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Cicero Der Dichter-Punk (Vorschau)

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Nº10<br />

OKTOBER<br />

2013<br />

€ 8.50<br />

CHF 13<br />

<strong>Der</strong><br />

<strong>Dichter</strong>-<br />

<strong>Punk</strong><br />

Unsere<br />

Augsteins<br />

Ein Familienclan im<br />

„Spiegel“-Clinch<br />

Mein Freund,<br />

der Feind<br />

Ein Fotoessay aus<br />

Israel und Palästina<br />

Berserker der Gerechtigkeit,<br />

Ahnherr der Empörten:<br />

Warum GEORG BÜCHNER<br />

so aktuell ist wie nie<br />

Österreich: 8.50 €, Benelux: 9.50 €, Italien: 9.50 €<br />

Spanien: 9.50 € , Finnland: 12.80 €<br />

10<br />

4 196392 008505


Verändert die Welt.<br />

Nicht den Alltag.<br />

<strong>Der</strong> Audi A3 Sportback e-tron: elektrische und<br />

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Unverwechselbar Audi A3 und doch eine eigene Designsprache: vom eigenen Grill bis zur<br />

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Kraftstoffverbrauch Audi A3 Sportback e-tron in l/100 km: kombiniert 1,5; CO 2 -Emissionen in g/km: kombiniert 35.<br />

Energieeffizienzklasse A+


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Atticus<br />

N °-10<br />

<strong>Der</strong> Frühverglühte<br />

Titelbild: Olaf Hajek; Illustration: Anja Stiehler/Jutta Fricke Illustrators<br />

Mehr als 30 Jahre ist es her, dass ich<br />

diesen Einstieg zum ersten Mal<br />

gelesen habe. Er elektrisiert mich bis<br />

heute: „Den 20. Jänner ging Lenz durchs<br />

Gebirg.“ Was für ein lakonischer Satz<br />

zunächst, banal im Grunde, es folgt eine<br />

düster-nasskalte Bergszenerie – und dann<br />

das: „Müdigkeit spürte er keine, nur war<br />

es ihm manchmal unangenehm, daß er<br />

nicht auf dem Kopf gehn konnte.“ Bumm.<br />

Georg Büchner wurde am 17. Oktober<br />

1813 in Goddelau bei Darmstadt geboren.<br />

200 Jahre später hat sein Werk nichts von<br />

seiner Kraft verloren. Seine Sätze sind<br />

Starkstrom, sie klingen wie gute Riffs in<br />

einem Rocksong. Kein anderer deutscher<br />

<strong>Dichter</strong> hat mit so wenig Werk so viel<br />

Wirkung erzielt. Keiner hat pro Quadratzentimeter<br />

Text so viel Druck entfaltet<br />

wie er. Keiner hat Feinfühligkeit und<br />

Unerbittlichkeit so fulminant kombiniert.<br />

„Das wirkt wie gemalt und ist doch nur<br />

geschrieben“, urteilt Büchner-Biograf<br />

Hermann Kurzke über die Naturbeschreibungen<br />

im „Lenz“.<br />

Er hat seine Tintensäure verspritzt,<br />

um gegen die Verhältnisse aufzubegehren.<br />

Die Obrigkeit hat ihn gejagt, weil sie<br />

spürte, welch ungeheure Kraft das Wort<br />

dieses 20-Jährigen hat. Er ist der erste<br />

Empörte, ein Vorbild für all jene, die sich<br />

heute nicht mit den Umständen abfinden<br />

wollen und sich auflehnen.<br />

23 intensive Jahre, ein jäher Tod, ein<br />

früh verglühtes Genie – wie Franz<br />

Schubert, Mozart, James Dean, Jeff Buckley,<br />

Kurt Cobain. Live hard, die young, auch<br />

das ist Teil der Faszination Büchners.<br />

Unser Illustrator Olaf Hajek hat<br />

Büchner in unsere Zeit transferiert und<br />

dessen Säure-Sätze illustriert. <strong>Der</strong> Regisseur<br />

Michael Thalheimer inszeniert<br />

gerade „Woyzeck“ in Stockholm und<br />

notiert für <strong>Cicero</strong>, was Büchner so aktuell<br />

macht ( ab Seite 20 ). Die Biografen<br />

Hermann Kurzke und Jan-Christoph<br />

Hauschild streiten über ihre höchst<br />

unterschiedlichen Sichtweisen auf Büchner<br />

( ab Seite 24 ). <strong>Der</strong> Schriftsteller Georg<br />

Klein befasst sich mit dem Naturwissenschaftler<br />

im <strong>Dichter</strong> ( ab Seite 32).<br />

Und Alexander Kissler porträtiert Sibylle<br />

Lewitscharoff, die diesjährige Büchner-<br />

Preisträgerin ( Seite 116 ).<br />

Büchner wollte Veränderung, und<br />

zwar grundsätzliche. Wir wollten auch<br />

Veränderung, und zwar beherzte. Dieser<br />

<strong>Cicero</strong> erscheint erstmals in einem neuen<br />

Gewand, das ihm die Editorial-Designerin<br />

Viola Schmieskors auf den Leib geschneidert<br />

hat. Ich könnte sehr viele Worte<br />

darüber verlieren, weshalb wir dieses<br />

neue Kleid so mögen. Aber wir machen<br />

den <strong>Cicero</strong> nicht für uns, sondern für Sie.<br />

Deshalb freuen wir uns auf Ihr Urteil.<br />

Mit besten Grüßen<br />

Christoph Schwennicke<br />

Chefredakteur<br />

5<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


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Inhalt<br />

Titelthema<br />

20 – 34<br />

20<br />

Ein schrei gegen die Welt<br />

Georg Büchner war der erste Empörte,<br />

ein großer Liebender und ist Autor der Stunde<br />

Von MIChael Thalheimer<br />

Illustration: Olaf Hajek<br />

24<br />

„Er ist überall gREifbar“<br />

Die Büchner-Biografen Hermann Kurzke und<br />

Jan-Christoph Hauschild im Streitgespräch<br />

Von Alexander kISSler<br />

32<br />

die Natur aBER hasst das lEBEN<br />

Was uns das Werk des Biologen Georg<br />

Büchner vom Lebendigen erzählt<br />

Von Georg Klein<br />

7<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Berliner Republik<br />

35 – 54<br />

Weltbühne<br />

55 – 84<br />

Kapital<br />

85 – 100<br />

36 Mal sCHNaps, mal nüCHTERN<br />

<strong>Der</strong> Richter Frank Rosenow verhandelt<br />

demnächst den Fall Christian Wulff<br />

Von Timo Stein<br />

56 Die zensORin<br />

Mónika Karas soll<br />

Ungarns Medien überwachen<br />

Von Keno Verseck<br />

86 dER sTaatsoligaRCH<br />

Igor Setschin leitet den Ölkonzern<br />

Rosneft im Auftrag des Kremls<br />

Von Vane SSA de L‘Or<br />

38 dER HinguCKER<br />

Schwarz, Frau, Oberleutnant. Catherine<br />

Hague steht für neue deutsche Normalität<br />

Von Jasmin kAlarickal<br />

58 Das sTEHaufmäNNCHEN<br />

William Hague lässt sich durch das<br />

Desaster in Westminster nicht beirren<br />

Von SeBAStian Borger<br />

88 Die EisBRECHERin<br />

Elke Ruchatz hat eine Werft gerettet.<br />

Erfolgsrezept: Schonungslose Offenheit<br />

Von Steffen Uhlmann<br />

40 Im namen des VaTERs<br />

Wenn man einen Mythos erbt:<br />

Augsteins Kinder und der Spiegel<br />

Von Ulrike Simon<br />

60 Koalition der uNWilligen<br />

Syrien zeigt die Kriegsmüdigkeit des<br />

Westens. Er braucht eine neue Strategie<br />

Von Josef Janning<br />

90 EiNE Milliarde? Kauf ich!<br />

Luise Neumann-Cosel will das<br />

Berliner Stromnetz erwerben<br />

Von Til Knipper<br />

48 Die uRBane dEKadenz<br />

Aggression im Alltag: In den<br />

Metropolen geht der Respekt verloren<br />

Von Frank A. MEyer<br />

64 Die HiNTERBliEBENEN<br />

Gesichter palästinensischer und<br />

israelischer Opferfamilien. Fotoessay<br />

Von Rina Castelnuovo<br />

92 „Bisher haFTET WEiter<br />

der sTEuerzahler“<br />

Ein Streitgespräch zwischen<br />

Sven Giegold und Georg Fahrenschon<br />

Von Til Knipper<br />

50 Das dOWN-Kind im Bundestag<br />

Erstmals zieht die Mutter eines Babys<br />

mit Trisomie 21 ins Parlament ein<br />

Von Petra Sorge<br />

53 Frau Fried FRagt sich …<br />

… ob Teilen wirklich glücklich macht<br />

Von Amelie Fried<br />

38<br />

Sie bricht das gängige Bild von<br />

der Bundeswehr auf<br />

74 Pro Siedlungen<br />

Warum die israelischen Bauprojekte<br />

kein Friedenshindernis sind<br />

Von Arthur Cohn<br />

76 Contra Siedlungen<br />

Warum die israelischen Bauprojekte<br />

dem jüdischen Staat nur schaden<br />

Von Judith Hart<br />

78 Mut zum Glück<br />

Chinas Eltern wollen weg vom<br />

Lerndrill und gründen Waldorfschulen<br />

Von Bernhard Bartsch<br />

64<br />

Sie überwinden die Feindschaft<br />

in Nahost<br />

98 dER sPuTNik-sCHOCK<br />

der EuROPäer<br />

<strong>Der</strong> NSA-Skandal bietet<br />

deutschen IT‐Unternehmen<br />

die Chance ihres Lebens<br />

Von Andreas rInke<br />

98<br />

Sie sehen den NSA-Skandal als<br />

Chance für Europas IT-Branche<br />

Fotos: Oliver Rüther für <strong>Cicero</strong>, Rina Castelnuovo/Contact-Agentur Focus for the New York Times; Illustration: Mario Wagner/2agenten<br />

8<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Stil<br />

101 – 112<br />

Salon<br />

114 – 137<br />

<strong>Cicero</strong><br />

StanDArDS<br />

102 dER Mann und der massaNzug<br />

Nathaniel Adams erforscht das<br />

Geheimnis des gepflegten Auftritts<br />

Von lenA BergMAnn<br />

104 allüRENFREIE ZONE<br />

Zu Besuch in der New Yorker Wohnung<br />

der Stararchitektin Annabelle Selldorf<br />

Von RaLF EIBL<br />

114 Die sTille nach dem biss<br />

Hörspielregisseur Klaus Buhlert<br />

inszeniert Canettis „Die Blendung“<br />

Von florian Welle<br />

116 heilandzack, ein TOTENBETT<br />

Sibylle Lewitscharoff erhält den<br />

diesjährigen Georg-Büchner-Preis<br />

Von Alexander kISSler<br />

Atticus – Seite 5<br />

Von Christoph Schwennicke<br />

Stadtgespräch – Seite 12<br />

Forum – Seite 16<br />

ImPREssum – Seite 124<br />

Postscriptum – Seite 138<br />

Von Alexander Marguier<br />

110 „Irgendwann werden<br />

wir BREit und ECKig“<br />

Ein Gespräch über Mode und Altern<br />

mit der Journalistin Melissa Drier<br />

Von Anne wAAk<br />

112 Warum ich TRage,<br />

was ich TRage<br />

Schwarz ist am schönsten,<br />

weil es alles zulässt<br />

Von CLAUS peyMAnn<br />

104<br />

Sie setzt auf Klarheit und<br />

Minimalismus in der Architektur<br />

118 du musst BRasilien finden<br />

Edgar Reitz vollendet mit der „Anderen<br />

Heimat“ seinen Hunsrück-Zyklus<br />

Von thoMAS DAvid<br />

120 deutsche gEschiCHTE<br />

ist niCHT tiEFsCHWarz<br />

Erster Weltkrieg: <strong>Der</strong> Mythos vom<br />

Sonderweg muss überwunden werden<br />

Von ulrich SIeg<br />

126 man siEHT nur,<br />

was man suCHT<br />

Hung Tung-Lu und seine anregende<br />

Kunst jenseits des Westens<br />

Von beat Wyss<br />

128 bibliOTHEKsPORTRät<br />

<strong>Der</strong> Philosoph Wilhelm Schmid lernt<br />

von Büchern das Denken und Lieben<br />

Von holger fuss<br />

132 HOPEs Welt<br />

Wer nicht wagt, hat schon verloren<br />

Von daniel Hope<br />

134 Raus mit aPPlaus<br />

und KEin zurück<br />

<strong>Der</strong> Austritt aus dem Völkerbund<br />

diente 1933 der Kriegsvorbereitung<br />

Von philipp Blom<br />

<strong>Der</strong> Titelkünstler<br />

<strong>Der</strong> Berliner Künstler Olaf<br />

Hajek ist meist ausgebucht:<br />

Ausstellungen und Aufträge<br />

von Texas bis Südafrika.<br />

Aber diese Frage der<br />

<strong>Cicero</strong>‐Redaktion hat ihn<br />

sofort gereizt: Wie sähe<br />

Georg Büchner aus, wenn<br />

er heute lebte? Hajek las<br />

Texte des Schriftstellers und<br />

betrachtete die wenigen<br />

zeitgenössischen Bilder<br />

Büchners. Er entwarf eine<br />

Bleistiftskizze, bevor er<br />

schließlich das Titelbild<br />

malte: den <strong>Dichter</strong>-<strong>Punk</strong><br />

136 die letzTEN 24 sTunden<br />

Wo die Kindheit begann,<br />

soll einmal alles enden<br />

Von jane Goodall<br />

Fotos: Wolfgang Stahr, privat<br />

9<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Eine Marke der Daimler AG


Die besten Fahrer überlassen<br />

nichts dem Zufall.<br />

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<strong>Cicero</strong><br />

Stadtgespräch<br />

Katholiken bekommen ein neues Gesangbuch, Politiker bleiben auf dem<br />

Golfplatz lieber inkognito, und die Junge Union hat ein Nachwuchsproblem<br />

Woelki und das Gesangbuch:<br />

Musikalische Mission<br />

Als echter Kölner kann Rainer Maria<br />

Woelki alle Karnevalslieder seiner<br />

Heimatstadt auswendig. Auf seinem<br />

iPhone hat er die Lieder der bekanntesten<br />

Kölner Bands gespeichert. Kürzlich<br />

war der Erzbischof von Berlin auch<br />

offiziell in musikalischer Mission<br />

unterwegs: In Berlin stellte er das neue<br />

katholische Gesangbuch vor. In einer<br />

Startauflage von 3,6 Millionen erscheint<br />

jetzt das „Gotteslob“. Woelki wäre<br />

nicht Woelki, hätte er nicht daran<br />

erinnert, dass 2001, zu Beginn des<br />

Projekts, Ewald Lienen den 1. FC Köln<br />

trainiert habe, „der dann leider abstieg“.<br />

Bald darauf erklangen fromme Weisen,<br />

von „Kyrie“ bis „<strong>Der</strong> Lärm verebbt“.<br />

Dargeboten vom Kammerchor der<br />

Kathedrale. Wenn er hingegen sänge,<br />

sagte der Bischof, „würde es mir wie<br />

Frau Nahles im Bundestag ergehen“.<br />

<strong>Der</strong>en Versuche, Pippi Langstrumpfs<br />

Lied zu trällern, hatten jüngst für noch<br />

größere Heiterkeit gesorgt als Woelkis<br />

launige Conference, in die ein Bekenntnis<br />

eingeflochten war: „Es ist manchmal<br />

auch für einen Bischof nicht leicht,<br />

seinen Glauben zu behalten.“ kis<br />

Politiker auf dem Golfplatz:<br />

Am liebsten inkognito<br />

Das Golfspiel, einst eher der gesellschaftlichen<br />

Elite vorbehalten,<br />

gehört inzwischen zu einer der fast am<br />

schnellsten wachsenden Sportarten<br />

in der Bundesrepublik. 700 000 Golfer<br />

sind inzwischen registriert. Selbst<br />

in der Sportgemeinschaft Deutscher<br />

Bundestag gibt es eine Golfabteilung.<br />

Sie zählt stolze 40 Mitglieder, darunter<br />

aber nur vier Abgeordnete. <strong>Der</strong>en<br />

Namen werden vom Golf-Obmann<br />

Kurt-Dieter Grill nicht verraten.<br />

Denn auf dem Golfplatz bleiben unsere<br />

Volksvertreter lieber inkognito.<br />

Wahrscheinlich fürchten sie, „elitär“<br />

und nicht „volksnah“ zu wirken.<br />

Grill schätzt, dass ungefähr<br />

100 Abgeordnete zu Hause und im<br />

Wahlkreis den Schläger schwingen.<br />

Hans Werner Kilz, ehemals Chefredakteur<br />

des Spiegel und der Süddeutschen<br />

Zeitung und damit gewiss ein erfahrener<br />

Rechercheur, schätzt sogar, dass<br />

unter den 600 Abgeordneten des Bundestags<br />

etwa 150 Volksvertreter auf<br />

dem Golfplatz ihren politischen Stress<br />

abschlagen und Kontakte pflegen.<br />

Alt-Bundespräsident Walter Scheel hat<br />

sich noch offen zu seinem Hobby bekannt.<br />

Er ließ sich dabei auch gerne<br />

fotografieren. Ex-Bundespräsident<br />

Horst Köhler dagegen spielte zu Amtszeiten<br />

vor allem auf einem etwas abgelegenen<br />

Green in Schleswig-Holstein<br />

(beim Golfclub Hohwachter Platz),<br />

vermutlich hatte er Bedenken, als<br />

Staatsoberhaupt in kurzen Hosen abgelichtet<br />

zu werden. Seine Mitspieler, die<br />

ihn in diesem Aufzug sahen, störte das<br />

nicht. <strong>Der</strong> ehemalige CDU-Generalsekretär<br />

Laurenz Meyer hingegen liebte<br />

es, bei seinem Hobby fotografiert zu<br />

werden. Außenminister Guido Westerwelle<br />

spielt am liebsten in seinem Feriendomizil<br />

auf Mallorca.<br />

Dort greift auch FDP-Generalsekretär<br />

Patrick Döring, Mitglied im Bundesliga-<br />

Golfclub, gern zum Schläger, weil ihn<br />

auf der Insel nur wenige kennen.<br />

Ein begeisterter Golfer ist Berlins<br />

Regierender Bürgermeister Klaus<br />

Wowereit, der früher gerne mit Hartmut<br />

Mehdorn spielte, als der noch Vorsitzender<br />

der Bahn AG war. Danach legte<br />

das Duo eine Spielpause ein. Seit<br />

Mehdorn die Geschäftsführung der<br />

Berliner Flughafen-Gesellschaft übernommen<br />

hat, pflegt Wowereit jedoch<br />

den Golf-Kontakt wieder.<br />

Verteidigungsminister Thomas de<br />

Maizière hält offenbar nichts vom Golfen.<br />

Das sei eine „Randsportart“ lästerte<br />

er. Golffreund Kilz ärgerte das<br />

abfällige Urteil, und er kommentierte<br />

es bissig in der Golfbeilage der Süddeutschen:<br />

Das Urteil des Ministers sei<br />

so unwahr wie seine Einlassungen zur<br />

Euro-Hawk-Beschaffung. tz<br />

Illustrationen: Jan Rieckhoff<br />

12<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


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<strong>Cicero</strong><br />

Stadtgespräch<br />

Parlamentsneubau<br />

Fast im Plan<br />

Die Junge Union nach Mißfelder<br />

Nachwuchsprobleme<br />

Berliner Großflughafen<br />

Alles für „lau“<br />

In aller Stille und bisher überraschend<br />

skandalfrei wächst an der Spree in<br />

Berlin ein Neubau in die Höhe, der,<br />

wenn er in zwei Jahren fertig ist, im<br />

„Luisenviertel“ neben dem Parlament<br />

einen neuen städtebaulichen Akzent<br />

setzen wird. Denn aus dem Gebäude<br />

wird sich ein 36 Meter hoher Turm<br />

erheben, der zwar nicht mit einer Kuppel<br />

gekrönt werden soll, aber trotzdem<br />

das optische Gegenstück zur Reichstagskuppel<br />

bilden wird. Offiziell heißt<br />

das Gebäude „Erweiterungsbau“, weil<br />

es das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus<br />

vollendet, in dem jetzt schon die<br />

Parlamentsbibliothek, der wissenschaftliche<br />

Dienst und das Archiv des<br />

Bundestags untergebracht sind. Im<br />

Anbau entstehen der zweitgrößte<br />

Versammlungsraum des Parlaments,<br />

der 1200 Menschen Platz bieten soll,<br />

Büros für Abgeordnete und ihre<br />

Mitarbeiter, ein Bereich für Kunstausstellungen<br />

und ein Bistro. In dem neuen<br />

Turm ist in luftiger Höhe ein Sitzungsraum<br />

geplant, den wahrscheinlich der<br />

Haushaltsausschuss nutzen wird.<br />

Bisher läuft (fast) alles nach Plan:<br />

Ursprünglich sollte das Haus 2013<br />

fertig werden. Es gab zwar anfangs<br />

Probleme, weil sich der Baubeginn<br />

wegen der Klage eines Bauunternehmers<br />

verzögerte. Aber die Kosten (rund<br />

190 Millionen Euro) halten sich im<br />

Rahmen, eröffnet werden soll das Haus<br />

Mitte 2015. Man scheint also alles im<br />

Griff zu haben und das wäre fast schon<br />

ein Novum in der Geschichte öffentlich<br />

finanzierter Bauwerke, die vor allem<br />

durch Pannen, Unpünktlichkeit und<br />

Kosten explosionen auffallen. hp<br />

Wie lange regiert Philipp Mißfelder<br />

eigentlich schon die Junge<br />

Union? Seit Kohl? Nein, 1998 war<br />

er erst Chef der Schüler Union. Seit<br />

Andrea Nahles Juso-Chefin war? Nicht<br />

mal das, wobei es schon so ist, dass<br />

Mißfelder seit seinem Amtsantritt 2002<br />

vier Juso-Vorsitzende überlebt hat (Annen,<br />

Böhning, Drohsel, Vogt). Aber er<br />

wird nächstes Jahr 35 und fliegt wegen<br />

der Altersgrenze aus dem Verein, dessen<br />

Synonym er geworden ist. Nach elf<br />

Jahren Mißfelder ist die JU bei der Regelung<br />

offener Nachfolgefragen etwas<br />

aus der Übung, sodass wir lieber schon<br />

anfangen, die Dinge zu sortieren.<br />

Option eins: Katrin Albsteiger.<br />

Aus Neu-Ulm, Volkswirtin, eloquent,<br />

fotogen: Die JU käme endlich vom Radio<br />

ins TV. Allein: Eine Bayerin an der<br />

Spitze wäre neu. Eine eigenständige Juniorenpartei<br />

nach CSU-Vorbild gibt es<br />

zwar nicht, nur einen Landesverband,<br />

den Albsteiger führt. Aber: <strong>Der</strong> oder<br />

die JU-Bundesvorsitzende sitzt automatisch<br />

im CDU-Bundesvorstand, und<br />

es wäre kurios, wenn da eine CSU-Frau<br />

aufkreuzte. Haste nicht gesehen, führt<br />

das – zefix! – zur Abschaffung der CSU.<br />

Das Problem hat Option zwei nicht.<br />

Benedict Pöttering kommt aus Niedersachsen,<br />

ein starker Landesverband der<br />

Halbstarkenunion. Sein Vater Hans-<br />

Gert Pöttering leitet die Konrad-Adenauer-Stiftung.<br />

Benedict, JU-Bundesvize,<br />

ist so ehrgeizig, dass es heißt: „Er<br />

läuft sich warm.“ Das ist auch wieder<br />

schwierig, denn viele, die sich zu früh<br />

warmlaufen, laufen heiß. Wenn das<br />

Spiel beginnt, sind sie schlapp. löw<br />

Aufsichtsratsvorsitzender des<br />

Berliner Großflughafens BER – das<br />

ist nach all den Pannen, die passiert<br />

sind, kein vergnügungssteuerpflichtiger<br />

Job. Wer hat schon Lust, sich ständig<br />

von der Bild-Zeitung verprügeln und<br />

von Hartmut Mehdorn zu immer neuen<br />

Startterminen nötigen zu lassen? Und<br />

das auch noch für „lau“, also: ehrenamtlich,<br />

denn außer ein paar Euro<br />

Sitzungsgeld gibt’s keinen Cent. Es war<br />

also menschlich verständlich und<br />

politisch weise, dass der neue brandenburgische<br />

Ministerpräsident Dietmar<br />

Woidke von seinem Vorgänger Mat thias<br />

Platzeck nur die Staatskanzlei übernehmen<br />

wollte, nicht aber den Vorsitz im<br />

BER-Aufsichtsrat. Für ihn soll Staatssekretär<br />

Rainer Bretschneider nachrücken,<br />

ein ausgewiesener Experte, der<br />

schon vorher für Platzeck die Geschäfte<br />

„koordiniert“ hatte und sich<br />

bestens auskennt mit dem Flughafen,<br />

dessen Entstehung er von Anfang an<br />

begleitet hat. Über ihn, so geht das<br />

Kalkül, würden die Medien nicht gar so<br />

garstig herfallen wie über einen<br />

Politiker. Bretschneider wird aber nicht<br />

den Vorsitz übernehmen. Den führt<br />

jetzt – einstweilen und kommissarisch –<br />

erneut der im Januar von diesem Amt<br />

zurückgetretene Berliner Regierende<br />

Bürgermeister Klaus Wowereit. Erst im<br />

Oktober soll über die endgültige Führung<br />

entschieden werden – nach der Bundestagswahl.<br />

Zumindest die SPD-Seite hofft,<br />

dass es dann auch im Bundesverkehrsministerium,<br />

das den Bund als Minderheitsgesellschafter<br />

im Aufsichtsrat vertritt,<br />

einen personellen und politischen<br />

Wechsel geben werde. hp<br />

Illustrationen: Jan Rieckhoff<br />

14<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


<strong>Cicero</strong><br />

Leserbriefe<br />

Forum<br />

Es geht um Volksempfänger, Fledermäuse,<br />

Statussymbole, Ichlinge und NSA<br />

Zum Beitrag „Ins Herz der Masse“ von Philipp Blom, August 2013<br />

„Volksfeind“<br />

Eine Szene, die ich nur noch schemenhaft in Erinnerung hatte: Meine Mutter saß<br />

mit einem Tuch über dem Kopf vor „irgendetwas“, das man als Topf mit heißem<br />

Wasser zur Inhalation deuten konnte. Erst Jahre später erklärte sie mir diese<br />

Szenerie: Es muss Ende 1944/Anfang 1945 gewesen sein, als in Frankreich die<br />

Invasion der Amerikaner stattfand und die „Reichswehr“ eines Tages nichts<br />

mehr über den Verbleib meines Vaters sagen konnte. Daraufhin hörte meine<br />

Mutter den deutschsprachigen Sender von BBC ab, bei dem die Namen von<br />

deutschen Gefangenen durchgegeben wurden. Da dieses Abhören von BBC von<br />

den deutschen Behörden zum „Vaterlandsverrat“ erklärt wurde – und es gab<br />

genügend Denunzianten –, musste dies für die Außenwelt „unhörbar“ geschehen.<br />

Unter dem Tuch über dem Kopf meiner Mutter befand sich also kein Topf mit<br />

heißem Wasser, sondern das Radio – sehr leise eingestellt.<br />

Prof. Dr. Anton Bayer, Ilmmünster<br />

Zum Beitrag „Frau Fried fragt sich“ von<br />

Amelie Fried, September 2013<br />

Blauäugig<br />

Dieser Beitrag ist an „Blauäugigkeit“<br />

kaum noch zu überbieten.<br />

Selbst Enercon (der Windradhersteller)<br />

hat nach einer selbst in Auftrag<br />

gegebenen Studie zugeben müssen,<br />

dass jedes Jahr Hunderttausende<br />

von Fledermäusen getötet werden.<br />

Nein, nicht geschreddert, wie manche<br />

andere Vogelart, sondern durch<br />

den Luftdruck platzt den Tieren die<br />

Lunge. Selbst Nabu und BUND geben<br />

das zu – lassen sich aber dann<br />

von der Windradindustrie „sponsern“<br />

(bestechen könnte man auch<br />

sagen, nur um den Mund zu halten).<br />

Dass viele Betroffene aus naheliegenden<br />

Gründen sich gegen<br />

das Aufstellen von Windparks wehren,<br />

sollte man nachvollziehen können.<br />

Ich würde Frau Fried empfehlen,<br />

sich einmal mit den Fakten der<br />

Energiewende zu beschäftigen, die<br />

schon jetzt als gescheitert betrachtet<br />

werden kann.<br />

Walter Faulenbach, Olpe<br />

Zum Beitrag „Die Hörrohre sind wieder<br />

da!“ von Thomas Palzer, August 2013<br />

Mehr Urvertrauen wagen<br />

Mitten in der gegenwärtigen großen<br />

Verunsicherung über die NSA-Abhöraffäre<br />

kann die Annahme von<br />

Herrn Palzer, dass alle Informationen<br />

des Universums im Urknall<br />

enthalten sind, eigentlich nur beruhigen.<br />

Hat die angenommene „Gesamtheit<br />

aller Informationen“ unsere<br />

Erde nicht bis heute bewahrt!<br />

Das sollte uns doch Anlass zu einem<br />

Urvertrauen geben, welches jedweder<br />

Unsicherheit bis hin zur Paranoia<br />

widersteht und in der Lage ist,<br />

jeder Art von exzessiver Kontrollmaßnahme<br />

und pervertiertem Bemühen<br />

um Staatssicherheit wirksam<br />

entgegenzutreten.<br />

Eduard Biedermann, Hamburg<br />

Zum Beitrag „Unsere Statussymbole“<br />

von <strong>Cicero</strong>-Redaktion, Juli 2013<br />

Mein Auto und ich<br />

„Mein Auto ist kein Statussymbol,<br />

nur ein Transportmittel, um von A<br />

nach B zu kommen“, haben die<br />

Mitglieder Ihrer Redaktion wohl gesagt<br />

und fühlen sich als Avantgarde.<br />

Zum ersten Mal habe ich diesen<br />

Satz um 1970 herum gehört. Nicht<br />

von denen, die damals schon als Student<br />

Porsche oder Alfa Spider gefahren<br />

haben, aber von denjenigen,<br />

die sich ihre 500-Mark-Schrottkiste<br />

vom Mund abgespart hatten und sich<br />

noch nicht einmal das Benzin leisten<br />

konnten. Ich hatte übrigens damals<br />

weder Auto noch Führerschein, weil<br />

ich mir beides nicht leisten konnte.<br />

In den letzten 40 Jahren habe<br />

ich immer wieder diesen Satz gehört.<br />

Dennoch ist und bleibt vorläufig<br />

das Auto das Status symbol,<br />

denn Kirschholzlautsprecher,<br />

DVD-Sammlungen oder Bündel<br />

von Zwiebeln kann man erst dann<br />

zeigen, wenn man das zu manipulierende<br />

Opfer in die richtige Sichtposition<br />

gebracht hat. Das Auto<br />

stellt man einfach vor die Tür und<br />

schaut aus dem Küchenfenster zu,<br />

wie die Vorbeigehenden hingucken.<br />

Nun wurde ich leider 65 und<br />

leider pensioniert, aber meinen letzten<br />

Geschäftswagen, ein 5er BMW,<br />

habe ich meinem Arbeitgeber<br />

abgekauft. Eine ökonomisch völlig<br />

falsche Entscheidung, meistens<br />

steht der Wagen in der Garage. Aber<br />

ab und zu bereitet es mir richtig<br />

Freude, mit meinem Zweieinhalb-<br />

Liter -Sechszylinder irgendwohin<br />

zu fahren. Was andere darüber<br />

denken, ist mir so was von egal.<br />

Kurt Reuter, Heusenstamm<br />

16<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


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<strong>Cicero</strong><br />

Leserbriefe<br />

Zum Beitrag: „Macht der Kapitalismus<br />

uns unglücklich?“ von Max A. Höfer,<br />

September 2013<br />

Längst kollabiert<br />

Ihr obiger Artikel hat mir gut gefallen,<br />

insbesondere auch deswegen,<br />

weil Sie unverdächtig sind,<br />

mit irgendwelchen kommunistischen<br />

oder sozialistischen Gesellschaftstheorien<br />

zu sympathisieren.<br />

Ich hätte mir nur noch die Feststellung<br />

gewünscht, dass der vom Gedanken<br />

des mit allen Chancen und<br />

Risiken versehenen freien Marktes<br />

beherrschte Kapitalismus längst<br />

kollabiert ist – ähnlich wie zuvor<br />

der Kommunismus/Sozialismus –<br />

und dass wir es heute weitgehend<br />

mit einem steuer- und abgabenfinanzierten<br />

„Kapitalismus“ zu tun<br />

haben, der natürlich in Wirklichkeit<br />

keiner ist.<br />

Dr. Falk Peters, Cottbus<br />

Zum Beitrag „<strong>Der</strong> Freiheit falsche Freunde“<br />

von Christoph Schwennicke, Juli 2013<br />

Zum Beitrag „Puppenstube Deutschland“<br />

von Marcus Pinder, August 2013<br />

Auslaufmodell<br />

Die Argumentation des geläuterten<br />

„Neoliberalen“ Max A. Höfer<br />

greift zu kurz. Denn das Hauptproblem<br />

beim Streben nach immer höheren<br />

Rendite- und Arbeitsrekorden<br />

besteht nicht nur darin, dass es<br />

viele Menschen unglücklich macht,<br />

sondern die Gesellschaft im zunehmenden<br />

Maße spaltet. Da auf jene<br />

Weise auch immer mehr Verlierer<br />

produziert werden, die entweder<br />

im Tempo nicht mithalten können<br />

oder regelrecht ausgebeutet werden.<br />

Wobei insbesondere Letzteres<br />

eine Rückkehr in die eigentlich<br />

längst überlebt geglaubte kapitalistische<br />

Werteordnung des 19. Jahrhunderts<br />

bedeutet. Weswegen man sich<br />

die Frage stellen muss, wieso die<br />

heutigen Eliten etwas fetischisieren,<br />

das bereits vor mehr als vier Jahrzehnten<br />

bei der Diskussion um den<br />

Sinn des Lebens nicht nur bei Willy<br />

Brandt oder dem Club of Rome<br />

ein Auslaufmodell war!<br />

Rasmus Ph. Helt, Hamburg<br />

Plädoyer für den Ichling<br />

Ichlinge haben für die Welt und die<br />

Menschen mehr Gutes vollbracht<br />

als viele Haufen von Wirlingen. Beispiel<br />

gefällig: Volkswagen geht es<br />

prächtig und damit vielen Menschen<br />

rund um den Erdball. Warum? Weil<br />

an der Spitze zwei Ichlinge (Winterkorn<br />

und Piëch) die Maßstäbe setzen<br />

und vorgeben, was richtig und<br />

was falsch ist, und weil sie ähnlich<br />

denkende Ichlinge in Position gebracht<br />

haben. Ichlinge, die Ideen<br />

haben, die ihre Visionen umsetzen<br />

können, sind ein Segen für die Zeitgenossen<br />

und kein Fluch, wie Sie<br />

uns verkaufen wollen. So wie der<br />

Ichling in Frankreich, der seinerzeit<br />

die berühmte DS-Klasse von<br />

Citroën erfand. Da kann Hollande<br />

auf noch so viele Wirlinge eindreschen,<br />

ohne Ichling wird’s nimmer<br />

gelingen.Weiter ein gutes Händchen<br />

bei der Gestaltung von <strong>Cicero</strong> und<br />

der Auswahl des Personals (Nehmen<br />

Sie Ichlinge!).<br />

Kurt Reuter, Aarau/Schweiz<br />

Verlogene Kritik<br />

Dem Artikel möchte ich vollinhaltlich<br />

zustimmen. Macht er doch<br />

deutlch, wie unehrlich und verlogen<br />

die lauthals vorgetragene Kritik<br />

bestimmter deutscher Politiker an<br />

der amerikanischen Überwachung<br />

ist, die ja auf Verträgen beruht,<br />

die alle deutschen Regierungen,<br />

ausnahmslos, mit den Amerikanern<br />

abgeschlossen haben. Abgesehen<br />

von Botschafts-Verwanzungen,<br />

die ja Herr Pinder auch kritisiert.<br />

Überraschen konnten höchstens<br />

der Umfang und die Menge an<br />

Daten, wie von Edward Snowden<br />

bekannt gemacht wurde; dies wird<br />

wohl dem technischen Fortschritt<br />

geschuldet sein.<br />

Eugen Schmid, Schwäbisch-Hall<br />

Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe zu kürzen.<br />

Wünsche, Anregungen und Meinungsäußerungen<br />

senden Sie bitte an redaktion@cicero.de<br />

Karikatur: Hauck & Bauer<br />

18<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Titel<br />

<strong>Der</strong> <strong>Dichter</strong>-<strong>Punk</strong><br />

Ein Schrei<br />

Gegen<br />

die Welt<br />

Von<br />

michael Thalheimer<br />

Ein radikaler Mensch, ein radikales Werk:<br />

Georg Büchner sezierte die Ungerechtigkeit und schrieb<br />

mit sprachlicher Wucht gegen sie an. So wurde er zum<br />

Ahnherrn der Empörten und blieb dabei ein großer<br />

Liebender. Er ist der Mann der Stunde<br />

Illustration: Olaf Hajek<br />

20<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


titel<br />

<strong>Der</strong> <strong>Dichter</strong>-<strong>Punk</strong><br />

Georg Büchner ist der Autor der<br />

Stunde. Sein Werk stellt das<br />

denkbar schärfste Gegenmittel<br />

bereit gegen eine Kunst, die nur sich<br />

selbst spiegelt, und gegen eine Gesellschaft,<br />

die mehr von Macht und Gewalt<br />

als von Liebe zusammengehalten<br />

wird. Büchner, dieser radikale Mensch,<br />

brannte für sein Werk. Die Flammenspuren<br />

seiner Leidenschaft heißen Woyzeck,<br />

Lenz, Danton, Robespierre, Saint Just<br />

und auch Leonce und Lena und Valerio.<br />

Es ist Zeit, wieder Büchner zu lesen.<br />

Er ist der erste Empörte. 200 Jahre vor<br />

Stéphane Hessel hat er seine Wut über<br />

die Verhältnisse und die Ungerechtigkeit<br />

der Welt hinausgeschrien. Er hat mit<br />

dem „Hessischen Landboten“ einen Aufruf<br />

zum Aufstand mitverfasst, der einen<br />

Ton anschlägt wie das anonyme Manifest<br />

„<strong>Der</strong> kommende Aufstand“. Vielleicht<br />

wäre er heute bei Attac oder Occupy?<br />

Sein Biograf Hermann Kurzke<br />

schreibt: „Georg Büchner war eine Lokomotive,<br />

die das 19. Jahrhundert auf<br />

Gipfel zog, von denen aus das 20. schon<br />

zu sehen war.“ Und, ließe sich ergänzen,<br />

den Anfang des 21. Jahrhunderts konnte<br />

man auch noch entdecken. Er „lieh seine<br />

Stimme einem sprühenden Protest gegen<br />

alles Erniedrigende und Entmenschende“.<br />

Über das Entmenschende eines entfesselten<br />

Finanzkapitalismus reden und schreiben<br />

heute viele.<br />

Büchner provoziert durch sprachliche<br />

Wucht und gedankliche Kühnheit.<br />

Die wenigen Texte, die er in einem viel<br />

zu kurzen Leben schreiben konnte, berühren<br />

mich stark und wühlen mich auf.<br />

Er hat Türen geöffnet, die sich nie wieder<br />

schließen lassen – Türen des Bewusstseins<br />

vor allem. Zu Beginn des „Woyzeck“,<br />

den ich gerade in Stockholm inszeniere,<br />

lautet die Szenenanweisung „freies<br />

Feld“. Woyzeck und Andres „schneiden<br />

Stecken im Gebüsch“, Woyzeck sieht<br />

plötzlich Glut über der Stadt, „ein Feuer<br />

fährt um den Himmel und ein Getös herunter<br />

wie Posaunen“. Mit dem „freien<br />

Feld“ scheint mir auch das Bewusstsein<br />

gemeint. Büchner will unser Bewusstsein<br />

erweitern.<br />

Auch dem Theater und der Literatur<br />

hat er neue Räume erschlossen. Er war<br />

ein Wegbereiter. Ohne seine Kunst wäre<br />

kein Ödön von Horváth denkbar, kein<br />

Peter Weiss, kein Heiner Müller. Sie alle<br />

michael Thalheimer<br />

<strong>Der</strong> 1965 in Frankfurt am Main<br />

geborene Künstler zählt zu<br />

Deutschlands originellsten<br />

Theaterregisseuren. Sein neuer<br />

„Woyzeck“ wird an Büchners<br />

200. Geburtstag, am 17. Oktober,<br />

in Stockholm am Königlichen<br />

Dramatischen Theater Premiere<br />

haben. Bereits 2003 inszenierte<br />

er das Stück in Salzburg und<br />

Hamburg, „Leonce und Lena“<br />

hingegen 2001 in Leipzig<br />

stehen – ob sie sich auf ihn berufen oder<br />

nicht – in seiner Schuld. Für die Bühne<br />

ist und bleibt er eine Herausforderung.<br />

Den Zuschauern verlangt er genauso viel<br />

ab wie den Schauspielern und den Regisseuren.<br />

<strong>Der</strong> eigentliche Handlungsort<br />

der Stücke ist nämlich Georg Büchners<br />

Kopf. Was dort stattfindet, zeigt er uns<br />

in einer assoziativen, stark beschleunigten<br />

Dramaturgie, die die Mittel des Filmschnitts<br />

vorwegnimmt. Er hat als Erster<br />

in Deutschland den klassischen Aufbau,<br />

den Fünfakter, aufgegeben, und als Erster<br />

Menschen dargestellt, die zuvor nicht<br />

als theaterwürdig galten: prekäre Existenzen,<br />

tumbe Soldaten, Prostituierte.<br />

Als Mann der Praxis stehe ich immer<br />

wieder staunend und ergriffen vor einem<br />

Werk, das ein einziger Schrei gegen die<br />

Welt ist. Es lässt mich partout nicht in<br />

Ruhe, ich werde damit nicht fertig. Berührend<br />

und traurig zugleich sind diese<br />

Dramen der Hilflosigkeit, „Woyzeck“ voran.<br />

Die Titelfigur ist die radikalste Figur<br />

des Theaters überhaupt. Woyzeck<br />

tötet aus Verzweiflung das Liebste, das<br />

er hat, seine Marie. Er „sticht drauflos“.<br />

Später wirft er das Messer in einen Teich<br />

und wird doch die Schuld nicht los: „<strong>Der</strong><br />

Mond ist wie ein blutig Eisen! Will denn<br />

die ganze Welt es ausplaudern!“<br />

Um diesen ungeheuren Vorgang richtig<br />

zu erfassen, darf er nicht verkleinert<br />

werden. „Woyzeck“ taugt nicht zum<br />

Amüsement. Es war ein großer Fehler,<br />

als das Theater beschloss, in dem Soldaten<br />

Woyzeck ausschließlich ein passives<br />

Opfer der Umstände zu sehen. Einen<br />

solchen Woyzeck kann man mit nach<br />

Hause nehmen, ins Regal stellen und ihn<br />

von Zeit zu Zeit abstauben. Nichts liegt<br />

Büchner ferner.<br />

Woyzeck ist in meinen Augen ein gefährliches<br />

Subjekt. In ihm schlummert<br />

jene Gewalt, die er an sich täglich erfährt.<br />

„Unsereins“, sagt er zum Hauptmann, „ist<br />

doch einmal unselig in der und der andern<br />

Welt. Ich glaub’, wenn wir in Himmel<br />

kämen, so müssten wir donnern helfen.“<br />

Darum habe ich schon in meiner<br />

Inszenierung für die Salzburger Festspiele<br />

und das Thalia-Theater Hamburg<br />

vor zehn Jahren die Frage gestellt, was<br />

wohl geschähe, wenn Woyzeck zurückschlüge?<br />

Wenn ein Mensch, an dem die<br />

Gesellschaft das Messer wetzt, die Waffe<br />

gegen eben diese Gesellschaft richtete?<br />

Foto: Jens Gyarmaty/VISUM<br />

22<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Anzeige<br />

In seinem Brief an die Eltern vom<br />

April 1833 schrieb Büchner, „wenn in unserer<br />

Zeit etwas helfen soll, so ist es die<br />

Gewalt“. Wer „den jungen Leuten den<br />

Gebrauch der Gewalt“ vorwerfe, müsse<br />

zur Kenntnis nehmen, dass „wir (…) in<br />

einem ewigen Gewaltzustand“ gefangen<br />

seien: „Ein Gesetz, das die große Masse<br />

der Staatsbürger zum fronenden Vieh<br />

macht, (…) ist eine ewige, rohe Gewalt,<br />

angetan dem Recht und der gesunden<br />

Vernunft, und ich werde mit Mund und<br />

Hand dagegen kämpfen, wo ich kann.“<br />

Die Frage nach der Legitimität von<br />

Gewalt führt direkt ins Heute. Theater<br />

ist nicht der Ort, um parteipolitische<br />

Schlachten zu schlagen. Wohl aber hat<br />

zumindest das subventionierte Theater<br />

einen gesellschaftlichen Auftrag. Es darf<br />

sich nicht im Musealen oder im Unterhaltenden<br />

einrichten, es muss die Menschen<br />

verstören, aufrütteln und anregen<br />

wollen. Es muss bereit sein, einen Diskurs<br />

zu führen.<br />

Dieser ewig zeitlose „Woyzeck“<br />

rückt Randfiguren ins Zentrum, jene<br />

„überflüssigen Menschen“, die der ökonomische<br />

Fortschritt laut dem Soziologen<br />

Zygmunt Bauman produziert. Er<br />

nennt sie auch die „Ausgegrenzten der<br />

Moderne“ und sagt, „Arbeitslose fallen<br />

aus der gesellschaftlichen Ordnung heraus.<br />

In einer Konsumgesellschaft werden<br />

sie, die nicht produzieren, als schlechte<br />

Konsumenten und als finanzielles Problem<br />

angesehen. Nur als Versorgungsfall.<br />

Das kann es ihnen schwer machen, die<br />

Regeln eines demokratischen Gemeinwesens<br />

zu respektieren.“<br />

Ich muss oft an die Fieberträume<br />

des sterbenden Georg Büchner denken,<br />

als er in Zürich davon sprach, er werde<br />

verfolgt, da stehe „jemand in der Ecke“.<br />

Auch Woyzeck sieht sich verfolgt, auch<br />

ihm ist wie Büchner die Welt ein viel zu<br />

enger Anzug.<br />

Andererseits war Büchner weder zynisch<br />

noch naiv. In „Dantons Tod“ zeigt<br />

er die brutalen Folgen eines missbrauchten<br />

Aufbegehrens gegen die Ungleichheit.<br />

Die Diktatur der Guillotine triumphiert<br />

über das Pathos der Freiheit. „Die Revolution“,<br />

sagt Danton, „ist wie Saturn, sie<br />

frisst ihre eignen Kinder“, und er fährt<br />

fort: „Das Volk ist wie ein Kind, es muß<br />

alles zerbrechen, um zu sehen, was darin<br />

steckt.“<br />

Saint Just rechtfertigt später in einer<br />

ebenso klugen wie kalten Rede selbst die<br />

Exzesse der Gewalt. Büchner gelingt es,<br />

vor dieser Argumentation wirklich Angst<br />

zu bekommen – ein Meisterwerk der<br />

Rhetorik: „Soll eine Idee nicht ebenso<br />

gut wie ein Gesetz der Physik vernichten<br />

dürfen, was sich ihr widersetzt? Soll<br />

überhaupt ein Ereignis, was die ganze<br />

Gestaltung der moralischen Natur, das<br />

heißt der Menschheit, umändert, nicht<br />

durch Blut gehen dürfen? <strong>Der</strong> Weltgeist<br />

bedient sich in der geistigen Sphäre unserer<br />

Arme ebenso, wie er in der physischen<br />

Vulkane und Wasserfluten gebraucht.<br />

Was liegt daran, ob sie an einer<br />

Seuche oder an der Revolution sterben?<br />

Die Schritte der Menschheit sind langsam,<br />

man kann sie nur nach Jahrhunderten<br />

zählen; hinter jedem erheben sich die<br />

Gräber von Generationen.“<br />

Büchner eröffnete durch solche Ambivalenzen<br />

neue Räume des Bewusstseins.<br />

Vor der Versuchung, zynisch zu<br />

werden – und das Zynische ist immer<br />

das Uninteressante –, bewahrte ihn die<br />

Liebe. Er war ein Liebender. Man kann<br />

an der Welt nur verzweifeln, wenn man<br />

letztlich eben doch an das Gute im Menschen<br />

glaubt.<br />

In seinem Lustspiel „Leonce und<br />

Lena“ stellt Georg Büchner deshalb nicht<br />

nur die Frage Immanuel Kants nach dem<br />

freien Willen. Die beiden Titelfiguren<br />

bewegen sich aufeinander und auf ihre<br />

Heirat zu, obwohl sie gerade vor dieser<br />

willentlich Reißaus nehmen. Lena befürchtet<br />

in ihrer Verzweiflung, „dass wir<br />

uns selbst erlösen müssen mit unserem<br />

Schmerz“, während Leonce das „Picken<br />

der Totenuhr in unserer Brust“ spürt –<br />

„und jeder Tropfen Blut misst seine Zeit,<br />

und unser Leben ist ein schleichend Fieber“.<br />

Büchner fragt sich und uns auch,<br />

ob auf dem derart ungewissen Lebensweg<br />

die Liebe uns leitet oder die Langeweile<br />

oder die Gier nach Macht – oder am<br />

Ende gar eine Mischung aus diesen drei<br />

Antriebskräften.<br />

Büchner war schließlich auch ein<br />

<strong>Dichter</strong> der Melancholie, nicht der Daseinsverneinung.<br />

In seiner Melancholie<br />

verbirgt sich unendlich viel Hoffnung.<br />

Melancholie lässt uns weiterleben, Melancholie<br />

treibt uns zum Denken an. Sie<br />

ist das schattige Zentrum von Georg<br />

Büchners großer Dramenkunst.<br />

23<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013<br />

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9.-13. Oktober 2013<br />

Halle 3.0 - Stand B 18


Titel<br />

<strong>Der</strong> <strong>Dichter</strong>-<strong>Punk</strong><br />

„Er ist überall<br />

GreIFBAr“<br />

Was wollte Georg Büchner? Wie lebte er?<br />

War er Revolutionär oder Romantiker? Wir haben seine beiden<br />

Biografen Hermann Kurzke und Jan-Christoph Hauschild<br />

zum Streitgespräch ins Stadttheater Gießen gebeten<br />

Moderation Alexander kISSler<br />

Illustration: Olaf Hajek<br />

Klassiker erkennt man daran, dass ihre<br />

Zitate das Werk überdauern. Bei Friedrich<br />

Schiller erspart die Axt im Haus<br />

den Zimmermann, bei Goethe zieht das<br />

Ewig-Weibliche uns hinan. Was bleibt<br />

von Georg Büchner? „Friede den Hütten,<br />

Krieg den Palästen“?<br />

Hermann Kurzke: Zumindest ist dieser<br />

Satz sehr wichtig. Damit startet Georg<br />

Büchner in sein literarisches Leben.<br />

Dann aber wird der Satz zu einer Klippe<br />

für ihn.<br />

Die Französische Revolution lag damals<br />

rund 40 Jahre zurück, der Vormärz kündigte<br />

sich an. Büchner wurde im August<br />

1834 wegen des „Hessischen Landboten“,<br />

an dem er mitgewirkt hatte,<br />

steckbrieflich gesucht. Darin findet sich<br />

der martialische Aufruf.<br />

Kurzke: <strong>Der</strong> Satz ist rätselhaft. Was ist<br />

mit den Hütten, was mit den Palästen gemeint?<br />

Wem soll konkret Frieden, wem<br />

Krieg gebracht werden? Bedeuten die<br />

Hütten die Menschen der Unterschicht,<br />

und gehören zu den Palästen nur die Vornehmen<br />

und die Regierenden? Wo rangiert<br />

das liberale Bürgertum, das diese<br />

Parole auf den Lippen hat? Das ist alles<br />

nicht einfach zu beantworten.<br />

In Ihrer Darstellung, Herr Hauschild,<br />

„Georg Büchner – Verschwörung für die<br />

Freiheit“ nimmt „<strong>Der</strong> Hessische Landbote“<br />

breiten Raum ein.<br />

jan-CHRisTOPH hauschild: „Friede<br />

den Hütten, Krieg den Palästen“ lautet<br />

die Eingangsdevise des „Hessischen<br />

Landboten“, den Büchner verfasst, aber<br />

sein Mitstreiter Friedrich Ludwig Weidig<br />

stark überarbeitet hat. Wir wissen also<br />

gar nicht, von wessen Hand diese Parole<br />

stammt. Außerdem handelt es sich um<br />

ein historisches Zitat, genau 42 Jahre älter<br />

als der „Landbote“. In deutschen Landen<br />

wird es bis heute gerne zitiert.<br />

In welchem Zusammenhang?<br />

hauschild: Wenn sich unter Berufung<br />

auf das elementare Menschenrecht auf<br />

Widerstand gewaltfreie politische, soziale<br />

oder ökologische Protestbewegungen<br />

formieren, in der Hausbesetzerszene, im<br />

Atomstreit oder beim Kampf gegen infrastrukturelle<br />

Großprojekte, dann taucht<br />

das Zitat auf. Allerdings nicht mehr mit<br />

dem heiligen oder blutigen Ernst, mit<br />

dem die französische Revolutionsarmee<br />

die Losung in die eroberten Länder trug,<br />

sondern in Form eines ironischen Echos.<br />

Sie schreiben, Büchner habe den „Landboten“<br />

als einen „revolutionären Hebel“<br />

verstanden. Also wollte er mit Gewalt<br />

den Umsturz der bestehenden Verhältnisse<br />

erreichen?<br />

hauschild: Büchner wusste, dass es<br />

schwierig sein würde, die Bauern und<br />

Handwerker – wie er sagt – „aus ihrer<br />

Erniedrigung hervorzuziehen“. Sein<br />

Gießener Freund Becker zitiert ihn mit<br />

den Worten: „Soll jemals die Revolution<br />

auf eine durchgreifende Art ausgeführt<br />

werden, so kann und darf das bloß<br />

durch die große Masse des Volks geschehen,<br />

durch deren Überzahl und Gewicht<br />

die Soldaten gleichsam erdrückt werden<br />

müssen. Es handelt sich also darum, die<br />

große Masse zu gewinnen, was vor der<br />

Hand nur durch Flugschriften geschehen<br />

kann.“ Nichts anderes hat Büchner im<br />

„Landboten“ getan – der allerdings, wie<br />

schon gesagt, durch Weidig stark verändert<br />

wurde.<br />

Damit aber ist er gescheitert. Büchner<br />

floh nach Straßburg, weil er steckbrieflich<br />

gesucht wurde.<br />

hauschild: Jetzt verkürzen Sie aber gewaltig.<br />

Natürlich dachte Büchner nicht,<br />

der „Landbote“ werde unmittelbar zum<br />

Aufstand, zur Vertreibung des Großherzogs<br />

und der Ausrufung der Republik<br />

führen. Gescheitert ist lediglich diese<br />

Agitation mit Flugschriften, und zwar<br />

nicht, weil Büchners Konzept falsch war,<br />

sondern weil es einen Verräter gab, einen<br />

Denunzianten. Johann Conrad Kuhl war<br />

sein Name.<br />

25<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Titel<br />

<strong>Der</strong> <strong>Dichter</strong>-<strong>Punk</strong><br />

kurzke: Das sehe ich anders. Büchners<br />

Konzept war falsch. Es blieb vollkommen<br />

unklar, wogegen sich der „Landbote“ eigentlich<br />

richtete und was diese Flugschrift<br />

konkret bewirken wollte. <strong>Der</strong> Text bildet<br />

diese Widersprüchlichkeit ab. Gleich zu<br />

Beginn wird der gesamte Haushalt des<br />

Großherzogtums Hessen-Darmstadt als<br />

„der Blutzehnte“ kritisiert, „der vom<br />

Leib des Volkes genommen wird“. Auch<br />

den Etat des „Ministeriums des Innern“<br />

verdammt er, obwohl doch von diesem<br />

Haushalt die Gymnasien bezahlt werden,<br />

an denen Büchner gelernt hat, die<br />

Universitäten, an denen er studiert hat.<br />

Hier will ein Angehöriger des Bürgertums<br />

die Bauern zur Revolution tragen.<br />

Das halte ich für einen grundlegenden<br />

Fehler. Wenn die Bauern revolutionieren<br />

wollen, dann müssen die Bauern revolutionieren.<br />

Da bedarf es nicht satter bürgerlicher<br />

Intellektueller.<br />

hauschild: Sie übersehen, dass auch<br />

Lenin und Che Guevara und Ho Chi<br />

Minh und Karl Liebknecht und Rosa<br />

Luxemburg keine Bauern oder Arbeiter<br />

waren, sondern Intellektuelle, die<br />

sich an die Spitze einer Bewegung stellten.<br />

Für Büchner sollten die Bauern und<br />

Handwerker Träger und Garanten einer<br />

echten, nämlich sozialen Revolution<br />

sein. Weidig wollte dem landlosen Agrarproletariat<br />

dagegen keine politische<br />

Mitbestimmung einräumen, sondern es<br />

lediglich für die bürgerliche Revolution<br />

benutzen.<br />

Beim Revolutionsdrama „Dantons Tod“,<br />

entstanden Anfang 1835, haben wir es<br />

mit einem vielfältigen Scheitern zu tun.<br />

Danton und seine Freunde sterben, die<br />

Freiheit endet im Blutbad. Für Sie, Herr<br />

Hauschild, zeigt „Dantons Tod“, dass<br />

Büchner von der „Notwendigkeit des<br />

gewaltsamen Umsturzes“ überzeugt<br />

blieb. Bei Hermann Kurzke hingegen<br />

fand ich die überraschende Aussage,<br />

in „Dantons Tod“ obsiege „das Christentum,<br />

auf eine gewisse Weise. Danton<br />

und die Seinen sind Märtyrer der Freiheit.<br />

Wie Jesus siegen sie im Tod.“<br />

Kurzke: Es gibt eine Vielzahl von christlichen<br />

Bezügen. Wesentlich ist auch der<br />

abschließende Freitod der Lucile, die<br />

sich mit dem Ruf „Es lebe der König!“<br />

dem Schafott ausliefert. Vorher singt sie<br />

noch: „Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,<br />

Hermann Kurzke<br />

<strong>Der</strong> Doyen der deutschen<br />

Germanistik hat soeben<br />

die Biografie „Georg Büchner –<br />

Geschichte eines Genies“<br />

vorgelegt. Zuvor machte er<br />

sich einen Namen als Experte<br />

für Thomas Mann. In seiner<br />

Habilitationsschrift hatte er<br />

sich dem großen Romantiker<br />

Novalis zugewandt. Bis zu<br />

seiner Emeritierung lehrte<br />

er Neuere deutsche Literaturgeschichte<br />

in Mainz<br />

hat Gewalt vom höchsten Gott.“ Dahinter<br />

verbirgt sich eine christliche Eschatologie,<br />

eine Vision vom Paradies, wenngleich<br />

abseits des Kirchenchristentums.<br />

Und messianische Anspielungen gibt es<br />

bei Robespierre wie auch bei Danton.<br />

Sind Sie, Herr Hauschild, unempfänglich<br />

für solche Anspielungen?<br />

hauschild: Große Kunstwerke sind so<br />

geräumig, dass sie viele, auch einander<br />

absolut widersprechende Interpretationen<br />

aushalten. Es gibt eine wichtige Äußerung<br />

von Büchner zur Gewaltfrage,<br />

die durch Wilhelm Schulz überliefert ist,<br />

der mit ihm das Straßburger und Züricher<br />

Exil teilte. Schulz war bürgerlicher<br />

Demokrat und Anhänger der Marktwirtschaft,<br />

aber was die Tötung von Revolutionsgegnern<br />

während der Französischen<br />

Revolution anging, war er einer<br />

Meinung mit Büchner: Es habe sich dabei<br />

um „revolutionäre Notwehr gegen<br />

innere Feinde“ gehandelt. Jede unnütze<br />

Grausamkeit sei zu verdammen, aber wer<br />

„im Entscheidungskampfe“ vor blutigen<br />

Maßnahmen zurückschrecke, setze „die<br />

Rechte, das Glück und die Hoffnungen<br />

ganzer Völker und künftiger Generationen“<br />

aufs Spiel.<br />

Und was ist mit Erich Frieds Behauptung<br />

in der Dankesrede zur Verleihung<br />

des Büchner-Preises 1987, Büchner hätte<br />

sich der ersten Generation der Baader-Meinhof-Gruppe<br />

angeschlossen?<br />

hauschild: Eine müßige Spekulation<br />

und überflüssige Parallelisierung. Immerhin<br />

setzte Fried hinzu, Büchner hätte sich<br />

wahrscheinlich auch wieder von der RAF<br />

distanziert.<br />

Sie, Herr Kurzke, wollen Büchner „in<br />

einen unvernebelten metaphysischen<br />

Raum“ stellen. Wird der <strong>Dichter</strong> zum<br />

Betbruder?<br />

Kurzke: Keineswegs. Die klassischen<br />

Fragen nach Zeit, Raum, Endlichkeit<br />

und Unendlichkeit sind metaphysische<br />

Fragen. Das hat zunächst mit Christentum<br />

nichts zu tun, sondern meint ein<br />

Denken über die Grenzen der Physik<br />

hinaus.<br />

Sie wenden sich stark gegen eine linke<br />

Vereinnahmung Büchners. Werfen Sie<br />

dieser „Orthodoxie“ vor, für die metaphysische<br />

Dimension blind zu sein?<br />

Kurzke: Sie drängt diese Dimension in<br />

der Regel beiseite. Dabei hat Büchner sich<br />

in „Dantons Tod“ weit von den Quellen<br />

entfernt, um ein großes Gespräch einzufügen,<br />

ob es Gott gibt und wie er beschaffen<br />

sein müsste. Thomas Payne sagt, „es<br />

gibt keinen Gott“, Mercier widerspricht,<br />

„aber eine Ursache muss doch da sein“.<br />

Im Gefängnis, unter Drohung des Todes,<br />

denken diese Figuren über Gott nach. Die<br />

Auseinandersetzung mit Gott muss Büchner<br />

wichtig gewesen sein.<br />

hauschild: Wolfgang Martens hat schon<br />

vor 50 Jahren quasi religiöse Fragen als<br />

das gedankliche Zentrum von „Dantons<br />

Tod“ ausgemacht. Dreh- und Angelpunkt<br />

von Büchners Denken ist aber nicht das<br />

Christentum, sondern die Französische<br />

Revolution. Auch nach dem „Landboten“<br />

wandte er sich nicht von deren Idealen ab.<br />

Kurzke: Das bestreite ich nicht. Wohl<br />

aber plädiere ich dafür, die Taten<br />

Foto: Bernd Hartung für <strong>Cicero</strong><br />

26<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


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Titel<br />

<strong>Der</strong> <strong>Dichter</strong>-<strong>Punk</strong><br />

Büchners von seinen Worten zu trennen.<br />

Ich sehe einen jungen Mann, der<br />

nach dem „Landboten“ erleben muss,<br />

wie seine Mitstreiter Weidig und Minnigerode<br />

im Gefängnis landen. Er ist schockiert<br />

und läuft davon. Er verabschiedet<br />

sich vom politischen Aktionismus. Seit<br />

Herbst 1834 will er genau das sein, was<br />

er in „Leonce und Lena“ verspottet, ein<br />

„nützliches Mitglied der menschlichen<br />

Gesellschaft“. Er ist wie alle Romantiker<br />

ein Philister, der in der Dichtung ausformuliert,<br />

was ihm das Leben versagt.<br />

Projekt des „Hessischen Landboten“<br />

entwickelte wie ein großes Abenteuer.<br />

Dann aber endet das Abenteuer in Blut<br />

und Verhaftungen. Das ist der Schock<br />

seines Lebens, aus dem sich das ganze<br />

Œuvre ergibt. Die vier folgenden großen<br />

Werke sind Verarbeitungen dieses furchtbaren<br />

Schocks, den der „Landbote“ ihm<br />

hinterließ.<br />

Hauschild: Geht es etwas nüchterner?<br />

Das Blut haben Sie dazuerfunden, ebenso<br />

den Schock, auch eine Depression ist<br />

durch die Quellen nicht zu belegen.<br />

Also war er gar kein Realist?<br />

Kurzke: Büchners Dichtungen sehe ich<br />

als eine Traumwelt, in der er die Spannungen,<br />

unter denen sein Leben steht,<br />

abarbeitet, auch Scham und Schuld. Das<br />

Unabgegoltene bricht aus ihm auf eine<br />

so hervorragende und so paradigmatische<br />

Weise heraus, dass es die ganze<br />

Menschheit noch immer beschäftigt.<br />

Wären es nur die Probleme eines „Demagogen“<br />

von 1834, wäre uns Büchner<br />

längst egal. Tatsächlich aber leiden auch<br />

wir Heutige am Wahnsinn unseres Lebens,<br />

und auch wir Heutige tragen Gegenwelten<br />

in uns.<br />

Hauschild: Büchner lief aber nicht davon.<br />

Unmittelbar nach Minnigerodes<br />

Verhaftung geht er sofort nach Butzbach<br />

und Offenbach, um die Mitverschwörer<br />

zu warnen. Wegen der politischen Differenzen<br />

mit Weidig plant man, eine eigene<br />

Druckpresse anzuschaffen. Die konspirative<br />

Arbeit läuft also weiter. Erst als sich<br />

Anfang 1835 das Netz um ihn immer enger<br />

zieht, beschließt er zu fliehen. Er hat<br />

sich nie abgewendet von der Revolution.<br />

Andererseits kam es zu keiner revolutionären<br />

Situation, und da stellte sich die<br />

Gewaltfrage überhaupt nicht.<br />

Kurzke: Eben deshalb ist Büchner ein<br />

Liberaler. Er hat Ansichten geäußert, hat<br />

über Gewalt diskutiert, sie nie praktiziert.<br />

Hauschild: Rosa Luxemburg hat nie<br />

eine Waffe in die Hand genommen, Karl<br />

Marx nie geschossen. Sind sie Liberale?<br />

Kurzke: Sie missverstehen mich, Herr<br />

Hauschild. Ich finde Büchners Verhalten<br />

legitim. Er war ein junger Mann, der einen<br />

großen Fehler gemacht hat, und aus<br />

diesem Fehler hat er gelernt.<br />

<strong>Der</strong> Fehler war der „Landbote“?<br />

Kurzke: Ja, natürlich.<br />

jan-Christoph hAuSChild<br />

Seit vielen Jahren beschäftigt<br />

sich der wissenschaftliche<br />

Mitarbeiter am Düsseldorfer<br />

Heinrich-Heine-Institut und<br />

freie Publizist mit Büchner.<br />

Sein jüngstes Werk heißt<br />

„Georg Büchner – Verschwörung<br />

für die Gleichheit“. Bereits die<br />

Dissertation hatte den <strong>Dichter</strong><br />

aus Goddelau zum Gegenstand.<br />

Auch über Heine, Heiner Müller<br />

und B. Traven forscht Hauschild<br />

Hauschild: Dieser „Fehler“ war die<br />

ebenso ernsthafte wie mutige Reaktion<br />

eines jungen, tatkräftigen Mannes auf<br />

die politische und soziale Misere seiner<br />

Zeit, vor der die meisten seiner Zeit- und<br />

Standesgenossen die Augen verschlossen.<br />

Dafür setzte Büchner nicht nur die akademische<br />

Karriere in seiner deutschen<br />

Heimat aufs Spiel, er riskierte auch<br />

seine körperliche Unversehrtheit. Denn<br />

sein Engagement erfüllte den Straftatbestand<br />

des Staatsverrats, der mit langjährigen<br />

Haftstrafen geahndet wurde. Übrigens<br />

gilt der „Landbote“ heute längst<br />

als bedeutendste politische Flugschrift<br />

zwischen den Bauernkriegen und dem<br />

„Kommunistischen Manifest“.<br />

Kurzke: Das war ein rhetorisch glänzendes,<br />

inhaltlich wirres Produkt. Ein junger<br />

hochbegabter Mann hat sich hier in<br />

einem bestimmten Stil erprobt. Aus einer<br />

Depression heraus fand er Freunde, mit<br />

denen zusammen er dieses wunderbare<br />

Andererseits ist „Leonce und Lena“, verfasst<br />

im Juni 1836, das Dokument einer<br />

Melancholie. Streicht diese bittere<br />

Komödie nicht die revolutionären Hoffnungen<br />

und Abgründe endgültig durch?<br />

hauschild: Dass Büchner ein Melancholiker<br />

war, haben sogar die Beamten gemerkt,<br />

die den Steckbrief ausstellten. Sie<br />

beschrieben seinen „düsteren, zur Erde<br />

gesenkten Blick“. Durch keine Quelle<br />

lässt sich belegen, dass Büchner seine<br />

politische Arbeit bereut hätte. Das unterstellen<br />

Sie ihm bloß, Herr Kurzke.<br />

kurzke: Büchner hat sich zum „Landboten“<br />

nicht geäußert. Insofern gibt es da<br />

einen großen Spielraum.<br />

Sie, Herr Hauschild, sehen in „Leonce<br />

und Lena“ eine „von tiefem Hass geprägte<br />

Abrechnung mit dem spätabsolutistischen<br />

System“. Büchner habe „die<br />

erste Komödie in deutscher Sprache“<br />

verfasst, „die nicht einzelne Missstände<br />

kritisiert, sondern das System als solches“.<br />

Für Sie, Herr Kurzke, ist es eher<br />

Ausdruck einer spezifischen Seelenlage.<br />

Kurzke: Es handelt sich um eine romantische<br />

Satire. Eine politische Deutung<br />

käme mir nie in den Sinn. „Leonce<br />

und Lena“ gehört zu Büchners Traumwelt,<br />

und wenn Büchner träumt, träumt<br />

er monarchisch, nicht demokratisch. Außerdem<br />

finden sich der Prinz und die<br />

Prinzessin, obwohl sie voreinander fliehen,<br />

und vollziehen so den Willen des<br />

Vaters. Büchners Wunsch nach Aussöhnung<br />

mit dem eigenen Vater bildet den<br />

biografischen Hintergrund.<br />

Ihnen wiederum, Herr Hauschild, käme<br />

der Begriff „Traum“ nicht in den Sinn.<br />

hauschild: <strong>Der</strong> Herrscher, König Peter,<br />

wird als vertrottelt dargestellt, der Prinz<br />

Foto: Bernd Hartung für <strong>Cicero</strong><br />

28<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


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Titel<br />

<strong>Der</strong> <strong>Dichter</strong>-<strong>Punk</strong><br />

ist ein absoluter Egoist und rücksichtsloser<br />

Mensch. Es gibt kaum positive Figuren.<br />

Lena ist ein armes Dummchen, genau<br />

wie Lucile in „Dantons Tod“.<br />

Dichtungen, heißt es bei Kurzke, „sind<br />

Fenster ins Innere“. Für Hauschild ist<br />

Dichtung eher ein Reflex auf die Welt<br />

da draußen. Liegt darin der Grundwiderspruch<br />

Ihrer beiden Positionen?<br />

Kurzke: Das kann sein. Dennoch sind<br />

die Aussagen von Herrn Hauschild über<br />

Lena und Lucile unzulässig. Man kann<br />

nicht mit literarischen wie mit wirklichen<br />

Personen umgehen und Zensuren<br />

verteilen. Lena ist eine hochromantische<br />

Figur. Wenn sie sagt, „ich glaube,<br />

es gibt Menschen, die unglücklich sind,<br />

bloß weil sie sind“, dann ist diese metaphysische<br />

Dimension, die ich vorhin erwähnte,<br />

wunderbar berührt. Millionen<br />

von Menschen fühlen sich in einem solchen<br />

Satz angesprochen. Prinz Leonce ist<br />

kein Egoist, sondern eine literarische Figur,<br />

Teil eines Spieles, das aus Büchners<br />

Innerem stammt. Dieses Spiel endet in<br />

einem Traum, mit der „Flucht in das Paradies“.<br />

Aus Leonce und Lena werden<br />

Adam und Eva vor dem Sündenfall. Das<br />

ist ein viel größeres Projekt als eine Abrechnung<br />

mit dem Großherzog.<br />

Hauschild: Es mag sein, dass Leonce,<br />

Lena und Valerio gelegentlich Sympathieträger<br />

Büchners sind. Die Frage<br />

ist nur, ob er die Optik seiner Figuren<br />

grundsätzlich teilt, oder ob er lediglich<br />

Konflikte und Stimmungen auf sie projiziert,<br />

damit sie lebensecht und glaubwürdig<br />

werden. So ist etwa die Abschaffung<br />

der Arbeit, wie Valerio sie als<br />

neuer Staatsminister dekretieren will,<br />

gewiss nicht Büchners positive Utopie<br />

gewesen. Ihm lag die gerechte Verteilung<br />

der gesellschaftlichen Produktion<br />

am Herzen.<br />

Das intensivste Nachleben hat „Woyzeck“.<br />

Für Sie, Herr Kurzke, dürfte er<br />

Sinnbild sein der geknechteten Kreatur.<br />

Kurzke: Prinzipiell stimme ich Ihnen zu.<br />

Direkte politische Aspekte erkenne ich<br />

da nicht. Herr Hauschild versucht, den<br />

„Hessischen Landboten“ in den „Woyzeck“<br />

hinein zu verlängern. Ich hingegen<br />

sehe nach dem „Landboten“ einen tiefen<br />

Bruch. Die Deutung des „Woyzeck“ als<br />

Armutsstudie greift zu kurz.<br />

Was schlagen Sie stattdessen vor?<br />

Kurzke: Als böse Gegenfiguren zu Woyzeck<br />

gelten Arzt und Hauptmann. <strong>Der</strong><br />

Arzt nötigt ihn, viele Erbsen zu essen,<br />

und macht mit ihm Experimente. Dieser<br />

medizinische Bereich betrifft Büchner<br />

persönlich. Er war Anatom, schnitt<br />

Leichen auseinander. Er kannte die Versuchung,<br />

den Menschen als bloße Maschine<br />

zu betrachten. <strong>Der</strong> Arzt steht für<br />

Büchners ureigene Versuchung. Und mit<br />

dem Hauptmann und dem Soldaten Woyzeck<br />

ist der Themenkreis Vitalität und<br />

Potenz eingebracht. <strong>Der</strong> Hauptmann ist<br />

ein Waschlappen, ohne durchsetzungsfähige<br />

Männlichkeit. Ebenso wie Woyzeck<br />

schaut er neidisch auf die tierische Vitalität<br />

des Tambourmajors, an den Woyzeck<br />

seine Marie verliert. Armut ist nicht das<br />

zentrale Thema. Es ist eine Liebestragödie<br />

unter Armutsbedingungen.<br />

hauschild: Woyzeck ist die erste quasi<br />

proletarische Hauptfigur der Theatergeschichte.<br />

Aber die Hauptdifferenz zu<br />

Herrn Kurzke liegt woanders. In seiner<br />

„Geschichte eines Genies“ werden alle Figuren<br />

auf Büchner zurückbezogen. Das<br />

ist nicht zulässig. Herr Kurzke unterstellt<br />

Büchner Schuldgefühle und Reue. Nirgends<br />

legitimieren die Quellen einen solchen<br />

Befund. Deshalb sucht Herr Kurzke<br />

Zuflucht bei der Imagination und, wie er<br />

es ausdrückt, beim „niemals Protokollierten“.<br />

Ein solches Verfahren mag im<br />

Roman statthaft sein, nicht in einer „wissenschaftlich<br />

fundierten“ Biografie.<br />

War es eigentlich klug, den wichtigsten<br />

deutschen Literaturpreis Georg-<br />

Büchner-Preis zu nennen?<br />

Kurzke: Ja. Büchner provoziert noch<br />

immer, was sich nicht zuletzt an den<br />

Dankesreden ablesen lässt. Auch unser<br />

Gespräch hat gezeigt, in welch unterschiedliche<br />

Richtungen die Reaktionen<br />

ausschlagen können. Vielfalt ist eine gute<br />

Sache. Ich würde nie behaupten, mein<br />

Buch solle das letzte Wort sein.<br />

Ihre beiden Bücher enden sehr unterschiedlich.<br />

Bei Ihnen, Herr Hauschild,<br />

erscheint Büchner als Virus. Die Deutschen<br />

werden ihn also nicht los, er hat<br />

sie infiziert?<br />

hauschild: Die deutsche Literatur nach<br />

Büchner ist ohne ihn schwer vorstellbar.<br />

Vieles, was nach ihm kam, ist von ihm<br />

geprägt. Er ist nahezu überall greifbar –<br />

zum Beispiel bei Hauptmann und Wedekind,<br />

Toller und Brecht, aber auch bei<br />

Döblin, Hofmannsthal, Heym, Trakl.<br />

Rilke hat vom „Woyzeck“ geschwärmt.<br />

Ihr Buch, Herr Kurzke, läuft auf keinen<br />

Virus zu. Büchner, schreiben Sie, bleibe<br />

wie jedes Genie ein Mysterium.<br />

kurzke: Je länger ich mich mit Büchner<br />

beschäftige, desto stärker wachsen die<br />

Ergriffenheit von diesem Leben und das<br />

Erstaunen über diese Werke. Sie sind alle<br />

extrem unwahrscheinlich. Stelle ich dann<br />

seine Arbeit als Naturwissenschaftler daneben<br />

und seine eher mittelmäßigen philosophischen<br />

Skripte, sehe ich, dass er<br />

sich selbst nicht gewachsen war. Wo kamen<br />

sie her, diese flüchtig hingeworfenen<br />

Sätze, die uns bis heute sprachlos machen?<br />

„Menschen, die unglücklich sind,<br />

bloß weil sie sind“? Nicht nur aus seinem<br />

Kopf hat er geschöpft, da wirkten andere,<br />

geheimnisvolle Kräfte mit.<br />

30<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


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Titel<br />

<strong>Der</strong> <strong>Dichter</strong>-<strong>Punk</strong><br />

Die Natur aber<br />

hASSt DAS Leben<br />

Georg Büchner war auch Biologe.<br />

Was erzählt uns sein Werk vom Lebendigen?<br />

Sollen die Menschen werden wie die Steine?<br />

Von Georg Klein<br />

Es stiftet ein merkwürdig klammes<br />

Gefühl von Nachwelt, wenn wir<br />

in einem heiklen <strong>Punk</strong>t möglicher<br />

Erkenntnis mehr als ein großer <strong>Dichter</strong><br />

wissen. Mit Georg Büchner geht es<br />

uns so. <strong>Der</strong> 23-Jährige begriff in den<br />

Wochen seines Züricher Sterbens nicht,<br />

was ihn da, unaufhaltsam zügig und<br />

qualvoll langsam zugleich, um sein Dasein<br />

brachte. Auch für die Zeugen seiner<br />

letzten Tage, seine fürsorglichen Freunde<br />

und seine herbeigeeilte Verlobte, blieb<br />

gnädig im Dunklen, was für uns auf der<br />

Hand liegt und schon wenige Jahrzehnte<br />

später sicher bekannt war.<br />

Dem mörderischen Geheimnis kam<br />

Büchner auf seinem Weg in den angestrebten<br />

Brotberuf selbst recht nah. Während<br />

seines Medizinstudiums hatte er mikroskopiert.<br />

Auch in seinen poetischen<br />

Texten, die parallel zu seinem naturwissenschaftlichen<br />

Lernen und Spekulieren<br />

entstehen, wird das Mikroskop zur Metapher.<br />

Das Gewimmel der sogenannten<br />

Infusionstierchen, das man mit den damaligen<br />

Vergrößerungsgeräten gut beobachten<br />

konnte, dient ihm am Ende seiner<br />

Komödie „Leonce und Lena“ dazu, sich<br />

über das politische Treiben der deutschen<br />

Kleinstaaten lustig zu machen. Aber dass<br />

der Mensch einem winzigen Lebewesen,<br />

der explosionsartigen Vermehrung und<br />

den giftigen Stoffwechselprodukten des<br />

Typhusbakteriums, zum Opfer fallen<br />

kann, blieb Büchner unbekannt.<br />

Woran sterben die Figuren seiner<br />

Werke? Büchner beginnt mit einem Exzess:<br />

Sein erstes Stück hat den Tod im<br />

Titel, und am Ende ist die Mehrzahl der<br />

Hauptfiguren nicht mehr am Leben oder<br />

Zum Autor<br />

<strong>Der</strong> 2000 mit dem Ingeborg-<br />

Bachmann-Preis ausgezeichnete<br />

Schriftsteller legte soeben den<br />

Roman „Die Zukunft des Mars“<br />

vor. Kleins Markenzeichen ist die<br />

Verbindung von Sprachwitz,<br />

Vorstellungskraft und Belesenheit.<br />

Auch „Barbar Rosa“, „Die Sonne<br />

scheint uns“ und „Roman unserer<br />

Kindheit“ zeugen davon<br />

einem baldigen Hinscheiden geweiht. Die<br />

Protagonisten, Antreiber, Getriebene,<br />

zuletzt Mitgeschleifte der Französischen<br />

Revolution, sterben alle durch Menschenhand.<br />

Danton wird wie sein Gegenspieler<br />

Robespierre, bevor er selbst ein Opfer abgibt,<br />

als ein Täter ausgewiesen sein, der<br />

die Ermordung zahlreicher Männer und<br />

Frauen zu verantworten hat.<br />

Und doch ist dem individuellen Sterben<br />

in diesem blutrünstigen Revolutionsdrama<br />

auf eigentümliche Weise der Zahn<br />

des Schreckens gezogen. Historie und<br />

Geschichtsphilosophie werden gezwungen,<br />

Büchner dabei zu assistieren. Einige<br />

der Figuren dürfen noch pro forma an einen<br />

Sinn des Massakrierens und Massakriertwerdens<br />

glauben und wüste Fortschritts-<br />

und Zukunftstiraden schwingen.<br />

Sogar Dantons negative Umkehrung, die<br />

den Gang der mörderischen Ereignisse<br />

nur noch als idiotischen Irrlauf begreift,<br />

verharrt weiter im Bannkreis der Ideologien,<br />

die er verächtlich verwirft.<br />

Das schützt ihn. Denn der Tod bleibt<br />

so zumindest in der Hand des Menschen.<br />

Obwohl er, blindwütig voranwurstelnd,<br />

nicht mehr das Werkzeug von Mächten<br />

abgibt, die nach Besserem oder Höherem<br />

streben. „So mechanisch getötet zu werden!“,<br />

meint der seiner Hinrichtung auf<br />

der Guillotine entgegensehende Danton.<br />

Und wir, die den Fortschritt der Technik<br />

als allerletztes Zukunftsversprechen<br />

der Vernunft am Leben zu erhalten versuchen,<br />

können beiläufig erkennen: Bereits<br />

am Anfang des langen, weiterhin<br />

währenden Zeitalters der komplexen Apparate,<br />

konnte das automatisch funktionierende<br />

Gerät ein Schreckbild sein, das<br />

Foto: Carmen Jaspersen/Picture Alliance/dpa<br />

32<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


JAN JOSEF LIEFERS<br />

Fotografiert von Martin Schoeller<br />

exklusiv für HÖRZU<br />

Einer, der<br />

zu Hause hat


Titel<br />

<strong>Der</strong> <strong>Dichter</strong>-<strong>Punk</strong><br />

den archaischen Sensenmann zu einem<br />

gemütlichen Bauernlümmel degradiert.<br />

Was macht das mit dem Leben? „Ich<br />

bin bloß in Krieg gegangen um mich in<br />

meiner Liebe zum Leben zu befestigen“,<br />

räsoniert der Hauptmann vor Woyzeck.<br />

Damit könnte gemeint sein, dass uns die<br />

Lust des Totschlagens, siamesisch verwachsen<br />

mit der Angst vor dem Totgeschlagenwerden,<br />

zu einer besonderen<br />

Daseinsintensität verhilft. Doch mit<br />

dem Lebensbegriff Büchners verhält es<br />

sich ähnlich wie mit jener „Natur“, die<br />

seine Figuren im Munde führen. Was wir<br />

über den Naturbegriff der ausklingenden<br />

Goethe- Zeit wissen, hilft so gut wie<br />

nichts, wenn Leonce im mondlichtdurchfluteten<br />

Garten Lena zuflüstert: „Schöne<br />

Leiche, du ruhst so lieblich auf dem Bahrtuch<br />

der Nacht, dass die Natur das Leben<br />

hasst und sich in den Tod verliebt.“<br />

Wer hasst hier wen? Valerio eröffnet<br />

den nächtlichen Trialog mit: „Es ist eine<br />

schöne Sache um die Natur …“ Und dann<br />

reiht der Spötter eine kleine Serie von<br />

Tiernamen aneinander, um sein launiges<br />

Bekenntnis ins Zwielicht zu rücken. Die<br />

blutsaugenden Insekten, Schnaken und<br />

die damals allgegenwärtigen Flöhe dürfen<br />

den Anfang machen. Es folgen diejenigen<br />

Gattungen, die in lauschiger Nacht<br />

für ein maschinenhaft stupides Lärmen<br />

sorgen: die Frösche und die Grillen.<br />

Die Natur – ist das nicht jenes harmonische<br />

Supersystem der Ökosysteme,<br />

das auch die atheistische Grünseligkeit<br />

unserer Tage gern Schöpfung nennt? Valerio<br />

beschränkt sich, was die Tierwelt<br />

angeht, auf stechlustige Schmarotzer und<br />

fortpflanzungsgeile Amphibien. Und von<br />

den Pflanzen des Gartens ist ihm bloß<br />

das Gras, der schnöde „Rasen“, zweimal<br />

einen kalauernden Witz wert.<br />

Mehr zur Welt der Pflanzen lässt sich<br />

im „Woyzeck“ finden. Die Großmutter<br />

erzählt ein schaurig minimalistisches<br />

Märchen, in dem die Sonne „ein verreckt<br />

Sonnenblum“ und der Mond „ein Stück<br />

faul Holz“ ist. Am Seziertisch, über tote<br />

Fische, Amphibien, Leichen gebeugt, hat<br />

der junge Physiologe Büchner gesehen,<br />

dass animalisches Gewebe weit schneller<br />

als abgestorbenes Holz Zeichen von<br />

Zersetzung zeigt. Das Aufschneiden toter<br />

Tiere und Menschen galt als nicht ungefährlich.<br />

Man riet dazu, das Sezierobjekt<br />

möglichst wenig zu berühren, warnte vor<br />

Selbstverletzung mit dem Skalpell, verwendete<br />

Formalin, Spiritus und Kalk zur<br />

Konservierung und Reinigung.<br />

Aber wovor man sich mit Achtsamkeit<br />

und Hygiene eigentlich genau schützen<br />

sollte, war Büchner unbekannt, als<br />

er in Zürich Fische zerlegte, die in einem<br />

Wasser geschwommen waren, das der<br />

Kot Typhuskranker verunreinigt hatte.<br />

Wir Nachweltler wissen, dass faulendes<br />

Holz genauso wenig tot ist wie in Verwesung<br />

übergegangenes Fleisch. Da lebt es,<br />

da stoffwechseln und wachsen eine Fülle<br />

von Geschöpfen, auch wenn sich ihr Dasein<br />

dem König der menschlichen Sinne,<br />

dem Sehen, gnädig lang entzog.<br />

„Die Natur ist groß und reich“, behauptet<br />

der ehrgeizige Naturwissenschaftler<br />

Georg Büchner arg phrasenhaft<br />

am Ende seiner Dissertation. In den einleitenden<br />

Überlegungen seiner Antrittsvorlesung<br />

heißt es mit ähnlich hohler<br />

Emphase, die Philosophie müsse sich auf<br />

den Weg hin zum „frischen grünen Leben“<br />

machen. Das ist der romantischen<br />

Ganzheitssehnsucht und dem idealistischen<br />

Harmoniebedürfnis seiner Zeit geschuldet.<br />

Wie unversöhnlich schroff fügt<br />

dagegen der poetische Büchner dieselben<br />

Begriffe aneinander, wenn Leonce sagt,<br />

dass die Natur das Leben hasse.<br />

Gesetzt, das Leben wäre die Gesamtheit<br />

der fortpflanzungsfähigen Wesenheiten,<br />

der Grashalm wie die Laus,<br />

das Typhusbakterium wie die liebreizende<br />

Lena: Dann stünde dieser biotischen<br />

Natur das unbelebt Stoffliche gegenüber.<br />

Für diese andere Natur, für Fels<br />

und Wasser, für Wolke und Wind, und für<br />

das kosmisch Leblose, für Mond, Sonne<br />

und Sterne findet sich im Werk Büchners<br />

ein Überfluss emphatischer Bilder. <strong>Der</strong><br />

Titelheld seiner Erzählung „Lenz“ ist in<br />

einer Welt unterwegs, in der eine großartig<br />

leblose Landschaft die Wahrnehmung<br />

dominiert und mehr als Pflanze oder Tier<br />

zur Seele des Menschen spricht.<br />

Soll sich der Mensch auf die Seite der<br />

Steine schlagen? Damit er jenen „Hass“<br />

aushält, jene panische Angstliebe zum<br />

Lebendigen, von der Leonce spricht,<br />

während er sich vorstellt, Lena läge tot<br />

vor ihm, so glücklich tot wie jenes Kind,<br />

zu dem Lenz durchs Gebirg pilgert, so ruhig<br />

gestellt wie die von Woyzeck erstochene<br />

Marie, so reglos wie die Opfer der<br />

Guillotine, die uns Danton als vom Leben<br />

Erlöste ausmalt? Büchner konnte dies<br />

versuchen, weil er nichts davon wusste,<br />

wie den Menschen das Biotische selbst,<br />

in Gestalt winziger Organismen und wuchernder<br />

Zellen, in etwas scheinbar Totes<br />

verwandelt. Scheinbar tot, denn auf dem<br />

Ermordeten lebt der Mörder, das Leben,<br />

in mikroskopisch winziger Gestalt weiter.<br />

Muss unsere menschliche Natur das<br />

rätselhafte Prinzip Leben dafür hassen,<br />

dass es mit dem Tod der Individuen keineswegs<br />

endet und dass ihm weder die<br />

Wissenschaft noch die poetische Illusion<br />

vollends den Garaus machen können?<br />

Vielleicht sollten wir es mit Woyzeck<br />

halten, der die „Schwämme“, die<br />

Pilze, beobachtet und versucht, die „Figuren“<br />

ihres Wachstums zu lesen. Bis wir,<br />

unsere Wissenschaft und deren Automaten<br />

mehr entziffern können, müssen wir<br />

uns allerdings, notdürftig wie der große<br />

<strong>Dichter</strong> und sein armer Soldat, mit den<br />

Wörtern Natur und Leben behelfen.<br />

34<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Berliner Republik<br />

35 – 55<br />

„ Ich weiß, dass es<br />

bei den Medien gut<br />

ankommt, wenn ich<br />

meinen Vater erwähne “<br />

Franziska Augstein über ihr Vorgehen im Streit um die Zukunft des<br />

Spiegel, in dem sie sich auf ihren Vater Rudolf berufen hat, Seite 40


Berliner Republik<br />

Porträt<br />

Mal Schnaps, MAl Nüchtern<br />

Schläger, Räuber, Mörder. Frank Rosenow hat viel gesehen in seinem Gerichtssaal. Nun<br />

führt er den Prozess gegen Christian Wulff, einst Staatsoberhaupt der Bundesrepublik<br />

Von TIMO STEIN<br />

Außergewöhnliche Situationen erfordern<br />

außergewöhnliche Mittel.<br />

Landgericht Hannover. <strong>Der</strong><br />

50 Jahre alte Zeuge zittert. Er ist Alkoholiker.<br />

Vor der Verhandlung trinkt er nicht,<br />

weil er Anwälten und Richter nüchtern<br />

gegenübertreten möchte. Entzugserscheinungen<br />

im Zeugenstand. Nervosität,<br />

Ruhelosigkeit, Konzentrationsabfall. Er<br />

ist der einzige Zeuge. Es geht um Mord.<br />

<strong>Der</strong> Fall steht auf der Kippe. <strong>Der</strong> Richter<br />

handelt: Ein Gerichtsdiener wird angewiesen,<br />

etwas zu trinken zu besorgen.<br />

Zwei Flachmänner, Weinbrand Marke<br />

„Avicourt“, je 0,1 Liter, 36 Prozent. Im<br />

Richterzimmer spült der Mann das Zeug<br />

runter, dann sagt er aus.<br />

<strong>Der</strong> Strafverteidiger Marcin Raminski<br />

glaubt es kaum. Er sei „überrascht<br />

und perplex“ gewesen, erzählt er<br />

von der Verhandlung im Jahr 2012. „Erhalten<br />

Drogensüchtige demnächst Heroin?“,<br />

hat er damals geschimpft. <strong>Der</strong><br />

Richter gibt schließlich nach, verzichtet<br />

darauf, die Aussage zu verwerten. <strong>Der</strong><br />

Boulevard stürzt sich auf den Fall. Von<br />

einer „Schnapsidee“ ist die Rede, vom<br />

„Zeugen-Schluck-Programm“.<br />

<strong>Der</strong> Richter heißt Frank Rosenow,<br />

seit zwei Jahren Vorsitzender der 2. Großen<br />

Strafkammer am Landgericht Hannover.<br />

Demnächst verhandelt er den Fall<br />

Christian Wulff. Die Erfahrungen, die er<br />

mit der Boulevardpresse sammeln durfte,<br />

könnten ihm helfen, klobige Schlagzeilen<br />

zu überstehen. Spätestens mit dem<br />

ersten Verhandlungstag, angesetzt für<br />

den 1. November, wird das Land nicht<br />

nur auf Christian Wulff, sondern auch<br />

auf seinen Richter blicken. 16 Verhandlungstage<br />

hat Rosenow fürs Erste veranschlagt.<br />

Es ist ein Fall ohne Muster. Staat<br />

gegen Ex-Staatsoberhaupt – einen Prozess<br />

gegen einen ehemaligen Bundespräsidenten<br />

gab es in Deutschland noch nie.<br />

Rosenow hat viel gesehen. Im April<br />

2012 saß ein Mann auf der Anklagebank,<br />

der mit einem Handfeger eine Bank überfallen<br />

wollte und gegen die Eingangstür<br />

prallte. Er hatte Zuhälter in seinem Gerichtssaal,<br />

Schläger und Mörder. Jetzt<br />

wird der Angeklagte ein Mann sein, der<br />

mit 54 Jahren so alt ist wie er und der<br />

wie er Jura studiert hat: Wulff.<br />

Fragt man Juristen in Hannover nach<br />

ihm, sagen sie, dass Rosenow sich wohl<br />

kaum vom Aufsehen des Falles wird<br />

beeindrucken lassen. Er sei kein eitler<br />

Fatzke, der unbedingt den Prozess seines<br />

Lebens führen will, hört man aus<br />

Anwaltskreisen immer wieder. Im Gerichtssaal<br />

wirke er entspannt mit seinem<br />

offenen Lächeln. Geduldig, nüchtern – so<br />

beschreiben ihn Juristen, die ihn aus dem<br />

Gerichtssaal kennen.<br />

Rosenow selbst schweigt. Keine Interviews,<br />

kein Wort über diesen Prozess.<br />

Das Schweigen tut gut. Es kontrastiert<br />

mit der Lautstärke der Wulff-Wochen, in<br />

denen halb Deutschland über den Präsidenten<br />

zu Gericht saß. Auf den Moralprozess,<br />

in dem sich die Anklagepunkte<br />

ins Unüberschaubare summierten und<br />

sich die Ankläger aus Politik und Medien<br />

übertrumpften, folgt ein schlichtes<br />

deutsches Strafverfahren unter dem Vorsitz<br />

von Frank Rosenow.<br />

<strong>Der</strong> Turbulenz der Affäre Wulff steht<br />

die nüchterne Art dieses Richters gegenüber.<br />

Einen ersten Akzent hat er gesetzt:<br />

Er hat das Verfahren eine Nummer kleiner<br />

gemacht. Es wird nicht, wie von der<br />

Staatsanwaltschaft gefordert, wegen Bestechlichkeit<br />

geführt, sondern nur wegen<br />

Vorteilsnahme.<br />

Bereits die Staatsanwaltschaft wertete<br />

nach ihren überaus umfangreichen<br />

Ermittlungen nur einen Vorgang aus dem<br />

Jahr 2008 als strafwürdig. Die Anklage<br />

dreht sich um einen Besuch von Wulff,<br />

da noch niedersächsischer Ministerpräsident,<br />

und dem Filmproduzenten David<br />

Groenewold beim Münchner Oktoberfest.<br />

Groenewold soll für Wulff und dessen Familie<br />

Hotel- und Kinderbetreuungskosten<br />

in Höhe von 510 Euro und die Kosten<br />

für ein gemeinsames Abendessen für<br />

209,40 Euro übernommen haben. Zudem<br />

soll er für einen Festzeltbesuch bezahlt<br />

haben. Daraufhin soll Wulff sich in einem<br />

Brief an den Konzern Siemens für<br />

die Förderung eines geplanten Groenewold-Filmes<br />

eingesetzt haben.<br />

In der Anklageschrift werden 25<br />

Zeugen und sieben Aktenordner mit ausgewerteten<br />

Unterlagen als Beweismittel<br />

aufgeführt. Allerhand Details müssen<br />

untersucht, Zeugen geladen werden.<br />

Hotelangestellte und Oktoberfestgäste<br />

dürften befragt werden. Auch die mittlerweile<br />

von Christian Wulff getrennt lebende<br />

Ehefrau Bettina könnte als Zeugin<br />

auftreten. Die Staatsanwaltschaft dürfte<br />

mikroskopisch die Beziehung zwischen<br />

Groenewold und Wulff untersuchen. <strong>Der</strong><br />

Richter muss klären, wo Freundschaft endet<br />

und wann die Korruption beginnt.<br />

Rosenow gebe den Prozessbeteiligten<br />

Raum, sagt der Hannoveraner Strafverteidiger<br />

Andreas Bäsecke. Bäsecke<br />

erzählt auch von einem Prozess unter<br />

dem Vorsitz Rosenows: Ein Mann wurde<br />

wegen Mordes zu 14 Jahren Haft verurteilt.<br />

Das Urteil wurde angefochten. <strong>Der</strong><br />

Bundesgerichtshof hob es auf und verwies<br />

den Fall an eine andere Kammer<br />

des Landgerichts. Er landete bei Frank<br />

Rosenow. <strong>Der</strong> verurteilte den Mann zu<br />

denselben 14 Jahren. Es hätte viele Richter<br />

gegeben, die sich das nicht getraut<br />

hätten.<br />

Aber Rosenow macht sein Ding.<br />

Timo Stein ist Redakteur<br />

von <strong>Cicero</strong> Online<br />

Illustration: Hans Baltzer<br />

36<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Berliner Republik<br />

Porträt<br />

<strong>Der</strong> Hingucker<br />

Oberleutnant Catherine Haag macht Karriere in der deutschen Luftwaffe.<br />

Eine schwarze Frau gibt in einer Domäne des weißen Mannes Befehle. Geht das?<br />

Von JasmiN kAlarickal<br />

Foto: Oliver Rüther für <strong>Cicero</strong><br />

Wenn Oberleutnant Catherine<br />

Haag in der Truppenküche<br />

des Fliegerhorsts Büchel Mittag<br />

macht, ereignen sich immer noch<br />

kleine Kulturschocks. Haag sitzt im Tarnanzug<br />

am Tisch, vor ihr steht ein Teller<br />

Geschnetzeltes mit Reis. Niemand tuschelt,<br />

aber von den Nebentischen her<br />

richten sich immer wieder scheue Blicke<br />

auf sie, einige bleiben einen Moment länger<br />

hängen als normal. Sie registriert die<br />

Blicke, aber sie lächelt und isst weiter. Sie<br />

sagt: „Ich bin eben ein Hingucker.“<br />

Haag, 31 Jahre alt, ist in der Bundeswehr<br />

gleich doppelt in der Minderheit.<br />

Sie ist Frau und sie ist schwarz.<br />

Oder Mischling, farbig, Cappuccino – sie<br />

selbst schert sich nicht um politisch korrekte<br />

Bezeichnungen, obwohl sie oft gefragt<br />

wird, was man denn sagen dürfe.<br />

Hauptsache, nicht böswillig beleidigend,<br />

antwortet sie. Überhaupt: Sie könne sich<br />

bei der Arbeit nicht ständig fragen, ob irgendwer<br />

ein Problem mit ihr hat. Catherine<br />

Haag will Normalität.<br />

Das wäre schon ein gewaltiger Schritt,<br />

denn die Bundeswehr ist in Deutschland<br />

so etwas wie die letzte Domäne des weißen<br />

Mannes. Heute liegt der Frauenanteil<br />

in der Truppe bei 9,8 Prozent. Eine<br />

repräsentative Befragung des ehemaligen<br />

Sozialwissenschaftlichen Instituts<br />

der Bundeswehr ergab 2009, dass rund<br />

12 Prozent der Soldatinnen und Soldaten<br />

einen Migrationshintergrund haben.<br />

Eine Offizierin mit einem Vater aus<br />

Ghana: Das ist selten. Haag weiß nicht<br />

genau, wie oft sie die Frage beantwortet<br />

hat, wie es als schwarze Frau in der Bundeswehr<br />

ist. „Oft.“<br />

Aber sie ist jetzt mittendrin. Am<br />

Vormittag steht sie mit verschränkten<br />

Armen im ländlichen Idyll der Eifel.<br />

Ein 17 Kilometer langer Stacheldrahtzaun<br />

umgibt den Fliegerhorst Büchel in<br />

Rheinland-Pfalz, der seit 1957 das Jagdbombergeschwader<br />

33 beheimatet. Haag<br />

trägt „Feldanzug Grün“ und schwarze<br />

Boots. „Darum geht es bei uns bei der<br />

Luftwaffe“, sagt sie und zeigt auf einen<br />

Tornado, der auf der Startbahn beschleunigt.<br />

„Und jetzt halten Sie sich besser die<br />

Ohren zu.“<br />

Haag arbeitet als Materialoffizierin<br />

in der Nachschub- und Transportstaffel.<br />

Ihr Aufgabenbereich ist die Logistik. Sie<br />

sorgt dafür, dass die Kampfflugzeuge im<br />

Krisenfall gut gerüstet in den Einsatz fliegen:<br />

Treibstoff, Munition, Ersatzteile.<br />

Ihr Vater ging in den Siebzigern<br />

aus Ghana zum Studium nach England,<br />

lernte ihre Mutter, eine weiße Deutsche,<br />

bei einem Besuch in München kennen.<br />

Sie bekamen drei Kinder, Haag ist die Älteste.<br />

Dumme Sprüche habe sie in ihrer<br />

Kindheit in Kaiserslautern ertragen müssen,<br />

ja, aber nicht über die Maßen. Ihre<br />

Heimat war immer Deutschland. Ghana<br />

sei ihr fremd, sie war nie da. Das erzählt<br />

sie in ihrer süddeutschen Tonart, „gell“.<br />

Nach dem Abitur wurde sie Fachinformatikerin,<br />

irgendwann sehnte sie sich<br />

nach Verantwortung im Berufsalltag. Ein<br />

Freund schlug die Bundeswehr vor. Sie<br />

lachte erst, dann bewarb sie sich doch um<br />

eine Offizierslaufbahn, studierte BWL an<br />

der Bundeswehruniversität in Hamburg,<br />

kam nach dem Abschluss nach Büchel.<br />

Sie macht Karriere in der Bundeswehr,<br />

so einfach ist das. Oder nicht?<br />

„Es gibt immer wieder mal Herren,<br />

die mit ihren Ängsten zu kämpfen haben“,<br />

sagt sie. Aber die Hierarchie wirke.<br />

„Hier in Büchel hatten die alten Staber<br />

Zeit, sich an Frauen zu gewöhnen.“ Manche<br />

Stabsfeldwebel sind zehn Mal länger<br />

dabei als sie, ihr aber trotzdem unterstellt.<br />

Einem begegnet sie in der Hauptlagerhalle,<br />

er verzichtet auf den militärischen<br />

Gruß, stattdessen umarmt er<br />

sie. „Ihrer Vorgängerin habe ich jeden<br />

Tag gesagt, Frauen hätten in der Bundeswehr<br />

nichts zu suchen“, sagt er. Letztlich<br />

habe sie bewiesen, „dass auch eine<br />

Frau ihren Mann stehen kann“. Haag<br />

schweigt dazu. Sie fühlt sich nicht diskriminiert.<br />

Stereotype sind ihr einfach<br />

lästig. Sie gehört dem Verein Deutscher<br />

Soldat e. V. an, in dem Offiziere mit familiären<br />

Wurzeln außerhalb Deutschlands<br />

organisiert sind. Für eine Kampagne des<br />

Vereins ließ sich Haag mit einer Kameradin<br />

fotografieren. Die andere, weiße<br />

Haut, blonde Haare, grüne Augen, und<br />

sie Rücken an Rücken. Klick. „Sie war<br />

Migrantin, fiel aber nie auf, ich dagegen,<br />

in Deutschland geboren, schon.“ Darunter<br />

schrieben sie: „Was denken Sie, wer<br />

Deutsche ist?“<br />

Hätte Haag ihren Chef nicht vertreten<br />

müssen, wäre sie jetzt in Mali. Ob ein<br />

afrikanisches Land etwas in ihr auslösen<br />

könnte? Sie seufzt. Als Soldatin hat sie<br />

geschworen, ihr Land, Deutschland, mit<br />

dem Leben zu verteidigen. „Vielleicht<br />

guckt man mich dort nicht mehr so an,<br />

das wäre ja mal eine andere Erfahrung.“<br />

Aber wie gesagt: Sie muss in Büchel<br />

stellvertretend 178 Soldaten und 44 zivile<br />

Angestellte führen – überwiegend<br />

Männer. Sie sitzt im Büro und verschickt<br />

Befehle per E-Mail. Sie arbeitet sich durch<br />

eine Tabelle der Elektronikstaffel, es geht<br />

um fehlende Ersatzteile, Abkürzungen<br />

wie PHDD, ET/AT ASST A3 kommen<br />

vor. Es klopft. „Ja, bitte.“ Die Tür öffnet<br />

sich, militärischer Gruß, „Oberleutnant<br />

Haag, verzeihen Sie die Störung, ich<br />

brauche zwei Autogramme.“ Sie unterschreibt,<br />

alles in Ordnung. Neue deutsche<br />

Normalität.<br />

Jasmin kAlarickal, freie Journalistin<br />

mit indischen Wurzeln, lebt in Berlin und<br />

genießt, dass dort Vielfalt Normalität ist<br />

39<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Berliner Republik<br />

Report<br />

Mir nach! Rudolf Augstein Anfang der Siebzigerjahre mit Franziska ( links ) und Jakob vor seinem Haus auf Sylt<br />

40<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Im nAMen<br />

des vAters<br />

Von Ulrike Simon<br />

Rudolf Augstein<br />

hinterließ Deutschland<br />

den Spiegel. Und einen<br />

Clan dazu. Die Kinder<br />

Franziska und Jakob<br />

streiten, was für das<br />

Magazin am besten ist.<br />

Geschichte eines<br />

verzwickten Erbes<br />

41<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Berliner Republik<br />

Report<br />

Fotos: aus dem Buch von Otto Köhler, Rudolf Augstein. Ein Leben für Deutschland, Droemer, München 2002 (Seite 40), Schleyer/ullstein bild<br />

Rudolf Augstein kann keine Fragen<br />

mehr beantworten. Er kann<br />

nicht erzählen, wie es war, nicht<br />

einschreiten, wenn es schiefläuft, nicht<br />

widersprechen, wenn Falsches behauptet<br />

wird. <strong>Der</strong> Gründer des Nachrichtenmagazins<br />

<strong>Der</strong> Spiegel ist seit elf Jahren<br />

tot. Seither glauben viele sagen zu können,<br />

was er meinte, täte, wollte. So ist<br />

das auch jetzt, da es beim Spiegel wieder<br />

zum Streit gekommen ist.<br />

Augstein, das ist ein gewaltiger Name.<br />

Er gehört zur Nachkriegsgeschichte des<br />

Landes wie der Marshallplan, Adenauers<br />

Westbindung und Brandts Ostpolitik.<br />

Augstein hat das Magazin gegründet, das<br />

die Mächtigen das Fürchten gelehrt hat,<br />

das dazu beitrug, Nachkriegsdeutschland<br />

vom Obrigkeitsdenken zu befreien. Sich<br />

auf Rudolf Augstein berufen zu können,<br />

heißt Deutungshoheit zu haben, wenn um<br />

die Geschicke des Spiegel gerungen wird.<br />

Wer zum Clan gehört, muss das nicht explizit<br />

ansprechen, es schwingt immer mit:<br />

Im Namen des Vaters.<br />

Es begann schon im November 2002<br />

bei der Trauerfeier im Hamburger Michel.<br />

Nur der damalige Bundespräsident<br />

Johannes Rau war informiert, dass Franziska<br />

Augstein eine Rede halten wird.<br />

Mit ihrem Satz vom „toten Löwen“, den<br />

„auch die Hasen an der Mähne zupfen“,<br />

wurde sie zu einer öffentlichen Person.<br />

Sie habe gesprochen, weil sie es „dem toten<br />

Löwen, meinem Vater“ schuldig gewesen<br />

sei, sagte sie damals.<br />

Interpretiert wurde sie anders: Sie<br />

habe Anspruch auf eine Funktion beim<br />

Spiegel erhoben. Mindestens aber hat<br />

sie zu verhindern versucht, dass andere<br />

bestimmen, wer die Größe hat, Rudolf<br />

Augstein als Herausgeber des Magazins<br />

zu folgen. Niemand habe die, hatte zuvor<br />

der damalige Chefredakteur Stefan<br />

Aust gesagt.<br />

Alle Hinterbliebenen des Gründers,<br />

von denen es aus fünf Ehen einige gibt,<br />

können vom Gewicht des Rudolf Augstein<br />

profitieren. Vier Kinder tragen<br />

den Namen: Neben Franziska (geboren<br />

1964) und Jakob (1967) die Älteste,<br />

Maria Sabine (1949), die als Stefan geboren<br />

wurde und sich als Anwältin für<br />

Transsexuelle einsetzt, sowie Julian<br />

(1973), der Jüngste aus der vierten Ehe<br />

mit Gisela Stelly.<br />

Jakob spielte bei Rudolf Augstein<br />

unterm Schreibtisch. Obwohl der<br />

Spiegel-Gründer nicht sein<br />

leiblicher Vater ist, wurde er<br />

dessen Testamentsvollstrecker<br />

Stelly meldet sich am Telefon mit<br />

Stelly-Augstein. Im vorigen Jahr hat<br />

sie eine Art Schlüsselroman über Rudolf<br />

Augstein veröffentlicht. Im April<br />

nutzte sie ein Interview, um Jakob die<br />

Legitimation als Sprecher der Erbengemeinschaft<br />

abzusprechen. Ihr Argument:<br />

Da er 2009 öffentlich bestätigt<br />

habe, dass der Schriftsteller Martin Walser<br />

sein leiblicher Vater ist, solle er verzichten.<br />

„Gewiss“ würde Rudolf Augstein<br />

es so wollen. Behauptungen, sie sei<br />

bereit, im Kampf um die Deutungshoheit<br />

noch schwerere Geschütze aufzufahren,<br />

kommentiert sie nicht. Es riecht<br />

nach schmutziger Wäsche. Dabei sagt sie<br />

selbst, Rudolf Augstein habe nicht dynastisch<br />

gedacht.<br />

Die mediale Aufmerksamkeit gilt<br />

aber Jakob und Franziska. Sie sind die<br />

beiden Journalisten des Augstein-Clans.<br />

42<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


WeLT.De/DigiTaL<br />

Die Welt gehört denen,<br />

die lieber zu weit gehen<br />

als zurück.<br />

Die WeLT gehörT Denen, Die neu Denken.


