Cicero Der Dichter-Punk (Vorschau)
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Nº10<br />
OKTOBER<br />
2013<br />
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<strong>Der</strong><br />
<strong>Dichter</strong>-<br />
<strong>Punk</strong><br />
Unsere<br />
Augsteins<br />
Ein Familienclan im<br />
„Spiegel“-Clinch<br />
Mein Freund,<br />
der Feind<br />
Ein Fotoessay aus<br />
Israel und Palästina<br />
Berserker der Gerechtigkeit,<br />
Ahnherr der Empörten:<br />
Warum GEORG BÜCHNER<br />
so aktuell ist wie nie<br />
Österreich: 8.50 €, Benelux: 9.50 €, Italien: 9.50 €<br />
Spanien: 9.50 € , Finnland: 12.80 €<br />
10<br />
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Atticus<br />
N °-10<br />
<strong>Der</strong> Frühverglühte<br />
Titelbild: Olaf Hajek; Illustration: Anja Stiehler/Jutta Fricke Illustrators<br />
Mehr als 30 Jahre ist es her, dass ich<br />
diesen Einstieg zum ersten Mal<br />
gelesen habe. Er elektrisiert mich bis<br />
heute: „Den 20. Jänner ging Lenz durchs<br />
Gebirg.“ Was für ein lakonischer Satz<br />
zunächst, banal im Grunde, es folgt eine<br />
düster-nasskalte Bergszenerie – und dann<br />
das: „Müdigkeit spürte er keine, nur war<br />
es ihm manchmal unangenehm, daß er<br />
nicht auf dem Kopf gehn konnte.“ Bumm.<br />
Georg Büchner wurde am 17. Oktober<br />
1813 in Goddelau bei Darmstadt geboren.<br />
200 Jahre später hat sein Werk nichts von<br />
seiner Kraft verloren. Seine Sätze sind<br />
Starkstrom, sie klingen wie gute Riffs in<br />
einem Rocksong. Kein anderer deutscher<br />
<strong>Dichter</strong> hat mit so wenig Werk so viel<br />
Wirkung erzielt. Keiner hat pro Quadratzentimeter<br />
Text so viel Druck entfaltet<br />
wie er. Keiner hat Feinfühligkeit und<br />
Unerbittlichkeit so fulminant kombiniert.<br />
„Das wirkt wie gemalt und ist doch nur<br />
geschrieben“, urteilt Büchner-Biograf<br />
Hermann Kurzke über die Naturbeschreibungen<br />
im „Lenz“.<br />
Er hat seine Tintensäure verspritzt,<br />
um gegen die Verhältnisse aufzubegehren.<br />
Die Obrigkeit hat ihn gejagt, weil sie<br />
spürte, welch ungeheure Kraft das Wort<br />
dieses 20-Jährigen hat. Er ist der erste<br />
Empörte, ein Vorbild für all jene, die sich<br />
heute nicht mit den Umständen abfinden<br />
wollen und sich auflehnen.<br />
23 intensive Jahre, ein jäher Tod, ein<br />
früh verglühtes Genie – wie Franz<br />
Schubert, Mozart, James Dean, Jeff Buckley,<br />
Kurt Cobain. Live hard, die young, auch<br />
das ist Teil der Faszination Büchners.<br />
Unser Illustrator Olaf Hajek hat<br />
Büchner in unsere Zeit transferiert und<br />
dessen Säure-Sätze illustriert. <strong>Der</strong> Regisseur<br />
Michael Thalheimer inszeniert<br />
gerade „Woyzeck“ in Stockholm und<br />
notiert für <strong>Cicero</strong>, was Büchner so aktuell<br />
macht ( ab Seite 20 ). Die Biografen<br />
Hermann Kurzke und Jan-Christoph<br />
Hauschild streiten über ihre höchst<br />
unterschiedlichen Sichtweisen auf Büchner<br />
( ab Seite 24 ). <strong>Der</strong> Schriftsteller Georg<br />
Klein befasst sich mit dem Naturwissenschaftler<br />
im <strong>Dichter</strong> ( ab Seite 32).<br />
Und Alexander Kissler porträtiert Sibylle<br />
Lewitscharoff, die diesjährige Büchner-<br />
Preisträgerin ( Seite 116 ).<br />
Büchner wollte Veränderung, und<br />
zwar grundsätzliche. Wir wollten auch<br />
Veränderung, und zwar beherzte. Dieser<br />
<strong>Cicero</strong> erscheint erstmals in einem neuen<br />
Gewand, das ihm die Editorial-Designerin<br />
Viola Schmieskors auf den Leib geschneidert<br />
hat. Ich könnte sehr viele Worte<br />
darüber verlieren, weshalb wir dieses<br />
neue Kleid so mögen. Aber wir machen<br />
den <strong>Cicero</strong> nicht für uns, sondern für Sie.<br />
Deshalb freuen wir uns auf Ihr Urteil.<br />
Mit besten Grüßen<br />
Christoph Schwennicke<br />
Chefredakteur<br />
5<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
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Inhalt<br />
Titelthema<br />
20 – 34<br />
20<br />
Ein schrei gegen die Welt<br />
Georg Büchner war der erste Empörte,<br />
ein großer Liebender und ist Autor der Stunde<br />
Von MIChael Thalheimer<br />
Illustration: Olaf Hajek<br />
24<br />
„Er ist überall gREifbar“<br />
Die Büchner-Biografen Hermann Kurzke und<br />
Jan-Christoph Hauschild im Streitgespräch<br />
Von Alexander kISSler<br />
32<br />
die Natur aBER hasst das lEBEN<br />
Was uns das Werk des Biologen Georg<br />
Büchner vom Lebendigen erzählt<br />
Von Georg Klein<br />
7<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Berliner Republik<br />
35 – 54<br />
Weltbühne<br />
55 – 84<br />
Kapital<br />
85 – 100<br />
36 Mal sCHNaps, mal nüCHTERN<br />
<strong>Der</strong> Richter Frank Rosenow verhandelt<br />
demnächst den Fall Christian Wulff<br />
Von Timo Stein<br />
56 Die zensORin<br />
Mónika Karas soll<br />
Ungarns Medien überwachen<br />
Von Keno Verseck<br />
86 dER sTaatsoligaRCH<br />
Igor Setschin leitet den Ölkonzern<br />
Rosneft im Auftrag des Kremls<br />
Von Vane SSA de L‘Or<br />
38 dER HinguCKER<br />
Schwarz, Frau, Oberleutnant. Catherine<br />
Hague steht für neue deutsche Normalität<br />
Von Jasmin kAlarickal<br />
58 Das sTEHaufmäNNCHEN<br />
William Hague lässt sich durch das<br />
Desaster in Westminster nicht beirren<br />
Von SeBAStian Borger<br />
88 Die EisBRECHERin<br />
Elke Ruchatz hat eine Werft gerettet.<br />
Erfolgsrezept: Schonungslose Offenheit<br />
Von Steffen Uhlmann<br />
40 Im namen des VaTERs<br />
Wenn man einen Mythos erbt:<br />
Augsteins Kinder und der Spiegel<br />
Von Ulrike Simon<br />
60 Koalition der uNWilligen<br />
Syrien zeigt die Kriegsmüdigkeit des<br />
Westens. Er braucht eine neue Strategie<br />
Von Josef Janning<br />
90 EiNE Milliarde? Kauf ich!<br />
Luise Neumann-Cosel will das<br />
Berliner Stromnetz erwerben<br />
Von Til Knipper<br />
48 Die uRBane dEKadenz<br />
Aggression im Alltag: In den<br />
Metropolen geht der Respekt verloren<br />
Von Frank A. MEyer<br />
64 Die HiNTERBliEBENEN<br />
Gesichter palästinensischer und<br />
israelischer Opferfamilien. Fotoessay<br />
Von Rina Castelnuovo<br />
92 „Bisher haFTET WEiter<br />
der sTEuerzahler“<br />
Ein Streitgespräch zwischen<br />
Sven Giegold und Georg Fahrenschon<br />
Von Til Knipper<br />
50 Das dOWN-Kind im Bundestag<br />
Erstmals zieht die Mutter eines Babys<br />
mit Trisomie 21 ins Parlament ein<br />
Von Petra Sorge<br />
53 Frau Fried FRagt sich …<br />
… ob Teilen wirklich glücklich macht<br />
Von Amelie Fried<br />
38<br />
Sie bricht das gängige Bild von<br />
der Bundeswehr auf<br />
74 Pro Siedlungen<br />
Warum die israelischen Bauprojekte<br />
kein Friedenshindernis sind<br />
Von Arthur Cohn<br />
76 Contra Siedlungen<br />
Warum die israelischen Bauprojekte<br />
dem jüdischen Staat nur schaden<br />
Von Judith Hart<br />
78 Mut zum Glück<br />
Chinas Eltern wollen weg vom<br />
Lerndrill und gründen Waldorfschulen<br />
Von Bernhard Bartsch<br />
64<br />
Sie überwinden die Feindschaft<br />
in Nahost<br />
98 dER sPuTNik-sCHOCK<br />
der EuROPäer<br />
<strong>Der</strong> NSA-Skandal bietet<br />
deutschen IT‐Unternehmen<br />
die Chance ihres Lebens<br />
Von Andreas rInke<br />
98<br />
Sie sehen den NSA-Skandal als<br />
Chance für Europas IT-Branche<br />
Fotos: Oliver Rüther für <strong>Cicero</strong>, Rina Castelnuovo/Contact-Agentur Focus for the New York Times; Illustration: Mario Wagner/2agenten<br />
8<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Stil<br />
101 – 112<br />
Salon<br />
114 – 137<br />
<strong>Cicero</strong><br />
StanDArDS<br />
102 dER Mann und der massaNzug<br />
Nathaniel Adams erforscht das<br />
Geheimnis des gepflegten Auftritts<br />
Von lenA BergMAnn<br />
104 allüRENFREIE ZONE<br />
Zu Besuch in der New Yorker Wohnung<br />
der Stararchitektin Annabelle Selldorf<br />
Von RaLF EIBL<br />
114 Die sTille nach dem biss<br />
Hörspielregisseur Klaus Buhlert<br />
inszeniert Canettis „Die Blendung“<br />
Von florian Welle<br />
116 heilandzack, ein TOTENBETT<br />
Sibylle Lewitscharoff erhält den<br />
diesjährigen Georg-Büchner-Preis<br />
Von Alexander kISSler<br />
Atticus – Seite 5<br />
Von Christoph Schwennicke<br />
Stadtgespräch – Seite 12<br />
Forum – Seite 16<br />
ImPREssum – Seite 124<br />
Postscriptum – Seite 138<br />
Von Alexander Marguier<br />
110 „Irgendwann werden<br />
wir BREit und ECKig“<br />
Ein Gespräch über Mode und Altern<br />
mit der Journalistin Melissa Drier<br />
Von Anne wAAk<br />
112 Warum ich TRage,<br />
was ich TRage<br />
Schwarz ist am schönsten,<br />
weil es alles zulässt<br />
Von CLAUS peyMAnn<br />
104<br />
Sie setzt auf Klarheit und<br />
Minimalismus in der Architektur<br />
118 du musst BRasilien finden<br />
Edgar Reitz vollendet mit der „Anderen<br />
Heimat“ seinen Hunsrück-Zyklus<br />
Von thoMAS DAvid<br />
120 deutsche gEschiCHTE<br />
ist niCHT tiEFsCHWarz<br />
Erster Weltkrieg: <strong>Der</strong> Mythos vom<br />
Sonderweg muss überwunden werden<br />
Von ulrich SIeg<br />
126 man siEHT nur,<br />
was man suCHT<br />
Hung Tung-Lu und seine anregende<br />
Kunst jenseits des Westens<br />
Von beat Wyss<br />
128 bibliOTHEKsPORTRät<br />
<strong>Der</strong> Philosoph Wilhelm Schmid lernt<br />
von Büchern das Denken und Lieben<br />
Von holger fuss<br />
132 HOPEs Welt<br />
Wer nicht wagt, hat schon verloren<br />
Von daniel Hope<br />
134 Raus mit aPPlaus<br />
und KEin zurück<br />
<strong>Der</strong> Austritt aus dem Völkerbund<br />
diente 1933 der Kriegsvorbereitung<br />
Von philipp Blom<br />
<strong>Der</strong> Titelkünstler<br />
<strong>Der</strong> Berliner Künstler Olaf<br />
Hajek ist meist ausgebucht:<br />
Ausstellungen und Aufträge<br />
von Texas bis Südafrika.<br />
Aber diese Frage der<br />
<strong>Cicero</strong>‐Redaktion hat ihn<br />
sofort gereizt: Wie sähe<br />
Georg Büchner aus, wenn<br />
er heute lebte? Hajek las<br />
Texte des Schriftstellers und<br />
betrachtete die wenigen<br />
zeitgenössischen Bilder<br />
Büchners. Er entwarf eine<br />
Bleistiftskizze, bevor er<br />
schließlich das Titelbild<br />
malte: den <strong>Dichter</strong>-<strong>Punk</strong><br />
136 die letzTEN 24 sTunden<br />
Wo die Kindheit begann,<br />
soll einmal alles enden<br />
Von jane Goodall<br />
Fotos: Wolfgang Stahr, privat<br />
9<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Eine Marke der Daimler AG
Die besten Fahrer überlassen<br />
nichts dem Zufall.<br />
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<strong>Cicero</strong><br />
Stadtgespräch<br />
Katholiken bekommen ein neues Gesangbuch, Politiker bleiben auf dem<br />
Golfplatz lieber inkognito, und die Junge Union hat ein Nachwuchsproblem<br />
Woelki und das Gesangbuch:<br />
Musikalische Mission<br />
Als echter Kölner kann Rainer Maria<br />
Woelki alle Karnevalslieder seiner<br />
Heimatstadt auswendig. Auf seinem<br />
iPhone hat er die Lieder der bekanntesten<br />
Kölner Bands gespeichert. Kürzlich<br />
war der Erzbischof von Berlin auch<br />
offiziell in musikalischer Mission<br />
unterwegs: In Berlin stellte er das neue<br />
katholische Gesangbuch vor. In einer<br />
Startauflage von 3,6 Millionen erscheint<br />
jetzt das „Gotteslob“. Woelki wäre<br />
nicht Woelki, hätte er nicht daran<br />
erinnert, dass 2001, zu Beginn des<br />
Projekts, Ewald Lienen den 1. FC Köln<br />
trainiert habe, „der dann leider abstieg“.<br />
Bald darauf erklangen fromme Weisen,<br />
von „Kyrie“ bis „<strong>Der</strong> Lärm verebbt“.<br />
Dargeboten vom Kammerchor der<br />
Kathedrale. Wenn er hingegen sänge,<br />
sagte der Bischof, „würde es mir wie<br />
Frau Nahles im Bundestag ergehen“.<br />
<strong>Der</strong>en Versuche, Pippi Langstrumpfs<br />
Lied zu trällern, hatten jüngst für noch<br />
größere Heiterkeit gesorgt als Woelkis<br />
launige Conference, in die ein Bekenntnis<br />
eingeflochten war: „Es ist manchmal<br />
auch für einen Bischof nicht leicht,<br />
seinen Glauben zu behalten.“ kis<br />
Politiker auf dem Golfplatz:<br />
Am liebsten inkognito<br />
Das Golfspiel, einst eher der gesellschaftlichen<br />
Elite vorbehalten,<br />
gehört inzwischen zu einer der fast am<br />
schnellsten wachsenden Sportarten<br />
in der Bundesrepublik. 700 000 Golfer<br />
sind inzwischen registriert. Selbst<br />
in der Sportgemeinschaft Deutscher<br />
Bundestag gibt es eine Golfabteilung.<br />
Sie zählt stolze 40 Mitglieder, darunter<br />
aber nur vier Abgeordnete. <strong>Der</strong>en<br />
Namen werden vom Golf-Obmann<br />
Kurt-Dieter Grill nicht verraten.<br />
Denn auf dem Golfplatz bleiben unsere<br />
Volksvertreter lieber inkognito.<br />
Wahrscheinlich fürchten sie, „elitär“<br />
und nicht „volksnah“ zu wirken.<br />
Grill schätzt, dass ungefähr<br />
100 Abgeordnete zu Hause und im<br />
Wahlkreis den Schläger schwingen.<br />
Hans Werner Kilz, ehemals Chefredakteur<br />
des Spiegel und der Süddeutschen<br />
Zeitung und damit gewiss ein erfahrener<br />
Rechercheur, schätzt sogar, dass<br />
unter den 600 Abgeordneten des Bundestags<br />
etwa 150 Volksvertreter auf<br />
dem Golfplatz ihren politischen Stress<br />
abschlagen und Kontakte pflegen.<br />
Alt-Bundespräsident Walter Scheel hat<br />
sich noch offen zu seinem Hobby bekannt.<br />
Er ließ sich dabei auch gerne<br />
fotografieren. Ex-Bundespräsident<br />
Horst Köhler dagegen spielte zu Amtszeiten<br />
vor allem auf einem etwas abgelegenen<br />
Green in Schleswig-Holstein<br />
(beim Golfclub Hohwachter Platz),<br />
vermutlich hatte er Bedenken, als<br />
Staatsoberhaupt in kurzen Hosen abgelichtet<br />
zu werden. Seine Mitspieler, die<br />
ihn in diesem Aufzug sahen, störte das<br />
nicht. <strong>Der</strong> ehemalige CDU-Generalsekretär<br />
Laurenz Meyer hingegen liebte<br />
es, bei seinem Hobby fotografiert zu<br />
werden. Außenminister Guido Westerwelle<br />
spielt am liebsten in seinem Feriendomizil<br />
auf Mallorca.<br />
Dort greift auch FDP-Generalsekretär<br />
Patrick Döring, Mitglied im Bundesliga-<br />
Golfclub, gern zum Schläger, weil ihn<br />
auf der Insel nur wenige kennen.<br />
Ein begeisterter Golfer ist Berlins<br />
Regierender Bürgermeister Klaus<br />
Wowereit, der früher gerne mit Hartmut<br />
Mehdorn spielte, als der noch Vorsitzender<br />
der Bahn AG war. Danach legte<br />
das Duo eine Spielpause ein. Seit<br />
Mehdorn die Geschäftsführung der<br />
Berliner Flughafen-Gesellschaft übernommen<br />
hat, pflegt Wowereit jedoch<br />
den Golf-Kontakt wieder.<br />
Verteidigungsminister Thomas de<br />
Maizière hält offenbar nichts vom Golfen.<br />
Das sei eine „Randsportart“ lästerte<br />
er. Golffreund Kilz ärgerte das<br />
abfällige Urteil, und er kommentierte<br />
es bissig in der Golfbeilage der Süddeutschen:<br />
Das Urteil des Ministers sei<br />
so unwahr wie seine Einlassungen zur<br />
Euro-Hawk-Beschaffung. tz<br />
Illustrationen: Jan Rieckhoff<br />
12<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
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<strong>Cicero</strong><br />
Stadtgespräch<br />
Parlamentsneubau<br />
Fast im Plan<br />
Die Junge Union nach Mißfelder<br />
Nachwuchsprobleme<br />
Berliner Großflughafen<br />
Alles für „lau“<br />
In aller Stille und bisher überraschend<br />
skandalfrei wächst an der Spree in<br />
Berlin ein Neubau in die Höhe, der,<br />
wenn er in zwei Jahren fertig ist, im<br />
„Luisenviertel“ neben dem Parlament<br />
einen neuen städtebaulichen Akzent<br />
setzen wird. Denn aus dem Gebäude<br />
wird sich ein 36 Meter hoher Turm<br />
erheben, der zwar nicht mit einer Kuppel<br />
gekrönt werden soll, aber trotzdem<br />
das optische Gegenstück zur Reichstagskuppel<br />
bilden wird. Offiziell heißt<br />
das Gebäude „Erweiterungsbau“, weil<br />
es das Marie-Elisabeth-Lüders-Haus<br />
vollendet, in dem jetzt schon die<br />
Parlamentsbibliothek, der wissenschaftliche<br />
Dienst und das Archiv des<br />
Bundestags untergebracht sind. Im<br />
Anbau entstehen der zweitgrößte<br />
Versammlungsraum des Parlaments,<br />
der 1200 Menschen Platz bieten soll,<br />
Büros für Abgeordnete und ihre<br />
Mitarbeiter, ein Bereich für Kunstausstellungen<br />
und ein Bistro. In dem neuen<br />
Turm ist in luftiger Höhe ein Sitzungsraum<br />
geplant, den wahrscheinlich der<br />
Haushaltsausschuss nutzen wird.<br />
Bisher läuft (fast) alles nach Plan:<br />
Ursprünglich sollte das Haus 2013<br />
fertig werden. Es gab zwar anfangs<br />
Probleme, weil sich der Baubeginn<br />
wegen der Klage eines Bauunternehmers<br />
verzögerte. Aber die Kosten (rund<br />
190 Millionen Euro) halten sich im<br />
Rahmen, eröffnet werden soll das Haus<br />
Mitte 2015. Man scheint also alles im<br />
Griff zu haben und das wäre fast schon<br />
ein Novum in der Geschichte öffentlich<br />
finanzierter Bauwerke, die vor allem<br />
durch Pannen, Unpünktlichkeit und<br />
Kosten explosionen auffallen. hp<br />
Wie lange regiert Philipp Mißfelder<br />
eigentlich schon die Junge<br />
Union? Seit Kohl? Nein, 1998 war<br />
er erst Chef der Schüler Union. Seit<br />
Andrea Nahles Juso-Chefin war? Nicht<br />
mal das, wobei es schon so ist, dass<br />
Mißfelder seit seinem Amtsantritt 2002<br />
vier Juso-Vorsitzende überlebt hat (Annen,<br />
Böhning, Drohsel, Vogt). Aber er<br />
wird nächstes Jahr 35 und fliegt wegen<br />
der Altersgrenze aus dem Verein, dessen<br />
Synonym er geworden ist. Nach elf<br />
Jahren Mißfelder ist die JU bei der Regelung<br />
offener Nachfolgefragen etwas<br />
aus der Übung, sodass wir lieber schon<br />
anfangen, die Dinge zu sortieren.<br />
Option eins: Katrin Albsteiger.<br />
Aus Neu-Ulm, Volkswirtin, eloquent,<br />
fotogen: Die JU käme endlich vom Radio<br />
ins TV. Allein: Eine Bayerin an der<br />
Spitze wäre neu. Eine eigenständige Juniorenpartei<br />
nach CSU-Vorbild gibt es<br />
zwar nicht, nur einen Landesverband,<br />
den Albsteiger führt. Aber: <strong>Der</strong> oder<br />
die JU-Bundesvorsitzende sitzt automatisch<br />
im CDU-Bundesvorstand, und<br />
es wäre kurios, wenn da eine CSU-Frau<br />
aufkreuzte. Haste nicht gesehen, führt<br />
das – zefix! – zur Abschaffung der CSU.<br />
Das Problem hat Option zwei nicht.<br />
Benedict Pöttering kommt aus Niedersachsen,<br />
ein starker Landesverband der<br />
Halbstarkenunion. Sein Vater Hans-<br />
Gert Pöttering leitet die Konrad-Adenauer-Stiftung.<br />
Benedict, JU-Bundesvize,<br />
ist so ehrgeizig, dass es heißt: „Er<br />
läuft sich warm.“ Das ist auch wieder<br />
schwierig, denn viele, die sich zu früh<br />
warmlaufen, laufen heiß. Wenn das<br />
Spiel beginnt, sind sie schlapp. löw<br />
Aufsichtsratsvorsitzender des<br />
Berliner Großflughafens BER – das<br />
ist nach all den Pannen, die passiert<br />
sind, kein vergnügungssteuerpflichtiger<br />
Job. Wer hat schon Lust, sich ständig<br />
von der Bild-Zeitung verprügeln und<br />
von Hartmut Mehdorn zu immer neuen<br />
Startterminen nötigen zu lassen? Und<br />
das auch noch für „lau“, also: ehrenamtlich,<br />
denn außer ein paar Euro<br />
Sitzungsgeld gibt’s keinen Cent. Es war<br />
also menschlich verständlich und<br />
politisch weise, dass der neue brandenburgische<br />
Ministerpräsident Dietmar<br />
Woidke von seinem Vorgänger Mat thias<br />
Platzeck nur die Staatskanzlei übernehmen<br />
wollte, nicht aber den Vorsitz im<br />
BER-Aufsichtsrat. Für ihn soll Staatssekretär<br />
Rainer Bretschneider nachrücken,<br />
ein ausgewiesener Experte, der<br />
schon vorher für Platzeck die Geschäfte<br />
„koordiniert“ hatte und sich<br />
bestens auskennt mit dem Flughafen,<br />
dessen Entstehung er von Anfang an<br />
begleitet hat. Über ihn, so geht das<br />
Kalkül, würden die Medien nicht gar so<br />
garstig herfallen wie über einen<br />
Politiker. Bretschneider wird aber nicht<br />
den Vorsitz übernehmen. Den führt<br />
jetzt – einstweilen und kommissarisch –<br />
erneut der im Januar von diesem Amt<br />
zurückgetretene Berliner Regierende<br />
Bürgermeister Klaus Wowereit. Erst im<br />
Oktober soll über die endgültige Führung<br />
entschieden werden – nach der Bundestagswahl.<br />
Zumindest die SPD-Seite hofft,<br />
dass es dann auch im Bundesverkehrsministerium,<br />
das den Bund als Minderheitsgesellschafter<br />
im Aufsichtsrat vertritt,<br />
einen personellen und politischen<br />
Wechsel geben werde. hp<br />
Illustrationen: Jan Rieckhoff<br />
14<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
<strong>Cicero</strong><br />
Leserbriefe<br />
Forum<br />
Es geht um Volksempfänger, Fledermäuse,<br />
Statussymbole, Ichlinge und NSA<br />
Zum Beitrag „Ins Herz der Masse“ von Philipp Blom, August 2013<br />
„Volksfeind“<br />
Eine Szene, die ich nur noch schemenhaft in Erinnerung hatte: Meine Mutter saß<br />
mit einem Tuch über dem Kopf vor „irgendetwas“, das man als Topf mit heißem<br />
Wasser zur Inhalation deuten konnte. Erst Jahre später erklärte sie mir diese<br />
Szenerie: Es muss Ende 1944/Anfang 1945 gewesen sein, als in Frankreich die<br />
Invasion der Amerikaner stattfand und die „Reichswehr“ eines Tages nichts<br />
mehr über den Verbleib meines Vaters sagen konnte. Daraufhin hörte meine<br />
Mutter den deutschsprachigen Sender von BBC ab, bei dem die Namen von<br />
deutschen Gefangenen durchgegeben wurden. Da dieses Abhören von BBC von<br />
den deutschen Behörden zum „Vaterlandsverrat“ erklärt wurde – und es gab<br />
genügend Denunzianten –, musste dies für die Außenwelt „unhörbar“ geschehen.<br />
Unter dem Tuch über dem Kopf meiner Mutter befand sich also kein Topf mit<br />
heißem Wasser, sondern das Radio – sehr leise eingestellt.<br />
Prof. Dr. Anton Bayer, Ilmmünster<br />
Zum Beitrag „Frau Fried fragt sich“ von<br />
Amelie Fried, September 2013<br />
Blauäugig<br />
Dieser Beitrag ist an „Blauäugigkeit“<br />
kaum noch zu überbieten.<br />
Selbst Enercon (der Windradhersteller)<br />
hat nach einer selbst in Auftrag<br />
gegebenen Studie zugeben müssen,<br />
dass jedes Jahr Hunderttausende<br />
von Fledermäusen getötet werden.<br />
Nein, nicht geschreddert, wie manche<br />
andere Vogelart, sondern durch<br />
den Luftdruck platzt den Tieren die<br />
Lunge. Selbst Nabu und BUND geben<br />
das zu – lassen sich aber dann<br />
von der Windradindustrie „sponsern“<br />
(bestechen könnte man auch<br />
sagen, nur um den Mund zu halten).<br />
Dass viele Betroffene aus naheliegenden<br />
Gründen sich gegen<br />
das Aufstellen von Windparks wehren,<br />
sollte man nachvollziehen können.<br />
Ich würde Frau Fried empfehlen,<br />
sich einmal mit den Fakten der<br />
Energiewende zu beschäftigen, die<br />
schon jetzt als gescheitert betrachtet<br />
werden kann.<br />
Walter Faulenbach, Olpe<br />
Zum Beitrag „Die Hörrohre sind wieder<br />
da!“ von Thomas Palzer, August 2013<br />
Mehr Urvertrauen wagen<br />
Mitten in der gegenwärtigen großen<br />
Verunsicherung über die NSA-Abhöraffäre<br />
kann die Annahme von<br />
Herrn Palzer, dass alle Informationen<br />
des Universums im Urknall<br />
enthalten sind, eigentlich nur beruhigen.<br />
Hat die angenommene „Gesamtheit<br />
aller Informationen“ unsere<br />
Erde nicht bis heute bewahrt!<br />
Das sollte uns doch Anlass zu einem<br />
Urvertrauen geben, welches jedweder<br />
Unsicherheit bis hin zur Paranoia<br />
widersteht und in der Lage ist,<br />
jeder Art von exzessiver Kontrollmaßnahme<br />
und pervertiertem Bemühen<br />
um Staatssicherheit wirksam<br />
entgegenzutreten.<br />
Eduard Biedermann, Hamburg<br />
Zum Beitrag „Unsere Statussymbole“<br />
von <strong>Cicero</strong>-Redaktion, Juli 2013<br />
Mein Auto und ich<br />
„Mein Auto ist kein Statussymbol,<br />
nur ein Transportmittel, um von A<br />
nach B zu kommen“, haben die<br />
Mitglieder Ihrer Redaktion wohl gesagt<br />
und fühlen sich als Avantgarde.<br />
Zum ersten Mal habe ich diesen<br />
Satz um 1970 herum gehört. Nicht<br />
von denen, die damals schon als Student<br />
Porsche oder Alfa Spider gefahren<br />
haben, aber von denjenigen,<br />
die sich ihre 500-Mark-Schrottkiste<br />
vom Mund abgespart hatten und sich<br />
noch nicht einmal das Benzin leisten<br />
konnten. Ich hatte übrigens damals<br />
weder Auto noch Führerschein, weil<br />
ich mir beides nicht leisten konnte.<br />
In den letzten 40 Jahren habe<br />
ich immer wieder diesen Satz gehört.<br />
Dennoch ist und bleibt vorläufig<br />
das Auto das Status symbol,<br />
denn Kirschholzlautsprecher,<br />
DVD-Sammlungen oder Bündel<br />
von Zwiebeln kann man erst dann<br />
zeigen, wenn man das zu manipulierende<br />
Opfer in die richtige Sichtposition<br />
gebracht hat. Das Auto<br />
stellt man einfach vor die Tür und<br />
schaut aus dem Küchenfenster zu,<br />
wie die Vorbeigehenden hingucken.<br />
Nun wurde ich leider 65 und<br />
leider pensioniert, aber meinen letzten<br />
Geschäftswagen, ein 5er BMW,<br />
habe ich meinem Arbeitgeber<br />
abgekauft. Eine ökonomisch völlig<br />
falsche Entscheidung, meistens<br />
steht der Wagen in der Garage. Aber<br />
ab und zu bereitet es mir richtig<br />
Freude, mit meinem Zweieinhalb-<br />
Liter -Sechszylinder irgendwohin<br />
zu fahren. Was andere darüber<br />
denken, ist mir so was von egal.<br />
Kurt Reuter, Heusenstamm<br />
16<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
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<strong>Cicero</strong><br />
Leserbriefe<br />
Zum Beitrag: „Macht der Kapitalismus<br />
uns unglücklich?“ von Max A. Höfer,<br />
September 2013<br />
Längst kollabiert<br />
Ihr obiger Artikel hat mir gut gefallen,<br />
insbesondere auch deswegen,<br />
weil Sie unverdächtig sind,<br />
mit irgendwelchen kommunistischen<br />
oder sozialistischen Gesellschaftstheorien<br />
zu sympathisieren.<br />
Ich hätte mir nur noch die Feststellung<br />
gewünscht, dass der vom Gedanken<br />
des mit allen Chancen und<br />
Risiken versehenen freien Marktes<br />
beherrschte Kapitalismus längst<br />
kollabiert ist – ähnlich wie zuvor<br />
der Kommunismus/Sozialismus –<br />
und dass wir es heute weitgehend<br />
mit einem steuer- und abgabenfinanzierten<br />
„Kapitalismus“ zu tun<br />
haben, der natürlich in Wirklichkeit<br />
keiner ist.<br />
Dr. Falk Peters, Cottbus<br />
Zum Beitrag „<strong>Der</strong> Freiheit falsche Freunde“<br />
von Christoph Schwennicke, Juli 2013<br />
Zum Beitrag „Puppenstube Deutschland“<br />
von Marcus Pinder, August 2013<br />
Auslaufmodell<br />
Die Argumentation des geläuterten<br />
„Neoliberalen“ Max A. Höfer<br />
greift zu kurz. Denn das Hauptproblem<br />
beim Streben nach immer höheren<br />
Rendite- und Arbeitsrekorden<br />
besteht nicht nur darin, dass es<br />
viele Menschen unglücklich macht,<br />
sondern die Gesellschaft im zunehmenden<br />
Maße spaltet. Da auf jene<br />
Weise auch immer mehr Verlierer<br />
produziert werden, die entweder<br />
im Tempo nicht mithalten können<br />
oder regelrecht ausgebeutet werden.<br />
Wobei insbesondere Letzteres<br />
eine Rückkehr in die eigentlich<br />
längst überlebt geglaubte kapitalistische<br />
Werteordnung des 19. Jahrhunderts<br />
bedeutet. Weswegen man sich<br />
die Frage stellen muss, wieso die<br />
heutigen Eliten etwas fetischisieren,<br />
das bereits vor mehr als vier Jahrzehnten<br />
bei der Diskussion um den<br />
Sinn des Lebens nicht nur bei Willy<br />
Brandt oder dem Club of Rome<br />
ein Auslaufmodell war!<br />
Rasmus Ph. Helt, Hamburg<br />
Plädoyer für den Ichling<br />
Ichlinge haben für die Welt und die<br />
Menschen mehr Gutes vollbracht<br />
als viele Haufen von Wirlingen. Beispiel<br />
gefällig: Volkswagen geht es<br />
prächtig und damit vielen Menschen<br />
rund um den Erdball. Warum? Weil<br />
an der Spitze zwei Ichlinge (Winterkorn<br />
und Piëch) die Maßstäbe setzen<br />
und vorgeben, was richtig und<br />
was falsch ist, und weil sie ähnlich<br />
denkende Ichlinge in Position gebracht<br />
haben. Ichlinge, die Ideen<br />
haben, die ihre Visionen umsetzen<br />
können, sind ein Segen für die Zeitgenossen<br />
und kein Fluch, wie Sie<br />
uns verkaufen wollen. So wie der<br />
Ichling in Frankreich, der seinerzeit<br />
die berühmte DS-Klasse von<br />
Citroën erfand. Da kann Hollande<br />
auf noch so viele Wirlinge eindreschen,<br />
ohne Ichling wird’s nimmer<br />
gelingen.Weiter ein gutes Händchen<br />
bei der Gestaltung von <strong>Cicero</strong> und<br />
der Auswahl des Personals (Nehmen<br />
Sie Ichlinge!).<br />
Kurt Reuter, Aarau/Schweiz<br />
Verlogene Kritik<br />
Dem Artikel möchte ich vollinhaltlich<br />
zustimmen. Macht er doch<br />
deutlch, wie unehrlich und verlogen<br />
die lauthals vorgetragene Kritik<br />
bestimmter deutscher Politiker an<br />
der amerikanischen Überwachung<br />
ist, die ja auf Verträgen beruht,<br />
die alle deutschen Regierungen,<br />
ausnahmslos, mit den Amerikanern<br />
abgeschlossen haben. Abgesehen<br />
von Botschafts-Verwanzungen,<br />
die ja Herr Pinder auch kritisiert.<br />
Überraschen konnten höchstens<br />
der Umfang und die Menge an<br />
Daten, wie von Edward Snowden<br />
bekannt gemacht wurde; dies wird<br />
wohl dem technischen Fortschritt<br />
geschuldet sein.<br />
Eugen Schmid, Schwäbisch-Hall<br />
Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe zu kürzen.<br />
Wünsche, Anregungen und Meinungsäußerungen<br />
senden Sie bitte an redaktion@cicero.de<br />
Karikatur: Hauck & Bauer<br />
18<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Titel<br />
<strong>Der</strong> <strong>Dichter</strong>-<strong>Punk</strong><br />
Ein Schrei<br />
Gegen<br />
die Welt<br />
Von<br />
michael Thalheimer<br />
Ein radikaler Mensch, ein radikales Werk:<br />
Georg Büchner sezierte die Ungerechtigkeit und schrieb<br />
mit sprachlicher Wucht gegen sie an. So wurde er zum<br />
Ahnherrn der Empörten und blieb dabei ein großer<br />
Liebender. Er ist der Mann der Stunde<br />
Illustration: Olaf Hajek<br />
20<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
titel<br />
<strong>Der</strong> <strong>Dichter</strong>-<strong>Punk</strong><br />
Georg Büchner ist der Autor der<br />
Stunde. Sein Werk stellt das<br />
denkbar schärfste Gegenmittel<br />
bereit gegen eine Kunst, die nur sich<br />
selbst spiegelt, und gegen eine Gesellschaft,<br />
die mehr von Macht und Gewalt<br />
als von Liebe zusammengehalten<br />
wird. Büchner, dieser radikale Mensch,<br />
brannte für sein Werk. Die Flammenspuren<br />
seiner Leidenschaft heißen Woyzeck,<br />
Lenz, Danton, Robespierre, Saint Just<br />
und auch Leonce und Lena und Valerio.<br />
Es ist Zeit, wieder Büchner zu lesen.<br />
Er ist der erste Empörte. 200 Jahre vor<br />
Stéphane Hessel hat er seine Wut über<br />
die Verhältnisse und die Ungerechtigkeit<br />
der Welt hinausgeschrien. Er hat mit<br />
dem „Hessischen Landboten“ einen Aufruf<br />
zum Aufstand mitverfasst, der einen<br />
Ton anschlägt wie das anonyme Manifest<br />
„<strong>Der</strong> kommende Aufstand“. Vielleicht<br />
wäre er heute bei Attac oder Occupy?<br />
Sein Biograf Hermann Kurzke<br />
schreibt: „Georg Büchner war eine Lokomotive,<br />
die das 19. Jahrhundert auf<br />
Gipfel zog, von denen aus das 20. schon<br />
zu sehen war.“ Und, ließe sich ergänzen,<br />
den Anfang des 21. Jahrhunderts konnte<br />
man auch noch entdecken. Er „lieh seine<br />
Stimme einem sprühenden Protest gegen<br />
alles Erniedrigende und Entmenschende“.<br />
Über das Entmenschende eines entfesselten<br />
Finanzkapitalismus reden und schreiben<br />
heute viele.<br />
Büchner provoziert durch sprachliche<br />
Wucht und gedankliche Kühnheit.<br />
Die wenigen Texte, die er in einem viel<br />
zu kurzen Leben schreiben konnte, berühren<br />
mich stark und wühlen mich auf.<br />
Er hat Türen geöffnet, die sich nie wieder<br />
schließen lassen – Türen des Bewusstseins<br />
vor allem. Zu Beginn des „Woyzeck“,<br />
den ich gerade in Stockholm inszeniere,<br />
lautet die Szenenanweisung „freies<br />
Feld“. Woyzeck und Andres „schneiden<br />
Stecken im Gebüsch“, Woyzeck sieht<br />
plötzlich Glut über der Stadt, „ein Feuer<br />
fährt um den Himmel und ein Getös herunter<br />
wie Posaunen“. Mit dem „freien<br />
Feld“ scheint mir auch das Bewusstsein<br />
gemeint. Büchner will unser Bewusstsein<br />
erweitern.<br />
Auch dem Theater und der Literatur<br />
hat er neue Räume erschlossen. Er war<br />
ein Wegbereiter. Ohne seine Kunst wäre<br />
kein Ödön von Horváth denkbar, kein<br />
Peter Weiss, kein Heiner Müller. Sie alle<br />
michael Thalheimer<br />
<strong>Der</strong> 1965 in Frankfurt am Main<br />
geborene Künstler zählt zu<br />
Deutschlands originellsten<br />
Theaterregisseuren. Sein neuer<br />
„Woyzeck“ wird an Büchners<br />
200. Geburtstag, am 17. Oktober,<br />
in Stockholm am Königlichen<br />
Dramatischen Theater Premiere<br />
haben. Bereits 2003 inszenierte<br />
er das Stück in Salzburg und<br />
Hamburg, „Leonce und Lena“<br />
hingegen 2001 in Leipzig<br />
stehen – ob sie sich auf ihn berufen oder<br />
nicht – in seiner Schuld. Für die Bühne<br />
ist und bleibt er eine Herausforderung.<br />
Den Zuschauern verlangt er genauso viel<br />
ab wie den Schauspielern und den Regisseuren.<br />
<strong>Der</strong> eigentliche Handlungsort<br />
der Stücke ist nämlich Georg Büchners<br />
Kopf. Was dort stattfindet, zeigt er uns<br />
in einer assoziativen, stark beschleunigten<br />
Dramaturgie, die die Mittel des Filmschnitts<br />
vorwegnimmt. Er hat als Erster<br />
in Deutschland den klassischen Aufbau,<br />
den Fünfakter, aufgegeben, und als Erster<br />
Menschen dargestellt, die zuvor nicht<br />
als theaterwürdig galten: prekäre Existenzen,<br />
tumbe Soldaten, Prostituierte.<br />
Als Mann der Praxis stehe ich immer<br />
wieder staunend und ergriffen vor einem<br />
Werk, das ein einziger Schrei gegen die<br />
Welt ist. Es lässt mich partout nicht in<br />
Ruhe, ich werde damit nicht fertig. Berührend<br />
und traurig zugleich sind diese<br />
Dramen der Hilflosigkeit, „Woyzeck“ voran.<br />
Die Titelfigur ist die radikalste Figur<br />
des Theaters überhaupt. Woyzeck<br />
tötet aus Verzweiflung das Liebste, das<br />
er hat, seine Marie. Er „sticht drauflos“.<br />
Später wirft er das Messer in einen Teich<br />
und wird doch die Schuld nicht los: „<strong>Der</strong><br />
Mond ist wie ein blutig Eisen! Will denn<br />
die ganze Welt es ausplaudern!“<br />
Um diesen ungeheuren Vorgang richtig<br />
zu erfassen, darf er nicht verkleinert<br />
werden. „Woyzeck“ taugt nicht zum<br />
Amüsement. Es war ein großer Fehler,<br />
als das Theater beschloss, in dem Soldaten<br />
Woyzeck ausschließlich ein passives<br />
Opfer der Umstände zu sehen. Einen<br />
solchen Woyzeck kann man mit nach<br />
Hause nehmen, ins Regal stellen und ihn<br />
von Zeit zu Zeit abstauben. Nichts liegt<br />
Büchner ferner.<br />
Woyzeck ist in meinen Augen ein gefährliches<br />
Subjekt. In ihm schlummert<br />
jene Gewalt, die er an sich täglich erfährt.<br />
„Unsereins“, sagt er zum Hauptmann, „ist<br />
doch einmal unselig in der und der andern<br />
Welt. Ich glaub’, wenn wir in Himmel<br />
kämen, so müssten wir donnern helfen.“<br />
Darum habe ich schon in meiner<br />
Inszenierung für die Salzburger Festspiele<br />
und das Thalia-Theater Hamburg<br />
vor zehn Jahren die Frage gestellt, was<br />
wohl geschähe, wenn Woyzeck zurückschlüge?<br />
Wenn ein Mensch, an dem die<br />
Gesellschaft das Messer wetzt, die Waffe<br />
gegen eben diese Gesellschaft richtete?<br />
Foto: Jens Gyarmaty/VISUM<br />
22<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Anzeige<br />
In seinem Brief an die Eltern vom<br />
April 1833 schrieb Büchner, „wenn in unserer<br />
Zeit etwas helfen soll, so ist es die<br />
Gewalt“. Wer „den jungen Leuten den<br />
Gebrauch der Gewalt“ vorwerfe, müsse<br />
zur Kenntnis nehmen, dass „wir (…) in<br />
einem ewigen Gewaltzustand“ gefangen<br />
seien: „Ein Gesetz, das die große Masse<br />
der Staatsbürger zum fronenden Vieh<br />
macht, (…) ist eine ewige, rohe Gewalt,<br />
angetan dem Recht und der gesunden<br />
Vernunft, und ich werde mit Mund und<br />
Hand dagegen kämpfen, wo ich kann.“<br />
Die Frage nach der Legitimität von<br />
Gewalt führt direkt ins Heute. Theater<br />
ist nicht der Ort, um parteipolitische<br />
Schlachten zu schlagen. Wohl aber hat<br />
zumindest das subventionierte Theater<br />
einen gesellschaftlichen Auftrag. Es darf<br />
sich nicht im Musealen oder im Unterhaltenden<br />
einrichten, es muss die Menschen<br />
verstören, aufrütteln und anregen<br />
wollen. Es muss bereit sein, einen Diskurs<br />
zu führen.<br />
Dieser ewig zeitlose „Woyzeck“<br />
rückt Randfiguren ins Zentrum, jene<br />
„überflüssigen Menschen“, die der ökonomische<br />
Fortschritt laut dem Soziologen<br />
Zygmunt Bauman produziert. Er<br />
nennt sie auch die „Ausgegrenzten der<br />
Moderne“ und sagt, „Arbeitslose fallen<br />
aus der gesellschaftlichen Ordnung heraus.<br />
In einer Konsumgesellschaft werden<br />
sie, die nicht produzieren, als schlechte<br />
Konsumenten und als finanzielles Problem<br />
angesehen. Nur als Versorgungsfall.<br />
Das kann es ihnen schwer machen, die<br />
Regeln eines demokratischen Gemeinwesens<br />
zu respektieren.“<br />
Ich muss oft an die Fieberträume<br />
des sterbenden Georg Büchner denken,<br />
als er in Zürich davon sprach, er werde<br />
verfolgt, da stehe „jemand in der Ecke“.<br />
Auch Woyzeck sieht sich verfolgt, auch<br />
ihm ist wie Büchner die Welt ein viel zu<br />
enger Anzug.<br />
Andererseits war Büchner weder zynisch<br />
noch naiv. In „Dantons Tod“ zeigt<br />
er die brutalen Folgen eines missbrauchten<br />
Aufbegehrens gegen die Ungleichheit.<br />
Die Diktatur der Guillotine triumphiert<br />
über das Pathos der Freiheit. „Die Revolution“,<br />
sagt Danton, „ist wie Saturn, sie<br />
frisst ihre eignen Kinder“, und er fährt<br />
fort: „Das Volk ist wie ein Kind, es muß<br />
alles zerbrechen, um zu sehen, was darin<br />
steckt.“<br />
Saint Just rechtfertigt später in einer<br />
ebenso klugen wie kalten Rede selbst die<br />
Exzesse der Gewalt. Büchner gelingt es,<br />
vor dieser Argumentation wirklich Angst<br />
zu bekommen – ein Meisterwerk der<br />
Rhetorik: „Soll eine Idee nicht ebenso<br />
gut wie ein Gesetz der Physik vernichten<br />
dürfen, was sich ihr widersetzt? Soll<br />
überhaupt ein Ereignis, was die ganze<br />
Gestaltung der moralischen Natur, das<br />
heißt der Menschheit, umändert, nicht<br />
durch Blut gehen dürfen? <strong>Der</strong> Weltgeist<br />
bedient sich in der geistigen Sphäre unserer<br />
Arme ebenso, wie er in der physischen<br />
Vulkane und Wasserfluten gebraucht.<br />
Was liegt daran, ob sie an einer<br />
Seuche oder an der Revolution sterben?<br />
Die Schritte der Menschheit sind langsam,<br />
man kann sie nur nach Jahrhunderten<br />
zählen; hinter jedem erheben sich die<br />
Gräber von Generationen.“<br />
Büchner eröffnete durch solche Ambivalenzen<br />
neue Räume des Bewusstseins.<br />
Vor der Versuchung, zynisch zu<br />
werden – und das Zynische ist immer<br />
das Uninteressante –, bewahrte ihn die<br />
Liebe. Er war ein Liebender. Man kann<br />
an der Welt nur verzweifeln, wenn man<br />
letztlich eben doch an das Gute im Menschen<br />
glaubt.<br />
In seinem Lustspiel „Leonce und<br />
Lena“ stellt Georg Büchner deshalb nicht<br />
nur die Frage Immanuel Kants nach dem<br />
freien Willen. Die beiden Titelfiguren<br />
bewegen sich aufeinander und auf ihre<br />
Heirat zu, obwohl sie gerade vor dieser<br />
willentlich Reißaus nehmen. Lena befürchtet<br />
in ihrer Verzweiflung, „dass wir<br />
uns selbst erlösen müssen mit unserem<br />
Schmerz“, während Leonce das „Picken<br />
der Totenuhr in unserer Brust“ spürt –<br />
„und jeder Tropfen Blut misst seine Zeit,<br />
und unser Leben ist ein schleichend Fieber“.<br />
Büchner fragt sich und uns auch,<br />
ob auf dem derart ungewissen Lebensweg<br />
die Liebe uns leitet oder die Langeweile<br />
oder die Gier nach Macht – oder am<br />
Ende gar eine Mischung aus diesen drei<br />
Antriebskräften.<br />
Büchner war schließlich auch ein<br />
<strong>Dichter</strong> der Melancholie, nicht der Daseinsverneinung.<br />
In seiner Melancholie<br />
verbirgt sich unendlich viel Hoffnung.<br />
Melancholie lässt uns weiterleben, Melancholie<br />
treibt uns zum Denken an. Sie<br />
ist das schattige Zentrum von Georg<br />
Büchners großer Dramenkunst.<br />
23<br />
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Titel<br />
<strong>Der</strong> <strong>Dichter</strong>-<strong>Punk</strong><br />
„Er ist überall<br />
GreIFBAr“<br />
Was wollte Georg Büchner? Wie lebte er?<br />
War er Revolutionär oder Romantiker? Wir haben seine beiden<br />
Biografen Hermann Kurzke und Jan-Christoph Hauschild<br />
zum Streitgespräch ins Stadttheater Gießen gebeten<br />
Moderation Alexander kISSler<br />
Illustration: Olaf Hajek<br />
Klassiker erkennt man daran, dass ihre<br />
Zitate das Werk überdauern. Bei Friedrich<br />
Schiller erspart die Axt im Haus<br />
den Zimmermann, bei Goethe zieht das<br />
Ewig-Weibliche uns hinan. Was bleibt<br />
von Georg Büchner? „Friede den Hütten,<br />
Krieg den Palästen“?<br />
Hermann Kurzke: Zumindest ist dieser<br />
Satz sehr wichtig. Damit startet Georg<br />
Büchner in sein literarisches Leben.<br />
Dann aber wird der Satz zu einer Klippe<br />
für ihn.<br />
Die Französische Revolution lag damals<br />
rund 40 Jahre zurück, der Vormärz kündigte<br />
sich an. Büchner wurde im August<br />
1834 wegen des „Hessischen Landboten“,<br />
an dem er mitgewirkt hatte,<br />
steckbrieflich gesucht. Darin findet sich<br />
der martialische Aufruf.<br />
Kurzke: <strong>Der</strong> Satz ist rätselhaft. Was ist<br />
mit den Hütten, was mit den Palästen gemeint?<br />
Wem soll konkret Frieden, wem<br />
Krieg gebracht werden? Bedeuten die<br />
Hütten die Menschen der Unterschicht,<br />
und gehören zu den Palästen nur die Vornehmen<br />
und die Regierenden? Wo rangiert<br />
das liberale Bürgertum, das diese<br />
Parole auf den Lippen hat? Das ist alles<br />
nicht einfach zu beantworten.<br />
In Ihrer Darstellung, Herr Hauschild,<br />
„Georg Büchner – Verschwörung für die<br />
Freiheit“ nimmt „<strong>Der</strong> Hessische Landbote“<br />
breiten Raum ein.<br />
jan-CHRisTOPH hauschild: „Friede<br />
den Hütten, Krieg den Palästen“ lautet<br />
die Eingangsdevise des „Hessischen<br />
Landboten“, den Büchner verfasst, aber<br />
sein Mitstreiter Friedrich Ludwig Weidig<br />
stark überarbeitet hat. Wir wissen also<br />
gar nicht, von wessen Hand diese Parole<br />
stammt. Außerdem handelt es sich um<br />
ein historisches Zitat, genau 42 Jahre älter<br />
als der „Landbote“. In deutschen Landen<br />
wird es bis heute gerne zitiert.<br />
In welchem Zusammenhang?<br />
hauschild: Wenn sich unter Berufung<br />
auf das elementare Menschenrecht auf<br />
Widerstand gewaltfreie politische, soziale<br />
oder ökologische Protestbewegungen<br />
formieren, in der Hausbesetzerszene, im<br />
Atomstreit oder beim Kampf gegen infrastrukturelle<br />
Großprojekte, dann taucht<br />
das Zitat auf. Allerdings nicht mehr mit<br />
dem heiligen oder blutigen Ernst, mit<br />
dem die französische Revolutionsarmee<br />
die Losung in die eroberten Länder trug,<br />
sondern in Form eines ironischen Echos.<br />
Sie schreiben, Büchner habe den „Landboten“<br />
als einen „revolutionären Hebel“<br />
verstanden. Also wollte er mit Gewalt<br />
den Umsturz der bestehenden Verhältnisse<br />
erreichen?<br />
hauschild: Büchner wusste, dass es<br />
schwierig sein würde, die Bauern und<br />
Handwerker – wie er sagt – „aus ihrer<br />
Erniedrigung hervorzuziehen“. Sein<br />
Gießener Freund Becker zitiert ihn mit<br />
den Worten: „Soll jemals die Revolution<br />
auf eine durchgreifende Art ausgeführt<br />
werden, so kann und darf das bloß<br />
durch die große Masse des Volks geschehen,<br />
durch deren Überzahl und Gewicht<br />
die Soldaten gleichsam erdrückt werden<br />
müssen. Es handelt sich also darum, die<br />
große Masse zu gewinnen, was vor der<br />
Hand nur durch Flugschriften geschehen<br />
kann.“ Nichts anderes hat Büchner im<br />
„Landboten“ getan – der allerdings, wie<br />
schon gesagt, durch Weidig stark verändert<br />
wurde.<br />
Damit aber ist er gescheitert. Büchner<br />
floh nach Straßburg, weil er steckbrieflich<br />
gesucht wurde.<br />
hauschild: Jetzt verkürzen Sie aber gewaltig.<br />
Natürlich dachte Büchner nicht,<br />
der „Landbote“ werde unmittelbar zum<br />
Aufstand, zur Vertreibung des Großherzogs<br />
und der Ausrufung der Republik<br />
führen. Gescheitert ist lediglich diese<br />
Agitation mit Flugschriften, und zwar<br />
nicht, weil Büchners Konzept falsch war,<br />
sondern weil es einen Verräter gab, einen<br />
Denunzianten. Johann Conrad Kuhl war<br />
sein Name.<br />
25<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Titel<br />
<strong>Der</strong> <strong>Dichter</strong>-<strong>Punk</strong><br />
kurzke: Das sehe ich anders. Büchners<br />
Konzept war falsch. Es blieb vollkommen<br />
unklar, wogegen sich der „Landbote“ eigentlich<br />
richtete und was diese Flugschrift<br />
konkret bewirken wollte. <strong>Der</strong> Text bildet<br />
diese Widersprüchlichkeit ab. Gleich zu<br />
Beginn wird der gesamte Haushalt des<br />
Großherzogtums Hessen-Darmstadt als<br />
„der Blutzehnte“ kritisiert, „der vom<br />
Leib des Volkes genommen wird“. Auch<br />
den Etat des „Ministeriums des Innern“<br />
verdammt er, obwohl doch von diesem<br />
Haushalt die Gymnasien bezahlt werden,<br />
