. nicht über

den Berg. Denn das genesende

Geschäft lockt große

Player vom Medienriesen

Disney über Computerhersteller

Apple bis zum Online-Kaufhaus

Amazon. „Da stehen viele in den Startlöchern,

um sich ihren Teil des Marktes zu sichern“,

sagt Hartwig Masuch, Chef der Bertelsmann-Musikrechtetochter

BMG.

Das Comeback hätte nicht nur Briegmann

noch vor fünf Jahren kaum so

schnell für möglich gehalten. Damals traf

der Strukturwandel in Richtung Digitalgeschäft

die Plattenindustrie hart. Seit dem

Allzeit-Umsatzhoch Ende der Neunzigerjahre

hatten die Musikverkäufer die Hälfte

ihres Umsatzes von einst weltweit gut 30

Milliarden Dollar und 50 Prozent ihrer Beschäftigten

verloren. „Besonders junge

Kunden besorgten sich Musik zunehmend

illegal. So lernte eine ganze Generation von

Fans, dass Musik für sie zwar wertvoll, aber

auch kostenlos war“, sagt Experte Zarges.

Klingende Kassen

Geschäftszahlen der größten Musikkonzerne

Umsatz

(in Millionen Euro)

Umsatzanteil Verlag +

Fanartikel (in Prozent)

Operatives Ergebnis

(in Millionen Euro)

Operative Marge

(in Prozent)

4544 (+8,3 %) 3655 (-0,2 %) 2162 (-3%)

20,0%

525* (+3,6 %)

*ohne Einmal-Effekt aus Kauf EMI; Quelle: Firmenangaben, für jüngstes Geschäftsjahr

21,0% 18,8 %

308 (+1,2 %) 85 (+240 %)

11,6 % 8,4 % 3,9 %

RETTUNG VOM RÜSTUNGSMANN

Die Trägheit der Majors nutzten Branchenfremde

wie Apple und später Amazon. Mit

ihren virtuellen Läden wie iTunes dominieren

sie heute das Digitalgeschäft mit

Musik und diktieren die Bedingungen. Da

sie vom Verkaufserlös rund 30 Prozent einbehalten,

sind sie „noch rentabler als die

Musikindustrie in der besten Zeit“, sagt Tim

Renner, der vor Briegmann Universal leitete

und heute mit seiner Firma Motor Stars

wie Marius Müller-Westernhagen betreut.

Doch Universal hat aufgeholt. Operativ

schaffte der Konzern 2012 wieder eine Gewinnmarge

von 11,6 Prozent. Das liegt vor

allem daran, dass mit Leuten wie Briegmann,

der auch im Beirat Ost der Deutschen

Bank sitzt, nüchternes Kalkül den

branchentypischen Wahnsinn dominiert.

In Briegmanns Büro im obersten Stock des

zur Europazentrale ausgebauten ehemaligen

Eierspeichers im Berliner Osthafen ist

denn auch keine Spur von kreativem Chaos

zu finden. Statt vergilbte Poster einstiger

Rockgrößen zieren geschmackvolle Künstlerporträts

in Schwarz-Weiß die Wände.

Gestartet hat das Projekt Disziplin ein

Rüstungsmanager: Jean-Bernard Lévy. Der

hatte zuvor ein Vorgänger-Unternehmen

48 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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FOTOS: ANDREAS CHUDOWSKI FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PR

des Luftfahrtkonzerns EADS geleitet und

ersetzte 2002 Jean-Marie Messier als Vivendi-Chef.

Messier hatte Ende 2000 vom

kanadischen Mischkonzern Seagram das

unter dem Namen Universal gebündelte

Mediengeschäft gekauft und Vivendi zwölf

Milliarden Euro Schulden aufgebürdet.

Der kühle Macher Lévy, heute Chef des

Rüstungskonzerns Thales, startete ein

Sparprogramm, das die Gehälter führender

Manager von angeblich bis zu zehn

Millionen Dollar kappte und dem Musikgeschäft

einen Crashkurs in Sachen Effizienz

verpasste, nach den Standards der

Vivendi-Sparten Telekom und Videospiele.

Zugleich holte er Kreative an die Spitze

wie Ex-Künstlerbetreuer Lucien Grainge,

der 2011 Universal-Chef wurde, und Starproduzent

Jimmy Iovine. „Darum herrscht

da nicht nur klassische Controller-Denke“,

lobt Ex-Universal-Mann Renner. „Wer nur

vorhandene Musikrechte auswerten will,

statt in Neues zu investieren, stößt bei Jimmy

und Lucian auf taube Ohren.“

Dominante Konzerne

Anteileanden verkauften Top-100-CDs (Januar bis September 2013, in Prozent)

Alben

Singles

1,9

2,3

Unternehmen

2,8

3,1

Unternehmen

6,6

Universal

Universal

8,1

Sony

19,2

Sony

13,1

44,6 Warner

49,6 Warner

GoodtoGo

GoodtoGo

25,3

Kontor/Edel

23,4

Kontor/Edel

Andere

Andere

Quelle:Musikmarkt

SCHNULZEN UND RAMMSTEIN

Wer wissen will, wie Universal den Spagat

zwischen Kunst und Kosten hinbekommt,

muss Tom Bohne besuchen. Der oberste

Talentscout für Deutschland bleckt die

weißen Zähne gern zum „Ich bring dich

groß raus“-Lächeln und verbaut sich den

Blick auf die Spree scheinbar achtlos mit

CD-Stapeln und Verkaufsauszeichnungen.

Doch er arbeitet, als stünde er in Diensten

eines Konsumgüterriesen. Ein Song ist

ein Produkt, und Bohne erweitert kühl die

Palette. Als Erster erkannte Universal nach

der Jahrtausendwende, dass Musikfans zunehmend

Stars aus den eigenen Gefilden

bevorzugen, und stellte lokales Geschäft

auf eine Stufe mit dem Import-Business. So

setzte Bohne auf deutsche Bands wie Tokio

Hotel. Und er erweitert die Bandbreite: Seine

Wände zieren Fotos und Auszeichnungen

für Hunderttausende verkaufte Platten

von Stars wie Schnulzen-Spezialist Semino

Rossi bis zu den Brachial-Provokateuren

Rammstein. „Wir nehmen jedwede Art von

Künstler unter Vertrag, wenn er uns Erfolg

versprechend erscheint, und wollen alle

Felder des Marktes besetzen“, sagt Bohne,

„ab und zu fehlt noch was im Portfolio –

wie aktuell ein junger Schlagerstar.“

Dazu haben Betriebswirt Bohne und

sein Team die bislang vorherrschenden

Faktoren Bauchgefühl und Liebe zur Musik

durch ein solides Produktmanagement ergänzt.

„Unsere Aufgabe ist es, Künstler zu

begleiten und zu beraten“, sagt Bohne. Dazu

gehören Marktforschung bei Zielgruppen,

Produktgestaltung mit der passenden

Verpackung sowie ein flexibler Werbeplan.

Bekamen Künstler früher je nach Umsatzerwartung

automatisch teure Fernsehwerbung

oder billigere Anzeigen in Musikmagazinen,

lotet Universal nach dem Vorbild

der Independents vor allem bei Facebook,

auf Blogs und bei Twitter aus, wie

Fans reagieren. „Wir achten sehr genau auf

die Trends und Stimmungen und stoßen

aktiv Wellen an“, sagt Bohne. „Wir können

Zielgruppen sehr genau anvisieren“, ergänzt

Briegmann, „wir haben jetzt erstmals

adressierbare Kunden.“

Damit setzt Universal in der Branche den

Maßstab. Auch unabhängige Künstler wissen

um die Macht der Majors. „Die sind gut

darin, Trends früh zu sehen und durch eine

große und gewiefte Marketingmaschine

gezielt zu verstärken“, sagt Piet Blank vom

Kölner Produzententeam Blank & Jones.

Die zweite Hilfe für Universal aus der Pariser

Zentrale war eine volle Kriegskasse.

Rolling Stones

Die Box vereint die 14 Platten der

Rocker seit 1971. Im schweren

180-Gramm-Vinyl klingen die neu gemischten

Songs voller als die Originale.

Nur den Hüllen fehlen Gimmicks wie

der Reißverschluss auf „Sticky Fingers“.

469,99 Euro

Der Kauf der EMI Ende 2012 mit Künstlern

wie den Beatles war nur der Abschluss einer

globalen Einkaufstour von Unternehmen

wie Arsenal in Brasilien bis zum chinesischen

Joint Venture Sum Entertainment.

In der Summe, so Branchenkenner,

habe Universal seit Ende 2000 wohl an die

20 Milliarden Euro ausgegeben.

Dadurch profitiert Universal heute vom

globalen Wachstum, da der Musikmarkt

laut PwC in Ländern wie Indien, China

oder Indonesien im Gegensatz zur Alten

Welt bis 2018 um im Schnitt bis zu 18 Prozent

wächst. Es beschert dem Konzern zugleich

Überraschungshits wie „Ai Se Eu Te

Pego“ vom Brasilianer Michel Teló, die

Universal nach den ersten Erfolgen sofort

weltweit vermarktet. „Man braucht schon

eine gewisse Größe, um auch Fehler machen

zu können, die einem nicht gleich das

Genick brechen“, sagt Briegmann.

Zur Betriebswirtschaft à la Universal zählt

zudem, mehr aus dem vorhandenen Kapital

– also der Musik – herauszuholen. Wie das

geht, zeigt Christopher Gersten, ein Musikfan

im Kostüm eines Controllers in Prada-

Schuhen, der sich auf den Job als Vermarkter

der Archivschätze durch Betriebswirtschaftsstudien

in Oxford und Singapur vorbereitet

hat. In seinem Büro wirkt das Schälchen

mit Schokoriegeln ein wenig fremd,

denn der Platz gehört den großformatigen

CD-Boxen wie der bei Amazon 649,99 Euro

teuren „Über Deluxe Edition“ des Albums

„Achtung Baby“ der irischen Rocklegende

U2 und anderen Musikschätzen.

Die üppigen Plattenpakete sind der wohl

lukrativste Teil des Geschäfts mit CDs, mit

denen die Musikkonzerne dem Digital-

Hype zum Trotz hierzulande noch mehr als

70 Prozent ihres Umsatzes bestreiten. An

der Spitze stehen dabei Gerstens Edelboxen:

„Richtig gemacht, sind solche Boxen

keine schlichten CDs mehr, sondern

»

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 49

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Unternehmen&Märkte

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etwa durch unveröffentlichte

Titel oder

aufwendige Fotobücher

Lifestyle-Produkte,

die die Fans auf ihrem

Sofatisch auslegen.“

Wie beim Management ist

Universal auch Vorbild bei der

Digitalisierung. Zwar hat sich der Konzern

beim Online-Verkauf „aus Angst ums

Geschäftsmodell lange treiben lassen“, sagt

Renner. Aber jetzt gibt der Riese Gas und

experimentiert – früher als das Gros der

Medienbranche – auf breiter Front.

REVOLUTIONÄRE MÖNCHSZELLE

Die Revolution findet statt am wohl unauffälligsten

Ort im Berliner Universal-Komplex.

Das Büro von Digitalchef Holger

Christoph ginge in seiner schlichten Art

praktisch ohne Möbel fast als Mönchszelle

durch – wären da nicht die rund ein Dutzend

wie achtlos auf dem Boden abgestellten

Rahmen mit Trophäen für mehrere

Millionen Downloads von Songs wie „Diamonds“

der US-Soul-Sängerin Rihanna.

Wahrscheinlich ist Christoph bloß noch

nicht zum Einrichten gekommen. Denn

der Herr des Digitalen und seine 15 Mitarbeiter

verbringen ihre Zeit eher im Internet.

So stellte Universal nicht nur als erster

großer Musikkonzern gut 60 Internet-Musikläden

vom Marktführer iTunes bis zu

kleinen Shops die eigenen Inhalte zur Verfügung.

„Damit legale Angebote erfolgreich

sind, müssen sie für den Kunden in

erster Linie einfach und bequem zu nutzen

sein“, sagt Christoph.

Universal-Jungstar

Carly Rae Jepsen

Die 27-jährige Amerikanerin

setzte Maßstäbe mit dem Video

zur Single „Call Me Maybe“, das

viele Parodien auslöste und

den Titel unter die

Top-Hits 2012 hob

Der Konzern bestückt

auch rund 20 Streaming-Portale

wie Spotify

oder Simfy. Hier

können die Kunden ihr

Musikprogramm individuell

aus mehr als 20 Millionen

Titeln zusammenstellen

und per Knopfdruck hören. Finanziert

wird das über Werbeeinblendungen oder

Monatsgebühren von fünf bis zehn Euro

(siehe Kasten Seite 51). Vom Umsatz landen

etwa 70 Prozent bei den Plattenfirmen.

Christoph: „Jedes Mal, wenn ein Hörer einen

unserer Acts anklickt, ist das gut für

uns und unsere Künstler.“

Ein Modell, von dem sich zum Beispiel

Buchverlage eine Scheibe abschneiden

könnten, findet nicht nur Verleger Zarges:

„Haben Sie mal versucht, im Buchladen

ein E-Book für Ihr Lesegerät zu kaufen und

zu laden?“ Erste Ansätze dazu liefern die

Schwindende Scheiben

Globaler Musikmarkt (inMio.Dollar)

60

50

40

Tonträger

30

Digital

20

10

Konzerte

0

2008 09 10 11 12 13 14 15 16 17

Quelle: PwC

Buchketten Hugendubel, Thalia und Weltbild,

die seit dem Frühjahr gemeinsam das

Lesegerät Tolino vermarkten. Mit Bezahlinhalten

experimentiert der Springer-Verlag,

der für seine Zeitungen „Welt“ und

„Bild“ unterschiedliche Modelle testet.

GELD AUS ALLEN RICHTUNGEN

Das Digitalgeschäft ist zugleich die dritte

Basis der Erfolgsgeschichte Universal:

neue Einnahmequellen durch neue Produkte,

Geschäft abseits der Tonträger und

ungewöhnliche Kooperationen. Noch vor

zehn Jahren verkauften Plattenfirmen fast

ausschließlich CDs, und die möglichst nur

in einer Form. „Heute sind wir ein Vollsortimenter

und bieten Musik nicht nur in fast

allen Richtungen an, sondern auch in Varianten

für jeden Geldbeutel“, sagt Dirk Baur.

Er entscheidet, was Universal an Rock- und

Popveröffentlichungen aus dem Rest der

Welt und an Jazz herausbringt.

Baur sitzt auf einem Schatz legendärer

Jazz-Platten der Universal-Label Blue Note

oder Verve. Um den zu heben, wollen „wir

Jazz für neue Zielgruppen öffnen und suchen

Künstler, die gerade für junge Leute

die Tür aufschließen“, sagt Baur. Daher bittet

er DJs, alte Songs aufzufrischen. „Wir

fragen Künstler, mit welchem Musiker anderer

Genres sie gern zusammenarbeiten

möchten oder machen selbst Vorschläge.“

Jüngstes Werk ist die Kooperation des norwegischen

Trompeters Nils Petter Molvaer

mit Techno-DJ Moritz von Oswald.

Wichtig ist auch die richtige Verpackung

für jede Zielgruppe. Das jüngste Elton-

John-Album „The Diving Board“ brachte

FOTOS: PHOTOSHOOT/RETNA PICTURES/TONY NELSON, PR

50 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Baur in sechs Versionen vom

Download bis zur Luxusausgabe

mit Buch auf den Markt. Vom

Konzertalbum „Grosse Freiheit“

des Düster-Popsängers Unheilig

gab es gar gut ein Dutzend

Formate. Die Vielfalt erweitert

auch den Kundenkreis: War

Musikkauf früher ein Hobby für

Männer von 19 bis 30 Jahren –

drei Prozent der Deutschen sorgen für 45

Prozent der Musikumsätze –, verführen die

Vorzeigepacks auch ältere Fans wieder

zum Kaufen. Streaming hingegen soll die

jüngsten Hörer daran gewöhnen, dass Musik

legal bequemer zu bekommen ist und

besser klingt als illegale Kopien. Wenn Musikfans

dann ab 20 Geld verdienen, steigen

sie auf vom werbefinanzierten über das bezahlte

Streaming und über CDs auch zu

den Fanprodukten, so das Kalkül.

Arbeiteten Musikkonzerne früher allenfalls

mit Radiosendern zusammen, verbreitert

Universal heute die Zahl der Partner.

So sucht Briegmann die Nähe zu TV-

Sendern und hievte mit ProSieben die

Combo Santiano und ihre aufgepoppten

Seemannslieder in die Charts. Außerdem

dient Universal seine Künstler Markenartiklern

an. Mobilfunkriese Vodafone poppte

seine Werbung mit Musik der Newcomer-Band

Capital Cities („Safe and

Sound“) auf. Commerzbank und Credit

Suisse verkaufte Universal das Recht, Kunden

mit 50 Gratisliedern aus dem Universal-Katalog

zu ködern. „Wir wissen, wie

junge Zielgruppen ticken, und können

Marken helfen, ihre Produkte zu emotiona-

U2

Die „Über Deluxe Edition“ des U2-Klassikers

„Achtung Baby“ bietet 15 CDs,

DVDs und Vinylplatten mit unveröffentlichter

Musik und Filmen sowie ein

Fotobuch und eine Sonnenbrille, wie

sie Sänger Bono auf der Tournee trug

649,99 Euro

Video

In den App-

Ausgaben erfahren

Sie, was

Backstage bei

Rockkonzerten

passiert

lisieren“, sagt Briegmann. Ob

das auf Dauer reicht, betrachtet

Bertelsmann-Manager Masuch

seit dem Ausstieg der Gütersloher

aus dem klassischen

Label-Geschäft im Jahr 2008

mit einer gewissen Distanz.

Masuch arbeitet in Berlin mit

Blick auf Dom und Spree, konzentriert

sich auf die Auswertung

von Musikrechten und beobachtet die

Häutungen der traditionellen Konzerne:

„Die erleben sicher gerade eine Trendwende.“

Sie profitierten von einer „Steilvorlage,

die ihnen durch Digitalisierung und neue

Marktteilnehmer eröffnet wurde“.

Damit sieht Masuch Universal und Co.

jedoch längst nicht am rettenden Ufer. So

wachse einerseits der Rechtfertigungsdruck

gegenüber den Kreativen: „Die Konzerne

müssen ihr Geschäftsmodell und

speziell ihre Kostenstrukturen und Dienstleistungen

noch weiter überdenken, weil

es ihnen auf Sicht von fünf bis zehn Jahren

immer schwerer fallen dürfte, Künstler davon

zu überzeugen, dass diese gerechtfertigt

sind.“ Schließlich sinken die Produktionskosten.

Gleichzeitig steigt die Zahl der

Plattformen, auf denen sich Musiker präsentieren

können. „In der Branche fällt gerade

eine Markteintrittsbarriere nach der

anderen“, sagt Masuch. Als eine Folge

wächst der Anteil unabhängiger Plattenfirmen

an den Charts stetig.

Die Rückkehr zum Profit könnte auch

weit größere Player ins Inhaltegeschäft locken

und Universal und Co. zu Opfern einer

Übernahme machen. Amazon hat bereits

die „Washington Post“ gekauft und investiert

in TV-Serien wie „Under the Dome“.

Aber auch Disney, CBS und MTV-Erfinder

Viacom dürften wie einst Vivendi wissen,

welche Türöffnerqualitäten Musik und damit

verbundene digitale Geschäfts- und

Abrechnungsmodelle in Schwellenländern

wie China, Indien oder Brasilien besitzen.

Im Speicher am Osthafen blinzelt Manager

Briegmann jetzt rüber zu Lady Gaga. In

Krakelschrift hat der Pop-Weltstar dem

deutschen Universal-Boss eine Widmung

auf das meterhohe Schwarz-Weiß-Foto geschrieben.

Schließlich half die Musikfabrik

aus Berlin kräftig mit, die Platten der New

Yorkerin ganz oben in den Charts zu platzieren.

Für Briegmann ein Beweis dafür,

der fachfremden Konkurrenz immer noch

etwas voraus zu haben: „Die einen können

Technik – und wir sind die Inhalte-Guys.“ n

ruediger.kiani-kress@wiwo.de,

peter.steinkirchner@wiwo.de

STREAMING-DIENSTE

Retter in Nöten

Musik auf Abruf boomt. Doch Apple

setzt die Anbieter unter Druck.

Nichts zaubert Managern der Plattenbranche

so sicher Glanz in die Augen wie

der Gedanke an Streaming. Denn kein

Teil des Musikgeschäfts wächst schneller

als Internet-Seiten, auf denen sich Fans

ihr Programm aus 20 Millionen Titeln zusammenstellen

können, dafür Werbung

erdulden oder sich für bis zu zehn Euro

im Monat freikaufen. In Deutschland

dürfte der Umsatz 2013, drei Jahre nach

dem Start, mit 54 Millionen bereits zwölf

Prozent des Geschäfts mit digitaler Musik

ausmachen. In Schweden hat Marktführer

Spotify 60 Prozent der 9,5 Millionen

Einwohner als Kunden.

800-PFUND-GORILLA

Die Plattenfirmen lieben das Angebot,

weil es Extrageld bringt. „Es gibt keinen

Beleg, dass Streaming zulasten von CD-

Verkäufen oder bezahlten Downloads

geht“, sagt Alexander Berrai, Prokurist

von Simfy, dem nach Spotify zweitgrößten

Streaming-Dienst in Deutschland. Im

Gegenteil. Untersuchungen zeigen, dass

Streaming Piraterie verdrängt, weil das

Gros der Nutzer zuvor für Musik gar nicht

zahlte. Dazu sind die Einnahmen planbarer

als beim Verkauf. Auf Seiten wie

iTunes und Amazon schaffen nur 20 Prozent

des Angebots spürbaren Umsatz.

Doch beim Streaming werden 80 Prozent

des Katalogs gehört und bringen Geld.

Doch der vermeintliche Retter der

Branche gerät unter Druck. Musiker

beklagen die für sie zu geringen Ausschüttungen.

Weil es zu viele Anbieter

gibt und diese eilig in möglichst viele

Länder drängen, verdient keiner Geld. So

schrieb Spotify nach einer Expansion in

32 Länder 2012 bei 580 Millionen Dollar

Umsatz 78 Millionen Verlust.

Und die größte Herausforderung für

Spotify und Co. kommt noch. Seit September

bietet der Computerriese Apple

in den USA ein vergleichbares Produkt.

Bis zu 100 Länder sollen folgen. „Die

sind der 800-Pfund-Gorilla der Branche“,

schwant es einem Musikmanager,

„wo die sind, wird es für andere eng.“

ruediger.kiani-kress@wiwo.de, peter steinkirchner

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 51

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Frisierte Vita

IVG | Beim Niedergang des Immobilienkonzerns spielte die

Privatbank Sal. Oppenheim eine bisher kaum beleuchtete Rolle.

Oppenheim-Zögling

IVG-Chef Schäfers bei

der IVG-Hauptversammlung

2012 im früheren

Bundestag

Wolfgang Schäfers muss derzeit eine

Menge unangenehmer Fragen beantworten.

Zum einen versucht

der Vorstandschef des Bonner Immobilienriesen

IVG mithilfe des Sachwalters

Horst Piepenburg über ein sogenanntes

Schutzschirmverfahren bis zum 21. November

die endgültige Insolvenz und Zerschlagung

seines Unternehmens abzuwenden.

Gleichzeitig muss der 48-Jährige

sich dafür rechtfertigen, dass er die Führung

des heute mit 4,6 Milliarden Euro verschuldeten

größten deutschen Immobilienunternehmens

bis Ende September zumindest

formal als Nebenjob absolviert

hat. Denn Schäfers firmiert gleichzeitig als

Professor für Immobilienwirtschaft an der

Universität Regensburg und arbeitet seit

Die Staatsanwälte prüfen Schäfers’

Grenzgänge zwischen Uni und IVG

zehn Jahren mal auf Basis von Beurlaubungen,

mal mit Nebentätigkeitsgenehmigung

in der freien Wirtschaft.

Es ist nicht die einzige Doppelrolle von

Schäfers: Der IVG-Chef war 2009 von Sal.

Oppenheim gekommen. Und die Kölner

Traditions- und spätere Skandalbank hat

beim Niedergang des Immobilienriesen eine

bisher unbeleuchtete Rolle gespielt.

Denn Sal. Oppenheim war sechs Jahre lang

mit zuletzt 18,4 Prozent größter IVG-Aktionär,

bis das Geldinstitut 2010 kurz vor der

Pleite von der Deutschen Bank aufgefangen

wurde. Die hat das IVG-Paket anschließend

weiterverkauft.

FREMD- STATT EIGENKAPITAL

Kenner des Unternehmens stört, dass für

dessen heutige Misere fast ausschließlich

missratene und mehrfach abgewertete Immobilieninvestments

wie beim Büro- und

Hotelkomplex Squaire am Frankfurter

Flughafen verantwortlich gemacht werden.

Ohne die fragwürdige Rolle von Sal.

Oppenheim, sagt ein hochrangiger Ex-

IVG-Manager, wären aber weder das

Squaire noch der Londoner Büroturm

Gherkin der IVG zum Verhängnis geworden:

„Sal. Oppenheim hat im Aufsichtsrat

mehr die eigenen Interessen vertreten als

die der IVG und dadurch deren Niedergang

zumindest beschleunigt.“

Vor allem hätte es die Hybrid- und Wandelanleihen,

mit denen sich die IVG seit

2006 in mehreren Schritten 800 Millionen

Euro Fremdkapital in die Kasse holte und

deren Rückzahlung sie nun nicht schafft,

gar nicht oder zumindest nicht in diesem

Volumen geben müssen. Denn zuvor hatte

das damalige Management mehrfach Kapitalerhöhungen

vorgeschlagen und 2006

bereits eine „große Kapitalerhöhung“ mit

der genossenschaftlichen DZ Bank ausgehandelt,

sagen IVG-Ehemalige. Ein Emissionskurs

von mehr als 20 Euro sei angepeilt

worden, die DZ Bank hätte nicht gezeichnete

Aktien notfalls selbst übernommen.

Die DZ Bank wollte sich auf Anfrage

nicht zu dem Vorgang äußern. Aber IVG-

Insider bestätigen, dass der IVG-Aufsichtsrat

von September bis Dezember 2006

mehrfach eine Kapitalerhöhung von 500

bis 800 Millionen Euro diskutierte – und

das Thema dann nicht weiter verfolgte.

Mögliche Erklärung dafür: Der klamme

IVG-Aktionär Sal. Oppenheim hätte nicht

mitgehen können bei der Kapitalerhöhung.

Seine IVG-Anteile verwässern lassen wollte

er aber wohl auch nicht. Die Kapitalerhöhung

kam jedenfalls nicht zustande.

»

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA

52 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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»

Stattdessen musste die IVG Fremdkapital

akquirieren. Es gab eine Wandel- und

eine Hybridanleihe, an beiden verdiente

Sal. Oppenheim als eine der Emissionsbanken

mit. „Mit mehr Eigenkapital wäre

die IVG nicht in die heutige Finanzierungskrise

hineingerutscht“, klagt ein Ex-IVGler.

Und Jochen Rothenbacher vom Frankfurter

Wertpapierhaus Equinet meint: „Die

Wandelanleihe über 400 Millionen Euro

war der Sargnagel für die IVG.“

Auch bei der Beseitigung eines Liquiditätsengpasses

bei der IVG 2008 hat Sal. Oppenheim

offenbar den eigenen Vorteil mit

im Blick gehabt. Ein 50-Millionen-Kredit

von Sal. Oppenheim überbrückte die Lücke

vom 7. Oktober bis zum 18. November.

7,25 Prozent Jahreszins plus 500 000 Euro

Provision waren „nicht preiswert, aber gerade

noch marktkonform“, sagt der damalige

IVG-Vorstand Georg Reul dazu der WirtschaftsWoche.

An den für die IVG belastenden

Entscheidungen war Schäfers nach

eigener Aussage als Sal.-Oppenheim-

Manager vor seinem Jobwechsel nicht beteiligt:

Weder auf die verhinderte Kapitalerhöhung

noch auf den Überbrückungskredit

von 2008 habe er Einfluss genommen.

Beim Einstieg des Bankhauses bei

der IVG aber habe er, so erklärt Schäfers gegenüber

der WirtschaftsWoche, bankintern

„das Asset Management beraten“.

Diese Akquisition empfanden Beteiligte

als dubios. 2004 hatte Sal. Oppenheim 25,1

Prozent der IVG-Anteile übernommen.

Das Paket stammte von der Beteiligungsgesellschaft

Sirius, die zur WCM-Gruppe

gehörte. Sirius musste Insolvenz anmelden,

nachdem ein Bankenkonsortium um

die heutige HSH Nordbank Kredite fällig

gestellt hatte. Die als Sicherheit für die Kredite

verpfändeten IVG-Aktien reichten die

C Per Gerichtsbeschluss aus dem Amt gejagt Ex-

IVG-Chefaufseher und -Oppenheim-Eigner Bierbaum

B Gutsherrenart statt Corporate Governance Ex-

IVG-Aufsichtsrat und Oppenheim-Eigner von Krockow

Banken teilweise wohl mit Gewinn an Sal.

Oppenheim weiter.

Für die Banken erwies sich die Sirius-

Pleite damit als gutes Geschäft – zu gut,

glauben Sirius-Insolvenzverwalter Bernd

Depping und frühere Investoren. Für sie

stand fest, dass es der Plan der Kreditgeber

war, „zielgerichtet die Insolvenz der

Schuldnerin (Sirius) herbeizuführen“, um

sich das IVG-Aktienpaket selbst anzueignen,

wie es Depping 2009 in einer Klage gegen

die beteiligten Banken formulierte.

„An diesem deliktischen Verhalten“ der

Gläubigerbanken habe Sal. Oppenheim

„nicht nur mitgewirkt“, die Bank war

Vorbesprechungen

auf dem Golfplatz

lenkten die

Geschicke der IVG

laut Insolvenzverwalter gar einer der „Urheber

des Plans“. Die Banken widersprachen

den Vorwürfen stets, und die Richter

in Hamburg gaben ihnen recht. Deppings

Klage auf Schadensersatz scheiterte.

Vom Tisch ist das Thema trotzdem nicht:

Mögliche Ansprüche in dem Fall könnten

nun von einem Hedgefonds geltend gemacht

werden, an den der Insolvenzverwalter

Forderungen verkauft hat, heißt es bei

den Beteiligten. Auch ein Fax von Sal. Oppenheim,

das am 24. Oktober 2003 bei der

HSH Nordbankeinging, könnte dann wieder

relevant werden. Projekt „Odessa“ war das

Geheimpapier überschrieben, in dem die

Privatbank schon einen Monat vor dem Sirius-Insolvenzantrag

anbot, 25,1 Prozent der

IVG-Anteile zu kaufen. So kam es dann auch.

Das Sagen hatten bei den Bonnern dann

vor allem die Oppenheim-Miteigentümer

Matthias Graf von Krockow und Detlef

Bierbaum. Krockow war Mitglied im IVG-

Aufsichtsrat – heute steht er mit drei weiteren

Oppenheim-Gesellschaftern und dem

Immobilienentwickler Josef Esch wegen

Untreue in Köln vor Gericht. Bierbaum war

Vorsitzender des IVG-Aufsichtsrates – gegen

ihn laufen noch Ermittlungen der

Staatsanwaltschaft im Zusammenhang mit

den Untreue-Vorwürfen (WirtschaftsWoche

22 und 27/2013). Seines IVG-Amtes

wurde Bierbaum per Gerichtsbeschluss

enthoben, weil er bei der Hauptversammlung

2010 Fragen eines Aktionärs nicht

ausreichend beantwortet hatte.

SCHÄFERS’ GRENZGÄNGE

Solange von Krockow und Bierbaum die

IVG-Strippen zogen, waren „die Vorbesprechungen

auf dem Golfplatz wichtiger

als die Aufsichtsratssitzungen selber“, erinnert

sich ein Ex-IVGler: „Statt Corporate

Governance gab es Gutsherrenart.“

Oppenheim-Klüngel gab es aber nicht

nur in Köln und Bonn, sondern bis nach

Regensburg. Schäfers wurde 2004 Professor

am Institut für Immobilienwirtschaft

der dortigen Uni. Von 2002 bis 2009, so

stand es vier Jahre in seiner Vita auf der

IVG-Homepage, war er aber auch „Head of

Real Estate Banking“ bei Sal. Oppenheim.

Allerdings gab es für die Jahre 2006 und

2007 offenbar keine Freistellung oder Beurlaubung

der Uni. Prompt wurde kürzlich

Schäfers’ Lebenslauf geändert: Nun will er

die Funktion bei Sal. Oppenheim nur von

2002 bis 2005 und von 2008 bis 2009 ausgeübt

haben. Fälschlicherweise habe ihn die

Bank aber auch dazwischen in Anzeigen

als Ansprechpartner genannt. Glaubwürdig

wirkt das Frisieren der Vita so nicht.

Zudem war Schäfers ab Januar 2013 auf

Basis einer Nebentätigkeitsgenehmigung

IVG-Chef. Nebentätigkeiten sind aber in

der Regel auf einen Tag pro Woche beschränkt.

Nun hat die Uni Schäfers noch

einmal bis März 2014 beurlaubt. Dabei hat

er die maximale Beurlaubungsdauer von

fünf Jahren längst überschritten. Die IVG

nebenbei retten, das geht wohl doch nicht.

Ob Schäfers’ Grenzgänge zwischen Wissenschaft

und Wirtschaft juristisch angreifbar

waren, prüft jetzt die Staatsanwaltschaft

Regensburg.

n

harald.schumacher@wiwo.de, henryk hielscher

FOTOS: TOM RATHMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, LAIF/MATTHIAS JUNG

54 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

»Noch einen Versuch starten«

INTERVIEW | Christophe de Margerie Der Chef des französischen Energieriesen Total will in Deutschland

mehr Tankstellen betreiben, in Europa Schiefergas fördern und russisches Flüssiggas verkaufen.