Berliner Republik<br />

Report<br />

„Wenn mein<br />

vater das wüsste,<br />

er würde sich im<br />

Grabe umdrehen“<br />

Franziska Augstein zur Berufung des<br />

Bild-Journalisten Blome in die<br />

Spiegel-Chefredaktion<br />

Jakob ist Sprecher der Erbengemeinschaft,<br />

der 24 Prozent des Spiegel-Verlags<br />

gehört. Er hat nur einmal in der Öffentlichkeit<br />

vom Willen Rudolf Augsteins<br />

gesprochen. Das war 2003 und 2004, als<br />

es darum ging, mithilfe des Bundeskartellamts<br />

und letzten Briefen Rudolf Augsteins<br />

zu verhindern, dass die Erbengemeinschaft<br />

1 Prozent der Anteile und<br />

damit das Sagen beim Spiegel-Verlag an<br />

Gruner + Jahr und die Mitarbeiter KG<br />

verliert. <strong>Der</strong> Versuch scheiterte, Jakob<br />

akzeptierte das. So haben die Augsteins<br />

im Hause Augstein keinerlei Vetomacht.<br />

Auf die bei wichtigen Entscheidungen<br />

notwendigen 76 Prozent kommen die<br />

Mitarbeiter (50,5 Prozent) und G+J<br />

(25,5 Prozent) ohne die Erbengemeinschaft.<br />

Sie spielt nicht einmal die Rolle<br />

eines Mehrheitsbeschaffers.<br />

Die Ohnmacht scheint Franziska<br />

Augstein schwer zu ertragen. Immer<br />

wieder meldet sie sich mit Vehemenz zu<br />

Wort. 2005 warf sie Aust vor, der Spiegel<br />

habe seine Rolle als Leitmedium verloren,<br />

sei zum „geschwätzigen Magazin“<br />

verkommen. Das passt zur Formulierung,<br />

die sie in diesen Wochen wählte, als sie<br />

vom „Fuchs“ sprach, der in den „Hühnerstall“<br />

geholt würde. Gemeint war Nikolaus<br />

Blome von der Bild-Zeitung, den<br />

der neue Spiegel-Chefredakteur Wolfgang<br />

Büchner eingestellt hat. Gegen<br />

Blomes Berufung wandten sich alle Ressortleiter.<br />

<strong>Der</strong> Bild-Mann wird dennoch<br />

Leiter des Hauptstadtbüros und Mitglied<br />

der Chefredaktion. „Eine Katastrophe“<br />

nannte Franziska Augstein das und ergänzte<br />

mit Blick auf ihren Vater: „Wenn<br />

er das wüsste, er würde sich im Grabe<br />

umdrehen.“<br />

Ihre Argumentation ist moralisch.<br />

Sie sagt, sie sorge sich um das Erbe ihres<br />

Vaters und habe nur ein Mittel: öffentliche<br />

Erklärungen. Sie sagt auch:<br />

„Ich weiß, dass es bei den Medien gut ankommt,<br />

wenn ich meinen Vater erwähne.“<br />

Dann wird sie gehört. In der einflusslosen<br />

Erbengemeinschaft hat sie nichts zu<br />

sagen. Im Fall Blome war sie nicht einmal<br />

vorab informiert.<br />

Jakob Augstein hat sich zur Frage,<br />

ob der Bild-Journalist trotz Vorbehalten<br />

der richtige Mann für den Spiegel ist, mit<br />

nur einem Satz geäußert: „Gute Leute<br />

bekommen immer Gegenwind.“ Das<br />

wundert nicht, hat er doch mit Blome<br />

bei Phoenix eine wöchentliche Debattensendung.<br />

Franziska wollte das nicht<br />

stehen lassen. Über die Nachrichtenagentur<br />

dpa und in Interviews mit dem NDR<br />

und dem Deutschlandfunk verbreitete sie<br />

ihre Ansicht.<br />

Ihr Ziel sei gewesen, der Spiegel-Redaktion<br />

den Rücken zu stärken, sagt sie,<br />

bereut aber, sich auf Nachfragen auch<br />

über das Verhältnis von Print und Online<br />

geäußert zu haben. Was sie über Online-Journalismus<br />

zu sagen hatte, wirkte<br />

abwertend, gar gefährlich. Dort werde<br />

nicht genug nachgedacht und zu wenig<br />

Geld verdient. Sie stärkte mit der Äußerung<br />

jene, die den Redakteuren des gedruckten<br />

Spiegel ohnehin vorwerfen, sie<br />

seien Modernisierungsverweigerer, die<br />

sich den Kollegen von Spiegel Online<br />

überlegen fühlten, Besitzstände wahrten<br />

und ideologisch verbohrt seien, wenn sie<br />

einen von Bild für inkompatibel mit dem<br />

Spiegel halten.<br />

Das Verhältnis zwischen Franziska<br />

und Jakob ist zwiespältig, wirkt es bei<br />

öffentlichen Auftritten auch harmonisch.<br />

Beide sind unehelich zur Welt gekommen.<br />

Aufgewachsen sind sie bei ihrer gemeinsamen<br />

Mutter, der John-Updike-Übersetzerin<br />

Maria Carlsson. Rudolf Augstein adoptierte<br />

Franziska gleich nach der Geburt.<br />

1968 heiratete er Maria Carlsson. Kurze<br />

Zeit später ließen sie sich wieder scheiden.<br />

Heute ist Jakob Chefredakteur und<br />

Verleger der von ihm 2006 gekauften<br />

linken Wochenzeitung <strong>Der</strong> Freitag. Franziska<br />

betreut als Redakteurin der Süddeutschen<br />

Zeitung die Seite Politische<br />

Literatur. Sie lebt mit Heribert Prantl zusammen,<br />

bei der SZ Ressortleiter Innenpolitik<br />

und Mitglied der Chefredaktion.<br />

Das Wesen der beiden Kinder ist verschieden.<br />

Die promovierte Franziska,<br />

äußerlich dem leiblichen Vater Rudolf<br />

Augstein ähnlich, ist belesen und intellektuell.<br />

Dessen ist sie sich sehr bewusst.<br />

Sie spricht hastig, ihre präzise gewählten<br />

Worte presst sie hervor, als hätte sie<br />

viel mehr zu sagen, als ihr Dritten möglich<br />

ist zu vermitteln.<br />

Jakob, äußerlich dem biologischen<br />

Vater Martin Walser ähnlich, spielte als<br />

Kind unterm Schreibtisch von Rudolf<br />

Augstein. Er lernte als Reporter weniger<br />

privilegierte Leben kennen. Er spricht ruhig,<br />

wirkt entspannt und reflektiert, sein<br />

Verhalten ist empathisch, sein Humor trocken.<br />

In der Redaktion des Freitag kann<br />

er unangenehm werden, vertritt ein Redakteur<br />

andere Ansichten als seine.<br />

Feiert der Spiegel 50 Jahre Spiegel-Affäre,<br />

ist es Franziska, die sich<br />

auf dem Podium mit der Strauß-Tochter<br />

Monika Hohlmeier unterhält und mit<br />

der Mutter, Maria Carlsson, zum selben<br />

Thema im Stern ein langes Interview gibt.<br />

Jakob agiert leise. Doch auch er nutzt<br />

seinen Namen. Gerade hat er sein drittes<br />

Buch veröffentlicht, seine wöchentliche<br />

Kolumne bei Spiegel Online heißt nach<br />

einem Augstein-Zitat „Im Zweifel links“.<br />

Er hat sich als Marke mit medialer<br />

Präsenz profiliert. Davon profitiert der<br />

Freitag, dessen digitaler Auftritt den eloquenten<br />

Verleger wiederum zum prominenten<br />

Gesprächspartner macht, wenn es<br />

um die Zukunft des Journalismus geht.<br />

Dabei bekennt er sich offen zu seinem<br />

Faible für Boulevardjournalismus. Das<br />

erklärt sein Verhältnis zu Blome und Bild.<br />

Franziska und Jakob eint, in jüngster<br />

Vergangenheit antisemitischer Ressentiments<br />

verdächtigt worden zu sein.<br />

Am lautesten waren die Vorwürfe gegen<br />

Jakob, der wegen seiner Kolumne 2012<br />

massiv angegriffen wurde und sich in einer<br />

Reihe mit dem iranischen Präsidenten<br />

Ahmadinedschad auf der Top-Ten-<br />

Liste des Simon-Wiesenthal-Zentrums<br />

fand. Vor wenigen Wochen war es Franziska,<br />

die wegen einer Illustration in der<br />

Süddeutschen Zeitung kritisiert wurde.<br />

44<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


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Faszinierende private Farbaufnahmen – auf einer Doppel-DVD !<br />

Hitlers Berlin in Farbe 1933-1945<br />

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Zu sehen sind die Sehenswürdigkeiten der Viereinhalbmillionenstadt, wie auch die Machtinszenierungen Hitlers und<br />

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Berliner Republik<br />

Report<br />

Foto: Imago<br />

Die Karikatur zeigte ein Monster mit<br />

Raffzähnen und Hörnern, Messer und<br />

Gabel in der Hand. Darunter schrieb sie:<br />

„Deutschland serviert. Seit Jahrzehnten<br />

wird Israel, teils umsonst, mit Waffen<br />

versorgt. Israels Feinde halten das Land<br />

für einen gefräßigen Moloch.“ Beiden<br />

Fällen liegt unglückliches Formulieren<br />

zugrunde. Anscheinend trauen sich wenige,<br />

einen Augstein zu redigieren.<br />

Auch ihren beiden Vätern wurde<br />

Antisemitismus oder zumindest ein<br />

zweifelhafter Umgang mit der deutschen<br />

Vergangenheit vorgeworfen. Gegen<br />

Rudolf Augstein gab es 2001 im<br />

Vorfeld zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises<br />

Proteste vor der Frankfurter<br />

Paulskirche, weil der Spiegel anfangs<br />

auch ehemalige Nazis beschäftigt hat,<br />

den Umstand aber bis vor einem Jahr<br />

ignorierte. Walser wurde 1998 kritisiert,<br />

nachdem er in der Frankfurter Paulskirche<br />

von einer Instrumentalisierung des<br />

Holocaust sprach.<br />

Martin Walser beurteilen – das kann<br />

Franziska Augstein. Für einen Essay, den<br />

sie 1999 in der Frankfurter Allgemeinen<br />

über ihn schrieb, hat sie den Theodor-<br />

Wolff-Preis erhalten. Den Auftrag habe<br />

sie zu jener Zeit übernommen, sagt sie,<br />

weil sie das Thema interessiert und sie<br />

über die Familie Zugang zu Walser gehabt<br />

habe. Erst Jahre nach Rudolf Augsteins<br />

Tod hatte Jakob auf Nachfrage erfahren,<br />

dass Walser sein leiblicher Vater<br />

ist. Bis dahin wurde darüber in der Familie<br />

nie offen gesprochen.<br />

Rudolf Augstein, berichten enge<br />

Weggefährten, gab jedem seiner vier<br />

Kinder das Gefühl, das Lieblingskind<br />

zu sein. Ein einfacher Vater war er nicht,<br />

erst recht im Alter, und er hat wahrlich<br />

verzwickte Familienverhältnisse hinterlassen.<br />

Dazu äußern will sich Jakob nicht.<br />

Anders Franziska, die jedoch ein persönliches<br />

Treffen mit einem Zitat des ungarischen<br />

Philosophen Georg Lukács ablehnt:<br />

„Ich interessiere mich für alles, nur nicht<br />

für mich.“<br />

Beide verhalten sich also nach dem<br />

gewohnten Schema: Franziska Augstein<br />

äußert sich und beruft sich dabei<br />

auf ihren Vater. Jakob Augstein muss<br />

und kann das nicht, bleibt aber der von<br />

Franziska war Rudolf Augsteins<br />

Lieblingskind. Wie seine anderen<br />

Kinder auch, jedenfalls vermittelte<br />

er jedem dieses Gefühl<br />

Rudolf Augstein als alleinvertretungsberechtigt<br />

eingesetzter Dauertestamentsvollstrecker<br />

für die maximal mögliche<br />

Dauer von 30 Jahren. Er hat das Sagen<br />

in der Erbengemeinschaft, die ihrerseits<br />

nichts zu melden hat im Kreis der<br />

Spiegel-Gesellschafter.<br />

Dem Spiegel wiederum fehlt die<br />

Führungsfigur, das wird bei jedem Streit<br />

offenbar. Einfluss hätte nur ein Augstein.<br />

In Hamburg Herausgeber zu werden, ist<br />

jedoch Jakob wie Franziska verwehrt,<br />

denn das will keiner der anderen Gesellschafter.<br />

Jeder weiß: Einen Augstein<br />

wird man nicht mehr los.<br />

Weder als Spiegel noch als Träger<br />

des Namens.<br />

Ulrike Simon beobachtet als freie<br />

Reporterin seit Jahren die Medienbranche<br />

46<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


JFK<br />

z u m 5 0 . T o d e s j a h r<br />

Edition<br />

Mr. President –<br />

ganz privat.<br />

John F. Kennedy, ein Mann, der die Menschen bis heute fasziniert.<br />

Durch sein Charisma, seine Eloquenz und seinen unermüdlichen Einsatz als Präsident,<br />

bleibt er auch nach seinem Tod unvergessen.<br />

Jacques Lowe, der persönliche Fotograf der Kennedys, begleitete die Familie viele<br />

Jahre und hat zahlreiche Eindrücke in Bildern festgehalten. Zum 50. Todesjahr bringt die<br />

Süddeutsche Zeitung eine Sammlung exklusiver Fotografien als beeindruckenden<br />

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Berliner Republik<br />

Kommentar<br />

Die<br />

urbane<br />

Dekadenz<br />

Von<br />

Frank A. Meyer<br />

Anquatschen, bedrängen,<br />

beleidigen – und das ohne Folgen.<br />

Die Generation Smartphone<br />

verwechselt Freiheit mit<br />

Grenzenlosigkeit<br />

Berlin, Spätsommer 2013: Eine Polizistin und ein Polizist<br />

fahren Streife, nach Meinung von zwei jungen Türken zu<br />

langsam. Die BMW-Fahrer pöbeln die Beamten aus dem Autofenster<br />

an, überholen und blockieren den Streifenwagen.<br />

Sie steigen aus, gehen drohend auf die Polizisten zu. Auch<br />

die steigen jetzt aus. Es gibt ein Handgemenge. Die Kommissarin<br />

wird ins Gesicht geschlagen.<br />

Eine zweite Streife kommt hinzu. Sie nimmt die Personalien<br />

der Türken auf.<br />

Und lässt sie weiterfahren.<br />

Eine Menschentraube von mehr als 70 Jugendlichen, darunter<br />

viele junge Männer türkischer und arabischer Herkunft,<br />

verfolgt das gewalttätige Geschehen. Gaffer schießen Bilder<br />

und filmen. Ladenbesitzer schließen ihre Türen.<br />

Es ist keine zehn Jahre her, da beklagte der Historiker<br />

Joachim Fest das Fehlen von Krawatten auf dem Kurfürstendamm.<br />

T-Shirts und offene Hemdkragen signalisierten aus<br />

der Sicht des distinguierten Intellektuellen einen eklatanten<br />

Verlust von Bürgerlichkeit.<br />

Doch die Zeit schreitet fort, hat uns ein gehöriges Stück<br />

weitergebracht. Heute dürfen Gewalttäter Gendarmen an die<br />

Gurgel, ohne mit Widerstand der Passanten – der Bürger –<br />

rechnen zu müssen, auch nicht mit Festnahme.<br />

Das Bürgertum dankt ab. Sein Rechtsstaat dankt ab.<br />

Die Berliner Zeitung forderte von den Tätern „mehr Respekt,<br />

bitte!“ für die Polizei – und rief den tatenlosen Gaffern<br />

ein „schämt euch!“ zu.<br />

Das Mutigste an der ganzen Kalamität waren die zwei<br />

Ausrufezeichen im Kommentar der Lokalzeitung.<br />

Illustration: Florian Bayer<br />

48<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


<strong>Der</strong> Verfall der bürgerlichen Alltagskultur hat die Gesellschaft<br />

voll erfasst.<br />

Jüngst schrieb der Tagesspiegel: „In Zügen und auf<br />

Bahnsteigen wird nachts gepöbelt, gedroht und manchmal<br />

auch geschlagen.“ Das Berliner Blatt berichtete akribisch,<br />

wie Provokationen und Belästigungen vonstattengehen, wie<br />

besonders Frauen, alte Menschen und schwächere Jugendliche<br />

eingeschüchtert werden: anquatschen, körperlich bedrängen,<br />

beleidigen. Sich an der Angst der Opfer weiden.<br />

Gewalttätige Übergriffe sind nur der spektakulärste<br />

Ausdruck urbaner Dekadenz. Dagegen noch harmlos, aber<br />

nicht minder augenfällig ist die Schmutzspur, die der Niedergang<br />

bürgerlicher Gesittung hinter sich herzieht.<br />

Parks nach Wochenenden, Seeufer nach Sommertagen gleichen<br />

Müllhalden: zersplitterte Flaschen, Plastikabfälle,<br />

Essensreste, Kondome, Fäkalien. Wo immer Jugend sich verabredet,<br />

ist nach dem Fest kein Platz mehr für ordentliche Bürger.<br />

Es gibt sie noch, diese Bürger, aber sie finden keine Fürsprecher<br />

mehr – nicht in der Politik, nicht in der Justiz, vor<br />

allem nicht in den Medien, die sich lustvoll dem Jugendkult<br />

verschrieben haben: schönfärbend, abwiegelnd, gern auch im<br />

Ton süffisanter Verachtung für den braven Kleinbürger, der<br />

seine Abfälle entsorgt, wenn er nach Hause geht, der nicht<br />

auf dem Gehsteig Rad fährt, weil er auf Fußgänger Rücksicht<br />

nimmt, der Musik in Zimmerlautstärke hört, um seinem<br />

Nachbarn nicht die Ruhe zu rauben.<br />

Bürger, die den Rasen nicht betreten, weil es verboten<br />

ist – zum Schießen!<br />

Zürich, das neue Monaco, nennt die Vermüllung seiner<br />

Plätze und Promenaden durch die Generation Smartphone<br />

beschönigend „littering“. Für die Herrchen und Dämchen,<br />

die sich in öffentlichen Parkanlagen verlustieren, ist es<br />

selbstverständlich, dass Müllmänner hinter ihnen aufräumen,<br />

verfügt man doch auch in der Villa am Zürichberg oder an<br />

der Goldküste über entsprechendes Personal.<br />

Statt hinter dem Jugendpack herzuräumen, könnte<br />

man ja mal mit ihm aufräumen: durch Polizeistreifen, durch<br />

Strafbefehle – bei Widerstand durch Mitnahme auf die Wache.<br />

So hat Bürgermeister Giuliani aus dem Dreckskaff New York<br />

wieder eine saubere und sichere Weltmetropole gemacht.<br />

Doch in Deutschland wie in der Schweiz gelten Maßnahmen<br />

der autoritären Art als unschicklich. Schicklich hingegen<br />

ist Toleranz, im Grunde eine bürgerliche Tugend, letztlich<br />

allerdings arg ramponiert, ja pervertiert: Tolerant ist,<br />

wer schweigt, wenn Horden selbstermächtigter Jugendlicher<br />

oder junger Erwachsener die Sau rauslassen.<br />

Auch der urbürgerliche Begriff Freiheit hat sich verflüchtigt,<br />

fände Freiheit doch ihre Grenzen an der Freiheit<br />

des anderen, ist Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft<br />

doch stets ein zivilisatorisch eingehegtes Territorium der<br />

Selbstentfaltung.<br />

Was bedeutet: Die Freiheit des Bürgers besteht darin,<br />

dass er die Musik nicht anhören muss, die andere aufdrehen;<br />

dass er den Müll nicht akzeptieren muss, den andere hinterlassen;<br />

dass er die Aggression nicht hinnehmen muss, mit der<br />

andere ihn bedrängen.<br />

Ja, so war die bürgerliche Gesellschaft einmal gedacht.<br />

Aber wer denkt darüber heute noch nach? Wer tut es unten,<br />

wo die Smartphone-Generation Freiheit mit Grenzenlosigkeit<br />

verwechselt? Wer oben, in den güldenen Gefilden der gehobenen<br />

Gesellschaft?<br />

Wenn es denn zutreffen sollte, dass Elite Vorbild zu sein<br />

hat für Nachwachsende, dann müssten die Verantwortlichen<br />

der Verluderung dort gesucht werden, wo nur noch zählt,<br />

was man für sich selbst zusammenrafft; wo jeder nur noch<br />

seines eigenen Glückes Schmied zu sein hat; wo der bürgerliche<br />

Staat nur noch als hinderlich wahrgenommen wird.<br />

<strong>Der</strong> Ungeist von oben zeichnet sich ab, wirft Schatten<br />

tief unten, wo der Rest der Gesellschaft nun mal noch da ist:<br />

in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Parks, an den Seeufern,<br />

auf den Straßen nachts, auf den Gehsteigen tagsüber.<br />

Frank A. Meyer ist Journalist und Gastgeber<br />

der politischen Sendung „Vis-à-vis“ in 3sat<br />

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Berliner Republik<br />

Reportage<br />

Das Down-Kind<br />

im Bundestag<br />

Von Petra Sorge<br />

Im Mai wurde Dagmar Schmidt Mutter. Ihr Sohn Carl hat<br />

einen Gendefekt: das Down-Syndrom. Ins Parlament geht die<br />

Sozialdemokratin trotzdem. Sie will beide Aufgaben vereinen<br />

50<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Foto: Andrea Diefenbach für <strong>Cicero</strong><br />

Wenn die anderen neuen Abgeordneten<br />

den Bundestag erkunden,<br />

wenn sie die ersten<br />

Tage in Berlin genießen, wenn sie diesen<br />

wichtigen <strong>Punk</strong>t ihrer Laufbahn so<br />

richtig auskosten, dann wird sich die Sozialdemokratin<br />

Dagmar Schmidt Sorgen<br />

machen.<br />

Bis zum 22. Oktober konstituiert sich<br />

das Parlament. Viele der neuen Abgeordneten<br />

wohnen vorerst im Hotel, einige<br />

teilen sich das Büro übergangsweise noch<br />

mit einem Fraktionskollegen. Es sind<br />

Tage des Aufbruchs. <strong>Der</strong> Wahlkampf ist<br />

überstanden, die Anspannung löst sich,<br />

die Gewählten haben es geschafft: vier<br />

Jahre im Zentrum der deutschen Politik.<br />

Mindestens. Die Neulinge dürfen sich bei<br />

der Verwaltung den Bundestagsausweis<br />

abholen, der ihre neue Wichtigkeit beurkundet.<br />

Sie werden Bewerbungsmappen<br />

möglicher Mitarbeiter durchsehen,<br />

sich überlegen, in welchem Ausschuss<br />

sie wohl glänzen werden, und vielleicht<br />

der Heimatzeitung im Wahlkreis ein gut<br />

gelauntes Interview geben.<br />

Dagmar Schmidt wird an ihren Sohn<br />

denken. Sie wird mit Ärzten telefonieren,<br />

mit dem Vater des Kindes, mit ihrer<br />

Mutter.<br />

Ihr Sohn Carl Schmidt wird dann<br />

fünf Monate alt sein. Er hat einen schweren<br />

Herzfehler. Die linke Herzkammer ist<br />

zu klein, zur rechten hin klafft ein Loch.<br />

Zwischen den Vorhöfen und den Kammern<br />

hat er nur eine Herzklappe statt<br />

zwei. Sein Krankheitsbild ist typisch für<br />

die Trisomie 21, auch Down-Syndrom genannt.<br />

Das Chromosom 21 liegt dreimal<br />

vor. In Deutschland leben 50 000 Menschen<br />

mit diesem Gendefekt.<br />

Natürlich zerreißen sich viele Eltern<br />

zwischen Orten und Aufgaben, auch andere<br />

Mütter und Väter von Trisomie-Kindern<br />

arbeiten hart und nicht unbedingt<br />

am Wohnort. Aber Dagmar Schmidt,<br />

40 Jahre alt, Historikerin aus dem hessischen<br />

Lahn-Dill-Kreis, hat sich bewusst<br />

entschieden, sie hat diesen Weg für sich<br />

und ihren Sohn gewählt. Sie will ein<br />

Down-Kind großziehen – und die Politik<br />

des Landes mitgestalten. Dabei wird<br />

sie, so viel lässt sich schon vorhersagen,<br />

sich selbst, Familie, Freunde und vielleicht<br />

auch die Kollegen im Parlament an<br />

Grenzen bringen. Sie wird immer wieder<br />

einer Frage begegnen: Muss das sein?<br />

Kinder mit<br />

Trisomie 21<br />

brauchen Zeit.<br />

Aber das<br />

Parlament ist<br />

ein System,<br />

das kaum Zeit<br />

lässt<br />

Dienstagnachmittag, 4. Juni 2013.<br />

Dagmar Schmidt lässt die Eingangstür<br />

ihrer Dreiraumwohnung in Wetzlar-Dutenhofen<br />

offen stehen. Sie lehnt in der<br />

Küche, Jeans, Kapuzenshirt, die rotblonden<br />

Haare zum Pferdeschwanz gebunden.<br />

In der Rechten hält sie das Baby, in<br />

der Linken das Fläschchen. Schmidt setzt<br />

an, oben tropft die weiße Flüssigkeit heraus,<br />

der Kleine schluckt die Milch.<br />

„Carl hat Schwierigkeiten beim Saugen“,<br />

sagt sie. „Ihn verlassen schnell die<br />

Kräfte.“ Weil Down-Babys manchmal<br />

unter einer Muskelschwäche leiden, gilt<br />

es, ein Trainingsprogramm einzuhalten:<br />

Zehn Minuten lang hat sie Carl die Brust<br />

gegeben, dann ein Fläschchen mit hartem<br />

Sauggummi. Jetzt bekommt er noch den<br />

weichen Sauger.<br />

Schmidt sagt, sie habe sich in kürzester<br />

Zeit so viel wie möglich über das<br />

Down-Syndrom angelesen. „Von all diesen<br />

Dingen hatte ich ja keine Ahnung.“<br />

In der Regel bedeutet die Diagnose<br />

„Trisomie 21“ bei Neugeborenen, dass<br />

sie sich geistig verzögert entwickeln.<br />

Das heißt nicht, dass sie später kein gesundes,<br />

glückliches Leben führen können.<br />

In Berlin gibt es mehrere Schauspielergruppen.<br />

In Spanien schaffte ein<br />

Mann mit Down-Syndrom seinen Hochschulabschluss.<br />

Heute ist er Lehrer. Seine<br />

Geschichte wurde unter dem Titel „Yo,<br />

también“ verfilmt. Im Juli ging eine Spanierin<br />

mit Trisomie 21 in die Politik: Die<br />

30 Jahre alte Verwaltungsangestellte<br />

wurde Stadträtin in Valladolid. Um so etwas<br />

zu schaffen, müssen die Betroffenen<br />

am besten viel frühe Zuwendung erfahren.<br />

Sie brauchen Pflege, Sonderförderung<br />

– vor allem also: Zeit.<br />

Dagmar Schmidt aber dringt gerade<br />

in ein System ein, das fast keine Zeit lässt.<br />

<strong>Der</strong> Abgeordnetenberuf ist eng getaktet:<br />

in Sitzungswochen, Tagesordnungen, aktuelle<br />

Stunden, Redeminuten. Die Partei<br />

verlangt Präsenz an der Basis, die Fraktion<br />

erwartet Anwesenheit im Plenarsaal,<br />

die Bürger möchten Aufmerksamkeit für<br />

ihre Probleme. Berlin – Wahlkreis, Wahlkreis<br />

– Berlin. Immer wieder kommt es<br />

vor, dass der Bundestag in Berlin bis in<br />

die Nacht hinein tagt. Allein im Juni dauerten<br />

zwei Debatten bis kurz vor ein Uhr.<br />

Eine unverheiratete Frau mit neugeborenem<br />

Down-Kind hat es im Deutschen<br />

Bundestag noch nicht gegeben.<br />

Dagmar Schmidt bringt eine neue Seite<br />

des Lebens in die Politik.<br />

Sie ist seit der Kindheit ihren Weg gegangen.<br />

Sie kommt aus einer politischen<br />

Familie, die Eltern sind in der SPD, die<br />

Schwester engagiert sich bei den Piraten.<br />

Ihre Mutter erinnert sich noch, wie ihre<br />

Tochter Dagmar in Geografie ihre einzige<br />

Fünf erhielt. „Ausgerechnet in Mitarbeit“,<br />

sagt Annegret Schmidt, „das war<br />

schon ungewöhnlich.“ Ihr Mädchen war<br />

eine gute Schülerin, nahm Unterricht in<br />

Klavier und drei weiteren Instrumenten.<br />

Die Lehrerin behauptete zwar später, sie<br />

wolle doch lieber eine Vier geben. Dagmar<br />

beharrte jedoch auf der Fünf: „Da<br />

sieht nämlich nicht die Schülerin, sondern<br />

die Lehrerin doof aus.“<br />

Mit 16 trat sie der SPD bei. Sie studierte<br />

Geschichte in Gießen, da kam ein<br />

großer Auftrag: Als Juso durfte sie nach<br />

Südafrika reisen und die Kommunalwahlen<br />

1995 beobachten. In einem Stadion<br />

sah sie den ersten schwarzen Präsidenten,<br />

Nelson Mandela.<br />

Sie hatte gerade eine Doktorarbeit<br />

über die SPD angefangen, als das Angebot<br />

kam, in Andrea Ypsilantis Abgeordnetenbüro<br />

zu arbeiten. Ypsilanti stieg<br />

auf, Schmidt wechselte erst in die hessische<br />

Parteigeschäftsstelle, dann in die<br />

Landtagsfraktion. Sie erlebte, wie ihre<br />

Chefin 2008 im Wahlkampf die SPD berauschte,<br />

wie sie Stimmen gewann und<br />

wie ihre rot-rot-grünen Pläne schließlich<br />

scheiterten. Ypsilanti gegen Koch, Links<br />

gegen Rechts, Zusammenhalt gegen Intrige<br />

– wer den Kampf um Hessen 2008<br />

51<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Berliner Republik<br />

Reportage<br />

miterlebt hat, kennt den maximalen Härtegrad<br />

des politischen Geschäfts.<br />

Auf Ypsilanti folgte Thorsten Schäfer-Gümbel,<br />

er wurde Chef der hessischen<br />

SPD und auch der Referentin Dagmar<br />

Schmidt. Sie kümmerte sich um die<br />

Themen Wirtschaft und Verkehr und arbeitete<br />

an sozialpolitischen Konzepten<br />

mit. Es lief gut.<br />

Sonntag, 4. August 2013. Eine Mehrzweckhalle,<br />

draußen SPD-Fahnen. <strong>Der</strong><br />

Ortsverein Krumbach feiert sein 90. Jubiläum.<br />

Dagmar Schmidt lenkt ihren Opel<br />

Astra auf den Parkplatz, Carl schlummert<br />

in der Babyschale auf dem Rücksitz,<br />

die Oma sitzt neben dem Enkel. Auf<br />

dem Parkplatz steht ein olivgrünes Cabriolet,<br />

ein Oldtimer Marke „Triumpf Herald“.<br />

„Ach, der Herr Körner ist auch da“,<br />

bemerkt Schmidt. <strong>Der</strong> Chef des Unterbezirks<br />

Gießen – sie kennt ihre Leute, sie<br />

geht auf jeden ein, so hat sie es geschafft.<br />

Sie steigt aus und packt Carl in den<br />

Kinderwagen, da kommt eine Parteifreundin.<br />

„Hallo Dagi.“ Sie mustert Carl:<br />

„Ach, wie süß, der Bub.“<br />

Im Saal warten die Honoratioren der<br />

Partei. Die Luft ist stickig. Um Dagmar<br />

Schmidt versammelt sich ein Grüppchen.<br />

Sie sticht hervor, als einzige Frau unter<br />

den Funktionären. Ihre Mutter übernimmt<br />

Carl und dreht mit dem Kinderwagen<br />

ein paar Runden um die Halle. Die<br />

Kandidatin setzt sich ins Publikum, der<br />

Ortsbezirksvorsitzende tritt ans Pult.<br />

Man kann sich fragen, ob es für eine<br />

Mutter und ihren Säugling nicht schönere<br />

Orte an einem Sonntag gibt als die Mehrzweckhalle<br />

von Krumbach. Muss das<br />

sein? Aber Schmidt sagt, es sei wichtig,<br />

den Ehrenamtlichen beizustehen. „Sie<br />

machen schließlich den Wahlkampf an<br />

der Basis – und das in ihrer Freizeit.“<br />

Sie hat ihre Netzwerke im Kreisverband<br />

gepflegt. Sie hat auch neue Anhänger<br />

gewonnen, zum Beispiel Milchbauern:<br />

Sonst sind die in ihrer Gegend eher<br />

CDU-Klientel, aber Schmidt hat sich Zeit<br />

genommen und sich von ihnen die Mechanismen<br />

in der Landwirtschaft erklären<br />

lassen. 2009 kandidierte sie das erste<br />

Mal für den Bundestag und verlor. Da<br />

waren die Bauern die ersten, die anriefen<br />

und sie trösteten.<br />

Seit 2009 hat sie sich mehr und mehr<br />

Ansehen der Parteioberen erarbeitet.<br />

Hessens Generalsekretär Michael Roth<br />

Als sie das Ticket<br />

nach Berlin<br />

bekommt, ist sie<br />

im zweiten Monat.<br />

Sie sagt erst<br />

mal nichts<br />

hält sie für „eine kluge Strategin“. Schäfer-Gümbel<br />

nennt sie eine seiner engsten<br />

Vertrauten. Dagmar Schmidt wisse,<br />

„dass ich da bin, wenn sie Unterstützung<br />

braucht“.<br />

Als am 9. September 2012 die hessische<br />

SPD auf einem Parteitag in Hanau<br />

über die Landesliste abstimmte, wurde<br />

Schmidt auf Platz sechs gesetzt. 87 Prozent<br />

der Delegierten bestätigten den Listenplatz.<br />

Es war das Ticket nach Berlin,<br />

eine Garantie, sogar wenn sie den Wahlkreis<br />

nicht gewinnt. Die Riesenchance für<br />

Dagmar Schmidt.<br />

Da war sie im zweiten Monat schwanger.<br />

Den Genossen sagte sie erst mal<br />

nichts. Zu diesem Zeitpunkt wussten ja<br />

nicht mal ihre Freunde davon.<br />

Schon für Parlamentarierinnen mit<br />

gesunden Kindern gilt: Politik und Familie<br />

lassen sich nur mühsam miteinander<br />

vereinbaren. Das ist auch das Ergebnis<br />

einer wissenschaftlichen Befragung<br />

durch die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung.<br />

Junge Mütter – im Alter von 40 und<br />

darunter – bilden laut der Studie im Bundestag<br />

die Minderheit in der Minderheit.<br />

Foto: Andrea Diefenbach für <strong>Cicero</strong><br />

52<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Illustration: Anja Stiehler/Jutta Fricke Illustrators<br />

Judith Skudelny kann den Befund<br />

bestätigen. Die FDP-Abgeordnete aus<br />

dem schwäbischen Nürtingen machte<br />

2009 Schlagzeilen, weil sie als erste Frau<br />

mit einem Baby im Arm im Plenarsaal<br />

auftauchte. Besonders anstrengend sei<br />

es, wenn zwei Sitzungswochen aufeinanderfolgten,<br />

sagt Skudelny. „Diese Terminpläne<br />

werden von Leuten erstellt, die<br />

selbst keine Familie haben.“<br />

Wichtig ist der Rückhalt in der eigenen<br />

Partei. Dass sie mit diesem rechnen<br />

könne, bezweifelte vor zwei Jahren sogar<br />

SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles.<br />

Sie fürchtete, dass ihr jemand kurz nach<br />

der Geburt ihrer Tochter den Job wegnehmen<br />

könnte. Nahles sagte das öffentlich,<br />

Parteifreunde empörten sich.<br />

Dagmar Schmidt aber ist sich sicher:<br />

„Da ändert sich gerade etwas.“ Muss das<br />

sein? – im Grunde dreht sie diese Frage<br />

um: Muss die Politik so sein, dass es nicht<br />

geht mit einem behinderten Kind?<br />

Im November 2012 teilte sie den<br />

Parteifreunden mit, dass sie schwanger<br />

ist. Familienplanung dürfe keine Rücksicht<br />

auf Parteien oder den Wahlkampf<br />

nehmen, sagte Hessens Generalsekretär<br />

Roth. Schmidts Plan: mit Wickeltuch<br />

wahlkämpfen. In ihrer Wohnung<br />

hat sie viele Fotos aus Afrika. Auf einem<br />

– ein belebter Marktplatz unter Palmen<br />

– trägt eine Frau, barfuß, ein Baby<br />

auf dem Rücken.<br />

In Krumbach ist der Ortsbezirksvorsitzende<br />

fertig. Dagmar Schmidt, Pumps<br />

und Faltenhose, geht nach vorn. Das Redepult<br />

reicht ihr fast bis an die Schultern.<br />

„Ganz schön hoch.“ Sie dreht das Mikro<br />

nach unten. Dann legt sie los: gegen die<br />

Altersarmut, für den Mindestlohn. „Erziehung<br />

und Pflege sind Schwerstarbeit<br />

und werden bescheiden bezahlt.“<br />

Zu Ehren der SPD tritt noch der Gesangverein<br />

Frohsinn-Harmonie auf. Es<br />

gibt Fleischkäse mit Kartoffelsalat. Doch<br />

da ist Schmidt schon auf dem Weg raus.<br />

Im November 2012, etwa ab der<br />

13. Schwangerschaftswoche, hätte Dagmar<br />

Schmidt eine Fruchtwasseruntersuchung<br />

machen können, um Krankheiten<br />

am Embryo zu entdecken. Drei<br />

Monate zuvor war außerdem eine sanftere<br />

Vorsorgemethode auf den Markt<br />

gekommen: ein vorgeburtlicher Bluttest<br />

auf das Down-Syndrom. Ein Eingriff<br />

in den Mutterleib ist dafür nicht nötig.<br />

Frau Fried fragt sich …<br />

… ob Teilen wirklich glücklich macht<br />

Beim Blick in unseren Keller ( circa eine Million Gegenstände,<br />

davon 999 000 unbenutzt ) befällt mich jedes Mal die große<br />

Konsumverweigerungseuphorie, und ich finde die Idee großartig,<br />

Dinge mit anderen zu teilen. Die Bohrmaschine, die ich nur alle<br />

Jubeljahre mal brauche, das Ruderbötchen, mit dem ich einmal pro<br />

Sommer rumschippern möchte, das Auto, das die meiste Zeit nur herumsteht<br />

– wie großartig wäre es, sich das alles nur noch auszuleihen,<br />

statt es selbst zu kaufen und Haus und Hof damit zuzumüllen. Auch<br />

mein Öko-Gewissen jubelt bei dieser Vorstellung: Wenn weniger gekauft<br />

wird, wird auch weniger hergestellt.<br />

Doch dann kommen Zweifel. Mir fallen die unzähligen Bücher<br />

ein, die ich verliehen und nie wiederbekommen habe. Drei Mal erhielt<br />

ich mein Auto mit Blechschaden zurück: „Amelie, tut mir leid,<br />

ich habe leider gerade keine Kohle.“ Ganz zu schweigen von den<br />

Geldbeträgen, die ich verliehen und niemals wiedergesehen habe.<br />

In den WGs meines Lebens war ich immer die Blöde, der man die<br />

Einkäufe wegfraß, und den Zustand von Gemeinschaftseinrichtungen<br />

jeder Art empfand ich schon immer als ernüchternd. Das Teilen<br />

ist eine schöne Utopie. Unter Freunden mag es noch einigermaßen<br />

funktionieren, aber wenn etwas allen gehört, fühlt keiner sich mehr<br />

verantwortlich.<br />

Die neuen Sharing-Modelle rechnen mit der Verantwortungslosigkeit<br />

des Einzelnen und lassen einfach alle dafür bezahlen. Ich<br />

steige in ein fabrikneues Auto ( das ich mir selbst nie leisten könnte ),<br />

nutze es so lange wie nötig und stelle es wieder ab. Ich genieße alle<br />

Vorteile des Eigentums, ohne die Nachteile in Kauf nehmen zu müssen.<br />

Keine Parkplatzprobleme, kein Wartungsstress und obendrein<br />

kein schlechtes Gewissen. Sharing gilt als sozial, ökologisch und<br />

nachhaltig. In Wahrheit ist es die perfekte Illusion. Wir konsumieren<br />

ohne Reue und Verantwortung, ein Genuss, der uns zu immer mehr<br />

verführt. Wer wirklich etwas für die Umwelt tun will, soll Fahrrad<br />

und Zug fahren. Und seine Bohrmaschine an Freunde ausleihen, obwohl<br />

er sie vielleicht kaputt zurückbekommt.<br />

Amelie Fried ist Fernsehmoderatorin und Bestsellerautorin.<br />

Für <strong>Cicero</strong> schreibt sie über Männer, Frauen und was das Leben<br />

sonst noch an Fragen aufwirft<br />

53<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Berliner Republik<br />

Reportage<br />

Schmidt entschied sich gegen beide Varianten.<br />

Eine Abtreibung wäre für sie ohnehin<br />

nicht infrage gekommen, sagt sie.<br />

„Hätte die Welt wirklich auf ihn verzichten<br />

wollen?“<br />

Sie kostete die Schwangerschaft aus.<br />

Sie suchte sich ein Geburtshaus und eine<br />

Hebamme, die länger in Afrika gearbeitet<br />

hatte. Aber es gab Komplikationen.<br />

Am 10. Mai 2013 brachte sie ihren Jungen<br />

in der Klinik zur Welt.<br />

Er war anders, das spürte sie gleich.<br />

Die Nackenfalte fiel ihr auf, die lieblichen<br />

mandelförmigen Augen, die außen spitz<br />

zulaufen. „Aber so süß. Und er hatte<br />

rote Haare, wie ich.“ Am Tag der Geburt<br />

hatte die Mutter ihn noch für sich.<br />

Am zweiten Tag übernahmen die Ärzte.<br />

Sie entdeckten den Herzfehler.<br />

Schmidt wollte eigentlich zwei<br />

Monate nach der Geburt in den Wahlkampf<br />

starten. Für das letzte Juliwochenende<br />

war der Terminplan schon<br />

voll: Freitag – Rundgang bei den „Golden<br />

Oldies“, einem Sixties-Festival;<br />

Samstagmorgen – Haus-zu-Haus-Wahlkampf;<br />

abends – Weinfest; Sonntag: zwei<br />

Golden Oldies,<br />

Hausbesuche,<br />

Weinfest – sie<br />

sagt alles ab.<br />

Carls Zustand verschlechtert<br />

sich.<br />

Um 8 Uhr wird<br />

er operiert<br />

SPD-Kinderfeste. Doch Carls Zustand<br />

verschlechterte sich. Schmidt sagte alles<br />

ab. Um 8 Uhr morgens lag ihr Sohn<br />

auf dem OP-Tisch. Die erste Herzoperation.<br />

Seitdem heißt es warten. Die linke<br />

Herzkammer muss wachsen, erst dann<br />

können die Ärzte den zweiten Eingriff<br />

vornehmen. Das kann Wochen dauern,<br />

vielleicht Monate. Vergrößert sich die<br />

linke Kammer nicht wie geplant, müsste<br />

Carl mit einer Herzkammer auskommen.<br />

Mindestens zwei OPs wären nötig – und<br />

er wäre sein Leben lang eingeschränkt.<br />

Viele Eltern wollen kein behindertes<br />

Kind. Vergangenes Jahr haben<br />

6000 Schwangere den neuen Bluttest auf<br />

Trisomie 21 in Anspruch genommen. Die<br />

Bundesvereinigung Lebenshilfe und der<br />

Arbeitskreis Down-Syndrom kritisieren,<br />

dass mit der Untersuchung eine „neue<br />

Qualität“ der Risikovorsorge erreicht<br />

sei. „Es scheint eine erschreckende Aussicht,<br />

ein Kind mit Down-Syndrom zu erwarten“,<br />

heißt es in einer gemeinsamen<br />

Stellungnahme. Mehr als 90 Prozent der<br />

Mütter lassen ihr Kind abtreiben, wenn<br />

sie diese Diagnose bekommen.<br />

Würde Schmidt das diesen Frauen<br />

vorwerfen? „Behinderte gehören in die<br />

Mitte unserer Gesellschaft“, sagt sie. Sie<br />

wünscht sich aber eine bessere Aufklärung<br />

über die Fördermöglichkeiten für<br />

Trisomie-21-Kinder. Trotzdem wolle sie<br />

keiner Frau etwas vorschreiben. „Ich<br />

bin eine Verfechterin des Rechts auf<br />

Abtreibung.“<br />

In ihrer Küche ist sie mit dem Stillen<br />

fertig, sie tippt in ihr Smartphone:<br />

70 Milliliter Milch. 300 bis 400 soll Carl<br />

täglich trinken, sonst muss er wieder in<br />

die Klinik. Sie ist zufrieden: „Für heute<br />

wird er seine Ration erreichen.“ Wie sie<br />

die „Pump-Fütter-Infrastruktur“ – so<br />

nennt sie das – aufrechterhalte, werde<br />

sie sehen müssen. Sie sagt häufig solche<br />

Sätze, wenn es um die Zukunft geht.<br />

Dagmar Schmidt will dem Sohn einen<br />

Lebensmittelpunkt geben: den Wahlkreis.<br />

Bis Februar hat der Vater erst einmal<br />

Elternzeit genommen. „Aber ich<br />

werde Carl trotzdem mal mit ins Abgeordnetenbüro<br />

nehmen.“<br />

Da müssen die Leute im Parlament<br />

dann durch.<br />

PETRA Sorge berichtet als Redakteurin<br />

von <strong>Cicero</strong> Online über die Berliner Politik<br />

Foto: Andrea Diefenbach für <strong>Cicero</strong><br />

54<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Weltbühne<br />

55 – 84<br />

„Den Arabern<br />

war Jerusalem bis<br />

1967 kein bedeutendes<br />

Zentrum. Die Stadt<br />

wird im Koran kein<br />

einziges Mal erwähnt“<br />

Arthur Cohn, sechsfacher Oscar-Preisträger, verteidigt den israelischen<br />

Siedlungsbau und erklärt, warum er kein Friedenshindernis ist, Seite 74


Weltbühne<br />

Porträt<br />

Die Zensorin<br />

Mónika Karas ist neue Chefin der mächtigen ungarischen Medienbehörde. Sie war<br />

„Hausjuristin“ von Ministerpräsident Viktor Orbán und gilt als seine Erfüllungsgehilfin<br />

Von keno Verseck<br />

Bis vor kurzem war sie in der breiten<br />

ungarischen Öffentlichkeit<br />

eine Unbekannte. Redaktionen<br />

hingegen machen schon seit langem einschlägige<br />

Erfahrungen mit ihr. Sie erleben<br />

sie als Kämpferin gegen die Pressefreiheit:<br />

Mónika Karas, Medienanwältin<br />

und „Hausjuristin“ der ungarischen Regierungspartei<br />

Fidesz. Mit Vorliebe prozessiert<br />

sie gegen investigative Journalisten,<br />

die im Reich des Ministerpräsidenten<br />

Viktor Orbán unliebsame Recherchen<br />

unternehmen.<br />

Wohl auch zum Dank dafür hat die<br />

Juristin jetzt den einflussreichsten staatlichen<br />

Medienposten in Ungarn erhalten:<br />

Sie wurde für neun Jahre zur Vorsitzenden<br />

der Nationalen Medien- und Kommunikationsbehörde<br />

(NMHH) ernannt,<br />

dem mächtigen staatlichen Aufsichtsgremium<br />

der ungarischen Medien und des<br />

Telekommunikationssektors.<br />

Zu Karas’ Aufgaben gehört unter anderem<br />

die Vergabe von Sendelizenzen<br />

und -frequenzen. Wie die in Orbáns Ungarn<br />

gehandhabt wird, zeigte in der Vergangenheit<br />

der Fall des oppositionellen<br />

ungarischen Klubrádió: Entgegen mehrerer<br />

Gerichtsbeschlüsse verweigerte die<br />

Medienbehörde dem Sender fast zwei<br />

Jahre lang die dauerhafte Lizensierung<br />

seiner Sendefrequenzen, erst in diesem<br />

Frühjahr gab die Medienbehörde schließlich<br />

nach.<br />

Wenn das Parlament zustimmt, wird<br />

Mónika Karas demnächst außerdem Chefin<br />

des Medienrates werden, jenes Gremiums,<br />

das Medieninhalte kontrolliert und<br />

Geldstrafen oder Gegendarstellungen gegen<br />

einzelne Medien verhängen kann,<br />

wenn sie gegen Bestimmungen des umstrittenen,<br />

Anfang 2011 in Kraft getretenen<br />

Mediengesetzes verstoßen – etwa,<br />

wenn Medieninhalte die „nationale Sicherheit“<br />

gefährden.<br />

Für diese neueste Personalie im<br />

Orbán-Ungarn fand die unabhängige<br />

liberale Wochenzeitung Magyar Narancs<br />

deutliche Worte: Karas als Chefin<br />

der Medienbehörde, das sei „wie in<br />

den schlimmsten Albträumen“, schließlich<br />

verstünde sie es als „Krönung ihres<br />

Lebenswerks, die Pressefreiheit<br />

einzuschränken“.<br />

Tatsächlich ist an dieser Person und<br />

ihrer Ernennung zur obersten ungarischen<br />

Medienaufseherin abzulesen, wie<br />

ernst es Orbán und seine Partei mit der<br />

Pressefreiheit meinen. Mónika Karas arbeitete<br />

nach ihrem Jurastudium 1985 als<br />

Juristin beim staatlichen Presseverlag<br />

Lapkiadó Vállalat – eine Funktion also,<br />

in der sie als Vollstreckerin einer Diktatur<br />

diente, in der die Pressefreiheit ganz<br />

offiziell abgeschafft war.<br />

Seltsam folgerichtig wirkte ihre berufliche<br />

Orientierung nach dem Ende<br />

des kommunistischen Regimes: Von<br />

1993 bis 2002 war sie Juristin im Verlag<br />

des offen antidemokratischen und antisemitischen<br />

Blattes Magyar Fórum, die<br />

Hauspostille des rechtsextremen Schriftstellers<br />

István Csurka und seiner „Ungarischen<br />

Wahrheits- und Lebenspartei“.<br />

Nachdem Csurka und seine Partei 2002<br />

den Wiedereinzug ins Parlament verfehlt<br />

hatten, wechselte Karas ins Orbán-Lager.<br />

Sie vertrat Fidesz-nahe, rechtsnationalistische<br />

Medien, die zum PR- und Medienkonsortium<br />

Mahír des Fidesz-Oligarchen<br />

Lajos Simicska gehören, unter anderem<br />

die Tageszeitung Magyar Nemzet und<br />

den Fernsehsender Hír TV.<br />

Auch für Viktor Orbán persönlich<br />

zog Karas vor Gericht: Als die Wochenzeitung<br />

ÉS 2005 aufdeckte, dass der Politiker<br />

und seine Frau Anikó Lévai im<br />

Tokajer Weinbaugebiet umstrittene Geschäfte<br />

mit einer staatlichen Winzerei<br />

gemacht hatten, klagte Karas; das Blatt<br />

musste später einen Teil der Vorwürfe<br />

zurücknehmen.<br />

Zuletzt bekam das renommierte ungarische<br />

Nachrichtenmagazin hvg Post<br />

von der Juristin: Anfang August forderte<br />

sie die Redaktion mit großem Nachdruck<br />

und letztlich erfolglos auf, Fotos von Árpád<br />

Habony von der hvg-Webseite zu<br />

entfernen, eines Mannes, der Viktor Orbán<br />

seit Jahren als inoffizieller Chefberater<br />

dient und der äußerst medienscheu ist.<br />

Die beiden hvg-Journalisten Zsolt<br />

Bogár und Attila Mong, die wegen ihrer<br />

Orbán-kritischen Einstellung vor zwei<br />

Jahren ihre Arbeit im öffentlich-rechtlichen<br />

Rundfunk verloren, sehen Karas’<br />

Ernennung als logisch. „Sie ist 100-prozentig<br />

loyal und macht genau das, was<br />

der Regierungschef und seine Interessengruppe<br />

verlangt“, sagen die beiden<br />

Journalisten. „Sie ist für Orbán eine<br />

Vertrauensperson und eine Erfüllungsgehilfin.“Dabei<br />

ist sie selbst äußerst medienscheu.<br />

Sie gibt keine Interviews und<br />

äußert sich in der Öffentlichkeit nicht politisch.<br />

Nicht einmal ihr Alter steht in ihrem<br />

offiziellen Lebenslauf.<br />

<strong>Der</strong> linke Philosoph und Essayist<br />

Gáspár Miklós Tamás hält ihre Ernennung<br />

jedenfalls für einen Skandal, über<br />

den selbst in Ungarn zu wenig gesprochen<br />

werde. „Dass sie vor 1989 zu den<br />

zuverlässigsten Kadern gehörte und nach<br />

1989 neun lange Jahre wichtige Mitarbeiterin<br />

im Verlag eines offen faschistischen,<br />

chauvinistischen und antisemitischen<br />

Blattes war“, sagt Tamás, „ist doch<br />

eine erschütternde Biografie für jemanden,<br />

der in einer parlamentarischen<br />

Mehrparteiendemokratie der EU mit der<br />

Leitung der Medienangelegenheiten beauftragt<br />

ist.“<br />

Keno Verseck berichtet seit 1991 über<br />

mittel- und südosteuropäische Länder<br />

Foto: Attila Kovacs/mti/EST&OST<br />

56<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Weltbühne<br />

Porträt<br />

DAs Stehaufmännchen<br />

William Hague ist seit dem Syriendebakel im britischen Parlament beschädigt.<br />

Doch der Außenminister lässt sich auch durch diese Niederlage nicht beirren<br />

Von seBAStian Borger<br />

Foto: Jess Hurd/report/laif<br />

Hätte sich William Hague nur an<br />

seine eigene Maxime gehalten.<br />

Dann wäre der britische Außenminister<br />

dieser Tage beim Jahrestreffen<br />

seiner konservativen Partei nicht auf den<br />

Zuspruch loyaler Anhänger angewiesen.<br />

Die werden gewiss brav die Ausführungen<br />

ihres früheren Vorsitzenden, 52, zur<br />

Weltpolitik beklatschen. Hague wird’s<br />

tapfer ertragen, auch wenn in der Politik<br />

Mitleid schlimmer ist als eine schmerzende<br />

Niederlage.<br />

Nach der desaströsen Parlamentsabstimmung<br />

Ende August, die vorerst einer<br />

britischen Beteiligung an Militärschlägen<br />

gegen Syrien einen Riegel vorschob, steht<br />

der Chefdiplomat Ihrer Majestät da wie<br />

ein begossener Pudel, nicht wie der gewohnt<br />

treue Verbündete des großen Bruders<br />

Amerika. Dabei hätte der erfahrene<br />

Politiker nur beizeiten seine eigenen Reden<br />

lesen sollen. Noch zu Oppositionszeiten<br />

formuliert, im ersten Regierungssommer<br />

2010 unter David Camerons<br />

Koalitionsregierung bekräftigt, stimmte<br />

Hague die an globalen Anspruch gewöhnte<br />

außenpolitische Community seines<br />

Landes auf schwere Zeiten ein.<br />

Zwar wäre „Großbritannien nicht<br />

glücklich damit, wenn wir uns ganz<br />

oder teilweise von dem Versuch verabschieden<br />

würden, die Weltgeschehnisse<br />

zu beeinflussen“, konstatierte der<br />

Vertreter einer der fünf Vetomächte im<br />

UN-Sicherheitsrat. Durch die enorme<br />

Staatsverschuldung im eigenen Land sowie<br />

langfristige Trends in der Weltwirtschaft<br />

werde es für die Insel aber „schwerer,<br />

unseren Einfluss aufrechtzuerhalten“.<br />

Ganz konkret bezogen auf militärische<br />

Einsätze sprach Hague vom „Aufstieg<br />

anderer Nationen“ – gemeint waren vor<br />

allem China und Indien –, der den Westen<br />

daran hindern werde, „ähnlich zu<br />

handeln wie in Kosovo, Bosnien oder<br />

Afghanistan“. Schließlich das Fazit: „Wir<br />

müssen uns daran gewöhnen, dass es zukünftig<br />

mehr Situationen gibt, die uns<br />

nicht gefallen, die wir aber nicht direkt<br />

verändern können.“<br />

Abwarten und Tee trinken? In der<br />

Syrienfrage hätte diese bewundernswerte,<br />

aber bei Politikern verhasste Haltung<br />

dem britischen Außenminister die<br />

zweitschwerste Niederlage seiner Karriere<br />

erspart. Die schlimmste hat Hague<br />

vor zwölf Jahren verkraften müssen: Da<br />

erlitten die Tories unter seiner Führung<br />

die zweite von drei verheerenden Niederlagen<br />

gegen Labour-Strahlemann Tony<br />

Blair. Oppositionsführer Hague trat sofort<br />

zurück.<br />

Bis dahin war sein Aufstieg reibungslos<br />

verlaufen. Schon als 16-Jähriger<br />

entzückte der Sohn eines Getränkefabrikanten<br />

aus dem nordenglischen Yorkshire<br />

die Delegierten des Tory-Parteitags<br />

mit einer frechen Rede: „In 30, 40 Jahren<br />

ist die Hälfte von euch gar nicht mehr<br />

da.“ Seine Generation hoffe auf Margaret<br />

Thatcher, um Britanniens Abstieg der<br />

siebziger Jahre umzukehren. Nach Politik-Studium<br />

in Oxford und Ausbildung<br />

an der Insead-Wirtschaftsuni kam Hague<br />

1989 als getreuer Anhänger der eisernen<br />

Lady ins Unterhaus, wurde mit 34 Minister<br />

für Wales und mit 36 Oppositionsführer.<br />

Den schnellen politischen Aufstieg<br />

vervollständigte im gleichen Jahr 1997<br />

privates Glück: Hague heiratete Ffion Jenkins,<br />

eine vormalige persönliche Referentin<br />

aus dem Wales-Ministerium.<br />

Anders als viele Politikerehen hat<br />

diese Verbindung bis heute gehalten.<br />

Doch rund um Westminster hielten sich<br />

lang Gerüchte um Hagues Sexualität –<br />

so lang, dass der mittlerweile zum Außenminister<br />

avancierte Politiker vor<br />

drei Jahren die Öffentlichkeit mit intimen<br />

Details erschreckte. Seine Frau und<br />

er würden sich seit langem eine Familie<br />

wünschen, doch habe Ffion „mehrere<br />

Fehlgeburten“ erlitten. „Die Behauptung,<br />

ich hätte jemals eine Beziehung<br />

mit einem Mann gehabt, ist schlichtweg<br />

falsch.“<br />

Eine enge Beziehung verbindet ihn<br />

unbestritten mit einem längst verstorbenen<br />

Mann. Die Zeit in der politischen<br />

Wildnis nutzte Hague zum Schreiben einer<br />

viel beachteten Biografie über William<br />

Pitt den Jüngeren (1759 bis 1806),<br />

der es mit 23 Jahren zum Premierminister<br />

brachte.<br />

Ob Hague selbst den Sprung in die<br />

Downing Street jemals schaffen wird?<br />

Als „Erster Minister“ im Kabinett, so<br />

lautet sein Titel, hätte er wohl Anspruch<br />

auf Premierminister Camerons Nachfolge.<br />

Auch fliegen ihm bis heute die<br />

Herzen der weit rechts stehenden Tory-Mitglieder<br />

zu, nicht zuletzt wegen<br />

seiner harten EU-Skepsis. Doch wurden<br />

in Westminster zuletzt andere Minister<br />

höher gehandelt, etwa Schatzkanzler George<br />

Osborne, der Hague einst als Redenschreiber<br />

diente. <strong>Der</strong> Außenminister<br />

gilt spätestens seit dem Syriendebakel als<br />

beschädigt. Schadenfrohe tönten sogar,<br />

er solle zurücktreten. Tatsächlich ließ<br />

Hague das Gerücht streuen, er habe die<br />

Konsequenzen ziehen wollen, nur um<br />

dann öffentlich zu dementieren. Erfahrung<br />

im Haifischbecken von Westminster<br />

hat er genug.<br />

Was Syrien angeht, will Hague auch<br />

weiterhin seiner Maxime nicht folgen.<br />

Schon wenige Tage nach der schweren<br />

Niederlage mahnte er neue Hilfe für das<br />

gequälte Syrien an.<br />

SeBAStian Borger ist immer wieder<br />

überrascht, wie schlampig die britische<br />

Koalition ihre Politik macht – zuletzt bei<br />

der Syrienabstimmung im Unterhaus<br />

59<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Weltbühne<br />

Analyse<br />

Koalition<br />

der Unwilligen<br />

Von Josef Janning<br />

Eine Allianz im<br />

Syrienkonflikt?<br />

<strong>Der</strong> neue Westen<br />

ist kriegsmüde<br />

geworden. Seine<br />

Regierungen werden<br />

mit Krisen künftig<br />

völlig anders<br />

umgehen müssen<br />

Rote Linien sind zu Stolperdrähten<br />

des Westens geworden. Barack<br />

Obamas Versuch, eine internationale<br />

Koalition zur militärischen Bestrafung<br />

des Assad-Regimes zusammenzubringen,<br />

hat sich als äußerst mühselig<br />

erwiesen. Genau das aber veranschaulicht<br />

den andauernden Wandel dessen,<br />

was wir früher den Westen nannten.<br />

Europas und Amerikas Bürger sind<br />

kriegsmüde geworden und verweigern<br />

sich den Widersprüchlichkeiten von Realpolitik<br />

und Moralismus ihrer Führungen.<br />

Ihr Unwille schlägt auf die Parlamente<br />

durch, die sich die Mitsprache<br />

in der Außenpolitik zurückholen. Mit<br />

der Zähmung und Selbstbindung der<br />

Exekutive Großbritanniens, der USA<br />

und Frankreichs schwindet auch die<br />

Ordnungsmacht des alten Westens – die<br />

Fähigkeit, Normen auch mit militärischer<br />

Gewalt durchzusetzen.<br />

Die Rivalität der alten und der neuen<br />

Weltmächte zeigt sich gerade auch im Syrienkrieg:<br />

Russland und China blockieren<br />

den zweiten normativen Anker westlicher<br />

Ordnungspolitik, die Legalität und<br />

Legitimität durch Völkerrecht und Vereinte<br />

Nationen. Was sich ausnimmt wie<br />

die Demontage westlicher Ordnungsmacht,<br />

wäre wohl treffender mit Selbstverstümmelung<br />

zu beschreiben.<br />

Plurale Gesellschaften in freiheitlichen<br />

Demokratien drängt es nicht zum<br />

Krieg; sie scheuen die Risiken, Kosten<br />

und Opfer und sind überzeugt von der<br />

Attraktivität ihres eigenen Modells des<br />

60<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Illustration: Miriam Migliazzi & Mart Klein<br />

friedlichen Interessenausgleichs. Die<br />

Unwilligkeit zum Krieg bildet in diesem<br />

Sinne die Kehrseite ihres zivilisatorischen<br />

Vorsprungs. Demokratische<br />

Gesellschaften neigen zum „appeasement“.<br />

Das aber ist ihre Achillesferse<br />

gegenüber Diktaturen und aggressiver<br />

Machtentfaltung.<br />

<strong>Der</strong> Einsatz militärischer Macht ist<br />

vor diesem Hintergrund stets überhöht<br />

worden – mit universalistischen Ansprüchen,<br />

moralischer Emphase und dem Versprechen<br />

einer friedlichen und demokratischen<br />

Zukunft.<br />

Was in den Weltkriegen gelang und<br />

in Maßen auch in der Beendigung der<br />

jugoslawischen Kriege eingelöst wurde,<br />

misslingt heute: Zu oft widerlegt die<br />

Wirklichkeit den Anspruch, zuletzt in Afghanistan<br />

und im Irak. Immer wieder beschädigt<br />

realpolitisches Kalkül die moralische<br />

Integrität westlicher Positionen. So<br />

in der Aufrüstung der Taliban gegen die<br />

sowjetische Besetzung Afghanistans, der<br />

Duldung des mit westlichen Waffen geführten<br />

irakischen Angriffs auf den Iran,<br />

bei dem ebenfalls chemische Kampfmittel<br />

gegen den zahlenmäßig überlegenen<br />

Gegner zum Einsatz kamen, und zuletzt<br />

in der ambivalenten Haltung zum Putsch<br />

des Militärs in Ägypten.<br />

Vor diesem Hintergrund sind der<br />

Syrien krieg und die Reaktion des Westens<br />

nicht Auslöser, sondern Indikatoren<br />

einer fortschreitenden Erosion des alten<br />

westlichen Führungsanspruchs. Was wie<br />

ein klares Szenario begann, zerfiel in der<br />

Umsetzung: ein rascher, begrenzter Schlag<br />

gegen militärische Einrichtungen des syrischen<br />

Regimes, legitimiert als Strafe für<br />

den Einsatz per Konvention geächteter<br />

Waffen, der zugleich die Chance bot, die<br />

Erfolge des Regimes im Krieg gegen die<br />

Rebellen aufzuhalten und den Gegnern<br />

Assads eine neue Chance zu geben.<br />

David Camerons Scheitern, die<br />

Mehrheit im Parlament für eine militärische<br />

Beteiligung Großbritanniens zu<br />

gewinnen, durchbrach die vorgezeichnete<br />

Kette der Ereignisse. Westminster,<br />

die Mutter aller Parlamente, legte nicht<br />

nur die Schwäche des amtierenden Premiers<br />

offen, sondern machte sichtbar,<br />

was seit über zwei Jahrzehnten in Bewegung<br />

geraten ist: Das aus dem alten<br />

königlichen Privileg abgeleitete Vorrecht<br />

des Premiers, über den Einsatz<br />

militärischer Mittel zu entscheiden, ist<br />

überholt. Spätestens seit dem zweiten<br />

Golfkrieg befassen britische Regierungen<br />

das Unterhaus regelmäßig mit dieser<br />

Frage.<br />

Wider Willen fand sich David Cameron<br />

in der Syrienfrage in der Nähe Angela<br />

Merkels und der deutschen Haltung<br />

wieder. Seine Erklärung, die Entscheidung<br />

des Parlaments konsequent umsetzen<br />

zu wollen, zwang Barack Obama,<br />

einen US-Militärschlag ebenfalls an ein<br />

Votum des Kongresses zu binden. Auch<br />

François Hollande geriet unter Druck,<br />

dieser Linie zu folgen. Beide, direkt<br />

vom Volk gewählte Präsidenten, verteidigten<br />

zwar das Prinzip präsidentieller<br />

Entscheidungsfreiheit. Doch sie führen<br />

einen harten Kampf, und die Chancen<br />

stehen gegen sie.<br />

Die ParlamENTarisierung westlicher<br />

Ordnungsmacht auf den Schultern gesellschaftlichen<br />

Unbehagens setzt sich<br />

durch; „Stuttgart 21“ hat die Außenpolitik<br />

erreicht. Was wird aber aus dem Westen,<br />

wenn Camerons Niederlage mehr<br />

als nur ein taktisches Missgeschick war?<br />

Was wird, wenn das sich abzeichnende<br />

Muster zur Konstante westlicher Außenpolitik<br />

wird?<br />

Diese Entwicklung rückt zunächst einige<br />

Annahmen über das transatlantische<br />

Verhältnis zurecht. Nach dem Nein des britischen<br />

Unterhauses kann Großbritannien<br />

nicht länger als der „Pudel“ Amerikas<br />

61<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Weltbühne<br />

Analyse<br />

bezeichnet werden. Im Gegenteil: Die<br />

Entscheidung in London hat Wirkung auf<br />

die amerikanische Weltpolitik. Gleichzeitig<br />

zeigt sich eine neue Übereinstimmung<br />

zwischen Europäern und Amerikanern.<br />

Weg vom Bild, das Robert Kagan vor<br />

zehn Jahren prägte, wonach Amerikaner<br />

vom Mars und Europäer von der Venus<br />

kommen. Soll heißen: Europa ist feminin,<br />

kommunikativ und strebt nach Konsens,<br />

während Amerika martialisch, maskulin<br />

und unkommunikativ ist. <strong>Der</strong> „neue Westen“<br />

ist mehr Venus als Mars.<br />

Zweitens wird dieser Westen seine<br />

roten Linien enger um seine eigentlichen<br />

vitalen Interessen ziehen als bisher.<br />

Rote Linien sind nur so lange glaubwürdig,<br />

wenn auf ihre Verletzung eine<br />

andere Qualität der Reaktion erfolgt als<br />

die üblichen Instrumente der Diplomatie<br />

und wirtschaftlicher Sanktionen. Eng<br />

gezogene Linien werden allerdings die<br />

breiteren internationalen Sicherheitsinteressen<br />

und Ordnungsvorstellungen des<br />

Westens nicht abdecken. Sie werden die<br />

moralische Integrität westlicher Politik<br />

beschädigen, sofern die neuen roten Linien<br />

nicht mit einer Stärkung kollektiver<br />

Sicherheit und der Bereitschaft wie der<br />

Fähigkeit einhergehen, humanitäre Hilfe<br />

schnell und umfassend bereitzustellen.<br />

Drittens wird der „neue Westen“ die<br />

Rolle militärischer Macht insgesamt neu<br />

definieren. Sie wird nicht mehr Katalysator<br />

des Wandels sein, sondern wieder<br />

zum letzten Mittel der Politik werden.<br />

Vielen Europäern käme eine solche<br />

Neubestimmung entgegen.<br />

Auch den Diktatoren und zahlreichen<br />

Autokratien dieser Welt käme eine<br />

solche Veränderung gelegen, immerhin<br />

hat die amerikanische Bereitschaft, militärische<br />

Gewalt einzusetzen, Einfluss<br />

auf ihre Entscheidungen. Sie mag in manchen<br />

Fällen konfliktverschärfend wirken.<br />

Doch ihr Abschreckungswert ist nicht zu<br />

unterschätzen.<br />

<strong>Der</strong> neue WesTEN wäre indes interventionsscheu<br />

und in seinen Reaktionen stärker<br />

gebunden an die öffentliche Meinung<br />

im eigenen Land. Dies wird auch die präventive<br />

Handlungsfähigkeit von Europäern<br />

und Amerikanern betreffen. In der<br />

Früh erkennung und Vorbeugung internationaler<br />

Krisen und Konflikte sind westliche<br />

Demokratien ohnehin schwach.<br />

<strong>Der</strong> neue Westen<br />

wird seine roten<br />

Linien enger<br />

um seine<br />

eigentlichen<br />

vitalen Interessen<br />

ziehen als bisher<br />

Präventive Diplomatie klingt gut,<br />

ist aber unpopulär. Parlamente sind nur<br />

schwer dazu zu bewegen, zur Verhinderung<br />

von Konflikten viel aufzuwenden.<br />

Sie bewilligen eher mehr Mittel nach deren<br />

Ausbruch als zu ihrer Vorbeugung.<br />

Militärische Macht wäre eindeutig stärker<br />

auf die Verteidigung ausgerichtet.<br />

In Krisen würde dieser Westen versuchen,<br />

die Auswirkungen von Konflikten<br />

zu begrenzen. Er würde auf Verhandlungen<br />

und guten Willen setzen. Welche Mittel<br />

könnten diplomatische Krisenpolitik<br />

noch flankieren? Im Wesentlichen wirtschaftliche<br />

Anreize und die kulturelle Anziehungskraft<br />

des eigenen Modells.<br />

Schließlich müsste auf dem neuen<br />

Konsens des Westens der Druck zur Reform<br />

der internationalen Organisationen,<br />

vor allem der Vereinten Nationen,<br />

wachsen. Wenn „obszönen“ Handlungen,<br />

wie John Kerry den Giftgaseinsatz in Syrien<br />

genannt hat, durch nichtmilitärische<br />

Schritte begegnet werden soll, dann wird<br />

die strukturelle Blockade des Sicherheitsrats<br />

durch die Vetomächte unerträglich.<br />

Die Forderung des neuen Westens an<br />

Russland und China, die normativen<br />

Grundlagen der UN zu schützen, müsste<br />

in den Mittelpunkt westlicher Außenpolitik<br />

rücken. Sie müsste einhergehen mit<br />

neuen Angeboten zur Reform internationaler<br />

Organisationen, die den heutigen<br />

Kräfteverhältnissen besser entsprechen.<br />

Rüstungskontrolle und die Ächtung<br />

von Systemen müssten größeres Gewicht<br />

erhalten. Die bestehenden Sanktionsinstrumente<br />

müssten gestärkt werden, um<br />

den Sicherheitsrat in die Lage zu versetzen,<br />

die Einhaltung von Sanktionen<br />

durch alle Mitgliedstaaten zu erzwingen.<br />

<strong>Der</strong> Kampf gegen internationalen<br />

Terrorismus müsste ebenso in den Bereich<br />

der UN fallen. Die Möglichkeiten<br />

müssten gestärkt werden, einzugreifen,<br />

wenn UN-Mitglieder Terrorgruppen offen<br />

oder verdeckt unterstützen. In der<br />

Konfliktnachsorge könnte die Regierungsgewalt<br />

in Kriegsstaaten generell<br />

unter UN-Aufsicht gestellt werden.<br />

Dieser Ausblick auf einen „neuen<br />

Westen“ mag für viele attraktiv klingen.<br />

Eine solche Welt ist aber nicht zum Nulltarif<br />

zu erreichen. Ob damit mehr an Sicherheit<br />

oder Stabilität gewonnen würde,<br />

ist zu bezweifeln. Ebenso fraglich ist, ob<br />

die Staaten des Westens die nötigen politischen<br />

und finanziellen Anstrengungen<br />

aufbringen würden, um aus der Kriegsmüdigkeit<br />

ihrer Gesellschaften eine<br />

wirkliche Handlungsstrategie zu entwickeln.<br />

Und nicht nur eine Ausflucht zu suchen,<br />

um sich im Amt zu halten, den Parlamenten<br />

Bedeutung vorzugaukeln und<br />

die Öffentlichkeit ruhig zu stellen.<br />

Die WiRREN des Arabischen Frühlings,<br />

die Datensammelwut der NSA und der<br />

Unwillen der Bürger schwächen die<br />

Macht der Exekutive im Westen. Große<br />

außenpolitische Entscheidungen werden<br />

nicht mehr vorgegeben, sondern sind Ergebnis<br />

einer breiten Debatte. Vielfach<br />

wird dies dazu führen, sich nicht in die<br />

Konflikte anderer einzumischen. Dies<br />

aber wird wahrscheinlich zu neuen Krisen<br />

und Konflikten in einer immer enger<br />

verbundenen Welt wechselseitiger<br />

Abhängigkeiten führen. Um den pluralen<br />

Demokratien innewohnenden Impuls<br />

der Zurückhaltung auszugleichen, werden<br />

die Führer der westlichen Welt mehr<br />

Vertrauenskapital, wirtschaftliche Ressourcen<br />

und nicht zuletzt Persönlichkeit<br />

und Engagement benötigen.<br />

Für die Menschen in Syrien sind<br />

dies ambivalente Botschaften. Das Blutvergießen<br />

im Land geht weiter. Niemand<br />

von außen will ihren Krieg führen. Aber<br />

es steht auch keine westliche Armee von<br />

Helfern an den Grenzen des Landes, die<br />

angetreten ist, jedem der bald zwei Millionen<br />

Flüchtlinge Unterkunft, Nahrung,<br />

ärztliche Hilfe und Bildung zu bringen.<br />

Josef Janning ist Mercator<br />

Fellow des Alfred-von-Oppenheim-<br />

Zentrums bei der Deutschen<br />

Gesellschaft für Auswärtige Politik<br />

62<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


SCHLAGANFALL<br />

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Weltbühne<br />

Fotoessay<br />

Die<br />

Hinterbliebenen<br />

Fotos Rina Castelnuovo<br />

Es sind Palästinenser, und es sind Israelis. Sie haben<br />

ihre Brüder, Schwestern, Kinder verloren – bei<br />

Selbstmordanschlägen, Zusammenstößen und während des<br />

Militärdiensts. Heute ist die Aussöhnung mit dem Feind<br />

zu ihrem Lebensinhalt geworden. Im Namen ihrer Toten<br />

64<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


65<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Weltbühne<br />

Fotoessay<br />

„Nach Nassers Tod wurde mein Vater<br />

krank und starb, meine Mutter trug<br />

nur noch Schwarz, und ich wurde<br />

zu einem zornigen Mann, der Rache<br />

wollte und alle Israelis hasste“<br />

Jamil Al Qassas verlor seinen 14-jährigen Bruder Nasser<br />

Fotos: Rina Castelnuovo/Contact for the New York Times (Seiten 64 bis 72)<br />

66<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


67<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Weltbühne<br />

Fotoessay<br />

68<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


69<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Weltbühne<br />

Fotoessay<br />

70<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


„David wurde von einem<br />

Scharfschützen getötet, als er seinen<br />

Dienst in der Westbank versah. Er<br />

war Mitglied bei ,Peace Now‘ und<br />

machte seinen Master in Philosophie“<br />

Robi Damelin verlor ihren 27-jährigen Sohn<br />

71<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Weltbühne<br />

Fotoessay<br />

Bildlegende<br />

Seite 64 / 65<br />

Seite 67<br />

Seite 70<br />

Die Israelin Robi Damelin,<br />

links, verlor den Sohn<br />

David, 27. Während des<br />

Militärdiensts erschoss<br />

ihn ein Scharfschütze.<br />

Die Palästinenserin<br />

Bushra Awad verlor<br />

ihren Sohn Mahmoud,<br />

17. Israelische Soldaten<br />

erschossen ihn während<br />

eines Zusammenstoßes<br />

mit Steinewerfern<br />

Seite 72<br />

Palästinensische<br />

und israelische Frauen<br />

nehmen an einem<br />

Versöhnungsworkshop<br />

für Hinterbliebene teil.<br />

Das Treffen wurde von<br />

„Parents Circle – Families<br />

Forum“ organisiert<br />

Die Israelin Batia<br />

Avisar, links, verlor<br />

ihren Sohn Uri, 21.<br />

Er wurde während<br />

seines Militärdiensts<br />

erschossen. Ihr<br />

gegenüber sitzt eine<br />

Palästinenserin,<br />

deren Brüder von<br />

israelischen Soldaten<br />

erschossen wurden<br />

Seite 66<br />

<strong>Der</strong> Palästinenser<br />

Jamil al Qassas, links,<br />

verlor seinen Bruder<br />

Nasser; er war 14 und<br />

wurde im Flüchtlingslager<br />

Deheishe in der<br />

Westbank getötet.<br />

<strong>Der</strong> Israeli Boaz Kitain<br />

verlor seinen Sohn Tom,<br />

20. Er starb während<br />

seines Militärdiensts<br />

<strong>Der</strong> Palästinenser<br />

Bassam Aramin, links,<br />

früher Fatah-Kämpfer,<br />

verlor seine Tochter<br />

Abir, 10. Ein israelischer<br />

Grenzpolizist tötete<br />

sie. <strong>Der</strong> Israeli Rami<br />

Elhanan, früher Offizier,<br />

verlor seine Tochter<br />

Smadar, 14, durch<br />

ein palästinensisches<br />

Attentat<br />

Seite 68 / 69<br />

<strong>Der</strong> Palästinenser Nablil<br />

Swity, links, verlor seine<br />

Schwester Siham, 37,<br />

als israelische Soldaten<br />

und Steinewerfer<br />

aufeinandertrafen. <strong>Der</strong><br />

Israeli Yizhak Frankenthal<br />

verlor den Sohn. Arik,<br />

19, wurde während des<br />

Militärdiensts getötet<br />

Seite 71<br />

<strong>Der</strong> Palästinenser<br />

Hamouda al Farah<br />

und seine Frau Awatef –<br />

sie hält ihren Enkel<br />

Muhamad – haben<br />

seit 1967 zahlreiche<br />

Familienmitglieder<br />

verloren. <strong>Der</strong> Israeli<br />

Buma Inbar verlor<br />

seinen Sohn Yotam, 20<br />

Fotos: Rina Castelnuovo/Contact-Agentur Focus for the New York Times (Seiten 64 bis 72)<br />

72<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Elegant durch das Jahr 2014<br />

<strong>Cicero</strong><br />

Kalender<br />

<strong>Der</strong> <strong>Cicero</strong>-Kalender<br />

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des Widerrufs. <strong>Cicero</strong> ist eine Publikation der Ringier Publishing GmbH, Friedrichstraße 140, 10117 Berlin, Geschäftsführer Michael<br />

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Ich bin einverstanden, dass <strong>Cicero</strong> und die Ringier Publishing GmbH mich per Telefon oder E-Mail über interessante Angebote des<br />

Verlags informieren. Vorstehende Einwilligung kann durch das Senden einer E-Mail an abo@cicero.de oder postalisch an den <strong>Cicero</strong>-<br />