an denen Büchner gelernt hat, die<br />
Universitäten, an denen er studiert hat.<br />
Hier will ein Angehöriger des Bürgertums<br />
die Bauern zur Revolution tragen.<br />
Das halte ich für einen grundlegenden<br />
Fehler. Wenn die Bauern revolutionieren<br />
wollen, dann müssen die Bauern revolutionieren.<br />
Da bedarf es nicht satter bürgerlicher<br />
Intellektueller.<br />
hauschild: Sie übersehen, dass auch<br />
Lenin und Che Guevara und Ho Chi<br />
Minh und Karl Liebknecht und Rosa<br />
Luxemburg keine Bauern oder Arbeiter<br />
waren, sondern Intellektuelle, die<br />
sich an die Spitze einer Bewegung stellten.<br />
Für Büchner sollten die Bauern und<br />
Handwerker Träger und Garanten einer<br />
echten, nämlich sozialen Revolution<br />
sein. Weidig wollte dem landlosen Agrarproletariat<br />
dagegen keine politische<br />
Mitbestimmung einräumen, sondern es<br />
lediglich für die bürgerliche Revolution<br />
benutzen.<br />
Beim Revolutionsdrama „Dantons Tod“,<br />
entstanden Anfang 1835, haben wir es<br />
mit einem vielfältigen Scheitern zu tun.<br />
Danton und seine Freunde sterben, die<br />
Freiheit endet im Blutbad. Für Sie, Herr<br />
Hauschild, zeigt „Dantons Tod“, dass<br />
Büchner von der „Notwendigkeit des<br />
gewaltsamen Umsturzes“ überzeugt<br />
blieb. Bei Hermann Kurzke hingegen<br />
fand ich die überraschende Aussage,<br />
in „Dantons Tod“ obsiege „das Christentum,<br />
auf eine gewisse Weise. Danton<br />
und die Seinen sind Märtyrer der Freiheit.<br />
Wie Jesus siegen sie im Tod.“<br />
Kurzke: Es gibt eine Vielzahl von christlichen<br />
Bezügen. Wesentlich ist auch der<br />
abschließende Freitod der Lucile, die<br />
sich mit dem Ruf „Es lebe der König!“<br />
dem Schafott ausliefert. Vorher singt sie<br />
noch: „Es ist ein Schnitter, der heißt Tod,<br />
Hermann Kurzke<br />
<strong>Der</strong> Doyen der deutschen<br />
Germanistik hat soeben<br />
die Biografie „Georg Büchner –<br />
Geschichte eines Genies“<br />
vorgelegt. Zuvor machte er<br />
sich einen Namen als Experte<br />
für Thomas Mann. In seiner<br />
Habilitationsschrift hatte er<br />
sich dem großen Romantiker<br />
Novalis zugewandt. Bis zu<br />
seiner Emeritierung lehrte<br />
er Neuere deutsche Literaturgeschichte<br />
in Mainz<br />
hat Gewalt vom höchsten Gott.“ Dahinter<br />
verbirgt sich eine christliche Eschatologie,<br />
eine Vision vom Paradies, wenngleich<br />
abseits des Kirchenchristentums.<br />
Und messianische Anspielungen gibt es<br />
bei Robespierre wie auch bei Danton.<br />
Sind Sie, Herr Hauschild, unempfänglich<br />
für solche Anspielungen?<br />
hauschild: Große Kunstwerke sind so<br />
geräumig, dass sie viele, auch einander<br />
absolut widersprechende Interpretationen<br />
aushalten. Es gibt eine wichtige Äußerung<br />
von Büchner zur Gewaltfrage,<br />
die durch Wilhelm Schulz überliefert ist,<br />
der mit ihm das Straßburger und Züricher<br />
Exil teilte. Schulz war bürgerlicher<br />
Demokrat und Anhänger der Marktwirtschaft,<br />
aber was die Tötung von Revolutionsgegnern<br />
während der Französischen<br />
Revolution anging, war er einer<br />
Meinung mit Büchner: Es habe sich dabei<br />
um „revolutionäre Notwehr gegen<br />
innere Feinde“ gehandelt. Jede unnütze<br />
Grausamkeit sei zu verdammen, aber wer<br />
„im Entscheidungskampfe“ vor blutigen<br />
Maßnahmen zurückschrecke, setze „die<br />
Rechte, das Glück und die Hoffnungen<br />
ganzer Völker und künftiger Generationen“<br />
aufs Spiel.<br />
Und was ist mit Erich Frieds Behauptung<br />
in der Dankesrede zur Verleihung<br />
des Büchner-Preises 1987, Büchner hätte<br />
sich der ersten Generation der Baader-Meinhof-Gruppe<br />
angeschlossen?<br />
hauschild: Eine müßige Spekulation<br />
und überflüssige Parallelisierung. Immerhin<br />
setzte Fried hinzu, Büchner hätte sich<br />
wahrscheinlich auch wieder von der RAF<br />
distanziert.<br />
Sie, Herr Kurzke, wollen Büchner „in<br />
einen unvernebelten metaphysischen<br />
Raum“ stellen. Wird der <strong>Dichter</strong> zum<br />
Betbruder?<br />
Kurzke: Keineswegs. Die klassischen<br />
Fragen nach Zeit, Raum, Endlichkeit<br />
und Unendlichkeit sind metaphysische<br />
Fragen. Das hat zunächst mit Christentum<br />
nichts zu tun, sondern meint ein<br />
Denken über die Grenzen der Physik<br />
hinaus.<br />
Sie wenden sich stark gegen eine linke<br />
Vereinnahmung Büchners. Werfen Sie<br />
dieser „Orthodoxie“ vor, für die metaphysische<br />
Dimension blind zu sein?<br />
Kurzke: Sie drängt diese Dimension in<br />
der Regel beiseite. Dabei hat Büchner sich<br />
in „Dantons Tod“ weit von den Quellen<br />
entfernt, um ein großes Gespräch einzufügen,<br />
ob es Gott gibt und wie er beschaffen<br />
sein müsste. Thomas Payne sagt, „es<br />
gibt keinen Gott“, Mercier widerspricht,<br />
„aber eine Ursache muss doch da sein“.<br />
Im Gefängnis, unter Drohung des Todes,<br />
denken diese Figuren über Gott nach. Die<br />
Auseinandersetzung mit Gott muss Büchner<br />
wichtig gewesen sein.<br />
hauschild: Wolfgang Martens hat schon<br />
vor 50 Jahren quasi religiöse Fragen als<br />
das gedankliche Zentrum von „Dantons<br />
Tod“ ausgemacht. Dreh- und Angelpunkt<br />
von Büchners Denken ist aber nicht das<br />
Christentum, sondern die Französische<br />
Revolution. Auch nach dem „Landboten“<br />
wandte er sich nicht von deren Idealen ab.<br />
Kurzke: Das bestreite ich nicht. Wohl<br />
aber plädiere ich dafür, die Taten<br />
Foto: Bernd Hartung für <strong>Cicero</strong><br />
26<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
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Titel<br />
<strong>Der</strong> <strong>Dichter</strong>-<strong>Punk</strong><br />
Büchners von seinen Worten zu trennen.<br />
Ich sehe einen jungen Mann, der<br />
nach dem „Landboten“ erleben muss,<br />
wie seine Mitstreiter Weidig und Minnigerode<br />
im Gefängnis landen. Er ist schockiert<br />
und läuft davon. Er verabschiedet<br />
sich vom politischen Aktionismus. Seit<br />
Herbst 1834 will er genau das sein, was<br />
er in „Leonce und Lena“ verspottet, ein<br />
„nützliches Mitglied der menschlichen<br />
Gesellschaft“. Er ist wie alle Romantiker<br />
ein Philister, der in der Dichtung ausformuliert,<br />
was ihm das Leben versagt.<br />
Projekt des „Hessischen Landboten“<br />
entwickelte wie ein großes Abenteuer.<br />
Dann aber endet das Abenteuer in Blut<br />
und Verhaftungen. Das ist der Schock<br />
seines Lebens, aus dem sich das ganze<br />
Œuvre ergibt. Die vier folgenden großen<br />
Werke sind Verarbeitungen dieses furchtbaren<br />
Schocks, den der „Landbote“ ihm<br />
hinterließ.<br />
Hauschild: Geht es etwas nüchterner?<br />
Das Blut haben Sie dazuerfunden, ebenso<br />
den Schock, auch eine Depression ist<br />
durch die Quellen nicht zu belegen.<br />
Also war er gar kein Realist?<br />
Kurzke: Büchners Dichtungen sehe ich<br />
als eine Traumwelt, in der er die Spannungen,<br />
unter denen sein Leben steht,<br />
abarbeitet, auch Scham und Schuld. Das<br />
Unabgegoltene bricht aus ihm auf eine<br />
so hervorragende und so paradigmatische<br />
Weise heraus, dass es die ganze<br />
Menschheit noch immer beschäftigt.<br />
Wären es nur die Probleme eines „Demagogen“<br />
von 1834, wäre uns Büchner<br />
längst egal. Tatsächlich aber leiden auch<br />
wir Heutige am Wahnsinn unseres Lebens,<br />
und auch wir Heutige tragen Gegenwelten<br />
in uns.<br />
Hauschild: Büchner lief aber nicht davon.<br />
Unmittelbar nach Minnigerodes<br />
Verhaftung geht er sofort nach Butzbach<br />
und Offenbach, um die Mitverschwörer<br />
zu warnen. Wegen der politischen Differenzen<br />
mit Weidig plant man, eine eigene<br />
Druckpresse anzuschaffen. Die konspirative<br />
Arbeit läuft also weiter. Erst als sich<br />
Anfang 1835 das Netz um ihn immer enger<br />
zieht, beschließt er zu fliehen. Er hat<br />
sich nie abgewendet von der Revolution.<br />
Andererseits kam es zu keiner revolutionären<br />
Situation, und da stellte sich die<br />
Gewaltfrage überhaupt nicht.<br />
Kurzke: Eben deshalb ist Büchner ein<br />
Liberaler. Er hat Ansichten geäußert, hat<br />
über Gewalt diskutiert, sie nie praktiziert.<br />
Hauschild: Rosa Luxemburg hat nie<br />
eine Waffe in die Hand genommen, Karl<br />
Marx nie geschossen. Sind sie Liberale?<br />
Kurzke: Sie missverstehen mich, Herr<br />
Hauschild. Ich finde Büchners Verhalten<br />
legitim. Er war ein junger Mann, der einen<br />
großen Fehler gemacht hat, und aus<br />
diesem Fehler hat er gelernt.<br />
<strong>Der</strong> Fehler war der „Landbote“?<br />
Kurzke: Ja, natürlich.<br />
jan-Christoph hAuSChild<br />
Seit vielen Jahren beschäftigt<br />
sich der wissenschaftliche<br />
Mitarbeiter am Düsseldorfer<br />
Heinrich-Heine-Institut und<br />
freie Publizist mit Büchner.<br />
Sein jüngstes Werk heißt<br />
„Georg Büchner – Verschwörung<br />
für die Gleichheit“. Bereits die<br />
Dissertation hatte den <strong>Dichter</strong><br />
aus Goddelau zum Gegenstand.<br />
Auch über Heine, Heiner Müller<br />
und B. Traven forscht Hauschild<br />
Hauschild: Dieser „Fehler“ war die<br />
ebenso ernsthafte wie mutige Reaktion<br />
eines jungen, tatkräftigen Mannes auf<br />
die politische und soziale Misere seiner<br />
Zeit, vor der die meisten seiner Zeit- und<br />
Standesgenossen die Augen verschlossen.<br />
Dafür setzte Büchner nicht nur die akademische<br />
Karriere in seiner deutschen<br />
Heimat aufs Spiel, er riskierte auch<br />
seine körperliche Unversehrtheit. Denn<br />
sein Engagement erfüllte den Straftatbestand<br />
des Staatsverrats, der mit langjährigen<br />
Haftstrafen geahndet wurde. Übrigens<br />
gilt der „Landbote“ heute längst<br />
als bedeutendste politische Flugschrift<br />
zwischen den Bauernkriegen und dem<br />
„Kommunistischen Manifest“.<br />
Kurzke: Das war ein rhetorisch glänzendes,<br />
inhaltlich wirres Produkt. Ein junger<br />
hochbegabter Mann hat sich hier in<br />
einem bestimmten Stil erprobt. Aus einer<br />
Depression heraus fand er Freunde, mit<br />
denen zusammen er dieses wunderbare<br />
Andererseits ist „Leonce und Lena“, verfasst<br />
im Juni 1836, das Dokument einer<br />
Melancholie. Streicht diese bittere<br />
Komödie nicht die revolutionären Hoffnungen<br />
und Abgründe endgültig durch?<br />
hauschild: Dass Büchner ein Melancholiker<br />
war, haben sogar die Beamten gemerkt,<br />
die den Steckbrief ausstellten. Sie<br />
beschrieben seinen „düsteren, zur Erde<br />
gesenkten Blick“. Durch keine Quelle<br />
lässt sich belegen, dass Büchner seine<br />
politische Arbeit bereut hätte. Das unterstellen<br />
Sie ihm bloß, Herr Kurzke.<br />
kurzke: Büchner hat sich zum „Landboten“<br />
nicht geäußert. Insofern gibt es da<br />
einen großen Spielraum.<br />
Sie, Herr Hauschild, sehen in „Leonce<br />
und Lena“ eine „von tiefem Hass geprägte<br />
Abrechnung mit dem spätabsolutistischen<br />
System“. Büchner habe „die<br />
erste Komödie in deutscher Sprache“<br />
verfasst, „die nicht einzelne Missstände<br />
kritisiert, sondern das System als solches“.<br />
Für Sie, Herr Kurzke, ist es eher<br />
Ausdruck einer spezifischen Seelenlage.<br />
Kurzke: Es handelt sich um eine romantische<br />
Satire. Eine politische Deutung<br />
käme mir nie in den Sinn. „Leonce<br />
und Lena“ gehört zu Büchners Traumwelt,<br />
und wenn Büchner träumt, träumt<br />
er monarchisch, nicht demokratisch. Außerdem<br />
finden sich der Prinz und die<br />
Prinzessin, obwohl sie voreinander fliehen,<br />
und vollziehen so den Willen des<br />
Vaters. Büchners Wunsch nach Aussöhnung<br />
mit dem eigenen Vater bildet den<br />
biografischen Hintergrund.<br />
Ihnen wiederum, Herr Hauschild, käme<br />
der Begriff „Traum“ nicht in den Sinn.<br />
hauschild: <strong>Der</strong> Herrscher, König Peter,<br />
wird als vertrottelt dargestellt, der Prinz<br />
Foto: Bernd Hartung für <strong>Cicero</strong><br />
28<br />
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Titel<br />
<strong>Der</strong> <strong>Dichter</strong>-<strong>Punk</strong><br />
ist ein absoluter Egoist und rücksichtsloser<br />
Mensch. Es gibt kaum positive Figuren.<br />
Lena ist ein armes Dummchen, genau<br />
wie Lucile in „Dantons Tod“.<br />
Dichtungen, heißt es bei Kurzke, „sind<br />
Fenster ins Innere“. Für Hauschild ist<br />
Dichtung eher ein Reflex auf die Welt<br />
da draußen. Liegt darin der Grundwiderspruch<br />
Ihrer beiden Positionen?<br />
Kurzke: Das kann sein. Dennoch sind<br />
die Aussagen von Herrn Hauschild über<br />
Lena und Lucile unzulässig. Man kann<br />
nicht mit literarischen wie mit wirklichen<br />
Personen umgehen und Zensuren<br />
verteilen. Lena ist eine hochromantische<br />
Figur. Wenn sie sagt, „ich glaube,<br />
es gibt Menschen, die unglücklich sind,<br />
bloß weil sie sind“, dann ist diese metaphysische<br />
Dimension, die ich vorhin erwähnte,<br />
wunderbar berührt. Millionen<br />
von Menschen fühlen sich in einem solchen<br />
Satz angesprochen. Prinz Leonce ist<br />
kein Egoist, sondern eine literarische Figur,<br />
Teil eines Spieles, das aus Büchners<br />
Innerem stammt. Dieses Spiel endet in<br />
einem Traum, mit der „Flucht in das Paradies“.<br />
Aus Leonce und Lena werden<br />
Adam und Eva vor dem Sündenfall. Das<br />
ist ein viel größeres Projekt als eine Abrechnung<br />
mit dem Großherzog.<br />
Hauschild: Es mag sein, dass Leonce,<br />
Lena und Valerio gelegentlich Sympathieträger<br />
Büchners sind. Die Frage<br />
ist nur, ob er die Optik seiner Figuren<br />
grundsätzlich teilt, oder ob er lediglich<br />
Konflikte und Stimmungen auf sie projiziert,<br />
damit sie lebensecht und glaubwürdig<br />
werden. So ist etwa die Abschaffung<br />
der Arbeit, wie Valerio sie als<br />
neuer Staatsminister dekretieren will,<br />
gewiss nicht Büchners positive Utopie<br />
gewesen. Ihm lag die gerechte Verteilung<br />
der gesellschaftlichen Produktion<br />
am Herzen.<br />
Das intensivste Nachleben hat „Woyzeck“.<br />
Für Sie, Herr Kurzke, dürfte er<br />
Sinnbild sein der geknechteten Kreatur.<br />
Kurzke: Prinzipiell stimme ich Ihnen zu.<br />
Direkte politische Aspekte erkenne ich<br />
da nicht. Herr Hauschild versucht, den<br />
„Hessischen Landboten“ in den „Woyzeck“<br />
hinein zu verlängern. Ich hingegen<br />
sehe nach dem „Landboten“ einen tiefen<br />
Bruch. Die Deutung des „Woyzeck“ als<br />
Armutsstudie greift zu kurz.<br />
Was schlagen Sie stattdessen vor?<br />
Kurzke: Als böse Gegenfiguren zu Woyzeck<br />
gelten Arzt und Hauptmann. <strong>Der</strong><br />
Arzt nötigt ihn, viele Erbsen zu essen,<br />
und macht mit ihm Experimente. Dieser<br />
medizinische Bereich betrifft Büchner<br />
persönlich. Er war Anatom, schnitt<br />
Leichen auseinander. Er kannte die Versuchung,<br />
den Menschen als bloße Maschine<br />
zu betrachten. <strong>Der</strong> Arzt steht für<br />
Büchners ureigene Versuchung. Und mit<br />
dem Hauptmann und dem Soldaten Woyzeck<br />
ist der Themenkreis Vitalität und<br />
Potenz eingebracht. <strong>Der</strong> Hauptmann ist<br />
ein Waschlappen, ohne durchsetzungsfähige<br />
Männlichkeit. Ebenso wie Woyzeck<br />
schaut er neidisch auf die tierische Vitalität<br />
des Tambourmajors, an den Woyzeck<br />
seine Marie verliert. Armut ist nicht das<br />
zentrale Thema. Es ist eine Liebestragödie<br />
unter Armutsbedingungen.<br />
hauschild: Woyzeck ist die erste quasi<br />
proletarische Hauptfigur der Theatergeschichte.<br />
Aber die Hauptdifferenz zu<br />
Herrn Kurzke liegt woanders. In seiner<br />
„Geschichte eines Genies“ werden alle Figuren<br />
auf Büchner zurückbezogen. Das<br />
ist nicht zulässig. Herr Kurzke unterstellt<br />
Büchner Schuldgefühle und Reue. Nirgends<br />
legitimieren die Quellen einen solchen<br />
Befund. Deshalb sucht Herr Kurzke<br />
Zuflucht bei der Imagination und, wie er<br />
es ausdrückt, beim „niemals Protokollierten“.<br />
Ein solches Verfahren mag im<br />
Roman statthaft sein, nicht in einer „wissenschaftlich<br />
fundierten“ Biografie.<br />
War es eigentlich klug, den wichtigsten<br />
deutschen Literaturpreis Georg-<br />
Büchner-Preis zu nennen?<br />
Kurzke: Ja. Büchner provoziert noch<br />
immer, was sich nicht zuletzt an den<br />
Dankesreden ablesen lässt. Auch unser<br />
Gespräch hat gezeigt, in welch unterschiedliche<br />
Richtungen die Reaktionen<br />
ausschlagen können. Vielfalt ist eine gute<br />
Sache. Ich würde nie behaupten, mein<br />
Buch solle das letzte Wort sein.<br />
Ihre beiden Bücher enden sehr unterschiedlich.<br />
Bei Ihnen, Herr Hauschild,<br />
erscheint Büchner als Virus. Die Deutschen<br />
werden ihn also nicht los, er hat<br />
sie infiziert?<br />
hauschild: Die deutsche Literatur nach<br />
Büchner ist ohne ihn schwer vorstellbar.<br />
Vieles, was nach ihm kam, ist von ihm<br />
geprägt. Er ist nahezu überall greifbar –<br />
zum Beispiel bei Hauptmann und Wedekind,<br />
Toller und Brecht, aber auch bei<br />
Döblin, Hofmannsthal, Heym, Trakl.<br />
Rilke hat vom „Woyzeck“ geschwärmt.<br />
Ihr Buch, Herr Kurzke, läuft auf keinen<br />
Virus zu. Büchner, schreiben Sie, bleibe<br />
wie jedes Genie ein Mysterium.<br />
kurzke: Je länger ich mich mit Büchner<br />
beschäftige, desto stärker wachsen die<br />
Ergriffenheit von diesem Leben und das<br />
Erstaunen über diese Werke. Sie sind alle<br />
extrem unwahrscheinlich. Stelle ich dann<br />
seine Arbeit als Naturwissenschaftler daneben<br />
und seine eher mittelmäßigen philosophischen<br />
Skripte, sehe ich, dass er<br />
sich selbst nicht gewachsen war. Wo kamen<br />
sie her, diese flüchtig hingeworfenen<br />
Sätze, die uns bis heute sprachlos machen?<br />
„Menschen, die unglücklich sind,<br />
bloß weil sie sind“? Nicht nur aus seinem<br />
Kopf hat er geschöpft, da wirkten andere,<br />
geheimnisvolle Kräfte mit.<br />
30<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
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<strong>Der</strong> <strong>Dichter</strong>-<strong>Punk</strong><br />
Die Natur aber<br />
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Georg Büchner war auch Biologe.<br />
Was erzählt uns sein Werk vom Lebendigen?<br />
Sollen die Menschen werden wie die Steine?<br />
Von Georg Klein<br />
Es stiftet ein merkwürdig klammes<br />
Gefühl von Nachwelt, wenn wir<br />
in einem heiklen <strong>Punk</strong>t möglicher<br />
Erkenntnis mehr als ein großer <strong>Dichter</strong><br />
wissen. Mit Georg Büchner geht es<br />
uns so. <strong>Der</strong> 23-Jährige begriff in den<br />
Wochen seines Züricher Sterbens nicht,<br />
was ihn da, unaufhaltsam zügig und<br />
qualvoll langsam zugleich, um sein Dasein<br />
brachte. Auch für die Zeugen seiner<br />
letzten Tage, seine fürsorglichen Freunde<br />
und seine herbeigeeilte Verlobte, blieb<br />
gnädig im Dunklen, was für uns auf der<br />
Hand liegt und schon wenige Jahrzehnte<br />
später sicher bekannt war.<br />
Dem mörderischen Geheimnis kam<br />
Büchner auf seinem Weg in den angestrebten<br />
Brotberuf selbst recht nah. Während<br />
seines Medizinstudiums hatte er mikroskopiert.<br />
Auch in seinen poetischen<br />
Texten, die parallel zu seinem naturwissenschaftlichen<br />
Lernen und Spekulieren<br />
entstehen, wird das Mikroskop zur Metapher.<br />
Das Gewimmel der sogenannten<br />
Infusionstierchen, das man mit den damaligen<br />
Vergrößerungsgeräten gut beobachten<br />
konnte, dient ihm am Ende seiner<br />
Komödie „Leonce und Lena“ dazu, sich<br />
über das politische Treiben der deutschen<br />
Kleinstaaten lustig zu machen. Aber dass<br />
der Mensch einem winzigen Lebewesen,<br />
der explosionsartigen Vermehrung und<br />
den giftigen Stoffwechselprodukten des<br />
Typhusbakteriums, zum Opfer fallen<br />
kann, blieb Büchner unbekannt.<br />
Woran sterben die Figuren seiner<br />
Werke? Büchner beginnt mit einem Exzess:<br />
Sein erstes Stück hat den Tod im<br />
Titel, und am Ende ist die Mehrzahl der<br />
Hauptfiguren nicht mehr am Leben oder<br />
Zum Autor<br />
<strong>Der</strong> 2000 mit dem Ingeborg-<br />
Bachmann-Preis ausgezeichnete<br />
Schriftsteller legte soeben den<br />
Roman „Die Zukunft des Mars“<br />
vor. Kleins Markenzeichen ist die<br />
Verbindung von Sprachwitz,<br />
Vorstellungskraft und Belesenheit.<br />
Auch „Barbar Rosa“, „Die Sonne<br />
scheint uns“ und „Roman unserer<br />
Kindheit“ zeugen davon<br />
einem baldigen Hinscheiden geweiht. Die<br />
Protagonisten, Antreiber, Getriebene,<br />
zuletzt Mitgeschleifte der Französischen<br />
Revolution, sterben alle durch Menschenhand.<br />
Danton wird wie sein Gegenspieler<br />
Robespierre, bevor er selbst ein Opfer abgibt,<br />
als ein Täter ausgewiesen sein, der<br />
die Ermordung zahlreicher Männer und<br />
Frauen zu verantworten hat.<br />
Und doch ist dem individuellen Sterben<br />
in diesem blutrünstigen Revolutionsdrama<br />
auf eigentümliche Weise der Zahn<br />
des Schreckens gezogen. Historie und<br />
Geschichtsphilosophie werden gezwungen,<br />
Büchner dabei zu assistieren. Einige<br />
der Figuren dürfen noch pro forma an einen<br />
Sinn des Massakrierens und Massakriertwerdens<br />
glauben und wüste Fortschritts-<br />
und Zukunftstiraden schwingen.<br />
Sogar Dantons negative Umkehrung, die<br />
den Gang der mörderischen Ereignisse<br />
nur noch als idiotischen Irrlauf begreift,<br />
verharrt weiter im Bannkreis der Ideologien,<br />
die er verächtlich verwirft.<br />
Das schützt ihn. Denn der Tod bleibt<br />
so zumindest in der Hand des Menschen.<br />
Obwohl er, blindwütig voranwurstelnd,<br />
nicht mehr das Werkzeug von Mächten<br />
abgibt, die nach Besserem oder Höherem<br />
streben. „So mechanisch getötet zu werden!“,<br />
meint der seiner Hinrichtung auf<br />
der Guillotine entgegensehende Danton.<br />
Und wir, die den Fortschritt der Technik<br />
als allerletztes Zukunftsversprechen<br />
der Vernunft am Leben zu erhalten versuchen,<br />
können beiläufig erkennen: Bereits<br />
am Anfang des langen, weiterhin<br />
währenden Zeitalters der komplexen Apparate,<br />
konnte das automatisch funktionierende<br />
Gerät ein Schreckbild sein, das<br />
Foto: Carmen Jaspersen/Picture Alliance/dpa<br />
32<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
JAN JOSEF LIEFERS<br />
Fotografiert von Martin Schoeller<br />
exklusiv für HÖRZU<br />
Einer, der<br />
zu Hause hat
Titel<br />
<strong>Der</strong> <strong>Dichter</strong>-<strong>Punk</strong><br />
den archaischen Sensenmann zu einem<br />
gemütlichen Bauernlümmel degradiert.<br />
Was macht das mit dem Leben? „Ich<br />
bin bloß in Krieg gegangen um mich in<br />
meiner Liebe zum Leben zu befestigen“,<br />
räsoniert der Hauptmann vor Woyzeck.<br />
Damit könnte gemeint sein, dass uns die<br />
Lust des Totschlagens, siamesisch verwachsen<br />
mit der Angst vor dem Totgeschlagenwerden,<br />
zu einer besonderen<br />
Daseinsintensität verhilft. Doch mit<br />
dem Lebensbegriff Büchners verhält es<br />
sich ähnlich wie mit jener „Natur“, die<br />
seine Figuren im Munde führen. Was wir<br />
über den Naturbegriff der ausklingenden<br />
Goethe- Zeit wissen, hilft so gut wie<br />
nichts, wenn Leonce im mondlichtdurchfluteten<br />
Garten Lena zuflüstert: „Schöne<br />
Leiche, du ruhst so lieblich auf dem Bahrtuch<br />
der Nacht, dass die Natur das Leben<br />
hasst und sich in den Tod verliebt.“<br />
Wer hasst hier wen? Valerio eröffnet<br />
den nächtlichen Trialog mit: „Es ist eine<br />
schöne Sache um die Natur …“ Und dann<br />
reiht der Spötter eine kleine Serie von<br />
Tiernamen aneinander, um sein launiges<br />
Bekenntnis ins Zwielicht zu rücken. Die<br />
blutsaugenden Insekten, Schnaken und<br />
die damals allgegenwärtigen Flöhe dürfen<br />
den Anfang machen. Es folgen diejenigen<br />
Gattungen, die in lauschiger Nacht<br />
für ein maschinenhaft stupides Lärmen<br />
sorgen: die Frösche und die Grillen.<br />
Die Natur – ist das nicht jenes harmonische<br />
Supersystem der Ökosysteme,<br />
das auch die atheistische Grünseligkeit<br />
unserer Tage gern Schöpfung nennt? Valerio<br />
beschränkt sich, was die Tierwelt<br />
angeht, auf stechlustige Schmarotzer und<br />
fortpflanzungsgeile Amphibien. Und von<br />
den Pflanzen des Gartens ist ihm bloß<br />
das Gras, der schnöde „Rasen“, zweimal<br />
einen kalauernden Witz wert.<br />
Mehr zur Welt der Pflanzen lässt sich<br />
im „Woyzeck“ finden. Die Großmutter<br />
erzählt ein schaurig minimalistisches<br />
Märchen, in dem die Sonne „ein verreckt<br />
Sonnenblum“ und der Mond „ein Stück<br />
faul Holz“ ist. Am Seziertisch, über tote<br />
Fische, Amphibien, Leichen gebeugt, hat<br />
der junge Physiologe Büchner gesehen,<br />
dass animalisches Gewebe weit schneller<br />
als abgestorbenes Holz Zeichen von<br />
Zersetzung zeigt. Das Aufschneiden toter<br />
Tiere und Menschen galt als nicht ungefährlich.<br />
Man riet dazu, das Sezierobjekt<br />
möglichst wenig zu berühren, warnte vor<br />
Selbstverletzung mit dem Skalpell, verwendete<br />
Formalin, Spiritus und Kalk zur<br />
Konservierung und Reinigung.<br />
Aber wovor man sich mit Achtsamkeit<br />
und Hygiene eigentlich genau schützen<br />
sollte, war Büchner unbekannt, als<br />
er in Zürich Fische zerlegte, die in einem<br />
Wasser geschwommen waren, das der<br />
Kot Typhuskranker verunreinigt hatte.<br />
Wir Nachweltler wissen, dass faulendes<br />
Holz genauso wenig tot ist wie in Verwesung<br />
übergegangenes Fleisch. Da lebt es,<br />
da stoffwechseln und wachsen eine Fülle<br />
von Geschöpfen, auch wenn sich ihr Dasein<br />
dem König der menschlichen Sinne,<br />
dem Sehen, gnädig lang entzog.<br />
„Die Natur ist groß und reich“, behauptet<br />
der ehrgeizige Naturwissenschaftler<br />
Georg Büchner arg phrasenhaft<br />
am Ende seiner Dissertation. In den einleitenden<br />
Überlegungen seiner Antrittsvorlesung<br />
heißt es mit ähnlich hohler<br />
Emphase, die Philosophie müsse sich auf<br />
den Weg hin zum „frischen grünen Leben“<br />
machen. Das ist der romantischen<br />
Ganzheitssehnsucht und dem idealistischen<br />
Harmoniebedürfnis seiner Zeit geschuldet.<br />
Wie unversöhnlich schroff fügt<br />
dagegen der poetische Büchner dieselben<br />
Begriffe aneinander, wenn Leonce sagt,<br />
dass die Natur das Leben hasse.<br />
Gesetzt, das Leben wäre die Gesamtheit<br />
der fortpflanzungsfähigen Wesenheiten,<br />
der Grashalm wie die Laus,<br />
das Typhusbakterium wie die liebreizende<br />
Lena: Dann stünde dieser biotischen<br />
Natur das unbelebt Stoffliche gegenüber.<br />
Für diese andere Natur, für Fels<br />
und Wasser, für Wolke und Wind, und für<br />
das kosmisch Leblose, für Mond, Sonne<br />
und Sterne findet sich im Werk Büchners<br />
ein Überfluss emphatischer Bilder. <strong>Der</strong><br />
Titelheld seiner Erzählung „Lenz“ ist in<br />
einer Welt unterwegs, in der eine großartig<br />
leblose Landschaft die Wahrnehmung<br />
dominiert und mehr als Pflanze oder Tier<br />
zur Seele des Menschen spricht.<br />
Soll sich der Mensch auf die Seite der<br />
Steine schlagen? Damit er jenen „Hass“<br />
aushält, jene panische Angstliebe zum<br />
Lebendigen, von der Leonce spricht,<br />
während er sich vorstellt, Lena läge tot<br />
vor ihm, so glücklich tot wie jenes Kind,<br />
zu dem Lenz durchs Gebirg pilgert, so ruhig<br />
gestellt wie die von Woyzeck erstochene<br />
Marie, so reglos wie die Opfer der<br />
Guillotine, die uns Danton als vom Leben<br />
Erlöste ausmalt? Büchner konnte dies<br />
versuchen, weil er nichts davon wusste,<br />
wie den Menschen das Biotische selbst,<br />
in Gestalt winziger Organismen und wuchernder<br />
Zellen, in etwas scheinbar Totes<br />
verwandelt. Scheinbar tot, denn auf dem<br />
Ermordeten lebt der Mörder, das Leben,<br />
in mikroskopisch winziger Gestalt weiter.<br />
Muss unsere menschliche Natur das<br />
rätselhafte Prinzip Leben dafür hassen,<br />
dass es mit dem Tod der Individuen keineswegs<br />
endet und dass ihm weder die<br />
Wissenschaft noch die poetische Illusion<br />
vollends den Garaus machen können?<br />
Vielleicht sollten wir es mit Woyzeck<br />
halten, der die „Schwämme“, die<br />
Pilze, beobachtet und versucht, die „Figuren“<br />
ihres Wachstums zu lesen. Bis wir,<br />
unsere Wissenschaft und deren Automaten<br />
mehr entziffern können, müssen wir<br />
uns allerdings, notdürftig wie der große<br />
<strong>Dichter</strong> und sein armer Soldat, mit den<br />
Wörtern Natur und Leben behelfen.<br />
34<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Berliner Republik<br />
35 – 55<br />
„ Ich weiß, dass es<br />
bei den Medien gut<br />
ankommt, wenn ich<br />
meinen Vater erwähne “<br />
Franziska Augstein über ihr Vorgehen im Streit um die Zukunft des<br />
Spiegel, in dem sie sich auf ihren Vater Rudolf berufen hat, Seite 40
Berliner Republik<br />
Porträt<br />
Mal Schnaps, MAl Nüchtern<br />
Schläger, Räuber, Mörder. Frank Rosenow hat viel gesehen in seinem Gerichtssaal. Nun<br />
führt er den Prozess gegen Christian Wulff, einst Staatsoberhaupt der Bundesrepublik<br />
Von TIMO STEIN<br />
Außergewöhnliche Situationen erfordern<br />
außergewöhnliche Mittel.<br />
Landgericht Hannover. <strong>Der</strong><br />
50 Jahre alte Zeuge zittert. Er ist Alkoholiker.<br />
Vor der Verhandlung trinkt er nicht,<br />
weil er Anwälten und Richter nüchtern<br />
gegenübertreten möchte. Entzugserscheinungen<br />
im Zeugenstand. Nervosität,<br />
Ruhelosigkeit, Konzentrationsabfall. Er<br />
ist der einzige Zeuge. Es geht um Mord.<br />
<strong>Der</strong> Fall steht auf der Kippe. <strong>Der</strong> Richter<br />
handelt: Ein Gerichtsdiener wird angewiesen,<br />
etwas zu trinken zu besorgen.<br />
Zwei Flachmänner, Weinbrand Marke<br />
„Avicourt“, je 0,1 Liter, 36 Prozent. Im<br />
Richterzimmer spült der Mann das Zeug<br />
runter, dann sagt er aus.<br />
<strong>Der</strong> Strafverteidiger Marcin Raminski<br />
glaubt es kaum. Er sei „überrascht<br />
und perplex“ gewesen, erzählt er<br />
von der Verhandlung im Jahr 2012. „Erhalten<br />
Drogensüchtige demnächst Heroin?“,<br />
hat er damals geschimpft. <strong>Der</strong><br />
Richter gibt schließlich nach, verzichtet<br />
darauf, die Aussage zu verwerten. <strong>Der</strong><br />
Boulevard stürzt sich auf den Fall. Von<br />
einer „Schnapsidee“ ist die Rede, vom<br />
„Zeugen-Schluck-Programm“.<br />
<strong>Der</strong> Richter heißt Frank Rosenow,<br />
seit zwei Jahren Vorsitzender der 2. Großen<br />
Strafkammer am Landgericht Hannover.<br />
Demnächst verhandelt er den Fall<br />
Christian Wulff. Die Erfahrungen, die er<br />
mit der Boulevardpresse sammeln durfte,<br />
könnten ihm helfen, klobige Schlagzeilen<br />
zu überstehen. Spätestens mit dem<br />
ersten Verhandlungstag, angesetzt für<br />
den 1. November, wird das Land nicht<br />
nur auf Christian Wulff, sondern auch<br />
auf seinen Richter blicken. 16 Verhandlungstage<br />
hat Rosenow fürs Erste veranschlagt.<br />
Es ist ein Fall ohne Muster. Staat<br />
gegen Ex-Staatsoberhaupt – einen Prozess<br />
gegen einen ehemaligen Bundespräsidenten<br />
gab es in Deutschland noch nie.<br />
Rosenow hat viel gesehen. Im April<br />
2012 saß ein Mann auf der Anklagebank,<br />
der mit einem Handfeger eine Bank überfallen<br />
wollte und gegen die Eingangstür<br />
prallte. Er hatte Zuhälter in seinem Gerichtssaal,<br />
Schläger und Mörder. Jetzt<br />
wird der Angeklagte ein Mann sein, der<br />
mit 54 Jahren so alt ist wie er und der<br />
wie er Jura studiert hat: Wulff.<br />
Fragt man Juristen in Hannover nach<br />
ihm, sagen sie, dass Rosenow sich wohl<br />
kaum vom Aufsehen des Falles wird<br />
beeindrucken lassen. Er sei kein eitler<br />
Fatzke, der unbedingt den Prozess seines<br />
Lebens führen will, hört man aus<br />
Anwaltskreisen immer wieder. Im Gerichtssaal<br />
wirke er entspannt mit seinem<br />
offenen Lächeln. Geduldig, nüchtern – so<br />
beschreiben ihn Juristen, die ihn aus dem<br />
Gerichtssaal kennen.<br />
Rosenow selbst schweigt. Keine Interviews,<br />
kein Wort über diesen Prozess.<br />
Das Schweigen tut gut. Es kontrastiert<br />
mit der Lautstärke der Wulff-Wochen, in<br />
denen halb Deutschland über den Präsidenten<br />
zu Gericht saß. Auf den Moralprozess,<br />
in dem sich die Anklagepunkte<br />
ins Unüberschaubare summierten und<br />
sich die Ankläger aus Politik und Medien<br />
übertrumpften, folgt ein schlichtes<br />
deutsches Strafverfahren unter dem Vorsitz<br />
von Frank Rosenow.<br />
<strong>Der</strong> Turbulenz der Affäre Wulff steht<br />
die nüchterne Art dieses Richters gegenüber.<br />
Einen ersten Akzent hat er gesetzt:<br />
Er hat das Verfahren eine Nummer kleiner<br />
gemacht. Es wird nicht, wie von der<br />
Staatsanwaltschaft gefordert, wegen Bestechlichkeit<br />
geführt, sondern nur wegen<br />
Vorteilsnahme.<br />
Bereits die Staatsanwaltschaft wertete<br />
nach ihren überaus umfangreichen<br />
Ermittlungen nur einen Vorgang aus dem<br />
Jahr 2008 als strafwürdig. Die Anklage<br />
dreht sich um einen Besuch von Wulff,<br />
da noch niedersächsischer Ministerpräsident,<br />
und dem Filmproduzenten David<br />
Groenewold beim Münchner Oktoberfest.<br />
Groenewold soll für Wulff und dessen Familie<br />
Hotel- und Kinderbetreuungskosten<br />
in Höhe von 510 Euro und die Kosten<br />
für ein gemeinsames Abendessen für<br />
209,40 Euro übernommen haben. Zudem<br />
soll er für einen Festzeltbesuch bezahlt<br />
haben. Daraufhin soll Wulff sich in einem<br />
Brief an den Konzern Siemens für<br />
die Förderung eines geplanten Groenewold-Filmes<br />
eingesetzt haben.<br />
In der Anklageschrift werden 25<br />
Zeugen und sieben Aktenordner mit ausgewerteten<br />
Unterlagen als Beweismittel<br />
aufgeführt. Allerhand Details müssen<br />
untersucht, Zeugen geladen werden.<br />
Hotelangestellte und Oktoberfestgäste<br />
dürften befragt werden. Auch die mittlerweile<br />
von Christian Wulff getrennt lebende<br />
Ehefrau Bettina könnte als Zeugin<br />
auftreten. Die Staatsanwaltschaft dürfte<br />
mikroskopisch die Beziehung zwischen<br />
Groenewold und Wulff untersuchen. <strong>Der</strong><br />
Richter muss klären, wo Freundschaft endet<br />
und wann die Korruption beginnt.<br />
Rosenow gebe den Prozessbeteiligten<br />
Raum, sagt der Hannoveraner Strafverteidiger<br />
Andreas Bäsecke. Bäsecke<br />
erzählt auch von einem Prozess unter<br />
dem Vorsitz Rosenows: Ein Mann wurde<br />
wegen Mordes zu 14 Jahren Haft verurteilt.<br />
Das Urteil wurde angefochten. <strong>Der</strong><br />
Bundesgerichtshof hob es auf und verwies<br />
den Fall an eine andere Kammer<br />
des Landgerichts. Er landete bei Frank<br />
Rosenow. <strong>Der</strong> verurteilte den Mann zu<br />
denselben 14 Jahren. Es hätte viele Richter<br />
gegeben, die sich das nicht getraut<br />
hätten.<br />
Aber Rosenow macht sein Ding.<br />
Timo Stein ist Redakteur<br />
von <strong>Cicero</strong> Online<br />
Illustration: Hans Baltzer<br />
36<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Berliner Republik<br />
Porträt<br />
<strong>Der</strong> Hingucker<br />
Oberleutnant Catherine Haag macht Karriere in der deutschen Luftwaffe.<br />
Eine schwarze Frau gibt in einer Domäne des weißen Mannes Befehle. Geht das?<br />
Von JasmiN kAlarickal<br />
Foto: Oliver Rüther für <strong>Cicero</strong><br />
Wenn Oberleutnant Catherine<br />
Haag in der Truppenküche<br />
des Fliegerhorsts Büchel Mittag<br />
macht, ereignen sich immer noch<br />
kleine Kulturschocks. Haag sitzt im Tarnanzug<br />
am Tisch, vor ihr steht ein Teller<br />
Geschnetzeltes mit Reis. Niemand tuschelt,<br />
aber von den Nebentischen her<br />
richten sich immer wieder scheue Blicke<br />
auf sie, einige bleiben einen Moment länger<br />
hängen als normal. Sie registriert die<br />
Blicke, aber sie lächelt und isst weiter. Sie<br />
sagt: „Ich bin eben ein Hingucker.“<br />
Haag, 31 Jahre alt, ist in der Bundeswehr<br />
gleich doppelt in der Minderheit.<br />
Sie ist Frau und sie ist schwarz.<br />
Oder Mischling, farbig, Cappuccino – sie<br />
selbst schert sich nicht um politisch korrekte<br />
Bezeichnungen, obwohl sie oft gefragt<br />
wird, was man denn sagen dürfe.<br />
Hauptsache, nicht böswillig beleidigend,<br />
antwortet sie. Überhaupt: Sie könne sich<br />
bei der Arbeit nicht ständig fragen, ob irgendwer<br />
ein Problem mit ihr hat. Catherine<br />
Haag will Normalität.<br />
Das wäre schon ein gewaltiger Schritt,<br />
denn die Bundeswehr ist in Deutschland<br />
so etwas wie die letzte Domäne des weißen<br />
Mannes. Heute liegt der Frauenanteil<br />
in der Truppe bei 9,8 Prozent. Eine<br />
repräsentative Befragung des ehemaligen<br />
Sozialwissenschaftlichen Instituts<br />
der Bundeswehr ergab 2009, dass rund<br />
12 Prozent der Soldatinnen und Soldaten<br />
einen Migrationshintergrund haben.<br />
Eine Offizierin mit einem Vater aus<br />
Ghana: Das ist selten. Haag weiß nicht<br />
genau, wie oft sie die Frage beantwortet<br />
hat, wie es als schwarze Frau in der Bundeswehr<br />
ist. „Oft.“<br />
Aber sie ist jetzt mittendrin. Am<br />
Vormittag steht sie mit verschränkten<br />
Armen im ländlichen Idyll der Eifel.<br />
Ein 17 Kilometer langer Stacheldrahtzaun<br />
umgibt den Fliegerhorst Büchel in<br />
Rheinland-Pfalz, der seit 1957 das Jagdbombergeschwader<br />
33 beheimatet. Haag<br />
trägt „Feldanzug Grün“ und schwarze<br />
Boots. „Darum geht es bei uns bei der<br />
Luftwaffe“, sagt sie und zeigt auf einen<br />
Tornado, der auf der Startbahn beschleunigt.<br />
„Und jetzt halten Sie sich besser die<br />
Ohren zu.“<br />
Haag arbeitet als Materialoffizierin<br />
in der Nachschub- und Transportstaffel.<br />
Ihr Aufgabenbereich ist die Logistik. Sie<br />
sorgt dafür, dass die Kampfflugzeuge im<br />
Krisenfall gut gerüstet in den Einsatz fliegen:<br />
Treibstoff, Munition, Ersatzteile.<br />
Ihr Vater ging in den Siebzigern<br />
aus Ghana zum Studium nach England,<br />
lernte ihre Mutter, eine weiße Deutsche,<br />
bei einem Besuch in München kennen.<br />
Sie bekamen drei Kinder, Haag ist die Älteste.<br />
Dumme Sprüche habe sie in ihrer<br />
Kindheit in Kaiserslautern ertragen müssen,<br />
ja, aber nicht über die Maßen. Ihre<br />
Heimat war immer Deutschland. Ghana<br />
sei ihr fremd, sie war nie da. Das erzählt<br />
sie in ihrer süddeutschen Tonart, „gell“.<br />
Nach dem Abitur wurde sie Fachinformatikerin,<br />
irgendwann sehnte sie sich<br />
nach Verantwortung im Berufsalltag. Ein<br />
Freund schlug die Bundeswehr vor. Sie<br />
lachte erst, dann bewarb sie sich doch um<br />
eine Offizierslaufbahn, studierte BWL an<br />
der Bundeswehruniversität in Hamburg,<br />
kam nach dem Abschluss nach Büchel.<br />
Sie macht Karriere in der Bundeswehr,<br />
so einfach ist das. Oder nicht?<br />
„Es gibt immer wieder mal Herren,<br />
die mit ihren Ängsten zu kämpfen haben“,<br />
sagt sie. Aber die Hierarchie wirke.<br />
„Hier in Büchel hatten die alten Staber<br />
Zeit, sich an Frauen zu gewöhnen.“ Manche<br />
Stabsfeldwebel sind zehn Mal länger<br />
dabei als sie, ihr aber trotzdem unterstellt.<br />
Einem begegnet sie in der Hauptlagerhalle,<br />
er verzichtet auf den militärischen<br />
Gruß, stattdessen umarmt er<br />
sie. „Ihrer Vorgängerin habe ich jeden<br />
Tag gesagt, Frauen hätten in der Bundeswehr<br />
nichts zu suchen“, sagt er. Letztlich<br />
habe sie bewiesen, „dass auch eine<br />
Frau ihren Mann stehen kann“. Haag<br />
schweigt dazu. Sie fühlt sich nicht diskriminiert.<br />
Stereotype sind ihr einfach<br />
lästig. Sie gehört dem Verein Deutscher<br />
Soldat e. V. an, in dem Offiziere mit familiären<br />
Wurzeln außerhalb Deutschlands<br />
organisiert sind. Für eine Kampagne des<br />
Vereins ließ sich Haag mit einer Kameradin<br />
fotografieren. Die andere, weiße<br />
Haut, blonde Haare, grüne Augen, und<br />
sie Rücken an Rücken. Klick. „Sie war<br />
Migrantin, fiel aber nie auf, ich dagegen,<br />
in Deutschland geboren, schon.“ Darunter<br />
schrieben sie: „Was denken Sie, wer<br />
Deutsche ist?“<br />
Hätte Haag ihren Chef nicht vertreten<br />
müssen, wäre sie jetzt in Mali. Ob ein<br />
afrikanisches Land etwas in ihr auslösen<br />
könnte? Sie seufzt. Als Soldatin hat sie<br />
geschworen, ihr Land, Deutschland, mit<br />
dem Leben zu verteidigen. „Vielleicht<br />
guckt man mich dort nicht mehr so an,<br />
das wäre ja mal eine andere Erfahrung.“<br />
Aber wie gesagt: Sie muss in Büchel<br />
stellvertretend 178 Soldaten und 44 zivile<br />
Angestellte führen – überwiegend<br />
Männer. Sie sitzt im Büro und verschickt<br />
Befehle per E-Mail. Sie arbeitet sich durch<br />
eine Tabelle der Elektronikstaffel, es geht<br />
um fehlende Ersatzteile, Abkürzungen<br />
wie PHDD, ET/AT ASST A3 kommen<br />
vor. Es klopft. „Ja, bitte.“ Die Tür öffnet<br />
sich, militärischer Gruß, „Oberleutnant<br />
Haag, verzeihen Sie die Störung, ich<br />
brauche zwei Autogramme.“ Sie unterschreibt,<br />
alles in Ordnung. Neue deutsche<br />
Normalität.<br />
Jasmin kAlarickal, freie Journalistin<br />
mit indischen Wurzeln, lebt in Berlin und<br />
genießt, dass dort Vielfalt Normalität ist<br />
39<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Berliner Republik<br />
Report<br />
Mir nach! Rudolf Augstein Anfang der Siebzigerjahre mit Franziska ( links ) und Jakob vor seinem Haus auf Sylt<br />
40<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Im nAMen<br />
des vAters<br />
Von Ulrike Simon<br />
Rudolf Augstein<br />
hinterließ Deutschland<br />
den Spiegel. Und einen<br />
Clan dazu. Die Kinder<br />
Franziska und Jakob<br />
streiten, was für das<br />
Magazin am besten ist.<br />
Geschichte eines<br />
verzwickten Erbes<br />
41<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Berliner Republik<br />
Report<br />
Fotos: aus dem Buch von Otto Köhler, Rudolf Augstein. Ein Leben für Deutschland, Droemer, München 2002 (Seite 40), Schleyer/ullstein bild<br />
Rudolf Augstein kann keine Fragen<br />
mehr beantworten. Er kann<br />
nicht erzählen, wie es war, nicht<br />
einschreiten, wenn es schiefläuft, nicht<br />
widersprechen, wenn Falsches behauptet<br />
wird. <strong>Der</strong> Gründer des Nachrichtenmagazins<br />
<strong>Der</strong> Spiegel ist seit elf Jahren<br />
tot. Seither glauben viele sagen zu können,<br />
was er meinte, täte, wollte. So ist<br />
das auch jetzt, da es beim Spiegel wieder<br />
zum Streit gekommen ist.<br />
Augstein, das ist ein gewaltiger Name.<br />
Er gehört zur Nachkriegsgeschichte des<br />
Landes wie der Marshallplan, Adenauers<br />
Westbindung und Brandts Ostpolitik.<br />
Augstein hat das Magazin gegründet, das<br />
die Mächtigen das Fürchten gelehrt hat,<br />
das dazu beitrug, Nachkriegsdeutschland<br />
vom Obrigkeitsdenken zu befreien. Sich<br />
auf Rudolf Augstein berufen zu können,<br />
heißt Deutungshoheit zu haben, wenn um<br />
die Geschicke des Spiegel gerungen wird.<br />
Wer zum Clan gehört, muss das nicht explizit<br />
ansprechen, es schwingt immer mit:<br />
Im Namen des Vaters.<br />
Es begann schon im November 2002<br />
bei der Trauerfeier im Hamburger Michel.<br />
Nur der damalige Bundespräsident<br />
Johannes Rau war informiert, dass Franziska<br />
Augstein eine Rede halten wird.<br />
Mit ihrem Satz vom „toten Löwen“, den<br />
„auch die Hasen an der Mähne zupfen“,<br />
wurde sie zu einer öffentlichen Person.<br />
Sie habe gesprochen, weil sie es „dem toten<br />
Löwen, meinem Vater“ schuldig gewesen<br />
sei, sagte sie damals.<br />
Interpretiert wurde sie anders: Sie<br />
habe Anspruch auf eine Funktion beim<br />
Spiegel erhoben. Mindestens aber hat<br />
sie zu verhindern versucht, dass andere<br />
bestimmen, wer die Größe hat, Rudolf<br />
Augstein als Herausgeber des Magazins<br />
zu folgen. Niemand habe die, hatte zuvor<br />
der damalige Chefredakteur Stefan<br />
Aust gesagt.<br />
Alle Hinterbliebenen des Gründers,<br />
von denen es aus fünf Ehen einige gibt,<br />
können vom Gewicht des Rudolf Augstein<br />
profitieren. Vier Kinder tragen<br />
den Namen: Neben Franziska (geboren<br />
1964) und Jakob (1967) die Älteste,<br />
Maria Sabine (1949), die als Stefan geboren<br />
wurde und sich als Anwältin für<br />
Transsexuelle einsetzt, sowie Julian<br />
(1973), der Jüngste aus der vierten Ehe<br />
mit Gisela Stelly.<br />
Jakob spielte bei Rudolf Augstein<br />
unterm Schreibtisch. Obwohl der<br />
Spiegel-Gründer nicht sein<br />
leiblicher Vater ist, wurde er<br />
dessen Testamentsvollstrecker<br />
Stelly meldet sich am Telefon mit<br />
Stelly-Augstein. Im vorigen Jahr hat<br />
sie eine Art Schlüsselroman über Rudolf<br />
Augstein veröffentlicht. Im April<br />
nutzte sie ein Interview, um Jakob die<br />
Legitimation als Sprecher der Erbengemeinschaft<br />
abzusprechen. Ihr Argument:<br />
Da er 2009 öffentlich bestätigt<br />
habe, dass der Schriftsteller Martin Walser<br />
sein leiblicher Vater ist, solle er verzichten.<br />
„Gewiss“ würde Rudolf Augstein<br />
es so wollen. Behauptungen, sie sei<br />
bereit, im Kampf um die Deutungshoheit<br />
noch schwerere Geschütze aufzufahren,<br />
kommentiert sie nicht. Es riecht<br />
nach schmutziger Wäsche. Dabei sagt sie<br />
selbst, Rudolf Augstein habe nicht dynastisch<br />
gedacht.<br />
Die mediale Aufmerksamkeit gilt<br />
aber Jakob und Franziska. Sie sind die<br />
beiden Journalisten des Augstein-Clans.<br />
42<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
WeLT.De/DigiTaL<br />
Die Welt gehört denen,<br />
die lieber zu weit gehen<br />
als zurück.<br />
Die WeLT gehörT Denen, Die neu Denken.