DER NONKONFORMIST

De Margerie, 62, führt Total

seit fast sieben Jahren. Der

Spross aus der Champagner-

Dynastie Taittinger, der aber

Whisky bevorzugt, begann seine

Karriere 1974 im Finanzbereich

des Ölkonzerns TotalFina.

Der fusionierte später mit Elf

Aquitaine und heißt seit 2003

Total. Das Unternehmen

betreibt in Europa mehr als

12 000 Tankstellen, davon

1100 in Deutschland. De Margerie

ist verheiratet und hat

drei Kinder, seine Hobbys sind

Fernsehen und Motorräder.

Er ist bekannt dafür, notorisch

zu spät zu kommen und mit

seiner Meinung zur Politik nicht

hinter dem Berg zu halten.

Monsieur de Margerie, Ihr Geschäft ist

Energie. Nach dem Willen der Politiker

soll davon aber immer weniger verbraucht

werden. Was bedeutet das für Ihr Unternehmen?

Das kann sein und ist sogar wünschenswert.

Es mag Ihnen paradox erscheinen,

aber Total investiert nahezu 100 Millionen

Euro in die Forschung zur Reduzierung des

Treibstoffverbrauchs von Kraftfahrzeugmotoren.

Bedenken Sie: Gut zwei Milliarden

Menschen auf der Erde haben noch

keinen Zugang zur Elektrizität. Weitere vier

Milliarden Menschen beziehen viel zu ineffiziente

und viel zu teure Energie. Die

Nachfrage nach Energie, vor allem nach

besserer, sauberer Energie, kann also nur

wachsen. Wir benötigen mehr Energie, allerdings

eine vernünftigere Energie, die

umweltfreundlicher hergestellt und verbraucht

werden kann.

Die Positionen von Frankreich und

Deutschland waren vielfach sehr unterschiedlich,

nicht nur, aber vor allem in

der Energiepolitik. Was erwarten Sie hier

von der zukünftigen Bundesregierung in

Berlin?

Die deutsche Energiewende hat nicht nur

die Nachbarländer überrascht. Ich habe im

Gespräch mit deutschen Unternehmensführern,

von denen ich viele persönlich gut

kenne, zum ersten Mal eine große Divergenz

der Positionen von Politik und Wirtschaft

erkannt. In Deutschland ist das sehr

ungewöhnlich. Aber die Unternehmenschefs

ahnten wahrscheinlich schon, dass

sie am Ende zahlen würden. Die künftige

Regierung in Berlin wird darauf achten

müssen, dass die deutsche Wirtschaft ihre

Wettbewerbsfähigkeit nicht verliert. Das

gilt übrigens für Frankreich noch viel mehr.

Aus diesem Grund sollten sich unsere beiden

Regierungen dieser Frage gemeinschaftlich

annehmen. In der Energiepolitik

müssen unbedingt gemeinsame Maßnahmen

getroffen werden, wenn sie wirksam

sein soll, denn Treibhausgase machen

auch vor Ländergrenzen nicht halt.

Ihre Wachstumsambitionen in Deutschland

sind in der Vergangenheit vom

Kartellamt gebremst worden. Wollen Sie

trotzdem Ihren Marktanteil ausbauen?

Grundsätzlich ja, gern. Als wir vor vier Jahren

rund um unsere Raffinerie in Leuna die

Tankstellen des österreichischen Betreibers

OMV kaufen wollten, hat uns das Kartellamt

dies wegen einer angeblich dominierenden

Stellung untersagt. Allerdings

sehe ich nicht wirklich, wie wir mit unseren

damals gerade einmal sieben Prozent

Marktanteil, eine dominierende Stellung

hätten erlangen können...

...immerhin ist Total in Deutschland mit

über 1100 Tankstellen größer als Exxon mit

seinen 1077 Esso-Stationen. Mittlerweile

scheint das Kartellamt aber zumindest

in Bezug auf Ihre Wachstumsziele in Westdeutschland

aufgeschlossen zu sein.

Wenn wir wettbewerbsfähig bleiben

möchten, müssen wir in Deutschland unser

Tankstellennetz erweitern – besonders

in Westdeutschland. Im Osten sind wir

FOTO: LAIF/VU/PAOLO VERZONE

56 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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ganz gut vertreten durch die ehemaligen

Minol-Stationen, die wir nach der Wiedervereinigung

übernommen haben. Heute

haben wir in ganz Deutschland acht Prozent

Marktanteil. Das ist zu wenig, um im

deutschen Markt bestehen zu können, zumal

die Absätze insgesamt zurückgehen.

Allerdings könnten wir uns vorstellen,

noch einmal einen Versuch zu starten,

wenn Akteure wie Esso, die sich schon in

anderen europäischen Ländern aus dem

Tankstellengeschäft zurückgezogen haben,

dies auch in Deutschland tun.

Deutschland und Frankreich sind sich

einig in ihrer Ablehnung des Frackings, bei

dem mit Chemikalien Gas aus Schieferschichten

gepresst wird. Was heißt das für

Total als französischen Konzern, der in

Deutschland wachsen will?

Ich kann die Skepsis verstehen. Wenn in einer

Region noch kein Schiefergas gefördert

wurde und es nur Tests gibt, dann ist diese

Technik natürlich unbekannt, und es entspricht

der Lebenserfahrung, dass man

skeptisch gegenüber Unbekanntem ist. Wir

müssen für die entsprechende Aufklärung

sorgen.

Wird Total wie Exxon groß in die Förderung

von Schiefergas einsteigen?

In Deutschland ist dies unter den gegenwärtigen

Bedingungen nicht unsere Priorität,

da es angesichts der verfügbaren geologischen

Daten schwierig ist, das Schiefergaspotenzial

zu bewerten. Es ist allerdings

nicht unmöglich, dass es bedeutende europäische

Schiefergasvorkommen gibt, die

sich tief unten im Gestein wie ein Strang

von Russland über Mittel- und Südeuropa

sowie die Schweiz bis nach Frankreich erstrecken.

Sollte Brüssel die Schiefergasförderung

in Europa mit Blick auf die Unabhängigkeit

von ausländischen Energiequellen

verstärkt vorantreiben?

In der Energiewirtschaft werden Sie in

Brüssel nicht so leicht eine Gemeinsamkeit

hinbekommen, ob bei Atomkraft oder

Schiefergas. Daran müssen wir uns gewöhnen.

Total ist heute in 130 Ländern präsent,

unser Horizont geht über die Grenzen Europas

hinaus. Wir interessieren uns zum

Beispiel auch für Russland, das über einen

riesigen Bodenschatz verfügt. Und für die

Aktien-Info Total

ISINFR0000120271

115

110

105

100

95

90

2012

Quelle:FactSet

ExxonMobil

Umsatz (in Mrd. €)

Mitarbeiter

Gewinn vor Zinsen

und Steuern (in Mio. €)

Netto-Umsatzrendite (in %)

Eigenkapitalrendite (in %)

Kurs (Stand 7.10.13; in €)

KGV 2013

Börsenwert (in Mrd. €)

Chance

Risiko

Niedrig

2013

Total

182,3

97 126

21 862

5,87

13,3

42,99

8,51

102,18

Index: 1Jahr =100

Total

Exxon

327,4

76 900

38 817

10,67

21,8

63,35

11,37

278,88

Hoch

Dashohe Niveau desÖlpreises undEffizienzmaßnahmen

im Unternehmen sollten spätestens2014die

Gewinnewieder steigen lassen. Die günstige Bewertung

unddie Aussichtauf eine hohe undstabile

Dividende geben der AktieauchinkritischenBörsenphasen

Rückhalt.

»Welcher Konzern hat heute nicht an

irgendeiner Stelle mit der Justiz zu tun?«

russische Regierung ist die Vermarktung

ihrer Ressourcen eine Priorität.

In Russland hatte Total wie auch Ihr britischer

Wettbewerber BP nicht viel Glück.

Ihre 2007 geschlossene Grundvereinbarung

mit Gazprom über das Gasförderprojekt

Shtokman in der Barentsee

wurde bisher immer noch nicht mit Leben

erfüllt. Warum?

Shtokman ist ein spezielles Projekt, das

technisch sehr kompliziert ist. Diese Komplexität

in Verbindung mit sinkenden Gaspreisen

hat großen Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit

des Projekts. Wir verhandeln

noch mit Gazprom, um technische Lösungen

zur wirtschaftlichen Lebensfähigkeit

des Gasfeldbetriebs zu finden. Wir haben

derzeit leider noch keine Antwort. Shtokman

ist aber nicht unser einziges Projekt in

Russland: 2011 sind wir für den Betrieb des

Jamal-Gasfelds eine Kooperation mit dem

russischen Gasexporteur Novatek eingegangen.

An dessen Kapital beteiligen wir

uns auch mit mehr als 15 Prozent.

Was bringt Ihnen das?

Die enge Verzahnung mit internationalen

Partnern erlaubt uns die weltweite Vermarktung

von Flüssigerdgas, ob in China

oder Europa. Wir sind bei Flüssigerdgas bereits

der weltweit zweitgrößte Anbieter. In

vier, fünf Jahren sind wir mit der Erschließung

des russischen Jamal-Feldes so weit,

dass wir liefern können, auch nach

Deutschland. Aus unserer Gasförderung in

anderen Regionen wie der Nordsee werden

schon heute auch deutsche Industriekunden

beliefert, wie etwa der Chemiekonzern

BASF.

Sie persönlich wurden als Konzernchef

nach jahrelangem Verfahren in Frankreich

vom Vorwurf der Bestechung beim Ölfür-Lebensmittel-Programm

während

des Irakkrieges freigesprochen. Das

Verfahren gegen Total läuft aber weiter.

In den USA musste Total vor Kurzem 400

Millionen Dollar Strafe wegen Bestechung

im Iran zahlen. Haben Sie denn wie gefordert

die Anti-Korruptionskontrollen bei

Total verschärft?

Wir haben in den USA keine eigentliche

Strafe gezahlt, sondern mit den Behörden

eine sogenannte „gütliche Vereinbarung“

geschlossen, mit der Börsenaufsicht SEC

und dem Justizministerium. Der Vertrag

schreibt allerdings vor, dass Total nach der

Unterzeichnung dieser Vereinbarung keinen

Kommentar über deren Inhalt abgibt.

Was die Anti-Korruptionskontrolle bei Total

angeht, so gibt es die ja schon länger

und in verstärkter Form.

Waren Sie aber vielleicht nicht streng

genug?

Woher wollen Sie das wissen (wird laut)?

Glauben Sie mir, wir haben bei Total sehr

strenge Anti-Korruptionsregeln. Aber welcher

Großkonzern hat heutzutage nicht an

irgendeiner Stelle einmal etwas mit der

Justiz zu tun? Ich kann Ihnen versichern,

dass die Vorwürfe nicht zutreffend sind.

Ich kann Ihnen auch sagen, wie es ist, während

des Verhörs zwei Tage und eine Nacht

mit zehn anderen Leuten in Gewahrsam zu

verbringen. Das ist in Frankreich rechtlich

möglich bei Verhören. Lassen Sie die Richter

ihre Arbeit machen! Entschuldigen Sie,

wenn ich etwas gereizt reagiert habe, doch

in diesem Zusammenhang wird man von

anderen sofort beschuldigt, wobei sie die

Angelegenheit anschließend schnell vergessen,

insbesondere dann, wenn man

später für unschuldig erklärt wird. n

karin.finkenzeller@wiwo.de | Paris, andreas wildhagen

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 57

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Unternehmen&Märkte

Dritte Laufbahn

WOLFGANG REITZLE | Nach erst steilem, dann gebremstem Aufstieg

in der Autoindustrie baute der Ingenieur den Traditionskonzern

Linde radikal um. Bald wird er die nächste Karrierestufe zünden.

Als Wolfgang Reitzle im Februar dieses

Jahres gefragt wird, was er denn

nach seinem Abgang als Chef des

Industriegaseherstellers Linde im Mai

2014 zu tun gedenke, lächelt er sanft und

spricht ganz allgemein über „viele mögliche

Aufgaben“. Einen wie ihn könne man

sich kaum im Lehnstuhl in seinem Haus

im Münchner Nobelviertel Bogenhausen

vorstellen, legt der Frager nach. Doch

Reitzle lässt sich nicht reizen und antwortet

nicht.

Nun jedoch dringen mehr und mehr Signale

aus seinem Umfeld, er werde tatsächlich

eher nicht im Sessel hocken. Stattdessen

werde „etwas kommen“. Nur – was das

ist, dieses „etwas“, darüber wird in Chefund

Aufsichtsratsetagen zwischen Hamburg

und München heftig spekuliert. Zieht

es Reitzle in den Aufsichtsrat des Giganten

Siemens? Lockt ihn, den Ex-BMW-Manager,

ein Engagement ausgerechnet im Aufsichtsgremium

von Daimler? Krönt damit

der Tausendsassa seine so beachtete wie

wechselhafte Industriekarriere mit dem

Wechsel vom Typ dynamischer Drängler

ins Rollenfach des Elder Statesman der

deutschen Wirtschaft? Und schließlich:

Nutzt er seine Rolle als Chefkontrolleur

beim Autozulieferer Continental, dem der

hoch verschuldete Großaktionär Schaeffler

wie ein Mühlstein um den Hals hängt, um

sich für Höheres zu empfehlen?

INTENSIVES WERBEN BEI DAIMLER

Der Mann, der es wissen sollte, hält sich

auffallend bedeckt. Reitzle, so viel ist klar,

hält sein Pulver trocken, lauert, bis er den

richtigen Moment für gekommen hält, um

sich mit einem geschickten Schachzug im

anschwellenden Geschacher um die Spitzenposten

aus der Deckung zu wagen.

Tatsächlich hat sich der Liebhaber

schneller Autos in den vergangenen zehn

Jahren zum grundsoliden Konzernlenker

gewandelt, der die Öffentlichkeit regelrecht

scheut. Als Chef des Dax-Konzerns

Linde steigerte er den Unternehmenswert

des Gaseherstellers von 4,4 auf 26,5 Milliarden

Euro. Tauchte Reitzle früher gern mal

in der Regenbogenpresse auf, belegen

heute nackte Zahlen seinen Erfolg.

Denn es gab auch einen anderen Reitzle,

es gab ein Leben vor dem Traditionskonzern,

den der drahtige Manager auf einen

reinen Industriegaseanbieter trimmte. Die

Glitzerwelt der schnellen Automobile, das

war zuvor sein Feld. Bei BMW schob sich

der promovierte Ingenieur und diplomierte

Wirtschaftswissenschaftler Anfang der

Neunzigerjahre als Entwicklungsvorstand

in die Poleposition für den Vorstandsvorsitz.

Doch der Traum zerplatzte, als durchsickerte,

dass er auch mit dem Sportwagenhersteller

Porsche Gespräche über den

Chefposten führte.

Reitzle dementierte die Ambitionen

scharf. Doch beim BMW-Großaktionär, der

Familie Quandt, hatte er das Vertrauen verspielt.

Neuer BMW-Chef wurde Bernd Pischetsrieder

– und Reitzle suchte sich einigermaßen

frustriert einen neuen Job.

Ford-Chairman Jacques Nasser warb

1999 den nach Einschätzung des Amerikaners

„besten Automann der Welt“ für den

US-Konzern ab, wo der so exzentrische wie

perfektionistische Technik-Freak aus den

Edelmarken Lincoln, Jaguar, Land Rover,

Aston Martin und Volvo die Premier Automotive

Group (PAG) zu schmieden versuchte.

Als Nasser drei Jahre später gefeuert

wurde, hatte Reitzle für seine kostspielige

Wachstumsstrategie keinen Rückhalt

mehr in der Zentrale – er verabschiedete

sich aus der Autoindustrie und wagte bei

Linde einen kompletten Neustart.

Nun beginnt Reitzle im 65. Lebensjahr

seine dritte Karriere. Der Chefposten im

Aufsichtsrat von Siemens soll seine neue

Ziellinie sein, heißt es unverblümt im Umfeld

des Technologiekonzerns. Aber auch

in Stuttgart wird Reitzle hoch gehandelt:

Daimler-Aufsichtsratschef Manfred Bischoff

bemühe sich intensiv darum, Reitzle

in den Aufsichtsrat zu lotsen, heißt es in

Unternehmenskreisen.

Denn außer den Betriebsräten – und Bischoff

selbst – besitzt in dem 20-köpfigen

Gremium derzeit niemand automobile

Kompetenz. Ehemalige Banker und Versi-

»Mit Wolfgang

Reitzle hätten

Zetsche und Co.

kein so leichtes

Spiel im Aufsichtsrat

von

Daimler«

cherungskaufleute sitzen hier neben Experten

aus der Nahrungsmittel- und Kosmetikbranche,

der Chemie- und Elektroindustrie.

Entsprechend leicht fällt es Mercedes-Vorständen

bei der Präsentation neuer

Fahrzeuge wie jüngst der S-Klasse, die Aufsichtsräte

zu beeindrucken. „Mit Reitzle

hätten Zetsche und Co. kein so leichtes

Spiel“, er würde ihnen „Beine machen“, sagen

Unternehmenskreise.

Reitzles Operationsbasis für Höheres ist

zurzeit noch Hannover. Dort quält sich seit

2008 der Autozulieferer Continental mit

dem unwillkommenen Großaktionär,

Schaeffler aus Herzogenaurach. Reitzle ist

bei Conti seit 2009 Aufsichtsratschef.

Schaeffler, der weltweit zweitgrößte Wälzlagerhersteller

und ein Familienunternehmen

mit Mutter Maria-Elisabeth und Sohn

Georg Schaeffler als Alleininhaber, über-

FOTO: ANDREAS POHLMANN

60 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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nahm 2008 die dreimal so große Conti mithilfe

von Bankkrediten in einer feindlichen

Attacke. Seitdem kommen die Franken von

ihren Schulden in Höhe von neun Milliarden

Euro nicht mehr herunter. Drei davon drücken

die Familienholding von Schaeffler. 46

Prozent hält Schaeffler immer noch an Conti.

Der Schuldenabbau frisst die Gewinne auf

und bedroht Schaefflers Eigenständigkeit.

HEIKLER JOB BEI CONTINENTAL

So nimmt Reitzle in Hannover eine Doppelrolle

ein. Er muss Continental von seinem

unsicheren Großaktionär befreien

und gleichzeitig den Schaefflers helfen, die

hohe Schuldenlast so schnell wie möglich

zu reduzieren.

Als Freund der Familie soll Reitzle das

Schaeffler-Vermögen retten. Und er will

dem Volkswagen-Lieferanten Conti wieder

Drängler und Strippenzieher Linde-Chef

Reitzle ist wieder im Gespräch für

Top-Posten in der deutschen Wirtschaft

eine solide Aktionärsbasis verschaffen. Ein

Börsengang von Schaeffler könnte die Lösung

sein, eine Überkreuzbeteiligung zwischen

Conti und Schaeffler oder ein weiterer,

familienfremder Investor bei Schaeffler.

Eine Übernahme des Familienkonzerns

wird aber ausgeschlossen.

Die Familie traut Reitzle zu, den fränkischen

Knoten zu entwirren. Auch wenn die

Schaefflers die wichtigen Entscheidungen

treffen, stehen sie in Dauerkontakt mit

Reitzle. Mit ihm, heißt es im Umfeld der Familie,

seien die beiden „sehr zufrieden“.

Die Art, wie Reitzle im Hintergrund die

Interessen einer börsennotierten Gesellschaft

mit denen eines Familienunterneh-

mens zusammenbindet, zeige, „dass Reitzle

Problemlöser mit Fingerspitzengefühl

sein kann“, lobt ein Conti-Manager. Mit

diesem Profil könnte er – nach vielen diskreten

Bekundungen von der Kapitalseite

bei Siemens – den Chefsessel im Aufsichtsrat

von Siemens erklimmen und damit im

Januar 2014 Nachfolger des wegen der

Misserfolge bei ThyssenKrupp angeschlagenen

Gerhard Cromme werden.

Denn wie Conti hat auch Siemens mit erheblichen

Problemen zu kämpfen (WirtschaftsWoche

41/2013), die Münchner verlieren

bei der Innovationsfähigkeit an Boden.

Ein Reitzle, der die Strippen zieht und

zugleich alte Drängler-Tugenden wieder

entdeckt, könnte der richtige Mann sein im

Palais am Münchner Wittelsbacherplatz. n

andreas.wildhagen@wiwo.de,

matthias kamp | München, franz rother

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 61

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Unternehmen&Märkte

Starker Verschleiß

PRIVATE EQUITY | Der Finanzinvestor KKR hat die Autowerkstattkette

A.T.U heruntergewirtschaftet. Wer zahlt die Zeche?

In der A.T.U-Werkstatt an der Mainzer

Landstraße im Frankfurter Westen rüsten

sich die Monteure für den Kundenansturm

zum vorwinterlichen Reifenwechsel.

„Noch ist es ruhig, doch bei der

ersten Schneeflocke fallen die Autofahrer

in Scharen ein“, hofft ein Schrauber. In diesem

Herbst wünscht sich die mit mehr als

600 Filialen und über 12 000 Mitarbeitern

größte deutsche Werkstattkette den umsatzverheißenden

Winter noch sehnlicher

herbei als sonst. Denn das Unternehmen

aus Weiden in der Oberpfalz kämpft gegen

eine drohende Pleite.

Schuld an der Misere ist vor allem das

Wirken des Eigentümers KKR, der A.T.U

mit Fehlkalkulationen und hohen Schulden

verschlissen hat. Anders als der kürzlich

von demselben US-Finanzinvestor erfolgreich

an die Börse gebrachte Gabelstaplerbauer

Kion könnte die Werkstattkette

als Heuschreckenopfer enden.

Als fatal für A.T.U haben sich die unrealistischen

Wachstumspläne entpuppt, die

der Investor nach dem Kauf 2004 ausgerufen

hatte, sowie dessen Unfähigkeit, auf die

schwindende Bedeutung des Autos als Statussymbol

oder die Verlagerung des Zubehör-

und Ersatzteilhandels ins Internet zu

reagieren. Daher führt die hohe Verschuldung,

die KKR A.T.U zur Finanzierung des

eigenen Kaufpreises aufgepackt hatte, nun

zu akuter Geldnot.

RETTUNG VERZÖGERT

Ende Oktober sollte eigentlich ein Refinanzierungsplan

stehen, der den Auto-Docs

mehr Luft bei der Rückzahlung ihrer Anleihen

in Höhe von fast 600 Millionen Euro

verschafft. Doch die dringend nötige Lösung

verzögert sich Finanzkreisen zufolge

wohl auf November oder Dezember.

Als Retter soll nun der neue A.T.U-Chef

Hans-Norbert Topp wirken, der im Juni

vom Autovermieter Sixt kam. Er muss vor

allem die Zinslast senken, um aus den roten

Zahlen zu kommen. Andere Sparoptionen

sind ihm verwehrt, weil Personal- und

Mietkosten wegen einer Jobgarantie und

langfristiger Verträge fixiert sind.

Mit der Übernahme von A.T.U zu den

Hochzeiten des Private-Equity-Booms in

Deutschland hat sich KKR mächtig verkalkuliert.

Dabei hatte Gründer Peter Unger

das Auto-Teile-Unger getaufte Unternehmen

zum Marktführer vor Konkurrenten

wie der Schrauberkette Pitstop oder dem

Reifenwechsler Vergölst aufgebaut. Die autoverrückten

deutschen Kunden garantierten

ein stabiles Geschäftsmodell. Wie

konnte es dennoch dazu kommen, dass

A.T.U jetzt am Abgrund steht?

Mit spitzem Bleistift lassen sich Finanzinvestoren

wie KKR bei einem Unternehmenskauf

von Controllern und Steuerberatern

vorrechnen, wie viel Bares nach Abzug

aller Ausgaben jedes Jahr zur Deckung der

Zinslast übrig bleibt. Das ist auch nötig,

denn im Falle A.T.U kam ein großer Teil des

Kaufpreises von 1,45 Milliarden Euro nicht

aus den Kassen von KKR, sondern wurde

mit Bankkrediten finanziert, die A.T.U bedienen

musste. Mehr als die Hälfte Fremdfinanzierung

für solche Deals war zu

Unter die Räder gekommen

Reifenlager im Logistikzentrum von A.T.U

im oberpfälzischen Weiden

»

FOTO: KEYSTONE/JOCHEN ZICK

62 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

FOTOS: DDP IMAGES/OLIVER LANG, PUBLICAD

»

den Boomzeiten von Firmenübernahmen

durch Finanzinvestoren üblich. A.T.U

konnte 2004 und 2010 zwar einen Teil der

Kaufpreiskredite mit der Emission von Anleihen

ablösen. Aber an der drückenden

Last der Verbindlichkeiten hat das nichts

geändert. Seit KKR an Bord ist, stieg die

Schuldenquote auf mehr als 78 Prozent der

Bilanzsumme (siehe Grafik).

Von den Wachstumsplänen, über die

A.T.U seine Schulden hätte abstottern sollen,

haben sich die Weidener mittlerweile

verabschiedet. Im Geschäftsbericht 2006

wurde noch das Ziel ausgerufen, bis 2013

mit 1000 Filialen zum europäischen Marktführer

aufzusteigen. Doch da kam einiges

dazwischen. So hat die Abwrackprämie für

Altautos zwar die Konjunktur belebt, doch

die Werkstattkette verlor Kunden, weil die

Neuwagen seltener auf die Rampe mussten.

Zudem ist bei jungen Leuten die Lust

verschwunden, ihren Wagen mit breiten

Reifen und dicken Auspuffen aus den Sortimenten

von A.T.U zum Flirt- und Statusobjekt

aufzurüsten. So erübrigten sich die

Expansionspläne von damals. „Mit 600 Filialen

bin ich einverstanden, ich brauche

nicht mehr“, sagt A.T.U-Chef Topp heute.

UMBRUCH VERPASST

KKR hat lange versäumt, das A.T.U-Geschäftsmodell

den Marktumbrüchen anzupassen.

Sein Konzept, über riesige Ersatzteil-

und Zubehörshops Kunden in die

Werkstätten zu locken, hat sich angesichts

des boomenden Internet-Handels mit Autoteilen

abgenutzt. Trotzdem leistet sich

das Unternehmen die teuren Ladenflächen

neben Wartungsboxen weiter, auch

weil sich die Mietverträge nicht so einfach

anpassen lassen. Wegen der finanziellen

Lasten fehlte dem Management auch Geld

für Investitionen in die Filialen, von denen

viele einen verstaubten Eindruck machten.

Erst auf den letzten Drücker hat A.T.U

Geld zusammengekratzt, um in diesem

Jahr den Werkstätten frische Außenanstriche

zu verpassen und gemütlichere Wartezonen

für die Kunden einzurichten.

Unter den Hebebühnen hat sich das Betriebsklima

durch die Schieflage des Unternehmens

merklich abgekühlt. „Ich staune

immer wieder, dass sich die Kollegen noch

jeden Tag aufraffen können“, sagt ein Belegschaftsvertreter.

In den Pausenräumen

dominierten Durchhalteparolen. Trotzdem

haben die tapferen Schrauber die

Qualität ihrer Arbeit deutlich gesteigert,

das jedenfalls bescheinigen ihnen drei aktuelle

Werkstatttests der Autoverbände

Abgeschmiert

Entwicklung von A.T.U seit Einstieg des

Finanzinvestors KKR

Gewinn(+)/Verlust (-)

vorSteuern

(inMillionen Euro)

+7,7

2005

2012 1

-47,2

MitarbeiterjeFiliale

2005

2012 2

23,4

18,8

Eigenkapitalquote 3

2005 9,1%

2012 2 2,0%

Schuldenquote 3

2005

2012 2

73,5 %

78,6 %

1 Rumpfgeschäftsjahr 1.1. bis 30.6.2012 , 2 Stand 30.6.2012,

3 in Prozent der Bilanzsumme;

Quelle: Bundesanzeiger, Konzernabschluss,

eigene Berechnung

Tschüss, Rendite KKR-Europachef Huth

Anleihen von fast

600 Millionen Euro müssen

zurückgezahlt werden

ADAC und AvD sowie des TÜV Süd, bei denen

die geprüften A.T.U-Filialen am besten

abschnitten.

Chef Topp steht zu der vierjährigen Jobgarantie,

die sein Vorgänger der verunsicherten

Belegschaft gegeben hat. Diese Beruhigungspille

bringt allerdings die Nebenwirkung

mit sich, dass das Unternehmen

nicht mehr an Löhnen und Gehältern

sparen kann. Ebenso wenig drehen lässt

sich an den langfristigen Mietverträgen für

Werkstätten und Teileshops.

Bleibt also der Abbau von Schulden und

das Nachverhandeln von Zinsen mit den

Anleihegläubigern. Zu denen zählen nach

Einschätzung des Frankfurter Kapitalmarktjuristen

Klaus Nieding wegen der

teils niedrigen Stückelung der Papiere, des

prominenten Markennamens des Unternehmens

und der hohen Zinssätze von bis

zu elf Prozent auch etliche Privatanleger.

Falls die Umschuldung nicht klappt, müssen

nach Ansicht des Londoner Kapitalmarktexperten

Luca Casiraghi vom Wirtschaftsdatendienst

Debtwire vor allem

Zeichner der im Oktober 2014 auslaufenden

Anleihe im Volumen von 143 Millionen

Euro zittern. Diese Papiere sind nachrangig,

werden also zuletzt bedient.

Beim größeren Anleihepaket von 450

Millionen Euro, das im Mai 2014 fällig wird,

haben vor allem Profi-Investoren zugeschlagen.

Sie spekulieren darauf, von Gläubigern

zu Miteigentümern zu werden, daher

ist die Wandlung dieser Schulden in

Firmenanteile die wahrscheinlichste Lösung.

Für KKR-Europachef Johannes Huth

und seine Leute, die das Unternehmen ursprünglich

lukrativ verkaufen oder an die

Börse bringen wollten, wäre das eine Demütigung.

Die Verhandlungen zur Lösung des Problems

laufen auf Hochtouren, A.T.U-Chef

Topp hetzt von einem Meeting zum nächsten.

Er sieht die Refinanzierung als ersten

Schritt, auf den der Umbau des Geschäftsmodells

folgen soll. Topp, der viel Optimismus

ausstrahlt, will mit der Wartung von

Firmenwagen oder Fahrzeugflotten von

Carsharing-Betreibern den Umsatz steigern

sowie die Belastung der Werkstätten

besser verteilen. Auch soll der Online-Shop

den in den Filialen dümpelnden Absatz von

Zubehör und Autoteilen ankurbeln.

Der Ruck durch das Unternehmen

kommt allerdings spät. Seit dem Einstieg

von KKR ist der Umsatz um knapp sechs

Prozent geschrumpft, und wichtige finanzielle

Kennzahlen des Unternehmens haben

sich deutlich verschlechtert. Management

und Eigentümer machen sich jedoch

Mut, dass das Unternehmen profitabel wäre

– wenn da nicht die hohen Zinsen wären.

Doch im Geschäftsbericht gilt wie bei

der Werkstattrechnung: Entscheidend ist,

was unterm Strich steht.

n

mark.fehr@wiwo.de | Frankfurt

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 63

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Unternehmen&Märkte

Schatz in Übersee

F. LAEISZ | Die Hamburger Reederei kämpft um 350 Millionen Euro

aus einer Beteiligung am weltgrößten Braukonzern AB Inbev.

beliefert Brahma mit Hopfen und Gerste

aus dem damaligen Deutschen Kaiserreich

und verschifft Bierfässer in weitere

brasilianische Häfen. Bis 1907 kauft die

Laeisz-Gruppe rund fünf Prozent an der

Brauerei, hat der Historiker Edgar Helmut

Köb bei Archivrecherchen herausgefunden.

Bis 1926 ist Laeisz’ Anteil auf vier Prozent

geschrumpft. Doch da ist Brahma

schon Marktführer in Brasilien, und die

Hamburger Reeder sind drittgrößter Anteilseigner.

Stolzer Segler Der Fünfmaster Preussen,

einst in Diensten von F. Laeisz, sank 1910

nach einer Kollision im Ärmelkanal

Die Handels- und Schifffahrtsgruppe

F. Laeisz aus Hamburg zählte vor einem

Jahrhundert zu den größten

Reedereien weltweit: Ihre stolze Flotte holte

Salpeter aus Chile und Bananen aus Kamerun

in die Hansestadt, vor allem mit

Schiffen wie dem legendären Fünfmaster

Preussen, die damals schneller fuhren als

die neuen Dampfschiffe. Doch zu spät erkannte

das bis heute im Familienbesitz geführte,

fast 200 Jahre alte Unternehmen,

dass die Tage der Windjammer gezählt waren.

Viele der Segler versanken nach Kollisionen

mit Dampfschiffen im Ärmelkanal –

1910 traf es auch die Preussen.

Als visionär und langfristig deutlich rentabler

erwies sich eine andere Investition:

Die Reederei beteiligte sich um die vorvorige

Jahrhundertwende an der Brauerei

Brahma, die Deutsche seit 1888 in Rio de

Janeiro betrieben. Die Bieraktien hat die

Laeisz-Gruppe seitdem im Portfolio behalten.

Ein folgenreicher Schachzug, denn

was damals keiner ahnen konnte: Aus dem

einstigen Brauhaus Maschke ist nach mehreren

Fusionen der milliardenschwere

Brau-Multi AB Inbev entstanden – und die

kleine Beteiligung von F. Laeisz heute mehrere

Hundert Millionen Euro wert.

Bisher allerdings nur auf dem Papier:

Denn der brasilianische Staat steht zwischen

den Aktien und ihren rechtmäßigen

Besitzern. Die Laeisz-Eigentümer, Vater

und Sohn Nikolaus W. und Nikolaus H.