Leserservice, 20080 Hamburg, jederzeit widerrufen werden.<br />

Datum<br />

Unterschrift


Weltbühne<br />

Meinung<br />

Das Argument, wonach die<br />

Siedlungen in Judäa und<br />

Samaria illegal seien, basiert<br />

auf dem 49. Artikel der<br />

Vierten Genfer Konvention,<br />

die nach dem Zweiten Weltkrieg und der<br />

Nazibesetzung europäischer Staaten<br />

1949 in Kraft getreten ist. Danach ist die<br />

gewaltsame Transferierung einer Zivilbevölkerung<br />

in andere Staaten verboten.<br />

Eine solche fand aber in der Westbank<br />

nie statt. Auch hat Israel keine Gebiete<br />

eines anerkannten, souveränen<br />

Staates besetzt. Jordanien, von dem Israel<br />

diese Gebiete im Sechstagekrieg<br />

(der von den arabischen Staaten provoziert<br />

wurde) übernahm, konnte dort nie<br />

seine Souveränität geltend machen, weil<br />

Jordaniens Besetzung dieser Gebiete ungesetzlich<br />

war und von keinem Staat der<br />

Welt außer von England und Pakistan anerkannt<br />

wurde.<br />

Vor allem aber muss in aller Deutlichkeit<br />

daran erinnert werden, dass<br />

der Völkerbund – dessen Entscheidungen<br />

von der Uno übernommen wurden<br />

(Artikel 80 der Uno-Charta) 1920 in San<br />

Remo klar festgelegt hatte, dass Juden<br />

sich in allen Gebieten Palästinas ansiedeln<br />

können.<br />

Es handelt sich also bei diesen Gebieten<br />

nicht um „occupied territories“,<br />

und der Bau von Siedlungen dort widerspricht<br />

nicht dem internationalen Recht.<br />

<strong>Der</strong> mit vielen bedrückenden Assoziationen<br />

verbundene Ausdruck „occupation“<br />

oder „Besetzung“, wonach die Westbank<br />

„gestohlenes“ Land ist, muss demnach<br />

bei politischen Diskussionen gestrichen<br />

werden.<br />

Das heißt natürlich nicht, dass bei<br />

einer Friedenseinigung im Nahen Osten<br />

das Land nicht wieder geteilt wird. Doch<br />

die moralische und rechtliche Grundlage<br />

für die Friedensverhandlungen müssen<br />

klar definiert werden: Es handelt sich sicher<br />

nicht um illegal besetzte, sondern<br />

um umstrittene Gebiete, auf welche zwei<br />

Völker Anspruch erheben und deren Zukunft<br />

im Rahmen eines Friedensvertrages<br />

festgelegt werden muss.<br />

Dennoch hält sich die Annahme:<br />

„Jerusalem ist eine arabische Stadt, und<br />

Juden dürfen dort nicht bauen.“ Dies ist<br />

eine völlig unhaltbare Feststellung. Seit<br />

Jahrtausenden (siehe 1. Könige 8,48) beten<br />

Juden in aller Welt auf Jerusalem<br />

Pro<br />

Israels<br />

Siedlungsbau<br />

Wann immer es um<br />

den Friedensprozess im<br />

Nahen Osten geht,<br />

wird für dessen Stillstand<br />

der israelische Siedlungsbau<br />

verantwortlich gemacht.<br />

Höchste Zeit, einige<br />

zentrale <strong>Punk</strong>te sachlich<br />

zu klären<br />

Von Arthur Cohn<br />

ausgerichtet – nicht zuletzt für das Wohl<br />

ihrer Heiligen Stadt und in der Hoffnung,<br />

bald wieder in diese „Stadt des Friedens“<br />

(uru-salem) zurückkehren zu können.<br />

In den 2000 Jahren seit der römischen<br />

Herrschaft haben Juden fast ununterbrochen<br />

in der Heiligen Stadt gewohnt,<br />

und seit 150 Jahren bilden sie wieder die<br />

Mehrheit in Jerusalem.<br />

Den Arabern hingegen war Jerusalem<br />

bis 1967 kein bedeutendes Zentrum.<br />

Die Stadt wird im Koran kein einziges<br />

Mal erwähnt, und während der<br />

unrechtmäßigen jordanischen Herrschaft<br />

von 1948 bis 1967 über sie hat<br />

außer – naturgemäß – dem jordanischen<br />

König Abdallah kein einziger arabischer<br />

Repräsentant sie besucht. Erst 1967, als –<br />

nach einem erneuten Angriff der arabischen<br />

Staaten – Israel die Verwaltung<br />

der Stadt übernahm, wurde das Interesse<br />

der Araber an Jerusalem plötzlich<br />

enorm groß. Aber auch danach war immer<br />

klar, dass Jerusalem für die Araber<br />

keine aufrichtige Bedeutung hat: Als<br />

der ägyptische Präsident Anwar al Sadat<br />

bei seinem historischen Besuch in Israel<br />

1977 nach Jerusalem kam und auf<br />

dem Tempelberg betete, wandte er sich …<br />

nach Mekka.<br />

Juden war der Zugang zur Klagemauer<br />

bis 1967 strikt untersagt. Ganz<br />

im Gegensatz dazu überließ der Staat<br />

Israel danach die Verwaltung des Tempelbergs<br />

und seiner Moscheen der arabischen<br />

Seite, um die Basis für eine<br />

friedliche Atmosphäre in Jerusalem zu<br />

schaffen. Dieser religionsfreundliche Akt<br />

wurde allerdings nicht belohnt: Bis heute<br />

ist es Juden strikt verboten, auf dem Tempelberg<br />

zu beten.<br />

All diesen Tatsachen zum Trotz soll<br />

es Juden in weiten Teilen Jerusalems verboten<br />

sein, dort ihr Heim aufzubauen –<br />

welche Ironie! Weil die Araber 1948 die<br />

Juden gewaltsam aus Jerusalem vertrieben<br />

haben, soll diesen nun die Rückkehr<br />

in die Stadt ihrer Träume strikt verboten<br />

sein? Eigenartig!<br />

Was aber ist von der Aussage zu<br />

halten „<strong>Der</strong> Siedlungsbau verhindert<br />

die Fortsetzung der Friedensgespräche“?<br />

Die absolute Gegnerschaft gegen<br />

Israels Existenz hat den jüdischen Staat<br />

seit seiner Gründung 1948 begleitet. Die<br />

PLO (Palestinian Liberation Organization),<br />

der Vorläufer der Arafat-Abu-Mazen-Autonomie,<br />

wurde 1964 gegründet,<br />

also zu einer Zeit, als es noch keine „besetzten“<br />

Gebiete gab. Es sei denn, man<br />

erachtet ganz Israel, also auch Tel Aviv,<br />

Haifa und Beerscheba, als ungesetzlich<br />

besetztes Gebiet! Aber am wichtigsten<br />

ist: In den Oslo-Abkommen, auf die sich<br />

die palästinensisch-israelischen Friedensbemühungen<br />

stützen, ist keine Rede von<br />

einem Siedlungsstopp als Bedingung für<br />

Friedensverhandlungen. Es ist dort ausdrücklich<br />

festgehalten, dass die Siedlungsfragen<br />

erst in der letzten Phase der<br />

Friedensverhandlungen diskutiert werden<br />

sollen.<br />

74<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Anzeige<br />

Wie aber kam es überhaupt zum Ausbau<br />

der Siedlungen? Gleich nach dem<br />

Sechstagekrieg von 1967, in dem Israel<br />

den Angriff der arabischen Staaten erfolgreich<br />

zurückweisen konnte, wurden<br />

die Altstadt Jerusalems und die Westbank<br />

von der illegalen Besetzung Jordaniens<br />

befreit, und Israel hoffte auf<br />

Friedensverhandlungen. Aber in Khartum<br />

beschlossen acht arabische Staaten<br />

einheitlich ein dreimaliges Nein: keine<br />

Friedensverhandlungen, keine Anerkennung<br />

Israels, kein Frieden mit Israel. Damals<br />

begannen die Israelis aus historischen<br />

und sicherheitsbedingten Gründen,<br />

in erster Linie jene Gebiete zu besiedeln,<br />

die unmittelbarer Teil der jüdischen Geschichte<br />

waren, wie etwa die Gegend um<br />

Jerusalem und Hebron. Diese Bautätigkeit<br />

in Israels Urland hat sich dann wegen<br />

des Widerstands der Araber, mit Israel<br />

zu verhandeln, ausgeweitet. Allerdings<br />

wurde immer klar bestimmt, dass kein<br />

privates Land besiedelt werden darf, und<br />

bis heute leisten Israels Gerichte Arabern<br />

Beistand, die privates Eigentum nachweisen<br />

können.<br />

Dabei war immer klar, dass im Rahmen<br />

von wirklichen Friedensverhandlungen<br />

gewisse Siedlungen geräumt würden.<br />

So geschah es für den Friedensvertrag<br />

mit Ägypten, als Israel den Sinai aufgab.<br />

Später zog sich Israel von 25 (!) blühenden<br />

Siedlungen im Gazastreifen zurück,<br />

wodurch 10 000 Menschen ihr Heim verloren,<br />

um einen Friedensprozess zu fördern.<br />

Auch dies wurde nicht belohnt:<br />

Statt dort palästinensische Flüchtlinge<br />

anzusiedeln, wurden diese Siedlungen<br />

Terrorbasen, von welchen aus Städte<br />

im Süden Israels und deren Zivilbevölkerung<br />

ständig bombardiert werden.<br />

Keine vertrauenserweckende Entwicklung<br />

für zukünftige Verhandlungen über<br />

die Siedlungen!<br />

Vor drei Jahren hat Ministerpräsident<br />

Benjamin Netanjahu auf Drängen<br />

der USA einen zehnmonatigen Siedlungsstopp<br />

angeordnet, um die Friedensverhandlungen<br />

zu fördern – auch<br />

dies ohne Erfolg, ja nicht einmal mit einer<br />

würdigenden, positiven Resonanz.<br />

Wie also kann die Siedlungsfrage<br />

im Rahmen eines Friedensvertrags gelöst<br />

werden? Durch aufrichtigen Willen<br />

von allen Seiten, im Nahen Osten<br />

friedlich zusammenzuleben. Dazu ist es<br />

nötig, den jeweils anderen zu akzeptieren,<br />

seine Rechte anzuerkennen und an<br />

einen Modus vivendi zu glauben.<br />

Israel hat in dieser Beziehung viel<br />

getan. Es anerkennt Rechte der palästinensischen<br />

Araber und ihr Anliegen für<br />

einen eigenen Staat, es verbietet (auch<br />

durch seine Gerichte) Angriffe auf dessen<br />

Bevölkerung. Auch hat Israel bewiesen,<br />

dass innerhalb des jüdischen Staates<br />

eine große arabische Minderheit (weit<br />

über eine Million Menschen) mit vollen<br />

Zivilrechten frei leben kann.<br />

Die palästinensischen Araber müssen<br />

diesbezüglich noch manches unternehmen.<br />

Vorerst sprechen sie auch in<br />

offiziellen Dokumenten den Juden jegliche<br />

historischen Rechte auf Israel und<br />

das Heilige Land ab, lehnen die Formel<br />

„zwei Staaten für zwei Völker“ ab und<br />

sind nicht bereit, Israel als jüdischen<br />

Staat anzuerkennen. Stattdessen nutzen<br />

sie ihre offiziellen Medien, um gegen Israel<br />

und das Judentum aufzuhetzen und<br />

die schlimmsten Terroristen zu preisen.<br />

Und was die Siedlungen betrifft, erklären<br />

sie immer wieder, dass die Westbank<br />

völlig „judenrein“ sein muss!<br />

Trotz aller inneren Schwierigkeiten<br />

müssen die palästinensischen Araber<br />

endlich ihre Grundeinstellung zu Israel<br />

und den Juden ändern – dann ist auch<br />

die Siedlungsfrage sicher zu lösen, sei es<br />

durch Auflösung von Siedlungen in dicht<br />

von palästinensischen Arabern bewohnten<br />

Gebieten, sei es durch Austausch von<br />

Gebieten oder sei es durch das friedliche<br />

Zusammenleben auch in einem palästinensischen<br />

Staat, wie es seit 65 Jahren<br />

in Israel der Fall ist. Im Weiteren wäre<br />

es wohl auch eine natürliche Lösung,<br />

die Westbank mit Jordanien zu verbinden.<br />

Schließlich herrscht Jordanien über<br />

77 Prozent des klassischen Mandats Palästina,<br />

und die Mehrheit seiner Bürger<br />

sind palästinensische Araber.<br />

Mit einem aufrichtigen Willen von<br />

allen Seiten können sicher Wege zu einem<br />

wahren friedvollen Zusammenleben<br />

im Heiligen Land gefunden werden.<br />

Wie schon Secharja (8,19) schrieb:<br />

„Liebet Wahrheit und Frieden.“<br />

Arthur Cohn ist sechsfacher<br />

Oscar-Preisträger. Er lebt in Basel und<br />

Los Angeles<br />

75<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013<br />

Foto: David Ausserhofer<br />

ISBN 978-3-89684-151-3<br />

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Weltbühne<br />

Meinung<br />

Elon Moreh liegt auf einem Hügel<br />

im nördlichen Teil der Westbank.<br />

Die Straßen sind gepflegt,<br />

die Vorgärten grün, die Dächer<br />

mit roten Ziegeln gedeckt. Elon<br />

Moreh sieht aus wie alle anderen jüdischen<br />

Siedlungen: auf Höhen gebaut, Präsenz<br />

ausstrahlend, sofort unterscheidbar<br />

von den palästinensischen Dörfern. Genau<br />

so haben es sich die Gründer der<br />

Siedlung, eine Gruppe messianischer Aktivisten,<br />

Mitte der siebziger Jahre auch<br />

vorgestellt. Mit Bedacht wählten sie sich<br />

als Bauplatz die Gegend nahe der palästinensischen<br />

Stadt Nablus, dem biblischen<br />

Schechem. Sie wollten zeigen, dass<br />

hier Geschichte reklamiert wird, um eine<br />

neue Zukunft zu bauen, die das palästinensische<br />

Leben verändert. Kein arabischer<br />

Staat soll mehr Platz zwischen Jordan<br />

und Mittelmeer haben.<br />

Genau deshalb wollte der damalige<br />

Premier Jitzchak Rabin verhindern, dass<br />

die Siedlung hier entsteht. Mehrfach besetzte<br />

die Siedlergruppe ein Stück Land;<br />

mehrfach wurde sie von der israelischen<br />

Armee vertrieben. Da die „Erstbesetzung“<br />

auf privatem Land stattfand, verbot<br />

auch das israelische Oberste Gericht<br />

den Bau einer Ortschaft.<br />

1980 jedoch, unter der Regierung<br />

des Likud-Politikers Menachem Begin,<br />

wurde das Plazet zum Bau der Siedlung<br />

Elon Moreh etwas nordöstlich der<br />

ursprünglich auserkorenen Stelle gegeben.<br />

Die Armee vertrieb keine Siedler<br />

mehr, sie schützte sie nun. Für die<br />

rechtlichen Fragen fand sich eine Antwort.<br />

Wie schon die jordanische Regierung,<br />

die die Westbank zwischen 1948<br />

und 1967 besetzt hatte, berief sich auch<br />

Israel auf osmanisches Recht. Land, zu<br />

dem keine Titel vorlagen und das als „ungenutzt“<br />

galt – ein dehnbarer Begriff,<br />

wenn man bedenkt, dass manche Felder<br />

oft aus landwirtschaftlichen oder ökonomischen<br />

Gründen brachliegen –, galt als<br />

„Sultansland“ oder, in der israelischen Interpretation,<br />

als „Staatsland“, nun unter<br />

Verwaltung Israels.<br />

Das Muster der Gründung von Elon<br />

Moreh wiederholte sich seither viele<br />

Male: Eine Gruppe wild Entschlossener<br />

besetzt ein Stück Land, wird von der<br />

Armee vertrieben, kommt immer wieder<br />

zurück. In Jerusalem beginnt eine<br />

inzwischen hervorragend organisierte<br />

conTra<br />

Israels<br />

Siedlungsbau<br />

Die Siedlungen<br />

außerhalb des<br />

Kernlands<br />

haben Israel nur<br />

geschadet. Sie sind<br />

nicht nur unnütz<br />

und teuer, sondern<br />

ein beträchtliches<br />

Hindernis für den<br />

Frieden. Diese<br />

Mechanismen sind<br />

eigentlich leicht zu<br />

verstehen<br />

Von Judith Hart<br />

Lobbyarbeit bei der Regierung. Irgendwann<br />

ist es geschafft: Die Wohnwagen<br />

werden abtransportiert, Häuser gebaut,<br />

„Sultansland“ und – wie eine Studie der<br />

israelischen Friedensbewegung „Peace<br />

Now“ zeigt – durchaus auch Privatland<br />

werden konfisziert. Auf Elon Moreh<br />

folgte Itamar südlich von Nablus, folgte<br />

schließlich Beit El nahe Ramallah in direkter<br />

Nähe zu den palästinensischen<br />

Ballungszentren.<br />

Was sich in Elon Moreh zeigt, erwies<br />

sich als das politisch dümmste, finanziell<br />

kostspieligste und nutzloseste Unterfangen,<br />

das sich Israel in den über sechs<br />

Jahrzehnten seiner Existenz geleistet<br />

hat. <strong>Der</strong> Siedlungsbau ist nicht das einzige<br />

Hindernis für den Frieden – aber es<br />

trägt doch erheblich dazu bei, dass die<br />

Gewalt kein Ende findet.<br />

Charakteristisch für die Debatte<br />

über die Siedlungen ist, dass sie sich fast<br />

ausschließlich an der Frage ihrer Völkerrechtswidrigkeit<br />

festmacht. Beginnen wir<br />

also hier. Grundlage ist ein durch die<br />

Vierte Genfer Konvention verbotener<br />

gewaltsamer Transfer eigener Bevölkerung<br />

in besetztes Land. Israel hingegen<br />

erachtet das Land in der Tat nicht als besetzt,<br />

sondern als „umstritten“, da es vor<br />

1967 keine anerkannte souveräne Herrschaft<br />

in diesen Gebieten gegeben habe.<br />

Wichtiger aber als die Genfer Konvention<br />

oder gar die vom Völkerbund<br />

in San Remo 1920 festgelegte Entscheidung,<br />

dass Juden in allen Gebieten Palästinas<br />

siedeln dürften, ist der Uno-Teilungsplan<br />

von 1947. Schließlich legt<br />

dieser fest, dass im ehemaligen Mandatsgebiet<br />

Palästina ein jüdischer und<br />

ein arabischer Staat entstehen sollten.<br />

Den jüdischen Staat haben die Vereinten<br />

Nationen ausdrücklich als solchen<br />

anerkannt. Er besitzt, anders als viele<br />

andere nach 1945 neu gegründete Staaten,<br />

ein völkerrechtlich einwandfreies<br />

Gütesiegel. Die Gründung eines arabischen,<br />

also palästinensischen Staates, ist<br />

die Auflage des Teilungsplans, die noch<br />

nicht erfüllt worden ist. Auch, weil die<br />

arabische Seite eine Teilung Palästinas<br />

bis 1988 ablehnte.<br />

Nicht weniger entscheidend als die<br />

völkerrechtlichen Fragen ist: Nicht die<br />

Siedlungen, sondern die ideologischen<br />

Siedler sind ein wesentliches Hindernis<br />

für den Frieden – und damit auch eine<br />

Gefahr für den jüdischen Staat.<br />

Weit über 500 000 Israelis leben außerhalb<br />

der Grenze von 1967 – etwa<br />

200 000 in den von Israel einseitig erweiterten<br />

Stadtgrenzen von Jerusalem, über<br />

300 000 in 102 „autorisierten“ Siedlungen<br />

und etwa 100 sogar von der israelischen<br />

Regierung als illegal bezeichneten<br />

„Außenposten“. <strong>Der</strong> Großteil der Siedler<br />

konzentriert sich auf einige wenige, inzwischen<br />

zu Kleinstädten herangewachsenen<br />

Ortschaften wie Ariel nordöstlich<br />

von Tel Aviv oder Siedlungsblöcke wie<br />

den sogenannten Gusch-Etzion-Block<br />

südlich von Jerusalem. Sowohl Ariel<br />

76<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


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als auch der Gusch-Etzion-Block sollen<br />

laut der Genfer Initiative, einem Grundsatzpapier,<br />

auf das sich palästinensische<br />

und israelische Politiker 2003 einigten,<br />

Israel überlassen werden. Die Palästinenser<br />

würden dafür mit einem fairen Landaustausch<br />

entschädigt. Ein Großteil der<br />

Siedler befände sich dadurch nicht mehr<br />

auf dem Boden eines künftigen Staates<br />

Palästina. Ein weiterer, nicht geringer,<br />

Teil der Siedler ist nicht aus ideologischen<br />

Gründen in die Westbank gezogen, sondern<br />

wegen der billigen, weil vom israelischen<br />

Staat direkt und indirekt subventionierten<br />

Immobilienpreise. Sobald sie<br />

Ersatz bekämen, wären sie bereit, in das<br />

Kernland Israel zurückzuziehen.<br />

Wenigstens 5 Prozent der Siedler jedoch,<br />

so schätzen israelische Sicherheitsdienste,<br />

sind zum harten ideologischen<br />

Kern zu zählen. Sie waren in der Lage, einen<br />

gehörigen Aufruhr gegen das Osloer<br />

Abkommen von 1992/93 zu entfachen.<br />

Dass die Hamas ebenfalls den Friedensprozess<br />

unterminierte und zahlreiche<br />

Israelis nach Abschluss der Abkommen<br />

durch Terrorattentate tötete, erhöhte das<br />

Vertrauen der Israelis in den Friedensprozess<br />

auch nicht gerade. Aus den Reihen<br />

der ideologischen Unterstützer der<br />

radikalen Siedler stammte der Mörder<br />

des israelischen Regierungschefs Jitzchak<br />

Rabin.<br />

Dem Rückzug aus dem Gazastreifen<br />

2005 und der Räumung der dortigen<br />

Siedlungen mögen sich die Siedler<br />

gebeugt haben. Aber Gaza hat – im Gegensatz<br />

zu „Judäa und Samaria“ – auch<br />

keine historische oder heilsgeschichtliche<br />

Bedeutung für sie. Sie sind der Überzeugung,<br />

in einem höheren geschichtlichen<br />

Auftrag zu handeln, und sie werden mit<br />

allen Mitteln versuchen zu verhindern,<br />

dass Land aufgegeben wird, das sie als<br />

„Wiege des Judentums“ betrachten. Sie<br />

lassen keinen Zweifel daran, dass sie eine<br />

Entscheidung der israelischen Regierung<br />

für einen umfassenden und abschließenden<br />

Friedensvertrag und damit die Räumung<br />

von Siedlungen wie Elon Moreh<br />

oder Kiryat Arba bekämpfen würden.<br />

Israel hat über Jahrzehnte eine<br />

Gruppe von Fanatikern alimentiert, die<br />

enormes Unheil anrichten kann. Mehrere<br />

israelische Menschenrechts- und Friedensorganisationen<br />

versuchen seit Jahren,<br />

eine Bilanz der Kosten für den Bau, die<br />

Bereitstellung von Infrastruktur, den militärischen<br />

Schutz und nicht zuletzt für<br />

die subventionierten Immobilien zu berechnen.<br />

Vergeblich. Festzustellen ist<br />

nur: Milliarden wurden ausgegeben für<br />

Siedlungen, von denen inzwischen klar<br />

ist: Die meisten wird Israel räumen müssen,<br />

der neue Wohnraum für die Bewohner<br />

wird Geld kosten.<br />

Die Siedlungsprojekte sind aber<br />

nicht nur eine gigantische Immobilien-Fehlinvestition.<br />

Sie haben großen politischen<br />

Schaden verursacht. <strong>Der</strong> fortgesetzte<br />

Bau von Siedlungen – selbst, wenn<br />

er „nur“ in den Gebieten stattfände, die<br />

eh ausgetauscht werden – wird mittlerweile<br />

international als sichtbares Zeichen<br />

für illegale Landnahme gedeutet<br />

und hat erheblich zu Israels Isolation<br />

beigetragen.<br />

Dabei hat sich die militärstrategische<br />

Lage für Israel nicht einmal verbessert.<br />

<strong>Der</strong> Schutz gerade der verstreut oder<br />

nahe an palästinensischen Städten liegenden<br />

Siedlungen bindet Kräfte – nicht<br />

zuletzt, weil in diesen Gegenden mehr<br />

Palästinenser als Israelis leben.<br />

Dabei ruhte der Zionismus immer<br />

auf der Annahme, dass Israel ein Staatsgebiet<br />

mit einer jüdischen Mehrheit umfassen<br />

müsste. In der Westbank leben<br />

1,9 Millionen Palästinenser, ihr Bevölkerungswachstum<br />

ist größer als das Israels.<br />

In Elon Moreh, dessen Gründer<br />

einst angetreten sind, den Palästinensern<br />

eine jüdische Präsenz vor die Nase<br />

zu setzen, leben etwa 1200 Menschen.<br />

Allein in Nablus und Umgebung leben<br />

circa 305 000 Palästinenser. Anders<br />

als die jüdische Bevölkerung Palästinas<br />

vor der Staatsgründung haben die Siedler<br />

nie eine nennenswerte funktionierende<br />

Wirtschaft in den Gebieten etablieren<br />

können. Die meisten Siedlungen<br />

sind Schlafstädte, deren Bewohner in den<br />

Großstädten des israelischen Kernlands<br />

arbeiten.<br />

Werden die Siedlungen nicht geräumt,<br />

sondern ausgebaut, wird das Projekt eines<br />

palästinensischen Staates hinfällig. Dann<br />

wird Israel eine hässliche Besatzung aufrechterhalten<br />

müssen – mit allen politischen,<br />

moralischen, finanziellen und militärischen<br />

Kosten.<br />

Judith Hart leitet das<br />

Ressort Weltbühne bei <strong>Cicero</strong><br />

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77<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Weltbühne<br />

Reportage<br />

Mut<br />

zum<br />

Glück<br />

Von<br />

Bernhard Bartsch<br />

Fotos<br />

JAN SIEFKE<br />

Chinas Eltern gründen Waldorfschulen. Sie wollen, dass ihre Kinder<br />

spielen statt exerzieren. Das ist nicht nur eine Abkehr vom chinesischen<br />

Bildungssystem, das auf Drill und Leistung setzt, sondern auch eine<br />

Rebellion gegen die Gesellschaft – und die Partei<br />

78<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Fotos: Jan Siefke für <strong>Cicero</strong><br />

79<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Weltbühne<br />

Reportage<br />

Oben: Die Bibliothek der<br />

Nanshan-Schule unterscheidet<br />

sich bereits architektonisch<br />

von den Gebäuden staatlicher<br />

chinesischer Schulen<br />

Unten: „Das offizielle<br />

Bildungssystem macht Kinder<br />

kaputt“, sagt Huang Mingyu.<br />

Deshalb gründete er Pekings<br />

erste Waldorfschule<br />

Acht Uhr morgens. Für andere<br />

chinesische Kinder beginnt der<br />

Schultag mit Flaggenappell und<br />

Nationalhymne. Lianlian fängt beim<br />

Kaninchenstall an. Mit geübten Griffen<br />

öffnet die Elfjährige das Türchen<br />

und setzt die beiden Mümmler liebevoll<br />

auf die Wiese. Ein paar Minuten spielt<br />

sie mit ihnen, dann fegt sie den Stallboden,<br />

legt ihn mit frischen Grasbüscheln<br />

aus, füllt die Wasserschale neu<br />

auf. Die Kaninchen hoppeln derweil<br />

bis zum Gartenzaun, wo Lianlians Mitschüler<br />

sie einfangen und wieder zum<br />

Stall bringen. Auf der Treppe des Hauses<br />

ist der Lehrer Huang erschienen und<br />

klatscht in die Hände. Erste Stunde:<br />

Tai-Chi-Unterricht.<br />

Die Nanshan-Schule in einem Dorf<br />

außerhalb Pekings ist eine der ersten<br />

chinesischen Waldorfschulen. Die flachen,<br />

im Bauernhausstil errichteten Gebäude<br />

sind umgeben von einem Garten,<br />

in dem es neben den Kaninchenställen<br />

auch Spielgeräte, Tischtennisplatten,<br />

Fußballtore, einen künstlichen Wasserfall<br />

und einen Pavillon gibt. Eine Obstplantage<br />

gehört ebenfalls zur Schule.<br />

80 Kinder lernen nach den Grundsätzen<br />

der Rudolf-Steiner-Pädagogik: ohne Noten<br />

oder Leistungsdruck, mit viel Zeit für<br />

Kunst und Musik und im ständigen Kontakt<br />

mit der Natur.<br />

Was in Deutschland und anderen<br />

westlichen Ländern seit fast 100 Jahren<br />

praktiziert wird, ist in China revolutionär,<br />

und das nicht nur im pädagogischen<br />

Sinne. Denn die Eltern, die die<br />

Nan shan-Schule seit vier Jahren in Eigeninitiative<br />

aufbauen, entziehen ihre<br />

Kinder nicht nur dem staatlichen Schulsystem<br />

mit seinem hohen Konkurrenzdruck.<br />

Sie wenden sich auch gegen die<br />

Grundsätze der modernen chinesischen<br />

Gesellschaft: Parteipropaganda, Nationalismus,<br />

gleichgeschaltete Presse –<br />

das wollen sie ihren Kindern ersparen.<br />

„Das offizielle Bildungssystem macht<br />

Kinder kaputt“, sagt der Schulgründer<br />

Huang Mingyu. „Wir wollen, dass unsere<br />

Kinder zu glücklichen, kreativen,<br />

selbstständig denkenden Menschen<br />

heranwachsen.“<br />

Zweite Stunde: Mathe. <strong>Der</strong> Raum<br />

der vierten Klasse ist grün gestrichen.<br />

An den Decken hängt ein Firmament<br />

leuchtender Kugellampen. An<br />

den Wänden hängen Kalligrafien, in<br />

der Ecke lehnen große Stöcke, Requisiten<br />

für das Klassentheater. Lianlian<br />

und ihre rund 20 Klassenkameraden<br />

berechnen Flächengrößen. Einige stehen<br />

mit Lehrer Huang an der Tafel und<br />

malen mit bunter Kreide geometrische<br />

Formen. Andere knien mit Maßbändern<br />

auf dem Boden und messen die Fliesen<br />

aus. Wer die Aufgaben zu einfach findet,<br />

schreibt sie noch einmal in Englisch<br />

in sein Heft – oder geht in den Garten<br />

spielen.<br />

In herkömmlichen chinesischen<br />

Schulen würde man über solch fröhliches<br />

Durcheinander nur den Kopf schütteln.<br />

Dort herrschen Disziplin und Frontalunterricht.<br />

Das chinesische Bildungssystem<br />

ist die wohl größte Auslesemaschine der<br />

Welt. Schon in der Grundschule werden<br />

gute Schüler an bessere Schulen befördert<br />

und schlechte degradiert. Sitzplätze<br />

in der Klasse werden oft nach Leistung<br />

zugeteilt und Prüfungsergebnisse am<br />

Schwarzen Brett veröffentlicht. Damit<br />

die Kinder im Konkurrenzkampf bestehen<br />

können, organisieren ihre Eltern<br />

Nachhilfestunden bis tief in die Nacht.<br />

Zielpunkt des chinesischen Schülerlebens<br />

ist die „Gaokao“, die dreitägige<br />

zentrale Hochschulaufnahmeprüfung<br />

am Ende der zwölften Klasse. Nur etwa<br />

10 Prozent der 20 Millionen Kinder eines<br />

Jahrgangs bekommen einen Studienplatz<br />

an einer guten Universität.<br />

<strong>Der</strong> Erfolg scheint dem System recht<br />

zu geben. Als Schanghais Schüler 2010<br />

erstmals am Pisa-Test teilnahmen, gingen<br />

sie als Gesamtsieger daraus hervor. Vor<br />

allem in Mathematik und Naturwissenschaften<br />

waren sie stark. Kurz nach den<br />

Pisa-Ergebnissen sorgte das Buch „Battle<br />

Hymn of the Tiger Mother“, auf Deutsch<br />

unter dem Titel „Die Mutter des Erfolgs“<br />

erschienen, für Furore. Darin schildert<br />

die chinesischstämmige US-Autorin Amy<br />

Chua die harten Methoden, mit denen<br />

sie ihre Töchter zur Verzweiflung, aber<br />

auch zum Erfolg trieb. <strong>Der</strong> als Memoiren<br />

getarnte Erziehungsratgeber spielt<br />

zwar nicht in der Volksrepublik, sondern<br />

im Umfeld der amerikanischen Eliteuniversität<br />

Yale. Doch Chua stellt sich<br />

ausdrücklich in die Tradition des chinesischen<br />

Bildungssystems und wirft westlichen<br />

Eltern vor, das Potenzial ihrer Kinder<br />

ungenutzt zu lassen.<br />

Fotos: Jan Siefke für <strong>Cicero</strong><br />

80<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Das Buch löste nicht zuletzt deshalb<br />

heftige Diskussionen aus, weil viele Rezensenten<br />

es vor dem Hintergrund westlicher<br />

Sorgen um die eigene wirtschaftliche<br />

Wettbewerbsfähigkeit lasen. Damit<br />

aber begeistert sich das Ausland just in<br />

dem Moment für Chinas Bildungssystem,<br />

da die Chinesen selbst große Zweifel bekommen.<br />

Kann ein Schulsystem, das auf<br />

standardisiertes Wissen setzt, die innovativen<br />

Köpfe hervorbringen, die eine<br />

moderne Wissensgesellschaft braucht?<br />

Vierte Stunde: Englisch. Kenny<br />

Prenksamar begrüßt jedes Kind mit<br />

Handschlag. „Good morning, Miss Lotus“,<br />

empfängt er Lianlian. Prenksamar<br />

kommt von den Philippinen, lebt<br />

seit zehn Jahren in China und hat früher<br />

an einer renommierten Pekinger<br />

Mittelschule unterrichtet. „Da ging es<br />

vor allem darum, Lehrbücher durchzuarbeiten“,<br />

erzählt er. „Frei sprechen<br />

und kommunizieren konnten die Kinder<br />

nicht.“ An der Nanshan-Schule geht es<br />

interaktiver zu. Prenksamar stellt einen<br />

Wandschirm auf, hinter dem sich<br />

die Kinder abwechselnd verstecken<br />

und den Rest der Klasse raten lassen,<br />

was sie dort tun. „Is he jumping?“ „No,<br />

he is not.“ „Is he kissing?“ Die Klasse<br />

johlt. Zwei Monate lang steht Englisch<br />

auf dem Lehrplan, dann wird es gegen<br />

Japanisch ausgetauscht. So soll verhindert<br />

werden, dass die Kinder einer Sprache<br />

überdrüssig werden.<br />

An der Nanshan-Schule lernen nicht<br />

nur die Kinder, sondern auch die Lehrer.<br />

„Wir sind noch im Aufbau, und viele<br />

von uns haben früher in anderen Berufen<br />

gearbeitet“, erzählt Schulleiter Huang<br />

Mingyu. „Diese Waldorfschule ist für<br />

uns alle ein großes Abenteuer.“<br />

Huang ist ein schmaler Mann mit<br />

leuchtenden Augen und der warmen<br />

Aura eines spirituellen Meisters. Bevor<br />

er Lehrer wurde, betrieb der 41-Jährige<br />

in Peking einen Verlag für Ratgeber und<br />

esoterische Schriften, ein großer Markt<br />

in einem Land, dessen turbokapitalistischer<br />

Veränderungsrausch viele Sinnfragen<br />

aufwirft. Zu seinen erfolgreichsten<br />

Titeln gehörten Erziehungshandbücher<br />

für junge Eltern. „So habe ich zum ersten<br />

Mal von Waldorfpädagogik erfahren“,<br />

sagt Huang. Er wünschte sich, dass seine<br />

Tochter Yitian einmal in so eine Schule<br />

gehen könne.<br />

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Als Yitian 2005 ins Kindergartenalter<br />

kam, gründete Huang mit Freunden<br />

eine Waldorfgruppe. Sie mieteten eine<br />

Wohnung, malten die Wände bunt an,<br />

kauften Holzspielzeug und engagierten<br />

eine Erzieherin, der sie Waldorfliteratur<br />

zu lesen gaben. Die Kinder waren glücklich,<br />

und die Eltern waren es auch. Doch<br />

dann kam Yitian in die Schule, und der<br />

Elan, mit dem sie früher in den Kindergarten<br />

gegangen war, verschwand. „Sie<br />

war eine gute Schülerin, aber sie hatte<br />

keine Freude am Unterricht“, berichtet<br />

Huang. „Die Vorstellung, dass es nun<br />

zwölf Jahre so gehen sollte, war für mich<br />

unerträglich.“ Nach einem halben Jahr<br />

beschloss Huang, Pekings erste Waldorfschule<br />

zu eröffnen.<br />

Gleichgesinnte fand er schnell, aber<br />

keine qualifizierten Lehrer. Deshalb entschied<br />

Huang, sein Verlagsgeschäft in die<br />

Hände seiner Frau zu geben und selbst zu<br />

unterrichten. Zur Unterstützung stellte er<br />

Lehrer für Musik, Kunst und Sprachen<br />

ein. Er nahm Kontakt mit Waldorfschulen<br />

in anderen Ländern auf und lud Pädagogen<br />

ein, die seinem Team das beibrachten,<br />

was sie nicht aus Büchern selbst<br />

lernen konnten.<br />

Huangs erste Klasse hatte elf Schüler.<br />

Zu Beginn des zweiten Jahres waren<br />

es bereits 20. Seitdem kommen jedes<br />

Jahr noch einmal so viele dazu, denn<br />

die Schule soll Klasse um Klasse nach<br />

oben wachsen. Finanziert wird der Unterricht<br />

über Schulgeld, Profit will Huang<br />

nicht machen. 35 000 Yuan, umgerechnet<br />

4300 Euro, bezahlen die Eltern für<br />

ein Jahr, eine Gebühr, die sich nur die<br />

Mittelschicht leisten kann. Internationale<br />

Schulen, die für chinesische Eltern normalerweise<br />

die einzige Alternative zum<br />

staatlichen Schulsystem sind, kosten ein<br />

Vielfaches.<br />

Von Anfang an rekrutierte Huang<br />

für den Unterricht auch mehrere Kinder<br />

aus armen Teilen Chinas, die kostenlos<br />

am Unterricht teilnehmen. Eines<br />

dieser Kinder ist Lianlian, die mit<br />

Huang und seiner Tochter zusammenlebt.<br />

Sie stammt aus der Provinz Guizhou<br />

und gehört der Dong-Minorität an,<br />

zu deren Bräuchen es gehört, dass schon<br />

Kinder sich einen Baum aussuchen, aus<br />

dem einmal ihr Sarg gezimmert werden<br />

soll. Ihre Anwesenheit an der Nanshan-Schule<br />

sei keine Wohltätigkeit,<br />

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in cooperation with


Fotos: Jan Siefke für <strong>Cicero</strong><br />

Oben: Für den Mal- und<br />

Kalligrafieunterricht liegen<br />

Stempel, Wasserschale und<br />

Farben bereit<br />

Unten: Jedes Klassenzimmer<br />

ist mit einem Bücherregal<br />

ausgestattet. Schülerinnen<br />

und Schüler können sich<br />

jederzeit bedienen<br />

sondern der Versuch, möglichst verschiedene<br />

Kinder an der Schule zu haben, erklärt<br />

Huang. Schließlich kämen die meisten<br />

Schüler aus Stadtfamilien und hätten<br />

mit der Natur viel weniger Erfahrung als<br />

Kinder vom Lande. „Von Lianlian lernen<br />

sie, wie man auf Bäume klettert oder mit<br />

Tieren umgeht“, sagt Huang. „Das ist für<br />

alle Seiten ungeheuer bereichernd.“<br />

Mittagspause. Lianlian und ihre Mitschüler<br />

versammeln sich mit ihren Lehrern<br />

um große Tische und sprechen das<br />

Steiner’sche Tischgebet: „Das Brot vom<br />

Korn, das Korn vom Licht, das Licht<br />

aus Gottes Angesicht.“ Das Essen wird<br />

in großen Blechschüsseln serviert: Reis,<br />

Rührei mit Tomate, Spinat. Alle Zutaten<br />

kommen von einem nahe gelegenen<br />

Ökohof, auf dem die Kinder mithelfen.<br />

Nach dem Essen tragen sie ihre Schüsseln<br />

und Essstäbchen in die Spülküche<br />

und waschen sie mit Teepulver ab. Dann<br />

gehen sie in den Garten oder zum Lesen<br />

in die Bibliothek. Bis zum Beginn<br />

des Nachmittagsunterrichts gibt es eine<br />

Stunde Freizeit.<br />

Staatlich anerkannt ist die Nan shan-<br />

Schule nicht, und seine Kinder dorthin zu<br />

schicken, ist streng genommen ein Verstoß<br />

gegen die Schulpflicht. Doch die Behörden<br />

überprüfen nicht, ob Eltern ihre<br />

Kinder zum Unterricht schicken, und lassen<br />

Huang gewähren. „Wir versuchen<br />

nicht zu viel Aufmerksamkeit zu erregen“,<br />

sagt der Schulleiter. So verzichtet<br />

die Schule auf einen Internetauftritt.<br />

Trotzdem hat sich ihre Existenz herumgesprochen,<br />

und Huang bekommt Anfragen<br />

von Eltern aus dem ganzen Land, die<br />

ihre Kinder anmelden wollen. Aufnehmen<br />

kann er nur einen Bruchteil. „Das<br />

Interesse zeigt, wie viele Eltern das chinesische<br />

Schulsystem ablehnen“, sagt er.<br />

„Aber unser Ziel ist nicht, möglichst groß<br />

zu werden, sondern möglichst gut.“<br />

Inzwischen ist die Nanshan-Schule<br />

auch nicht mehr die einzige in Peking.<br />

Zwei weitere Elterngruppen bauen eigene<br />

Schulen auf. Im südwestchinesischen<br />

Chengdu existiert schon länger<br />

eine Waldorfschule, auch in anderen<br />

Städten gründen sich Initiativen.<br />

Sein Kind dorthin zu schicken, ist<br />

allerdings eine Entscheidung mit Folgen.<br />

Denn der Weg zurück ins staatliche<br />

Schulsystem ist nur schwer möglich,<br />

und ohne „Gaokao“ bleibt den<br />

Anzeige<br />

© Foto Peter Sloterdijk: Axel Heiter; Martin Walser: Philippe MATSAS/Opale<br />

Mehr als schön<br />

ist nichts<br />

Zwei Meinungen über den<br />

Zustand der Welt.<br />

Das <strong>Cicero</strong>-Foyergespräch<br />

<strong>Cicero</strong>-Kolumnist Frank A. Meyer<br />

im Gespräch mit Peter Sloterdijk und<br />

Martin Walser.<br />

Sonntag, 29. September 2013, 11 Uhr<br />

Berliner Ensemble<br />

Bertolt-Brecht-Platz 1, 10117 Berlin<br />

Tickets: Telefon 030 28408155<br />

www.berliner-ensemble.de<br />

BERLINER<br />

ENSEMBLE<br />

29. 9. 2013<br />

Peter Sloterdijk<br />

& Martin Walser<br />

im Gespräch mit<br />

Frank A. Meyer<br />

In Kooperation<br />

mit dem Berliner Ensemble<br />

Berliner<br />

Ensemble<br />

83<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Weltbühne<br />

Reportage<br />

Oben: Blockflötenunterricht ist<br />

fester Bestandteil des Lehrplans.<br />

Hier wird musiziert, weil es Freude<br />

bereitet<br />

Unten: Die Zufahrt zur<br />

Nanshan‐Schule ist von einer<br />

Baumallee gesäumt<br />

Kindern der Zugang zu Chinas Universitäten<br />

versperrt. Es bleibt dann nur<br />

der Weg ins Ausland oder an eine teure<br />

Privathochschule.<br />

„Die Reichweite unserer Entscheidung<br />

war uns bewusst“, sagt Wei<br />

Chunyan, deren Sohn mit Lianlian in die<br />

vierte Klasse geht. „Aber was nützt einem<br />

Kind ein Studienplatz, wenn es seelisch<br />

kaputt ist?“ Außerdem wolle sie sich<br />

nicht dem gesellschaftlichen Druck unterwerfen,<br />

dass ein Studium der einzig<br />

mögliche Weg zum Glück sei. Wei war<br />

Psychologiedozentin an einer angesehenen<br />

Universität, bevor sie mit ihrem Sohn<br />

an den Rand von Peking zog, um ihn auf<br />

die Nanshan-Schule schicken zu können.<br />

Das Geld verdient ihr Mann, der jeden<br />

Tag die lange Fahrt in die Stadt macht.<br />

Für die Familie sei das keine einfache Situation,<br />

aber sie und ihr Mann hätten es<br />

nicht ertragen können, ihr Kind an einer<br />

staatlichen Schule zu wissen. „Wir haben<br />

ja selbst das chinesische Bildungssystem<br />

durchgemacht“, erklärt sie. Dort<br />

gebe es keinen Respekt für die Kindheit,<br />

und statt eigene Interessen und Meinungen<br />

zu entwickeln, würden die Schüler<br />

zu Reproduktionsmaschinen erzogen.<br />

„Aber wie soll man durchs Leben gehen,<br />

wenn man nicht weiß, was man will und<br />

wer man ist?“<br />

Andere Eltern haben auch politische<br />

Motive. „An den Schulen wird ein<br />

Bild von China und seiner Geschichte<br />

vermittelt, das nicht der Wahrheit entspricht“,<br />

sagt eine Mutter in Anspielung<br />

auf dunkle Kapitel wie die Kulturrevolution<br />

oder das Massaker auf dem Platz<br />

des Himmlischen Friedens. „Ich möchte,<br />

dass meine Kinder ein korrektes Bild von<br />

ihrem Land bekommen.“<br />

Zwei Uhr nachmittags. Blockflötenunterricht.<br />

<strong>Der</strong> Musikraum hat den Stil<br />

eines Rittersaals in einem Fantasyfilm:<br />

Wände aus grob behauenen Natursteinen,<br />

ein großer Kamin, ein Baum mitten<br />

im Raum. Das Ambiente ist der Nachlass<br />

eines gescheiterten Landclubs, für<br />

den die Anlage gebaut wurde, bevor die<br />

Schule vor zwei Jahren hier einzog. Die<br />

Kinder spielen zusammen ein Volkslied,<br />

dann verteilt Lehrer Zhang Notenblätter,<br />

mit denen sie sich einzeln oder zu zweit<br />

in verschiedene Ecken des Raumes zurückziehen.<br />

„Hör mal“, sagt Zhang und<br />

spielt Lianlian die Mozart-Melodie vor,<br />

die er für sie ausgesucht hat. Er studierte<br />

am Pekinger Konservatorium und hätte<br />

Lehrer an einer guten staatlichen Schule<br />

werden können, wo er deutlich mehr<br />

verdienen würde. „Aber chinesische<br />

Kinder lernen ihre Instrumente meist<br />

nur, weil es an der Schule dafür Sonderpunkte<br />

gibt“, erklärt Zhang. „Hier machen<br />

wir Musik, weil es Freude macht.“<br />

Noch ist die Nanshan-Schule in<br />

China ein Randphänomen. Doch wie explosiv<br />

die Idee ist, das traditionelle Bildungssystem<br />

infrage zu stellen, zeigte<br />

sich, als vergangenes Jahr in China das<br />

Buch „Das verzeihe ich euch nie!“ erschien.<br />

Das Werk des 22-jährigen Autors<br />

Zhong Daorans war eine schonungslose<br />

Abrechnung mit seiner Schulzeit. „In der<br />

Grundschule rauben sie uns die eigenen<br />

Wertevorstellungen, in der Mittelstufe<br />

das selbstständige Denken und in der<br />

Hochschule unsere Ideale und Träume“,<br />

schreibt Zhong. „Am Ende sieht es in unserem<br />

Hirn so leer aus wie in der Unterhose<br />

eines Eunuchen.“<br />

Das Buch machte Furore. Chinesische<br />

Mittelschüler begannen zu demonstrieren<br />

und die Autorität ihrer Lehrer infrage<br />

zu stellen. Im Internet formierten<br />

sich Fanclubs. Als Jugendliche mit der<br />

Parole „Das verzeihe ich euch nie!“ die<br />

Schule schmissen, schritt das Erziehungsministerium<br />

ein und ließ das Buch auf<br />

die schwarze Liste setzen. Die Regierung<br />

wollte verhindern, dass eine Sinnkrise<br />

Chinas Jugend von der Aufgabe ablenkt,<br />

die ihr die Gesellschaft seit Jahrhunderten<br />

vorschreibt: fleißig zu lernen.<br />

Vier Uhr nachmittags. Die Kinder<br />

strömen auf den Sportplatz am Haupttor,<br />

wo ihre Eltern auf sie warten. Nicht<br />

alle wollen gleich nach Hause. Lianlian<br />

spielt mit einigen Kindern Hüpfseil. <strong>Der</strong><br />

Musiklehrer Zhang kommt mit einem<br />

Fußball, stellt sich ins Tor, und im Nu<br />

bolzen sie fröhlich: Kinder, Eltern, Lehrer,<br />

alle zusammen. Wer weiß, was aus<br />

den Kindern der Nanshan-Schule einmal<br />

wird. Aber hier und jetzt sind sie<br />

glücklich.<br />

Bernhard BArtsch beobachtet<br />

seit Jahren das rigide chinesische<br />

Bildungssystem und war ebenso überrascht<br />

wie begeistert, dort Waldorfschulen zu<br />

entdecken<br />

Fotos: Jan Siefke für <strong>Cicero</strong><br />

84<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Kapital<br />

85 – 100<br />

„ <strong>Der</strong> Großbank geben<br />

wir europäische<br />

Regeln, und die<br />

Sparkasse lassen wir<br />

einfach im Dorf “<br />

Sven Giegold, Finanzexperte der Grünen im Europaparlament, im<br />

Streitgespräch mit Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon, Seite 92


Kapital<br />

Porträt<br />

<strong>Der</strong> StaatsOligarch<br />

Er leitet den größten börsennotierten Energiekonzern der Welt. Aber freie<br />

Marktwirtschaft? Davon hält der Russe Igor Setschin überhaupt nichts<br />

Von VaneSSA de L‘or<br />

Grundsätzlich hat Igor Setschin<br />

nichts gegen Privateigentum.<br />

Bei einem seiner wenigen öffentlichen<br />

Auftritte hat der Präsident des<br />

staatlich kontrollierten russischen Energiekonzerns<br />

Rosneft mal den schönen<br />

Satz gesagt: „<strong>Der</strong> Sinn für Eigentum entwickelt<br />

sich bei jedem Menschen in frühester<br />

Kindheit. Und wenn ein Kind sein<br />

erstes Spielzeug bekommt, zum Beispiel<br />

einen Teddybär, will er ihn nie wieder<br />

loslassen. <strong>Der</strong> Teddybär des Rosneft-Vorstands<br />

heißt Rosneft.“<br />

Anfang August hat Setschin selbst<br />

zur Privatisierung des russischen Energiesektors<br />

beigetragen. <strong>Der</strong> Rosneft-Boss<br />

vergrößerte sein Aktienpaket um das<br />

Elffache auf umgerechnet 45,5 Millionen<br />

Euro. Er hält jetzt 0,0849 Prozent<br />

des größten börsennotierten Energiekonzerns<br />

der Welt.<br />

Wer daraus einen grundsätzlichen<br />

Sinneswandel des engen Vertrauten<br />

von Russlands Präsident Wladimir Putin<br />

ableitet, liegt aber völlig falsch. Aus<br />

Igor Setschin wird auch in Zukunft kein<br />

Freund der freien Marktwirtschaft und<br />

des privaten Unternehmertums. Stattdessen<br />

führt er Rosneft weiterhin wie<br />

ein loyaler Staatsdiener des derzeitigen<br />

Herrschers im Kreml. Entgegen anders<br />

lautenden öffentlichen Beteuerungen<br />

setzt Putin auch weiter auf die staatliche<br />

Kontrolle des Energiesektors. Dieser<br />

sorgt nicht nur für mehr als die Hälfte der<br />

russischen Staatseinnahmen, sondern sichert<br />

aufgrund des russischen Ressourcenreichtums<br />

Putins Einfluss in der internationalen<br />

Politik.<br />

Putin und Setschin kennen sich bereits<br />

aus der Petersburger Stadtverwaltung,<br />

wo sie Anfang der neunziger Jahre<br />

aufeinandertrafen, als der acht Jahre ältere<br />

Putin dort stellvertretender Bürgermeister<br />

war. 1996 wechselten beide nach<br />

Moskau in die Regierung des damaligen<br />

Präsidenten Boris Jelzin. Nach Putins<br />

Wahl zum Präsidenten stieg Setschin zum<br />

stellvertretenden Leiter der Präsidialverwaltung<br />

auf. Während Putins Intermezzo<br />

als russischer Ministerpräsident von 2008<br />

bis 2012 war Setschin sein Stellvertreter.<br />

Gleichzeitig übernahm er bei Rosneft bereits<br />

2004 als Aufsichtsratsvorsitzender<br />

das Kommando.<br />

Das damalige Unternehmen ist mit<br />

dem heutigen Rosneft-Konzern nicht<br />

zu vergleichen. 2003 war Rosneft nicht<br />

mehr als die Reste des ehemaligen sowjetischen<br />

Ölministeriums, die selbst<br />

im Privatisierungsrausch der Jelzin-Ära<br />

keiner hatte kaufen wollen. <strong>Der</strong> Aufstieg<br />

Rosnefts an die Spitze der weltweiten<br />

Energieförderer war nur möglich,<br />

weil Setschin direkt aus dem Kreml die<br />

Zerschlagung und Enteignung des Erdölkonzerns<br />

Yukos des bis heute inhaftierten<br />

Oligarchen Michail Chodorkowski<br />

organisierte. Im Dezember 2004 erhielt<br />

eine Briefkastenfirma – von der sich später<br />

herausstellte, dass sie zu Rosneft gehörte<br />

– bei einer dubiosen Auktion den<br />

Zuschlag für die wichtigste Fördertochter<br />

von Yukos.<br />

Setschins zweiter Coup war Ende<br />

März dieses Jahres die Übernahme des<br />

russischen Konkurrenten TNK-BP. Rosneft<br />

kann jetzt nach eigenen Angaben<br />

200 Millionen Tonnen Öl im Jahr fördern,<br />

das entspricht 40 Prozent der Förderung<br />

in Russland und 5 Prozent weltweit.<br />

44 Milliarden Dollar musste Rosneft für<br />

die Übernahme an die bisherigen Eigentümer<br />

bezahlen, eine Gruppe russischer<br />

Oligarchen und der britische Energiekonzern<br />

BP. Die Verschuldung Rosnefts stieg<br />

auf 76 Milliarden Dollar.<br />

Setschins Drang nach Macht und<br />

Größe scheint aber noch lange nicht befriedigt.<br />

Zurzeit expandiert er aggressiv<br />

in den Gasmarkt. Im Juli kaufte Rosneft<br />

das Gasförderunternehmen Itera. In<br />

Russland wird dies als Angriff auf Gasprom<br />

gewertet. <strong>Der</strong> ebenfalls vom Staat<br />

kontrollierte Konzern darf als bisher einziges<br />

Unternehmen russisches Gas ins<br />

Ausland exportieren, aber Gasproms Monopol<br />

wackelt, wie Putin kürzlich bei einem<br />

internationalen Wirtschaftstreffen<br />

andeutete. Im Kreml ist Setschins Rivale,<br />

Gasprom-Chef Alexei Miller, dabei, seinen<br />

bisherigen Einfluss zu verlieren. Ihm<br />

wird vorgeworfen, das Geschäft mit verflüssigtem<br />

Erdgas, das im internationalen<br />

Handel immer wichtiger wird, verschlafen<br />

zu haben. Gasprom gilt im Vergleich<br />

zu Rosneft als ineffizienter, bürokratischer<br />

Koloss. Kreml-nahe Medien kritisieren<br />

Miller hart, in einer Sendung des<br />

russischen Staatsfernsehens wurde er<br />

sogar kürzlich als „inkompetenter Idiot“<br />

bezeichnet.<br />

Setschin wird es freuen. Seit einer<br />

2005 von Putin angekündigten Fusion<br />

von Rosneft und Gasprom, die Setschin<br />

verhinderte, gelten er und Miller<br />

als Erzfeinde.<br />

Setschin selbst steht inzwischen<br />

nicht nur an der Spitze von Rosneft, sondern<br />

leitet seit mehr als einem Jahr auch<br />

die Kreml-Kommission für die strategische<br />

Entwicklung des russischen Energiesektors<br />

und kontrolliert somit ein Drittel<br />

der Wirtschaftsleistung Russlands.<br />

Den Plan des ehemaligen Präsidenten<br />

Dmitri Medwedew, die staatlichen<br />

Rosneft-Anteile bis spätestens 2016 zu<br />

verkaufen, hat Setschin erst mal auf Eis<br />

gelegt. Er und Putin sind sich einig, dass<br />

man es mit der Privatisierung auch nicht<br />

übertreiben muss.<br />

VaneSSA de L‘Or kennt die Welt der<br />

russischen Wirtschaftsbosse. So viel Macht<br />

wie bei Setschin hat sie nie gesehen<br />

Foto: RIA Novosti [M]<br />

86<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Kapital<br />

Porträt<br />

Die EIsbrecherin<br />

Elke Ruchatz hat die letzte Binnenwerft in Eisenhüttenstadt an der Oder gerettet.<br />

Jetzt nimmt sie sich die Unternehmerin die Fußballer des EFC Stahl vor<br />

Von Steffen UhlMAnn<br />

Foto: Götz Schleser für <strong>Cicero</strong><br />

Ihre Augen funkeln hinter den Brillengläsern.<br />

„Kommen Sie mir nicht mit<br />

dem großen weißen Schiff, das ich mal<br />

bauen wollte“, sagt Elke Ruchatz. Sie<br />

wird darauf häufig angesprochen. „Ein<br />

Eisbrecher wäre mir viel lieber, seine Instandsetzung<br />

ist unser Brot- und Buttergeschäft.“<br />

Dabei hat sie selbst einst von<br />

stolzen Fahrgastschiffen geträumt, die<br />

auf ihrer Neuen Oderwerft vom Stapel<br />

laufen. Ruchatz hat die Werft in Eisenhüttenstadt<br />

1999 übernommen.<br />

So ist das als Unternehmerin: Träume<br />

zerplatzen, aber es muss immer irgendwie<br />

weitergehen. „Was wirklich zählt,<br />

ist das Gewordene“, sagt Ruchatz nüchtern.<br />

Geworden ist einiges, seit sie die von<br />

Treuhandmanagern heruntergewirtschaftete<br />

Traditionswerft gekauft hat und wie<br />

ein Eisbrecher in eine Männerdomäne<br />

einbrach. Nicht aus einer Laune heraus,<br />

aber doch mit einem Schuss Sentimentalität.<br />

„Ich hänge an dieser Werft“, sagt<br />

die 59-Jährige. „Sie bestimmt seit über<br />

25 Jahren mein Leben.“<br />

Angefangen hat alles, als ihr Mann,<br />

von dem sie inzwischen geschieden ist,<br />

1987 beim damals größten Stahlwerk<br />

der DDR einen neuen Arbeitsplatz fand.<br />

Die studierte Ingenieurökonomin aus<br />

Sachsen folgte ihm mit den beiden Kindern.<br />

Als Elke Ruchatz aus dem Fenster<br />

ihrer neuen Wohnung auf die Schiffe<br />

blickte, die gleich nebenan auf der Werft<br />

lagen, ging sie spontan rüber und fragte<br />

den Chef, ob er eine Stelle für sie hätte,<br />

und erhielt den Arbeitsplatz am Wasser.<br />

Heute ist Elke Ruchatz ein Solitär: die<br />

einzige Frau in Deutschland, die eine<br />

Werft führt, die ihr auch noch gehört.<br />

Die Werft selbst ist die letzte ihrer Art<br />

an der Oder.<br />

„Zuerst wollte niemand glauben, dass<br />

es eine Chance gibt, die Werft wiederzubeleben<br />

– zumal mit mir, einer Frau“,<br />

erinnert sich Ruchatz an ihren Start als<br />

Werftchefin. Schon der Kampf mit argwöhnischen<br />

Bankern habe ihr damals alles<br />

abverlangt. Am Ende hat sie sie mit<br />

ihrer „schonungslosen Offenheit“ überzeugt.<br />

Auch über ihre Ängste spricht sie,<br />

die ihr damals wochenlang den Schlaf<br />

raubten. „Einen Kredit zu bekommen,<br />

ist die eine Seite, ihn zurückzuzahlen,<br />

eine ganz andere. Und ich hatte plötzlich<br />

Schulden bis unters Dach.“<br />

Mit zwölf statt 500 Mitarbeitern<br />

startete sie das Unternehmen Neue Oderwerft.<br />

Zunächst sah es danach aus, dass<br />

sie gleich wieder scheitern würde. „Zwei<br />

Jahre haben wir kaum Aufträge hereinbekommen“,<br />

sagt sie, „das Mehrzweckschiff<br />

hat uns dann gerettet.“ Kein weißer<br />

Dampfer, aber ein kapitales Schiff,<br />

32 Meter lang und sieben Meter breit, das<br />

zugleich als Autofähre, Bagger- und Notfallschiff<br />

einsetzbar ist. Es hatte ein Auftragsvolumen<br />

von zweieinhalb Millionen<br />

Euro. „Da hat es bei uns gerappelt“, sagt<br />

sie. „Seitdem sind wir nie mehr lange<br />

ohne Arbeit auf der Werft gewesen.“<br />

Doch Schiffbau bleibt ein unsicheres<br />

Geschäft. In ihren besten Jahren hat Elke<br />

Ruchatz mehr als 40 Mitarbeiter beschäftigt<br />

und über fünf Millionen Euro im Jahr<br />

umgesetzt. Jetzt bauen gerade noch halb<br />

so viele Menschen an den Schiffen. Und<br />

auch die müssen derzeit kurzarbeiten.<br />

„Bei den staatlichen Wasser- und Schifffahrtsämtern<br />

ist das Geld knapp“, sagt<br />

die Werftchefin. Sie sind die Hauptauftraggeber<br />

für den Bau von antriebslosen<br />

Arbeitsschiffen oder die Instandhaltung<br />

von Eisbrechern.<br />

Bisweilen fühlt sich Elke Ruchatz abgehängt<br />

– weit im Osten an der Oder, wo<br />

der Bund kaum noch Geld für den Ausbau<br />

der Schifffahrtsstraßen und die Modernisierung<br />

von Schleusen ausgibt. Aufgeben<br />

kommt für sie aber nicht infrage. „Dann<br />

MYTHOS<br />

Mittelstand<br />

Was hat Deutschland,<br />

was andere nicht haben?<br />

Den Mittelstand!<br />

<strong>Cicero</strong> stellt in jeder Ausgabe<br />

einen mittelständischen Unternehmer<br />

vor. Die bisherigen<br />

Porträts finden Sie unter:<br />

www.cicero.de/mittelstand<br />

bauen wir eben noch mehr Flöße für die<br />

Rheinschifffahrt“, sagt sie trotzig. Wieder<br />

funkelt es hinter den Brillengläsern.<br />

Elke Ruchatz schreckt so leicht nichts<br />

mehr. An harte Zeiten für die Werft hat<br />

sie sich gewöhnt, an Erfolgserlebnisse sowieso.<br />

Nächstes Jahr wird sie mit ihrer<br />

Belegschaft, zu der jetzt auch ihre beiden<br />

Kinder zählen, das 15-jährige Jubiläum<br />

der Neuen Oderwerft feiern. „Und<br />

es wird nicht unser letztes schönes Betriebsfest<br />

sein.“<br />

Die Frau mit dem Bubikopf ist voller<br />

Zuversicht. Erst vor wenigen Monaten<br />

erhielt sie in Berlin von Arbeitsministerin<br />

Ursula von der Leyen das Bundesverdienstkreuz.<br />

Und in Eisenhüttenstadt<br />

hat die Bürgermeisterin Ruchatz<br />

zur Botschafterin des „Regionalen<br />

Wachstumskerns“ an der Oder gemacht.<br />

Selbst die Fußballer der Stadt schwören<br />

bei ihrem Neuanfang auf sie. Sie ist<br />

jetzt Präsidentin des EFC Stahl, der in<br />

der vergangenen Saison in die Landesliga<br />

abgestiegen ist – mit darniederliegenden<br />

Männerdomänen kennt sie sich ja aus.<br />

Steffen UhlMAnn sucht und findet seit<br />

Jahren erfolgreiche Unternehmer in den<br />

gar nicht mehr so neuen Bundesländern<br />

89<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Kapital<br />

Porträt<br />

Eine Milliarde? kAuf ICh!<br />

Luise Neumann-Cosel will die Energiewende in die Hauptstadt bringen und das Berliner<br />

Stromnetz erwerben – auch mit Geld ihrer Genossen Jürgen Trittin und Peter Altmaier<br />

Von Til Knipper<br />

Das Berliner Stromnetz mit Zubehör<br />

kostet etwa eine Milliarde<br />

Euro. 35 000 Kilometer an Leitungen,<br />

80 Umspannwerke, die große<br />

Leitzentrale am Potsdamer Platz. Luise<br />

Neumann-Cosel, 27 Jahre alt, will das<br />

alles kaufen.<br />

Von einem Hinterhof im Berliner<br />

Stadtteil Wedding aus leitet sie ihre bisher<br />

größte Initiative. Zusammen mit<br />

Freunden hat sie die Genossenschaft<br />

„Bürger Energie Berlin“, die BEB, gegründet.<br />

Wenn man sie nach ihrer Motivation<br />

fragt, guckt sie kurz, als ob sie<br />

die Frage nicht verstanden habe, und<br />

antwortet dann, als sei es das Selbstverständlichste<br />

der Welt: „Ich bin aus Berlin<br />

und energiepolitisch interessiert.“ In<br />

kurzen, klaren Sätzen erklärt sie, dass<br />

die Energiewende bisher an Berlin vorbeigegangen<br />

und es höchste Zeit sei, daran<br />

etwas zu ändern. Die Hauptstadt bezieht<br />

ihren Strom zu mehr als 90 Prozent<br />

aus Kohle und nur zu 2 Prozent aus erneuerbarer<br />

Energie.<br />

„Am Anfang habe ich mich schon<br />

manchmal gefragt, ob ich jetzt größenwahnsinnig<br />

bin, aber ein solches Großprojekt<br />

verliert seinen Schrecken, wenn<br />

man es schrittweise angeht“, sagt Neumann-Cosel.<br />

Wie man Kampagnen aufzieht,<br />

hat die Geoökologin in der Anti-Atomkraft-Bewegung<br />

gelernt. Mit<br />

16 Jahren war sie auf der ersten Gorleben-Demo.<br />

Sie engagierte sich als Sprecherin<br />

des Netzwerks „Ausgestrahlt“<br />

und der Anti-Castor-Initiative „X-tausendmal-quer“.<br />

Doch aus der Oppositionsrolle<br />

will sie heraus, um die Energiewende<br />

in Berlin voranzutreiben.<br />

Die Konzession für das Berliner<br />

Stromnetz läuft 2014 aus. Wer sie bekommt,<br />

wird voraussichtlich im Herbst<br />

nächsten Jahres entschieden. Neben dem<br />

jetzigen Konzessionär Vattenfall und<br />

Neumann-Cosels BEB bewerben sich die<br />

stadteigene Berlin Energie, ein chinesischer<br />

Staatskonzern, eine RWE-Tochter<br />

und zwei kommunale Energiedienstleister<br />

aus Thüringen und den Niederlanden.<br />

Jetzt braucht Luise Neumann-Cosel<br />

vor allen Dingen Geld. Durch den Verkauf<br />

von Genossenschaftsanteilen an bisher<br />

1500 Mitglieder hat sie sieben Millionen<br />

Euro zusammen. Die Mindesteinlage<br />

beträgt 500 Euro, jedes Mitglied hat eine<br />

Stimme, unabhängig davon, wie viele<br />

Anteile es besitzt. Um das Netz kaufen<br />

zu können, benötigt Neumann-Cosel<br />

200 Millionen Euro Eigenkapital, den<br />

Rest könnte sie über Kredite finanzieren.<br />

Es ist noch ein weiter Weg. Neumann-Cosel<br />

ist aber geübt darin, Mitglieder zu werben:<br />

„Unsere Genossenschaftsanteile sind<br />

eine extrem sichere Geldanlage, und als<br />

Betreiber des Netzes werden wir voraussichtlich<br />

eine Rendite von 3 Prozent im<br />

Jahr ausschütten. Probieren Sie das mal<br />

zurzeit bei einer Bank zu bekommen.“<br />

Die Bundesnetzagentur als Regulierungsbehörde<br />

erlaubt sogar Renditen bis<br />

zu 9 Prozent für die Anteilseigner. Die<br />

Berliner Genossenschaft will nicht ausgeschüttete<br />

Gewinne aber stattdessen<br />

in Solaranlagen, Blockheizkraftwerke<br />

oder Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen<br />

investieren.<br />

Im Moment geht es Neumann-Cosel<br />

vor allem darum, sich Gehör zu verschaffen.<br />

Da hilft es, dass es ihr im März in einer<br />

Talkshow vor laufender Kamera gelang,<br />

Umweltminister Peter Altmaier zu<br />

überzeugen, Genosse zu werden. Auch<br />

Jürgen Trittin hat Anteile erworben.<br />

Die Diskussion um die Eigentumsverhältnisse<br />

städtischer Infrastruktur<br />

findet derzeit in vielen deutschen Städten<br />

und Kommunen statt. „Rekommunalisierung“<br />

heißt das unschöne Zauberwort.<br />

Von der breiten Öffentlichkeit<br />

weitgehend unbemerkt, haben Kommunen<br />

in den vergangenen sechs Jahren<br />

71 Stadtwerke gegründet und 171 Netzkonzessionen<br />

übernommen. In Berlin findet<br />

eine entsprechende Volksabstimmung<br />

Anfang November statt. Ihr Slogan: „Vattenfall<br />

den Stecker ziehen“.<br />

Luise Neumann-Cosel unterstützt<br />

die Initiatoren, weil die Volksabstimmung<br />

auch Aufmerksamkeit für ihr<br />

Anliegen erzeugt. Auf die Vergabe der<br />

Netzkonzession hat das Ergebnis der Abstimmung<br />

keinen direkten Einfluss. Neumann-Cosel<br />

bevorzugt aber ein Kombimodell:<br />

Mit ihrer Genossenschaft will sie<br />

49 Prozent des Netzes erwerben, 51 Prozent<br />

soll die Stadt übernehmen. In Berlin<br />

sprechen die Erfahrungen mit landeseigenen<br />

Unternehmen, die in den vergangenen<br />

zwei Jahrzehnten kaum einen<br />

Skandal ausgelassen haben, gegen eine<br />

reine Rekommunalisierung.<br />

Als Minderheitengesellschafterin<br />

will die BEB für Transparenz und Bürgerbeteiligung<br />

sorgen. „Nachdem weder<br />

Staatsbetriebe noch die Privatisierung<br />

der Stromversorgung richtig funktioniert<br />

haben, versuchen wir es mit einer Mischform“,<br />

sagt Neumann-Cosel.<br />

Und was tut sie, wenn ihre Genossenschaft<br />

nicht die Konzession in Berlin<br />

bekommt? „Klar, das kann passieren.<br />

Aber allein dass die Netzvergabe zum<br />

Politikum wird, ist ein Erfolg.“ Und was<br />

würde aus ihr? Eine parteipolitische Karriere<br />

strebe sie nicht an, stellt sie klar.<br />

Sie setzt auf gesellschaftliche Bewegungen,<br />

die von unten kommen. Es wird sich<br />

etwas finden. Geld auftreiben kann sie,<br />

Aufmerksamkeit erregen auch. Und an<br />

fehlendem Selbstvertrauen wird diese<br />

Frau auch nicht verzweifeln.<br />

Til Knipper leitet das<br />

Ressort Kapital von <strong>Cicero</strong><br />

Foto: Jens Gyarmaty für <strong>Cicero</strong><br />

90<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Kapital<br />

Interview<br />

„Bisher haftet weiter<br />

der Steuerzahler“<br />

Wie stabil ist das Bankensystem fünf Jahre nach der Lehman-Pleite?<br />

Ein Streitgespräch zwischen Sparkassenpräsident<br />

Georg Fahrenschon und EU-Parlamentarier Sven Giegold<br />

Sven Giegold<br />

Georg Fahrenschon<br />

Herr Fahrenschon, in der International<br />

Herald Tribune begann kürzlich ein Artikel<br />

mit dem Satz: „Eines der am stärksten<br />

angeschlagenen Bankensysteme in<br />

Europa blickt auf eine Geschichte voller<br />

Missmanagement, Korruption und politisch<br />

motivierter Kreditvergabe zurück,<br />

die den Steuerzahler Hunderte Milliarden<br />

Euro gekostet hat. Handelt es sich<br />

um Italien, Spanien oder vielleicht Griechenland?“<br />

Wissen Sie die Antwort?<br />

Georg FaHRENschon: „Ich habe den<br />

Artikel gelesen. Die Analyse ist sehr<br />

stark angelsächsisch geprägt und geht an<br />

der deutschen Realität weitgehend vorbei.<br />

Wenn man über die Bankenkrise<br />

reden und über Konsequenzen für die<br />

Sven gIegold<br />

sitzt seit 2009 im Europäischen<br />

Parlament und ist dort finanzund<br />

wirtschaftspolitischer<br />

Sprecher der Grünen. Bevor er<br />

2008 zu den Grünen ging, prägte<br />

er das globalisierungskritische<br />

Netzwerk Attac-Deutschland<br />

Georg Fahrenschon<br />

ist Präsident des Deutschen<br />

Sparkassen- und Giroverbands<br />

und vertritt in Brüssel und<br />

Berlin die Interessen der<br />

418 deutschen Sparkassen. Bis<br />

2011 war das CSU-Mitglied<br />

bayerischer Finanzminister<br />

zukünftige Regulierung des Finanzsektors<br />

diskutieren will, verstehe ich nicht,<br />

warum man ausgerechnet die Sparkassen<br />

ins Visier nimmt. Auch die Landesbanken<br />

waren nicht stärker betroffen<br />

als private, international agierende<br />

Großbanken.<br />

Ist die Analyse denn wirklich so falsch:<br />

Nach einem aktuellen Bericht der Europäischen<br />

Kommission sind in Deutschland<br />

646 Milliarden Euro in die Rettung<br />

der Banken geflossen, nur die Briten haben<br />

mehr ausgeben müssen. Wie ist es<br />

fünf Jahre nach der Pleite von Lehman<br />

Brothers um die Stabilität des deutschen<br />

Bankensektors bestellt?<br />

Fotos: Imago, Rolf Poss/PRP<br />

92<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


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Kapital<br />

Interview<br />

FahrensCHON: Zunächst ist es nicht weiter<br />

verwunderlich, dass der Finanzmarkt<br />

der größten Volkswirtschaft und Exportnation<br />

Europas vom Zusammenbruch des<br />

kompletten Weltfinanzsystems mit am<br />

stärksten betroffen war.<br />

Okay, aber wie steht es jetzt um die<br />

deutschen Banken?<br />

FahrensCHON: Die Eigenkapitalquoten<br />

wurden deutlich erhöht. Ich will aber<br />

noch mal unterstreichen, dass die größten<br />

Rettungsaktionen in Großbritannien<br />

nötig waren und die meisten staatlichen<br />

Rettungshilfen in Deutschland die privaten<br />

Großbanken erhalten. Die Hypo Real<br />

Estate wird auf Staatskosten saniert, die<br />

Commerzbank wurde teilverstaatlicht<br />

und die IKB in einem einmaligen Solidarakt<br />

der deutschen Kreditwirtschaft gerettet.<br />

Das ist etwas völlig anderes, als wenn<br />

die Bundesländer als Miteigentümer ihrer<br />

Verantwortung für eine Landesbank<br />

gerecht werden. Die Landesbanken haben<br />

die richtigen Konsequenzen gezogen,<br />

sie haben sich aus riskanten internationalen<br />

Engagements zurückgezogen. Sie<br />

konzentrieren sich jetzt auf die Unternehmensfinanzierung<br />

und die Partnerschaft<br />

zu den Sparkassen.<br />

Herr Giegold, wie ist es um den europäischen<br />

Bankensektor bestellt?<br />

Sven Giegold: Es wäre schön, wenn wir<br />

das endlich wüssten. Aber bis heute hat<br />

keine ernsthafte Analyse der Bankenbilanzen<br />

stattgefunden. Die zwei Stresstests,<br />

die in der EU durchgeführt wurden,<br />

haben jeweils unter der schützenden<br />

Hand der nationalen Regierungen der<br />

Mitgliedstaaten stattgefunden. Erst jetzt<br />

beginnt die EZB mit einer Prüfung, die in<br />

die Tiefe geht. Es stimmt aber auch nicht,<br />

dass wir in Deutschland schon alles Notwendige<br />

getan haben. Wir haben immer<br />

noch keine effektive Schuldenbremse für<br />

Banken. Die Deutsche Bank hat, auf ihre<br />

Bilanzsumme gerechnet, eine Eigenkapitalquote<br />

von unter 3 Prozent. Sie ist,<br />

schaut man sich diese sogenannte Leverage-Ratio<br />

an, dramatisch unterkapitalisiert<br />

und genießt dadurch noch immer<br />

eine staatliche Bestandsgarantie durch<br />

den Steuerzahler.<br />

FahrensCHON: Da stimme ich Ihnen zu.<br />

Die Too-big-to-fail-Problematik ist überhaupt<br />

noch nicht gelöst. Das Verrückte<br />

„Es wäre schön,<br />

wenn wir<br />

endlich wüssten,<br />

wie stabil die<br />

Banken in<br />

Europa sind.<br />

Aber bis heute<br />

hat keine<br />

ernsthafte<br />

Analyse<br />

der Bilanzen<br />

stattgefunden“<br />

Sven Giegold, Finanzexperte der<br />

Grünen im Europaparlament<br />

ist, dass international systemrelevante<br />

Geldinstitute dadurch auch noch einen<br />

Wettbewerbsvorteil genießen, weil sie<br />

sich durch die implizite Staatsgarantie<br />

an den Märkten billiger refinanzieren<br />

können. Die Politik muss daran arbeiten,<br />

dass keine Bank so groß ist, dass sie<br />

ganze Volkswirtschaften in den Abgrund<br />

reißen kann.<br />

Giegold: Dann müssen Sie mir aber mal<br />

erklären, warum die Sparkassen mit dem<br />

Bundesverband deutscher Banken, dessen<br />

größter Beitragszahler die Deutsche<br />

Bank ist, gemeinsame Lobbyarbeit gegen<br />

eine Einführung einer Mindest‐Leverage‐Ratio<br />

von 3 Prozent machen, obwohl<br />

die meisten Experten selbst das für viel<br />

zu niedrig halten. 3 Prozent entspricht<br />

dem Wert, den Lehman Brothers kurz<br />

vor der Pleite auswies.<br />

FahrensCHON: Bei einer solchen starren<br />

Quote wird so getan, als ob ein Kilo<br />

Sprengstoff genauso gefährlich ist wie<br />

ein Kilo Gips. Ein bestimmtes Volumen<br />

an regionalen Mittelstandskrediten wird<br />

genauso behandelt wie das gleiche Volumen<br />

hochriskanter Geschäfte an den<br />

internationalen Finanzmärkten. Wenn<br />

eine Risikogewichtung fehlt, werden völlig<br />

falsche Anreize gesetzt.<br />

Giegold: Ich will auch nicht alle Banken<br />

über einen Kamm scheren. Die 3 Prozent<br />

sollen nur das absolute Minimum sein,<br />

eine Mindestquote. Sie würden doch als<br />

Sparkasse auch niemandem einen Kredit<br />

geben, der weniger als 3 Prozent Eigenkapital<br />

mitbringt. Darüber hinaus soll<br />

man weiter differenzieren. Wir setzen<br />

uns im Parlament dafür ein, dass Banken,<br />

die die Realwirtschaft finanzieren,<br />

sanfter und vor allem unbürokratischer<br />

reguliert werden als Investmentbanken.<br />

Viele deutsche Bankkunden haben den<br />

Moment, als Kanzlerin Angela Merkel<br />

und der damalige Finanzminister Peer<br />

Steinbrück eine Garantieerklärung für<br />

die Spareinlagen abgaben, als dramatischsten<br />

Augenblick der Krise in Erinnerung.<br />

Seit mehr als einem Jahr diskutieren<br />

wir jetzt in Europa über die<br />

sogenannte Bankenunion mit einer europäischen<br />

Bankenaufsicht, einem gemeinsamen<br />

Abwicklungssystem für<br />

insolvente Geldinstitute und gemeinsamen<br />

Standards für die Einlagensicherung.<br />

Warum dauert das so lange?<br />

Giegold: <strong>Der</strong> Startschuss für eine gemeinsame<br />

Bankenaufsicht, angesiedelt<br />

bei der EZB, ist jetzt gefallen. Das halte<br />

ich für einen entscheidenden Schritt, weil<br />

die bisherige Nähe von nationalen Aufsichtsbehörden,<br />

Politik und Banken einer<br />

der zentralen Auslöser für die Krise war.<br />

Die nationalen Aufsichtsbehörden, wie<br />

die Bafin in Deutschland, haben mit Blick<br />

auf den internationalen Wettbewerb immer<br />

den nationalen Finanzstandort geschützt,<br />

statt den Finanzmarkt zu stabilisieren.<br />

Nur so konnte es zu Exzessen bei<br />

Gehältern, Boni und Dividenden kommen.<br />

Das lässt sich durch eine größere<br />

Entfernung mit einer Aufsicht auf supranationaler<br />

Ebene in Zukunft verhindern.<br />

FahrensCHON: Ich halte es für einen<br />

Fehler, dass es in Brüssel in der EU-Kommission<br />

eine Tendenz zu One‐size‐fits‐all‐<br />

Lösungen gibt: Ein System erschlägt alle<br />

anderen.<br />

Giegold: Das ist aber sehr frei übersetzt.<br />

FahrensCHON: Trifft aber den Kern.<br />

Die Kommission und die EU-Verwaltung<br />

legen fast immer kapitalmarktorientierte<br />

Großbanken als Blaupause an<br />

und reißen immer mehr Kompetenzen<br />

94<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Geht Liebe<br />

auf den<br />

ersten Blick<br />

immer<br />

ins Auge?<br />

Jetzt auch<br />

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Das Leben steckt<br />

voller Unmöglichkeiten


Kapital<br />

Interview<br />

an sich, ohne selbst über die notwendige<br />

demokratische Legitimation zu verfügen.<br />

Stattdessen müsste man die Parlamente<br />

stärken.<br />

Aber sind Sie gegen eine europäische<br />

Aufsichtsbehörde?<br />

FahrensCHON: Ich hege ein Misstrauen<br />

gegen solche Superbehörden. Wir haben<br />

durch die Krise gelernt, dass lokal ausgerichtete<br />

Institute wie die Sparkassen und<br />

die Volks- und Raiffeisenbanken das System<br />

stabilisiert haben. Wenn jetzt eine<br />

europäische Regulierungswelle anbraust,<br />

die auf die internationalen Großbanken<br />

zugeschnitten ist, gefährdet das regionale<br />

Geschäftsmodelle, die sich seit langem<br />

bewährt haben.<br />

Giegold: Aber die EZB soll doch nur die<br />

Aufsicht über die Großbanken übernehmen.<br />

Die kleineren Banken, also auch die<br />

Sparkassen, werden weiter von der nationalen<br />

Finanzaufsicht kontrolliert. Hier<br />

hat die EZB nur die Kompetenz, deren<br />

Arbeit zu überwachen. Das halte ich für<br />

die richtige Mischung: <strong>Der</strong> Großbank<br />

geben wir europäische Regeln, und die<br />

Sparkasse lassen wir einfach im Dorf.<br />

FahrensCHON: Klingt gut, tatsächlich<br />

fangen Kommission und EZB schon an,<br />

die Rahmenbedingungen der Aufsicht<br />

auch für kleinere Institute zu definieren.<br />

Giegold: Als Berichterstatter im Europaparlament<br />

habe ich durchgesetzt, dass<br />

die Bankenaufsichtsbehörden rechtlich<br />

verpflichtet sind, kleine Banken anders<br />

zu behandeln als große. Das müssen wir<br />

nun kontrollieren.<br />

Das zweite große Thema der Bankenunion<br />

ist die Abwicklung insolventer<br />

Banken über einen europäischen Bankensicherungsfonds,<br />

in den alle Kreditinstitute<br />

einzahlen müssen, damit<br />

bei der nächsten Krise nicht wieder der<br />

Steuerzahler einspringen muss.<br />

FahrensCHON: Ich halte die Pläne für<br />

eine zentrale europäische Bankenabwicklung<br />

für grundfalsch. Das System<br />

ist so kompliziert, dass es nicht funktionieren<br />

kann. Die demokratische Gewaltenteilung<br />

wird ausgehöhlt, weil eine<br />

Behörde in Brüssel gravierende Entscheidungen<br />

treffen will, die Auswirkungen<br />

auf nationale Haushalte haben können.<br />

Und wir sehen auch nicht ein, dass Sparkassen<br />

und Volks- und Raiffeisenbanken<br />

„Die EU-<br />

Kommission<br />

reißt bei<br />

der Bankenregulierung<br />

Kompetenzen<br />

an sich, ohne<br />

über die<br />

notwendige<br />

demokratische<br />

Legitimation<br />

zu verfügen“<br />

Georg Fahrenschon, Präsident<br />

des Sparkassenverbands<br />

systemrelevanten Großbanken eine Art<br />

Versicherung finanzieren sollen, obwohl<br />

wir durch eigene Institutssicherungssysteme<br />

mögliche Schieflagen unserer Institute<br />

aus eigener Kraft auffangen können.<br />

Giegold: Aber im deutschen Bankenrettungsfonds<br />

sitzt doch auch jede Sparkasse<br />

mit der Deutschen Bank in einem<br />

Boot. Da gibt es eine Haftungsunion zwischen<br />

lokalen Banken und Investmentbanken.<br />

Wie vermitteln Sie das Ihren regionalen<br />

Kunden?<br />

FahrensCHON: Wir wollen doch beide,<br />

dass die Zockerei aufhört. Die Kreditwirtschaft<br />

soll wieder ihre ursprüngliche,<br />

dienende Rolle übernehmen und die Finanzierung<br />

der Realwirtschaft sicherstellen.<br />

Deshalb dürfen keine Anreize für<br />

die Großbanken geschaffen werden, mit<br />

einem solchen Fonds im Rücken weiter<br />

hohe Risiken eingehen zu können. Das<br />

fördert eine Trittbrettfahrermentalität.<br />

Giegold: Das wesentliche Ziel eines<br />

gemeinsamen Abwicklungssystems besteht<br />

darin, dass bei der nächsten Krise<br />

nicht erneut die Steuerzahler die Banken<br />

retten müssen. Wir kommen diesem<br />

Ziel keinen Schritt näher, wenn wir in<br />

der Eurozone 18 verschiedene Abwicklungsbehörden<br />

und -fonds haben, weil<br />

die einzelnen Fonds viel zu klein wären<br />

und im Krisenfall weiterhin der Steuerzahler<br />

haftete. Eine europäische Lösung<br />

ist am Ende auch billiger, weil ein solcher<br />

Fonds wie eine Versicherung unterschiedliche<br />

Risiken im Portfolio hat und<br />

mehr Erfahrungen beim Abwickeln von<br />

Banken sammeln kann als eine nationale<br />

Einrichtung.<br />

FahrensCHON: Es ist nicht billiger, wenn<br />

ständig nachgeschossen werden muss. In<br />

einer Marktwirtschaft dürfen die Risiken<br />

nicht in Europa sozialisiert werden. Wir<br />

übernehmen Eigenverantwortung und<br />

wollen unser Sicherungssystem nicht<br />

aufgeben.<br />

Giegold: Sollen Sie gar nicht. Sie wissen,<br />

dass ich ein großer Befürworter der<br />

Institutssicherung bin, und es ist auf Initiative<br />

des EU-Parlaments gelungen, sie<br />

in der europäischen Gesetzgebung zu<br />

verankern. Das Problem mit dem Trittbrettfahren<br />

muss man über die Höhe der<br />

Beiträge regeln. Die europäischen Universalbanken<br />

mit ihren großen Investmentbanking-Abteilungen<br />

müssen proportional<br />

natürlich viel mehr zahlen als<br />

die deutschen Sparkassen mit ihrer stabilisierend<br />

wirkenden Institutssicherung.<br />

Gehört zur Bankenunion dann nicht<br />

auch ein gemeinsamer europäischer<br />

Einlagensicherungsfonds?<br />

FahrensCHON: Nein, wir lehnen kategorisch<br />

ab, die für unsere Sparer angesparten<br />

Sicherungsmittel für internationale<br />

Großbanken einzusetzen. Selbst Anshu<br />

Jain, der Vorstandschef der Deutschen<br />

Bank, hat kürzlich gesagt, dass er kein<br />

Anhänger einer gemeinsamen Einlagensicherung<br />

ist.<br />

Giegold: Das sehe ich auch so. Allerdings<br />

braucht eine gemeinsame Währung<br />

überall stabile Einlagensicherungssysteme.<br />

Sonst flieht Kapital im Krisenfall<br />

in die sichersten Systeme und destabilisiert<br />

die Banken. <strong>Der</strong> beste Weg für den<br />

Binnenmarkt wäre, wenn die Sparkassen<br />

und Genossenschaftsbanken ihre Institutssicherungen<br />

mit ähnlichen Banken in<br />

anderen Mitgliedstaaten vernetzen würden,<br />

also eine Europäisierung des deutschen<br />

Dreisäulenmodells.<br />

Das Gespräch moderierte Til Knipper<br />

96<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


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Kapital<br />

Analyse<br />

<strong>Der</strong> Sputnik-Schock<br />

der Europäer<br />

Von Andreas rInke<br />

Edward Snowdens Enthüllungen<br />

haben die Politik geschockt.<br />

Deutschland ist zur IT-Kolonie verkommen.<br />

Nun träumt Europa von der Aufholjagd<br />

98<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Illustration: Mario Wagner/2agenten<br />

Den „Whistleblower“-Preis hat<br />

Edward Snowden bereits erhalten.<br />

Aber eigentlich müsste das<br />

Bundeswirtschaftsministerium dem<br />

NSA-Überläufer auch noch den Förderpreis<br />

der deutschen IT-Industrie überreichen.<br />

Denn in den vergangenen Jahren<br />

hat kein Manager, kein Wissenschaftler<br />

und auch kein Politiker den deutschen<br />

und europäischen Anbietern in der Telekommunikations-<br />

und Informationsindustrie<br />

einen derartigen Impuls gegeben<br />

wie Snowden mit seinen Enthüllungen<br />

über die amerikanischen und britischen<br />

Geheimdienste.<br />

Doch die Freude in der Berliner Politik<br />

hält sich aus verschiedenen Gründen<br />

in Grenzen. Während der NSA-Skandal<br />

die Nachfrage nach deutscher Verschlüsselungssoftware<br />

unverhofft in die Höhe<br />

treibt, erlebt die deutsche Politik in doppelter<br />

Hinsicht einen Schock: Sie muss<br />

zum einen das Ausmaß der Datensammelwut<br />

der Amerikaner und Briten verdauen,<br />

gleichzeitig hat Edward Snowden<br />

mit seinen Enthüllungen den endgültigen<br />

Beweis dafür geliefert, dass Europa<br />

weder die Daten seiner Bürger wirksam<br />

schützen kann noch selbst über eine konkurrenzfähige<br />

IT-Industrie verfügt.<br />

Hardware, Software, Leitungen und<br />

Internetangebote kommen vor allem<br />

von Konzernen aus den USA – oder aus<br />

China. Auch die Infrastruktur des Internets<br />

wird von den USA aus dominiert, wo<br />

sich die Mehrzahl der wichtigsten Server<br />

befindet. Deutschland und die EU-Staaten<br />

sind bestenfalls digitale Kolonien.<br />

Was bisher aber häufig übersehen<br />

wird: Neben dem Spionagekrimi, dessen<br />

Hauptakteur er selbst ist, hat Edward<br />

Snowden mit seinen Enthüllungen<br />

auch den transatlantischen Wettbewerb<br />

um Marktanteile in der IT-Industrie neu<br />

entfacht. <strong>Der</strong> NSA-Skandal bietet Europa<br />

die wahrscheinlich letzte Chance, die Lücke<br />

zu den weit vorausgeeilten Amerikanern<br />

zu schließen.<br />

Insofern ähnelt die aktuelle Situation<br />

dem Sputnik-Schock in den USA<br />

1957, als es den Russen gelang, als erste<br />

Nation einen Satelliten ins Weltall zu<br />

schießen. Die Amerikaner waren konsterniert,<br />

aber dann setzten sie alles daran,<br />

in der Raumfahrt die Nummer eins<br />

zu werden und schickten schließlich den<br />

ersten Mann auf den Mond.<br />

Die Konstellation ist vergleichbar<br />

– Europa muss alles tun, um nicht<br />

endgültig in einem Rennen um strategische<br />

Technologien abgehängt zu werden.<br />

„Wir sind Gefangene der amerikanischen<br />

IT-Firmen. Es braucht diese Art<br />

von Skandal, um ein Bewusstsein dafür<br />

zu schaffen“, sagt Octave Klaba, Chef<br />

des französischen Konzerns OHV, der<br />

Cloud-Server anbietet, in denen Privatleute<br />

und Unternehmen ihre Daten online<br />

speichern können.<br />

Dabei hat es vorher nicht an Warnungen<br />

gefehlt: So trommelt die französische<br />

Regierung bereits seit 2011 dafür,<br />

dass wegen der strategischen Bedeutung<br />

des IT-Sektors eine europäische Gegenwehr<br />

nötig sei. Frankreich fördert den<br />

Aufbau einer eigenen Serverindustrie<br />

mit 200 Millionen Euro. Das ist zwar ein<br />

Klacks gegen die Milliarden investitionen<br />

von Internetriesen wie Microsoft, Amazon<br />

oder Google. Aber dank Snowden<br />

spürt auch die zuständige EU-Kommissarin<br />

Neelie Kroes Aufwind für ihre Pläne,<br />

mit Steuerzahlergeld die europäische<br />

IT-Branche zu fördern und eine eigene<br />

europäische Infrastruktur aufzubauen.<br />

In der Kommission wird nachgedacht,<br />

Milliarden aus den EU-Strukturfonds<br />

zur Verfolgung dieses Zieles umzuleiten.<br />

Die entscheidende Rolle bei der Aufholjagd<br />

müsste Deutschland spielen, das<br />

bisher vor allem deswegen zu den Bremsern<br />

gehört, weil man in Berlin industriepolitische<br />

Initiativen aus Paris traditionell<br />

mit Skepsis betrachtet.<br />

Ein Wandel der deutschen Position<br />

zeichnet sich aber ab. Schon bei der Eröffnung<br />

der Hannover-Messe im April<br />

hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel<br />

betont, Europa und vor allem Deutschland<br />

sollten sich mit der „Industrie 4.0“,<br />

also der Fusion von Produktion und IT-<br />

Welt, wieder eine weltweite Führungsposition<br />

erobern. <strong>Der</strong> Schock durch die<br />

NSA-Debatte liefert nun einen emotionalen<br />

Schub, um die notwendigen politischen<br />

Entscheidungen durchzusetzen.<br />

Gleichzeitig machen die Chefs der<br />

großen Industriekonzerne und die Mittelständler<br />

hinter den Kulissen Druck. Sie<br />

haben erkannt, dass ihre Unternehmen<br />

angesichts der fortschreitenden Vernetzung<br />

und Digitalisierung der Produktion<br />

zum Angriffsziel sowohl von Konkurrenten<br />

als auch von Geheimdiensten werden<br />

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Kapital<br />

Analyse<br />

können. Laut einer Umfrage des Bundesverbands<br />

der deutschen Industrie<br />

schätzen 76 Prozent der befragten deutschen<br />

Firmen ihre Betroffenheit von den<br />

NSA-Abhörmaßnahmen als „hoch“ oder<br />

sogar „sehr hoch“ ein.<br />

In den USA selbst ist die Debatte<br />

über die wirtschaftlichen Konsequenzen<br />

von Snowdens Enthüllungen in vollem<br />

Gange. Eine Studie der unabhängigen<br />

Denkfabrik Itif in Wa shington zeigt,<br />

dass die Dominanz der US-Riesen beim<br />

Ausbau der weltweiten Cloud-Kapazitäten<br />

gefährdet ist: Die Itif-Experten erwarten<br />

wegen des Vertrauensverlusts in<br />

den kommenden drei Jahren Umsatzeinbußen<br />

von 22 bis 35 Milliarden Dollar.<br />

Laut einer Umfrage des US-Verbands<br />

Cloud Security Alliance wollen nach den<br />

Snowden-Enthüllungen 56 Prozent der<br />

außerhalb der USA lebenden Befragten<br />

keine US-Clouds mehr nutzen.<br />

Genüsslich legte EU-Kommissarin<br />

Kroes kürzlich bei einem Branchentreffen<br />

in Tallinn den Finger in die Wunde:<br />

„Wenn europäische Cloud-Kunden der<br />

US-Regierung oder deren Beteuerungen<br />

nicht trauen können, werden sie vielleicht<br />

auch US-Cloud-Anbietern nicht<br />

mehr trauen.“ In anderen Worten: Die<br />

Neuverteilung der 22 bis 35 Milliarden<br />

Dollar Umsatz sollte deutsche und europäische<br />

Cloud-Firmen beflügeln, selbst<br />

in großem Maßstab in einen bereits verloren<br />

geglaubten Markt zu investieren.<br />

Eine seltsame, der bisherigen Globalisierung<br />

entgegenlaufende Rhetorik erhält<br />

Einzug: Französische Cloud-Anbieter<br />

wie der Telekommunikationskonzern<br />

SFR werben damit, dass französische Daten<br />

am sichersten in Frankreich gespeichert<br />

werden. Nun folgen die deutschen<br />

Konkurrenten mit entsprechenden Angeboten.<br />

Nach Umfragen wollen mehr als<br />

die Hälfte der deutschen Mittelständler<br />

ihre Daten tatsächlich nur noch in deutschen<br />

Rechenzentren ablegen – wenn sie<br />

überhaupt noch Clouds nutzen.<br />

Wie clever deutsche Firmen, geschickt<br />

mit nationalem Pathos untermalt,<br />

ihre neuen Geschäftschancen nutzen,<br />

zeigt sich auch in anderen Bereichen:<br />

So stellten die Firmen Deutsche Telekom<br />

und United Internet, die nach eigenen<br />

Angaben bereits über zwei Drittel<br />

des E-Mail-Verkehrs in Deutschland abwickeln,<br />

eine gemeinsame Initiative zur<br />

„Wenn die User<br />

der US‐Regierung<br />

nicht mehr<br />

vertrauen, werden<br />

sie auch den<br />

US‐Internetfirmen<br />

nicht mehr<br />

trauen“<br />

Neelie Kroes, eu-Kommissarin<br />

generellen Verschlüsselung der Mails und<br />

der Speicherung der Daten in deutschen<br />

Servern vor. Die versteckte, aber sehr<br />

erfolgreiche Botschaft: „Garantiert USfrei“,<br />

wer trotzdem noch US-Maildienste<br />

von Google, Microsoft oder Yahoo nutze,<br />

sei selbst schuld, wenn andere mitlesen.<br />

Innerhalb weniger Wochen verbuchten<br />

die beiden Anbieter neue Kunden in<br />

sechsstelliger Zahl in Deutschland.<br />

Schwachpunkt bleiben aber die Leitungsnetze,<br />

mit den von US-Unternehmen<br />

betriebenen Knotenpunkten. Deshalb<br />

rät Michael Hange, Präsident des<br />

Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnologie:<br />

„Die Datenverschlüsselung,<br />

die derzeit nur vereinzelt<br />

benutzt wird, muss zum Standard<br />

werden.“<br />

Das Start-up-Unternehmen Secomba<br />

in Augsburg hat in den vergangenen Monaten<br />

bereits einen unverhofften Ansturm<br />

auf sein Verschlüsselungssystem<br />

„BoxCryptor“ erlebt. „Viele Anfragen<br />

kommen dabei von ausländischen Kunden,<br />

weil sie an den deutschen Datenschutzstandard<br />

glauben“, sagt Geschäftsführerin<br />

Andrea Wittek. So wird der<br />

strenge deutsche Datenschutz auf ein<br />

Mal zu einem Wettbewerbsvorteil.<br />

Gleichzeitig wird in Berlin darüber<br />

nachgedacht, ob man erfolgreiche<br />

IT-Dienstleister wie Bechtle oder Cancom<br />

vor Übernahmen aus den USA<br />

oder China schützt. Dort haben die Regierungen<br />

schon längst die strategische<br />

Bedeutung des Sektors für die nationale<br />

Sicherheit erkannt, was zu massiven Produktionssubventionen<br />

und Protektionismus<br />

führt.<br />

Die schärfste Waffe Europas im<br />

Kampf gegen die US-Dominanz im<br />

IT-Sektor liegt aber in der Hand der<br />

EU-Kommission. <strong>Der</strong> neu vorgelegte Entwurf<br />

einer EU-Datenschutzverordnung<br />

könnte die großen US-Internetkonzerne<br />

vor Probleme stellen. Die Kommission<br />

will das Marktort-Prinzip einführen: Ist<br />

ein Konzern wie Google in der EU aktiv,<br />

muss er sich danach auf jeden Fall<br />

an EU-Recht halten und darf die Daten<br />

von Europäern nicht einfach herausgeben.<br />

Damit Briten und Iren nicht wie bisher<br />

straffere Datenschutzstandards anderer<br />

Mitgliedsländer wie Deutschland<br />

unterlaufen können, soll die Richtlinie<br />

in eine Verordnung umgewandelt werden.<br />

Die nationalen Regierungen hätten<br />

dann keinen Interpretationsspielraum<br />

mehr. Außerdem sieht der Entwurf vor,<br />

dass US-Firmen mitteilen müssen, wenn<br />

sie Daten europäischer Kunden an amerikanische<br />

Geheimdienste aushändigen.<br />

Einerseits droht den US-Konzernen<br />

nun, zwischen den sich widersprechenden<br />

Rechtsordnungen zerrieben zu<br />

werden. Andererseits ziehen Firmen wie<br />

Google und Facebook hier mit den Europäern<br />

an einem Strang, weil ihr gesamtes<br />

Geschäftsmodell darauf beruht, die Daten<br />

ihrer User zu sammeln, auszuwerten,<br />

Profile zu erstellen und zu verkaufen. Um<br />

das Vertrauen ihrer Kunden zurückzuerobern,<br />

verlangen die US-Konzerne von<br />

der Regierung in Wa shington, das Ausmaß<br />

der Datenabschöpfung und die geheimen<br />

Verfahren zur Anforderung von<br />

Datenprofilen transparent zu machen.<br />

Je länger der transatlantische Streit<br />

anhält, desto größer ist die Chance, dass<br />

am Ende die europäischen Internetnutzer<br />

und die deutschen IT-Sicherheitsdienstleister<br />

als Gewinner aus der NSA-Affäre<br />

hervorgehen. Dazu passt dann auch die<br />

Forderung von BSI-Präsident Hange:<br />

„Die Wirtschaft muss künftig verstärkt<br />

auf Sicherheitstechnologie ‚Made in Germany‘<br />

setzen.“<br />

So könnte die NSA-Debatte dazu<br />

führen, dass sich deutsche Unternehmen<br />

auch besser gegen die steigende<br />

Anzahl von Cyber-Attacken aus China,<br />

Russland und Iran schützen – eine Art<br />

„Kollateral-Nutzen“.<br />

Andreas rInke ist politischer<br />

Chefkorrespondent bei Reuters in Berlin<br />

100<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Stil<br />

101 – 112<br />

„Wir tragen Schwarz.<br />

Schwarz wie der<br />

dunkle Zuschauerraum.<br />

Und wir schauen raus,<br />

in die leuchtende<br />

zweite Welt, in diese<br />

wunderbare Traumwelt<br />

des Theaters“<br />

Claus Peymann, Intendant und künstlerischer Leiter des Berliner Ensembles, erklärt<br />

in „Warum ich trage, was ich trage“ sein schwarzes Königreich, Seite 112


Stil<br />

Porträt<br />

DER MANN UND DER MASSANZug<br />

Nathaniel Adams hat ein Buch über Dandys verfasst. Seit Jahren erforscht er den<br />

verfeinerten Auftritt und findet, dass gute Kleidung auch eine Frage der Höflichkeit ist<br />