Berliner Republik<br />
Report<br />
„Wenn mein<br />
vater das wüsste,<br />
er würde sich im<br />
Grabe umdrehen“<br />
Franziska Augstein zur Berufung des<br />
Bild-Journalisten Blome in die<br />
Spiegel-Chefredaktion<br />
Jakob ist Sprecher der Erbengemeinschaft,<br />
der 24 Prozent des Spiegel-Verlags<br />
gehört. Er hat nur einmal in der Öffentlichkeit<br />
vom Willen Rudolf Augsteins<br />
gesprochen. Das war 2003 und 2004, als<br />
es darum ging, mithilfe des Bundeskartellamts<br />
und letzten Briefen Rudolf Augsteins<br />
zu verhindern, dass die Erbengemeinschaft<br />
1 Prozent der Anteile und<br />
damit das Sagen beim Spiegel-Verlag an<br />
Gruner + Jahr und die Mitarbeiter KG<br />
verliert. <strong>Der</strong> Versuch scheiterte, Jakob<br />
akzeptierte das. So haben die Augsteins<br />
im Hause Augstein keinerlei Vetomacht.<br />
Auf die bei wichtigen Entscheidungen<br />
notwendigen 76 Prozent kommen die<br />
Mitarbeiter (50,5 Prozent) und G+J<br />
(25,5 Prozent) ohne die Erbengemeinschaft.<br />
Sie spielt nicht einmal die Rolle<br />
eines Mehrheitsbeschaffers.<br />
Die Ohnmacht scheint Franziska<br />
Augstein schwer zu ertragen. Immer<br />
wieder meldet sie sich mit Vehemenz zu<br />
Wort. 2005 warf sie Aust vor, der Spiegel<br />
habe seine Rolle als Leitmedium verloren,<br />
sei zum „geschwätzigen Magazin“<br />
verkommen. Das passt zur Formulierung,<br />
die sie in diesen Wochen wählte, als sie<br />
vom „Fuchs“ sprach, der in den „Hühnerstall“<br />
geholt würde. Gemeint war Nikolaus<br />
Blome von der Bild-Zeitung, den<br />
der neue Spiegel-Chefredakteur Wolfgang<br />
Büchner eingestellt hat. Gegen<br />
Blomes Berufung wandten sich alle Ressortleiter.<br />
<strong>Der</strong> Bild-Mann wird dennoch<br />
Leiter des Hauptstadtbüros und Mitglied<br />
der Chefredaktion. „Eine Katastrophe“<br />
nannte Franziska Augstein das und ergänzte<br />
mit Blick auf ihren Vater: „Wenn<br />
er das wüsste, er würde sich im Grabe<br />
umdrehen.“<br />
Ihre Argumentation ist moralisch.<br />
Sie sagt, sie sorge sich um das Erbe ihres<br />
Vaters und habe nur ein Mittel: öffentliche<br />
Erklärungen. Sie sagt auch:<br />
„Ich weiß, dass es bei den Medien gut ankommt,<br />
wenn ich meinen Vater erwähne.“<br />
Dann wird sie gehört. In der einflusslosen<br />
Erbengemeinschaft hat sie nichts zu<br />
sagen. Im Fall Blome war sie nicht einmal<br />
vorab informiert.<br />
Jakob Augstein hat sich zur Frage,<br />
ob der Bild-Journalist trotz Vorbehalten<br />
der richtige Mann für den Spiegel ist, mit<br />
nur einem Satz geäußert: „Gute Leute<br />
bekommen immer Gegenwind.“ Das<br />
wundert nicht, hat er doch mit Blome<br />
bei Phoenix eine wöchentliche Debattensendung.<br />
Franziska wollte das nicht<br />
stehen lassen. Über die Nachrichtenagentur<br />
dpa und in Interviews mit dem NDR<br />
und dem Deutschlandfunk verbreitete sie<br />
ihre Ansicht.<br />
Ihr Ziel sei gewesen, der Spiegel-Redaktion<br />
den Rücken zu stärken, sagt sie,<br />
bereut aber, sich auf Nachfragen auch<br />
über das Verhältnis von Print und Online<br />
geäußert zu haben. Was sie über Online-Journalismus<br />
zu sagen hatte, wirkte<br />
abwertend, gar gefährlich. Dort werde<br />
nicht genug nachgedacht und zu wenig<br />
Geld verdient. Sie stärkte mit der Äußerung<br />
jene, die den Redakteuren des gedruckten<br />
Spiegel ohnehin vorwerfen, sie<br />
seien Modernisierungsverweigerer, die<br />
sich den Kollegen von Spiegel Online<br />
überlegen fühlten, Besitzstände wahrten<br />
und ideologisch verbohrt seien, wenn sie<br />
einen von Bild für inkompatibel mit dem<br />
Spiegel halten.<br />
Das Verhältnis zwischen Franziska<br />
und Jakob ist zwiespältig, wirkt es bei<br />
öffentlichen Auftritten auch harmonisch.<br />
Beide sind unehelich zur Welt gekommen.<br />
Aufgewachsen sind sie bei ihrer gemeinsamen<br />
Mutter, der John-Updike-Übersetzerin<br />
Maria Carlsson. Rudolf Augstein adoptierte<br />
Franziska gleich nach der Geburt.<br />
1968 heiratete er Maria Carlsson. Kurze<br />
Zeit später ließen sie sich wieder scheiden.<br />
Heute ist Jakob Chefredakteur und<br />
Verleger der von ihm 2006 gekauften<br />
linken Wochenzeitung <strong>Der</strong> Freitag. Franziska<br />
betreut als Redakteurin der Süddeutschen<br />
Zeitung die Seite Politische<br />
Literatur. Sie lebt mit Heribert Prantl zusammen,<br />
bei der SZ Ressortleiter Innenpolitik<br />
und Mitglied der Chefredaktion.<br />
Das Wesen der beiden Kinder ist verschieden.<br />
Die promovierte Franziska,<br />
äußerlich dem leiblichen Vater Rudolf<br />
Augstein ähnlich, ist belesen und intellektuell.<br />
Dessen ist sie sich sehr bewusst.<br />
Sie spricht hastig, ihre präzise gewählten<br />
Worte presst sie hervor, als hätte sie<br />
viel mehr zu sagen, als ihr Dritten möglich<br />
ist zu vermitteln.<br />
Jakob, äußerlich dem biologischen<br />
Vater Martin Walser ähnlich, spielte als<br />
Kind unterm Schreibtisch von Rudolf<br />
Augstein. Er lernte als Reporter weniger<br />
privilegierte Leben kennen. Er spricht ruhig,<br />
wirkt entspannt und reflektiert, sein<br />
Verhalten ist empathisch, sein Humor trocken.<br />
In der Redaktion des Freitag kann<br />
er unangenehm werden, vertritt ein Redakteur<br />
andere Ansichten als seine.<br />
Feiert der Spiegel 50 Jahre Spiegel-Affäre,<br />
ist es Franziska, die sich<br />
auf dem Podium mit der Strauß-Tochter<br />
Monika Hohlmeier unterhält und mit<br />
der Mutter, Maria Carlsson, zum selben<br />
Thema im Stern ein langes Interview gibt.<br />
Jakob agiert leise. Doch auch er nutzt<br />
seinen Namen. Gerade hat er sein drittes<br />
Buch veröffentlicht, seine wöchentliche<br />
Kolumne bei Spiegel Online heißt nach<br />
einem Augstein-Zitat „Im Zweifel links“.<br />
Er hat sich als Marke mit medialer<br />
Präsenz profiliert. Davon profitiert der<br />
Freitag, dessen digitaler Auftritt den eloquenten<br />
Verleger wiederum zum prominenten<br />
Gesprächspartner macht, wenn es<br />
um die Zukunft des Journalismus geht.<br />
Dabei bekennt er sich offen zu seinem<br />
Faible für Boulevardjournalismus. Das<br />
erklärt sein Verhältnis zu Blome und Bild.<br />
Franziska und Jakob eint, in jüngster<br />
Vergangenheit antisemitischer Ressentiments<br />
verdächtigt worden zu sein.<br />
Am lautesten waren die Vorwürfe gegen<br />
Jakob, der wegen seiner Kolumne 2012<br />
massiv angegriffen wurde und sich in einer<br />
Reihe mit dem iranischen Präsidenten<br />
Ahmadinedschad auf der Top-Ten-<br />
Liste des Simon-Wiesenthal-Zentrums<br />
fand. Vor wenigen Wochen war es Franziska,<br />
die wegen einer Illustration in der<br />
Süddeutschen Zeitung kritisiert wurde.<br />
44<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
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Berliner Republik<br />
Report<br />
Foto: Imago<br />
Die Karikatur zeigte ein Monster mit<br />
Raffzähnen und Hörnern, Messer und<br />
Gabel in der Hand. Darunter schrieb sie:<br />
„Deutschland serviert. Seit Jahrzehnten<br />
wird Israel, teils umsonst, mit Waffen<br />
versorgt. Israels Feinde halten das Land<br />
für einen gefräßigen Moloch.“ Beiden<br />
Fällen liegt unglückliches Formulieren<br />
zugrunde. Anscheinend trauen sich wenige,<br />
einen Augstein zu redigieren.<br />
Auch ihren beiden Vätern wurde<br />
Antisemitismus oder zumindest ein<br />
zweifelhafter Umgang mit der deutschen<br />
Vergangenheit vorgeworfen. Gegen<br />
Rudolf Augstein gab es 2001 im<br />
Vorfeld zur Verleihung des Ludwig-Börne-Preises<br />
Proteste vor der Frankfurter<br />
Paulskirche, weil der Spiegel anfangs<br />
auch ehemalige Nazis beschäftigt hat,<br />
den Umstand aber bis vor einem Jahr<br />
ignorierte. Walser wurde 1998 kritisiert,<br />
nachdem er in der Frankfurter Paulskirche<br />
von einer Instrumentalisierung des<br />
Holocaust sprach.<br />
Martin Walser beurteilen – das kann<br />
Franziska Augstein. Für einen Essay, den<br />
sie 1999 in der Frankfurter Allgemeinen<br />
über ihn schrieb, hat sie den Theodor-<br />
Wolff-Preis erhalten. Den Auftrag habe<br />
sie zu jener Zeit übernommen, sagt sie,<br />
weil sie das Thema interessiert und sie<br />
über die Familie Zugang zu Walser gehabt<br />
habe. Erst Jahre nach Rudolf Augsteins<br />
Tod hatte Jakob auf Nachfrage erfahren,<br />
dass Walser sein leiblicher Vater<br />
ist. Bis dahin wurde darüber in der Familie<br />
nie offen gesprochen.<br />
Rudolf Augstein, berichten enge<br />
Weggefährten, gab jedem seiner vier<br />
Kinder das Gefühl, das Lieblingskind<br />
zu sein. Ein einfacher Vater war er nicht,<br />
erst recht im Alter, und er hat wahrlich<br />
verzwickte Familienverhältnisse hinterlassen.<br />
Dazu äußern will sich Jakob nicht.<br />
Anders Franziska, die jedoch ein persönliches<br />
Treffen mit einem Zitat des ungarischen<br />
Philosophen Georg Lukács ablehnt:<br />
„Ich interessiere mich für alles, nur nicht<br />
für mich.“<br />
Beide verhalten sich also nach dem<br />
gewohnten Schema: Franziska Augstein<br />
äußert sich und beruft sich dabei<br />
auf ihren Vater. Jakob Augstein muss<br />
und kann das nicht, bleibt aber der von<br />
Franziska war Rudolf Augsteins<br />
Lieblingskind. Wie seine anderen<br />
Kinder auch, jedenfalls vermittelte<br />
er jedem dieses Gefühl<br />
Rudolf Augstein als alleinvertretungsberechtigt<br />
eingesetzter Dauertestamentsvollstrecker<br />
für die maximal mögliche<br />
Dauer von 30 Jahren. Er hat das Sagen<br />
in der Erbengemeinschaft, die ihrerseits<br />
nichts zu melden hat im Kreis der<br />
Spiegel-Gesellschafter.<br />
Dem Spiegel wiederum fehlt die<br />
Führungsfigur, das wird bei jedem Streit<br />
offenbar. Einfluss hätte nur ein Augstein.<br />
In Hamburg Herausgeber zu werden, ist<br />
jedoch Jakob wie Franziska verwehrt,<br />
denn das will keiner der anderen Gesellschafter.<br />
Jeder weiß: Einen Augstein<br />
wird man nicht mehr los.<br />
Weder als Spiegel noch als Träger<br />
des Namens.<br />
Ulrike Simon beobachtet als freie<br />
Reporterin seit Jahren die Medienbranche<br />
46<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
JFK<br />
z u m 5 0 . T o d e s j a h r<br />
Edition<br />
Mr. President –<br />
ganz privat.<br />
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Durch sein Charisma, seine Eloquenz und seinen unermüdlichen Einsatz als Präsident,<br />
bleibt er auch nach seinem Tod unvergessen.<br />
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Jahre und hat zahlreiche Eindrücke in Bildern festgehalten. Zum 50. Todesjahr bringt die<br />
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Berliner Republik<br />
Kommentar<br />
Die<br />
urbane<br />
Dekadenz<br />
Von<br />
Frank A. Meyer<br />
Anquatschen, bedrängen,<br />
beleidigen – und das ohne Folgen.<br />
Die Generation Smartphone<br />
verwechselt Freiheit mit<br />
Grenzenlosigkeit<br />
Berlin, Spätsommer 2013: Eine Polizistin und ein Polizist<br />
fahren Streife, nach Meinung von zwei jungen Türken zu<br />
langsam. Die BMW-Fahrer pöbeln die Beamten aus dem Autofenster<br />
an, überholen und blockieren den Streifenwagen.<br />
Sie steigen aus, gehen drohend auf die Polizisten zu. Auch<br />
die steigen jetzt aus. Es gibt ein Handgemenge. Die Kommissarin<br />
wird ins Gesicht geschlagen.<br />
Eine zweite Streife kommt hinzu. Sie nimmt die Personalien<br />
der Türken auf.<br />
Und lässt sie weiterfahren.<br />
Eine Menschentraube von mehr als 70 Jugendlichen, darunter<br />
viele junge Männer türkischer und arabischer Herkunft,<br />
verfolgt das gewalttätige Geschehen. Gaffer schießen Bilder<br />
und filmen. Ladenbesitzer schließen ihre Türen.<br />
Es ist keine zehn Jahre her, da beklagte der Historiker<br />
Joachim Fest das Fehlen von Krawatten auf dem Kurfürstendamm.<br />
T-Shirts und offene Hemdkragen signalisierten aus<br />
der Sicht des distinguierten Intellektuellen einen eklatanten<br />
Verlust von Bürgerlichkeit.<br />
Doch die Zeit schreitet fort, hat uns ein gehöriges Stück<br />
weitergebracht. Heute dürfen Gewalttäter Gendarmen an die<br />
Gurgel, ohne mit Widerstand der Passanten – der Bürger –<br />
rechnen zu müssen, auch nicht mit Festnahme.<br />
Das Bürgertum dankt ab. Sein Rechtsstaat dankt ab.<br />
Die Berliner Zeitung forderte von den Tätern „mehr Respekt,<br />
bitte!“ für die Polizei – und rief den tatenlosen Gaffern<br />
ein „schämt euch!“ zu.<br />
Das Mutigste an der ganzen Kalamität waren die zwei<br />
Ausrufezeichen im Kommentar der Lokalzeitung.<br />
Illustration: Florian Bayer<br />
48<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
<strong>Der</strong> Verfall der bürgerlichen Alltagskultur hat die Gesellschaft<br />
voll erfasst.<br />
Jüngst schrieb der Tagesspiegel: „In Zügen und auf<br />
Bahnsteigen wird nachts gepöbelt, gedroht und manchmal<br />
auch geschlagen.“ Das Berliner Blatt berichtete akribisch,<br />
wie Provokationen und Belästigungen vonstattengehen, wie<br />
besonders Frauen, alte Menschen und schwächere Jugendliche<br />
eingeschüchtert werden: anquatschen, körperlich bedrängen,<br />
beleidigen. Sich an der Angst der Opfer weiden.<br />
Gewalttätige Übergriffe sind nur der spektakulärste<br />
Ausdruck urbaner Dekadenz. Dagegen noch harmlos, aber<br />
nicht minder augenfällig ist die Schmutzspur, die der Niedergang<br />
bürgerlicher Gesittung hinter sich herzieht.<br />
Parks nach Wochenenden, Seeufer nach Sommertagen gleichen<br />
Müllhalden: zersplitterte Flaschen, Plastikabfälle,<br />
Essensreste, Kondome, Fäkalien. Wo immer Jugend sich verabredet,<br />
ist nach dem Fest kein Platz mehr für ordentliche Bürger.<br />
Es gibt sie noch, diese Bürger, aber sie finden keine Fürsprecher<br />
mehr – nicht in der Politik, nicht in der Justiz, vor<br />
allem nicht in den Medien, die sich lustvoll dem Jugendkult<br />
verschrieben haben: schönfärbend, abwiegelnd, gern auch im<br />
Ton süffisanter Verachtung für den braven Kleinbürger, der<br />
seine Abfälle entsorgt, wenn er nach Hause geht, der nicht<br />
auf dem Gehsteig Rad fährt, weil er auf Fußgänger Rücksicht<br />
nimmt, der Musik in Zimmerlautstärke hört, um seinem<br />
Nachbarn nicht die Ruhe zu rauben.<br />
Bürger, die den Rasen nicht betreten, weil es verboten<br />
ist – zum Schießen!<br />
Zürich, das neue Monaco, nennt die Vermüllung seiner<br />
Plätze und Promenaden durch die Generation Smartphone<br />
beschönigend „littering“. Für die Herrchen und Dämchen,<br />
die sich in öffentlichen Parkanlagen verlustieren, ist es<br />
selbstverständlich, dass Müllmänner hinter ihnen aufräumen,<br />
verfügt man doch auch in der Villa am Zürichberg oder an<br />
der Goldküste über entsprechendes Personal.<br />
Statt hinter dem Jugendpack herzuräumen, könnte<br />
man ja mal mit ihm aufräumen: durch Polizeistreifen, durch<br />
Strafbefehle – bei Widerstand durch Mitnahme auf die Wache.<br />
So hat Bürgermeister Giuliani aus dem Dreckskaff New York<br />
wieder eine saubere und sichere Weltmetropole gemacht.<br />
Doch in Deutschland wie in der Schweiz gelten Maßnahmen<br />
der autoritären Art als unschicklich. Schicklich hingegen<br />
ist Toleranz, im Grunde eine bürgerliche Tugend, letztlich<br />
allerdings arg ramponiert, ja pervertiert: Tolerant ist,<br />
wer schweigt, wenn Horden selbstermächtigter Jugendlicher<br />
oder junger Erwachsener die Sau rauslassen.<br />
Auch der urbürgerliche Begriff Freiheit hat sich verflüchtigt,<br />
fände Freiheit doch ihre Grenzen an der Freiheit<br />
des anderen, ist Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft<br />
doch stets ein zivilisatorisch eingehegtes Territorium der<br />
Selbstentfaltung.<br />
Was bedeutet: Die Freiheit des Bürgers besteht darin,<br />
dass er die Musik nicht anhören muss, die andere aufdrehen;<br />
dass er den Müll nicht akzeptieren muss, den andere hinterlassen;<br />
dass er die Aggression nicht hinnehmen muss, mit der<br />
andere ihn bedrängen.<br />
Ja, so war die bürgerliche Gesellschaft einmal gedacht.<br />
Aber wer denkt darüber heute noch nach? Wer tut es unten,<br />
wo die Smartphone-Generation Freiheit mit Grenzenlosigkeit<br />
verwechselt? Wer oben, in den güldenen Gefilden der gehobenen<br />
Gesellschaft?<br />
Wenn es denn zutreffen sollte, dass Elite Vorbild zu sein<br />
hat für Nachwachsende, dann müssten die Verantwortlichen<br />
der Verluderung dort gesucht werden, wo nur noch zählt,<br />
was man für sich selbst zusammenrafft; wo jeder nur noch<br />
seines eigenen Glückes Schmied zu sein hat; wo der bürgerliche<br />
Staat nur noch als hinderlich wahrgenommen wird.<br />
<strong>Der</strong> Ungeist von oben zeichnet sich ab, wirft Schatten<br />
tief unten, wo der Rest der Gesellschaft nun mal noch da ist:<br />
in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Parks, an den Seeufern,<br />
auf den Straßen nachts, auf den Gehsteigen tagsüber.<br />
Frank A. Meyer ist Journalist und Gastgeber<br />
der politischen Sendung „Vis-à-vis“ in 3sat<br />
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Berliner Republik<br />
Reportage<br />
Das Down-Kind<br />
im Bundestag<br />
Von Petra Sorge<br />
Im Mai wurde Dagmar Schmidt Mutter. Ihr Sohn Carl hat<br />
einen Gendefekt: das Down-Syndrom. Ins Parlament geht die<br />
Sozialdemokratin trotzdem. Sie will beide Aufgaben vereinen<br />
50<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Foto: Andrea Diefenbach für <strong>Cicero</strong><br />
Wenn die anderen neuen Abgeordneten<br />
den Bundestag erkunden,<br />
wenn sie die ersten<br />
Tage in Berlin genießen, wenn sie diesen<br />
wichtigen <strong>Punk</strong>t ihrer Laufbahn so<br />
richtig auskosten, dann wird sich die Sozialdemokratin<br />
Dagmar Schmidt Sorgen<br />
machen.<br />
Bis zum 22. Oktober konstituiert sich<br />
das Parlament. Viele der neuen Abgeordneten<br />
wohnen vorerst im Hotel, einige<br />
teilen sich das Büro übergangsweise noch<br />
mit einem Fraktionskollegen. Es sind<br />
Tage des Aufbruchs. <strong>Der</strong> Wahlkampf ist<br />
überstanden, die Anspannung löst sich,<br />
die Gewählten haben es geschafft: vier<br />
Jahre im Zentrum der deutschen Politik.<br />
Mindestens. Die Neulinge dürfen sich bei<br />
der Verwaltung den Bundestagsausweis<br />
abholen, der ihre neue Wichtigkeit beurkundet.<br />
Sie werden Bewerbungsmappen<br />
möglicher Mitarbeiter durchsehen,<br />
sich überlegen, in welchem Ausschuss<br />
sie wohl glänzen werden, und vielleicht<br />
der Heimatzeitung im Wahlkreis ein gut<br />
gelauntes Interview geben.<br />
Dagmar Schmidt wird an ihren Sohn<br />
denken. Sie wird mit Ärzten telefonieren,<br />
mit dem Vater des Kindes, mit ihrer<br />
Mutter.<br />
Ihr Sohn Carl Schmidt wird dann<br />
fünf Monate alt sein. Er hat einen schweren<br />
Herzfehler. Die linke Herzkammer ist<br />
zu klein, zur rechten hin klafft ein Loch.<br />
Zwischen den Vorhöfen und den Kammern<br />
hat er nur eine Herzklappe statt<br />
zwei. Sein Krankheitsbild ist typisch für<br />
die Trisomie 21, auch Down-Syndrom genannt.<br />
Das Chromosom 21 liegt dreimal<br />
vor. In Deutschland leben 50 000 Menschen<br />
mit diesem Gendefekt.<br />
Natürlich zerreißen sich viele Eltern<br />
zwischen Orten und Aufgaben, auch andere<br />
Mütter und Väter von Trisomie-Kindern<br />
arbeiten hart und nicht unbedingt<br />
am Wohnort. Aber Dagmar Schmidt,<br />
40 Jahre alt, Historikerin aus dem hessischen<br />
Lahn-Dill-Kreis, hat sich bewusst<br />
entschieden, sie hat diesen Weg für sich<br />
und ihren Sohn gewählt. Sie will ein<br />
Down-Kind großziehen – und die Politik<br />
des Landes mitgestalten. Dabei wird<br />
sie, so viel lässt sich schon vorhersagen,<br />
sich selbst, Familie, Freunde und vielleicht<br />
auch die Kollegen im Parlament an<br />
Grenzen bringen. Sie wird immer wieder<br />
einer Frage begegnen: Muss das sein?<br />
Kinder mit<br />
Trisomie 21<br />
brauchen Zeit.<br />
Aber das<br />
Parlament ist<br />
ein System,<br />
das kaum Zeit<br />
lässt<br />
Dienstagnachmittag, 4. Juni 2013.<br />
Dagmar Schmidt lässt die Eingangstür<br />
ihrer Dreiraumwohnung in Wetzlar-Dutenhofen<br />
offen stehen. Sie lehnt in der<br />
Küche, Jeans, Kapuzenshirt, die rotblonden<br />
Haare zum Pferdeschwanz gebunden.<br />
In der Rechten hält sie das Baby, in<br />
der Linken das Fläschchen. Schmidt setzt<br />
an, oben tropft die weiße Flüssigkeit heraus,<br />
der Kleine schluckt die Milch.<br />
„Carl hat Schwierigkeiten beim Saugen“,<br />
sagt sie. „Ihn verlassen schnell die<br />
Kräfte.“ Weil Down-Babys manchmal<br />
unter einer Muskelschwäche leiden, gilt<br />
es, ein Trainingsprogramm einzuhalten:<br />
Zehn Minuten lang hat sie Carl die Brust<br />
gegeben, dann ein Fläschchen mit hartem<br />
Sauggummi. Jetzt bekommt er noch den<br />
weichen Sauger.<br />
Schmidt sagt, sie habe sich in kürzester<br />
Zeit so viel wie möglich über das<br />
Down-Syndrom angelesen. „Von all diesen<br />
Dingen hatte ich ja keine Ahnung.“<br />
In der Regel bedeutet die Diagnose<br />
„Trisomie 21“ bei Neugeborenen, dass<br />
sie sich geistig verzögert entwickeln.<br />
Das heißt nicht, dass sie später kein gesundes,<br />
glückliches Leben führen können.<br />
In Berlin gibt es mehrere Schauspielergruppen.<br />
In Spanien schaffte ein<br />
Mann mit Down-Syndrom seinen Hochschulabschluss.<br />
Heute ist er Lehrer. Seine<br />
Geschichte wurde unter dem Titel „Yo,<br />
también“ verfilmt. Im Juli ging eine Spanierin<br />
mit Trisomie 21 in die Politik: Die<br />
30 Jahre alte Verwaltungsangestellte<br />
wurde Stadträtin in Valladolid. Um so etwas<br />
zu schaffen, müssen die Betroffenen<br />
am besten viel frühe Zuwendung erfahren.<br />
Sie brauchen Pflege, Sonderförderung<br />
– vor allem also: Zeit.<br />
Dagmar Schmidt aber dringt gerade<br />
in ein System ein, das fast keine Zeit lässt.<br />
<strong>Der</strong> Abgeordnetenberuf ist eng getaktet:<br />
in Sitzungswochen, Tagesordnungen, aktuelle<br />
Stunden, Redeminuten. Die Partei<br />
verlangt Präsenz an der Basis, die Fraktion<br />
erwartet Anwesenheit im Plenarsaal,<br />
die Bürger möchten Aufmerksamkeit für<br />
ihre Probleme. Berlin – Wahlkreis, Wahlkreis<br />
– Berlin. Immer wieder kommt es<br />
vor, dass der Bundestag in Berlin bis in<br />
die Nacht hinein tagt. Allein im Juni dauerten<br />
zwei Debatten bis kurz vor ein Uhr.<br />
Eine unverheiratete Frau mit neugeborenem<br />
Down-Kind hat es im Deutschen<br />
Bundestag noch nicht gegeben.<br />
Dagmar Schmidt bringt eine neue Seite<br />
des Lebens in die Politik.<br />
Sie ist seit der Kindheit ihren Weg gegangen.<br />
Sie kommt aus einer politischen<br />
Familie, die Eltern sind in der SPD, die<br />
Schwester engagiert sich bei den Piraten.<br />
Ihre Mutter erinnert sich noch, wie ihre<br />
Tochter Dagmar in Geografie ihre einzige<br />
Fünf erhielt. „Ausgerechnet in Mitarbeit“,<br />
sagt Annegret Schmidt, „das war<br />
schon ungewöhnlich.“ Ihr Mädchen war<br />
eine gute Schülerin, nahm Unterricht in<br />
Klavier und drei weiteren Instrumenten.<br />
Die Lehrerin behauptete zwar später, sie<br />
wolle doch lieber eine Vier geben. Dagmar<br />
beharrte jedoch auf der Fünf: „Da<br />
sieht nämlich nicht die Schülerin, sondern<br />
die Lehrerin doof aus.“<br />
Mit 16 trat sie der SPD bei. Sie studierte<br />
Geschichte in Gießen, da kam ein<br />
großer Auftrag: Als Juso durfte sie nach<br />
Südafrika reisen und die Kommunalwahlen<br />
1995 beobachten. In einem Stadion<br />
sah sie den ersten schwarzen Präsidenten,<br />
Nelson Mandela.<br />
Sie hatte gerade eine Doktorarbeit<br />
über die SPD angefangen, als das Angebot<br />
kam, in Andrea Ypsilantis Abgeordnetenbüro<br />
zu arbeiten. Ypsilanti stieg<br />
auf, Schmidt wechselte erst in die hessische<br />
Parteigeschäftsstelle, dann in die<br />
Landtagsfraktion. Sie erlebte, wie ihre<br />
Chefin 2008 im Wahlkampf die SPD berauschte,<br />
wie sie Stimmen gewann und<br />
wie ihre rot-rot-grünen Pläne schließlich<br />
scheiterten. Ypsilanti gegen Koch, Links<br />
gegen Rechts, Zusammenhalt gegen Intrige<br />
– wer den Kampf um Hessen 2008<br />
51<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Berliner Republik<br />
Reportage<br />
miterlebt hat, kennt den maximalen Härtegrad<br />
des politischen Geschäfts.<br />
Auf Ypsilanti folgte Thorsten Schäfer-Gümbel,<br />
er wurde Chef der hessischen<br />
SPD und auch der Referentin Dagmar<br />
Schmidt. Sie kümmerte sich um die<br />
Themen Wirtschaft und Verkehr und arbeitete<br />
an sozialpolitischen Konzepten<br />
mit. Es lief gut.<br />
Sonntag, 4. August 2013. Eine Mehrzweckhalle,<br />
draußen SPD-Fahnen. <strong>Der</strong><br />
Ortsverein Krumbach feiert sein 90. Jubiläum.<br />
Dagmar Schmidt lenkt ihren Opel<br />
Astra auf den Parkplatz, Carl schlummert<br />
in der Babyschale auf dem Rücksitz,<br />
die Oma sitzt neben dem Enkel. Auf<br />
dem Parkplatz steht ein olivgrünes Cabriolet,<br />
ein Oldtimer Marke „Triumpf Herald“.<br />
„Ach, der Herr Körner ist auch da“,<br />
bemerkt Schmidt. <strong>Der</strong> Chef des Unterbezirks<br />
Gießen – sie kennt ihre Leute, sie<br />
geht auf jeden ein, so hat sie es geschafft.<br />
Sie steigt aus und packt Carl in den<br />
Kinderwagen, da kommt eine Parteifreundin.<br />
„Hallo Dagi.“ Sie mustert Carl:<br />
„Ach, wie süß, der Bub.“<br />
Im Saal warten die Honoratioren der<br />
Partei. Die Luft ist stickig. Um Dagmar<br />
Schmidt versammelt sich ein Grüppchen.<br />
Sie sticht hervor, als einzige Frau unter<br />
den Funktionären. Ihre Mutter übernimmt<br />
Carl und dreht mit dem Kinderwagen<br />
ein paar Runden um die Halle. Die<br />
Kandidatin setzt sich ins Publikum, der<br />
Ortsbezirksvorsitzende tritt ans Pult.<br />
Man kann sich fragen, ob es für eine<br />
Mutter und ihren Säugling nicht schönere<br />
Orte an einem Sonntag gibt als die Mehrzweckhalle<br />
von Krumbach. Muss das<br />
sein? Aber Schmidt sagt, es sei wichtig,<br />
den Ehrenamtlichen beizustehen. „Sie<br />
machen schließlich den Wahlkampf an<br />
der Basis – und das in ihrer Freizeit.“<br />
Sie hat ihre Netzwerke im Kreisverband<br />
gepflegt. Sie hat auch neue Anhänger<br />
gewonnen, zum Beispiel Milchbauern:<br />
Sonst sind die in ihrer Gegend eher<br />
CDU-Klientel, aber Schmidt hat sich Zeit<br />
genommen und sich von ihnen die Mechanismen<br />
in der Landwirtschaft erklären<br />
lassen. 2009 kandidierte sie das erste<br />
Mal für den Bundestag und verlor. Da<br />
waren die Bauern die ersten, die anriefen<br />
und sie trösteten.<br />
Seit 2009 hat sie sich mehr und mehr<br />
Ansehen der Parteioberen erarbeitet.<br />
Hessens Generalsekretär Michael Roth<br />
Als sie das Ticket<br />
nach Berlin<br />
bekommt, ist sie<br />
im zweiten Monat.<br />
Sie sagt erst<br />
mal nichts<br />
hält sie für „eine kluge Strategin“. Schäfer-Gümbel<br />
nennt sie eine seiner engsten<br />
Vertrauten. Dagmar Schmidt wisse,<br />
„dass ich da bin, wenn sie Unterstützung<br />
braucht“.<br />
Als am 9. September 2012 die hessische<br />
SPD auf einem Parteitag in Hanau<br />
über die Landesliste abstimmte, wurde<br />
Schmidt auf Platz sechs gesetzt. 87 Prozent<br />
der Delegierten bestätigten den Listenplatz.<br />
Es war das Ticket nach Berlin,<br />
eine Garantie, sogar wenn sie den Wahlkreis<br />
nicht gewinnt. Die Riesenchance für<br />
Dagmar Schmidt.<br />
Da war sie im zweiten Monat schwanger.<br />
Den Genossen sagte sie erst mal<br />
nichts. Zu diesem Zeitpunkt wussten ja<br />
nicht mal ihre Freunde davon.<br />
Schon für Parlamentarierinnen mit<br />
gesunden Kindern gilt: Politik und Familie<br />
lassen sich nur mühsam miteinander<br />
vereinbaren. Das ist auch das Ergebnis<br />
einer wissenschaftlichen Befragung<br />
durch die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung.<br />
Junge Mütter – im Alter von 40 und<br />
darunter – bilden laut der Studie im Bundestag<br />
die Minderheit in der Minderheit.<br />
Foto: Andrea Diefenbach für <strong>Cicero</strong><br />
52<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Illustration: Anja Stiehler/Jutta Fricke Illustrators<br />
Judith Skudelny kann den Befund<br />
bestätigen. Die FDP-Abgeordnete aus<br />
dem schwäbischen Nürtingen machte<br />
2009 Schlagzeilen, weil sie als erste Frau<br />
mit einem Baby im Arm im Plenarsaal<br />
auftauchte. Besonders anstrengend sei<br />
es, wenn zwei Sitzungswochen aufeinanderfolgten,<br />
sagt Skudelny. „Diese Terminpläne<br />
werden von Leuten erstellt, die<br />
selbst keine Familie haben.“<br />
Wichtig ist der Rückhalt in der eigenen<br />
Partei. Dass sie mit diesem rechnen<br />
könne, bezweifelte vor zwei Jahren sogar<br />
SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles.<br />
Sie fürchtete, dass ihr jemand kurz nach<br />
der Geburt ihrer Tochter den Job wegnehmen<br />
könnte. Nahles sagte das öffentlich,<br />
Parteifreunde empörten sich.<br />
Dagmar Schmidt aber ist sich sicher:<br />
„Da ändert sich gerade etwas.“ Muss das<br />
sein? – im Grunde dreht sie diese Frage<br />
um: Muss die Politik so sein, dass es nicht<br />
geht mit einem behinderten Kind?<br />
Im November 2012 teilte sie den<br />
Parteifreunden mit, dass sie schwanger<br />
ist. Familienplanung dürfe keine Rücksicht<br />
auf Parteien oder den Wahlkampf<br />
nehmen, sagte Hessens Generalsekretär<br />
Roth. Schmidts Plan: mit Wickeltuch<br />
wahlkämpfen. In ihrer Wohnung<br />
hat sie viele Fotos aus Afrika. Auf einem<br />
– ein belebter Marktplatz unter Palmen<br />
– trägt eine Frau, barfuß, ein Baby<br />
auf dem Rücken.<br />
In Krumbach ist der Ortsbezirksvorsitzende<br />
fertig. Dagmar Schmidt, Pumps<br />
und Faltenhose, geht nach vorn. Das Redepult<br />
reicht ihr fast bis an die Schultern.<br />
„Ganz schön hoch.“ Sie dreht das Mikro<br />
nach unten. Dann legt sie los: gegen die<br />
Altersarmut, für den Mindestlohn. „Erziehung<br />
und Pflege sind Schwerstarbeit<br />
und werden bescheiden bezahlt.“<br />
Zu Ehren der SPD tritt noch der Gesangverein<br />
Frohsinn-Harmonie auf. Es<br />
gibt Fleischkäse mit Kartoffelsalat. Doch<br />
da ist Schmidt schon auf dem Weg raus.<br />
Im November 2012, etwa ab der<br />
13. Schwangerschaftswoche, hätte Dagmar<br />
Schmidt eine Fruchtwasseruntersuchung<br />
machen können, um Krankheiten<br />
am Embryo zu entdecken. Drei<br />
Monate zuvor war außerdem eine sanftere<br />
Vorsorgemethode auf den Markt<br />
gekommen: ein vorgeburtlicher Bluttest<br />
auf das Down-Syndrom. Ein Eingriff<br />
in den Mutterleib ist dafür nicht nötig.<br />
Frau Fried fragt sich …<br />
… ob Teilen wirklich glücklich macht<br />
Beim Blick in unseren Keller ( circa eine Million Gegenstände,<br />
davon 999 000 unbenutzt ) befällt mich jedes Mal die große<br />
Konsumverweigerungseuphorie, und ich finde die Idee großartig,<br />
Dinge mit anderen zu teilen. Die Bohrmaschine, die ich nur alle<br />
Jubeljahre mal brauche, das Ruderbötchen, mit dem ich einmal pro<br />
Sommer rumschippern möchte, das Auto, das die meiste Zeit nur herumsteht<br />
– wie großartig wäre es, sich das alles nur noch auszuleihen,<br />
statt es selbst zu kaufen und Haus und Hof damit zuzumüllen. Auch<br />
mein Öko-Gewissen jubelt bei dieser Vorstellung: Wenn weniger gekauft<br />
wird, wird auch weniger hergestellt.<br />
Doch dann kommen Zweifel. Mir fallen die unzähligen Bücher<br />
ein, die ich verliehen und nie wiederbekommen habe. Drei Mal erhielt<br />
ich mein Auto mit Blechschaden zurück: „Amelie, tut mir leid,<br />
ich habe leider gerade keine Kohle.“ Ganz zu schweigen von den<br />
Geldbeträgen, die ich verliehen und niemals wiedergesehen habe.<br />
In den WGs meines Lebens war ich immer die Blöde, der man die<br />
Einkäufe wegfraß, und den Zustand von Gemeinschaftseinrichtungen<br />
jeder Art empfand ich schon immer als ernüchternd. Das Teilen<br />
ist eine schöne Utopie. Unter Freunden mag es noch einigermaßen<br />
funktionieren, aber wenn etwas allen gehört, fühlt keiner sich mehr<br />
verantwortlich.<br />
Die neuen Sharing-Modelle rechnen mit der Verantwortungslosigkeit<br />
des Einzelnen und lassen einfach alle dafür bezahlen. Ich<br />
steige in ein fabrikneues Auto ( das ich mir selbst nie leisten könnte ),<br />
nutze es so lange wie nötig und stelle es wieder ab. Ich genieße alle<br />
Vorteile des Eigentums, ohne die Nachteile in Kauf nehmen zu müssen.<br />
Keine Parkplatzprobleme, kein Wartungsstress und obendrein<br />
kein schlechtes Gewissen. Sharing gilt als sozial, ökologisch und<br />
nachhaltig. In Wahrheit ist es die perfekte Illusion. Wir konsumieren<br />
ohne Reue und Verantwortung, ein Genuss, der uns zu immer mehr<br />
verführt. Wer wirklich etwas für die Umwelt tun will, soll Fahrrad<br />
und Zug fahren. Und seine Bohrmaschine an Freunde ausleihen, obwohl<br />
er sie vielleicht kaputt zurückbekommt.<br />
Amelie Fried ist Fernsehmoderatorin und Bestsellerautorin.<br />
Für <strong>Cicero</strong> schreibt sie über Männer, Frauen und was das Leben<br />
sonst noch an Fragen aufwirft<br />
53<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Berliner Republik<br />
Reportage<br />
Schmidt entschied sich gegen beide Varianten.<br />
Eine Abtreibung wäre für sie ohnehin<br />
nicht infrage gekommen, sagt sie.<br />
„Hätte die Welt wirklich auf ihn verzichten<br />
wollen?“<br />
Sie kostete die Schwangerschaft aus.<br />
Sie suchte sich ein Geburtshaus und eine<br />
Hebamme, die länger in Afrika gearbeitet<br />
hatte. Aber es gab Komplikationen.<br />
Am 10. Mai 2013 brachte sie ihren Jungen<br />
in der Klinik zur Welt.<br />
Er war anders, das spürte sie gleich.<br />
Die Nackenfalte fiel ihr auf, die lieblichen<br />
mandelförmigen Augen, die außen spitz<br />
zulaufen. „Aber so süß. Und er hatte<br />
rote Haare, wie ich.“ Am Tag der Geburt<br />
hatte die Mutter ihn noch für sich.<br />
Am zweiten Tag übernahmen die Ärzte.<br />
Sie entdeckten den Herzfehler.<br />
Schmidt wollte eigentlich zwei<br />
Monate nach der Geburt in den Wahlkampf<br />
starten. Für das letzte Juliwochenende<br />
war der Terminplan schon<br />
voll: Freitag – Rundgang bei den „Golden<br />
Oldies“, einem Sixties-Festival;<br />
Samstagmorgen – Haus-zu-Haus-Wahlkampf;<br />
abends – Weinfest; Sonntag: zwei<br />
Golden Oldies,<br />
Hausbesuche,<br />
Weinfest – sie<br />
sagt alles ab.<br />
Carls Zustand verschlechtert<br />
sich.<br />
Um 8 Uhr wird<br />
er operiert<br />
SPD-Kinderfeste. Doch Carls Zustand<br />
verschlechterte sich. Schmidt sagte alles<br />
ab. Um 8 Uhr morgens lag ihr Sohn<br />
auf dem OP-Tisch. Die erste Herzoperation.<br />
Seitdem heißt es warten. Die linke<br />
Herzkammer muss wachsen, erst dann<br />
können die Ärzte den zweiten Eingriff<br />
vornehmen. Das kann Wochen dauern,<br />
vielleicht Monate. Vergrößert sich die<br />
linke Kammer nicht wie geplant, müsste<br />
Carl mit einer Herzkammer auskommen.<br />
Mindestens zwei OPs wären nötig – und<br />
er wäre sein Leben lang eingeschränkt.<br />
Viele Eltern wollen kein behindertes<br />
Kind. Vergangenes Jahr haben<br />
6000 Schwangere den neuen Bluttest auf<br />
Trisomie 21 in Anspruch genommen. Die<br />
Bundesvereinigung Lebenshilfe und der<br />
Arbeitskreis Down-Syndrom kritisieren,<br />
dass mit der Untersuchung eine „neue<br />
Qualität“ der Risikovorsorge erreicht<br />
sei. „Es scheint eine erschreckende Aussicht,<br />
ein Kind mit Down-Syndrom zu erwarten“,<br />
heißt es in einer gemeinsamen<br />
Stellungnahme. Mehr als 90 Prozent der<br />
Mütter lassen ihr Kind abtreiben, wenn<br />
sie diese Diagnose bekommen.<br />
Würde Schmidt das diesen Frauen<br />
vorwerfen? „Behinderte gehören in die<br />
Mitte unserer Gesellschaft“, sagt sie. Sie<br />
wünscht sich aber eine bessere Aufklärung<br />
über die Fördermöglichkeiten für<br />
Trisomie-21-Kinder. Trotzdem wolle sie<br />
keiner Frau etwas vorschreiben. „Ich<br />
bin eine Verfechterin des Rechts auf<br />
Abtreibung.“<br />
In ihrer Küche ist sie mit dem Stillen<br />
fertig, sie tippt in ihr Smartphone:<br />
70 Milliliter Milch. 300 bis 400 soll Carl<br />
täglich trinken, sonst muss er wieder in<br />
die Klinik. Sie ist zufrieden: „Für heute<br />
wird er seine Ration erreichen.“ Wie sie<br />
die „Pump-Fütter-Infrastruktur“ – so<br />
nennt sie das – aufrechterhalte, werde<br />
sie sehen müssen. Sie sagt häufig solche<br />
Sätze, wenn es um die Zukunft geht.<br />
Dagmar Schmidt will dem Sohn einen<br />
Lebensmittelpunkt geben: den Wahlkreis.<br />
Bis Februar hat der Vater erst einmal<br />
Elternzeit genommen. „Aber ich<br />
werde Carl trotzdem mal mit ins Abgeordnetenbüro<br />
nehmen.“<br />
Da müssen die Leute im Parlament<br />
dann durch.<br />
PETRA Sorge berichtet als Redakteurin<br />
von <strong>Cicero</strong> Online über die Berliner Politik<br />
Foto: Andrea Diefenbach für <strong>Cicero</strong><br />
54<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Weltbühne<br />
55 – 84<br />
„Den Arabern<br />
war Jerusalem bis<br />
1967 kein bedeutendes<br />
Zentrum. Die Stadt<br />
wird im Koran kein<br />
einziges Mal erwähnt“<br />
Arthur Cohn, sechsfacher Oscar-Preisträger, verteidigt den israelischen<br />
Siedlungsbau und erklärt, warum er kein Friedenshindernis ist, Seite 74
Weltbühne<br />
Porträt<br />
Die Zensorin<br />
Mónika Karas ist neue Chefin der mächtigen ungarischen Medienbehörde. Sie war<br />
„Hausjuristin“ von Ministerpräsident Viktor Orbán und gilt als seine Erfüllungsgehilfin<br />
Von keno Verseck<br />
Bis vor kurzem war sie in der breiten<br />
ungarischen Öffentlichkeit<br />
eine Unbekannte. Redaktionen<br />
hingegen machen schon seit langem einschlägige<br />
Erfahrungen mit ihr. Sie erleben<br />
sie als Kämpferin gegen die Pressefreiheit:<br />
Mónika Karas, Medienanwältin<br />
und „Hausjuristin“ der ungarischen Regierungspartei<br />
Fidesz. Mit Vorliebe prozessiert<br />
sie gegen investigative Journalisten,<br />
die im Reich des Ministerpräsidenten<br />
Viktor Orbán unliebsame Recherchen<br />
unternehmen.<br />
Wohl auch zum Dank dafür hat die<br />
Juristin jetzt den einflussreichsten staatlichen<br />
Medienposten in Ungarn erhalten:<br />
Sie wurde für neun Jahre zur Vorsitzenden<br />
der Nationalen Medien- und Kommunikationsbehörde<br />
(NMHH) ernannt,<br />
dem mächtigen staatlichen Aufsichtsgremium<br />
der ungarischen Medien und des<br />
Telekommunikationssektors.<br />
Zu Karas’ Aufgaben gehört unter anderem<br />
die Vergabe von Sendelizenzen<br />
und -frequenzen. Wie die in Orbáns Ungarn<br />
gehandhabt wird, zeigte in der Vergangenheit<br />
der Fall des oppositionellen<br />
ungarischen Klubrádió: Entgegen mehrerer<br />
Gerichtsbeschlüsse verweigerte die<br />
Medienbehörde dem Sender fast zwei<br />
Jahre lang die dauerhafte Lizensierung<br />
seiner Sendefrequenzen, erst in diesem<br />
Frühjahr gab die Medienbehörde schließlich<br />
nach.<br />
Wenn das Parlament zustimmt, wird<br />
Mónika Karas demnächst außerdem Chefin<br />
des Medienrates werden, jenes Gremiums,<br />
das Medieninhalte kontrolliert und<br />
Geldstrafen oder Gegendarstellungen gegen<br />
einzelne Medien verhängen kann,<br />
wenn sie gegen Bestimmungen des umstrittenen,<br />
Anfang 2011 in Kraft getretenen<br />
Mediengesetzes verstoßen – etwa,<br />
wenn Medieninhalte die „nationale Sicherheit“<br />
gefährden.<br />
Für diese neueste Personalie im<br />
Orbán-Ungarn fand die unabhängige<br />
liberale Wochenzeitung Magyar Narancs<br />
deutliche Worte: Karas als Chefin<br />
der Medienbehörde, das sei „wie in<br />
den schlimmsten Albträumen“, schließlich<br />
verstünde sie es als „Krönung ihres<br />
Lebenswerks, die Pressefreiheit<br />
einzuschränken“.<br />
Tatsächlich ist an dieser Person und<br />
ihrer Ernennung zur obersten ungarischen<br />
Medienaufseherin abzulesen, wie<br />
ernst es Orbán und seine Partei mit der<br />
Pressefreiheit meinen. Mónika Karas arbeitete<br />
nach ihrem Jurastudium 1985 als<br />
Juristin beim staatlichen Presseverlag<br />
Lapkiadó Vállalat – eine Funktion also,<br />
in der sie als Vollstreckerin einer Diktatur<br />
diente, in der die Pressefreiheit ganz<br />
offiziell abgeschafft war.<br />
Seltsam folgerichtig wirkte ihre berufliche<br />
Orientierung nach dem Ende<br />
des kommunistischen Regimes: Von<br />
1993 bis 2002 war sie Juristin im Verlag<br />
des offen antidemokratischen und antisemitischen<br />
Blattes Magyar Fórum, die<br />
Hauspostille des rechtsextremen Schriftstellers<br />
István Csurka und seiner „Ungarischen<br />
Wahrheits- und Lebenspartei“.<br />
Nachdem Csurka und seine Partei 2002<br />
den Wiedereinzug ins Parlament verfehlt<br />
hatten, wechselte Karas ins Orbán-Lager.<br />
Sie vertrat Fidesz-nahe, rechtsnationalistische<br />
Medien, die zum PR- und Medienkonsortium<br />
Mahír des Fidesz-Oligarchen<br />
Lajos Simicska gehören, unter anderem<br />
die Tageszeitung Magyar Nemzet und<br />
den Fernsehsender Hír TV.<br />
Auch für Viktor Orbán persönlich<br />
zog Karas vor Gericht: Als die Wochenzeitung<br />
ÉS 2005 aufdeckte, dass der Politiker<br />
und seine Frau Anikó Lévai im<br />
Tokajer Weinbaugebiet umstrittene Geschäfte<br />
mit einer staatlichen Winzerei<br />
gemacht hatten, klagte Karas; das Blatt<br />
musste später einen Teil der Vorwürfe<br />
zurücknehmen.<br />
Zuletzt bekam das renommierte ungarische<br />
Nachrichtenmagazin hvg Post<br />
von der Juristin: Anfang August forderte<br />
sie die Redaktion mit großem Nachdruck<br />
und letztlich erfolglos auf, Fotos von Árpád<br />
Habony von der hvg-Webseite zu<br />
entfernen, eines Mannes, der Viktor Orbán<br />
seit Jahren als inoffizieller Chefberater<br />
dient und der äußerst medienscheu ist.<br />