Schües, sind daher seit 13 Jahren in einen

zähen juristischen Kampf um ihren Schatz

in Übersee verstrickt, von dem nach hanseatischer

Tradition außer den direkt Beteiligten

bisher niemand etwas wusste. Auf

Nachfrage der WirtschaftsWoche bestätigt

die Familie nun immerhin die Auseinandersetzung

mit Brasilien um die Aktien.

Die Vorgeschichte des millionenschweren

Tauziehens beginnt um 1900: F. Laeisz

Die Bieraktien

werden

seit 1942

vom Staat

Brasilien

blockiert

VOM BRAUHAUS ZUM BRAURIESEN

Bis heute gehören der F. Laeisz-Gruppe 6,5

Millionen Stamm- und 8,4 Millionen Vorzugsaktien

von Brahma, deren Wert sich

aber nur schätzen lässt, auf etwa 350 Millionen

Euro. Denn aus dem von Einwanderern

gegründeten Brauhaus wurde in

den vergangenen 15 Jahren ein Weltkonzern:

1999 fusioniert Brahma mit dem

Konkurrenten Antarctica zu Ambev, heute

der größte Brau- und Getränkekonzern

Lateinamerikas. Dieser tat sich 2004 mit

der belgischen Interbrew zum weltgrößten

Brauereiriesen Inbev zusammen; vier Jahre

später übernimmt Inbev den US-Marktführer

Anheuser-Busch und verschmilzt

zu AB Inbev – ein Getränkeriese mit einem

Jahresumsatz von 40 Milliarden Dollar.

Zu den Marken des weltgrößten Bierkonzerns

mit einem Börsenwert von 114

Milliarden Euro zählen unter anderem

Bud, Stella Artois, Brahma, Beck’s und

Franziskaner Weissbier. Hauptaktionär ist

die brasilianische Investorengruppe 3G

um den Brasilien-Schweizer Jorge Paulo

Lemann.

Mit ihrem wertvollen Anteil kann die

Laeisz-Gruppe allerdings bislang nichts

anfangen. Grund ist die Weigerung des

brasilianischen Staates, die Eigentumsrechte

der Hanseaten anzuerkennen. Deren

Aktien wurden im Zweiten Weltkrieg

beschlagnahmt, als Brasilien 1942 den damaligen

Achsenmächten Deutschland,

Italien und Japan den Krieg erklärte. Brasilien

wollte sich mit der Beschlagnahmung

gegen eventuelle von Deutschland verursachte

Kriegsschäden absichern.

Seitdem sind die bei der staatlichen

Banco do Brasil hinterlegten Aktien blockiert.

Brasilien tut sich bis heute nicht nur

im Falle F. Laeisz schwer damit, im Krieg

beschlagnahmte Besitztümer zurückzugeben.

Lediglich eine japanische Schule im

Hafen von Santos gab die Regierung nach

langem Hin und Her an Japan zurück. Bei

den Hamburgern dagegen sei nicht sicher-

FOTOS: DIEKLEINERT, PR, HAMBURGER ABENDBLATT/MARCELO HERNANDEZ

64 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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gestellt, dass F. Laeisz Besitzer der Aktien

gewesen sei, heißt es beim Schatzamt.

Seltsam nur, dass die Finanzstaatsanwaltschaft

gerade auf Antrag der Laeisz-

Anwälte ein Gutachten abgegeben hat,

wonach die Aktien eindeutig der Reederei

gehören – wie sie bereits zweimal zuvor attestiert

hatte. Auch Ambev, Lateinamerika-Tochter

von AB Inbev, akzeptiert die

Hamburger bei allen Aktionärsbeschlüssen

als rechtmäßige Anteilseigner.

Nach Berechnungen der Justizbehörde

hätten sich die Dividendenzahlungen für

F. Laeisz alleine zwischen 2006 und 2011

auf umgerechnet 40 Millionen Euro summiert

– ohne Zins und Inflationsausgleich.

Der Anwalt Cláudio Delgado, der die Interessen

von F. Laeisz gegenüber Ambev vertritt,

kalkuliert, dass sich der Wert der Beteiligung

in den 100 Jahren inklusive der

aufgelaufenen Dividendenzahlungen auf

mehr als 600 Millionen Euro akkumuliert

haben könnte. Von den Dividenden ist allerdings

in der seit 13 Jahren andauernden

Auseinandersetzung – ein förmliches Verfahren

gibt es bisher nicht – zwischen

Schatzamt, Staatsanwaltschaft und den

Anwälten noch gar nicht die Rede.

Verwickeltes Verfahren Reeder Nikolaus

W. Schües ringt um seine Brauaktien

Es geht zunächst um das Aktienpaket. Zu

den Vorgängen in Brasilien wollen sich die

Eigentümer von F. Laeisz, Vater und Sohn

Schües, am liebsten gar nicht äußern. Ihnen

ist die Frage nach dem Millionenvermögen

in Übersee sichtlich unangenehm.

Gekleidet im feinen, blauen Hamburger

Kaufmannszwirn bestätigen sie in ihrem

getäfelten Versammlungszimmer im historischen

Konzernsitz Laeiszhof an der

Trostbrücke zwar ihren Aktienbesitz in

Brasilien. Sie rechneten aber damit, dass

sich das ganze Prozedere noch lange hinziehen

könnte, wiegeln die Reeder ab.

Zu Recht. Denn das brasilianische

Schatzamt übt sich weiter in juristischer

Haarspalterei. Es prüft noch immer, ob bei

dem Aktienpaket nicht doch der Fall eines

„eigentumslosen Besitzes“ oder „Besitzer

gleichen Namens“ zutreffen könnte.

Die Gegenargumente lieferten die Anwälte

der Kanzlei Pinheiro Neto in São

Paulo, die seit 2000 für F. Laeisz tätig ist, bereits

mehrfach. Kanzleisprecher Rodrigo

Lima: „Wir haben uns eine einfachere Zusammenarbeit

mit der Regierung erhofft.“

Man versuche jetzt herauszufinden, was

aus Sicht des Staates fehlen könne, um F.

Laeisz die Aktien zurückgeben zu können.

Schlicht danach zu fragen ist in einem

dermaßen verwickelten Verfahren in der

kafkaesken Bürokratie-Justiz Brasiliens

plus Verwicklung in die Politik nicht so einfach.

Man wolle vermeiden, den Staat auf

Herausgabe der Aktien zu verklagen, sagt

Lima: „Ein solches Verfahren könnte sich

dann noch weiter in die Länge ziehen.“ n

alexander.busch@wiwo.de | São Paulo

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Unternehmen&Märkte

Trügerische Hoffnungen

BANKEN | Die Kreditinstitute kämpfen wie noch nie um mittelständische Kunden,

auch die Deutsche Bank will weiter zulegen. Doch es ist nicht genug Platz für alle da.

In der Deutschen Bank ist Wilhelm von

Haller nicht nur für unerschöpflichen

Arbeitseifer, sondern auch für sein vertrauenerweckendes

Wesen bekannt. Mit

dem silbernen Scheitel und dem leicht altmodischen

Zweireiher wirkt der gebürtige

Münchner wie die perfekte Verkörperung

des Bankiers traditioneller Schule. Das hat

sich sein Arbeitgeber für einige heikle Aufgaben

zunutze gemacht. Bei seinem letzten

Job als Chef der Anfang 2010 übernommenen

Kölner Privatbank Sal. Oppenheim

musste von Haller betuchte Kunden trotz

immer neuer Enthüllungen über dubiose

Geschäfte vom Absprung abhalten und die

Bank unauffällig zurechtschrumpfen.

Nun verfolgt der 61-Jährige von seinem

penibel aufgeräumten Büro im achten

Stock eines Büroklotzes an der Frankfurter

Messe aus eine andere Mission. Er soll für

kräftiges Wachstum bei einer Kundschaft

sorgen, bei der sich die Deutsche Bank bislang

unterrepräsentiert fühlt. Als Co-Chef

der Bereichs Privat- und Firmenkunden

soll von Haller neben Thomas Rodermann

das Geschäft mit dem Mittelstand auf Touren

bringen. Zwar hat die Bank schon rund

900 000 Selbstständige und Unternehmen

als Kunden. „Gerade Unternehmen mit einem

Jahresumsatz zwischen 2,5 und 250

Millionen Euro können wir mehr bieten

und so mit ihnen wachsen“, sagt von Haller.

Der Branchenprimus, der seine Zukunft

einst mehr in exotischer Finanzalchemie

sah, wendet sich verstärkt dem Heimatmarkt

zu. Gleich bei seinem ersten öffentlichen

Auftritt als neuer Co-Chef trug Anshu

Jain den Zuhörern eine Liebeserklärung an

all die fleißigen mittelständischen Schrauber

und Löter vor. Dass die nun verstärkt

ins Visier geraten, ist da nur konsequent.

NOT UND GLAUBEN

Das Problem ist nur: Die Deutsche Bank ist

mit ihrem Werben bei Weitem nicht allein.

Auf der Suche nach Geschäftsmodellen

mit einigermaßen stabilen Erträgen tobt

der Wettbewerb um Mittelstandskunden

wie noch nie. Banken übertrumpfen sich

mit immer neuen Wachstumsplänen. Teils

treibt sie die schlichte Not, weil sich andere

Geschäfte wegen verschärfter Regulierung

und niedriger Zinsen noch weniger lohnen.

Teils ist es der unerschütterliche Glaube

an die Kraft der deutschen Volkswirtschaft,

von der sie mit einem verstärkten

Engagement profitieren wollen.

Was nach grundsolidem Geschäft klingt,

ist in Wahrheit riskant. Denn als Argument

für die eigenen Dienste bleibt den buhlenden

Banken oft nur der Preis. Banker berichten

von Kampfkonditionen und gelockerten

Anforderungen an Sicherheiten,

mit denen sich Konkurrenten Marktan-

Da ist noch Luft nach oben Deutsche-

Bank-Manager von Haller soll das Geschäft

mit Mittelständlern deutlich ausbauen

»

FOTO: ANGELIKA ZINZOW FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

66 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

merzbank bis zu 4000 neue Firmenkunden

pro Quartal gewinnen. Die neu geschaffene

„Unternehmerbank“ der HypoVereinsbank

soll die Zahl ihrer Kunden um jährlich

fünf Prozent steigern und ihnen 2015

65 statt bisher 61 Milliarden Euro leihen.

Dabei wildern die Banken zunehmend in

Revieren, die sie vorher anderen überließen.

Internationale Großbanken bezirzen

die größeren Mittelständler, während die

dort traditionell starken Banken sich immer

weiter ins angestammte Terrain von

Sparkassen und Volksbanken vorwagen,

die die kleineren Unternehmen betreuen.

»

Der Tisch ist nicht mehr reich gedeckt

Commerzbank-Vorstand Beumer erwartet

Normalisierung des Mittelstandsgeschäfts

teile kaufen. Sollten sich irgendwann die

Kreditausfälle häufen, drohen massive Verluste.

Erste Abkühlungen sind bereits sichtbar.

Und auch die Aufsicht ist alarmiert.

Aktuell bremsen vor allem die umworbenen

Unternehmen die Expansionsgelüste

der Banken. Ihre Nachfrage nach Krediten

stagniert, sie investieren nur zögernd. Das

Kreditangebot ist bisher nie wirklich knapp

gewesen. Selbst als nach der Lehman-Pleite

2008 die Angst vor einer Kreditklemme

umging, blieb die Versorgung stabil.

86 Prozent der Unternehmen sind mit

ihrem Zugang zur Finanzierung zufrieden,

ermittelte jüngst eine Umfrage des Deutschen

Industrie- und Handelskammertages

(DIHK). Gleichzeitig erklärte jedes vierte

Unternehmen, ohne Fremdmittel wachsen

zu wollen. „Obwohl die Bedingungen

eigentlich günstig sind, rechnen wir auch

2014 nur mit einem moderaten Wachstum

bei der Nachfrage nach Finanzierungen“,

sagt Jörg Zeuner, Chefvolkswirt der KfW.

Die Folge ist schon jetzt, dass viele Banken

ihre angestrebten Kreditziele verfehlen.

Dabei liegen die Zinsen niedrig wie nie.

Für Kredite von mehr als einer Million Euro

und einer Laufzeit von unter einem Jahr

zahlen Unternehmen im Durchschnitt derzeit

laut Bundesbank weniger als zwei Prozent

(siehe Grafik Seite 70). „Die Margen

der Banken liegen dann oft unter einem

Prozent“, sagt Björn Storim, Bankenexperte

bei der Credit Suisse in Frankfurt. „Das

kann sich auf Dauer nicht für alle lohnen.“

Zumal sich Banken derzeit noch extrem

günstig über die EZB finanzieren. Sollte die

Zentralbank ihre Stützungsaktionen in absehbarer

Zeit einstellen oder zurückfahren,

geraten die mickrigen Gewinnspannen zusätzlich

unter Druck.

Doch vielen Instituten geht es unbeirrt

weiter auch um Masse. So will die Com-

86 Prozent

der Unternehmen sind

mit ihrem Zugang zur

Finanzierung zufrieden

ENDE DER VERSCHWIEGENHEIT

Völlig abgegrast ist die Wiese noch nicht.

Trotz der niedrigen Zinsen lassen sich bei

günstigen eigenen Kosten mit klassischen

Krediten derzeit noch knapp zweistellige

Eigenkapitalrenditen verdienen. „Der Kredit

macht im Durchschnitt nur etwa 30 Prozent

einer Unternehmensbilanz aus. Daneben

gibt es viel Raum für sinnvolle Zusatzgeschäfte“,

sagt Eckart Windhagen, Bankenexperte

bei der Beratung McKinsey &

Company in Frankfurt. Die immer noch

zunehmende Internationalisierung führe

dauerhaft zu mehr Nachfrage nach Produkten

für deren Finanzierung. „Die Banken

müssen jetzt da sein, um langfristig

von der Beziehung zum Kunden zu profitieren“,

sagt Windhagen.

Aktuell haben sich die Hoffnungen auf

ein deutlich anziehendes Zusatzgeschäft

jenseits des Kredits jedenfalls noch nicht

erfüllt. „Die klassische Finanzierung ist

derzeit konkurrenzlos günstig“, sagt Oliver

Kessler, Anwalt bei der Kanzlei Oppenhoff

& Partner in Frankfurt. „Alternative Formen

kommen eigentlich nur für Unternehmen

infrage, die Schwierigkeiten haben,

einen Kredit zu bekommen.“

Wachstum könnte es etwa bei Geschäften

zur Absicherung von Währungsrisiken

geben. Auf diese Themen stürzen sich vor

allem die internationalen Großbanken. So

will etwa die französische BNP Paribas bis

zu 500 Banker neu einstellen, um vor allem

ihr Geschäft mit deutschen Unternehmen

zu forcieren. Ende August verkündete auch

die eigentlich verschwiegen oberhalb einer

schattigen Einkaufspassage an der Düsseldorfer

Königsallee residierende HSBC

Trinkaus große Pläne. Bankchef Andreas

Schmitz kündigte „mehr Produkte, mehr

Mitarbeiter und mehr Risiko“ an. Das heißt

vor allem: mehr Geschäft mit dem gehobenen

Mittelstand. Auch Unternehmen mit

einem Umsatz ab 100 Millionen Euro

»

FOTO: VISUM/ROBERT BREMBECK

68 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

»

sind bei der Bank ab sofort willkommen.

„Wir wollen unsere Kundenbasis so nahezu

verdoppeln“, sagt Schmitz.

KAMPF UM DIE EXISTENZ

Wie in anderen Metropolen knubbelt sich

die Konkurrenz auch in der nordrheinwestfälischen

Landeshauptstadt. So will die

2007 an waghalsigen Spekulationen kollabierte

IKB wieder stärker in ihrem Stammgeschäft

mitmischen. Selbst die BayernLB

will seit 2010 mit einer Dependance Kunden

aus NRW gewinnen. Sie hat eine Mittelstandsoffensive

gestartet, seit 2010 ihr

Kreditvolumen um etwa 20 Prozent erhöht

und jährlich rund 150 Kunden mit einem

Günstiges Geld

Effektivzinssätze fürKredite

an Unternehmen (inProzent)

4,0

3,0

2,0

Krediteüber1Mio. €

1,0

2011 2012

Quelle:Bundesbank

Kreditebis 1Mio. €

2013

Umsatz zwischen 50 Millionen und einer

Milliarde Euro hinzugewonnen. Ihr Ziel:

zehn Prozent jährliches Wachstum.

Gerade für die Landesbanken geht es um

ihre Existenz. Mit ihren Investitionen in

Wertpapiere sind sie auf die Nase gefallen,

ihr Auslandsgeschäft mussten sie als Auflage

für staatliche Beihilfen dichtmachen.

Die Förderung des Mittelstands finden zumindest

schon mal ihre Eigentümer in der

Landespolitik gut. Die bisherigen Ergebnisse

sind stabil, aber bescheiden.

Das ist typisch. „Das Mittelstandsgeschäft

liefert relativ stabile Erträge, aber die

Bäume wachsen nicht in den Himmel“,

sagt der frühere Dresdner-Bank-Chef und

heutige Berater Herbert Walter. Problematisch

sei, dass alle Banken die gleichen

Kunden haben wollten: größere Unternehmen

mit akzeptabler Bonität und internationaler

Aufstellung. „Für einige Banken

wird es ein böses Erwachen geben, wenn

sie merken, dass sie bei der Umsetzung ihrer

Wachstumspläne die Risiken falsch eingeschätzt

haben“, warnt Walter.

Die Aufsichtsbehörden schauen jedenfalls

schon skeptisch auf das Werben. „Es

stürzen sich so viele Banken auf das Geschäft,

dass man sich fragen muss, ob es

dafür überhaupt genügend Mittelständler

gibt“, wunderte sich jüngst Bundesbank-Vizechefin

Sabine Lautenschläger.

Die teils herausragenden Ergebnisse der

vergangenen Jahre im Mittelstandsgeschäft

stammten auch daher, dass Banken

hohe Rückstellungen für Kreditausfälle

auflösten. Das funktioniert nun nicht mehr.

So kündigte der bei der Commerzbank zuständige

Vorstand Markus Beumer in einem

Interview mit der „Börsen-Zeitung“

eine „Normalisierung“ an. Folge ist ein

niedriger Gewinn. Im ersten Halbjahr sank

er um 38 Prozent auf knapp 550 Millionen

Kreditvolumen stagniert

Darlehen an Selbstständigeund

Unternehmen (inMilliarden Euro)*

861 857

2009

867 871 868

2010 2011 2012 2013**

*ohneWohnungsbau undKredite an andere

Banken;**1.Halbjahr; Quelle:Bundesbank

Euro. Gleichzeitig macht der Bank der verschärfte

Kampf um die Kunden zu schaffen.

„Hier werden von Wettbewerbern Eintrittspreise

gezahlt“, klagte Beumer.

Wie es sich für einen selbstbewussten

Deutsche-Bank-Manager gehört, will Wilhelm

von Haller nicht mit Billigpreisen,

sondern mit Qualität überzeugen. „Erfolgreiche

Unternehmer wünschen sich eine

erfolgreiche Bank als Partner“, sagt er. Dabei

ist der Ruf seines Instituts in der Zielgruppe

angekratzt. Das liegt vor allem am

Verkauf komplexer Finanzprodukte, die

manche Unternehmer nicht komplett verstanden

und die ihnen hohe Verluste bescherten.

Doch das sollen Sünden der Ver-

2 Prozent Zinsen

und weniger zahlen

Unternehmen derzeit für

kurzfristige Kredite

gangenheit sein. Die Bank hat die Prüfung

neuer Produkte deutlich verschärft und bezahlt

Angestellte auch danach, welchen

Nutzen ein Kunde von ihrem Wirken hat.

Das heißt nicht, dass sie auf Zusatzgeschäfte

verzichten will. Zwar sieht von Haller

die traditionelle Finanzierung weiter als

wichtiges Angebot: „Ein Kredit muss sich

rechnen und kann nicht bloß der Türöffner

für weitere Geschäfte und Dienstleistungen

sein“, sagt er. Die Bank will bis 2015

zehn Milliarden Euro zusätzlich vergeben.

Bisher habe es auch keinen Einbruch bei

den Margen gegeben, so von Haller.

MEHR NÄHE IN DER REGION

Vor allem aber will die Bank Kunden mit

passenderen Angeboten überzeugen. Dafür

hat sie intern groß umstrukturiert und

das Geschäft mit mittelgroßen Unternehmen

mitsamt dem Großteil ihrer Betreuer

aus der Investmentbank organisatorisch

ins neue Privat- und Firmenkundengeschäft

verlagert. „Dadurch bekommen die

größeren Kunden mehr Nähe in der Region

und die kleineren Unternehmen mehr Zugriff

auf das weltweite Angebot der Deutschen

Bank“, lobt von Haller das vor Kurzem

abgeschlossene Projekt.

Deutschlandweit hat das Institut nun

180 Filialen zusätzlich mit Firmenkundenbetreuern

aus größeren Standorten bestückt.

Sie sollen sich von dort aus um die

Kunden in der Region kümmern. Erwünschter

Nebeneffekt: Die stärkere Bindung

an die Zweigstelle könnte Unternehmer

empfänglicher für die Anlage ihres Privatvermögens

bei der Bank machen.

Kleinere, internationale Unternehmen

will die Bank für Themen wie die Abwicklung

des Zahlungsverkehrs, Handelsfinanzierungen

oder die Steuerung der Liquidität

in Auslandsmärkten überzeugen. Dafür

wird das bisher stark auf die Investmentbank

konzentrierte Transaktionsgeschäft

enger an den Mittelstand gebunden. Während

die Experten dort bisher allenfalls auf

Zuruf für Filialkunden aktiv wurden, gibt es

dafür nun feste Teams.

Mit allzu forschen Vorgaben hält sich

von Haller trotz der Renovierung des Angebots

zurück. Um nichts zu überstürzen, hat

die Bank darauf verzichtet, trotz der durch

die neue Organisation deutlich gestiegenen

Kundenzahl das Ergebnisziel zu erhöhen.

Denn, so sagt von Haller: „Die Beziehung

zu einem Kunden muss langsam

wachsen. Wer hier schnell möglichst viel

verdienen will, hat schon verloren.“ n

cornelius.welp@wiwo.de | Frankfurt

70 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

Zwischen Dichtung

und Wahrheit

KLIMAWANDEL | Widersprüchliche Prognosen, teurer Aktionismus, ergebnislose

Gipfel – die Klimapolitik ist auf ganzer Linie gescheitert. Es ist höchste Zeit für einen

Neuanfang. Fünf Vorschläge, wie das Klima wirklich zu retten ist.

Hungersnöte, Kriege, Artensterben

– zuletzt gab es kaum

noch eine Geißel der

Menschheit, an der der Klimawandel

nicht schuld sein

sollte. Doch sobald die Forscher näher hinsehen,

ergibt sich ein differenzierteres Bild,

löst sich manche Behauptung in Luft auf.

Hunger? Nie zogen Fischer aus dem US-

Bundesstaat Maine mehr Hummer aus

dem Atlantik als zurzeit. Meeresbiologen

erklären das Phänomen mit wärmeren

Strömungen – eine Folge der Erwärmung

der Ozeane. Das Überangebot hat die Preise

für die einstige Luxus-Delikatesse so

stark gedrückt, dass sie nicht einmal mehr

die Kosten der Fischer decken.

Kriege? Weil Wasser und Nahrungsmittel

knapp und immer mehr Regionen wegen

Extremwetters nahezu unbewohnbar

würden, warnen Klimawissenschaftler vor

einer Zunahme gewalttätiger Auseinandersetzungen.

Tatsächlich jedoch sinkt die

Zahl internationaler Konflikte seit den

Fünfzigerjahren kontinuierlich. Vor allem

wegen des wachsenden Wohlstands in

vielen Entwicklungsländern. So haben es

Forscher der Simon-Fraser-Universität im

kanadischen Vancouver analysiert.

Artensterben? Auch hierfür schoben Klimaforscher

der Erderwärmung den

Schwarzen Peter in die Schuhe. Vorschnell

– fanden Biologen der Universitäten in

Toulouse und Utrecht gerade in einer Studie

heraus. Zumindest für die Vielfalt der

Süßwasserfische, so die Wissenschaftler,

seien die Verschmutzung und Zerstörung

von Lebensräumen weitaus bedrohlicher.

Die drei Beispiele illustrieren das Dilemma

der aktuellen Klimapolitik. Im Drang,

Ungelöstes Rätsel

Obwohlder CO2-Gehalt in der Atmosphärestetigsteigt...

390

380

370

360

350

340

330

1980 1990 2000 2010

...pausiertseit 1998 dieErderwärmung

0,8

0,6

0,4

CO2(ppm)

Vorhersage der

Klimaforscher*

0,2

tatsächlichejährliche

Temperaturveränderung

(inGradCelsius)**

0

1980 1990 2000 2010

*Durchschnitt ausallen Klimamodellen;

** verglichen miteinem Mittelwertaus elfJahren,

fürden Zeitraum 1979–1982 aufnulljustiert;

Quelle:Met Office,CopenhagenConsensus Center

die Welt wegen der vermeintlich existenziellen

Risiken zu raschem Handeln zu bewegen,

zeichneten Forscher und Politiker

immer bedrohlichere Horrorszenarien.

Doch jetzt zeigt sich: Die Fakten widerlegen

viele Untergangsprophezeiungen oder

relativieren sie zumindest stark. Wir sollten

daher innehalten und die Fakten analysieren.

Statt weiter einem Phantom hinterherzujagen,

ist die Zeit reif für eine neue

Klimapolitik.

Nichts belegt das besser als der gerade in

Stockholm vorgelegte fünfte Klimabericht

des Intergovernmental Panel on Climate

Change (IPCC). Kleinlaut muss der Weltklimarat

darin eingestehen, dass der zentrale

Mechanismus für die Erderwärmung

zumindest derzeit nicht so funktioniert,

wie die Forscher erwartet haben. Laut ihrer

Theorie steigt die globale Durchschnittstemperatur

umso rascher, je mehr Kohlendioxid

sich in der Atmosphäre befindet.

Doch obwohl die CO 2 -Konzentration zunimmt,

pausiert die Erwärmung seit 15

Jahren. Kein Klimamodell des IPCC hat das

vorausgesehen (siehe Grafik links).

FORSCHER IN ERKLÄRUNGSNOT

Jetzt mutmaßt der Rat, der Pazifik könne einen

Großteil der Erwärmung aufgenommen

haben. Eine ausreichende Erklärung

ist das nicht. Hans von Storch, Leiter des

Instituts für Küstenforschung am Helmholtz-Zentrum

in Geesthacht, sieht seine

Zunft daher in Erklärungsnot: „Wir müssen

schleunigst klären, wie lange die Stagnation

anhalten darf, ohne dass wir die gängige

Erwärmungstheorie hinterfragen müssen.“

Irgendetwas an den bisherigen Simulationen,

so viel ist klar, kann nicht stimmen.

Das Klima reagiert offenbar weit weniger

sensibel auf den Anstieg der Treibhausgase

als befürchtet.

Trotz dieses Befunds wird nicht automatisch

alles gut. Die Gefahren einer Erderwärmung

sind nicht ausgeräumt. Auch

wenn Klimaskeptiker die Ungereimtheiten

der Forschung jetzt dazu ausschlachten,

»

FOTO: AGENTUR FOCUS/JUSTIN JIN

72 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Freie Fahrt dank Eisschwund

Russische Hochsee-Tankstelle für

Schiffe auf der nun zugänglichen

Europa-Asien-Route durchs

arktische Meer

Um 3600 Euro

verteuern schärfere

CO 2 -Grenzwerte jeden

Neuwagen

Mit15 Billionen

Euro will die EU bis 2100

die Erderwärmung

bekämpfen

Nur 0,05 Grad Celsius

weniger würde die Temperatur

durch die EU-Klimapläne

ansteigen

Es ist300 Euro

teurer, eine Tonne CO 2 mit

Solar- statt mit Windstrom

zu vermeiden

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 73

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Technik&Wissen

»

dem Publikum genau dies zu suggerieren.

Das aber ist ebenso unverantwortlich

wie die Horrorgemälde der Mahner.

Nicht auszuschließen ist zum Beispiel,

dass die Risiken an ganz anderer Stelle auftauchen,

als die Klimatologen bisher vermuteten.

Gerade hatten diese in Stockholm

verhaltene Entwarnung für die Weltmeere

gegeben, da meldeten sich in London Meeresforscher

zu Wort. Ihre Warnung: Das

CO 2 versaure die Ozeane so stark wie zuletzt

vor 300 Millionen Jahren. Mögliche

Folge: Selbst Gewässer wie vor

Maine, wo die Fischbestände

wegen der Erwärmung gerade

stark zunehmen, könnten sich

in Todeszonen verwandeln.

Es wäre kurzsichtig, solche Risiken

zu ignorieren. Niemand

kann wollen, dass eine Nahrungsquelle

für Milliarden

Menschen versiegt. Doch der

Streit der Experten zeigt auch,

auf welch unsicherer Basis sich

viele wissenschaftliche Aussagen

zu Ursachen und Wirkung

des Klimawandels bewegen. Weit öfter gibt

es mehr Fragen als Antworten.

Die Verfasser des aktuellen Klimareports

räumen diese Unsicherheiten an vielen

Stellen erstmals ein, anstatt sie wegzudiskutieren.

Das ist ein Fortschritt – und zugleich

Anlass, die bisherige Klimapolitik

neu zu justieren. Der Däne Bjørn Lomborg,

Leiter des Copenhagen Consensus Center,

sieht stellvertretend für viele Kritiker des

IPCC in dem Report die große Chance, „die

Klimadiskussion endlich realistischer und

intelligenter zu führen“. Die Triebfedern, so

ihr Appell, sollten diesmal Rationalität und

wirtschaftliche Vernunft statt Alarmismus

und blinder Aktionismus sein.

ENERGIEWENDE

Mehr zum Thema

lesen Sie auf Seite 20:

Warum die Strompreise

in Deutschland

so stark steigen

Die Reiter der Apokalypse dagegen malten

wahre Schreckensbilder, um die Menschen

auf ihren Kurs einzuschwören. Die

Spiegel der Meere könnten bis 2100 um bis

zu sechs Meter ansteigen und New York

überfluten, prophezeite etwa der frühere

US-Vizepräsident Al Gore. Selbst ein besonnener

Mann wie der Ex-Weltbank-Chefökonom

Nicholas Stern ließ sich dazu hinreißen,

mit Rechentricks einen Schaden

von 20 Prozent des globalen Bruttoinlandsprodukts

herbeizurechnen Am Ende musste

der Professor einräumen, zu

hoch gegriffen zu haben.

Politiker fast aller Couleur ließen

sich dennoch nicht zwei

Mal bitten. Unter Berufung auf

den Stern-Report und die Berichte

des IPCC, erließen sie in

schneller Folge Gesetze und erfanden

Instrumente, die Wirtschaft

und Verbrauchern Milliardenlasten

aufbürden. Es war

chic und galt als förderlich für

die Wiederwahl, sich als Klimaretter

zu präsentieren. Dass viele

Maßnahmen auf äußerst unsicheren Annahmen

der Klimaforschung beruhten,

störte augenscheinlich nur wenige Mahner.

Die Liste der Eingriffe wird stetig länger:

Emissionshandel, Grenzwerte für den

CO 2 -Ausstoß von Autos, Flugzeugen und

Kraftwerken, Ökosteuern auf Strom und

Benzin, Dämmvorschriften. Die Kosten für

Bürger und Unternehmer klettern und

klettern. Bundesumweltminister Peter Altmaier

rechnet damit, dass allein die Umstellung

der Energieversorgung in

Deutschland auf Wind und Sonne bis zu einer

Billion Euro kostet. Ulrich Eichhorn,

der beim Verband der Automobilindustrie

den Bereich Technik und Umwelt leitet,

Die Apokalyptiker des Klimawandels

schätzt, dass strengere Limits für den

CO 2 -Ausstoß den Bau jedes Fahrzeugs um

3600 Euro verteuern wird. Hintergrund der

Rechnung: Die EU-Kommission will die

Emissionen bis 2020 auf 95 Gramm pro Kilometer

begrenzen.

HOHE KOSTEN, WENIG ERTRAG

So gut wie nie hat die Politik ihre Maßnahmen

auf die ökonomischen Folgen überprüft.

Ebenso wenig achtete sie darauf, ob

die Erlässe und Gesetze dem Klima tatsächlich

helfen. Das hätte sie aber besser

getan. Dann hätte etwa die EU frühzeitig

gemerkt, dass ihr Klimapaket, mit dem sie

die CO 2 -Emissionen Europas bis 2020 um

20 Prozent gegenüber 1990 reduzieren will,

zwar viel kostet, aber wenig bringt.

Der niederländische Umweltökonom Richard

Tol hat Kosten und Nutzen verglichen.

Danach pumpen die EU-Staaten bis

2100 fast 15 Billionen Euro in den Klimaschutz.

Den Temperaturanstieg bremst die

Summe jedoch nur um 0,05 Grad Celsius.

Für fast nichts verspielt die EU jedes Jahrzehnt

ein Jahr Wirtschaftswachstum.

Auch an der Zwischenbilanz der selbst

ernannten grünen Weltmacht Deutschland

zeigt sich das Scheitern bisheriger Klimapolitik:

Zuletzt stieg der CO 2 -Ausstoß

wieder – trotz der milliardenschwerer Subventionitis

in Wind und Sonne.

Es geht nicht darum, die Erderwärmung

zu leugnen. Doch wem die Rettung des Klimas

wirklich am Herzen liegt, der muss

wollen, dass die eingesetzten Mittel wirken

und dass sie effizient eingesetzt werden.

Sonst sind sie schlicht Fehlinvestitionen.

Wenn aber am Ende Wirtschaft und Klima

am Boden liegen, ist niemandem geholfen.