Von Lena Bergmann<br />

Dem Dandy haftet ein komischer<br />

Ruf an, das weiß auch Nathaniel<br />

Adams. „Viele denken, dass einer,<br />

der dandyhaft aussieht, also besonders<br />

adrett gekleidet ist, automatisch schwul<br />

oder affektiert ist. Oder altbacken. Kein<br />

richtiger Kerl also.“<br />

Doch Adams weiß ebenso, und<br />

zwar durch jahrelanges Forschen, dass<br />

ein Kleidungsstil, der durch Maßanzüge,<br />

Einstecktücher, Manschettenknöpfe und<br />

Socken mit Seidenanteil geprägt ist, weder<br />

ein Anachronismus noch etwas für<br />

Memmen sein muss. Wie seine Studienobjekte<br />

schenkt auch er selbst – heterosexuell<br />

und in seiner Junggesellenbude mit<br />

vielen Büchern, Anzügen und Flaschen<br />

nicht besonders ordentlich – seiner Garderobe<br />

viel Aufmerksamkeit. Trotzdem,<br />

sagt er, habe er noch keinen hohen Grad<br />

der Perfektion erreicht, was seinen Auftritt<br />

betrifft.<br />

Das ist natürlich relativ. Im Bildband<br />

„I am Dandy“, der gerade im Gestalten-Verlag<br />

erschien, hat der Journalist<br />

exquisit gekleidete Herren versammelt.<br />

Markante Persönlichkeiten, oft beruflich<br />

sehr erfolgreich, für die der Krawattenknoten<br />

oder die Fliege, aber auch Weste,<br />

Manschettenknöpfe und Kopfbekleidung<br />

zur Morgenroutine gehören wie das Zähneputzen<br />

und das Urinieren. Was gibt’s<br />

da schon groß zu berichten? Fragen sich<br />

viele dieser Männer in jenem naiven<br />

Ton, den die Selbstverständlichkeit oft<br />

mit sich bringt.<br />

Sehr viel, findet hingegen Adams. Er<br />

hat sie besucht und nach ihren Ritualen<br />

und Motiven befragt. Zum Beispiel Edward<br />

Hayes, laut Adams New Yorks bestgekleideter<br />

Anwalt, der in den Achtzigern<br />

als Staatsanwalt in der Bronx für<br />

Mordfälle zuständig war und auch heute<br />

noch das Gegenteil von einem Softie darstellt.<br />

Hayes, der als Kind von seinem<br />

Unterklasse-Vater verprügelt und aus<br />

Schikane zum Schuheputzen gezwungen<br />

worden war, schwor sich damals, dass er<br />

eines Tages die besten fucking Schuhe<br />

auf Erden tragen würde. In seinen rahmengenähten<br />

Pferdeledermodellen war<br />

Hayes für den Autor Tom Wolfe dann<br />

auch Vorbild für den Anwalt in „Fegefeuer<br />

der Eitelkeiten“.<br />

Auch Wolfe traf Nathaniel Adams<br />

einmal, doch leider hat sein „höchstes<br />

Vorbild“, was Mode und das Schreiben<br />

betrifft, es nicht in sein Buch geschafft.<br />

Dafür jedoch der legendäre Journalist<br />

Gay Talese, den er während eines Gastauftritts<br />

an der journalistischen Fakultät<br />

der Columbia University kennenlernte.<br />

Adams hörte sich Taleses Ausführungen<br />

darüber an, dass es essenziell sei, sich<br />

für den Job gut zu kleiden. Eine Frage<br />

der Höflichkeit. Man solle sich gefälligst<br />

nicht nur für Beerdigungen oder Hochzeiten<br />

zurechtmachen, sondern auch für<br />

die Arbeit. Und dann wurde Nathaniel<br />

Adams eine besondere Ehre zuteil: Talese<br />

streckte den Zeigefinger auf den<br />

einzigen Studenten im Raum, der Anzug<br />

und Krawatte trug, und sagte: „Er<br />

hat es verstanden.“<br />

Was Mode betrifft, hat Adams tatsächlich<br />

einiges verstanden. Er klingt,<br />

als hätte er eine Enzyklopädie der Männerbekleidung<br />

in der einen Innentasche<br />

seines maßgeschneiderten Anzugs – und<br />

eine kulturhistorische Erörterung der Lebensgewohnheiten<br />

in der anderen.<br />

<strong>Der</strong> 29-Jährige wuchs in New York<br />

auf, als Sohn einer gebürtigen Inderin<br />

und eines Amerikaners. Seine Mutter<br />

unterrichtet an der New York University<br />

Literatur, sein Vater ist Psychoanalytiker.<br />

Beide haben ihn mit ihrem eher<br />

gemütlichen Stil nicht zu seiner verfeinerten<br />

Garderobe inspiriert. Doch schon<br />

im College widmete er sich dem Thema<br />

Dandytum wissenschaftlich. Schließlich<br />

gewann er als Student der Columbia für<br />

ein Buch-Exposé über Dandys ein Stipendium.<br />

Das ermöglichte es ihm, das<br />

Phänomen zu erforschen. Er begab sich<br />

zunächst nach London, wo er die Archive<br />

des ältesten Herrenausstatters der<br />

Savile Row, Meyer & Mortimer studierte.<br />

„Als Erstes wurden dort Uniformen genäht<br />

– ich fand Skizzen für Ausstattungen,<br />

die Soldaten für Waterloo bestellt<br />

hatten.“ Er reiste nach Frankreich und<br />

Italien und schließlich bis in den Kongo<br />

und nach Südafrika, um Kleidungsrituale<br />

zu untersuchen. Sein Vater hatte Angst,<br />

dass ihm etwas zustoßen würde, wenn<br />

er an solchen Orten im Anzug aufkreuzen<br />

würde.<br />

Seinen ersten maßgeschneiderten<br />

Anzug kaufte Adams aus zweiter Hand,<br />

in einem Laden im New Yorker West Village.<br />

Ein Mann aus der Nachbarschaft<br />

mit exakt seinen Maßen war gestorben,<br />

und immer, wenn es sich Adams leisten<br />

konnte, erstand er ein weiteres Stück<br />

aus dessen Garderobe. Er wundere sich<br />

heute oft, warum so viele Menschen die<br />

ästhetisch fragwürdige Bequemisierung<br />

der Kleiderschränke mitgemacht haben.<br />

„<strong>Der</strong> Jogginganzug steht für mich für<br />

den absoluten Untergang“, sagt Adams.<br />

Sein Äußeres hat mit einem Jogginganzug<br />

so wenig gemein wie ein Plastikstuhl<br />

mit einem Regency-Sofa. <strong>Der</strong> Dolchstoß<br />

für den gepflegten Auftritt sei die Hippie-Bewegung<br />

gewesen, „danach haben<br />

die Menschen nie wieder in ordentliche<br />

Kleidung zurückgefunden. <strong>Der</strong> neue<br />

Freiheitsdrang hatte damals natürlich<br />

politische und sexuelle Motive – aber<br />

er hatte fatale Auswirkungen auf die<br />

Garderobe.“<br />

lENA Bergmann leitet das<br />

Ressort Stil von <strong>Cicero</strong><br />

Foto: Rose Callahan/The Dandy Portraits<br />

102<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Stil<br />

Hausbesuch<br />

Allürenfreie<br />

zone<br />

Von<br />

Ralf Eibl<br />

Fotos: Wolfgang Stahr<br />

Die Stararchitektin Annabelle Selldorf schafft es,<br />

sogar eine Recyclinganlage ästhetisch aussehen zu<br />

lassen: Markant, minimalistisch, klar. So hat sie auch<br />

ihre Wohnung gestaltet. Ein Besuch in Manhattan<br />

105<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Stil<br />

Hausbesuch<br />

Sie selbst würde es niemals so sagen,<br />

aber Annabelle Selldorf ist bereits<br />

zu Lebzeiten eine deutsche Architektur-Ikone.<br />

Seit Jahren schon überzeugt<br />

sie in Manhattan, dieser stets<br />

rasanten wie manchmal auch oberflächlichen<br />

Metropole, mit ästhetischer Klarheit.<br />

Ihre Entwürfe sind frei von Allüren.<br />

„Ich will hoffen, dass die Reise noch<br />

lange nicht zu Ende ist“, sagt die aus Köln<br />

stammende Architektin mit einem knappen<br />

Lächeln.<br />

Gerade hat sie an den Ufern Brooklyns<br />

die größte städtische Recyclinganlage<br />

der Vereinigten Staaten fertiggestellt.<br />

Metall, Plastik und Glas werden<br />

von nun an in einem markant-futuristischen<br />

Gebäude verarbeitet. Alles, was<br />

die New Yorker in ihren fünf Stadtteilen<br />

wegwerfen, landet dort. Die Anlage<br />

funktioniert mit ihren Verarbeitungsbahnen<br />

wie ein riesiges Sortier- und Schauwerk.<br />

Das gesammelte Material wird<br />

angeliefert – hauptsächlich in Kähnen –,<br />

sortiert, verarbeitet und weiterversandt.<br />

Besuchergruppen kommen an, beobachten<br />

die Arbeiten über einen Glaskorridor<br />

und können ihre Erkenntnisse in Seminarräumen<br />

vertiefen.<br />

Annabelle Selldorf hat es geschafft,<br />

Recycling und Ästhetik zu verbinden.<br />

„Das neue Terminal in Brooklyn ist aber<br />

schön geworden, wo geht’s denn jetzt<br />

zum Abflugschalter?“, könnte sich der<br />

Betrachter der Recyclinganlage fragen.<br />

Sofa und Sessel entwarf Selldorf<br />

für ihre Einrichtungslinie Vica,<br />

benannt nach der<br />

Kölner Einrichtungsfirma<br />

ihrer Großmutter<br />

Einen klaren architektonischen Ton<br />

in diese Art von Infrastrukturprojekt zu<br />

bringen, ist schon eine Leistung: „Diese<br />

Feinarbeit hat mir große Freude bereitet“,<br />

sagt sie.<br />

Selldorf gestaltete bislang vor allem<br />

unzählige Galerien und Museen für Auftraggeber<br />

aus der Kunstwelt. Dazu gehören<br />

Ronald Lauders Neue Galerie, ein<br />

Museum für deutsche und österreichische<br />

Kunst wie Design an der Fifth Avenue<br />

oder auch die Ausstellungsräume der Galeristen<br />

Michael Werner, Hauser & Wirth<br />

oder David Zwirner. Die amerikanische<br />

Fachzeitschrift Art+Auction hat<br />

Fotos: Wolfgang Stahr<br />

106<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Annabelle Selldorf in den Kreis der hundert<br />

einflussreichsten Persönlichkeiten<br />

der Kunstwelt eingereiht. Ihre Galerie<br />

für David Zwirner, der wie sie ursprünglich<br />

aus Köln stammt, ist eine der<br />

schönsten Betonfassaden New Yorks geworden.<br />

Beton ist für jeden Architekten<br />

ein magisches Material, weil er grenzenlose<br />

Formenfreiheit zulässt. Selldorf hat<br />

es jedoch nicht nötig, mit Extravaganz<br />

zu beeindrucken.<br />

In Zwirners neuer Galerie an der<br />

20. Straße geht es vor allem darum, die<br />

Kunst ins rechte Licht zu setzen und nicht<br />

die Hülle, die sie umgibt. Riesige Oberlichter<br />

lenken Tageslicht genau dorthin,<br />

wo es in der Galerie gebraucht wird.<br />

„Meine Arbeit hat wenig mit Stil zu<br />

tun. Architektur und Stil sind zwei unterschiedliche<br />

Dinge. Ich versuche, die<br />

Dinge mit Rationalität und Klarheit anzugehen.<br />

Im Grunde bilde ich Porträts<br />

ab.“ Es sind Bildnisse der Charaktere und<br />

Wünsche ihrer Kunden. „Wenn ich für<br />

Sie ein Haus bauen würde, wollte ich erst<br />

mal sehr viel über Sie wissen. Dass das<br />

Ergebnis hinterher meine Handschrift<br />

trägt, ist auch klar.“<br />

Wer also mehr über Annabelle<br />

Selldorfs eigenes ästhetisches Selbstporträt<br />

wissen will, der muss in ihre Wohnung<br />

vordringen. Und da ist bereits die<br />

Adresse im Greenwich Village nahe dem<br />

Washington-Square-Park ein New Yorker<br />

Klassiker: One Fifth Avenue. Die Nummer<br />

eins im Süden der berühmtesten<br />

Straße der Stadt. Das Art-Déco-Hochhaus<br />

mit einem Portier im Empfangsbereich,<br />

der eine naturgegebene Autorität<br />

ausstrahlt, dass man gar nicht daran denken<br />

würde, sich an ihm vorbeizuschleichen.<br />

Hier wohnt man nicht einfach –<br />

Mitglied dieser Hausgemeinschaft zu<br />

sein, heißt zum Inventar der Stadt zu<br />

gehören.<br />

Die 160 Quadratmeter, auf denen<br />

Selldorf lebt, sind die Antithese zu dem<br />

Loft in Soho am Anfang ihrer Karriere<br />

in New York. „Zu dieser Zeit war nichts<br />

drin außer einem Tisch und einem Futon.“<br />

Damals hat Selldorf mit der Renovierung<br />

einer kleinen Küche ihre Laufbahn<br />

begonnen.<br />

Inzwischen hat sich auch ihre Wohnung<br />

mit Artefakten aus der eigenen<br />

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Stil<br />

Hausbesuch<br />

Fotos: Wolfgang Stahr<br />

Vita befüllt. Jedem Besucher fällt zunächst<br />

der Streifencode ins Auge, denn<br />

Selldorf hat in der ganzen Wohnung am<br />

Boden 30 Zentimeter breite Marmorstreifen<br />

verlegen lassen. „Die Handwerker<br />

haben mich verflucht, weil es<br />

unglaublich schwer war, die Streifen anzupassen.“<br />

Am Marmor wie am Beton<br />

schätzt sie die Ruhe in der Farbigkeit.<br />

Umso mehr wirken auf den Steinplanken<br />

die Vintage-Möbel ihrer Eltern und<br />

die Antiquitäten aus Fernost. „Auf die<br />

chinesischen Hartholz-Möbel geht doch<br />

alles zurück: Die Klarheit, die Funktionalität<br />

und die Qualität des Handwerks<br />

Auf das Rad könnte die<br />

gebürtige Kölnerin nicht<br />

verzichten: Seit Jahren fährt<br />

sie damit zu ihrem Büro am<br />

Union Square<br />

faszinieren mich“, sagt Selldorf und bemerkt,<br />

dass ein Bild nicht gerade hängt.<br />

Schnell rückt sie es wieder ins Lot. Sie<br />

achtet auf Details.<br />

Im Zentrum des Essbereichs stehen<br />

die Stahlrahmen-Stühle, die ihre Mutter<br />

Dorrit Selldorf entworfen hatte. <strong>Der</strong><br />

Glastisch mit einem an ein italienisches<br />

Design erinnernden Holzgestell wiederum<br />

ist von ihrem Vater, dem Architekten<br />

Herbert Selldorf. Es sind nicht die<br />

einzigen Familienmöbel in dem Apartment:<br />

„Meine Eltern haben oft zusammengearbeitet,<br />

ich lasse einige ihrer Entwürfe<br />

jetzt wieder herstellen.“<br />

Selldorf vertreibt diese wie auch ihre<br />

eigenen Designs über die Möbellinie Vica,<br />

benannt nach der Kölner Einrichtungsfirma<br />

ihrer Großmutter. Ihre Eltern sind<br />

beide verstorben, aber eine schönere<br />

Hommage hätten sie sich womöglich<br />

nicht vorstellen können. „Meine Mutter<br />

hatte unglaublich guten Geschmack. Sie<br />

hatte Stil. Nur was macht Stil heute aus?<br />

Stil wird zu oft als Extravaganz missverstanden,<br />

mehr als alles andere geht<br />

es doch um Persönlichkeit.“<br />

Ralf Eibl schreibt als freier Autor<br />

über Wohn- und Reisethemen. Diesen<br />

Monat erscheint im Callwey-Verlag<br />

sein Buch „Stilikonen unserer Zeit“, aus<br />

dem wir diese Geschichte vorabdrucken.<br />

Er interviewte dafür 20 stilprägende<br />

Frauen in ihrem Zuhause<br />

108<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Es ist Zeit,<br />

mal wieder<br />

über Gott<br />

und die Welt<br />

zu reden.


Stil<br />

Interview<br />

„irgendwann WERDEN<br />

wir BREit UND Eckig“<br />

Die Modejournalistin Melissa Drier über die<br />

Herausforderung, modisch würdevoll zu altern<br />

Frau Drier, als Sie erfahren haben, worum<br />

es in unserem Interview gehen soll,<br />

sagten Sie: „Das ist ein heikles Thema.“<br />

Auf die Veränderungen, die sich mit<br />

dem Älterwerden einstellen, ist keine<br />

Frau vorbereitet. Wir wissen, irgendwann<br />

wird unsere Taille verschwinden,<br />

irgendwann werden wir breit und eckig.<br />

Männer dagegen schrumpfen eher und<br />

fallen in sich zusammen. Für mich funktioniert<br />

es momentan noch. Ich mag<br />

60 sein, aber ich fühle mich immer noch<br />

wie ein Kind! Und doch gibt es immer<br />

wieder Zeiten, in denen ich über Jahre<br />

hinweg keine Hosen kaufen kann, weil<br />

Entspannt und ärmellos. Melissa<br />

Drier, Berlin-Korrespondentin der<br />

angesehenen Modezeitschrift<br />

„Women’s Wear Daily“, in ihrer<br />

Wohnung in Berlin-Charlottenburg<br />

nichts, was angeboten wird, meiner Silhouette<br />

entspricht. Ich bin wirklich gespannt,<br />

was ich machen werde, wenn ich<br />

alt und knochig bin. Früher gab es einen<br />

fast verbindlichen Look für Leute,<br />

die älter wurden. Irgendwie schwarz und<br />

unauffällig – der Witwenstil. Seit alle<br />

Schwarz tragen, funktioniert das nicht<br />

mehr. Heute tragen Kids den Look der<br />

60-Jährigen und andersherum. Ich finde<br />

das blödsinnig, erwarte aber auch nicht,<br />

dass sich das so schnell wieder ändert.<br />

Ihr Landsmann, der amerikanische Designer<br />

Michael Kors, findet das super.<br />

Foto: Mary Scherpe<br />

110<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Neulich sagte er, dass es altersgemäße<br />

Garderobe nicht mehr gäbe, und heute<br />

alle mehr oder weniger aussähen, als<br />

wären sie 30 Jahre alt.<br />

Das Problem ist, dass sich die<br />

Schnitte überall gleichen und nicht zu<br />

den Körpern der meisten Frauen passen.<br />

Junge Mädchen sind die einzigen, die in<br />

der aktuellen Mode gut aussehen. Die allgemeine<br />

Entwicklung hilft älteren Frauen<br />

wirklich nicht. Niemand scheint sich dafür<br />

zu interessieren, was sie brauchen und<br />

wollen. Großzügigere Schnitte, Ärmel,<br />

ein bisschen hochgeschlossener – das machen<br />

nur wenige Labels. Also geben die<br />

Frauen irgendwann auf und kaufen nur<br />

noch Hosen mit elastischem Bund. Dasselbe<br />

gilt für ihre Haare. Nie im Leben<br />

werde ich mir so einen schrecklichen Herrenhaarschnitt<br />

zulegen! Manche Frauen<br />

fangen das schon mit 40 an und signalisieren<br />

damit, dass es sie nicht mehr interessiert,<br />

wie sie aussehen. Anders ist es natürlich,<br />

wenn man eine radikale Lesbe ist<br />

und diesen Schnitt wirklich liebt.<br />

Warum spielen Frauen ab einem gewissen<br />

Alter überhaupt gar keine Rolle<br />

mehr in der Mode? Warum gibt es für<br />

sie nur noch „Kleidung“?<br />

Es ist nicht sexy, für diese Leute zu<br />

entwerfen. Das ist sehr kurzsichtig, sowohl<br />

von der Industrie als auch von den<br />

Einzelhändlern. Denn leider ist auch die<br />

Zeit von Spezialgeschäften vorbei. Früher<br />

gab es so etwas, aber heute konzentrieren<br />

sich alle auf die gleiche kleine<br />

Zielgruppe.<br />

Da teilen ältere Frauen das Schicksal<br />

von Übergewichtigen. <strong>Der</strong> Bedarf ist<br />

eindeutig da, nur in Sachen Angebot<br />

herrscht ein eklatanter Mangel. Die<br />

Schönheitsindustrie hingegen wirft<br />

ständig neue Produkte für die alternde<br />

Frau auf den Markt.<br />

Kein Designer scheint sich für die<br />

realistischen Körperformen seiner Kundinnen<br />

zu interessieren. Harper’s Bazaar<br />

brachte vor kurzem diese Geschichte,<br />

„Look Fabulous in Every Age“. Bemerkenswert<br />

ist, dass sie auch Frauen in ihren<br />

Sechzigern und Siebzigern zeigen.<br />

Jane Fonda, Jerry Hall – beide überragen<br />

mich um einen halben Meter! Was<br />

soll ich mit diesen Outfits? Ich kann das<br />

nicht tragen. Aber wer weiß, vielleicht<br />

sehen wir demnächst 70-Jährige in knöchelhohen<br />

Hightop-Sneakers von Martin<br />

Margiela? Ich fände das gut.<br />

Gibt es in Deutschland Ihrer Meinung<br />

nach trotzdem Frauen, die sich gut<br />

kleiden?<br />

Ich finde zum Beispiel, dass Christiane<br />

Arp super aussieht, die Chefredakteurin<br />

der deutschen Vogue. Im<br />

Fernsehen sieht man jedenfalls fast nie<br />

irgendwelche vernünftig gekleideten<br />

Frauen. Nur Don’ts, keine Dos. Woher<br />

sollen die Leute also auf gute Ideen<br />

kommen?<br />

Was wäre so ein Don’t?<br />

Goldschmuck und Pelz machen alt.<br />

Und natürlich ein zu dunkler Teint. Konturenstift<br />

für die Lippen – oh Schreck!<br />

Was sagen Sie zu Angela Merkel?<br />

Zunächst einmal muss man sagen,<br />

dass sie in Realität viel besser aussieht<br />

als auf Fotos oder im Fernsehen. Grundsätzlich<br />

würde ich nichts an ihrem Stil ändern,<br />

ganz sicher würde ich nicht versuchen,<br />

sie „femininer“ aussehen zu lassen.<br />

Das würde schnell in Richtung Transvestit<br />

gehen. Ich würde nur an der Qualität<br />

ihrer Outfits feilen und versuchen, ihr<br />

diese melonenfarbenen Jacketts auszureden,<br />

die allerdings auch schon besser<br />

aussähen, wenn sie aus hochwertigerem<br />

Material gefertigt und besser geschnitten<br />

wären. Schöne Schuhe und, angesichts<br />

des jüngsten Erfolgs ihrer Halskette,<br />

etwas feiner Schmuck – das ist es,<br />

was ich unter Powerdressing verstehe.<br />

Ursula von der Leyen sieht auch gut aus.<br />

Warum? Weil sie Persönlichkeit besitzt.<br />

Das bewirkt Wunder. Es gibt Frauen, die<br />

sich nur für Männer kleiden. Ich war immer<br />

ein man repeller und habe Gott sei<br />

Dank stets Männer gefunden, die das lustig<br />

fanden.<br />

Ist das vielleicht Teil des Problems? Wissen<br />

diese Frauen, die sich nur für Männer<br />

kleiden, ab einem bestimmten Alter<br />

nicht mehr, was sie anziehen sollen und<br />

warum überhaupt?<br />

Wenn das der einzige Sinn ist, dann<br />

geht der irgendwann verloren. Ich wollte<br />

immer interessant aussehen, viel lieber<br />

als hübsch. Wann hat das überhaupt<br />

angefangen, dass alle immer sexy sein<br />

wollten? Für mich ist das nichts weiter als<br />

vulgär. Ein anderes Problem stellt ganz<br />

sicher der Moment dar, in dem man aus<br />

der Arbeitswelt ausscheidet. Wenn man<br />

sich nicht gut kleiden muss, tut man es<br />

nicht – außer es ist Teil der Persönlichkeit.<br />

Das gilt für junge Leute ganz genauso.<br />

Geht es Frauen in Italien oder Frankreich<br />

genauso wie hierzulande?<br />

In Paris, etwa im 16. Arrondissement,<br />

gibt es viele Frauen, die einen sehr klassischen<br />

Stil pflegen. Ich finde den ein wenig<br />

langweilig, aber sie sehen ziemlich<br />

gut damit aus.<br />

Dann ist es ein kulturelles Problem?<br />

Na ja, Paris ist auch nicht Frankreich.<br />

Aber auch in Deutschland kann man nun<br />

mal nichts kaufen, was nicht angeboten<br />

wird. Es ist eine Tragödie, dass heute<br />

alle nur Schrott haben – davon aber sehr<br />

viel. Es gibt einfach keine guten Kleider<br />

mehr! Es gibt von Generation zu Generation<br />

weniger Leute, die mit wirklich<br />

guten Stoffen und Schnitten aufgewachsen<br />

sind und die Missoni von Armani unterscheiden<br />

können. Früher haben Leute<br />

viel weniger angeschafft, sie tragen diese<br />

Sachen aber bis heute. Manchmal, wenn<br />

ich eine Dame in einem tollen Sechziger-Jahre-Mantel<br />

oder einer guten Handtasche<br />

auf der Straße sehe, spreche ich sie<br />

darauf an. Vielleicht bin ich reaktionär,<br />

aber ich finde, wir sehen insgesamt alle<br />

nicht viel besser aus als noch früher. Das<br />

Straßenbild deprimiert mich.<br />

Wie lautet Ihr Rat?<br />

Zwanghaft jung aussehen zu wollen,<br />

ist immer falsch. Die Leute sollten in<br />

Qualität investieren. Wenn du jung bist,<br />

kannst du auch Sachen tragen, die nicht<br />

so gut gemacht sind. Später geht das nicht<br />

mehr. Jeder sollte sich seiner Persönlichkeit<br />

entsprechend kleiden, das macht lebendig<br />

und attraktiv. Ich trage auch Sachen,<br />

die sicherlich fürchterlich an mir<br />

aussehen, die ich aber nun mal liebe –<br />

Baggy-Pants zum Beispiel. In der Mode<br />

geht es um Spaß. Die Leute sollten ihren<br />

Stil kennen und daraus die Konsequenzen<br />

ziehen. Und: Jeder sollte die Freiheit<br />

haben, seinen schlechten Geschmack<br />

auszuleben.<br />

Das Gespräch führte Anne Waak<br />

111<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Stil<br />

Kleiderordnung<br />

Foto: Thomas Kierok für <strong>Cicero</strong><br />

CLAus PEYMANN<br />

Ich habe es nicht schwer. Ich trage ja<br />

ohnehin nur Schwarz. Wahrscheinlich<br />

ist es so, dass dieses Schwarz, was<br />

viele Theaterleute tragen, nicht und keineswegs<br />

der Ausdruck einer depressiven<br />

oder resignativen oder gar trauernden<br />

Grundhaltung wäre, sondern der Ausdruck<br />

des Komplementärs. Das heißt, die<br />

Farben, die überlassen wir den Schauspielern.<br />

Die Farben, das ist die Bühne.<br />

Die Farben, das ist die Vorstellung, die<br />

Verrücktheit, das sind die Clowns in der<br />

Szene.<br />

Und wir selber, wir Schwarzen, wir<br />

verschwinden. Die Schauspieler fragen<br />

bei der Premiere: „Und wann kommen<br />

die Schwarzen?“ Die Schwarzen, das ist<br />

dann der Kapellmeister, der Regisseur,<br />

das sind die vom Bühnenbild, das ist die<br />

Kostümbildnerin. Bei der Kostümbildnerin,<br />

da schleicht sich auch mal ein kurzer<br />

Rock ein, aber das ist auch schon das<br />

Äußerste, was wir wagen. Das Schwarz<br />

ist so schwarz wie der verdunkelte Zuschauerraum,<br />

in dem wir sitzen. Und wir<br />

schauen raus, in die leuchtende zweite<br />

Welt, in diese wunderbare Traumwelt<br />

des Theaters, da sind dann die wirklich<br />

schrillen und wahnsinnigen Farben, die<br />

kurzen Röcke, die geilen Schuhe, die heißen<br />

Dekolletés.<br />

Es gibt auch Theater, die unten bunt<br />

sind und auf der Bühne schwarz. Ich habe<br />

es lieber umgekehrt. Also nicht die Papageien<br />

im Parkett, die eitlen, sich zur<br />

Schau stellenden Veranstalter. Ich glaube,<br />

so ist es richtig. Und das hat bei mir auch<br />

eine Entsprechung, wie ich lebe. In meinem<br />

Haus ist auch nichts. Kahle Wände,<br />

sodass Platz ist für Träume, für Fantasien,<br />

für Bühnenfiguren, für Konzepte,<br />

für Szenen. Manchmal bevölkert sich<br />

dann dieses leere Haus mit Bühnenfiguren,<br />

an denen ich gerade arbeite.<br />

Claus Peymann, 76, ist seit<br />

1999 Intendant und<br />

künstlerischer Leiter des<br />

Berliner Ensembles<br />

Wenn wir neue Leute engagieren,<br />

kommen die noch so ganz hoffnungsvoll<br />

bunt. Langsam werden die dann eingeschwärzt,<br />

langsam sind wir dann alle<br />

schwarz. Es ist aber nicht angeordnet,<br />

sondern eine Geisteshaltung. Schwarz<br />

lässt so viel zu. Wir haben die wunderschönsten<br />

Frauen im Haus, die haben<br />

schwarze Kleider, dass einem der Atem<br />

wegbleibt. Schwarz ist die schönste Farbe,<br />

weil sie so viel zulässt. Mir gefällt das<br />

schwarze Königreich am BE.<br />

Meine komplette Kleidung kaufe<br />

ich bei Thomas I <strong>Punk</strong>t am Hamburger<br />

Gänsemarkt. Ein relativ kleiner Laden,<br />

da habe ich das gefunden, womit<br />

ich gut auskomme, interessanterweise ist<br />

das auch der Laden, wo Elfriede Jelinek<br />

oder Kirsten Dene gelegentlich einkaufen.<br />

Da kaufe ich schwarze Sakkos und<br />

schwarze Hosen. Dazu trage ich T-Shirts,<br />

eigentlich durchgehend, die sind meine<br />

zweite Haut. Ich bin ein absoluter Krawattengegner.<br />

Ich denke dann, ich werde<br />

erwürgt. Manchmal binde ich mir eine<br />

um, wenn ich denke, ich muss, doch die<br />

verschwindet dann spätestens beim ersten<br />

Toilettengang.<br />

Aufgezeichnet von Lena Bergmann<br />

112<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Salon<br />

113–137<br />

„ Kein Mensch kann<br />

ohne etwas leben,<br />

das er bejahen kann “<br />

<strong>Der</strong> Philosoph Wilhelm Schmid erklärt im Bibliotheksporträt auf Seite 128<br />

seine Lebenskunst und warum Sinn wichtiger ist als Glück


Salon<br />

Porträt<br />

die Stille NACH DEM biss<br />

Hörspielregisseur Klaus Buhlert ist der Beste seiner Zunft. Jetzt hat er Elias Canettis<br />

„Die Blendung“ inszeniert – mit eigener Musik und Klangwelten von Peking bis Wien<br />

Von florian WElle<br />

Klaus Buhlert, groß, schlank, grau<br />

meliertes Haar, sitzt im Studio 10<br />

des Bayerischen Rundfunks. Er<br />

lauscht konzentriert, welche Sprechhaltungen<br />

ihm Manfred Zapatka anbietet,<br />

und kommentiert: „Das Absurde<br />

kannst du noch steigern.“ „Mehr Atem,<br />

aber die Haltung war super.“ Dann erhebt<br />

Zapatka erneut seine unverwechselbare,<br />

wie ein altes Akkordeon klingende<br />

Stimme. Bis der 63-jährige Hörspielregisseur<br />

und Komponist zufrieden ist: „Gut,<br />

die Version nehmen wir.“<br />

Buhlert und der feinnervige Charakterdarsteller<br />

arbeiten an der Erzählerpartie<br />

für das Hörspiel „Die Blendung“<br />

nach Elias Canettis gleichnamigem Roman.<br />

Die zwölfteilige Koproduktion von<br />

BR und ORF, an der unter anderem noch<br />

Birgit Minichmayr und Samuel Finzi beteiligt<br />

sind, wird ab dem 6. Oktober im<br />

BR urgesendet. Einen Monat später erscheint<br />

eine Box mit den CDs.<br />

<strong>Der</strong> spätere Literaturnobelpreisträger<br />

Canetti hat sein Erstlingswerk Anfang<br />

der dreißiger Jahre in Wien geschrieben.<br />

Die Intention des gebürtigen<br />

Bulgaren: „Die Welt war zerfallen, und<br />

nur wenn man den Mut hatte, sie in ihrer<br />

Zerfallenheit zu zeigen, war es noch<br />

möglich, eine wahrhafte Vorstellung von<br />

ihr zu geben.“ In der Tat gibt es kaum einen<br />

zweiten Roman der Weltliteratur, der<br />

nur verrückte, gewalttätige und niederträchtige<br />

Protagonisten kennt, und der<br />

dennoch einen derart faszinierenden Sog<br />

entfaltet. <strong>Der</strong> Geschichte um den bibliomanen<br />

Sinologen Peter Kien, die geldgierige<br />

Haushälterin Therese Krumbholz<br />

und den sadistischen Hausmeister Benedikt<br />

Pfaff kann man sich nicht entziehen.<br />

„Ein literarisches Monster“ hat Hans<br />

Magnus Enzensberger das Buch genannt,<br />

das von Canetti als Aufgalopp zu dem<br />

dann nie ausgeführten Prosazyklus<br />

„Comédie Humaine an Irren“ gedacht<br />

war. „Die Blendung“ sollte sein einziger<br />

Roman bleiben. Von einem „Menschenhasser-Roman“<br />

spricht Klaus Buhlert,<br />

nachdem die Aufnahmen beendet sind<br />

und sich ein müder Manfred Zapatka mit<br />

den Worten verabschiedet hat: „Wie Sie<br />

sehen, bin ich völlig erschöpft. So geht<br />

es mir jeden Tag.“<br />

Buhlert, der Akustik und Informatik<br />

studierte und eine Gastprofessur für<br />

Elektronische Musik an der TU Berlin<br />

innehat, besitzt dank seiner Musikalität<br />

die Fähigkeit, die besondere Stimmung<br />

elaborierter Romankonstrukte herauszuhören<br />

und in akustische Klangfarben<br />

zu übersetzen. Zu jeder Inszenierung erstellt<br />

er selbst die Textfassung und komponiert<br />

die Musik – in der „Blendung“ ist<br />

es eine Mischung aus Wiener Schrammelmusik,<br />

Peking-Oper und Free Jazz.<br />

Buhlert und Zapatka sind seit Jahren<br />

befreundet. <strong>Der</strong> Schauspieler war schon<br />

bei Buhlerts Bearbeitungen von Robert<br />

Musils „Mann ohne Eigenschaften. Remix“,<br />

Hermann Brochs „Die Schlafwandler“<br />

und bei James Joyces „Ulysses“<br />

dabei – mit 22 Stunden die aufwendigste<br />

deutsche Rundfunkproduktion überhaupt.<br />

Bis dahin bereits hochdekoriert,<br />

gewann Buhlert mit „Ulysses“ dann alles,<br />

was man gewinnen kann: „Hörbuch<br />

des Jahres 2012“, „Preis der deutschen<br />

Schallplattenkritik“, „Deutscher Hörbuchpreis“<br />

2013 in der Kategorie „Bestes<br />

Hörspiel“. Nun besteigt Buhlert mit<br />

der „Blendung“ erneut ein Himalaya-hohes<br />

Textmassiv. Warum?<br />

Die sperrigen Schwergewichte der literarischen<br />

Moderne haben es ihm angetan:<br />

Melville, Kafka, Musil, Broch, Joyce.<br />

So verwundert es nicht, dass die Wahl<br />

auf Canetti fiel. „Diese Autoren“, sagt<br />

Buhlert, „bieten so viel an Erfahrung und<br />

Erkenntnis.“<br />

Entscheidend aber dürfte eine biografische<br />

Parallele gewesen sein. 1972<br />

wagte der in Oschersleben in Sachsen-Anhalt<br />

Geborene die Flucht aus<br />

der DDR. Unerträglich war dem damals<br />

22-jährigen Musiker die „maskenhafte<br />

Welt engstirniger Parteisekretäre, Offiziere<br />

und Polizisten“ geworden. Erst verbot<br />

man seine Jazz-Rock-Band, dann ließ<br />

man ihn trotz bestandener Aufnahmeprüfung<br />

nicht an der Filmhochschule<br />

Potsdam-Babelsberg studieren. Im Westen<br />

macht er sich Anfang der neunziger<br />

Jahre als Komponist für Theater, Radio<br />

und Film einen Namen. Eine enge<br />

Freundschaft verband ihn mit George<br />

Tabori. Für Oliver Stones „Natural Born<br />

Killers“ lieferte er einen Musiktitel.<br />

Buhlert zieht eine Parallele zwischen<br />

der grotesken Komik der „Blendung“, bei<br />

der einem das Lachen im Halse stecken<br />

bleibt, und seiner geglückten Flucht. Canetti<br />

sieht Lachen und Fressen verschwistert.<br />

Das Lachen in seinem Roman ist gewalttätiger<br />

Natur, es ist das Lachen nach<br />

dem Fangbiss und kurz vor dem Gefressenwerden.<br />

„In einer ganz ähnlichen Situation“,<br />

erklärt Buhlert, „befand ich<br />

mich damals. Auch das ist für mich das<br />

Spannende an dem Buch. Denn zwischen<br />

Fangbiss und Schluckvorgang hat man<br />

noch Entscheidungsspielraum. Mir stellte<br />

sich die Frage: Nehme ich das Risiko der<br />

Flucht auf mich, bevor ich von dem Apparat<br />

verschluckt werde, oder nicht?“<br />

Zum Glück ist er das Risiko damals<br />

eingegangen. Künftig will Klaus Buhlert<br />

weniger Literatur für das Hörspiel adaptieren,<br />

sondern verstärkt eigene Texte<br />

schreiben und inszenieren. Diese Freiheit<br />

nimmt er sich.<br />

Florian Welle ist mit den<br />

Kassetten der Krimireihe „Die drei ???“<br />

aufgewachsen. Er verfolgt die Hörspiele<br />

von Klaus Buhlert seit vielen Jahren<br />

Foto: Antje Berghäuser für <strong>Cicero</strong><br />

114<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Salon<br />

Porträt<br />

Heilandzack, ein TotENBEtt<br />

Sibylle Lewitscharoff erhält den Georg-Büchner-Preis. In ihrem famosen Werk treten<br />

Menschen auf und Engel, schwäbische Krämerseelen und bulgarische Hallodris<br />

Von AlexANDER Kissler<br />

Foto: Jürgen Bauer [M]<br />

Romifiziert sei sie. Wieder einmal.<br />

Wie vor elf Jahren, als sie<br />

in der Heiligen Stadt für den Roman<br />

„Montgomery“ recherchierte. Nun<br />

sitzt Sibylle Lewitscharoff im Garten der<br />

Villa Massimo, wo die Deutsche Akademie<br />

Rom beheimatet ist. <strong>Der</strong> Chor der<br />

Grillen steigert sich zum Crescendo, der<br />

Wind hält Siesta, die hartnäckigste aller<br />

römischen Fliegen umkreist den Tisch.<br />

Nebenan, in der Atelierwohnung, ihrer<br />

Stipendiatenbleibe für ein Jahr, feilt sie<br />

gleich an der Rede zum Büchner-Preis,<br />

der ihr am 26. Oktober verliehen wird.<br />

Und an dem Krimi „Killmousky“, einem<br />

„Zwischenstückchen“. Und sammelt<br />

Ideen für das nächste Romanprojekt:<br />

In einen Kongress der Dante-Forscher<br />

fahren himmlische Zungen nieder. Ein<br />

veritables Pfingstwunder zu Rom, im<br />

21. Jahrhundert.<br />

Sibylle Lewitscharoffs erzählerische<br />

Welt ist von Engeln und Menschen bevölkert,<br />

von Schlaflosigkeiten und Träumen<br />

und sonderbaren Todesfällen, von<br />

Vätern, die sich aus dem Staub machen,<br />

Heiligen, die am Leben abprallen, und<br />

immer von viel Aberwitz und einer großen<br />

Dosis Stuttgart-Degerloch. Dort kam<br />

Lewitscharoff 1954 zur Welt, dort ließ<br />

sie 2003 ihren Montgomery herstammen,<br />

diesen sonderbaren Filmproduzenten. Er<br />

will in Rom „Jud Süß“ verfilmen und fällt<br />

dabei zurück in die Kuttel- und Gaisburger-Marsch-Tage<br />

der Kindheit – o du<br />

„Blitzsauberkeit“! Natürlich war auch der<br />

Held des folgenden Romans „Consummatus“,<br />

der Deutschlehrer und Jenseitserforscher<br />

und Alt-Rock-and-Roller Ralph<br />

Zimmermann, mit Schwabenschläue gesegnet:<br />

„Wenn ich zurückrechne, komme<br />

ich wie Heidegger auf 15 Geliebte.“<br />

Ruckweise fällt Lewitscharoff ins<br />

Schwäbische, sobald Herzinniges berührt<br />

wird. Dann sagt sie im schattenarmen<br />

Garten der Villa „Maikäferle“ oder „der<br />

Kerle“. In den Romanen lockert sie den<br />

Acker des Dialekts behutsam. „Heilandzack“,<br />

rufen die Figuren, wenn sie sich<br />

wundern. „Apostoloff“ erzählt gar auf<br />

burlesken Pfaden die eigene Lebensgeschichte.<br />

Ein streitfreudiges Stuttgarter<br />

Schwesternpaar fährt nach Sofia, um die<br />

Überreste nach Deutschland ausgewanderter<br />

Bulgaren der Heimaterde zurückzugeben.<br />

Bulgarien aber ist ein „lächerliches<br />

Land“, hässlich überall.<br />

Lewitscharoff war elf Jahre alt, als<br />

der bulgarische Vater, ein Arzt, sich das<br />

Leben nahm. In „Apostoloff“ erscheint er<br />

als Mann mit dem Strick, „im Innersten<br />

verkorkst“. Damals, sagt sie, begann das<br />

familiäre Elend. Die schwäbische Mutter<br />

stand allein da und mittellos. Sibylle fing<br />

zu schreiben an, den ersten Roman mit<br />

16, eine „vertrackte südamerikanische<br />

Jesus-Geschichte, eine Auseinandersetzung<br />

mit dem Tod des Vaters“, der Kristo<br />

geheißen und durch diesen Namen und<br />

diese Tat den Namen Jesu „eigentlich beschmutzt<br />

hatte“. Zeitgleich begann „das<br />

sehr fromme Kind, das ich war“, seine<br />

trotzkistische Trotzphase. Sie fühlte sich<br />

linksradikal, ehe die Weltliteratur sie rettete.<br />

„Ich las Flaubert, Kafka, dann Musil<br />

und Proust und merkte: Die Welt ist nicht<br />

so simpel, wie es diese allzu starke Form<br />

der Idiotisierung vorgaukelte.“<br />

Überhaupt solle Literatur „unser<br />

Menschenbild verfeinern“. Gerade so<br />

habe sie eine zivilisierende Wirkung.<br />

„Mich hat sie stabilisiert in meinen charakterlichen<br />

Anlagen und meine Verstörung<br />

gemindert.“ Wenngleich sie jedes<br />

Buch, kaum geschrieben, erst einmal für<br />

verdorben halte, hofft sie auf eine solche<br />

Wirkung auch für andere. Die „noble<br />

Aufgabe der Kunst“, sagte sie 2011<br />

in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung,<br />

sei es, „wenigstens eine Ahnung davon<br />

aufblitzen zu lassen, was essenziell gut,<br />

was schön, was wahr sein könnte in uns<br />

selbst und in der Welt, in der wir leben“.<br />

Zuletzt war die Geschichte des Philosophen<br />

Hans Blumenberg in „Blumenberg“<br />

der Vordergrund einer, wie sie sagt,<br />

„Heiligenlegende“. Blumenberg ist bei ihr<br />

ein Mann im Gehäuse, dem ein Löwe erscheint,<br />

ein Einzelgänger, der den „Absolutismus<br />

der Wirklichkeit“ verwirft.<br />

„Blumenberg ist eine Gegenfigur zu all<br />

jenen, die in ihrer Betriebsamkeit gar<br />

nichts mehr sehen.“ <strong>Der</strong> bibelkundige<br />

Asket teilt Lewitscharoffs Unbehagen<br />

an der „Wegwerftendenz“ der Moderne.<br />

Er schätzt wie sie die Tradition als jenen<br />

Teich, in dem sich baden muss, wer wahrhaft<br />

kreativ sein will: „Wer“, sagte sie<br />

ebenfalls in der Frankfurter Vorlesung,<br />

„wer den Wunsch hegt, seriös zu schreiben<br />

und sich nicht mit Leidenschaft, ja,<br />

mit Haut und Haaren, der Tradition ausliefert,<br />

der steht als ein ziemlich armes<br />

Würstchen da, dem Affentheater des<br />

Zeitgeschmacks völlig ausgeliefert.“<br />

Am Abend sitzen wir im Ristorante.<br />

<strong>Der</strong> Grillenchor schläft, ein Ventilator<br />

pfeift, da beginnt sie zu fabulieren, unterbrochen<br />

vom typisch lewitscharoffschen<br />

Lachen, einem salvenartigen Überfall<br />

des Gemüts auf die Stimmbänder. Sie<br />

erzählt vom Jahr, das sie einst in Paris<br />

verbrachte, und dem anderen in Brasilien<br />

und von den drei Monaten auf dem Amazonas.<br />

In einer Hängematte lag sie, am<br />

Bug des Schiffes, und fühlte sich wunderbar<br />

leicht und eins werden mit dem Strom<br />

und mit den Bäumen, die vorüberzogen.<br />

Nichts fehlte. Doch das ist lange her und<br />

eine ganz andere Geschichte.<br />

AlexANDER Kissler leitet den Salon.<br />

Er traf Sibylle Lewitscharoff in Rom zum<br />

ersten Mal. Ihre Bücher mag er, weil sie<br />

Humor und Geist wunderbar verbinden<br />

117<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Salon<br />

Porträt<br />

Du MUSSt BRASiliEN fiNDEN<br />

Filmregisseur Edgar Reitz legt mit „Die andere Heimat“ das Schlussstück seiner Arbeit<br />

am deutschen Gedächtnis vor – eine Reise zu den Ursprüngen unserer Demokratie<br />

Von thoMAS DAVid<br />

Nach beinahe vier Stunden Kino,<br />

irgendwo gegen Ende seines<br />

neuen Filmes, sitzt Edgar Reitz<br />

plötzlich in den groben Klamotten eines<br />

Bauern am Rand eines Getreidefelds und<br />

dengelt die Sense. Auf der Leinwand<br />

sieht man außer ihm weiten Himmel, reifes<br />

Korn und die Dächer eines Dorfes im<br />

Hunsrück. Eine Kutsche schaukelt heran.<br />

Ihr entsteigt Ale xander von Humboldt.<br />

Er will die Mitte des 19. Jahrhunderts<br />

noch unerforschte Landschaft vermessen.<br />

Als Humboldts Blick auf den Bauern<br />

fällt, fragt er ihn nach dem Namen<br />

des kleinen Dorfes in der Senke. „Dat<br />

lo“, antwortet Reitz in der Rolle des „alten<br />

Hunsrückers“, „dat is Schabbach.“<br />

Weil Humboldt von Werner Herzog gespielt<br />

wird, erlebt der Zuschauer in diesem<br />

Moment die außergewöhnliche Begegnung<br />

zweier Meister der deutschen<br />

Filmgeschichte.<br />

„Diese Szene war ursprünglich länger“,<br />

sagt Reitz. Mit „Die andere Heimat“<br />

ist ihm eines der größten Kinowunder<br />

der vergangenen Jahre gelungen, ein<br />

bewegendes Leinwandepos von internationalem<br />

Rang. Wenige Tage vor der<br />

Reise zu den Filmfestspielen von Venedig<br />

sitzt Reitz im Halbdunkel des Schneideraums<br />

der Münchner „Edgar Reitz<br />

Filmproduktion“.<br />

Im tieferen Dunkel hockt ein Mitarbeiter<br />

vor einem Monitor und restauriert<br />

ein Bild aus „Heimat“, dem 1984<br />

fertiggestellten ersten Teil der 56-stündigen,<br />

aus insgesamt 30 Einzelfilmen bestehenden<br />

Trilogie, in der Reitz die Geschichte<br />

der im Hunsrück verwurzelten<br />

Familie Simon bis zur Wende des Jahres<br />

2000 erzählt. „Die zweite Heimat“ und<br />

„Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“<br />

folgten. „Die andere Heimat“ handelt<br />

nun als „Chronik einer Sehnsucht“ nicht<br />

nur von den Hoffnungen der verarmten<br />

Landbevölkerung, die sich Glück und<br />

Reichtum in Brasilien erträumt. <strong>Der</strong> Film<br />

bezeugt auch Edgar Reitz’ Verlangen, ein<br />

vielleicht letztes Mal an den Sehnsuchtsort<br />

seiner eigenen Fantasie zurückzukehren.<br />

„In der ursprünglichen Szene verglich<br />

Humboldt die ermittelten Daten mit<br />

einer Landkarte und stellte fest, dass das<br />

Dorf, das wir da sehen, gar nicht existiert“,<br />

sagt Reitz. „Als der Bauer ihm den<br />

Namen des Ortes nennt, heißt das natürlich<br />

auch, dass das fiktive Schabbach realer<br />

ist als alle Dörfer, die auf Humboldts<br />

Karte verzeichnet sind.“<br />

Schabbach IST auch in „Die andere<br />

Heimat“ ein mythischer Ort. Hier hat ein<br />

kollektives Gedächtnis seine Bleibe, das<br />

den Alltag der Dorfbevölkerung ebenso<br />

akribisch vor dem Vergessen bewahrt<br />

wie die Erinnerung an die historischen<br />

Ereignisse, die den Einzelnen mitreißen.<br />

In den bisherigen Filmen der Trilogie erzählte<br />

Reitz gegen die Abwertung der<br />

Welt an und ließ etwa den liebenswerten,<br />

von seinen persönlichen, gänzlich<br />

unideologischen Hoffnungen geleiteten<br />

Sohn des Dorfschmieds Simon zu einem<br />

Glücksritter des Dritten Reiches werden.<br />

Jetzt, in der „anderen Heimat“, verbindet<br />

er das Leben und Sterben im Schabbach<br />

des Jahres 1843 und die Freiheitsgedanken<br />

seines in einer romantischen Traumwelt<br />

beheimateten Protagonisten Jakob<br />

Simon mit dem revolutionären Aufbegehren<br />

des Vormärz. Es ist kein Zufall,<br />

dass „Die andere Heimat“ am 3. Oktober<br />

in die Kinos kommt. Am Nationalfeiertag<br />

blickt sie auf die Anfänge der deutschen<br />

Demokratie zurück.<br />

„In der Zeit, in der ‚Die andere Heimat‘<br />

spielt, hat sich das Schwarz-Rot-<br />

Gold der Flagge durchgesetzt, die heute<br />

bei Fußballspielen unser Nationalsymbol<br />

ist“, sagt Reitz. Seine Filmerzählung<br />

verwickelt den Zuschauer auf geradezu<br />

magische Weise ins Vergangene und erhellt<br />

mit dem Licht einer fremden Zeit<br />

schließlich auch die Gegenwart.<br />

„Damals bedeutete Freiheit in erster<br />

Linie, die Herrschaft zu stürzen und sich<br />

von Armut und Unrecht zu befreien“, erläutert<br />

Reitz. „Unser heutiges Freiheitsverlangen<br />

geht natürlich weit darüber hinaus.<br />

Heute geht es nur noch darum, die<br />

Freiheit, die Menschen mit ihrem Leben<br />

bezahlt haben, zu genießen, und wir tun<br />

dies auf eine hemmungslose und gedankenlose<br />

Weise.“<br />

Im Halbdunkel des Schneideraums<br />

wirkt Reitz wesentlich jünger als seine<br />

80 Jahre. Er wurde im rheinland-pfälzischen<br />

Morbach als Sohn eines Uhrmachers<br />

geboren. <strong>Der</strong> nüchterne Ernst des<br />

Blickes weicht im Gespräch hin und wieder<br />

einem wohlwollenden Lächeln. „Aus<br />

der Armutsfiktion, die in meinem Film<br />

beschrieben wird, erscheint mir unsere<br />

heutige Welt wie ein apokalyptisches Delirium<br />

an Konsumwahn und Unnötigkeit<br />

des Lebensgenusses, das mir Angst<br />

macht. Von Schabbach aus gesehen, tut<br />

sich in unserer Gesellschaft ein Abgrund<br />

von Chaos auf“, sagt er und scheint von<br />

der gleichen Sorge erfüllt wie der „alte<br />

Hunsrücker“, der in „Die andere Heimat“<br />

Humboldts Vermessung der Welt<br />

beargwöhnt.<br />

„So seltsam es klingen mag: Die Menschen,<br />

die ich in meinem Film beschreibe,<br />

haben eine Zukunft, und wenn ich nach<br />

vier Stunden aus dem Kino auf die Straße<br />

trete, spüre ich plötzlich, unsere Welt<br />

hat keine.“ Eine Heimat wie Schabbach<br />

wird man in Deutschland kein zweites<br />

Mal finden.<br />

ThoMAS DAVid schreibt über Film und<br />

Literatur und sucht seine Heimat. Zuletzt<br />

erschien die Monografie „Philip Roth“<br />

Foto: Fredrik von Erichsen/Picture Alliance/dpa<br />

118<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Salon<br />

Essay<br />

Deutsche gESCHichte<br />

ist nicht tiEFSCHWARZ<br />

Von<br />

ulrich sieg<br />

120<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Zäh hält sich der Mythos vom geschichtlichen Sonderweg<br />

Deutschlands. Es heißt, das Kaiserreich trage die alleinige Schuld<br />

am Ersten Weltkrieg. Moralische Urteile aber garantieren keine<br />

Erkenntnis. Argument und Abwägung müssen zurückkehren<br />

Illustrationen: akg images [M], Picture Alliance/dpa [M], bpk<br />

Wenn man im nächsten Jahr<br />

überall an den Ausbruch des<br />

Ersten Weltkriegs erinnert,<br />

wird viel von den verhängnisvollen Konsequenzen<br />

eines angeblichen „deutschen<br />

Weltmachtstrebens“ die Rede sein. Dabei<br />

haben sich die meisten Historiker<br />

von simplen moralischen Standpunkten<br />

in der Kriegsschuldfrage verabschiedet.<br />

Christopher Clark in Cambridge geht sogar<br />

so weit, die Politiker aller großen europäischen<br />

Nationen als Schlafwandler<br />

zu charakterisieren, die zwar die kommende<br />

Katastrophe geahnt hätten, aber<br />

unfähig waren, sich ihr entgegenzustemmen.<br />

Sein meisterhaftes Werk könnte die<br />

mediale Vergegenwärtigung des Weltkriegs<br />

hierzulande nachhaltig beeinflussen.<br />

Bislang vertraute man bei der Erklärung<br />

des „Großen Krieges“ auf ein<br />

tiefschwarzes Bild der deutschen Geschichte,<br />

für das sich immer weniger gute<br />

Gründe finden lassen.<br />

Eine Schlüsselrolle im Geschichtsdenken<br />

der alten Bundesrepublik spielte<br />

die Theorie vom „deutschen Sonderweg“.<br />

Sie hob Deutschlands Demokratiedefizite<br />

im Vergleich mit Großbritannien<br />

oder Frankreich hervor und verwies<br />

zu ihrer Erklärung auf das Obrigkeitsdenken<br />

seit Luther, auf den preußischen<br />

Militarismus und die gescheiterte Revolution<br />

von 1848. Das Deutsche Kaiserreich<br />

wurde als autoritärer Nationalstaat missverstanden,<br />

in dem es zu keiner nennenswerten<br />

politischen Beteiligung der Bürger<br />

gekommen sei. Mittlerweile hat sich<br />

dies als zu einseitig herausgestellt.<br />

Es gab im Kaiserreich sehr wohl eine<br />

politische Kultur mit hoher Wahlbeteiligung<br />

und lebendigen Debatten, die im<br />

Ausland positiv wahrgenommen wurde.<br />

Im „Westen“ war nicht alles Gold, was<br />

glänzte. Man denke nur an die unnachgiebige<br />

Härte, mit der die britische Oberschicht<br />

ihre Privilegien verteidigte. Oder<br />

an den massiven französischen Antisemitismus<br />

zur Zeit der Dreyfus-Affäre.<br />

Olaf Gulbransson ( links ) ließ<br />

Wilhelm ii. und Graf von Zeppelin<br />

auftreten, Karl Arnold ( oben )<br />

später Hitler als Barbarossa<br />

Allerdings besaß die fatale Lehre<br />

vom „deutschen Sonderweg“ den Vorteil<br />

hoher Eingängigkeit und einen beträchtlichen<br />

moralischen Mehrwert. Nach der<br />

Niederlage in einem „totalen Krieg“,<br />

nach Reeducation und Wirtschaftswunder<br />

brauchte es eine neue identitätsstiftende<br />

Erzählung. Indem 1945 zur strikten<br />

Zäsur deutscher Geschichte, ja zur<br />

„Stunde null“ erklärt wurde, erhielt<br />

die Bundesrepublik die Chance, sich<br />

als demokratisches Gemeinwesen neu<br />

zu legitimieren. Schon bald bestimmte<br />

die Abgrenzung von der Tradition des<br />

Obrigkeitsstaats das Selbstverständnis.<br />

<strong>Der</strong> vermeintliche Ausnahmecharakter<br />

der deutschen Geschichte wurde Bestandteil<br />

der Schullehrpläne. Er prägt die<br />

politische Rhetorik bis zum heutigen Tag.<br />

Doch reicht dies vermutlich nicht,<br />

um die mediale Dominanz eines Geschichtsbilds<br />

zu erklären, das nur wenig<br />

zum Verständnis einer sich rasch globalisierenden<br />

Welt beiträgt. Hinzu kommt<br />

nämlich ein Weiteres: Im Zusammenhang<br />

mit der Theorie vom „deutschen<br />

Sonderweg“ sind schnittige intellektuelle<br />

Formeln entstanden, die längst ein Eigenleben<br />

führen. Gerade bei politischen Diskussionen<br />

bieten sie strategische Vorteile,<br />

auf die man ungern verzichtet.<br />

Wer will etwa offensiv auf die von<br />

Fritz Fischer („Griff nach der Weltmacht“)<br />

vorangespielte Aussage reagieren,<br />

dass Hitler „kein Betriebs unfall“<br />

gewesen sei? Mögen die zufälligen Momente<br />

in Hitlers Werdegang noch so<br />

zahlreich sein, empfiehlt sich ihre öffentliche<br />

Betonung kaum. <strong>Der</strong> Hinweis auf<br />

das Ausmaß seiner Verbrechen brächte<br />

jeden schnell zum Schweigen. Ähnlich<br />

steht es um die Wendung von den „Vordenkern<br />

der Vernichtung“, mit der Götz<br />

Aly und Susanne Heim Anfang der neunziger<br />

Jahre Furore machten und die so<br />

manche Suche nach den Wurzeln von<br />

„Auschwitz“ in der deutschen Wissenschaftsgeschichte<br />

inspirierte.<br />

Die Hypotheken dieser Denkfigur<br />

sind indes erheblich. Sie verleiht dem<br />

Faktor „Ideologie“ einen Stellenwert,<br />

der nur schwer mit dem Machbarkeitswahn<br />

und mit dem Zynismus der Nationalsozialisten<br />

in Einklang zu bringen<br />

ist. Gleichzeitig stellt sie den wahrlich<br />

verschlungenen Weg vom Wort zur Tat,<br />

um dessen Verständnis die Antisemitismusforschung<br />

bis heute ringt, allzu holzschnittartig<br />

dar. Ganz zu schweigen davon,<br />

dass es durchaus umstritten ist,<br />

worin der Kern der NS-Welt anschauung<br />

eigentlich bestand.<br />

121<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Salon<br />

Essay<br />

Die mit dem „deutschen Sonderweg“<br />

verknüpften methodischen Probleme<br />

werden bei Heinrich August Winkler besonders<br />

deutlich. Packend schilderte er<br />

die deutsche Geschichte als langen Weg<br />

nach Westen, der 1989 sein Ziel erreicht<br />

habe. Seine Sicht gab der Wiedervereinigung<br />

eine historische Legitimation und<br />

half, Sorgen in den Nachbarländern zu<br />

zerstreuen.<br />

Kein Wunder, dass Winkler zum renommiertesten<br />

Historiker der Berliner<br />

Republik wurde, dem manch einer sogar<br />

das Amt des Bundespräsidenten zutraute.<br />

Die Ergebnisse vergleichender<br />

Geschichtswissenschaft behandelte er<br />

aber ausgesprochen lässig. Die Einzigartigkeit<br />

der deutschen Geschichte begründete<br />

er damit, dass die Sonderwege<br />

einiger Nationen „noch besonderer sind<br />

als die anderen“ – eine abgründige Formulierung,<br />

denkt man an Orwells Parabel<br />

„Animal Farm“.<br />

Doch auch wenn gute Argumente<br />

für Winklers Schwarz-Weiß-Malerei<br />

fehlen, dürfte es ein frommer Wunsch<br />

sein, dass sich der Mythos vom „deutschen<br />

Sonderweg“ einfach in Luft auflöst.<br />

Neben umsichtig formulierter Skepsis<br />

braucht es heute energischen Einsatz,<br />

um die Schwächen dieses Geschichtsbilds<br />

einer breiten Öffentlichkeit zu verdeutlichen.<br />

Auch das moralische Kapital<br />

der Sonderwegsgeschichte ist nicht zum<br />

Nulltarif zu haben. Im Kern zementiert<br />

diese Erzählung leider nationalistische<br />

Vorstellungen, die noch aus der Zeit des<br />

Ersten Weltkriegs stammen.<br />

Die Belege sind zahlreich: Als im<br />

August 1914 das zivilisierte Europa fast<br />

über Nacht zu einer „Welt von gestern“<br />

(Stefan Zweig) wurde, mussten dies alle<br />

kriegführenden Nationen ihren Bürgern<br />

erklären. Seitens der Entente bevorzugte<br />

man schroffe Feindbilder und unterstrich<br />

die Brutalität der deutschen Militärmaschinerie.<br />

Besonders einflussreich war<br />

der französische Philosoph Henri Bergson,<br />

der die Deutschen zu „Barbaren“<br />

erklärte.<br />

In Großbritannien verwies man auf<br />

die unheilvolle Tradition des preußischen<br />

Militarismus und präsentierte als<br />

dessen Vertreter neben Fichte den Historiker<br />

Heinrich von Treitschke sowie den<br />

Kavalleriegeneral Friedrich von Bernhardi.<br />

Die deutschen Antworten waren<br />

In Weimar wechselten die Kanzler<br />

fast so rasch wie die Jahreszeiten.<br />

<strong>Der</strong> „Simplicissimus“ steckte die<br />

Republik ins Bett<br />

Propaganda à la mode: So sah<br />

1915 eine französische Zeitung<br />

Wilhelm ii., sich einen<br />

Sonderweg mit Lügen bahnend<br />

von eigentümlicher intellektueller Passivität.<br />

Exemplarisch sei auf den bedeutenden<br />

jüdischen Gelehrten Hermann<br />

Cohen hingewiesen, der vor 1914 unmissverständlich<br />

politische Reformen<br />

angemahnt hatte. Nun verwies er lediglich<br />

darauf, dass die deutsche Kultur seit<br />

Kants Tagen ohne den Schutz des Militärs<br />

niemals aufgeblüht wäre.<br />

Allenthalben setzten Akademiker den<br />

„Ideen von 1789“ ihre „Ideen von 1914“<br />

entgegen und meinten damit kaum mehr<br />

als die Organisationskraft des eigenen<br />

Gemeinwesens in den ersten Augusttagen.<br />

Gleichzeitig verwiesen sie stolz auf<br />

die Leistungsstärke der deutschen Wirtschaft,<br />

den Sozialstaat oder die Güte des<br />

Bildungswesens, die den Neid der anderen<br />

Nationen entzündet hätten. Noch heute<br />

klingt ihre Rhetorik eigentümlich vertraut.<br />

Das Ausmaß von gutem Gewissen<br />

im damaligen Bürgertum ist erstaunlich.<br />

Ohne sich mit Details zu plagen, stellte<br />

es die Friedensliebe des Kaisers und die<br />

Ritterlichkeit der deutschen Kriegführung<br />

heraus. Zweifelhafte Berühmtheit<br />

erlangte im Oktober 1914 der „Aufruf<br />

an die Kulturwelt!“, mit dem 93 Personen<br />

des öffentlichen Lebens die alliierten<br />

Vorwürfe zurückwiesen. Lange Jahre<br />

galt das Manifest als Höhepunkt reaktionärer<br />

Gesinnung, obwohl es vor allem<br />

Ausdruck eines weltfremden Idealismus<br />

war. Über die Wirksamkeit von Kriegspropaganda<br />

hatten sich seine mehrheitlich<br />

linksliberalen Unterzeichner keine<br />

Gedanken gemacht. Die stolze Anfangszeile<br />

„Es ist nicht wahr“ sollte Vorurteilsfreiheit<br />

und Unabhängigkeit bekunden.<br />

Tatsächlich wurde sie in den Entente-Staaten<br />

als Ausdruck deutscher Borniertheit<br />

aufgefasst.<br />

Zu den leidenschaftlichen Patrioten<br />

unter den Unterzeichnern des Aufrufs<br />

zählte Rudolf Eucken, der 1908 als<br />

erster und bislang einziger deutscher<br />

Philosoph den Literaturnobelpreis erhalten<br />

hatte. In einer Unmenge von<br />

Schriften schloss der Jenaer Professor<br />

aus dem Wert der eigenen Kultur auf<br />

einen glücklichen Kriegsausgang. Bis<br />

heute gilt der Herausgeber von Fichtes<br />

„Reden an die deutsche Nation“ als fanatischer<br />

Kriegshetzer. Bei näherer Betrachtung<br />

fällt jedoch eher die Zivilität<br />

seines Tones ins Auge.<br />

Mit leichter Hand stiftete Eucken<br />

geistesgeschichtliche Kontinuitäten, die<br />

von der Reformation bis zur Gegenwart<br />

reichten und verunsicherten Menschen<br />

Halt geben sollten. Seine Deutschtumsmetaphysik<br />

erreichte erstaunliche Ausmaße,<br />

doch direkt verletzend war sie<br />

nur selten. Eucken vertrat die kantische<br />

Überzeugung, dass jeder Krieg nur mit<br />

Blick auf eine zukünftige Friedensordnung<br />

gerechtfertigt werden könne. Zu einer<br />

nüchternen Lagebeschreibung trug<br />

seine salbungsvolle Verherrlichung deutscher<br />

Kultur freilich nichts bei.<br />

Illustrationen: bpk, Getty Images<br />

122<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


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Art DIRECTor Kerstin Schröer<br />

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Vertrieb und uNTERNEhMENSENTWICKLuNG<br />

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Im Herbst 1916 war die Zeit milder<br />

Kriegsverklärung à la Eucken abgelaufen.<br />

Nach den Materialschlachten an der<br />

Westfront brauchte es schärfere ideologische<br />

Mixturen, um die umfassende<br />

Mobilisierung der dritten Obersten Heeresleitung<br />

voranzutreiben. So intensiv<br />

Hindenburg und Ludendorff die Einheit<br />

der Nation beschworen, primär ging es<br />

um einen möglichst effektiven Einsatz<br />

der vorhandenen Ressourcen.<br />

Nun wurde heftig gestritten, wer<br />

überhaupt zur „Volksgemeinschaft“ gehöre.<br />

Angesehene Professoren sprachen<br />

jüdischen Gelehrten jedes tiefere Verständnis<br />

Kants oder Fichtes ab. In Weimar<br />

stilisierte Elisabeth Förster-Nietzsche<br />

ihren verstorbenen Bruder zum<br />

Inbegriff des deutschen Willens zur<br />

Macht. Zentrale Bedeutung für den Sonderweg<br />

der eigenen Geschichte erkannte<br />

man der bedrohten Lage im Zentrum Europas<br />

und den Zerstörungen des Dreißigjährigen<br />

Krieges zu.<br />

Die Niederlage von 1918 kam für<br />

die Bevölkerung, die bis in die letzten<br />

Kriegsmonate der Propaganda vertraut<br />

hatte, überraschend. Noch entsetzter war<br />

man über die Friedensbedingungen. Unisono<br />

lehnten die Vertreter aller Parteien<br />

die Unterzeichnung des Versailler Vertrags<br />

ab und hofften auf ein Einlenken<br />

der Alliierten. Doch statt ernsthafte Argumente<br />

gegen die Alleinschuld Deutschlands<br />

zu suchen, tappte man erneut in die<br />

Falle, die Vorwürfe der Entente-Staaten<br />

lediglich mit umgekehrtem Vorzeichen<br />

zu versehen. Die Folgen für die Weimarer<br />

Republik waren beträchtlich.<br />

Mit einem trotzigen „Dennoch!“<br />

sperrten sich viele gegen das neue Gemeinwesen<br />

und hielten an ihrer überhöhten<br />

Sicht der deutschen Vergangenheit<br />

fest. Die Nationalsozialisten erkannten<br />

früh die symbolische Bedeutung des<br />

„Großen Krieges“. Eines ihrer wirksamsten<br />

Plakate zeigte Frontsoldaten und<br />

warb mit dem Slogan: „Wählt NSDAP!<br />

Oder alles war umsonst.“<br />

Auch nach 1933 blieb der Erste Weltkrieg<br />

ein zentrales Thema. Unablässig<br />

propagierten die Nationalsozialisten den<br />

Kampf gegen Versailles und scheinen damit<br />

bei der Bevölkerung auf beträchtliche<br />

Resonanz gestoßen zu sein. Erinnert<br />

sei an das 1941 begonnene Propagandaunternehmen<br />

namens „Kriegseinsatz


der Geisteswissenschaften“, mit dem<br />

die Disziplinen ihre Kriegstüchtigkeit<br />

unter Beweis stellen sollten. Insgesamt<br />

entstanden 67 Bücher voller nationalistischer<br />

Stereotypen. Die circa 500 beteiligten<br />

Gelehrten hatten ihre Lehren aus<br />

dem Propagandadebakel nach 1914 gezogen<br />

und kombinierten ihre Verherrlichung<br />

deutscher Eigenart mit drastischen<br />

Feindbildern.<br />

Wie wenig ihnen tatsächlich eingefallen<br />

war, illustriert die amerikanische<br />

Reaktion. Dort legte man lediglich John<br />

Deweys Buch „German Philosophy and<br />

Politics“ erneut auf, das bereits im Ersten<br />

Weltkrieg gute Dienste geleistet hatte.<br />

Seine Aburteilung Kants und Fichtes<br />

zielte auf die Selbstüberschätzung und<br />

inhumane Gesinnung zeitgenössischer<br />

deutscher Wissenschaftler. Sie festigte<br />

allerdings auch stereotype Vorstellungen,<br />

die mit einem schattierungsreichen<br />

Verständnis von Ideengeschichte nicht in<br />

Einklang zu bringen sind.<br />

Vor diesem Hintergrund stellt sich<br />

erst recht die Frage, wie lange wir noch<br />

die Vorstellung von einem „deutschen<br />

Sonderweg“ pflegen wollen, die so eng<br />

mit den Konflikten des vergangenen<br />

Jahrhunderts verknüpft ist. In der Geschichtswissenschaft<br />

geht es nicht primär<br />

um moralische Werturteile, sondern um<br />

Erkenntnis. Zur Zukunfts orientierung<br />

kann sie nur dann beitragen, wenn komplexe<br />

Forschungsergebnisse nicht von einem<br />

allzu bequemen Narrativ eingeebnet<br />

werden.<br />

Die Entstehung des Ersten Weltkriegs<br />

zeigt auftrumpfende, aber auch<br />

ängstliche und misstrauische Politiker,<br />

die der Krise des europäischen Staatensystems<br />

nicht gewachsen waren. Unzureichend<br />

informiert, forcierten sie gerade<br />

jene Probleme, die sie zu kalmieren hofften.<br />

Erst wenn der angebliche Unikatcharakter<br />

der deutschen Geschichte in den<br />

Hintergrund gerückt ist, kann die Überforderung<br />

der Akteure deutlich werden.<br />

Das Weltkriegsjubiläum bietet die<br />

Chance zu grundlegenden historischen<br />

Debatten. Wir sollten sie nutzen.<br />

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Salon<br />

Man sieht nur, was man sucht<br />

Am Rand aber lauern<br />

ganz neue FRAGEN<br />

Von Beat WYSS<br />

Foto: Hung Tung-Lu (Photography, C-Print, Lambda)<br />

126<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Manga, Maria und Kolonialisierung:<br />

<strong>Der</strong> taiwanesische Künstler Hung Tung-Lu zeigt, wie<br />

anregend die Kunst jenseits des Westens sein kann<br />

Zum Autor<br />

Foto: Artiamo<br />

Als der Stadtrat von Venedig<br />

vor genau 120 Jahren beschloss,<br />

eine internationale<br />

Kunstmesse auszurichten,<br />

war das Fundament gelegt<br />

für eine Einrichtung, deren 55. Ausgabe<br />

im November zu Ende geht. Die Biennale<br />

Venedig gilt heute als erste Wegmarke<br />

der Kunst auf dem Weg in die<br />

Globalisierung.<br />

Das Motiv der Gründung indes war<br />

ein höchst lokales. Es galt, Handel und<br />

Gewerbe der darbenden Serenissima mit<br />

einer Kunstmesse zu beleben. Die Stadt<br />

hatte den verwöhnten Hotelgästen neben<br />

Tizian, Tintoretto und Veronese<br />

kaum mehr zu bieten als eine romantische<br />

Steinkulisse im Brackwasser einer<br />

Lagune. Für gehobene Unterhaltung bestand<br />

dringender Bedarf. Die erste Schau<br />

von 1895, eröffnet im Beisein des italienischen<br />

Königspaars, übertraf alle Erwartungen.<br />

Zu Fuß, mit dem Schiff, der<br />

Kutsche oder per Eisenbahn stellten sich<br />

224 000 Besucher ein. Die Zahl ist aus<br />

heutiger Sicht erstaunlich. Im Zeitalter<br />

des globalisierten Massentourismus und<br />

der Billigflüge verkaufte die letzte Biennale<br />

nur knapp doppelt so viele Eintrittskarten.<br />

La Biennale di Venezia war ein<br />

Publikumsmagnet von Anfang an.<br />

Geändert hat sich die Zusammensetzung<br />

der Besucher und der ausstellenden<br />

Künstler. Das Herrenreiterpublikum<br />

der Gründerzeit hätte wohl ungläubig<br />

gelacht, wäre ihm vorausgesagt worden,<br />

dass der Goldene Löwe von Venedig<br />

2013 an den Pavillon von Angola gehen<br />

würde. An der Biennale von 1910<br />

ließ der Generalsekretär Fradeletto ein<br />

kubistisches Gemälde von Pablo Picasso<br />

entfernen. Negerkunst war unerwünscht.<br />

<strong>Der</strong> 1968 geborene Künstler Hung<br />

Tung-Lu nennt seine Fotomontage von<br />

2001 „Street Fighter: Chun Li“<br />

Doch es ist zu einfach, sich nachträglich<br />

über die Beschränktheit der Altvorderen<br />

zu belustigen. Vor nicht allzu<br />

langer Zeit beschränkte sich der internationale<br />

Kunstbetrieb selbstgenügsam auf<br />

Kunst aus den Zentren Westeuropas und<br />

Nordamerikas. Das westliche Publikum<br />

hatte keine Ahnung von der südostasiatischen<br />

Kunstproduktion, bis Harald Szeemann<br />

auf der Biennale von 1999 zum<br />

ersten Mal im großen Stil Künstlerinnen<br />

und Künstler aus Korea und China zeigte.<br />

Die Werke beweisen, dass die Produzenten<br />

der sogenannten „Peripherie“ sehr<br />

gut informiert sind über die Strategien<br />

im „Zentrum“ des Kunstsystems.<br />

Ein Lehrstück liefert Hung Tung-Lu.<br />

Seine digitale Fotomontage zitiert im<br />

Hintergrund eine Bekrönung Mariae im<br />

byzantinisierenden Trecento-Stil: Hommage<br />

an die regionale Kunstgeschichte<br />

Venedigs, der Gastgeberin. Die höfliche<br />

Reverenz wird jedoch durchkreuzt von<br />

einem schrillen Manga-Mädchen in Kickbox-Position.<br />

Spielt das Kampfgirl etwa<br />

Bodyguard der Gottesmutter?<br />

Hung Tung-Lu kommt aus Taiwan,<br />

jener Insel im Westpazifik, die zu Kolonialzeiten<br />

Formosa hieß, die „Schöne“,<br />

getauft von portugiesischen Seefahrern.<br />

Die Niederländer übernahmen die Insel<br />

1624 und betrieben die Missionierung der<br />

Bewohner.<br />

Zugleich wurden Han-Chinesen vom<br />

Festland angesiedelt, da diese den Kolonisten<br />

fleißiger schienen als die Eingeborenen.<br />

Als die Niederländer von der<br />

Insel vertrieben wurden, ließen sie das<br />

Christentum und das lateinische Alphabet<br />

zurück. Formosa wurde Teil des chinesischen<br />

Kaiserreichs. Im Krieg gegen<br />

China übernahmen die Japaner die Insel<br />

und machten Taiwan zu ihrer ersten<br />

Kolonie nach europäischem Vorbild. Das<br />

alles muss wissen, wer das scheinbar so<br />

fröhlich-freche Bild verstehen will. Die<br />

Beat Wyss<br />

ist einer der bekanntesten<br />

Kunsthistoriker des Landes.<br />

Er lehrt Kunstwissenschaft<br />

und Medienphilosophie an<br />

der Staatlichen Hochschule<br />

für Gestaltung in Karlsruhe<br />

gekrönte Gottesmutter und das kämpfende<br />

Manga-Mädchen inszenieren keinen<br />

Kampf der Kulturen. Die beiden bilden<br />

keinen Gegensatz, sondern stehen für<br />

die Geschichte der Herrschaft über die<br />

Heimat des Künstlers. Die Nipponisierung<br />

Taiwans erfolgte übrigens im selben<br />

Jahr 1895, als Venedig sein erstes Kunstspektakel<br />

ausrichtete.<br />

Hung Tung-Lu hält dem westlichen<br />

Kunstfreund den Spiegel vor: Siehe, das<br />

alles ist unbeachtet an dir vorbeigegangen,<br />

während du über Pop-Art, Konzeptkunst<br />

und Postmoderne diskutiertest.<br />

Doch die vom Diskurs Ignorierten haben<br />

immer mitgehört und gut aufgepasst. Einer<br />

von ihnen ist Hung Tung-Lu. Mit den<br />

künstlerischen Verfahren der einstigen<br />

Westkunst bringt er Einsichten aus der<br />

postkolonialen „Peripherie“, auf die das<br />

„Zentrum“ der Kunstwelt von sich aus nie<br />

gekommen wäre.<br />

127<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Salon<br />

Bibliotheksporträt<br />

ein Richtiges Leben<br />

GIBT ES DOCH<br />

<strong>Der</strong> Philosoph Wilhelm Schmid hat Bücher um sich geschart,<br />

die ihn die Liebe und das Denken lehren<br />

von holger FUSS<br />

Vielleicht sollte Wilhelm Schmid Bundespräsident werden. Einen Philosophen<br />

hatten wir noch nie im höchsten Amt. Mit Schmid als Staatsoberhaupt<br />

wäre Deutschland eine andere Republik. Im Schloss Bellevue säße<br />

dann ein Nationaltherapeut wider die depressive Hintergrundmelodie in<br />

unserem Land. Auf einmal würden wir in präsidialen Ansprachen Sätze<br />

hören wie: „Glück ist wichtig, aber wichtiger ist Sinn. Dass es im Leben allein<br />

um Glück gehe, ist eine Märchenerzählung derer, die den schwindenden<br />

Sinn im modernen Leben durch Glück ersetzen wollen.“ Oder: „Freiheit für<br />

sich ist leer. Zum Leben braucht sie Formen. Leider bestehen Formen darin,<br />

Freiheit wieder einzuschränken. Aber es geschieht dann aus Freiheit.“ Oder<br />

aber: „Ein sinnerfülltes Leben ist ein Leben in Beziehung.“<br />

Als Hausherr im Schloss Bellevue hätte Schmid endlich mehr Platz für<br />

seine Bibliothek. <strong>Der</strong>zeit lebt der 60-jährige Philosoph und Bestsellerautor<br />

mit Ehefrau Astrid und vier Kindern auf zwei Etagen einer Berliner Altbauwohnung<br />

hinter dem Schloss Charlottenburg. Zwei Mal schon musste<br />

er mit seiner Büchersammlung innerhalb der Wohnung umziehen. Geblieben<br />

ist ihm ein winziges Zimmer mit Balkon, Sofa, Schreibtisch und Klavier.<br />

Nur neun vertikale Regalreihen kann er hier unterbringen. „Für jedes<br />

neue Buch muss ein altes raus. Ein schmerzlicher Prozess.“<br />

Gleichwohl ist seine Büchersammlung durch hartnäckiges Aussortieren<br />

zu einem geistigen Marschgepäck geworden, das deutlich macht, wie Wilhelm<br />

Schmid sich zu einem Philosophen der Bejahung entwickeln konnte.<br />

Darin unterscheidet er sich von den meisten zeitgenössischen Kollegen:<br />

„Ich bin intellektuell groß geworden mit der Maßgabe: Bejahen darf man<br />

gar nichts. Aber kein Mensch kann ohne etwas leben, das er bejahen kann.“<br />

Während andere Denker in der Weltverneinung ihr Gegenglück des Geistes<br />

suchen, hat Schmid eine praktische Philosophie der Lebenskunst entwickelt,<br />

ohne in Trivialitäten abzuirren.<br />

In seinem jüngsten Buch „Dem Leben Sinn geben“ schlägt er den Bogen<br />

vom Alltäglichen, wie den Beziehungen in der Familie, zu Freunden<br />

und zu Feinden, über die Beziehungen zu Tieren, Dingen und der Welt, bis<br />

128<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


ins Transzendente, „der Liebe zum Leben und zu einem Darüberhinaus“.<br />

Über Gott spricht ein Philosoph heutzutage sowieso ungern. „Ich nenne es<br />

einfach Transzendenz, damit bin ich fein raus.“<br />

Dass wir das Alltägliche, das Endliche nur erfassen, wenn wir uns ein<br />

Gespür fürs Unendliche bewahrt haben, bezeugt seine Bibliothek. Links<br />

unten stehen zwei Regale mit Büchern zu Kosmologie, Astronomie, außerirdischem<br />

Leben. „<strong>Der</strong> Kosmos war der Anfang“, sagt Schmid. Schon als<br />

dreijähriger Knirps hat er jeden Abend mit seinem Vater zum Himmel emporgesehen.<br />

Das war auf dem elterlichen Bauernhof in Billenhausen bei<br />

Krumbach in Bayerisch-Schwaben, wo Wilhelm als eines von sechs Geschwistern<br />

aufwuchs. „Mein Vater hat mir die Sternbilder gezeigt und erklärt,<br />

wie weit die weg sind. Da ist mir schummrig geworden.“ Das Ritual<br />

hat sich Schmid bewahrt. Ehe er schlafen geht, steht er auf dem Balkon,<br />

blickt in den Nachthimmel und nimmt seine persönliche Verbindung mit<br />

der astronomischen Unendlichkeit auf. „Nüchterne Mystik“ nennt er es.<br />

Weil sich der Bauernsohn nicht das Abitur zutraute, sich aber durch die<br />

Stadtbücherei Krumbach fraß, lernte er zunächst drei Jahre lang Schriftsetzer.<br />

„Aber schon am ersten Tag war mir klar: Du wirst Schriftsteller.“ Also<br />

machte er später doch noch Abitur und studierte Philosophie. Warum? „Ich<br />

wollte klüger werden über die Liebe.“<br />

Er zeigt auf ein Regal. „Hier sind die Griechen. Denen habe ich mich<br />

immer verwandt gefühlt. Sie sind meine erste Inspirationsquelle.“ Platons<br />

„Gastmahl“ mit dem Untertitel „Über die Liebe“ war „eine Offenbarung“.<br />

So sehr, dass er es als Student übersetzte. „Wort für Wort – ohne<br />

jedes Ziel.“ Aber „unter den sehr liebenswürdigen Augen meiner damaligen<br />

Freundin, die meine Frau wurde“. Über den Griechen stehen die Kirchenväter,<br />

Augustinus, Benedikt von Nursia, Clemens von Alexandrien.<br />

Nebenan Bücher über Hölle und Teufel. „Gut und Böse sind menschliche<br />

Begriffe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie eine außermenschliche<br />

Bedeutung haben.“<br />

Etwas weiter schöpft die Geistesgeschichte neuen Atem, in den Bänden<br />

über die Renaissance, „diese ungeheuer reiche, bunte Zeit“. Die Antike<br />

wurde wiederentdeckt, alles hing mit allem zusammen. „Die Renaissance<br />

ist eine Zeit, in der die Frage nach dem Sinn kaum eine Rolle spielte,<br />

weil der Sinn auf allen Ebenen präsent war – der sinnliche Sinn, der seelische<br />

Sinn, der geistige Sinn.“<br />

Ein bisschen klingt Schmids eigenes Programm einer „anderen Moderne“<br />

durch. Errungenschaften der Moderne wie Menschenrechte, Wissenschaft,<br />

Technik, Marktwirtschaft und Demokratie will er anreichern<br />

durch Elemente wie Ökologie sowie das Denken und Leben in Beziehungen.<br />

Und den modernen Autonomiegedanken, der nur als Befreiung von etwas<br />

verstanden wird, zum anders modernen Autonomiebegriff einer Freiheit<br />

zu etwas weiterentwickeln. „Wir müssten heute eine neue Renaissance<br />

130<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Foto: Andreas Pein für <strong>Cicero</strong><br />

bewerkstelligen. Ein bisschen träumen darf man ja wohl.“ Eine neue Sinnzeit<br />

schwebt ihm vor, eine Kultur vielfältigster Verbundenheiten, die die<br />

Herrschaft der Ichlinge ablöst.<br />

Ernüchterung holt er sich bei Montaigne. „Ein Philosoph der Lebenskunst.<br />

Er hat ganz alltägliche Phänomene überdacht – immer mit dem Blick:<br />

Wie lässt sich das leben?“ Ein Vorläufer von Schmid? „Oh, das ist ein bisschen<br />

pathetisch. Aber in dieser Linie sehe ich mich.“ Dann die Neuzeit. „Von<br />

Kant habe ich mir nur ein Werk stärker angeeignet.“ Er holt ein antiquarisches<br />

Kleinod. „Meine Frau, die Antiquarin ist, hat es mir geschenkt. Es ist<br />

vermutlich das wertvollste Buch.“ Es ist Kants Lehre von der Lebenskunst,<br />

die „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ in der zweiten Auflage von<br />

1800. Auf dem Vorsatzblatt die Widmung seiner Frau: „Für Dich, Wilhelm,<br />

meine anthropologische Konstante, nicht nur in pragmatischer Hinsicht“.<br />

Es folgen die Romantiker. Schmid hält sich für einen. „Die Romantiker<br />

waren die Neuentdecker des Reiches der Möglichkeiten“. Novalis liebt er. An<br />

Hölderlins theoretischen Schriften beißt er sich die Zähne aus. Dann Nietzsche,<br />

„Hauptbezugspunkt meines Denkens“, weil seiner und unserer Zeit<br />

weit voraus. Heidegger findet er unredlich. <strong>Der</strong> sei jedem Rock nachgelaufen,<br />

aber Erotik findet in seinem Werk nicht statt. Und ganz viel Foucault.<br />

Wegen ihm hat Schmid in den achtziger Jahren in Paris studiert, über ihn<br />

ist er promoviert worden. Die deutsche Philosophie war Schmid blutleer erschienen,<br />

bei Foucault entdeckte er die Fragen des Lebens wieder.<br />

Auf einmal hält er Adornos „Minima Moralia“ in der Hand. „Sie kennen<br />

den berühmten Satz: ‚Es gibt kein richtiges Leben im falschen.‘ Ich<br />

weise immer wieder darauf hin, dass Adorno den Satz widerrufen hat.“ Im<br />

Adorno-Archiv hat Schmid eine Vorlesung entdeckt. „Es gibt ein richtiges<br />

Leben im falschen, sagt Adorno dort. Nämlich dann, wenn du es versuchst.“<br />

Viele Regale weiter, vorbei an Geschichte mit Schwerpunkt Nationalsozialismus,<br />

Belletristik, weiterer Lebenskunst-Literatur, bildet eine wuchtige<br />

Sammlung der Reihe Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft das Finale. Vor<br />

den tiefblauen Buchrücken hält Wilhelm Schmid inne wie vor einem Altar.<br />

„Hier kommt das Ende der Welt“, murmelt er kryptisch. „Denn diese Reihe<br />

wird ewig andauern. Hier sind alle wichtigen Bücher versammelt.“ Dann<br />

setzt er hinzu: „Und mein Buch ,Philosophie der Lebenskunst‘ ist in dieser<br />

Reihe erschienen. Das macht mich sehr stolz.“<br />

Kein Triumph schwingt in diesen Worten. Eher eine Demut vor der eigenen<br />

Biografie. Womöglich kann das nur jemand begreifen, den es aus einem<br />

500-Seelen-Kaff in die Philosophie verschlagen hat. <strong>Der</strong> mit Selbstzweifeln<br />

zu kämpfen hatte, obwohl seine Bücher mitunter mehr als 100 000 Käufer<br />

fanden. <strong>Der</strong> sich nie im akademischen Establishment heimisch fühlte, weil<br />

er es auf keinen ordentlichen Lehrstuhl brachte. Ein Bauernbub veröffentlicht<br />

im Geistesolymp bei Suhrkamp seine Habilitationsschrift über Lebenskunst.<br />

Sage noch einer, Philosophie sei ohne Humor.<br />

131<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Salon<br />

Hopes Welt<br />

wer nicht WAGt, hat SChon verloren<br />

Wie mich ein in Singapur gekauftes Buch zu einem Berliner<br />

Benefizkonzert animierte und warum jeder „etwas tun“ kann<br />

Als sich der Sommer in diesem Jahr dem<br />

Ende zuneigte, habe ich mich dabei ertappt,<br />

eine Art Zwischenbilanz ziehen zu<br />

wollen. Vielleicht liegt es daran, dass ich kürzlich<br />

das fünfte Lebensjahrzent erreichen durfte.<br />

„Die ersten vierzig Jahre unseres Lebens liefern<br />

den Text, die folgenden dreißig den Kommentar<br />

dazu“, meinte Arthur Schopenhauer. In diesem<br />

Sommer hat mir vor allem das hinreißende Buch<br />

von Florian Illies, „1913“, viel Stoff zum Nachdenken<br />

gegeben.<br />

Vor ziemlich genau fünf Jahren, im Sommer<br />

2008, stand ich in Singapur am Flughafen und<br />

war auf dem Weg in den Urlaub. Ich wollte nach<br />

Malaysia. Am Kiosk sah ich einen Titel, auf dem<br />

„Kristallnacht“ stand. Das Buch war von Martin<br />

Gilbert, einem britischen Historiker. Ich nahm<br />

es mit. Natürlich wusste ich, was sich in der Pogromnacht<br />

ereignet hatte. Meine Familie war von<br />

den Nazis gezwungen worden, die Villa in Dahlem<br />

zu verlassen. Das hat mein Urgroßvater nicht<br />

verkraftet. Er nahm sich das Leben, kurz nach<br />

dem 9. November, als er merkte, wie sehr er sich<br />

in „seinem“ Deutschland getäuscht hatte. Dann<br />

fiel mir auf, dass seit der Pogromnacht 70 Jahre<br />

vergangen waren. Ich rief meine Freunde in<br />

Deutschland an und fragte sie: Wie wird dieser<br />

Tag begangen? Ich war erstaunt, dass außer<br />

einem Staatsakt am Morgen nichts geplant war.<br />

Man musste etwas tun! Und so begann eine Idee<br />

Realität zu werden.<br />

Die ersten Gespräche mit Politikern verliefen<br />

ohne Ergebnisse. Ich rief Freunde und Kollegen<br />

an. Zuerst Thomas Quasthoff, dann Klaus Maria<br />

Brandauer und Max Raabe. Ich erzählte ihnen<br />

von meiner Idee einer Benefizveranstaltung: An<br />

die Vergangenheit erinnern, um für die Zukunft<br />

nach vorne zu schauen. Wir hatten keine Lokalität.<br />

Alles war ausgebucht. Es wurde September,<br />

und ich hatte immer noch keine finanziellen<br />

Mittel. Dauernd hörte ich: Das schaffst du nicht!<br />

Aber wir haben es geschafft. Dank großartiger<br />

Künstler, die bereit waren, Risiken einzugehen,<br />

und durch visionäre Menschen und Firmen,<br />

die bereit waren, großzügig zu spenden. Wir verwandelten<br />

die Abfertigungshalle des Flughafens<br />

Berlin-Tempelhof in einen Konzertsaal, spielten<br />

für über Tausend Menschen und nahmen eine<br />

beachtliche Summe für die Freya-von-Moltke-<br />

Stiftung ein. Diese Stiftung wählte ich deshalb<br />

aus, weil Freya von Moltke meine Familie nach<br />

dem Krieg unterstützte. Es wurde meine erste<br />

Veranstaltung mit dem Namen „Tu was“. Sie kam<br />

durch relativ einfache Mittel zustande: das<br />

Telefon in die Hand nehmen, Freunde anrufen.<br />

Und alles aufgrund eines Buches, das mich zum<br />

Nachdenken gebracht hatte.<br />

Als ich in diesem Sommer „1913“ las, wurde<br />

mir wieder bewusst, dass am kommenden 9.<br />

November der 75. Jahrestag der Pogromnacht<br />

naht. Das Prinzip „etwas tun“ ist mir heilig, auch<br />

wenn es nicht immer funktioniert. Ob ich es<br />

wieder schaffe, eine Benefizveranstaltung für die<br />

Stadt Berlin auf die Beine zu stellen? Ich werde<br />

es auf jeden Fall versuchen.<br />

Daniel Hope ist Violinist von Weltrang. Sein<br />

Memoirenband „Familien stücke“ war ein Bestseller.<br />

Zuletzt erschienen sein Buch „Toi, toi, toi! – Pannen<br />

und Katastrophen in der Musik“ (Rowohlt) und die<br />

CD „The Romantic Violinist“. Er lebt in Wien<br />

Illustration: Anja Stiehler/Jutta Fricke Illustrators<br />

132<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


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Salon<br />

Serie<br />

1933 – Als DeutSCHlAND die DemoKRAtie VERlor, Teil ix<br />

raus mit applaus<br />

und kein zurück<br />

Von Philipp Blom<br />

Im Oktober 1933 verließ Deutschland den Völkerbund.<br />

Adolf Hitler gewann so den entscheidenden Spielraum, um<br />

Wirtschaft und Politik auf einen Krieg vorzubereiten<br />

Foto: akg Images<br />

134<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Harry Graf Kessler notierte am 14. Oktober 1933 in<br />

sein Tagebuch: „Die Nachmittagszeitungen bringen<br />

die Nachricht, dass die Hitler-Regierung ihren<br />

Austritt aus dem Völkerbund und der Abrüstungskonferenz<br />

proklamiert. Das hat hier und,<br />

wie es scheint, auch in London wie eine Bombe eingeschlagen.<br />

In der Tat ist es das folgenschwerste europäische Ereignis<br />

seit der Ruhrbesetzung. Es kann in kurzer Zeit zur Blockade<br />

Deutschlands und vielleicht zum Krieg führen.“<br />

Die Notiz zeugt von einem scharfen Auge und von Angst.<br />

Die Stimmung in Deutschland allerdings hatte Kessler damit<br />

nicht beschrieben, denn er lebte schon im Pariser Exil. Während<br />

Paris und London besorgt waren, feierte man in Berlin<br />

und München. Hitlers Austritt aus dem 1919 gegründeten Völkerbund<br />

war tatsächlich ein wichtiger Schritt, mit dem die nationalsozialistische<br />

Regierung die Bedingungen des Vertrags<br />

von Versailles fast völlig aushebelte.<br />

Erst 1926 war Deutschland in den Völkerbund aufgenommen<br />

worden und bemühte sich gleich, die durch den Krieg zerstörten<br />

Beziehungen zu anderen Partnern zu normalisieren.<br />

Dabei forderte auch die Weimarer Republik immer wieder,<br />

von allen Rüstungsbeschränkungen,<br />

die ihr in Versailles auferlegt<br />

Da gab es für den Reichspropagandaminister<br />

worden waren, befreit zu werden.<br />

Großbritannien und Frank-<br />

nichts zu meckern: Rund<br />

95 Prozent der Wähler reich stellten ihr in Aussicht, das<br />

hießen den Austritt aus dem Ziel bald zu erreichen. Nach der<br />

Völkerbund nachträglich Wahl der Nationalsozialisten im<br />

gut. Bestens gelaunt<br />

Januar 1933 aber zogen sich die<br />

verlässt Joseph Goebbels<br />

sein Berliner Wahllokal Verhandlungspartner zurück. Sie<br />

misstrauten der neuen deutschen<br />

Regierung. Eine Gleichstellung<br />

Deutschlands schien in weite Ferne gerückt. Hitler nutzte diese<br />

Situation, um Deutschlands Austritt aus dem Völkerbund zu<br />

verkünden. Es war eine riskante Strategie.<br />

Nach der Wahl brauchte die NSDAP schnelle wirtschaftliche<br />

Erfolge. <strong>Der</strong> Austritt erlaubte ihr und Reichsbankpräsident<br />