Die beiden hvg-Journalisten Zsolt<br />
Bogár und Attila Mong, die wegen ihrer<br />
Orbán-kritischen Einstellung vor zwei<br />
Jahren ihre Arbeit im öffentlich-rechtlichen<br />
Rundfunk verloren, sehen Karas’<br />
Ernennung als logisch. „Sie ist 100-prozentig<br />
loyal und macht genau das, was<br />
der Regierungschef und seine Interessengruppe<br />
verlangt“, sagen die beiden<br />
Journalisten. „Sie ist für Orbán eine<br />
Vertrauensperson und eine Erfüllungsgehilfin.“Dabei<br />
ist sie selbst äußerst medienscheu.<br />
Sie gibt keine Interviews und<br />
äußert sich in der Öffentlichkeit nicht politisch.<br />
Nicht einmal ihr Alter steht in ihrem<br />
offiziellen Lebenslauf.<br />
<strong>Der</strong> linke Philosoph und Essayist<br />
Gáspár Miklós Tamás hält ihre Ernennung<br />
jedenfalls für einen Skandal, über<br />
den selbst in Ungarn zu wenig gesprochen<br />
werde. „Dass sie vor 1989 zu den<br />
zuverlässigsten Kadern gehörte und nach<br />
1989 neun lange Jahre wichtige Mitarbeiterin<br />
im Verlag eines offen faschistischen,<br />
chauvinistischen und antisemitischen<br />
Blattes war“, sagt Tamás, „ist doch<br />
eine erschütternde Biografie für jemanden,<br />
der in einer parlamentarischen<br />
Mehrparteiendemokratie der EU mit der<br />
Leitung der Medienangelegenheiten beauftragt<br />
ist.“<br />
Keno Verseck berichtet seit 1991 über<br />
mittel- und südosteuropäische Länder<br />
Foto: Attila Kovacs/mti/EST&OST<br />
56<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Weltbühne<br />
Porträt<br />
DAs Stehaufmännchen<br />
William Hague ist seit dem Syriendebakel im britischen Parlament beschädigt.<br />
Doch der Außenminister lässt sich auch durch diese Niederlage nicht beirren<br />
Von seBAStian Borger<br />
Foto: Jess Hurd/report/laif<br />
Hätte sich William Hague nur an<br />
seine eigene Maxime gehalten.<br />
Dann wäre der britische Außenminister<br />
dieser Tage beim Jahrestreffen<br />
seiner konservativen Partei nicht auf den<br />
Zuspruch loyaler Anhänger angewiesen.<br />
Die werden gewiss brav die Ausführungen<br />
ihres früheren Vorsitzenden, 52, zur<br />
Weltpolitik beklatschen. Hague wird’s<br />
tapfer ertragen, auch wenn in der Politik<br />
Mitleid schlimmer ist als eine schmerzende<br />
Niederlage.<br />
Nach der desaströsen Parlamentsabstimmung<br />
Ende August, die vorerst einer<br />
britischen Beteiligung an Militärschlägen<br />
gegen Syrien einen Riegel vorschob, steht<br />
der Chefdiplomat Ihrer Majestät da wie<br />
ein begossener Pudel, nicht wie der gewohnt<br />
treue Verbündete des großen Bruders<br />
Amerika. Dabei hätte der erfahrene<br />
Politiker nur beizeiten seine eigenen Reden<br />
lesen sollen. Noch zu Oppositionszeiten<br />
formuliert, im ersten Regierungssommer<br />
2010 unter David Camerons<br />
Koalitionsregierung bekräftigt, stimmte<br />
Hague die an globalen Anspruch gewöhnte<br />
außenpolitische Community seines<br />
Landes auf schwere Zeiten ein.<br />
Zwar wäre „Großbritannien nicht<br />
glücklich damit, wenn wir uns ganz<br />
oder teilweise von dem Versuch verabschieden<br />
würden, die Weltgeschehnisse<br />
zu beeinflussen“, konstatierte der<br />
Vertreter einer der fünf Vetomächte im<br />
UN-Sicherheitsrat. Durch die enorme<br />
Staatsverschuldung im eigenen Land sowie<br />
langfristige Trends in der Weltwirtschaft<br />
werde es für die Insel aber „schwerer,<br />
unseren Einfluss aufrechtzuerhalten“.<br />
Ganz konkret bezogen auf militärische<br />
Einsätze sprach Hague vom „Aufstieg<br />
anderer Nationen“ – gemeint waren vor<br />
allem China und Indien –, der den Westen<br />
daran hindern werde, „ähnlich zu<br />
handeln wie in Kosovo, Bosnien oder<br />
Afghanistan“. Schließlich das Fazit: „Wir<br />
müssen uns daran gewöhnen, dass es zukünftig<br />
mehr Situationen gibt, die uns<br />
nicht gefallen, die wir aber nicht direkt<br />
verändern können.“<br />
Abwarten und Tee trinken? In der<br />
Syrienfrage hätte diese bewundernswerte,<br />
aber bei Politikern verhasste Haltung<br />
dem britischen Außenminister die<br />
zweitschwerste Niederlage seiner Karriere<br />
erspart. Die schlimmste hat Hague<br />
vor zwölf Jahren verkraften müssen: Da<br />
erlitten die Tories unter seiner Führung<br />
die zweite von drei verheerenden Niederlagen<br />
gegen Labour-Strahlemann Tony<br />
Blair. Oppositionsführer Hague trat sofort<br />
zurück.<br />
Bis dahin war sein Aufstieg reibungslos<br />
verlaufen. Schon als 16-Jähriger<br />
entzückte der Sohn eines Getränkefabrikanten<br />
aus dem nordenglischen Yorkshire<br />
die Delegierten des Tory-Parteitags<br />
mit einer frechen Rede: „In 30, 40 Jahren<br />
ist die Hälfte von euch gar nicht mehr<br />
da.“ Seine Generation hoffe auf Margaret<br />
Thatcher, um Britanniens Abstieg der<br />
siebziger Jahre umzukehren. Nach Politik-Studium<br />
in Oxford und Ausbildung<br />
an der Insead-Wirtschaftsuni kam Hague<br />
1989 als getreuer Anhänger der eisernen<br />
Lady ins Unterhaus, wurde mit 34 Minister<br />
für Wales und mit 36 Oppositionsführer.<br />
Den schnellen politischen Aufstieg<br />
vervollständigte im gleichen Jahr 1997<br />
privates Glück: Hague heiratete Ffion Jenkins,<br />
eine vormalige persönliche Referentin<br />
aus dem Wales-Ministerium.<br />
Anders als viele Politikerehen hat<br />
diese Verbindung bis heute gehalten.<br />
Doch rund um Westminster hielten sich<br />
lang Gerüchte um Hagues Sexualität –<br />
so lang, dass der mittlerweile zum Außenminister<br />
avancierte Politiker vor<br />
drei Jahren die Öffentlichkeit mit intimen<br />
Details erschreckte. Seine Frau und<br />
er würden sich seit langem eine Familie<br />
wünschen, doch habe Ffion „mehrere<br />
Fehlgeburten“ erlitten. „Die Behauptung,<br />
ich hätte jemals eine Beziehung<br />
mit einem Mann gehabt, ist schlichtweg<br />
falsch.“<br />
Eine enge Beziehung verbindet ihn<br />
unbestritten mit einem längst verstorbenen<br />
Mann. Die Zeit in der politischen<br />
Wildnis nutzte Hague zum Schreiben einer<br />
viel beachteten Biografie über William<br />
Pitt den Jüngeren (1759 bis 1806),<br />
der es mit 23 Jahren zum Premierminister<br />
brachte.<br />
Ob Hague selbst den Sprung in die<br />
Downing Street jemals schaffen wird?<br />
Als „Erster Minister“ im Kabinett, so<br />
lautet sein Titel, hätte er wohl Anspruch<br />
auf Premierminister Camerons Nachfolge.<br />
Auch fliegen ihm bis heute die<br />
Herzen der weit rechts stehenden Tory-Mitglieder<br />
zu, nicht zuletzt wegen<br />
seiner harten EU-Skepsis. Doch wurden<br />
in Westminster zuletzt andere Minister<br />
höher gehandelt, etwa Schatzkanzler George<br />
Osborne, der Hague einst als Redenschreiber<br />
diente. <strong>Der</strong> Außenminister<br />
gilt spätestens seit dem Syriendebakel als<br />
beschädigt. Schadenfrohe tönten sogar,<br />
er solle zurücktreten. Tatsächlich ließ<br />
Hague das Gerücht streuen, er habe die<br />
Konsequenzen ziehen wollen, nur um<br />
dann öffentlich zu dementieren. Erfahrung<br />
im Haifischbecken von Westminster<br />
hat er genug.<br />
Was Syrien angeht, will Hague auch<br />
weiterhin seiner Maxime nicht folgen.<br />
Schon wenige Tage nach der schweren<br />
Niederlage mahnte er neue Hilfe für das<br />
gequälte Syrien an.<br />
SeBAStian Borger ist immer wieder<br />
überrascht, wie schlampig die britische<br />
Koalition ihre Politik macht – zuletzt bei<br />
der Syrienabstimmung im Unterhaus<br />
59<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Weltbühne<br />
Analyse<br />
Koalition<br />
der Unwilligen<br />
Von Josef Janning<br />
Eine Allianz im<br />
Syrienkonflikt?<br />
<strong>Der</strong> neue Westen<br />
ist kriegsmüde<br />
geworden. Seine<br />
Regierungen werden<br />
mit Krisen künftig<br />
völlig anders<br />
umgehen müssen<br />
Rote Linien sind zu Stolperdrähten<br />
des Westens geworden. Barack<br />
Obamas Versuch, eine internationale<br />
Koalition zur militärischen Bestrafung<br />
des Assad-Regimes zusammenzubringen,<br />
hat sich als äußerst mühselig<br />
erwiesen. Genau das aber veranschaulicht<br />
den andauernden Wandel dessen,<br />
was wir früher den Westen nannten.<br />
Europas und Amerikas Bürger sind<br />
kriegsmüde geworden und verweigern<br />
sich den Widersprüchlichkeiten von Realpolitik<br />
und Moralismus ihrer Führungen.<br />
Ihr Unwille schlägt auf die Parlamente<br />
durch, die sich die Mitsprache<br />
in der Außenpolitik zurückholen. Mit<br />
der Zähmung und Selbstbindung der<br />
Exekutive Großbritanniens, der USA<br />
und Frankreichs schwindet auch die<br />
Ordnungsmacht des alten Westens – die<br />
Fähigkeit, Normen auch mit militärischer<br />
Gewalt durchzusetzen.<br />
Die Rivalität der alten und der neuen<br />
Weltmächte zeigt sich gerade auch im Syrienkrieg:<br />
Russland und China blockieren<br />
den zweiten normativen Anker westlicher<br />
Ordnungspolitik, die Legalität und<br />
Legitimität durch Völkerrecht und Vereinte<br />
Nationen. Was sich ausnimmt wie<br />
die Demontage westlicher Ordnungsmacht,<br />
wäre wohl treffender mit Selbstverstümmelung<br />
zu beschreiben.<br />
Plurale Gesellschaften in freiheitlichen<br />
Demokratien drängt es nicht zum<br />
Krieg; sie scheuen die Risiken, Kosten<br />
und Opfer und sind überzeugt von der<br />
Attraktivität ihres eigenen Modells des<br />
60<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Illustration: Miriam Migliazzi & Mart Klein<br />
friedlichen Interessenausgleichs. Die<br />
Unwilligkeit zum Krieg bildet in diesem<br />
Sinne die Kehrseite ihres zivilisatorischen<br />
Vorsprungs. Demokratische<br />
Gesellschaften neigen zum „appeasement“.<br />
Das aber ist ihre Achillesferse<br />
gegenüber Diktaturen und aggressiver<br />
Machtentfaltung.<br />
<strong>Der</strong> Einsatz militärischer Macht ist<br />
vor diesem Hintergrund stets überhöht<br />
worden – mit universalistischen Ansprüchen,<br />
moralischer Emphase und dem Versprechen<br />
einer friedlichen und demokratischen<br />
Zukunft.<br />
Was in den Weltkriegen gelang und<br />
in Maßen auch in der Beendigung der<br />
jugoslawischen Kriege eingelöst wurde,<br />
misslingt heute: Zu oft widerlegt die<br />
Wirklichkeit den Anspruch, zuletzt in Afghanistan<br />
und im Irak. Immer wieder beschädigt<br />
realpolitisches Kalkül die moralische<br />
Integrität westlicher Positionen. So<br />
in der Aufrüstung der Taliban gegen die<br />
sowjetische Besetzung Afghanistans, der<br />
Duldung des mit westlichen Waffen geführten<br />
irakischen Angriffs auf den Iran,<br />
bei dem ebenfalls chemische Kampfmittel<br />
gegen den zahlenmäßig überlegenen<br />
Gegner zum Einsatz kamen, und zuletzt<br />
in der ambivalenten Haltung zum Putsch<br />
des Militärs in Ägypten.<br />
Vor diesem Hintergrund sind der<br />
Syrien krieg und die Reaktion des Westens<br />
nicht Auslöser, sondern Indikatoren<br />
einer fortschreitenden Erosion des alten<br />
westlichen Führungsanspruchs. Was wie<br />
ein klares Szenario begann, zerfiel in der<br />
Umsetzung: ein rascher, begrenzter Schlag<br />
gegen militärische Einrichtungen des syrischen<br />
Regimes, legitimiert als Strafe für<br />
den Einsatz per Konvention geächteter<br />
Waffen, der zugleich die Chance bot, die<br />
Erfolge des Regimes im Krieg gegen die<br />
Rebellen aufzuhalten und den Gegnern<br />
Assads eine neue Chance zu geben.<br />
David Camerons Scheitern, die<br />
Mehrheit im Parlament für eine militärische<br />
Beteiligung Großbritanniens zu<br />
gewinnen, durchbrach die vorgezeichnete<br />
Kette der Ereignisse. Westminster,<br />
die Mutter aller Parlamente, legte nicht<br />
nur die Schwäche des amtierenden Premiers<br />
offen, sondern machte sichtbar,<br />
was seit über zwei Jahrzehnten in Bewegung<br />
geraten ist: Das aus dem alten<br />
königlichen Privileg abgeleitete Vorrecht<br />
des Premiers, über den Einsatz<br />
militärischer Mittel zu entscheiden, ist<br />
überholt. Spätestens seit dem zweiten<br />
Golfkrieg befassen britische Regierungen<br />
das Unterhaus regelmäßig mit dieser<br />
Frage.<br />
Wider Willen fand sich David Cameron<br />
in der Syrienfrage in der Nähe Angela<br />
Merkels und der deutschen Haltung<br />
wieder. Seine Erklärung, die Entscheidung<br />
des Parlaments konsequent umsetzen<br />
zu wollen, zwang Barack Obama,<br />
einen US-Militärschlag ebenfalls an ein<br />
Votum des Kongresses zu binden. Auch<br />
François Hollande geriet unter Druck,<br />
dieser Linie zu folgen. Beide, direkt<br />
vom Volk gewählte Präsidenten, verteidigten<br />
zwar das Prinzip präsidentieller<br />
Entscheidungsfreiheit. Doch sie führen<br />
einen harten Kampf, und die Chancen<br />
stehen gegen sie.<br />
Die ParlamENTarisierung westlicher<br />
Ordnungsmacht auf den Schultern gesellschaftlichen<br />
Unbehagens setzt sich<br />
durch; „Stuttgart 21“ hat die Außenpolitik<br />
erreicht. Was wird aber aus dem Westen,<br />
wenn Camerons Niederlage mehr<br />
als nur ein taktisches Missgeschick war?<br />
Was wird, wenn das sich abzeichnende<br />
Muster zur Konstante westlicher Außenpolitik<br />
wird?<br />
Diese Entwicklung rückt zunächst einige<br />
Annahmen über das transatlantische<br />
Verhältnis zurecht. Nach dem Nein des britischen<br />
Unterhauses kann Großbritannien<br />
nicht länger als der „Pudel“ Amerikas<br />
61<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Weltbühne<br />
Analyse<br />
bezeichnet werden. Im Gegenteil: Die<br />
Entscheidung in London hat Wirkung auf<br />
die amerikanische Weltpolitik. Gleichzeitig<br />
zeigt sich eine neue Übereinstimmung<br />
zwischen Europäern und Amerikanern.<br />
Weg vom Bild, das Robert Kagan vor<br />
zehn Jahren prägte, wonach Amerikaner<br />
vom Mars und Europäer von der Venus<br />
kommen. Soll heißen: Europa ist feminin,<br />
kommunikativ und strebt nach Konsens,<br />
während Amerika martialisch, maskulin<br />
und unkommunikativ ist. <strong>Der</strong> „neue Westen“<br />
ist mehr Venus als Mars.<br />
Zweitens wird dieser Westen seine<br />
roten Linien enger um seine eigentlichen<br />
vitalen Interessen ziehen als bisher.<br />
Rote Linien sind nur so lange glaubwürdig,<br />
wenn auf ihre Verletzung eine<br />
andere Qualität der Reaktion erfolgt als<br />
die üblichen Instrumente der Diplomatie<br />
und wirtschaftlicher Sanktionen. Eng<br />
gezogene Linien werden allerdings die<br />
breiteren internationalen Sicherheitsinteressen<br />
und Ordnungsvorstellungen des<br />
Westens nicht abdecken. Sie werden die<br />
moralische Integrität westlicher Politik<br />
beschädigen, sofern die neuen roten Linien<br />
nicht mit einer Stärkung kollektiver<br />
Sicherheit und der Bereitschaft wie der<br />
Fähigkeit einhergehen, humanitäre Hilfe<br />
schnell und umfassend bereitzustellen.<br />
Drittens wird der „neue Westen“ die<br />
Rolle militärischer Macht insgesamt neu<br />
definieren. Sie wird nicht mehr Katalysator<br />
des Wandels sein, sondern wieder<br />
zum letzten Mittel der Politik werden.<br />
Vielen Europäern käme eine solche<br />
Neubestimmung entgegen.<br />
Auch den Diktatoren und zahlreichen<br />
Autokratien dieser Welt käme eine<br />
solche Veränderung gelegen, immerhin<br />
hat die amerikanische Bereitschaft, militärische<br />
Gewalt einzusetzen, Einfluss<br />
auf ihre Entscheidungen. Sie mag in manchen<br />
Fällen konfliktverschärfend wirken.<br />
Doch ihr Abschreckungswert ist nicht zu<br />
unterschätzen.<br />
<strong>Der</strong> neue WesTEN wäre indes interventionsscheu<br />
und in seinen Reaktionen stärker<br />
gebunden an die öffentliche Meinung<br />
im eigenen Land. Dies wird auch die präventive<br />
Handlungsfähigkeit von Europäern<br />
und Amerikanern betreffen. In der<br />
Früh erkennung und Vorbeugung internationaler<br />
Krisen und Konflikte sind westliche<br />
Demokratien ohnehin schwach.<br />
<strong>Der</strong> neue Westen<br />
wird seine roten<br />
Linien enger<br />
um seine<br />
eigentlichen<br />
vitalen Interessen<br />
ziehen als bisher<br />
Präventive Diplomatie klingt gut,<br />
ist aber unpopulär. Parlamente sind nur<br />
schwer dazu zu bewegen, zur Verhinderung<br />
von Konflikten viel aufzuwenden.<br />
Sie bewilligen eher mehr Mittel nach deren<br />
Ausbruch als zu ihrer Vorbeugung.<br />
Militärische Macht wäre eindeutig stärker<br />
auf die Verteidigung ausgerichtet.<br />
In Krisen würde dieser Westen versuchen,<br />
die Auswirkungen von Konflikten<br />
zu begrenzen. Er würde auf Verhandlungen<br />
und guten Willen setzen. Welche Mittel<br />
könnten diplomatische Krisenpolitik<br />
noch flankieren? Im Wesentlichen wirtschaftliche<br />
Anreize und die kulturelle Anziehungskraft<br />
des eigenen Modells.<br />
Schließlich müsste auf dem neuen<br />
Konsens des Westens der Druck zur Reform<br />
der internationalen Organisationen,<br />
vor allem der Vereinten Nationen,<br />
wachsen. Wenn „obszönen“ Handlungen,<br />
wie John Kerry den Giftgaseinsatz in Syrien<br />
genannt hat, durch nichtmilitärische<br />
Schritte begegnet werden soll, dann wird<br />
die strukturelle Blockade des Sicherheitsrats<br />
durch die Vetomächte unerträglich.<br />
Die Forderung des neuen Westens an<br />
Russland und China, die normativen<br />
Grundlagen der UN zu schützen, müsste<br />
in den Mittelpunkt westlicher Außenpolitik<br />
rücken. Sie müsste einhergehen mit<br />
neuen Angeboten zur Reform internationaler<br />
Organisationen, die den heutigen<br />
Kräfteverhältnissen besser entsprechen.<br />
Rüstungskontrolle und die Ächtung<br />
von Systemen müssten größeres Gewicht<br />
erhalten. Die bestehenden Sanktionsinstrumente<br />
müssten gestärkt werden, um<br />
den Sicherheitsrat in die Lage zu versetzen,<br />
die Einhaltung von Sanktionen<br />
durch alle Mitgliedstaaten zu erzwingen.<br />
<strong>Der</strong> Kampf gegen internationalen<br />
Terrorismus müsste ebenso in den Bereich<br />
der UN fallen. Die Möglichkeiten<br />
müssten gestärkt werden, einzugreifen,<br />
wenn UN-Mitglieder Terrorgruppen offen<br />
oder verdeckt unterstützen. In der<br />
Konfliktnachsorge könnte die Regierungsgewalt<br />
in Kriegsstaaten generell<br />
unter UN-Aufsicht gestellt werden.<br />
Dieser Ausblick auf einen „neuen<br />
Westen“ mag für viele attraktiv klingen.<br />
Eine solche Welt ist aber nicht zum Nulltarif<br />
zu erreichen. Ob damit mehr an Sicherheit<br />
oder Stabilität gewonnen würde,<br />
ist zu bezweifeln. Ebenso fraglich ist, ob<br />
die Staaten des Westens die nötigen politischen<br />
und finanziellen Anstrengungen<br />
aufbringen würden, um aus der Kriegsmüdigkeit<br />
ihrer Gesellschaften eine<br />
wirkliche Handlungsstrategie zu entwickeln.<br />
Und nicht nur eine Ausflucht zu suchen,<br />
um sich im Amt zu halten, den Parlamenten<br />
Bedeutung vorzugaukeln und<br />
die Öffentlichkeit ruhig zu stellen.<br />
Die WiRREN des Arabischen Frühlings,<br />
die Datensammelwut der NSA und der<br />
Unwillen der Bürger schwächen die<br />
Macht der Exekutive im Westen. Große<br />
außenpolitische Entscheidungen werden<br />
nicht mehr vorgegeben, sondern sind Ergebnis<br />
einer breiten Debatte. Vielfach<br />
wird dies dazu führen, sich nicht in die<br />
Konflikte anderer einzumischen. Dies<br />
aber wird wahrscheinlich zu neuen Krisen<br />
und Konflikten in einer immer enger<br />
verbundenen Welt wechselseitiger<br />
Abhängigkeiten führen. Um den pluralen<br />
Demokratien innewohnenden Impuls<br />
der Zurückhaltung auszugleichen, werden<br />
die Führer der westlichen Welt mehr<br />
Vertrauenskapital, wirtschaftliche Ressourcen<br />
und nicht zuletzt Persönlichkeit<br />
und Engagement benötigen.<br />
Für die Menschen in Syrien sind<br />
dies ambivalente Botschaften. Das Blutvergießen<br />
im Land geht weiter. Niemand<br />
von außen will ihren Krieg führen. Aber<br />
es steht auch keine westliche Armee von<br />
Helfern an den Grenzen des Landes, die<br />
angetreten ist, jedem der bald zwei Millionen<br />
Flüchtlinge Unterkunft, Nahrung,<br />
ärztliche Hilfe und Bildung zu bringen.<br />
Josef Janning ist Mercator<br />
Fellow des Alfred-von-Oppenheim-<br />
Zentrums bei der Deutschen<br />
Gesellschaft für Auswärtige Politik<br />
62<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
SCHLAGANFALL<br />
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Weltbühne<br />
Fotoessay<br />
Die<br />
Hinterbliebenen<br />
Fotos Rina Castelnuovo<br />
Es sind Palästinenser, und es sind Israelis. Sie haben<br />
ihre Brüder, Schwestern, Kinder verloren – bei<br />
Selbstmordanschlägen, Zusammenstößen und während des<br />
Militärdiensts. Heute ist die Aussöhnung mit dem Feind<br />
zu ihrem Lebensinhalt geworden. Im Namen ihrer Toten<br />
64<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
65<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Weltbühne<br />
Fotoessay<br />
„Nach Nassers Tod wurde mein Vater<br />
krank und starb, meine Mutter trug<br />
nur noch Schwarz, und ich wurde<br />
zu einem zornigen Mann, der Rache<br />
wollte und alle Israelis hasste“<br />
Jamil Al Qassas verlor seinen 14-jährigen Bruder Nasser<br />
Fotos: Rina Castelnuovo/Contact for the New York Times (Seiten 64 bis 72)<br />
66<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
67<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Weltbühne<br />
Fotoessay<br />
68<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
69<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Weltbühne<br />
Fotoessay<br />
70<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
„David wurde von einem<br />
Scharfschützen getötet, als er seinen<br />
Dienst in der Westbank versah. Er<br />
war Mitglied bei ,Peace Now‘ und<br />
machte seinen Master in Philosophie“<br />
Robi Damelin verlor ihren 27-jährigen Sohn<br />
71<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Weltbühne<br />
Fotoessay<br />
Bildlegende<br />
Seite 64 / 65<br />
Seite 67<br />
Seite 70<br />
Die Israelin Robi Damelin,<br />
links, verlor den Sohn<br />
David, 27. Während des<br />
Militärdiensts erschoss<br />
ihn ein Scharfschütze.<br />
Die Palästinenserin<br />
Bushra Awad verlor<br />
ihren Sohn Mahmoud,<br />
17. Israelische Soldaten<br />
erschossen ihn während<br />
eines Zusammenstoßes<br />
mit Steinewerfern<br />
Seite 72<br />
Palästinensische<br />
und israelische Frauen<br />
nehmen an einem<br />
Versöhnungsworkshop<br />
für Hinterbliebene teil.<br />
Das Treffen wurde von<br />
„Parents Circle – Families<br />
Forum“ organisiert<br />
Die Israelin Batia<br />
Avisar, links, verlor<br />
ihren Sohn Uri, 21.<br />
Er wurde während<br />
seines Militärdiensts<br />
erschossen. Ihr<br />
gegenüber sitzt eine<br />
Palästinenserin,<br />
deren Brüder von<br />
israelischen Soldaten<br />
erschossen wurden<br />
Seite 66<br />
<strong>Der</strong> Palästinenser<br />
Jamil al Qassas, links,<br />
verlor seinen Bruder<br />
Nasser; er war 14 und<br />
wurde im Flüchtlingslager<br />
Deheishe in der<br />
Westbank getötet.<br />
<strong>Der</strong> Israeli Boaz Kitain<br />
verlor seinen Sohn Tom,<br />
20. Er starb während<br />
seines Militärdiensts<br />
<strong>Der</strong> Palästinenser<br />
Bassam Aramin, links,<br />
früher Fatah-Kämpfer,<br />
verlor seine Tochter<br />
Abir, 10. Ein israelischer<br />
Grenzpolizist tötete<br />
sie. <strong>Der</strong> Israeli Rami<br />
Elhanan, früher Offizier,<br />
verlor seine Tochter<br />
Smadar, 14, durch<br />
ein palästinensisches<br />
Attentat<br />
Seite 68 / 69<br />
<strong>Der</strong> Palästinenser Nablil<br />
Swity, links, verlor seine<br />
Schwester Siham, 37,<br />
als israelische Soldaten<br />
und Steinewerfer<br />
aufeinandertrafen. <strong>Der</strong><br />
Israeli Yizhak Frankenthal<br />
verlor den Sohn. Arik,<br />
19, wurde während des<br />
Militärdiensts getötet<br />
Seite 71<br />
<strong>Der</strong> Palästinenser<br />
Hamouda al Farah<br />
und seine Frau Awatef –<br />
sie hält ihren Enkel<br />
Muhamad – haben<br />
seit 1967 zahlreiche<br />
Familienmitglieder<br />
verloren. <strong>Der</strong> Israeli<br />
Buma Inbar verlor<br />
seinen Sohn Yotam, 20<br />
Fotos: Rina Castelnuovo/Contact-Agentur Focus for the New York Times (Seiten 64 bis 72)<br />
72<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Elegant durch das Jahr 2014<br />
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Datum<br />
Unterschrift
Weltbühne<br />
Meinung<br />
Das Argument, wonach die<br />
Siedlungen in Judäa und<br />
Samaria illegal seien, basiert<br />
auf dem 49. Artikel der<br />
Vierten Genfer Konvention,<br />
die nach dem Zweiten Weltkrieg und der<br />
Nazibesetzung europäischer Staaten<br />
1949 in Kraft getreten ist. Danach ist die<br />
gewaltsame Transferierung einer Zivilbevölkerung<br />
in andere Staaten verboten.<br />
Eine solche fand aber in der Westbank<br />
nie statt. Auch hat Israel keine Gebiete<br />
eines anerkannten, souveränen<br />
Staates besetzt. Jordanien, von dem Israel<br />
diese Gebiete im Sechstagekrieg<br />
(der von den arabischen Staaten provoziert<br />
wurde) übernahm, konnte dort nie<br />
seine Souveränität geltend machen, weil<br />
Jordaniens Besetzung dieser Gebiete ungesetzlich<br />
war und von keinem Staat der<br />
Welt außer von England und Pakistan anerkannt<br />
wurde.<br />
Vor allem aber muss in aller Deutlichkeit<br />
daran erinnert werden, dass<br />
der Völkerbund – dessen Entscheidungen<br />
von der Uno übernommen wurden<br />
(Artikel 80 der Uno-Charta) 1920 in San<br />
Remo klar festgelegt hatte, dass Juden<br />
sich in allen Gebieten Palästinas ansiedeln<br />
können.<br />
Es handelt sich also bei diesen Gebieten<br />
nicht um „occupied territories“,<br />
und der Bau von Siedlungen dort widerspricht<br />
nicht dem internationalen Recht.<br />
<strong>Der</strong> mit vielen bedrückenden Assoziationen<br />
verbundene Ausdruck „occupation“<br />
oder „Besetzung“, wonach die Westbank<br />
„gestohlenes“ Land ist, muss demnach<br />
bei politischen Diskussionen gestrichen<br />
werden.<br />
Das heißt natürlich nicht, dass bei<br />
einer Friedenseinigung im Nahen Osten<br />
das Land nicht wieder geteilt wird. Doch<br />
die moralische und rechtliche Grundlage<br />
für die Friedensverhandlungen müssen<br />
klar definiert werden: Es handelt sich sicher<br />
nicht um illegal besetzte, sondern<br />
um umstrittene Gebiete, auf welche zwei<br />
Völker Anspruch erheben und deren Zukunft<br />
im Rahmen eines Friedensvertrages<br />
festgelegt werden muss.<br />
Dennoch hält sich die Annahme:<br />
„Jerusalem ist eine arabische Stadt, und<br />
Juden dürfen dort nicht bauen.“ Dies ist<br />
eine völlig unhaltbare Feststellung. Seit<br />
Jahrtausenden (siehe 1. Könige 8,48) beten<br />
Juden in aller Welt auf Jerusalem<br />
Pro<br />
Israels<br />
Siedlungsbau<br />
Wann immer es um<br />
den Friedensprozess im<br />
Nahen Osten geht,<br />
wird für dessen Stillstand<br />
der israelische Siedlungsbau<br />
verantwortlich gemacht.<br />
Höchste Zeit, einige<br />
zentrale <strong>Punk</strong>te sachlich<br />
zu klären<br />
Von Arthur Cohn<br />
ausgerichtet – nicht zuletzt für das Wohl<br />
ihrer Heiligen Stadt und in der Hoffnung,<br />
bald wieder in diese „Stadt des Friedens“<br />
(uru-salem) zurückkehren zu können.<br />
In den 2000 Jahren seit der römischen<br />
Herrschaft haben Juden fast ununterbrochen<br />
in der Heiligen Stadt gewohnt,<br />
und seit 150 Jahren bilden sie wieder die<br />
Mehrheit in Jerusalem.<br />
Den Arabern hingegen war Jerusalem<br />
bis 1967 kein bedeutendes Zentrum.<br />
Die Stadt wird im Koran kein einziges<br />
Mal erwähnt, und während der<br />
unrechtmäßigen jordanischen Herrschaft<br />
von 1948 bis 1967 über sie hat<br />
außer – naturgemäß – dem jordanischen<br />
König Abdallah kein einziger arabischer<br />
Repräsentant sie besucht. Erst 1967, als –<br />
nach einem erneuten Angriff der arabischen<br />
Staaten – Israel die Verwaltung<br />
der Stadt übernahm, wurde das Interesse<br />
der Araber an Jerusalem plötzlich<br />
enorm groß. Aber auch danach war immer<br />
klar, dass Jerusalem für die Araber<br />
keine aufrichtige Bedeutung hat: Als<br />
der ägyptische Präsident Anwar al Sadat<br />
bei seinem historischen Besuch in Israel<br />
1977 nach Jerusalem kam und auf<br />
dem Tempelberg betete, wandte er sich …<br />
nach Mekka.<br />
Juden war der Zugang zur Klagemauer<br />
bis 1967 strikt untersagt. Ganz<br />
im Gegensatz dazu überließ der Staat<br />
Israel danach die Verwaltung des Tempelbergs<br />
und seiner Moscheen der arabischen<br />
Seite, um die Basis für eine<br />
friedliche Atmosphäre in Jerusalem zu<br />
schaffen. Dieser religionsfreundliche Akt<br />
wurde allerdings nicht belohnt: Bis heute<br />
ist es Juden strikt verboten, auf dem Tempelberg<br />
zu beten.<br />
All diesen Tatsachen zum Trotz soll<br />
es Juden in weiten Teilen Jerusalems verboten<br />
sein, dort ihr Heim aufzubauen –<br />
welche Ironie! Weil die Araber 1948 die<br />
Juden gewaltsam aus Jerusalem vertrieben<br />
haben, soll diesen nun die Rückkehr<br />
in die Stadt ihrer Träume strikt verboten<br />
sein? Eigenartig!<br />
Was aber ist von der Aussage zu<br />
halten „<strong>Der</strong> Siedlungsbau verhindert<br />
die Fortsetzung der Friedensgespräche“?<br />
Die absolute Gegnerschaft gegen<br />
Israels Existenz hat den jüdischen Staat<br />
seit seiner Gründung 1948 begleitet. Die<br />
PLO (Palestinian Liberation Organization),<br />
der Vorläufer der Arafat-Abu-Mazen-Autonomie,<br />
wurde 1964 gegründet,<br />
also zu einer Zeit, als es noch keine „besetzten“<br />
Gebiete gab. Es sei denn, man<br />
erachtet ganz Israel, also auch Tel Aviv,<br />
Haifa und Beerscheba, als ungesetzlich<br />
besetztes Gebiet! Aber am wichtigsten<br />
ist: In den Oslo-Abkommen, auf die sich<br />
die palästinensisch-israelischen Friedensbemühungen<br />
stützen, ist keine Rede von<br />
einem Siedlungsstopp als Bedingung für<br />
Friedensverhandlungen. Es ist dort ausdrücklich<br />
festgehalten, dass die Siedlungsfragen<br />
erst in der letzten Phase der<br />
Friedensverhandlungen diskutiert werden<br />
sollen.<br />
74<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Anzeige<br />
Wie aber kam es überhaupt zum Ausbau<br />
der Siedlungen? Gleich nach dem<br />
Sechstagekrieg von 1967, in dem Israel<br />
den Angriff der arabischen Staaten erfolgreich<br />
zurückweisen konnte, wurden<br />
die Altstadt Jerusalems und die Westbank<br />
von der illegalen Besetzung Jordaniens<br />
befreit, und Israel hoffte auf<br />
Friedensverhandlungen. Aber in Khartum<br />
beschlossen acht arabische Staaten<br />
einheitlich ein dreimaliges Nein: keine<br />
Friedensverhandlungen, keine Anerkennung<br />
Israels, kein Frieden mit Israel. Damals<br />
begannen die Israelis aus historischen<br />
und sicherheitsbedingten Gründen,<br />
in erster Linie jene Gebiete zu besiedeln,<br />
die unmittelbarer Teil der jüdischen Geschichte<br />
waren, wie etwa die Gegend um<br />
Jerusalem und Hebron. Diese Bautätigkeit<br />
in Israels Urland hat sich dann wegen<br />
des Widerstands der Araber, mit Israel<br />
zu verhandeln, ausgeweitet. Allerdings<br />
wurde immer klar bestimmt, dass kein<br />
privates Land besiedelt werden darf, und<br />
bis heute leisten Israels Gerichte Arabern<br />
Beistand, die privates Eigentum nachweisen<br />
können.<br />
Dabei war immer klar, dass im Rahmen<br />
von wirklichen Friedensverhandlungen<br />
gewisse Siedlungen geräumt würden.<br />
So geschah es für den Friedensvertrag<br />
mit Ägypten, als Israel den Sinai aufgab.<br />
Später zog sich Israel von 25 (!) blühenden<br />
Siedlungen im Gazastreifen zurück,<br />
wodurch 10 000 Menschen ihr Heim verloren,<br />
um einen Friedensprozess zu fördern.<br />
Auch dies wurde nicht belohnt:<br />
Statt dort palästinensische Flüchtlinge<br />
anzusiedeln, wurden diese Siedlungen<br />
Terrorbasen, von welchen aus Städte<br />
im Süden Israels und deren Zivilbevölkerung<br />
ständig bombardiert werden.<br />
Keine vertrauenserweckende Entwicklung<br />
für zukünftige Verhandlungen über<br />
die Siedlungen!<br />
Vor drei Jahren hat Ministerpräsident<br />
Benjamin Netanjahu auf Drängen<br />
der USA einen zehnmonatigen Siedlungsstopp<br />
angeordnet, um die Friedensverhandlungen<br />
zu fördern – auch<br />
dies ohne Erfolg, ja nicht einmal mit einer<br />
würdigenden, positiven Resonanz.<br />
Wie also kann die Siedlungsfrage<br />
im Rahmen eines Friedensvertrags gelöst<br />
werden? Durch aufrichtigen Willen<br />
von allen Seiten, im Nahen Osten<br />
friedlich zusammenzuleben. Dazu ist es<br />
nötig, den jeweils anderen zu akzeptieren,<br />
seine Rechte anzuerkennen und an<br />
einen Modus vivendi zu glauben.<br />
Israel hat in dieser Beziehung viel<br />
getan. Es anerkennt Rechte der palästinensischen<br />
Araber und ihr Anliegen für<br />
einen eigenen Staat, es verbietet (auch<br />
durch seine Gerichte) Angriffe auf dessen<br />
Bevölkerung. Auch hat Israel bewiesen,<br />
dass innerhalb des jüdischen Staates<br />
eine große arabische Minderheit (weit<br />
über eine Million Menschen) mit vollen<br />
Zivilrechten frei leben kann.<br />
Die palästinensischen Araber müssen<br />
diesbezüglich noch manches unternehmen.<br />
Vorerst sprechen sie auch in<br />
offiziellen Dokumenten den Juden jegliche<br />
historischen Rechte auf Israel und<br />
das Heilige Land ab, lehnen die Formel<br />
„zwei Staaten für zwei Völker“ ab und<br />
sind nicht bereit, Israel als jüdischen<br />
Staat anzuerkennen. Stattdessen nutzen<br />
sie ihre offiziellen Medien, um gegen Israel<br />
und das Judentum aufzuhetzen und<br />
die schlimmsten Terroristen zu preisen.<br />
Und was die Siedlungen betrifft, erklären<br />
sie immer wieder, dass die Westbank<br />
völlig „judenrein“ sein muss!<br />
Trotz aller inneren Schwierigkeiten<br />
müssen die palästinensischen Araber<br />
endlich ihre Grundeinstellung zu Israel<br />
und den Juden ändern – dann ist auch<br />
die Siedlungsfrage sicher zu lösen, sei es<br />
durch Auflösung von Siedlungen in dicht<br />
von palästinensischen Arabern bewohnten<br />
Gebieten, sei es durch Austausch von<br />
Gebieten oder sei es durch das friedliche<br />
Zusammenleben auch in einem palästinensischen<br />
Staat, wie es seit 65 Jahren<br />
in Israel der Fall ist. Im Weiteren wäre<br />
es wohl auch eine natürliche Lösung,<br />
die Westbank mit Jordanien zu verbinden.<br />
Schließlich herrscht Jordanien über<br />
77 Prozent des klassischen Mandats Palästina,<br />
und die Mehrheit seiner Bürger<br />
sind palästinensische Araber.<br />
Mit einem aufrichtigen Willen von<br />
allen Seiten können sicher Wege zu einem<br />
wahren friedvollen Zusammenleben<br />
im Heiligen Land gefunden werden.<br />
Wie schon Secharja (8,19) schrieb:<br />
„Liebet Wahrheit und Frieden.“<br />
Arthur Cohn ist sechsfacher<br />
Oscar-Preisträger. Er lebt in Basel und<br />
Los Angeles<br />
75<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013<br />
Foto: David Ausserhofer<br />
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Weltbühne<br />
Meinung<br />
Elon Moreh liegt auf einem Hügel<br />
im nördlichen Teil der Westbank.<br />
Die Straßen sind gepflegt,<br />
die Vorgärten grün, die Dächer<br />
mit roten Ziegeln gedeckt. Elon<br />
Moreh sieht aus wie alle anderen jüdischen<br />
Siedlungen: auf Höhen gebaut, Präsenz<br />
ausstrahlend, sofort unterscheidbar<br />
von den palästinensischen Dörfern. Genau<br />
so haben es sich die Gründer der<br />
Siedlung, eine Gruppe messianischer Aktivisten,<br />
Mitte der siebziger Jahre auch<br />
vorgestellt. Mit Bedacht wählten sie sich<br />
als Bauplatz die Gegend nahe der palästinensischen<br />
Stadt Nablus, dem biblischen<br />
Schechem. Sie wollten zeigen, dass<br />
hier Geschichte reklamiert wird, um eine<br />
neue Zukunft zu bauen, die das palästinensische<br />
Leben verändert. Kein arabischer<br />
Staat soll mehr Platz zwischen Jordan<br />
und Mittelmeer haben.<br />
Genau deshalb wollte der damalige<br />
Premier Jitzchak Rabin verhindern, dass<br />
die Siedlung hier entsteht. Mehrfach besetzte<br />
die Siedlergruppe ein Stück Land;<br />
mehrfach wurde sie von der israelischen<br />
Armee vertrieben. Da die „Erstbesetzung“<br />
auf privatem Land stattfand, verbot<br />
auch das israelische Oberste Gericht<br />
den Bau einer Ortschaft.<br />
1980 jedoch, unter der Regierung<br />
des Likud-Politikers Menachem Begin,<br />
wurde das Plazet zum Bau der Siedlung<br />
Elon Moreh etwas nordöstlich der<br />
ursprünglich auserkorenen Stelle gegeben.<br />
Die Armee vertrieb keine Siedler<br />
mehr, sie schützte sie nun. Für die<br />
rechtlichen Fragen fand sich eine Antwort.<br />
Wie schon die jordanische Regierung,<br />
die die Westbank zwischen 1948<br />
und 1967 besetzt hatte, berief sich auch<br />
Israel auf osmanisches Recht. Land, zu<br />
dem keine Titel vorlagen und das als „ungenutzt“<br />
galt – ein dehnbarer Begriff,<br />
wenn man bedenkt, dass manche Felder<br />
oft aus landwirtschaftlichen oder ökonomischen<br />
Gründen brachliegen –, galt als<br />
„Sultansland“ oder, in der israelischen Interpretation,<br />
als „Staatsland“, nun unter<br />
Verwaltung Israels.<br />
Das Muster der Gründung von Elon<br />
Moreh wiederholte sich seither viele<br />
Male: Eine Gruppe wild Entschlossener<br />
besetzt ein Stück Land, wird von der<br />
Armee vertrieben, kommt immer wieder<br />
zurück. In Jerusalem beginnt eine<br />
inzwischen hervorragend organisierte<br />
conTra<br />
Israels<br />
Siedlungsbau<br />
Die Siedlungen<br />
außerhalb des<br />
Kernlands<br />
haben Israel nur<br />
geschadet. Sie sind<br />
nicht nur unnütz<br />
und teuer, sondern<br />
ein beträchtliches<br />
Hindernis für den<br />
Frieden. Diese<br />
Mechanismen sind<br />
eigentlich leicht zu<br />
verstehen<br />
Von Judith Hart<br />
Lobbyarbeit bei der Regierung. Irgendwann<br />
ist es geschafft: Die Wohnwagen<br />
werden abtransportiert, Häuser gebaut,<br />
„Sultansland“ und – wie eine Studie der<br />
israelischen Friedensbewegung „Peace<br />
Now“ zeigt – durchaus auch Privatland<br />
werden konfisziert. Auf Elon Moreh<br />
folgte Itamar südlich von Nablus, folgte<br />
schließlich Beit El nahe Ramallah in direkter<br />
Nähe zu den palästinensischen<br />
Ballungszentren.<br />
Was sich in Elon Moreh zeigt, erwies<br />
sich als das politisch dümmste, finanziell<br />
kostspieligste und nutzloseste Unterfangen,<br />
das sich Israel in den über sechs<br />
Jahrzehnten seiner Existenz geleistet<br />
hat. <strong>Der</strong> Siedlungsbau ist nicht das einzige<br />
Hindernis für den Frieden – aber es<br />
trägt doch erheblich dazu bei, dass die<br />
Gewalt kein Ende findet.<br />
Charakteristisch für die Debatte<br />
über die Siedlungen ist, dass sie sich fast<br />
ausschließlich an der Frage ihrer Völkerrechtswidrigkeit<br />
festmacht. Beginnen wir<br />
also hier. Grundlage ist ein durch die<br />
Vierte Genfer Konvention verbotener<br />
gewaltsamer Transfer eigener Bevölkerung<br />
in besetztes Land. Israel hingegen<br />
erachtet das Land in der Tat nicht als besetzt,<br />
sondern als „umstritten“, da es vor<br />
1967 keine anerkannte souveräne Herrschaft<br />
in diesen Gebieten gegeben habe.<br />
Wichtiger aber als die Genfer Konvention<br />
oder gar die vom Völkerbund<br />
in San Remo 1920 festgelegte Entscheidung,<br />
dass Juden in allen Gebieten Palästinas<br />
siedeln dürften, ist der Uno-Teilungsplan<br />
von 1947. Schließlich legt<br />
dieser fest, dass im ehemaligen Mandatsgebiet<br />
Palästina ein jüdischer und<br />
ein arabischer Staat entstehen sollten.<br />
Den jüdischen Staat haben die Vereinten<br />
Nationen ausdrücklich als solchen<br />
anerkannt. Er besitzt, anders als viele<br />
andere nach 1945 neu gegründete Staaten,<br />
ein völkerrechtlich einwandfreies<br />
Gütesiegel. Die Gründung eines arabischen,<br />
also palästinensischen Staates, ist<br />
die Auflage des Teilungsplans, die noch<br />
nicht erfüllt worden ist. Auch, weil die<br />
arabische Seite eine Teilung Palästinas<br />
bis 1988 ablehnte.<br />
Nicht weniger entscheidend als die<br />
völkerrechtlichen Fragen ist: Nicht die<br />
Siedlungen, sondern die ideologischen<br />
Siedler sind ein wesentliches Hindernis<br />
für den Frieden – und damit auch eine<br />
Gefahr für den jüdischen Staat.<br />
Weit über 500 000 Israelis leben außerhalb<br />
der Grenze von 1967 – etwa<br />
200 000 in den von Israel einseitig erweiterten<br />
Stadtgrenzen von Jerusalem, über<br />
300 000 in 102 „autorisierten“ Siedlungen<br />
und etwa 100 sogar von der israelischen<br />
Regierung als illegal bezeichneten<br />
„Außenposten“. <strong>Der</strong> Großteil der Siedler<br />
konzentriert sich auf einige wenige, inzwischen<br />
zu Kleinstädten herangewachsenen<br />
Ortschaften wie Ariel nordöstlich<br />
von Tel Aviv oder Siedlungsblöcke wie<br />
den sogenannten Gusch-Etzion-Block<br />
südlich von Jerusalem. Sowohl Ariel<br />
76<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Anzeige<br />
als auch der Gusch-Etzion-Block sollen<br />
laut der Genfer Initiative, einem Grundsatzpapier,<br />
auf das sich palästinensische<br />
und israelische Politiker 2003 einigten,<br />
Israel überlassen werden. Die Palästinenser<br />
würden dafür mit einem fairen Landaustausch<br />
entschädigt. Ein Großteil der<br />
Siedler befände sich dadurch nicht mehr<br />
auf dem Boden eines künftigen Staates<br />
Palästina. Ein weiterer, nicht geringer,<br />
Teil der Siedler ist nicht aus ideologischen<br />
Gründen in die Westbank gezogen, sondern<br />