Wir haben daher mit Experten gesprochen

und Klimaforscher interviewt – und aus

diesen Recherchen fünf Vorschläge für eine

effektivere Klimapolitik entwickelt.

Al Gore

»Jeder einzelne Meter, den

der Meeresspiegel ansteigt,

verursacht rund 100 Millionen

Klimaflüchtlinge.«

Der ehemalige US-Vizepräsident wurde zum

wichtigsten politischen Vertreter der Klimapolitik

in den USA. Bücher, Konzertreihen

und ein Dokumentarfilm zum Thema („Eine

unbequeme Wahrheit“) machten ihn zur

politischen Ikone der Klimabewegung in

den Vereinigten Staaten.

Rajendra Pachauri

»Hitzewellen, die alle paar

Jahrzehnte auftraten, werden

bis Mitte des Jahrhunderts

jedes zweite Jahr vorkommen.«

Der Ökonom und Eisenbahningenieur leitet

seit 2002 das Intergovernmental Panel on

Climate Change (IPCC). Gemeinsam mit

Al Gore erhielt der Inder für diese Arbeit

2007 den Friedensnobelpreis. Die regelmäßigen

Prognosen des IPCC finden weltweit

große Beachtung.

Nicholas Stern

»Was auf die Welt zukommt,

das hat es in den

vergangenen 30 Millionen

Jahren nicht gegeben.«

Der einstige Chefökonom der Weltbank

beschäftigte sich 2006 in dem nach ihm

benannten Bericht mit den wirtschaftlichen

Folgen des Klimawandels. Vor großen Zahlen

schreckt er nicht zurück: Im schlimmsten

Fall werde die Erderwärmung 20 Prozent

des globalen Bruttoinlandsprodukts kosten.

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Gegen höhere

Nordseefluten

Dammbau

vor der Küste

Ostholsteins

FOTOS: ARGUS/MIKE SCHRÖDER, GETTY IMAGES (2), VISUM, DAVIDS, DDP IMAGES, PR

Reform des Klimarats und

1| Erweiterung der Forschung

25 Jahre wird das IPCC im Herbst alt – Zeit

für eine Bilanz. Nur wenige Kritiker sind so

radikal wie die US-Klimaforscherin Judith

Curry, die das Gremium ganz auflösen will:

Mit seiner Fixierung auf eine Senkung des

CO 2 -Ausstoßes blockiere der Rat innovative

Forschungsansätze, die nach anderen

Erklärungen und Lösungen suchen.

Sehr viele Forscher aber wollen das IPCC

gründlich reformieren. Auf der Wunschliste

ganz oben stehen Entpolitisierung und

weniger Geheimniskrämerei. Jüngstes Beispiel

für Gemauschel: Im aktuellen Sachstandsbericht

betont der Rat, er sei zu 95

Prozent sicher, dass vor allem der Mensch

den Klimawandel verursacht. Das klingt

nach Wissenschaft, tatsächlich basiert das

Ergebnis auf einer Umfrage. Welche Forscher

gefragt wurden, sagt das IPCC nicht.

Der Klimarat sei schon immer eine politische

Institution gewesen, sagt Mike Hulme,

Klimaforscher am Londoner King’s College.

Geschaffen und überwacht von Regierungen.

Sie sorgten dafür, dass vermeintliche

Sachaussagen politisch gefärbt wurden. Umso

wichtigersei, dassseine leitenden Akteure

Distanz hielten, statt sich für politische Maßnahmen

vereinnahmen zu lassen, ergänzt

Silke Beck, Sozialforscherin am Helmholtz-

Zentrum für Umweltforschung in Leipzig.

Hulme setzt sich zudem für kürzere Berichte

ein, die häufiger aktualisiert werden.

Mit ihnen sollten die Forscher gezielt Wissenslücken

schließen, zum Beispiel über

die Wirkung der Aerosole. Gerade in den

Megastädten Asiens mit ihrem permanenten

Smog ist der Einfluss dieser Staubpartikel

auf das regionale Klima nicht zu unterschätzen:

Sie schatten Sonnenstrahlung ab

und kühlen so die erdnahe Luft.

2|

Entwicklung klimaschonender

Technologien

Lange waren dem Weltklimarat die Möglichkeiten,

das Klima womöglich reparieren

zu können, kein Wort wert. Im aktuellen Report

beschäftigt er sich immerhin erstmals

mit dem sogenannten Geoengineering.

Ideen dafür gibt es viele: Die einen wollen

die Meere mit Eisen düngen. Es wür-

»

Hans Joachim Schellnhuber

»Fünf Grad mehr können

bedeuten, dass sich eine

Wüste vom Süden bis nach

Berlin erstreckt.«

Angela Merkel

»Wir wissen, dass das

Zwei-Grad-Ziel nicht

zu erreichen ist, es wird

eher das Doppelte herauskommen.«

Michael Mann

»Die weltweite Klimaentwicklung

im vergangenen

Jahrhundert hat die Form

eines Hockeyschlägers.«

Der Direktor des Potsdam-Instituts für

Klimafolgenforschung ist der wohl bekannteste

deutsche Klimaforscher. Der

Ideengeber für das „Zwei-Grad-Ziel“ der

UN nimmt als Mitglied im IPCC und wissenschaftlicher

Berater der Bundesregierung

Einfluss auf die Klimapolitik.

Spätestens seit dem medienwirksamen

Auftritt mit dem damaligen Umweltminister

Sigmar Gabriel auf Grönland 2007 hat die

Bundeskanzlerin das Klima für sich entdeckt.

Nach dem Fukushima-Reaktorunfall

nutzte sie die emotionale Kraft des Themas,

um aus der Atomkraft auszusteigen.

Auf diese Form lässt sich die Erkenntnis des

US-Forschers bringen. 1999 veröffentlicht,

wurde sie zeitweise zum Hauptwerk der Klimaforschung.

In die Öffentlichkeit drängt

es den Forscher kaum. Mit der anschaulichen

These ist er dennoch zum Hassobjekt

des konservativen Amerikas geworden.

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 75

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Technik&Wissen

»

de das Wachstum des Planktons fördern,

das sich von CO 2 ernährt. Andere schlagen

vor, tonnenweise Schwefel in den oberen

Schichten der Erdatmosphäre zu verbrennen.

Es entstünde ein Dunstschleier, der

die Sonneneinstrahlung vermindert.

Viele Experten halten die Klempnerei

am Klima allerdings für hochriskant. Sie

setzen eher auf Technologien, die verhindern,

dass CO 2 in die Luft gelangt, oder die

das Gas einfangen und es entweder als

Rohstoff nutzen oder es dauerhaft einlagern.

130 Millionen Tonnen CO 2 werden so

heute schon wirtschaftlich verwertet.

Der niederländische Klimaökonom Richard

Tol hat ausgerechnet, was der Einsatz

der besten dafür verfügbaren Technologien

weltweit bringen würde: Die globalen

Treibhausgas-Emissionen würden sich

auf einen Schlag halbieren.

3|

Weniger Klimagipfel, aber

mehr politische Ehrlichkeit

Die Euphorie war groß, als die UN 1992 im

brasilianischen Rio de Janeiro weitreichende

Maßnahmen zum Schutz unseres Planeten

vereinbarten. Im kommenden November

treffen sich Hunderte Abgesandte

aus rund 200 Staaten in Warschau erneut:

zum inzwischen 19. Klimapalaver.

Doch vom Ziel, die Erderwärmung bis

zum Ende der Jahrhunderts auf zwei Grad

Celsius zu begrenzen, ist die Welt weiter

entfernt denn je. Die einstige Aufbruchstimmung

ist erstorben. Und kaum ein

professioneller Beobachter glaubt mehr,

dass sich die Weltgemeinschaft auf einem

künftigen Gipfel noch auf gemeinsame

Maßnahmen einigen wird. Was aber tun?

Die Gipfel abblasen?

Künstliche Kühlung Im Sommer decken

Arbeiter den Zugspitzgletscher mit Matten ab

So weit will Oliver Geden von der Stiftung

Wissenschaft und Politik in Berlin

nicht gehen. Doch die Mission des IPCC

hält er „für erfüllt“. Geden schlägt vor, das

Zwei-Grad-Ziel aufzugeben. „Es ist illusorisch.“

Statt Klimapolitik länger im Gewand

eines vermeintlich „wissenschaftlich abgesicherten

Weltumgestaltungsplans zu präsentieren“,

sollten die Regierungen lieber

pragmatisch Möglichkeiten aushandeln,

Treibhausgas-Emissionen zu reduzieren.

Elliot Diringer, Vizepräsident des US-

Center for Climate and Energy Solutions in

Virginia, sieht den besten Weg darin, wenn

jedes Land für sich seine Klimaziele und

den Weg dorthin festlegt. So entstünde

Wettbewerb, und es käme endlich Dynamik

in den Prozess, ist er überzeugt.

Andere schwören auf einen globalen

Emissionshandel. Unternehmen und

Kraftwerksbetreiber, die CO 2 in die Luft

pusten, müssen für die Verschmutzung bezahlen.

Außer der EU experimentieren inzwischen

Australien, Neuseeland, China,

Südkorea und Bundesstaaten in den USA

und Kanada mit solchen Systemen. Experten

sehen Chancen, sie zu verknüpfen.

Kritiker fordern,

das Zwei-Grad-

Ziel aufzugeben.

Es sei illusorisch

4|

Vorfahrt für ökonomisch

effiziente Maßnahmen

Wie Politiker Geld zum Fenster hinauswerfen

und dem Klima – statt zu helfen – auch

noch schaden, haben die Ökonomen

Hans-Werner Sinn und John Hassler erst

jüngst wieder in einer Studie vorgerechnet.

Sinn ist Präsident des Münchner ifo Instituts

für Wirtschaftsforschung, Hassler lehrt

an der Universität Stockholm. In dem Papier

kommen sie zum Ergebnis, dass es

nicht nur viel Geld kostet, Raps und Mais

als Energiealternative zu Kohle und Öl zu

subventionieren. Schlimmer: Ihr Anbau

beschleunigt die Erderwärmung sogar.

Der Grund liegt im „grünen Paradoxon“,

auf das Ökonom Sinn schon früher aufmerksam

gemacht hat. Die Förderung für

Energiepflanzen schmälert zunächst die

Nachfrage nach fossilen Brennstoffen, die

daraufhin billiger werden. Als Folge des

Preisrutsches werden am Ende aber mehr

Kohle und Öl verheizt als vorher – die Klimabelastung

steigt. Ein Blick auf die globale

CO 2 -Bilanz untermauert die These. Die

Emissionen erreichten vergangenes Jahr

einen neuen Rekord: Sie stiegen um 1,4

Prozent auf 31,6 Milliarden Tonnen.

AUF KOSTEN DER ÄRMSTEN

Doch es kommt noch ärger. Weil dort, wo

Energiepflanzen angebaut werden, kein

Getreide und Gemüse wachsen kann, verteuern

diese sich laut Sinn und Hassler um

mindestens 40 Prozent, im schlimmsten

Fall sogar um 250 Prozent. Das ist verkorkster

Klimaschutz auf Kosten der Ärmsten.

Das gleiche Paradoxon zeigt sich in der

Energiepolitik. Was die Deutschen wegen

ihrer Windmühlen und Solardächer weniger

an CO 2 in die Luft blasen, wird anderswo

wegen der gesunkenen Preise etwa für

Kohle umso ungenierter konsumiert. Die

Lehre daraus: Nichtstun kann besser sein,

als das Falsche zu tun.

Zumindest sollten die Politiker künftig

vorher genau bedenken, was ihr Aktionismus

bewirkt. Dann würden sie vielleicht

zögern, mit Fotovoltaik ausgerechnet jene

Technologie am stärksten zu fördern, die

CO 2 am weitaus teuersten vermeidet.

Das zeigen Berechnungen des Energiewissenschaftlichen

Instituts (EWI) in Köln.

Danach kostet jede mit Sonnenstrom eingesparte

Tonne CO 2 346 Euro. Werden die

Watt mit Windrädern an Land erzeugt, sinken

die Kosten auf 42 Euro. Die Differenz

addiert sich zu enormen Summen. Würde

CO 2 -Vermeidung in Deutschland bis 2022

komplett auf Windenergie aus On-

»

FOTO: MAURITIUS IMAGES/PETER LEHNER

76 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

»

shore-Anlagen umgestellt, rechnen die

EWI-Experten hoch, verringerten sich die

jährlichen Gesamtkosten um bis zu zwei

Milliarden Euro.

Viel Geld, das Bürgern für Konsum und

Unternehmen für die Schaffung neuer Jobs

zur Verfügung stünde. Die Konsequenz ist

für Sinn klar: Vor jeder Maßnahme sollte

künftig eine nüchterne ökonomische Kosten-Nutzen-Analyse

stehen.

5|

Anpassung an den Klimawandel

kann billiger sein

Bei der Diskussion über die Erderwärmung

werden positive Effekte gerne unterschlagen.

Darauf weist der Klimaforscher

Bjørn Lomborg aus Kopenhagen hin und

nennt Beispiele: In Regionen, die sich erwärmen,

können die Bauern mehr Ernten

einfahren, und die Heizkosten sinken.

Und weil weit mehr Menschen an Kälte

denn an Hitze sterben, könnten künftig

jährlich weltweit 1,4 Millionen Menschen

weniger solchen Wetterextremen zum Opfer

fallen.

Doch in vielen Teilen der Welt werden

eher die negativen Folgen überwiegen.

Dennoch könnte es ökonomisch sinnvoller

sein, sich dort dem Wandel anzupassen,

als ihn verhindern zu wollen – egal,

was es kostet. Roger Pielke senior, Klimaforscher

an der Universität von Colorado,

spricht vom „Bottom-up-Prinzip“. Er

schlägt vor, die Verletzlichkeit von Ökosystemen

und Infrastrukturen zu erfassen

und sie einer Risikoanalyse zu unterziehen.

Beim Wirbelsturm Sandy, der vergangenes

Jahr New York schwer traf, kam so

heraus, das es billiger ist, Eigentümer von

Wohnungen und Geschäften in den von

Sturmfluten bedrohten Bezirken umzusiedeln,

anstatt an der Küste für viel Geld

Dämme zu bauen.

Anderswo wiederum kann ihre Aufschüttung

durchaus sinnvoll sein. Laut einer

britischen Studie können höhere

Dämme, Frühwarnsysteme für Krankheiten

und neue Ackerbaumethoden die Folgekosten

des Klimawandels regional um

bis zu einem Drittel reduzieren.

Der kanadische Web-Visionär Don Tapscott

traut dem Internet eine wichtige Rolle

im Kampf gegen den Klimawandel zu. In

Hunderten Projekten weltweit organisierten

sich Menschen über das Netz, um den

CO 2 -Ausstoß in lokalen Initiativen zu senken.

Tapscott ist überzeugt: „Das ist wirkungsvoller

als jeder politische Gipfel.“ n

dieter.duerand@wiwo.de, sven titz

WELTKLIMARAT

Die gröbsten

Schnitzer

Schon mehrfach musste das IPCC

Horrorszenarien revidieren –

zulasten seiner Glaubwürdigkeit.

Die Zahl der Wirbelstürme

nimmt zu

Wahrscheinlich werde die Aktivität tropischer

Wirbelstürme – dazu zählen beispielsweise

Hurrikane und Taifune –

künftig zunehmen, verkündete der Weltklimarat

2007. Belege für diese Entwicklung

gab es schon damals kaum überzeugende.

Jetzt die Kehrtwende: Die

Experten erkennen an, dass die Prognosen

über Stürme zu unzuverlässig sind,

und behandeln das Thema nur noch als

Randnotiz. Nun sehen sie nurmehr eine

schwache Tendenz für stärkere Stürme

voraus – begrenzt auf den Nordatlantik

und den westlichen Nordpazifik.

Rettung nach Sturm Ingrid Eine Mexikanerin

bringt ihr Baby in Sicherheit

Die Sache mit dem

Hockeyschläger

2001 veröffentlichte das IPCC die berüchtigte

Hockeyschläger-Kurve. Sie sollte

zeigen: Die Erdtemperatur auf der

Nordhalbkugel war über Jahrhunderte

weitgehend konstant. Erst mit der Industrialisierung

und dem damit verbundenen

verstärkten Ausstoß von CO 2 stieg sie steil

an. Bald korrigierten neuere Rekonstruktionen

der Klimahistorie das eingängige

Bild. Sie zeigen, dass die Temperaturen

auch früher stark pendelten. So war es

vor 900 Jahren schon einmal annähernd

so warm wie heute. Es entstand der Verdacht,

dass Forscher um den US-Klimato-

logen Michael Mann die Kurve zum

Klimaverlauf „geglättet“ hatten, um die

Dramatik zu betonen.

Das antarktische

Meereis schmilzt

In ihrem vorherigen Klimabericht aus dem

Jahr 2007 waren sich die IPCC-Experten

noch ziemlich sicher: Rings um den Südpol

werde das Meereis schrumpfen,

schrieben sie. Aktuelle Messungen und

Satellitenbilder haben diese Prognose

widerlegt. Sie zeigen im Gegenteil sogar

eine Zunahme des Packeises. Im gerade

veröffentlichten fünften Klimabericht gesteht

das Wissenschaftlergremium seinen

Irrtum ein. Jetzt halten die Forscher es für

eher unwahrscheinlich, dass das antarktische

Eisschild rasch an Umfang und Volumen

verlieren wird. Anders in der Arktis:

Am Nordpol schmilzt das Eis tatsächlich.

Die Himalaja-Gletscher

verschwinden

Ebenfalls im Bericht von 2007 schreckte

der UN-Klimarat die Welt mit der Nachricht,

schon im Jahr 2035 seien die Gletscher

im Himalaja vollständig aufgetaut.

Käme es so, wären 1,4 Milliarden Menschen

in der Region ihres Trinkwasserreservoirs

beraubt. Doch bald erwies sich

das Horrorszenario als Fehlalarm. Es beruhte

auf Angaben der Umweltorganisation

World Wide Fund for Nature und

schlecht recherchierten Zeitungsartikeln.

Erst spät gestand das Gremium den

Patzer ein. Er basierte zudem auf einem

Zahlendreher: Wenn überhaupt, sollte das

Eis frühestens 2350 verschwunden sein.

In Afrika drohen

große Ernteausfälle

Auch die Behauptung, den Afrikanern

drohten infolge des Klimawandels massive

Ernteausfälle, hatte 2007 den Weg in

den vierten Sachstandsbericht gefunden.

Die Ernten, hieß es da, würden sich in einigen

Ländern bis 2020 womöglich halbieren.

In Wirklichkeit bezog sich diese

Prognose nur auf drei Staaten am Mittelmeer.

Zudem war die wissenschaftliche

Qualität der Studie fragwürdig. Offenbar

sind die IPCC-Forscher aus dem Schaden

klug geworden: Zumindest im Entwurf für

den Teilbericht II des Klimareports, den

sie kommenden März vorlegen, wiederholen

sie die Dürrewarnung nicht.

dieter.duerand@wiwo.de, sven titz

FOTO: DDP IMAGES/SIPA

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Technik&Wissen

Zunächst einmal muss die Straßenverkehrsordnung

fit gemacht werden für die

Zukunft – nicht nur in Deutschland und

Europa, sondern auch in den USA und

China. Wir haben die Hoffnung, dass sich

diese Prozesse harmonisieren lassen. Zum

Zweiten brauchen wir Bordrechner, die in

der Lage sind, die immense Datenflut extrem

schnell zu verarbeiten und die richtigen

Schlüsse zu ziehen. Und schließlich

brauchen wir perfekte Karten – je detaillierter

und aktueller die Informationen

über die Strecke sind, desto einfacher ist

die Steuerung des Fahrzeugs.

Verkehrsunfälle werden also schon bald

Vergangenheit sein?

Ein Show-Car zu bauen ist relativ einfach.

Ein Auto zu entwickeln, das in jeder Lebenslage

zuverlässig arbeitet, ist eine ganz

andere Herausforderung. Der Mercedes

S500 Intelligent Drive ist ein Forschungsauto

– basiert in der Basis aber komplett

DER MOBILITÄTSFORSCHER

Weber, 59, hat Werkzeugmacher gelernt

und später Maschinenbau studiert. Seit bald

zehn Jahren ist er im Daimler-Vorstand für

die Konzernforschung und die Fahrzeugentwicklung

bei Mercedes verantwortlich.

Zudem vertritt er den Stuttgarter Konzern in

der Nationalen Plattform Elektromobilität.

»Wir bauen die beste

Batterie der Welt«

INTERVIEW | Thomas Weber Der Mercedes-Entwicklungschef sieht

das Auto an einem Wendepunkt. Autos werden bald nicht mehr

verunglücken – und zumindest teilweise elektrisch angetrieben.

Herr Weber, ein Mercedes ist kürzlich von

Mannheim nach Pforzheim gefahren,

ohne dass der Fahrer ins Lenkrad griff

oder Pedale betätigte – vollkommen automatisch.

Der Versuch zeigte, was technisch

machbar ist. Aber wollen wir das

wirklich – die Kutsche ohne Kutscher?

Den „Big Brother“, der einen permanent

bevormundet, will niemand. Ich bin aber

überzeugt, dass es im Alltagsverkehr viele

Situationen gibt, wo der Fahrer sehr dankbar

für Unterstützung ist. Das Hauptmotiv

für die Entwicklung des autonomen Fahrens

ist das Bestreben, das Risiko aus dem

Autofahren herauszunehmen. Dazu

braucht es Technologien, die den Menschen

unterstützen, wenn er ermüdet,

wenn er unaufmerksam ist oder wenn

hochkomplexe Fahrsituationen einen Gelegenheitsfahrer

überfordern.

Der Autofahrer kriegt eine Art Vormund?

Nein, nicht, wenn er es sich nicht wünscht.

Auch wenn es Situationen gibt, wo es für

den Fahrer, die Insassen und alle anderen

Verkehrsteilnehmer besser wäre, wenn die

Technik das Kommando übernehmen

würde. Wir zwingen aber niemanden dazu,

die Hände vom Steuer zu nehmen.

Wo liegen noch die größten Herausforderungen

beim automatisierten Fahren?

auf Serientechnologie. Damit steht die

Grundarchitektur für diese Zukunftstechnologie.

Wichtig dabei, auch die Modulstrategie

stimmt. Das macht mich zuversichtlich,

dass das autonome Fahren bis

2020 in einem Mercedes Realität wird.

Fürchten Sie nicht, dass die Politik auf die

Idee kommt, alle Roboterautos per Funk

von Verkehrsleitzentralen fernzusteuern?

Das wäre für mich eine Horrorvision. Die

individuelle Mobilität muss erhalten bleiben

– inklusive die Freiheit, zu entscheiden,

wann und wie ich ein Ziel anfahre.

Natürlich müssen wir auf die Verkehrsund

Umweltsituation Rücksicht nehmen.

Aber Sicherheits- und Umweltaspekte wird

man in Zukunft gegen das Auto kaum

mehr ins Feld führen können, da die Technik

für ein unfallfreies und – zumindest in

sensiblen Regionen – auch für ein emissionsfreies

Fahren sorgen wird.

Gutes Stichwort: Die deutsche Autoindustrie

hat den Beginn des Zeitalters der

Elektromobilität ausgerufen. Stehen wir

wirklich schon an einem Wendepunkt?

Man hat der deutschen Autoindustrie lange

vorgeworfen, eine Entwicklung zu ver-

FOTO: VISUM/ANDY RIDDER

80 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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schlafen und nicht zu wissen, wohin die

Reise gehe. Die Kritiker wurden auf der IAA

eines Besseren belehrt:Alle deutschen Autohersteller

zeigen, dass sie den neuen

Kurs konsequent verfolgen.

Wohin führt der Kurs – zum Auto mit

Hybridantrieb oder zum Elektromobil?

Das hängt vom Einsatzzweck des Autos

und dessen Größe ab, und damit von der

Reichweitenanforderung des Nutzers. Bei

den großen Autos wird man nur mit dem

wieder aufladbaren Hybridantrieb die

CO 2 -Grenzwerte der Zukunft meistern.

Unser S-500-Plug-in-Hybrid begnügt sich

im Schnitt mit drei Liter Superbenzin auf

100 Kilometer. Für Fahrzeuge der Mittelklasse

und darüber ist das klar die Technologie

der Zukunft. Bei Kompaktfahrzeugen

wird dieser Antrieb sicher auch eine Rolle

spielen, wenn ich große Reichweiten brauche.

Aber speziell in diesem Segment wird

in Zukunft die Elektromobilität eine tragende

Rolle spielen.

Wie gut ist Mercedes darauf vorbereitet?

Mit dem elektrogetriebenen Stadtauto

Smart haben wir schon früh gezeigt, dass

man in der Stadt gut ohne Verbrennungsmotor

auskommt. Mit Car2Go haben wir

zudem ein Konzept für eine zeitbezogene

Nutzung von Autos in der Stadt – in drei

Städten ausschließlich mit Elektro-Smarts.

Und mit der Mercedes B-Klasse electric

drive können wir in Kürze ein Kompaktfahrzeug

für die Familie anbieten, das gut

in die neue Zeit passt: mit fünf Sitzen, 200

Kilometer Reichweite, großem Kofferraum

und viel Fahrspaß.

Aber mit einem Antrieb aus den USA. Ist

„Tesla inside“ nicht ein Armutszeugnis?

Wieso? Wir haben uns beim Thema Elektromobilität

strategisch breit aufgestellt.

Für den jetzigen Smart bauen wir bei Li-tec

in Kamenz mit Evonik die beste Batterie

der Welt und lernen dabei alles, was wir

über Hochleistungsbatterien wissen müssen.

Wir haben unserer eigenen Mannschaft

aber auch ganz bewusst ein Wettbewerbskonzept

gegenübergestellt, hinter

dem eine völlig andere Philosophie steckt.

Die Philosophie von Tesla besteht darin,

Technik zu nutzen, die auf dem Markt

verfügbar ist – etwa Batteriezellen, die

auch in Laptop-Computern arbeiten.

Passt so etwas wirklich zu Mercedes?

Viele haben zuerst geschmunzelt und gelästert,

als das kleine Startup aus Palo Alto

sein Konzept 2008 erstmals präsentierte.

Heute staunen die Gleichen über den Premiumantrieb

des Tesla Model S, der Drehmoment

und Leistung im Überfluss bietet.

»In der Stadt

kommt man gut

ohne Verbrennungsmotor

aus«

Wir sind stolz darauf, dass wir sehr früh erkannt

haben, was dort heranwächst, und

uns an dem Unternehmen beteiligt haben.

Die B-Klasse-Kunden werden davon profitieren.

Wir kriegen ein hochflexibles Batteriekonzept

und eine elektrische Reichweite

von sicher 200 Kilometern. Und dafür

müssen wir am Package des Autos nichts

ändern und können somit Mercedes-typische

Sicherheit, Komfort und Qualität bieten.

Das ist doch ein attraktives Konzept.

Daimler hat das nicht selbst hingekriegt?

Wir halten das für einen strategisch cleveren

Weg, um schnell und preiswert Lösungen

präsentieren zu können und viel Knowhow

zu sammeln. Wir nutzen die Power,

um kostengünstig Batterietechnik anbieten

zu können. Im Smart nutzen wir andere Akkus

als in der B-Klasse, im S-500-Plug-in-

Hybrid andere als in der Dieselhybrid-Variante

der E-Klasse. Das Gesamtkonzept ist

immer 100 Prozent Mercedes.

Daimler hält aktuell 4,3 Prozent der

Tesla-Aktien. Wird mehr draus?

Wir hätten Tesla vor Jahren natürlich übernehmen

können. Aber das war nie unser

Ziel. Das Startup lebt auch von seiner Kreativität

und seiner Selbstständigkeit. Daran

wollen wir nicht rütteln.

BATTERIETECHNIK

Nur keine Panik

Der Brand eines Tesla in den USA hat

die Diskussion um die Sicherheit von

Elektroautos mit Lithium-Ionen-Akku

neu entfacht. Auslöser war ein Metallteil,

das in ein Batteriemodul des Model

S einschlug. Tesla spricht von einem

Unfall und wirft der Feuerwehr vor, den

Schwelbrand nicht richtig bekämpft zu

haben. Auch bei Daimler gibt man sich

gelassen. „Die Einbaubedingungen des

Antriebstrangs sowie der Aufbau der

Batterie der B-Klasse Electric Drive ist

unterschiedlich zum Tesla Model S und

somit nicht zu vergleichen.“

Die elektrisch getriebene B-Klasse wird ab

Frühjahr 2014 zunächst in den USA angeboten.

Warum nicht auch in Deutschland?

Weil in den USA die Begeisterung für Elektroautos

derzeit größer ist als hierzulande

und die Elektromobilität gefördert wird.

Sie wünschen sich eine finanzielle Förderung

durch die neue Bundesregierung?

Wir haben immer gesagt: Jetzt entscheidet

sich, in welchem Markt die neue Technologie

stattfindet. Wir sind global aufgestellt

und werden die am Anfang begrenzten

Mengen dorthin liefern, wo es für uns am

attraktivsten ist. Dass wir mit der elektrogetriebenen

B-Klasse in den USA starten, sollte

als klares Signal auch an die Politik verstanden

werden: Nach Europa kommt das

Auto Ende nächsten Jahres, weil der Markt

und die Rahmenbedingungen hier derzeit

nicht so attraktiv sind. Die aktuelle Diskussion

um die sogenannten Supercredits...

...die es erlauben würden, emissionsfreie

Elektroautos mehrfach auf die CO 2 -Bilanz

anzurechnen...

...verstehe ich deshalb überhaupt nicht.

Andere Länder gehen hier offensiver vor.

Diskussionen über Förderungen sind hierzulande

immer mühsam, weil schnell der

Verdacht aufkommt, man subventioniere

die Automobilindustrie. Darum geht es

hier nicht.

Sondern?

Es geht um ein Anreizsystem, um Autos mit

einer neuen und noch sehr teuren Technik

in größerer Stückzahl in den Markt bringen

zu können – zu einem Preis, der vielleicht

sogar unter den tatsächlichen Kosten liegt.

Die Supercredits sorgen also dafür, übrigens

ohne dass die Staatskasse dadurch

belastet wird, dass Elektroautos für Käufer

attraktiver werden. Damit kommt diese Zukunftstechnologie

schneller auf die Straße.

Erwarten Sie, dass sich die EU-Kommission

auf höhere Supercredits noch einlässt?

Wir wissen, die Gespräche werden nicht

einfach, aber wir sind zuversichtlich, eine

für alle tragfähige Lösung finden können.

Ich höre heraus: Das Ringen um die

Abgas-Grenzwerte in Europa ärgert Sie?

Ja, weil die Diskussion über die CO 2 -Limits

oft sehr kurzsichtig geführt wird. Wir haben

derzeit in Europa eine gut florierende Autoindustrie,

die jede Menge Arbeitsplätze

schafft, noch. Ich betone: noch. Das kann

sich aber ändern, wenn die Rahmenbedingungen

für die Autoindustrie in Europa aus

ideologischen Gründen immer weiter verschärft

werden. Dies kann nicht unser gemeinsames

Interesse sein.

n

franz.rother@wiwo.de

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 81

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Technik&Wissen

VALLEY TALK | Mit Twitter geht die letzte prominente

Marke des Web 2.0 an die Börse. Unter ganz anderen

Vorzeichen als etwa Facebook. Von Matthias Hohensee

In einer anderen Liga

FOTO: JEFFREY BRAVERMAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Von Facebooks Börsengang im Mai

2012 erwarteten sich Gründer

und Investoren im Silicon Valley

wichtige Wachstumsimpulse.

Stattdessen bewirkte der verpatzte Börsengang

das Gegenteil: Die Bewertungen für

Jungunternehmen sanken, bei vielen stand

die Weiterfinanzierung auf der Kippe, es

floss weniger Geld ins High-Tech-Tal.

Inzwischen hat sich zumindest Facebook

wieder berappelt – vor allem durch den geglückten

Übergang auf Mobilgeräte. Die Aktie

notiert 35 Prozent über dem Ausgabekurs.

Und nun strebt, nach Facebook und

LinkedIn, mit Twitter die letzte der drei großen

Ikonen des Web 2.0 den Börsengang

an. Rund eine Milliarde Dollar soll er einbringen

und das sechs Jahre alte Startup

mit rund zehn Milliarden Dollar bewerten.

Klar ist schon jetzt, dass der Kurznachrichtendienst

Twitter in einer anderen Liga

spielt als Google, Yahoo, Facebook oder

LinkedIn. Denn Letztere waren profitabel,

als sie an die Börse kamen. Facebook erwirtschaftete

beim Börsengang sogar 3,7

Milliarden Dollar Umsatz.

Twitter sieht dagegen bescheiden aus.

Zwar ist es eine große Leistung, in nur sechs

Jahren ein Unternehmen aufzubauen, das

in diesem Jahr 500 bis 600 Millionen Dollar

umsetzen wird. Doch hat Twitter, das von

seinen Investoren mit rund 1,1 Milliarden

Dollar ausgestattet wurde, immerhin schon

400 Millionen Dollar verbrannt. Vergangenes

Jahr fielen 79 Millionen Dollar Verlust

an. Und allein im ersten Halbjahr 2013

kamen weitere 69 Millionen Dollar dazu.

Nicht mehr lange, und die Frage nach dem

Profit wird sich immer drängender stellen.

Mit dem Börsengang muss Twitter-Chef

Dick Costolo zumindest wachsende Quartalsumsätze

vorweisen. Und das wohl auch

ausgewogener als bisher. Heute kommen

75 Prozent aller Einnahmen aus den USA.

Zugleich aber stammen 77 Prozent der derzeit

218 Millionen aktiven Nutzer aus dem

Ausland. Nach den USA ist Indonesien das

Land mit den meisten Twitterern.