Hjalmar Schacht, die deutsche Wirtschaft durch Investitionen<br />

auf Pump wieder anzukurbeln. Hitler hatte sein Ziel schon definiert:<br />

Die gesamte Industrie sollte direkt oder mittelbar der<br />

militärischen Aufrüstung dienstbar gemacht werden. Um das<br />

aber zu erreichen, musste Deutschland die Abrüstungsverhandlungen<br />

und Kontrollmechanismen des Völkerbunds verlassen.<br />

Jetzt war der Weg frei, in Schwerindustrie, Autobahnen<br />

und Rüstungsgüter zu investieren und bei der Bevölkerung<br />

den Anschein zu erwecken, die neue Regierung sei wirtschaftlich<br />

kompetenter als die Weimarer Republik. Tatsächlich aber<br />

brachte die massive defizitäre Finanzierung des wirtschaftlichen<br />

Aufschwungs nach 1933 das Land nicht nur ideologisch<br />

und logistisch einem bewaffneten Konflikt näher. Die enormen<br />

Ausgaben konnten letztlich nur durch einen siegreichen Krieg<br />

wieder hereingebracht werden. Deutschland hatte sich sozusagen<br />

zum siegreichen Feldzug gegen seine Nachbarn verpflichtet.<br />

Mehrere deutsche Intellektuelle machten ihre Unterstützung<br />

des Austritts aus dem Völkerbund publik. Martin Heidegger<br />

gefiel sich in der Rolle des völkischen Denkers und gab sein<br />

Placet, der evangelische Pastor Martin Niemöller gratulierte<br />

Hitler, und Gerhart Hauptmann trompetete: „Ich sage Ja!“ Fast<br />

gleichzeitig schrieb er einem jüdischen Bekannten in dessen<br />

Exil, er „nehme an, Sie kommen bald wieder nach Deutschland:<br />

Sie sollten es unbedingt tun.“ Sein früherer Freund, der<br />

nach London emigrierte Kritiker Alfred Kerr, war angewidert.<br />

„Es gibt seit gestern keine Gemeinschaft zwischen ihm und mir,<br />

nicht im Leben und nicht im Tod“, schrieb er. „Dornen sollen<br />

wachsen, wo er noch hinwankt … Hauptmann schmeichelt dem<br />

Raubgesindel.“<br />

Hitlers Maßnahme wurde in Deutschland mit Begeisterung<br />

aufgenommen. Gleichzeitig musste die Regierung aber mit großer<br />

Vorsicht vorgehen. Wie Kessler richtig gesehen hatte, konnten<br />

Deutschlands Alleingang und die zunehmende Provokation<br />

jener Mächte, die es nur 15 Jahre zuvor besiegt hatten, zu<br />

einem Krieg führen, den Hitler jetzt noch um jeden Preis vermeiden<br />

wollte. Weder die Armee noch die Rüstungsindustrie<br />

waren hierfür bereit. Er musste beschwichtigen und tat es in<br />

einer Rundfunkansprache am 14. Oktober, dem Tag des Austritts:<br />

„Möge es dieser gewaltigen Friedens- und Ehrkundgebung<br />

unseres Volkes gelingen, dem inneren Verhältnis der europäischen<br />

Staaten untereinander jene Voraussetzung zu geben,<br />

die zur Beendigung nicht nur eines jahrhundertelangen Haders<br />

und Streits, sondern auch zum Neuaufbau einer besseren Gemeinschaft<br />

erforderlich ist.“<br />

Die Regierung war sich sicher, dass die Entscheidung zum<br />

Austritt aus dem Völkerbund im eigenen Land populär sein<br />

würde. Sie täuschte sich nicht. Sie kombinierte die Neuwahlen<br />

zum Reichstag mit einer Volksbefragung über den Austritt. Das<br />

Datum war sorgfältig gewählt. Die Wahl fiel auf den 11. November<br />

1933, den Jahrestag der Unterzeichnung des Versailler<br />

Vertrags, der von vielen Deutschen als Tag der Demütigung<br />

und der nationalen Schande angesehen wurde. Jetzt erhielten<br />

die Wählerinnen und Wähler die Möglichkeit, sich von dieser<br />

Schande reinzuwaschen. Die 95-prozentige Zustimmung war<br />

nicht nur eine Konsequenz der umfassenden politischen Gleichschaltung,<br />

sondern wohl auch ein Ausdruck echter Genugtuung<br />

vonseiten der Wähler.<br />

Hitlers Austritt aus dem Völkerbund bereitete das Land auf<br />

einen Krieg vor. Die Rüstungspolitik und die einseitige Ausrichtung<br />

der Wirtschaft machten Krieg auch zur ökonomischen<br />

Notwendigkeit. <strong>Der</strong> Konflikt war nur eine Frage der Zeit. Inzwischen<br />

musste die NS-Regierung taktisches Geschick beweisen,<br />

um ihre Gegner nicht vorzeitig zu provozieren, gleichzeitig<br />

aber auf das große Ziel hinzuarbeiten. Ironischerweise war<br />

der erste beschwichtigende außenpolitische Akt der deutschen<br />

Regierung dann 1934 ein Nichtangriffspakt mit Polen. Von ihm<br />

bis zur Invasion Polens fünf Jahre später lief ein Mechanismus<br />

ab, der am 14. Oktober 1933 in Gang gesetzt worden war.<br />

Philipp Blom ist Historiker und Autor. Seine Bücher<br />

„<strong>Der</strong> taumelnde Kontinent“ und „Böse Philosophen“ wurden<br />

mehrfach ausgezeichnet<br />

Wir werden den Weg in die Diktatur von 1933 weiterhin<br />

nachzeichnen. In der nächsten Ausgabe wenden wir uns der<br />

Inbetriebnahme des Konzentrationslagers Dachau zu.<br />

135<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Salon<br />

Die letzten 24 Stunden<br />

136<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Foto: Richard Dumas/VU/laif<br />

Ist der Tod nun<br />

das Ende?<br />

Oder der Anfang<br />

einer neuen<br />

Phase meines<br />

unendlichen<br />

Lebens?<br />

Was für ein<br />

Abenteuer!<br />

Jane<br />

Goodall<br />

Zur Person<br />

jane Goodall<br />

Die britische Primaten forscherin<br />

erlangte mit ihren Schimpansen-<br />

Studien Weltruhm. Sie setzt<br />

sich mit ihrem Institut für einen<br />

respektvollen Umgang mit<br />

Menschen, mit Tieren und der<br />

gesamten Natur ein<br />

Es ist Mai, alles ist ergrünt. Ich<br />

wache um fünf Uhr früh im<br />

Haus meiner Kindheit in Bournemouth<br />

an der Südküste Englands<br />

auf. Von diesem Moment<br />

an zähle ich meine letzten 24 Stunden.<br />

Ich schaue hinaus zu den Bäumen, hin zu<br />

einer Buche, wo ich als Kind viel Zeit verbracht<br />

habe, hoch oben bei den Vögeln.<br />

In der Küche frühstücke ich mit meiner<br />

Schwester Judy und den Kindern. Wie<br />

immer eine halbe Scheibe Toast und einen<br />

Kaffee. Nach dem Frühstück verdunkeln<br />

Wolken die Sonne. Die Luft ist grau<br />

und kalt. Ich gehe mit Charlie, dem Boxermischling,<br />

spazieren.<br />

Wir laufen zu den Plätzen, die ich<br />

als Kind mit meinem ersten Hund Rusty<br />

aufgesucht habe. Wenig hat sich verändert.<br />

Wir machen Rast an einem geheimen<br />

Ort bei den Bäumen. Ich schaue zurück<br />

auf mein Leben, die Menschen und<br />

Tiere, die Orte und Ereignisse, die einen<br />

großen Einfluss auf mich hatten.<br />

Dann kehre ich zum Haus zurück<br />

und werde zu Mittag essen, vegetarisch<br />

natürlich. Nun werde ich einen friedvollen<br />

und beschäftigten Nachmittag verbringen<br />

und so viele Freunde wie möglich<br />

anrufen. Um ihre Stimmen zu hören.<br />

Sie werden nicht wissen, dass ich mich<br />

verabschiede. „Ich habe Lust auf einen<br />

kurzen Plausch“, werde ich sagen.<br />

Wenn ich nach unten gehe, wird<br />

mein Sohn Hugo mit seinen drei Kindern<br />

angekommen sein. Wir werden ein großes<br />

Familienfest mit vielen Freunden feiern,<br />

Neuigkeiten austauschen, uns Witze<br />

erzählen und viel lachen. Zu bestem indischem<br />

Essen, das wir uns liefern lassen,<br />

genießen wir ein Gläschen Whisky und<br />

guten Bio-Rotwein und sitzen bis zu später<br />

Stunde zusammen.<br />

Nun endet der Tag, die Nacht bricht<br />

herein. Noch etwa sechs Stunden verbleiben<br />

mir. Ich kann nicht schlafen.<br />

Keine dieser wertvollen Stunden darf ich<br />

vergeuden. Ich schaue mir noch einmal<br />

den National-Geographic-Dokumentarfilm<br />

„Mein Leben mit den Schimpansen“<br />

an und erlebe diese magische Zeit, als<br />

jeder Tag neue Entdeckungen brachte.<br />

Als es nur uns gab und die Schimpansen<br />

in den unberührten Wäldern. Ich lege<br />

Musik auf. Dvořáks Cellokonzert, Sibelius’<br />

Finlandia, ein wenig Mozart und aus<br />

Beethovens neunter Sinfonie den finalen<br />

Satz. Während ich zuhöre, schreibe ich<br />

einen Brief an meine Familie. Sie sollen<br />

so wenig wie möglich trauern. Auch<br />

richte ich mein Wort in einem offenen<br />

Brief an die Jugend, um mit ihnen die<br />

Lektionen, die ich gelernt habe, zu teilen<br />

– allen voran, immer das Beste aus<br />

sich herauszuholen.<br />

Ich schaue mich um. Die Bücher<br />

meiner Kindheit sind versammelt: Tarzan,<br />

Doktor Doolittle, viele andere. Souvenirs<br />

aus der ganzen Welt. Die beiden<br />

Plüschaffen: Jubilee, den mir mein Vater<br />

mit 18 Monaten geschenkt hatte, und<br />

Mr. H., der mich die letzten 20 Jahre auf<br />

meinen Reisen in 59 Länder dieser Erde<br />

begleitet hat. Ich schaue mir Fotografien<br />

besonderer Menschen, Tiere und<br />

Orte an.<br />

Nun bleibt mir nur noch eine Stunde,<br />

bis es wieder fünf Uhr ist. Ich kann nun<br />

nicht mehr alleine sein, doch ich möchte<br />

die anderen nicht wecken. Sie sollen mich<br />

fröhlich in Erinnerung behalten. Nun bin<br />

ich jedoch traurig und ein wenig ängstlich.<br />

Ich werde die Wahrheit über den<br />

Tod erfahren. Bedeutet das nun das<br />

Ende? Oder ist es, wie ich schon immer<br />

glaubte, der Anfang einer neuen Phase<br />

meines unendlichen Lebens? Was für ein<br />

Abenteuer! Das Leben ist so gut.<br />

Ich sage mir, dass es das Beste sei,<br />

nun fortzugehen, bevor ich kraftlos und<br />

eine Last für meine Familie werde. Ich<br />

schleiche mich ins Wohnzimmer. Ich ermutige<br />

Charlie, neben mir auf dem Sofa<br />

Platz zu nehmen, was ihr eigentlich verboten<br />

ist. Ich streichele sie und schließe<br />

meine Augen. Plötzlich höre ich ein Geräusch.<br />

Meine ganze Familie steht vor<br />

mir. Irgendwie haben sie es gewusst.<br />

Wir umarmen uns und weinen. Ich<br />

verspreche ihnen, dass ganz gewiss ein<br />

Teil von mir, mein Geist, oder wie man<br />

es auch bezeichnen soll, immer bei ihnen<br />

sein wird. Jetzt sind es nur noch ein<br />

paar Minuten. Wir werden ganz still. Die<br />

alte Standuhr fängt an zu schlagen: eins,<br />

zwei, drei, vier, fünf …?<br />

Aufgezeichnet von Björn Eenboom<br />

137<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Postscriptum<br />

N°-10<br />

WeiSSe Männer<br />

Nachdem jetzt lange genug auf dem<br />

sogenannten Gutmenschen herumgeritten<br />

wurde, ist es so langsam wirklich<br />

Zeit für einen neuen Kampfbegriff. Gute<br />

Chancen hat meines Erachtens der „weiße<br />

alte Mann“. Vor Kurzem wurde zum<br />

Beispiel Rainer Brüderle als solcher<br />

bezeichnet, in irgendeinem Zeitungsartikel.<br />

Das war nicht als sachliche Zustandsbeschreibung<br />

gemeint, sondern als charakterliche<br />

Bewertung, ungefähr nach dem<br />

Motto: Was will man von dem schon<br />

anderes erwarten?<br />

<strong>Der</strong> „weiße alte Mann“ gilt in solchen<br />

Zusammenhängen als das Gegenteil des<br />

weisen alten Mannes: hoffnungslos verjährt,<br />

sexistisch, nur auf den eigenen<br />

Vorteil bedacht, nicht nachhaltig genug für<br />

unsere Zeit. Kurzum: ein Auslaufmodell<br />

mit längst überschrittenem Verfallsdatum.<br />

Und während sich der Gutmensch aus<br />

Sicht seiner Kritiker durch Aneignung von<br />

Boshaftigkeit zum Besseren entwickeln<br />

könnte, ist der „weiße alte Mann“ offenbar<br />

ganz und gar ein Gefangener seines<br />

Geschlechts, seiner Hautfarbe, seiner<br />

verflossenen Lebensjahre. Es gibt praktisch<br />

kein Entrinnen aus diesem Schicksal.<br />

Wobei sich natürlich die Frage stellt, ob<br />

alle weißen alten Männer auch „weiße alte<br />

Männer“ im engeren Sinne sind: Ist etwa<br />

Hans-Christian Ströbele am Ende sogar<br />

verabscheuungswürdiger als Rainer<br />

Brüderle, weil noch älter und irgendwie<br />

noch ein bisschen weißer? Wie steht es um<br />

bisher unangefochtene Weltorakel vom<br />

Schlage eines Günter Grass oder Helmut<br />

Schmidt? Ist deren Deutungshoheit womöglich<br />

nur noch ein Raunen aus den<br />

dunklen Katakomben des Doktor Mabuse?<br />

Demnächst erscheint sogar ein ganzes<br />

Buch über den Niedergang des weißen<br />

alten Mannes, geschrieben von einem auch<br />

nicht mehr ganz so jungen weißen Mann<br />

namens Luca Di Blasi. Ich erhoffe mir von<br />

ihm Auskunft darüber, wer denn nun die<br />

Nachfolge des weißen alten Mannes<br />

antreten wird. Junge schwarze Frauen wie<br />

Rihanna oder Beyoncé? Mittelalte Mischlinge<br />

wie Barack Obama, welche sich vor<br />

allem dadurch auszeichnen, dass sie die<br />

Verhaltensmuster weißer alter Männer<br />

kopieren? Oder liegt die Zukunft im<br />

Herrschaftswissen älterer weißer Frauen<br />

des Typs Angela Merkel?<br />

Demografisch gesehen liegt das Problem<br />

natürlich darin, dass die weißen<br />

alten Männer in Zukunft eher mehr<br />

werden als weniger, zumindest im Verhältnis<br />

zu den nachwachsenden jungen weißen<br />

Männern. Für unsere Gesellschaft verheißt<br />

das insgesamt nichts Gutes. Es sei denn,<br />

aus jüngeren männlichen Gutmenschen<br />

werden irgendwann doch wie von selbst<br />

ältere männliche Gutmenschen. Aber das<br />

ist dann ja auch wieder nicht recht.<br />

Alexander Marguier<br />

ist stellvertretender Chefredakteur<br />

von <strong>Cicero</strong><br />

Die NÄCHSte <strong>Cicero</strong>-Ausgabe ERSCHEint am 24. Oktober<br />

Illustration: Anja Stiehler/Jutta Fricke Illustrators<br />

138<br />

<strong>Cicero</strong> – 10.2013


Das Männer-stil-Magazin<br />

www.gq.de<br />

Jetzt im Handel oder als ePaper erhältlich.


H E R M È S W I N T E R S P I E L E<br />

Informationen unter: Tel. 089/55 21 53-0<br />

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MAGAZIN FÜR POLITISche KULTUR<br />

Nach<br />

der Wahl<br />

Analysen. Kommentare. Reportagen<br />

Was der 22. September<br />

für Deutschland bedeutet


Wir sind diE<br />

EnErGiEsTiFTUnG.<br />

Als RWE Stiftung liefern wir Energie, die man nicht in Watt messen kann.<br />

Deshalb gehen wir auch bei unserem gesellschaftlichen Engagement vorweg<br />

und stecken diese Energie in zahlreiche Projekte in den Bereichen Bildung,<br />

Kultur und Soziales. Dabei fördern wir Bildungseinrichtungen, unterstützen<br />

künstlerische Talente und helfen Kindern und Jugendlichen, ihr Leben aktiv<br />

in die Hand zu nehmen. Mehr dazu unter www.rwestiftung.com


<strong>Cicero</strong><br />

Wahlspezial<br />

Die WAHRE AFD<br />

Quelle: Bundeswahlleiter; Foto: John Macdougall/AFP/Getty Images (Seiten 4 bis 5)<br />

CDU/CSU 41.5<br />

SPD 25.7<br />

FDP 4.8<br />

Die Linke 8.6<br />

Grüne 8.4<br />

Piraten 2.2<br />

AfD 4.7<br />

Sonstige 4.1<br />

Angaben in Prozent<br />

Angela Merkel hat am Abend des 22. September 2013<br />

mehr als nur eine Wahl gewonnen. Mit einem Ergebnis<br />

knapp unter der absoluten Mehrheit hat sie für die CDU<br />

beinah bayrische Verhältnisse in ganz Deutschland hergestellt.<br />

Zum ersten Mal münzt Merkel ihre persönliche Popularität<br />

direkt um in einen echten Wahlerfolg der Union.<br />

Die innerpartei lichen Kritiker ihres Modernisierungskurses<br />

müssen jetzt sehr kleine Brötchen backen. Insgeheim sollten<br />

sie ihrem Herrgott und ihrer Chefin danken, dass sie den<br />

verspäteten Aufbruch der Union in die Moderne nicht<br />

aufhalten konnten.<br />

Und doch werden die kommenden Jahre für<br />

Merkel nicht komfortabel. Im Bundesrat steht<br />

ihr schon jetzt eine rot-rot-grüne Mehrheit<br />

gegenüber, die sich rechnerisch auch im<br />

Bundestag widerspiegelt. Egal also, ob sich<br />

am Ende die Sozialdemokraten oder die Grünen<br />

von Merkel unters Joch ihrer Kanzlerschaft<br />

zwingen lassen: Rot oder Grün wird sich nicht<br />

mehr alternativlos in eine unliebsame Koalition<br />

mit der Kanzlerin fügen. In der Septemberausgabe<br />

des <strong>Cicero</strong> haben wir bereits die stillen Pläne von SPD‐Chef<br />

Sigmar Gabriel beschrieben, die eine Öffnung für ein rotrot-grünes<br />

Bündnis vorsehen. „Science Fiction“ hat er das,<br />

auf den <strong>Cicero</strong>-Titel angesprochen, genannt.<br />

Diese Zukunft beginnt jetzt: Die Mehrheitsverhältnisse,<br />

die die Wählerinnen und Wähler in diesem 18. Deutschen<br />

Bundestag geschaffen haben, sind wie gemacht für Gabriels<br />

Dehnübung. Mit 319 Sitzen verfügte das linke Bündnis über<br />

eine ordentliche Mehrheit. Den Zölibat gegenüber der Linken<br />

werden die Sozialdemokraten nicht mehr lange aufrechterhalten.<br />

Und bei einer günstigen Gelegenheit sagen:<br />

Wir können auch anders. Die wahre Alternative für Deutschland<br />

heißt von jetzt an Rot-Rot-Grün. Like it or not.<br />

Mit besten Grüßen<br />

CHRISToph SCHWEnnicke<br />

Chefredakteur<br />

3


Inhalt<br />

6<br />

blick auf BerlIN<br />

Internationale<br />

Korrespondenten<br />

kommentieren<br />

Von Pascale HUGUES,<br />

ALISon SMALE, GIDEon RACHMAn<br />

und SHIn Ming<br />

10<br />

zwölFTer Stern<br />

Riesenhuber und Schäuble,<br />

der Älteste und der<br />

Dienstälteste im Parlament<br />

Von hartmut PALMER<br />

12<br />

uda TOPPT angela<br />

Wie die CDU-Politikerin<br />

Uda Heller ihren Wahlkreis<br />

von der Linkspartei<br />

zurückerobert hat<br />

Von conSTAntin MAGnis<br />

18<br />

Wahlkreise – Best Of<br />

Özdemirs Niederlage,<br />

Münteferings Sieg:<br />

Entscheidungen vor Ort<br />

22<br />

Das neue wahlköNIGTUM<br />

Angela Merkels<br />

Wertebündel entspricht der<br />

modernen Gesellschaft<br />

Von ChristoPH STÖLZL<br />

23<br />

MITTlerschaFT ZU Paris<br />

In der Regierung<br />

muss sich die SPD als<br />

Europapartei profilieren<br />

Von klaus HARPPRECHT<br />

24<br />

Bühne der NeINSager<br />

Über den Bundesrat<br />

als Blockadeinstanz<br />

Von Christoph SEILS<br />

26<br />

Keine Sieger, NIrgends<br />

Warum der Wahlausgang<br />

niemandem Freude bereitet<br />

Von AlexanDER MARGUIER


<strong>Cicero</strong><br />

Wahlspezial<br />

Die Welt BLICKT AUF BERLIn<br />

Das Ausland zeigt sich wenig überrascht über den<br />

Wahlausgang. <strong>Cicero</strong> hat Stimmen aus Frankreich,<br />

den USA, Großbritannien und China gesammelt<br />

Frankreich<br />

Die Leiden DER<br />

AnGELA M.<br />

Buhfrau oder Heilsbringerin:<br />

Die Bundeskanzlerin muss nun weitere<br />

vier Jahre als Projektionsfläche für die<br />

Fantasmen der Franzosen herhalten<br />

Arme Angela Merkel! Weitere vier Jahre wird<br />

sie als Projektionsfläche für die absurdesten<br />

germanophoben Fantasmen der Franzosen<br />

dienen! Schon höre ich meine zwischen<br />

zwei widersprüchlichen Gefühlen<br />

hin- und hergerissenen Landsleute.<br />

Auf der einen Seite, und zwar besonders<br />

bei der Elite der Sozialistischen Partei<br />

Frankreichs und manchen Intellektuellen,<br />

ist Angela Merkel die „Kanzlerin der Sparpolitik“,<br />

der „egoistischen Kompromisslosigkeit“;<br />

sie ist diejenige, die die deutschen Interessen<br />

und ihren eigenen Wahlerfolg über<br />

die europäische Solidarität stellt, diejenige,<br />

die die ganze Welt belehrt, diejenige, die in<br />

ihrem Land die Leiharbeit missbraucht und<br />

die gesellschaftliche Spaltung vertieft. Die<br />

arme Kanzlerin: eine monströse Kreuzung<br />

aus Maggie Thatcher, Bismarck und Hitler.<br />

Auf der anderen Seite jedoch ist Angela<br />

Merkel – darin sind sich die Meinungsforscher<br />

einig – die politische Persönlichkeit<br />

in Europa, der die Franzosen die Rettung<br />

des Euro am ehesten zutrauen. Man bewundert<br />

ihre Standfestigkeit, ihre Gelassenheit,<br />

ihr unprätentiöses, fast etwas hausfrauliches<br />

Auftreten. Außerdem, und das ist unsere<br />

Obsession, fragen wir uns: Wie schafft<br />

Deutschland es nur, so gut über die Runden<br />

zu kommen, während die südeuropäischen<br />

Volkswirtschaften wie Kartenhäuser<br />

einstürzen und Frankreich in der ökonomischen<br />

Krise steckenbleibt?<br />

Eine delikate Mischung aus Bewunderung<br />

und Neid, aus Vertrauen und Verdächtigungen.<br />

Als sie bei ihrem Fernsehauftritt<br />

in der Wahlarena gefragt wurde, wie der<br />

ständige Vergleich mit den finsteren Protagonisten<br />

der deutschen Vergangenheit<br />

auf sie wirkt, antwortete sie gleichmütig:<br />

„Ich bin immer zufrieden, dass Leute nicht<br />

ins Gefängnis kommen, wenn sie ihre Meinung<br />

sagen.“ Wird Angela Merkel auch die<br />

nächsten vier Jahre die Geduld aufbringen,<br />

ihr unschuldiges, fast kokettes kleines Lächeln<br />

zur Schau zu tragen, wenn die Franzosen<br />

sich dem „German bashing“ in seiner<br />

primitivsten Form hingeben? Oder wird<br />

sie vor lauter Genervtheit schwach werden<br />

und den Franzosen gegenüber die gleiche<br />

etwas ruppige Gestik an den Tag legen wie<br />

ihr sozialdemokratischer Rivale?<br />

PASCALE HUGUES war Korrespondentin der<br />

Tageszeitung Libération. Seit 1995 schreibt sie<br />

regelmäßig für das Wochenmagazin Point<br />

Übersetzung: Elisabeth Thielicke<br />

Foto: Antje Berghäuser<br />

6


USA<br />

Merkel und<br />

DIE Jugend<br />

Die Kanzlerin hat es verstanden,<br />

junge Menschen zu mobilisieren.<br />

Das könnte die Grundlage für ein<br />

neues politisches Erbgut sein<br />

Schön war es: die vielen fröhlichen jungen<br />

Menschen vom TeAM Angie, die ihrer Kandidatin<br />

zugejubelt haben am Wahlabend<br />

im Konrad-Adenauer-Haus. Engagement,<br />

Enthusiasmus, Hingabe waren da zu sehen.<br />

Wie so viele, mit denen ich in den vergangenen<br />

Wochen überall in Deutschland<br />

sprechen konnte, haben auch diese jungen<br />

Menschen in ihrem bewussten politischen<br />

Leben nur eine Kanzlerin gekannt:<br />

Angela Merkel.<br />

Demoskopen werden uns genau erklären,<br />

wer unter den jungen – 18- bis 30-Jährigen<br />

– wie gewählt hat. Für mich, die ich<br />

Deutschland seit den siebziger Jahren<br />

kenne und an der Berichterstattung über<br />

das wiedervereinigte Neuland eine neue<br />

Freude spüre, ist die jugendliche Unterstützung<br />

für Angela Merkel ein faszinierendes<br />

Phänomen. In den siebziger und achtziger<br />

Jahren hätte eine CDU-Politikerin es schwer<br />

gehabt, erstens überhaupt an die Spitze<br />

des konservativen Männervereins zu gelangen<br />

und zweitens Teens und Twens, die<br />

damals viel eher von den Grünen oder anderen<br />

links stehenden Kräften angetan waren,<br />

mit sich zu ziehen.<br />

Wir wissen: Frau Merkel ist außergewöhnlich.<br />

Eine Pfarrerstochter, geboren in<br />

Hamburg, großgeworden in der DDR, gelernte<br />

Physikerin … Weniges aber ist über<br />

ihre Beziehung zur Jugend geschrieben<br />

worden. Die Frau „Mutti“ (die keine eigenen<br />

Kinder hat) fasziniert die Jugend offensichtlich.<br />

Frisch zurückgekehrt aus dem Urlaub<br />

im August, erschien das erste Interview<br />

mit der Kanzlerin in einer Jugendzeitschrift,<br />

und ihre erste (kurze) Reise führt sie in den<br />

Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, um am Jahrestag<br />

des Mauerbaus in einem Gymnasium<br />

eine Geschichtsstunde zu geben.<br />

Im Konrad-Adenauer-Haus hat Angela<br />

Merkel sich also ausdrücklich bei den<br />

jungen Wahlhelfern bedankt. Und die haben<br />

andere mitgebracht – die Mutter von<br />

Anna Tupack etwa, die vor Stolz und Freude<br />

strahlte, dass ihre Tochter mit TeAM Angie<br />

durch ganz Deutschland unterwegs war,<br />

um für die Kanzlerin zu werben. Das habe<br />

der Sache geholfen, findet sie.<br />

Vielleicht hilft es auch, ein politisches<br />

Erbgut für die Bundeskanzlerin zu schaffen.<br />

Inzwischen wird die gelernte Wissenschaftlerin<br />

Merkel ihre Freude woanders an der Jugend<br />

haben: an der Ausbildung und an der<br />

Entwicklung der Forschung, die sie so sichtbar<br />

fasziniert. Selbst bei ihrer oft gehaltenen<br />

Wahlrede waren es häufig die Passagen,<br />

bei denen man auch nach dem 60. Mal<br />

noch Neugierde und Enthusiasmus hören<br />

konnte. Und von den Fotos, die aus dem<br />

Italienurlaub im Frühjahr in der Bild-Zeitung<br />

veröffentlicht wurden, bleibt eins stark in<br />

Erinnerung: wie die Bundeskanzlerin ihrem<br />

Stiefenkelkind etwas erklärt, den Zeigefinger<br />

ausgestreckt.<br />

Angela Merkel weiß eben, wo es lang<br />

geht und hofft, die Jugend mit sich zu ziehen<br />

– in eine bessere Zukunft.<br />

Alison SMALE ist Korrespondentin<br />

der New York Times in Berlin. Zuvor war<br />

sie Chefredakteurin der International<br />

Herald Tribune<br />

Foto: Antje Berghäuser<br />

7


<strong>Cicero</strong><br />

Wahlspezial<br />

Grossbritannien<br />

erleichterung, ABER<br />

keine ZUFRIEDEnHEIT<br />

David Cameron sieht in seiner deutschen<br />

Amtskollegin eine verlässliche Partnerin.<br />

Er sollte sich aber nicht täuschen:<br />

Sie verfolgt ihre eigenen Interessen<br />

Dass Angela Merkel die Wahlen gewonnen –<br />

und so deutlich gewonnen – hat, ist eine<br />

enorme Erleichterung für die britische Regierung.<br />

Denn wenn David Cameron überhaupt<br />

eine europapolitische Strategie besitzt,<br />

dann beruht sie auf einem einzigen<br />

Grundstein: Bundeskanzlerin Angela Merkel.<br />

In einem Gespräch, das ich Anfang dieses<br />

Jahres mit einem der wichtigen Minister<br />

in Camerons Kabinett führte, sagte dieser<br />

mit bemerkenswerter Offenheit: „Merkel<br />

muss gewinnen.“<br />

Die Briten haben das Gefühl, dass man<br />

mit Frau Merkel auskommen kann und dass<br />

es mit ihr möglich ist, den schwierigen und<br />

politisch riskanten Weg zu bewältigen, den<br />

Cameron selbst eingeschlagen hat: die Bedingungen<br />

für die Mitgliedschaft Großbritanniens<br />

in der Europäischen Union neu<br />

zu verhandeln, um danach das von ihm<br />

im Falle eines Wahlsiegs seiner Konservativen<br />

Partei für 2017 in Aussicht gestellte<br />

Referendum über das Verhandlungsergebnis<br />

zu gewinnen.<br />

Dass eine britische Tory-Regierung<br />

heute ihr ganzes Vertrauen auf eine Kanzlerschaft<br />

der CDU setzt, ist eine vollständige<br />

Umkehr der Verhältnisse von vor<br />

20 Jahren, als sich die britische Premierministerin<br />

Margaret Thatcher und Bundeskanzler<br />

Helmut Kohl über Europas Zukunft<br />

stritten. Die Briten sind überzeugt, dass<br />

Merkels Umgang mit der Euro-Krise vor allem<br />

beweist, dass sie eine „Pragmatikerin“<br />

ist – wobei man wissen muss, dass es in der<br />

britischen Politik kein größeres Lob als dieses<br />

gibt. Dass die Chemie zwischen Merkel<br />

und Cameron – im Übrigen auch zwischen<br />

deren Ehepartnern – einfach stimmt, ist<br />

ebenfalls hilfreich.<br />

David Cameron hofft, Angela Merkel<br />

davon überzeugen zu können, dass es ein<br />

enorm wichtiges deutsches Interesse sei,<br />

Großbritannien in der Europäischen Union<br />

zu halten – und dass es sich daher lohnt, einige<br />

Zugeständnisse zu machen, um ihm<br />

zu einem erfolgreichen Referendum zu<br />

verhelfen. Er glaubt, dass einige der Änderungen,<br />

die er anstrebt, ja möglicherweise<br />

auch für Deutschlands Konservative recht<br />

attraktiv sein könnten. Vor allem hofft er,<br />

dass Merkel bereit ist, einer kleinen, aber<br />

symbolträchtigen Rückübertragung einiger<br />

Brüsseler Befugnisse zuzustimmen – dazu<br />

würde auch die Reduzierung der Sozialleistungen<br />

für Migranten innerhalb der Europäischen<br />

Union gehören.<br />

Britische Diplomaten allerdings versuchen,<br />

Cameron von einer wohl etwas realistischeren<br />

Einschätzung zu überzeugen.<br />

Merkels höchste Priorität in der Europapolitik<br />

ist es, den Euro zu retten. Sie wird<br />

gegenüber Großbritannien keinerlei Zugeständnisse<br />

machen, die dieses Ziel gefährden.<br />

David Cameron kann also erleichtert<br />

über Angela Merkels Sieg sein. Grund für<br />

eine Zufriedenheit gibt ihm ihr Wahlsieg jedoch<br />

nicht.<br />

Gideon RACHMAn ist Chefkolumnist für<br />

Außenpolitik bei der Financial Times<br />

Übersetzung: Judith Hart<br />

Foto: Antje Berghäuser<br />

8


China<br />

Wo bleibt DIE DEUTSCHE<br />

VERAntwoRTUng?<br />

Deutschland sollte endlich<br />

weltpolitisch aktiver werden, statt<br />

über Benzinpreise, BND-Bespitzelung<br />

und Beamtenbesoldung zu streiten<br />

„Peer, wer?“ titelte das Nachrichtenmagazin<br />

<strong>Der</strong> Spiegel während des Wahlkampfs –<br />

was durchaus an die Kanzlerin gerichtet<br />

war, die ganz offensichtlich ihren Herausforderer<br />

vornehm überging. Das Motto<br />

„einfach ignorieren“ könnte auch für die<br />

Chinesen gelten, wenn es um Wahlen und<br />

Wahlkampf geht: „Wahl? Welche Wahl?“<br />

Wenn überhaupt, interessieren sich Chinesen<br />

für US-Wahlen mit inszenierten<br />

Helden. Ganz bestimmt aber nicht für die<br />

Feinheiten im deutschen Verhältniswahlsystem<br />

oder für einen Wahlkampf, in dem<br />

Außenpolitik oder China nicht die geringste<br />

Rolle spielten. Angesichts der als provinziell<br />

empfundenen deutschen Wahlen ist dieser<br />

Mangel an Interesse gut nachvollziehbar,<br />

dem Skandal des vom Herausforderer ausgestreckten<br />

Mittelfingers zum Trotz.<br />

Was aber nicht heißt, dass die Chinesen<br />

den Deutschen oder Deutschland keinen<br />

Respekt zollen würden. Längst sind „benchi“<br />

(„Galopp“ für Mercedes) und „baoma“<br />

(„Schatzross“ für BMW) Teil des allgemeinen<br />

Sprachgebrauchs. Und Angela Merkel<br />

eine durchaus bekannte politische Größe.<br />

Gerne erzählt man sich, wie Europas eiserne<br />

Lady beim Besuch einer Fabrikkantine<br />

in Nanjing darauf bestand, das Gleiche<br />

zu essen wie die Arbeiter und sich wie<br />

alle anderen in die Schlange an der Kasse zu<br />

stellen. Als ihr das Bestellte auf den Boden<br />

fiel, bückte sie sich, hob es auf und legte es<br />

wieder auf ihr Tablett. Die Botschaft kam<br />

bei den Chinesen an: Schaut, wie volksnah<br />

und bescheiden eine demokratische Politikerin<br />

ist! Anders als die KP-Kader, die im<br />

rasenden „Galopp“ und „Schatzross“ mit<br />

Geld und Macht prahlen.<br />

Während kaum jemand in China Peer<br />

Steinbrück kennt, ist „lao pengyou“ (alter<br />

Freund) Ex-Kanzler Gerhard Schröder<br />

im Bewusstsein immer noch präsent. War<br />

er es doch, der deutsche Technologien<br />

mitbrachte, damit sich deutsche Firmen<br />

eine goldene Nase verdienen. Chinas ehemaliger<br />

Botschafter in Berlin, Lu Qiutian,<br />

aber moniert: Schröder habe versprochen,<br />

China als Marktwirtschaft anzuerkennen,<br />

das EU-Waffenembargo aufzuheben und<br />

mit Peking, Moskau und Paris der US-Vormacht<br />

Paroli zu bieten. Nichts davon wurde<br />

eingelöst. Stattdessen dankte Schröder ab<br />

und half Gazprom, China mit sibirischem Öl<br />

jahrelang zu gängeln.<br />

Was erwartet man in China nun von der<br />

Wahlsiegerin? Das offizielle China schweigt.<br />

Eine chinesische Bloggerin mit dem Nickname<br />

„Wind weht durchs Tal“ formulierte<br />

ihre Erwartungen noch vor dem Wahlausgang<br />

so: „Mich wundert, dass sich Merkel<br />

und Steinbrück beim Fernsehduell über Benzinpreise,<br />

Beamtensold und BND-Bespitzelung<br />

zanken. Haben die nichts global Wichtigeres<br />

zu tun, Syrienkrieg, Ägyptens Chaos,<br />

Spannung in Ostasien?“ Will heißen: Wird<br />

Deutschland Verantwortung übernehmen,<br />

die übers Geldscheffeln und ein bescheidenes<br />

Auftreten einzelner Politiker hinausgeht?<br />

Etwa klar Farbe bekennen zur Zivilgesellschaft<br />

in China?<br />

Shi Ming arbeitete als Journalist für<br />

den chinesischen Staatsrundfunk.<br />

Heute lebt er als freier Journalist und<br />

Publizist in Deutschland<br />

Foto: Antje Berghäuser<br />

9


<strong>Cicero</strong><br />

Wahlspezial<br />

<strong>Der</strong> ZWÖLFTE Stern<br />

Das Ehrenamt des Alterspräsidenten gönnt Wolfgang Schäuble seinem<br />

Parteifreund Heinz Riesenhuber. Er hat als Dienstältester bald alle überflügelt<br />

Von HARTMUT PALMER<br />

Joseph Kürschners „Volkshandbuch<br />

Deutscher Bundestag“ mit<br />

den Porträts und Kurzbiografien<br />

der Volksvertreter ist der Michelin<br />

des politischen Sitz-Adels. Denn<br />

hier werden auch Sterne vergeben –<br />

einer pro Legislaturperiode. Und weil<br />

Wolfgang Schäuble seit 1972 dabei ist,<br />

hat er am Wahlsonntag seinen zwölften<br />

Stern geholt. Er steht im „Kürschner“<br />

auf Platz eins.<br />

„Erschter bin ich nur gemessen<br />

an der Zahl der Legislaturperioden“,<br />

versuchte der Badener am Wahlabend<br />

sein Rekordergebnis zu relativieren.<br />

<strong>Der</strong> „Dienstälteste“ sei er aber<br />

noch nicht. Dabei hat er am Abend<br />

des Merkel-Triumphs nahezu alles<br />

überflügelt, was früher parlamentarisches<br />

Urgestein genannt wurde:<br />

Konrad Adenauer und Willy Brandt,<br />

Herbert Wehner und Helmut Kohl.<br />

Nur Richard Stücklen, der Erfinder<br />

der Postleitzahl, der 41 Jahre, fünf<br />

Monate und 13 Tage Abgeordneter<br />

war, liegt noch vor ihm. Ihn aber wird<br />

Schäuble, der am 20. Dezember 1972<br />

erstmals im Bonner Bundeshaus Platz<br />

nehmen durfte, am 1. Juni 2014 endgültig<br />

auf Platz zwei verweisen.<br />

„Ich muss das also noch ’ne Weile<br />

machen“, knurrt der Bundesfinanzminister<br />

und rollt zum Büffet in der<br />

Landesvertretung Baden-Württemberg.<br />

Maultaschen mit Kartoffelsalat,<br />

danach steht ihm jetzt der Sinn.<br />

Heinz Riesenhuber hat nur elf<br />

Sterne, aber er ist mit seinen bald<br />

78 Jahren der älteste Volksvertreter<br />

des neuen Bundestags und darf<br />

deshalb die feierliche Eröffnungssitzung<br />

leiten. Das Ergebnis war absehbar.<br />

Trotzdem musste der CDU‐Mann<br />

aus Hessen ein paar Stunden warten,<br />

ehe er es amtlich hatte. Denn bei ihm<br />

hatten die Wahlhelfer doppelt und<br />

dreifach zu tun: Bundestagswahl und<br />

Landtagswahl standen auf dem Programm,<br />

dazu in seinem Wahlkreis<br />

Main-Taunus noch eine Bürgermeisterwahl.<br />

Erst um 21.30 Uhr konnte<br />

er sich freuen: „Alterspräsident zu<br />

werden, das ist doch eigentlich eine<br />

freundliche Entscheidung des Schicksals,<br />

der man gerne folgt.“<br />

Dabei ist „Alterspräsident“ das<br />

einflussärmste parlamentarische Amt,<br />

das diese Republik zu vergeben hat. Es<br />

erfordert kein Sitzfleisch, sondern nur<br />

ein langes Leben. Man strebt es nicht<br />

an, es fällt einem zu. Alterspräsident<br />

wird „das an Jahren älteste oder,<br />

wenn es ablehnt, das nächstälteste<br />

Mitglied“ des Deutschen Bundestags,<br />

wie es in dessen Geschäftsordnung<br />

heißt. Seine Befugnisse beschränken<br />

sich darauf, die konstituierende Sitzung<br />

des Bundestags bis zur Wahl eines<br />

neuen Präsidenten zu leiten. Sein<br />

einziges „Machtinstrument“ ist die<br />

Glocke. <strong>Der</strong> Alterspräsident hat nichts<br />

zu sagen. Er muss nur eine Rede halten.<br />

Er behält den Titel zwar für volle<br />

vier Jahre. Aber länger als eine Stunde<br />

amtiert er selten.<br />

Das wäre nichts für Wolfgang<br />

Schäuble. <strong>Der</strong> Bundesminister der Finanzen<br />

möchte nicht nur reden, sondern<br />

weiterhin etwas zu sagen haben<br />

in der deutschen Politik. Nicht<br />

nur die Glocke schwingen und das<br />

Wort erteilen, sondern mit entscheiden.<br />

Bundeskanzler wollte er einmal<br />

werden und wurde es nicht. Parteivorsitzender<br />

war er nach dem Abgang<br />

Helmut Kohls nur kurz, bis auch<br />

er in die Parteispendenaffäre geriet<br />

und Angela Merkel an sich vorbeiziehen<br />

lassen musste. Bundespräsident<br />

wäre er – jedenfalls eine Zeitlang<br />

– ganz gern geworden. Aber<br />

Merkel zog Horst Köhler vor und als<br />

der zurücktrat Christian Wulff. Und<br />

nun Alters präsident? „Ehrlich gesagt,<br />

ich bin froh, dass ich nicht der älteste<br />

Bundestagsabgeordnete bin.“<br />

10


Fotos: Arne Dedert/Picture Alliance/dpa [M], Henning Schacht/Action Press [M]<br />

Man glaubt es ihm, so wie man<br />

es früher Konrad Adenauer glaubte.<br />

<strong>Der</strong> war fast immer Alterspräsident,<br />

aber ließ andere reden. Zweimal<br />

Marie-Elisabeth Lüders und einmal<br />

seinen Freund, den Bankier Robert<br />

Pferdmenges. Erst 1965, als er nicht<br />

mehr Kanzler, sondern „nur“ noch<br />

Abgeordneter war, eröffnete er am<br />

19. Oktober um 16.01 Uhr im Bonner<br />

Bundeshaus die Sitzung und schaffte<br />

es innerhalb kürzester Zeit, die Regularien<br />

abzuwickeln. Seine „programmatische<br />

Rede“ – die kürzeste,<br />

die überhaupt je von einem Alterspräsidenten<br />

gehalten wurde – beschränkte<br />

sich auf die Feststellung:<br />

„Wir werden aller menschlichen Voraussicht<br />

nach während der nächsten<br />

vier Jahre schweren Zeiten entgegengehen.“<br />

Die längste hielt 1980 Herbert<br />

Wehner, der aber nur aus früheren<br />

Eröffnungsreden zitierte.<br />

Das Ritual der Konstituierung<br />

folgt einem ungeschriebenen Gesetz.<br />

Bevor er die Sitzung eröffnen darf,<br />

muss der amtierende Alterspräsident<br />

sein Geburtsdatum nennen und offiziell<br />

fragen, ob ältere Abgeordnete<br />

anwesend sind. Häufig geht es dabei<br />

lustig zu. So erzeugte Heinz Riesenhuber,<br />

als er 2009 zum ersten Mal<br />

amtierte, große Heiterkeit, weil er<br />

die Altersfrage wie ein Pastor vor<br />

dem Traualtar formulierte: „Wenn<br />

jemand von den Kollegen im Saal älter<br />

ist als ich, dann spreche er jetzt<br />

oder er schweige für immer.“<br />

Auch Brandt löste Gelächter aus,<br />

als er 1990 „der guten Ordnung halber“<br />

fragte, ob jemand da sei, der<br />

vor dem 18. Dezember 1913 geboren<br />

wurde. Und fortfuhr: „Das scheint<br />

keiner zugeben zu wollen oder zu<br />

können.“ Adenauer, der 1965 fragte,<br />

„ob ein älteres Mitglied – Dame oder<br />

Herr – da ist“, gab anschließend unter<br />

großem Gelächter und Beifall zu Protokoll:<br />

„Ich stelle fest, dass ich ganz offenbar<br />

einzig bin.“ Otto Schily wollte<br />

wissen, „ob ein Mitglied des Hauses<br />

unter uns ist, der mich an Alter übertrifft?“<br />

– Betonung auf „an Alter“.<br />

Immerhin: Man steht kurz im<br />

Rampenlicht. Und deshalb gab es immer<br />

wieder Politiker, die es danach<br />

gelüstete. Alfred Dregger hätte nur<br />

zu gern 1998 den Alterspräsidenten<br />

gegeben. Er wollte unbedingt gegen<br />

die Wehrmachtsausstellung wettern,<br />

durch die er die Ehre des<br />

deutschen Wehrmachtssoldaten<br />

beschmutzt sah. Die CDU aber<br />

stellte ihn nicht mehr auf.<br />

Es gab viele berühmte<br />

Alterspräsidenten. Den Anfang<br />

machte 1949 der Sozialdemokrat<br />

Paul Löbe, gefolgt<br />

von der Frauenrechtlerin Marie-Elisabeth<br />

Lüders. Beide<br />

sind heute noch als Namensgeber<br />

von Parlamentsgebäuden<br />

in Berlin verewigt. Drei<br />

ehemalige Bundeskanzler<br />

(Adenauer, Ludwig Erhard<br />

und Brandt) amtierten,<br />

aber auch der DDR-<br />

Spion William Borm,<br />

der Schriftsteller Stefan<br />

Heym, ein ehemaliger<br />

RAF-Advokat<br />

(Schily) und zuletzt<br />

der Chemiker Riesenhuber,<br />

dessen Markenzeichen die<br />

Fliege ist.<br />

Er gab schon vor vier Jahren unumwunden<br />

zu Protokoll, warum es<br />

ihn so sehr reizt, dieses kleine Ehrenamt<br />

auszuüben: „Die besondere<br />

Gnade dieses Moments ist, dass man<br />

sagen darf, was man schon immer sagen<br />

wollte.“<br />

Hartmut PALMER ist politischer<br />

Chefkorrespondent von <strong>Cicero</strong><br />

11


<strong>Cicero</strong><br />

Wahlspezial<br />

Uda toppt<br />

AnGELA<br />

Was bedeutet Merkels Triumph für ihre Partei?<br />

Sekt, Umarmungen, Liebe. Unterwegs mit der<br />

CDU‐Abgeordneten Uda Heller, die dank der Kanzlerin<br />

im Wahlkreis 074 Mansfeld Rache nehmen konnte<br />

Von ConSTAntin Magnis<br />

Fotos Kiên Hoàng Lê<br />

12


13<br />

Mansfelder Traumduo.<br />

Ein Bild in Hellers Wohnung<br />

zeigt sie mit der Kanzlerin


<strong>Cicero</strong><br />

Wahlspezial<br />

Nicht, dass Uda Heller rachsüchtig<br />

wäre, aber eine Revanche<br />

an diesem Sonntag<br />

täte schon gut. Ein letzter Kaffee,<br />

jetzt kann sie los. Die 65-Jährige<br />

trägt beerenrote Haarspitzen, kunstvoll<br />

getönt vom 40 Kilometer entfernten<br />

Friseur ihres Vertrauens, das<br />

Brillengestell ist farblich darauf abgestimmt,<br />

genau wie der Lippenstift,<br />

den sie schnell noch einmal nachzieht.<br />

Neben dem Spiegel hängt ein<br />

Foto der Kanzlerin, der Blick wirkt<br />

aufmunternd.<br />

An Uda Hellers Tag kann man<br />

sehen, wie der große Sieg der Angela<br />

Merkel im Kleinen wirkt, wie<br />

ihr Erfolg Zitterpartien in Triumphe<br />

verwandelt hat. <strong>Der</strong> Erfolg Angela<br />

Wahlmobil und<br />

vietnamesisches Vollmondfest.<br />

Uda Heller kämpft noch am<br />

Wahlsonntag<br />

um jede Stimme<br />

Merkels hat 311 Abgeordneten von<br />

CDU und CSU geholfen, Uda Heller<br />

in Sachsen-Anhalt ist eine davon.<br />

Eigentlich hatte Heller die Nase<br />

voll von der Politik. Zwölf Jahre war<br />

sie CDU-Vize in Sachsen-Anhalt, sieben<br />

Jahre saß sie im Bundestag, zuletzt<br />

als Chefin der Landesgruppe.<br />

Ihr Wiedereinzug 2009 war für sie<br />

so sicher, dass sie nicht einmal ihren<br />

Schreibtisch in Berlin aufräumte.<br />

Aber dann schnappte ihr Harald Koch<br />

von der Linken das Direktmandat vor<br />

der Nase weg. Am nächsten Tag – die<br />

Zeitung hatte sie schon als Bundestagsmitglied<br />

vorgestellt – reichten<br />

die Zweitstimmen nicht mal für ihren<br />

vermeintlich sicheren zweiten Listenplatz.<br />

Von der Partei bekam sie einen<br />

Blumenstrauß. Das war’s.<br />

Schließlich packte sie doch der<br />

Stolz. Sie kandidierte wieder. Diesmal<br />

ohne vorderen Listenplatz. Sie<br />

wollte dem alten Gegner von der<br />

Linken das Direktmandat wieder<br />

abjagen. Heller und ihr Mann Axel<br />

funktionierten ein Wohnmobil zum<br />

„Wahlmobil“ um und fuhren im Südharz<br />

jeden Winkel ab: den Wahlkreis<br />

Mansfeld, der mit fast 14 Prozent den<br />

deutschen Arbeitslosenrekord hält.<br />

Schulen und Fachkräfte werden weniger,<br />

die Wölfe werden mehr.<br />

Sonntag, 11.30 Uhr. Vor dem<br />

Wahllokal begegnet sie den ersten<br />

Nachbarn. „Ah, hallo“, rufen die<br />

nervös. Heller kennt das schon. Vor<br />

Wahlen werden die Leute ihr gegenüber<br />

komisch. Besonders die, vermutet<br />

Heller, die sie nicht wählen.<br />

Sie betritt das Wahllokal und<br />

macht ihr Kreuz. Eine der Stimmen,<br />

die über ihre nächsten vier Jahre<br />

entscheiden. „Entweder habe ich<br />

ab morgen sehr viel Zeit, oder gar<br />

keine mehr. Beides schön!“, ruft sie<br />

den Umstehenden zu. Flyer zu verteilen<br />

bringt heute nichts mehr, glaubt<br />

Heller. Aber mit dem Wahlmobil repräsentieren,<br />

das will sie schon. Das<br />

Ehepaar Heller thront auf den Cockpitsesseln<br />

dieses Gefährts und kurvt<br />

an Buchenhainen vorbei. Bei der letzten<br />

Auflage ihrer Plakate ging etwas<br />

schief: Das Papier ist ausgebleicht,<br />

die Kandidatin sieht darauf ungesund<br />

aus, die Haut wirkt leichenblau.<br />

„Immerhin sprechen die Leute über<br />

das Plakat“, sagt Herr Heller.<br />

Uda Heller besucht das Fest eines<br />

vietnamesischen Kulturvereins<br />

und schlendert grüßend über das<br />

Querfurter Weinfest. Dann ruft aus<br />

Sri Lanka ein Freund der Familie an.<br />

„Wir fiebern schon!“, sagt Uda Heller.<br />

14


15<br />

Ihr Enkel ist Zeuge:<br />

Uda Heller wählt<br />

Angela Merkel und sich


<strong>Cicero</strong><br />

Wahlspezial<br />

Was kann schöner sein<br />

als Politik? Die Siegreiche<br />

mit ihrem Mann Axel<br />

16


„Ach?! … Du hast für uns gebetet?! …<br />

Im Tempel!? … Das ist aber lieb von<br />

Dir … Ja, ich sag dir heute Nacht, wie<br />

es gelaufen ist!“<br />

18.00 Uhr, Kreisverwaltung Sangerhausen.<br />

Hier laufen alle Zahlen<br />

zusammen. Heller sieht den CDU-<br />

Wert. „33,5 Prozent!“, ruft sie, ihre<br />

Stimme klingt ganz hoch vor Sorge.<br />

„Ohne die CSU!“, beruhigt sie ein<br />

Kollege. Heller atmet auf, der Mann<br />

bringt ihr ein Wasser auf den Schreck.<br />

Bald sind erste Orte ausgezählt. Ihlewitz:<br />

Heller 71 Prozent, der Linke<br />

Koch 14. Uda Heller kichert nervös.<br />

Friedeburgerhütte: Heller 48 Prozent,<br />

Koch 20 Prozent. Ritzgerode: Heller<br />

53 Prozent, Koch 9 Prozent. Hellers<br />

Wangen sind jetzt gerötet, sie schüttelt<br />

ungläubig den Kopf. „Keine voreilige<br />

Freude“, sagt sie. Doch es geht<br />

so weiter. Zwischen dem lila Balken<br />

der Linken und dem roten der SPD<br />

ragt Hellers schwarzer Sieg hervor.<br />

Harald Koch hat leise den Raum betreten<br />

und starrt auf die Ergebnisse.<br />

„Erstmal die großen Städte abwarten“,<br />

brummelt er. Aber aus Hellers<br />

verschämtem Lächeln ist ein Grinsen<br />

geworden. Im Minutentakt funken<br />

Ortsvorsitzende Erfolgsmeldungen<br />

durch. „Ich glaube, Frau Heller“,<br />

sagt der Mann von der Lokalzeitung,<br />

„ich kann ihr Porträt diesmal auf der<br />

Auf der Merkel-Welle:<br />

In Sachsen-Anhalt hat<br />

die CDU erstmals alle<br />

Direktmandate gewonnen<br />

Sie macht sich auf den Weg zu<br />

ihrem jubelnden Kreisverband. „Ich<br />

bedanke mich für die Vorschusslorbeeren,<br />

aber bitte, wir werden<br />

noch sehen“, sagt sie vorsichtig. Um<br />

20.20 Uhr lässt sie die Skepsis fallen.<br />

Sie nimmt ihren Mann in den Arm.<br />

Zum Schluss erntet sie 41,9 Prozent<br />

der Stimmen. Sie liegt 0,7 <strong>Punk</strong>te<br />

über dem CDU-Zweitstimmenergebnis<br />

im Kreis, und die Zweitstimme,<br />

das ist ja die Merkel-Stimme. Uda<br />

toppt sogar Angela. Das würde sie natürlich<br />

niemals sagen, sie weiß, was<br />

<strong>Der</strong> Kanzlerin ist Heller im<br />

Wahlkampf begegnet. Das war in<br />

Wernigerode, Heller saß nur im Publikum.<br />

Aber Merkel erkannte sie. Sie<br />

holte Heller nach vorne, wünschte ihr<br />

Glück und sagte: „Hoffentlich haben<br />

Sie nicht wieder so viel Pech wie beim<br />

letzten Mal.“ Hat Heller nicht, im<br />

Gegenteil. Die Kandidatin – und mit<br />

ihr die ganze CDU – ist von Angela<br />

Merkel in nie geahnte Höhen gezogen<br />

worden. Allein Sachsen-Anhalt:<br />

Erstmals seit der Wende gewann die<br />

CDU hier alle neun Direktmandate.<br />

Heller bekommt jetzt Blumen,<br />

Umarmungen, Sekt, Liebe. Sie geht<br />

nicht mehr, sie tänzelt, und schnipst<br />

mit den Fingern. „Natürlich war das<br />

auch der Merkel-Bonus“, sagt sie. Für<br />

die Region sei Merkels internationales<br />

Krisenmanagement entscheidend.<br />

„Gerade im Osten suchen die Leute Sicherheit<br />

und Führung. Wir haben früher<br />

von der Parteiführung gesagt bekommen,<br />

wo es langgeht.“ In Merkel,<br />

denkt Heller, finden die Menschen<br />

Orientierung.<br />

Hellers Familie ist eingetrudelt,<br />

die fünfjährige Enkelin steigt ihr<br />

auf den Schoß. „Bist du jetzt auserwählt,<br />

Oma?“, fragt sie. „Ja“, sagt<br />

Uda Heller.<br />

Constantin Magnis ist<br />

RedWorks Düsseldorf<br />

Eins lassen.“<br />

/ ERDGAS / INNOVATION_Sozialverträgliche<br />

sie<br />

Sanierung/<br />

Merkel<br />

<strong>Cicero</strong><br />

zu verdanken<br />

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hat.<br />

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<strong>Cicero</strong><br />

Wahlspezial<br />

Wahlkreise – BEST Of<br />

In Merkels Revier schafft die FDP 0,8 Prozent,<br />

in Essen geht es um drei Stimmen Vorsprung –<br />

und der Assistent vom „Alten“ kommt ins Parlament<br />

18


015<br />

291<br />

Vorpommern – rÜGeN –<br />

VorPOMMern – GreIFSWald I<br />

Merkels Revier<br />

Große Kanzlerin? In der Datei des<br />

Bundeswahlleiters steht für den Wahlkreis<br />

015 sehr nüchtern: „Gewählt:<br />

Dr. Angela Dorothea Merkel – CDU“.<br />

Dabei ist auch ihr Wahlkreisergebnis<br />

bemerkenswert: 56,2 Merkel-Prozent,<br />

ein Plus von fast 10 <strong>Punk</strong>ten. Danach<br />

kommt lange nichts, dann mit 19 Prozent<br />

die Linken-Kandidatin. Hübsch: Die<br />

FDP liegt in Merkels Revier bei 0,8 Prozent<br />

der Erststimmen. Und Steinbrück?<br />

Verlor in Mettmann I mit 34,6 zu 49,5<br />

gegen Michaela Noll von der CDU. löw<br />

Ulm<br />

SchavaNS rÜcKSPIel<br />

Die CDU-Politikerin Annette Schavan<br />

hat dieses Jahr zwei wichtige Abstimmungen<br />

hinter sich. Die erste, im Rat<br />

der Philosophischen Fakultät der<br />

Universität Düsseldorf, verlor sie im<br />

Februar mit 2 zu 12. Ihr Doktor wurde<br />

nach 33 Jahren als Plagiat aberkannt,<br />

sie trat als Bildungsministerin zurück.<br />

Die zweite Abstimmung ging anders<br />

aus. Den Wahlkreis Ulm gewann sie mit<br />

sehr eindeutigen 52 Prozent, 9 <strong>Punk</strong>te<br />

mehr als 2009. „Ich bin glücklich“,<br />

sagte Schavan. Gegen Volkes Wille<br />

sind Plagiatsjäger machtlos. löw<br />

083<br />

Berlin -FriedrichshaIN -Kreuzberg–<br />

PreNZlauer Berg Ost<br />

Berlin wählt, als hätte SIch seit<br />

1990 NIchts geändert<br />

Nordrhein-<br />

Westfalens SPD<br />

hatte Karl<br />

Lauterbach nicht<br />

abgesichert. Aber<br />

der Professor<br />

erkämpfte sich<br />

ein Mandat<br />

Illustrationen: Miriam Migliazzi & Mart Klein<br />

186<br />

Darmstadt<br />

<strong>Der</strong> aSSI VOM Alten: eIN Bayer<br />

zieht über Hessen nach Berlin<br />

Charles M. Huber von der CDU hat<br />

Brigitte Zypries, die frühere Justizministerin<br />

von der SPD, in diesem<br />

schon 2009 sehr engen Wahlkreis<br />

nicht geschlagen: Zypries holte mit<br />

37,3 Prozent das Direktmandat vor<br />

Huber (35,9 Prozent). Aber wer ihn<br />

nach der Wahl anrief, sprach mit<br />

einem blendend gelaunten Mann, der<br />

sagte: „Das ist mir wirklich egal.“ Sein<br />

Frohsinn erklärt sich mit dem Ergebnis<br />

seiner Partei. Die Union verbesserte<br />

sich in Hessen um 7 Prozentpunkte. So<br />

zieht der Münchner Schauspieler Huber,<br />

den man aus der Krimireihe „<strong>Der</strong> Alte“<br />

kennt und der sich um das Mandat in<br />

Darmstadt bewarb, nachdem sein<br />

Casting bei der CSU gescheitert war,<br />

vom wackligen Listenplatz 19 aus in<br />

den Bundestag ein. Dort will er sich in<br />

die Wirtschaftspolitik einbringen. „Mir<br />

tut es leid für die FDP“, sagt er. „Die<br />

haben gute Leute, den Bahr oder den<br />

Lindner.“ Für Huber persönlich ist deren<br />

schlechtes Ergebnis eher von Vorteil. kr<br />

Die Wahlergebniskarten zeigen ein<br />

schwarzes Land. Deutschlands Südhälfte<br />

hat nur zwei kleine rote Flecken,<br />

Kaiserslautern und Darmstadt. Und<br />

auch der Osten hat kaum noch Farbe;<br />

er scheint sich mit Angela Merkel<br />

angefreundet zu haben. Ausnahmen?<br />

Frank-Walter Steinmeier hat seinen<br />

brandenburgischen Wahlkreis für die<br />

SPD gewonnen. Und der Sonderfall<br />

Berlin. Dort wird fast so gewählt, als<br />

sei seit 1990 politisch nichts groß passiert.<br />

Die Hauptstadt lässt sich heute<br />

in drei Zonen unterteilen: in den West-<br />

Teil – hier haben die CDU-Direktkandidaten<br />

gewonnen. In den Ost-Teil – da<br />

holten die Kandidaten der Linkspartei<br />

die Mandate. Und in einen geografisch<br />

nicht eindeutig zuzuordnenden<br />

Streifen im Zentrum: In Berlin-Mitte<br />

( einst Ost ) und Neukölln ( einst West )<br />

gewannen die SPD-Bewerber. Friedrichshain-Kreuzberg<br />

sticht heraus:<br />

<strong>Der</strong> 74-jährige Hans-Christian Ströbele,<br />

dessen Plakate im Wahlkampf mit<br />

Fotos von Johannes Heesters überklebt<br />

worden waren, holte hier traditionsgemäß<br />

mit 39,9 Prozent das bundesweit<br />

einzige grüne Direktmandat. Er hat<br />

allerdings Stimmen verloren. Und mit<br />

der Zweitstimme wählte sein Wahlkreis<br />

erstmals mehrheitlich links. kr<br />

101<br />

Leverkusen – Köln IV<br />

PolITIK STaTT ProfeSSUr<br />

Es fehlte nicht viel, und die Welt des<br />

Karl Lauterbach wäre wieder eine völlig<br />

andere geworden. Er hätte vielleicht<br />

wieder eine Professur übernommen.<br />

Dinge wie die evidenzbasierte Diagnostik<br />

des Diabetes mellitus hätten<br />

ihre Bedeutung zurückgewonnen, und<br />

Lauterbach hätte in Ruhe Fallstudien<br />

im New England Journal of Medicine<br />

studieren können statt jeden Käse auf<br />

Spiegel Online zu kommentieren. Aber<br />

andererseits fasziniert den Sozialdemokraten<br />

ja die eitle, schnelle Welt<br />

der Berliner Politik, in der es um die<br />

Macht geht. Und in der bleibt er. 2971<br />

Erststimmen gaben den Ausschlag<br />

für seinen Wahlkreiserfolg gegen den<br />

CDU-Mann Helmut Nowak. Über die<br />

Landesliste war der Sozialdemokrat<br />

nicht abgesichert. Direktmandate sind<br />

in der SPD rar geworden. So verleiht<br />

der Sieg dem Gesundheitspolitiker<br />

Gewicht in der Partei, in der Fraktion,<br />

in Koalitionsgesprächen, in Fragen der<br />

Besetzung eines schwarz-roten Kabinetts.<br />

Professor? Vergiss es! löw<br />

19


<strong>Cicero</strong><br />

Wahlspezial<br />

064 048 028<br />

Cottbus – Spree -NeISSe<br />

Das rote Brandenburg SIeht<br />

ziemlich schwarz aus<br />

Hildesheim<br />

Was Eckart VON Klaeden<br />

nicht geschaFFT hat<br />

DelmenhorST – Wesermarsch –<br />

Oldenburg-Land<br />

Die PutenköNIGIN IST ZUrück<br />

Wolfgang Neskovic trat Ende 2012 aus<br />

der Bundestagsfraktion der Linken aus.<br />

Nun bekam er als parteiloser Direktkandidat<br />

9999 Stimmen, 8 Prozent.<br />

Das Mandat ging an Klaus-Peter<br />

Schulze von der CDU. Ob Neskovics<br />

Stimmen den Ausschlag gaben? Nein,<br />

sein Vorsprung war deutlich. Neskovic<br />

sagt: „Er hat von Merkel profitiert.“<br />

So wird es sein. Das rote Brandenburg<br />

sieht recht schwarz aus. Und Neskovic?<br />

Er sagt, er habe keinen Plan B.<br />

Nur eines ist klar: nie wieder Partei. kr<br />

Bonn<br />

Die FDP verliert deutlich,<br />

aber die SPD geWINNT trOTZdem<br />

Wenn man die Erststimmverteilung<br />

bei der Bundestagswahl 2013 mit<br />

wenigen Worten zusammenfassen<br />

müsste, dann so: Direktmandate, um<br />

die 2009 SPD und CDU rangen, gingen<br />

diesmal tendenziell an die Union –<br />

schon weil die FDP bei der Erststimme<br />

abschmierte. Bonn ist eine Ausnahme.<br />

Keine Ausnahme ist der Wahlkreis<br />

zunächst, was dieses Abschmieren<br />

der FDP betrifft. Direktkandidat Guido<br />

Westerwelle, der amtierende Außenminister,<br />

der 2009 für die Liberalen<br />

als Spitzenkandidat angetreten war<br />

und damals noch außergewöhnliche<br />

19,1 Prozent der Erststimmen bekommen<br />

hatte, verlor nun zweistellig und<br />

landete unsanft bei knapp 6 Prozent.<br />

Die CDU allerdings, und das macht<br />

Bonn zur Ausnahme, hat trotzdem<br />

nicht gewonnen. Das Direktmandat<br />

geht wieder an Ulrich Kelber von<br />

der SPD. Er dürfte davon profitiert<br />

haben, dass die Grünen in den letzten<br />

Wochen des Wahlkampfs eingebrochen<br />

sind. Kelbers Ergebnis ist mit<br />

38,2 zu 37,5 Prozent knapp, er hat<br />

gut 1000 Stimmen Vorsprung vor der<br />

CDU-Bewerberin Claudia Lücking-<br />

Michel. Die hat zwar – wie Kelber –<br />

für ihre Partei im Vergleich zu 2009<br />

Stimmen gewonnen. Aber nicht im<br />

Umfang, in dem die FDP verloren<br />

hat. kr<br />

Hätte man der Bankfachwirtin Ute<br />

Bertram im Frühling gesagt, dass sie<br />

im September direkt in den Bundestag<br />

einziehen würde, hätte sie wenig Anlass<br />

gehabt, das zu glauben: <strong>Der</strong> bisherige<br />

Direktkandidat ihrer CDU, Eckart von<br />

Klaeden, war immerhin Staatsminister<br />

der Bundeskanzlerin und saß im Wahlkreis<br />

fest im Sattel. Dann aber verkündete<br />

er kurz vor Beginn des Wahlkampfs<br />

seinen Ausstieg aus der Politik;<br />

er wird Autolobbyist. Ute Bertram, die<br />

erst 2006 in die CDU eingetreten war,<br />

rückte nach. Die Wähler scheint der<br />

denkwürdige Vorgang nicht gestört zu<br />

haben, sie dankten den Personalwechsel<br />

mit einem verbesserten Ergebnis für<br />

die Union. Anders als ihr Vorgänger, der<br />

über die Liste ins Parlament eingezogen<br />

war, holte Bertram sogar knapp (42,3<br />

zu 41,3 Prozent) das Direktmandat. In<br />

einem Wahlkreis, der seit 1969 SPD-dominiert<br />

war. kr<br />

096 258<br />

In Stuttgart ließen<br />

sich die Wähler<br />

nicht auf die<br />

rot-grüne<br />

Absprache ein.<br />

Zweimal gewann<br />

die CDU<br />

Als die CDU noch Niedersachsen<br />

regierte, war Astrid Grotelüschen<br />

Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft<br />

– und Tierschutz. Weil das mit<br />

Grotelüschens Familienbetrieb, der<br />

großen Mastputenbrüterei in Ahlhorn,<br />

nicht so richtig zusammenpasste,<br />

musste sie nach sechs Monaten<br />

zurücktreten. Nun kehrt die 48 Jahre<br />

alte Agrarierin in die Politik zurück.<br />

Ihren Wahlkreis eroberte sie mit nur<br />

695 Stimmen Vorsprung vor der Polizistin<br />

Susanne Mittag von der SPD. löw<br />

Stuttgart I<br />

Özdemirs OperaTION STIMMVIeh<br />

scheITert<br />

Er hatte sich das so schön vorgestellt:<br />

Cem Özdemir, der zweite direkt<br />

gewählte Grüne im Bundestag nach<br />

dem ewigen Ströbele – kann man mehr<br />

Schwung nach Berlin mitnehmen? Aber<br />

dann steht der Parteichef auf der Wahlparty<br />

in Berlin und erklärt etwas lahm,<br />

dass wenigstens eine Merkel-<br />

Alleinregierung verhindert worden und<br />

die FDP draußen sei. Weil das etwas wenig<br />

ist, ruft er noch: „Wir sind die Partei<br />

des Jahrhundertprojekts Ökologie!“<br />

Nicht nur seine Partei hat eine Klatsche<br />

bekommen. Özdemir holte im Wahlkreis<br />

Stuttgart I nur 27 Prozent und verlor<br />

damit klar gegen Stefan Kaufmann<br />

von der CDU, der 42 Prozent erreichte.<br />

Das Ergebnis zeigt: Direktmandate<br />

lassen sich nicht so einfach auskungeln.<br />

Zwölf Tage vor der Wahl schlossen die<br />

Kreischefs von SPD und Grünen einen<br />

Pakt, damit „die Erststimme möglichst<br />

effektiv eingesetzt werden kann“. Die<br />

SPD-Anhänger sollten in Stuttgart I<br />

nicht für Ute Vogt stimmen, sondern<br />

für Özdemir. Dafür helfen die Grünen<br />

in Stuttgart II dem SPD-Kandidaten.<br />

Aber die Wähler wollten kein braves<br />

Stimmvieh sein, das je nach Anweisung<br />

für Rote oder Grüne muht. Vogt bekam<br />

16,6 Prozent, mit ihren Stimmen hätte<br />

es für Özdemirs Triumph gereicht. Auch<br />

im zweiten Stuttgarter Wahlkreis siegte<br />

die CDU. löw<br />

Illustrationen: Miriam Migliazzi & Mart Klein<br />

20


042<br />

stadt HaNNOVer II<br />

Ursula VON der Leyen<br />

unterliegt bUlmahn<br />

Das Debakel der FDP beginnt bei der<br />

Erststimme: Prominente Vertreter<br />

erzielten sehr schlechte Ergebnisse,<br />

Generalsekretär Patrick Döring hier<br />

gerade mal 1,5 Prozent. Bemerkenswert<br />

ist, dass CDU-Arbeitsministerin<br />

Ursula von der Leyen trotzdem mit<br />

33,9 Prozent der Stimmen wieder kein<br />

Direktmandat gewonnen hat: Mit<br />

42,8 Prozent liegt die frühere Bildungsministerin<br />

Edelgard Bulmahn (SPD)<br />

auch diesmal vor ihr. Dank Liste behält<br />

von der Leyen aber ihr Mandat. kr<br />

120<br />

essen III<br />

Jede STIMMe zählt – UNd das IST<br />

hier NIcht nur ein Spruch<br />

Zahlen tun immer so nüchtern – aber<br />

von wegen: Das Erststimmergebnis<br />

im Wahlkreis Essen III kann die<br />

Bundeszentrale für politische Bildung<br />

vor der nächsten Wahl auf T-Shirts<br />

drucken lassen, zusammen mit dem<br />

Slogan: „Jede Stimme zählt. Und das<br />

ist nicht nur ein Spruch!“ Mit 59 043 zu<br />

59 040 Stimmen, so lautete am Sonntag<br />

das vorläufige Endergebnis, hat<br />

der Direktkandidat der CDU, Matthias<br />

Hauer, gegen die SPD-Kandidatin<br />

Petra Hinz gewonnen. Drei Stimmen<br />

Differenz zwischen dem Wahlkreissieger<br />

und der Kandidatin mit den zweitmeisten<br />

Erststimmen. Drei! 2009 hatte<br />

der engste Wahlkreis, der Darmstädter,<br />

45 Stimmen Differenz. Dass die Sozialdemokraten<br />

noch am Wahlabend laut<br />

über eine Nachzählung nachdachten,<br />

kann man sich denken. Petra Hinz, die<br />

unterlegene SPD-Bewerberin, hatte das<br />

Direktmandat 2005 und 2009 gewonnen,<br />

zuletzt mit knapp 3800 Stimmen<br />

Vorsprung. Und an Prozentpunkten hat<br />

sie sogar leicht zugelegt. Hauer aber<br />

gewinnt, auch dank größerer Verluste<br />

der FDP, das erste CDU-Direktmandat<br />

seit 1983. Die Geschichte hätte<br />

freilich noch mehr von einem Drama<br />

(und eine Nachzählung nicht vor allem<br />

Liebhaberwert), wenn Hinz und Hauer<br />

über ihre Landeslisten nicht eh in den<br />

Bundestag einzögen. kr<br />

141 218<br />

Herne – bOchum II<br />

Neue Abgeordnete, alteR Name<br />

Wenn ein Wahlkreis mehr als 50 Jahre<br />

lang in der Hand einer Partei ist, kann<br />

man schwer von einer Überraschung<br />

reden, wenn sich daran nichts ändert:<br />

Die SPD-Kandidatin gewann, bei leichten<br />

Verlusten zwar, aber immer noch<br />

mit einem Ergebnis nahe der 50 Prozent.<br />

<strong>Der</strong> Bundestag darf sich damit<br />

auf eine neue Abgeordnete mit einem<br />

alten Namen freuen: Michelle Müntefering,<br />

33, Frau des soeben aus dem<br />

Parlament ausgeschiedenen früheren<br />

Vizekanzlers, Ministers und SPD-Vorsitzenden<br />

Franz. kr<br />

münchen-Nord<br />

Die bayerische SPD UNTerliegt<br />

nicht einmal mehr knaPP<br />

Es gibt nicht viele Wahlkreise in Bayern,<br />

in denen sich die SPD Chancen auf<br />

ein Direktmandat ausrechnet. München-Nord<br />

gehört eigentlich dazu. Hier<br />

hat der Energiepolitiker Axel Berg für<br />

die SPD dreimal gewonnen; nachdem<br />

er aber 2009 knapp gescheitert war,<br />

stellte ihn seine Partei diesmal nicht<br />

auf. Sein junger Nachfolger Florian<br />

Post jedoch verlor gegen den CSU-<br />

Mann Johannes Singhammer nun mit<br />

31,4 zu 43,2 Prozent, also recht brutal.<br />

Bayern bleibt komplett schwarz. kr<br />

21


<strong>Cicero</strong><br />

Wahlspezial<br />

Das NEue DEuTSCHE<br />

WAHLKöNIGTum<br />

Angela Merkel antwortet mit<br />

einem Wertebündel auf die<br />

moderne Gesellschaft<br />

Von Christoph STÖLZL<br />

So kann man sich täuschen. Niemand hatte<br />

wie üblich beschworen, es handle sich um<br />

eine „historische Wahl“. Nicht die Plakate,<br />

die man schon an der nächsten Straßenecke vergessen<br />

hatte, auch nicht die Kommentare, die im<br />

heißen Sommer den Mangel an politischer Hitze<br />

beklagten. Einzig Joachim Gauck hatte den richtigen<br />

Instinkt gehabt. Er beschwor die Einzigartigkeit<br />

des demokratischen Wahlakts: Hier, nur hier<br />

hat der Volkssouverän seine Sternstunde und wägt<br />

ab, wer für schwer oder zu leicht befunden wird.<br />

In diese Bilanz gehen, anders als es die Agenturprofis<br />

ihren Kunden weismachen, nicht nur die<br />

Momentaufnahmen der letzten Wahlkampftage ein.<br />

Auch nicht bloß Erinnerungen an vier Jahre Regierungszeit.<br />

<strong>Der</strong> Wahltag ist vielmehr so etwas wie<br />

ein geologischer Schnitt, der die langfristige Tektonik<br />

der Politik enthüllt.<br />

Gauck, in Erinnerung an die Volkskammerwahl<br />

im Frühjahr 1990, die zum Gerichtstag über<br />

die DDR wurde, wusste, dass jede Wahl historisch<br />

ist. Denn das äußerlich wenig glanzvolle Geschehen,<br />

der Einwurf eines Zettels aus Recyclingpapier<br />

in eine euphemistisch „Urne“ genannte Kiste, wird<br />

zum Urteil der Geschichte dadurch, dass es millionenfach<br />

geschieht – als wirklicher, handschriftlich<br />

bezeugter Rechtsakt, nicht bloß als Meinungsäußerung<br />

am Telefon.<br />

Wie lautet nun der Urteilsspruch vom 22. September<br />

2013? <strong>Der</strong> Liberalismus, die älteste der politischen<br />

Bewegungen, ist am Ende eines langen<br />

Weges angelangt. Vor eineinhalb Jahrhunderten<br />

war er als bürgerliches Bündnis von „Besitz und<br />

Bildung“ angetreten, um die Monarchie vom Thron<br />

zu stoßen. Das misslang 1848 katastrophal. Von da<br />

an hat der Liberalismus wechselvolle Schicksale<br />

gehabt. Seit 1949 hat er die Bundesrepublik mitgestaltet,<br />

als kleine und dennoch sehr erfolgreiche<br />

Kraft. <strong>Der</strong> liberale Gedanke infizierte erst die<br />

Arbeiterbewegung, die den Marxismus abwarf,<br />

dann die einstmals patriarchalischen Konservativen.<br />

Es gibt kein parteipolitisches Monopol mehr<br />

für Liberalität. Angela Merkels CDU ist der beste<br />

Beweis. Das ist für die Modernität der deutschen<br />

Gesellschaft ein Segen. Die FDP hat den Auftrag<br />

des Grundgesetzes an die Parteien erfüllt, „an der<br />

Willensbildung des Volkes mitzuwirken“ – um den<br />

Preis der parlamentarischen Existenz.<br />

Und Angela Merkels Triumph? Er signalisiert<br />

die Verwandlung der Parteiendemokratie in jene<br />

Gestalt, die jenseits des Atlantiks schon seit langem<br />

als eine Art Wahlkönigtum vorgelebt wird.<br />

Moderne Parteien bündeln viele Werte zu einem<br />

Durchschnitt, der dem Durchschnitt einer modernen<br />

Gesellschaft antwortet. Über den Wahlerfolg<br />

entscheiden dann nicht schwer unterscheidbare<br />

Programme, sondern die überwältigende Fähigkeit<br />

zur Sympathiestiftung eines Kandidaten. Parteien,<br />

die da aufs falsche Pferd setzen, bestraft das<br />

Leben. Lieber als vordergründige „Durchsetzer“<br />

haben die Deutschen Politiker, bei denen sie sich<br />

gut aufgehoben fühlen. Am 22. September haben<br />

auch viel tiefere Schichten der historischen Erfahrung<br />

entschieden, als sie in der Demoskopie<br />

zu Tage treten.<br />

„Kanzler-In“: Das ist, denkt man an die lange<br />

patriarchalische Prägung der Deutschen, vielleicht<br />

die Quadratur des Kreises, nach der sie sich schon<br />

lange gesehnt haben.<br />

Christoph STÖLZL ist Historiker und leitet<br />

die Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar.<br />

Er gehört dem publizistischen Beirat von <strong>Cicero</strong> an<br />

22


Mittlerschaft zu Paris<br />

Es ist die historische Aufgabe<br />

der SPD, als Europapartei<br />

der Deutschen zu handeln<br />

Von Klaus HARPPRECHT<br />

Behaupte noch einer, es gebe keine europäische<br />

Öffentlichkeit: Die großen französischen<br />

Zeitungen – auch ihre Onlineausgaben<br />

– räumten den deutschen Wahlen eine<br />

Prominenz ein, als gälte die Entscheidung ihrem<br />

eigenen politischen Geschick (was in gewissem<br />

Maße auch zutrifft). Schon zwei Tage vor dem<br />

Wahlsonntag begrüßte der liberalkonservative<br />

Figaro seine Leserschaft mit der dicken Schlagzeile:<br />

„Die Franzosen wählen Merkel“. 56 Prozent<br />

hätten in der Tat ihr Kreuzchen bei der Kanzlerin<br />

gemacht, nur 25 Prozent bei Peer Steinbrück.<br />

63 Prozent der Bürger wünschten, dass sich Frankreich<br />

vom deutschen Wirtschaftsmodell inspirieren<br />

lässt; 84 Prozent betonten ihre gute Meinung<br />

über das Deutschland Angela Merkels, die in einem<br />

brillanten Porträt aus der Feder des Berliner<br />

Le Monde-Korrespondenten Fréderic Lemaitre zur<br />

„Mutter des Vaterlands“ ernannt wurde.<br />

Das bittere (und weiß Gott verdiente) Geschick<br />

der FDP kümmert die Franzosen nicht das<br />

geringste. Außenminister Guido Westerwelle hatten<br />

sie niemals zur Kenntnis genommen. Doch nun<br />

fragen sie sich, ob nicht die Sozialdemokraten in<br />

einer Großen Koalition die Mittlerschaft zu Paris,<br />

vielleicht sogar die gesamte Europa- und Euro-Politik<br />

als ihre besondere Aufgabe okkupieren sollten.<br />

Als die einzigen Partner, die Angela Merkel<br />

für eine seriöse Koalition bleiben, könnten sie dies –<br />

wie so vieles – getrost fordern.<br />

Präsident François Hollande und die Kanzlerin<br />

scheinen sich, was Europa angeht, einige Schritte<br />

näher gekommen zu sein. Sie haben mit ihrer Zustimmung<br />

zur Kontrolle der Banken durch die Europäische<br />

Zentralbank einen ersten Ansatz zu einer<br />

europäischen Autorität über das Finanzwesen<br />

geschaffen. Hollande ist nationalstaatlich geprägt,<br />

wie so viele seiner Genossen. Aber er ist kein Europagegner<br />

wie Außenminister Laurent Fabius, der<br />

einst den Entwurf der europäischen Verfassung des<br />

Ex-Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing zu Fall<br />

gebracht hat.<br />

<strong>Der</strong> (inoffizielle) Chef des linken Flügels ist<br />

nun Arnaud Montebourg, mit dem kaum definierbaren<br />

Amt des Ministers „du redressement productif“<br />

ausgezeichnet (vielleicht als „produktive<br />

Generalüberholung“ übersetzbar) – er war es, der<br />

Angela Merkel den Bismarck-Helm aufs Haupt gedrückt<br />

hat und damit die antiteutonischen Ressentiments<br />

wachsen ließ. Kein Zweifel, dass sich der<br />

„good looker“ – den 18 Prozent der Leserinnen von<br />

Elle als „Traum einer Ferienliebe“ charakterisierten<br />

– ohne Zögern an die Spitze einer antieuropäischen<br />

Bewegung setzen würde, wenn Hollande<br />

den Rückzug auf den Nationalstaat befehlen sollte.<br />

Mithin wäre es die wichtigste Pflicht eines sozialdemokratischen<br />

Außenministers, die engsten Verbindungen<br />

zur Sozialistischen Partei Frankreichs<br />

zu etablieren, um die Kontinuität der gemeinsamen<br />

europäischen Fortschritte zu sichern.<br />

Angela Merkel, eher eine Europäerin der Vernunft,<br />

hat sich in ihren europäischen Aktionen<br />

niemals weit nach vorn gewagt, sondern sich von<br />

pragmatischer Zurückhaltung leiten lassen. Doch<br />

manchmal ist der kühne Vorstoß notwendig, wenn<br />

nicht das gesamte Projekt scheitern soll. Ob in einer<br />

Großen Koalition oder notfalls aus der Opposition:<br />

Die historische Aufgabe der SPD ist es, als die Europapartei<br />

der Deutschen zu handeln. Frank-Walter<br />

Steinmeier hat sie als Außenminister mit vorbildlicher<br />

Gelassenheit erfüllt. Ob Sigmar Gabriel<br />

sein Temperament für diese Aufgabe zu zügeln vermöchte,<br />

kann er nur selber wissen. Bei den Sozialisten<br />

an der Seine kennt er sich immerhin aus.<br />

Klaus HARPPRECHT war von 1972 bis 1974<br />

Redenschreiber im Bundeskanzleramt.<br />

Er ist Mitglied im publizistischen Beirat von <strong>Cicero</strong><br />

23


<strong>Cicero</strong><br />

Wahlspezial<br />

Die Bühne DER<br />

nEInSAGER<br />

Egal, mit wem die Union zukünftig regieren wird:<br />

Im Bundesrat redet die Opposition mit<br />

Von<br />

CHRISToph SEILS<br />

Nordrhein-Westfalen, 6<br />

Baden-Württemberg, 6<br />

Niedersachsen, 6<br />

Rheinland-Pfalz, 4<br />

Schleswig-Holstein, 4<br />

Brandenburg, 4<br />

Bremen, 3<br />

Berlin, 4<br />

Sachsen-Anhalt, 4<br />

Thüringen, 4<br />

Mecklenburg-Vorpommern, 3<br />

Saarland, 3<br />

Hessen, 5 *<br />

Sachsen, 4<br />

Hamburg, 3<br />

Bayern, 6<br />

Niemand, der dabei war, erinnert<br />

sich gerne an die Nacht<br />

vom 14. auf den 15. Dezember<br />

2003. Beamte brüllten. Türen knallten.<br />

32 Politiker rangen um Fassung.<br />

Neun Stunden dauerte die Sitzung<br />

des Vermittlungsausschusses von<br />

Bundesrat und Bundestag. Keiner<br />

blickte mehr durch. Am Ende ging<br />

es für die Politiker nur noch darum,<br />

nicht das Gesicht zu verlieren und<br />

nicht die Macht.<br />

In der Marathonsitzung beschloss<br />

eine ziemlich große Koalition die<br />

größte und umstrittenste Sozialreform<br />

in der Geschichte der Bundesrepublik:<br />

die Hartz-IV-Gesetze. Die<br />

Stimmverteilung im Bundesrat<br />

CDU<br />

SPD<br />

Die Linke<br />

Grüne<br />

CSU<br />

FDP<br />

Südschleswigscher<br />

Wählerverband<br />

* Welche Koalition in Hessen nach der<br />

Landtagswahl auf die bisherige schwarz-gelbe<br />

Regierung folgen wird, ist noch offen<br />

SPD wurde vom Wähler dafür verprügelt.<br />

Doch auch CDU, CSU, FDP<br />

und Grüne hatten ihre Hand gehoben.<br />

Heraus kam ein Kompromiss, der zu<br />

einem Arbeitsbeschaffungsprogramm<br />

für die Sozialgerichte wurde.<br />

In den kommenden vier Jahren<br />

droht nun eine föderale Dauerblockade,<br />

die die verzwickten Verhandlungsrunden<br />

der Vergangenheit<br />

noch locker aussehen lassen wird.<br />

Merkel bleibt zwar Kanzlerin, vermutlich<br />

in einer Großen Koalition.<br />

Doch im Bundesrat verfügen CDU,<br />

CSU und SPD allein derzeit nur über<br />

27 von 69 Stimmen. Zu den fünf Ländern,<br />

die von einer Großen Koalition<br />

Quelle: Bundesrat; Infografik: Esther Gonstalla<br />

24


egiert werden, kommen das sozialdemokratische<br />

Hamburg und das<br />

schwarze Bayern. Mit Hessen, wo die<br />

Regierungsbildung noch offen ist, wären<br />

es 32 Stimmen.<br />

Auf der anderen Seite steht eine<br />

bunte Blockademehrheit, bei der die<br />

kleinen Parteien den großen auf der<br />

Nase herumtanzen können. Denn im<br />

Föderalismus gilt der eiserne Grundsatz,<br />

dass sich die Länder im Bundesrat<br />

enthalten, wenn ein Koalitionspartner<br />

sein Veto einlegt. Weil der<br />

Bundesrat nach dem Grundgesetz<br />

Beschlüsse nur mit absoluter Mehrheit<br />

fassen darf, wirken Enthaltungen<br />

wie Gegenstimmen.<br />

Bei zustimmungspflichtigen Gesetzen<br />

geht gegen die Länderkammer<br />

gar nichts. Das sind immer noch rund<br />

60 Prozent, trotz zwei Föderalismusreformen,<br />

die die Kompetenzen von<br />

Bund und Ländern entflechten sollten.<br />

Eigentlich sollen die Landesregierungen<br />

im Bundesrat Länderinteressen<br />

vertreten. Doch der verfassungsrechtliche<br />

Auftrag spielt<br />

im föderalen Machtpoker immer<br />

häufiger keine Rolle. Bundesratsmehrheiten<br />

werden parteipolitisch<br />

missbraucht. Zudem lassen sich die<br />

Länder ihr Ja von der Bundesregierung<br />

immer häufiger teuer bezahlen.<br />

Lange galt der bundesdeutsche<br />

Föderalismus als Erfolgsmodell, er<br />

zwang die Parteien über Lagergrenzen<br />

hinweg zum politischen Kompromiss.<br />

Doch längst hat sich die föderale<br />

Konsensrepublik in eine föderale<br />

Blockaderepublik gewandelt.<br />

Allein in diesem Jahr landeten<br />

so unterschiedliche Gesetze wie die<br />

Reform des Steuerrechts, das Erneuerbare-Energien-Gesetz,<br />

die Reform<br />

der Riester-Rente oder das Meldegesetz<br />

im Vermittlungsausschuss.<br />

Die Länder stoppten dort zum Beispiel<br />

das Steuerabkommen mit der<br />

Schweiz oder die Ausweitung des<br />

Kartellrechts auf die Krankenkassen.<br />

<strong>Der</strong> Bundesrat ist zu einer billigen<br />

Bühne verkommen, auf der die<br />

Bundesregierung vorgeführt und erpresst<br />

wird.<br />

Die Länder haben dabei leichtes<br />

Spiel. Denn anders als die Bundesregierung<br />

steht der Bundesrat beim<br />

Wähler nicht unter Legitimationsdruck.<br />

Wenn in der föderalen Blockaderepublik<br />

nichts mehr entschieden<br />

wird, wenn der Bund mal wieder<br />

draufzahlt oder im Vermittlungsausschuss<br />

faule Kompromisse rauskommen,<br />

muss die Kanzlerin den Kopf<br />

hinhalten. Die 16 Ministerpräsidenten<br />

können sich davonstehlen.<br />

Natürlich hat es häufig Phasen<br />

mit unterschiedlichen Mehrheiten<br />

in Bundestag und Bundesrat gegeben.<br />

Zum Beispiel in der Endphase<br />

der Ära Kohl. Auch in sechs der sieben<br />

rot-grünen Regierungsjahre hatte<br />

eine Opposition aus Union, FDP und<br />

Linke in der Länderkammer eine<br />

Mehrheit. Doch heute gibt es neun<br />

unterschiedliche Regierungskonstellationen<br />

in den 16 Bundesländern.<br />

Die Opposition hat die Mehrheit im<br />

Bundesrat okkupiert. Nur Rot-Rot-<br />

Grün im Bund könnte föderal durchregieren<br />

– wenn man Hessen mal<br />

herauslässt und wenn der Südschleswigsche<br />

Wählerverband mitmacht.<br />

Dabei gäbe es viele Möglichkeiten,<br />

die Vetomacht der Länder zu<br />

schwächen. Zum Beispiel, wenn statt<br />

einer absoluten Mehrheit die einfache<br />

Mehrheit reichen würde, um zustimmungspflichtige<br />

Gesetze durch den<br />

Bundesrat zu bringen. Es ließe sich<br />

festlegen, dass Enthaltungen nicht<br />

mehr als Nein-, sondern als Ja-Stimmen<br />

zählen. Es könnte die Pflicht aufgehoben<br />

werden, dass jedes Land einheitlich<br />

abstimmen muss. Ja selbst das<br />

Senatsmodell, bei dem die Ländervertreter<br />

im Bundesrat nach US-Vorbild<br />

direkt gewählt würden, wäre ein Ausweg.<br />

Doch bei allen diesen Reformvorschlägen<br />

steht sich die föderale<br />

Vetorepublik selbst im Wege.<br />

Christoph SEILS ist Ressortleiter<br />

von <strong>Cicero</strong> online<br />

Alternative für Deutschland<br />

Vor DEM Ziel<br />

AUSGEBREMST<br />

Die AfD feiert sich,<br />

könnte aber schon<br />

bald Geschichte sein<br />

Kurz vor der Wahl hat Frauke Petry,<br />

Sprecherin der Alternative für<br />

Deutschland, vom Phänomen<br />

des bedingten Mitgliedsantrags<br />

erzählt. Viele Interessenten<br />

schrieben ihr: „Ich trete bei der<br />

AfD ein, wenn sie mir einen<br />

günstigen Listenplatz garantieren<br />

oder einen Platz im Vorstand.“<br />

Natürlich ist die Partei nicht<br />

darauf eingegangen, aber genau<br />

diese Attitüde ihrer Anhänger<br />

zeigt, wie schwierig es für die AfD<br />

in den kommenden Monaten wird,<br />

eine Protestbewegung in eine<br />

dauerhaft erfolgreiche Partei<br />

zu verwandeln. Zwar ist es beachtlich,<br />

dass die AfD innerhalb eines<br />

halben Jahres 17 000 Mitglieder<br />

geworben hat und bei ihrer ersten<br />

Bundestagswahl auf Anhieb<br />

4,7 Prozent der Stimmen erhielt.<br />

Ohne den Rückenwind, den ein<br />

Einzug ins Parlament bedeutet<br />

hätte, lässt sich dieses Tempo aber<br />

kaum halten.<br />

Dass die AfD dabei allen<br />

anderen Parteien Stimmen abnehmen<br />

konnte und viele Nichtwähler<br />

mobilisiert hat, sieht der AfD-<br />

Gründer Bernd Lucke als Beleg für<br />

die breite Basis seiner Partei.<br />

Aber ist es nicht eher ein Beweis<br />

dafür, dass Lucke mit seiner Anti-<br />

Euro-Strategie, erzkonservativer<br />

Familienpolitik und seiner halbherzigen<br />

Abgrenzung nach rechts<br />

vor allem Protestwähler erreicht<br />

hat? Ein viel größeres Wählerpotenzial<br />

ist nicht erkennbar, haben<br />

doch mehr als 80 Prozent der Wähler<br />

für Parteien gestimmt, die die<br />

Euro-Rettungspolitik mitgetragen<br />

haben. Sollte sich die Euro-Zone<br />

durch die Bankenunion, eine erfolgreiche<br />

Politik der Europäischen<br />

Zentralbank und eine entschlossene<br />

Führung der neuen Bundesregierung<br />

weiter stabilisieren, könnte<br />

die AfD schon nach der Europawahl<br />

im Mai Geschichte sein. til<br />

25


<strong>Cicero</strong><br />

Wahlspezial<br />

Foto: xxx<br />

Keine Sieger, nIRGEnds<br />

Wann hat es so etwas schon gegeben: eine Wahl, die nur<br />

Verlierer kennt? Und ein Parteienbündnis, das offensichtlich<br />

darum bangte, mit absoluter Mehrheit in den Bundestag<br />

geschickt zu werden? Soll man der Union also dazu gratulieren,<br />

dass ihr dieses Schicksal am Ende erspart geblieben ist? Denn<br />

schon das nächste Rettungspaket für Griechenland wäre für<br />

CDU und CSU zu einer im Alleingang kaum zu überstehenden<br />

Bewährungsprobe geworden. <strong>Der</strong> Jubel im Lager der Kanzlerin<br />

ist aber auch mit den ersehnten Prozentpunkten weniger ganz<br />

und gar unangebracht. Wegen des womöglich endgültigen<br />

Dahinscheidens der FDP fehlt jetzt nämlich der strategische<br />

Bündnispartner im sogenannten bürgerlichen Lager. Wenn<br />

jeder nur für sich kämpft, kann das Ergebnis eben ganz schön<br />

einsam machen. Angela Merkel dürfte sich in dieser Hinsicht<br />

noch als problematisches Alleinstellungsmerkmal erweisen.<br />

Für die deutsche Sozialdemokratie war dagegen das wir<br />

entscheidend. Dieses „wir“ lässt sich jetzt offiziell auf gerade<br />

mal ein Viertel aller Wähler beziffern – ein derart wenig enthusiasmierendes<br />