wegen der billigen, weil vom israelischen<br />
Staat direkt und indirekt subventionierten<br />
Immobilienpreise. Sobald sie<br />
Ersatz bekämen, wären sie bereit, in das<br />
Kernland Israel zurückzuziehen.<br />
Wenigstens 5 Prozent der Siedler jedoch,<br />
so schätzen israelische Sicherheitsdienste,<br />
sind zum harten ideologischen<br />
Kern zu zählen. Sie waren in der Lage, einen<br />
gehörigen Aufruhr gegen das Osloer<br />
Abkommen von 1992/93 zu entfachen.<br />
Dass die Hamas ebenfalls den Friedensprozess<br />
unterminierte und zahlreiche<br />
Israelis nach Abschluss der Abkommen<br />
durch Terrorattentate tötete, erhöhte das<br />
Vertrauen der Israelis in den Friedensprozess<br />
auch nicht gerade. Aus den Reihen<br />
der ideologischen Unterstützer der<br />
radikalen Siedler stammte der Mörder<br />
des israelischen Regierungschefs Jitzchak<br />
Rabin.<br />
Dem Rückzug aus dem Gazastreifen<br />
2005 und der Räumung der dortigen<br />
Siedlungen mögen sich die Siedler<br />
gebeugt haben. Aber Gaza hat – im Gegensatz<br />
zu „Judäa und Samaria“ – auch<br />
keine historische oder heilsgeschichtliche<br />
Bedeutung für sie. Sie sind der Überzeugung,<br />
in einem höheren geschichtlichen<br />
Auftrag zu handeln, und sie werden mit<br />
allen Mitteln versuchen zu verhindern,<br />
dass Land aufgegeben wird, das sie als<br />
„Wiege des Judentums“ betrachten. Sie<br />
lassen keinen Zweifel daran, dass sie eine<br />
Entscheidung der israelischen Regierung<br />
für einen umfassenden und abschließenden<br />
Friedensvertrag und damit die Räumung<br />
von Siedlungen wie Elon Moreh<br />
oder Kiryat Arba bekämpfen würden.<br />
Israel hat über Jahrzehnte eine<br />
Gruppe von Fanatikern alimentiert, die<br />
enormes Unheil anrichten kann. Mehrere<br />
israelische Menschenrechts- und Friedensorganisationen<br />
versuchen seit Jahren,<br />
eine Bilanz der Kosten für den Bau, die<br />
Bereitstellung von Infrastruktur, den militärischen<br />
Schutz und nicht zuletzt für<br />
die subventionierten Immobilien zu berechnen.<br />
Vergeblich. Festzustellen ist<br />
nur: Milliarden wurden ausgegeben für<br />
Siedlungen, von denen inzwischen klar<br />
ist: Die meisten wird Israel räumen müssen,<br />
der neue Wohnraum für die Bewohner<br />
wird Geld kosten.<br />
Die Siedlungsprojekte sind aber<br />
nicht nur eine gigantische Immobilien-Fehlinvestition.<br />
Sie haben großen politischen<br />
Schaden verursacht. <strong>Der</strong> fortgesetzte<br />
Bau von Siedlungen – selbst, wenn<br />
er „nur“ in den Gebieten stattfände, die<br />
eh ausgetauscht werden – wird mittlerweile<br />
international als sichtbares Zeichen<br />
für illegale Landnahme gedeutet<br />
und hat erheblich zu Israels Isolation<br />
beigetragen.<br />
Dabei hat sich die militärstrategische<br />
Lage für Israel nicht einmal verbessert.<br />
<strong>Der</strong> Schutz gerade der verstreut oder<br />
nahe an palästinensischen Städten liegenden<br />
Siedlungen bindet Kräfte – nicht<br />
zuletzt, weil in diesen Gegenden mehr<br />
Palästinenser als Israelis leben.<br />
Dabei ruhte der Zionismus immer<br />
auf der Annahme, dass Israel ein Staatsgebiet<br />
mit einer jüdischen Mehrheit umfassen<br />
müsste. In der Westbank leben<br />
1,9 Millionen Palästinenser, ihr Bevölkerungswachstum<br />
ist größer als das Israels.<br />
In Elon Moreh, dessen Gründer<br />
einst angetreten sind, den Palästinensern<br />
eine jüdische Präsenz vor die Nase<br />
zu setzen, leben etwa 1200 Menschen.<br />
Allein in Nablus und Umgebung leben<br />
circa 305 000 Palästinenser. Anders<br />
als die jüdische Bevölkerung Palästinas<br />
vor der Staatsgründung haben die Siedler<br />
nie eine nennenswerte funktionierende<br />
Wirtschaft in den Gebieten etablieren<br />
können. Die meisten Siedlungen<br />
sind Schlafstädte, deren Bewohner in den<br />
Großstädten des israelischen Kernlands<br />
arbeiten.<br />
Werden die Siedlungen nicht geräumt,<br />
sondern ausgebaut, wird das Projekt eines<br />
palästinensischen Staates hinfällig. Dann<br />
wird Israel eine hässliche Besatzung aufrechterhalten<br />
müssen – mit allen politischen,<br />
moralischen, finanziellen und militärischen<br />
Kosten.<br />
Judith Hart leitet das<br />
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77<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Weltbühne<br />
Reportage<br />
Mut<br />
zum<br />
Glück<br />
Von<br />
Bernhard Bartsch<br />
Fotos<br />
JAN SIEFKE<br />
Chinas Eltern gründen Waldorfschulen. Sie wollen, dass ihre Kinder<br />
spielen statt exerzieren. Das ist nicht nur eine Abkehr vom chinesischen<br />
Bildungssystem, das auf Drill und Leistung setzt, sondern auch eine<br />
Rebellion gegen die Gesellschaft – und die Partei<br />
78<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Fotos: Jan Siefke für <strong>Cicero</strong><br />
79<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Weltbühne<br />
Reportage<br />
Oben: Die Bibliothek der<br />
Nanshan-Schule unterscheidet<br />
sich bereits architektonisch<br />
von den Gebäuden staatlicher<br />
chinesischer Schulen<br />
Unten: „Das offizielle<br />
Bildungssystem macht Kinder<br />
kaputt“, sagt Huang Mingyu.<br />
Deshalb gründete er Pekings<br />
erste Waldorfschule<br />
Acht Uhr morgens. Für andere<br />
chinesische Kinder beginnt der<br />
Schultag mit Flaggenappell und<br />
Nationalhymne. Lianlian fängt beim<br />
Kaninchenstall an. Mit geübten Griffen<br />
öffnet die Elfjährige das Türchen<br />
und setzt die beiden Mümmler liebevoll<br />
auf die Wiese. Ein paar Minuten spielt<br />
sie mit ihnen, dann fegt sie den Stallboden,<br />
legt ihn mit frischen Grasbüscheln<br />
aus, füllt die Wasserschale neu<br />
auf. Die Kaninchen hoppeln derweil<br />
bis zum Gartenzaun, wo Lianlians Mitschüler<br />
sie einfangen und wieder zum<br />
Stall bringen. Auf der Treppe des Hauses<br />
ist der Lehrer Huang erschienen und<br />
klatscht in die Hände. Erste Stunde:<br />
Tai-Chi-Unterricht.<br />
Die Nanshan-Schule in einem Dorf<br />
außerhalb Pekings ist eine der ersten<br />
chinesischen Waldorfschulen. Die flachen,<br />
im Bauernhausstil errichteten Gebäude<br />
sind umgeben von einem Garten,<br />
in dem es neben den Kaninchenställen<br />
auch Spielgeräte, Tischtennisplatten,<br />
Fußballtore, einen künstlichen Wasserfall<br />
und einen Pavillon gibt. Eine Obstplantage<br />
gehört ebenfalls zur Schule.<br />
80 Kinder lernen nach den Grundsätzen<br />
der Rudolf-Steiner-Pädagogik: ohne Noten<br />
oder Leistungsdruck, mit viel Zeit für<br />
Kunst und Musik und im ständigen Kontakt<br />
mit der Natur.<br />
Was in Deutschland und anderen<br />
westlichen Ländern seit fast 100 Jahren<br />
praktiziert wird, ist in China revolutionär,<br />
und das nicht nur im pädagogischen<br />
Sinne. Denn die Eltern, die die<br />
Nan shan-Schule seit vier Jahren in Eigeninitiative<br />
aufbauen, entziehen ihre<br />
Kinder nicht nur dem staatlichen Schulsystem<br />
mit seinem hohen Konkurrenzdruck.<br />
Sie wenden sich auch gegen die<br />
Grundsätze der modernen chinesischen<br />
Gesellschaft: Parteipropaganda, Nationalismus,<br />
gleichgeschaltete Presse –<br />
das wollen sie ihren Kindern ersparen.<br />
„Das offizielle Bildungssystem macht<br />
Kinder kaputt“, sagt der Schulgründer<br />
Huang Mingyu. „Wir wollen, dass unsere<br />
Kinder zu glücklichen, kreativen,<br />
selbstständig denkenden Menschen<br />
heranwachsen.“<br />
Zweite Stunde: Mathe. <strong>Der</strong> Raum<br />
der vierten Klasse ist grün gestrichen.<br />
An den Decken hängt ein Firmament<br />
leuchtender Kugellampen. An<br />
den Wänden hängen Kalligrafien, in<br />
der Ecke lehnen große Stöcke, Requisiten<br />
für das Klassentheater. Lianlian<br />
und ihre rund 20 Klassenkameraden<br />
berechnen Flächengrößen. Einige stehen<br />
mit Lehrer Huang an der Tafel und<br />
malen mit bunter Kreide geometrische<br />
Formen. Andere knien mit Maßbändern<br />
auf dem Boden und messen die Fliesen<br />
aus. Wer die Aufgaben zu einfach findet,<br />
schreibt sie noch einmal in Englisch<br />
in sein Heft – oder geht in den Garten<br />
spielen.<br />
In herkömmlichen chinesischen<br />
Schulen würde man über solch fröhliches<br />
Durcheinander nur den Kopf schütteln.<br />
Dort herrschen Disziplin und Frontalunterricht.<br />
Das chinesische Bildungssystem<br />
ist die wohl größte Auslesemaschine der<br />
Welt. Schon in der Grundschule werden<br />
gute Schüler an bessere Schulen befördert<br />
und schlechte degradiert. Sitzplätze<br />
in der Klasse werden oft nach Leistung<br />
zugeteilt und Prüfungsergebnisse am<br />
Schwarzen Brett veröffentlicht. Damit<br />
die Kinder im Konkurrenzkampf bestehen<br />
können, organisieren ihre Eltern<br />
Nachhilfestunden bis tief in die Nacht.<br />
Zielpunkt des chinesischen Schülerlebens<br />
ist die „Gaokao“, die dreitägige<br />
zentrale Hochschulaufnahmeprüfung<br />
am Ende der zwölften Klasse. Nur etwa<br />
10 Prozent der 20 Millionen Kinder eines<br />
Jahrgangs bekommen einen Studienplatz<br />
an einer guten Universität.<br />
<strong>Der</strong> Erfolg scheint dem System recht<br />
zu geben. Als Schanghais Schüler 2010<br />
erstmals am Pisa-Test teilnahmen, gingen<br />
sie als Gesamtsieger daraus hervor. Vor<br />
allem in Mathematik und Naturwissenschaften<br />
waren sie stark. Kurz nach den<br />
Pisa-Ergebnissen sorgte das Buch „Battle<br />
Hymn of the Tiger Mother“, auf Deutsch<br />
unter dem Titel „Die Mutter des Erfolgs“<br />
erschienen, für Furore. Darin schildert<br />
die chinesischstämmige US-Autorin Amy<br />
Chua die harten Methoden, mit denen<br />
sie ihre Töchter zur Verzweiflung, aber<br />
auch zum Erfolg trieb. <strong>Der</strong> als Memoiren<br />
getarnte Erziehungsratgeber spielt<br />
zwar nicht in der Volksrepublik, sondern<br />
im Umfeld der amerikanischen Eliteuniversität<br />
Yale. Doch Chua stellt sich<br />
ausdrücklich in die Tradition des chinesischen<br />
Bildungssystems und wirft westlichen<br />
Eltern vor, das Potenzial ihrer Kinder<br />
ungenutzt zu lassen.<br />
Fotos: Jan Siefke für <strong>Cicero</strong><br />
80<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Das Buch löste nicht zuletzt deshalb<br />
heftige Diskussionen aus, weil viele Rezensenten<br />
es vor dem Hintergrund westlicher<br />
Sorgen um die eigene wirtschaftliche<br />
Wettbewerbsfähigkeit lasen. Damit<br />
aber begeistert sich das Ausland just in<br />
dem Moment für Chinas Bildungssystem,<br />
da die Chinesen selbst große Zweifel bekommen.<br />
Kann ein Schulsystem, das auf<br />
standardisiertes Wissen setzt, die innovativen<br />
Köpfe hervorbringen, die eine<br />
moderne Wissensgesellschaft braucht?<br />
Vierte Stunde: Englisch. Kenny<br />
Prenksamar begrüßt jedes Kind mit<br />
Handschlag. „Good morning, Miss Lotus“,<br />
empfängt er Lianlian. Prenksamar<br />
kommt von den Philippinen, lebt<br />
seit zehn Jahren in China und hat früher<br />
an einer renommierten Pekinger<br />
Mittelschule unterrichtet. „Da ging es<br />
vor allem darum, Lehrbücher durchzuarbeiten“,<br />
erzählt er. „Frei sprechen<br />
und kommunizieren konnten die Kinder<br />
nicht.“ An der Nanshan-Schule geht es<br />
interaktiver zu. Prenksamar stellt einen<br />
Wandschirm auf, hinter dem sich<br />
die Kinder abwechselnd verstecken<br />
und den Rest der Klasse raten lassen,<br />
was sie dort tun. „Is he jumping?“ „No,<br />
he is not.“ „Is he kissing?“ Die Klasse<br />
johlt. Zwei Monate lang steht Englisch<br />
auf dem Lehrplan, dann wird es gegen<br />
Japanisch ausgetauscht. So soll verhindert<br />
werden, dass die Kinder einer Sprache<br />
überdrüssig werden.<br />
An der Nanshan-Schule lernen nicht<br />
nur die Kinder, sondern auch die Lehrer.<br />
„Wir sind noch im Aufbau, und viele<br />
von uns haben früher in anderen Berufen<br />
gearbeitet“, erzählt Schulleiter Huang<br />
Mingyu. „Diese Waldorfschule ist für<br />
uns alle ein großes Abenteuer.“<br />
Huang ist ein schmaler Mann mit<br />
leuchtenden Augen und der warmen<br />
Aura eines spirituellen Meisters. Bevor<br />
er Lehrer wurde, betrieb der 41-Jährige<br />
in Peking einen Verlag für Ratgeber und<br />
esoterische Schriften, ein großer Markt<br />
in einem Land, dessen turbokapitalistischer<br />
Veränderungsrausch viele Sinnfragen<br />
aufwirft. Zu seinen erfolgreichsten<br />
Titeln gehörten Erziehungshandbücher<br />
für junge Eltern. „So habe ich zum ersten<br />
Mal von Waldorfpädagogik erfahren“,<br />
sagt Huang. Er wünschte sich, dass seine<br />
Tochter Yitian einmal in so eine Schule<br />
gehen könne.<br />
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Als Yitian 2005 ins Kindergartenalter<br />
kam, gründete Huang mit Freunden<br />
eine Waldorfgruppe. Sie mieteten eine<br />
Wohnung, malten die Wände bunt an,<br />
kauften Holzspielzeug und engagierten<br />
eine Erzieherin, der sie Waldorfliteratur<br />
zu lesen gaben. Die Kinder waren glücklich,<br />
und die Eltern waren es auch. Doch<br />
dann kam Yitian in die Schule, und der<br />
Elan, mit dem sie früher in den Kindergarten<br />
gegangen war, verschwand. „Sie<br />
war eine gute Schülerin, aber sie hatte<br />
keine Freude am Unterricht“, berichtet<br />
Huang. „Die Vorstellung, dass es nun<br />
zwölf Jahre so gehen sollte, war für mich<br />
unerträglich.“ Nach einem halben Jahr<br />
beschloss Huang, Pekings erste Waldorfschule<br />
zu eröffnen.<br />
Gleichgesinnte fand er schnell, aber<br />
keine qualifizierten Lehrer. Deshalb entschied<br />
Huang, sein Verlagsgeschäft in die<br />
Hände seiner Frau zu geben und selbst zu<br />
unterrichten. Zur Unterstützung stellte er<br />
Lehrer für Musik, Kunst und Sprachen<br />
ein. Er nahm Kontakt mit Waldorfschulen<br />
in anderen Ländern auf und lud Pädagogen<br />
ein, die seinem Team das beibrachten,<br />
was sie nicht aus Büchern selbst<br />
lernen konnten.<br />
Huangs erste Klasse hatte elf Schüler.<br />
Zu Beginn des zweiten Jahres waren<br />
es bereits 20. Seitdem kommen jedes<br />
Jahr noch einmal so viele dazu, denn<br />
die Schule soll Klasse um Klasse nach<br />
oben wachsen. Finanziert wird der Unterricht<br />
über Schulgeld, Profit will Huang<br />
nicht machen. 35 000 Yuan, umgerechnet<br />
4300 Euro, bezahlen die Eltern für<br />
ein Jahr, eine Gebühr, die sich nur die<br />
Mittelschicht leisten kann. Internationale<br />
Schulen, die für chinesische Eltern normalerweise<br />
die einzige Alternative zum<br />
staatlichen Schulsystem sind, kosten ein<br />
Vielfaches.<br />
Von Anfang an rekrutierte Huang<br />
für den Unterricht auch mehrere Kinder<br />
aus armen Teilen Chinas, die kostenlos<br />
am Unterricht teilnehmen. Eines<br />
dieser Kinder ist Lianlian, die mit<br />
Huang und seiner Tochter zusammenlebt.<br />
Sie stammt aus der Provinz Guizhou<br />
und gehört der Dong-Minorität an,<br />
zu deren Bräuchen es gehört, dass schon<br />
Kinder sich einen Baum aussuchen, aus<br />
dem einmal ihr Sarg gezimmert werden<br />
soll. Ihre Anwesenheit an der Nanshan-Schule<br />
sei keine Wohltätigkeit,<br />
powered by<br />
in cooperation with
Fotos: Jan Siefke für <strong>Cicero</strong><br />
Oben: Für den Mal- und<br />
Kalligrafieunterricht liegen<br />
Stempel, Wasserschale und<br />
Farben bereit<br />
Unten: Jedes Klassenzimmer<br />
ist mit einem Bücherregal<br />
ausgestattet. Schülerinnen<br />
und Schüler können sich<br />
jederzeit bedienen<br />
sondern der Versuch, möglichst verschiedene<br />
Kinder an der Schule zu haben, erklärt<br />
Huang. Schließlich kämen die meisten<br />
Schüler aus Stadtfamilien und hätten<br />
mit der Natur viel weniger Erfahrung als<br />
Kinder vom Lande. „Von Lianlian lernen<br />
sie, wie man auf Bäume klettert oder mit<br />
Tieren umgeht“, sagt Huang. „Das ist für<br />
alle Seiten ungeheuer bereichernd.“<br />
Mittagspause. Lianlian und ihre Mitschüler<br />
versammeln sich mit ihren Lehrern<br />
um große Tische und sprechen das<br />
Steiner’sche Tischgebet: „Das Brot vom<br />
Korn, das Korn vom Licht, das Licht<br />
aus Gottes Angesicht.“ Das Essen wird<br />
in großen Blechschüsseln serviert: Reis,<br />
Rührei mit Tomate, Spinat. Alle Zutaten<br />
kommen von einem nahe gelegenen<br />
Ökohof, auf dem die Kinder mithelfen.<br />
Nach dem Essen tragen sie ihre Schüsseln<br />
und Essstäbchen in die Spülküche<br />
und waschen sie mit Teepulver ab. Dann<br />
gehen sie in den Garten oder zum Lesen<br />
in die Bibliothek. Bis zum Beginn<br />
des Nachmittagsunterrichts gibt es eine<br />
Stunde Freizeit.<br />
Staatlich anerkannt ist die Nan shan-<br />
Schule nicht, und seine Kinder dorthin zu<br />
schicken, ist streng genommen ein Verstoß<br />
gegen die Schulpflicht. Doch die Behörden<br />
überprüfen nicht, ob Eltern ihre<br />
Kinder zum Unterricht schicken, und lassen<br />
Huang gewähren. „Wir versuchen<br />
nicht zu viel Aufmerksamkeit zu erregen“,<br />
sagt der Schulleiter. So verzichtet<br />
die Schule auf einen Internetauftritt.<br />
Trotzdem hat sich ihre Existenz herumgesprochen,<br />
und Huang bekommt Anfragen<br />
von Eltern aus dem ganzen Land, die<br />
ihre Kinder anmelden wollen. Aufnehmen<br />
kann er nur einen Bruchteil. „Das<br />
Interesse zeigt, wie viele Eltern das chinesische<br />
Schulsystem ablehnen“, sagt er.<br />
„Aber unser Ziel ist nicht, möglichst groß<br />
zu werden, sondern möglichst gut.“<br />
Inzwischen ist die Nanshan-Schule<br />
auch nicht mehr die einzige in Peking.<br />
Zwei weitere Elterngruppen bauen eigene<br />
Schulen auf. Im südwestchinesischen<br />
Chengdu existiert schon länger<br />
eine Waldorfschule, auch in anderen<br />
Städten gründen sich Initiativen.<br />
Sein Kind dorthin zu schicken, ist<br />
allerdings eine Entscheidung mit Folgen.<br />
Denn der Weg zurück ins staatliche<br />
Schulsystem ist nur schwer möglich,<br />
und ohne „Gaokao“ bleibt den<br />
Anzeige<br />
© Foto Peter Sloterdijk: Axel Heiter; Martin Walser: Philippe MATSAS/Opale<br />
Mehr als schön<br />
ist nichts<br />
Zwei Meinungen über den<br />
Zustand der Welt.<br />
Das <strong>Cicero</strong>-Foyergespräch<br />
<strong>Cicero</strong>-Kolumnist Frank A. Meyer<br />
im Gespräch mit Peter Sloterdijk und<br />
Martin Walser.<br />
Sonntag, 29. September 2013, 11 Uhr<br />
Berliner Ensemble<br />
Bertolt-Brecht-Platz 1, 10117 Berlin<br />
Tickets: Telefon 030 28408155<br />
www.berliner-ensemble.de<br />
BERLINER<br />
ENSEMBLE<br />
29. 9. 2013<br />
Peter Sloterdijk<br />
& Martin Walser<br />
im Gespräch mit<br />
Frank A. Meyer<br />
In Kooperation<br />
mit dem Berliner Ensemble<br />
Berliner<br />
Ensemble<br />
83<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Weltbühne<br />
Reportage<br />
Oben: Blockflötenunterricht ist<br />
fester Bestandteil des Lehrplans.<br />
Hier wird musiziert, weil es Freude<br />
bereitet<br />
Unten: Die Zufahrt zur<br />
Nanshan‐Schule ist von einer<br />
Baumallee gesäumt<br />
Kindern der Zugang zu Chinas Universitäten<br />
versperrt. Es bleibt dann nur<br />
der Weg ins Ausland oder an eine teure<br />
Privathochschule.<br />
„Die Reichweite unserer Entscheidung<br />
war uns bewusst“, sagt Wei<br />
Chunyan, deren Sohn mit Lianlian in die<br />
vierte Klasse geht. „Aber was nützt einem<br />
Kind ein Studienplatz, wenn es seelisch<br />
kaputt ist?“ Außerdem wolle sie sich<br />
nicht dem gesellschaftlichen Druck unterwerfen,<br />
dass ein Studium der einzig<br />
mögliche Weg zum Glück sei. Wei war<br />
Psychologiedozentin an einer angesehenen<br />
Universität, bevor sie mit ihrem Sohn<br />
an den Rand von Peking zog, um ihn auf<br />
die Nanshan-Schule schicken zu können.<br />
Das Geld verdient ihr Mann, der jeden<br />
Tag die lange Fahrt in die Stadt macht.<br />
Für die Familie sei das keine einfache Situation,<br />
aber sie und ihr Mann hätten es<br />
nicht ertragen können, ihr Kind an einer<br />
staatlichen Schule zu wissen. „Wir haben<br />
ja selbst das chinesische Bildungssystem<br />
durchgemacht“, erklärt sie. Dort<br />
gebe es keinen Respekt für die Kindheit,<br />
und statt eigene Interessen und Meinungen<br />
zu entwickeln, würden die Schüler<br />
zu Reproduktionsmaschinen erzogen.<br />
„Aber wie soll man durchs Leben gehen,<br />
wenn man nicht weiß, was man will und<br />
wer man ist?“<br />
Andere Eltern haben auch politische<br />
Motive. „An den Schulen wird ein<br />
Bild von China und seiner Geschichte<br />
vermittelt, das nicht der Wahrheit entspricht“,<br />
sagt eine Mutter in Anspielung<br />
auf dunkle Kapitel wie die Kulturrevolution<br />
oder das Massaker auf dem Platz<br />
des Himmlischen Friedens. „Ich möchte,<br />
dass meine Kinder ein korrektes Bild von<br />
ihrem Land bekommen.“<br />
Zwei Uhr nachmittags. Blockflötenunterricht.<br />
<strong>Der</strong> Musikraum hat den Stil<br />
eines Rittersaals in einem Fantasyfilm:<br />
Wände aus grob behauenen Natursteinen,<br />
ein großer Kamin, ein Baum mitten<br />
im Raum. Das Ambiente ist der Nachlass<br />
eines gescheiterten Landclubs, für<br />
den die Anlage gebaut wurde, bevor die<br />
Schule vor zwei Jahren hier einzog. Die<br />
Kinder spielen zusammen ein Volkslied,<br />
dann verteilt Lehrer Zhang Notenblätter,<br />
mit denen sie sich einzeln oder zu zweit<br />
in verschiedene Ecken des Raumes zurückziehen.<br />
„Hör mal“, sagt Zhang und<br />
spielt Lianlian die Mozart-Melodie vor,<br />
die er für sie ausgesucht hat. Er studierte<br />
am Pekinger Konservatorium und hätte<br />
Lehrer an einer guten staatlichen Schule<br />
werden können, wo er deutlich mehr<br />
verdienen würde. „Aber chinesische<br />
Kinder lernen ihre Instrumente meist<br />
nur, weil es an der Schule dafür Sonderpunkte<br />
gibt“, erklärt Zhang. „Hier machen<br />
wir Musik, weil es Freude macht.“<br />
Noch ist die Nanshan-Schule in<br />
China ein Randphänomen. Doch wie explosiv<br />
die Idee ist, das traditionelle Bildungssystem<br />
infrage zu stellen, zeigte<br />
sich, als vergangenes Jahr in China das<br />
Buch „Das verzeihe ich euch nie!“ erschien.<br />
Das Werk des 22-jährigen Autors<br />
Zhong Daorans war eine schonungslose<br />
Abrechnung mit seiner Schulzeit. „In der<br />
Grundschule rauben sie uns die eigenen<br />
Wertevorstellungen, in der Mittelstufe<br />
das selbstständige Denken und in der<br />
Hochschule unsere Ideale und Träume“,<br />
schreibt Zhong. „Am Ende sieht es in unserem<br />
Hirn so leer aus wie in der Unterhose<br />
eines Eunuchen.“<br />
Das Buch machte Furore. Chinesische<br />
Mittelschüler begannen zu demonstrieren<br />
und die Autorität ihrer Lehrer infrage<br />
zu stellen. Im Internet formierten<br />
sich Fanclubs. Als Jugendliche mit der<br />
Parole „Das verzeihe ich euch nie!“ die<br />
Schule schmissen, schritt das Erziehungsministerium<br />
ein und ließ das Buch auf<br />
die schwarze Liste setzen. Die Regierung<br />
wollte verhindern, dass eine Sinnkrise<br />
Chinas Jugend von der Aufgabe ablenkt,<br />
die ihr die Gesellschaft seit Jahrhunderten<br />
vorschreibt: fleißig zu lernen.<br />
Vier Uhr nachmittags. Die Kinder<br />
strömen auf den Sportplatz am Haupttor,<br />
wo ihre Eltern auf sie warten. Nicht<br />
alle wollen gleich nach Hause. Lianlian<br />
spielt mit einigen Kindern Hüpfseil. <strong>Der</strong><br />
Musiklehrer Zhang kommt mit einem<br />
Fußball, stellt sich ins Tor, und im Nu<br />
bolzen sie fröhlich: Kinder, Eltern, Lehrer,<br />
alle zusammen. Wer weiß, was aus<br />
den Kindern der Nanshan-Schule einmal<br />
wird. Aber hier und jetzt sind sie<br />
glücklich.<br />
Bernhard BArtsch beobachtet<br />
seit Jahren das rigide chinesische<br />
Bildungssystem und war ebenso überrascht<br />
wie begeistert, dort Waldorfschulen zu<br />
entdecken<br />
Fotos: Jan Siefke für <strong>Cicero</strong><br />
84<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Kapital<br />
85 – 100<br />
„ <strong>Der</strong> Großbank geben<br />
wir europäische<br />
Regeln, und die<br />
Sparkasse lassen wir<br />
einfach im Dorf “<br />
Sven Giegold, Finanzexperte der Grünen im Europaparlament, im<br />
Streitgespräch mit Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon, Seite 92
Kapital<br />
Porträt<br />
<strong>Der</strong> StaatsOligarch<br />
Er leitet den größten börsennotierten Energiekonzern der Welt. Aber freie<br />
Marktwirtschaft? Davon hält der Russe Igor Setschin überhaupt nichts<br />
Von VaneSSA de L‘or<br />
Grundsätzlich hat Igor Setschin<br />
nichts gegen Privateigentum.<br />
Bei einem seiner wenigen öffentlichen<br />
Auftritte hat der Präsident des<br />
staatlich kontrollierten russischen Energiekonzerns<br />
Rosneft mal den schönen<br />
Satz gesagt: „<strong>Der</strong> Sinn für Eigentum entwickelt<br />
sich bei jedem Menschen in frühester<br />
Kindheit. Und wenn ein Kind sein<br />
erstes Spielzeug bekommt, zum Beispiel<br />
einen Teddybär, will er ihn nie wieder<br />
loslassen. <strong>Der</strong> Teddybär des Rosneft-Vorstands<br />
heißt Rosneft.“<br />
Anfang August hat Setschin selbst<br />
zur Privatisierung des russischen Energiesektors<br />
beigetragen. <strong>Der</strong> Rosneft-Boss<br />
vergrößerte sein Aktienpaket um das<br />
Elffache auf umgerechnet 45,5 Millionen<br />
Euro. Er hält jetzt 0,0849 Prozent<br />
des größten börsennotierten Energiekonzerns<br />
der Welt.<br />
Wer daraus einen grundsätzlichen<br />
Sinneswandel des engen Vertrauten<br />
von Russlands Präsident Wladimir Putin<br />
ableitet, liegt aber völlig falsch. Aus<br />
Igor Setschin wird auch in Zukunft kein<br />
Freund der freien Marktwirtschaft und<br />
des privaten Unternehmertums. Stattdessen<br />
führt er Rosneft weiterhin wie<br />
ein loyaler Staatsdiener des derzeitigen<br />
Herrschers im Kreml. Entgegen anders<br />
lautenden öffentlichen Beteuerungen<br />
setzt Putin auch weiter auf die staatliche<br />
Kontrolle des Energiesektors. Dieser<br />
sorgt nicht nur für mehr als die Hälfte der<br />
russischen Staatseinnahmen, sondern sichert<br />
aufgrund des russischen Ressourcenreichtums<br />
Putins Einfluss in der internationalen<br />
Politik.<br />
Putin und Setschin kennen sich bereits<br />
aus der Petersburger Stadtverwaltung,<br />
wo sie Anfang der neunziger Jahre<br />
aufeinandertrafen, als der acht Jahre ältere<br />
Putin dort stellvertretender Bürgermeister<br />
war. 1996 wechselten beide nach<br />
Moskau in die Regierung des damaligen<br />
Präsidenten Boris Jelzin. Nach Putins<br />
Wahl zum Präsidenten stieg Setschin zum<br />
stellvertretenden Leiter der Präsidialverwaltung<br />
auf. Während Putins Intermezzo<br />
als russischer Ministerpräsident von 2008<br />
bis 2012 war Setschin sein Stellvertreter.<br />
Gleichzeitig übernahm er bei Rosneft bereits<br />
2004 als Aufsichtsratsvorsitzender<br />
das Kommando.<br />
Das damalige Unternehmen ist mit<br />
dem heutigen Rosneft-Konzern nicht<br />
zu vergleichen. 2003 war Rosneft nicht<br />
mehr als die Reste des ehemaligen sowjetischen<br />
Ölministeriums, die selbst<br />
im Privatisierungsrausch der Jelzin-Ära<br />
keiner hatte kaufen wollen. <strong>Der</strong> Aufstieg<br />
Rosnefts an die Spitze der weltweiten<br />
Energieförderer war nur möglich,<br />
weil Setschin direkt aus dem Kreml die<br />
Zerschlagung und Enteignung des Erdölkonzerns<br />
Yukos des bis heute inhaftierten<br />
Oligarchen Michail Chodorkowski<br />
organisierte. Im Dezember 2004 erhielt<br />
eine Briefkastenfirma – von der sich später<br />
herausstellte, dass sie zu Rosneft gehörte<br />
– bei einer dubiosen Auktion den<br />
Zuschlag für die wichtigste Fördertochter<br />
von Yukos.<br />
Setschins zweiter Coup war Ende<br />
März dieses Jahres die Übernahme des<br />
russischen Konkurrenten TNK-BP. Rosneft<br />
kann jetzt nach eigenen Angaben<br />
200 Millionen Tonnen Öl im Jahr fördern,<br />
das entspricht 40 Prozent der Förderung<br />
in Russland und 5 Prozent weltweit.<br />
44 Milliarden Dollar musste Rosneft für<br />
die Übernahme an die bisherigen Eigentümer<br />
bezahlen, eine Gruppe russischer<br />
Oligarchen und der britische Energiekonzern<br />
BP. Die Verschuldung Rosnefts stieg<br />
auf 76 Milliarden Dollar.<br />
Setschins Drang nach Macht und<br />
Größe scheint aber noch lange nicht befriedigt.<br />
Zurzeit expandiert er aggressiv<br />
in den Gasmarkt. Im Juli kaufte Rosneft<br />
das Gasförderunternehmen Itera. In<br />
Russland wird dies als Angriff auf Gasprom<br />
gewertet. <strong>Der</strong> ebenfalls vom Staat<br />
kontrollierte Konzern darf als bisher einziges<br />
Unternehmen russisches Gas ins<br />
Ausland exportieren, aber Gasproms Monopol<br />
wackelt, wie Putin kürzlich bei einem<br />
internationalen Wirtschaftstreffen<br />
andeutete. Im Kreml ist Setschins Rivale,<br />
Gasprom-Chef Alexei Miller, dabei, seinen<br />
bisherigen Einfluss zu verlieren. Ihm<br />
wird vorgeworfen, das Geschäft mit verflüssigtem<br />
Erdgas, das im internationalen<br />
Handel immer wichtiger wird, verschlafen<br />
zu haben. Gasprom gilt im Vergleich<br />
zu Rosneft als ineffizienter, bürokratischer<br />
Koloss. Kreml-nahe Medien kritisieren<br />
Miller hart, in einer Sendung des<br />
russischen Staatsfernsehens wurde er<br />
sogar kürzlich als „inkompetenter Idiot“<br />
bezeichnet.<br />
Setschin wird es freuen. Seit einer<br />
2005 von Putin angekündigten Fusion<br />
von Rosneft und Gasprom, die Setschin<br />
verhinderte, gelten er und Miller<br />
als Erzfeinde.<br />
Setschin selbst steht inzwischen<br />
nicht nur an der Spitze von Rosneft, sondern<br />
leitet seit mehr als einem Jahr auch<br />
die Kreml-Kommission für die strategische<br />
Entwicklung des russischen Energiesektors<br />
und kontrolliert somit ein Drittel<br />
der Wirtschaftsleistung Russlands.<br />
Den Plan des ehemaligen Präsidenten<br />
Dmitri Medwedew, die staatlichen<br />
Rosneft-Anteile bis spätestens 2016 zu<br />
verkaufen, hat Setschin erst mal auf Eis<br />
gelegt. Er und Putin sind sich einig, dass<br />
man es mit der Privatisierung auch nicht<br />
übertreiben muss.<br />
VaneSSA de L‘Or kennt die Welt der<br />
russischen Wirtschaftsbosse. So viel Macht<br />
wie bei Setschin hat sie nie gesehen<br />
Foto: RIA Novosti [M]<br />
86<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Kapital<br />
Porträt<br />
Die EIsbrecherin<br />
Elke Ruchatz hat die letzte Binnenwerft in Eisenhüttenstadt an der Oder gerettet.<br />
Jetzt nimmt sie sich die Unternehmerin die Fußballer des EFC Stahl vor<br />
Von Steffen UhlMAnn<br />
Foto: Götz Schleser für <strong>Cicero</strong><br />
Ihre Augen funkeln hinter den Brillengläsern.<br />
„Kommen Sie mir nicht mit<br />
dem großen weißen Schiff, das ich mal<br />
bauen wollte“, sagt Elke Ruchatz. Sie<br />
wird darauf häufig angesprochen. „Ein<br />
Eisbrecher wäre mir viel lieber, seine Instandsetzung<br />
ist unser Brot- und Buttergeschäft.“<br />
Dabei hat sie selbst einst von<br />
stolzen Fahrgastschiffen geträumt, die<br />
auf ihrer Neuen Oderwerft vom Stapel<br />
laufen. Ruchatz hat die Werft in Eisenhüttenstadt<br />
1999 übernommen.<br />
So ist das als Unternehmerin: Träume<br />
zerplatzen, aber es muss immer irgendwie<br />
weitergehen. „Was wirklich zählt,<br />
ist das Gewordene“, sagt Ruchatz nüchtern.<br />
Geworden ist einiges, seit sie die von<br />
Treuhandmanagern heruntergewirtschaftete<br />
Traditionswerft gekauft hat und wie<br />
ein Eisbrecher in eine Männerdomäne<br />
einbrach. Nicht aus einer Laune heraus,<br />
aber doch mit einem Schuss Sentimentalität.<br />
„Ich hänge an dieser Werft“, sagt<br />
die 59-Jährige. „Sie bestimmt seit über<br />
25 Jahren mein Leben.“<br />
Angefangen hat alles, als ihr Mann,<br />
von dem sie inzwischen geschieden ist,<br />
1987 beim damals größten Stahlwerk<br />
der DDR einen neuen Arbeitsplatz fand.<br />
Die studierte Ingenieurökonomin aus<br />
Sachsen folgte ihm mit den beiden Kindern.<br />
Als Elke Ruchatz aus dem Fenster<br />
ihrer neuen Wohnung auf die Schiffe<br />
blickte, die gleich nebenan auf der Werft<br />
lagen, ging sie spontan rüber und fragte<br />
den Chef, ob er eine Stelle für sie hätte,<br />
und erhielt den Arbeitsplatz am Wasser.<br />
Heute ist Elke Ruchatz ein Solitär: die<br />
einzige Frau in Deutschland, die eine<br />
Werft führt, die ihr auch noch gehört.<br />
Die Werft selbst ist die letzte ihrer Art<br />
an der Oder.<br />
„Zuerst wollte niemand glauben, dass<br />
es eine Chance gibt, die Werft wiederzubeleben<br />
– zumal mit mir, einer Frau“,<br />
erinnert sich Ruchatz an ihren Start als<br />
Werftchefin. Schon der Kampf mit argwöhnischen<br />
Bankern habe ihr damals alles<br />
abverlangt. Am Ende hat sie sie mit<br />
ihrer „schonungslosen Offenheit“ überzeugt.<br />
Auch über ihre Ängste spricht sie,<br />
die ihr damals wochenlang den Schlaf<br />
raubten. „Einen Kredit zu bekommen,<br />
ist die eine Seite, ihn zurückzuzahlen,<br />
eine ganz andere. Und ich hatte plötzlich<br />
Schulden bis unters Dach.“<br />
Mit zwölf statt 500 Mitarbeitern<br />
startete sie das Unternehmen Neue Oderwerft.<br />
Zunächst sah es danach aus, dass<br />
sie gleich wieder scheitern würde. „Zwei<br />
Jahre haben wir kaum Aufträge hereinbekommen“,<br />
sagt sie, „das Mehrzweckschiff<br />
hat uns dann gerettet.“ Kein weißer<br />
Dampfer, aber ein kapitales Schiff,<br />
32 Meter lang und sieben Meter breit, das<br />
zugleich als Autofähre, Bagger- und Notfallschiff<br />
einsetzbar ist. Es hatte ein Auftragsvolumen<br />
von zweieinhalb Millionen<br />
Euro. „Da hat es bei uns gerappelt“, sagt<br />
sie. „Seitdem sind wir nie mehr lange<br />
ohne Arbeit auf der Werft gewesen.“<br />
Doch Schiffbau bleibt ein unsicheres<br />
Geschäft. In ihren besten Jahren hat Elke<br />
Ruchatz mehr als 40 Mitarbeiter beschäftigt<br />
und über fünf Millionen Euro im Jahr<br />
umgesetzt. Jetzt bauen gerade noch halb<br />
so viele Menschen an den Schiffen. Und<br />
auch die müssen derzeit kurzarbeiten.<br />
„Bei den staatlichen Wasser- und Schifffahrtsämtern<br />
ist das Geld knapp“, sagt<br />
die Werftchefin. Sie sind die Hauptauftraggeber<br />
für den Bau von antriebslosen<br />
Arbeitsschiffen oder die Instandhaltung<br />
von Eisbrechern.<br />
Bisweilen fühlt sich Elke Ruchatz abgehängt<br />
– weit im Osten an der Oder, wo<br />
der Bund kaum noch Geld für den Ausbau<br />
der Schifffahrtsstraßen und die Modernisierung<br />
von Schleusen ausgibt. Aufgeben<br />
kommt für sie aber nicht infrage. „Dann<br />
MYTHOS<br />
Mittelstand<br />
Was hat Deutschland,<br />
was andere nicht haben?<br />
Den Mittelstand!<br />
<strong>Cicero</strong> stellt in jeder Ausgabe<br />
einen mittelständischen Unternehmer<br />
vor. Die bisherigen<br />
Porträts finden Sie unter:<br />
www.cicero.de/mittelstand<br />
bauen wir eben noch mehr Flöße für die<br />
Rheinschifffahrt“, sagt sie trotzig. Wieder<br />
funkelt es hinter den Brillengläsern.<br />
Elke Ruchatz schreckt so leicht nichts<br />
mehr. An harte Zeiten für die Werft hat<br />
sie sich gewöhnt, an Erfolgserlebnisse sowieso.<br />
Nächstes Jahr wird sie mit ihrer<br />
Belegschaft, zu der jetzt auch ihre beiden<br />
Kinder zählen, das 15-jährige Jubiläum<br />
der Neuen Oderwerft feiern. „Und<br />
es wird nicht unser letztes schönes Betriebsfest<br />
sein.“<br />
Die Frau mit dem Bubikopf ist voller<br />
Zuversicht. Erst vor wenigen Monaten<br />
erhielt sie in Berlin von Arbeitsministerin<br />
Ursula von der Leyen das Bundesverdienstkreuz.<br />
Und in Eisenhüttenstadt<br />
hat die Bürgermeisterin Ruchatz<br />
zur Botschafterin des „Regionalen<br />
Wachstumskerns“ an der Oder gemacht.<br />
Selbst die Fußballer der Stadt schwören<br />
bei ihrem Neuanfang auf sie. Sie ist<br />
jetzt Präsidentin des EFC Stahl, der in<br />
der vergangenen Saison in die Landesliga<br />
abgestiegen ist – mit darniederliegenden<br />
Männerdomänen kennt sie sich ja aus.<br />
Steffen UhlMAnn sucht und findet seit<br />
Jahren erfolgreiche Unternehmer in den<br />
gar nicht mehr so neuen Bundesländern<br />
89<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Kapital<br />
Porträt<br />
Eine Milliarde? kAuf ICh!<br />
Luise Neumann-Cosel will die Energiewende in die Hauptstadt bringen und das Berliner<br />
Stromnetz erwerben – auch mit Geld ihrer Genossen Jürgen Trittin und Peter Altmaier<br />
Von Til Knipper<br />
Das Berliner Stromnetz mit Zubehör<br />
kostet etwa eine Milliarde<br />
Euro. 35 000 Kilometer an Leitungen,<br />
80 Umspannwerke, die große<br />
Leitzentrale am Potsdamer Platz. Luise<br />
Neumann-Cosel, 27 Jahre alt, will das<br />
alles kaufen.<br />
Von einem Hinterhof im Berliner<br />
Stadtteil Wedding aus leitet sie ihre bisher<br />
größte Initiative. Zusammen mit<br />
Freunden hat sie die Genossenschaft<br />
„Bürger Energie Berlin“, die BEB, gegründet.<br />
Wenn man sie nach ihrer Motivation<br />
fragt, guckt sie kurz, als ob sie<br />
die Frage nicht verstanden habe, und<br />
antwortet dann, als sei es das Selbstverständlichste<br />
der Welt: „Ich bin aus Berlin<br />
und energiepolitisch interessiert.“ In<br />
kurzen, klaren Sätzen erklärt sie, dass<br />
die Energiewende bisher an Berlin vorbeigegangen<br />
und es höchste Zeit sei, daran<br />
etwas zu ändern. Die Hauptstadt bezieht<br />
ihren Strom zu mehr als 90 Prozent<br />
aus Kohle und nur zu 2 Prozent aus erneuerbarer<br />
Energie.<br />
„Am Anfang habe ich mich schon<br />
manchmal gefragt, ob ich jetzt größenwahnsinnig<br />
bin, aber ein solches Großprojekt<br />
verliert seinen Schrecken, wenn<br />
man es schrittweise angeht“, sagt Neumann-Cosel.<br />
Wie man Kampagnen aufzieht,<br />
hat die Geoökologin in der Anti-Atomkraft-Bewegung<br />
gelernt. Mit<br />
16 Jahren war sie auf der ersten Gorleben-Demo.<br />
Sie engagierte sich als Sprecherin<br />
des Netzwerks „Ausgestrahlt“<br />
und der Anti-Castor-Initiative „X-tausendmal-quer“.<br />
Doch aus der Oppositionsrolle<br />
will sie heraus, um die Energiewende<br />
in Berlin voranzutreiben.<br />
Die Konzession für das Berliner<br />
Stromnetz läuft 2014 aus. Wer sie bekommt,<br />
wird voraussichtlich im Herbst<br />
nächsten Jahres entschieden. Neben dem<br />
jetzigen Konzessionär Vattenfall und<br />
Neumann-Cosels BEB bewerben sich die<br />
stadteigene Berlin Energie, ein chinesischer<br />
Staatskonzern, eine RWE-Tochter<br />
und zwei kommunale Energiedienstleister<br />
aus Thüringen und den Niederlanden.<br />
Jetzt braucht Luise Neumann-Cosel<br />
vor allen Dingen Geld. Durch den Verkauf<br />
von Genossenschaftsanteilen an bisher<br />
1500 Mitglieder hat sie sieben Millionen<br />
Euro zusammen. Die Mindesteinlage<br />
beträgt 500 Euro, jedes Mitglied hat eine<br />
Stimme, unabhängig davon, wie viele<br />
Anteile es besitzt. Um das Netz kaufen<br />
zu können, benötigt Neumann-Cosel<br />
200 Millionen Euro Eigenkapital, den<br />
Rest könnte sie über Kredite finanzieren.<br />
Es ist noch ein weiter Weg. Neumann-Cosel<br />
ist aber geübt darin, Mitglieder zu werben:<br />
„Unsere Genossenschaftsanteile sind<br />
eine extrem sichere Geldanlage, und als<br />
Betreiber des Netzes werden wir voraussichtlich<br />
eine Rendite von 3 Prozent im<br />
Jahr ausschütten. Probieren Sie das mal<br />
zurzeit bei einer Bank zu bekommen.“<br />
Die Bundesnetzagentur als Regulierungsbehörde<br />
erlaubt sogar Renditen bis<br />
zu 9 Prozent für die Anteilseigner. Die<br />
Berliner Genossenschaft will nicht ausgeschüttete<br />
Gewinne aber stattdessen<br />
in Solaranlagen, Blockheizkraftwerke<br />
oder Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen<br />
investieren.<br />
Im Moment geht es Neumann-Cosel<br />
vor allem darum, sich Gehör zu verschaffen.<br />
Da hilft es, dass es ihr im März in einer<br />
Talkshow vor laufender Kamera gelang,<br />
Umweltminister Peter Altmaier zu<br />
überzeugen, Genosse zu werden. Auch<br />
Jürgen Trittin hat Anteile erworben.<br />
Die Diskussion um die Eigentumsverhältnisse<br />
städtischer Infrastruktur<br />
findet derzeit in vielen deutschen Städten<br />
und Kommunen statt. „Rekommunalisierung“<br />
heißt das unschöne Zauberwort.<br />
Von der breiten Öffentlichkeit<br />
weitgehend unbemerkt, haben Kommunen<br />
in den vergangenen sechs Jahren<br />
71 Stadtwerke gegründet und 171 Netzkonzessionen<br />
übernommen. In Berlin findet<br />
eine entsprechende Volksabstimmung<br />
Anfang November statt. Ihr Slogan: „Vattenfall<br />
den Stecker ziehen“.<br />
Luise Neumann-Cosel unterstützt<br />
die Initiatoren, weil die Volksabstimmung<br />
auch Aufmerksamkeit für ihr<br />
Anliegen erzeugt. Auf die Vergabe der<br />
Netzkonzession hat das Ergebnis der Abstimmung<br />
keinen direkten Einfluss. Neumann-Cosel<br />
bevorzugt aber ein Kombimodell:<br />
Mit ihrer Genossenschaft will sie<br />
49 Prozent des Netzes erwerben, 51 Prozent<br />
soll die Stadt übernehmen. In Berlin<br />
sprechen die Erfahrungen mit landeseigenen<br />
Unternehmen, die in den vergangenen<br />
zwei Jahrzehnten kaum einen<br />
Skandal ausgelassen haben, gegen eine<br />
reine Rekommunalisierung.<br />
Als Minderheitengesellschafterin<br />
will die BEB für Transparenz und Bürgerbeteiligung<br />
sorgen. „Nachdem weder<br />
Staatsbetriebe noch die Privatisierung<br />
der Stromversorgung richtig funktioniert<br />
haben, versuchen wir es mit einer Mischform“,<br />
sagt Neumann-Cosel.<br />
Und was tut sie, wenn ihre Genossenschaft<br />
nicht die Konzession in Berlin<br />
bekommt? „Klar, das kann passieren.<br />
Aber allein dass die Netzvergabe zum<br />
Politikum wird, ist ein Erfolg.“ Und was<br />
würde aus ihr? Eine parteipolitische Karriere<br />
strebe sie nicht an, stellt sie klar.<br />