Und auch die Frage nach der Tragfähigkeit

des Geschäftsmodells wird virulent: 85

Prozent der Umsätze macht Twitter mit

Werbung. Das passt, denn die Plattform

eignet sich hervorragend zum Vermarkten,

Austauschen und Filtern von Nachrichten.

Doch sie steht zunehmend im Wettbewerb

um Nutzer. Schon fallen wegen Überangebots

die Anzeigenpreise in sozialen Netzen.

Das wiegt umso mehr, als die Zeiten vorbei

sind, in denen bei der Bewertung von

sozialen Medienunternehmen weniger Umsatz

und Profit zählten als Erfolge auf der

Jagd nach Nutzern. Und die Konkurrenz

wird härter, weil mit Messaging-Diensten

wie WhatsApp Konkurrenten auftreten, die

den Nachrichtenaustausch in geschlossenen

Benutzergruppen erlauben. Das könnte

Twitter langfristig Verkehr und Geschäft

wegnehmen, wenn die Nutzer sich wieder

auf Privatsphäre besinnen.

GESCHICKT GEWACHSEN

Bislang hat Twitter-Chef Costolo das

Wachstum gut gesteuert. Im ersten Halbjahr

verdoppelte er die Umsätze gegenüber

dem Vergleichszeitraum 2012. Ein Gutteil

der Steigerung kam allerdings durch Akquisen

zustande. Dieses Jahr hat Twitter schon

acht Unternehmen für 600 Millionen Dollar

zugekauft; vier davon im ersten Halbjahr.

Der größte Zukauf – 350 Millionen Dollar

für das mobile Werbenetzwerk MoPub –

fiel in den September. Das wird auch den

Twitter-Umsatz in der zweiten Jahreshälfte

signifikant nach oben schrauben.

Umsatz durch Zukäufe zu steigern ist

allerdings kein Kunststück. Und so hält sich

im Silicon Valley hartnäckig das Gerücht,

dass vielleicht sogar doch noch einer der

großen Internet-Konzerne wie Google oder

Yahoo zuschlägt und Twitter vor dem Gang

aufs Parket noch selbst übernimmt.

Eines aber ist sicher: Die Weltmarke Twitter

muss endlich stärker kommerzialisiert

werden – unter wessen Ägide auch immer.

Vielen Nutzern dürfte das nicht gefallen.

Der Autor ist WirtschaftsWoche-Korrespondent

im Silicon Valley und beobachtet

von dort seit Jahren die Entwicklung der

wichtigsten US-Technologieunternehmen.

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 83

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Management&Erfolg

Leben zwischen Stau

und Überholspur

Peter Körner, 49,

pendelte als Telekom-

Manager jahrelang aus

der Nähe von Darmstadt

nach Bonn

Tägliche

Tortour

MOBILITÄT | Hamburg–Berlin, Köln–Frankfurt,

Essen–Gütersloh: Millionen Deutsche fahren

täglich stundenlang zur Arbeit. Den Staat

kostet das Milliarden – und die Pendler gefährden

Gesundheit und Karriere.

84 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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FOTO: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Jule Körber steht an Gleis 6 und

hofft, dass ihr Trick wieder funktioniert.

Wenn gleich der Regionalexpress

Richtung Minden in

den Bahnhof rumpelt, entscheidet

sich binnen Sekunden, wer sitzen darf

und wer stehen muss. Kurz vor halb acht,

noch bevor der rote Doppeldecker zum

Stehen kommt, schleicht Körber ans hintere

Ende des von ihr gewählten Wagens.

Als die graue Doppeltür aufgeht, lauert sie

schon an der äußeren Seite. „Dort steigen

weniger Menschen aus“, sagt sie. Und

während innen noch die Massen aus dem

Waggon auf den Bahnsteig quellen, hat sie

längst ihren Platz ergattert.

Körber wohnt in Essen und arbeitet in

Gütersloh. Jeden Morgen und jeden

Abend fährt sie 130 Kilometer mit dem

Regionalexpress und durchquert dabei

fast das gesamte Ruhrgebiet. Mit ihrer

Pendelstrecke käme sie in einem Jahr anderthalbmal

um die Erde.

Die 30-Jährige arbeitet als Texterin für

ein Kundenmagazin der Bertelsmann-

Tochter Arvato. Ende 2012 bekam sie die

Zusage für den Job. Doch zur Freude über

die neue Stelle kamen Fragen: Was wird

aus meiner Essener WG und meinem

Freund? Was mache ich abends allein in

Ostwestfalen? Halte ich es aus, jeden Tag

drei Stunden Bahn zu fahren? Und was sagen

Chefs und Kollegen, wenn ich nicht

nach Gütersloh ziehen möchte?

Körbers Antwort: Sie pendelt. Seit Anfang

des Jahres klingelt der Wecker morgens

um 6 Uhr, geduscht hat sie schon am

Abend vorher. Obwohl der Weg zum

Bahnhof nur fünf Minuten dauert, verlässt

sie kurz nach sieben das Haus – „ich habe

immer Angst, zu spät zu kommen“. Auf der

Fahrt liest Körber – morgens Zeitung,

abends Bücher. An die Arbeit denkt sie

nicht, versucht, die Fahrzeit zur Freizeit zu

machen. „Nur Schulklassen sind nervig“,

sagt sie. „Da kann man nicht entspannen.“

Zurück in Essen ist sie abends nicht vor

20 Uhr. Sie setzt sich noch kurz zu ihren

Mitbewohnern, kocht mit ihrem Freund,

geht duschen, fällt ins Bett. Zeit für Sport,

Kino, Freunde bleibt da kaum. Körbers Fazit

nach neun Monaten Pendeln: „Wohnte

ich allein, wäre ich schon längst umgezogen.“

226 KILOMETER EINFACH

Mit Auto, S-Bahn oder Regionalbahn jeden

Tag ein paar Kilometer zurückzulegen, um

zum Job zu kommen – das tun Millionen

Deutsche seit eh und je. Neu ist: Die Stre-

In vollen Zügen

Diezehn von Tagespendlern

meistfrequentierten Bahnstrecken

Deutschlands im Fernverkehr

Karlsruhe

Basel

Bremen

Hannover

Stuttgart

Freiburg

Quelle: Deutsche Bahn

Mannheim

Hamburg

Göttingen

Frankfurt a. M.

Augsburg

Ulm

Wolfsburg

Ingolstadt

Berlin

München

Rosenheim

Zug: Andere Lebensformen, Billigflüge,

neue ICE-Rennstrecken und ein dichtes

Autobahnnetz ohne Maut und Tempolimit,

die zunehmende Verdichtung der Arbeitswelt

und die Hoffnung auf Karriere

haben aus unserem Land eine Pendler-Republik

gemacht.

MIT MILLIARDEN SUBVENTIONIERT

Allein die Zahl der Bahncard-100-Nutzer,

die gegen eine jährliche Pauschale für

4090 Euro in der zweiten und knapp 7000

Euro in der ersten Klasse unbegrenzt mit

jedem beliebigen Zug durch die Republik

»Erzählt mir einer, dass Pendeln nicht

stressig ist, lach ich mich schlapp«

cken, die sie dafür zwischen Wohnort und

Arbeitsplatz zurücklegen, werden immer

länger, oft sind es mehrere Hundert Kilometer.

Einige nehmen die Tortur einmal

pro Woche auf sich, andere gar täglich. Fragen

sich dabei immer wieder: Kommt

mein Zug pünktlich? Stehe ich wieder im

Stau? Komme ich am Flughafen schnell genug

durch die Sicherheitskontrolle?

Die Pendler von heute, sie haben Familie

in Hamburg und arbeiten in einer Kleinstadt

in Baden-Württemberg. Sie leben in

Altbauwohnungen in Berlin-Mitte und verdienen

ihren Lebensunterhalt in modernen

Großraumbüros in Niedersachsen. Leben

unter der Woche in einem Mini-Apartment

in der Nähe des Arbeitgebers und sehen

ihre Familie nur am Wochenende. Allein

400 VW-Mitarbeiter reisen täglich aus

der Hauptstadt ins 226 Kilometer entfernte

Wolfsburg, rund 160 Pendler legen die

Strecke in die entgegengesetzte Richtung

zurück.

Ob Tag für Tag oder Wochenende für

Wochenende, ob mit Auto, Flugzeug oder

fahren können, hat sich seit 2003 vervierfacht.

Laut Bundesfinanzministerium

macht rund eine halbe Million Arbeitnehmer

bei der Steuer mehr als 100 Kilometer

zwischen Wohnung und Arbeitsstätte geltend.

Und es könnten bald noch mehr

werden: Fast 60 Prozent der deutschen

Fach- und Führungskräfte würden für ihren

Traumjob mehr als eine Stunde Fahrzeit

in Kauf nehmen, ermittelte das Jobportal

Stepstone.

Auch der Staat fördert die Reiserei, verzichtet

über die Pendler-Pauschale jedes

Jahr auf rund 4,5 Milliarden Euro Steuern.

Viel Geld – aber wofür? Pendeln ist riskant.

Ein Stau auf der Autobahn, ein verpasster

Anschlusszug, und schon gerät die

ausgeklügelte Zeitrechnung ins Wanken.

„Als Arbeitnehmer müssen Sie dafür sorgen,

dass Sie pünktlich zum Job kommen.

Verspätungen sind kein Kavaliersdelikt“,

warnt der Hamburger Arbeitsrechtler

Christian Oberwetter.

Unter dem Stellwerk-Chaos am Mainzer

Hauptbahnhof, das im August wochenlang

für Aufregung sorgte, litten vor allem Pendler.

Als das Elbe-Hochwasser im Juni im

halben Land den Verkehr lahmlegte, blieb

vielen nur der Umzug ins Hotel – oder eine

von der Stadt Wolfsburg bereitgestellte Kaserne.

Wegen eines kaputten Bahndamms

verliert man von Berlin nach Wolfsburg

noch immer fast drei Stunden am Tag.

„Leben Sie so dicht wie möglich an

Ihrem Arbeitsplatz“, empfiehlt deshalb

Kienbaum-Personalberater Matthias

Busold. Wenn der Headhunter mit

»

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 85

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Management&Erfolg

Kandidaten über Führungspositionen

spricht, zählt die Frage nach dem Wohnsitz

zu den wichtigsten. Erst recht, seit die

Bahn mit ihren Hochgeschwindigkeitstrassen

lockt: Wenn alles glattgeht, schafft

der ICE die 280 Kilometer von Berlin nach

Hamburg in einer Stunde und 42 Minuten.

Köln–Frankfurt (189 Kilometer)

klappt im Schnitt in 75 Minuten, Hannover–Kassel

mit Ausstieg ICE-Bahnhof Wilhelmshöhe

(168 Kilometer) in 55 Minuten.

Wer kommt da nicht in Versuchung,

sich eine weite Anfahrt kurzzurechnen.

„Viele reden sich ein, sie könnten auch

im Zug arbeiten. Aber wenn der Zug voll

ist, wird das schwierig“, sagt Personalberawegen

psychischer Erkrankungen, je weiter

sie vom Arbeitsplatz weg wohnen.

Der typische Pendler ist männlich, älter

als 35, hat Frau und Kinder. Doch die sind

im Unterschied zu früher nicht mehr bereit,

bedingungslos hinterherzuziehen.

Auch, weil die Partnerin heute oft selber

Karriere macht. „Männer sind lieber auf

Achse“, sagt Norbert Schneider, Leiter des

Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung

in Wiesbaden. Sie verließen nur

ungern ihre gewohnte Umgebung. Andere

pendeln, weil ihr Büro umgezogen ist

oder weil sie Angst haben, keinen anderen

Job zu finden. „Manche leiden Jahrzehnte

unter dieser Situation, ohne etwas daran

zu ändern“, sagt Soziologe Schneider. Wochenendpendler

wiederum bildeten sich

sogar ein, mit der Reiserei ihre Karriere zu

befördern. Ihr Kalkül: Werktags gilt die

volle Konzentration dem Beruf, das Wochenende

gehört der Familie. „Der typische

Wochenendpendler ist hoch qualifiziert

und gebildet“, sagt Schneider. Eine

Zweitwohnung oder ständige Hotelübernachtungen

können sich oft nur Top-Verdiener

leisten.

»

Täglich quer durchs Ruhrgebiet

Autorin Jule Körber, 30, pendelt

130 Kilometer zwischen Essen

und Gütersloh

»Wohnte ich allein, wäre ich schon

längst umgezogen«

Körner eine Zweitwohnung am

Rhein und pendelt jedes Wochenende

mit dem Auto über die

A 3. Rund 200 Kilometer, sieben

Jahre lang. Allein für die Heimfahrt

am Freitagabend braucht

Körner oft bis zu vier Stunden.

„Die Raststätten konnte ich irter

Busold. „Mit der Zeit geht Ihnen die

Pendelei gewaltig auf den Keks. Und nach

spätestens zwei Jahren belastet der Stress

die Arbeitsleistung.“

Wie stark Pendler unter Strom stehen,

hat bereits 2004 der britische Stressforscher

David Lewis untersucht. Sein Ergebnis

ist alarmierend: Droht ein

Pendler seinen Zug zu verpassen,

kann sein Stresspegel stärker

steigen als der von Kampfpiloten

im Einsatz. Die Gesundheit

leidet mit steigender Entfernung.

Laut einer von der AOK

veröffentlichten Studie fehlen

Arbeitnehmer umso häufiger

Reportage

Lesen Sie in der

App, wie Pendler

unter dem Hochwasser

zwischen

Wolfsburg und

Berlin leiden

AUF DER ÜBERHOLSPUR

So wie Peter Körner. Der 49-Jährige hat

jahrzehntelang ein Leben auf der Überholspur

geführt:Nach seinem Studium in Kiel,

Informatik und Wirtschaftswissenschaft,

und ersten Jobs bei TUI-Vorgänger Preussag

in Hannover und dem genossenschaftlichen

Berater Genoconsult bei Frankfurt

holt ihn die Telekom als Personalentwickler.

Schon in den Neunzigerjahren ist Körner

berufsbedingt ständig auf Achse, den

Kontakt zu seiner Frau hält er vor allem

übers Handy. „Unter 600 Mark im Monat“,

erinnert sich Körner, „hatte ich selten auf

der Rechnung.“

Bis in den Zirkel der 70 wichtigsten Konzernmanager

steigt Körner auf, verantwortet

die gesamte Personalentwicklung seines

Arbeitgebers. Als er 2006 von Darmstadt

wieder in die Zentrale nach Bonn beordert

wird, bleibt seine Frau mit den beiden Kindern

in Hessen. Die Berufsschullehrerin

hatte sich gerade erst nach Darmstadt versetzen

lassen. Also nimmt sich

FOTO: INGO RAPPERS FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

86 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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gendwann nicht mehr sehen“, erinnert er

sich. „Wenn mir einer erzählt, dass Pendeln

nicht stressig ist, lache ich mich schlapp.“

Zu Hause bei der Familie bleiben ihm oft

nur 36 Stunden: In dieser Zeit geht er Sprudel

holen, tauscht verschwitzte Hemden

und Anzüge in der Reinigung gegen frische

und begleitet seinen Sohn zum Fußball. Ab

Sonntagmittag verschwindet der Manager

in seinem Arbeitszimmer und bereitet die

neue Woche vor. Körner steigt so rasant

auf, dass er kaum merkt, was alles auf der

Strecke bleibt. Seine alten Freunde aus Kiel

trifft er höchstens einmal im Jahr. „Je höher

ich kam, desto mehr war ich fremdbestimmt“,

sagt er heute.

ZERBROCHENE BEZIEHUNGEN

Immer öfter erfährt er von Kollegen, deren

Beziehungen an der Pendelei zerbrechen.

Dass in seiner Bonner Zweitwohnung niemand

auf ihn wartet, bedrückt Körner immer

mehr. Ihm wird klar, dass er Sohn und

Tochter in all den Jahren nicht richtig aufwachsen

sieht – und er verlässt die Telekom.

Für seinen neuen Arbeitgeber, eine

Unternehmensberatung in Frankfurt, ist er

zwar auch viel unterwegs – aber jeden

Abend zu Hause bei der Familie. „Neulich

habe ich mit meinen Kindern zum ersten

Mal überlegt, was wir zum Straßenfest beitragen.“

Und das ist ihm mehr wert als die Unterstützung,

die sein ehemaliger Arbeitgeber

ihm und anderen Pendlern zukommen

lässt:Die Telekom erlaubt Mitarbeitern flexible

Arbeitszeiten und Heimarbeit, im Intranet

des Konzerns können sich Pendler zu

Fahrgemeinschaften verabreden, manche

bekommen gar eine Bahncard auf Firmenkosten.

Materielle und organisatorische Unterstützung

für Pendler – bei großen Unternehmen

offenbar keine Seltenheit, wie eine

Umfrage der WirtschaftsWoche unter

den 30 größten Dax-Konzernen zeigt. Fast

90 Prozent erlauben Angestellten, an manchen

Tagen zu Hause zu arbeiten. In zwei

von drei Konzernen gibt es Pendler-Netzwerke

für Fahrgemeinschaften, Firmen-

Bahncards oder Jobtickets. Und dennoch

verschließen die Unternehmen vor der Brisanz

des Themas letztlich die Augen. Auf

die Frage, wie viele Mitarbeiter zum Job

wohl mehr als 50 Kilometer zurücklegen,

antwortete überhaupt nur jedes vierte Unternehmen

– und dann nur mit groben

Schätzungen. Die Allianz mutmaßt, dass

fast jeder dritte Mitarbeiter in der Münchner

Zentrale täglich aus der Ferne an-

»

Strecke Entfernung Zeit 1Std. 2Std. 3Std. 4Std.

Entfernung bis100 Kilometer

Hamburg

Mannheim

Hannover

Stuttgart

Lübeck

Karlsruhe

Wolfsburg

Ulm

64 km

67 km

89 km

92 km

Entfernung bis200 Kilometer

Leipzig

Hannover

Hannover

Mannheim

Mannheim

Berlin

Köln

Dresden

Göttingen

Bremen

Leipzig

Frankfurt

Stuttgart

Saarbrücken

110 km

120 km

121 km

130 km

134 km

186 km

189 km

Entfernung bis300 Kilometer

Dortmund

Berlin

Leipzig

Berlin

Hannover

Wolfsburg

Nürnberg

Hamburg

Mehr als300 Kilometer

Frankfurt

Frankfurt

Basel

Hannover

Mal Schnecke, mal Windhund

Wieschnell Pendlermit derBahn

ansZielkommen

213 km

226 km

275 km

280 km

324 km

351 km

36 Minuten

22 Minuten

32 Minuten

55 Minuten

1:05 Stunden

34 Minuten

59 Minuten

38 Minuten

1:19 Stunden

1:13 Stunden

1:15 Stunden*

1:40 Stunden

1:05 Stunden**

3:32 Stunden

1:42 Stunden

2:44 Stunden

2:19 Stunden

*Durchschnittswert; ** wegenHochwasserschäden bis 4. November 2:09 Std.;die Tabellezeigtdie schnellsten VerbindungenimStundentakt

(auf einzelnenStreckenverkehren dazwischen noch andereFernzüge, dieaberinder

Regellangsamersind);Quelle:DeutscheBahn;Stand:9.10.2013

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 87

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Management&Erfolg

TIPPS

Finanzieller Trost

Wie Pendler Steuern sparen.

PENDLER-PAUSCHALE

Tagespendler können für jeden Kilometer

der einfachen Strecke ihres Arbeitswegs

30 Cent absetzen. Wer 50 Kilometer

von seinem Job entfernt lebt und

200 Tage im Jahr arbeitet, kann für

10 000 Kilometer 3000 Euro Werbungskosten

geltend machen. Bei einem Spitzensteuersatz

von 35 Prozent spart man

1050 Euro. Wer mehr als 4500 Euro geltend

macht, muss dem Amt meist Tankbelege,

Reparaturrechnungen oder

TÜV-Berichte vorlegen, sagt der Hamburger

Steuerberater Jörg Lemmermann.

ZWEITWOHNUNG

Bis 31. Dezember 2013 gilt: Wer in einer

anderen Stadt arbeitet und deshalb

eine Zweitwohnung hat, darf Mietkosten

für bis zu 60 Quadratmeter von der

Steuer absetzen. Ab 2014 können für

eine Zweitwohnung bis zu 1000 Euro

Kosten geltend gemacht werden. In den

ersten drei Monaten können Wochenendpendler

auch Kosten für Lebensmittel

absetzen, außerdem Aufwendungen

für Möbel, Bettwäsche, Maklergebühren

und eine Heimfahrt pro Woche.

Abschalten

So wird Pendeln erträglicher.

AUGEN SCHLIESSEN

Schalten Sie ab – vor allem Laptop und

Smartphone. Hören Sie Musik.

BEINE HOCHLEGEN

Nicht am Wochenende nachholen, was

unter der Woche wegen des Pendelns

liegen geblieben ist. Erholen Sie sich

lieber.

PROBLEME KLÄREN

Klären Sie familiäre Probleme am Feierabend.

Genießen Sie das Wochenende.

REGELN VEREINBAREN

Regeln Sie den Umgang mit Verspätungen,

fragen Sie nach Heimarbeit und

Gleitzeit.

»

reist. BMW schätzt den Anteil auf 25 Prozent.

Die Deutsche Börse, BASF und Rückversicherer

Munich Re rechnen an ihren

Hauptsitzen mit rund zehn Prozent. 18

Dax-Unternehmen ist der Wohnort ihrer

Mitarbeiter egal, zwei Konzerne bevorzugten

das Domizil am Arbeitsort.

„Pendeln muss nicht automatisch ein

Karrierekiller sein. Es kann helfen, Privatleben

und Beruf unter einen Hut zu bringen“,

heißt es bei Infineon. „Es kann aber für

Mitarbeiter auch zur Belastung werden.“

Die meisten anderen von der WirtschaftsWoche

befragten Unternehmen

blocken Nachfragen zum Thema Pendeln

ab. Zu groß ist offenbar die Angst, in Zeiten

knapper Fachkräfte in ein schlechtes Licht

zu geraten oder sich juristisch angreifbar

zu machen. Laut Arbeitsrecht darf ein Unternehmen

seinen Mitarbeitern den

Wohnort nämlich nicht vorschreiben, sagt

der Bremer Anwalt Alexander von Saenger.

Es sei denn, die Nähe zum Arbeitsplatz ist

wie etwa bei Ärzten von unmittelbarer Bedeutung

für den Job.

KARRIEREKILLER PENDELN

„Die meisten Unternehmen wissen nicht,

welche ihrer Mitarbeiter fernpendeln“,

sagt Soziologe Schneider. „Viele Pendler

verschweigen ihre Situation auch bewusst.

Sie fürchten, als weniger leistungsfähig

zu gelten.“ Der Frankfurter Personalberater

Michael Faller hält das für alarmierend:

„Die Arbeitgeber sind nicht ausreichend

sensibilisiert. Sie erwarten Mobilität,

wissen aber nicht, wie ihre Mitarbeiter

das bewerkstelligen.“

Ein Problem gerade auch im Mittelstand,

vor allem unter Führungskräften.

Denn Pendler leiden nicht nur unter dem

höllischen Stress. Sie senden auch negative

Signale an Kollegen und Mitarbeiter.

Die entwickeln nämlich ein gutes Gespür

dafür, wo ihr Chef am Samstagmittag ist.

„Wenn Sie im Schwarzwald

arbeiten, aber in jeder freien

Minute nach Hamburg

düsen, drücken Sie damit

aus: Bei euch gefällt es mir

nicht“, sagt Kienbaum-Personalberater

Busold.

Viele seiner Kandidaten

wollen erst mal pendeln,

solange sie in der Probezeit

sind. Dabei wäre es umgekehrt

viel sinnvoller, findet

der Headhunter. „Am Anfang

müssen Sie sich in der

Firma verwurzeln. Nach

GEWINNSPIEL

Sie pendeln zur Arbeit? Dann

schreiben Sie uns Ihre skurrilsten

Situationen, die Sie auf

dem Weg zum Job mit Bahn,

Auto oder Flieger erlebt haben.

Für die drei besten Storys gibt’s

je ein WirtschaftsWoche-Pendler-Paket:

Quartalsabo unserer

iPad-Ausgabe inklusive eMagazin,

DVD-Box mit Wirtschaftskrimis

und einen Kaffee-

Thermobecher. Bis 27. Oktober

2013 an aktion@wiwo.de

Letzter Aufruf

Muggensturm

Ihle-Vorstand Joachim

Dittrich, 51, pendelt

zwischen Hamburg und

badischer Provinz

drei Jahren sind die Meriten verdient –

dann können Sie am Wochenende auch

mal verschwinden.“

Gerade Familienunternehmer legen

Wert darauf, dass sich ihre Chefs mit der

Region identifizieren. Mitunter scheitern

Kandidaten auf der Zielgeraden, nur weil

sie nicht bereit sind, umzuziehen.

So wie bei einem Maschinenbauzulieferer

aus Ostwestfalen. Der Inhaber ist im Ort

verwurzelt, fördert Kindergarten und Kultur.

Nach mehr als 30 Jahren in der Firma

sucht er einen Nachfolger. Bald begeistert

ihn ein aufstrebender Manager aus Düsseldorf,

mit perfektem Lebenslauf und tollen

Ideen. Bei einem gemeinsamen Abendessen

mit den Ehefrauen soll feierlich der

Vertrag unterschrieben werden. Doch am

festlich gedeckten Tisch kippt plötzlich die

Stimmung: Die Gattin des

Kandidaten will ihre Zahnarztpraxis

nicht aufgeben,

ein Umzug von der Landeshauptstadt

in die Provinz

kommt für sie nicht infrage.

„Nach Ostwestfalen ziehen

wir nicht!“, raunzt sie den

Patriarchen an. Die Übergabe

platzt.

Dass es auch anders laufen

kann, zeigt Michael

Dittrich. Der Hamburger

passt auf den ersten Blick

so gar nicht nach Muggen-

FOTO: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

88 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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sturm, einem 6000-Seelen-Dorf im badischen

Landkreis Rastatt. Vor etwas mehr

als zweieinhalb Jahren hat der 51-Jährige

dort seinen Vorstandsvertrag beim europaweit

tätigen Reifenhändler Ihle AG unterschrieben.

Um mit der Region warm zu

werden, blieb er anfangs jedes vierte Wochenende

in Baden. „Meine Frau ist auch

Unternehmerin“, sagt Dittrich, „sie hatte

dafür Verständnis.“

Der Manager aus dem hohen Norden

hat sich längst eingelebt im Südwesten,

spielt jeden Donnerstag Saxofon im Musikverein

einer Nachbargemeinde. „Wenn

die anderen badisch sprechen, verstehe

ich zwar noch immer kein Wort“, sagt er.

„Aber es macht Spaß. Manchmal trete ich

sogar bei Konzerten auf.“

»Im Bus zum Ersatzflughafen verfrachtet

werden? Kommt halt mal vor«

An Dittrichs Arbeitsplatz riecht es nach

Gummi statt nach Nordseeluft. Neben seinem

Schreibtisch hängt ein Bild von der

Hamburger Speicherstadt. Mehr als 600

Kilometer trennen ihn davon. Wenn alles

glattgeht, schafft er es in drei Stunden.

Meistens aber dauert es länger, so wie

heute. Weil er spontan schon am Donnerstag

nach Hause zurückkehren möchte,

gibt es keinen Flug mehr vom nahen

Baden-Baden. Also muss er ins 90 Kilometer

entfernte Stuttgart fahren. Katastrophe?

Nicht für Dittrich. „Als Air Berlin

noch die Strecke bedient hat, wurden wir

ein paar Mal in Busse verfrachtet und

dorthin umgeleitet. Kommt halt mal vor.“

Nach zwei Stunden mit dem Hamburger

hat man das Gefühl, dass es doch gehen

kann: Pendeln und Karriere machen

ohne Stress. Man hat aber auch eine Ahnung,

was Psychologen wie Sabine Siegl

meinen: „Nicht jeder ist fürs Pendeln geschaffen“,

sagt sie. „Pendeln kann krank

machen.“

Ihr Tipp: Auf keinen Fall sollten Pendler

versuchen, am Wochenende alles nachzuholen,

was von Montag bis Freitag auf

der Strecke geblieben ist. „Entspannen Sie

sich, und kommen Sie zur Ruhe“, rät die

Psychologin. Damit das gelingt, muss aber

auch der Partner mitspielen. „Wenn zu

Hause jemand wartet, der sich nach Aktivität

und Unternehmungen sehnt, drohen

Konflikte“, warnt Bevölkerungsforscher

Norbert Schneider.

Sabine Siegl empfiehlt Pendlern deshalb,

schon auf den Fahrten abzuschalten

und die Gedanken schweifen zu lassen.

„Nutzen Sie die Zeit nicht zum Arbeiten,

sondern um Abstand zum Tag zu gewinnen.“

Ihr Tipp: Musikhören und aus dem

Fenster schauen statt telefonieren und auf

den Bildschirm starren. Oder einfach nur

die Mitreisenden beobachten (siehe Kasten

Seite 88).

Jule Körber kennt ihre Mitfahrer im Regionalexpress

nach Gütersloh inzwischen

ganz gut. Die Anzugträger fahren zu den

vielen kleinen Firmen auf dem Land. Die

Jura-Studenten sind auf dem Weg zur Uni

nach Bielefeld. Die Mädchengruppe, die

immer so laut lacht, fährt noch eine Station

weiter zur Friseurausbildung an die

Berufsschule.

Anfangs hatte Körber noch große Zweifel,

ob sie wirklich pendeln soll. Gerade

wenn der Zug wieder durch Orte wie Neubeckum

oder Oelde schlich. „Man sieht

echt nicht ein, wieso der Zug hier halten

muss“, sagt Körber. Noch in der Probezeit

merkt sie: Der Großteil ihrer Kollegen teilt

ihr Schicksal. „Die haben auch Verständnis,

wenn der Zug mal zu spät kommt.“

Kurz hinter Rheda-Wiedenbrück, die

Sprechanlage knackst. „Verehrte Reisende,

die Weiterfahrt verzögert sich um wenige

Minuten, wir werden von einem

Fernverkehrszug überholt“, meldet eine

knarzende Stimme. Körber zuckt mit den

Schultern. „Das passiert öfter“, sagt sie.

„Dafür kann man dann auch mal in den

ICE umsteigen, wenn der Regionalexpress

ausfällt.“

Ein schwacher Trost, irgendwie weiß

Körber das wohl selbst. Wie lange sie sich

die täglichen Reisen noch antut? „Keine

Ahnung“, sagt sie. Nur eins weiß sie genau:

„Familie haben und pendeln – das kann

ich mir nicht vorstellen.“

n

andreas dörnfelder, jacqueline goebel | erfolg@wiwo.de

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Geld&Börse

Bevollmächtigter

in Problemlage

FAIRVESTA | Geschlossene Immobilienfonds haben mit dem Zusammenbruch von

S&K ihren letzten Rest an Glaubwürdigkeit verloren. Bei der Fondsgesellschaft

Fairvesta, der Anleger rund 700 Millionen Euro anvertraut haben, läuft es längst nicht

so gut wie behauptet.

Otmar Knoll hat scheinbar alles

unter Kontrolle: Mehrere Bildschirme

säumen seinen

Schreibtisch in einem Büro im

Tübinger Gewerbegebiet. Für

sein Geschäft – Handel mit Immobilien –

braucht er nur einen. Auf den anderen

flimmern die Bilder seiner Überwachungskameras.

Einen Pförtner gibt es nicht. Alle

Daten laufen beim Fairvesta-Handlungsbevollmächtigten

zusammen. Knoll – intern

nur OK genannt – aber gibt kaum Informationen

heraus.

Die Fairvesta-Gruppe besteht im Kern

aus 13 geschlossenen Immobilienfonds.

Geschlossene Fonds sind unternehmerische

Beteiligungen, bei denen Anleger zusammen

zum Beispiel Immobilien oder

Schiffe erwerben. „Geschlossen“ heißen

sie, weil der Anleger über Jahre nicht aus

ihnen rauskommt. Gut 700 Millionen Euro

haben rund 14 000 Anleger über derartige

Vehikel Knoll anvertraut. 2012 hat Fairvesta

176 Millionen Euro bei Investoren eingesammelt,

die Gruppe ist damit bereits die

Nummer drei im Markt (siehe Grafik).

Knoll verlässt sich aber nicht nur auf die

Fonds, um Anlegergelder anzusaugen.

n Die Liechtensteiner Töchter sammeln

seit 2010 Geld über Anleihen ein. Die sollen

Anlegern jährlich einen Basiszins zwischen

4,2 und 7,0 Prozent bringen.

n Seit 2011 speist zudem die Berliner Fairvesta-Tochter

Robustus GmbH Beiträge

von Lebensversicherungskunden in das

System Knoll ein. Die Kunden kaufen

fondsgebundene Policen, deren Rendite

an den Erfolg eines Fairvesta-Fonds gekoppelt

ist. Über die Liechtensteiner Fairvesta

Vermögensverwaltung International managt

Fairvesta das eingesammelte

Kapital.

Dass Anleger Knoll mit Geld

zuschütten, hat einen Grund:

Fairvesta weist für die Fonds seit

zehn Jahren im Schnitt zweistellige

Renditen aus, trotz anfänglich

abgezogener Kosten von gut

20 Prozent. Da hält kein Wettbewerber

mit.

Das Geschäftsmodell, das diese Renditen

bringen soll, ist simpel:

n Fairvesta kauft Immobilien und zahlt 30

bis 50 Prozent weniger, als die angeblich

wert sind. Gekauft würden nur „Qualitätsimmobilien

in guter Lage ohne Reparaturstau“,

wie es zum Beispiel im Prospekt

des Fonds Fairvesta 4 heißt.

n Binnen drei Jahren sollen die Immobilien

mit hohem Gewinn weiterverkauft werden.

Eine todsichere Sache, so scheint es.