Resultat, dass nicht einmal der wortgewaltige<br />

Parteivorsitzende Funken daraus schlagen wollte. Zu allem<br />

Übel droht der SPD noch dazu die Regierungsbeteiligung. Diese<br />

gilt nach neuerer Lesart zumindest in der Rolle des Juniorpartners<br />

als Höchststrafe. Was wiederum die Linkspartei über<br />

den Verlust ihrer drei Prozentpunkte hinwegzutrösten scheint.<br />

Aber weil den Grünen nach einem ambitioniert abschreckenden<br />

Wahlkampf die Hose sogar noch ein bisschen tiefer gerutscht<br />

ist, darf Gregor Gysi nun in der gefühlten Rolle des wahren<br />

Oppositionsführers weiter um die Gunst Sigmar Gabriels werben.<br />

Herzlichen Glückwunsch dazu!<br />

Die neue außerparlamentarische Opposition in Form einer<br />

liberalen Piratenalternative hatte noch weit weniger zu feiern.<br />

Darüber mögen sich zwar jene freuen, die es wieder ins Parlament<br />

geschafft haben. Echte Sieger aber sehen anders aus.<br />

ALEXANDER MARGUIER<br />

Stellvertretender Chefredakteur<br />

26<br />

AlexanDER MARGUIER ist<br />

stellvertretender Chefredakteur<br />

von <strong>Cicero</strong>


Darf man Jungs doof finden,<br />

auch wenn sie im Rollstuhl sitzen?<br />

Was ist Ihre Frage zu Inklusion? aktion-mensch.de


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Literaturen<br />

No. 111 | Herbst 2013<br />

Die Zeitschrift für Leser <br />

www.literaturen.de<br />

Ein Verlag, eine<br />

Familie: C. H. Beck<br />

wird 250<br />

David Wagner:<br />

Auf dem<br />

Alexanderplatz<br />

Seelenverwandte<br />

Sieben Liebeserklärungen<br />

von Schriftstellern an Schriftsteller<br />

Hypnose und<br />

Krise: <strong>Der</strong> neue<br />

Kehlmann<br />

Buchmesse:<br />

Literaturland<br />

Brasilien


Neue Bücher von Diogenes<br />

Foto: © Marco Okhuizen / laif<br />

Foto: © Annalena McAfee<br />

Foto: © Bernard van Dierendonck<br />

512 Seiten, Leinen<br />

€ (D) 22.90<br />

Ein junges marokkanisches Fußballteam<br />

hält Amsterdam in Atem. Ein dubioser<br />

jüdischer Geschäftsmann entdeckt plötzlich<br />

sein gutes Herz. Väter und Söhne<br />

finden schicksalhaft zueinander, eine alte<br />

Liebesgeschichte flackert wieder auf, und<br />

ein namhafter Filmemacher bekommt<br />

einen metaphysischen Auftrag. <strong>Der</strong> neue<br />

atemberaubende Thriller von Leon de<br />

Winter!<br />

»Leon de Winter kann erzählen wie kaum<br />

ein anderer.« Literaturen, Berlin<br />

464 Seiten, Leinen, € (D) 22.90<br />

Auch als Diogenes Hörbuch<br />

Sex, Spionage, Fiktion und die Siebziger:<br />

Serena arbeitet beim britischen Geheimdienst<br />

MI5. Weil sie auch eine passionierte<br />

Leserin ist, wird die junge Frau auf<br />

eine literarische Mission geschickt. Ian<br />

McEwan lockt uns mit gewohnter Brillanz<br />

in eine Intrige um Verrat, Liebe und<br />

die Erfindung der eigenen Identität.<br />

»Das eigentliche Thema dieses klugen<br />

und vertrackten Romans über eine<br />

Spionage-Mission im Kalten Krieg ist<br />

die Grenze zwischen Phantasie und<br />

Realität.« The New York Times<br />

336 Seiten, Leinen<br />

€ (D) 22.90<br />

Eine Prinzessin von Sansibar, die mit<br />

einem Hamburger Kaufmann durchbrennt.<br />

Mit dieser verbotenen Liebe beginnt<br />

Ende des 19. Jahrhunderts die Saga<br />

einer west-östlichen Familie zwischen<br />

Europa und der arabischen Welt. Ein<br />

historischer Roman nach der wahren Geschichte<br />

von Emily Ruete.<br />

»Lukas Hartmann kann Geschichte so<br />

erzählen, dass sie uns die Gegenwart in<br />

anderem Licht sehen lässt.«<br />

Augsburger Allgemeine


Editorial<br />

Wanderer, kommst du<br />

nach Meuselwitz …<br />

Literaturen 03/2013 Titel und Illustration: Barry Falls<br />

Clemens Meyers ironische Mahnung führt uns auf direktem Weg zu seinem «Seelenverwandten»,<br />

dem großen Autor Wolfgang Hilbig: Sieben international renommierte<br />

Schriftstellerinnen und Schriftsteller offenbaren in diesem Heft ihre Liebe<br />

zu anderen Autoren – Ermutigungen allesamt, bei der Jagd nach Neuerscheinungen<br />

zwischendurch mal Luft zu holen und sich an die ganz persönlichen Säulenheiligen<br />

zu halten. Wie überraschend, beglückend und amüsant das sein kann, zeigen<br />

die Illustrationen, die Barry Falls für uns gezeichnet hat.<br />

Wir setzen also ganz auf die Schönheit der Literatur – und ihre Beständigkeit.<br />

Davon ist auch im Gespräch mit dem Münchner Verleger Wolfgang Beck die Rede:<br />

Sein in sechster Generation familiengeführter Verlag feiert in diesem Jahr sein<br />

250. Jubiläum. <strong>Der</strong> Schriftsteller David Wagner schließlich ist durch das wiedervereinigte<br />

Berlin gewandert. Frappierend genug: <strong>Der</strong> Alexanderplatz wirkt, als wäre<br />

seit Alfred Döblins berühmtem Roman von 1929 gar nichts Wesentliches passiert.<br />

Natürlich kommt aber auch das Neueste vom Neuen nicht zu kurz: Auf über<br />

dreißig Seiten lesen Sie, welche Bücher dieses Herbstes Ihr Interesse verdienen –<br />

und warum.<br />

Die vielfältigsten Lektüre-Genüsse wünschen Ihnen<br />

Ihre Frauke Meyer-Gosau und Ihr Ronald Düker<br />

1


Literaturen Inhalt<br />

FranKFurter Buchmesse<br />

Drei Interviews zum Gastland Brasilien<br />

4<br />

36 Favoriten<br />

Antonio Callado<br />

Daniel Kehlmann<br />

Seelenverwandte<br />

Schriftsteller über ihre Lieblingsautoren<br />

Die dIversität der lIebe<br />

Péter Nádas über Helen Hessel und H.-P. Roché<br />

Ein Idylliker und Meister des Extrems<br />

Brigitte Kronauer über Jean Paul<br />

Tausend Gedichte<br />

Elke Heidenreich über ihr Buch der Bücher<br />

Auf doppeltem und dreifachem Boden<br />

Katja Lange-Müller über Terézia Mora<br />

Ein Provisorium, ein Fels<br />

Clemens Meyer über Wolfgang Hilbig<br />

Ein hypermelancholISCher Macho-Irrer<br />

Arne Dahl über James Ellroy<br />

Unter Faulpelzen<br />

Gary Shteyngart über Iwan Gontscharow<br />

250 Jahre C. H. Beck<br />

Ein Verlagsbesuch von<br />

Frauke Meyer-Gosau<br />

Sommer am Alex<br />

Ein Stadtspaziergang<br />

von David Wagner<br />

6<br />

8<br />

11<br />

12<br />

16<br />

20<br />

23<br />

25<br />

26<br />

32<br />

41 Literaturen Kritik<br />

42 Terézia Mora<br />

43 Clemens Meyer<br />

44 Bruce Bégout<br />

45 Joyce Carol Oates<br />

46 Hörbuch<br />

47 Hans Pleschinski<br />

48 Nicole Zepter<br />

49 Uwe Timm<br />

50 Aleida Assmann<br />

51 Brigitte Kronauer<br />

52 Kinderbücher<br />

54 Bernie Krause<br />

55 Helene Hegemann<br />

56 Comic<br />

58 Ian McEwan<br />

59 Krimi<br />

60 Film<br />

62 Marion Poschmann<br />

64 Martin Walser<br />

65 William Boyd<br />

66 Sven Regener<br />

66 Impressum<br />

67 Literaturen-Bestenliste<br />

68 Schmidts Kolumne<br />

Literaturen 03/2013 Fotos und Illustration: Barry Falls; Isolde Ohlbaum; © Pandora Film Verleih, 2013


Buchmesse<br />

Straßenszene in Salvador da Bahia<br />

<strong>Der</strong> Literaturkritiker Manuel da Costa<br />

Pinto ist der Kurator des Literaturprogramms<br />

des Buchmessen-Ehrengastes<br />

Brasilien.<br />

Was ist das Besondere an der brasilianischen<br />

Literatur?<br />

Ihre ästhetische Vielfalt: Unsere<br />

Schriftsteller verkörpern ja auch<br />

den kulturellen Wandel, der seit Mitte<br />

des 20. Jahrhunderts an sehr rapide<br />

zu Modernisierung und Urbanisierung<br />

geführt hat. Vom 19. Jahrhundert<br />

bis in die vierziger und fünfziger<br />

Jahre war die brasilianische Literatur<br />

immer auf der Suche nach einem<br />

«Gründungsmythos», um die Widersprüche<br />

einer hybriden Kultur zu erklären.<br />

Die Nationalitäten-Debatte<br />

wurde zu einem wichtigen Thema<br />

in der brasilianischen Kultur. Die Ur-<br />

Städte Gottes<br />

Brasilien ist in diesem Jahr Gastland auf der Frankfurter<br />

Buchmesse. Eine Annäherung in drei Interviews<br />

banisierung im 20. Jahrhundert zeigt<br />

jedoch, dass Brasilien keine «Essenz»<br />

besitzt, sondern im modernen Kontext<br />

kultureller Wurzellosigkeit steht.<br />

Also beziehen sich Schriftsteller heute<br />

nicht mehr nur auf brasilianische<br />

oder portugiesische Literaturtraditionen.<br />

Zwischen Bernardo Carvalho<br />

Manuel da Costa Pinto<br />

oder Bernardo Ajzenberg und Thomas<br />

Bernhard, Teixeira Coelho und<br />

W. G. Sebald, Cristovão Tezza und<br />

J. M. Coetzee besteht eine große Nähe.<br />

Diese brasilianischen Autoren, die ich<br />

erwähnt habe, werden auf der Frankfurter<br />

Buchmesse zu erleben sein.<br />

Brasilien erlebt derzeit einen ungeheuren<br />

wirtschaftlichen Boom und<br />

zugleich extreme soziale Konflikte.<br />

Wie spiegelt sich das in der Literatur?<br />

Wenn wir sagen, dass die zeitgenössische<br />

brasilianische Literatur durch<br />

die Urbanisierung des Landes gekennzeichnet<br />

ist, müssen wir auch daran<br />

erinnern, dass diese Modernisierung<br />

schnell in sich zusammenbrach. Das<br />

führte zu einer Abwertung der Städte<br />

und zu sozialen Konflikten. Die<br />

20-jährige Militärdiktatur von 1964<br />

bis 1985 war die Folge. Diese Erfahrungen<br />

wurden immer von der Literatur<br />

reflektiert, besonders in Romanen<br />

und Kurzgeschichten. In Frankfurt<br />

werden wir Autoren vorstellen, die<br />

verschiedene Wahrnehmungen der<br />

sozialen Widersprüche spiegeln werden.<br />

Denken Sie beispielsweise an Ignacio<br />

de Loyola Brandão, der in dem<br />

Roman «Null» eine kaleidoskopartige<br />

Erzählung des Brasiliens der siebziger<br />

Jahre liefert. Oder an Paulo Lins, der<br />

in «Die Stadt Gottes» eine Brücke von<br />

der Diktatur zur gegenwärtigen Situation<br />

in den Favelas von Rio de Janeiro<br />

schlägt.<br />

Wie werden Sie die brasilianische Literatur<br />

auf der Frankfurter Buchmesse<br />

präsentieren?<br />

Wir möchten Brasilien von dem<br />

Image des tropischen und exotischen<br />

Landes befreien. Wir wollen stattdessen<br />

ein kosmopolitisches Land präsentieren,<br />

das angeschlossen ist an die<br />

Themen der Moderne. Und außerdem<br />

möchten wir zeigen, inwieweit<br />

bestimmte soziale Dynamiken Brasiliens<br />

mit seiner ethnischen Vielfalt<br />

den gegenwärtigen Trend des Multikulturalismus<br />

bereits vorweggenommen<br />

haben.<br />

Literaturen 03/2013 Fotos: Nance/Redux/laif; Frank May/picture alliance; S.5: Michaela Melián/Suhrkamp Verlag<br />

4


Michael Kegler<br />

Jenseits des Klischees<br />

Thomas Meinecke<br />

Postkoloniale Verrücktheit<br />

Michael Kegler übersetzt unter anderem<br />

aus dem brasilianischen Portugiesisch.<br />

Was reizt Sie an der brasilianischen<br />

Literatur?<br />

Brasilianische Literatur als ein Ganzes<br />

gibt es meiner Meinung nach überhaupt<br />

nicht mehr. Es gibt aber Geschichten,<br />

die sehr gut geschrieben<br />

sind, von jungen Leuten, die in der<br />

Welt unterwegs sind und keinem Klischee<br />

mehr entsprechen.<br />

Erhoffen Sie sich von der Buchmese<br />

eine Konjunktur brasilianischer Literatur<br />

in Deutschland?<br />

Schwer zu sagen. Am Ende werden<br />

sich hoffentlich einzelne Schriftsteller<br />

durchsetzen. Wenn Brasilien seine<br />

Übersetzungsförderung weiterhin<br />

so intensiv betreibt wie zuletzt, werden<br />

wir bestimmt noch einige großartige<br />

Bücher auf Deutsch lesen können.<br />

Wie sind Sie zum Übersetzer brasilianischer<br />

Literatur geworden?<br />

Aus Zufall. Ich habe als Kind in Brasilien<br />

gelebt und die Sprache nie vergessen.<br />

Dann geriet ich an die Literatur.<br />

Und die ist es wirklich wert, auch<br />

von Leuten gelesen zu werden, die diese<br />

Sprache nicht beherrschen.<br />

Thomas Meinecke ist Musiker und<br />

Schriftsteller: Gemeinsam mit Michaela<br />

Melian veröffentlicht er<br />

pünktlich zur Buchmesse den Band<br />

«Iemaniá». Spector Books, Leipzig<br />

2013. 15 S., 22 €<br />

Während der Recherche für Ihren<br />

Roman «Lookalikes» waren Sie<br />

mehrere Monate in Salvador da Bahia.<br />

Was haben Sie dort entdeckt?<br />

Schon ein ziemlicher Flash, was sich<br />

da die ganze Zeit abspielte.<br />

Salvador ist eine sehr afrikanische<br />

Stadt. Die Auseinandersetzung<br />

mit ihr<br />

hatte etwas sehr Unmittelbares.<br />

Das hat mich extrem<br />

aufgewühlt. Bisher<br />

hatte sich mein Schreiben ja nie sehr<br />

stark auf Unmittelbarkeiten gestützt.<br />

Was hat Sie denn so aufgewühlt?<br />

Es gibt allein im Straßenbild ein<br />

Symptom, das ich extrem merkwürdig<br />

fand und von dem ich schon früher<br />

gehört hatte: Die seien ja alle<br />

verrückt. Und tatsächlich: Es gibt<br />

so eine Charakterfigur in diesem<br />

Land, den irgendwie verrückt sich<br />

Gebenden, aber nicht im Sinne einer<br />

Künstlerschrulle, sondern eines<br />

im gesamten gesellschaftlichen<br />

Kollektiv angelernten, postkolonialen<br />

Selbstverständnisses. Da ist die<br />

Geschichte der Verschleppungen in<br />

der zu 90 Prozent afrikanisch-stämmigen<br />

Bevölkerung noch präsent.<br />

Überall diese schrägen Vögel. Das<br />

fand ich ziemlich beeindruckend.<br />

Wie haben Sie das kulturelle Umfeld<br />

erlebt?<br />

Als sehr heterogen. Man sieht auf<br />

der einen Seite kultivierte Hipster<br />

herumlaufen, auf der anderen<br />

Seite extreme Armut<br />

– aber selbst die Armen<br />

zeichnet noch eine<br />

gewisse sophistication aus.<br />

Ich traf eine Menge Leute<br />

in ihren Dreißigern, die<br />

als Filmemacher arbeiten. Das Kino<br />

ist sehr wichtig. Die jungen Hipster<br />

lesen viel Theorie. Auch in der Musik<br />

kann man jenseits von Joao Gilberto<br />

oder Caetano Veloso Großartiges<br />

entdecken. Aber die soziale<br />

Ungleichheit ist enorm: Das Land<br />

ist, was seine Wirtschaftskraft betrifft,<br />

auf der Überholspur. Und dabei<br />

bleibt einiges auf der Strecke.<br />

Alle Interviews führte Ulrich Rüdenauer<br />

Ein Komiker muss Witze machen.<br />

Und überleben – auch im KZ.<br />

1944 wird der Komiker Ernst Hoffmann in ein Konzentrationslager gebracht.<br />

Jeden Abend erzählt er seinen Mitgefangenen Witze. Als der Lagerkommandant<br />

davon erfährt, schlägt er Hoffmann einen Pakt vor, der ihn an die Grenzen<br />

seines Gewissens und seines Überlebenswillens führt.<br />

320 Seiten I € 19,99 [D] I Auch als E-Book erhältlich I Leseprobe auf blessing-verlag.de


Titelgeschichte<br />

Seelenverwandte<br />

Was wir am liebsten lesen, hat mit uns<br />

selbst zu tun. Wir haben sieben Schriftsteller,<br />

vom Nobelpreiskandidaten über<br />

die Büchnerpreisträgerin bis hin zum<br />

Welt-Krimi-Autor, gefragt:<br />

Wer sind Ihre Lieblingsautoren?<br />

Illustrationen Barry Falls<br />

7


Titelgeschichte<br />

Die Diversität<br />

der Liebe<br />

Péter Nádas über Helen Hessel<br />

und Henri-Pierre Roché<br />

Péter Nádas, 1942 in Budapest geboren,<br />

ist Fotograf und Schriftsteller. Seine großen<br />

Romane «Buch der Erinnerung» (1991) und<br />

«Parallelgeschichten» (Rowohlt 2012) zählen zur<br />

Weltliteratur. 2012 erschienen seine Fotobände<br />

«Schattengeschichte – Lichtgeschichte» (Nimbus)<br />

Er war bemüht, sich an den Vortag zu erinnern.<br />

Es gelang ihm nicht. Es war, als ob er sich fragte,<br />

wie die Welt vor der Schöpfung gewesen war.<br />

Was hatte er nur ohne sie an diesem vorletzten<br />

Tag gemacht, was hatte er gefühlt, was gedacht.<br />

Sein Gedächtnis war für alles Davor vollkommen<br />

blockiert. Er fragte sie, ob vielleicht sie den<br />

letzten Tag vor ihrer ersten Begegnung noch in<br />

Erinnerung habe. Sie konnte sich durchaus an<br />

dies und das erinnern. Sie erinnerte sich an Banalitäten<br />

des Tages, sogar an Gefühle. Ich war<br />

tief traurig. Ich war traurig, von Dir noch nicht<br />

gesehen worden zu sein.<br />

Aus diesem Moment heraus, getroffen von<br />

der Diversität ihres Liebesglücks, entstand die<br />

Idee, ein paralleles Tagebuch zu führen.<br />

Henri-Pierre Roché war aus Paris nach Hohenschäftlarn<br />

gekommen, um seinen von den<br />

Kriegserlebnissen schwer gezeichneten Freund<br />

Franz Hessel zu besuchen, der sich gerade mit<br />

seiner Frau Helen und den beiden kleinen Söhnen<br />

Stéphane und Ulrich in dem bayrischen<br />

Dorf niederließ. Franz und Henri-Pierre waren<br />

vor dem Krieg in Paris enge Freunde gewesen.<br />

Sie hatten auch ihre Geliebten geteilt. Bis<br />

Franz Hessel die junge Malerin Helen Grund<br />

kennenlernte. Von ihr bat er seinen Freund die<br />

Finger zu lassen. Nach dem Krieg aber, in Hohenschäftlarn,<br />

war die Leidenschaft zwischen<br />

Helen und Henri-Pierre nicht mehr aufzuhalten.<br />

In den Jahren 1920 und 1921 führten sie<br />

ihr Tagebuch, und um ihr Gegenüber vom Geschriebenen<br />

nicht auszuschließen, schrieb Helen<br />

auf Französisch. Eine ménage à trois, würde<br />

man leichtfertig sagen. Doch war es eher un<br />

pur amour à trois.<br />

Jahrzehnte später, nach einem weiteren,<br />

noch grausameren Krieg, schrieb Henri-Pierre<br />

Roché, dreiundsiebzigjährig, anhand seiner alten<br />

Tagebücher seinen ersten Roman: «Jules et<br />

Jim». <strong>Der</strong> Regisseur François Truffaut beschreibt<br />

ausführlich, wie er das vollkommen unbeachtet<br />

daliegende Buch bei einem Ausverkauf vor der<br />

Buchhandlung Stock auf dem Platz Palais-Royal<br />

in einer Kiste entdeckte und den «bäuerlich<br />

lakonischen Sätzen», vor allem aber der fremdartigen<br />

«Moral der Ästhetik» sogleich verfiel –<br />

einer «Moral», die unter drei Menschen nicht<br />

etwa Hass, sondern die Leidenschaft der Liebe<br />

hervorruft. <strong>Der</strong>en großartigstes Zeugnis aber ist<br />

nicht der Roman, auch nicht der weltbekannte<br />

Film, es sind die parallel geführten Tagebücher<br />

von Helen Hessel und Henri-Pierre Roché selbst.<br />

Sie erschienen in den Jahren 1990 und 1991 in<br />

zwei knallroten Bänden bei André Dimanche<br />

Éditeur in Marseille. In den Eintragungen finden<br />

sich einige Überschneidungen, wenige, doch<br />

niemals die gleichen Empfindungen und auch<br />

nicht die Spur einer etwa gleichen Sprache: eine<br />

Liebe, gesehen aus zwei bis ins Innerste unterschiedlichen<br />

Blickwinkeln. Alles, aber auch alles<br />

steht in dieser Liebesgeschichte unter dem Gesetz<br />

der Diversität.<br />

Seit «Daphnis und Chloë» von Longos machen<br />

sich die Literaturen der Welt ein ganz anderes<br />

Bild von der Liebe, ein Zerrbild im Grunde.<br />

Seit ich diesen beiden Büchern begegnet bin,<br />

höre ich nicht auf, alle mir bekannten und unbekannten<br />

Verleger, vor allem die deutschen, auf<br />

diese beiden roten Bände aufmerksam zu machen.<br />

Sie sehen mich mit betroffenen Mienen<br />

und gläsernem Blick an. Die Manuskripte werden<br />

im Humanities Research Center der Universität<br />

Austin in Texas aufbewahrt.<br />

(Diesen Text hat Péter Nádas auf Deutsch verfasst)<br />

Literaturen 03/2013 Foto: Barna Burger; Illustration: Barry Falls<br />

8


xxxxxxxx<br />

9


Titelgeschichte<br />

Literaturen 03/2013 Illustration: Barry Falls, Foto: Juergen Bauer<br />

Ein Idylliker und<br />

Meister<br />

des Extrems<br />

Brigitte Kronauer über<br />

Jean Paul<br />

Natürlich habe ich nicht einen, sondern viele literarische<br />

Favoriten. Manche waren es für eine<br />

bestimmte Phase, manche sind es fürs Leben geblieben.<br />

Sie drängen sich vor, tauchen ab und<br />

kommen irgendwann wieder zum Vorschein. Jedesmal<br />

freue ich mich, wenn dieses Verschwinden<br />

nur ein vorübergehendes war. Oft genügt es,<br />

ein, zwei Seiten von ihnen neu zu lesen oder einfach<br />

an sie zu denken, an bestimmte, im Kopf<br />

fest verwahrte Sätze (Ror Wolfs: «Ich verschleuderte<br />

meine Zukunft in einem Moment, meinen<br />

Ruf, meinen Ruhm, alles warf ich hinab») oder<br />

sich an die Atmosphäre, gar nicht unbedingt an<br />

die Handlung, zu erinnern (so geht es mir etwa<br />

bei Joseph Conrad und Wilhelm Raabe, beide<br />

gewaltige Romanproduzenten): Schon bin ich<br />

gestärkt.<br />

Es handelt sich um, in mancherlei Hinsicht,<br />

sehr unterschiedliche Autoren, die mich anziehen.<br />

Mal liegt es am Satzrhythmus, mal an der<br />

Erfindungsglut, an Wortreichtum, Kühle, Konstruktionskunst,<br />

Eleganz der Bosheit bis hin zum<br />

geistreichen Ekel und Hass, an der alles durchwärmenden<br />

Menschenfreundlichkeit, der Lakonie,<br />

an der strengen Form oder an deren unhöflicher<br />

Sprengung (etwa bei Clemens Brentano).<br />

Ich bin nicht sicher, ob sich das vollständige<br />

Kollektiv von Autoren, statt auf Druckseiten<br />

in einem Regal zusammengezwungen, leibhaftig<br />

in ein Zimmer gersperrt, vertragen, gar mögen<br />

würde, hege sogar erhebliche Zweifel da-<br />

ran. Einer aber, ein einziger, der sie alle umfasst,<br />

auch die Jüngeren, weil ich Teile seines Werks in<br />

dem ihrigen erkenne, besser, der sie alle in sich<br />

trägt und den Zwist ertragen muss, den seine<br />

innere, vielgesichtige, widersprüchliche Gesellschaft<br />

ihm bereitet, den «Kongress kriegführender<br />

Mächte», wie er es im «Titan» nennt, Mächte,<br />

zu denen auch die destruktiven zählen, die<br />

seine Brust bis zum Zerreißen spannen, ist mir<br />

lebenslang und immer wieder frisch der teuerste:<br />

Jean Paul.<br />

Jean Paul, der in seinen Werken eine so verschwenderische<br />

Fülle von Bildern, Metaphern,<br />

Wörter und Stimmungen entfaltet, dass es mir<br />

bei jedem Lesen wie am ersten Tag den Atem<br />

verschlägt – nein, je länger ich ihn lese, desto<br />

mehr geht mir der phantastische Überfluss an<br />

poetischer Kapazität dieses Mannes auf –, Jean<br />

Paul ist beides zugleich: Idylliker und Meister<br />

des Extrems.<br />

Wie ist das zu schaffen? In der Vorrede zum<br />

«Quintus Fixlein» nennt er die drei Wege, nicht<br />

unbedingt glücklich, aber doch glücklicher zu<br />

werden. Es ist erstens die Vogelperspektive auf<br />

alles Geschehende aus der Höhe und Ferne hinab,<br />

zweitens die unmittelbare Nahsicht des in<br />

die Ackerfurche Geduckten und drittens, als<br />

schwerste und klügste Methode, lerchengleich<br />

zwischen beidem abzuwechseln. Sein Plädoyer<br />

für das Einnehmen extremer Positionen und gegen<br />

die mittlere ist ästhetisches Programm für<br />

alle seine Werke.<br />

Natürlich mutet er nicht jedem seiner Helden<br />

zu, die möglichen Höhen- und Tiefflüge<br />

zwischen Euphorie und Verzweiflung auszukosten,<br />

aber die, die es tun, sind ihm die liebsten.<br />

Mit seiner Fähigkeit, skurrile Figuren zu erschaf-<br />

Brigitte Kronauer, 1940 in Essen<br />

geboren, wurde für ihre Prosa mit zahlreichen<br />

Preisen ausgezeichnet – 2005 erhielt sie den<br />

Georg-Büchner-Preis. Gerade erschien ihr neuer<br />

Roman «Gewäsch und Gewimmel»<br />

(siehe dieses Heft S. 51)<br />

11


Titelgeschichte<br />

fen, verdeutlicht er darüber hinaus seine Bereitschaft,<br />

humorvolle Kompromisse zu schließen,<br />

obschon er auch die meisten seiner Käuze wenigstens<br />

für Augenblicke entgeistert in die Abgründe<br />

starren lässt, über die sie, bei all ihrer<br />

materiellen Mittellosigkeit, so heiter wandeln.<br />

Von der Prosa, beispielsweise eines Ehealltags,<br />

geht es in abrupten Sprüngen zur himmelstürmenden<br />

Utopie, von den Minima zu den<br />

Maxima, von rührender Kindlichkeit zur Kritik<br />

der Fichte’schen Philosophie, vom Sonntagsbraten<br />

und Schützenfest hoch zum Kosmos mit<br />

seinen Sonnen und Kometen. Die Spanne reicht<br />

vom erzkomischen Anfang der «Flegeljahre» bis<br />

zum Ringen um den Beweis einer geahnten Unsterblichkeit<br />

der Seele in «Selina», seinem letzten<br />

Fragment. Jean Paul transportiert seine Leser<br />

zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos<br />

auf und ab, ganz wie es ihm gefällt, ganz wie er<br />

es in den Menschen und der eigenen Brust vorfindet.<br />

So auch zwischen Gut und Böse, oft in<br />

derselben Person!<br />

Hin und her, das will ich nicht verschweigen,<br />

schwanken die Texte zwischen Spannungselementen,<br />

die das Kolportagehafte nicht scheuen<br />

und gelehrten, auch stark politisch akzentuierten<br />

Abschweifungen. Überhaupt stellen seine<br />

«Digressionen» anfangs erhebliche Leseschwierigkeiten<br />

dar. Deshalb muten sich viele durchaus<br />

entschiedene Jean-Paul-Liebhaber eher seine<br />

äußerst witzigen Aphorismen zu und genießen<br />

selbstverständlich die «schönen Stellen». Hier<br />

ist eine, wieder aus dem «Quintus Fixlein»: «Als<br />

schon das erste Viertel des Mondes im Untergehen<br />

war, um 12 Uhr, schloß er vor dem kühlen<br />

Anwehen eines milden, duftenden, feuchten und<br />

das Herz bei Namen rufenden Nachtlüftchens<br />

noch einmal die Augenlider eines schon träumenden<br />

Blickes auf.« Ebenso gut hätte ich auch<br />

einen zornigen, tief geschmerzten Satz über die<br />

sterbenden Pferde auf den Schlachtfeldern zitieren<br />

können oder einen zur grotesken Ignoranz<br />

deutscher Kleinfürsten.<br />

Mir allerdings fehlt bei dieser Leseweise<br />

das, was mich, neben den im Wortsinn unendlichen,<br />

wie sich selbst fortzeugenden Schätzen seiner<br />

Imagination am meisten hinreißt: die durch<br />

keine literarische Konvention zu fesselnde, angeblich<br />

unverrückbare Grenzen überschreitende,<br />

wenn auch an Vorbildern geschulte, formbewusste<br />

Freiheit seiner Romanschreiberei.<br />

Tausend Gedichte<br />

Von Elke HeIDenreich<br />

Meine erste große Liebe war Dr. Dolittle, ein<br />

kleiner dicker Doktor, immer korrekt gekleidet,<br />

selbst im Urwald mit Zylinder. Dr. Dolittle war<br />

Arzt, aber der Hochmut der Menschen und das<br />

Elend der Tiere ließen ihn verzweifeln, er sattelte<br />

um auf Tierarzt, lernte flugs die Tiersprachen<br />

(ALLE!) und kurierte ab dann Löwen, Affen,<br />

Enten, Papageien und die Kopfschmerzen<br />

von Ackergäulen, die besonders leicht zu beheben<br />

waren, wenn die Gäule bei der Arbeit in der<br />

Morgensonne auf dem Feld große grüne Sonnenbrillen<br />

kriegten. So einfach ist das.<br />

Ich habe alle «Dr. Dolittle»-Bände gelesen,<br />

die schönen kleinen Zeichnungen des Autors<br />

Hugh Lofting geliebt, und weil meine Mutter<br />

alles wegwarf (Puppen, Kinderbücher, zu klein<br />

gewordene, aber immer noch Lieblingspullover,<br />

Bär Fritz – «Du bist jetzt groß, das brauchst Du<br />

nicht mehr!») habe ich mir später im Leben das<br />

Wichtigste wieder zusammengesucht. Ich habe<br />

sie wieder, alle «Dolittle»-Bände, und ein Bär<br />

Fritz sitzt auch wieder auf dem Sofa. Liebe Mutter,<br />

das braucht man eben doch. Aber wie hättet<br />

ihr betonharten Kriegsfrauen das verstehen<br />

können.<br />

Mit Dr. Dolittle, das erinnere ich genau,<br />

fing die Leseleidenschaft so richtig an. Wir waren<br />

arm, konnten keine Bücher kaufen, mich<br />

hat die Gemeindebibliothek gerettet. Eine kluge<br />

Bibliothekarin erkannte das süchtige Kind,<br />

ich durfte immer fünf statt drei Bücher ausleihen<br />

und musste nichts zahlen, dafür ab und zu<br />

Karteikärtchen schreiben. Was für ein Glück –<br />

Karl May, so ziemlich alles, Stevensons «Schatzinsel»,<br />

«Robinson Krause» (Krause? Hab ich da<br />

was falsch gelesen?), Erich Kästner (komisch,<br />

den mochte ich nie – warum jagen die Kinder<br />

einen Unschuldigen? Warum liebt Mutter ih-<br />

12


www.rowohlt.de<br />

Hinter jedem Fenster ein Leben<br />

Pascale Hugues erzählt die Geschichte einer Straße<br />

Auch als<br />

E-Book<br />

erhältlich<br />

© plainpicture/STOCK4B<br />

Aus dem Französischen von Lis Künzli<br />

320 Seiten. Gebunden<br />

€ 19,95 (D) / € 20,60 (A) / sFr. 28,50 (UVP)


Titelgeschichte<br />

Literaturen 03/2013 Illustration: Barry Falls, Foto: Leonie von Kleist<br />

ren Anton nur, wenn er artig ist? Warum müssen<br />

sich geschiedene Eltern wiederfinden? Wer<br />

glaubt das? Pah!), ich las «Vom Winde verweht»,<br />

aber nur wegen Rhett Butler und Scarlett<br />

O’Hara, dass das ein Roman über Sklavenbefreiung<br />

und Südstaatenkrieg war – ach, doch<br />

nicht mit zwölf! Ich las herrlichen Schund, nämlich<br />

alle «Angélique»-Bände von Anne Golon –<br />

es waren dreizehn! Na klar, Trivialliteratur, aber<br />

für ein heranwachsendes Mädchen liegt das<br />

nun mal näher als Hegel, oder? Es schlich sich<br />

schon anderes auch ein – «Tagebuch eines Verführers»,<br />

hört sich gut an, und wer weiß denn<br />

in dem Alter was von Kierkegaard, und erste<br />

Zweifel an der Liebe stiegen auf. Die LIE-<br />

BE wurde dann erst mal DAS Lesethema, Madame<br />

Bovary, Werthers Leiden, Anna Karenina,<br />

ich habe rückblickend das Gefühl, als hätte<br />

ich jeden Nachmittag ein anderes Leben aufgesogen.<br />

Durch die Schule kam nur Langweiliges<br />

dazu, Wilhelm Raabe, Jean Paul, Adalbert<br />

Stifter, jaja, große <strong>Dichter</strong>, aber doch nicht mit<br />

sechzehn! Carson McCullers, «Das Herz ist ein<br />

einsamer Jäger» – das hat mich wirklich umgehauen.<br />

Und dann ging es los, der Damm war gebrochen,<br />

das Gefühl für trivial und nicht trivial,<br />

für lebenswichtig und einfach nur unterhaltend<br />

war da. Lebenswichtig: Virginia Woolf, Marlen<br />

Haushofer, Hans Henny Jahnn, Gottfried Benn,<br />

Gottfried Benn, Gottfried Benn. Wieder ein dicker,<br />

schwermütiger Arzt, wie Dr. Dolittle: Gottfried<br />

Benn war meine zweite große Liebe. Die<br />

erste eine literarische Figur, damals waren Autoren<br />

noch nicht wirklich wichtig, die zweite<br />

also ein echter Mensch. Ich las alles von ihm,<br />

verstand wenig, verliebte mich in Sätze, Gedanken,<br />

Formulierungen, kann viele seiner Gedichte<br />

auswendig, sage sie mir in Lebenskrisen oder<br />

kritischen Situationen still auf («An der Schwelle<br />

hast du wohl gestanden / doch die Schwelle<br />

überschreiten: nein / Denn in meinem Haus<br />

kann man nicht landen / in dem Haus muß man<br />

geboren sein»). Sein Gedicht «Mutter» ließ mich<br />

tagelang (ja: tagelang) weinen. Jetzt war ich endgültig<br />

infiziert für Gedichte und bin es bis heute.<br />

«Was ist Ihr Lieblingsbuch?», wird eine wie<br />

ich, die mit Büchern lebt, immer wieder gefragt.<br />

Was soll ich antworten – was das Lieblingsbuch<br />

ist in glücklichen, was in unglücklichen Zeiten?<br />

Morgens oder abends oder in den fatalen wachen<br />

Nächten? Es gibt nicht DAS Lieblingsbuch.<br />

Man liest nicht morgens Emile M. Cioran «Auf<br />

den Gipfeln der Verzweiflung» und nicht am<br />

sonnenbestrahlten Meer Gontscharows «Oblomow»,<br />

aber wie arm wäre mein Leben ohne beide.<br />

Das Lieblingsbuch, das Lieblingsbuch? Fragen<br />

Sie bitte morgen wieder. Heute ist es «Nils<br />

Lyhne» von Jens Peter Jacobsen. Oder…?<br />

Aber Lieblingsautoren, die gibt es. Autoren,<br />

von denen ich alles las und lese, die gibt<br />

es. Schiller wegen der Leidenschaft, Kleist wegen<br />

der Sprache, Büchner wegen der verzweifelten<br />

Menschlichkeit, John Updike, weil er so witzig<br />

ist, Richard Ford, weil er so klar ist und die<br />

schönsten ersten Sätze hat, Flaubert, alles von<br />

Flaubert, Balzac, weil er «Verlorene Illusionen»<br />

geschrieben hat, Tolstoi für alles, Tschechow,<br />

Turgenjew, alles, alles, ach, und noch immer keine<br />

Frau? Virginia Woolf für «Mrs. Dalloway»,<br />

Marlen Haushofer für «Die Wand», Christa Wolf<br />

für «Kein Ort. Nirgends» - nein, das macht alles<br />

keinen Sinn. Ich schreibe zehn auf und möchte<br />

sofort zehn andere nennen. Es gibt auch keine<br />

Lieblingsautoren. Es gibt, täglich neu, immer<br />

treu, die Liebe zu den Büchern, und wenn eines<br />

enttäuscht, wenn zwei, drei, zehn enttäuschen<br />

– es kommen hundert nach, die beglücken, es<br />

hört nie auf, und ich lese mich weg aus einer<br />

Welt, die oft nicht zu ertragen ist und gleichzeitig<br />

doch auch hinein in eine Welt, die ich sonst<br />

nicht verstünde.<br />

Letzter Versuch: Wenn ich nur einen Komponisten<br />

wählen dürfte: es wäre Bach. Wenn ich<br />

nur einen Schriftsteller wählen dürfte: Es wäre<br />

keiner, es wäre ein großes dickes Buch mit mindestens<br />

tausend Gedichten.<br />

Elke Heidenreich, 1943 in Korbach geboren,<br />

ist Literaturkritikerin und Autorin. Sie schreibt<br />

Erzählungen, Opern-Libretti und Autorenbücher<br />

und hatte fünf Jahre lang im ZDF die Sendung<br />

«Lesen». Zuletzt erschien der Band «Dylan<br />

Thomas – Waliser, <strong>Dichter</strong>, Trinker» (mit Fotos<br />

von Tom Krausz; Knesebeck 2011)<br />

15


Titelgeschichte<br />

Auf doppeltem und<br />

dreifachem Boden<br />

Katja Lange-Müller über<br />

Terézia Mora<br />

Terézia Mora ist für mich diejenige unter meinen<br />

Autorenkolleginnen und -kollegen, die mich am<br />

meisten an- und aufregt – im besten Sinne. Was<br />

immer sie schreibt, es lässt mich nie, niemals kalt.<br />

Denn Mora ist in ihrer ganzen Haltung, insbesondere<br />

in ihrer literarischen Haltung, eine radikale<br />

Humanistin und eine fast ebenso radikale<br />

Stilistin, die, wie ich es sehe (und ihre Texte<br />

laut lesend auch vernehme), beim Schreiben allein<br />

auf ihre Protagonisten hört; denen, erst einmal<br />

nur denen, sucht sie so nahezukommen wie<br />

irgend möglich, also bis zur äußersten und innersten<br />

Wahrhaftigkeit, einer selbst für mich,<br />

ihre Leserin, oft schmerzhaften. Es gibt bei ihr<br />

Sätze, die mich umhauen, etwa diesen: «Ich schäme<br />

mich, ein Mensch zu sein.» Leider kenne ich<br />

ihren neuesten Roman «Das Ungeheuer» noch<br />

nicht zur Gänze, aber ansonsten alles, was sie bislang<br />

veröffentlich hat. Und weil zum Vorgänger-<br />

Roman des «Ungeheuers» jener mit dem Titel<br />

«<strong>Der</strong> einzige Mann auf dem Kontinent» gehört<br />

wie der eine Flügel eines Falters, in dem Fall eines<br />

Nachtfalters, zum anderen, will ich hier von<br />

diesem Lektüreerlebnis erzählen:<br />

Katja Lange-Müller wurde 1951 in Berlin<br />

geboren und wuchs in der DDR auf. 1984 zog<br />

sie nach Westberlin. Sie schreibt Erzählungen<br />

und Romane, zuletzt erschien ihr Roman<br />

«Böse Schafe» (Kiepenheuer & Witsch, 2007).<br />

Am 17. November erhält sie den Kleist-Preis<br />

<strong>Der</strong> einzige Mann auf dem Kontinent ist,<br />

laut seiner eigenen, großspurigen Auskunft, Darius<br />

Kopp, der im Osten Deutschlands aufgewachsene<br />

Sohn eines Polen mit Ingenieursdiplom<br />

und Unternehmergeist, den Darius Senior<br />

allerdings erst nach dem Mauerfall recht<br />

erfolgreich einem realen Geschäft einzuhauchen<br />

vermag. Auch Darius Juniors – vom Senior<br />

verlassene – Mutter Greta, eine lieblose, dafür<br />

fortwährend klagende, vor allem Sohnesliebe<br />

einklagende, nur an ihren echten und eingebildeten<br />

Krankheiten interessierte alte Schachtel<br />

sowie dessen dünne, nichts auf die Reihe bekommende,<br />

ewig klamme Schwester sind Teil<br />

des Soziotops, dem dieser 106-Kilo-Prachtkerl<br />

entwachsen, aber noch immer nicht ganz<br />

entronnen ist. Denn erstens hat sein Londoner<br />

Kollege, der Westeuropavertreter Anthony<br />

Mills, ein «Deutschenhasser», der fies genug<br />

ist, den nichts Böses ahnenden Darius ein wenig<br />

zu mobben, die lukrativen Märkte und jener<br />

die «miesen», und zweitens «wird der Deutsche<br />

und der Ossi niemals Chef», wie es im Roman<br />

heißt. Trotzdem gehört Darius Kopp nicht<br />

zum Heer der scheinselbstständigen Selfmade-<br />

IT-Spezialisten, die all die zahllosen Web-Seiten<br />

ebenso zahlloser Wer-Weiß-Was-Anbieter<br />

gestalten oder betreuen und auf deren soziale<br />

Situation der nun auch schon im neuesten<br />

Duden nachschlagbare, einigermaßen drollige<br />

Begriff «Mausbeutung» zutreffen mag. <strong>Der</strong> Rufname<br />

Darius, und die Namen sind bei Mora ja<br />

stets Teil des literarischen Konzepts, stammt aus<br />

dem Altpersischen und bedeutet «das Gute besitzend».<br />

Jener Darius mit dem Familiennamen<br />

Kopp, den sie zum fragwürdigen Helden dieses<br />

Romans ernannte, macht sich aber so gar keinen<br />

Kopp über das Leben, sondern vertraut ihm, da<br />

er sich als Sonntagskind versteht, blind. Er hat<br />

Informatik studiert, wie sein Vater ein Ingenieursdiplom,<br />

die New-Economy-Krise der Jahrtausendwende<br />

glimpflich überstanden, in Flora<br />

Meier seine große Liebe gefunden und ist nun<br />

«regional sales manager» einer weltweit operierenden,<br />

aus allerlei Pleiteunternehmensresten<br />

zusammengeflickten, dementsprechend undurchsichtigen<br />

US-amerikanischen Firma. Für<br />

diesen nicht nur wegen der Zeitunterschiede irreal<br />

schwer erreichbaren kalifornischen Laden,<br />

dessen Kernkompetenz eigentlich die Verbesserung<br />

der Kommunikation ist, verdealt Darius,<br />

Literaturen 03/2013 Foto: Juergen Bauer; Illustration: Barry Falls<br />

16


Titelgeschichte<br />

ganz allein zuständig für den gesamten osteuropäischen<br />

Raum, mäßig erfolgreich, doch unbeirrbar<br />

zuversichtlich Computernetzwerk-Komponenten.<br />

Seine Tage gehen dahin mit Anrufen,<br />

die ins Leere laufen, mit unerwiderten E-Mails<br />

und selbstvergessenem Surfen im Welt-Weit-<br />

Web, mit dem Trinken vieler Cappuccinos, O-<br />

Säfte, Biere, Rotweine, dem Verschlingen von<br />

Steaks, Sushi und Kuchen, mit Socken- und<br />

Hemdenkäufen, dem wunderbar komisch geschilderten<br />

Probeliegen auf einem Massagesessel,<br />

mit schweißtreibenden Reisen via öffentliche<br />

Nahverkehrsanstalt, mit Kneipentouren an<br />

der Seite seines Spezis Juri, den Besuchen bei<br />

seiner nöligen Mutter oder der schwer schuftenden<br />

Flora und – nicht zu vergessen – mit etwas<br />

Sex. Darius Kopp präsentiert sich uns als sanftmütiger,<br />

großzügig-schlampiger, etwas infantiler,<br />

konsumfreudiger, mit einer Art angeborenem<br />

Optimismus gleichermaßen begabter wie<br />

geschlagener, im Hier-und-Heute aufgehender<br />

Stadtindianer, der sehr an seiner nach der altrömischen<br />

Frühlingsgöttin und – Flora/Mora –<br />

ein wenig wohl auch nach der Autorin benannten<br />

Ehefrau hängt, einer ihm so gar nicht seelenverwandten,<br />

extrem empfindsamen, alles und<br />

am meisten sich selbst infrage stellenden, dennoch<br />

praktischen, ihrem Namen entsprechend<br />

der Botanik zugetanen Ungarin, die es trotz Literaturstudiums<br />

und guter Sprachkenntnisse<br />

vorzieht, in einer Stadtstrandbar zu kellnern,<br />

weil sie meint, ihre Würde dort eher wahren zu<br />

können als im Frondienst bei einem dieser umtriebig-arroganten<br />

Medienschaffenden aus sämtlichen<br />

Weltgegenden, die Berlin bevölkern wie<br />

Kiefern die Mark Brandenburg, oder beim lausig<br />

bezahlten Übersetzen von ambitionierten<br />

Theaterstücken.<br />

Wir Leser begleiten Darius, seine Kumpel,<br />

seine Familie, seine Frau, mit der er gerne ein<br />

Kind hätte, und nicht zuletzt einen Karton voll<br />

– erschreckenderweise echten – Geldes im Wert<br />

von 40.000 Euro, den armenische Kundschaft<br />

abgegeben hat am Tresen des Businesscenters,<br />

in dem auch Darius eine Karnickelbuchte unterhält,<br />

die er sein «Büro» nennt; wir begleiten<br />

ihn von einem September-Freitag bis zum folgenden,<br />

über acht Tage und Nächte, durch eben<br />

jene Woche, die der Roman währt und an deren<br />

Ende Darius eine Asthma-Attacke erleiden,<br />

sich davon aber schnell wieder erholen, seinen<br />

Führerschein zurückbekommen und die Baranzahlung<br />

der Armenier spurlos verschwunden<br />

sein wird. Seinen Job ist er ohnehin los, und<br />

zwar schon seit jenem Freitag, mit dem der Roman<br />

beginnt; das begreift Darius, der sich – wie<br />

weiland Voltaires Candide – in der besten aller<br />

möglichen Welten wähnt und dem es lange<br />

glückte, jedes noch so deutliche Indiz für das<br />

Gegenteil zu ignorieren, jedoch erst, als Stinkstiefel<br />

Anthony, der Londoner Kollege, ihm dies<br />

unmissverständlich sagt, am Handy, im Auto,<br />

während unser armer Held unterwegs ist – zu<br />

Mutter, Schwester und Pflaumenkuchen –, dann<br />

heim zu Flora. Aber Flora, die Darius, der widrigen<br />

Umstände wegen und in der ihm eigenen<br />

chaotischen Egomanie, mal wieder stunden-, ja<br />

taglang ohne jede Nachricht gelassen hat, ist entwichen,<br />

ins Grüne, zu Freundin Gaby. Nach einem<br />

Anfall von Menstruations- oder gar Fehlgeburtsschmerzen<br />

und abgrundtiefer Verzweiflung<br />

floh Flora, eh schon durch eine vollbusige Ukrainerin<br />

ersetzt, das Strandcafé und anschließend<br />

das gemeinsame Zuhause, also die – bislang immerhin<br />

physisch mögliche – Nähe ihres selbst<br />

anwesend meist abwesenden, um Beistand so<br />

fatal verlegenen, völlig konfliktunfähigen Ehemanns.<br />

Nur dies, ein Leben ohne sein bestes und<br />

Gegen-Stück Flora, wäre die ultimative Katastrophe<br />

für Darius, eine, die ihn komplett aus der<br />

Bahn würfe. Kommt es so weit, ist es schon so<br />

weit? Kann Darius es noch verhindern? Sich ändern,<br />

womöglich? <strong>Der</strong> Roman schließt offen, mit<br />

dem kursiv gedruckten Satz «Die Nacht».<br />

So viel oder wenig zum Inhaltlichen; denn<br />

ich kann das personale Spektrum, die Unterschiedlichkeit<br />

der Ebenen, den Reichtum an<br />

Dissonanzen, ja, Antagonismen in und zwischen<br />

den Protagonisten hier nur gerafft und aus meiner<br />

Sicht darstellen. Doch wie ist dieses Buch<br />

geschrieben?<br />

Obwohl sich dessen Held, Darius Kopp, sehr<br />

von Abel Nema, dem Helden ihres großen Erfolgs<br />

«Alle Tage», unterscheidet, ist auch «<strong>Der</strong><br />

einzige Mann auf dem Kontinent» sozusagen<br />

Mora-spezifisch. Wieder steht ein Mann im Fokus<br />

der Aufmerksamkeit, wieder sind die Figuren<br />

Luftwurzler, die es von woandersher in die<br />

große Stadt Berlin geschwemmt hat, wieder geht<br />

die Autorin übers realistische Erzählen weit hinaus<br />

und strickt, diesmal allerdings buchstäblich,<br />

Netzwerke, in denen sich ihre Figuren verfangen,<br />

Literaturen 03/2013<br />

18


wieder suchen sie – schwankend auf doppeltem<br />

und dreifachem Boden – nach Wegen und Auswegen<br />

und finden: Umwege, Abwege, Irrwege.<br />

Aber Darius Kopp, wenigstens der, ist ein<br />

schlichteres Wesen als Abel Nema, und neben<br />

der personal erzählenden Stimme gibt es Darius’<br />

Gedankenstimme sowie Dialoge zwischen den<br />

Protagonisten und dann noch eine, mindestens<br />

eine, auktoriale, nun wirklich gottähnlich allwissende<br />

Erzählstimme, die sich situativ einschaltet,<br />

um – über Szenen hinwegspringend, mal gnadenlos<br />

nüchtern, mal spöttisch, mal resigniert<br />

– zu kommentieren, was geschieht, was Darius<br />

meint, vermutet, plant und dann viel zu oft dennoch<br />

bleiben lässt. Hinzu kommt, dass die Perspektive<br />

immerfort wechselt, von innen nach<br />

außen, von einem Tempus in das andere, gelegentlich<br />

sogar im selben Satz. Erstaunlicher-, ja,<br />

bewundernswerterweise funktioniert das nicht<br />

nur, sondern erweist sich als unerlässlich, denn<br />

so steht der dicke Darius unter sozusagen multipler<br />

Beobachtung und gewinnt die fast schon<br />

virtuelle Geschwindigkeit, mit der er durch das<br />

Buch und seine, ihm selten bewussten, Missgeschicke<br />

surft. Die Zeit, die flüchtige, ungenutzte,<br />

unwiederbringliche, mal langsamere, mal dahineilende,<br />

mal fehlende, nie und für nichts ausreichende<br />

Zeit ist eines der stilprägenden Leitmotive<br />

des Romans, eben weil Terézia Mora, diese<br />

sensible, intelligente, mutige Schriftstellerin,<br />

uns klar zu machen vermag, dass auch wir irgendwie<br />

Dariusse, Floras, Gretas oder Juris sind<br />

und dass die gnadenlos verrinnende Zeit, die<br />

nur im Traum und in Momenten großen Glücks<br />

oder großen Leids einmal stillzustehen scheint,<br />

ein elementarer Teil unserer «Ächzistenz» ist,<br />

eines Da-Seins mit unbekanntem biologischen<br />

Verfallsdatum, das aus allen Nähten platzt, uns<br />

quält mit Terminen und Aufgaben, die wir kaum<br />

bewältigen, mit Strömen von Informationen, die<br />

wir nicht mehr verarbeiten können. Ja, wir alle<br />

sind Zeit-Genossen, die kämpfen, wie Darius<br />

oder Flora, mit den stetig schwindenden Resten<br />

der einen oder anderen Vorstellung von gelingendem<br />

Leben, die wir jeden Tag mehr aufgeben,<br />

denn jeder dieser von wem auch immer gezählten<br />

Tage hat nur 24 Stunden, wie wir uns sagen,<br />

oft und doch nicht völlig verzweifelt, noch nicht.<br />

readingmalopolska.com | krakowcityofliterature.com<br />

The project ”Literacka Małopolska” is co-financed by the European Union as part of the<br />

The Małopolska Regional Operational Programme 2007-2013 ERDF.


Titelgeschichte<br />

Ein Provisorium,<br />

ein Fels<br />

Clemens Meyer über<br />

Wolfgang Hilbig<br />

Clemens Meyer, geboren 1977 in Halle an<br />

der Saale, arbeitete nach seinem Abitur als Bauarbeiter,<br />

Möbelpacker und Gabelstaplerfahrer.<br />

Sein erster Roman «Als wir träumten» erschien<br />

2006, für den Erzählungsband «Die Nacht, die<br />

Lichter» erhielt er 2008 den Preis der Leipziger<br />

Buchmesse. Sein neuer Roman «Im Stein» ist<br />

gerade erschienen (siehe dieses Heft S. 43)<br />

Wolfgang Hilbig war immer anwesend. Sein<br />

Foto steht, an zwei alte Bierkrüge gelehnt, auf<br />

meinem Schreibtisch. Hilbigs skeptischer, fragender<br />

Blick war manchmal unerträglich, wenn<br />

ich schrieb, und ich schob einen Notizzettel<br />

vor das Bild. Verdeckte ihn aber immer nur zur<br />

Hälfte. Tiefe Erschütterung ergreift mich jedes<br />

Mal, wenn ich in seinen Büchern lese, seine Gedichte<br />

nachspreche, die Katakomben und alten<br />

Abdeckereien besuche. Diese … Sprache schneidet<br />

mich regelrecht auf. So wie sich bisweilen<br />

die Erde öffnet in seinen Texten, Zeit und Raum<br />

sich öffnen, ein permanentes Kreisen, und immer<br />

wieder wird das «Ich» zurückgeworfen, ich<br />

bin der Welt abhanden gekommen.<br />

Auf den Bahnhöfen, in den dunklen Unterführungen,<br />

in den Kellern habe ich ihn gesucht.<br />

In verfallenen Häusern, Steinleiber, die seine<br />

Landschaften in Thüringen und Sachsen bevölkern,<br />

auch dort habe ich ihn gesucht. Trank<br />

oft ein Bier auf seine große Poesie in der kleinen<br />

Bar auf dem Leipziger Hauptbahnhof, direkt<br />

neben der Treppe. Und wenn er dann da<br />

war, schwieg er. Aber seine Präsenz, seine stille<br />

Kraft, füllte den Raum.<br />

Spät habe ich zu Hilbig gefunden, aber jetzt<br />

lässt er mich nicht mehr los. Ich wage nicht, von<br />

Seelenverwandtschaft zu sprechen, aber nu isses<br />

passiert. Denn seine Literatur überragt die letzten<br />

Jahrzehnte. Erst im Januar 2005, mein Roman<br />

«Als wir träumten» war in der Endphase,<br />

wuchs aber immer noch, reichte mir ein Freund<br />

Hilbigs «Die Weiber». In dem die Weiber verschwinden,<br />

nur Haare bleiben, Berge von Haaren,<br />

auf Müllkippen, in Tonnen. Und der Heizer<br />

onaniert einsam auf die Kohle.<br />

Fast war es mir unmöglich weiterzuschreiben,<br />

so klein kam ich mir vor in meinem eigenen<br />

Kreisen.<br />

Wanderer, kommst du nach Meuselwitz …<br />

Auch dort habe ich ihn gesucht, der viel zu früh,<br />

2007, verschwand. Aber hin und wieder und immer<br />

wieder füllt er die Räume, Stimme, Stimme,<br />

kein Provisorium, ein Fels, ein Provisorium,<br />

manchmal sehe ich ein großes dunkles Riesenrad<br />

am Horizont, das ist ein nächtlicher Traum,<br />

rot und blau glühen Lichter auf in diesem endlosen<br />

Kreisen, ein menschenleerer Rummelplatz<br />

wie in einem parallelen Universum, nur ein Einzelner<br />

in einer Gondel, aber auch das trifft es alles<br />

nicht, ich stehe vor ihm, vor seinem Werk …<br />

sprachlos. Aber dann halte ich doch Zwiesprache<br />

mit ihm. Wenn ich auf das Foto auf meinem<br />

Schreibtisch blicke. Und stand letztens erstmals<br />

an seinem Grab in Berlin. Drückte den Kronkorken<br />

eines Pilsners, das ich an seinem letzten<br />

Acker trank, in die Erde. So viel Pathos wäre<br />

ihm sicher fremd und peinlich gewesen. Und rezitierte<br />

leise eins seiner letzten Gedichte.<br />

«Nicht neu kann sein was du beginnst – /<br />

denn immer nimmst du was dir längst gegeben<br />

/ und gibst es hin : / Wie in der Liebe da es dir<br />

gebricht / an jeder Kenntnis: rot wie die Buchen<br />

Laub verstreun / maßlos am Wegesrand wo ich<br />

schon sehr frühe ging … / Und kannte nicht den<br />

Weg und kenn ihn jetzt noch nicht / und kenne<br />

nicht das Kind des Schatten mir voraus läuft<br />

/ und weiß nichts von der Sonne die ihr rotes<br />

Gold / dem Blattwerk einbrennt, / und ich weiß<br />

nicht mehr den Herbst / der ernst in meinem<br />

Rücken ging und dem ich Schatten / war; ein<br />

neu entworfner Schatten ungezählter Herbste.»<br />

Literaturen 03/2013 Foto: Gaby Gerster; Illustration: Barry Falls<br />

20


Titelgeschichte<br />

Literaturen 03/2013 Illustration: Barry Falls; Foto: Sara Arnald<br />

Ein hypermelancholischer<br />

Macho-Irrer<br />

Arne Dahl über James Ellroy<br />

Als ich zum ersten Mal James Ellroy las, wusste<br />

ich nicht das Geringste über ihn. Das war vielleicht<br />

gut so. Es führte dazu, dass seine charismatische,<br />

ungehobelte, ziemlich schrille Persönlichkeit<br />

mir nie den Zugang zu seinen Texten<br />

verstellte. Es kommt sogar vor, dass ich mich<br />

manchmal, wenn ich sehe, wie er sich auf der<br />

Bühne gebärdet, ein klein dafür wenig schäme,<br />

dass ich ihn für einen der weltweit besten Autoren<br />

halte. Ich wünschte mir, er wäre zurückhaltend<br />

und lakonisch und ironisch unterkühlt,<br />

nicht dieser großmäulige Tölpel. Und dennoch<br />

ist er irgendwie der Beste. Als ein wenig gehemmter<br />

nordeuropäischer Schriftsteller Ellroy<br />

zu beobachten, ist wie wenn Europa die USA<br />

betrachtet. Es ist vulgär, ein Schreihals, politisch<br />

suspekt und gleichzeitig – auf unangenehm vielen<br />

Ebenen – das Beste.<br />

Als ich Ellroy zum ersten Mal las, erkannte<br />

ich sofort, dass dies ein Stil war, der sich nicht<br />

imitieren ließ. Es war einige Jahre nach meinem<br />

eigenen Debüt als Krimiautor; in den Jahren davor<br />

hatte ich das Genre gezielt gemieden, nicht<br />

zuletzt wegen der Gefahr der unerwünschten<br />

Beeinflussung. Ich argumentierte so: Wenn ein<br />

allzu eigenwilliger Stilist unter meinen Favoriten<br />

landete, bestand die Gefahr, dass ich ihn unbewusst<br />

imitierte. Nachdem ich nun beschlossen<br />

hatte, mich mit dem Genre zu befassen –<br />

das meine Kindheit und Jugend total dominiert<br />

hatte –, war es besser, aus den anderen Quellen<br />

zu schöpfen, denen meiner eigenen Erfahrung,<br />

meiner Recherchen, meines Film- und Fernsehkonsums<br />

und meiner sonstigen, ziemlich umfangreichen<br />

Belesenheit. Wenn ich nun Arne<br />

Dahl werden sollte, dann musste er aus dem entstehen,<br />

was dieses Hexengebräu hergab. Wichtig<br />

war, dass es meins war, und nur meins.<br />

Und es war ein Glück, dass ich so dachte.<br />

Wäre ich etwas früher auf die vier Bände<br />

des «L.A.-Quartetts» aus den späten achtziger<br />

und frühen neunziger Jahren gestoßen, hätte<br />

ich mich definitiv in der Gefahrenzone befunden.<br />

Nichts im Krimigenre hatte seit Sjöwall &<br />

Wahlöö einen annähernd massiven Eindruck auf<br />

mich gemacht, und da reden wir von den siebziger<br />

Jahren. Den späten siebziger Jahren zwar,<br />

aber immerhin.<br />

Ellroy war etwas völlig anderes, nicht nur,<br />

weil ich selbst zwanzig Jahre später ein ganz anderer<br />

Leser war, sondern auch, weil die Autorenhaltung<br />

so grundverschieden von meiner eigenen<br />

war. Dies war so weit entfernt von der grauen<br />

Tristesse der schwedischen sechziger Jahre,<br />

wie man nur kommen konnte, und die Stimme –<br />

die ebenso intensiv insistierte, ebenso viel wollte<br />

– hatte einen ganz anderen Tonfall.<br />

Es gibt nämlich wenige Dinge, die so zweischneidig<br />

sind, wie James Ellroy zu lesen. Man<br />

liebt es und hasst es zugleich, und die Grenze<br />

zwischen Abstoßung und Anziehung ist haarfein.<br />

Sein Text ist ein Mahlstrom, der sich tiefer<br />

und tiefer in ein Dunkel hinabbohrt, das<br />

von Anfang an total ist. Er ist ein hartgesottener<br />

Monomane, ein megalomaner Egozentriker,<br />

Arne Dahl, geboren 1963, ist Literaturwissenschaftler<br />

und zählt zu den international<br />

bedeutendsten Krimiautoren der Gegenwart.<br />

Lange war er für die Schwedische Akademie<br />

tätig, die den Nobelpreis vergibt, und er<br />

arbeitet immer noch als Literaturkritiker. Unter<br />

dem Pseudonym «Arne Dahl» erscheinen seit<br />

1998 in jährlicher Folge Thriller, die auch fürs<br />

Kino wie fürs Fernsehen verfilmt wurden. Zuletzt<br />

erschienen die Romane «Bußestunde» und<br />

«Zorn» (Piper 2013)<br />

23


ein hypermelancholischer Macho-Irrer mit einem<br />

paranoiden, drogenversuppten Hirn und<br />

einem eingeschrumpften, amoralischen Herzen.<br />

Er ist rundweg abstoßend. Und einer der besten<br />

Schriftsteller der Welt.<br />

Sehr wenige Frauen in meiner Nähe haben<br />

über die Jahre Ellroys stakkatoartige Macho-<br />

Prosa, seinen kantigen Telegrammstil, ausgehalten.<br />

Ich habe mich durchgebissen, habe es versucht.<br />

Ich gehöre nämlich zu denen, die nicht<br />

mehr loskommen. Hoffnungslos verloren. Und<br />

es ist sehr schwer, den Finger darauf zu legen,<br />

warum das so ist. Es sind keineswegs nur die<br />

unerwartete Subtilität und Präzision der wilden<br />

Intrigen, auch nicht nur die unfehlbare Fähigkeit,<br />

die einer historischen Periode innewohnende<br />

Perversität aufscheinen zu lassen, nicht einmal<br />

die Tatsache, dass es dem Menschlichen auf<br />

beinahe übernatürliche Weise gelingt zu überleben<br />

und stärker dazustehen – allem Bösen zum<br />

Trotz. Es ist dies alles zugleich. Es ist ein paradoxer<br />

historischer, politischer und seelischer Reinigungsprozess.<br />

James Ellroy lesen ist in hohem<br />

Maß eine kathartische Erfahrung.<br />

Nachher fühlt es sich an, als sei die gesamte<br />

Menschheit vergewaltigt. Vielleicht ist es auch<br />

nur so, dass die letzten unschuldsvoll idealistischen<br />

Reste des Lesers verloren gehen. Ellroy<br />

räumt mit jedem Idealismus auf. Man kann also<br />

nicht einfach in sein Universum hineinplatzen.<br />

Es besteht die Gefahr, dass man nicht begreift,<br />

wo man sich befindet, und nur Ekel verspürt.<br />

Möglicherweise ist es hilfreich, sich vorher ein<br />

paar Grundvoraussetzungen klar zu machen.<br />

James Ellroy ist vollständig fixiert auf die<br />

Zeit und den Ort seiner eigenen Kindheit und<br />

Jugend. Und hier reden wir nicht einmal von<br />

den gesamten USA, wir reden von dem steinharten<br />

Los Angeles im Gegensatz zu der europäisierten<br />

Schlampe New York, und wir reden von<br />

den fünfziger und sechziger Jahren. Den Jahrzehnten,<br />

in denen die USA ihre Unschuld verloren.<br />

Und als Ellroys Mutter vergewaltigt und ermordet<br />

wurde, ein Ereignis, das sein Leben und<br />

Schreiben bis heute dominiert.<br />

Was man nicht zuletzt in der Autobiografie<br />

«<strong>Der</strong> Hilliker-Fluch: Meine Suche nach der Frau»<br />

(The Hilliker Curse) nachlesen kann, die sämtliche<br />

Requisiten für ein gewaltiges Lebensdrama<br />

beinhaltet. Hier findet sich, natürlich, der Muttermord,<br />

hier findet sich der Tricksterpapa mit<br />

dem riesigen Penis, hier findet sich eine übersexuelle<br />

Voyeurkindheit voller sexueller Träume,<br />

die nicht von den Mädchen, sondern den<br />

Müttern der Mädchen handeln; hier gibt es Jugendkriminalität<br />

und Alkohol- und Drogenmissbrauch,<br />

hier findet sich ein märchenhaftes<br />

Dämmerungs-Los Angeles, hier findet sich die<br />

übermenschliche Triebkraft zu schreiben, die alles<br />

überwindet, hier finden sich der Nervenzusammenbruch<br />

und der Rückfall in den Drogenmissbrauch.<br />

Und hier gibt es – natürlich – die<br />

Frauen.<br />

Es ist eine Perlenkette von Frauen – und<br />

in gewisser Weise auch wieder gar nicht. Es ist<br />

nur James Ellroy. Die ganze Zeit. Seine Fixierung<br />

und sein Fluch, seine Neigung, sich von jedem<br />

sozialen Leben abzukoppeln und nur zusammen<br />

mit seinen Phantasiefrauen, die alle<br />

seiner Mutter ähneln, im Dunkeln zu lauern.<br />

Aufs Ganze gesehen scheint er nicht besonders<br />

viel gelebt zu haben. Es ist erstaunlich, dass ein<br />

Mann, der so kraftvoll über amerikanische Geschichte<br />

geschrieben hat, gänzlich unfähig ist,<br />

aus sich selbst herauszutreten. Er mag nicht einmal<br />

reisen.<br />

Es ist also in sehr hohem Grad ein Schriftstellerleben<br />

gewesen, ein Leben fürs Schreiben.<br />

Frauen sind hier selten richtige Frauen, sondern<br />

Traumbilder, Konstruktionen. Und in gewisser<br />

Weise verhält es sich natürlich ebenso<br />

mit dem Los Angeles der vierziger und fünfziger<br />

Jahre, dem wir in seinen Büchern begegnen.<br />

Das macht es nicht weniger lebendig, nicht weniger<br />

überzeugend. Im Gegenteil, es verleiht Ellroys<br />

Welt einen spezifisch mythischen Charakter.<br />

Und ich möchte behaupten, dass der Höhepunkt<br />

seines Werks in den beiden mittleren<br />

Bänden seiner häufig als «L.A.-Quartett» bezeichneten<br />

zweiten Romanserie erreicht wird<br />

– «Blutschatten» (The Big Nowhere, 1988) und<br />

«Stadt der Teufel» (L.A.Confidential, 1990). Ellroy<br />

stürzt sich geradewegs in das gewaltig idealisierte<br />

Los Angeles der fünfziger Jahre, reißt dem<br />

lächelnden Hollywood die Maske herunter und<br />

zeigt die USA als eine offene, eiternde Wunde.<br />

«Stadt der Teufel» lebt in hohem Maß von<br />

drei komplizierten (selbstverständlich männlichen)<br />

Polizeicharakteren, die alle – auf unterschiedliche<br />

Weise – tief in die allgegenwärtige<br />

Korruption verstrickt sind, die die Lebensluft<br />

des Los Angeles Police Department (L.A.P.D.) der<br />

24


Titelgeschichte<br />

Literaturen 03/2013 Foto: Brigitte Lacombe<br />

fünfziger Jahre zu sein scheint. Korruption, Rassismus,<br />

Terrorherrschaft und allgemeine Raffgier<br />

bilden den Kern eines mächtigen Romans, dessen<br />

Handlung sich fast über ein Jahrzehnt von<br />

1950 bis 1958 erstreckt.<br />

Die drei sind der Karrierist und Intelligenzaristokrat<br />

Ed Exley, das gewalttätige Raubein<br />

Bud White und der halbe Filmstar und trockene<br />

Alkoholiker Jack Vincennes. Sie zappeln alle<br />

in einem beispiellos komplexen Netz von Mord,<br />

Pornografie, Rauschgift, Prostitution und Mafia.<br />

Alle drei werden auf unterschiedliche Weise<br />

gezwungen, sich selbst zu überwinden, und obwohl<br />

sie sich im Grunde hassen, sehen sie doch<br />

ein, dass sie einander brauchen, um den letzten<br />

kleinen Rest von Menschlichkeit zu retten,<br />

der in der brodelnden Finsternis noch existiert.<br />

Ganz einfach, um zur Wahrheit zu gelangen.<br />

Jedes Verbrechen verbirgt ein größeres, und<br />

am Ende wird klar, dass sich alles um die Kontrolle<br />

über den gesamten Rauschgifthandel von<br />

Los Angeles dreht. Und damit um einen großen<br />

Teil des Wirtschaftslebens der Stadt. Ellroy beeindruckt<br />

als Machtanalytiker. Alle, die nostalgische<br />

Träume von einer saubereren und moralischeren<br />

Ära hegen, sollten das verwickelte Zusammenspiel<br />

zwischen Hollywood, der Polizei,<br />

der Mafia, den Juristen, den Politikern, den Medien,<br />

den Bauherren, ja sogar den Vergnügungsparks<br />

studieren. Hinter dem reizendsten Fünfziger-Jahre-Lächeln<br />

Hollywoods verbirgt sich<br />

ein zum Himmel stinkendes Gebräu von moralischem<br />

Verfall. Selten ist mir ein effizienteres<br />

Gegenmittel gegen Träume von einem goldenen<br />

Zeitalter begegnet als Stadt der Teufel.<br />

Denn im Grunde ist James Ellroy Moralist.<br />

Aus dem Sumpf erhebt sich immer eine Art<br />

Menschlichkeit – besudelt zwar, aber trotz allem<br />

immer ein wenig besser als der übrige Sumpf.<br />

«Stadt der Teufel» bleibt eins von Ellroys<br />

Meisterwerken, und es ist ein Meisterwerk im<br />

gesamten Kriminalromangenre. Nicht immer<br />

gelingt ihm die subtile Balance zwischen Intrigenkonstruktion<br />

und Charakterschilderung,<br />

zwischen Gegenwartsschilderung und hartgesottener<br />

Satire, zwischen stilistischer Konsequenz<br />

und Spannungssteigerung, doch wenn sie<br />

ihm gelingt, ist er der Stern am Krimihimmel. In<br />

«Stadt der Teufel» ist dies der Fall.<br />

Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt<br />

Unter Faulpelzen<br />

Gary Shteyngart über<br />

Iwan Gontscharow<br />

Iwan Gontscharows Roman «Oblomow» ist der<br />

Schlüsselroman, um Russland zu verstehen. Warum<br />

ist es so schwer, aus dem Bett zu kommen?<br />

Warum ist es so schwer, sich in Bewegung zu setzen?<br />

Warum ist es so schwer, gute Dienstboten<br />

zu finden? Warum ist es so entnervend (wenn<br />

auch wunderbar), sich zu verlieben?<br />

Dieser Proto-Faulpelz-Roman aus dem<br />

19. Jahrhundert stellt alle entscheidenden Fragen.<br />

(Übersetzung d. Red.)<br />

Gary Shteyngart, 1972 in Leningrad geboren,<br />

zog als Siebenjähriger mit seinen Eltern<br />

nach New York. Er schreibt Romane, Essays und<br />

Reiseberichte. Zuletzt erschien «Super Sad True<br />

Love Story» (Rowohlt 2010)<br />

25


Verlagsporträt<br />

«Wir leben in der<br />

Gegenwart»<br />

<strong>Der</strong> Verlag C. H. Beck wird 250 Jahre alt und ist immer<br />

noch im Familienbesitz – wie geht das zu? Ein<br />

Besuch beim Verleger Wolfgang Beck in München<br />

Von Frauke Meyer-Gosau<br />

Stammhaus des Verlags C. H. Beck im 18. Jahrhundert in Nördlingen<br />

Literaturen 03/2013 Foto: ©Verlagsarchiv, Verlag C.H.Beck; Seite 29: Foto: Stefan von der Lahr<br />

26


Oh, war das nicht eben der Verleger, der da auf<br />

seinem Fahrrad vorüberfuhr? Es ist ein heißer<br />

Julitag, ich sitze im Straßencafé in der Münchner<br />

Wilhelmstraße und trinke noch rasch einen<br />

Espresso, bevor hier um die Ecke gleich mein Termin<br />

beginnt – gerade dort nämlich, wo jetzt Wolfgang Beck,<br />

Chef des wichtigsten kulturwissenschaftlichen Verlags der<br />

Bundesrepublik, Dr. h. c. der Universität Freiburg, Träger<br />

des Bundesverdienstkreuzes, «Verleger des Jahres» 2011<br />

und was einem auf die Schnelle noch so alles an Titeln und<br />

Ehrenzeichen einfallen könnte, sein Fahrrad abstellt. Bedenkt<br />

man, was für ein stattlich-solides kleines Imperium<br />

das ist, dem er nicht nur vorsteht, sondern das er gemeinsam<br />

mit seinem Bruder auch besitzt, man würde vermuten,<br />

der Mann müsse einem repräsentativen Kraftfahrzeug<br />

entsteigen, womöglich, nachdem ihm ein Chauffeur den<br />

Schlag geöffnet hat.<br />

Wer Wolfgang Beck kennt, wird diese Vorstellung eher<br />

belustigend finden: Understatement und Bescheidenheit,<br />

diese Grundpfeiler einer in Jahrhunderten gefestigten bürgerlichen<br />

Kultur, bestimmen nicht nur das Erscheinungsbild<br />

des Verlags C. H. Beck in der Öffentlichkeit, sie zeichnen<br />

auch den Verleger selbst aus: nur kein Tamtam, schon<br />

gar keine Übertreibungen! Diese Haltung hat den Verlag<br />

groß gemacht und überdies seit nunmehr 250 Jahren im Familienbesitz<br />

gehalten – neben einigen anderen Eigenschaften<br />

und Maximen, von denen noch zu reden sein wird; ein<br />

sensibles Gespür für Menschen wie für neue Ideen gehört<br />

unbedingt dazu.<br />

Eine Firmengeschichte ist dies also, die zugleich eine<br />

Familiengeschichte ist und heute selbst in der sechsten Generation<br />

noch so ganz anders vonstatten geht, als wir es aus<br />

den «Buddenbrooks» kennen. Dort lauerten die neureichen<br />

Hagenströms auf ihren Vorteil und bekamen ihn auch, weil<br />

Thomas und Christian Buddenbrook mit sich und ihrer<br />

Rolle zerfallen waren; das Kind Hanno konnte sich eine Zukunft<br />

schon gar nicht mehr vorstellen: «Ich dachte, da käme<br />

nichts mehr.» Im Verlag C. H. Beck dagegen hat die siebte<br />

Generation die Arbeit bereits aufgenommen.<br />

Trotzdem gehen mir die «Buddenbrooks» nicht aus<br />

dem Kopf, während ich am gediegenen Backsteinbau das<br />

Verleger-Fahrrad passiere und dann im Foyer durch ein<br />

großes Fenster ins Grüne schaue: Wie muss einer sich fühlen,<br />

der als Anfang-Dreißigjähriger in diesen Verlag eintrat<br />

und sich damit in eine große familiäre Traditionslinie<br />

stellte – jetzt, da er daran geht, seinem ältesten Sohn<br />

die Aufgaben zu übertragen, die er selbst vierzig Jahre lang<br />

mit großem Erfolg wahrgenommen hat? Das 250-jährige<br />

Verlags-Jubiläum ist nämlich ganz nebenbei auch noch das<br />

40-Jährige des Verlegers Wolfgang Beck.<br />

Wir sitzen im Konferenzraum des kulturwissenschaftlichen<br />

Verlagszweigs, am Ende eines langen Tisches, Bücher<br />

Das Verleger-Fahrrad, startbereit vor dem Verlag<br />

säumen die Wände, der Blick aus dem Fenster fällt auf hohe<br />

Bäume, und mein Gesprächspartner zögert keinen Augenblick<br />

mit der Antwort: «Im Alltag vergisst man diese lange<br />

Geschichte, allenfalls bei großen Jubiläen wie jetzt erinnert<br />

man sich daran. Im Verlag sind wir immer mit der unmittelbaren<br />

Gegenwart befasst, mit den nächsten Programmen<br />

und der üblichen Anzahl ungelöster Probleme. Natürlich<br />

bin ich mir darüber im Klaren, dass ich ein Anderer geworden<br />

wäre, wenn es diese Verlagsgeschichte nicht gäbe. Ich<br />

bin ja in große Fußstapfen getreten und habe dies hier nicht<br />

als der große Macher allein aufgebaut. Als ich 1973 anfing,<br />

war C. H. Beck immerhin schon ein renommierter Name.»<br />

Begonnen hat alles im Jahr 1763 mit der Übernahme<br />

einer Druckerei im bayrischen Nördlingen durch den Buchdrucker<br />

Carl Gottlob Beck. Er publizierte medizinische, naturwissenschaftliche<br />

und pädagogische Werke – der erste<br />

juristische Titel, Begründung der einen, künftig sehr ertragreichen<br />

Linie des Unternehmens, erschien 1764. <strong>Der</strong> Verlag<br />

entwickelte sich stetig, wenn es auch zwischendurch, im<br />

Jahr 1777, mal einen handfesten Skandal gab – der Radikal-<br />

Aufklärer Wilhelm Ludwig Wekhrlin hatte in einem Reiseband<br />

gegen die patrizischen Eliten der Reichsstädte Regensburg<br />

und Augsburg gewettert –, oder er 1803 aufgrund regionaler<br />

politischer Veränderungen vorübergehend in eine<br />

ökonomische Krise geriet. 1848 erscheint im inzwischen in<br />

dritter Generation geführten und auf protestantische Theologie<br />

sowie bayrische Jurisprudenz spezialisierten Haus die<br />

Paulskirchen-Verfassung, und als die vierte Generation die<br />

Geschäfte übernimmt, wird ein Grundstück in München-<br />

Schwabing gekauft; genau hier befindet sich der Verlag bis<br />

heute. Nach dem Umzug von Nördlingen verbleiben dort<br />

die immer noch zu C. H. Beck gehörende Druckerei, das<br />

Sortiment und das «Nördlinger Anzeigenblatt», während<br />

der Verlag selbst von München aus zusehends expandiert:<br />

Mit der 1. Auflage des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jahr<br />

27


Verlagsporträt<br />

Vierzig Jahre in der Verantwortung für den kulturwissenschaftlichen Verlag: Wolfgang Beck<br />

1896 schlägt der junge Oskar Beck endgültig den Weg zum<br />

führenden juristischen Verlag Deutschlands ein, kann mit<br />

einer Goethe-Biografie aber auch bereits einen ersten Bestseller<br />

im geisteswissenschaftlichen Bereich verzeichnen.<br />

Blickt man auf die Entwicklung im 20. Jahrhundert,<br />

stellt sich endgültig die Frage, ob sich anhand dieser Verlagsgeschichte<br />

nicht ebenso gut auch die deutsche Geschichte<br />

der letzten 250 Jahre erzählen ließe – Walter Flex’<br />

Kriegsnovelle «Wanderer zwischen beiden Welten», geschrieben<br />

aus nationalistisch-völkischer Perspektive und eines<br />

der sechs erfolgreichsten deutschen Bücher des 20. Jahrhunderts,<br />

erschien 1916 bei C. H. Beck, 1918 folgte «<strong>Der</strong><br />

Untergang des Abendlandes» von Oswald Spengler, einem<br />

der wichtigsten Köpfe der «Konservativen Revolution»<br />

und wie Flex ein geistiger Wegbereiter des Nationalsozialismus.<br />

Andererseits wurde in den zwanziger Jahren<br />

Albert Schweitzer Autor des Verlags, die «Kulturgeschichte<br />

der Neuzeit» des jüdischen Schriftstellers Egon Friedell entwickelte<br />

sich zu einem Kassenschlager. 1937 wurden Friedells<br />

Bücher von der Gestapo beschlagnahmt – und just in<br />

diesem Jahr trat Heinrich Beck, Verleger in nunmehr fünfter<br />

Generation, in die NSDAP ein. Was war aus der liberalen<br />

Bürgerlichkeit geworden, für die der Verlag nun schon<br />

seit mehr als anderthalb Jahrhunderten einstand?<br />

«In der Tat würde ich sagen, die Verlagsgeschichte spiegelt<br />

die deutsche Geschichte der letzten 250 Jahre», sagt<br />

Wolfgang Beck, «und eben nicht nur deren erfreuliche Seiten.<br />

Dass so heterogene Autoren wie Oswald Spengler, Albert<br />

Schweitzer oder Egon Friedell bei uns erschienen, lag daran,<br />

dass deren Denken meinen Vater auf sehr unterschiedliche<br />

Weise faszinierte, sie selbst standen einander zunächst<br />

auch durchaus nicht feindlich gegenüber. Albert Schweitzer<br />

zum Beispiel kannte Spengler sehr gut, er verstand sich<br />

ja auch als Kulturphilosoph. Bei Friedell war es ganz ähnlich,<br />

der war sogar ein Spengler-Anhänger. Für diese Autoren<br />

war es also kein Problem, sich unter demselben verlegerischen<br />

Dach zu finden. Was aber die Motive und Hintergründe<br />

für den Partei-Eintritt meines Vaters angeht, kann<br />

man nur vermuten, dass dies mit dem juristischen Verlag zu<br />

tun hatte. Die Juristerei war ja sozusagen NSDAP-verseucht,<br />

und bei uns erschien 1936 zum Beispiel der große Kommentar<br />

von Hans Globke und Wilhelm Stuckart zu den Nürnberger<br />

Rassegesetzen. Mein Vater war kein Nazi, aber er hat<br />

mit den Nazis doch fallweise zusammengearbeitet, und das<br />

nicht nur im juristischen Bereich. Im schöngeistigen Zweig<br />

erschien etwa Mussolinis ‹<strong>Der</strong> Faschismus. Philosophie, politische<br />

und gesellschaftliche Grundlagen›, auch andere italienische<br />

Faschisten publizierten hier. Da hatte wohl Speng-<br />

Literaturen 03/2013 Foto: Isolde Ohlbaum<br />

28


ler mitgemischt, der bekanntlich kein Nazi-Freund war: Er<br />

hielt sie für Proleten, eine unkultivierte, rohe Bande; Goebbels<br />

hat ihn dann ja auch kaltgestellt. Aber dem italienischen<br />

Faschismus war er zugetan.»<br />

Die Jahre zwischen 1943 und 1949 sind auch in anderer<br />

Hinsicht eine finstere Zeit für den Verlag: In Leipzig<br />

verbrennen nach einem Luftangriff fast die gesamten<br />

Buchbestände des Unternehmens, Brandbomben vernichten<br />

im Jahr darauf das Verlagshaus in München. Als der<br />

Krieg endet, wird Heinrich Beck, seiner Parteizugehörigkeit<br />

wegen, mit Publikationsverbot belegt. Doch der findige<br />

Geschäftsmann sieht einen Weg: «Ein Vetter meines<br />

Vaters, Gustav End, ein erfahrener Verlagsmann, gründete<br />

1946 den Biederstein Verlag mit Sitz in München und Berlin»,<br />

berichtet der Sohn. «An ihn wurden die Verlagsrechte<br />

von C. H. Beck verpachtet – und zwar alle, auch die juristischen.<br />

Dort erschienen dann etwa die Nachkriegs-Auflagen<br />

von Albert Schweitzer, aber auch die neu gegründete<br />

‹Neue juristische Wochenschrift›, bis heute die wichtigste<br />

juristische Zeitschrift in Deutschland. Heimito von Doderer,<br />

der schon seit 1938 bei C. H. Beck war, publizierte bei<br />

Biederstein 1951 seinen Welterfolg ‹Die Strudlhofstiege›. Zu<br />

dem Zeitpunkt durfte mein Vater schon wieder als Verleger<br />

tätig sein, 1951 wurde der Verlagsneubau in der Wilhelmstraße<br />

bezogen.»<br />

Ganz trennscharf war die Abgrenzung der Programme<br />

von C. H. Beck und dem Biederstein Verlag in den kommenden<br />

Jahren nicht: Dort verlegte man populäre Bestseller<br />

wie Walter Kiaulehns «Geschichte Berlins» oder den amerikanischen<br />

Umweltklassiker «<strong>Der</strong> stumme Frühling», daneben<br />

aber auch französische Avantgardisten wie Michel Butor<br />

und Louis Aragon. C. H. Beck wiederum publizierte mit<br />

großem Erfolg den Band «<strong>Der</strong> ewige Brunnen. Ein Hausbuch<br />

deutscher Dichtung», dessen Herausgeber Ludwig<br />

Reiners es im Sommer 1956 sogar auf das Cover des «Spiegel»<br />

schaffte. Daneben erschienen Arnold Hausers «Sozialgeschichte<br />

der Kunst und Literatur» oder Günther Anders’<br />

kulturphilosophisches Jahrhundertbuch «Die Antiquiertheit<br />

des Menschen». Und der Verlag expandierte, das<br />

Programm erweiterte sich beträchtlich, wie schon vor dem<br />

Krieg veröffentlichten hier die namhaftesten Köpfe ihrer<br />

Fachdisziplinen. Als Heinrich Beck im Jahr 1973 starb, waren<br />

seine beiden Söhne im Verlag bereits präsent, eine neue<br />

Ära in der Entwicklung des Hauses nahm ihren Anfang.<br />

Und sie begann mit einem Paukenschlag: <strong>Der</strong> Verlag<br />

wurde geteilt. Hans Dieter Beck übernahm den juristischen,<br />

sein Bruder den kulturwissenschaftlichen Zweig. Bis<br />

auf den heutigen Tag fungieren beide als gleichberechtigte<br />

Gesellschafter, bei zwei so unterschiedlichen Themenbereichen<br />

und Verlagskulturen unter einem Dach keine leichte<br />

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readingmalopolska.com | krakowcityofliterature.com<br />

Reading Małopolska<br />

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the Ministry of Culture<br />

and National Heritage<br />

of the Republic of Poland<br />

The project ”Literacka Małopolska” is co-financed by the European Union as part of the<br />

The Małopolska Regional Operational Programme 2007-2013 ERDF.