Sie setzt auf gesellschaftliche Bewegungen,<br />
die von unten kommen. Es wird sich<br />
etwas finden. Geld auftreiben kann sie,<br />
Aufmerksamkeit erregen auch. Und an<br />
fehlendem Selbstvertrauen wird diese<br />
Frau auch nicht verzweifeln.<br />
Til Knipper leitet das<br />
Ressort Kapital von <strong>Cicero</strong><br />
Foto: Jens Gyarmaty für <strong>Cicero</strong><br />
90<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Kapital<br />
Interview<br />
„Bisher haftet weiter<br />
der Steuerzahler“<br />
Wie stabil ist das Bankensystem fünf Jahre nach der Lehman-Pleite?<br />
Ein Streitgespräch zwischen Sparkassenpräsident<br />
Georg Fahrenschon und EU-Parlamentarier Sven Giegold<br />
Sven Giegold<br />
Georg Fahrenschon<br />
Herr Fahrenschon, in der International<br />
Herald Tribune begann kürzlich ein Artikel<br />
mit dem Satz: „Eines der am stärksten<br />
angeschlagenen Bankensysteme in<br />
Europa blickt auf eine Geschichte voller<br />
Missmanagement, Korruption und politisch<br />
motivierter Kreditvergabe zurück,<br />
die den Steuerzahler Hunderte Milliarden<br />
Euro gekostet hat. Handelt es sich<br />
um Italien, Spanien oder vielleicht Griechenland?“<br />
Wissen Sie die Antwort?<br />
Georg FaHRENschon: „Ich habe den<br />
Artikel gelesen. Die Analyse ist sehr<br />
stark angelsächsisch geprägt und geht an<br />
der deutschen Realität weitgehend vorbei.<br />
Wenn man über die Bankenkrise<br />
reden und über Konsequenzen für die<br />
Sven gIegold<br />
sitzt seit 2009 im Europäischen<br />
Parlament und ist dort finanzund<br />
wirtschaftspolitischer<br />
Sprecher der Grünen. Bevor er<br />
2008 zu den Grünen ging, prägte<br />
er das globalisierungskritische<br />
Netzwerk Attac-Deutschland<br />
Georg Fahrenschon<br />
ist Präsident des Deutschen<br />
Sparkassen- und Giroverbands<br />
und vertritt in Brüssel und<br />
Berlin die Interessen der<br />
418 deutschen Sparkassen. Bis<br />
2011 war das CSU-Mitglied<br />
bayerischer Finanzminister<br />
zukünftige Regulierung des Finanzsektors<br />
diskutieren will, verstehe ich nicht,<br />
warum man ausgerechnet die Sparkassen<br />
ins Visier nimmt. Auch die Landesbanken<br />
waren nicht stärker betroffen<br />
als private, international agierende<br />
Großbanken.<br />
Ist die Analyse denn wirklich so falsch:<br />
Nach einem aktuellen Bericht der Europäischen<br />
Kommission sind in Deutschland<br />
646 Milliarden Euro in die Rettung<br />
der Banken geflossen, nur die Briten haben<br />
mehr ausgeben müssen. Wie ist es<br />
fünf Jahre nach der Pleite von Lehman<br />
Brothers um die Stabilität des deutschen<br />
Bankensektors bestellt?<br />
Fotos: Imago, Rolf Poss/PRP<br />
92<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
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Kapital<br />
Interview<br />
FahrensCHON: Zunächst ist es nicht weiter<br />
verwunderlich, dass der Finanzmarkt<br />
der größten Volkswirtschaft und Exportnation<br />
Europas vom Zusammenbruch des<br />
kompletten Weltfinanzsystems mit am<br />
stärksten betroffen war.<br />
Okay, aber wie steht es jetzt um die<br />
deutschen Banken?<br />
FahrensCHON: Die Eigenkapitalquoten<br />
wurden deutlich erhöht. Ich will aber<br />
noch mal unterstreichen, dass die größten<br />
Rettungsaktionen in Großbritannien<br />
nötig waren und die meisten staatlichen<br />
Rettungshilfen in Deutschland die privaten<br />
Großbanken erhalten. Die Hypo Real<br />
Estate wird auf Staatskosten saniert, die<br />
Commerzbank wurde teilverstaatlicht<br />
und die IKB in einem einmaligen Solidarakt<br />
der deutschen Kreditwirtschaft gerettet.<br />
Das ist etwas völlig anderes, als wenn<br />
die Bundesländer als Miteigentümer ihrer<br />
Verantwortung für eine Landesbank<br />
gerecht werden. Die Landesbanken haben<br />
die richtigen Konsequenzen gezogen,<br />
sie haben sich aus riskanten internationalen<br />
Engagements zurückgezogen. Sie<br />
konzentrieren sich jetzt auf die Unternehmensfinanzierung<br />
und die Partnerschaft<br />
zu den Sparkassen.<br />
Herr Giegold, wie ist es um den europäischen<br />
Bankensektor bestellt?<br />
Sven Giegold: Es wäre schön, wenn wir<br />
das endlich wüssten. Aber bis heute hat<br />
keine ernsthafte Analyse der Bankenbilanzen<br />
stattgefunden. Die zwei Stresstests,<br />
die in der EU durchgeführt wurden,<br />
haben jeweils unter der schützenden<br />
Hand der nationalen Regierungen der<br />
Mitgliedstaaten stattgefunden. Erst jetzt<br />
beginnt die EZB mit einer Prüfung, die in<br />
die Tiefe geht. Es stimmt aber auch nicht,<br />
dass wir in Deutschland schon alles Notwendige<br />
getan haben. Wir haben immer<br />
noch keine effektive Schuldenbremse für<br />
Banken. Die Deutsche Bank hat, auf ihre<br />
Bilanzsumme gerechnet, eine Eigenkapitalquote<br />
von unter 3 Prozent. Sie ist,<br />
schaut man sich diese sogenannte Leverage-Ratio<br />
an, dramatisch unterkapitalisiert<br />
und genießt dadurch noch immer<br />
eine staatliche Bestandsgarantie durch<br />
den Steuerzahler.<br />
FahrensCHON: Da stimme ich Ihnen zu.<br />
Die Too-big-to-fail-Problematik ist überhaupt<br />
noch nicht gelöst. Das Verrückte<br />
„Es wäre schön,<br />
wenn wir<br />
endlich wüssten,<br />
wie stabil die<br />
Banken in<br />
Europa sind.<br />
Aber bis heute<br />
hat keine<br />
ernsthafte<br />
Analyse<br />
der Bilanzen<br />
stattgefunden“<br />
Sven Giegold, Finanzexperte der<br />
Grünen im Europaparlament<br />
ist, dass international systemrelevante<br />
Geldinstitute dadurch auch noch einen<br />
Wettbewerbsvorteil genießen, weil sie<br />
sich durch die implizite Staatsgarantie<br />
an den Märkten billiger refinanzieren<br />
können. Die Politik muss daran arbeiten,<br />
dass keine Bank so groß ist, dass sie<br />
ganze Volkswirtschaften in den Abgrund<br />
reißen kann.<br />
Giegold: Dann müssen Sie mir aber mal<br />
erklären, warum die Sparkassen mit dem<br />
Bundesverband deutscher Banken, dessen<br />
größter Beitragszahler die Deutsche<br />
Bank ist, gemeinsame Lobbyarbeit gegen<br />
eine Einführung einer Mindest‐Leverage‐Ratio<br />
von 3 Prozent machen, obwohl<br />
die meisten Experten selbst das für viel<br />
zu niedrig halten. 3 Prozent entspricht<br />
dem Wert, den Lehman Brothers kurz<br />
vor der Pleite auswies.<br />
FahrensCHON: Bei einer solchen starren<br />
Quote wird so getan, als ob ein Kilo<br />
Sprengstoff genauso gefährlich ist wie<br />
ein Kilo Gips. Ein bestimmtes Volumen<br />
an regionalen Mittelstandskrediten wird<br />
genauso behandelt wie das gleiche Volumen<br />
hochriskanter Geschäfte an den<br />
internationalen Finanzmärkten. Wenn<br />
eine Risikogewichtung fehlt, werden völlig<br />
falsche Anreize gesetzt.<br />
Giegold: Ich will auch nicht alle Banken<br />
über einen Kamm scheren. Die 3 Prozent<br />
sollen nur das absolute Minimum sein,<br />
eine Mindestquote. Sie würden doch als<br />
Sparkasse auch niemandem einen Kredit<br />
geben, der weniger als 3 Prozent Eigenkapital<br />
mitbringt. Darüber hinaus soll<br />
man weiter differenzieren. Wir setzen<br />
uns im Parlament dafür ein, dass Banken,<br />
die die Realwirtschaft finanzieren,<br />
sanfter und vor allem unbürokratischer<br />
reguliert werden als Investmentbanken.<br />
Viele deutsche Bankkunden haben den<br />
Moment, als Kanzlerin Angela Merkel<br />
und der damalige Finanzminister Peer<br />
Steinbrück eine Garantieerklärung für<br />
die Spareinlagen abgaben, als dramatischsten<br />
Augenblick der Krise in Erinnerung.<br />
Seit mehr als einem Jahr diskutieren<br />
wir jetzt in Europa über die<br />
sogenannte Bankenunion mit einer europäischen<br />
Bankenaufsicht, einem gemeinsamen<br />
Abwicklungssystem für<br />
insolvente Geldinstitute und gemeinsamen<br />
Standards für die Einlagensicherung.<br />
Warum dauert das so lange?<br />
Giegold: <strong>Der</strong> Startschuss für eine gemeinsame<br />
Bankenaufsicht, angesiedelt<br />
bei der EZB, ist jetzt gefallen. Das halte<br />
ich für einen entscheidenden Schritt, weil<br />
die bisherige Nähe von nationalen Aufsichtsbehörden,<br />
Politik und Banken einer<br />
der zentralen Auslöser für die Krise war.<br />
Die nationalen Aufsichtsbehörden, wie<br />
die Bafin in Deutschland, haben mit Blick<br />
auf den internationalen Wettbewerb immer<br />
den nationalen Finanzstandort geschützt,<br />
statt den Finanzmarkt zu stabilisieren.<br />
Nur so konnte es zu Exzessen bei<br />
Gehältern, Boni und Dividenden kommen.<br />
Das lässt sich durch eine größere<br />
Entfernung mit einer Aufsicht auf supranationaler<br />
Ebene in Zukunft verhindern.<br />
FahrensCHON: Ich halte es für einen<br />
Fehler, dass es in Brüssel in der EU-Kommission<br />
eine Tendenz zu One‐size‐fits‐all‐<br />
Lösungen gibt: Ein System erschlägt alle<br />
anderen.<br />
Giegold: Das ist aber sehr frei übersetzt.<br />
FahrensCHON: Trifft aber den Kern.<br />
Die Kommission und die EU-Verwaltung<br />
legen fast immer kapitalmarktorientierte<br />
Großbanken als Blaupause an<br />
und reißen immer mehr Kompetenzen<br />
94<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Geht Liebe<br />
auf den<br />
ersten Blick<br />
immer<br />
ins Auge?<br />
Jetzt auch<br />
als App<br />
Das Leben steckt<br />
voller Unmöglichkeiten
Kapital<br />
Interview<br />
an sich, ohne selbst über die notwendige<br />
demokratische Legitimation zu verfügen.<br />
Stattdessen müsste man die Parlamente<br />
stärken.<br />
Aber sind Sie gegen eine europäische<br />
Aufsichtsbehörde?<br />
FahrensCHON: Ich hege ein Misstrauen<br />
gegen solche Superbehörden. Wir haben<br />
durch die Krise gelernt, dass lokal ausgerichtete<br />
Institute wie die Sparkassen und<br />
die Volks- und Raiffeisenbanken das System<br />
stabilisiert haben. Wenn jetzt eine<br />
europäische Regulierungswelle anbraust,<br />
die auf die internationalen Großbanken<br />
zugeschnitten ist, gefährdet das regionale<br />
Geschäftsmodelle, die sich seit langem<br />
bewährt haben.<br />
Giegold: Aber die EZB soll doch nur die<br />
Aufsicht über die Großbanken übernehmen.<br />
Die kleineren Banken, also auch die<br />
Sparkassen, werden weiter von der nationalen<br />
Finanzaufsicht kontrolliert. Hier<br />
hat die EZB nur die Kompetenz, deren<br />
Arbeit zu überwachen. Das halte ich für<br />
die richtige Mischung: <strong>Der</strong> Großbank<br />
geben wir europäische Regeln, und die<br />
Sparkasse lassen wir einfach im Dorf.<br />
FahrensCHON: Klingt gut, tatsächlich<br />
fangen Kommission und EZB schon an,<br />
die Rahmenbedingungen der Aufsicht<br />
auch für kleinere Institute zu definieren.<br />
Giegold: Als Berichterstatter im Europaparlament<br />
habe ich durchgesetzt, dass<br />
die Bankenaufsichtsbehörden rechtlich<br />
verpflichtet sind, kleine Banken anders<br />
zu behandeln als große. Das müssen wir<br />
nun kontrollieren.<br />
Das zweite große Thema der Bankenunion<br />
ist die Abwicklung insolventer<br />
Banken über einen europäischen Bankensicherungsfonds,<br />
in den alle Kreditinstitute<br />
einzahlen müssen, damit<br />
bei der nächsten Krise nicht wieder der<br />
Steuerzahler einspringen muss.<br />
FahrensCHON: Ich halte die Pläne für<br />
eine zentrale europäische Bankenabwicklung<br />
für grundfalsch. Das System<br />
ist so kompliziert, dass es nicht funktionieren<br />
kann. Die demokratische Gewaltenteilung<br />
wird ausgehöhlt, weil eine<br />
Behörde in Brüssel gravierende Entscheidungen<br />
treffen will, die Auswirkungen<br />
auf nationale Haushalte haben können.<br />
Und wir sehen auch nicht ein, dass Sparkassen<br />
und Volks- und Raiffeisenbanken<br />
„Die EU-<br />
Kommission<br />
reißt bei<br />
der Bankenregulierung<br />
Kompetenzen<br />
an sich, ohne<br />
über die<br />
notwendige<br />
demokratische<br />
Legitimation<br />
zu verfügen“<br />
Georg Fahrenschon, Präsident<br />
des Sparkassenverbands<br />
systemrelevanten Großbanken eine Art<br />
Versicherung finanzieren sollen, obwohl<br />
wir durch eigene Institutssicherungssysteme<br />
mögliche Schieflagen unserer Institute<br />
aus eigener Kraft auffangen können.<br />
Giegold: Aber im deutschen Bankenrettungsfonds<br />
sitzt doch auch jede Sparkasse<br />
mit der Deutschen Bank in einem<br />
Boot. Da gibt es eine Haftungsunion zwischen<br />
lokalen Banken und Investmentbanken.<br />
Wie vermitteln Sie das Ihren regionalen<br />
Kunden?<br />
FahrensCHON: Wir wollen doch beide,<br />
dass die Zockerei aufhört. Die Kreditwirtschaft<br />
soll wieder ihre ursprüngliche,<br />
dienende Rolle übernehmen und die Finanzierung<br />
der Realwirtschaft sicherstellen.<br />
Deshalb dürfen keine Anreize für<br />
die Großbanken geschaffen werden, mit<br />
einem solchen Fonds im Rücken weiter<br />
hohe Risiken eingehen zu können. Das<br />
fördert eine Trittbrettfahrermentalität.<br />
Giegold: Das wesentliche Ziel eines<br />
gemeinsamen Abwicklungssystems besteht<br />
darin, dass bei der nächsten Krise<br />
nicht erneut die Steuerzahler die Banken<br />
retten müssen. Wir kommen diesem<br />
Ziel keinen Schritt näher, wenn wir in<br />
der Eurozone 18 verschiedene Abwicklungsbehörden<br />
und -fonds haben, weil<br />
die einzelnen Fonds viel zu klein wären<br />
und im Krisenfall weiterhin der Steuerzahler<br />
haftete. Eine europäische Lösung<br />
ist am Ende auch billiger, weil ein solcher<br />
Fonds wie eine Versicherung unterschiedliche<br />
Risiken im Portfolio hat und<br />
mehr Erfahrungen beim Abwickeln von<br />
Banken sammeln kann als eine nationale<br />
Einrichtung.<br />
FahrensCHON: Es ist nicht billiger, wenn<br />
ständig nachgeschossen werden muss. In<br />
einer Marktwirtschaft dürfen die Risiken<br />
nicht in Europa sozialisiert werden. Wir<br />
übernehmen Eigenverantwortung und<br />
wollen unser Sicherungssystem nicht<br />
aufgeben.<br />
Giegold: Sollen Sie gar nicht. Sie wissen,<br />
dass ich ein großer Befürworter der<br />
Institutssicherung bin, und es ist auf Initiative<br />
des EU-Parlaments gelungen, sie<br />
in der europäischen Gesetzgebung zu<br />
verankern. Das Problem mit dem Trittbrettfahren<br />
muss man über die Höhe der<br />
Beiträge regeln. Die europäischen Universalbanken<br />
mit ihren großen Investmentbanking-Abteilungen<br />
müssen proportional<br />
natürlich viel mehr zahlen als<br />
die deutschen Sparkassen mit ihrer stabilisierend<br />
wirkenden Institutssicherung.<br />
Gehört zur Bankenunion dann nicht<br />
auch ein gemeinsamer europäischer<br />
Einlagensicherungsfonds?<br />
FahrensCHON: Nein, wir lehnen kategorisch<br />
ab, die für unsere Sparer angesparten<br />
Sicherungsmittel für internationale<br />
Großbanken einzusetzen. Selbst Anshu<br />
Jain, der Vorstandschef der Deutschen<br />
Bank, hat kürzlich gesagt, dass er kein<br />
Anhänger einer gemeinsamen Einlagensicherung<br />
ist.<br />
Giegold: Das sehe ich auch so. Allerdings<br />
braucht eine gemeinsame Währung<br />
überall stabile Einlagensicherungssysteme.<br />
Sonst flieht Kapital im Krisenfall<br />
in die sichersten Systeme und destabilisiert<br />
die Banken. <strong>Der</strong> beste Weg für den<br />
Binnenmarkt wäre, wenn die Sparkassen<br />
und Genossenschaftsbanken ihre Institutssicherungen<br />
mit ähnlichen Banken in<br />
anderen Mitgliedstaaten vernetzen würden,<br />
also eine Europäisierung des deutschen<br />
Dreisäulenmodells.<br />
Das Gespräch moderierte Til Knipper<br />
96<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
DAS GANZE SEHEN –<br />
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HISTORY<br />
Die neue Serie:<br />
Die großen Krisen der<br />
Weltwirtschaft
Kapital<br />
Analyse<br />
<strong>Der</strong> Sputnik-Schock<br />
der Europäer<br />
Von Andreas rInke<br />
Edward Snowdens Enthüllungen<br />
haben die Politik geschockt.<br />
Deutschland ist zur IT-Kolonie verkommen.<br />
Nun träumt Europa von der Aufholjagd<br />
98<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Illustration: Mario Wagner/2agenten<br />
Den „Whistleblower“-Preis hat<br />
Edward Snowden bereits erhalten.<br />
Aber eigentlich müsste das<br />
Bundeswirtschaftsministerium dem<br />
NSA-Überläufer auch noch den Förderpreis<br />
der deutschen IT-Industrie überreichen.<br />
Denn in den vergangenen Jahren<br />
hat kein Manager, kein Wissenschaftler<br />
und auch kein Politiker den deutschen<br />
und europäischen Anbietern in der Telekommunikations-<br />
und Informationsindustrie<br />
einen derartigen Impuls gegeben<br />
wie Snowden mit seinen Enthüllungen<br />
über die amerikanischen und britischen<br />
Geheimdienste.<br />
Doch die Freude in der Berliner Politik<br />
hält sich aus verschiedenen Gründen<br />
in Grenzen. Während der NSA-Skandal<br />
die Nachfrage nach deutscher Verschlüsselungssoftware<br />
unverhofft in die Höhe<br />
treibt, erlebt die deutsche Politik in doppelter<br />
Hinsicht einen Schock: Sie muss<br />
zum einen das Ausmaß der Datensammelwut<br />
der Amerikaner und Briten verdauen,<br />
gleichzeitig hat Edward Snowden<br />
mit seinen Enthüllungen den endgültigen<br />
Beweis dafür geliefert, dass Europa<br />
weder die Daten seiner Bürger wirksam<br />
schützen kann noch selbst über eine konkurrenzfähige<br />
IT-Industrie verfügt.<br />
Hardware, Software, Leitungen und<br />
Internetangebote kommen vor allem<br />
von Konzernen aus den USA – oder aus<br />
China. Auch die Infrastruktur des Internets<br />
wird von den USA aus dominiert, wo<br />
sich die Mehrzahl der wichtigsten Server<br />
befindet. Deutschland und die EU-Staaten<br />
sind bestenfalls digitale Kolonien.<br />
Was bisher aber häufig übersehen<br />
wird: Neben dem Spionagekrimi, dessen<br />
Hauptakteur er selbst ist, hat Edward<br />
Snowden mit seinen Enthüllungen<br />
auch den transatlantischen Wettbewerb<br />
um Marktanteile in der IT-Industrie neu<br />
entfacht. <strong>Der</strong> NSA-Skandal bietet Europa<br />
die wahrscheinlich letzte Chance, die Lücke<br />
zu den weit vorausgeeilten Amerikanern<br />
zu schließen.<br />
Insofern ähnelt die aktuelle Situation<br />
dem Sputnik-Schock in den USA<br />
1957, als es den Russen gelang, als erste<br />
Nation einen Satelliten ins Weltall zu<br />
schießen. Die Amerikaner waren konsterniert,<br />
aber dann setzten sie alles daran,<br />
in der Raumfahrt die Nummer eins<br />
zu werden und schickten schließlich den<br />
ersten Mann auf den Mond.<br />
Die Konstellation ist vergleichbar<br />
– Europa muss alles tun, um nicht<br />
endgültig in einem Rennen um strategische<br />
Technologien abgehängt zu werden.<br />
„Wir sind Gefangene der amerikanischen<br />
IT-Firmen. Es braucht diese Art<br />
von Skandal, um ein Bewusstsein dafür<br />
zu schaffen“, sagt Octave Klaba, Chef<br />
des französischen Konzerns OHV, der<br />
Cloud-Server anbietet, in denen Privatleute<br />
und Unternehmen ihre Daten online<br />
speichern können.<br />
Dabei hat es vorher nicht an Warnungen<br />
gefehlt: So trommelt die französische<br />
Regierung bereits seit 2011 dafür,<br />
dass wegen der strategischen Bedeutung<br />
des IT-Sektors eine europäische Gegenwehr<br />
nötig sei. Frankreich fördert den<br />
Aufbau einer eigenen Serverindustrie<br />
mit 200 Millionen Euro. Das ist zwar ein<br />
Klacks gegen die Milliarden investitionen<br />
von Internetriesen wie Microsoft, Amazon<br />
oder Google. Aber dank Snowden<br />
spürt auch die zuständige EU-Kommissarin<br />
Neelie Kroes Aufwind für ihre Pläne,<br />
mit Steuerzahlergeld die europäische<br />
IT-Branche zu fördern und eine eigene<br />
europäische Infrastruktur aufzubauen.<br />
In der Kommission wird nachgedacht,<br />
Milliarden aus den EU-Strukturfonds<br />
zur Verfolgung dieses Zieles umzuleiten.<br />
Die entscheidende Rolle bei der Aufholjagd<br />
müsste Deutschland spielen, das<br />
bisher vor allem deswegen zu den Bremsern<br />
gehört, weil man in Berlin industriepolitische<br />
Initiativen aus Paris traditionell<br />
mit Skepsis betrachtet.<br />
Ein Wandel der deutschen Position<br />
zeichnet sich aber ab. Schon bei der Eröffnung<br />
der Hannover-Messe im April<br />
hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel<br />
betont, Europa und vor allem Deutschland<br />
sollten sich mit der „Industrie 4.0“,<br />
also der Fusion von Produktion und IT-<br />
Welt, wieder eine weltweite Führungsposition<br />
erobern. <strong>Der</strong> Schock durch die<br />
NSA-Debatte liefert nun einen emotionalen<br />
Schub, um die notwendigen politischen<br />
Entscheidungen durchzusetzen.<br />
Gleichzeitig machen die Chefs der<br />
großen Industriekonzerne und die Mittelständler<br />
hinter den Kulissen Druck. Sie<br />
haben erkannt, dass ihre Unternehmen<br />
angesichts der fortschreitenden Vernetzung<br />
und Digitalisierung der Produktion<br />
zum Angriffsziel sowohl von Konkurrenten<br />
als auch von Geheimdiensten werden<br />
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können. Laut einer Umfrage des Bundesverbands<br />
der deutschen Industrie<br />
schätzen 76 Prozent der befragten deutschen<br />
Firmen ihre Betroffenheit von den<br />
NSA-Abhörmaßnahmen als „hoch“ oder<br />
sogar „sehr hoch“ ein.<br />
In den USA selbst ist die Debatte<br />
über die wirtschaftlichen Konsequenzen<br />
von Snowdens Enthüllungen in vollem<br />
Gange. Eine Studie der unabhängigen<br />
Denkfabrik Itif in Wa shington zeigt,<br />
dass die Dominanz der US-Riesen beim<br />
Ausbau der weltweiten Cloud-Kapazitäten<br />
gefährdet ist: Die Itif-Experten erwarten<br />
wegen des Vertrauensverlusts in<br />
den kommenden drei Jahren Umsatzeinbußen<br />
von 22 bis 35 Milliarden Dollar.<br />
Laut einer Umfrage des US-Verbands<br />
Cloud Security Alliance wollen nach den<br />
Snowden-Enthüllungen 56 Prozent der<br />
außerhalb der USA lebenden Befragten<br />
keine US-Clouds mehr nutzen.<br />
Genüsslich legte EU-Kommissarin<br />
Kroes kürzlich bei einem Branchentreffen<br />
in Tallinn den Finger in die Wunde:<br />
„Wenn europäische Cloud-Kunden der<br />
US-Regierung oder deren Beteuerungen<br />
nicht trauen können, werden sie vielleicht<br />
auch US-Cloud-Anbietern nicht<br />
mehr trauen.“ In anderen Worten: Die<br />
Neuverteilung der 22 bis 35 Milliarden<br />
Dollar Umsatz sollte deutsche und europäische<br />
Cloud-Firmen beflügeln, selbst<br />
in großem Maßstab in einen bereits verloren<br />
geglaubten Markt zu investieren.<br />
Eine seltsame, der bisherigen Globalisierung<br />
entgegenlaufende Rhetorik erhält<br />
Einzug: Französische Cloud-Anbieter<br />
wie der Telekommunikationskonzern<br />
SFR werben damit, dass französische Daten<br />
am sichersten in Frankreich gespeichert<br />
werden. Nun folgen die deutschen<br />
Konkurrenten mit entsprechenden Angeboten.<br />
Nach Umfragen wollen mehr als<br />
die Hälfte der deutschen Mittelständler<br />
ihre Daten tatsächlich nur noch in deutschen<br />
Rechenzentren ablegen – wenn sie<br />
überhaupt noch Clouds nutzen.<br />
Wie clever deutsche Firmen, geschickt<br />
mit nationalem Pathos untermalt,<br />
ihre neuen Geschäftschancen nutzen,<br />
zeigt sich auch in anderen Bereichen:<br />
So stellten die Firmen Deutsche Telekom<br />
und United Internet, die nach eigenen<br />
Angaben bereits über zwei Drittel<br />
des E-Mail-Verkehrs in Deutschland abwickeln,<br />
eine gemeinsame Initiative zur<br />
„Wenn die User<br />
der US‐Regierung<br />
nicht mehr<br />
vertrauen, werden<br />
sie auch den<br />
US‐Internetfirmen<br />
nicht mehr<br />
trauen“<br />
Neelie Kroes, eu-Kommissarin<br />
generellen Verschlüsselung der Mails und<br />
der Speicherung der Daten in deutschen<br />
Servern vor. Die versteckte, aber sehr<br />
erfolgreiche Botschaft: „Garantiert USfrei“,<br />
wer trotzdem noch US-Maildienste<br />
von Google, Microsoft oder Yahoo nutze,<br />
sei selbst schuld, wenn andere mitlesen.<br />
Innerhalb weniger Wochen verbuchten<br />
die beiden Anbieter neue Kunden in<br />
sechsstelliger Zahl in Deutschland.<br />
Schwachpunkt bleiben aber die Leitungsnetze,<br />
mit den von US-Unternehmen<br />
betriebenen Knotenpunkten. Deshalb<br />
rät Michael Hange, Präsident des<br />
Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnologie:<br />
„Die Datenverschlüsselung,<br />
die derzeit nur vereinzelt<br />
benutzt wird, muss zum Standard<br />
werden.“<br />
Das Start-up-Unternehmen Secomba<br />
in Augsburg hat in den vergangenen Monaten<br />
bereits einen unverhofften Ansturm<br />
auf sein Verschlüsselungssystem<br />
„BoxCryptor“ erlebt. „Viele Anfragen<br />
kommen dabei von ausländischen Kunden,<br />
weil sie an den deutschen Datenschutzstandard<br />
glauben“, sagt Geschäftsführerin<br />
Andrea Wittek. So wird der<br />
strenge deutsche Datenschutz auf ein<br />
Mal zu einem Wettbewerbsvorteil.<br />
Gleichzeitig wird in Berlin darüber<br />
nachgedacht, ob man erfolgreiche<br />
IT-Dienstleister wie Bechtle oder Cancom<br />
vor Übernahmen aus den USA<br />
oder China schützt. Dort haben die Regierungen<br />
schon längst die strategische<br />
Bedeutung des Sektors für die nationale<br />
Sicherheit erkannt, was zu massiven Produktionssubventionen<br />
und Protektionismus<br />
führt.<br />
Die schärfste Waffe Europas im<br />
Kampf gegen die US-Dominanz im<br />
IT-Sektor liegt aber in der Hand der<br />
EU-Kommission. <strong>Der</strong> neu vorgelegte Entwurf<br />
einer EU-Datenschutzverordnung<br />
könnte die großen US-Internetkonzerne<br />
vor Probleme stellen. Die Kommission<br />
will das Marktort-Prinzip einführen: Ist<br />
ein Konzern wie Google in der EU aktiv,<br />
muss er sich danach auf jeden Fall<br />
an EU-Recht halten und darf die Daten<br />
von Europäern nicht einfach herausgeben.<br />
Damit Briten und Iren nicht wie bisher<br />
straffere Datenschutzstandards anderer<br />
Mitgliedsländer wie Deutschland<br />
unterlaufen können, soll die Richtlinie<br />
in eine Verordnung umgewandelt werden.<br />
Die nationalen Regierungen hätten<br />
dann keinen Interpretationsspielraum<br />
mehr. Außerdem sieht der Entwurf vor,<br />
dass US-Firmen mitteilen müssen, wenn<br />
sie Daten europäischer Kunden an amerikanische<br />
Geheimdienste aushändigen.<br />
Einerseits droht den US-Konzernen<br />
nun, zwischen den sich widersprechenden<br />
Rechtsordnungen zerrieben zu<br />
werden. Andererseits ziehen Firmen wie<br />
Google und Facebook hier mit den Europäern<br />
an einem Strang, weil ihr gesamtes<br />
Geschäftsmodell darauf beruht, die Daten<br />
ihrer User zu sammeln, auszuwerten,<br />
Profile zu erstellen und zu verkaufen. Um<br />
das Vertrauen ihrer Kunden zurückzuerobern,<br />
verlangen die US-Konzerne von<br />
der Regierung in Wa shington, das Ausmaß<br />
der Datenabschöpfung und die geheimen<br />
Verfahren zur Anforderung von<br />
Datenprofilen transparent zu machen.<br />
Je länger der transatlantische Streit<br />
anhält, desto größer ist die Chance, dass<br />
am Ende die europäischen Internetnutzer<br />
und die deutschen IT-Sicherheitsdienstleister<br />
als Gewinner aus der NSA-Affäre<br />
hervorgehen. Dazu passt dann auch die<br />
Forderung von BSI-Präsident Hange:<br />
„Die Wirtschaft muss künftig verstärkt<br />
auf Sicherheitstechnologie ‚Made in Germany‘<br />
setzen.“<br />
So könnte die NSA-Debatte dazu<br />
führen, dass sich deutsche Unternehmen<br />
auch besser gegen die steigende<br />
Anzahl von Cyber-Attacken aus China,<br />
Russland und Iran schützen – eine Art<br />
„Kollateral-Nutzen“.<br />
Andreas rInke ist politischer<br />
Chefkorrespondent bei Reuters in Berlin<br />
100<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Stil<br />
101 – 112<br />
„Wir tragen Schwarz.<br />
Schwarz wie der<br />
dunkle Zuschauerraum.<br />
Und wir schauen raus,<br />
in die leuchtende<br />
zweite Welt, in diese<br />
wunderbare Traumwelt<br />
des Theaters“<br />
Claus Peymann, Intendant und künstlerischer Leiter des Berliner Ensembles, erklärt<br />
in „Warum ich trage, was ich trage“ sein schwarzes Königreich, Seite 112
Stil<br />
Porträt<br />
DER MANN UND DER MASSANZug<br />
Nathaniel Adams hat ein Buch über Dandys verfasst. Seit Jahren erforscht er den<br />
verfeinerten Auftritt und findet, dass gute Kleidung auch eine Frage der Höflichkeit ist<br />
Von Lena Bergmann<br />
Dem Dandy haftet ein komischer<br />
Ruf an, das weiß auch Nathaniel<br />
Adams. „Viele denken, dass einer,<br />
der dandyhaft aussieht, also besonders<br />
adrett gekleidet ist, automatisch schwul<br />
oder affektiert ist. Oder altbacken. Kein<br />
richtiger Kerl also.“<br />
Doch Adams weiß ebenso, und<br />
zwar durch jahrelanges Forschen, dass<br />
ein Kleidungsstil, der durch Maßanzüge,<br />
Einstecktücher, Manschettenknöpfe und<br />
Socken mit Seidenanteil geprägt ist, weder<br />
ein Anachronismus noch etwas für<br />
Memmen sein muss. Wie seine Studienobjekte<br />
schenkt auch er selbst – heterosexuell<br />
und in seiner Junggesellenbude mit<br />
vielen Büchern, Anzügen und Flaschen<br />
nicht besonders ordentlich – seiner Garderobe<br />
viel Aufmerksamkeit. Trotzdem,<br />
sagt er, habe er noch keinen hohen Grad<br />
der Perfektion erreicht, was seinen Auftritt<br />
betrifft.<br />
Das ist natürlich relativ. Im Bildband<br />
„I am Dandy“, der gerade im Gestalten-Verlag<br />
erschien, hat der Journalist<br />
exquisit gekleidete Herren versammelt.<br />
Markante Persönlichkeiten, oft beruflich<br />
sehr erfolgreich, für die der Krawattenknoten<br />
oder die Fliege, aber auch Weste,<br />
Manschettenknöpfe und Kopfbekleidung<br />
zur Morgenroutine gehören wie das Zähneputzen<br />
und das Urinieren. Was gibt’s<br />
da schon groß zu berichten? Fragen sich<br />
viele dieser Männer in jenem naiven<br />
Ton, den die Selbstverständlichkeit oft<br />
mit sich bringt.<br />
Sehr viel, findet hingegen Adams. Er<br />
hat sie besucht und nach ihren Ritualen<br />
und Motiven befragt. Zum Beispiel Edward<br />
Hayes, laut Adams New Yorks bestgekleideter<br />
Anwalt, der in den Achtzigern<br />
als Staatsanwalt in der Bronx für<br />
Mordfälle zuständig war und auch heute<br />
noch das Gegenteil von einem Softie darstellt.<br />
Hayes, der als Kind von seinem<br />
Unterklasse-Vater verprügelt und aus<br />
Schikane zum Schuheputzen gezwungen<br />
worden war, schwor sich damals, dass er<br />
eines Tages die besten fucking Schuhe<br />
auf Erden tragen würde. In seinen rahmengenähten<br />
Pferdeledermodellen war<br />
Hayes für den Autor Tom Wolfe dann<br />
auch Vorbild für den Anwalt in „Fegefeuer<br />
der Eitelkeiten“.<br />
Auch Wolfe traf Nathaniel Adams<br />
einmal, doch leider hat sein „höchstes<br />
Vorbild“, was Mode und das Schreiben<br />
betrifft, es nicht in sein Buch geschafft.<br />
Dafür jedoch der legendäre Journalist<br />
Gay Talese, den er während eines Gastauftritts<br />
an der journalistischen Fakultät<br />
der Columbia University kennenlernte.<br />
Adams hörte sich Taleses Ausführungen<br />
darüber an, dass es essenziell sei, sich<br />
für den Job gut zu kleiden. Eine Frage<br />
der Höflichkeit. Man solle sich gefälligst<br />
nicht nur für Beerdigungen oder Hochzeiten<br />
zurechtmachen, sondern auch für<br />
die Arbeit. Und dann wurde Nathaniel<br />
Adams eine besondere Ehre zuteil: Talese<br />
streckte den Zeigefinger auf den<br />
einzigen Studenten im Raum, der Anzug<br />
und Krawatte trug, und sagte: „Er<br />
hat es verstanden.“<br />
Was Mode betrifft, hat Adams tatsächlich<br />
einiges verstanden. Er klingt,<br />
als hätte er eine Enzyklopädie der Männerbekleidung<br />
in der einen Innentasche<br />
seines maßgeschneiderten Anzugs – und<br />
eine kulturhistorische Erörterung der Lebensgewohnheiten<br />
in der anderen.<br />
<strong>Der</strong> 29-Jährige wuchs in New York<br />
auf, als Sohn einer gebürtigen Inderin<br />
und eines Amerikaners. Seine Mutter<br />
unterrichtet an der New York University<br />
Literatur, sein Vater ist Psychoanalytiker.<br />
Beide haben ihn mit ihrem eher<br />
gemütlichen Stil nicht zu seiner verfeinerten<br />
Garderobe inspiriert. Doch schon<br />
im College widmete er sich dem Thema<br />
Dandytum wissenschaftlich. Schließlich<br />
gewann er als Student der Columbia für<br />
ein Buch-Exposé über Dandys ein Stipendium.<br />
Das ermöglichte es ihm, das<br />
Phänomen zu erforschen. Er begab sich<br />
zunächst nach London, wo er die Archive<br />
des ältesten Herrenausstatters der<br />
Savile Row, Meyer & Mortimer studierte.<br />
„Als Erstes wurden dort Uniformen genäht<br />
– ich fand Skizzen für Ausstattungen,<br />
die Soldaten für Waterloo bestellt<br />
hatten.“ Er reiste nach Frankreich und<br />
Italien und schließlich bis in den Kongo<br />
und nach Südafrika, um Kleidungsrituale<br />
zu untersuchen. Sein Vater hatte Angst,<br />
dass ihm etwas zustoßen würde, wenn<br />
er an solchen Orten im Anzug aufkreuzen<br />
würde.<br />
Seinen ersten maßgeschneiderten<br />
Anzug kaufte Adams aus zweiter Hand,<br />
in einem Laden im New Yorker West Village.<br />
Ein Mann aus der Nachbarschaft<br />
mit exakt seinen Maßen war gestorben,<br />
und immer, wenn es sich Adams leisten<br />
konnte, erstand er ein weiteres Stück<br />
aus dessen Garderobe. Er wundere sich<br />
heute oft, warum so viele Menschen die<br />
ästhetisch fragwürdige Bequemisierung<br />
der Kleiderschränke mitgemacht haben.<br />
„<strong>Der</strong> Jogginganzug steht für mich für<br />
den absoluten Untergang“, sagt Adams.<br />
Sein Äußeres hat mit einem Jogginganzug<br />
so wenig gemein wie ein Plastikstuhl<br />
mit einem Regency-Sofa. <strong>Der</strong> Dolchstoß<br />
für den gepflegten Auftritt sei die Hippie-Bewegung<br />
gewesen, „danach haben<br />
die Menschen nie wieder in ordentliche<br />
Kleidung zurückgefunden. <strong>Der</strong> neue<br />
Freiheitsdrang hatte damals natürlich<br />
politische und sexuelle Motive – aber<br />
er hatte fatale Auswirkungen auf die<br />
Garderobe.“<br />
lENA Bergmann leitet das<br />
Ressort Stil von <strong>Cicero</strong><br />
Foto: Rose Callahan/The Dandy Portraits<br />
102<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Stil<br />
Hausbesuch<br />
Allürenfreie<br />
zone<br />
Von<br />
Ralf Eibl<br />
Fotos: Wolfgang Stahr<br />
Die Stararchitektin Annabelle Selldorf schafft es,<br />
sogar eine Recyclinganlage ästhetisch aussehen zu<br />
lassen: Markant, minimalistisch, klar. So hat sie auch<br />
ihre Wohnung gestaltet. Ein Besuch in Manhattan<br />
105<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Stil<br />
Hausbesuch<br />
Sie selbst würde es niemals so sagen,<br />
aber Annabelle Selldorf ist bereits<br />
zu Lebzeiten eine deutsche Architektur-Ikone.<br />
Seit Jahren schon überzeugt<br />
sie in Manhattan, dieser stets<br />
rasanten wie manchmal auch oberflächlichen<br />
Metropole, mit ästhetischer Klarheit.<br />
Ihre Entwürfe sind frei von Allüren.<br />
„Ich will hoffen, dass die Reise noch<br />
lange nicht zu Ende ist“, sagt die aus Köln<br />
stammende Architektin mit einem knappen<br />
Lächeln.<br />
Gerade hat sie an den Ufern Brooklyns<br />
die größte städtische Recyclinganlage<br />
der Vereinigten Staaten fertiggestellt.<br />
Metall, Plastik und Glas werden<br />
von nun an in einem markant-futuristischen<br />
Gebäude verarbeitet. Alles, was<br />
die New Yorker in ihren fünf Stadtteilen<br />
wegwerfen, landet dort. Die Anlage<br />
funktioniert mit ihren Verarbeitungsbahnen<br />
wie ein riesiges Sortier- und Schauwerk.<br />
Das gesammelte Material wird<br />
angeliefert – hauptsächlich in Kähnen –,<br />
sortiert, verarbeitet und weiterversandt.<br />
Besuchergruppen kommen an, beobachten<br />
die Arbeiten über einen Glaskorridor<br />
und können ihre Erkenntnisse in Seminarräumen<br />
vertiefen.<br />
Annabelle Selldorf hat es geschafft,<br />
Recycling und Ästhetik zu verbinden.<br />
„Das neue Terminal in Brooklyn ist aber<br />
schön geworden, wo geht’s denn jetzt<br />
zum Abflugschalter?“, könnte sich der<br />
Betrachter der Recyclinganlage fragen.<br />
Sofa und Sessel entwarf Selldorf<br />
für ihre Einrichtungslinie Vica,<br />
benannt nach der<br />
Kölner Einrichtungsfirma<br />
ihrer Großmutter<br />
Einen klaren architektonischen Ton<br />
in diese Art von Infrastrukturprojekt zu<br />
bringen, ist schon eine Leistung: „Diese<br />
Feinarbeit hat mir große Freude bereitet“,<br />
sagt sie.<br />
Selldorf gestaltete bislang vor allem<br />
unzählige Galerien und Museen für Auftraggeber<br />
aus der Kunstwelt. Dazu gehören<br />
Ronald Lauders Neue Galerie, ein<br />
Museum für deutsche und österreichische<br />
Kunst wie Design an der Fifth Avenue<br />
oder auch die Ausstellungsräume der Galeristen<br />
Michael Werner, Hauser & Wirth<br />
oder David Zwirner. Die amerikanische<br />
Fachzeitschrift Art+Auction hat<br />
Fotos: Wolfgang Stahr<br />
106<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Annabelle Selldorf in den Kreis der hundert<br />
einflussreichsten Persönlichkeiten<br />
der Kunstwelt eingereiht. Ihre Galerie<br />
für David Zwirner, der wie sie ursprünglich<br />
aus Köln stammt, ist eine der<br />
schönsten Betonfassaden New Yorks geworden.<br />
Beton ist für jeden Architekten<br />
ein magisches Material, weil er grenzenlose<br />
Formenfreiheit zulässt. Selldorf hat<br />
es jedoch nicht nötig, mit Extravaganz<br />
zu beeindrucken.<br />
In Zwirners neuer Galerie an der<br />
20. Straße geht es vor allem darum, die<br />
Kunst ins rechte Licht zu setzen und nicht<br />
die Hülle, die sie umgibt. Riesige Oberlichter<br />
lenken Tageslicht genau dorthin,<br />
wo es in der Galerie gebraucht wird.<br />
„Meine Arbeit hat wenig mit Stil zu<br />
tun. Architektur und Stil sind zwei unterschiedliche<br />
Dinge. Ich versuche, die<br />
Dinge mit Rationalität und Klarheit anzugehen.<br />
Im Grunde bilde ich Porträts<br />
ab.“ Es sind Bildnisse der Charaktere und<br />
Wünsche ihrer Kunden. „Wenn ich für<br />
Sie ein Haus bauen würde, wollte ich erst<br />
mal sehr viel über Sie wissen. Dass das<br />
Ergebnis hinterher meine Handschrift<br />
trägt, ist auch klar.“<br />
Wer also mehr über Annabelle<br />
Selldorfs eigenes ästhetisches Selbstporträt<br />
wissen will, der muss in ihre Wohnung<br />
vordringen. Und da ist bereits die<br />
Adresse im Greenwich Village nahe dem<br />
Washington-Square-Park ein New Yorker<br />
Klassiker: One Fifth Avenue. Die Nummer<br />
eins im Süden der berühmtesten<br />
Straße der Stadt. Das Art-Déco-Hochhaus<br />
mit einem Portier im Empfangsbereich,<br />
der eine naturgegebene Autorität<br />
ausstrahlt, dass man gar nicht daran denken<br />
würde, sich an ihm vorbeizuschleichen.<br />
Hier wohnt man nicht einfach –<br />
Mitglied dieser Hausgemeinschaft zu<br />
sein, heißt zum Inventar der Stadt zu<br />
gehören.<br />
Die 160 Quadratmeter, auf denen<br />
Selldorf lebt, sind die Antithese zu dem<br />
Loft in Soho am Anfang ihrer Karriere<br />
in New York. „Zu dieser Zeit war nichts<br />
drin außer einem Tisch und einem Futon.“<br />
Damals hat Selldorf mit der Renovierung<br />
einer kleinen Küche ihre Laufbahn<br />
begonnen.<br />
Inzwischen hat sich auch ihre Wohnung<br />
mit Artefakten aus der eigenen<br />
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Stil<br />
Hausbesuch<br />
Fotos: Wolfgang Stahr<br />
Vita befüllt. Jedem Besucher fällt zunächst<br />
der Streifencode ins Auge, denn<br />
Selldorf hat in der ganzen Wohnung am<br />
Boden 30 Zentimeter breite Marmorstreifen<br />
verlegen lassen. „Die Handwerker<br />
haben mich verflucht, weil es<br />
unglaublich schwer war, die Streifen anzupassen.“<br />
Am Marmor wie am Beton<br />
schätzt sie die Ruhe in der Farbigkeit.<br />
Umso mehr wirken auf den Steinplanken<br />
die Vintage-Möbel ihrer Eltern und<br />
die Antiquitäten aus Fernost. „Auf die<br />
chinesischen Hartholz-Möbel geht doch<br />
alles zurück: Die Klarheit, die Funktionalität<br />
und die Qualität des Handwerks<br />
Auf das Rad könnte die<br />
gebürtige Kölnerin nicht<br />
verzichten: Seit Jahren fährt<br />
sie damit zu ihrem Büro am<br />
Union Square<br />
faszinieren mich“, sagt Selldorf und bemerkt,<br />
dass ein Bild nicht gerade hängt.<br />
Schnell rückt sie es wieder ins Lot. Sie<br />
achtet auf Details.<br />
Im Zentrum des Essbereichs stehen<br />
die Stahlrahmen-Stühle, die ihre Mutter<br />
Dorrit Selldorf entworfen hatte. <strong>Der</strong><br />
Glastisch mit einem an ein italienisches<br />
Design erinnernden Holzgestell wiederum<br />
ist von ihrem Vater, dem Architekten<br />
Herbert Selldorf. Es sind nicht die<br />
einzigen Familienmöbel in dem Apartment:<br />
„Meine Eltern haben oft zusammengearbeitet,<br />
ich lasse einige ihrer Entwürfe<br />
jetzt wieder herstellen.“<br />
Selldorf vertreibt diese wie auch ihre<br />
eigenen Designs über die Möbellinie Vica,<br />
benannt nach der Kölner Einrichtungsfirma<br />
ihrer Großmutter. Ihre Eltern sind<br />
beide verstorben, aber eine schönere<br />
Hommage hätten sie sich womöglich<br />
nicht vorstellen können. „Meine Mutter<br />
hatte unglaublich guten Geschmack. Sie<br />
hatte Stil. Nur was macht Stil heute aus?<br />
Stil wird zu oft als Extravaganz missverstanden,<br />
mehr als alles andere geht<br />
es doch um Persönlichkeit.“<br />
Ralf Eibl schreibt als freier Autor<br />
über Wohn- und Reisethemen. Diesen<br />
Monat erscheint im Callwey-Verlag<br />
sein Buch „Stilikonen unserer Zeit“, aus<br />
dem wir diese Geschichte vorabdrucken.<br />
Er interviewte dafür 20 stilprägende<br />
Frauen in ihrem Zuhause<br />
108<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Es ist Zeit,<br />
mal wieder<br />
über Gott<br />
und die Welt<br />
zu reden.