Pech nur: Ob das Modell „billig einkaufen,

teuer verkaufen“ funktioniert, kann

Nummer drei im Markt

VonPrivatanlegern 2012 in geschlossene

Fonds eingezahltes Kapital (in Mio.Euro)

Real I.S. (Immobilien)

IVG (Immobilien)

Fairvesta (Immobilien)

Jamestown (Immobilien)

Wealthcap (Sachwerte)

Quelle:Verband Geschlossene Fonds

134,9

176,3

171,9

Lesen Sie im

nächsten Heft:

Woran Sie erkennen,

dass Ihr Fonds

wackelt; wie Sie die

miesen Tricks der

Anbieter kontern

205,6

193,4

von außen niemand nachprüfen.

„Fairvesta wären die Einzigen

in der Branche, die dauerhaft

zweistellige Renditen schaffen.

Ich kann einfach nicht glauben,

dass alle anderen zu blöd

sind“, sagt ein Mitbewerber.

Knoll hält seine Immobiliendeals

geheim. Anleger dürfen

die Unterlagen der Fonds zwar einsehen,

jedoch – unter Androhung von 25 000 Euro

Vertragsstrafe – keine Geschäftsberichte

oder Daten weitergeben. Knoll sagt, er habe

nichts zu verbergen: „Jeder kann nach

Tübingen kommen und in die Bücher

schauen.“ Einzige Voraussetzung sei die

Unterzeichnung einer Geheimhaltungserklärung.

Doch die ließe es kaum zu, Fakten

bei Dritten nachzuprüfen – oder an anderer

Stelle erlangte Informationen zu verwenden,

ohne eine Strafe zu riskieren.

Dass Knoll Gründe für seine Geheimniskrämerei

hat, zeigen Recherchen der WirtschaftsWoche.

Die Ergebnisse sind geeignet,

den Glauben an die Geldvermehrungsmaschine

Fairvesta zu erschüttern:

Mehrere Fonds haben seit Jahren gar keine

oder nur wenige Immobilien verkauft. Die

ausgewiesene Traumrendite existiert damit

nur auf dem Papier. Um sie tatsächlich

zu erzielen, müssten die Immobilien mit

hohem Gewinn verkauft werden. Das weniger

renditeträchtige langfristige Halten

von Immobilien reicht dafür nicht aus.

Doch Käufer werden nicht leicht zu finden

sein. Mehrere Objekte werden mit unrealistisch

hoch erscheinenden Werten angesetzt,

manche Objekte sind alles andere

als „Qualitätsimmobilien“ und stehen teilweise

leer. Bei einem Fonds wurden

»

FOTO: CHRISTOPH BUSSE FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

90 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Hoch bewertet

Wohn- und Geschäftshaus

Grimma (Sachsen)

OBJEKTDATEN

Hauptmieter des Gebäudes ist

Discounter Norma. Die Mieteinnahmen

sind 18 Prozent niedriger als geplant.

BEWERTUNG

3,9 Millionen Euro als Wert angesetzt.

Üblicher Preis für solche Objekte:

maximal 13-fache Miete.

WERTANSATZ

21-fache

Jahresmiete

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Geld&Börse

»

schwer verkäufliche Immobilien

angeblich an einen

oder zwei ausländische Investoren

abgegeben, der Deal

lässt aber Fragen offen.

Knoll ist der Vater des Erfolgs

von Fairvesta, die 2002

ihren ersten Fonds auflegte

und keine zehn Jahre später

so viel Geld einsammelte wie

kaum ein anderer Immobilienfondsanbieter

auf dem

grauen Kapitalmarkt. Formal

aber hat Knoll noch einen

Boss: den Banker Hermann

Geiger, Vorstand der Muttergesellschaft

Fairvesta Group

AG. Knoll ist „Handlungsbevollmächtigter“.

Vorstand

kann er nicht sein, seit er wegen

länger zurückliegender,

hoher Steuerschulden den

Offenbarungseid, also die eidesstattliche

Versicherung

über sein Vermögen, abgeben

musste. Laut Pfändungsverfügung

des Finanzamts

Singen vom August 2012

schuldete er dem Finanzamt über 1,5 Millionen

Euro. Ein Teil seines Einkommens

wird gepfändet. Knoll will sich dazu nicht

äußern. Da er keinen Zugriff auf Anlegergeld

habe, spiele seine „persönliche Steuersituation“

für Fairvesta keine Rolle.

TRAUMRENDITEN

Doch jetzt soll es um die Immobilien gehen.

Auf der Suche nach Belegen wühlt

sich Knoll durch Aktenordner, präsentiert

den Kaufvertrag einer Immobilie, die er für

zwei Millionen gekauft und nach wenigen

Monaten für 2,65 Millionen losgeschlagen

hat. Er zeigt die Urkunden vom Notar, die

Grundbuchauszüge. Weiter zur nächsten

Immobilie: „Hier sind die Kaufverträge, die

Grundbuchauszüge.“ Er tippt die Preise in

seinen Taschenrechner, zeigt die zweistellige

Rendite und blickt über seine Brille.

„Ich glaube, da brauchen wir nicht diskutieren,

oder?“, fragt er mit dröhnendem

Bass und steckt sich die nächste Marlboro

an. Jeder soll verstehen: Fairvesta erwirtschaftet

die Traumrenditen tatsächlich.

Zu den Renditen soll es so kommen:

Banken, denen in der Finanzkrise Immobilien

zugefallen seien, wollten ihre Portfolios

bereinigen, sagt Knoll. „Die sind dann

auch bereit, Immobilien unter dem Verkehrswert

abzugeben, vor allem dann,

wenn sie gleich mehrere Immobilien im

Wenig Mieter

Wohn- und Geschäftshaus

Großalmerode (Hessen)

OBJEKTDATEN

Das 1735 Quadratmeter große

Gebäude wurde 1979 gebaut.

Hauptmieter Rewe ist weg.

BEWERTUNG

Fairvesta hat 2008 gut 1,3 Millionen

Euro für das Haus gezahlt. Aktuell soll

es 1,8 Millionen wert sein.

LEERSTAND

76 Prozent

Paket losschlagen können.“ Weil viele Konkurrenten

erst eine Finanzierung organisieren

müssten, kämen sie als Käufer nicht

infrage. Marktteilnehmer, die genug Cash

hätten, bräuchten oft zu lange. „Deshalb

kommen wir zum Zug. Wir haben das Kapital,

flache Hierarchien und können

schnell eine Zusage erteilen“, sagt er.

Gewichtige Marktteilnehmer können

sich das nicht so recht vorstellen. „Unserer

Wahrnehmung nach werfen Banken bislang

keine Immobilienpakete mit großen

Abschlägen auf den Markt“, sagt Reinhard

Mattern, Geschäftsführer von iii-Investments,

einem Immobilienfondsanbieter,

der 4,4 Milliarden Euro managt.

„Hohe Abschläge gibt es nur für Problemimmobilien“,

sagt Christoph Wittkop,

Geschäftsführer der Immobiliengesell-

schaft Pamera: Objekte in

schlechtem Zustand, mit

Leerstand oder in wirtschaftlich

schwachen Kleinstädten.

„Dort kann man häufig günstig

Immobilien kaufen. Das

können durchaus gute Gebäude

sein, die stabile Mieter

haben.“ Nur seien die später

schwer wieder zu verkaufen.

Fairvesta-Immobilien liegen

häufig ausgerechnet an

Orten, die andere Investoren

als „Problemlagen“ bezeichnen:

Dreieich, Unterlüß, Tangerhütte

oder Reichenbach.

Oft sind es Bürogebäude oder

Supermärkte mit Wohnungen

darüber. Wer Knoll die

Schätzchen zu Sonderkonditionen

verkauft und wer sie

ihm zu hohen Preisen abnimmt,

sagt der ansonsten so

redselige Handlungsbevollmächtigte

nicht. Auch die

Adressen der Immobilien

bleiben geheim.

Wer die Beteuerungen

Knolls überprüft, stößt auf eine Menge Ungereimtheiten.

n Abverkäufe. Laut Knoll verkaufen die

Fonds alle Immobilien im Schnitt innerhalb

von drei Jahren wieder, viele sogar

schon nach einem Jahr. Der 2005 aufgelegte

Fonds Fairvesta 4 etwa– mit 100 Millionen

Euro Volumen der größte Fonds – habe,

sagt Knoll, seine rund 30 direkt gekauften

Immobilien fast alle schon mal verkauft

und den Erlös neu investiert. Keine Immobilie

sei länger als drei Jahre gehalten worden.

Auch über alle Fonds gesehen, sei eine

Haltedauer von über drei Jahren die absolute

Ausnahme. Das aber ist falsch:

Laut Geschäftsberichten kaufte der Fairvesta

4 bis Ende 2012 insgesamt 27 Immobilien.

Bis zu diesem Zeitpunkt wurden nur

vier Objekte verkauft; 65 Prozent der noch

vorhandenen Immobilien waren länger als

drei Jahre im Bestand.

Keine Ausnahme: Der Fairvesta Fonds 1

mit zehn Millionen Euro Volumen hat laut

Geschäftsberichten zuletzt 2008 ein Haus

verkauft. Fonds 5, gut 22 Millionen Euro

schwer, hat seit Beginn im Jahr 2006 bis Ende

2012 noch keine einzige Immobilie verkauft.

Rege gehandelt hat jedoch der 2011

aufgelegte Fonds Mercatus 8 mit rund 76

Millionen Euro eingezahltem Kapital: Von

den gekauften rund 30 Immobilien sind

wenigstens sechs wieder verkauft.

»

FOTO: GERD AUMEIER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

92 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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FAIRVESTA GEGEN S&K

Schmierlappen im Netz

Wie Fondsanbieter sich mit zweifelhaften Methoden bekriegen.

Der Fairvesta-Handlungsbevollmächtigte

Otmar Knoll musste einiges ertragen.

Namentlich nicht genannte Autoren beschimpften

ihn im Internet aufs Übelste.

Er würde Mitarbeiterinnen auf der Toilette

beobachten, hieß es. Knoll weist dies von

sich. An anderer Stelle hieß es: „Hauptsache,

es merkt keiner, wie ich die Anleger

verarsche“, denke sich „Otti“.

Wer in der Finanzbranche Erfolg haben

will, muss das Vertrauen der Anleger gewinnen,

damit diese in seine Fonds investieren.

Veröffentlichungen, die Zweifel an

der Seriosität eines Emittenten wecken,

haben gravierende Folgen. Knoll beziffert

den entstandenen Schaden auf mindestens

acht Millionen Euro.

Besonders intensiv verfolgt wurde

er von Günther S.*, der etwa Verbraucherzentralen

und Journalisten

mit Faxen über Knoll bombardierte.

Er alarmierte auch mal die Polizei,

erstattete Strafanzeige oder stellte

ins Blaue hinein einen Insolvenzantrag

für Fairvesta. S. ist seit Kurzem

in Haft, wegen Erpressung in einem

anderen Fall.

3000 EURO FINANZSPRITZE

Was S. zu den Attacken trieb, ist unklar.

Briefe an ihn und seinen Anwalt blieben

unbeantwortet. Unterlagen, die der WirtschaftsWoche

vorliegen, zeigen jedoch,

dass sich S. mit einem Ex-Fairvesta-Sprecher,

der das Unternehmen im Streit verließ,

austauschte und mit ihm gemeinsam

einen Termin bei einem Journalisten

wahrnehmen wollte. Dass der Ex-Sprecher

die Attacken gegen Knoll beauftragt

hat, geht daraus allerdings nicht hervor.

Er verneint dies auch.

Knoll behauptete kürzlich in einer Pressemitteilung,

dass sein früherer Hauptkonkurrent

– die Unternehmensgruppe

S&K – den Faxschreiber Günther S. beauftragt

habe. Die S&K-Geschäftsführer

werden des bandenmäßigen Betrugs verdächtigt

und sitzen seit Februar in Untersuchungshaft.

Sie hatten bei Anlegern

* Namen von der Redaktion geändert

über 100 Millionen Euro eingesammelt, die

sie angeblich in Immobilien investieren

wollten (WirtschaftsWoche 05/2013). Stattdessen

sollen die beiden einen Teil des Geldes

jedoch privat verprasst haben.

Mit einem der Geschäftsführer stand S. in

Kontakt. Aus E-Mails geht hervor, dass er

Stephan Schäfer im Sommer vergangenen

Jahres anbot, S&K bei Finanzvertrieben ins

Gespräch zu bringen, bei denen er Fairvesta

zuvor in Misskredit gebracht hat. Zudem

bat er Schäfer um mindestens 3000 Euro.

„Bitte helfen Sie mir nochmals“, schreibt S.

am 16. Oktober 2012. „Wenn Knoll verschwindet,

haben Sie es leichter am

„Sie sind mir sympathisch“ S&K-Gründer

Schäfer (links) und Köller

Markt.“ Schäfer zahlte. Dass er dafür den

Fax-Terror forderte, geht daraus aber nicht

hervor. Schäfer schreibt: „Sie sind mir sympathisch.

Ihnen helfe ich auch einfach so.“

Schäfer selbst wurde im Netz nicht minder

mit Dreck beworfen. Auf verschiedenen

Seiten wie etwa Schmierlappen.net ließen

sich Unbekannte über das ausschweifende

Leben von Schäfer und seinem Kompagnon

Jonas Köller aus. Einem ehemaligen Fairvesta-Mitarbeiter

zufolge soll der Inhalt indirekt

auf Knoll zurückgehen.

Der Mitarbeiter erklärte an Eides statt gegenüber

der WirtschaftsWoche, dass er

mehrere Telefonate zwischen Knoll und

dem Publizisten Christian M.* verfolgt habe.

„In diesen Gesprächen war Inhalt die mir

bekannte Internet-Seite Schmierlap-

pen.net.“ Es sei darum gegangen, welche

Veröffentlichungen dort zum Nachteil von

S&K erfolgen sollten. „Eindeutig war,

dass Herr M. in der Lage war, auf dieser

Seite entsprechende Artikel“ einzustellen.

Außerdem „besprach sich Herr Otmar

Knoll mit Herrn M. über den entsprechenden

Inhalt und auch über die

Vorgehensweise.“ Zu Hause habe er die

heute gelöschte Seite Schmierlappen.net

aufgerufen und festgestellt, dass die besprochenen

Inhalte dort „genau umgesetzt

und nachzulesen“ waren.

M. erklärt hierzu: „Ein Schmierlappen.net

ist mir nicht bekannt.“ Er habe

auch nie mit Knoll darüber gesprochen.

Knoll bestreitet ebenfalls, mit M. über die

Seite gesprochen zu haben.

GRUSS VON DEN SEYCHELLEN

Hinzu kommt ein weiterer eigenartiger

Vorfall: Eine Person, die von Fairvesta der

Weitergabe von Interna verdächtigt wird,

erhielt eine scheinbar von der WirtschaftsWoche

stammende E-Mail.

Die Nachricht täuschte vor, dass

der Anhang einen Recherchefragebogen

enthalte. Tatsächlich versteckte

sich dort ein Computervirus,

durch den Unbefugte Zugriff auf den

Computer des Empfängers erhalten

sollten. Verschickt wurde die Mail

über einen anonymen tschechischen

Server. Abgegriffene Daten sollten an

einen Server auf den Seychellen gehen.

Wer dahinter steckt, ist nicht bekannt.

Knoll sagt, er sei es nicht.

Fakt ist allerdings, dass Knoll mit einer

Gegenoffensive gedroht hat. So schreibt

er Mitte vergangenen Jahres an eine der

S&K-Gruppe nahestehende Publizistin:

„Wenn es darum geht, Auftragsarbeiten

zu vergeben, um negative Berichte über

Mitbewerber zu lancieren, dann können

wir das auch.“ Sollte ein negativer Artikel,

erscheinen, müsse er davon ausgehen,

dass S&K dahinter stecke. „Ich kann dir

versichern, dass ich mir das nicht gefallen

lasse und Leute kenne, die das große Repertoire

der negativen Berichterstattung“

beherrschen. Knoll sagt hierzu heute, er

habe nur reagiert: „Nachdem erneut diffamierende

Inhalte über meine Familie

und insbesondere meine Kinder sich im

Internet fanden, habe ich emotional erregt

diese Mail geschrieben.“

melanie.bergermann@wiwo.de l Frankfurt,

niklas.hoyer@wiwo.de

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 93

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Geld&Börse

»

»Hohe Abschläge

gibt es nur für

Problemimmobilien«

Christoph Wittkop, Pamera Asset Management

Mit seinen falschen Aussagen zu den

Haltezeiten der Immobilien konfrontiert,

räumt Knoll plötzlich einen „ganz klaren

Fehler“ ein. Nach Ausbruch der Finanzkrise

sei der Verkauf ins Stocken geraten. Ein

extrem wichtiger Punkt zur Beurteilung der

Fonds, der ihm erst auf Nachfrage einfällt.

n Leerstand. So manche angebliche „Qualitätsimmobilie“

findet keine Mieter. Von

1735 Quadratmetern eines Wohn- und Geschäftshauses

in Großalmerode etwa stehen

laut einer Immobilienanzeige 1058

Quadratmeter leer. Bei einer Wohnanlage

in Schlotheim liegen die tatsächlichen

Mieteinnahmen 63 Prozent unter den geplanten

Einnahmen. Bei einer Magdeburger

Immobilie sind es 21 Prozent.

n Zu hohe Werte angesetzt.Die von Fairvesta

angesetzten Immobilienwerte liegen teilweise

um 100 Prozent über den von Marktkennern

als üblich bezeichneten Verkaufspreisen.

Ein Geschäftshaus in Reichenbach

etwa, das unten einen Norma-Markt beherbergt,

bewertet Fairvesta mit mehr als dem

16-Fachen der jährlichen Miete. Laut Andreas

Vogler, Gesellschafter des Immobilienfondsanbieters

Kristensen Invest, zahlen

Investoren für Gebäude, die an Norma

oder Lidl vermietet sind, aber nur das Achtbis

Zwölffache der Jahresmiete. „Wenn der

Mietvertrag noch zehn Jahre läuft und im

Umfeld keine weiteren Supermärkte sind,

ist vielleicht auch mal das 13-Fache drin“,

sagt er. Diese Einschätzung teilen auch andere

Immobilienexperten. Einen Rewe-

Markt in Nieder-Olm bewertet

Fairvesta mit dem 18-Fachen

der Jahresmiete, eine Immobilie

in Grimma mit Norma im

Erdgeschoss sogar mit dem

21-Fachen. Eine Immobilie in

Zerbst bewertet Fairvesta trotz

aktuell nur 37000 Euro Miete

noch mit 1,7 Millionen.

Je länger Fairvesta die Immobilien

hält, desto eher

muss sie diese Werte beim

Verkauf auch wirklich erreichen,

um die avisierten Renditen

zu schaffen. Deshalb

sind die deutlich länger als geplanten

Haltezeiten der Immobilien

für Fairvesta und

letztlich die Anleger so ein

großes Problem.

n Stille Reserven. Die ausgewiesenen

Renditen aller laufenden

Fonds sind nämlich

noch nicht erwirtschaftet,

sondern reine Hoffnungswerte.

Fairvesta unterstellt allen Problemen

zum Trotz, dass die deutlich unter Verkehrswert

gekauften Immobilien später zum Verkehrswert

verkauft werden können, und

rechnet die entsprechenden „stillen Reserven“

schon mal vorab auf die den Anlegern

am Ende auszuzahlenden Summen auf.

Den eigenen Verkaufserfolg setzt Fairvesta

selbstbewusst voraus.

n Rechentricks. Es gibt Anhaltspunkte,

dass Fairvesta bei der Berechnung seiner

»Katastrophe«

Wohn- und Geschäftshaus

Pirmasens (Rheinl.-Pfalz)

OBJEKTDATEN

Das 1970 gebaute Haus hat 3100

Quadratmeter Fläche. Es ist angeblich

verkauft.

VERMIETUNG

Fairvesta sucht weiter Mieter. Eine

Ex-Bewohnerin bezeichnet das Haus

als „absolute Katastrophe“.

WERT LAUT FAIRVESTA

1,5 Mio. Euro

Rendite trickst. So hat Fairvesta in der letzten

veröffentlichten Leistungsbilanz von

2011 den angegebenen Starttermin des

Fonds Fairvesta 5 plötzlich um ein Jahr, von

Ende 2006 auf Ende 2007, verschoben.

Dank der damit kürzeren Laufzeit konnte

der erhoffte Gewinn auf weniger Jahre umgelegt

werden. Bei gleichem Starttermin

wie im Vorjahr hätte die angegebene Rendite

dieses Fonds bei 6,7 und nicht 8,4 Prozent

liegen müssen. Bis Redaktionsschluss

konnte Fairvesta dies nicht plausibel erklären.

Außerdem ignorierte Fairvesta bei allen

Renditeangaben den Zinseszinseffekt

und konnte so zum Beispiel beim Fonds

Fairvesta 6 statt 9,8 glatt einen Punkt mehr,

also 10,8 Prozent Rendite, ausweisen.

WIRKLICH VERKAUFT?

Anhand der Verkäufe des Fonds Nummer 2

will Fairvesta belegen, dass man Immobilien

zu den ausgewiesenen Werten verkaufen

kann. Der Fonds lief fünf Jahre und

brachte jährlich stolze 12,4 Prozent. 2011

wurde er aufgelöst. Wie, das nährt Zweifel,

ob Anleger tatsächlich mit dem Erlös aus

den Immobilien ausgezahlt wurden.

Knoll bestreitet jedenfalls, dass Fairvesta

die Immobilien einfach nur in eine andere

Gesellschaft umgeschichtet hat. Interne

Verkäufe sind in der Branche tabu: Würden

ausgezahlte Renditen nur mit dem Geld

neuer Anleger finanziert, entstünde der

Verdacht auf ein Schneeballsystem.

Die letzten im Fonds verbliebenen Immobilien

sollen an zwei ausländische

Investoren gegangen

sein, so Knoll im Gespräch

mit der Wirtschafts-

Woche. Die beiden hätten

nichts miteinander zu tun. Es

sei Zufall, dass sie gleichzeitig

gekauft hätten. „Der eine hat

um die 60 Prozent und der

andere um die 40 Prozent“

übernommen. Auch das ist

wohl falsch: In einer schriftlichen

Stellungnahme sprach

er am Donnerstag nur noch

von einem Investor: Das Portfolio

des Fairvesta 2 sei „an einen

institutionellen Investor

(Fonds) verkauft“ worden.

Seltsam: Die Fairvesta-

Fondsgesellschaft steht immer

noch als Eigentümerin

der angeblich verkauften Immobilien

im Grundbuch.

Knoll erklärte das damit, dass

der Investor die Immobilien

FOTOS: PR, JÖRN LEHMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

94 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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nicht physisch, sondern nur

eine Art Wertpapier gekauft

hätte, das ihm die Eigentumsrechte

an den Immobilien garantiert.

Für diese Rechte soll

er 15,8 Millionen Euro auf

den Tisch gelegt haben. Eingekauft

hatte Fairvesta die

Objekte für 8,7 Millionen.

Dass ein institutioneller Investor

– ein Profi also – sich

ausgerechnet dieses Portfolio

geschnappt hat, ist angesichts

von dessen fragwürdiger

Qualität unglaubwürdig:

n Ein Wohn- und Geschäftshaus

am Stadtrand von Pirmasens

von 1970 (Verkehrswert

laut Fairvesta 1,5 Millionen

Euro) macht einen heruntergekommenen

Eindruck.

Viele Wohnungen stehen

leer. „Das Haus ist eine

absolute Katastrophe“, sagt

eine ehemalige Mieterin. Niemand

kümmere sich um

Wasserschäden. Mieter würden

nach kurzer Zeit frustriert

ausziehen.

n Ein „Augsburger“ Bürogebäude steht gar

nicht in Augsburg, sondern im Gewerbegebiet

des benachbarten Kleinorts Affing.

Das Gebäude steht derzeit für 1,69 Millionen

Euro – und damit deutlich unter dem

von Fairvesta angegebenen Verkehrswert

von 2,2 Millionen Euro – zum Verkauf.

n Ein Bürohaus in Ansbach scheint gut

vermietet, etwa an den DGB. Doch auch

hier Leerstand: Aktuell wird für 168 Quadratmeter

im dritten Stock ein Mieter gesucht.

n Das größte Objekt in dem Paket ist eine

Plattenbausiedlung im Schweriner Problemviertel

Mueßer Holz. Die Gegend ist

unbeliebt. Bei einer Umfrage 2007 bewerteten

56 Prozent der befragten Bewohner

die Wohnqualität negativ. So manche

Wohnung steht leer. 2007 hatte Fairvesta

schon einmal behauptet, die Mehrfamilienhäuser

mit 60 Prozent Rendite verkauft

zu haben – was sich als unwahr herausstellte.

Damals sei die finanzierende Bank

des Käufers abgesprungen und habe das

Geschäft so platzen lassen, sagt Knoll dazu.

Die Höhe der in den Grundbüchern dieser

Immobilien eingetragenen Grundschulden

nährt den Verdacht, dass die Gebäude

bei Fairvesta nahestehenden Gesellschaften

landeten. Laut Knoll wurden

die Schulden auf die Häuser auf Wunsch

Unbeliebt

Wohnblöcke

Schwerin (Meckl.-Vorp.)

OBJEKTDATEN

Die sechs Mehrfamilienhäuser

im Problemviertel Mueßer Holz hat

Fairvesta angeblich verkauft.

HISTORIE

2007 hatte Fairvesta schon mal

den Verkauf mit 60 Prozent Rendite

vermeldet. Der Deal platzte.

WERT LAUT FAIRVESTA

über 8 Mio. Euro

des Investors eingetragen. Auf deren Höhe

hatte er angeblich keinen Einfluss: „Damit

haben wir nichts am Hut.“

Mit Eintragung einer solchen Grundschuld

bekommt Fairvesta eine Urkunde,

eine Art Wertpapier, welche die Höhe der

Grundschuld bescheinigt. Fairvesta kann

die Urkunde nun an Investoren weiterreichen,

diese können jederzeit die Immobilie

verkaufen. Ob die eingetragene Grundschuld

dem Wert der jeweiligen Immobilie

entspricht, wird nicht geprüft.

Die Grundschulden aber machen stutzig.

Sie wurden genau so hoch angesetzt,

dass – wenn die Grundschuld gleich dem

neuen Verkehrswert ist – die Immobilien

problemlos in andere Fairvesta-Gesellschaften

gepackt werden können. Die dürfen

laut Anlagestrategie für Immobilien

nämlich maximal 70 Prozent

des Verkehrswerts bezahlen.

Für das Objekt in Ansbach

etwa wurde eine Grundschuld

über 2,23 Millionen

Euro im Grundbuch bestellt.

70 Prozent davon wären 1,56

Millionen Euro – exakt der alte

von Fairvesta ausgewiesene

Wert. Bei Auflösung des

Fonds Fairvesta 2 hätte Fairvesta

die Immobilie zu 1,56

Millionen Euro in eine andere

Gesellschaft verschieben

können, ohne gegen die Anlageregeln

zu verstoßen.

Auffällig: Ende 2010 hatte

Fairvesta begonnen, über ihre

Liechtensteiner Töchter

Geld mittels Anleihen einzusammeln.

Deren Käufer wissen

nicht, in welche Objekte

ihr Geld geflossen ist. Im

Emissionsprospekt der Anleihen

steht, dass die Eintragung

einer „Briefgrundschuld“

zur Freigabe einer Investition

ausreiche. Bis Ende

2011 investierte die Fairvesta Europe AG

5,3 Millionen Euro in Immobilien, aber

nicht direkt, sondern indirekt als Finanzanlagen.

Dahinter könnten Briefgrundschulden

stehen.

Die Auszahlung der Anleger des Fonds

Fairvesta 2 erfolgte Mitte 2011. Theoretisch

hätten die 5,3 Millionen Euro aus den

Liechtensteiner Anleihen gereicht, um vier

der sechs vom Fonds gehaltenen Objekte,

nämlich die in Pirmasens, Augsburg, Ansbach

und Chemnitz, zu kaufen.

Theoretisch – Knoll sagt, es habe keine

internen Verschiebungen über die von Anlegern

genehmigten hinaus gegeben. Der

ausländische Investor sei „weder direkt

noch indirekt der Fairvesta Unternehmensgruppe

zuzuordnen“. Wohin das Geld

aus den Liechtensteiner Anleihen denn

dann geflossen sei, sagt Fairvesta nicht.

Alles nur Zufall also? Im Gespräch sagt

Knoll, er würde „liebend gerne“ die zwei

Käufer nennen. Aus diesen angeblich

„richtig guten Namen“, die an der Börse jeder

kenne, wird in der späteren Stellungnahme

plötzlich nur noch ein Investor.

Klar ist am Ende nur eins: Ein Händchen

für Immobilien hat dieser große Unbekannte

sicher nicht. Und dass Fairvesta es

hat, darf mehr denn je bezweifelt werden. n

melanie.bergermann@wiwo.de | Frankfurt,

niklas.hoyer@wiwo.de

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 95

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Geld&Börse

Herr Watzke, als Ihr Team gerade 0:2

gegen Mönchengladbach verloren hatte,

büßte die BVB-Aktie daraufhin 1,8 Prozent

ein. Folgt der Kurs von Fußballaktien

nur den sportlichen Ergebnissen?

Kurzfristig mag das so sein; auf Dauer spiegelt

die Börse aber unsere längerfristige

wirtschaftliche Entwicklung wider. Es sind

nicht mehr viele Anleger, die wegen einer

Niederlage gleich verkaufen. 2009 notierte

die BVB-Aktie zeitweise unter einem Euro,

heute ist sie Richtung vier Euro unterwegs.

FEUERFEST

Watzke, 54, ist seit

2005 Chef der Borussia

Dortmund KGaA, des

einzigen deutschen

Fußballclubs, der an

der Börse notiert ist.

Der Diplom-Kaufmann

leitete davor den von

ihm gegründeten Feuerwehr-

und Schutzbekleidungshersteller

Watex.

»Mehr rausholen«

INTERVIEW | Hans-Joachim Watzke Der BVB-Boss will trotz

Wettbewerbsverzerrung durch Scheich-Clubs pro Jahr 250 Millionen

Euro Umsatz schaffen.

Seitdem haben wir den Umsatz fast verdreifacht,

unser Eigenkapital stieg in acht Jahren

von 24,6 auf 140,6 Millionen Euro, und

wir haben deutlich mehr als 100 Millionen

Euro Verbindlichkeiten abgebaut. Ich halte

das für eine sehr positive Geschichte und

habe ehrlich gesagt das Gefühl: Da bin ich

nicht ganz alleine.

Anleger, die von Anfang an dabei waren,

sitzen dennoch auf 65 Prozent Verlust.

Wann erreichen Sie die elf Euro wieder,

die Sie beim Börsengang verlangt haben?

Wir haben zwei Kapitalerhöhungen zu

niedrigeren Kursen durchgeführt, sodass

der durchschnittliche Kaufkurs weit unter

den elf Euro vom ersten Börsengang liegt.

Und unsere Anteilseignerschaft hat sich

stark verändert. 90 Prozent unserer Aktionäre

sind inzwischen im Plus.

Woher nehmen Sie denn diese Weisheit?

Wir kennen zwar nicht jeden Streubesitzanleger,

wissen aber, zu welchen Kursen

die großen Pakete den Besitzer wechselten,

die der Investmentbank Morgan Stanley

oder des Fonds Blue Bay etwa, die damals

fast 30 Prozent unserer Aktien hielten.

Oder die des Ex-Investors Florian Homm.

Bei genauer Betrachtung Ihrer Zahlen

fällt auf, dass von 305 Millionen Euro

Umsatz nur zwölf Millionen Euro Liquidität

übrig blieben. Das scheint etwas dürftig;

das viel zitierte Festgeldkonto Ihres

Rivalen FC Bayern ist 13-mal so dick.

Das liegt zum Teil an Buchungsfristen, die

37 Millionen Euro etwa aus dem Transfer

von Mario Götze gingen einen Tag nach Bilanzstichtag

ein. Dann haben wir dieses

Jahr mit dem Dauerkartenverkauf zwei

Wochen später begonnen. Sie brauchen

sich in der Bilanz nur unsere hohen Forderungen

anzuschauen, da steckt ein Gutteil

dieses Geldes drin. Wenn wir die Liquidität

optimieren wollten, könnten wir leicht

mehr rausholen. Stichtagsbezogene Liquidität

ist aber kein Selbstzweck, zumal wir

keine neuen Kredite aufnehmen müssen.

Trotzdem entsteht der Eindruck,

dass viel Geld sofort wieder abfließt.

Wohin soll es denn abfließen?

In Prämien zum Beispiel. Ihr Gehaltsetat

stieg von 75 Millionen Euro 2011/12 auf

99 Millionen Euro 2012/13. Ihr eigenes

Gehalt wuchs dank Ihres Bonus, der an

den Vorsteuergewinn (Ebit) gekoppelt ist,

ebenfalls erheblich. Wie erklären Sie das

den Aktionären?

Die Aktionäre bekommen ja auch ihr Stück

vom Kuchen. Die Dividende wird voraussichtlich

von 6 auf 10 Cent je Aktie steigen;

das ist die Hälfte unseres freien Cash-Flows

und ergibt beim jetzigen Kurs fast drei Prozent

Rendite. Zum Ebit haben wir immer

offen gesagt, dass wir nicht jedes Jahr 65

Millionen Euro schaffen. Selbst der FC Bayern

hat, bei wesentlich mehr Umsatz, ja

noch nie so viel Gewinn geschrieben wie

wir. Das hohe Ebit lag zum Teil an außergewöhnlich

hohen Transfereinnahmen, die

wir sicher nicht in jedem Jahr generieren

können, übrigens auch gar nicht wollen. Es

ist außerdem bereits heute absehbar, dass

wir in den kommenden Jahren wieder ab

FOTO: DOMINIK ASBACH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

96 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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und an höhere Abschreibungen haben

werden, die diese Ziffer drücken. Insofern

ist das hohe Ebit ganz klar eine Ausnahme.