Verlagsporträt<br />

Sache. Dabei hatte Wolfgang Beck eigentlich gar nicht vorgehabt,<br />

in den väterlichen Betrieb einzusteigen: «Ich habe<br />

erst einmal Medizin studiert. Aber dann stellte sich heraus,<br />

dass es doch eines zweiten, nicht-juristischen Verlegers<br />

bedurfte. Für meinen Vater war der juristische Verlag<br />

sehr schön, zumal man damit Geld verdienen konnte. Aber<br />

der nicht-juristische interessierte ihn persönlich letztlich<br />

Lektoratskonferenz Anfang der siebziger Jahre<br />

mehr, und der sollte nicht untergehen. Also wurde ich entsprechend<br />

beeinflusst, und das war mir auch gar nicht unsympathisch.<br />

Ich studierte dann in Göttingen Germanistik<br />

und Philosophie, war in Santa Barbara Teaching Assistent –<br />

Ende 1972 trat ich in den Verlag ein.»<br />

Die Vorbereitungszeit des 1941 Geborenen auf seine<br />

kommenden Aufgaben war kurz gewesen: ein Volontariat<br />

bei einem Verlag in Oxford und eines in einer deutsch-italienischen<br />

Buchhandlung in Florenz, dazu Praktika im eigenen<br />

Haus. Aber weil eben auch Glück zu einer Erfolgsgeschichte<br />

gehört, traf der junge Mann dort auf zwei so kompetente<br />

wie erfindungsreiche Mitstreiter: den Cheflektor<br />

Ernst-Peter Wieckenberg und den Herstellungsleiter Jürgen<br />

Fischer – «sie waren praktisch meine Lehrer.» Als sich<br />

auf der neu geschaffenen Position der Presse-Chefin dann<br />

auch noch Eva von Freeden hinzugesellte, war das legendäre<br />

«Kleeblatt», das den Verlag in den kommenden Jahrzehnten<br />

formen sollte, komplett. <strong>Der</strong> bisherige Führungsstil<br />

wurde durch diskursive Entscheidungsfindung ersetzt,<br />

das Programm eines vielseitig ausgerichteten kulturwissenschaftlichen<br />

Verlags nahm Fahrt auf: Neue Reihen wurden<br />

begründet, eine Zusammenarbeit mit Verlagen in der<br />

DDR initiiert, international renommierte Autoren kamen<br />

ins Boot, neue Themenbereiche wie die Islamwissenschaft,<br />

die jüdische Geschichte und der Feminismus wurden besetzt.<br />

Seither belegt der Verlag nicht nur immer wieder die<br />

oberen Ränge der auf Qualitätskriterien beruhenden Bestenlisten,<br />

es gelingt ihm auch mit schöner Regelmäßigkeit<br />

der Sprung unter die Bestseller.<br />

Die Grundlagen für diese Entwicklung wurden im Jahr<br />

1973 gelegt, und sie bestimmen den Geist des Hauses bis<br />

heute, obwohl alle wesentlichen Positionen seit dem Generationswechsel<br />

im Jahr 2000 neu besetzt sind – außer eben<br />

derjenigen des Verlegers. Er ist der Qualitäts-Garant, der<br />

Ermöglicher neuer Reihen und Themenschwerpunkte. 1999<br />

tat er einen besonders kühnen Schritt und begründete das<br />

C. H. Beck-Literaturprogramm, das an das frühere literarische<br />

Profil des Verlags wieder anknüpft. Wolfgang Beck<br />

selbst sieht seine Rolle in alledem natürlich viel zurückhaltender.<br />

«Alles Wesentliche läuft über das Lektorat», sagt er.<br />

«Für die Autoren ist doch entscheidend, dass sie einen guten<br />

Lektor haben. <strong>Der</strong> Verleger ist dann nicht mehr so wichtig.»<br />

So muss also der Gast darauf aufmerksam machen, welche<br />

Verbindung gegensätzlicher Eigenschaften hier in den letzten<br />

vierzig Jahren geglückt ist: Wagemut und Beharrungsvermögen,<br />

Sinn für die liberale Tradition und Erfindungsgeist,<br />

Geschäftssinn und Phantasie, verbunden mit dem Talent,<br />

kreative Köpfe zu binden – Köpfe wie Detlef Felken<br />

und Martin Hielscher, deren Sachbuch- und Literaturprogramme<br />

das Profil des Verlags entschieden ins Internationale<br />

geweitet, ihm ein kosmopolitisches Gesicht gegeben<br />

haben. «Ach», seufzt da der Verleger, «dieses schreckliche<br />

Wort ‹Sachbuch›! Kann dafür nicht mal jemand einen anderen<br />

Begriff finden? Da denkt man doch an Trockenes, Menschenfernes!<br />

Wie könnte man damit ein Buch erfassen wie<br />

‹Die Nonnen von Sant’Ambrogio›, in dem ein Kirchenhistoriker<br />

von einem römischen Kloster um 1850 erzählt: Sex<br />

and crime, Beichtväter, die schönen Nonnen mit Zungenkuss<br />

die Absolution erteilen und im Übrigen an der Formulierung<br />

des Unfehlbarkeits-Dogmas des Papstes arbeiten?»<br />

In der nächsten Zeit wird Wolfgang Beck seine Aufgaben<br />

an seinen ältesten Sohn übertragen. <strong>Der</strong>, promovierter<br />

Ökonom, ist schon seit 2007 im Haus tätig und leitet gegenwärtig<br />

ein wirtschaftswissenschaftliches Lektorat im Programmbereich<br />

seines Onkels. Hat der Vater eine Vision für<br />

die nächsten zwanzig, dreißig Jahre? «Das ist angesichts des<br />

rasanten Veränderungstempos in unserer Branche wahnsinnig<br />

schwer zu sagen. Aber wenn man, wie ich, an Büchern<br />

hängt und das Buch nach wie vor für das Hauptmedium<br />

der kulturellen Entwicklung hält, dann wünscht man<br />

sich einfach, dass das so bleibt. Und dass es weiterhin an<br />

bedeutenden Köpfen nicht mangelt, deren Gedanken und<br />

Texte wichtig genug sind, dass man sie eben in einem Buch<br />

und nicht anders lesen möchte.» Da schließt sich dann der<br />

Kreis: Mit jedem neuen Buch zieht sich der Verlag diese<br />

Köpfe selbst heran.<br />

Detaillierte Informationen über die Verlagsgeschichte sind nachzulesen in:<br />

Stefan Rebenich<br />

C. H. Beck 1763–2013. <strong>Der</strong> kulturwissenschaftliche Verlag und seine<br />

Geschichte, C. H. Beck, München 2013. 864 S., 38 €<br />

Literaturen 03/2013 Foto: Stephan Wagner<br />

30


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Sommer auf dem Alex<br />

An keinem anderen Ort inszeniert sich<br />

diese Stadt so sehr als Breitwandfilm wie an diesem:<br />

Berlin Alexanderplatz. Ein Spaziergang<br />

Von David Wagner · Foto Kristin Loschert


Reportage<br />

1<br />

«Jesus liebt dich!» – «Schnauze, ey!» – «Jesus liebt dich!»,<br />

dröhnt es aus Lautsprechern über den Alexanderplatz. Vier<br />

Jugendliche auf den Treppenstufen vor dem Eingang zu<br />

Burger King grölen. «Sechs Millionen Juden sind tot», fleht<br />

eine Frau in einem langen, dunkelblauen Rock und passender<br />

Kostümjacke einen vorbeigehenden Jungen an. <strong>Der</strong><br />

Junge trägt einen Sixpack Warsteiner zu seinen Freunden.<br />

«Wir singen bis ans Ende der Welt, bis ans Ende der Zeit»,<br />

haucht ein Christ ins Mikrofon. Eine jüngere Frau in kurzem<br />

Rock und Tanktop steht mit Stift und Klemmbrett im<br />

Passantenstrom und spricht Vorbeigehende an. «Alles, was<br />

gut und vollkommen ist, kommt, O Herr, von dir», schallt<br />

es über das Pflaster, dann bellen die Boxen: «Wie können<br />

wir so ruhig leben, wo so viele kleine Kinder schon im Mutterleib<br />

ermordet werden?» – «Aufhören, Aufhören! Aufhören,<br />

ihr Arschlöcher!» brüllt eine Frau, sie hat ein Eis in der<br />

Hand und lehnte bisher ganz ruhig an dem Mäuerchen neben<br />

dem U-Bahnausgang. Einige Neugierige stehen bei den<br />

gläubigen Sängern, andere, eher unfreiwillige Zuhörer sitzen<br />

auf der Treppe zum Forum-Hotel, im Kaufhofschatten<br />

und auf den Bänken des Biergarten am Alex. Sie schauen<br />

sich den Breitwandfilm Alexanderplatz und seine Darsteller<br />

an, seine manchmal von der Sommermode überforderten<br />

Figuren, die über das Pflaster und Richtung S-Bahnhof strömen.<br />

Mitten im Fluss steht die Frau mit dem Klemmbrett,<br />

sie ist auf der Suche nach Menschen, die in einer Quizshow<br />

klatschen wollen. «Sechs Millionen Juden sind tot», ruft die<br />

Frau in Dunkelblau, die Fußgänger, denen sie ihre Mahnung<br />

entgegenschleudert, nehmen keine Notiz davon. Eine<br />

junge Frau tritt aus dem Saturn ins Freie, öffnet eine Fototasche<br />

und schaut verzückt auf die Abzüge. Sie schaut so entrückt-verzückt<br />

wie die Frau auf dem bekannten Bild Vermeers<br />

auf ihren Brief. Zwischen Kaufhof und Hotel Forum,<br />

nicht weit von der Stelle, an der die Politiker Steffel, Stoiber<br />

und Merkel vor kurzem bei einer Wahlkampfveranstaltung<br />

mit Batterien beworfen wurden, riecht es (aber das ist in<br />

Berlin im Sommer nicht ungewöhnlich) aus der Kanalisation.<br />

Es riecht nach Schwefelwasserstoff, es stinkt nach faulen<br />

Eiern. «Mein Name ist Jutta, ich bin eine Christin aus Berlin«,<br />

kommt es aus den Lautsprechern der Missionare über<br />

den Platz. «Wir sind alle auf Gott hin angelegt», sagt Jutta,<br />

«Jesus ist in mich eingedrungen, als ich einundzwanzig war.<br />

Und allein in meinem Zimmer war.» Drei Dosenbiertrinker<br />

beginnen zu johlen, der mittlere trägt ein T-Shirt mit<br />

der Aufschrift «Fußball, Ficken, Alkohol». Zwei <strong>Punk</strong>s rufen<br />

ihre Hunde. Ihre Rufe klingen wie kurze Jodler. Einer<br />

der vier Hunde, die nach einigen Jodlern angelaufen kommen,<br />

hört auf den Namen Whisky, Whisky wird freudig begrüßt.<br />

Sein Herrchen, ein beim Betteln besonders freundlicher<br />

<strong>Punk</strong>, trägt ein schwarzes Muskelshirt mit dem Aufdruck<br />

«Bonn», der Schriftzug mit Kussmund an der Stelle<br />

des O. Jutta singt «Herr, deine Gnade, sie fällt auf mein Leben,<br />

so wie der Regen im Frühling fällt», viele Passanten,<br />

die von der Frau mit dem Klemmbrett angesprochen werden,<br />

schütteln den Kopf, die meisten bleiben gar nicht stehen.<br />

«Im Grunde habe wir nie aufgehört, Kinder zu sein»,<br />

sagt Jutta, die Christen reichen das Mikrofon herum. Als<br />

Jutta wieder an der Reihe ist, brüllt einer von der Treppe,<br />

er trägt sein Mobiltelefon wie ein Amulett an einem Kettchen<br />

um den Hals: «Halt dein Maul, du alte Fotze!» Einer,<br />

der neben ihm sitzt, meint: «Scheißland hier, dass sich jeder<br />

einfach frei äußern kann.» Die Frau mit dem Klemmbrett<br />

setzt sich auf den Brunnenrand, streckt die sonnengebräunten<br />

Beine von sich und erzählt, dass bei schönem<br />

Wetter kaum einer Lust habe, ins Fernsehstudio zu gehen.<br />

«Nein, wir zahlen nicht, es gibt nur ein Freigetränk. Touristen<br />

kommen gerne, man muss gleich ganze Gruppen krallen.<br />

Ich mache diese Arbeit gern. Kann ich mir selbst einteilen.<br />

Und ich bin draußen. Den Alex mag ich lieber als<br />

die Wilmersdorfer oder den Potsdamer Platz, der Potsdamer<br />

Platz ist mir zu künstlich. Am Alex ist die Mischung<br />

besser, und jeden Tag gibt’s Veranstaltungen. Neulich war<br />

der Tag der Grauen Panther, nur Rentner auf dem ganzen<br />

Platz. Heute sitzt der Verein der Väter, die ihre Kinder nicht<br />

sehen dürfen, unter der Weltzeituhr.«<br />

2<br />

Sonnabend, der Fernsehsender, der die Zuschauer für Fußball<br />

bezahlen läßt, hat auf dem Alex ein riesiges rotes Luftkissen<br />

mit hoch aufragenden Seitenwülsten aufgeblasen.<br />

Innen kein Wasser, es handelt sich nicht um ein Planschbecken,<br />

nein, innen zappeln halbnackte Männer, die Hände<br />

mit breiten Klettverschlussmanschetten an lange, quer<br />

durch das Luftkissenbecken gesteckte Stangen – Stangen,<br />

dick wie Fallrohre – gefesselt. Es sind keine Galeerensklaven,<br />

die rudern müssen, keine Gladiatoren, keine Mayas,<br />

die Pelota spielen und eventuell geopfert werden, diese<br />

Männer sollen lebensgroße Tischfußballfiguren sein. «Zeigt<br />

Berlin, zeigt der Republik und dem Rest der Welt, was ihr<br />

drauf habt!», brüllt der Animateur, der das Agitieren in einem<br />

früheren Deutschland gelernt zu haben scheint. Die<br />

angeketteten Männer, die Spieler, die Spielfiguren spielen,<br />

treten zappelnd nach dem Ball. Mit den ausgebreitet angebundenen<br />

Armen sehen sie wie Gekreuzigte aus. Die Torwand,<br />

die verwaist im Abseits des großen Luftkissenkickers<br />

steht, wirkt prähistorisch – wie die höhnische Erinnerung<br />

an einen der Sender, die Fußball öffentlich-rechtlich zeigten.<br />

3<br />

Auf den Fenstern der Häuser, in einem sitzt nun auch das<br />

Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit,<br />

dort, wo eines fernen Tages Hochhäuser aufragen<br />

sollen, kleben Buchstaben. Hintereinander gelesen er-<br />

34


geben sie Döblin-Zitate. Auf den Flachdächern der Häuserzeile<br />

stehen Werbeschriften wie große Dachskulpturen:<br />

«Togal» mit dem langen, geschwungenen Bügel-T, daneben<br />

Werbung für den «Top Automarkt Bornholmer Brücke».<br />

Unten auf dem Pflaster, weit unter der Fernsehturmkugel,<br />

leuchten Tränenkopflaternen in die DDR zurück.<br />

Unter der Zurüstung des Berolina-Hauses sind die alten<br />

Leuchtschriften «Rewatex» und «Flinke Jette» zu erkennen.<br />

«Fühlen was geschieht», sagt der Schriftzug auf dem<br />

Drehkörper der Uhr, «Bärenstark» ruft die Kaufhoffassade.<br />

In den großen Blumenkübeln neben der Tram wachsen gar<br />

nicht mehr so kleine Bäume. Die Spatzen sind schmutzig<br />

und gut genährt. Und auf dem Dach des Alexander-Hauses,<br />

gleich neben dem «Kleinpreismarkt am Alex» drehen<br />

sich, o Wunder, noch immer die drei gekreuzten Holzwege<br />

in Rot, Gelb, Blau – das Signet der pleite gegangenen Bankgesellschaft<br />

Berlin.<br />

4<br />

An einem Regentag verkauft der Bratwurstmann, der sich<br />

«Grillwalker» nennt, seine Würste vom Bauchtragegrill. Ein<br />

Konkurrent hat sich den Rost auf seinen Rollstuhl montiert.<br />

Die Würste des stehenden Konkurrenten verkaufen<br />

sich besser. Deutsche Tierschützer demonstrieren im Regen.<br />

«Super-Lotterie – Ihre Chance!» – «Haben sie Lust auf<br />

’ne Million?» Die Heilsarmee parkt ihren Renault-Transporter<br />

auf dem Alex, teilt Suppe aus. Etwa fünfundzwanzig Personen,<br />

unauffällig-ordentlich gekleidet, stehen in der Reihe,<br />

einer von ihnen hat einen Einkaufswagen mit Habseligkeiten<br />

dabei. «Hinten anstellen, eeeyy. Ey, auch du, ey.»<br />

Es gibt warme Suppe für alle, einen Plastikteller voll. Drei<br />

Mädchen kommen auf Plateau-Schuhen aus der Kosmetikabteilung<br />

des Kaufhofs, bringen Parfumprobennebel mit,<br />

bleiben kurz stehen und stelzen kichernd durch ihre eigene<br />

Duftwolke davon. «Sind Sie gegen Minen?» – «Haben<br />

Sie ein wenig Zeit? Wir würden gern über unsere Arbeit<br />

als Tierschützer informieren.» – «Welches Buch würden sie<br />

auf eine einsame Insel mitnehmen?» <strong>Der</strong> Grillwalker legt<br />

Würstchen nach, die Kunden der Heilsarmee schlürfen ihre<br />

Suppe. Das Kontaktbereichsmobil der Polizei, Abschnitt 32,<br />

steht auf dem Platz, ein Stromkabel steckt in einer Steckdose,<br />

die im Boden verborgen ist. Sieht so aus, als hätte der<br />

Wagen seinen Rüssel in den Asphalt gebohrt.<br />

Und erzählt, er wohne in Neukölln, in einem Zimmer, das<br />

ihn hundert Mark Miete im Monat koste. «Hundert Mark<br />

kriege ich immer irgendwie zusammen. Meistens Unkrautjäten<br />

bei einer alten Dame, ich mache ihr den Garten.»<br />

6<br />

Sonntagnachmittag, kurz vor drei, es ist heiß, der Passantenstrom<br />

versiegt. Eine ältere, gepflegt wirkende Frau, sie<br />

trägt eine große Plastiktüte, bückt sich vor dem Bauzaun,<br />

der um den Brunnen der Völkerfreundschaft herum errichtet<br />

wurde. Sie schiebt einen mitgebrachten Ast so geschickt<br />

unter dem Zaun hindurch, dass der Ast an eine Coca-Cola-<br />

Pfandflasche stößt, die, durch mehrmalige Berührung mit<br />

der Astspitze in Bewegung versetzt, auf den Bauzaun zurollt.<br />

Die Frau, der eine vielleicht nicht echte Perlenkette<br />

um den Hals hängt, greift nach der Flasche, in der ein Rest<br />

Cola schwappt, zieht sie unter dem Zaun hindurch, öffnet<br />

sie, leert sie aufs Pflaster, schraubt die Flasche zu, steckt sie<br />

in ihre Plastiktüte und geht mit dem Ast in der Hand Richtung<br />

S-Bahnhof davon.<br />

Dieser Text ist David Wagners Band «Mauer Park» entnommen (Verbrecher<br />

Verlag, Berlin 2013. 114 S., 14 €; erscheint im Oktober). Darin finden<br />

sich eine Reihe von Spaziergangs-Reportagen aus Berlin, die der Autor im<br />

Jahr 2001 in «David Wagner in Berlin» schon einmal veröffentlicht hat. An<br />

Wagners umfangreicher Neu-Kommentierung lässt sich in «Mauer Park»<br />

ablesen, wie sich die Stadt im letzten Jahrzehnt verändert hat<br />

Die neue Polanski-Biographie<br />

5<br />

Auf dem Rand des als Nuttenbrosche bekannten Brunnens,<br />

der eigentlich Brunnen der Völkerfreundschaft heißt, sitzt<br />

ein junger Mann und hält ein wahrscheinlich antiquarisch<br />

erworbenes Buch in der Hand. Macht Notizen. Schreibt<br />

sich den Döblin-Satz «Wiedersehen auf dem Alex. Hundskälte,<br />

nächstes Jahr, 1929, wird noch kälter» von der Fassade<br />

des Hauses Ecke Otto-Braun-Straße in einen Spiralblock.<br />

256 S. · 95, teils farb. Abb. · € 24,95<br />

ISBN 978-3-15-010936-6<br />

Rückblick auf ein filmreifes Leben und ein beeindruckendes Werk<br />

Von den frühen Kurzfilmen bis zum »Gott des Gemetzels«<br />

Mit über 90 Fotos vom Set und aus den Filmen<br />

www.reclam.de<br />

Reclam


Favoriten<br />

Auf der Suche nach der<br />

verlorenen Stadt<br />

Antonio Callados Essay über Colonel Percy Fawcett,<br />

der das Vorbild für «Indiana Jones» war und seinen<br />

großen Kolonialisten-Traum mit dem Leben bezahlte<br />

Von Ronald Düker<br />

Die Geschichte erinnert<br />

an den berühmten urbanen<br />

Mythos von jenem<br />

Mann, der sich nur mal<br />

schnell zum Zigarettenholen aufgemacht<br />

hatte und dann nie wieder<br />

gesehen wurde: In Begleitung<br />

seines Lieblings-Sklaven Malaquias<br />

verlässt Dario Rafael Callado, der<br />

Polizeipräsident von Rio de Janeiro,<br />

im Jahr 1867 sein Haus in der Rua<br />

Larga de São Joaquim, um ein wenig<br />

frische Luft zu schnappen. Als<br />

er feststellt, dass er seine Schnupftabakdose<br />

vergessen hat, schickt er<br />

Malaquias zurück, um sie zu holen.<br />

Doch als der Sklave wiederkommt,<br />

ist die Bank, auf der er seinen Herrn<br />

zurückgelassen hatte, leer. Und kein Mensch hat den Polizeipräsidenten<br />

je wieder gesehen.<br />

Dabei war Rio de Janeiro damals längst noch nicht<br />

der Moloch von heute. Gerade einmal 200.000 Einwohner<br />

zählte die Stadt, und auch die Fläche, die auf der Suche<br />

nach dem Verschwundenen durchkämmt werden musste,<br />

war überschaubar: «284 Straßen, 42 Alleen, 47 Plätze, 30<br />

Strände und 27 Hügel» – so hat es Antonio Callado, dessen<br />

Großonkel der Polizeipräsident war, später rekonstruiert.<br />

Zwar fand sich nach Monaten ein Skelett im Wasserspeicher<br />

von Tijuca. Aber das gehörte wohl zu einem anderen<br />

Namen und einem anderen Verbrechen.<br />

Antonio Callado<br />

wurde 1917 in Niterói im Bundesstaat<br />

Rio de Janeiro geboren. Er schrieb<br />

Romane und Theaterstücke, arbeitete<br />

aber zeitlebens auch als Journalist. Ins<br />

Deutsche übertragen wurde bislang<br />

lediglich sein Roman «Lucinda» (1991)<br />

<strong>Der</strong> 1917 geborene Antonio<br />

Callado ist hierzulande kaum bekannt,<br />

die Brasilianer zählen ihn<br />

aber zu ihren wichtigsten Schriftstellern<br />

des vergangenen Jahrhunderts.<br />

Callado schrieb Romane und<br />

Theaterstücke und arbeitete bis zu<br />

seinem Tod im Jahr 1997 auch als<br />

Journalist – während des Zweiten<br />

Weltkriegs in London für die BBC<br />

und später für alle bedeutende Zeitungen<br />

in Brasilien.<br />

<strong>Der</strong> Übergang vom journalistischen<br />

zum literarischen Fach<br />

war bei ihm stets fließend. Was seine<br />

fiktionale und dokumentarische<br />

Arbeit aber einte, das waren höchste<br />

stilistische Eleganz und die Faszination<br />

für düstere Themen. Davon zeugt Callados Roman<br />

«Lucinda», der von Folterungen unter der brasilianischen<br />

Militärdiktatur in den siebziger Jahren handelt, ebenso wie<br />

seine Vietnamkriegs-Reportagen, die er als Korrespondent<br />

in die Heimat schickte.<br />

Antonio Callado war ein Geschichtenerzähler und ein<br />

Abenteurer, und als solcher magisch angezogen von Rätseln,<br />

die ihm den Weg ins Herz der Finsternis wiesen. Was seinem<br />

Großonkel, dem Polizeipräsidenten, tatsächlich widerfahren<br />

war, das konnte er als Nachgeborener nicht mehr ermitteln.<br />

Was aber der britische Colonel Percy Harrison Fawcett<br />

erlebt hatte, nachdem er im Jahr 1925 im brasilianischen<br />

Literaturen 03/2013 Foto: 1987 Ulf Andersen/Getty Images<br />

36


Auf der Suche nach der versunkenen Stadt: Colonel Percy Harrison Fawcett<br />

Literaturen 03/2013 Foto: picture-alliance/Mary Evans Picture Library<br />

Regenwald verschwand, interessierte Callado so sehr, dass er<br />

sich im Jahr 1952 selbst einer Expedition in den Dschungel<br />

anschloss, die ein womöglich ungeheures Verbrechen aufklären<br />

sollte. In beiden Fällen tauchten später Knochen auf,<br />

die man zunächst mit dem Verschwundenen identifizierte,<br />

in beiden Fällen blieb schließlich nur das Rätsel übrig. Die<br />

große Reportage, die Antonio Callado von seiner Expedition<br />

mitgebracht hat, ist nun, nach genau sechzig Jahren und<br />

pünktlich zum Gastauftritt der brasilianischen Literatur bei<br />

der Buchmesse in Frankfurt, erstmals auf Deutsch erschienen:<br />

«<strong>Der</strong> Tote im See. Leben und Verschwinden des Colonel<br />

Fawcett im brasilianischen Regenwald» heißt dieses<br />

wunderschön gestaltete und immer noch höchst spannend<br />

zu lesende Buch.<br />

Percy Harrison Fawcett war einer der letzten schillernden<br />

Abenteurer, von denen das britische Empire im<br />

19. Jahrhundert so viele hervorgebracht hatte. Im Jahr 1867<br />

in der südenglischen Hafenstadt Torquay zur Welt gekommen,<br />

schien ihm der Kosmopolitismus wie in die Wiege gelegt.<br />

Sein Vater gehörte der Royal Geographical Society an,<br />

doch Percys erste Fernreisetickets wurden vom Militär bezahlt.<br />

Nach dem Schulabschluss trat er dem Royal Regiment<br />

of Artillery bei und wurde in Sri Lanka stationiert. Es folgte,<br />

stets im Dienste ihrer Majestät, ein rastloser Werdegang, der<br />

ihn nach Honkong, Malta und Marokko führte, wo er zum<br />

Landvermesser ausgebildet wurde.<br />

Den Ort seiner fatalen biografischen Bestimmung erreichte<br />

Percy Fawcett mit 39 Jahren. Eine Vermessungsexpedition<br />

führte ihn im Auftrag der Royal Geographical Society<br />

ins Regenwald-Hochland von Mato Grosso, das zwischen<br />

Brasilien und Bolivien liegt und damals eines der letzten<br />

noch nicht kartografierten Gebiete überhaupt war – ein<br />

noch weißer Fleck auf der von den Kolonialmächten längst<br />

penibel ausgepinselten Weltkarte. In den nächsten zwei Jahrzehnten<br />

unternahm Fawcett insgesamt sieben Expeditionen<br />

in diesen Regenwald.<br />

Am 29. Mai 1925 traf von dort ein letztes Telegramm<br />

bei seiner Frau ein. «Unsere Führer», so hieß es darin, «gehen<br />

von hier zurück. Sie werden immer nervöser, und wir<br />

dringen weiter in das Indianer-Land vor. Du brauchst keine<br />

Angst vor einem Fehlschlag zu haben.» Ob diese Zeilen<br />

wirklich geeignet waren, die Sorgen der Ehefrau zu zerstreu-<br />

37


Fawcetts Überreste? Indios zeigten 1951 die falschen Gebeine<br />

en? Sie waren jedenfalls das letzte Lebenszeichen des damals<br />

57-jährigen Abenteurers. Von da an verliert sich Fawcetts<br />

Spur für immer.<br />

Es hätte sich Antonio Callado aber wohl kaum so hartnäckig<br />

an die Fersen dieses unseligen Briten geheftet, wenn<br />

der nur ein ordinärer Landvermesser gewesen wäre. Warum<br />

aber, fragt der Autor, werden auch in hundert Jahren<br />

noch viele Menschen auf der ganzen Welt wissen, wer dieser<br />

Fawcett gewesen ist? «Weil», so Callado weiter, «nichts<br />

sich so hartnäckig hält wie Legenden, und der Fall von Percy<br />

Harrison Fawcett ist mit einer der ältesten Legenden der<br />

Menschheit überhaupt verknüpft, dem Mythos der «versunkenen<br />

Stadt». Das nämlich war Fawcetts<br />

Obsession, zu der die Landvermessungsmission<br />

und die Expeditionsgelder<br />

aus dem fernen Großbritannien<br />

nur die nötigen Mittel lieferten: <strong>Der</strong><br />

Abenteurer war felsenfest davon überzeugt,<br />

dass sich mitten im Regenwald<br />

die Ruinen der uralten – und von ihm<br />

Antonio Callado<br />

<strong>Der</strong> Tote im See<br />

Aus dem brasilianischen<br />

Portugiesisch<br />

von Peter Kultzen.<br />

Berenberg, Berlin 2013.<br />

120 S., 20 €<br />

selbst so genannten – Stadt «Z» auffinden<br />

lassen müssten – ein südamerikanisches<br />

Atlantis und älter noch als die<br />

ägyptischen Pyramiden.<br />

Fawcett, der von seinen Zeitgenossen<br />

als überaus besonnener Mann<br />

von geradezu militärischer Disziplin charakterisiert wurde,<br />

war vom Irrlicht dieser prähistorischen Hochkultur besessen.<br />

Und als bedürfe es einer Ehrenrettung, rekonstruiert<br />

Antonio Callado noch einmal die Lektüren, die Fawcett auf<br />

seinen verhängnisvollen Trip gebracht hatten: Waren nicht<br />

schon in einem Atlas der Medici aus dem Jahr 1367 die versunkenen<br />

Städte Brasiliens verzeichnet gewesen? Und hatten<br />

nicht spätere, wenn auch eher autodidaktisch gebildete,<br />

Historiker in einer von diesen die «alte weiße Rasse der<br />

brasilianischen Sonnenanbeter» vermutet? Es ist ein ziemlich<br />

weitverzweigtes Geflecht geschichtlicher Spekulationen<br />

und überbordender Spinnereien, das Fawcett für bare Münze<br />

genommen hatte. Dass er sich höchst lebhaft auch für spiritistische<br />

Quellen interessierte und dass er mit den Helden<br />

der viktorianischen Abenteuerliteratur, also mit dem Sherlock-Holmes-Erfinder<br />

Arthur Conan Doyle und mit Henry<br />

Rider-Haggard eng befreundet war und deren literarische<br />

Visionen wohl auch maßgeblich inspiriert hatte – das<br />

muss der Zeit angerechnet werden, deren Kind er nun mal<br />

war. Es führt aber von Conan Doyles Roman «Die vergessene<br />

Welt» und von Rider-Haggards «König Salomons Diamanten»<br />

auch ein direkter Weg in die Phantasie der Gegenwart:<br />

Percy Fawcett gilt als Vorbild für den Abenteurer «Indiana<br />

Jones», den Steven Spielberg in den achtziger Jahren<br />

zum Hollywood-Superhelden gemacht hat.<br />

«284 Straßen, 42 Alleen, 47 Plätze, 30 Strände und 27<br />

Hügel» – auf diesem derart präzis vermessenen Terrain<br />

durchsuchte man einst Rio de Janeiro nach Antonio Callados<br />

verschwundenem Großonkel. Als sich Callado selbst in<br />

den Regenwald aufmacht, ist es eine Reise in ein ungleich<br />

größeres und auch 1952 noch immer kaum kartografiertes<br />

Gebiet. Für den Autor, der zuvor lange in Europa war und<br />

sich dort nach seiner halb vergessenen Heimat zurückgesehnt<br />

hatte, wird die Expedition zu einer Reise ins Gestrüpp<br />

der Legenden. Denn natürlich tauchen die Überreste von<br />

Colonel Fawcett auch dieses Mal nicht auf. Callado berichtet<br />

stattdessen von Berichten: Verschiedene Indios, die man<br />

früher schon nach Fawcett befragt hatte, hatten den Mord<br />

an dem weißen Eindringling frank und<br />

frei zugegeben. Es hatte auch die sündenstolze<br />

Präsentation eines ausgebuddelten<br />

Skeletts stattgefunden, das aber,<br />

schon seiner Größe wegen, nicht zu<br />

dem Gesuchten passte.<br />

Weil Antonio Callado auf seinem<br />

Weg in den Urwald nichts Neues erfährt,<br />

hat er genug Zeit, über bereits Bekanntes<br />

zu sinnieren: über die legendäre<br />

Goldstadt Eldorado und über Atlantis,<br />

von dem in Platons Dialogen «Timaios»<br />

und «Kritias» die Rede war – und von<br />

dem kolonialistischen Wahn, auch noch<br />

den letzten Flecken der Wildnis zu erfassen und auszubeuten.<br />

Doch gleichgültige, lustige Tropen: <strong>Der</strong> Wildnis und ihren<br />

Ureinwohnern sind solche Fragen völlig fremd. Das ist<br />

es, was man nach Rudyard Kipling die Bürde des weißen<br />

Mannes nennt: Er blickt, in den schwülen und gefährlichen<br />

Wald versetzt, immer nur in den Spiegel und sieht in seinem<br />

Gesicht nichts anderes als die eigene alte Angst. <br />

Literaturen 03/2013 Foto: C.V.B. arquivo da família Villas Bôas<br />

38


Favoriten<br />

Das rätselhafte F-Wort und<br />

seine vielen Nuancen<br />

Daniel Kehlmanns neuer Roman<br />

zeigt den Autor als Krisen-Spezialisten – mit einem<br />

wundersamen Hang zum Übersinnlichen<br />

Von Sabine Doering<br />

Literaturen 03/2013 Foto: Heji Shin<br />

Daniel Kehlmann<br />

wurde 1975 in München geboren.<br />

2005 veröffentlichte er seinen Weltbestseller<br />

«Die Vermessung der Welt».<br />

2009 folgte ein Episodenroman mit dem<br />

anspielungsreichen Titiel «Ruhm»<br />

Ein Schelm, wer Obszönes<br />

dabei denkt: Einen einzigen<br />

Buchstaben, den sechsten<br />

unseres Alphabets, hat<br />

Daniel Kehlmann für den Titel seines<br />

neuen, lang erwarteten Romans<br />

gewählt. Das ermöglicht allerlei<br />

Assoziationen. Wer sich allerdings<br />

von der Lektüre Drastisches,<br />

gar pornografisch Eindeutiges erhofft,<br />

wird schnell enttäuscht werden.<br />

Diejenigen F-Wörter, die<br />

als Schlüssel für dieses Buch taugen,<br />

sind anderer Natur. «Familie»,<br />

«Fälschung», «Fiktion» führen hier<br />

weiter als jedes sittsam abgekürzte<br />

Four-Letter-Word.<br />

Tatsächlich entwickelt Kehlmann diesmal eine Familiengeschichte<br />

der speziellen Art. Gleich der erste Satz des<br />

großartig erzählten Eingangskapitels eröffnet weite Dimensionen:<br />

«Jahre später, sie waren längst erwachsen und ein<br />

jeder verstrickt in sein eigenes Unglück, wusste keiner von<br />

Arthur Friedlands Söhnen mehr, wessen Idee es eigentlich<br />

gewesen war, an jenem Nachmittag zum Hypnotiseur zu<br />

gehen.» Nun gehört es zwar seit Tolstois «Anna Karenina»<br />

zu den literarischen Gemeinplätzen, dass jede Familie<br />

auf ihre besondere Weise unglücklich ist, doch ändert diese<br />

Einsicht nichts an der Spannung, mit der Kehlmann seine<br />

Leser gleich zu Beginn überfällt:<br />

Wer ist dieser Arthur Friedland,<br />

wie viele Söhne hat er, und warum<br />

soll ein öffentlich auftretender<br />

Hypnotiseur Schuld an ihrem mannigfachen<br />

Unglück tragen?<br />

Kapitel für Kapitel werden die<br />

Lebenswege des zunächst erfolglosen<br />

Schriftstellers Friedland und<br />

seiner drei Söhne entfaltet. Immer<br />

wieder wechseln Perspektive und<br />

Stimme, und erst allmählich wird<br />

offenbar, dass zentrale Ereignisse<br />

im Leben der drei Brüder mehrfach<br />

geschildert werden, jeweils aus<br />

anderem Blickwinkel. Diese Vielstimmigkeit<br />

ist reizvoll, doch sie<br />

hat ihren Preis, denn der Roman ist nichts für die schnelle<br />

Lektüre. Den größten Genuss werden seine Leser erfahren,<br />

wenn sie bereit sind, geduldig hin und her zu blättern und<br />

sich auf ein komplexes Verwirrspiel einzulassen. Ein fast<br />

schon überdeutliches Sinnbild für diese Erzählhaltung ist<br />

das Jahrmarktslabyrinth, das im letzten Kapitel auftaucht.<br />

Labyrinthisch nämlich geht es in der Tat zu, wenn<br />

Kehlmann von dem dicken Martin und dessen Halbbrüdern<br />

Eric und Iwan erzählt. Ihre Namen verdanken die eineiigen<br />

Zwillinge der literarischen Bildung ihres Vaters, der<br />

sich von mittelalterlichen Epen inspirieren ließ. Doch ver-<br />

39


sammelt dieser moderne Arthur keine heldenhafte Tafelrunde<br />

um sich, er sucht vielmehr stracks das Weite, nachdem<br />

er jenem Hypnotiseur begegnet ist, von dem eingangs<br />

erzählt wird. Seine Söhne haben ebenfalls wenig Ähnlichkeit<br />

mit mittelalterlichen Rittern, obwohl auch sie auf der<br />

Suche nach Glück und Reichtum sind.<br />

Kein heiliger Gral ist es also, den die drei Brüder und<br />

ihr Vater aufspüren wollen, doch ganz ohne Spiritualität<br />

kommt auch ihre Welt nicht aus. Das wird für Martin, den<br />

ältesten der Brüder, zum Grundproblem seines Lebens,<br />

denn eigentlich gefiele ihm sein Dasein als katholischer<br />

Priester ganz gut, wenn nur die elende Sache mit dem<br />

Glauben nicht wäre, der sich, so sehr<br />

er sich auch anstrengt, bei ihm partout<br />

nicht einstellen will. Statt also den eigenen<br />

Predigten zu vertrauen, beschäftigt<br />

sich der füllige Priester viel lieber<br />

mit Rubiks Zauberwürfel, der ihn seit<br />

Jugendtagen fasziniert. Auf solch authentisches<br />

Zeitkolorit legt Kehlmann<br />

als gewissenhafter Chronist großen<br />

Favoriten<br />

Daniel Kehlmann<br />

F. Roman<br />

Rowohlt, Hamburg 2013.<br />

400 S., 22,95 €<br />

Wert. Die Handlung seines Romans<br />

beginnt in den siebziger Jahren und<br />

setzt sich über rund zwei Jahrzehnte<br />

fort. Jener Tag, dessen schicksalshafte<br />

Ereignisse aus wechselndem Blick geschildert<br />

werden, ist der 8. August 1988, ein Datum, das<br />

Zahlenmystikern besonders willkommen sein dürfte.<br />

Für Übersinnliches ist Eric zugänglich, was seinem Beruf<br />

als Anlageberater allerdings nicht förderlich ist. Diese<br />

Figur – tablettensüchtig, rücksichtslos, statusorientiert<br />

– entspricht, so wirkt es auf den ersten Blick, einem gängigen<br />

Klischee, gehört der gewissenlose Banker doch inzwischen<br />

zum Repertoire vieler Gegenwartsromane. Kehlmann<br />

ist aber ein viel zu versierter Erzähler, um es bei solchen<br />

Stereotypen zu belassen; sein Finanzmakler Eric wird<br />

von geheimnisvollen Visionen und Erscheinungen heimgesucht.<br />

Zudem lässt Kehlmann die Erwartungen seiner Leser<br />

elegant ins Leere laufen: Ein großer Börsencrash bewirkt<br />

auf verschlungene Weise Erics Rettung, er besiegelt<br />

also keinesfalls sein Schicksal, wie man es zunächst vermuten<br />

konnte.<br />

Neben der Religion und dem Geld steht in Kehlmanns<br />

Welt die Kunst, und wiederum jongliert der Autor fröhlich<br />

mit Klischees: Erics Zwillingsbruder Iwan hofft zunächst<br />

vergeblich darauf, sein Lebensglück als Maler zu<br />

finden. Ausgerechnet die Einsicht ins eigene Mittelmaß<br />

verhilft ihm dann aber auf unverhoffte Weise zu erstaunlichem<br />

Wohlstand. Kehlmann verbindet Iwans Geschichte<br />

mit bitterbösen Betrachtungen zum Kunsthandel, dessen<br />

Mechanismen er als zynisches Geschäft mit Spekulationen<br />

und Illusionen schildert. Arthur hingegen, der treulose Vater,<br />

gelangt zum ersehnten literarischen Ansehen, nachdem<br />

einer seiner Romane eine Selbstmordwelle ausgelöst hat –<br />

ganz so, wie es zweihundert Jahre zuvor Goethes Skandalgeschichte<br />

über die Leiden des jungen Werthers nachgesagt<br />

wurde.<br />

Schon in dem Episodenroman «Ruhm» (2009) beschrieb<br />

Erfolgsautor Kehlmann die Ambivalenzen des modernen<br />

Kulturbetriebs. Sein neuer Roman setzt dies mit<br />

kühnen Volten fort: <strong>Der</strong> Priester mutiert zum mathematischen<br />

Tüftler, der Künstler zum Spekulanten und der Finanzmakler<br />

zum visionär begabten Medium. Keiner von<br />

ihnen aber findet eine verlässliche Antwort auf die Frage<br />

nach dem Sinn, die sie alle umtreibt.<br />

Statt ewiger Werte handeln sie mit Fiktionen<br />

und Fälschungen, diesen schillernden<br />

F-Wörtern.<br />

In «Ruhm» entwarf Kehlmann ein<br />

raffiniertes Spiel mit den verschiedenen<br />

Ebenen der Fiktion, ganz in der<br />

Tradition der literarischen Romantik.<br />

Und erzromantische Motive durchziehen<br />

auch diesen neuen Roman. Die<br />

Zwillinge Eric und Iwan sind perfekte<br />

Doppelgänger, wie sie E. T. A. Hoffmann<br />

nicht besser hätte ersinnen können.<br />

Ihre Ähnlichkeit irritiert nicht nur<br />

die Menschen in ihrer Umgebung, selbst die beiden Brüder<br />

wissen nicht immer genau, wo die Gedanken des einen<br />

aufhören und die des anderen beginnen. Dass diese Ähnlichkeit<br />

schließlich sogar die jenseitigen Mächte verwirrt,<br />

ist ein so verrückter und unzeitgemäßer Einfall, dass man<br />

ihn zunächst kaum begreift: Daniel Kehlmann, der ironisch-kritische<br />

Chronist von Finanz-, Kunst- und Glaubenskrisen,<br />

mutet seinen Lesern tatsächlich zu, an die Realität<br />

überirdischer, aber keinesfalls unfehlbarer Kräfte zu<br />

glauben.<br />

Verschiedene rätselhafte Wesen sind an jenem verhängnisvollen<br />

8. August unterwegs, um die glücklosen<br />

Zwillingsbrüder vor Ungemach zu bewahren. Bei der Zustellung<br />

der medialen Rettungsbotschaften kommt es jedoch<br />

zu erstaunlichen Pannen, deren Reichweite sich<br />

erst allmählich offenbart. Hinter alldem steht die Frage<br />

nach der Allmacht Gottes, die die halbwüchsigen Brüder<br />

schon eingangs des Romans beschäftigt. Was ist Zufall am<br />

menschlichen Ergehen, was göttlicher Wille, was Schicksal?<br />

<strong>Der</strong> lateinische Ausdruck für Schicksal lautet Fatum,<br />

und dieses F-Wort entpuppt sich, wie nach und nach deutlich<br />

wird, als eigentlicher Schlüssel für diesen episodenreichen<br />

Roman, dessen Figuren nur halb von dieser Welt sind.<br />

Ganz ernst kann das alles nicht gemeint sein, denn dafür<br />

ist das Arrangement dann doch zu verspielt, die Handlung<br />

zu konstruiert, die Symbolik zu überfrachtet.<br />

40


Literaturen<br />

Literaturen 03/2013 Foto: (c) Ferdinando Scianna/Magnum Photos<br />

Am Ätna entscheidet sich in Terézia Moras neuem Roman alles (siehe S. 42)<br />

Journal Comic<br />

42 56<br />

Hörbücher Krimi<br />

46 59<br />

Kinderbücher Film<br />

52 60<br />

41


Unterwegs<br />

an den<br />

Ort, wo die<br />

Toten sind<br />

Terézia Mora schickt<br />

ihre Roman-Helden<br />

auf eine Reise ohne<br />

Wiederkehr<br />

Ein Mann. Eine Frau. Er trägt den<br />

Namen Darius Kopp, ist Ende vierzig,<br />

ein übergewichtiger, Pizza, Fernsehen<br />

und mit seiner umstandslos besitzergreifenden<br />

Art auch seine Frau<br />

Flora verschlingender IT-Mann – dieses<br />

Paar kennen wir schon aus Terézia<br />

Moras vorigem Roman «<strong>Der</strong> einzige<br />

Mann auf dem Kontinent» (siehe<br />

dieses Heft S. 16). Sie, Flora, ist inzwischen<br />

seit mehr als einem Jahr tot, sie<br />

hat sich in einem Wald erhängt. So ist<br />

für Darius alles verloren, was seine<br />

Existenz für lange Zeit befestigt hatte:<br />

sein Job zuerst, dann seine Frau. Unfähig,<br />

nach einjähriger Trauerstarre wieder<br />

eine Arbeit aufzunehmen, setzt er<br />

sich in sein Auto und fährt los. Ziellos,<br />

wie es scheint, aber nicht ohne Plan:<br />

Er will einen Ort finden, an dem er die<br />

Asche seiner Frau bestatten kann. Außer<br />

dem kleinen Päckchen mit Floras<br />

Überresten sind Darius nur Erinnerungen<br />

geblieben, die er nun allmählich<br />

aus seinem Gedächtnis aufsteigen<br />

lässt – und Floras Notate, ursprünglich<br />

in verschiedenen Ordnern mit zumeist<br />

ungarischen Titeln gespeichert<br />

auf ihrem Computer, nun in Darius’<br />

Händen, in Papierform und ins Deutsche<br />

übersetzt.<br />

Flora war Ungarin und führte von<br />

früh an eine in jeder Hinsicht prekäre<br />

Existenz: Die längste Zeit mutterlos<br />

aufgewachsen (weshalb die Mutter sie<br />

verlassen hat, versucht sie zu ergründen),<br />

herumgeschubst, isoliert, kommt<br />

sie schließlich nach Berlin. Welche Erfahrungen<br />

sie dort gemacht hat – körperlicher<br />

wie emotionaler Missbrauch<br />

und Ausbeutung im Wesentlichen –,<br />

erfahren wir aus ihrer schriftlichen<br />

Hinterlassenschaft. Auch, wie sie Darius<br />

traf, wie sie einander nahe waren<br />

und dann doch zunehmend weniger<br />

miteinander verbunden. Wir sehen,<br />

wie Flora sich vor Darius zurückzieht<br />

in das Häuschen einer Freundin im<br />

Wald, wie sie dort auf einem Hof arbeitet,<br />

innerlich aber immer weiter abdriftet<br />

von allem, was ihr einmal etwas<br />

bedeutet hat; vor allem aber wohl von<br />

sich selbst.<br />

Floras Aufzeichnungen sind eine<br />

Expedition in die Finsternisse einer<br />

Depression, zugleich aber der Versuch,<br />

die Ursachen ihrer schwärenden<br />

inneren Verletzung aufzudecken.<br />

Doch das Schreiben hilft nicht, so wenig<br />

wie Medikamente und Therapieversuche.<br />

Darius, ohne auch nur eine<br />

Ahnung davon zu haben, was sich in<br />

und mit seiner Frau ereignet, wird dabei<br />

von einem Halt zunehmend zur<br />

Bedrohung. Die Unmöglichkeit, sich<br />

einander wieder anzunähern, gipfelt<br />

in einem so tückischen wie hilflosen<br />

Vergewaltigungsversuch. Im Jahr darauf<br />

setzt Flora ihrem Leben ein Ende.<br />

Eine Reise an den Ort, wo die Toten<br />

sind, ist dieser Roman insgesamt,<br />

in seinen beiden Stimmen. Denn<br />

auch in Darius, anfangs nur ratlos<br />

und getrieben, nimmt jenes «Ungeheuer»<br />

Gestalt an, das dem Roman<br />

seinen Titel gegeben hat: jenes nach<br />

und nach alles durchdringende Gefühl,<br />

nirgends in der Welt sich mehr<br />

verankern zu können, keinen Ort und<br />

schon gar keinen Menschen mehr zu<br />

haben, in dessen Gegenwart man einigermaßen<br />

beruhigt sein könnte. Während<br />

Darius von Berlin nach Ungarn<br />

unterwegs ist – und von dort ins ehemalige<br />

Jugoslawien, weiter nach Albanien,<br />

dann nach Bulgarien, nach Istanbul,<br />

schließlich via Armenien nach<br />

Athen –, mal in Begleitung des Mädchens<br />

Oda, das ihn an Flora erinnert,<br />

dann mit dem genialen Schnorrer und<br />

Weltreisenden Doiv, liest er Floras<br />

Aufzeichnungen. Bewundernswert ist<br />

hier zu sehen, wie Terézia Mora zwei<br />

ganz unterschiedliche, auch zeitversetzte<br />

Bewegungen in ein immer engeres<br />

Verhältnis bringt: Kopps rasende<br />

Fahrt und den Abstieg Floras aus<br />

der Außen- in die Innenwelt, immer<br />

tiefer hinein in die seelische Krankheit,<br />

der sie sich tapfer widersetzt, der<br />

sie schließlich aber nichts mehr entgegenhalten<br />

kann.<br />

Mit Darius Kopp jagen wir auf der<br />

oberen Hälfte jeder Buchseite von<br />

Land zu Land, auf der unteren sind<br />

Floras Notate ihrer Reise ins Herz<br />

der Finsternis zu lesen. Das ist durchaus<br />

anstrengend zu verfolgen – der<br />

Leser ist gefordert, von Seite zu Seite<br />

zwei Geschichten parallel im Kopf<br />

zu behalten. Doch nur so kann Terézia<br />

Mora erzählen, was sich ganz allmählich<br />

als die eigentliche Geschichte<br />

herausstellt: eine Infektion zum Tode,<br />

die sich der dumpffreundliche Darius<br />

während seiner Lektüre zuzieht.<br />

Denn obwohl er in seinem Reise-Furor<br />

nicht einhält, verwandelt er sich<br />

Schritt für Schritt in jemanden, der<br />

allmählich den Kontakt zur Welt verliert:<br />

eine Ansteckung durch Lektüre,<br />

durch Nach-Fühlen. Am Ende sitzt<br />

er im Flugzeug, unterwegs zum Ätna.<br />

Will er Floras Asche dort hineinstreuen?<br />

Oder will er sich selbst, wie es die<br />

Legende vom Philosophen Empedokles<br />

erzählt, mit ihr zusammen dort hineinstürzen?<br />

So meisterlich und tief<br />

beklemmend hat Terézia Mora ihren<br />

Roman bis an diesen <strong>Punk</strong>t vorangetrieben,<br />

dass kein Zweifel bleibt, dass<br />

wir hier Kopp auf seiner letzten Reise<br />

sehen. Frauke Meyer-Gosau<br />

Terézia Mora<br />

Das Ungeheuer. Roman<br />

Luchterhand, München 2013.<br />

688 S., 22,99 €<br />

Literaturen 03/2013<br />

42


Nachts in<br />

der Stadt<br />

der Engel<br />

Clemens Meyers<br />

grandioser<br />

Epochenroman<br />

Irgendwann wird der Kommissar<br />

an den Rand der Stadt gerufen, drei<br />

Moorleichen wurden gefunden, zwei<br />

Frauen und ein Mann. Eine Justizsekretärin,<br />

der Mann eine «kleine miese<br />

Nummer. Drogen. Drogenstrich.» Die<br />

zweite Frau «war mit Sicherheit eine<br />

Hure», vermutet der Kommissar, «Gift<br />

und Bordstein». Huren, Luden, Immobilienmakler,<br />

geschmierte Polizisten<br />

und Harley-Fahrer – auch wenn<br />

dies das Personal von Clemens Meyers<br />

Roman «Im Stein» ist, wird solch<br />

eine Aufzählung ihm nicht gerecht.<br />

Denn dies ist kein Sonntagabend-<br />

Krimi , auch der Kommissar könnte<br />

kaum einem Fernsehfilm entsprungen<br />

sein. Im Gegenteil: Früher war er kurz<br />

einmal für den «Tatort» beratend tätig,<br />

«um die Aufklärungen realistischer zu<br />

machen. Er hielt nicht viel davon.»<br />

Ein Krimi ist dieser Roman vor allem<br />

darin, dass die Lektüre selbst einer<br />

Ermittlung gleicht: Zeit, Ort, Erzählstimmen,<br />

alles ist an Indizien festgemacht:<br />

Wird im einen Kapitel das<br />

Mobiltelefon herumgeschleppt, «eins<br />

von diesen riesigen Dingern mit langer<br />

Antenne», werden anderswo beiläufig<br />

Handys in Innentaschen geschoben.<br />

Überlegt die eine, mit Mitte<br />

50 doch noch Fahrstunden zu nehmen,<br />

denn «das war ja nicht ungewöhnlich<br />

in der DDR, dass man nicht<br />

Auto fuhr», spricht der andere von der<br />

«Fleppe», die er damals gemacht hat,<br />

um dann «1-a-Miezen» herumzufahren.<br />

Zwischen Ruhrgebiet und Oder,<br />

dem Anfang der Neunziger und unserer<br />

Gegenwart, bewegt sich die Erzählung.<br />

Auf über 500 Seiten kommt<br />

ein vielstimmiger Chor zu Wort – hier<br />

wird nicht in der Liga der treffenden<br />

Milieubeschreibung gespielt, sondern<br />

in der des Epochenromans.<br />

Nach und nach schälen sich die<br />

drei Hauptakteure heraus, die in den<br />

Neunzigern die Geschäfte unter sich<br />

aufgeteilt haben in einer Stadt, die<br />

ein Hybrid aus Halle, Leipzig, vielleicht<br />

auch noch Frankfurt/Oder ist,<br />

«Eden-City». <strong>Der</strong> «Bielefelder» hält die<br />

«Love-Burg» am Stadtrand, Hans Pieczek<br />

verfolgt die Nachtclub-Schiene<br />

und Arnold Kraushaar das Tagesgeschäft,<br />

denn «der Spießer, sag ich<br />

jetzt mal so salopp, zieht am Tag los,<br />

schleicht.» Aber Zuhälter? «Was soll<br />

der Scheiß? Vermietung. Ich bin in der<br />

Vermietungsbranche.»<br />

Aufschlussreich sind auch die unterschiedlichen<br />

Literatur-Spuren, die<br />

sich durch den Roman ziehen. Da<br />

klingt kurz Hubert Fichte an, Jörg Fauser,<br />

in einer verdunkelten Limousine<br />

wird Heinrich Heine zitiert, und die<br />

Abenteuer in einem zerlesenen «Lustigen<br />

Taschenbuch» sind im erschütterndsten<br />

aller Momente die einzige<br />

Zufluchtsmöglichkeit für eine Dreizehnjährige.<br />

Überhaupt: In Meyers<br />

Erzählen bedingen sich dokumentarische<br />

Präzision und literarische Eindringlichkeit<br />

gegenseitig. Das wird besonders<br />

wirkmächtig, wenn die Frauenstimmen<br />

zu Wort kommen. Auf den<br />

Zimmern, an den Bars, an einem freien<br />

Nachmittag im Café findet Meyer<br />

immer neue Tonlagen für ihre Alltagsgedanken,<br />

weder übersachlich<br />

noch reißerisch, weder voyeuristisch<br />

noch hilflos-betroffen. Nur im Hintergrund<br />

blitzen die großen Fragen auf,<br />

bei Mandy zum Beispiel: «Hans musste<br />

vor kurzem eine neue Lüftung einbauen,<br />

wegen der Rauchergesetze, das<br />

ist schon deutlich besser, und ich habe<br />

mir echt vorgenommen, mal ganz aufzuhören,<br />

aber noch bin ich jung und<br />

kann das alles ab. <strong>Der</strong> Rauch und die<br />

Nacht und der Sekt, das zehrt auf Dauer.<br />

Muss mir keiner was erzählen.»<br />

Trotz alledem bleiben die Frauenstimmen<br />

Momentaufnahmen, in jedem<br />

Kapitel eine andere, während<br />

Kraushaar und Pieczek sich mehrfach<br />

zu Wort melden, Entwicklungen<br />

durchmachen, an die sich die weiteren<br />

Erzählbögen anschließen: die<br />

der Großstadterzählung, des Wenderomans,<br />

des Wirtschaftskrimis. «Im<br />

Stein» heißt der Roman, und Steine<br />

stehen hier für Immobilien, Diamanten,<br />

die Stadt, den Knast, das Starre,<br />

Unveränderliche in Zeiten des ständigen<br />

Umbruchs: Immer öfter wird<br />

von den «Engeln» gesprochen, die<br />

Hells Angels werden im Geschäft immer<br />

präsenter. Auf nichts ist Verlass,<br />

wie im Rausch, wie im Halbschlaf taumeln<br />

letztendlich alle Figuren durch<br />

die Erzählung: «Man ist irgendwie<br />

auf der anderen Seite», überlegt Mandy.<br />

«Auch wenn das komisch klingt<br />

jetzt. Was Besonderes. Nachtarbeiter.<br />

Wir sind mit der Stille verbündet. Ich<br />

denke manchmal, dass wir alle Schlafwandler<br />

sind.»<br />

Das gilt auch für den Kommissar,<br />

der im Fall der Moorleichen ermittelt.<br />

Bei der einen hat er einen Diamanten<br />

gefunden (eine Spur, die die Leser<br />

später zu Hans Pieczek führen wird),<br />

nicht aber den Kommissar selbst, der<br />

im Weiteren noch einmal kurz als<br />

Randfigur auftaucht: «<strong>Der</strong> alte Bulle<br />

sitzt unten am Tresen und träumt immer<br />

noch von seinem Mahagoni-Boot.<br />

Die lange Fahrt ins Haff. <strong>Der</strong> Diamant<br />

liegt in seiner Brusttasche.» Auch die<br />

Leser können sich verlieren beim Entschlüsseln<br />

der Zeichen, beim Freilegen<br />

der Themen-Schichten, beim Verfolgen<br />

der vielen Spuren, die Clemens<br />

Meyer hier ausgelegt hat. «Im Stein»<br />

ist ein Lektüre-Ereignis: rauschhaft.<br />

<br />

Catharina Koller<br />

Clemens Meyer<br />

Im Stein. Roman<br />

S. Fischer, Frankfurt a. M. 2013.<br />

560 S., 22,99 €<br />

43


Im Transit<br />

Ort ohne Stil: Bruce<br />

Bégout philosophiert<br />

über das Motel<br />

Die meisten Gäste eines Motels reisen<br />

erst gegen neun Uhr abends an und<br />

fahren am nächsten Morgen in aller<br />

Frühe wieder ab. Warum? Ganz einfach:<br />

Im Motel wird kein Frühstück<br />

und erst recht kein Abendessen serviert.<br />

Aber warum werden diese Mahlzeiten<br />

nicht angeboten? Ein Blick auf<br />

die Landkarte der Vereinigten Staaten<br />

liefert die Erklärung. Die Entfernungen<br />

sind so groß, dass die Reisenden<br />

sich unterwegs verpflegen, um<br />

das Risiko auszuschließen, eine weitere<br />

Übernachtung einlegen zu müssen.<br />

Ein Beherbergungsbetrieb, der<br />

alle Zusatzleistungen einspart, kann<br />

den niedrigsten Zimmerpreis garantieren.<br />

Die Betriebsamkeit auf dem<br />

Parkplatz zu ganz später und ganz früher<br />

Stunde hat also nichts Geheimnisvolles.<br />

Trotzdem behauptet Bruce Bégout<br />

in seinem Buch über das Motel,<br />

dass die Natur dieses Ortes, das Erlebnis<br />

der Übernachtung, einen eigenen<br />

Stachel bildet, der die Kunden das<br />

Weite suchen lässt, kaum dass sie aufgewacht<br />

sind. «Das Heil liegt in der<br />

Flucht, und jeden Morgen wohnt man<br />

von seinem Fenster oder seiner Türschwelle<br />

aus der übereilten Abreise der<br />

Gäste bei, als wollten sie sich alle ganz<br />

schnell retten, diesen ungastlichen Ort<br />

für immer verlassen, den sie noch am<br />

selben Abend widerwillig aufs Neue<br />

betreten werden.»<br />

<strong>Der</strong> französische Philosoph nimmt<br />

die Perspektive des Gastes ein, macht<br />

seine Beobachtungen unter dem Eindruck<br />

seines Gegenstandes – der doch<br />

gar nicht beeindrucken will. In der<br />

Stadt Las Vegas, die Bégout in seinem<br />

vor zehn Jahren ins Deutsche übersetzten<br />

Buch «Zeropolis» porträtiert<br />

hat, kopieren die Luxushotels entlang<br />

der Hauptstraße die Weltwunder der<br />

Architekturgeschichte von den Pyramiden<br />

bis zum Eiffelturm. Ringsum<br />

aber breiten sich Motels aus, Flachbauten,<br />

die überhaupt nicht versuchen,<br />

Unverwechselbarkeit oder auch<br />

nur Wiedererkennbarkeit zu fingieren.<br />

Bégout schreibt Gedanken nieder, wie<br />

sie dem Bewohner eines Motelzimmers<br />

wider Willen in den Sinn kommen,<br />

denn dieser hat seine Unterkunft<br />

ja in der Absicht gewählt, keinen Gedanken<br />

an Stil, Tradition oder Atmosphäre<br />

des Hauses zu verschwenden.<br />

Das Motel steht in Bégouts Augen<br />

emblematisch für den modernen<br />

Alltag, eine primäre Wirklichkeit der<br />

stumpfen Routine, die jede hermeneutische<br />

Neugier abweist. Nur scheinbar<br />

ist die gesamte Welt des Konsumenten<br />

ein System von Zeichen und Reizen,<br />

Optionen und Präferenzen. Die Standardisierung,<br />

das säkulare Versprechen<br />

zunächst der amerikanischen<br />

Industrie und heute auch des Dienstleistungssektors,<br />

entlastet von Entscheidungen.<br />

Im Motel müssen sich<br />

beide Parteien darauf einlassen, dass<br />

Sonderwünsche nicht erfüllt werden.<br />

Ein Wirt, der Gästen ausnahmsweise<br />

gestattet, einen Hund mit aufs Zimmer<br />

zu nehmen, kann sich nicht beschweren,<br />

wenn er auf den Kosten für die<br />

Reinigung des Mobiliars sitzen bleibt.<br />

Kein Zimmermädchen sieht nach dem<br />

Rechten, der Parkplatz vor der Zimmertür<br />

erlaubt die jederzeitige Abreise.<br />

Soziale Kontrolle ist auf null gebracht.<br />

<strong>Der</strong> Phänomenologe Bégout operiert<br />

hauptsächlich mit dialektischen<br />

Denkfiguren der Kulturkritik. Da man<br />

den anderen Gästen weder an der Rezeption<br />

noch im Frühstücksraum begegnet,<br />

bekommt jedes Geräusch auf<br />

dem Gang oder im Nachbarzimmer<br />

etwas Unheimliches. Im Standardmotel<br />

mit Standardzimmern gleicht auch<br />

ein Gast dem anderen, weshalb es von<br />

jeher die Ehebrecher und Hehler angezogen<br />

hat. Die Vereinheitlichung «bemerkt<br />

gar nicht, dass sie selbst Komplizin<br />

dieser Missachtungen und Vergehen<br />

ist, dass sie dem Leben, das sie<br />

vereinfacht, keine andere Wahl lässt<br />

als die der ironischen, ästhetischen<br />

oder kriminellen Überschreitung».<br />

Bégouts Text ist reich an Schleifen<br />

und Wiederholungen, als hätte der<br />

Philosoph, in den schmucklosen Würfel<br />

eines Motelzimmers gesperrt, damit<br />

angefangen, auf die weißen Wände<br />

zu schreiben und dann den Stift<br />

nicht mehr absetzen können. Wenn<br />

man das Zimmer um neun Uhr bezogen<br />

hat, wird man sich normalerweise<br />

sofort ins Bett legen. Das Zimmer<br />

bietet keine Ablenkungen, «ist<br />

also» in Bégouts poetischer Formulierung<br />

«wahrhaftig das Vorspiel des<br />

Schlafs». <strong>Der</strong> Autor steigert sich in einen<br />

Rausch der Schlaflosigkeit hinein,<br />

nachdem die in Aussicht gestellte vollständige<br />

Beschreibung aller Elemente<br />

des Motels schnell erledigt ist. Bégouts<br />

Analytik des Alltags will «dem<br />

einen Sinn geben, was ganz offensichtlich<br />

bestens ohne einen solchen auskommt»,<br />

kalkuliert mithin ihre Vergeblichkeit<br />

ein: Die Wände des Motelzimmers<br />

sind abwaschbar.<br />

Das französische Original erschien<br />

vor zehn Jahren. Lange vor der Erfindung<br />

des Smartphones postulierte Bégout,<br />

dass in einer Gesellschaft der Individuen<br />

die Spionage das Dasein bestimmt.<br />

<strong>Der</strong> Spion, das Guckloch in<br />

der Tür, ist der einzige faszinierende<br />

Gegenstand im gesamten Zimmer.<br />

Wir «kleben sozusagen an ihm und<br />

verbringen ganze Nächte damit, unbeweglich<br />

und still auf die geringste<br />

Bewegung draußen zu lauern», nicht<br />

weil dort wirklich ein Bösewicht wartet,<br />

sondern weil wir uns des Gedankens<br />

nicht erwehren können, «dass<br />

dieses winzige und vertraute Requisit<br />

sinnbildlich für unser aller Leben<br />

steht».<br />

Patrick Bahners<br />

Bruce Bégout<br />

Motel. Ort ohne Eigenschaften<br />

Aus dem Französischen von<br />

Franziska Humphreys. Diaphanes,<br />

Zürich/Berlin 2013. 240 S., 17,95 €<br />

Literaturen 03/2013<br />

44


Hass und<br />

Hunger<br />

Joyce Carol Oates’<br />

Essay über das Boxen:<br />

Eine Hymne auf den<br />

existenziellen Ernst<br />

des Lebens<br />

45<br />

Beim Boxen, schreibt Joyce Carol Oates,<br />

gehe es nicht darum zu verletzen,<br />

sondern vor allem darum, verletzt<br />

zu werden. <strong>Der</strong> Boxer müsse, wie der<br />

Schriftsteller auch, durch den Schmerz<br />

hindurchgehen, einen Moment des<br />

Schreckens erleben, in dem nicht nur<br />

der Kampf, sondern im wahrsten Sinne<br />

des Wortes das ganze Leben auf<br />

dem Spiel steht. <strong>Der</strong> Triumph als etwas<br />

Provisorisches – denn «nur die<br />

Niederlage ist von Dauer».<br />

Das ist die ziemlich romantische<br />

Sicht auf ein Millionenspektakel mit<br />

all seinen Skandalen, seinen oft traurig<br />

endenden Helden und halbseidenen<br />

Promotern. Es ist aber auch eine<br />

Erkenntnis, die sich nur gewinnen<br />

lässt, wenn beim Schreiben das schöne<br />

Moment irrationaler Anhängerschaft<br />

die Gedanken leitet. Joyce Carol Oates<br />

liebt, worüber sie spricht. Seit ihr<br />

Vater sie in Kindheitstagen mit in die<br />

Boxarena genommen hat, ist sie fasziniert<br />

von diesem Sport – den sie gar<br />

nicht als Sport betrachtet, auch nicht<br />

als Metapher für das Leben, sondern<br />

als etwas Eigenes, ja, als das Leben<br />

selbst: eine Begegnung voller Gewalt,<br />

Wut und Unerbittlichkeit. Hunderte,<br />

wenn nicht gar Tausende Kämpfe<br />

dürfte Oates sich angesehen haben,<br />

und all die linken Haken, Jabs, Täuschungsmanöver<br />

und Knockouts sind<br />

eingegangen in ihren 1988 erstmals erschienenen<br />

Essay «Über Boxen», dazu<br />

noch eine ganze Bibliothek historischen<br />

Wissens und einige kluge Überlegungen<br />

zum Charakter dieses Sports<br />

und seiner Protagonisten. <strong>Der</strong> Manesse<br />

Verlag veröffentlicht diesen noch<br />

immer mit Gewinn zu lesenden Versuch<br />

über das «tragische Theater Amerikas»<br />

nun zum 75. Geburtstag von<br />

Oates und fügte ihm einige Porträts<br />

von Heroen des Profiboxens, darunter<br />

der junge Mike Tyson, Jack Johnson<br />

und Muhammed Ali, hinzu. Ein paar<br />

Redundanzen birgt diese Kompilation,<br />

aber die verzeiht man gerne.<br />

Wer sich wundern sollte, wie sehr<br />

diese zierliche Dame der Literatur<br />

dem Boxen verfallen ist, sollte einen<br />

Blick in Oates’ zahllose Romane und<br />

Erzählungen werfen. Auch da stehen<br />

sich Gegner unerbittlich gegenüber,<br />

ist der Zorn eine Triebfeder des<br />

Handelns schlechthin. <strong>Der</strong>selbe heilige<br />

Ernst steckt im Aufeinandertreffen<br />

zweier boxender Männer, die den Tod<br />

des anderen und den eigenen einkalkulieren<br />

– eine archaische Grundkonstellation.<br />

Unsere Welt, sagt Oates, hat<br />

sich nicht durch die Liebe entwickelt,<br />

sondern durch Hass und Hunger. Joe<br />

Frazier, den sie wie viele andere große<br />

Champions zitiert, bemerkte einmal,<br />

dass er seinen Gegner nicht k.o. schlagen<br />

wolle. «Ich will ihn treffen, beiseitegehen<br />

und zusehen, wie er leidet. Ich<br />

will sein Herz.» Das Boxen kennt keine<br />

Simulation, keine Sublimation, keine<br />

Ableitung mörderischer Energien<br />

in ein harmloses Spielgerät – man<br />

mag das einen zivilisatorischen Rückschritt<br />

nennen. Aber das Existenzielle<br />

erklärt, warum viele Literaten, die<br />

ihre Kämpfe am Schreibtisch mit sich<br />

selbst austragen müssen, diesem Sport<br />

huldigen. Und kaum einer von ihnen<br />

ist den Widersprüchen und der Faszinationskraft<br />

des Boxens so nahe gekommen<br />

wie Joyce Carol Oates.<br />

<br />

Ulrich Rüdenauer<br />

Joyce Carol Oates<br />

Über Boxen<br />

Aus dem Amerikanischen von<br />

Ursula Locke-Groß und Andrea Ott.<br />

Manesse, Zürich 2013.<br />

318 S., 19,95 €<br />

Nominiert<br />

für die Shortlist<br />

Deutscher<br />

Wirtschaftsbuchpreis<br />

2013<br />

Georg von Wallwitz<br />

Mr. Smith und das Paradies<br />

Die Erfindung des Wohlstands<br />

200 Seiten<br />

Halbleinen · fadengeheftet<br />

164 x 228 mm<br />

ISBN 978-3-937834-63-4<br />

erschienen August 2013<br />

EUR 22<br />

BERENBERG VERLAG<br />

Sophienstraße 28/29<br />

10178 Berlin<br />

T 030/219163-60 · F -61<br />

info@berenberg-verlag.de<br />

www.berenberg-verlag.de


Hörbuch<br />

Vom<br />

Oderbruch<br />

ins<br />

Königreich<br />

Popo<br />

Zwei historische<br />

Hörspiele, ein neuer<br />

Büchner<br />

Drei literarische Klassiker, aus denen<br />

sehr unterschiedliche Hörspiel-Adaptionen<br />

wurden: Theodor Fontanes Novelle<br />

«Unterm Birnbaum» erzählt vom<br />

unheimlichen Verbrechen des Abel<br />

Hradscheck aus dem Oderbruch. <strong>Der</strong><br />

benutzt die Leiche eines französischen<br />

Soldaten für seinen eigenen Mordplan<br />

als wasserdichtes Alibi, bis schließlich<br />

das schlechte Gewissen das kriminell<br />

Feingesponnene doch noch ans Licht<br />

der Sonne bringt. Darauf D. H.<br />

Lawrence’s erstes Meisterwerk «Söhne<br />

und Liebhaber», das vom Aufstieg eines<br />

Kindes aus armen Verhältnissen<br />

handelt, autobiografisch dicht gerade<br />

da-rin, dass hier der Preis dieses Aufstiegs<br />

im Zentrum steht, der mit Liebesunfähigkeit<br />

bezahlt wird. Georg<br />

Büchners absurde Komödie «Leonce<br />

und Lena», in der sich die satirische<br />

Kritik an höfischem Prunk und romantischem<br />

Gefühlsgedusel in ein geniales<br />

Sprachspiel aus blankem Unsinn<br />

und erhabenem Nichts steigert, steht<br />

hier am Schluss.<br />

<strong>Der</strong> Schriftsteller Günther Eich,<br />

der viel fürs Radio arbeitete, schlägt<br />

in seiner Fassung von «Unterm Birnbaum»<br />

den aufgeräumten und dialektal<br />

geschmückten Erzählton Fontanes<br />

von dessen Sprachgebäude ab wie ein<br />

Baumeister, der ein altes Haus vom<br />

Stuck befreit. Das perfekte Verbrechen<br />

und dessen Aufklärung werden<br />

hier ohne Erzählerstimme, allein in einer<br />

stimmigen Abfolge von Dialogen<br />

und Szenen berichtet. Sich selbst zitierend<br />

stellt Eich dem Ganzen sein Gedicht<br />

«Oderbruch» voran – hier wird<br />

klar, warum er uns bei Fontane frösteln<br />

lässt und dessen Erzählung so kalt<br />

seziert: Das Oderbruch ist für Eich<br />

Kindheitslandschaft, keineswegs aber<br />

eine Idylle, eher eine Art unheimlicher<br />

Vorgeschichte des eigenen Lebens, «in<br />

der das Dunkle noch ungeschieden<br />

vom Hellen» ist. Eichs Kahlschlag und<br />

seine Re-Naturierung der Erzählung<br />

lassen uns darüber nachdenken, welche<br />

Kultivierung des Bruchs hier noch<br />

nicht stattgefunden hat. Er deutet Fontanes<br />

Stoff als Teil einer größeren Kriminalgeschichte,<br />

in der französische<br />

Soldaten tot da-, aber auch noch ganz<br />

andere Leichen im Keller liegen.<br />

Historische Hörspiele ermöglichen<br />

aber nicht nur die Begegnung<br />

mit großen Autoren, sie geben außerdem<br />

Gelegenheit, große Schauspielerstimmen<br />

wiederzuhören. Hören<br />

wir also zwei großen alten Damen<br />

des Films und des Theaters zu: Agnes<br />

Fink und Tilla Durieux! Die eine treffen<br />

wir in «Unterm Birnbaum» als an<br />

ihrer Schuld zugrunde gehende Ehefrau,<br />

die andere als «Witwe Jeschke»,<br />

die Klatsch und Wahrheit derart diabolisch<br />

mischt, dass sie uns einmal als<br />

Plaudertasche, dann wieder als Teufelsfratze<br />

vorkommt.<br />

Aus D. H. Lawrence’s Roman «Söhne<br />

und Liebhaber» wiederum wird<br />

ein sehr gepflegtes Hörbuch, das die<br />

literarische Vorlage genau und sensibel<br />

abbildet. Allerdings: Im Gegensatz<br />

zu Eichs Fontane-Bearbeitung ist<br />

man hier einfach immer auf der sicheren<br />

Seite. Die Erzählerstimme Michael<br />

Rotschopfs, die mal zwischen die Dialoge<br />

tritt, in anderen Fällen aber die<br />

Handlung vorantreibt, hält – diskret<br />

und beobachtend – ihren Ton, wirkt<br />

dabei aber manchmal doch recht monoton:<br />

Hier ist alles im Lot.<br />

Lawrence’s Roman aber ist ja nicht<br />

nur berichtendes Sozialporträt, hier<br />

zeigt sich ebenso unübersehbar die<br />

Mixtur aus tabubrechender Offenheit<br />

und erotisch durchglühter Lebensphilosophie,<br />

die den späteren Lawrence<br />

manchmal so ungenießbar macht.<br />

Man dürfe diesem Autor die «wundervolle<br />

Dunkelheit und das mystische<br />

Zwielicht durchaus nicht rauben», hat<br />

der Verleger Anton Kippenberg einmal<br />

gesagt. Im Falle dieses Hörbuchs<br />

bleibt man leider weitgehend in nüchterner<br />

Helle.<br />

Büchners «Leonce und Lena»<br />

schließlich kommt in der Hörbuch-<br />

Fassung so schweizerisch-schmucklos<br />

daher wie die reformierten Kirchen<br />

in Zürich. Doch gerade dieser<br />

Verzicht auf theatralischen Budenzauber<br />

lässt die Sprache umso leuchtender<br />

hervortreten: ihre Volten, ihre ins<br />

Sinnfreie sich überschlagende Virtuosität,<br />

die Mischung aus Parodie, Weltschmerz<br />

und den Lichtern eines Gefühls,<br />

das man für authentisch halten<br />

möchte, bis Arrangement und Zeremonie<br />

wieder die Fäden führen. Über<br />

die Zeit hinweg klingt Ruedi Walters<br />

Stimme herüber, der einst stolz darauf<br />

war, Volksschauspieler genannt zu<br />

werden: Er gibt den König Peter, einen<br />

veritablen Volltrottel, bezaubernd zerbrechlich<br />

und desorientiert. Ja, auch<br />

die Dummheit wird umso kenntlicher,<br />

je brillanter sie serviert wird.<br />

<br />

Bernhard Gleim<br />

Theodor Fontane<br />

Unterm Birnbaum<br />

Hörspielbearbeitung Günther Eich.<br />

Mit Heinz Klevenow, Tilla Durieux<br />

u.v.a. Produktion von 1961 (BR).<br />

<strong>Der</strong> Hörverlag, München 2013.<br />

1 CD, 69 Min., 14,99 €<br />

D. H. Lawrence<br />

Söhne und Liebhaber<br />

Hörspielbearbeitung Helmut<br />

Peschina. Mit Angela Winkler,<br />

Michael Rotschopf u. v. a. <strong>Der</strong><br />

Hörverlag München 2013. 3 CDs,<br />

4 Std., 12 Min., 19,99 €<br />

Georg Büchner<br />

Leonce und Lena<br />

Mit Ruedi Walter, Lotti Schwab<br />

u. v. a. Produktion von 1988<br />

(SRF). Christoph Merian, Basel<br />

2013. 1 CD, 62 Min., 9,25 €<br />

Literaturen 03/2013<br />

46


Ein Fest<br />

für Thomas<br />

Mann<br />

Bei Hans<br />

Pleschinski trifft der<br />

Nobelpreisträger seine<br />

große Liebe Klaus<br />

Heuser wieder<br />

<strong>Der</strong> Gast gilt als empfindlich. Nachts<br />

neigt er zu fiebrigen Alpträumen und<br />

braucht «Unmengen von Schlafpulver».<br />

Keinesfalls darf die Bettfederung<br />

quietschen, also muss ein Hotelangestellter<br />

in der Präsidentensuite probeliegen.<br />

<strong>Der</strong> «Breidenbacher Hof» in<br />

Düsseldorf wartet auf einen Besuch,<br />

der weniger Mensch als Mythos ist:<br />

Thomas Mann.<br />

Mit seinem Roman «Königsallee»<br />

katapultiert uns Hans Pleschinski in<br />

den Sommer 1954. Zugleich mit dem<br />

79-jährigen «Zauberer» logiert zufällig<br />

auch der Kaufmann Klaus Heuser im<br />

Luxushotel: Thomas Manns große Liebe,<br />

das Vorbild für seine Joseph-Figur<br />

und Empfänger eines unvergessenen<br />

«Vorkriegskusses». Im Sommer 1927<br />

waren sie einander auf Sylt begegnet.<br />

Nun ist Heuser auf Heimaturlaub, zusammen<br />

mit Anwar, seinem indonesischen<br />

Lebensgefährten. Die beiden<br />

Männer schieben ihre Hotelbetten zusammen,<br />

das Ehepaar Mann schläft<br />

lieber getrennt.<br />

Zunächst trifft Klaus Heuser andere<br />

Mitglieder der Mann-Familie – herrlich<br />

komische Karikaturen der realen<br />

Figuren. Tochter Erika trinkt Jägermeister<br />

und schimpft auf einen sowjetischen<br />

Verlag: Dieser weigert sich,<br />

die Tantiemen für «Buddenbrooks» in<br />

Franken zu zahlen. Kampflustig kontert<br />

sie: «<strong>Der</strong> Kommunismus wird<br />

über den Imperialismus siegen, aber<br />

nicht über mich.» Golo Mann wiederum<br />

leidet unter der mangelnden Anerkennung<br />

seitens seines Vaters. «Ich<br />

werde nie etwas!», schreit er eines<br />

Abends, ballt die Fäuste und hilft Heuser,<br />

den sturzbetrunkenen Anwar ins<br />

Hotel zu schleppen.<br />

Wer Thomas Mann liebt, wird «Königsallee»<br />

als ein Fest erleben. Pleschinski<br />

zitiert, karikiert, parodiert. Er<br />

spielt mit der Sprache des Nobelpreisträgers,<br />

spickt seinen Roman mit literarischen<br />

Anspielungen. Eine Lateinamerikanerin<br />

knallt da die Tür so lustvoll<br />

zu, als habe sie es von der Russin<br />

Chauchat auf dem Zauberberg gelernt.<br />

Vor allem aber malt Pleschinski ein<br />

bonbonbuntes Panorama der fünfziger<br />

Jahre. <strong>Der</strong> Mikrokosmos Luxushotel<br />

spiegelt die Spannung zwischen<br />

Aufbruch und Vorgeschichte, Weltkriegstrauma<br />

und Wirtschaftswunder:<br />

«Das versehrte Volk bewegte sich (…)<br />

erstaunlich intakt und flott, die Röcke<br />

über den Petticoats schwangen, einem<br />

Herren fehlte ein Finger, aber an der<br />

anderen Hand glänzte ein Goldring.»<br />

Taugt aber Thomas Mann als Romanfigur?<br />

Bei Pleschinski tritt der<br />

Mensch leider selten hinter dem Mythos<br />

hervor, als fürchte der Autor, sich<br />

zu viel zu erlauben mit dem historischen<br />

Vorbild. Nimmt er sich aber die<br />

künstlerische Freiheit, gelingen brillante<br />

Szenen: Mit der Feuilletonistin<br />

Gudrun Kückebein etwa, einer rothaarigen<br />

Gnomin, schafft er eine Figur<br />

von Mann’schem Format. In ihrem Interview<br />

mit dem Autor stellt sie teuflische<br />

Fragen, manchmal pocht deshalb<br />

ein Äderchen an dessen Schläfe. Am<br />

schockierendsten aber ist ihr Schlusssatz<br />

über die «schlimmen Jahre»:<br />

«Eine Schulfreundin habe ich noch.<br />

Die übrigen Zwerge Lübecks wurden<br />

vergast.»<br />

Carmen eller<br />

Hans Pleschinski<br />

Königsallee. Roman<br />

C. H. Beck, München 2013.<br />

393 S., 19,95 €<br />

Unvergleichliche<br />

Erzählkunst.<br />

Einmal mehr.<br />

<strong>Der</strong> neue Roman vom großen deutschen<br />

Literaten Martin Walser<br />

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€ 18,95 (D) / € 19,50 (A) / sFr. 27,50 (UVP)<br />

© Philippe Matsas / Opale<br />

47


Blasiert<br />

oder<br />

entrückt<br />

Mit einer rotzigen<br />

Polemik versucht<br />

Nicole Zepter die<br />

Kunst vor dem<br />

Kunstbetrieb zu retten<br />

Die letzte documenta endete mit einen<br />

neuen Besucherrekord, ähnlich wird<br />

es sich am Schluss der laufenden Biennale<br />

in Venedig verhalten. Menschen<br />

schlagen ihre Zelte vor dem Louvre<br />

auf, um nicht tagelang in der Schlange<br />

stehen zu müssen. Noch nie gab es so<br />

viele Museen, Galerien, Show-Rooms<br />

und noch nie so großen Besucherandrang.<br />

Sieht ganz danach aus, als würde<br />

alles recht gut laufen zwischen der<br />

Kunst und ihrem Publikum.<br />

Von wegen, meint Nicole Zepter,<br />

es läuft fast alles schief. Zu viele<br />

zu unrecht gehypte Kunststars und<br />

Blockbuster-Auststellungen, zu viele<br />

Strumpfhosen-Installationen in den<br />

Galerien, zu viel Kommerz, Einheitsbrei,<br />

Verlogenheit, schlechte Museumspädagogik,<br />

Dünkel, Langeweile<br />

und Frust.<br />

Folgt man der quirligen Polemik<br />

der Berliner Journalistin und Gründerin<br />

der Zeitschrift «The Germans» beruht<br />

die vermeintliche Massenbegeisterung<br />

für die Kunst in erster Linie auf<br />

dem falschen Respekt davor: Niemand<br />

traut sich mehr ein ehrliches Urteil zu,<br />

weder vor sich selbst, schon gar nicht<br />

öffentlich, die Langeweile beim Museumsbesuch<br />

gehört ebenso selbstverständlich<br />

zur allgemeinen Erwartungshaltung<br />

wie das Unverständnis<br />

beim Anblick einer Bruce-Nauman-<br />

Installation und die dröge Selbstgefälligkeit<br />

der Ausstellungstexte. Was<br />

dagegen hilft? Ganz einfach: Dagegen-sein.<br />

Kunst und das ganze Drumherum<br />

einfach mal hassen, erst recht,<br />

wenn man Kunst eigentlich liebt.<br />

Passioniert und rotzig lässt Nicole<br />

Zepter in «Kunst hassen. Eine enttäuschte<br />

Liebe» die ersten Blitze des<br />

Gewitters niedergehen, das die Luft<br />

reinigen soll. Zu der Mischung aus<br />

<strong>Punk</strong> und klassischer Kulturindustrie-Schelte<br />

gesellt sich ein kompromissloser<br />

Kunstanspruch in der Tradition<br />

des l’art pour l’art. «Kunst muss<br />

frei sein», lautet das Credo, «frei vom<br />

Instrument der Erziehung, frei von einem<br />

Gesellschaftsauftrag. Kunst muss<br />

asozial sein.» Denn jeder kunstfremde<br />

Zweck, der der Kunst angehaftet wird,<br />

entwertet sie.<br />

In diesem Sinne richten sich die<br />

polemischen Spitzen vor allem gegen<br />

den populistischen Eventcharakter,<br />

der in großen Museen um sich greift,<br />

gegen Auktionspreise in zweistelliger<br />

Millionenhöhe, gegen die die BBC-<br />

Sendung «School of Saatchi» in der<br />

einer der mächtigsten Galeristen der<br />

Welt, Charles Saatchi, Großbritanniens<br />

nächsten Superkünstler sucht.<br />

Selbst eine ursprünglich der Kunst<br />

geweihte Stätte wie das Louisiana Museum<br />

in der Nähe von Kopenhagen<br />

fällt bei Zepter durch: weiße Patriziervilla<br />

inklusive pittoresker Bibliothek,<br />

Café mit offenem Kamin, Meerblick<br />

und Tannenrauschen im Skulpturenpark.<br />

Zepter zufolge ist dies eine<br />

ideale Entspannungsanlage, allerdings<br />

kein Ort für Kunst, sondern deren Degradierung<br />

zum Beiwerk im «Wellness<br />

tempel». So energisch sich die Autorin<br />

gegen den «sakralen Horror» in<br />

den mit roter, blauer oder grüner Seide<br />

tapezierten Gemäldegalerien wendet,<br />

so intolerabel scheint ihr andererseits<br />

der Frevel an der Kunst im Dienste<br />

des Lifestyles.<br />

Andere Beispiele zur Unterfütterung<br />

dieser Generalabrechnung mit<br />

dem Kunstbetrieb sind weniger geglückt.<br />

So schwelgt Zepter besonders<br />

malizös in dem Spott über die Society-Gesetze<br />

und Bussi-Bussi-Gepflogenheiten<br />

der Szene, liefert eine kleine<br />

böse Skizze der Kunstwelt als Welt<br />

der Verstellungskünstler, die einander<br />

bauchpinseln, gerade wenn sie<br />

sich hassen: Nirgends sonst kann die<br />

Fähigkeit, im richtigen Moment den<br />

richtigen Gesichtsausdruck aufzusetzten<br />

– entweder blasierte Langeweile<br />

oder entrückte Verzückung – so maßgeblich<br />

zur Karriere beitragen. Zur<br />

Veranschaulichung der «richtigen Etikette»<br />

zitiert Zepter das Kunstmagazin<br />

«Monopol»: In den hier angeführten<br />

Sätzen aus dem «Monopol-Knigge»<br />

werden die Umgangsformen auf<br />

Kunst-Partys allerdings in ausgesprochen<br />

ironischem Tonfall abgehandelt.<br />

Neben der Kunst geht es Zepter<br />

vor allem um den Betrachter, den es<br />

aus seiner selbst- und institutionsverschuldeten<br />

Unmündigkeit zu befreien<br />

gilt. <strong>Der</strong> Ansatz klingt irgendwie begrüßenswert,<br />

bleibt aber vage. Einerseits<br />

soll das Publikum unbedingt besser<br />

informiert werden. Andererseits<br />

darf es keinesfalls das Gefühl bekommen,<br />

bevormundet, belehrt oder in<br />

seiner ästhetischen Urteilsbildung gesteuert<br />

zu werden.<br />

Was als charmant-aggressive Streitschrift<br />

begann, endet als idealer Artikel<br />

für den Museumshop. Nicht nur<br />

die Kunst soll besser werden, sondern<br />

auch das Museum schöner, freundlicher.<br />

Man möge sich, so lautet am<br />

Ende des Buches Nicole Zepters explizite<br />

Aufforderung an die Kunsthausverantwortlichen,<br />

doch einfach die<br />

Zeit nehmen, um «einer Museumsaufsicht<br />

das Lächeln beizubringen». Kann<br />

denn Kunst, fragt man sich, die doch<br />

ganz offenbar Hass verkraftet, nicht<br />

auch ein unfreundliches Gesicht vertragen?<br />

Marianna Lieder<br />

Nicole Zepter<br />

Kunst hassen. Eine<br />

enttäuschte Liebe<br />

Tropen, Stuttgart 2013.<br />

144 S., 12 €<br />

Literaturen 03/2013<br />

48


<strong>Der</strong> Duft<br />

der<br />

Erinnerung<br />

Uwe Timms<br />

Liebespaar hat keine<br />

Zukunft<br />

chern wie «Am Beispiel meines Bruders»<br />

oder in «Rot», weitgehend auf<br />

eine politische Dimension. Vor allem<br />

geht es hier um die Verwirrungen und<br />

Verstörungen durch die Liebe.<br />

Da sind zwei Paare, die scheinbar<br />

stabile Beziehungen führen: Eschenbach<br />

ist mit der Silberschmiedin Selma<br />

liiert; der Architekt Ewald und die<br />

Kunstlehrerin Anna sind verheiratet,<br />

zwei Kinder, sie glauben an das Konzept<br />

von Ehe und Familie. Aber dann<br />

verlieben sich Eschenbach und Anna<br />

ineinander, die Leidenschaft überrennt<br />

sie, macht ihre Wünsche nach<br />

Stabilität und Berechenbarkeit zunichte.<br />

Sie treffen sich heimlich, jonglieren<br />

mit Terminen, Stundenplänen<br />

und Babysitter. Zwei Menschen, die<br />

maßlos sind in ihrem Wunsch nach<br />

Glück, die sich nicht begnügen wollen<br />

mit ihrer Alltagszufriedenheit. Eines<br />

Tages jedoch lässt sich die Liaison<br />

nicht mehr geheimhalten. Was folgt,<br />

sind zwei Trennungen, doch auch die<br />

Verliebten haben keine gemeinsame<br />

Zukunft – Anna geht mit den Kindern<br />

nach Amerika, eine Flucht vor dem<br />

privaten Tohuwabohu.<br />

Wenn ein Autor für seinen Roman<br />

einen Rahmen schafft, der extrem<br />

handlungsarm ist, ist das nicht<br />

ohne Risiko. Uwe Timm beschreibt<br />

die Elbinsel und das Leben seines Helden<br />

zwischen Vogelschwärmen und<br />

Wer kennt schon Scharhörn? Watt,<br />

Strandhafer, ein paar Büsche, Dünen,<br />

Seevögel. Ein Mini-Eiland in der Elbmündung,<br />

ideal, um alles ein bisschen<br />

herunterzufahren, die Nachhaltigkeit<br />

zu entdecken. Christian Eschenbach<br />

möchte für ein paar Monate nichts anderes<br />

tun. Keine Pläne, Termine, Begegnungen,<br />

weder Reden noch Zuhören-Müssen.<br />

Seine Software-Firma ist<br />

vor einiger Zeit bankrott gegangen, er<br />

hat Freundin, Geliebte und seine luxuriöse<br />

Berliner Wohnung verloren.<br />

Jetzt erlebt er als Vogelwart die absolute<br />

Entschleunigung. Allerdings ist dieses<br />

Glück immer auch mit einer Spur<br />

Melancholie vermischt<br />

In seinem neuen Roman «Vogelweide»<br />

beschreibt Uwe Timm einen<br />

Rückzug von der Welt auf Zeit und<br />

verzichtet, anders als in früheren Büangeschwemmtem<br />

Strandgut mit feinen<br />

Strichen. Solange er in Rückblenden<br />

von Liebesraserei, Lügen<br />

und Verzweiflung erzählt, gelingt es<br />

ihm mühelos, die Spannung aufrecht<br />

zu erhalten. Später jedoch, nachdem<br />

die Affäre zwischen Eschenbach und<br />

Anna aufgeflogen ist, tritt in der Dramaturgie<br />

zeitweise Leerlauf ein. Auch<br />

der Humor in den Beschreibungen<br />

von Eschenbachs skurrilem Nebenjob<br />

(ausgerechnet er arbeitet an einer Studie<br />

über das Begehren mit) kann dieses<br />

Manko nur begrenzt auffangen.<br />

Am Ende bekommt Eschenbach<br />

Besuch in seiner Insel-Klause: von<br />

Anna, die jetzt in den USA lebt und in<br />

Deutschland nur zu Besuch ist. Zwei<br />

Menschen treffen da aufeinander, vertraut<br />

und fern zugleich. Eine zarte Begegnung,<br />

deren Kraft Uwe Timm aber<br />

offenbar nicht ganz vertraut. Er setzt<br />

einen dramatischen Schlusspunkt, der<br />

aufgesetzt wirkt und ein wenig schablonenhaft.<br />

Dann fährt Anna mit<br />

dem Pferdewagen davon, ein schönes<br />

Bild, und Eschenbach bleibt zurück<br />

mit ihrem blumigen Duft – «Erinnerungsduft»,<br />

wie er es nennt.<br />

<br />

Franziska Wolffheim<br />

Uwe Timm<br />

Vogelweide. Roman<br />

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013.<br />

335 S., 19,99 €<br />

KOSMISCHE WÄHRUNG<br />

<strong>Der</strong> höchste Reichtum<br />

Kann man den Zustand<br />

menschlicher Exzellenz er -<br />

reichen?<br />

Für den chilenischen Philosophen<br />

und Autor Darío Salas<br />

Sommer ist das eine Frage<br />

der richtigen Methode.<br />

In seinem Buch „Kosmische<br />

Währung“ betrachtet er Mo -<br />

ral als objektive Realität, die<br />

auf den Gesetzen der Quantenphysik<br />

beruht, und schlägt<br />

eine praktische Methode vor,<br />

wie sie zu erlangen ist.<br />

Laut Salas ist die wich -<br />

tigste Aufgabe eines jeden<br />

Menschen seine persönliche<br />

Ent wicklung, die stets im<br />

Bereich seiner Möglichkeiten<br />

liegt.<br />

Darío Salas Sommer: „Kosmische Währung“ – erhältlich<br />

im Buchhandel und im Internet unter:<br />

www.synergia-verlag.de/kosmische-waehrung-p-60514.html<br />

Dafür bietet er eine „operative<br />

Philosophie“ an – als<br />

praktische Wissenschaft und<br />

nicht als reines Reflexionselement.<br />

Sie verspricht denjenigen,<br />

die sich aus freien<br />

Stücken auf eine Reise in<br />

ihr Inneres begeben, wahren<br />

Reichtum.