Stil<br />
Interview<br />
„irgendwann WERDEN<br />
wir BREit UND Eckig“<br />
Die Modejournalistin Melissa Drier über die<br />
Herausforderung, modisch würdevoll zu altern<br />
Frau Drier, als Sie erfahren haben, worum<br />
es in unserem Interview gehen soll,<br />
sagten Sie: „Das ist ein heikles Thema.“<br />
Auf die Veränderungen, die sich mit<br />
dem Älterwerden einstellen, ist keine<br />
Frau vorbereitet. Wir wissen, irgendwann<br />
wird unsere Taille verschwinden,<br />
irgendwann werden wir breit und eckig.<br />
Männer dagegen schrumpfen eher und<br />
fallen in sich zusammen. Für mich funktioniert<br />
es momentan noch. Ich mag<br />
60 sein, aber ich fühle mich immer noch<br />
wie ein Kind! Und doch gibt es immer<br />
wieder Zeiten, in denen ich über Jahre<br />
hinweg keine Hosen kaufen kann, weil<br />
Entspannt und ärmellos. Melissa<br />
Drier, Berlin-Korrespondentin der<br />
angesehenen Modezeitschrift<br />
„Women’s Wear Daily“, in ihrer<br />
Wohnung in Berlin-Charlottenburg<br />
nichts, was angeboten wird, meiner Silhouette<br />
entspricht. Ich bin wirklich gespannt,<br />
was ich machen werde, wenn ich<br />
alt und knochig bin. Früher gab es einen<br />
fast verbindlichen Look für Leute,<br />
die älter wurden. Irgendwie schwarz und<br />
unauffällig – der Witwenstil. Seit alle<br />
Schwarz tragen, funktioniert das nicht<br />
mehr. Heute tragen Kids den Look der<br />
60-Jährigen und andersherum. Ich finde<br />
das blödsinnig, erwarte aber auch nicht,<br />
dass sich das so schnell wieder ändert.<br />
Ihr Landsmann, der amerikanische Designer<br />
Michael Kors, findet das super.<br />
Foto: Mary Scherpe<br />
110<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Neulich sagte er, dass es altersgemäße<br />
Garderobe nicht mehr gäbe, und heute<br />
alle mehr oder weniger aussähen, als<br />
wären sie 30 Jahre alt.<br />
Das Problem ist, dass sich die<br />
Schnitte überall gleichen und nicht zu<br />
den Körpern der meisten Frauen passen.<br />
Junge Mädchen sind die einzigen, die in<br />
der aktuellen Mode gut aussehen. Die allgemeine<br />
Entwicklung hilft älteren Frauen<br />
wirklich nicht. Niemand scheint sich dafür<br />
zu interessieren, was sie brauchen und<br />
wollen. Großzügigere Schnitte, Ärmel,<br />
ein bisschen hochgeschlossener – das machen<br />
nur wenige Labels. Also geben die<br />
Frauen irgendwann auf und kaufen nur<br />
noch Hosen mit elastischem Bund. Dasselbe<br />
gilt für ihre Haare. Nie im Leben<br />
werde ich mir so einen schrecklichen Herrenhaarschnitt<br />
zulegen! Manche Frauen<br />
fangen das schon mit 40 an und signalisieren<br />
damit, dass es sie nicht mehr interessiert,<br />
wie sie aussehen. Anders ist es natürlich,<br />
wenn man eine radikale Lesbe ist<br />
und diesen Schnitt wirklich liebt.<br />
Warum spielen Frauen ab einem gewissen<br />
Alter überhaupt gar keine Rolle<br />
mehr in der Mode? Warum gibt es für<br />
sie nur noch „Kleidung“?<br />
Es ist nicht sexy, für diese Leute zu<br />
entwerfen. Das ist sehr kurzsichtig, sowohl<br />
von der Industrie als auch von den<br />
Einzelhändlern. Denn leider ist auch die<br />
Zeit von Spezialgeschäften vorbei. Früher<br />
gab es so etwas, aber heute konzentrieren<br />
sich alle auf die gleiche kleine<br />
Zielgruppe.<br />
Da teilen ältere Frauen das Schicksal<br />
von Übergewichtigen. <strong>Der</strong> Bedarf ist<br />
eindeutig da, nur in Sachen Angebot<br />
herrscht ein eklatanter Mangel. Die<br />
Schönheitsindustrie hingegen wirft<br />
ständig neue Produkte für die alternde<br />
Frau auf den Markt.<br />
Kein Designer scheint sich für die<br />
realistischen Körperformen seiner Kundinnen<br />
zu interessieren. Harper’s Bazaar<br />
brachte vor kurzem diese Geschichte,<br />
„Look Fabulous in Every Age“. Bemerkenswert<br />
ist, dass sie auch Frauen in ihren<br />
Sechzigern und Siebzigern zeigen.<br />
Jane Fonda, Jerry Hall – beide überragen<br />
mich um einen halben Meter! Was<br />
soll ich mit diesen Outfits? Ich kann das<br />
nicht tragen. Aber wer weiß, vielleicht<br />
sehen wir demnächst 70-Jährige in knöchelhohen<br />
Hightop-Sneakers von Martin<br />
Margiela? Ich fände das gut.<br />
Gibt es in Deutschland Ihrer Meinung<br />
nach trotzdem Frauen, die sich gut<br />
kleiden?<br />
Ich finde zum Beispiel, dass Christiane<br />
Arp super aussieht, die Chefredakteurin<br />
der deutschen Vogue. Im<br />
Fernsehen sieht man jedenfalls fast nie<br />
irgendwelche vernünftig gekleideten<br />
Frauen. Nur Don’ts, keine Dos. Woher<br />
sollen die Leute also auf gute Ideen<br />
kommen?<br />
Was wäre so ein Don’t?<br />
Goldschmuck und Pelz machen alt.<br />
Und natürlich ein zu dunkler Teint. Konturenstift<br />
für die Lippen – oh Schreck!<br />
Was sagen Sie zu Angela Merkel?<br />
Zunächst einmal muss man sagen,<br />
dass sie in Realität viel besser aussieht<br />
als auf Fotos oder im Fernsehen. Grundsätzlich<br />
würde ich nichts an ihrem Stil ändern,<br />
ganz sicher würde ich nicht versuchen,<br />
sie „femininer“ aussehen zu lassen.<br />
Das würde schnell in Richtung Transvestit<br />
gehen. Ich würde nur an der Qualität<br />
ihrer Outfits feilen und versuchen, ihr<br />
diese melonenfarbenen Jacketts auszureden,<br />
die allerdings auch schon besser<br />
aussähen, wenn sie aus hochwertigerem<br />
Material gefertigt und besser geschnitten<br />
wären. Schöne Schuhe und, angesichts<br />
des jüngsten Erfolgs ihrer Halskette,<br />
etwas feiner Schmuck – das ist es,<br />
was ich unter Powerdressing verstehe.<br />
Ursula von der Leyen sieht auch gut aus.<br />
Warum? Weil sie Persönlichkeit besitzt.<br />
Das bewirkt Wunder. Es gibt Frauen, die<br />
sich nur für Männer kleiden. Ich war immer<br />
ein man repeller und habe Gott sei<br />
Dank stets Männer gefunden, die das lustig<br />
fanden.<br />
Ist das vielleicht Teil des Problems? Wissen<br />
diese Frauen, die sich nur für Männer<br />
kleiden, ab einem bestimmten Alter<br />
nicht mehr, was sie anziehen sollen und<br />
warum überhaupt?<br />
Wenn das der einzige Sinn ist, dann<br />
geht der irgendwann verloren. Ich wollte<br />
immer interessant aussehen, viel lieber<br />
als hübsch. Wann hat das überhaupt<br />
angefangen, dass alle immer sexy sein<br />
wollten? Für mich ist das nichts weiter als<br />
vulgär. Ein anderes Problem stellt ganz<br />
sicher der Moment dar, in dem man aus<br />
der Arbeitswelt ausscheidet. Wenn man<br />
sich nicht gut kleiden muss, tut man es<br />
nicht – außer es ist Teil der Persönlichkeit.<br />
Das gilt für junge Leute ganz genauso.<br />
Geht es Frauen in Italien oder Frankreich<br />
genauso wie hierzulande?<br />
In Paris, etwa im 16. Arrondissement,<br />
gibt es viele Frauen, die einen sehr klassischen<br />
Stil pflegen. Ich finde den ein wenig<br />
langweilig, aber sie sehen ziemlich<br />
gut damit aus.<br />
Dann ist es ein kulturelles Problem?<br />
Na ja, Paris ist auch nicht Frankreich.<br />
Aber auch in Deutschland kann man nun<br />
mal nichts kaufen, was nicht angeboten<br />
wird. Es ist eine Tragödie, dass heute<br />
alle nur Schrott haben – davon aber sehr<br />
viel. Es gibt einfach keine guten Kleider<br />
mehr! Es gibt von Generation zu Generation<br />
weniger Leute, die mit wirklich<br />
guten Stoffen und Schnitten aufgewachsen<br />
sind und die Missoni von Armani unterscheiden<br />
können. Früher haben Leute<br />
viel weniger angeschafft, sie tragen diese<br />
Sachen aber bis heute. Manchmal, wenn<br />
ich eine Dame in einem tollen Sechziger-Jahre-Mantel<br />
oder einer guten Handtasche<br />
auf der Straße sehe, spreche ich sie<br />
darauf an. Vielleicht bin ich reaktionär,<br />
aber ich finde, wir sehen insgesamt alle<br />
nicht viel besser aus als noch früher. Das<br />
Straßenbild deprimiert mich.<br />
Wie lautet Ihr Rat?<br />
Zwanghaft jung aussehen zu wollen,<br />
ist immer falsch. Die Leute sollten in<br />
Qualität investieren. Wenn du jung bist,<br />
kannst du auch Sachen tragen, die nicht<br />
so gut gemacht sind. Später geht das nicht<br />
mehr. Jeder sollte sich seiner Persönlichkeit<br />
entsprechend kleiden, das macht lebendig<br />
und attraktiv. Ich trage auch Sachen,<br />
die sicherlich fürchterlich an mir<br />
aussehen, die ich aber nun mal liebe –<br />
Baggy-Pants zum Beispiel. In der Mode<br />
geht es um Spaß. Die Leute sollten ihren<br />
Stil kennen und daraus die Konsequenzen<br />
ziehen. Und: Jeder sollte die Freiheit<br />
haben, seinen schlechten Geschmack<br />
auszuleben.<br />
Das Gespräch führte Anne Waak<br />
111<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Stil<br />
Kleiderordnung<br />
Foto: Thomas Kierok für <strong>Cicero</strong><br />
CLAus PEYMANN<br />
Ich habe es nicht schwer. Ich trage ja<br />
ohnehin nur Schwarz. Wahrscheinlich<br />
ist es so, dass dieses Schwarz, was<br />
viele Theaterleute tragen, nicht und keineswegs<br />
der Ausdruck einer depressiven<br />
oder resignativen oder gar trauernden<br />
Grundhaltung wäre, sondern der Ausdruck<br />
des Komplementärs. Das heißt, die<br />
Farben, die überlassen wir den Schauspielern.<br />
Die Farben, das ist die Bühne.<br />
Die Farben, das ist die Vorstellung, die<br />
Verrücktheit, das sind die Clowns in der<br />
Szene.<br />
Und wir selber, wir Schwarzen, wir<br />
verschwinden. Die Schauspieler fragen<br />
bei der Premiere: „Und wann kommen<br />
die Schwarzen?“ Die Schwarzen, das ist<br />
dann der Kapellmeister, der Regisseur,<br />
das sind die vom Bühnenbild, das ist die<br />
Kostümbildnerin. Bei der Kostümbildnerin,<br />
da schleicht sich auch mal ein kurzer<br />
Rock ein, aber das ist auch schon das<br />
Äußerste, was wir wagen. Das Schwarz<br />
ist so schwarz wie der verdunkelte Zuschauerraum,<br />
in dem wir sitzen. Und wir<br />
schauen raus, in die leuchtende zweite<br />
Welt, in diese wunderbare Traumwelt<br />
des Theaters, da sind dann die wirklich<br />
schrillen und wahnsinnigen Farben, die<br />
kurzen Röcke, die geilen Schuhe, die heißen<br />
Dekolletés.<br />
Es gibt auch Theater, die unten bunt<br />
sind und auf der Bühne schwarz. Ich habe<br />
es lieber umgekehrt. Also nicht die Papageien<br />
im Parkett, die eitlen, sich zur<br />
Schau stellenden Veranstalter. Ich glaube,<br />
so ist es richtig. Und das hat bei mir auch<br />
eine Entsprechung, wie ich lebe. In meinem<br />
Haus ist auch nichts. Kahle Wände,<br />
sodass Platz ist für Träume, für Fantasien,<br />
für Bühnenfiguren, für Konzepte,<br />
für Szenen. Manchmal bevölkert sich<br />
dann dieses leere Haus mit Bühnenfiguren,<br />
an denen ich gerade arbeite.<br />
Claus Peymann, 76, ist seit<br />
1999 Intendant und<br />
künstlerischer Leiter des<br />
Berliner Ensembles<br />
Wenn wir neue Leute engagieren,<br />
kommen die noch so ganz hoffnungsvoll<br />
bunt. Langsam werden die dann eingeschwärzt,<br />
langsam sind wir dann alle<br />
schwarz. Es ist aber nicht angeordnet,<br />
sondern eine Geisteshaltung. Schwarz<br />
lässt so viel zu. Wir haben die wunderschönsten<br />
Frauen im Haus, die haben<br />
schwarze Kleider, dass einem der Atem<br />
wegbleibt. Schwarz ist die schönste Farbe,<br />
weil sie so viel zulässt. Mir gefällt das<br />
schwarze Königreich am BE.<br />
Meine komplette Kleidung kaufe<br />
ich bei Thomas I <strong>Punk</strong>t am Hamburger<br />
Gänsemarkt. Ein relativ kleiner Laden,<br />
da habe ich das gefunden, womit<br />
ich gut auskomme, interessanterweise ist<br />
das auch der Laden, wo Elfriede Jelinek<br />
oder Kirsten Dene gelegentlich einkaufen.<br />
Da kaufe ich schwarze Sakkos und<br />
schwarze Hosen. Dazu trage ich T-Shirts,<br />
eigentlich durchgehend, die sind meine<br />
zweite Haut. Ich bin ein absoluter Krawattengegner.<br />
Ich denke dann, ich werde<br />
erwürgt. Manchmal binde ich mir eine<br />
um, wenn ich denke, ich muss, doch die<br />
verschwindet dann spätestens beim ersten<br />
Toilettengang.<br />
Aufgezeichnet von Lena Bergmann<br />
112<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Salon<br />
113–137<br />
„ Kein Mensch kann<br />
ohne etwas leben,<br />
das er bejahen kann “<br />
<strong>Der</strong> Philosoph Wilhelm Schmid erklärt im Bibliotheksporträt auf Seite 128<br />
seine Lebenskunst und warum Sinn wichtiger ist als Glück
Salon<br />
Porträt<br />
die Stille NACH DEM biss<br />
Hörspielregisseur Klaus Buhlert ist der Beste seiner Zunft. Jetzt hat er Elias Canettis<br />
„Die Blendung“ inszeniert – mit eigener Musik und Klangwelten von Peking bis Wien<br />
Von florian WElle<br />
Klaus Buhlert, groß, schlank, grau<br />
meliertes Haar, sitzt im Studio 10<br />
des Bayerischen Rundfunks. Er<br />
lauscht konzentriert, welche Sprechhaltungen<br />
ihm Manfred Zapatka anbietet,<br />
und kommentiert: „Das Absurde<br />
kannst du noch steigern.“ „Mehr Atem,<br />
aber die Haltung war super.“ Dann erhebt<br />
Zapatka erneut seine unverwechselbare,<br />
wie ein altes Akkordeon klingende<br />
Stimme. Bis der 63-jährige Hörspielregisseur<br />
und Komponist zufrieden ist: „Gut,<br />
die Version nehmen wir.“<br />
Buhlert und der feinnervige Charakterdarsteller<br />
arbeiten an der Erzählerpartie<br />
für das Hörspiel „Die Blendung“<br />
nach Elias Canettis gleichnamigem Roman.<br />
Die zwölfteilige Koproduktion von<br />
BR und ORF, an der unter anderem noch<br />
Birgit Minichmayr und Samuel Finzi beteiligt<br />
sind, wird ab dem 6. Oktober im<br />
BR urgesendet. Einen Monat später erscheint<br />
eine Box mit den CDs.<br />
<strong>Der</strong> spätere Literaturnobelpreisträger<br />
Canetti hat sein Erstlingswerk Anfang<br />
der dreißiger Jahre in Wien geschrieben.<br />
Die Intention des gebürtigen<br />
Bulgaren: „Die Welt war zerfallen, und<br />
nur wenn man den Mut hatte, sie in ihrer<br />
Zerfallenheit zu zeigen, war es noch<br />
möglich, eine wahrhafte Vorstellung von<br />
ihr zu geben.“ In der Tat gibt es kaum einen<br />
zweiten Roman der Weltliteratur, der<br />
nur verrückte, gewalttätige und niederträchtige<br />
Protagonisten kennt, und der<br />
dennoch einen derart faszinierenden Sog<br />
entfaltet. <strong>Der</strong> Geschichte um den bibliomanen<br />
Sinologen Peter Kien, die geldgierige<br />
Haushälterin Therese Krumbholz<br />
und den sadistischen Hausmeister Benedikt<br />
Pfaff kann man sich nicht entziehen.<br />
„Ein literarisches Monster“ hat Hans<br />
Magnus Enzensberger das Buch genannt,<br />
das von Canetti als Aufgalopp zu dem<br />
dann nie ausgeführten Prosazyklus<br />
„Comédie Humaine an Irren“ gedacht<br />
war. „Die Blendung“ sollte sein einziger<br />
Roman bleiben. Von einem „Menschenhasser-Roman“<br />
spricht Klaus Buhlert,<br />
nachdem die Aufnahmen beendet sind<br />
und sich ein müder Manfred Zapatka mit<br />
den Worten verabschiedet hat: „Wie Sie<br />
sehen, bin ich völlig erschöpft. So geht<br />
es mir jeden Tag.“<br />
Buhlert, der Akustik und Informatik<br />
studierte und eine Gastprofessur für<br />
Elektronische Musik an der TU Berlin<br />
innehat, besitzt dank seiner Musikalität<br />
die Fähigkeit, die besondere Stimmung<br />
elaborierter Romankonstrukte herauszuhören<br />
und in akustische Klangfarben<br />
zu übersetzen. Zu jeder Inszenierung erstellt<br />
er selbst die Textfassung und komponiert<br />
die Musik – in der „Blendung“ ist<br />
es eine Mischung aus Wiener Schrammelmusik,<br />
Peking-Oper und Free Jazz.<br />
Buhlert und Zapatka sind seit Jahren<br />
befreundet. <strong>Der</strong> Schauspieler war schon<br />
bei Buhlerts Bearbeitungen von Robert<br />
Musils „Mann ohne Eigenschaften. Remix“,<br />
Hermann Brochs „Die Schlafwandler“<br />
und bei James Joyces „Ulysses“<br />
dabei – mit 22 Stunden die aufwendigste<br />
deutsche Rundfunkproduktion überhaupt.<br />
Bis dahin bereits hochdekoriert,<br />
gewann Buhlert mit „Ulysses“ dann alles,<br />
was man gewinnen kann: „Hörbuch<br />
des Jahres 2012“, „Preis der deutschen<br />
Schallplattenkritik“, „Deutscher Hörbuchpreis“<br />
2013 in der Kategorie „Bestes<br />
Hörspiel“. Nun besteigt Buhlert mit<br />
der „Blendung“ erneut ein Himalaya-hohes<br />
Textmassiv. Warum?<br />
Die sperrigen Schwergewichte der literarischen<br />
Moderne haben es ihm angetan:<br />
Melville, Kafka, Musil, Broch, Joyce.<br />
So verwundert es nicht, dass die Wahl<br />
auf Canetti fiel. „Diese Autoren“, sagt<br />
Buhlert, „bieten so viel an Erfahrung und<br />
Erkenntnis.“<br />
Entscheidend aber dürfte eine biografische<br />
Parallele gewesen sein. 1972<br />
wagte der in Oschersleben in Sachsen-Anhalt<br />
Geborene die Flucht aus<br />
der DDR. Unerträglich war dem damals<br />
22-jährigen Musiker die „maskenhafte<br />
Welt engstirniger Parteisekretäre, Offiziere<br />
und Polizisten“ geworden. Erst verbot<br />
man seine Jazz-Rock-Band, dann ließ<br />
man ihn trotz bestandener Aufnahmeprüfung<br />
nicht an der Filmhochschule<br />
Potsdam-Babelsberg studieren. Im Westen<br />
macht er sich Anfang der neunziger<br />
Jahre als Komponist für Theater, Radio<br />
und Film einen Namen. Eine enge<br />
Freundschaft verband ihn mit George<br />
Tabori. Für Oliver Stones „Natural Born<br />
Killers“ lieferte er einen Musiktitel.<br />
Buhlert zieht eine Parallele zwischen<br />
der grotesken Komik der „Blendung“, bei<br />
der einem das Lachen im Halse stecken<br />
bleibt, und seiner geglückten Flucht. Canetti<br />
sieht Lachen und Fressen verschwistert.<br />
Das Lachen in seinem Roman ist gewalttätiger<br />
Natur, es ist das Lachen nach<br />
dem Fangbiss und kurz vor dem Gefressenwerden.<br />
„In einer ganz ähnlichen Situation“,<br />
erklärt Buhlert, „befand ich<br />
mich damals. Auch das ist für mich das<br />
Spannende an dem Buch. Denn zwischen<br />
Fangbiss und Schluckvorgang hat man<br />
noch Entscheidungsspielraum. Mir stellte<br />
sich die Frage: Nehme ich das Risiko der<br />
Flucht auf mich, bevor ich von dem Apparat<br />
verschluckt werde, oder nicht?“<br />
Zum Glück ist er das Risiko damals<br />
eingegangen. Künftig will Klaus Buhlert<br />
weniger Literatur für das Hörspiel adaptieren,<br />
sondern verstärkt eigene Texte<br />
schreiben und inszenieren. Diese Freiheit<br />
nimmt er sich.<br />
Florian Welle ist mit den<br />
Kassetten der Krimireihe „Die drei ???“<br />
aufgewachsen. Er verfolgt die Hörspiele<br />
von Klaus Buhlert seit vielen Jahren<br />
Foto: Antje Berghäuser für <strong>Cicero</strong><br />
114<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Salon<br />
Porträt<br />
Heilandzack, ein TotENBEtt<br />
Sibylle Lewitscharoff erhält den Georg-Büchner-Preis. In ihrem famosen Werk treten<br />
Menschen auf und Engel, schwäbische Krämerseelen und bulgarische Hallodris<br />
Von AlexANDER Kissler<br />
Foto: Jürgen Bauer [M]<br />
Romifiziert sei sie. Wieder einmal.<br />
Wie vor elf Jahren, als sie<br />
in der Heiligen Stadt für den Roman<br />
„Montgomery“ recherchierte. Nun<br />
sitzt Sibylle Lewitscharoff im Garten der<br />
Villa Massimo, wo die Deutsche Akademie<br />
Rom beheimatet ist. <strong>Der</strong> Chor der<br />
Grillen steigert sich zum Crescendo, der<br />
Wind hält Siesta, die hartnäckigste aller<br />
römischen Fliegen umkreist den Tisch.<br />
Nebenan, in der Atelierwohnung, ihrer<br />
Stipendiatenbleibe für ein Jahr, feilt sie<br />
gleich an der Rede zum Büchner-Preis,<br />
der ihr am 26. Oktober verliehen wird.<br />
Und an dem Krimi „Killmousky“, einem<br />
„Zwischenstückchen“. Und sammelt<br />
Ideen für das nächste Romanprojekt:<br />
In einen Kongress der Dante-Forscher<br />
fahren himmlische Zungen nieder. Ein<br />
veritables Pfingstwunder zu Rom, im<br />
21. Jahrhundert.<br />
Sibylle Lewitscharoffs erzählerische<br />
Welt ist von Engeln und Menschen bevölkert,<br />
von Schlaflosigkeiten und Träumen<br />
und sonderbaren Todesfällen, von<br />
Vätern, die sich aus dem Staub machen,<br />
Heiligen, die am Leben abprallen, und<br />
immer von viel Aberwitz und einer großen<br />
Dosis Stuttgart-Degerloch. Dort kam<br />
Lewitscharoff 1954 zur Welt, dort ließ<br />
sie 2003 ihren Montgomery herstammen,<br />
diesen sonderbaren Filmproduzenten. Er<br />
will in Rom „Jud Süß“ verfilmen und fällt<br />
dabei zurück in die Kuttel- und Gaisburger-Marsch-Tage<br />
der Kindheit – o du<br />
„Blitzsauberkeit“! Natürlich war auch der<br />
Held des folgenden Romans „Consummatus“,<br />
der Deutschlehrer und Jenseitserforscher<br />
und Alt-Rock-and-Roller Ralph<br />
Zimmermann, mit Schwabenschläue gesegnet:<br />
„Wenn ich zurückrechne, komme<br />
ich wie Heidegger auf 15 Geliebte.“<br />
Ruckweise fällt Lewitscharoff ins<br />
Schwäbische, sobald Herzinniges berührt<br />
wird. Dann sagt sie im schattenarmen<br />
Garten der Villa „Maikäferle“ oder „der<br />
Kerle“. In den Romanen lockert sie den<br />
Acker des Dialekts behutsam. „Heilandzack“,<br />
rufen die Figuren, wenn sie sich<br />
wundern. „Apostoloff“ erzählt gar auf<br />
burlesken Pfaden die eigene Lebensgeschichte.<br />
Ein streitfreudiges Stuttgarter<br />
Schwesternpaar fährt nach Sofia, um die<br />
Überreste nach Deutschland ausgewanderter<br />
Bulgaren der Heimaterde zurückzugeben.<br />
Bulgarien aber ist ein „lächerliches<br />
Land“, hässlich überall.<br />
Lewitscharoff war elf Jahre alt, als<br />
der bulgarische Vater, ein Arzt, sich das<br />
Leben nahm. In „Apostoloff“ erscheint er<br />
als Mann mit dem Strick, „im Innersten<br />
verkorkst“. Damals, sagt sie, begann das<br />
familiäre Elend. Die schwäbische Mutter<br />
stand allein da und mittellos. Sibylle fing<br />
zu schreiben an, den ersten Roman mit<br />
16, eine „vertrackte südamerikanische<br />
Jesus-Geschichte, eine Auseinandersetzung<br />
mit dem Tod des Vaters“, der Kristo<br />
geheißen und durch diesen Namen und<br />
diese Tat den Namen Jesu „eigentlich beschmutzt<br />
hatte“. Zeitgleich begann „das<br />
sehr fromme Kind, das ich war“, seine<br />
trotzkistische Trotzphase. Sie fühlte sich<br />
linksradikal, ehe die Weltliteratur sie rettete.<br />
„Ich las Flaubert, Kafka, dann Musil<br />
und Proust und merkte: Die Welt ist nicht<br />
so simpel, wie es diese allzu starke Form<br />
der Idiotisierung vorgaukelte.“<br />
Überhaupt solle Literatur „unser<br />
Menschenbild verfeinern“. Gerade so<br />
habe sie eine zivilisierende Wirkung.<br />
„Mich hat sie stabilisiert in meinen charakterlichen<br />
Anlagen und meine Verstörung<br />
gemindert.“ Wenngleich sie jedes<br />
Buch, kaum geschrieben, erst einmal für<br />
verdorben halte, hofft sie auf eine solche<br />
Wirkung auch für andere. Die „noble<br />
Aufgabe der Kunst“, sagte sie 2011<br />
in ihrer Frankfurter Poetikvorlesung,<br />
sei es, „wenigstens eine Ahnung davon<br />
aufblitzen zu lassen, was essenziell gut,<br />
was schön, was wahr sein könnte in uns<br />
selbst und in der Welt, in der wir leben“.<br />
Zuletzt war die Geschichte des Philosophen<br />
Hans Blumenberg in „Blumenberg“<br />
der Vordergrund einer, wie sie sagt,<br />
„Heiligenlegende“. Blumenberg ist bei ihr<br />
ein Mann im Gehäuse, dem ein Löwe erscheint,<br />
ein Einzelgänger, der den „Absolutismus<br />
der Wirklichkeit“ verwirft.<br />
„Blumenberg ist eine Gegenfigur zu all<br />
jenen, die in ihrer Betriebsamkeit gar<br />
nichts mehr sehen.“ <strong>Der</strong> bibelkundige<br />
Asket teilt Lewitscharoffs Unbehagen<br />
an der „Wegwerftendenz“ der Moderne.<br />
Er schätzt wie sie die Tradition als jenen<br />
Teich, in dem sich baden muss, wer wahrhaft<br />
kreativ sein will: „Wer“, sagte sie<br />
ebenfalls in der Frankfurter Vorlesung,<br />
„wer den Wunsch hegt, seriös zu schreiben<br />
und sich nicht mit Leidenschaft, ja,<br />
mit Haut und Haaren, der Tradition ausliefert,<br />
der steht als ein ziemlich armes<br />
Würstchen da, dem Affentheater des<br />
Zeitgeschmacks völlig ausgeliefert.“<br />
Am Abend sitzen wir im Ristorante.<br />
<strong>Der</strong> Grillenchor schläft, ein Ventilator<br />
pfeift, da beginnt sie zu fabulieren, unterbrochen<br />
vom typisch lewitscharoffschen<br />
Lachen, einem salvenartigen Überfall<br />
des Gemüts auf die Stimmbänder. Sie<br />
erzählt vom Jahr, das sie einst in Paris<br />
verbrachte, und dem anderen in Brasilien<br />
und von den drei Monaten auf dem Amazonas.<br />
In einer Hängematte lag sie, am<br />
Bug des Schiffes, und fühlte sich wunderbar<br />
leicht und eins werden mit dem Strom<br />
und mit den Bäumen, die vorüberzogen.<br />
Nichts fehlte. Doch das ist lange her und<br />
eine ganz andere Geschichte.<br />
AlexANDER Kissler leitet den Salon.<br />
Er traf Sibylle Lewitscharoff in Rom zum<br />
ersten Mal. Ihre Bücher mag er, weil sie<br />
Humor und Geist wunderbar verbinden<br />
117<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Salon<br />
Porträt<br />
Du MUSSt BRASiliEN fiNDEN<br />
Filmregisseur Edgar Reitz legt mit „Die andere Heimat“ das Schlussstück seiner Arbeit<br />
am deutschen Gedächtnis vor – eine Reise zu den Ursprüngen unserer Demokratie<br />
Von thoMAS DAVid<br />
Nach beinahe vier Stunden Kino,<br />
irgendwo gegen Ende seines<br />
neuen Filmes, sitzt Edgar Reitz<br />
plötzlich in den groben Klamotten eines<br />
Bauern am Rand eines Getreidefelds und<br />
dengelt die Sense. Auf der Leinwand<br />
sieht man außer ihm weiten Himmel, reifes<br />
Korn und die Dächer eines Dorfes im<br />
Hunsrück. Eine Kutsche schaukelt heran.<br />
Ihr entsteigt Ale xander von Humboldt.<br />
Er will die Mitte des 19. Jahrhunderts<br />
noch unerforschte Landschaft vermessen.<br />
Als Humboldts Blick auf den Bauern<br />
fällt, fragt er ihn nach dem Namen<br />
des kleinen Dorfes in der Senke. „Dat<br />
lo“, antwortet Reitz in der Rolle des „alten<br />
Hunsrückers“, „dat is Schabbach.“<br />
Weil Humboldt von Werner Herzog gespielt<br />
wird, erlebt der Zuschauer in diesem<br />
Moment die außergewöhnliche Begegnung<br />
zweier Meister der deutschen<br />
Filmgeschichte.<br />
„Diese Szene war ursprünglich länger“,<br />
sagt Reitz. Mit „Die andere Heimat“<br />
ist ihm eines der größten Kinowunder<br />
der vergangenen Jahre gelungen, ein<br />
bewegendes Leinwandepos von internationalem<br />
Rang. Wenige Tage vor der<br />
Reise zu den Filmfestspielen von Venedig<br />
sitzt Reitz im Halbdunkel des Schneideraums<br />
der Münchner „Edgar Reitz<br />
Filmproduktion“.<br />
Im tieferen Dunkel hockt ein Mitarbeiter<br />
vor einem Monitor und restauriert<br />
ein Bild aus „Heimat“, dem 1984<br />
fertiggestellten ersten Teil der 56-stündigen,<br />
aus insgesamt 30 Einzelfilmen bestehenden<br />
Trilogie, in der Reitz die Geschichte<br />
der im Hunsrück verwurzelten<br />
Familie Simon bis zur Wende des Jahres<br />
2000 erzählt. „Die zweite Heimat“ und<br />
„Heimat 3 – Chronik einer Zeitenwende“<br />
folgten. „Die andere Heimat“ handelt<br />
nun als „Chronik einer Sehnsucht“ nicht<br />
nur von den Hoffnungen der verarmten<br />
Landbevölkerung, die sich Glück und<br />
Reichtum in Brasilien erträumt. <strong>Der</strong> Film<br />
bezeugt auch Edgar Reitz’ Verlangen, ein<br />
vielleicht letztes Mal an den Sehnsuchtsort<br />
seiner eigenen Fantasie zurückzukehren.<br />
„In der ursprünglichen Szene verglich<br />
Humboldt die ermittelten Daten mit<br />
einer Landkarte und stellte fest, dass das<br />
Dorf, das wir da sehen, gar nicht existiert“,<br />
sagt Reitz. „Als der Bauer ihm den<br />
Namen des Ortes nennt, heißt das natürlich<br />
auch, dass das fiktive Schabbach realer<br />
ist als alle Dörfer, die auf Humboldts<br />
Karte verzeichnet sind.“<br />
Schabbach IST auch in „Die andere<br />
Heimat“ ein mythischer Ort. Hier hat ein<br />
kollektives Gedächtnis seine Bleibe, das<br />
den Alltag der Dorfbevölkerung ebenso<br />
akribisch vor dem Vergessen bewahrt<br />
wie die Erinnerung an die historischen<br />
Ereignisse, die den Einzelnen mitreißen.<br />
In den bisherigen Filmen der Trilogie erzählte<br />
Reitz gegen die Abwertung der<br />
Welt an und ließ etwa den liebenswerten,<br />
von seinen persönlichen, gänzlich<br />
unideologischen Hoffnungen geleiteten<br />
Sohn des Dorfschmieds Simon zu einem<br />
Glücksritter des Dritten Reiches werden.<br />
Jetzt, in der „anderen Heimat“, verbindet<br />
er das Leben und Sterben im Schabbach<br />
des Jahres 1843 und die Freiheitsgedanken<br />
seines in einer romantischen Traumwelt<br />
beheimateten Protagonisten Jakob<br />
Simon mit dem revolutionären Aufbegehren<br />
des Vormärz. Es ist kein Zufall,<br />
dass „Die andere Heimat“ am 3. Oktober<br />
in die Kinos kommt. Am Nationalfeiertag<br />
blickt sie auf die Anfänge der deutschen<br />
Demokratie zurück.<br />
„In der Zeit, in der ‚Die andere Heimat‘<br />
spielt, hat sich das Schwarz-Rot-<br />
Gold der Flagge durchgesetzt, die heute<br />
bei Fußballspielen unser Nationalsymbol<br />
ist“, sagt Reitz. Seine Filmerzählung<br />
verwickelt den Zuschauer auf geradezu<br />
magische Weise ins Vergangene und erhellt<br />
mit dem Licht einer fremden Zeit<br />
schließlich auch die Gegenwart.<br />
„Damals bedeutete Freiheit in erster<br />
Linie, die Herrschaft zu stürzen und sich<br />
von Armut und Unrecht zu befreien“, erläutert<br />
Reitz. „Unser heutiges Freiheitsverlangen<br />
geht natürlich weit darüber hinaus.<br />
Heute geht es nur noch darum, die<br />
Freiheit, die Menschen mit ihrem Leben<br />
bezahlt haben, zu genießen, und wir tun<br />
dies auf eine hemmungslose und gedankenlose<br />
Weise.“<br />
Im Halbdunkel des Schneideraums<br />
wirkt Reitz wesentlich jünger als seine<br />
80 Jahre. Er wurde im rheinland-pfälzischen<br />
Morbach als Sohn eines Uhrmachers<br />
geboren. <strong>Der</strong> nüchterne Ernst des<br />
Blickes weicht im Gespräch hin und wieder<br />
einem wohlwollenden Lächeln. „Aus<br />
der Armutsfiktion, die in meinem Film<br />
beschrieben wird, erscheint mir unsere<br />
heutige Welt wie ein apokalyptisches Delirium<br />
an Konsumwahn und Unnötigkeit<br />
des Lebensgenusses, das mir Angst<br />
macht. Von Schabbach aus gesehen, tut<br />
sich in unserer Gesellschaft ein Abgrund<br />
von Chaos auf“, sagt er und scheint von<br />
der gleichen Sorge erfüllt wie der „alte<br />
Hunsrücker“, der in „Die andere Heimat“<br />
Humboldts Vermessung der Welt<br />
beargwöhnt.<br />
„So seltsam es klingen mag: Die Menschen,<br />
die ich in meinem Film beschreibe,<br />
haben eine Zukunft, und wenn ich nach<br />
vier Stunden aus dem Kino auf die Straße<br />
trete, spüre ich plötzlich, unsere Welt<br />
hat keine.“ Eine Heimat wie Schabbach<br />
wird man in Deutschland kein zweites<br />
Mal finden.<br />
ThoMAS DAVid schreibt über Film und<br />
Literatur und sucht seine Heimat. Zuletzt<br />
erschien die Monografie „Philip Roth“<br />
Foto: Fredrik von Erichsen/Picture Alliance/dpa<br />
118<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Salon<br />
Essay<br />
Deutsche gESCHichte<br />
ist nicht tiEFSCHWARZ<br />
Von<br />
ulrich sieg<br />
120<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Zäh hält sich der Mythos vom geschichtlichen Sonderweg<br />
Deutschlands. Es heißt, das Kaiserreich trage die alleinige Schuld<br />
am Ersten Weltkrieg. Moralische Urteile aber garantieren keine<br />
Erkenntnis. Argument und Abwägung müssen zurückkehren<br />
Illustrationen: akg images [M], Picture Alliance/dpa [M], bpk<br />
Wenn man im nächsten Jahr<br />
überall an den Ausbruch des<br />
Ersten Weltkriegs erinnert,<br />
wird viel von den verhängnisvollen Konsequenzen<br />
eines angeblichen „deutschen<br />
Weltmachtstrebens“ die Rede sein. Dabei<br />
haben sich die meisten Historiker<br />
von simplen moralischen Standpunkten<br />
in der Kriegsschuldfrage verabschiedet.<br />
Christopher Clark in Cambridge geht sogar<br />
so weit, die Politiker aller großen europäischen<br />
Nationen als Schlafwandler<br />
zu charakterisieren, die zwar die kommende<br />
Katastrophe geahnt hätten, aber<br />
unfähig waren, sich ihr entgegenzustemmen.<br />
Sein meisterhaftes Werk könnte die<br />
mediale Vergegenwärtigung des Weltkriegs<br />
hierzulande nachhaltig beeinflussen.<br />
Bislang vertraute man bei der Erklärung<br />
des „Großen Krieges“ auf ein<br />
tiefschwarzes Bild der deutschen Geschichte,<br />
für das sich immer weniger gute<br />
Gründe finden lassen.<br />
Eine Schlüsselrolle im Geschichtsdenken<br />
der alten Bundesrepublik spielte<br />
die Theorie vom „deutschen Sonderweg“.<br />
Sie hob Deutschlands Demokratiedefizite<br />
im Vergleich mit Großbritannien<br />
oder Frankreich hervor und verwies<br />
zu ihrer Erklärung auf das Obrigkeitsdenken<br />
seit Luther, auf den preußischen<br />
Militarismus und die gescheiterte Revolution<br />
von 1848. Das Deutsche Kaiserreich<br />
wurde als autoritärer Nationalstaat missverstanden,<br />
in dem es zu keiner nennenswerten<br />
politischen Beteiligung der Bürger<br />
gekommen sei. Mittlerweile hat sich<br />
dies als zu einseitig herausgestellt.<br />
Es gab im Kaiserreich sehr wohl eine<br />
politische Kultur mit hoher Wahlbeteiligung<br />
und lebendigen Debatten, die im<br />
Ausland positiv wahrgenommen wurde.<br />
Im „Westen“ war nicht alles Gold, was<br />
glänzte. Man denke nur an die unnachgiebige<br />
Härte, mit der die britische Oberschicht<br />
ihre Privilegien verteidigte. Oder<br />
an den massiven französischen Antisemitismus<br />
zur Zeit der Dreyfus-Affäre.<br />
Olaf Gulbransson ( links ) ließ<br />
Wilhelm ii. und Graf von Zeppelin<br />
auftreten, Karl Arnold ( oben )<br />
später Hitler als Barbarossa<br />
Allerdings besaß die fatale Lehre<br />
vom „deutschen Sonderweg“ den Vorteil<br />
hoher Eingängigkeit und einen beträchtlichen<br />
moralischen Mehrwert. Nach der<br />
Niederlage in einem „totalen Krieg“,<br />
nach Reeducation und Wirtschaftswunder<br />
brauchte es eine neue identitätsstiftende<br />
Erzählung. Indem 1945 zur strikten<br />
Zäsur deutscher Geschichte, ja zur<br />
„Stunde null“ erklärt wurde, erhielt<br />
die Bundesrepublik die Chance, sich<br />
als demokratisches Gemeinwesen neu<br />
zu legitimieren. Schon bald bestimmte<br />
die Abgrenzung von der Tradition des<br />
Obrigkeitsstaats das Selbstverständnis.<br />
<strong>Der</strong> vermeintliche Ausnahmecharakter<br />
der deutschen Geschichte wurde Bestandteil<br />
der Schullehrpläne. Er prägt die<br />
politische Rhetorik bis zum heutigen Tag.<br />
Doch reicht dies vermutlich nicht,<br />
um die mediale Dominanz eines Geschichtsbilds<br />
zu erklären, das nur wenig<br />
zum Verständnis einer sich rasch globalisierenden<br />
Welt beiträgt. Hinzu kommt<br />
nämlich ein Weiteres: Im Zusammenhang<br />
mit der Theorie vom „deutschen<br />
Sonderweg“ sind schnittige intellektuelle<br />
Formeln entstanden, die längst ein Eigenleben<br />
führen. Gerade bei politischen Diskussionen<br />
bieten sie strategische Vorteile,<br />
auf die man ungern verzichtet.<br />
Wer will etwa offensiv auf die von<br />
Fritz Fischer („Griff nach der Weltmacht“)<br />
vorangespielte Aussage reagieren,<br />
dass Hitler „kein Betriebs unfall“<br />
gewesen sei? Mögen die zufälligen Momente<br />
in Hitlers Werdegang noch so<br />
zahlreich sein, empfiehlt sich ihre öffentliche<br />
Betonung kaum. <strong>Der</strong> Hinweis auf<br />
das Ausmaß seiner Verbrechen brächte<br />
jeden schnell zum Schweigen. Ähnlich<br />
steht es um die Wendung von den „Vordenkern<br />
der Vernichtung“, mit der Götz<br />
Aly und Susanne Heim Anfang der neunziger<br />
Jahre Furore machten und die so<br />
manche Suche nach den Wurzeln von<br />
„Auschwitz“ in der deutschen Wissenschaftsgeschichte<br />
inspirierte.<br />
Die Hypotheken dieser Denkfigur<br />
sind indes erheblich. Sie verleiht dem<br />
Faktor „Ideologie“ einen Stellenwert,<br />
der nur schwer mit dem Machbarkeitswahn<br />
und mit dem Zynismus der Nationalsozialisten<br />
in Einklang zu bringen<br />
ist. Gleichzeitig stellt sie den wahrlich<br />
verschlungenen Weg vom Wort zur Tat,<br />
um dessen Verständnis die Antisemitismusforschung<br />
bis heute ringt, allzu holzschnittartig<br />
dar. Ganz zu schweigen davon,<br />
dass es durchaus umstritten ist,<br />
worin der Kern der NS-Welt anschauung<br />
eigentlich bestand.<br />
121<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Salon<br />
Essay<br />
Die mit dem „deutschen Sonderweg“<br />
verknüpften methodischen Probleme<br />
werden bei Heinrich August Winkler besonders<br />
deutlich. Packend schilderte er<br />
die deutsche Geschichte als langen Weg<br />
nach Westen, der 1989 sein Ziel erreicht<br />
habe. Seine Sicht gab der Wiedervereinigung<br />
eine historische Legitimation und<br />
half, Sorgen in den Nachbarländern zu<br />
zerstreuen.<br />
Kein Wunder, dass Winkler zum renommiertesten<br />
Historiker der Berliner<br />
Republik wurde, dem manch einer sogar<br />
das Amt des Bundespräsidenten zutraute.<br />
Die Ergebnisse vergleichender<br />
Geschichtswissenschaft behandelte er<br />
aber ausgesprochen lässig. Die Einzigartigkeit<br />
der deutschen Geschichte begründete<br />
er damit, dass die Sonderwege<br />
einiger Nationen „noch besonderer sind<br />
als die anderen“ – eine abgründige Formulierung,<br />
denkt man an Orwells Parabel<br />
„Animal Farm“.<br />
Doch auch wenn gute Argumente<br />
für Winklers Schwarz-Weiß-Malerei<br />
fehlen, dürfte es ein frommer Wunsch<br />
sein, dass sich der Mythos vom „deutschen<br />
Sonderweg“ einfach in Luft auflöst.<br />
Neben umsichtig formulierter Skepsis<br />
braucht es heute energischen Einsatz,<br />
um die Schwächen dieses Geschichtsbilds<br />
einer breiten Öffentlichkeit zu verdeutlichen.<br />
Auch das moralische Kapital<br />
der Sonderwegsgeschichte ist nicht zum<br />
Nulltarif zu haben. Im Kern zementiert<br />
diese Erzählung leider nationalistische<br />
Vorstellungen, die noch aus der Zeit des<br />
Ersten Weltkriegs stammen.<br />
Die Belege sind zahlreich: Als im<br />
August 1914 das zivilisierte Europa fast<br />
über Nacht zu einer „Welt von gestern“<br />
(Stefan Zweig) wurde, mussten dies alle<br />
kriegführenden Nationen ihren Bürgern<br />
erklären. Seitens der Entente bevorzugte<br />
man schroffe Feindbilder und unterstrich<br />
die Brutalität der deutschen Militärmaschinerie.<br />
Besonders einflussreich war<br />
der französische Philosoph Henri Bergson,<br />
der die Deutschen zu „Barbaren“<br />
erklärte.<br />
In Großbritannien verwies man auf<br />
die unheilvolle Tradition des preußischen<br />
Militarismus und präsentierte als<br />
dessen Vertreter neben Fichte den Historiker<br />
Heinrich von Treitschke sowie den<br />
Kavalleriegeneral Friedrich von Bernhardi.<br />
Die deutschen Antworten waren<br />
In Weimar wechselten die Kanzler<br />
fast so rasch wie die Jahreszeiten.<br />
<strong>Der</strong> „Simplicissimus“ steckte die<br />
Republik ins Bett<br />
Propaganda à la mode: So sah<br />
1915 eine französische Zeitung<br />
Wilhelm ii., sich einen<br />
Sonderweg mit Lügen bahnend<br />
von eigentümlicher intellektueller Passivität.<br />
Exemplarisch sei auf den bedeutenden<br />
jüdischen Gelehrten Hermann<br />
Cohen hingewiesen, der vor 1914 unmissverständlich<br />
politische Reformen<br />
angemahnt hatte. Nun verwies er lediglich<br />
darauf, dass die deutsche Kultur seit<br />
Kants Tagen ohne den Schutz des Militärs<br />
niemals aufgeblüht wäre.<br />
Allenthalben setzten Akademiker den<br />
„Ideen von 1789“ ihre „Ideen von 1914“<br />
entgegen und meinten damit kaum mehr<br />
als die Organisationskraft des eigenen<br />
Gemeinwesens in den ersten Augusttagen.<br />
Gleichzeitig verwiesen sie stolz auf<br />
die Leistungsstärke der deutschen Wirtschaft,<br />
den Sozialstaat oder die Güte des<br />
Bildungswesens, die den Neid der anderen<br />
Nationen entzündet hätten. Noch heute<br />
klingt ihre Rhetorik eigentümlich vertraut.<br />
Das Ausmaß von gutem Gewissen<br />
im damaligen Bürgertum ist erstaunlich.<br />
Ohne sich mit Details zu plagen, stellte<br />
es die Friedensliebe des Kaisers und die<br />
Ritterlichkeit der deutschen Kriegführung<br />
heraus. Zweifelhafte Berühmtheit<br />
erlangte im Oktober 1914 der „Aufruf<br />
an die Kulturwelt!“, mit dem 93 Personen<br />
des öffentlichen Lebens die alliierten<br />
Vorwürfe zurückwiesen. Lange Jahre<br />
galt das Manifest als Höhepunkt reaktionärer<br />
Gesinnung, obwohl es vor allem<br />
Ausdruck eines weltfremden Idealismus<br />
war. Über die Wirksamkeit von Kriegspropaganda<br />
hatten sich seine mehrheitlich<br />
linksliberalen Unterzeichner keine<br />
Gedanken gemacht. Die stolze Anfangszeile<br />
„Es ist nicht wahr“ sollte Vorurteilsfreiheit<br />
und Unabhängigkeit bekunden.<br />
Tatsächlich wurde sie in den Entente-Staaten<br />
als Ausdruck deutscher Borniertheit<br />
aufgefasst.<br />
Zu den leidenschaftlichen Patrioten<br />
unter den Unterzeichnern des Aufrufs<br />
zählte Rudolf Eucken, der 1908 als<br />
erster und bislang einziger deutscher<br />
Philosoph den Literaturnobelpreis erhalten<br />
hatte. In einer Unmenge von<br />
Schriften schloss der Jenaer Professor<br />
aus dem Wert der eigenen Kultur auf<br />
einen glücklichen Kriegsausgang. Bis<br />
heute gilt der Herausgeber von Fichtes<br />
„Reden an die deutsche Nation“ als fanatischer<br />
Kriegshetzer. Bei näherer Betrachtung<br />
fällt jedoch eher die Zivilität<br />
seines Tones ins Auge.<br />
Mit leichter Hand stiftete Eucken<br />
geistesgeschichtliche Kontinuitäten, die<br />
von der Reformation bis zur Gegenwart<br />
reichten und verunsicherten Menschen<br />
Halt geben sollten. Seine Deutschtumsmetaphysik<br />
erreichte erstaunliche Ausmaße,<br />
doch direkt verletzend war sie<br />
nur selten. Eucken vertrat die kantische<br />
Überzeugung, dass jeder Krieg nur mit<br />