2005 bis 2008 mussten Sie, um zu

überleben, künftige Einnahmen aus Dauerkarten,

TV-Geldern, Sponsoring und sogar

Versicherungsprämien verpfänden. Vom

Rechte-Vermittler Sport Five bekamen Sie

2008 auf einen Schlag 50 Millionen Euro;

dafür geht ein Teil der Einnahmen aus dem

Sponsoring noch bis 2020 an die Agentur.

Gibt es noch mehr solcher Altlasten, die

Einnahmen abzweigen?

Nein. Nur noch den Sportfive-Vertrag. Das

Geld daraus haben wir eins zu eins in den

Rückkauf des Stadions gesteckt, der uns

wegen der entfallenden Miete entlastet.

Wie viel Geld aus dem Sponsoring geht

Ihnen dadurch bis 2020 noch flöten?

Man hört von 20 Prozent der Einnahmen.

Die genaue Zahl nenne ich nicht, aber gehen

Sie bitte von deutlich weniger aus.

Und die drastisch gestiegenen Gehälter?

Die ergeben, auch nach zwei deutschen

Meistertiteln in drei Jahren und dem Einzug

in das Champions-League-Finale, noch immer

nur den vierthöchsten Spieler-Etat der

Liga. Vor drei Jahren wurden wir noch mit

dem achthöchsten Etat deutscher Meister;

derzeit machen wir nach Bayern den größten

Umsatz der Liga und schreiben am

meisten Gewinn, wir geben aber nicht

mehr Geld aus als Schalke oder Wolfsburg.

Natürlich unterliegen auch wir den Branchenmechanismen

und bezahlen inzwischen

ganz ordentlich. Aber bei uns haben

die Spieler im Durchschnitt nur 65 Prozent

Fixgehalt, 35 Prozent sind variabel, also an

den sportlichen Erfolg gekoppelt. Sollte der

also mal ausbleiben, würden wir trotzdem

schwarze Zahlen schreiben, weil die Ausgabenseite

erheblich kleiner ausfiele.

Das ist angesichts früherer BVB-Verluste

schwer zu glauben.

Für frühere Verluste können Sie doch nicht

die aktuelle Geschäftsführung verantwortlich

machen. Ihr Misstrauen ist angesichts

der nachhaltig positiven Entwicklung seit

der Beinahe-Insolvenz über inzwischen

acht Jahre unbegründet. Die Planung unserer

Fixgehälter etwa beinhaltet noch

nicht einmal das Weiterkommen in der

Champions League über die Gruppenphase

hinaus – als Vorjahres-Finalist; das dürfte

europaweit relativ einmalig konservativ

sein. Auch ein Jahr ohne neue Champions-

League-Qualifikation würden wir noch ohne

Verlust abschließen. Danach müssten

wir allerdings darauf reagieren.

Also Spieler verkaufen?

Nicht unbedingt, das Budget würden wir,

der Situation angemessen, runterfahren.

Welche Ziele sind realistisch?

Wir wollen die zweite Kraft im deutschen

Fußball werden, sportlich und wirtschaftlich.

Das sind Sie doch schon.

Uns geht es um die Verstetigung des Erfolges,

da müssen wir weiter klug investieren

und mehr strampeln als Konkurrenten, die

Geld von außen bekommen.

Von Konzernen wie VW oder von Scheichs

und Oligarchen.

Genau. Anders als diese Clubs muss Borussia

Dortmund alles, was sie ausgibt,

selber mit Fußball verdienen.

Wie lauten die wirtschaftlichen Ziele?

Der Umsatz sollte mittelfristig – ohne große

Spielerverkäufe – jedes Jahr 250 Millionen

Euro plus x erreichen. So wie wir wirtschaften,

dürfte das auch schwarze Zahlen bedeuten.

Und diese Ziele müssen weiterhin

erreicht werden, ohne dass ein Euro neue

Nettoschulden dazukommt.

Sie kündigen damit de facto einen

Umsatz- und Gewinnrückgang an.

Das dürfte den Aktionären nicht

schmecken.

»90 Prozent

unserer aktuellen

Aktionäre sind mit

der Aktie im Plus«

direkt profitiert hätten, haben das 99,8 Prozent

der Aktionäre abgelehnt.

Der Interessenkonflikt zwischen Sport

und Kapital bleibt trotzdem. Seit dem

letzten Spiel haben Sie zwei weitere

Verletzte im dünn besetzten zentralen

Mittelfeld. Zugleich haben Sie eine

Dividendenerhöhung von sechs auf zehn

Cent je Aktie angekündigt. Hätten Sie

nicht mehr Geld in den Kader investieren

müssen?

Wir haben knapp 50 Millionen Euro für

neue Spieler ausgegeben. Es ist keine Planstelle

unbesetzt, die Spieler sind hochkarätig,

auch die Eigengewächse. Wir können

aber nicht zur Absicherung aller Eventualitäten

jeden Kaderplatz dreifach besetzen.

Immer mehr Milliardäre legen sich einen

Fußballclub zu und stecken Hunderte

Millionen Euro hinein. Gefährdet das Ihren

Erfolg, weil diese Clubs die guten Spieler

aufkaufen? Schließlich müssen Sie international

halbwegs mithalten können, wenn

Sie Ihre Umsatzziele erreichen wollen; das

große Geld wird in der K.-o.-Runde der

Champions League verdient...

Es ist für uns nichts Neues, dass andere

mehr Geld ausgeben können. Aber ich gebe

Ihnen recht, dass hier teilweise die Relationen

verloren gegangen sind. Das ist

aber nicht nur uns aufgefallen, sondern

auch dem europäischen Verband, der UE-

FA. Diese wird bald die Regeln für Mäzenen-Vereine

drastisch verschärfen. Im

Rahmen des Financial Fair Play (FFP) dürfen

Clubs, die an ihren internationalen

Wettbewerben teilnehmen, über einen

Zeitraum von drei Jahren nicht mehr Geld

ausgeben, als sie in drei Jahren eingenommen

haben.

Die Einführung von FFP war schon für

die Saison 2013/14 geplant. Sie wurde auf

2015 verschoben, auch auf Druck einiger

Großclubs und deren Mäzene. Haben die

zu viel Einfluss auf die UEFA, und können

sie die Regeln nicht einfach unterlaufen?

Technisch sind die Regeln nicht schwer zu

kontrollieren, alles, was Sie dazu brauchen,

sind eine testierte Bilanz und ein paar Sachbearbeiter.

Wie stringent sie eingehalten

werden, kommt auf die Willensstärke der

UEFA an. Und da gehe ich persönlich davon

aus, dass sie ernst machen wird.

UEFA-Chef Michel Platini hat seinen eigenen

Namen zu eng mit dem Projekt FFP

verknüpft, als dass er sich einen Rückzieher

erlauben könnte. Klar werden einige Leute

mit sehr viel Geld versuchen, Druck auf die

UEFA aufzubauen. Vergessen Sie aber auch

nicht, dass die ganz großen Traditions-

Sie unterschätzen unsere Aktionäre, die

sind ja nicht dumm. Sie wissen, dass die

guten Zahlen hohen Transfereinnahmen

geschuldet waren und dem Erreichen des

Champions-League-Finales; beides kann

nicht jedes Jahr gelingen. Außerdem wissen

unsere Aktionäre, dass sie in einen

Fußballclub investieren und wir auch andere

Ziele haben, nicht nur die Maximierung

des Shareholder-Value.

Ihre Aktionäre sind also Romantiker?

Realisten. Sie wissen, dass ein Verein investieren

muss, um auch künftig sportliche Erfolge

zu feiern, und mit denen kommen ja

dann auch wieder die Einnahmen. Das ist

sinnvoll, weil nachhaltig.

Und die Anleger akzeptieren das?

Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Auf der letzten

Hauptversammlung verlangte jemand eine

Dividendenerhöhung. Obwohl sie davon ja »

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 97

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Geld&Börse

»

clubs, wie der FC Barcelona, Real

Madrid, Manchester United und der FC

Bayern, kein Interesse an noch mehr neureicher

Konkurrenz haben; auch sie werden

ihren Einfluss bei der UEFA geltend machen.

Ich gehe jedenfalls persönlich davon

aus, dass FFP im Kern greifen wird.

Im Ticketing, Merchandising und Sponsoring

hinken Sie den internationalen

Branchengrößen noch weit hinterher, trotz

zehn Millionen Fans. Warum nutzen Sie

dieses Potenzial nicht besser?

Alle diese Umsatzbereiche sind 2012/13

zwischen 20 und 45 Prozent gegenüber

dem Vorjahr gewachsen. Gerade in den

letzten Monaten haben wir viele internationale

Sponsoring-Partner neu gewonnen.

Im Ticketing ist bei uns ein Deckel

»Wir wollen jedes

Jahr 250 plus x

Millionen Euro

Umsatz schaffen«

drauf, das haben wir immer klar gesagt. Wir

wollen unsere 25 000 Stehplätze erhalten,

die Teil unserer Kultur sind. Dafür nehmen

wir auch weniger Spieltags-Umsatz als vergleichbare

Konkurrenten in Kauf.

Der Erfolg der letzten Jahre ist eindeutig

auch Ihrem Trainerteam um Jürgen Klopp

zuzuschreiben. Was machen Sie, wenn

diese Leute eines Tages dem Ruf des ganz

großen Geldes erliegen?

Jürgen Klopp hat noch einen Vertrag bis

2016. Ich würde nicht ausschließen, dass er

noch länger bleibt. Aber klar: Eines fernen

Tages wird der BVB ohne ihn auskommen

müssen. Bis dahin wollen wir sportlich und

wirtschaftlich so gefestigt sein, dass uns

das nicht mehr aus der Bahn wirft. Wir sind

da auf einem guten Weg.

n

stefan.hajek@wiwo.de

BVB-AKTIE

Hoffen auf die

UEFA-Regeln

Die BVB-Aktie hat in den letzten drei

Jahren rund 250 Prozent zugelegt.

Trotzdem hat sie noch Potenzial.

Aktien-Info BVB

ISINDE0005493092

4

3

2

1

50-Tage-Linie

0,5

200-Tage-Linie

2009 10 11 12 13

2011/12 2012/13

Umsatz (in Mio. €)

215,2 305,0

Gewinn (Ebit, in Mio. €) 41,4 65,1

Dividende (in € je Aktie) 0,06 0,10

Operativer Cash-Flow (in Mio. €) 28,0 28,6

Eigenkapital (in Mio. €) 93,4 140,6

Personalkosten (in Mio. €) 80,1 106,2

Nettofinanzschulden (in Mio. €) 42,0 32,8

Chance

Risiko

Niedrig

Quelle:Konzernbilanz,Thomson Reuters

Hoch

Eigentlich müsste die Aktie von Borussia

Dortmund (BVB) jetzt ins Trudeln geraten:

Der BVB hat 305 Millionen Euro Umsatz

und einen Gewinn (Ebit) von 65 Millionen

Euro gemeldet, was macht der

Chef? Er kündigt künftig weniger an: „250

Millionen Euro plus x“, so sein Umsatzziel,

auch der Gewinn werde kleiner sein.

Fast jede Aktie würde nach so einer Aussage

einbrechen. Das Fußballgeschäft

folgt eigener Logik: Der hohe Umsatz des

BVB kommt auch aus Transfers. Anders

als ein Software- oder Möbelkonzern will

ein Fußballclub nicht unbedingt jedes

Jahr Umsatz und Gewinn maximieren.

Spielerverkäufe schwächen den Verein

sportlich – erhöhen so das Risiko, dass

ihm künftige Einnahmen entgehen. Sponsoren

und TV-Gelder fließen nur üppig bei

sportlichem Erfolg. Die Börse fremdelt oft

mit dieser Dialektik; sie ist auf kurzfristige

Erfolge, Gewinnoptimierung und Dividendenwachstum

programmiert. Fußball und

Börse passten nicht zusammen, so Kritiker.

Ganz unrecht haben sie nicht: Die

meisten Clubs sind Geldverbrenner, immer

auf der Jagd nach dem maximalen

sportlichen Erfolg und damit dem Seelenheil

ihrer Fans. Oft wird das durch Überschuldung

erkauft. Dass es anders geht,

beweisen die Champions-League-Finalisten

München und Dortmund. Die Bayern,

eine AG, aber nicht börsennotiert, haben

sich zu je rund zehn Prozent an Adidas

und Audi verkauft, dafür rund 190 Millionen

Euro Kapital bekommen. Die Konzerne

kriegen Dividende und exklusive Werbeverträge.

Dortmund wählte 2000 den

damals modischen Weg des Börsengangs,

gab aber schnell zu viel Geld aus

und war nur fünf Jahre später fast pleite.

Seitdem bleiben dem BVB nur die Mühen

der Ebene: zwei Kapitalerhöhungen, künftige

Einnahmen verpfänden, um das teuer

gemietete Stadion zurückzukaufen, auf

junge, nicht so teure Spieler setzen.

DIE WEICHEN STELLEN ANDERE

Das klappte, mit dem sportlichen Erfolg

kam auch der wirtschaftliche zurück. Die

Bilanz ist weitgehend saniert, rund 100

Millionen Euro Schulden abgebaut und

die Eigenkapitalbasis erheblich gestärkt;

der Club schreibt schwarze Zahlen. Trotz

Rally ist die Aktie nicht zu teuer (links).

Das ist das Verdienst der BVB-Manager.

Doch ob der Höhenflug weitergeht, hängt

nicht mehr nur von ihnen ab. Langfristig

das größte Risiko für die wachsenden

BVB-Einnahmen sind von Mäzenen gepäppelte

Konkurrenten. Denn die Erlöse

– vor allem jene, die sowohl Fans als auch

Anleger gerne sehen, etwa TV- und Sponsorengelder

– hängen davon ab, möglichst

weit in den internationalen Wettbewerben

zu kommen: Allein durch die

Champions League nahm Dortmund

2012/13 rund 50 Millionen Euro mehr ein

als etwa Mönchengladbach, das nur Euro-League

spielen durfte. Das entspricht

dem gesamten Umsatz eines mittleren

Bundesligaclubs. Doch an die internationalen

Fleischtöpfe wollen auch all die russischen

und arabischen Milliardäre, die

sich Vereine wie Manchester City oder

Paris kaufen und Hunderte Millionen Euro

in die Kader investieren. Auf Dauer wird

Dortmund seine Umsätze nur steigern

können, wenn die UEFA dem Treiben der

Mäzene Riegel vorschiebt. Sonst droht international

auf lange Sicht die Bedeutungslosigkeit;

der Umsatz würde bestenfalls

stagnieren. Ob die UEFA, die neue

Regeln ausgeheckt hat, diese ab 2015

ernsthaft umsetzt, ist unsicher.

stefan.hajek@wiwo.de

FOTO: DOMINIK ASBACH FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

98 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

Hart durchgegriffen

BUSSGELD | Ein privates Inkassounternehmen treibt bei Italien-

Urlaubern Knöllchen ein. Wer nicht zahlt, hat wenig zu befürchten.

Wie viele deutsche Autofahrer ärgert

es Stefan Kalter*, dass er bei Fahrten

in den Süden andauernd die

Geldbörse zücken muss. Zur Vignette in Österreich

und 49 Euro Maut vom Brenner bis

Rom kamen in diesem Jahr weitere 113 Euro.

Die verlangte das „Corpo di Polizia Roma

Capitale“ von ihm – weil er im Urlaub ein

Jahr zuvor ohne Genehmigung in eine

Sperrzone gefahren sein soll. Unterzeichnet

hat den „Protokollbescheid“ ein Dirigente

Dottore Pasquale Pelusi, und bezahlen soll

Kalter an das Inkassounternehmen Nivi-

Credit.

Alles wirkt hochoffiziell: römisches Wappen,

Aktenzeichen, juristische Fachsprache.

Kalter will trotzdem nicht zahlen, auch

der Rabatt von 30 Prozent, der ihm bei einer

Überweisung binnen fünf Tagen gewährt

würde, ändert daran nichts. Er überlegt

jetzt, ob er bei einem „Friedensrichter“

in italienischer Sprache Einspruch einlegen

soll.

Die Fragen beschäftigen Tausende Italienreisende,

die nach ihrem Urlaub Post

von NiviCredit bekommen. In Italien darf

das Inkassounternehmen aus Florenz offiziell

Gelder für Mautgesellschaften und Polizeibehörden

eintreiben. Das geschieht in

großem Stil und auch Jahre später. Die Forderungen

der privaten Gesellschaft verjähren

erst nach zehn Jahren. Aktuell fordert sie

Geld für die Jahre 2009 bis 2012.

Post von NiviCredit bekam auch Rainer

Schmidt*. Im Juli überreichte ihm sein Arbeitgeber

einen Brief, in dem er beschuldigt

wurde, mit seinem Dienstwagen im Oktober

2009 auf der Strecke Como–Grandate

zwei Euro Maut nicht bezahlt zu haben. 16

Euro soll das kosten. Schmidt ist aber nie

durch eine Mautschranke gebrettert.

Doch ebenso wie Kalter hat er ein ungutes

Gefühl, wenn er nicht zahlt. Irgendwann

wird er wieder nach Italien reisen. Schmidt

möchte nicht, dass sein Audi Q7 dann plötzlich

mit Parkkrallen am Straßenrand steht.

Wie aber kommt es zu der Miniforderung?

Der Rosenheimer Verkehrsrechtsexperte

Marc Herzog kennt die Fälle: „Es kommt

häufig vor, dass eine Kartenzahlung an einer

Station misslingt.“ Der Fahrer bekomme

* Namen von der Redaktion geändert

113 Euro kostet

die Fahrt in eine zeitweise

für den Verkehr gesperrte

Straße in Italien

Versteckte Kamera Wer das Schild nicht

kapiert, bekommt die Rechnung nach Hause

zwar einen Beleg, auf dem stehe aber, dass

die Zahlung nicht geleistet wurde. Die

Schranke öffnet sich, um Staus zu vermeiden,

deshalb ignorieren viele den Beleg. Die

Forderung gibt es also tatsächlich. Andere

Fälle, über die Autofahrer in Internet-Foren

wütend debattieren, sind nicht so eindeutig:

Ein Tourist bekam eine Zahlungsaufforderung

fürs Falschparken am Gardasee, obwohl

er das Knöllchen schon im Urlaub bei

einer Bank bar bezahlt hatte. Ein anderer

konnte nur einen Teil seiner Maut mit der

Videomautkarte begleichen. Die restlichen

13 Euro wollte er an der Station bar zahlen.

Dort teilte man ihm mit, dass er eine Rechnung

bekomme. Die betrug satte 201 Euro.

Nicht alles ist Schikane ausländischer Touristen:

Deutsche Bußgelder sind niedrig, die

in Italien hoch, auch für Italiener. „Das Land

hat viele Verkehrstote, und die EU-Kommission

verlangt, dass die Opferzahlen bis 2020

um die Hälfte sinken, deshalb hat Italien die

Sanktionen verschärft“, sagt Michael Nissen,

Leiter Internationales Recht beim ADAC.

Elf Stundenkilometer zu viel auf dem Tacho

kosten in Italien 170 Euro gegenüber 15

bis 35 Euro in Deutschland. Wer auf einer

Vespa ohne Helm fährt, muss den Roller für

60 Tage abgeben. Ein Auto wird zwangsversteigert,

wenn der Fahrer mit 1,5 Promille

Alkohol im Blut erwischt wird. Und die

Sperrzonen („Zona traffico limitato“) gibt es

heute in jeder Kleinstadt. In dem Schilderwald

übersieht mancher, dass die Durchfahrt

zeitweise verboten ist. „Wo deutsche

Polizisten ausländische Autofahrer mitunter

nur auf ihr Vergehen hinweisen, wird in

Italien hart durchgegriffen“, sagt Nissen. Die

Fahrt kostet 80 Euro, inklusive der Verwaltungskosten

werden daraus 113. Wer ein

zweites Mal hineinfährt, weil er bei der ersten

Runde sein Hotel nicht finden konnte,

der zahlt erneut. Diese Praxis wurde höchstrichterlich

gebilligt.

KEIN EU-BUSSGELDVERFAHREN

Wer die Schreiben von NiviCredit ignoriert,

geht ein kleines Risiko ein, in Italien belangt

zu werden. Anwalt Herzog kann sich

aber nicht erinnern, je von einem Fall gehört

zu haben, der nicht nach zwei Mahnungen

im Sande verlief. Von deutschen

Behörden haben Autofahrer nichts zu befürchten,

anders als etwa Holland- oder

Frankreichreisende: Italien, Irland und

Griechenland nehmen nämlich nicht an

der seit 2005 existierenden EU-weiten Bußgeldvollstreckung

teil. „Dadurch gibt es

keine wirksame Rechtsgrundlage, italienische

Forderungen hierzulande zu vollstrecken“,

sagt Jurist Nissen. Die Italiener bekommen

die Halterdaten vom Kraftfahrtbundesamt,

mehr nicht.

Italien könnte sich dem offiziellen Verfahren

anschließen und rückwirkend Forderungen

eintreiben. Ab 70 Euro Bußgeld würde

dann das Bonner Bundesamt für Justiz

übernehmen. Die Italiener hätten nur nichts

davon: Das eingesammelte Geld würde an

die deutschen Behörden fließen.

Für NiviCredit wiederum wäre eine Klage

zu kompliziert. „Sie müsste beim Gericht

am Wohnsitz des Fahrers eingereicht und

nach italienischem Recht geprüft werden“,

sagt Herzog. Das aber würde ein deutscher

Amtsrichter kaum auf sich nehmen. n

heike.schwerdtfeger@wiwo.de | Frankfurt

FOTO: MAURITIUS IMAGES/ALAMY

100 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Spezial | Zertifikate

Zinsen für Mutige

ZERTIFIKATE | Neue Anlagepapiere bringen Jahresrenditen bis zu

acht Prozent – wenn die Börsen nicht abstürzen.

In großen Lettern prangt das Versprechen

auf der Zertifikateseite der DZ

Bank: „Wege aus dem Zinstief.“ Welchen

Anleger reizt eine solche Ansprache

nicht – bei nur 1,5 Prozent Durchschnittszinsen

auf Anleihen. Mit bis zu 3,3 Prozent

pro Jahr wirbt dagegen ein neues Zertifikat

der DZ Bank. Der Name klingt beeindruckend:

„ZinsFix Control Europa“. Der Zusatz

„2013/53“ deutet darauf hin, dass

schon mehrere Dutzend solcher Emissionen

unters Anlegervolk gebracht worden

sind. Das Zertifikat läuft bis Oktober 2016,

so viel ist sicher. Doch ob es bis dahin wirklich

3,3 Prozent Rendite pro Jahr werden,

ist ein Spiel mit mehreren Unbekannten.

„Zertifikate sind Inhaberschuldverschreibungen,

wie Anleihen auch. Ihr höherer

Kupon wird in vielen Fällen durch

Termingeschäfte finanziert“, sagt Dieter

Lendle, Vorstand des bankenunabhängigen

Zertifikateberaters Anlagematrix aus

Frankfurt. Für Anleger bedeutet das: Weil

das allgemeine Zinsniveau derzeit so niedrig

ist, können solche Papiere dank höherer

Kupons durchaus eine Alternative zu

herkömmlichen Zinspapieren sein. Doch

damit die Renditerechnungen funktionieren,

darf die Börse nicht abschmieren.

Das gilt auch für das neue DZ-Zinszertifikat

auf den Euro Stoxx (siehe Tabelle Seite

104). Die in Aussicht gestellte Jahresrendite

gibt es nur, wenn der europäische Aktienindex

in drei Jahren mindestens bei knapp

2000 Punkten notiert. Angesichts der leichten

Erholung in der Finanzkrise ist das

durchaus zu schaffen. Sollte Europa aber wider

Erwarten in die Rezession rutschen, wird

es knapp. 2003 und 2008 stand der Euro

»Höhere Kupons

werden durch

Termingeschäfte

finanziert«

Dieter Lendle, Anlagematrix

Stoxx weit unter 2000 Punkten. In beiden Fällen

hätte das Zertifikat Verluste eingefahren.

Wem angesichts eines solchen Risikos

3,3 Prozent zu mager sind, der kann mit

Zinszertifikaten auf Einzelaktien höhere

Renditen anpeilen. Infrage kommt etwa

ein sogenanntes Extra-Zinszertifikat auf

BASF (siehe Tabelle Seite 104) von der

Deutschen Bank. Das Zertifikat bietet zunächst

einen festen jährlichen Kupon von

3,0 Prozent. Bei aktuellen Kaufkursen von

97,25 Prozent und einer Laufzeit bis April

2015 wären das 4,9 Prozent Jahresrendite.

Der Kupon kann sogar auf 6,0 Prozent erhöht

werden, die jährliche Rendite würde

damit auf 7,9 Prozent klettern. Im Vergleich

zu einer klassischen BASF-Anleihe mit

ähnlicher Laufzeit (XS0412154378), die nur

0,5 Prozent Jahresrendite bringt, wäre das

ein enormer Zinsvorteil.

Das Problem dabei: Die sechs Prozent

gibt es nur, wenn die BASF-Aktie in eineinhalb

Jahren höher steht als heute. Das ist

selbst angesichts optimistischer Gewinnprognosen

für den Chemiekonzern (2014

plus zehn Prozent Nettoertrag) ein offenes

Spiel. Und auch die durch den Basiskupon

eingefahrene Rendite ist nicht zementiert.

Die Tilgung des Zertifikats erfolgt nämlich

nur dann zu 100 Prozent, wenn die BASF-

Aktie am abschließenden Bewertungstag

nicht um mehr als 18 Prozent unter dem

heutigen Niveau notiert. Wenn doch, werden

die Kursverluste der Aktie eins zu eins

ins Zertifikat eingerechnet.

ACHT PROZENT ODER AKTIEN

In diesem Fall wäre es ein Vorteil, wenn die

Tilgung nicht in bar, sondern in Aktien

stattfinden würde. Dann könnte man ohne

Termindruck auf eine nachfolgende Erholung

setzen. Genau diese Chance bieten

Aktienanleihen. Wie andere Zinszertifikate

auch verknüpfen sie zunächst einen vergleichsweise

hohen Kupon mit der stabilen

Entwicklung der Basisaktie. Als Rückzahlung

gibt es im Erfolgsfall 100 Prozent des

Nennwerts in bar. Geht diese Rechnung bis

zur Fälligkeit aber nicht auf, gibt es eine bestimmte

Anzahl der entsprechenden Basisaktien

ins Depot gebucht. „Bei Aktienanleihen

ist es deshalb grundsätzlich ratsam,

auf stabile Werte zu setzen und dafür auch

etwas niedrigere Kupons in Kauf zu nehmen“,

sagt Nicolai Tietze, Derivate-Fachmann

der Deutschen Bank.

Eine neue Aktienanleihe auf die Allianz

(siehe Tabelle Seite 104) etwa steht derzeit

bei 99,25 Prozent. Einschließlich bisher

aufgelaufener Stückzinsen kostet sie

»

ILLUSTRATION: THOMAS FUCHS

102 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Spezial | Zertifikate

»

99,62 Prozent. Im Oktober 2014 gibt es

einen Kupon von 6,5 Prozent. Das wären,

aufs Jahr gerechnet, 7,2 Prozent Rendite.

Kein schlechtes Geschäft, selbst Allianz-

Anleihen mit Laufzeit bis 2016

(XS0275880267) bieten nur 0,9 Prozent

Jahresrendite.

Allerdings ist die Aktienanleihe nur dann

so rentabel, wenn die Allianz zur Fälligkeit

mindestens bei 112 Euro steht. Derzeit notiert

sie bei 116 Euro. Das wird knapp.

Wenn die Aktie am Laufzeitende unter diese

Grenze rutscht, gibt es pro 1000 Euro

Nennwert 8,929 Allianz-Aktien zum dann

aktuellen Kurs. (Bruchanteile werden in

bar ausgeglichen.) Mit diesen Aktien kann

man dann auf eine Erholung setzen.

SPIEL UM SCHNELLE VIER PROZENT

Seit Kurzem auf dem Markt ist eine Expressanleihe

auf Daimler von der LBBW

(siehe Tabelle). Die maximale Laufzeit beträgt

vier Jahre, dazu gibt es einen Kupon

von 4,0 Prozent. Wie bei einer Aktienanleihe

gibt es den Kupon in jedem Fall, unabhängig

von der Daimler-Notierung. Der

Verlauf der Aktie aber entscheidet, ob die

Anleihe vorzeitig getilgt wird. Am 19. September

2014 kommt es darauf an, ob die

Aktie über dem Auszahlungslevel von

»Solide

Aktien sind

wichtiger als hohe

Kuponzahlungen«

Nicolaj Tietze, Deutsche Bank

54,56 Euro steht. Wenn ja, wird das Papier

zum Nennwert zurückgezahlt, die Rendite

läge bei 4,0 Prozent. Erreicht die Daimler-

Aktie in einem Jahr dieses Niveau nicht,

geht das Spiel in die nächste Runde. Im

September 2015 und 2016 gibt es wieder

den Kupon, und es wird abermals geprüft,

ob Daimler mindestens bei 54,56 Euro

steht. Wenn ja, wird getilgt; wenn nicht, besteht

noch die letzte Chance am 15. September

2017. Dann genügt es, wenn die Aktie

bei 39,01 Euro steht. Gemessen am aktuellen

Kurs, wären das gut 30 Prozent Puffer.

Damit lässt sich ein mittlerer Rückgang

der Aktie abfedern, nicht aber eine Baisse

wie in den Jahren 2008/09. Doch wer damit

rechnet, für den sind solche Zertifikate ohnehin

die falsche Anlage.

FLOATER MIT MEHRWERT

Normale Anleihen sinken im Kurs, wenn

die Zinsen steigen. Eine Chance zum Gegensteuern

bieten Floater, anleiheähnliche

Zertifikate, deren Kupons an die allgemeine

Zinstendenz geknüpft sind. Basiswert ist,

etwa bei einem bis 2017 laufenden Floater

der Deutschen Bank (siehe Tabelle), der

12-Monats-Euribor – der Zins, zu dem sich

Europas Banken für zwölf Monate Geld

leihen. Derzeit sind das 0,54 Prozent. In

den Jahren vor der Finanzkrise stand der

Euribor zeitweise über fünf Prozent.

Damit die Zertifikate überhaupt etwas

einbringen, gibt es einen Mindestkupon

von 2,0 Prozent. Steht der Euribor (jeweils

am Fixing zum 2. Juli) darüber, zieht der

Kupon mit. Bei 5,0 Prozent ist der Deckel

drauf. 2017 erfolgt die Rückzahlung des

Zertifikats zu 100 Prozent des Nennwerts.

Bei Kaufkursen von 102,30 Prozent hat

das Papier eine jährliche Mindestverzinsung

von 1,4 Prozent – nur einen Tick mehr

als die klassische, ebenfalls bis 2017 laufende

Euro-Anleihe (DE000DB5S5U8) der

Deutschen Bank. Dazu haben Anleger mit

dem Floater die Chance, wenn die Zinswende

doch eines Tages kommt, etwas

mehr zu verdienen.

n

anton.riedl@wiwo.de

Wer mehr riskieren will, kann bis zu 7,9 Prozent Jahresrendite einfahren

Zertifikate für die Niedrigzinsphase, Floater für die Zinswende

Zertifikat (ISIN)

Zinszertifikat

(DE000AK0BE23)

auf europäische Aktien

Funktion

4,0 Prozent Kupon fest und Rückzahlung zu 100 Prozent, wenn Aktienindex Euro

Stoxx 50 am Bewertungstag (17. Oktober 2016) mindestens bei 68 Prozent des

Stands vom 15. Oktober 2013 notiert (mit aktuellem Index von 2900 Punkten gerechnet,

wären das 1972 Punkte); Rendite in diesem Fall 3,3 Prozent; notiert

Index tiefer, gehen Verluste eins zu eins ins Zertifikat über

Emittentin (Ausfallprämie)

DZ Bank

(1,0 Prozent = geringes

Ausfallrisiko)

Kurs

(Prozent)

102,00

Chance/

Risiko

6/5

Extra-Zinszertifikat

(DE000DB2GNE1)

auf BASF

3,0 Prozent Kupon fest und Rückzahlung zu 100 Prozent, wenn BASF (69,30 Euro)

vor Fälligkeit (17. April 2015) mindestens bei 56,74 Euro steht; Jahresrendite

dann 4,9 Prozent; Kupon steigt auf 6,0 Prozent, wenn BASF am 17. April 2014

und 2015 mindestens bei 70,92 Euro; Rendite dann 7,9 Prozent; steht BASF

zur Fälligkeit unter 56,74 Euro, gehen Verluste ins Zertifikat über

Deutsche Bank

(1,1 Prozent = geringes

Ausfallrisiko)

97,25

5/4

Aktienanleihe

(DE000TB4STT9)

auf Allianz

6,5 Prozent Kupon fest und Rückzahlung von 100 Prozent, wenn Allianz-Aktie

(aktuell 116 Euro) kurz vor Fälligkeit (17. Oktober 2014) mindestens bei 112 Euro

steht; Jahresrendite in diesem Fall 7,2 Prozent; notiert Aktie tiefer, gibt es je

1000 Euro Nennwert 8,929 Allianz-Aktien zum dann aktuellen Kurs; Verluste entstehen,

wenn Aktie zur Fälligkeit unter 103,59 Euro

HSBC Trinkaus

(0,9 Prozent = geringes

Ausfallrisiko)

99,25

7/6

Expressanleihe

(DE000LB0UG08)

auf Daimler

Floateranleihe

(DE000DB9ZGH3)

auf 12-Monats-Euribor

Quelle: Thomson Reuters, Banken, eigene Recherche, Stand 7.10.2013

4,0 Prozent Kupon und Rückzahlung zu 100 Prozent, wenn Daimler (57,50 Euro)

am 19. September 2014 mindestens bei 54,56 Euro; Jahresrendite 4,0 Prozent;

steht Aktie tiefer, Rückzahlung 2015 bzw. 2016, wenn Aktie mindestens 54,56

Euro; zur Endfälligkeit (15. September 2017) reichen 39,01 Euro; wenn nicht,

Tilgung durch 25,63 Daimler-Aktien je 1000 Euro Nennwert

2,0 Prozent Kupon ergibt 1,4 Prozent Mindestrendite pro Jahr; steht der

12-Monats-Euribor (aktuell 0,54 Prozent) jeweils zum Stichtag (2. Juli) über

2,0 Prozent, erhöht sich die Kuponzahlung in gleicher Weise; Maximalkupon

5,0 Prozent, Laufzeit bis 4. Juli 2017; Rückzahlung zu 100 Prozent durch Emittentin,

keine vorzeitige Kündigung

LBBW

(0,8 Prozent = geringes

Ausfallrisiko)

Deutsche Bank

(1,1 Prozent = geringes

Ausfallrisiko)

99,96

102,30

5/4

3/2

ILLUSTRATION: THOMAS FUCHS

104 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse | Steuern und Recht

UNDICHTES DACH

Bauträger

muss zahlen

ERBSCHAFT

Der Letzte Wille reicht aus

Erben kommen schneller an die Konten Verstorbener, wenn es ein Testament gibt.