Erinnerung<br />

ist kein Problemmüll<br />

Aleida Assmanns<br />

Streitschrift gegen die<br />

Geschichtsvergessenheit<br />

«Memory Loops», Erinnerungsschleifen,<br />

so heißt eine Arbeit der Künstlerin<br />

Michaela Melián, die sich mit<br />

dem Naziterror in München zwischen<br />

1933 und 1945 beschäftigt. Das Audiokunstwerk<br />

basiert auf Transkriptionen<br />

historischer und aktueller Originaltöne<br />

von NS-Opfern und Zeitzeugen: Es<br />

sind Zeugnisse von Diskriminierung,<br />

Verfolgung und Ausgrenzung aus der<br />

«Hauptstadt der Bewegung». Die Erinnerungen<br />

hat Melián zu Collagen aus<br />

Stimmen und Musik montiert und<br />

mit konkreten Orten in der Stadt verknüpft.<br />

Sie können auf einer Website<br />

oder telefonisch abgerufen werden,<br />

in deutscher oder englischer Sprache.<br />

In Meliáns ephemerem Denkmal zeigt<br />

sich ein kritisches Geschichtsbewusstsein,<br />

das zukunftsweisend ist: Archivbestände<br />

werden aufbereitet und mit<br />

alltäglichen Technologien der Allgemeinheit<br />

zugänglich gemacht.<br />

Solche äußerst geglückten künstlerischen<br />

Formen der Vergegenwärtigung<br />

von Vergangenheit stehen im diametralen<br />

Gegensatz zu jenen publizistischen<br />

Stimmen, die in jüngster Zeit lautstark<br />

ein «Unbehagen» an der Erinnerungskultur<br />

artikulieren und fordern, diese<br />

gänzlich zu überwinden. <strong>Der</strong> Blick in<br />

die Zukunft, auf Probleme wie die Globalisierung<br />

oder die Klimakatastrophe,<br />

so wird argumentiert, sei für die jüngeren<br />

Generationen wichtiger als die Erinnerung<br />

an den Holocaust.<br />

In den Ohren von Aleida Assmann<br />

klingt das alarmierend. In ihrem neuen<br />

Buch wagt die Konstanzer Anglistin<br />

und Kulturwissenschaftlerin eine<br />

«Intervention». Sie versammelt Stimmen<br />

des Unbehagens vom Philosophen<br />

Hermann Lübbe über den Soziologen<br />

Harald Welzer bis zur Debatte<br />

um den ZDF-Dreiteiler «Unsere Mütter,<br />

unsere Väter» (2013), identifiziert<br />

Schlüsselbegriffe und macht deutlich,<br />

dass wir keineswegs vor einer Zwangs<br />

alternative stehen: Erinnern ist keine<br />

rückwärtsgewandte Haltung, die<br />

den Blick auf drängende Fragen unserer<br />

Zukunft verstellt, sondern ein<br />

«tragendes Element unserer Zivilgesellschaft».<br />

Das Thema Migration sowie<br />

die «schwelende Fremdenfeindlichkeit<br />

und ihre historische Erbschaft»<br />

gehören zu den aktuellen Zukunftsfragen<br />

in unserer Gesellschaft. Außerdem,<br />

so Assmann, liegt es kaum in der<br />

Deutungsmacht einzelner Intellektueller,<br />

wann und wie ein Geschichtsereignis<br />

seine traumatische Nachwirkung,<br />

emotionale Anziehung und normative<br />

Bindungskraft verliert.<br />

Dass die deutsche Erinnerungskultur<br />

einen tiefgreifenden Wandel<br />

erfährt, daran zweifelt Assmann andererseits<br />

nicht. Es sind heute nicht<br />

mehr Zeitzeugen, sondern Geschichtsfilme,<br />

die eine emotionale Brücke zur<br />

Vergangenheit herstellen können. Mit<br />

dem Ableben der Zeitzeugen verschwindet<br />

auch das Moment der persönlichen<br />

Begegnung und der konkreten<br />

körperlichen Erfahrung: Eine<br />

Zeugenschaft zweiter Ordnung ist<br />

nun nicht mehr möglich. Stattdessen<br />

stehen wir einer Fülle von Videoaufzeichnungen<br />

gegenüber, die es aufzubereiten<br />

und nachwachsenden Generationen<br />

zugänglich zu machen gilt.<br />

Hier setzt Assmann insbesondere auf<br />

Künstler, die «eine reiche Erfahrung<br />

darin haben, sich reflexiv mit den<br />

Möglichkeiten und Grenzen der Rahmenbedingungen<br />

ihrer jeweiligen Medien<br />

auseinanderzusetzen».<br />

Waren es bis vor Kurzem noch die<br />

zwischen 1935 und 1950 Geborenen,<br />

die sich in der Gedächtnisarbeit engagierten<br />

und den Erinnerungsdiskurs<br />

dominierten, so vollzieht sich nun<br />

ein Stilwechsel, der die Fragen einer<br />

jüngeren, kosmopolitisch geprägten<br />

Generation in den Mittelpunkt stellt.<br />

Erinnerungskonstruktionen «müssen<br />

es sich gefallen lassen, im kritischen<br />

Lichte transnationaler Vergleiche betrachtet<br />

zu werden». Welche Rolle<br />

spielt die Erinnerung an den Holocaust<br />

in der Einwanderungsgesellschaft,<br />

und wie fügen sich Migranten<br />

in die schuldverstrickten deutschen<br />

Biografien ein? Assmann schlägt vor,<br />

«das Verhältnis zwischen Nationalstaat<br />

und Erinnerung offener, vielfältiger<br />

und weniger genealogisch zu<br />

bestimmen» und sich «Erinnerungspraktiken<br />

zu öffnen, die der kulturellen<br />

Diversität in diesem Land Rechnung<br />

tragen.»<br />

Nicht nur in diesem Land, auch auf<br />

transnationaler Ebene wünscht man<br />

sich anstelle vereinfachender und falscher<br />

Geschichtsdarstellungen ein dialogisches<br />

Erinnern, eine Auseinandersetzung,<br />

die der Komplexität der Lage<br />

gerecht wird. Die Autoren des ZDF-<br />

Zweite-Weltkriegs-Dreiteilers «Unsere<br />

Mütter, unsere Väter» wollten sich<br />

diese Arbeit nicht machen und handelten<br />

das Thema Antisemitismus kurzerhand<br />

am Beispiel eines polnischen<br />

Partisanen ab. Dieser Versuch, den<br />

«Problemmüll der Vergangenheit über<br />

die Landesgrenze hinweg zu verschieben»,<br />

so Assmann, löste in Polen einen<br />

Sturm der Entrüstung aus.<br />

Aleida Assmanns Buch rekapituliert<br />

die Genese der deutschen Erinnerungskultur<br />

und verteidigt diese<br />

gegen ihre Kritiker. Als hochaktuelle<br />

Bestandsaufnahme ist diese Schrift<br />

dem kulturpolitisch Interessierten<br />

ebenso nützlich wie dem Lokalpolitiker,<br />

dem sie Stoff für seine Sonntagsreden<br />

liefert. Stefanie Peter<br />

Aleida Assmann<br />

Ist die Zeit aus den<br />

Fugen?<br />

Hanser, München 2013.<br />

336 S., 22,90 €<br />

Literaturen 03/2013<br />

50


Freies Volk<br />

auf freiem<br />

Grund<br />

Brigitte Kronauers<br />

neuer Roman<br />

ist ein großartig<br />

gewitztes literarisches<br />

Wimmelbuch<br />

Pratz, der mit Preisen und Orden beladene<br />

Schriftsteller, auf Anhieb am<br />

Schal erkennbar, auch wenn man seinen<br />

Roman «Die verlorene Republik»<br />

nicht gelesen hat, hätte seinen Kopf<br />

nicht hergegeben für Anzeigen mit<br />

dem Versprechen «Wir suchen Menschen,<br />

die gerne schreiben». Es werden,<br />

wenn man Pratz fragt, sowieso zu<br />

viele Bücher geschrieben, zu viele autobiografische<br />

Romane vor allem, weil<br />

das Publikum «richtige Geschichten»<br />

lesen will, die dann aber mit falschen<br />

Details aufgefüllt werden, weil niemand<br />

sich an seine komplette Jugendzeit<br />

erinnern kann. <strong>Der</strong> Physiotherapeutin<br />

Elsa hat Pratz die Idee ausgeredet,<br />

sie könnte doch die Geschichten<br />

aufschreiben, die sie von ihren Patienten<br />

hört. Ohnehin kann das Schreiben,<br />

glaubt Pratz, nichts abwerfen, wenn<br />

man sich ihm gern überlässt. Es ist<br />

Zwang, Bestimmung, Schicksal. Dem<br />

Kapitelchen über den Wurm, der an<br />

Pratz nagt: die Angst, dass der Lohn<br />

der Fron ausbleiben könnte, hat Brigitte<br />

Kronauer in ihrer unfehlbaren Bosheit<br />

deshalb die Überschrift der kanonischen<br />

Schilderung schöpferischer<br />

Nöte des deutschen Großschriftstellers<br />

gegeben: «Schwere Stunde».<br />

Von Pratz abgeschreckt, hat die patente<br />

Elsa sich darauf verlegt, ihrem<br />

langmütigen Freund Henri im Bett<br />

aus dem bunten Leben ihrer Klientel<br />

zu erzählen. «Gewäsch und Gewimmel»,<br />

der neue Roman von Brigitte<br />

Kronauer, ist nicht das Buch, das Elsa<br />

geschrieben hätte, doch ein zupackender<br />

Ton ist unverkennbar. Und als Leserin<br />

des Romans kann man sich Elsa<br />

gut vorstellen, er fällt in dasselbe Genre<br />

wie der Lesestoff in ihrem Wartezimmer.<br />

«Gewäsch und Gewimmel»<br />

ist eine über 600 Seiten starke Illustrierte<br />

ohne Fotos, dicker als jede von<br />

Karl Lagerfeld kuratierte Sonderausgabe<br />

der «Vogue», ein Sammelsurium<br />

aufwühlender Exklusivstories, nur<br />

dass Liebes-Aus und Todesdrama um<br />

den kriminellen Bruder nicht Pippa<br />

Middleton oder Norbert Bolz ereilen,<br />

sondern die Studentin Katja, von der<br />

niemand weiß, was sie studiert, und<br />

den plattfüßigen, großherzigen Priester<br />

Clemens Dillburg.<br />

Stammkunden, die der Gedanke an<br />

ihre Hinfälligkeit trübsinnig stimmt,<br />

können sich beim Durchblättern der<br />

Wartezimmerliteratur am Anblick<br />

der «unverwüstlichen Rätselecken»<br />

aufrichten. Solche Ecken hat Brigitte<br />

Kronauer auch in ihrem Roman eingerichtet<br />

und mit kuriosen Fragen an<br />

die Leser bestückt. Gesucht werden<br />

medizinische Verfahren, Klassikerzitate<br />

und Naturwunder. Nahegelegt<br />

wird ein Zusammenhang aller Einzelschicksale,<br />

den Tüftelei, Mitschreiben<br />

und Internet-Recherche dann aber<br />

doch nicht dingfest machen können.<br />

Die Ahnung, dass die Welt ein belebtes<br />

Ganzes ist, muss ein Produkt der literarischen<br />

Phantasie sein, die ihr Bildmaterial<br />

in religiösen Überlieferungen<br />

findet, in theologischen Lehrstücken<br />

von Erbsünde und Gericht ebenso wie<br />

in dem Volksglauben, dass die Verstorbenen<br />

unter uns sind. Brigitte Kronauer<br />

spendiert dem armen Pratz, der<br />

seine Gaben der Wortgewalt und Hellsicht<br />

verschleudert hat, ein langgezogenes<br />

Sterben bei voller Stimme, wie<br />

man es nur aus der Oper kennt. Neben<br />

den ungeschriebenen Romanen<br />

kommt ihm eine kuriose Fehlleistung<br />

in den Sinn: Statt «nature morte» las er<br />

«Natur rumorend». Pratz muss die Romantiker<br />

so eifrig studiert haben wie<br />

Lichtenbergs Literaturfreund, der immer<br />

«Agamemnon» statt «angenommen»<br />

las, den Homer.<br />

Wenn Pratz «Gewäsch und Gewimmel»<br />

geschrieben hätte, hieße<br />

das Buch «Die wiedergefundene Republik»:<br />

Für das Personal gilt der<br />

Gleichheitsgrundsatz, ein Egon Pratz<br />

ist nicht wichtiger als das Mädchen<br />

Ilse, das gerade mit dem Tagebuchschreiben<br />

begonnen hat. Ein freies<br />

Volk auf freiem Grund sehen wir, befreit<br />

aus den Fesseln einer pseudorealistischen<br />

Konvention, die dem Publikum<br />

die richtigen Geschichten<br />

schuldig bleibt, weil die Charaktere<br />

so erschöpfend beschrieben werden,<br />

dass ihnen gar nichts mehr zustoßen<br />

kann. Eingelegt ist hier die wunderbare<br />

Geschichte eines Königs, des Herrn<br />

Hans vom Hochmoor, so tituliert von<br />

Luise Wäns, einer alten Frau, die sich<br />

noch wie eine Studentin anzieht und<br />

in ebenso scheuer wie obsessiver Liebe<br />

zu Hans Scheffer entbrennt, der ein<br />

Stück Stadtwald wieder in Natur verwandeln<br />

will.<br />

200 Seiten umfasst dieses Heft im<br />

Heft: Brigitte Kronauer kann es mit<br />

den von Pratz verspotteten Plothubern<br />

aufnehmen. Aber die Handlung<br />

ist in allen phantastisch wuchernden<br />

Details ein Auswuchs der Leidenschaft<br />

von Luise Wäns. Sie schildert Scheffer<br />

als charismatischen Herrscher über<br />

einen Freundeskreis. Was sein Charisma<br />

ausmacht, bleibt unscharf, denn<br />

es existiert nur in der Niederschrift,<br />

durch die sich Luise gegen die Desillusionierung<br />

wappnet. In allem gilt die<br />

Maxime von Pratz: «Man muß es jedenfalls<br />

aufschreiben. Es ist die beste<br />

Form, Luft zu schnappen. Erfinden ist<br />

besser als lernen.»<br />

<br />

Patrick Bahners<br />

Brigitte Kronauer<br />

Gewäsch und Gewimmel.<br />

Roman<br />

Klett-Cotta, Stuttgart 2013.<br />

624 S., 26,95 €<br />

51


«Wenig<br />

Bücher<br />

sind mit<br />

solcher<br />

Lust<br />

entstanden»<br />

Ein britischer Fantasy-<br />

Starautor und ein<br />

australischer Comic-<br />

Künstler haben sich<br />

Grimms Märchen<br />

vorgenommen:<br />

eine märchenhafte<br />

Verwandlung<br />

Kinderbücher<br />

Da haben sich zwei gefunden. Zwei,<br />

von denen der eine zuerst vehement<br />

dagegen war, dass überhaupt ein zweiter<br />

gesucht würde. Und damit kommt<br />

nun ein Nachzügler auf dem deutschen<br />

Markt an, lange hinter der großen<br />

Grimm-Welle, und doch von einer<br />

zeitlosen Schönheit, die uns Leser<br />

vergessen lässt, dass wir ja schon im<br />

Vorjahr seinesgleichen ausgiebig gefeiert<br />

hatten. Die Auswahl von Grimms<br />

Märchen, die Philip Pullman getroffen<br />

und neu erzählt hat, war zum zweihundertsten<br />

Jahrestag der Erstveröffentlichung<br />

der «Kinder- und Hausmärchen»<br />

im Dezember 2012 für den<br />

britischen Buchmarkt bestimmt, der<br />

Penguin Verlag hatte den berühmten<br />

Kinderbuchautor darum gebeten. Und<br />

der Hamburger Aladin Verlag, der erst<br />

in diesem Frühjahr mit einem ersten<br />

Programm an die Öffentlichkeit gegangen<br />

ist, ist mit der jetzt eben veröffentlichten<br />

deutschen Übersetzung<br />

ein doppeltes Wagnis eingegangen: Er<br />

nimmt nicht nur in Kauf, spät dran zu<br />

sein mit diesem Buch. Er hat auch dem<br />

streitbaren Autor entgegen dessen anfänglicher<br />

Weigerung, das Werk prächtig<br />

illustrieren zu lassen – «schöne Bilder<br />

hin oder her» –, einen Künstler zur<br />

Seite gestellt, dessen frappierende Arbeiten<br />

die Klarheit, Feinheit und Zurückhaltung<br />

des Pullman’schen Tons<br />

aufs Schönste erwidern.<br />

Philip Pullman – wie andere Meister<br />

der phantastischen Literatur, J. R.<br />

R. Tolkien und Lewis Carroll, ein Gelehrter<br />

aus Oxford – ist als Autor von<br />

«<strong>Der</strong> Goldene Kompass» und den Folgebüchern<br />

seiner Serie «His Dark Materials»<br />

bekannt geworden. <strong>Der</strong> dritte<br />

Band, «Das Bernstein-Teleskop», wurde<br />

als erstes Kinderbuch zum Whitbread<br />

Book of the Year gekürt, dessen<br />

Verfasser im Jahr 2005 mit der weltweit<br />

höchstdotierten Auszeichnung<br />

für Kinder- und Jugendbuchautoren<br />

ausgezeichnet, dem Astrid-Lindgren-<br />

Gedächtnis-Preis. Ebendiese Ehrung<br />

wurde sechs Jahre später auch dem<br />

australischen Kinderbuch- und Comic-Künstler<br />

Shaun Tan zuteil, den der<br />

Aladin-Verleger Klaus Humann nun<br />

als Illustrator im Sinn hatte. Tan teilte<br />

nicht nur die Bedenken Pullmans, dessen<br />

Abneigung gegen eine ausgefeilte,<br />

dekorative Bebilderung der eigentlich<br />

so minimalistisch erzählten Märchen.<br />

Er hatte auch eine ebenso reizvolle<br />

wie schlüssige Idee: Kleine Tonfiguren<br />

wollte er fertigen und abfotografieren,<br />

reduziert und rätselhaft, die an antike<br />

europäische oder präkolumbianische<br />

Kleinplastiken oder an die Kunst<br />

der Inuit erinnern könnten. Pullman<br />

war begeistert.<br />

Wie aus einem Walrosszahn geschnitzt<br />

steht Shaun Tans Rapunzel<br />

in hingestreuten Blüten und Blättern,<br />

eine schlichte, schlanke Figur, duldsam<br />

leicht vornübergebeugt, zugleich<br />

wirkend, als sei sie selbst ein Turm, an<br />

dem die goldenen Haare wie ein feiner<br />

Schal herabfließen. <strong>Der</strong> Froschkönig<br />

streckt nur Gesicht und Vorderbeine<br />

aus einer Art Zen-Garten mit<br />

kreisrund geharktem Sand heraus; seine<br />

Augen sind kleine goldene Kugeln.<br />

Für Aschenputtel ist dem Künstler ein<br />

verrußter Kamin eingefallen, in dessen<br />

Öffnung ein maskenhafter, leicht geneigter<br />

Kopf mit geschlossenen Augen<br />

zu sehen ist. Und von Allerleirauh sehen<br />

wir nur die Augen und ein elegantes<br />

Bein, das aus dem schlicht schraffierten<br />

«Mantel aus tausenderlei Pelz<br />

und Rauchwerk» hervorlugt. Die Prinzessin<br />

hatte ihn sich von ihrem Königs-<br />

Vater ausbedungen, bevor dieser die eigene<br />

Tochter zur Frau nehmen kann.<br />

Solche Bilder lassen Platz, und sie<br />

bergen ein Geheimnis. So ungewohnt<br />

sie für Kinderaugen auch sein mögen,<br />

gerade im Märchenkontext, wo sich<br />

niedliche Prinzessinnen in glitzernden<br />

Gewändern nur zu gern die Hände erschrocken<br />

an die rosigen Wangen halten:<br />

Auch junge Betrachter sind durchaus<br />

empfänglich für die Spannung, für<br />

den Zauber dieser Arbeiten. Wir haben<br />

es selbst überprüft.<br />

Und Pullman? <strong>Der</strong> Brite hat aus<br />

den über zweihundert Märchen, die<br />

die Brüder Grimm gesammelt haben,<br />

fünfzig ausgesucht, unter denen man<br />

allenfalls «Die sechs Schwäne» vermissen<br />

wird. Er hat sich intensiv mit<br />

dem Klang, mit der suggestiven Erzählweise<br />

der Märchen befasst. Und<br />

er lässt, ganz der Gelehrte, jedem einzelnen<br />

eine kleine persönliche Anmerkung<br />

folgen – nebst einer Einordnung<br />

nach dem Märchentypenkatalog Aarne-Thompson-Uther<br />

und Hinweisen<br />

auf verwandte Werke.<br />

Vor allem aber behandelt Pullman<br />

den ursprünglich mündlich tradierten<br />

Stoff auf die bestmögliche Art: behutsam<br />

und beherzt zugleich. Rapunzel<br />

lässt er nicht nur, wie in der ersten<br />

Fassung der Grimms, durch ihre arglose<br />

Bemerkung auffliegen, ihre Kleider<br />

wollten ihr nicht mehr passen, woraus<br />

wiederum die Hexe die Schwangerschaft,<br />

also den Herrenbesuch erkennt,<br />

52


Literarisches Trio<br />

Sechs Bücher und ein Gast<br />

Literaturen 03/2013 Foto: Shaun Tan/Aladin Verlag<br />

Foto: Tobias Bohm<br />

So sieht Shaun Tans Illustration zum Märchen «Allerleirauh» aus<br />

der hier stattgefunden haben muss.<br />

Die Hexe ist es hier auch, die dem Verehrer<br />

auflauert und ihn aus dem Turmfenster<br />

drängt – ursprünglich stürzte<br />

der sich selbst hinunter und erblindete.<br />

Und wo sich Aschenputtel in der<br />

Grimm’schen Fassung vom Bäumlein<br />

am Grab ihrer Mutter schlicht «schöne<br />

Kleider» wünscht und solche aus Silber<br />

und Gold erhält, lässt Pullman sie<br />

um ein Gewand aus Sternen- und eines<br />

aus Mondlicht bitten: Wie fein das<br />

Mädchen da wirkt, das eben noch von<br />

den Stiefschwestern bösartig als «Rußgesicht»<br />

und «Schlackenhockerin» bezeichnet<br />

wurde, bevor die Hochmütigen<br />

sich auf den Namen «Aschenputtel»<br />

verständigten!<br />

Im Kleinen setzt Pullman so durchaus<br />

Veränderungen an, im Großen<br />

aber hält er sich zurück. Selbst beim<br />

Märchen von Allerleirauh, das ihm,<br />

wie er im Vorwort bekennt, «lediglich<br />

halb fertig zu sein scheint», hat er seine<br />

eigene Fortführung der Geschichte nur<br />

in den Anmerkungen skizziert: Statt<br />

das Inzest-Thema regelrecht unter den<br />

Tisch fallen und das Märchen in eine<br />

Aschenputtel-Variante umschlagen<br />

zu lassen, schlägt er vor, dass der Vater<br />

Allerleirauh nach deren Flucht und<br />

Hochzeit verfolgt, sich als Händler ins<br />

Schloss der Eheleute einschleicht, sie<br />

als falscher Priester bei der Beichte bedrängt<br />

und noch im Tode grausam bedroht.<br />

«Ich glaube, das wäre durchaus<br />

überzeugend», schließt Pullman seine<br />

Überlegungen. Und er hat recht: Das<br />

wäre es.<br />

«Wenig Bücher sind mit solcher<br />

Lust entstanden», schrieben Jacob und<br />

Wilhelm Grimm im Vorwort zur ersten<br />

Ausgabe der «Kinder- und Hausmärchen».<br />

Zweihundert Jahre später<br />

ist deren neuzeitlicher Nachfolger aus<br />

ganz ähnlichem Vergnügen entstanden.<br />

Fridtjof Küchemann<br />

Philip Pullman/<br />

Shaun Tan<br />

Grimms Märchen<br />

Aus dem Englischen von Martina<br />

Tichy. Aladin, Hamburg 2013.<br />

496 S., 29,90 €<br />

Literaturen-Redakteurin Frauke<br />

Meyer-Gosau und Literaturkritiker<br />

Jörg Magenau diskutieren mit dem<br />

Autor Eugen Ruge, der mit seinem<br />

Roman „In Zeiten des abnehmenden<br />

Lichts“ 2011 den Deutschen Buchpreis<br />

gewann, über drei literarische<br />

Neuerscheinungen: Mo Yan, „Frösche“,<br />

Ian McEwan, „Honig“, und Edith<br />

Wharton, „Dämmerschlaf “.<br />

Zum Schluss geben die „Trio“-<br />

Teilnehmer noch drei aktuelle<br />

Literatur-Kurztipps ab.<br />

Termin:<br />

Mittwoch, 20. November 2013, 20 Uhr<br />

Literaturforum im Brecht-Haus,<br />

Chausseestraße 125, 10115 Berlin<br />

Eintritt 5€ / 3€ an der Abendkasse,<br />

kein Kartenvorverkauf<br />

In Kooperation mit:<br />

Literaturforum<br />

im Brecht-Haus<br />

53


Ameisengesang<br />

Bernie Krause über die<br />

Musik in der Natur<br />

Dass Vögel «singen», haben die Menschen<br />

früh bemerkt, Amsel, Drossel,<br />

Fink und Star. Beethoven, in der<br />

«Pastorale», hat einen Kukuck komponiert,<br />

und eine Wachtel; Olivier Messiaen<br />

ging im 20.Jahrhundert weiter<br />

und brachte Vogelstimmen in das<br />

Format musikalischer Partituren. Wer<br />

aber interessierte sich für den lärmigen<br />

Klang des Knallkrebses, das Singen der<br />

Seeanemone, das markerschütternde<br />

Trommeln zorniger Gorillas, die Stimmen<br />

der «Gabelschwanzhühner, Häherlinge,<br />

Eisvögel, Bartvögel, Nashornvögel,<br />

Mangrovepittas, Jagdelstern»,<br />

von Louisianerwürgern oder Mormomengrillen,<br />

für die Millionen Arten,<br />

wie ein Wind klingen kann, oder das<br />

erzunheimliche Geräusch, das ein Gletscher<br />

macht, wenn er kalbt?<br />

Bernie Krause, geboren 1938 in Detroit,<br />

legte eines Tages die Violine weg,<br />

die seine Eltern ihn so gern hatten<br />

spielen sehen, und griff zur Gitarre, er<br />

spielte kurz bei Pete Seegers Band The<br />

Weavers. Als er aber von den neuen<br />

Möglichkeiten Wind bekam, die ein<br />

Mann namens Moog nutzte, um alle<br />

möglichen Klänge synthetisch herzustellen,<br />

da legte auch Krause die Gitarre<br />

beiseite und stieß zu den Pionieren<br />

den elektronischen Musik. Er versorgte<br />

so unterschiedliche Bands wie<br />

die Monkees, die Doors und die Byrds<br />

mit den ungeahnten neuen Sounds<br />

des Synthesizers. In Filmen wie «Apokalypse<br />

Now» oder «Rosemary’s<br />

Baby» kommen Krauses Klangeffekte<br />

vor. Krause war ein Entdecker in der<br />

Welt der unbegrenzten neuen Kunst-<br />

Klänge, weit ist der da herumgekommen.<br />

Und dann kam, was er als Erweckungserlebnis<br />

beschreibt: «Es war<br />

einer jener Augenblicke, auf die man<br />

zurennt und sie mit offenem Geist<br />

voll und ganz bejaht, voller Angst, es<br />

könnte gleich wieder vorüber sein,<br />

und in dem Wissen, etwas erlebt zu<br />

haben, nach dem man sich immer<br />

wieder sehnen wird.» An einem Oktobertag<br />

des Jahres 1968 war Krause<br />

mit seinem Aufnahmeequipment<br />

aus dem Studio in das Naturschutzgebiet<br />

Muir Woods gezogen, um für ein<br />

Plattenprojekt den Sound der Wildnis<br />

einzufangen. Über die feinen Membranen<br />

der Mikrofone, unter den Stereo-Kopfhörern<br />

nahm er zum ersten<br />

Mal wahr, was seine Normalohren bis<br />

dahin überhört hatten: den überwältigenden<br />

Reichtum von Klängen, den<br />

der gewaltige Organismus eines Biotops<br />

hervorbringt.<br />

«Das große Orchester der Tiere»<br />

erzählt, was dann geschah, wie Krause<br />

vom Synthie-Freak zum Bio-Phoniker<br />

wurde, zum Naturforscher mit<br />

dem Mikrofon. Er zeichnete einen<br />

akustischen Reichtum auf, für den unsere<br />

Ohren, die zu gut gelernt haben,<br />

zu filtern, also bloß «relevante» Informationen<br />

wahrzunehmen, normalerweise<br />

taub sind: etwa die verschiedenen<br />

Arten, auf die ein Frosch quaken<br />

und eine Grille zirpen kann. <strong>Der</strong> Titel<br />

des Buchs klingt ein bisschen wie<br />

«Karneval der Tiere» und erinnert daran,<br />

dass wir unseren Kindern die<br />

«klassische» Musik ja am liebsten beibringen,<br />

indem wir sie bei Saint-Saëns<br />

Löwe, Huhn und Schwan im Orchesterklang<br />

wiedererkennen, oder bei<br />

Prokofjews «Peter und der Wolf» hören<br />

lassen, wie die Katze als Klarinette<br />

durchs Gras schleicht. Krause aber<br />

zielt in die entgegengesetzte Richtung.<br />

Er will die Ohren öffnen für das, was<br />

er als Symphonie der Natur versteht,<br />

und schon der Untertitel des Buches<br />

enthält seine steile These: «Vom Ursprung<br />

der Musik in der Natur.»<br />

Dass der komponierende, singende,<br />

trommelnde, streichende Mensch vom<br />

Affen abstammt, dass also auch seine<br />

Musik, von den frühesten Knochenflöten<br />

an, irgendwie von da kommt – die<br />

Erkenntnis hätte wohl nicht einmal<br />

der strenge Adorno bestritten, es hätte<br />

ihn einfach nicht interessiert. Krause<br />

aber zeigt, dass Musik, verstanden<br />

als Ausdruck in Schall, nicht nur ein<br />

evolutionsgeschichtlicher Vorteil ist,<br />

der einer Spezies auf vielfältige Weise<br />

Überlebensvorteile sichert, nämlich<br />

als Mittel der Orientierung, Verständigung<br />

und Gefahrenabwehr; er<br />

meint ernsthaft, dass dieses Orchester<br />

der Tiere tatsächlich Symphonien aufführt,<br />

dass wir es also mit strukturierten,<br />

womöglich «komponierten» Klangereignissen<br />

zu tun haben. Er zeigt<br />

Spektrogramme, etwa einer Morgenstimmung<br />

in Borneo, die aussehen<br />

wie grafische Partituren. Vertikal: die<br />

Stimmen der Zikaden, der Rotflügeltimalie<br />

bis zu den Gibbons; linear: die<br />

rhythmisch markanten Episoden der<br />

einzelnen Stimmgruppen. Und all das<br />

eben nicht bloß zufällig, sondern als<br />

Zeichen einer komplexen Klangsignatur,<br />

die einen Ort unverwechselbar<br />

macht – jedenfalls für den, der sie zu<br />

hören weiß. Jeder Ort klingt anders,<br />

und Krause, der zum Archivar verwehender<br />

Naturklänge wurde, kann<br />

auch zeigen, wie empfindlich das symphonische<br />

Gleichgewicht ist und wie<br />

schnell es gestört werden kann.<br />

So stimmt das Buch traurig und<br />

froh: Fasziniert hört man die Soundscapes<br />

nach, die der Verlag online<br />

zur Verfügung stellt, und wird das abgrundtiefe<br />

Grummeln eines übellaunigen<br />

Jaguars nicht vergessen, der einmal<br />

sehr dicht an Krauses Mikro vorbeischleicht.<br />

Traurig, weil man nach<br />

der Lektüre den akustischen Müll, mit<br />

dem unsere musikalische Spezies die<br />

Welt überzieht, als umso unerträglicher<br />

wahrnimmt, es schreit einen ja<br />

dauernd an. Holger Noltze<br />

Bernie Krause<br />

Das große Orchester<br />

der Tiere<br />

Kunstmann,<br />

München 2013.<br />

272 S., 22,95 €<br />

Literaturen 03/2013<br />

54


Kalte<br />

schöne<br />

Welt<br />

Helene Hegemann<br />

reitet zum zweiten Mal<br />

den Roman-Tiger<br />

55<br />

Durchaus hätte man schon im Herbst<br />

2010, als Helene Hegemann mit ihrem<br />

Roman «Axolotl Roadkill» das Land<br />

elektrisierte, literaturkritisch streiten<br />

können. Doch hofierte man damals<br />

die Autorin wie einen Popstar,<br />

nur um ein paar Wochen später entsetzt<br />

«Plagiat!» zu schreien. Dass Hegemanns<br />

neuer Roman «Jage zwei Tiger»<br />

zu einem wichtigen Buch dieses<br />

Herbstes werden würde, schien so fast<br />

schon programmiert. Doch wird diesmal<br />

etwas weniger über die Autorin<br />

gesprochen, dafür scheint ihrem Roman<br />

nun die Gnade eines literaturkritischen<br />

Urteils zuteil zu werden. Zu<br />

recht, denn «Jage zwei Tiger» ist ein<br />

wirklich gutes Buch: abgedreht und<br />

authentisch, Trauma-erfahren und<br />

an den richtigen Stellen von akademischen<br />

Diskursen geprägt. Wuterfüllt<br />

ohne Bitterkeit. Manisch, traurig und<br />

trotzdem hochkomisch.<br />

Erzählt wird die Geschichte zweier<br />

Teenager. <strong>Der</strong> 13-jährige Kai sitzt mit<br />

seiner hippen, alkoholkranken Mutter<br />

im Alfa Romeo, als diesen auf der<br />

Autobahn ein Stein trifft und die Versorgerin<br />

im 3400-Euro-Lammlederkleid<br />

ins Jenseits befördert. Kai flieht<br />

und landet letztlich bei seinem Vater,<br />

einem attraktiven, selbstbezogenen<br />

Mittvierziger mit Hang zu Selbstzerstörung<br />

und Frauenproblemen. Zur<br />

gleichen Zeit flieht die 17-jährige Cecile,<br />

in einer Reihe von Elite-Internaten<br />

großgezogen, mit einer Essstörung<br />

und einem Suchtproblem versehen,<br />

erst in eine Drogenkommune in<br />

der westdeutschen Provinz und dann<br />

nach Venedig, wo sie dem Kunst-Jetset<br />

billiges Koks verkauft. Und irgendwann<br />

kündigt sich auch noch die Apokalypse<br />

am Horizont an: <strong>Der</strong> Himmel<br />

nimmt eine grünliche Färbung an,<br />

und niemand weiß, warum.<br />

«Jage zwei Tiger» ist eine Gesellschaftskomödie:<br />

Geistreich seziert<br />

Hegemann nicht nur das sich mit PR-<br />

Jobs herumschlagende Berlin-Mitte-Publikum,<br />

auch kleinbürgerliche<br />

FKK-ler mit «Lidl»-Einweg-Grill bekommen<br />

ihr Fett weg, ebenso auf Designklassiker<br />

versessene Aristokraten<br />

oder studentische Aussteiger mit<br />

Marihuana-Plantagen im WG-Keller.<br />

In allen Milieus aber treffen die<br />

beiden Protagonisten auf eine ähnliche<br />

innere Leere, ein ähnliches Festhalten<br />

an Äußerlichkeiten. Die Menschen,<br />

mit denen sie es zu tun haben,<br />

leben eine Kulissen-Existenz und versuchen,<br />

ihnen zustoßende Grausamkeiten<br />

mit Coolness zu ertragen. Dies<br />

alles inszeniert die Autorin mit einem<br />

in seiner Klarheit regelrecht grausamen<br />

Sprachrausch.<br />

Das Buch ist allerdings nicht völlig<br />

ohne Makel. Man braucht ein paar<br />

Seiten, bis man sich eingelesen und<br />

die Autorin sich genügend ausgelassen<br />

hat über die Welt, in der es spielt.<br />

Manchmal kommt der Erzählfluss ins<br />

Stocken. Manchmal hat man den Eindruck,<br />

Hegemann stehe sich mit ihrer<br />

verbalen Brillanz selbst im Weg.<br />

Und doch legt man es überaus glücklich<br />

aus der Hand, nicht zuletzt, weil<br />

auf jeder Seite der Glaube an die Möglichkeit<br />

echter Nähe durchscheint.<br />

Denn das ist dieser so ironische Roman<br />

auch: eine berührende Liebesgeschichte,<br />

an der wahrscheinlich selbst<br />

Jane Austen Gefallen gefunden hätte.<br />

<br />

Daniel Schreiber<br />

Helene Hegemann<br />

Jage zwei Tiger. Roman<br />

Hanser Berlin,<br />

Berlin 2013.<br />

313 S., 19,90 €<br />

Foto: Jillian Edelstein/Camera Press/Picture Press<br />

Roman. Aus dem Spanischen<br />

von Thomas Brovot. Gebunden<br />

381 Seiten. € 22,95 (D)<br />

<strong>Der</strong> neue große Roman<br />

von Mario Vargas Llosa<br />

Wohlmeinende Väter und<br />

enttäuschte Söhne, familiäre<br />

Zerwürfnisse, die überraschenden<br />

Fallstricke erotischer<br />

Hingabe – Ein diskreter Held ist<br />

eine humorvolle, vor Erzähllust<br />

sprühende Geschichte<br />

über die allzu vertrauten<br />

Wirrungen des Lebens.<br />

Suhrkamp<br />

www.mariovargasllosa.de


COmic<br />

Mit dem Flugzeug nach Majdanek<br />

«Das Erbe» von Rutu Modan ist eines der ergreifendsten Comic-<br />

Wunderwerke der letzten zehn Jahre<br />

-.<br />

Proznastral 3e. Das ju.. dische Getto<br />

DU HȦ . TTEST BESSER<br />

AUF DEINE TANTE ZILLA<br />

GEHȮ . RT. SIE WAR VON<br />

ANFANG AN GEGEN<br />

DIESE REISE.<br />

HATTEN<br />

WIR DAS THEMA<br />

NICHT SCHON?<br />

HȮ . R AUF, ES<br />

REICHT …<br />

DU WOLLTEST<br />

MEINE MEINUNG<br />

WISSEN, ODER?<br />

NICHT<br />

WIRKLICH.<br />

34<br />

49<br />

Israelis auf der Suche nach ihren Wurzeln: Rutu Modans Comicerzählung ist stellenweise sarkastisch, stellenweise bitterernst<br />

OD_9783551785763-das-erbe_inhalt_A01.indd 34 05.06.13 22:00<br />

OD_9783551785763-das-erbe_inhalt_A01.indd 49 05.06.13 22:00<br />

Im Flugzeug nach Warschau werden<br />

sie von lärmenden Schulkindern umtost.<br />

Die Teenager balgen und necken<br />

sich und freuen sich aufgeregt auf<br />

die obligatorische Klassenfahrt-Gruseltour<br />

durch die KZ-Gedenkstätten<br />

von Polen; der begleitende Lehrer erteilt<br />

kundig Auskunft darüber, warum<br />

Majdanek irgendwie mehr schockt als<br />

Auschwitz. Mittendrin sitzt eine weißhaarige<br />

Oma, leicht befremdet und renitent,<br />

aber ähnlich aufgeregt wie die<br />

Schüler. Regina Segal ist vor fast siebzig<br />

Jahren aus Warschau geflohen.<br />

Seither hat sie in Tel Aviv gelebt und<br />

eine Familie großgezogen. Ihr Mann<br />

ist gestorben und nun auch ihr Sohn.<br />

Mit ihrer Enkelin Mika kehrt sie jetzt<br />

erstmals in ihre Geburtsstadt zurück,<br />

um das in der Zeit des Ghettos enteignete<br />

Haus ihres Vaters für den Familienbesitz<br />

zurückzubeanspruchen.<br />

«Das Erbe» heißt der neue Comic-<br />

Roman der israelischen Zeichnerin<br />

Rutu Modan; so sarkastisch wie bitterernst<br />

erzählt sie darin von der Suche<br />

der heutigen Israelis nach ihren Wurzeln.<br />

Modan, 1966 in Tel Aviv geboren,<br />

hat ihre Comic-Karriere Mitte der<br />

Neunzigerjahre als Mitherausgeberin<br />

des israelischen «MAD»-Magazins begonnen.<br />

Seit den Fünfzigerjahren galten<br />

die Comic-Strips des US-Originals<br />

als Inbegriff «typisch jüdischen» Humors;<br />

umso erstaunlicher, dass es vierzig<br />

Jahre dauerte, bis es eine israelische<br />

Ausgabe gab. Oder auch wieder nicht:<br />

Denn nicht einmal zwei Jahre konnte<br />

das hebräische «MAD» sich damals<br />

an den Kiosken halten. Sie habe, sagte<br />

Modan später, in dieser Zeit vor allem<br />

gelernt, dass es zwischen dem Humorverständnis<br />

der amerikanischen und<br />

der israelischen Juden doch gewaltige<br />

Unterschiede gebe. Mehr noch: Wäh-<br />

Literaturen 03/2013 Illustration: Rutu Modan<br />

56


end wesentliche Teile der amerikanischen<br />

Comics, von «Superman» bis zu<br />

den «Fantastic Four», von «MAD» bis<br />

zu Art Spiegelmans «MAUS», von jüdischen<br />

Migranten und deren Kindern<br />

erschaffen wurden, gab es in Israel bis<br />

in die Neunzigerjahre überhaupt keine<br />

eigenständige Comic-Kultur.<br />

Das änderte sich erst mit der «Actus<br />

Tragicus»-Gruppe um Rutu Modan<br />

und ihre Mitstreiter Yirmi Pinkus und<br />

Batia Kolton, die aus der Redaktion der<br />

gescheiterten «MAD»-Ausgabe hervorging.<br />

Mit liebevoll produzierten Heftreihen<br />

und Gruppenausstellungen sorgten<br />

sie auch international für Aufsehen. Sie<br />

brachten die Stile der US-amerikanischen<br />

und europäischen Comic-Avantgarde<br />

nach Israel, wesentliche Inspirationen<br />

erhielten sie aus Art Spiegelmans<br />

«RAW»-Magazin. Zugleich suchten sie<br />

den Kontakt zu der heimischen literarischen<br />

Szene; so arbeitete Rutu Modan<br />

unter anderem mit dem Schriftsteller<br />

Etgar Keret zusammen.<br />

Ihre erste eigene längere Arbeit erschien<br />

2008 unter dem Titel «Blutspuren»:<br />

Stilistisch orientierte sich Modan<br />

darin erstmals an traditionelleren<br />

europäischen Stilen, etwa der «Ligne<br />

Claire» des «Tim und Struppi»-Schöpfers<br />

Hergé. Bemerkenswert war die literarische<br />

Finesse, mit der sie vor dem<br />

Hintergrund der permanenten Terrorgefahr<br />

in Tel Aviv eine rätselhaftschmerzvolle<br />

Familiengeschichte erzählte.<br />

Eine junge Soldatin, die ihren<br />

weit älteren Liebhaber bei einem Attentat<br />

umgekommen fürchtet, bittet<br />

dessen Sohn um einen DNS-Test, um<br />

das zur Unkenntlichkeit entstellte Anschlagsopfer<br />

zu identifizieren. <strong>Der</strong><br />

Sohn aber hat seit Jahren zu dem Vater<br />

keinen Kontakt mehr gehabt und<br />

wird so auf eine schmerzhafte Reise<br />

in die eigene Vergangenheit geschickt.<br />

Wie Modan aus dieser Konstellation<br />

eine gleichsam tragische und<br />

zart-hoffnungsvolle Liebesromanze<br />

entspinnt: Das gehört zu den großen<br />

Wundern in der Comic-Literatur des<br />

letzten Jahrzehnts.<br />

Auch «Das Erbe» lebt wieder von<br />

familiären Geheimnissen und Rätseln.<br />

Denn die Gründe, aus denen Regina<br />

Segal die Reise nach Warschau<br />

antritt, sind keineswegs so offensichtlich,<br />

wie es am Anfang den Anschein<br />

hat. Wer ist der alte Mann, der heute<br />

im früheren Haus ihrer Familie mit<br />

seiner Tochter ein koscheres Restaurant<br />

betreibt? Warum ist Regina so<br />

aufgeregt und erregt, als sie ihm – wie<br />

wir später erfahren – nach fast siebzig<br />

Jahren erstmals wieder entgegentritt?<br />

Warum interessiert sich der junge polnische<br />

Touristenführer Tomasz Novak,<br />

der in seiner Freizeit an «dem<br />

großen Comic-Roman über das Warschauer<br />

Ghetto» zeichnet, so sehr für<br />

Mika und die Geschichte ihrer Familie?<br />

Hat er sich wirklich spontan in<br />

sie verliebt, oder nutzt er sie nur als<br />

Objekt und als Quelle für seine Arbeit?<br />

Faszinierend, wie Modan ihren<br />

zunächst scheinbar so schlicht<br />

karikierten Figuren ein subtiles und<br />

nicht selten selbstwidersprüchliches<br />

Gefühlsleben in die Mimik zu zeichnen<br />

versteht; die Zartheit und Präzision<br />

ihrer individuellen Körpersprachen<br />

suchen im Comic der Gegenwart<br />

ihresgleichen.<br />

«Das Erbe» ist ein großartiger Comic<br />

und ein brillanter psychologischer<br />

Roman; im Gewand der sarkastisch<br />

erzählten Familiengeschichte handelt<br />

er von der Vergangenheit, die nicht<br />

vergeht. Immer wieder schlägt der<br />

«MAD»-geschulte Humor in sprachlos<br />

machenden Ernst. Am Ende, auf<br />

dem Rückflug von Regina und Mika,<br />

treffen wir auch die Schulklasse aus<br />

der ersten Szene wieder. Sie ist nun<br />

in Auschwitz und Majdanek gewesen.<br />

Niemand balgt mehr oder lärmt, die<br />

Schüler halten sich still an den Händen<br />

und weinen, bis sie wieder daheim<br />

in Israel sind.<br />

Jens Balzer<br />

Rutu Modan<br />

Das Erbe<br />

Carlsen, Hamburg 2013.<br />

224 S., 24,90 €<br />

Die große<br />

Funkstille<br />

Wie es zur Entfremdung<br />

zwischen Eltern und<br />

ihren erwachsenen<br />

Kindern kommt – und<br />

wie sie überwunden<br />

werden kann.<br />

PSYCHOLOGIE<br />

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Was uns bewegt.<br />

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57<br />

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Kaninchen<br />

aus dem<br />

Hut!<br />

Ian McEwan<br />

schreibt einen<br />

Unterhaltungsroman<br />

Sie heißt Serena Frome, ist 64 Jahre<br />

alt und ungnädig mit ihrem Aussehen.<br />

Einst war sie umwerfend – und ein<br />

Monstrum: ein mathematisch begabtes<br />

Mädchen mit visuellem Gedächtnis,<br />

das (Unterhaltungs-)Literatur liebte<br />

und nach dem Elitestudium beim<br />

britischen Geheimdienst MI5 anheuerte.<br />

Inlandsspionage, Kalter Krieg.<br />

Frauen für Niedriglohn als Bienen im<br />

Archiv. Draußen das Swinging London<br />

der frühen siebziger Jahre, drinnen<br />

Affären. Ein Geschichtsprofessor,<br />

Serenas Liebhaber, schämt sich seiner<br />

Krebserkrankung so sehr, dass er sich<br />

zurückzieht, statt sich behandeln zu<br />

lassen. Ein anderer Liebhaber bekennt<br />

sich zu – seinem Freund; seit fünf Jahren<br />

werden homosexuelle Beziehungen<br />

nicht mehr strafrechtlich verfolgt.<br />

Eine Geschichte, fast wie ein Märchen<br />

aus vergangener Zeit. Klare Erzählökonomie,<br />

sichere Zeichnung der<br />

Figuren, denen Serena Frome Etiketten<br />

verpasst, dem Leser und dem eigenen<br />

frühen Selbst nicht selten einen<br />

Schritt voraus. Gern erzählt McEwan<br />

aus weiblicher Sicht. Mindestens ebenso<br />

gern zieht er als Zauberer der Narration<br />

zum Ende ein weißes Kaninchen<br />

aus dem Hut. Wie in seinem Roman<br />

«Abbitte» wird auch in «Honig»<br />

auf den letzten Seiten enthüllt, wie es<br />

zu den vorangehenden Kapiteln kommen<br />

konnte. Als weißes Kaninchen<br />

erscheint hier der von Serena im Auftrag<br />

des MI5 geförderte Jungautor T.<br />

H. Haley.<br />

Nacherzählt wirkt die Handlung<br />

teilweise konstruiert, hie und da grotesk:<br />

<strong>Der</strong> MI5 beschließt, Schriftsteller<br />

zu fördern, deren politische Ausrichtung<br />

den konservativen Überzeugungen<br />

des Dienstes entspricht. Serena<br />

wird unter dem Codenamen «Honig»<br />

auf den an der Universität von Brighton<br />

arbeitenden Autor Haley angesetzt.<br />

Sie soll ihn dazu bringen, ein Stipendium<br />

anzunehmen; in die literarische<br />

Arbeit redet man nicht hinein.<br />

Es kommt, wie es kommen muss: Spionin<br />

und Autor verlieben sich ineinander.<br />

Aus Eifersucht mischt Max Geratokrax<br />

(eine Namensanspielung auf<br />

seine «great Ohren» – oder doch eine<br />

Asterix-Hommage?) sich ein, Serenas<br />

Projektvorgesetzter beim MI5. Er verrät<br />

dem Schriftsteller Serenas wahre<br />

Identität. Haley beantwortet die Spionage<br />

mit Gegenspionage: Er beginnt,<br />

einen Roman über Serena und sich zu<br />

schreiben. All dies erfährt der Leser,<br />

gemeinsam mit Serena, im letzten Kapitel<br />

des Buches, das aus einem Brief<br />

Haleys besteht. Es macht Spaß, Szenen,<br />

die man von Serena erzählt bekam,<br />

nun noch einmal aus Haleys Sicht zu<br />

erleben, McEwan genießt Doppelbödigkeiten<br />

und Perspektivwechsel.<br />

Das narrative Kaninchenspiel erlaubt<br />

ihm zudem, sich über eigene Vorlieben<br />

und Beschränkungen zu amüsieren,<br />

indem er Serena die Wünsche einer<br />

naiven Leserin in den Mund legt<br />

und zugleich versucht, mit «Honig»<br />

das eine oder andere dieser Kriterien<br />

zu erfüllen.<br />

Wie erzählt man einen Roman, der<br />

gut ausgeht? Wie weit lässt sich die<br />

Annäherung an das, was früher «Unterhaltungsliteratur»<br />

hieß, treiben?<br />

Die ästhetischen Diskussionen zwischen<br />

Spionin und Autor hält McEwan<br />

simpel; holprig fällt auch die Unterfütterung<br />

des Geschehens mit Zeitkolorit<br />

aus. Wie praktisch, dass Serena<br />

von Berufs wegen Zeitungen liest!<br />

Sicherheitshalber lässt McEwan seine<br />

Spiegelfigur Haley zum Ende erklären,<br />

dass er, falls die Liebesgeschichte<br />

mit Serena gut ausgeht (und das Manuskript,<br />

das wir eben gelesen haben,<br />

später veröffentlicht wird), Erläuterungen<br />

zu diesem inzwischen versunkenen<br />

Britannien einfügen wird. Das<br />

ist, auch als selbstironischer Schreibkommentar,<br />

amüsant, trägt aber nicht<br />

über diverse Champagner-Austern-<br />

«Liebes»-Gespräche hinweg, die von<br />

der Ölkrise, der IRA und den britischen<br />

Bergarbeitern handeln. Es fehlt<br />

die Verbindung zum inneren Erleben<br />

der Figuren; es fehlt die Frage, welche<br />

Relevanz den gesellschaftlichen und<br />

politischen Streitpunkten der Siebziger<br />

heute zukommt.<br />

Serena belügt den Mann, den sie<br />

liebt. Wortreich versucht der Autor zu<br />

begründen, warum sie sich nicht offenbart.<br />

Doch weder ihre Angst davor,<br />

Haleys Liebe zu verlieren, noch<br />

ihre Feigheit bzw. Lust am eigenen<br />

Versteckspiel werden fühlbar. Wer den<br />

Roman zu Ende gelesen hat, mag einwenden,<br />

dass nach McEwans Konstruktion<br />

nicht Serena, sondern eben<br />

Haley erzähle, der es als mittelmäßiger<br />

Autor nicht schaffe, sich so in den<br />

Kopf seiner Freundin zu versetzen,<br />

dass «das Prisma ihres Bewusstseins»<br />

wirklich sichtbar würde.<br />

Ein gutes Argument («Ich schreibe<br />

ein Buch mit Mängeln, weil mein<br />

Erzähler nur ein mittelmäßiger Autor<br />

ist») – wüssten wir nicht, dass tatsächlich<br />

Ian McEwan «Honig» verfasst hat,<br />

mit der literarischen Möglichkeit, die<br />

Diskrepanz zwischen dem Fühlen und<br />

der Darstellung der Figur im Spiegel<br />

eines anderen Bewusstseins ihrerseits<br />

in seinem Roman darzustellen.<br />

«Honig» ist, auch in der deutschen<br />

Übersetzung, «a good read». Das ist<br />

nicht wenig. Gut unterhalten lege ich<br />

das Buch zur Seite. Doch ich befürchte,<br />

es in ein paar Wochen vergessen zu<br />

haben. <br />

Ulrike Draesner<br />

Ian McEwan<br />

Honig. Roman<br />

Aus dem Englischen von Werner<br />

Schmitz.<br />

Diogenes, Zürich 2013.<br />

464 S., 22,90 €<br />

58


Mit der<br />

Glock ins<br />

Weiße<br />

Haus<br />

Jerome Charyn macht<br />

einen Cop aus der<br />

Bronx zum Vize-<br />

Präsidenten der USA<br />

Unter den Großen seines Fachs – Don<br />

Winslow etwa oder William Gibson –<br />

bleibt er der Größte: Jerome Charyn,<br />

geboren 1937 als Kind russisch-jüdischer<br />

Eltern in der New Yorker Bronx,<br />

während der letzten fünfzig Jahre Autor<br />

von gut fünfzig Büchern, darunter<br />

bislang zehn Romanen über Isaac<br />

Sidel, der 1975 mit dem Krimi «Blue<br />

Eyes» als Charyns sehr spezieller Cop<br />

anfing. Abonniert wie Don Winslow<br />

auf knallharte Bullen, die auf ebenso<br />

toughe Gangster und deren ausgebuffte<br />

Manöver treffen, hat Charyn<br />

sich über die Jahrzehnte sein eigenes<br />

Genre erschrieben. Und wie William<br />

Gibsons Cyber-Verbrecher immer mit<br />

mindestens einem Bein in der Zukunft<br />

stehen, erscheinen auch Charyns kriminelle<br />

Plots, als spielten sie in einem<br />

utopischen Amerika. Dabei siedelt er<br />

sie neuerdings sogar in der Vergangenheit<br />

an – beim Gedanken, wie es<br />

denn dann wohl heute zugehen mag,<br />

wenn schon 1988 alles derart aus den<br />

Fugen war, fasst den Leser ein leichtes<br />

Grausen.<br />

Zumal Charyn ausdrücklicher<br />

noch als Winslow und Gibson ein politischer<br />

Autor ist: Vom mal mehr, mal<br />

weniger am Rande der Legalität operierenden<br />

Supercop hat sich Isaac Sidel<br />

zum Bürgermeister von New York<br />

und nun, im neuen Roman «Unter<br />

Krimi<br />

dem Auge Gottes», zum Vizepräsidenten<br />

der Vereinigten Staaten von Amerika<br />

hochgekämpft – die Politik hat<br />

sich sozusagen von allen Seiten in die<br />

Polizistengeschichte hineingefressen.<br />

Und jetzt steht der Bulle aus der Bronx<br />

kurz davor, ohne nochmalige Wahl<br />

zum demokratischen Präsidenten der<br />

USA ausgerufen zu werden, weil der<br />

eben erst gewählte J. Michael Storm<br />

aufgrund krimineller Immobiliengeschäfte<br />

und zahlloser Liebesaffären<br />

allen Parteien plötzlich gleichermaßen<br />

ungeeignet für das Amt erscheint.<br />

Nur einen gibt es, der die Sache wieder<br />

richten kann (und das Volk dabei auf<br />

seiner Seite hat): der immer leicht entgrenzte<br />

Ex-Cop Isaac Sidel.<br />

Mit diesem jüngsten Roman ist Jerome<br />

Charyn nun endgültig im mindestens<br />

halbwegs Surrealen angekommen<br />

– und erscheint genau darin<br />

zugleich erschreckenderweise als<br />

Hardcore-Realist. Die Durchdringung<br />

von Politik und organisiertem<br />

Verbrechen ist so perfekt wie irreversibel,<br />

und wer sollte da an der Spitze<br />

des Staates noch etwas bewirken können,<br />

wenn nicht einer, der sich genau<br />

damit von Berufs wegen auskennt? Es<br />

reichen aber auch die Krakenarme der<br />

Vergangenheit machtvoll in die Gegenwart:<br />

<strong>Der</strong> einstige Lehrling und<br />

schon als Kind geniale Finanz-Jongleur<br />

des größten Gangsters der dreißiger<br />

Jahre, Arnold «The Brain» Rothstein,<br />

zieht, zurückgezogen im legendären<br />

Hotel «Ansonia» lebend, noch<br />

bis ins Jahr 1988 die Strippen zwischen<br />

Immobilienbranche, Bankwesen<br />

und den Spitzen von Politik, FBI und<br />

Pentagon. Andererseits aber sind es<br />

die besonders harten Hunde aus dem<br />

Vietnamkrieg (Drogenhandel und ausgepichte<br />

Gewalttaten aller Art), die zu<br />

Sidels spezieller, dabei auch nicht in<br />

allen Teilen verlässlicher, aber familiär<br />

zusammengeschweißter Privatarmee<br />

werden. Dazu gibt es für Mr. Vice President,<br />

der wie in seinen Bronx-Tagen<br />

immer noch mit dem Revolver im Hosenbund<br />

herumläuft, allerdings auch<br />

gar keine Alternative. Denn alle in irgendeinen<br />

Staats-Apparat eingespannten<br />

Amtsträger sind mit den kriminellen<br />

Interessen des Großkapitals de facto<br />

unkündbar verbandelt – da können<br />

also auch die Guten nicht einfach nur<br />

gut, sie müssen vielmehr selbst mit allen<br />

Wassern des Gangstertums gewaschen<br />

sein.<br />

<strong>Der</strong> Roman treibt aber nicht nur<br />

die politkriminellen Verhältnisse<br />

auf die Spitze. Aus der Vergangenheit<br />

wächst schließlich auch Isaacs<br />

große Liebe in die Gegenwart hinüber:<br />

So wie er einst den Supergangster<br />

Arnold Rothstein bewunderte, so<br />

verliebt war Isaac auch in dessen Mätresse<br />

Inez, die «The Brain» auf dem<br />

13. Stock des «Ansonia» einquartiert<br />

hatte. In deren Wiedergängerin<br />

mit dem bürgerlichen Namen Trudy<br />

Winckleman, die zuvor als Buchhalterin<br />

einer Bordellkette in New Orleans<br />

wirkte und anno 1988 nun die Geliebte<br />

des so schrulligen wie gefährlichen<br />

Rothstein-Nachfolgers ist, verliebt sich<br />

der Ex-Cop vor seinem Abgang ins<br />

Weiße Haus unsterblich.<br />

Natürlich geht diese Liebe im furiosen<br />

Finale nicht gut aus. Und doch<br />

gibt es für Isaac Sidel ein Happy End,<br />

herrlich schräg – und beglückend wie<br />

das ganze Buch. Denn niemand schafft<br />

solch elegante Überblendungen zwischen<br />

Realität und phantastischen Szenarien<br />

wie Jerome Charyn. Und niemand<br />

schreibt dabei derart Actionsatte,<br />

von Seite zu Seite überraschende<br />

hard-boiled Krimis. Isaac Sidel mit der<br />

schussbereiten Glock-Kanone als Präsident<br />

der Vereinigten Staaten? Schön<br />

wär’s: Die internationale Verquickung<br />

von Politik, Ökonomie und Verbrechen<br />

wäre für den moralstarken Aufräumer<br />

aus der Bronx gerade jetzt das<br />

richtige Feld.<br />

<br />

Frauke Meyer-Gosau<br />

Jerome Charyn<br />

Unter dem Auge Gottes.<br />

Ein Isaac-Sidel-Roman<br />

Aus dem Amerikanischen von<br />

Jürgen Bürger. Diaphanes,<br />

Zürich/Berlin 2013. 288 S., 16,95 €<br />

59


Film<br />

Für immer jung<br />

<strong>Der</strong> israelische Filmemacher Ari Folman verfilmt<br />

Stanislaw Lem und wechselt dabei oft das Universum<br />

Halb konventioneller Film, halb Zeichentrick: Ari Folmans «<strong>Der</strong> Kongress» hält sich nur lose an die Romanvorlage von Stanislaw Lem<br />

Echte Science-Fiction-Fans sind tapfer,<br />

aber man trifft sie nicht mit Gummi-Köpfen<br />

auf Star-Wars-Messen. Geduldig<br />

folgen sie der Imagination von<br />

Autoren, Regisseuren oder Hörspielmachern<br />

und lassen sich in ferne Galaxien<br />

tragen, selbst dann, wenn wieder<br />

einmal ein Lieblingsbuch bis zur<br />

Unkenntlichkeit adaptiert wurde.<br />

«Die Stanislaw-Lem-Gemeinde<br />

wird mich steinigen», war sich auch<br />

der israelische Filmemacher Ari Folman<br />

sicher, als er «<strong>Der</strong> Kongress» im<br />

vergangenen Frühjahr beim Festival<br />

von Cannes vorstellte. Es ist die erste<br />

abendfüllende Adaption des 1970 verfassten<br />

Romans «<strong>Der</strong> futurologische<br />

Kongress». Nicht einmal Raumfahrer<br />

Ijon Tichy kommt darin noch vor,<br />

den der polnische Autor des Romans<br />

in einer überbevölkerten Welt zu einem<br />

Wissenschaftler-Treffen in die<br />

Diktatur Costricana entsendet. Die<br />

Protagonistin in Folmans Film heißt<br />

Robin Wright wie die Schauspielerin,<br />

die diese Rolle spielt.<br />

Beide rühmen sich einer Filmografie<br />

mit so beliebten Klassikern wie<br />

«Die Braut des Prinzen» und «Forrest<br />

Gump». Wenn wir die Figur dann –<br />

nach rund der halben Filmlänge – tatsächlich<br />

jenen Ort betreten sehen, an<br />

dem Lem seine Geschichte beginnen<br />

lässt, ein turmhohes Kongresshotel,<br />

hat die echte Robin Wright schon wieder<br />

frei. <strong>Der</strong> Film hat sich nämlich un-<br />

Literaturen 03/2013 Foto: © Pandora Film Verleih, 2013<br />

60


terdessen in einen Zeichentrickfilm<br />

verwandelt.<br />

Hier treffen sich nun nicht mehr<br />

wie im Roman die Zukunftsforscher,<br />

sondern die Verwerter moderner<br />

Technologien, Medien-Industrielle<br />

und -Konsumenten. Ein mächtiger<br />

Unterhaltungskonzern, der sich auf die<br />

Produktion von Animationsserien spezialisiert<br />

hat, hält Hof. Denn das, so erzählt<br />

die fast einstündige Vorgeschichte<br />

vor dem 55-minütigen Trickfilmteil,<br />

hat man inzwischen aus Filmstars<br />

wie Robin Wright gemacht: täuschend<br />

echte Simulationen. Dazu werden mit<br />

den lebenden Vorbildern gnadenlose<br />

Buy-Out-Verträge abgeschlossen.<br />

Für ein üppiges Salär verpflichten sich<br />

die Stars, ihren Hobbies nachzugehen.<br />

Und wenn sie dann Golf spielen, arbeiten<br />

sich Animatoren an den gescannten<br />

Körpern ab. Was aber hat das alles<br />

mit dem Zukunftsroman von Lem<br />

zu tun, in dem der Kongressteilnehmer<br />

Tichy durch manipuliertes Trinkwasser<br />

jene verklärte Weltsicht kennenlernt,<br />

die eine Bananen-Diktatur<br />

seinem Volk kredenzt? Und der sich<br />

dann in die Kanalisation flüchtet, bevor<br />

er – nun fast seines gesamten Körpers<br />

entledigt – in einer noch ferneren<br />

Zukunft wieder erwacht?<br />

Nun erst einmal die Pointe, die<br />

man durchaus verraten darf: Wie in<br />

Lems Satire auf die Glücksversprechen<br />

von bewusstseinserweiternden<br />

Drogen arbeiten auch Folmans Medienzaren<br />

mit chemischen Formeln. Auf<br />

die computeranimierte Robin Wright<br />

folgt eine Version des Filmstars in<br />

Tablettenform. Jeder Konsument<br />

träumt sich nun seinen Film mit ihr<br />

zurecht. Lem erzählt seine bitterböse<br />

Vision so lustvoll, als wäre es eine<br />

Erwachsenenversion von «<strong>Der</strong> Zauberer<br />

von Oz», voller grellbunter Details,<br />

die den Leser selbst auf einen Trip<br />

entführen. Das allerdings durchweg<br />

gebrochen am Tagebuchstil des Raumfahrers<br />

Tichy, der möglicherweise<br />

auch nur Seemannsgarn verzapft –<br />

allerdings durchaus prophetisch. Ari<br />

61<br />

Folman, bekannt durch seinen vielschichtigen<br />

Kriegstrauma-Dokumentarfilm<br />

«Waltz with Bashir» wählt<br />

mit dem Medium der Animation das<br />

ideale Werkzeug für Lems surreale<br />

Phantastik. Doch nur in wenigen<br />

Einstellungen zitiert er den psychedelischen<br />

Bilderrausch, auf den die<br />

Vorlage anspielt. Es reicht nicht für<br />

ein neues «Yellow Submarine». Was<br />

ihm vorschwebte, so erklärt Folman<br />

im Gespräch, war der karikaturhafte<br />

Stil der legendären Fleischer-Brüder,<br />

die in den frühen dreißiger Jahren mit<br />

ihrem Cartoon-Vamp Betty Boop auf<br />

Konfrontationskurs zu Disney gingen.<br />

Das Problem ist nur: Folmans Zeichner<br />

beherrschen diesen Stil nicht.<br />

Wenn man der animierten<br />

Robin Wright auf ihre flossenhaften<br />

Finger schaut, fällt einem gleich<br />

das Spottwort ein, dass die alten<br />

Trickfilm-Pioniere seinerzeit für<br />

ihre anatomisch-ungeschulten Kollegen<br />

prägten: «Rubber-Hose», also<br />

«Gummischlauch-Trickfilmer». So<br />

entsteht eher ein Surrealismus aus<br />

Unvermögen. Für einen Irrwitz, der<br />

es mit Lem aufnehmen könnte, ist<br />

Folman viel zu kulturpessimistisch.<br />

Robin Wrights zu digitaler Jugend<br />

verdammte Filmfigur prangert den<br />

Jugendwahn Hollywoods an. Das<br />

hätte man aber auch bemerkt, wenn<br />

sie nicht noch Bob Dylans «Forever<br />

Young» singen müsste. Doch trotz<br />

seiner Versäumnisse ist dieser «Kongress«<br />

dennoch imponierend – schon<br />

deshalb, weil er sich beharrlich den<br />

digitalen Techniken verweigert, die<br />

er anprangert. Und weil er uns daran<br />

erinnert, dass Zeichentrick ebenso<br />

wenig wie intelligente Science Fiction<br />

etwas mit Familienunterhaltung zu<br />

tun haben muss.<br />

Daniel Kothenschulte<br />

Stanislaw Lem<br />

<strong>Der</strong> futurologische Kongress<br />

Suhrkamp, Frankfurt 1979. 139 S., 7 €<br />

<strong>Der</strong> Kongress<br />

Regie: Ari Folman. Mit Robin Wright, Harvey<br />

Keitel, Jon Hamm. 122 Min. Jetzt im Kino.<br />

393 S. Geb. € 19,95<br />

„Hans Pleschinskis virtuoser<br />

Roman Königsallee ist eine<br />

Huldigung an Thomas Mann …<br />

ein funkelndes, geistreiches<br />

Sprachkunstwerk.“<br />

Tilman Krause, Die Welt<br />

375 S. Geb. € 19,95<br />

„Zugleich eine furchtbar lustige<br />

und zutiefst traurige<br />

Geschichte …<br />

wunderschön<br />

geschrieben.“<br />

New York<br />

Journal of Books<br />

C.H.BECK<br />

WWW.CHBECK.DE


Bruder,<br />

Schwester,<br />

Schloss<br />

Marion Poschmann<br />

hat einen erleuchtetgegenwärtigen<br />

Barockroman<br />

geschrieben<br />

«Wir hatten Barocksonnen, Venezianische<br />

Fontänen, Riesenfontänen, Römische<br />

Lichter, Brillantfächer, Glorien,<br />

Wasserfälle in Silber und Gold» –<br />

eine Silvesternacht, ein unscheinbarer<br />

Kölner Vorort und zwei Freunde, die<br />

sich nach Illuminationen sehnen. Aber<br />

auch die Raketen dieses – wir nehmen<br />

es gleich vorweg: leuchtkörperhaft<br />

phantastischen, berauschend düsteren,<br />

geschichtsbesessen klugen Romans<br />

– die Raketen also, die in dieser<br />

Silvesternacht gezündet werden, sie<br />

können Altfried und Odilo nicht helfen.<br />

Lange kreisen die beiden wie argwöhnische<br />

Gestirne umeinander, ohne<br />

einander wirklich nahe gekommen zu<br />

sein. <strong>Der</strong> Psychiater Altfried erzählt<br />

seine und Odilos Geschichte im Rückblick:<br />

Odilo ist tödlich verunglückt, in<br />

einem Wagen, der nachts ohne Licht<br />

unterwegs war. Seither gerät das Leben<br />

des Zurückgelassenen aus den Fugen.<br />

<strong>Der</strong> Psychiater arbeitet in einer Anstalt,<br />

die in einem Barockschloss im<br />

Osten der Republik untergebracht ist.<br />

In dem verkommenen Bau rieseln die<br />

Ornamente vom Putz, und die Patienten<br />

sind vor allem «Wendeopfer», die<br />

das Ende der DDR mit verschiedenen<br />

Wahngebilden beantworten. Altfrieds<br />

lapidarer erster Satz: «Die Sonne bröckelt»<br />

hat also eine materialbedingte<br />

Seite, denn im Speisesaal blättert das<br />

barocke Zentralgestirn von der Decke.<br />

Vor allem aber lässt «Die Sonnenposition»<br />

eine poetische Ruinenlandschaft<br />

entstehen, in der Denkgebäude<br />

und Psycho-Schutzhüllen<br />

auseinanderbrechen.<br />

Altfrieds Zentralgestirn war lange<br />

Zeit Odilo, ein verschrobener Biolumineszenz-Forscher.<br />

Er erforscht Leuchttiere,<br />

Fische, Quallen oder Mäuse, die<br />

im Labor entsprechend behandelt<br />

wurden. Als Lichtsucher ist er auch<br />

ein Fürst der Finsternis, denn das Helle,<br />

verrät dieser camouflage-trainierte<br />

Barockroman, kann nur aus dem<br />

Dunklen kommen. Jedes Teil morpht<br />

sich in sein Gegenteil, und diese Umkehrung<br />

geht mit einer Art freudigem<br />

Furor vonstatten. Das «Trümmerhafte»,<br />

wie es bei Walter Benjamin heißt,<br />

legt ständig neue, vielversprechende<br />

Bruchkanten frei. Altfried zum Beispiel<br />

wirkt weich und durchlässig, aber<br />

das Gegenteil ist der Fall. <strong>Der</strong> Psychiater<br />

hat etwas Kugelhaftes, was seine<br />

Umgebung zur Fehlannahme verleitet,<br />

dass er ein gemütlicher Charakter sei.<br />

Er selbst sieht sich als Bitterorange, als<br />

Pomeranze aus dem Schlossgarten: Er<br />

sei eine hartschalige Panzerbeere.<br />

Diese Panzerbeere also ist angezogen<br />

von Odilos düsterer Genialität und<br />

scheinbarer Bedürfnislosigkeit. Marion<br />

Poschmann portraitiert den jungen<br />

Forscher an der Grenze zur Komplettverschrullung:<br />

«Er wedelte mit einem<br />

antistatischen Tuch über den Porzellanpfau,<br />

der unentwegt einstaubte. Er<br />

besprühte Orchideen.» Trotzdem wird<br />

der Lichtforscher nie der Lächerlichkeit<br />

preisgegeben. Natürlich erkennt<br />

der Psychiater, dass ihm nur die Eckermann-Rolle<br />

bleibt: «Ich jedoch flog<br />

unaufhörlich auf ihn zu, mottenhaft<br />

gegen die Scheibe, ein dummes kleines<br />

Insekt, das angezogen blieb von<br />

einem kalten Licht.» Zudem entdeckt<br />

er, dass Odilo ihm eine Affäre mit seiner,<br />

Altfrieds, Schwester verheimlichte,<br />

eine Freundes- und Geschwisterliebe<br />

über Bande gewissermaßen.<br />

Diese Geschichten – der Bruder,<br />

die Schwester, das Schloss – sind<br />

aber nur Einzelornamente im großen<br />

Sprachflechtwerk des Romans.<br />

Marion Poschmann untersucht in ihrer<br />

Lyrik und Prosa, wie Landschaften<br />

und Charaktere einander durchdringen.<br />

«Die Sonnenposition» ist in<br />

ähnlicher Weise raumfixiert, was an<br />

Altfrieds bizarrem Hobby liegt: Er<br />

ist ein Erlkönig-Jäger, das heißt, er<br />

sucht nach getarnten Auto-Prototypen,<br />

die man Erlkönige nennt.<br />

Dafür camoufliert er sich auch<br />

selbst, das heißt, er verschmilzt bis<br />

zur Unkenntlichkeit mit den ödesten<br />

Umgebungen: «Parkbank werden.<br />

Telefonzelle werden. Verkehrsschild<br />

werden.» Aber er betreibt<br />

eine viel radikalere Mimikry: Altfried<br />

nistet sich in den «barocken<br />

Falten des Denkens» ein, er baut<br />

sich «Gedächtnispaläste» nach dem<br />

Vorbild antiker Memorierkunst, er<br />

folgt seinen Erinnerungsaufgaben,<br />

wohl wissend, dass er sie nicht lösen<br />

kann. Dazu zählt, dass sein Vater als<br />

Kriegswaise auf Schloss Sonnenstein<br />

interniert war, der einstigen Nazi-<br />

Tötungsanstalt für psychisch Kranke.<br />

«Die Sonnenposition» erzählt<br />

auch eine deutsche Enkelgeschichte<br />

– und hebt sich dabei vom hilflosen<br />

Erinnerungsrealismus dieser<br />

Gattung aufs Deutlichste ab.<br />

<strong>Der</strong> phantastischste und zugleich<br />

philosophischste Einfall dieses Barockromans<br />

aber ist die Biolumineszenz.<br />

Das tierische Leuchten heißt<br />

Luziferase, Odilo ist der «sol invictus»,<br />

wie es einmal heißt, der römische<br />

Sonnengott. Und er ist Luzifer, ein gefallener<br />

Lichtengel, der mit der «Substanz<br />

des schönen Scheins» hantiert.<br />

Altfried ist sein heimlicher Gegenspieler.<br />

Selten hat ein Roman sowohl die<br />

Lichtsucht als auch das Tarngrau verschiedenster<br />

Zeiten so großartig zum<br />

Funkeln gebracht. Jutta Person<br />

Marion Poschmann<br />

Die Sonnenposition.<br />

Roman<br />

Suhrkamp, Berlin 2013.<br />

340 S., 19,95 €<br />

Literaturen 03/2013<br />

62


Monopol<br />

München<br />

<strong>Der</strong> neue Kunst- und Kulturführer im Magazinformat<br />

Monopol München, der neue Kunst- und Kulturführer im<br />

Magazinformat speziell für München. Mit Interviews, Fotostrecken,<br />

Reportagen und einem großen Serviceteil. Es werden<br />

Menschen, Dinge und Orte vorgestellt, die das kulturelle<br />

Leben der Isar-Metropole aufregend und einzigartig machen.<br />

Ab 10.9. im Handel<br />

oder hier vorbestellen:<br />

Monopol-Leserservice, 20080 Hamburg<br />

Telefon +49 (0) 30 3 46 46 56 46<br />

Telefax +49 (0) 30 3 46 46 56 65<br />

Bestellnr.: 984045<br />

www.monopol-magazin.de/muenchen


Im Liebes-<br />

Theater<br />

Martin Walsers neuer<br />

Roman inszeniert<br />

einen Wunschtraum<br />

vom Glück<br />

Ein Krankenhauszimmer als Theaterbühne.<br />

Mehr braucht Martin Walser<br />

nicht für seine Inszenierung großer<br />

Gefühle. <strong>Der</strong> «mit Prominenz gepanzerte»<br />

Regisseur Augustus Baum<br />

ist während der Proben für Tschechows<br />

«Möwe» zusammengebrochen<br />

und wird nun im Krankenhaus von<br />

seiner Geliebten, der Nachtschwester<br />

Ute-Marie, und seiner Ehefrau, der<br />

Ärztin Gerda, versorgt – von der einen<br />

mit Leidenschaft und sexueller Hingabe,<br />

von der anderen mit Müsli als Gesundungsfrühstück<br />

und mit unersetzlicher<br />

Vertrautheit.<br />

Das ist trivial und darf es auch<br />

sein, denn schließlich ist alles, was geschieht,<br />

Teil einer Inszenierung. Mit<br />

beiden Frauen verbindet Augustus<br />

ein Verhältnis, das in seiner Unterschiedlichkeit<br />

mit dem Begriff «Liebe»<br />

nur ungenau beschrieben wäre. «Liebe<br />

gibt es eben in Tonarten, die miteinander<br />

nicht verwandt sind», sagt der<br />

gar nicht so krank und schwach wirkende<br />

Regisseur mit dem imperialen<br />

Namen, dem er aber, wie sich zeigen<br />

wird, nicht ganz gewachsen ist.<br />

Die verschiedenen Tonarten der<br />

Liebe neben- und miteinander erklingen<br />

zu lassen, so dass sie einander weniger<br />

stören als stützen, das ist fast so<br />

etwas wie das Lebensthema des Erzählers<br />

Martin Walser, von seinen frühen<br />

Romanen der Anselm-Kristlein-Trilogie<br />

bis hin zu seinem Spätwerk seit<br />

«<strong>Der</strong> Augenblick der Liebe» (2004).<br />

Immer wieder variiert er seither die<br />

erotische Dreifaltigkeit als Utopie, um<br />

nach Lösungsmöglichkeiten für diese<br />

konfliktreiche Grundkonstellation<br />

zu suchen. Zuletzt, in «Das dreizehnte<br />

Kapitel» (2012), geschah das in Form<br />

eines Briefwechsels. Jetzt, in «Die Inszenierung»,<br />

ist es ein Theaterstück, jedenfalls<br />

ein Roman in Dialogform, in<br />

dem der klassische Erzähler bis auf ein<br />

paar knappe Regieanweisungen ausgedient<br />

hat.<br />

Es ist, als ob Walser die Romanform<br />

zu eng geworden wäre, als ob er<br />

nicht mehr bereit wäre, die Allwissenheitsillusion<br />

einer souveränen Erzählerstimme<br />

herzustellen. Stattdessen<br />

soll jede der auftretenden Figuren ungebrochen<br />

und ungefiltert zur Sprache<br />

kommen. Ein philosophisch orientierter<br />

Freund des darniederliegenden Regisseurs<br />

bietet Platon als Vorbild dieser<br />

Geisteshaltung an: «Platon hat als<br />

erster Schluss gemacht mit dem Darüberschreiben.<br />

Direkte Rede! Rede<br />

und Widerrede! Spruch und Widerspruch!<br />

Anstatt die Tonart des jeden<br />

Widerspruch erstickenden, monologisch-monomanen<br />

Behauptens fortzusetzen!»<br />

Es ist klar, dass diese Einsicht<br />

Konsequenzen hat. <strong>Der</strong> konventionelle<br />

Roman ist damit obsolet,<br />

Walser hebt ihn auf im Theater. Dies<br />

ist die Form, in der er seiner Tendenz<br />

zum «Nicht mehr Rechthaben müssen»<br />

nachgeben kann. Statt des kritischen<br />

Redens über bestimmte Menschen<br />

und Positionen zieht er es vor,<br />

mit ihnen zu sprechen und die jeweiligen<br />

subjektiven Wahrheiten nebeneinander<br />

gelten zu lassen.<br />

«Die Inszenierung» handelt von einer<br />

(scheiternden) Tschechow-Inszenierung,<br />

doch auch im Krankenzimmer,<br />

wo die Besucher(innen) sich die<br />

Klinke in die Hand geben, wird nichts<br />

als Theater gespielt. Vielleicht, so eine<br />

mögliche Lesart dieses Kammerspiels,<br />

ist die Liebe selbst nichts anderes als<br />

eine Inszenierung, die die Bereitschaft<br />

voraussetzt, an die selbst hervorgebrachten<br />

Illusionen zu glauben. Augustus<br />

weiß, dass auch der Regisseur<br />

den Regisseur immer nur spielt, dass<br />

er also Teil seiner theatralischen Versuchsanordnung<br />

ist. Das ändert aber<br />

nichts daran, dass das, was so entsteht,<br />

echt ist und dass die Gefühle unerbittlich<br />

Wirklichkeit beanspruchen. Ehefrau<br />

Gerda ist diejenige, die das am<br />

genauesten verstanden hat. Sie publiziert<br />

ein Buch mit dem Titel «Abhängigkeit,<br />

Wahn und Wirklichkeit», in<br />

dem sie Abhängigkeit als Ursache aller<br />

Krankheiten bezeichnet. Ihr Gatte<br />

bietet ihr dafür genügend Anschauungsmaterial.<br />

Gemeinsam deklinieren<br />

sie das Geheimnis der Ehe als «Kunstwerk<br />

der Verheimlichung» durch:<br />

«Zuerst Schweigen, dann Verschweigen,<br />

dann Verheimlichung, dann Geheimhaltung.<br />

(…) Die Geheimhaltung<br />

ist das, was uns miteinander verbindet.»<br />

Doch gerade diese Kunst will<br />

Augustus nicht gelingen, noch nicht<br />

einmal gegenüber sich selbst vielleicht,<br />

weil ihm nach seinem Zusammenbruch<br />

die Kraft fürs Verschweigen<br />

fehlt. Und damit nimmt das Drama<br />

seinen Lauf.<br />

Martin Walser vergrößert und<br />

übersteigert die gegenseitigen Idealisierungen<br />

und Spiegelungen der Liebenden<br />

im Krankenhaus geradezu genüsslich,<br />

um sie bis in den Schmerz<br />

des Verzichtenmüssens hinein auszukosten.<br />

Das Walser’sche «Unglücksglück»<br />

ist schließlich das einzig mögliche,<br />

das «alles enthaltende, alles spendende,<br />

alles wendende Glück». Wenn<br />

es am Ende zur großen Versöhnung<br />

kommt und zum utopischen Hände-<br />

Ineinanderlegen der beiden gegensätzlichen<br />

Frauen an Augustus’ Bett, dann<br />

ist dies reine Inszenierung: Wunschtraum<br />

und nichts als Theater. Nur hier<br />

kann gelingen, was das Leben nicht<br />

vorsieht. Martin Walser beweist es mit<br />

diesem radikalen, auf mildernde Umstände<br />

ganz und gar verzichtenden<br />

Stück.<br />

Jörg Magenau<br />

Martin Walser<br />

Die Inszenierung. Roman<br />

Rowohlt, Hamburg 2013.<br />

160 S., 18,95 €<br />

Literaturen 03/2013<br />

64


Realität<br />

beißt Held<br />

William Boyds James<br />

Bond ist eine echte<br />

Doppel-Null<br />

Zuerst ist es nur eine Ahnung, dann<br />

steht es da, wie mit der Walther PPK<br />

eingestanzt: «Agenten waren schließlich<br />

auch nur Menschen.» Wie bitte?<br />

Das riecht gefährlich nach Verrat<br />

am Mythos, steht James Bond doch<br />

für Weltrettung mit Stil. So etwas können<br />

aus Comics entsprungene Superhelden<br />

nicht, Menschen aber noch<br />

viel weniger. William Boyd bricht in<br />

seinem im Jahre 1969 angesiedelten<br />

Bond-Roman «Solo» nicht nur mit<br />

dem Leinwand-Action-Bond, sondern<br />

auch mit Ian Flemings Vorlage:<br />

Er lässt Agent 007 lange unter falscher<br />

Identität ermitteln und verzichtet auf<br />

eine neognostische Gut-Böse-Verteilung<br />

– Letzteres so nachhaltig, dass<br />

sich der Autor schließlich nur mit einer<br />

arg plumpen Schurkisierung der<br />

einen Seite aus der Affäre ziehen kann.<br />

Stilistisch schwankt das Buch zwischen<br />

mittelmäßig und unbeholfen:<br />

«Seltsam, dass diese Frau im Lift aufgetaucht<br />

war, noch seltsamer, dass<br />

sie seinen Geburtstag erraten hatte …<br />

Komischer Zufall.» Inhaltlich aber ist<br />

hier ein überraschender Roman herausgekommen.<br />

Schon Bonds Mission<br />

ist ethisch anrüchig: Er soll in einen<br />

westafrikanischen Bürgerkrieg<br />

eingreifen und einen Militärstrategen<br />

ausschalten, mit dessen Hilfe ein kleiner<br />

Stamm sein Siedlungsgebiet erfolgreich<br />

verteidigt. Die britische Regierung<br />

aber steht aufgrund handfester<br />

Interessen (Öl!) auf Seiten der Aggressoren.<br />

<strong>Der</strong> Protagonist erweist sich<br />

überhaupt als Spielball undurchschaubarer<br />

Mächte. Nach zwei Dritteln des<br />

Buches hat er eigentlich noch nichts<br />

geleistet – ein militärisches Bravourstückchen<br />

ausgenommen; dies allerdings<br />

für die Gegenseite, um sich dort<br />

einzuschmeicheln. Selbst der schmutzige<br />

Auftrag scheint sich wie von allein<br />

zu erfüllen: Bonds Beitrag zur Beendigung<br />

des Bürgerkriegs ist lächerlich<br />

gering. Nach einem grausamen Mord<br />

(der ohne Bond nicht geschehen wäre)<br />

startet er in Eigenregie – daher das titelgebende<br />

«Solo» – einen Rachefeldzug,<br />

der wiederum eine intelligentere<br />

Lösung vereitelt. Bond, man kann es<br />

nicht anders sagen, ist überflüssig in<br />

diesem Bond-Roman, und das ist noch<br />

die wohlwollendste Lesart. Diese subversiv-ironische<br />

Häresie mag postkolonial<br />

korrekt sein und zum geheimdienstkritischen<br />

Zeitgeist passen. Aber<br />

wollen wir tatsächlich auf unseren elegantesten<br />

kalten Krieger verzichten?<br />

Eine paradoxe Kastration kommt<br />

noch hinzu: Weil Boyd das Macho-<br />

Image Bonds nicht gänzlich ignorieren<br />

durfte, hat er seinem sonst besonnen<br />

räsonierenden Helden Virilitätsattacken<br />

angedichtet, die wie ein<br />

schlechter Witz wirken. Beim Anblick<br />

einer Frau setzt Bonds Verstand aus,<br />

alle narrative Raffinesse ebenso: «<strong>Der</strong><br />

enganliegende Stoff brachte ihre vollen<br />

Brüste zur Geltung, wie Bond anerkennend<br />

registrierte.» «Er spürte ein<br />

Aufzucken animalischen Begehrens in<br />

den Lenden.» «Er (…) bewunderte die<br />

Brüste der jungen Frau am Nebentisch,<br />

die samt der kleinen Brustwarzen unter<br />

ihrer transparenten Gazebluse deutlich<br />

zu erkennen waren.» Handlanger von<br />

Unterdrückern und trauriger Spanner<br />

– eine wahre Doppelnull, dieser<br />

Boyd-Bond! Dabei wäre die Zeit reif<br />

gewesen für einen charismatisch-intelligenten<br />

Alpha-Mann, der sich, Big Ben<br />

voran, durch die Geschichte kämpfte.<br />

<br />

Oliver Jungen<br />

William Boyd<br />

Solo. Roman<br />

Aus dem Englischen von Petra<br />

Klobusicky.<br />

Berlin Verlag, Berlin 2013.<br />

368 S., 19,99 €<br />

€ 20,00 [D]<br />

ISBN 978-3-424-35088-3<br />

»Das Buch ist reich an<br />

triftigen Sätzen. Ebenso<br />

reich an Geheimnissen,<br />

und zwar nicht an solchen,<br />

die schwerdeutsch im international<br />

berüchtigten<br />

Sinn des Wortes daherkämen,<br />

sondern an leichten<br />

und federnden.«<br />

Lorenz Jäger in der<br />

Frankfurter Allgemeinen Zeitung<br />

<strong>Der</strong> Falkenblick<br />

des Meisters<br />

65


No. 111 | Herbst 2013<br />

Bummbumm!<br />

Sven Regener setzt<br />

seine Geschichte<br />

der Verpeilten und<br />

Verquasten fort<br />

«Das Bummbumm darf niemals aufhören»,<br />

hatten sie mal ihr Manifest<br />

überschrieben: Schlagzeuger Ferdi,<br />

Bassist Raimund und Installationskünstler<br />

Karl «Charlie» Schmidt. Zusammen<br />

waren sie «Glitterschnitter»,<br />

die experimentelle Band des «deutschen<br />

Dance» im alten West-Berlin,<br />

und ahnten nicht, dass das große elektronische<br />

«Bummbumm» nach 1989<br />

noch mächtig anschwellen und Hundertausende<br />

in Clubs und auf Raves<br />

ziehen würde.<br />

Diese Steigerung fand ohne Charlie<br />

Schmidt statt. Kurz vor dem Mauerfall<br />

musste ihn sein bester Freund Frank<br />

Lehmann wegen Nervenzusammenbruchs<br />

in einer Klinik abliefern – so<br />

weit bekannt aus Sven Regeners Erstling<br />

«Herr Lehmann». Nach zwei Romanen<br />

über die Jugend Lehmanns<br />

spult Regener mit «Magical Mystery»<br />

nun das Leben seiner Verpeilten und<br />

Verquasten bis ins Jahr 1994 vor, lässt<br />

aber diesmal Charlie erzählen. <strong>Der</strong> hat<br />

während fünf Jahren im «Trockendock»<br />

einer therapeutischen Wohngruppe<br />

und Hilfshausmeister in Hamburg-Altona<br />

keinen Kontakt mehr<br />

zum Berliner Biotop. Zufällig trifft er<br />

Raimund, der den Zwangsabstinenzler<br />

umgehend als Fahrer für eine Techno-<br />

DJ-Tournee namens «Magical Mystery»<br />

verpflichtet.<br />

Charlie haut ab nach Berlin und<br />

tourt ab sofort mit Acts wie Hosti<br />

Bros, Odo und Rama Noise oder DJ<br />

Schöpfi durch die Republik. Auf seinen<br />

Fersen: Werner, der «alte Sozpäd-<br />

Titan» und WG-Leiter, der meint, sein<br />

Schützling schulde der Gruppe ein<br />

Abschlussgespräch.<br />

Den Erzähler wie einen Alien<br />

in das Leben seiner mit dem Label<br />

«Bummbumm» reich und berühmt<br />

gewordenen alten Freunde zu schicken,<br />

ist ein Kunstgriff, der gut funktioniert.<br />

Das «lustige und kaputte» Spiel<br />

von damals ist nicht mehr dasselbe,<br />

ihr aktuelles Verhältnis zu Kunst und<br />

Kommerz, Arbeit und Spaß bleibt verschwommen.<br />

Und Karl Schmidt muss<br />

herausfinden, was er mit dem Rest<br />

seines Lebens anfangen will. Er sucht<br />

das alte Gefühl der Unverwundbarkeit,<br />

doch bleibt ihm zunächst nur das<br />

leicht panische Aufzählen seiner Alltagstätigkeiten<br />

in allen Details. Hier<br />

erfüllt das Stilmittel Regener’scher Laber-Attacken<br />

also auch einen praktischen<br />

Zweck: Sie bilden sein kleines<br />

Bummbumm, das ihm hilft, durch die<br />

Tage zu kommen, ohne dass ihn «das<br />

dunkle Gefühl» überfällt.<br />

Wer in einem Roman ein sich<br />

sprachlich einigermaßen ökonomisch<br />

artikulierendes Personal erwartet,<br />

wird dieses Buch irgendwann über<br />

die Couchlehne schleudern. Wenn<br />

man aber auch gegen Raimunds und<br />

Ferdis Salbadern im Techno-Jargon<br />

eher immun ist und sich an der forcierten<br />

Verschrobenheit mancher<br />

Wortschöpfungen («Hausmeisterholiker»)<br />

und Einfälle (die Tour wird begleitet<br />

von zwei Meerschweinchen)<br />

nicht stört, macht «Magical Mystery»<br />

durchaus Spaß. Nebenbei erfährt<br />

man, dass Herr Lehmann jetzt Gastro<br />

für Mega-Raves macht. Und entdeckt<br />

mit Charlie sein persönliches «Magical<br />

Mystery»: dass sie neben dem alten<br />

Berlin seiner Niederlage «noch eine<br />

neue Stadt aufgemacht hatten, in der<br />

ich noch einmal von vorne anfangen<br />

konnte». Annette Zerpner<br />

Sven Regener<br />

Magical Mystery oder<br />

Die Rückkehr des Karl<br />

Schmidt. Roman<br />

Galiani, Berlin 2013.<br />

420 S.,19,99 €<br />

Impressum<br />

Ringier Publishing GmbH SEELENVERWANDTE<br />

Literaturen No. 111 Herbst/2013<br />

Literaturen<br />

Die Zeitschrift für Leser<br />

www.literaturen.de<br />

Ein Verlag, eine<br />

Familie: C. H. Beck<br />

wird 250<br />

David Wagner:<br />

Auf dem<br />

Alexanderplatz<br />

SEELENVERWANDTE<br />

Sieben Liebeserklärungen<br />

von Schriftstellern an Schriftsteller<br />

LITERATUREN<br />

14. JahRGang, SOMMER 2013<br />

Verleger Michael Ringier<br />

Redaktion Ronald Düker (Sachbuch),<br />

Frauke Meyer-Gosau (Belletristik & V.i.S.d.P.)<br />

Bildredaktion Kristin Loschert<br />

Artdirection Anja Büchner<br />

Produktion Utz Zimmermann<br />

geschäftsführung Michael Voss<br />

Vertriebsleitung Thorsten Thierhoff<br />

Marketing Mark Siegmann<br />

Herstellung Lutz Fricke<br />

Projektleitung<br />

Erwin Böck<br />

Tel.: 030 981941-134, Fax -199<br />

E-Mail: erwin.boeck@ringier.de<br />

Anzeigen+Online-Buchmarkt<br />

Thomas Laschinski · PremiumContentMedia<br />

Tel.: 030 609859-30, Fax -33<br />

E-Mail: advertisebooks@laschinski.com<br />

Druck/Litho Neef+Stumme, Wittingen<br />

LeserseRVICe: Literaturen/<strong>Cicero</strong> Leserservice<br />

20080 Hamburg, Telefon 030 346465656<br />

E-Mail: literaturen@ringier.de<br />

Online: www.cicero.de/literaturen/abo<br />

Literaturen erscheint als Magazin in <strong>Cicero</strong><br />

Ringier Publishing GmbH<br />

Friedrichstr. 140, 10117 Berlin<br />

E-Mail: literaturen@ringier.de<br />

Redaktion Tel.: 030 981940-155, Fax -199<br />

Verlag Tel.: 030 981941-100, Fax -199<br />

Eine Publikation der Ringier Gruppe<br />

Alle Rechte Ringier Publishing GmbH.<br />

Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung<br />

des Verlages. Für unaufgefordert eingesandte<br />

Bücher, Fotos und Manuskripte keine Gewähr.<br />

Leserbriefe werden ggf. gekürzt veröffentlicht.<br />

Wir behalten uns vor, Leserbriefe im Internet<br />

unter www.literaturen.de zu veröffentlichen. Bei<br />

Nichtlieferung infolge höherer Gewalt oder<br />

infolge von Störungen des Arbeitsfriedens<br />

bestehen keine Ansprüche gegen den Verlag.<br />

ISSN-Nr. 1616-3451<br />

Hypnose und<br />

Krise: <strong>Der</strong> neue<br />

Kehlmann<br />

Buchmesse:<br />

Literaturland<br />

Brasilien<br />

66


Literaturen-Bestenliste<br />

Belletristik<br />

Sachbuch<br />

1<br />

Terézia Mora<br />

Das Ungeheuer<br />

(Luchterhand) (siehe dieses Heft S. 42)<br />

1<br />

Swetlana Alexijewitsch<br />

Secondhand-Zeit<br />

Hanser Berlin<br />

44 <strong>Punk</strong>te<br />

36 <strong>Punk</strong>te<br />

2<br />

James Salter<br />

Alles was ist<br />

Berlin Verlag<br />

2<br />

Andreas Platthaus<br />

1813<br />

Rowohlt<br />

39 <strong>Punk</strong>te<br />

26 <strong>Punk</strong>te<br />

3<br />

Imre Kertész<br />

Letzte Einkehr<br />

Rowohlt<br />

3<br />

Niels Werber<br />

Ameisengesellschaft<br />

S. Fischer<br />

37 <strong>Punk</strong>te<br />

25 <strong>Punk</strong>te<br />

3<br />

Marion Poschmann<br />

Die Sonnenposition<br />

Suhrkamp (siehe dieses Heft S. 62)<br />

4<br />

Blumenberg / Taubes<br />

Briefwechsel 1961-1981<br />

Suhrkamp<br />

37 <strong>Punk</strong>te<br />

24 <strong>Punk</strong>te<br />

4<br />

Clemens Meyer<br />

Im Stein<br />

S. Fischer (siehe dieses Heft S.43)<br />

5<br />

Jochen Missfeldt<br />

Du graue Stadt am Meer<br />

Hanser<br />

5<br />

6<br />

34 <strong>Punk</strong>te<br />

Urs Widmer<br />

Reise an den Rand des<br />

Universums<br />

Diogenes<br />

31 <strong>Punk</strong>te<br />

Daniel Kehlmann<br />

F<br />

Rowohlt (siehe dieses Heft S. 39)<br />

6<br />

7<br />

22 <strong>Punk</strong>te<br />

Antonio Callado<br />

<strong>Der</strong> Tote im See<br />

Berenberg (siehe dieses Heft S. 36)<br />

20 <strong>Punk</strong>te<br />

Jonathan Sperber<br />

Karl Marx<br />

C. H. Beck<br />

7<br />

8<br />

9<br />

30 <strong>Punk</strong>te<br />

Monika Zeiner<br />

Die Ordnung der Sterne über<br />

Como<br />

Blumenbar<br />

23 <strong>Punk</strong>te<br />

Patrick Modiano<br />

<strong>Der</strong> Horizont<br />

Hanser<br />

18 <strong>Punk</strong>te<br />

Martin Walser<br />

Die Inszenierung<br />

Rowohlt (siehe dieses Heft S. 64)<br />

8<br />

9<br />

9<br />

19 <strong>Punk</strong>te<br />

Edgar Wolfrum<br />

Rot-Grün an der Macht<br />

C. H. Beck<br />

17 <strong>Punk</strong>te<br />

Rüdiger Safranski<br />

Goethe<br />

Hanser<br />

12 <strong>Punk</strong>te<br />

Gerd Ruge<br />

Unterwegs<br />

Hanser Berlin<br />

12 <strong>Punk</strong>te<br />

15 <strong>Punk</strong>te<br />

Literaturen 03/2013<br />

Literaturen-Jury BELLETRISTIK<br />

Maike Albath Freie Literaturkritikerin Verena Auffermann<br />

Freie Literaturkritikerin Gregor Dotzauer Tagesspiegel<br />

Ina Hartwig Freie Literaturkritikerin Oliver Jungen<br />

Freier Literaturkritiker Richard Kämmerlings Die<br />

Welt Ursula März Die Zeit Jörg Magenau Freier<br />

Literaturkritiker Frauke Meyer-Gosau Literaturen<br />

Klaus nüchtern Falter Pia Reinacher Freie<br />

Literaturkritikerin Daniela Strigl Universität Wien<br />

Literaturen-Jury SACHBUCH<br />

Franziska Augstein Süddeutsche Zeitung Ronald Düker Literaturen<br />

Walter Filz SWR Eckhard Fuhr Die Welt Ernst A. Grandits 3sat<br />

Jürgen Kaube Frankfurter Allgemeine Zeitung Susanne Mayer<br />

Die Zeit Jutta Person Freie Kritikerin Stephan Schlak Zeitschrift<br />

für Ideengeschichte Ralf Müller-Schmid Deutschlandradio<br />

Gert Scobel ZDF<br />

Zum Verfahren: Jeder Juror wählt seine persönlichen Top-Ten-Titel aus. Für Platz 1 gibt es 10 <strong>Punk</strong>te, Platz 2 erhält 9 <strong>Punk</strong>te, bis hinunter zu Platz 10 mit einem <strong>Punk</strong>t.<br />

Aus der Summe der <strong>Punk</strong>tzahlen ergibt sich die Platzierung auf der Literaturen-Bestenliste<br />

67


SchMIDTs kolumne<br />

Gentrifizierung<br />

Internationale Immobilienspekulanten nehmen von<br />

unseren Wohnungen Besitz – sie vollenden nur, womit<br />

unsere Kinder einst angefangen haben<br />

Von Jochen SCHMIDT<br />

Jochen SchMIDT,<br />

1970 geboren, ist freier<br />

Schriftsteller und lebt<br />

in Berlin. Er ist Mitbegründer<br />

der Lesebühne<br />

«Chaussee der Enthusiasten»<br />

und Mitglied<br />

der deutschen Autoren-<br />

Nationalmannschaft<br />

Eigentlich hatte ich in meiner<br />

Wohnung immer das Schlafzimmer<br />

bevorzugt: Vom Bett<br />

aus konnte man den Mond<br />

sehen, und wenn man morgens das<br />

Fenster öffnete, hörte man die Vögel<br />

zwitschern. Doch dann verdrängten<br />

Sandmännchen-Poster meine Che-<br />

Guevara-Plakate, Alkohol war plötzlich<br />

tabu, und abends musste man strikte<br />

Ruhe halten. Ich zog weiter ins Wohnzimmer,<br />

das sich als viel attraktiver herausstellte.<br />

Besonders beeindruckte mich<br />

das reiche kulturelle Angebot. Aber als<br />

das Kind größer wurde, wollte es auch<br />

immer mehr Zeit im Wohnzimmer verbringen,<br />

es dauerte nicht lange, bis im<br />

Fernsehen nur noch Kindersendungen<br />

eingeschaltet wurden, und es durften<br />

keine Scherben mehr rumliegen.<br />

Also, ich bin ja auch für Sauberkeit, aber die Deutschen<br />

übertreiben es immer gleich. Mir blieb nichts anderes übrig,<br />

als auf den Balkon auszuweichen, es war nämlich gar<br />

nicht spießig, Blumen zu gießen. Ich schuf mir eine kleine<br />

Oase, mitten in der Stadt, indem ich beim Blumenhändler<br />

einen Gingko kaufte. Wenn ich zum Wasserholen durch<br />

mein ehemaliges Wohnzimmer ging, das jetzt von meinem<br />

Kind bewohnt wurde, ärgerte es mich, dass das Kind überhaupt<br />

keine Ahnung davon hatte, wie die Lebensbedingungen<br />

im Wohnzimmer vor seiner Geburt gewesen waren.<br />

Aber im Grunde hatte ich es ja viel schöner auf dem Balkon,<br />

auch wenn er kein Dach hatte und ich manchmal nass<br />

wurde und im Winter entsetzlich fror. Auf den anderen Balkonen<br />

lebten auch Eltern, die viel netter<br />

waren als die, die sich ein eigenes<br />

Wohnzimmer leisten konnten. Wir riefen<br />

uns Tipps zu, wie wir uns gegen unsere<br />

Kinder wehren konnten, und welche<br />

unserer Pflanzen winterhart waren<br />

oder ein bisschen Stroh brauchten als<br />

Abdeckung. Im Schlafzimmer waren<br />

inzwischen spanische Freunde unserer<br />

Kinder eingezogen, die fanden es dort<br />

total entspannt und preiswert, manchmal<br />

verirrte sich einer von ihnen zu mir<br />

auf den Balkon, und ich erzählte ihm,<br />

wie es im Schlafzimmer früher gewesen<br />

war. Mein Kind beklagte sich inzwischen,<br />

dass ich beim Wasserholen auf<br />

dem Weg zur Küche durchs Wohnzimmer<br />

ging, es hätte den Durchgang gern<br />

gesperrt. Vor Gericht bekam es Recht,<br />

ich konnte deshalb nicht mehr auf dem<br />

Balkon wohnen. Jetzt hatte ich die Wahl, ob ich in die Küche<br />

ausweichen wollte – oder lieber gleich aufs Klo? Auch<br />

dort konnte man ein lebendiges Kulturleben aufziehen, die<br />

Akustik war hervorragend, und wenn man den Kopf in<br />

die Schüssel steckte, konnte man sich mit anderen Klobewohnern<br />

unterhalten. Allerdings haben die Spanier inzwischen<br />

Interesse am Wohnzimmer angemeldet, und der Balkon<br />

steht leer, weil Dänen ihn gekauft haben, um dort den<br />

Sommer zu verbringen. Sie klagen gegen mein Kind, weil<br />

sie einen freien Zugang zur Küche wollen. Deshalb habe ich<br />

Angst, dass mein Kind mein Klo in ein Eigentumsklo umwandeln<br />

lässt. Ich habe mir schon mal den Keller angesehen<br />

und überlegt, was man daran cool finden könnte.<br />

Literaturen 03/2013 Illustration: XXX<br />

68


Edition<br />

11 Spieler –<br />

11 Positionen –<br />

11 Jahrzehnte.<br />

Auch als eBook<br />

erhältlich!<br />

Die Jahrhundertelf stellt in spannenden Portraits elf Spieler vor, die durch elf Jahrzehnte hindurch,<br />

von 1903 bis heute, die deutsche Fußballgeschichte mitgeprägt haben. Angefangen bei Theodor<br />

Schöffler, dem ersten deutschen Marathonsieger und Mitbegründer des DFB, über Bernd Trautmann,<br />

dem englischen Kriegsgefangenen und legendären deutschen Torwart von Manchester<br />

City, bis zu Gerald Asamoah, dem ersten in Afrika geborenen deutschen Nationalspieler. Gerhard<br />

Fischer, SZ-Redakteur, zeichnet Ihre Geschichten vor dem Hintergrund ihrer Zeit auf. Eine ganz<br />

besondere Elf und ein Muss für jeden Fußballkenner.<br />

Jetzt für 12,90 € überall im Handel, unter www.sz-shop.de<br />

oder im Service Zentrum der Süddeutschen Zeitung,<br />

Fürstenfelder Str. 7, 80331 München.


www.fwiefiktion.de<br />

BISLANG WAR F<br />

NUR IRGENDEIN BUCHSTABE<br />

<strong>Der</strong> neue Roman von Daniel Kehlmann<br />

© AWR, München

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