Wenn ein Angehöriger stirbt, müssen sich die

Erben um jede Menge Formalitäten kümmern.

Dazu gehören auch die Bankkonten des Verstorbenen.

Bevor die Erben Zugriff auf die Konten

haben, verlangen Banken und Sparkassen häufig

einen Erbschein. Diesen Erbschein müssen die

Erben kostenpflichtig beim zuständigen Amtsgericht

beantragen. Die Gebühren richten sich nach

der Höhe des Erbes und können bei einem sechsstelligen

Vermögen mehrere Tausend Euro betragen.

„Im Durchschnitt dauert es drei Monate, bis

ein Erbschein vorliegt“, sagt Felix Odersky, Notar

aus Dachau. Jetzt erklärte der Bundesgerichtshof

allgemeine Geschäftsbedingungen (AGB), die der

Stadtsparkasse Gevelsberg offenließen, ob sie einen

Erbschein verlangen könne oder nicht, für

unwirksam (XI ZR 401/12). Laut Gesetz, so die

Richter, sei es in den meisten Fällen ausreichend,

ein notarielles Testament oder einen Erbvertrag

und ein Protokoll der Testamentseröffnung vorzulegen.

Den Sparkassenkunden seien unnütze

Kosten für einen Erbschein sowie eine Verzögerung

der Nachlassregulierung nicht zuzumuten.

„Wenn allerdings das Testament nicht eindeutig

und die Erbansprüche strittig sind, kann die

Bank nach wie vor einen Erbschein verlangen“,

sagt Notar Odersky. Allerdings seien die Banken

verpflichtet, auch ohne Erbschein Geld für die

Beerdigung rauszurücken, wenn die Angehörigen

die Rechnung des Bestatters vorlegen.

Auch Daueraufträge, etwa für die Miete, müssten

weiterlaufen.

Die Eigentümer einer Reihenhaussiedlung

verklagten den

Bauträger wegen undichter

Dächer und unzureichendem

Schallschutz. Der Bauträger

wollte keinen Schadensersatz

leisten, da die Ansprüche inzwischen

verjährt seien. Die Eigentümer

argumentierten dagegen,

dass keine Verjährung

vorliege, da im Kaufvertrag eine

unzulässige Klausel stehe: „Das

Gemeinschaftseigentum ist somit

abgenommen, wenn... der

Verwalter oder Verwaltungsbeirat

das Gemeinschaftseigentum

abnimmt.“ Ob und wann beispielsweise

die Dächer abgenommen

wurden, ist zwischen

Bauträger und Eigentümern

strittig. Der Bundesgerichtshof

sah in der Klausel eine klare Benachteiligung

der Eigentümer

(VII ZR 308/12). So sei der Bauträger

befugt, den ersten Verwalter

der Wohnanlage zu bestimmen.

Dieser Verwalter sei

mit dem Bauträger rechtlich

und wirtschaftlich verbunden.

Wenn die Eigentümer per Vertragsklausel

das Recht zur Abnahme

an den Verwalter abträten,

sei nicht gewährleistet, dass

die Prüfung des Gemeinschaftseigentums

neutral erfolge. Die

Klausel sei unwirksam, und der

Bauträger müsse daher Schadensersatz

zahlen.

RECHT EINFACH | Büroumzug

Wenn Veränderungen im eigenen

Büro anstehen, hört für viele

Arbeitnehmer der Spaß auf.

Manche lassen es sogar auf

einen Prozess ankommen.

§Bedroht. Eine Angestellte in

einer Düsseldorfer Werbeagentur

brachte ihren Hund

mit ins Büro. Kollegen fühlten

sich durch das Tier bedroht.

Manche Werber mieden das besagte

Zimmer aus Angst. Als die

PR-Firma daraufhin das Mitbringen

des Hundes verbot, zog die

Besitzerin vor Gericht – ohne Erfolg.

Wenn sich Mitarbeiter bedroht

fühlten, so das Gericht, seien die

Arbeitsabläufe im Unternehmen gestört.

Dies müsse ein Arbeitgeber

nicht hinnehmen (Arbeitsgericht

Düsseldorf, 8 Ca 7883/12).

Gestört. Die stellvertretende Personalleiterin

eines Krankenhauses

in Rheinland-Pfalz sollte umziehen:

von einem Einzelzimmer in das mit

zwei Personen besetzte Vorzimmer

des Personalchefs. Neben zwei

Druckern, Fotokopierer, Faxgerät

und der Materialausgabe befanden

sich dort auch die Postfächer sowie

der offene Durchgang zur Teeküche

der Abteilung. Die Personalerin

weigerte sich, in dem Durchgangszimmer

zu arbeiten. Mit Recht. Die

Arbeitsrichter werteten die Geräusch-

und Störungsquellen als

„unzumutbare Beeinträchtigung“

ihrer Arbeitsleistung (Landesarbeitsgericht

Rheinland-Pfalz, 2

Sa 339/10).

Geteilt. Ein Hochschullehrer aus

Baden-Württemberg residierte 20

Jahre in einem Einzelbüro. Nachdem

die Uni umgebaut worden

war, sollte sich der Professor ein

Arbeitszimmer mit einem Kollegen

teilen. Der Wissenschaftler

klagte – und verlor. Professoren,

so die Richter, hätten keinen Anspruch

auf Einzelbüros (Verwaltungsgerichtshof

Baden-Württemberg,

4 S 1020/13).

FOTOS: ULLSTEIN BILD/ECOPIX, JUNIORS BILDARCHIV

106 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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KUNSTFEHLER

Arzt haftet bei unzureichender Aufklärung

Ein 48-jähriger Patient musste

sich einer Darmspiegelung unterziehen,

bei der Wucherungen

entfernt werden sollten. Bei

dem Eingriff wurde der Darm so

stark verletzt, dass es zu einer

Bauchhöhlenentzündung kam.

Der Patient musste über Monate

intensiv im Krankenhaus behandelt

werden. Weitere Operationen

waren nötig. Aufgrund

der bleibenden Schäden konnte

der Patient seinen Beruf nicht

mehr ausüben und musste vorzeitig

in Rente gehen. Wegen

des Fehlers bei der Darmspiegelung

verklagte er den zuständigen

Facharzt. Das Oberlandesgericht

Hamm verurteilte

den Arzt zu Schadensersatz und

Schmerzensgeld (26 U 85/12).

Der Arzt habe den Patienten

unzureichend über die Risiken

des Eingriffs aufgeklärt, so die

Richter. Auch wenn eine Perforation

des Darms und eine

damit verbundene Bauchhöhlenentzündung

bei einer Darmspiegelung

relativ selten vorkämen,

hätte der Arzt dieses

Risiko ansprechen müssen. In

der Einverständniserklärung,

die der Patient unterschrieben

habe, sei nur allgemein auf „die

mit dem Eingriff verbundenen

unvermeidbaren nachteiligen

Folgen“ hingewiesen worden.

Diese Formulierung wirke „verharmlosend“

und sei „weithin

inhaltlos“. Formblätter und

Broschüren könnten nicht das

erforderliche ausführliche Gespräch

zwischen Arzt und Patient

ersetzen. Der geschädigte

Patient habe dem Gericht

glaubhaft vorgetragen, dass er,

wenn er alle Risiken eines solchen

Eingriffs gekannt hätte,

sich eine zweite Meinung von

einem anderen Arzt eingeholt

hätte. Wegen der weitreichenden

Komplikationen und der

Tatsache, dass der Patient nicht

mehr arbeiten konnte und daher

vorzeitig in Rente gehen

musste, sei ein Schmerzensgeld

von 220 000 Euro angemessen.

VERSICHERUNG BEI BAUFINANZIERUNG

Muss nicht auf Dauer zahlen

Banken verlangen von Bauherren

häufig eine Absicherung der

Finanzierung über eine Versicherung.

Das kann eine Risikolebensversicherung

oder eine

Ratenschutz-Arbeitsunfähigkeitsversicherung

sein. Diese

spezielle Arbeitsunfähigkeitsversicherung

übernimmt Zinsund

Tilgungszahlungen, wenn

der Immobilieneigentümer

vorübergehend nicht arbeiten

kann, weil er einen Unfall hatte

oder krank ist. Bei vielen Policen

steht in den allgemeinen

Bedingungen, dass die Versicherung

nicht zahlt, wenn der

Bauherr „unbefristet berufsoder

erwerbsunfähig“ wird. Eine

Verbraucherzentrale hielt

diese Klausel für intransparent

und sah sie als eine unangemessene

Benachteiligung der

Versicherten. Sie klagte, aber

der Bundesgerichtshof hielt die

Klausel für allgemein verständlich

und fair (IV ZR 303/12). Es

sei für die Versicherten einleuchtend,

dass die Police nur

vorübergehend zahle.

BETRIEBSFEIER

Bis 110 Euro

steuerfrei

Arbeitgeber müssen für Betriebsfeiern,

bei denen das Unternehmen

Ausgaben für Essen,

Getränke und Geschenke übernimmt,

keine Lohnsteuer für

geldwerte Vorteile einbehalten,

wenn die Kosten pro Person die

Grenze von 110 Euro nicht

übersteigen. Mietkosten für

Veranstaltungsräume sind dabei

nicht auf die 110 Euro anzurechnen

(Bundesfinanzhof, VI

R 7/11, VI R 94/10).

SCHNELLGERICHT

KEINE WERBUNGSKOSTEN FÜR HOBBYAUTOR

§

Wer hobbymäßig Bücher schreibt, kann seinen

Aufwand nicht automatisch als Werbungskosten

absetzen (Finanzgericht Rheinland-Pfalz, 2 K

1409/12). Autoren müssten nachweisen, dass sie einen

Gewinn erzielen wollen. Wer beispielsweise einen

Teil der Druckkosten übernehme, der verfolge in der

Regel private und nicht berufliche Interessen.

RABATTE AUF MEDIKAMENTE UNZULÄSSIG

§

Eine niederländische Versandapotheke hatte in

Deutschland verschreibungspflichtige Medikamente

mit Rabatt angeboten. Dagegen hatten

deutsche Apotheker geklagt. Der Bundesgerichtshof

entschied, dass die Niederländer ihre Rabattaktion

einstellen müssen (I ZR 72/08, I ZR 119/09, I ZR

120/09, I ZR 79/10). Preise für Medikamente, die der

Arzt verschreibt, seien gesetzlich festgelegt und

Rabatte im Versandhandel seit 2012 verboten.

AUKTIONATOR HAFTET BEI FÄLSCHUNG

§

Ein Auktionshaus kann in den allgemeinen Geschäftsbedingungen

(AGB) nicht die Haftung für

die Echtheit eines Kunstwerks ausschließen (Bundesgerichtshof,

VIII ZR 224/12). Stelle sich nach dem

Verkauf heraus, dass der Gegenstand eine Imitation

aus einer späteren Kunstepoche sei, könne der

Käufer vom Kaufvertrag zurücktreten. Das Urteil ist

nicht rechtskräftig, weil die Vorinstanz, das Oberlandesgericht

München, erneut entscheiden muss.

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 Redaktion: martin.gerth@wiwo.de

107

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Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Unter Janet Yellen

wird die US-Notenbank Fed weiter

Geld drucken. Mit fatalen Folgen.

Von Malte Fischer

Fuß auf dem Gas

Hallo

Täubchen!

Wall Street

freut sich

auf Yellen

Nein, es war keine

Frauenquote, die

Janet Yellen in das

wichtigste Amt der

Weltwirtschaft verholfen hat.

Die 67-jährige Ökonomin, die

ab Februar nächsten Jahres als

erste Frau an der Spitze der

US-Notenbank Fed stehen

wird, ist eine hoch angesehene

Wissenschaftlerin. In der vergangenen

Woche nominierte

US-Präsident Barack Obama

sie zur Nachfolgerin von Ben

Bernanke, dessen zweite Amtszeit

Ende Januar 2014 ausläuft.

In den nächsten Wochen muss

der US-Senat noch über die

Personalie abstimmen. Doch

niemand zweifelt daran, dass er

zustimmt. Nachdem Yellens

härtester Konkurrent um die

Fed-Spitze, der Harvard-Professor

und ehemalige US-Finanzminister

Larry Summers,

das Handtuch geworfen hatte,

war klar, dass Yellen das Rennen

macht.

An den Finanzmärkten dürften

die Teilnehmer nun auf noch

bessere Geschäfte hoffen. Denn

Yellen wird die elektronische

Notenpresse mindestens ebenso

schnell rotieren lassen wie ihr

Vorgänger Bernanke. Die in

Brooklyn geborene Ökonomin,

die im Notenbanksystem der

USA in verschiedenen Positionen

Karriere gemacht hat und

seit 2010 den Vize-Chefposten

innehat, gilt als Co-Architektin

der ultralockeren Geldpolitik,

mit der die Fed die Wirtschaft

seit Ausbruch der Finanzkrise

anfeuert.

Ausgebildet und promoviert

an der Yale-Universität von dem

Keynesianer und Nobelpreisträger

James Tobin, hat sich Yellen

seit jeher insbesondere mit der

Frage beschäftigt, wie die Arbeitslosigkeit

niedrig gehalten

werden kann. Von den beiden

der Fed gesetzlich vorgegebenen

Zielen, einem hohen Beschäftigungsstand

und niedriger

Inflation, ist ihr das erste wichtiger

als das zweite. Mitte der

Neunzigerjahre warnte sie den

damaligen Fed-Chef Alan

Greenspan davor, die Inflation

auf null Prozent zu drücken.

Dies gefährde die Konjunktur.

Besser sei es, eine Inflation von

zwei Prozent anzustreben, die

mindere die Häufigkeit und Tiefe

von Rezessionen.

MONSTRÖSE BLASE

Angesichts der aktuellen Inflationsrate

von 1,2 Prozent ist klar,

wohin die Reise der Fed unter

Yellen gehen wird. Sie wird darauf

drängen, den Fuß weiter auf

dem geldpolitischen Gaspedal

zu lassen. Der von Bernanke in

Aussicht gestellte Rückzug der

Fed aus den Anleihekäufen von

monatlich 85 Milliarden Dollar

könnte sich unter Yellen daher

bis in das nächste Jahr verzögern.

Es ist die starke Fokussierung

Yellens auf die Realwirtschaft,

die den USA und der

Weltwirtschaft zum Verhängnis

werden könnte. Denn die Liquidität,

die die Fed seit Ausbruch

der Krise in die Märkte pumpt,

hat nicht die Güter-, sondern die

Vermögenspreise getrieben.

Die monströse Blase an den

Anleihemärkten und die Höchststände

an den Börsen zeugen

davon. Auch die Häuserpreise in

den großen Städten schießen

wieder kräftig nach oben, in Dallas

und Denver sind sie so hoch

wie nie zuvor. Mit ihrer ultralockeren

Geldpolitik hat die Fed

die Finanzkrise verursacht. Unter

Yellen droht sie ihren Fehler

zu wiederholen.

TREND DER WOCHE

Im Herdentrieb

Nebenwirkung von Nullzinspolitik und Anleihekäufen

ist eine höhere Instabilität des Finanzsystems.

Die Finanzmärkte bejubelten

die Nominierung von Janet Yellen

zur Nachfolgerin von Fed-

Chef Ben Bernanke (siehe Kommentar

links). Selbst der

US-Haushaltsstreit um die Anhebung

der Schuldengrenze

trat zeitweise in den Hintergrund

– zu verlockend ist die

Aussicht auf weitere Geldspritzen

von der Fed. Begründen

wird sie diese damit, dass sich

die US-Wirtschaft noch nicht

aus eigener Kraft aus der Stagnation

befreien kann. Doch

Anleger sollten wissen: Zu den

Risiken und Nebenwirkungen

von Nullzinspolitik und Anleihekäufen

gehört eine zunehmende

Instabilität des Wirtschafts-

und Finanzsystems. So

hat die Jagd nach Rendite den

Markt für hoch verzinsliche Unternehmensanleihen

(Junk-

Bonds) in den USA seit 2008 um

fast 65 Prozent auf aktuell 1200

Milliarden Dollar aufgeblasen.

Die Risikoaufschläge gegenüber

Staatsanleihen schrumpften

von fast 2182 Basispunkten

Ende 2008 auf zwischenzeitlich

nur noch 475 Basispunkte.

Weil bonitätsschwache Unternehmen

ihre Schulden bei

Fälligkeit refinanzieren, reagieren

Junk-Bonds sehr sensibel

auf drohende Liquiditätsverknappungen.

Weniger Liquidität

führt in diesem Bereich des

Kreditmarktes zuerst zu Unternehmenspleiten.

Fast ein Viertel

dieser hochriskanten Kreditpapiere

haben Hedgefonds

gekauft – mit hohen Kredithebeln.

Entsprechend anfällig ist

der Markt für Herdenverhalten.

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 10.10.2013 / 18.04 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 8685,77 +1,0 +20,5

MDax 15171,59 +0,4 +34,9

Euro Stoxx 50 2969,41 +2,3 +20,9

S&P 500 1684,40 +0,3 +17,6

Shanghai Composite 2190,93 +0,8 +3,4

Euro in Dollar 1,3532 –0,5 +5,0

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 1,87 +0,08 2 +0,38 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 2,71 +0,09 2 +1,02 2

Rohöl (Brent) 3 111,42 +2,2 –4,2

Gold 4 1298,50 –1,3 –26,3

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 960,50 Euro; Quelle: vwd group

FOTOS: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, LAIF/REDUX/THE NEW YORK TIMES, IMAGO/ZUMA PRESS

108 Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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DAX-AKTIEN

Zocken mit dem Strom

Wer sich an RWE und E.On traut, braucht Nerven.

Ob den Energieriesen die Wende gelingt, ist offen.

HITLISTE

RWE und E.On sind derzeit

Top-Performer an der Börse,

weil Anleger drei Hoffnungen

haben: dass die bisherige Bevorzugung

von Ökostrom (Erneuerbare-Energien-Gesetz,

Einspeisevergütung) aufgeweicht

wird, dass beide Energiekonzerne

die operative

Wende schaffen und dass

RWE- und E.On-Aktien auch

auf niedrigerem Ertragsniveau

gute Dividendenpapiere bleiben.

Doch dieses positive Szenario

ist wacklig. Eine Rückkehr

zu hohen Einnahmen aus

Kraftwerksstrom, das alte Erfolgsmodell

von RWE und E.On,

ist unwahrscheinlich. Die strategische

Neuausrichtung, die erhebliche

Investitionen notwendig

macht, wird durch Schulden

von 33 Milliarden (E.On) beziehungsweise

35 Milliarden Euro

(RWE) eingedämmt. Kosten

durch Stellenabbau zu senken

kommt wegen der Abfindungen

teuer; bei Beteiligungsverkäufen

gehen oft auch Ertragsbringer

verloren. Dass dann eine üppige

Dividende nicht sicher ist, sollte

keinen Anleger wundern.

Mächtige Lobby

Beim US-Militär

wird nie gespart

US-SCHULDENGRENZE

Weiter einsatzbereit

Anleger sollten keine Wetten darauf abschließen,

dass die US-Schuldengrenze nicht angehoben wird.

Dax

Kurs Kursent- Gewinn KGV Börsen- Dividen-

(€) wicklung pro Aktie (€) wert den-

1 Woche 1 Jahr 2013 2014 2014

(Mio. €) rendite

(%) 1

Dax 8685,77 +1,0 +20,5

Aktie

Stand: 10.10.2013 / 18.03 Uhr

Adidas 80,65 –1,0 +22,9 4,51 5,02 16 16873 1,67

Allianz 119,65 +2,7 +31,4 13,08 13,42 9 54554 3,76

BASF NA 71,57 +0,9 +11,7 5,37 5,90 12 65736 3,63

Bayer NA 85,64 –0,7 +26,4 5,66 6,43 13 70820 2,22

Beiersdorf 68,43 +1,2 +19,3 2,38 2,66 26 17244 1,02

BMW St 80,38 +1,0 +35,0 7,84 8,13 10 51658 3,11

Commerzbank 9,36 +7,1 –11,3 0,37 0,81 12 10655 -

Continental 131,85 +6,0 +69,0 10,56 12,04 11 26371 1,71

Daimler 58,20 +0,6 +53,7 4,98 5,57 10 62241 3,78

Deutsche Bank 35,00 +1,6 +9,6 3,57 4,50 8 35679 2,14

Deutsche Börse 56,95 +0,9 +35,4 3,66 4,12 14 10991 4,04

Deutsche Post 23,79 –2,0 +55,0 1,45 1,62 15 28756 2,94

Deutsche Telekom 11,45 +6,1 +24,3 0,65 0,70 16 50966 6,11

E.ON 14,25 +8,8 –21,1 1,29 1,18 12 28514 7,72

Fresenius Med.C. St 47,00 –2,5 –18,6 3,51 3,68 13 14455 1,60

Fresenius SE&Co 89,36 –2,6 –4,7 5,82 6,52 14 20167 1,06

Heidelberg Cement St 57,70 +1,9 +43,5 3,56 4,50 13 10819 0,81

Henkel Vz 72,75 –1,6 +16,5 4,03 4,40 17 29287 1,31

Infineon 7,41 +0,3 +48,2 0,21 0,40 19 8012 1,62

K+S NA 18,89 –1,4 –49,7 2,92 1,37 14 3615 7,41

Lanxess 47,60 +0,5 –22,2 1,64 3,98 12 3960 2,10

Linde 141,80 –3,8 +8,2 8,32 9,36 15 26325 1,90

Lufthansa 14,14 +0,1 +32,5 1,25 1,64 9 6501 -

Merck 113,10 –1,0 +14,9 8,71 9,10 12 7309 1,50

Münchener Rückv. 143,70 –0,6 +17,5 16,54 16,78 9 25771 4,87

RWE St 27,37 +9,3 –20,6 3,91 2,94 9 16768 7,31

SAP 53,50 –1,9 0 3,37 3,71 14 65725 2,06

Siemens 90,69 +0,7 +16,9 5,43 6,99 13 79898 3,31

ThyssenKrupp 18,45 +1,6 +8,3 0,08 1,12 16 9490 -

Volkswagen Vz. 174,05 +3,5 +19,4 21,13 24,24 7 79086 2,05

1

berechnet mit der zuletzt gezahlten Dividende

Das Erreichen der US-Schuldengrenze

(16 700 Milliarden

Dollar) am 17. Oktober rückt

näher. Das bedeutete nicht

die sofortige Zahlungsunfähigkeit

der US-Regierung.

Dass sie Zinszahlungen umgehend

einstellen wird, ist unwahrscheinlich.

Zunächst

würden Ausgaben an anderer

Stelle gestundet. Zuletzt beim

Militär, der militärische Komplex

hat starken politischen

Einfluss. Anleger sollten nicht

auf fallende US-Rüstungsaktien

wetten, zumal es immer noch

wahrscheinlich ist, dass sich

Regierung und Haushaltsausschuss

doch noch einigen, die

Schuldengrenze anzuheben.

Abhängigkeit börsennotierter Konzerne von Aufträgen

der US-Regierung

Unternehmen

Branche

Umsatz mit der US-Regierung

Booz Allen Hamilton

Northrop Grumman

Leidos Holding

Raytheon

Lockeed Martin

L-3 Communications

Alliant Techsystems

General Dynamics

Rockwell Collins

Oshkosh

Computer Science

Babcock & Wilcox

Boeing

BAE Systems

Flir Systems

Textron

Viasat

Jacobs Engineering

Aecom Technology

United Technologies

Honeywell

Beratung

Luftfahrt, Rüstung

Informationsdienstleister

Luftfahrt, Rüstung

Luftfahrt, Rüstung

Luftfahrt, Rüstung

Luftfahrt, Rüstung

Luftfahrt, Rüstung

Luftfahrt, Rüstung

Lkws, Spezialfahrzeuge

Informationstechnologie

Nukleartechnologie

Luftfahrt, Rüstung

Luftfahrt, Rüstung

Luftfahrt, Rüstung

Luftfahrt, Rüstung

Telekomequipment

Ingenieurdienstleistungen

Ingenieurdienstleistungen

Mischkonzern

Mischkonzern

Quelle: Bloomberg; Stand: 7. Oktober 2013

in Milliarden

Dollar

1,43

5,68

2,43

5,15

9,67

2,51

0,73

5,20

0,45

0,82

1,27

0,28

6,74

1,25

0,11

0,89

0,07

0,60

0,37

2,40

1,03

in Prozent des

Gesamtumsatzes

99,0

90,0

87,0

84,0

82,0

76,0

67,0

66,0

38,0

37,0

34,0

34,0

33,0

30,1

29,5

29,0

24,0

22,1

18,0

15,0

10,9

WirtschaftsWoche 14.10.2013 Nr. 42 109

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Geld&Börse | Geldwoche

ANLEIHE Haniel

Milliardenerlös für

gesunde Erholung

Die richtige Pille Beteiligung

Celesio stützt Haniel-Rendite

Spekulationen, der amerikanische

Gesundheitskonzern

McKesson könnte in Kürze

Celesio übernehmen, lassen

die Aktie des Pharmahändlers

mächtig steigen. Sicher zur

Freude von Großaktionär

Haniel, der 50,01 Prozent der

Celesio-Aktien besitzt und für

den die Beteiligung bisher eine

der großen Baustellen im

Konzern war; schließlich war

aus dem einst einträglichen

Geschäft mit Pharmagroßhandel

wegen der Rabattschlacht

bei Arzneimitteln ein

regelrechtes Krisenkommando

geworden. Sollte es wirklich

zu einer Übernahme

kommen, könnte Celesio zum

Gesamtwert von mehr als fünf

Milliarden Euro den Besitzer

wechseln. Für Haniel käme

der Milliardensegen zur rechten

Zeit. Nach 1,9 Milliarden

Euro Rekordverlust im vergangenen

Jahr sind die Duisburger

dabei, ihre Beteiligungen

neu auszurichten, vor

allem die Abhängigkeit von

Schwergewichten wie Celesio

zu reduzieren. Und sollte der

Verkauf doch nicht über die

Bühne gehen? Auch so

kommt Celesio unter seiner

neuen Chefin Marion Helmes

gut voran, baut eine europaweite

Apothekenkette auf,

senkt Kosten beim Einkauf

von Medikamenten und wird

als Partner großer Gesundheitskonzerne

interessanter.

Die andere große Beteiligung,

in der Haniel derzeit drei Milliarden

Euro (30 Prozent der

Anteile) investiert hat, kommt

ebenfalls voran: der Handelskonzern

Metro. Zum Joker ist

dabei der einst schwächelnde

Warenhausableger Kaufhof

geworden, dessen Marktwert

durch operative Fortschritte

und Wertgewinn bei den Immobilien

deutlich gestiegen ist.

Kein Wunder, dass die Haniel-

Zahlen wieder besser werden.

Netto blieben im ersten Halbjahr

84 Millionen Euro, im gleichen

Zeitraum des Vorjahres

waren es 277 Millionen Euro

Verlust. Chef Stephan Gemkow

verspricht für 2013 ein „deutlich

positives Ergebnis vor Steuern“.

Zugleich kommt der Schuldenabbau

voran. Im ersten

Halbjahr wurden die Nettoschulden

um 280 Millionen

Euro auf 1,9 Milliarden Euro

gesenkt. Die Ratingagentur

Standard & Poor’s honoriert das

mit einem positiven Ausblick.

Mit BB+ ist das Rating zwar

noch im spekulativen Bereich,

hier aber die beste Note.

Haniel hat derzeit drei Anleihen

in einem Gesamtvolumen

von 1,9 Milliarden Euro am

Markt. Für die Laufzeit bis 2018

gibt es drei Prozent Rendite –

ein faires Angebot.

Das Familienunternehmen

Haniel besteht seit einem Vierteljahrtausend,

hat also stürmische

Zeiten überstanden. Da

sollte es kein Problem sein, bis

2018 durchzuhalten, bis dahin

Zinsen zu zahlen und die dann

fällige Anleihe abzulösen.

Kurs (%) 112,94

Kupon (%) 6,25

Rendite (%) 3,01

Laufzeit bis 8. Februar 2018

Währung

Euro

ISIN

XS0743603358

AKTIE TDC

Dividendenkönig aus

Dänemark

TDC

ISIN: DK0060228559

60

50

40

35

30

50-Tage-Linie

25

200-Tage-Linie

20

2008 09 10 11 12 13

Kurs/Stoppkurs(in DKR):47,00/39,30

KGV 2013/2014: 12,6/13,2

Dividendenrendite(in Prozent):7,9

Chance

Risiko

Niedrig

Hoch

Quelle:FactSet

Anschluss gesucht

TDC will bei Branchenriesen

andocken

Seit etwa einem halben Jahr

laufen europäische Telekomaktien

besser als der breite europäische

Referenzindex

Stoxx 600. Gegenüber Anfang

März legte der Sektorindex

Stoxx Telecom um 24 Prozent

zu, bei einem Plus von sechs

Prozent beim Stoxx 600. In

Europa ist die Telekombranche

in Bewegung geraten, wegen

der Aussicht auf weitere

Konsolidierungen und weniger

Widerstand aus Brüssel.

Den Sektor als Ganzes spielen

können Anleger mit einem

Indexfonds oder einem Anlagezertifikat

(siehe Wirtschafts-

Woche 40/2013). Als Einzelinvestment

überraschen

könnte die bisher noch zurückgebliebene

Aktie des

größten dänischen Telekomkonzerns

TDC. Dort hat sich

soeben mit KKR der letzte von

einst fünf Finanzinvestoren

verabschiedet. 2006 hatten

diese für umgerechnet gut

zehn Milliarden Euro 88 Prozent

des ehemaligen Staatskonzerns

übernommen. Finanziert

wurde der Deal auf

Kredit. Sämtliche Versuche

des Quintetts, TDC an einen

Investor aus der Branche zu

veräußern, verliefen im Sand.

Ende 2010 traten die Finanzinvestoren

den Rückzug an und

verkauften ihre Pakete stufenweise

über die Börse – unter

dem Strich aber immer noch

mit ordentlichem Gewinn.

Es wäre zwar ein Treppenwitz,

wenn unmittelbar nach

dem Ausstieg der Private-Equity-Gesellschaften

einer der großen

Telekomriesen einstiege.

Zumindest aber ist der latente

Aktienüberhang jetzt beseitigt.

Den Aktionären wurden vom

Vorstand zudem künftig 90 Prozent

des freien Cash-Flows als

Ausschüttung versprochen. Auf

Basis der Schätzungen für 2013

errechnet sich eine stolze Dividendenrendite

von 7,9 Prozent.

FOTOS: MAURITIUS IMAGES/IMAGEBROKER, PR

110 Redaktion: Geldwoche+Zertifikate: Frank Doll, Anton Riedl

Nr. 42 14.10.2013 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse | Geldwoche

FONDS NordIX Renten plus

Leidenschaft für das

Kleingedruckte

Die besten Rentenfonds

Wie die erfolgreichsten Portfolio-Manager abgeschnitten haben

Fondsname

Euro-Anleihen gemischt

ISIN

Wertentwicklung

in Prozent

seit 3

Jahren 1

seit

1 Jahr

Volatilität

2

in

Prozent

Abgefahren Portugiesische

Bahn mit 7,5 Prozent Rendite

Noch zum Jahresende 2012

brachen Rentenfonds mit

Einjahresrenditen über 15

Prozent alle Rekorde. Inzwischen

ist nur noch in Nischen

viel zu holen. Doch in kleinere

illiquide Anleihen können

große Fonds kaum investieren.

Das ist die Chance für

den acht Millionen Euro

leichten Euro-Rentenfonds

vom Hamburger Vermögensverwalter

NordIX. Das zwölfköpfige

Team handelt hauptsächlich

Anleihen für

Großkunden. Stefan Maiwald

und Vorstand Moritz Schildt

managen den Fonds. Sie sehen

dort Chancen, wo andere

nach dem lieben Herrgott

rufen, und haben ein fast tollkühnes

Renditeziel: Sieben

Prozent sollen die Papiere

beim Kauf bringen. Fündig

werden sie derzeit in Südeuropa

und bei Finanzunternehmen.

Ihre größte Position mit

hohen 13 Prozent des Fondsvolumens

ist die griechische

Eisenbahngesellschaft Hellenic

Railways. Das im Juli 2013

gekaufte Papier brachte 15

Prozent Rendite bis zur Fälligkeit.

Vor einem griechischen

Schuldenschnitt hat Schildt

keine Angst. Der Kurs der Anleihe

würde leiden, aber sie

wird schon