Blick auf eine zukünftige Friedensordnung<br />
gerechtfertigt werden könne. Zu einer<br />
nüchternen Lagebeschreibung trug<br />
seine salbungsvolle Verherrlichung deutscher<br />
Kultur freilich nichts bei.<br />
Illustrationen: bpk, Getty Images<br />
122<br />
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am Folgetag erhältlich.<br />
Im Herbst 1916 war die Zeit milder<br />
Kriegsverklärung à la Eucken abgelaufen.<br />
Nach den Materialschlachten an der<br />
Westfront brauchte es schärfere ideologische<br />
Mixturen, um die umfassende<br />
Mobilisierung der dritten Obersten Heeresleitung<br />
voranzutreiben. So intensiv<br />
Hindenburg und Ludendorff die Einheit<br />
der Nation beschworen, primär ging es<br />
um einen möglichst effektiven Einsatz<br />
der vorhandenen Ressourcen.<br />
Nun wurde heftig gestritten, wer<br />
überhaupt zur „Volksgemeinschaft“ gehöre.<br />
Angesehene Professoren sprachen<br />
jüdischen Gelehrten jedes tiefere Verständnis<br />
Kants oder Fichtes ab. In Weimar<br />
stilisierte Elisabeth Förster-Nietzsche<br />
ihren verstorbenen Bruder zum<br />
Inbegriff des deutschen Willens zur<br />
Macht. Zentrale Bedeutung für den Sonderweg<br />
der eigenen Geschichte erkannte<br />
man der bedrohten Lage im Zentrum Europas<br />
und den Zerstörungen des Dreißigjährigen<br />
Krieges zu.<br />
Die Niederlage von 1918 kam für<br />
die Bevölkerung, die bis in die letzten<br />
Kriegsmonate der Propaganda vertraut<br />
hatte, überraschend. Noch entsetzter war<br />
man über die Friedensbedingungen. Unisono<br />
lehnten die Vertreter aller Parteien<br />
die Unterzeichnung des Versailler Vertrags<br />
ab und hofften auf ein Einlenken<br />
der Alliierten. Doch statt ernsthafte Argumente<br />
gegen die Alleinschuld Deutschlands<br />
zu suchen, tappte man erneut in die<br />
Falle, die Vorwürfe der Entente-Staaten<br />
lediglich mit umgekehrtem Vorzeichen<br />
zu versehen. Die Folgen für die Weimarer<br />
Republik waren beträchtlich.<br />
Mit einem trotzigen „Dennoch!“<br />
sperrten sich viele gegen das neue Gemeinwesen<br />
und hielten an ihrer überhöhten<br />
Sicht der deutschen Vergangenheit<br />
fest. Die Nationalsozialisten erkannten<br />
früh die symbolische Bedeutung des<br />
„Großen Krieges“. Eines ihrer wirksamsten<br />
Plakate zeigte Frontsoldaten und<br />
warb mit dem Slogan: „Wählt NSDAP!<br />
Oder alles war umsonst.“<br />
Auch nach 1933 blieb der Erste Weltkrieg<br />
ein zentrales Thema. Unablässig<br />
propagierten die Nationalsozialisten den<br />
Kampf gegen Versailles und scheinen damit<br />
bei der Bevölkerung auf beträchtliche<br />
Resonanz gestoßen zu sein. Erinnert<br />
sei an das 1941 begonnene Propagandaunternehmen<br />
namens „Kriegseinsatz
der Geisteswissenschaften“, mit dem<br />
die Disziplinen ihre Kriegstüchtigkeit<br />
unter Beweis stellen sollten. Insgesamt<br />
entstanden 67 Bücher voller nationalistischer<br />
Stereotypen. Die circa 500 beteiligten<br />
Gelehrten hatten ihre Lehren aus<br />
dem Propagandadebakel nach 1914 gezogen<br />
und kombinierten ihre Verherrlichung<br />
deutscher Eigenart mit drastischen<br />
Feindbildern.<br />
Wie wenig ihnen tatsächlich eingefallen<br />
war, illustriert die amerikanische<br />
Reaktion. Dort legte man lediglich John<br />
Deweys Buch „German Philosophy and<br />
Politics“ erneut auf, das bereits im Ersten<br />
Weltkrieg gute Dienste geleistet hatte.<br />
Seine Aburteilung Kants und Fichtes<br />
zielte auf die Selbstüberschätzung und<br />
inhumane Gesinnung zeitgenössischer<br />
deutscher Wissenschaftler. Sie festigte<br />
allerdings auch stereotype Vorstellungen,<br />
die mit einem schattierungsreichen<br />
Verständnis von Ideengeschichte nicht in<br />
Einklang zu bringen sind.<br />
Vor diesem Hintergrund stellt sich<br />
erst recht die Frage, wie lange wir noch<br />
die Vorstellung von einem „deutschen<br />
Sonderweg“ pflegen wollen, die so eng<br />
mit den Konflikten des vergangenen<br />
Jahrhunderts verknüpft ist. In der Geschichtswissenschaft<br />
geht es nicht primär<br />
um moralische Werturteile, sondern um<br />
Erkenntnis. Zur Zukunfts orientierung<br />
kann sie nur dann beitragen, wenn komplexe<br />
Forschungsergebnisse nicht von einem<br />
allzu bequemen Narrativ eingeebnet<br />
werden.<br />
Die Entstehung des Ersten Weltkriegs<br />
zeigt auftrumpfende, aber auch<br />
ängstliche und misstrauische Politiker,<br />
die der Krise des europäischen Staatensystems<br />
nicht gewachsen waren. Unzureichend<br />
informiert, forcierten sie gerade<br />
jene Probleme, die sie zu kalmieren hofften.<br />
Erst wenn der angebliche Unikatcharakter<br />
der deutschen Geschichte in den<br />
Hintergrund gerückt ist, kann die Überforderung<br />
der Akteure deutlich werden.<br />
Das Weltkriegsjubiläum bietet die<br />
Chance zu grundlegenden historischen<br />
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Von Beat WYSS<br />
Foto: Hung Tung-Lu (Photography, C-Print, Lambda)<br />
126<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Manga, Maria und Kolonialisierung:<br />
<strong>Der</strong> taiwanesische Künstler Hung Tung-Lu zeigt, wie<br />
anregend die Kunst jenseits des Westens sein kann<br />
Zum Autor<br />
Foto: Artiamo<br />
Als der Stadtrat von Venedig<br />
vor genau 120 Jahren beschloss,<br />
eine internationale<br />
Kunstmesse auszurichten,<br />
war das Fundament gelegt<br />
für eine Einrichtung, deren 55. Ausgabe<br />
im November zu Ende geht. Die Biennale<br />
Venedig gilt heute als erste Wegmarke<br />
der Kunst auf dem Weg in die<br />
Globalisierung.<br />
Das Motiv der Gründung indes war<br />
ein höchst lokales. Es galt, Handel und<br />
Gewerbe der darbenden Serenissima mit<br />
einer Kunstmesse zu beleben. Die Stadt<br />
hatte den verwöhnten Hotelgästen neben<br />
Tizian, Tintoretto und Veronese<br />
kaum mehr zu bieten als eine romantische<br />
Steinkulisse im Brackwasser einer<br />
Lagune. Für gehobene Unterhaltung bestand<br />
dringender Bedarf. Die erste Schau<br />
von 1895, eröffnet im Beisein des italienischen<br />
Königspaars, übertraf alle Erwartungen.<br />
Zu Fuß, mit dem Schiff, der<br />
Kutsche oder per Eisenbahn stellten sich<br />
224 000 Besucher ein. Die Zahl ist aus<br />
heutiger Sicht erstaunlich. Im Zeitalter<br />
des globalisierten Massentourismus und<br />
der Billigflüge verkaufte die letzte Biennale<br />
nur knapp doppelt so viele Eintrittskarten.<br />
La Biennale di Venezia war ein<br />
Publikumsmagnet von Anfang an.<br />
Geändert hat sich die Zusammensetzung<br />
der Besucher und der ausstellenden<br />
Künstler. Das Herrenreiterpublikum<br />
der Gründerzeit hätte wohl ungläubig<br />
gelacht, wäre ihm vorausgesagt worden,<br />
dass der Goldene Löwe von Venedig<br />
2013 an den Pavillon von Angola gehen<br />
würde. An der Biennale von 1910<br />
ließ der Generalsekretär Fradeletto ein<br />
kubistisches Gemälde von Pablo Picasso<br />
entfernen. Negerkunst war unerwünscht.<br />
<strong>Der</strong> 1968 geborene Künstler Hung<br />
Tung-Lu nennt seine Fotomontage von<br />
2001 „Street Fighter: Chun Li“<br />
Doch es ist zu einfach, sich nachträglich<br />
über die Beschränktheit der Altvorderen<br />
zu belustigen. Vor nicht allzu<br />
langer Zeit beschränkte sich der internationale<br />
Kunstbetrieb selbstgenügsam auf<br />
Kunst aus den Zentren Westeuropas und<br />
Nordamerikas. Das westliche Publikum<br />
hatte keine Ahnung von der südostasiatischen<br />
Kunstproduktion, bis Harald Szeemann<br />
auf der Biennale von 1999 zum<br />
ersten Mal im großen Stil Künstlerinnen<br />
und Künstler aus Korea und China zeigte.<br />
Die Werke beweisen, dass die Produzenten<br />
der sogenannten „Peripherie“ sehr<br />
gut informiert sind über die Strategien<br />
im „Zentrum“ des Kunstsystems.<br />
Ein Lehrstück liefert Hung Tung-Lu.<br />
Seine digitale Fotomontage zitiert im<br />
Hintergrund eine Bekrönung Mariae im<br />
byzantinisierenden Trecento-Stil: Hommage<br />
an die regionale Kunstgeschichte<br />
Venedigs, der Gastgeberin. Die höfliche<br />
Reverenz wird jedoch durchkreuzt von<br />
einem schrillen Manga-Mädchen in Kickbox-Position.<br />
Spielt das Kampfgirl etwa<br />
Bodyguard der Gottesmutter?<br />
Hung Tung-Lu kommt aus Taiwan,<br />
jener Insel im Westpazifik, die zu Kolonialzeiten<br />
Formosa hieß, die „Schöne“,<br />
getauft von portugiesischen Seefahrern.<br />
Die Niederländer übernahmen die Insel<br />
1624 und betrieben die Missionierung der<br />
Bewohner.<br />
Zugleich wurden Han-Chinesen vom<br />
Festland angesiedelt, da diese den Kolonisten<br />
fleißiger schienen als die Eingeborenen.<br />
Als die Niederländer von der<br />
Insel vertrieben wurden, ließen sie das<br />
Christentum und das lateinische Alphabet<br />
zurück. Formosa wurde Teil des chinesischen<br />
Kaiserreichs. Im Krieg gegen<br />
China übernahmen die Japaner die Insel<br />
und machten Taiwan zu ihrer ersten<br />
Kolonie nach europäischem Vorbild. Das<br />
alles muss wissen, wer das scheinbar so<br />
fröhlich-freche Bild verstehen will. Die<br />
Beat Wyss<br />
ist einer der bekanntesten<br />
Kunsthistoriker des Landes.<br />
Er lehrt Kunstwissenschaft<br />
und Medienphilosophie an<br />
der Staatlichen Hochschule<br />
für Gestaltung in Karlsruhe<br />
gekrönte Gottesmutter und das kämpfende<br />
Manga-Mädchen inszenieren keinen<br />
Kampf der Kulturen. Die beiden bilden<br />
keinen Gegensatz, sondern stehen für<br />
die Geschichte der Herrschaft über die<br />
Heimat des Künstlers. Die Nipponisierung<br />
Taiwans erfolgte übrigens im selben<br />
Jahr 1895, als Venedig sein erstes Kunstspektakel<br />
ausrichtete.<br />
Hung Tung-Lu hält dem westlichen<br />
Kunstfreund den Spiegel vor: Siehe, das<br />
alles ist unbeachtet an dir vorbeigegangen,<br />
während du über Pop-Art, Konzeptkunst<br />
und Postmoderne diskutiertest.<br />
Doch die vom Diskurs Ignorierten haben<br />
immer mitgehört und gut aufgepasst. Einer<br />
von ihnen ist Hung Tung-Lu. Mit den<br />
künstlerischen Verfahren der einstigen<br />
Westkunst bringt er Einsichten aus der<br />
postkolonialen „Peripherie“, auf die das<br />
„Zentrum“ der Kunstwelt von sich aus nie<br />
gekommen wäre.<br />
127<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Salon<br />
Bibliotheksporträt<br />
ein Richtiges Leben<br />
GIBT ES DOCH<br />
<strong>Der</strong> Philosoph Wilhelm Schmid hat Bücher um sich geschart,<br />
die ihn die Liebe und das Denken lehren<br />
von holger FUSS<br />
Vielleicht sollte Wilhelm Schmid Bundespräsident werden. Einen Philosophen<br />
hatten wir noch nie im höchsten Amt. Mit Schmid als Staatsoberhaupt<br />
wäre Deutschland eine andere Republik. Im Schloss Bellevue säße<br />
dann ein Nationaltherapeut wider die depressive Hintergrundmelodie in<br />
unserem Land. Auf einmal würden wir in präsidialen Ansprachen Sätze<br />
hören wie: „Glück ist wichtig, aber wichtiger ist Sinn. Dass es im Leben allein<br />
um Glück gehe, ist eine Märchenerzählung derer, die den schwindenden<br />
Sinn im modernen Leben durch Glück ersetzen wollen.“ Oder: „Freiheit für<br />
sich ist leer. Zum Leben braucht sie Formen. Leider bestehen Formen darin,<br />
Freiheit wieder einzuschränken. Aber es geschieht dann aus Freiheit.“ Oder<br />
aber: „Ein sinnerfülltes Leben ist ein Leben in Beziehung.“<br />
Als Hausherr im Schloss Bellevue hätte Schmid endlich mehr Platz für<br />
seine Bibliothek. <strong>Der</strong>zeit lebt der 60-jährige Philosoph und Bestsellerautor<br />
mit Ehefrau Astrid und vier Kindern auf zwei Etagen einer Berliner Altbauwohnung<br />
hinter dem Schloss Charlottenburg. Zwei Mal schon musste<br />
er mit seiner Büchersammlung innerhalb der Wohnung umziehen. Geblieben<br />
ist ihm ein winziges Zimmer mit Balkon, Sofa, Schreibtisch und Klavier.<br />
Nur neun vertikale Regalreihen kann er hier unterbringen. „Für jedes<br />
neue Buch muss ein altes raus. Ein schmerzlicher Prozess.“<br />
Gleichwohl ist seine Büchersammlung durch hartnäckiges Aussortieren<br />
zu einem geistigen Marschgepäck geworden, das deutlich macht, wie Wilhelm<br />
Schmid sich zu einem Philosophen der Bejahung entwickeln konnte.<br />
Darin unterscheidet er sich von den meisten zeitgenössischen Kollegen:<br />
„Ich bin intellektuell groß geworden mit der Maßgabe: Bejahen darf man<br />
gar nichts. Aber kein Mensch kann ohne etwas leben, das er bejahen kann.“<br />
Während andere Denker in der Weltverneinung ihr Gegenglück des Geistes<br />
suchen, hat Schmid eine praktische Philosophie der Lebenskunst entwickelt,<br />
ohne in Trivialitäten abzuirren.<br />
In seinem jüngsten Buch „Dem Leben Sinn geben“ schlägt er den Bogen<br />
vom Alltäglichen, wie den Beziehungen in der Familie, zu Freunden<br />
und zu Feinden, über die Beziehungen zu Tieren, Dingen und der Welt, bis<br />
128<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
ins Transzendente, „der Liebe zum Leben und zu einem Darüberhinaus“.<br />
Über Gott spricht ein Philosoph heutzutage sowieso ungern. „Ich nenne es<br />
einfach Transzendenz, damit bin ich fein raus.“<br />
Dass wir das Alltägliche, das Endliche nur erfassen, wenn wir uns ein<br />
Gespür fürs Unendliche bewahrt haben, bezeugt seine Bibliothek. Links<br />
unten stehen zwei Regale mit Büchern zu Kosmologie, Astronomie, außerirdischem<br />
Leben. „<strong>Der</strong> Kosmos war der Anfang“, sagt Schmid. Schon als<br />
dreijähriger Knirps hat er jeden Abend mit seinem Vater zum Himmel emporgesehen.<br />
Das war auf dem elterlichen Bauernhof in Billenhausen bei<br />
Krumbach in Bayerisch-Schwaben, wo Wilhelm als eines von sechs Geschwistern<br />
aufwuchs. „Mein Vater hat mir die Sternbilder gezeigt und erklärt,<br />
wie weit die weg sind. Da ist mir schummrig geworden.“ Das Ritual<br />
hat sich Schmid bewahrt. Ehe er schlafen geht, steht er auf dem Balkon,<br />
blickt in den Nachthimmel und nimmt seine persönliche Verbindung mit<br />
der astronomischen Unendlichkeit auf. „Nüchterne Mystik“ nennt er es.<br />
Weil sich der Bauernsohn nicht das Abitur zutraute, sich aber durch die<br />
Stadtbücherei Krumbach fraß, lernte er zunächst drei Jahre lang Schriftsetzer.<br />
„Aber schon am ersten Tag war mir klar: Du wirst Schriftsteller.“ Also<br />
machte er später doch noch Abitur und studierte Philosophie. Warum? „Ich<br />
wollte klüger werden über die Liebe.“<br />
Er zeigt auf ein Regal. „Hier sind die Griechen. Denen habe ich mich<br />
immer verwandt gefühlt. Sie sind meine erste Inspirationsquelle.“ Platons<br />
„Gastmahl“ mit dem Untertitel „Über die Liebe“ war „eine Offenbarung“.<br />
So sehr, dass er es als Student übersetzte. „Wort für Wort – ohne<br />
jedes Ziel.“ Aber „unter den sehr liebenswürdigen Augen meiner damaligen<br />
Freundin, die meine Frau wurde“. Über den Griechen stehen die Kirchenväter,<br />
Augustinus, Benedikt von Nursia, Clemens von Alexandrien.<br />
Nebenan Bücher über Hölle und Teufel. „Gut und Böse sind menschliche<br />
Begriffe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie eine außermenschliche<br />
Bedeutung haben.“<br />
Etwas weiter schöpft die Geistesgeschichte neuen Atem, in den Bänden<br />
über die Renaissance, „diese ungeheuer reiche, bunte Zeit“. Die Antike<br />
wurde wiederentdeckt, alles hing mit allem zusammen. „Die Renaissance<br />
ist eine Zeit, in der die Frage nach dem Sinn kaum eine Rolle spielte,<br />
weil der Sinn auf allen Ebenen präsent war – der sinnliche Sinn, der seelische<br />
Sinn, der geistige Sinn.“<br />
Ein bisschen klingt Schmids eigenes Programm einer „anderen Moderne“<br />
durch. Errungenschaften der Moderne wie Menschenrechte, Wissenschaft,<br />
Technik, Marktwirtschaft und Demokratie will er anreichern<br />
durch Elemente wie Ökologie sowie das Denken und Leben in Beziehungen.<br />
Und den modernen Autonomiegedanken, der nur als Befreiung von etwas<br />
verstanden wird, zum anders modernen Autonomiebegriff einer Freiheit<br />
zu etwas weiterentwickeln. „Wir müssten heute eine neue Renaissance<br />
130<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Foto: Andreas Pein für <strong>Cicero</strong><br />
bewerkstelligen. Ein bisschen träumen darf man ja wohl.“ Eine neue Sinnzeit<br />
schwebt ihm vor, eine Kultur vielfältigster Verbundenheiten, die die<br />
Herrschaft der Ichlinge ablöst.<br />
Ernüchterung holt er sich bei Montaigne. „Ein Philosoph der Lebenskunst.<br />
Er hat ganz alltägliche Phänomene überdacht – immer mit dem Blick:<br />
Wie lässt sich das leben?“ Ein Vorläufer von Schmid? „Oh, das ist ein bisschen<br />
pathetisch. Aber in dieser Linie sehe ich mich.“ Dann die Neuzeit. „Von<br />
Kant habe ich mir nur ein Werk stärker angeeignet.“ Er holt ein antiquarisches<br />
Kleinod. „Meine Frau, die Antiquarin ist, hat es mir geschenkt. Es ist<br />
vermutlich das wertvollste Buch.“ Es ist Kants Lehre von der Lebenskunst,<br />
die „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ in der zweiten Auflage von<br />
1800. Auf dem Vorsatzblatt die Widmung seiner Frau: „Für Dich, Wilhelm,<br />
meine anthropologische Konstante, nicht nur in pragmatischer Hinsicht“.<br />
Es folgen die Romantiker. Schmid hält sich für einen. „Die Romantiker<br />
waren die Neuentdecker des Reiches der Möglichkeiten“. Novalis liebt er. An<br />
Hölderlins theoretischen Schriften beißt er sich die Zähne aus. Dann Nietzsche,<br />
„Hauptbezugspunkt meines Denkens“, weil seiner und unserer Zeit<br />
weit voraus. Heidegger findet er unredlich. <strong>Der</strong> sei jedem Rock nachgelaufen,<br />
aber Erotik findet in seinem Werk nicht statt. Und ganz viel Foucault.<br />
Wegen ihm hat Schmid in den achtziger Jahren in Paris studiert, über ihn<br />
ist er promoviert worden. Die deutsche Philosophie war Schmid blutleer erschienen,<br />
bei Foucault entdeckte er die Fragen des Lebens wieder.<br />
Auf einmal hält er Adornos „Minima Moralia“ in der Hand. „Sie kennen<br />
den berühmten Satz: ‚Es gibt kein richtiges Leben im falschen.‘ Ich<br />
weise immer wieder darauf hin, dass Adorno den Satz widerrufen hat.“ Im<br />
Adorno-Archiv hat Schmid eine Vorlesung entdeckt. „Es gibt ein richtiges<br />
Leben im falschen, sagt Adorno dort. Nämlich dann, wenn du es versuchst.“<br />
Viele Regale weiter, vorbei an Geschichte mit Schwerpunkt Nationalsozialismus,<br />
Belletristik, weiterer Lebenskunst-Literatur, bildet eine wuchtige<br />
Sammlung der Reihe Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft das Finale. Vor<br />
den tiefblauen Buchrücken hält Wilhelm Schmid inne wie vor einem Altar.<br />
„Hier kommt das Ende der Welt“, murmelt er kryptisch. „Denn diese Reihe<br />
wird ewig andauern. Hier sind alle wichtigen Bücher versammelt.“ Dann<br />
setzt er hinzu: „Und mein Buch ,Philosophie der Lebenskunst‘ ist in dieser<br />
Reihe erschienen. Das macht mich sehr stolz.“<br />
Kein Triumph schwingt in diesen Worten. Eher eine Demut vor der eigenen<br />
Biografie. Womöglich kann das nur jemand begreifen, den es aus einem<br />
500-Seelen-Kaff in die Philosophie verschlagen hat. <strong>Der</strong> mit Selbstzweifeln<br />
zu kämpfen hatte, obwohl seine Bücher mitunter mehr als 100 000 Käufer<br />
fanden. <strong>Der</strong> sich nie im akademischen Establishment heimisch fühlte, weil<br />
er es auf keinen ordentlichen Lehrstuhl brachte. Ein Bauernbub veröffentlicht<br />
im Geistesolymp bei Suhrkamp seine Habilitationsschrift über Lebenskunst.<br />
Sage noch einer, Philosophie sei ohne Humor.<br />
131<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Salon<br />
Hopes Welt<br />
wer nicht WAGt, hat SChon verloren<br />
Wie mich ein in Singapur gekauftes Buch zu einem Berliner<br />
Benefizkonzert animierte und warum jeder „etwas tun“ kann<br />
Als sich der Sommer in diesem Jahr dem<br />
Ende zuneigte, habe ich mich dabei ertappt,<br />
eine Art Zwischenbilanz ziehen zu<br />
wollen. Vielleicht liegt es daran, dass ich kürzlich<br />
das fünfte Lebensjahrzent erreichen durfte.<br />
„Die ersten vierzig Jahre unseres Lebens liefern<br />
den Text, die folgenden dreißig den Kommentar<br />
dazu“, meinte Arthur Schopenhauer. In diesem<br />
Sommer hat mir vor allem das hinreißende Buch<br />
von Florian Illies, „1913“, viel Stoff zum Nachdenken<br />
gegeben.<br />
Vor ziemlich genau fünf Jahren, im Sommer<br />
2008, stand ich in Singapur am Flughafen und<br />
war auf dem Weg in den Urlaub. Ich wollte nach<br />
Malaysia. Am Kiosk sah ich einen Titel, auf dem<br />
„Kristallnacht“ stand. Das Buch war von Martin<br />
Gilbert, einem britischen Historiker. Ich nahm<br />
es mit. Natürlich wusste ich, was sich in der Pogromnacht<br />
ereignet hatte. Meine Familie war von<br />
den Nazis gezwungen worden, die Villa in Dahlem<br />
zu verlassen. Das hat mein Urgroßvater nicht<br />
verkraftet. Er nahm sich das Leben, kurz nach<br />
dem 9. November, als er merkte, wie sehr er sich<br />
in „seinem“ Deutschland getäuscht hatte. Dann<br />
fiel mir auf, dass seit der Pogromnacht 70 Jahre<br />
vergangen waren. Ich rief meine Freunde in<br />
Deutschland an und fragte sie: Wie wird dieser<br />
Tag begangen? Ich war erstaunt, dass außer<br />
einem Staatsakt am Morgen nichts geplant war.<br />
Man musste etwas tun! Und so begann eine Idee<br />
Realität zu werden.<br />
Die ersten Gespräche mit Politikern verliefen<br />
ohne Ergebnisse. Ich rief Freunde und Kollegen<br />
an. Zuerst Thomas Quasthoff, dann Klaus Maria<br />
Brandauer und Max Raabe. Ich erzählte ihnen<br />
von meiner Idee einer Benefizveranstaltung: An<br />
die Vergangenheit erinnern, um für die Zukunft<br />
nach vorne zu schauen. Wir hatten keine Lokalität.<br />
Alles war ausgebucht. Es wurde September,<br />
und ich hatte immer noch keine finanziellen<br />
Mittel. Dauernd hörte ich: Das schaffst du nicht!<br />
Aber wir haben es geschafft. Dank großartiger<br />
Künstler, die bereit waren, Risiken einzugehen,<br />
und durch visionäre Menschen und Firmen,<br />
die bereit waren, großzügig zu spenden. Wir verwandelten<br />
die Abfertigungshalle des Flughafens<br />
Berlin-Tempelhof in einen Konzertsaal, spielten<br />
für über Tausend Menschen und nahmen eine<br />
beachtliche Summe für die Freya-von-Moltke-<br />
Stiftung ein. Diese Stiftung wählte ich deshalb<br />
aus, weil Freya von Moltke meine Familie nach<br />
dem Krieg unterstützte. Es wurde meine erste<br />
Veranstaltung mit dem Namen „Tu was“. Sie kam<br />
durch relativ einfache Mittel zustande: das<br />
Telefon in die Hand nehmen, Freunde anrufen.<br />
Und alles aufgrund eines Buches, das mich zum<br />
Nachdenken gebracht hatte.<br />
Als ich in diesem Sommer „1913“ las, wurde<br />
mir wieder bewusst, dass am kommenden 9.<br />
November der 75. Jahrestag der Pogromnacht<br />
naht. Das Prinzip „etwas tun“ ist mir heilig, auch<br />
wenn es nicht immer funktioniert. Ob ich es<br />
wieder schaffe, eine Benefizveranstaltung für die<br />
Stadt Berlin auf die Beine zu stellen? Ich werde<br />
es auf jeden Fall versuchen.<br />
Daniel Hope ist Violinist von Weltrang. Sein<br />
Memoirenband „Familien stücke“ war ein Bestseller.<br />
Zuletzt erschienen sein Buch „Toi, toi, toi! – Pannen<br />
und Katastrophen in der Musik“ (Rowohlt) und die<br />
CD „The Romantic Violinist“. Er lebt in Wien<br />
Illustration: Anja Stiehler/Jutta Fricke Illustrators<br />
132<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
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Salon<br />
Serie<br />
1933 – Als DeutSCHlAND die DemoKRAtie VERlor, Teil ix<br />
raus mit applaus<br />
und kein zurück<br />
Von Philipp Blom<br />
Im Oktober 1933 verließ Deutschland den Völkerbund.<br />
Adolf Hitler gewann so den entscheidenden Spielraum, um<br />
Wirtschaft und Politik auf einen Krieg vorzubereiten<br />
Foto: akg Images<br />
134<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Harry Graf Kessler notierte am 14. Oktober 1933 in<br />
sein Tagebuch: „Die Nachmittagszeitungen bringen<br />
die Nachricht, dass die Hitler-Regierung ihren<br />
Austritt aus dem Völkerbund und der Abrüstungskonferenz<br />
proklamiert. Das hat hier und,<br />
wie es scheint, auch in London wie eine Bombe eingeschlagen.<br />
In der Tat ist es das folgenschwerste europäische Ereignis<br />
seit der Ruhrbesetzung. Es kann in kurzer Zeit zur Blockade<br />
Deutschlands und vielleicht zum Krieg führen.“<br />
Die Notiz zeugt von einem scharfen Auge und von Angst.<br />
Die Stimmung in Deutschland allerdings hatte Kessler damit<br />
nicht beschrieben, denn er lebte schon im Pariser Exil. Während<br />
Paris und London besorgt waren, feierte man in Berlin<br />
und München. Hitlers Austritt aus dem 1919 gegründeten Völkerbund<br />
war tatsächlich ein wichtiger Schritt, mit dem die nationalsozialistische<br />
Regierung die Bedingungen des Vertrags<br />
von Versailles fast völlig aushebelte.<br />
Erst 1926 war Deutschland in den Völkerbund aufgenommen<br />
worden und bemühte sich gleich, die durch den Krieg zerstörten<br />
Beziehungen zu anderen Partnern zu normalisieren.<br />
Dabei forderte auch die Weimarer Republik immer wieder,<br />
von allen Rüstungsbeschränkungen,<br />
die ihr in Versailles auferlegt<br />
Da gab es für den Reichspropagandaminister<br />
worden waren, befreit zu werden.<br />
Großbritannien und Frank-<br />
nichts zu meckern: Rund<br />
95 Prozent der Wähler reich stellten ihr in Aussicht, das<br />
hießen den Austritt aus dem Ziel bald zu erreichen. Nach der<br />
Völkerbund nachträglich Wahl der Nationalsozialisten im<br />
gut. Bestens gelaunt<br />
Januar 1933 aber zogen sich die<br />
verlässt Joseph Goebbels<br />
sein Berliner Wahllokal Verhandlungspartner zurück. Sie<br />
misstrauten der neuen deutschen<br />
Regierung. Eine Gleichstellung<br />
Deutschlands schien in weite Ferne gerückt. Hitler nutzte diese<br />
Situation, um Deutschlands Austritt aus dem Völkerbund zu<br />
verkünden. Es war eine riskante Strategie.<br />
Nach der Wahl brauchte die NSDAP schnelle wirtschaftliche<br />
Erfolge. <strong>Der</strong> Austritt erlaubte ihr und Reichsbankpräsident<br />
Hjalmar Schacht, die deutsche Wirtschaft durch Investitionen<br />
auf Pump wieder anzukurbeln. Hitler hatte sein Ziel schon definiert:<br />
Die gesamte Industrie sollte direkt oder mittelbar der<br />
militärischen Aufrüstung dienstbar gemacht werden. Um das<br />
aber zu erreichen, musste Deutschland die Abrüstungsverhandlungen<br />
und Kontrollmechanismen des Völkerbunds verlassen.<br />
Jetzt war der Weg frei, in Schwerindustrie, Autobahnen<br />
und Rüstungsgüter zu investieren und bei der Bevölkerung<br />
den Anschein zu erwecken, die neue Regierung sei wirtschaftlich<br />
kompetenter als die Weimarer Republik. Tatsächlich aber<br />
brachte die massive defizitäre Finanzierung des wirtschaftlichen<br />
Aufschwungs nach 1933 das Land nicht nur ideologisch<br />
und logistisch einem bewaffneten Konflikt näher. Die enormen<br />
Ausgaben konnten letztlich nur durch einen siegreichen Krieg<br />
wieder hereingebracht werden. Deutschland hatte sich sozusagen<br />
zum siegreichen Feldzug gegen seine Nachbarn verpflichtet.<br />
Mehrere deutsche Intellektuelle machten ihre Unterstützung<br />
des Austritts aus dem Völkerbund publik. Martin Heidegger<br />
gefiel sich in der Rolle des völkischen Denkers und gab sein<br />
Placet, der evangelische Pastor Martin Niemöller gratulierte<br />
Hitler, und Gerhart Hauptmann trompetete: „Ich sage Ja!“ Fast<br />
gleichzeitig schrieb er einem jüdischen Bekannten in dessen<br />
Exil, er „nehme an, Sie kommen bald wieder nach Deutschland:<br />
Sie sollten es unbedingt tun.“ Sein früherer Freund, der<br />
nach London emigrierte Kritiker Alfred Kerr, war angewidert.<br />
„Es gibt seit gestern keine Gemeinschaft zwischen ihm und mir,<br />
nicht im Leben und nicht im Tod“, schrieb er. „Dornen sollen<br />
wachsen, wo er noch hinwankt … Hauptmann schmeichelt dem<br />
Raubgesindel.“<br />
Hitlers Maßnahme wurde in Deutschland mit Begeisterung<br />
aufgenommen. Gleichzeitig musste die Regierung aber mit großer<br />
Vorsicht vorgehen. Wie Kessler richtig gesehen hatte, konnten<br />
Deutschlands Alleingang und die zunehmende Provokation<br />
jener Mächte, die es nur 15 Jahre zuvor besiegt hatten, zu<br />
einem Krieg führen, den Hitler jetzt noch um jeden Preis vermeiden<br />
wollte. Weder die Armee noch die Rüstungsindustrie<br />
waren hierfür bereit. Er musste beschwichtigen und tat es in<br />
einer Rundfunkansprache am 14. Oktober, dem Tag des Austritts:<br />
„Möge es dieser gewaltigen Friedens- und Ehrkundgebung<br />
unseres Volkes gelingen, dem inneren Verhältnis der europäischen<br />
Staaten untereinander jene Voraussetzung zu geben,<br />
die zur Beendigung nicht nur eines jahrhundertelangen Haders<br />
und Streits, sondern auch zum Neuaufbau einer besseren Gemeinschaft<br />
erforderlich ist.“<br />
Die Regierung war sich sicher, dass die Entscheidung zum<br />
Austritt aus dem Völkerbund im eigenen Land populär sein<br />
würde. Sie täuschte sich nicht. Sie kombinierte die Neuwahlen<br />
zum Reichstag mit einer Volksbefragung über den Austritt. Das<br />
Datum war sorgfältig gewählt. Die Wahl fiel auf den 11. November<br />
1933, den Jahrestag der Unterzeichnung des Versailler<br />
Vertrags, der von vielen Deutschen als Tag der Demütigung<br />
und der nationalen Schande angesehen wurde. Jetzt erhielten<br />
die Wählerinnen und Wähler die Möglichkeit, sich von dieser<br />
Schande reinzuwaschen. Die 95-prozentige Zustimmung war<br />
nicht nur eine Konsequenz der umfassenden politischen Gleichschaltung,<br />
sondern wohl auch ein Ausdruck echter Genugtuung<br />
vonseiten der Wähler.<br />
Hitlers Austritt aus dem Völkerbund bereitete das Land auf<br />
einen Krieg vor. Die Rüstungspolitik und die einseitige Ausrichtung<br />
der Wirtschaft machten Krieg auch zur ökonomischen<br />
Notwendigkeit. <strong>Der</strong> Konflikt war nur eine Frage der Zeit. Inzwischen<br />
musste die NS-Regierung taktisches Geschick beweisen,<br />
um ihre Gegner nicht vorzeitig zu provozieren, gleichzeitig<br />
aber auf das große Ziel hinzuarbeiten. Ironischerweise war<br />
der erste beschwichtigende außenpolitische Akt der deutschen<br />
Regierung dann 1934 ein Nichtangriffspakt mit Polen. Von ihm<br />
bis zur Invasion Polens fünf Jahre später lief ein Mechanismus<br />
ab, der am 14. Oktober 1933 in Gang gesetzt worden war.<br />
Philipp Blom ist Historiker und Autor. Seine Bücher<br />
„<strong>Der</strong> taumelnde Kontinent“ und „Böse Philosophen“ wurden<br />
mehrfach ausgezeichnet<br />
Wir werden den Weg in die Diktatur von 1933 weiterhin<br />
nachzeichnen. In der nächsten Ausgabe wenden wir uns der<br />
Inbetriebnahme des Konzentrationslagers Dachau zu.<br />
135<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Salon<br />
Die letzten 24 Stunden<br />
136<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Foto: Richard Dumas/VU/laif<br />
Ist der Tod nun<br />
das Ende?<br />
Oder der Anfang<br />
einer neuen<br />
Phase meines<br />
unendlichen<br />
Lebens?<br />
Was für ein<br />
Abenteuer!<br />
Jane<br />
Goodall<br />
Zur Person<br />
jane Goodall<br />
Die britische Primaten forscherin<br />
erlangte mit ihren Schimpansen-<br />
Studien Weltruhm. Sie setzt<br />
sich mit ihrem Institut für einen<br />
respektvollen Umgang mit<br />
Menschen, mit Tieren und der<br />
gesamten Natur ein<br />
Es ist Mai, alles ist ergrünt. Ich<br />
wache um fünf Uhr früh im<br />
Haus meiner Kindheit in Bournemouth<br />
an der Südküste Englands<br />
auf. Von diesem Moment<br />
an zähle ich meine letzten 24 Stunden.<br />
Ich schaue hinaus zu den Bäumen, hin zu<br />
einer Buche, wo ich als Kind viel Zeit verbracht<br />
habe, hoch oben bei den Vögeln.<br />
In der Küche frühstücke ich mit meiner<br />
Schwester Judy und den Kindern. Wie<br />
immer eine halbe Scheibe Toast und einen<br />
Kaffee. Nach dem Frühstück verdunkeln<br />
Wolken die Sonne. Die Luft ist grau<br />
und kalt. Ich gehe mit Charlie, dem Boxermischling,<br />
spazieren.<br />
Wir laufen zu den Plätzen, die ich<br />
als Kind mit meinem ersten Hund Rusty<br />
aufgesucht habe. Wenig hat sich verändert.<br />
Wir machen Rast an einem geheimen<br />
Ort bei den Bäumen. Ich schaue zurück<br />
auf mein Leben, die Menschen und<br />
Tiere, die Orte und Ereignisse, die einen<br />
großen Einfluss auf mich hatten.<br />
Dann kehre ich zum Haus zurück<br />
und werde zu Mittag essen, vegetarisch<br />
natürlich. Nun werde ich einen friedvollen<br />
und beschäftigten Nachmittag verbringen<br />
und so viele Freunde wie möglich<br />
anrufen. Um ihre Stimmen zu hören.<br />
Sie werden nicht wissen, dass ich mich<br />
verabschiede. „Ich habe Lust auf einen<br />
kurzen Plausch“, werde ich sagen.<br />
Wenn ich nach unten gehe, wird<br />
mein Sohn Hugo mit seinen drei Kindern<br />
angekommen sein. Wir werden ein großes<br />
Familienfest mit vielen Freunden feiern,<br />
Neuigkeiten austauschen, uns Witze<br />
erzählen und viel lachen. Zu bestem indischem<br />
Essen, das wir uns liefern lassen,<br />
genießen wir ein Gläschen Whisky und<br />
guten Bio-Rotwein und sitzen bis zu später<br />
Stunde zusammen.<br />
Nun endet der Tag, die Nacht bricht<br />
herein. Noch etwa sechs Stunden verbleiben<br />
mir. Ich kann nicht schlafen.<br />
Keine dieser wertvollen Stunden darf ich<br />
vergeuden. Ich schaue mir noch einmal<br />
den National-Geographic-Dokumentarfilm<br />
„Mein Leben mit den Schimpansen“<br />
an und erlebe diese magische Zeit, als<br />
jeder Tag neue Entdeckungen brachte.<br />
Als es nur uns gab und die Schimpansen<br />
in den unberührten Wäldern. Ich lege<br />
Musik auf. Dvořáks Cellokonzert, Sibelius’<br />
Finlandia, ein wenig Mozart und aus<br />
Beethovens neunter Sinfonie den finalen<br />
Satz. Während ich zuhöre, schreibe ich<br />
einen Brief an meine Familie. Sie sollen<br />
so wenig wie möglich trauern. Auch<br />
richte ich mein Wort in einem offenen<br />
Brief an die Jugend, um mit ihnen die<br />
Lektionen, die ich gelernt habe, zu teilen<br />
– allen voran, immer das Beste aus<br />
sich herauszuholen.<br />
Ich schaue mich um. Die Bücher<br />
meiner Kindheit sind versammelt: Tarzan,<br />
Doktor Doolittle, viele andere. Souvenirs<br />
aus der ganzen Welt. Die beiden<br />
Plüschaffen: Jubilee, den mir mein Vater<br />
mit 18 Monaten geschenkt hatte, und<br />
Mr. H., der mich die letzten 20 Jahre auf<br />
meinen Reisen in 59 Länder dieser Erde<br />
begleitet hat. Ich schaue mir Fotografien<br />
besonderer Menschen, Tiere und<br />
Orte an.<br />
Nun bleibt mir nur noch eine Stunde,<br />
bis es wieder fünf Uhr ist. Ich kann nun<br />
nicht mehr alleine sein, doch ich möchte<br />
die anderen nicht wecken. Sie sollen mich<br />
fröhlich in Erinnerung behalten. Nun bin<br />
ich jedoch traurig und ein wenig ängstlich.<br />
Ich werde die Wahrheit über den<br />
Tod erfahren. Bedeutet das nun das<br />
Ende? Oder ist es, wie ich schon immer<br />
glaubte, der Anfang einer neuen Phase<br />
meines unendlichen Lebens? Was für ein<br />
Abenteuer! Das Leben ist so gut.<br />
Ich sage mir, dass es das Beste sei,<br />
nun fortzugehen, bevor ich kraftlos und<br />
eine Last für meine Familie werde. Ich<br />
schleiche mich ins Wohnzimmer. Ich ermutige<br />
Charlie, neben mir auf dem Sofa<br />
Platz zu nehmen, was ihr eigentlich verboten<br />
ist. Ich streichele sie und schließe<br />
meine Augen. Plötzlich höre ich ein Geräusch.<br />
Meine ganze Familie steht vor<br />
mir. Irgendwie haben sie es gewusst.<br />
Wir umarmen uns und weinen. Ich<br />
verspreche ihnen, dass ganz gewiss ein<br />
Teil von mir, mein Geist, oder wie man<br />
es auch bezeichnen soll, immer bei ihnen<br />
sein wird. Jetzt sind es nur noch ein<br />
paar Minuten. Wir werden ganz still. Die<br />
alte Standuhr fängt an zu schlagen: eins,<br />
zwei, drei, vier, fünf …?<br />
Aufgezeichnet von Björn Eenboom<br />
137<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Postscriptum<br />
N°-10<br />
WeiSSe Männer<br />
Nachdem jetzt lange genug auf dem<br />
sogenannten Gutmenschen herumgeritten<br />
wurde, ist es so langsam wirklich<br />
Zeit für einen neuen Kampfbegriff. Gute<br />
Chancen hat meines Erachtens der „weiße<br />
alte Mann“. Vor Kurzem wurde zum<br />
Beispiel Rainer Brüderle als solcher<br />
bezeichnet, in irgendeinem Zeitungsartikel.<br />
Das war nicht als sachliche Zustandsbeschreibung<br />
gemeint, sondern als charakterliche<br />
Bewertung, ungefähr nach dem<br />
Motto: Was will man von dem schon<br />
anderes erwarten?<br />
<strong>Der</strong> „weiße alte Mann“ gilt in solchen<br />
Zusammenhängen als das Gegenteil des<br />
weisen alten Mannes: hoffnungslos verjährt,<br />
sexistisch, nur auf den eigenen<br />
Vorteil bedacht, nicht nachhaltig genug für<br />
unsere Zeit. Kurzum: ein Auslaufmodell<br />
mit längst überschrittenem Verfallsdatum.<br />
Und während sich der Gutmensch aus<br />
Sicht seiner Kritiker durch Aneignung von<br />
Boshaftigkeit zum Besseren entwickeln<br />
könnte, ist der „weiße alte Mann“ offenbar<br />
ganz und gar ein Gefangener seines<br />
Geschlechts, seiner Hautfarbe, seiner<br />
verflossenen Lebensjahre. Es gibt praktisch<br />
kein Entrinnen aus diesem Schicksal.<br />
Wobei sich natürlich die Frage stellt, ob<br />
alle weißen alten Männer auch „weiße alte<br />
Männer“ im engeren Sinne sind: Ist etwa<br />
Hans-Christian Ströbele am Ende sogar<br />
verabscheuungswürdiger als Rainer<br />
Brüderle, weil noch älter und irgendwie<br />
noch ein bisschen weißer? Wie steht es um<br />
bisher unangefochtene Weltorakel vom<br />
Schlage eines Günter Grass oder Helmut<br />
Schmidt? Ist deren Deutungshoheit womöglich<br />
nur noch ein Raunen aus den<br />
dunklen Katakomben des Doktor Mabuse?<br />
Demnächst erscheint sogar ein ganzes<br />
Buch über den Niedergang des weißen<br />
alten Mannes, geschrieben von einem auch<br />
nicht mehr ganz so jungen weißen Mann<br />
namens Luca Di Blasi. Ich erhoffe mir von<br />
ihm Auskunft darüber, wer denn nun die<br />
Nachfolge des weißen alten Mannes<br />
antreten wird. Junge schwarze Frauen wie<br />
Rihanna oder Beyoncé? Mittelalte Mischlinge<br />
wie Barack Obama, welche sich vor<br />
allem dadurch auszeichnen, dass sie die<br />
Verhaltensmuster weißer alter Männer<br />
kopieren? Oder liegt die Zukunft im<br />
Herrschaftswissen älterer weißer Frauen<br />
des Typs Angela Merkel?<br />
Demografisch gesehen liegt das Problem<br />
natürlich darin, dass die weißen<br />
alten Männer in Zukunft eher mehr<br />
werden als weniger, zumindest im Verhältnis<br />
zu den nachwachsenden jungen weißen<br />
Männern. Für unsere Gesellschaft verheißt<br />
das insgesamt nichts Gutes. Es sei denn,<br />
aus jüngeren männlichen Gutmenschen<br />
werden irgendwann doch wie von selbst<br />
ältere männliche Gutmenschen. Aber das<br />
ist dann ja auch wieder nicht recht.<br />
Alexander Marguier<br />
ist stellvertretender Chefredakteur<br />
von <strong>Cicero</strong><br />
Die NÄCHSte <strong>Cicero</strong>-Ausgabe ERSCHEint am 24. Oktober<br />
Illustration: Anja Stiehler/Jutta Fricke Illustrators<br />
138<br />
<strong>Cicero</strong> – 10.2013
Das Männer-stil-Magazin<br />
www.gq.de<br />
Jetzt im Handel oder als ePaper erhältlich.
H E R M È S W I N T E R S P I E L E<br />
Informationen unter: Tel. 089/55 21 53-0<br />
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MAGAZIN FÜR POLITISche KULTUR<br />
Nach<br />
der Wahl<br />
Analysen. Kommentare. Reportagen<br />
Was der 22. September<br />
für Deutschland bedeutet
Wir sind diE<br />
EnErGiEsTiFTUnG.<br />
Als RWE Stiftung liefern wir Energie, die man nicht in Watt messen kann.<br />
Deshalb gehen wir auch bei unserem gesellschaftlichen Engagement vorweg<br />
und stecken diese Energie in zahlreiche Projekte in den Bereichen Bildung,<br />
Kultur und Soziales. Dabei fördern wir Bildungseinrichtungen, unterstützen<br />
künstlerische Talente und helfen Kindern und Jugendlichen, ihr Leben aktiv<br />
in die Hand zu nehmen. Mehr dazu unter www.rwestiftung.com
<strong>Cicero</strong><br />
Wahlspezial<br />
Die WAHRE AFD<br />
Quelle: Bundeswahlleiter; Foto: John Macdougall/AFP/Getty Images (Seiten 4 bis 5)<br />
CDU/CSU 41.5<br />
SPD 25.7<br />
FDP 4.8<br />
Die Linke 8.6<br />
Grüne 8.4<br />
Piraten 2.2<br />
AfD 4.7<br />
Sonstige 4.1<br />
Angaben in Prozent<br />
Angela Merkel hat am Abend des 22. September 2013<br />
mehr als nur eine Wahl gewonnen. Mit einem Ergebnis<br />
knapp unter der absoluten Mehrheit hat sie für die CDU<br />
beinah bayrische Verhältnisse in ganz Deutschland hergestellt.<br />
Zum ersten Mal münzt Merkel ihre persönliche Popularität<br />
direkt um in einen echten Wahlerfolg der Union.<br />
Die innerpartei lichen Kritiker ihres Modernisierungskurses<br />
müssen jetzt sehr kleine Brötchen backen. Insgeheim sollten<br />
sie ihrem Herrgott und ihrer Chefin danken, dass sie den<br />
verspäteten Aufbruch der Union in die Moderne nicht<br />
aufhalten konnten.<br />
Und doch werden die kommenden Jahre für<br />
Merkel nicht komfortabel. Im Bundesrat steht<br />
ihr schon jetzt eine rot-rot-grüne Mehrheit<br />
gegenüber, die sich rechnerisch auch im<br />
Bundestag widerspiegelt. Egal also, ob sich<br />
am Ende die Sozialdemokraten oder die Grünen<br />
von Merkel unters Joch ihrer Kanzlerschaft<br />
zwingen lassen: Rot oder Grün wird sich nicht<br />
mehr alternativlos in eine unliebsame Koalition<br />
mit der Kanzlerin fügen. In der Septemberausgabe<br />
des <strong>Cicero</strong> haben wir bereits die stillen Pläne von SPD‐Chef<br />
Sigmar Gabriel beschrieben, die eine Öffnung für ein rotrot-grünes<br />
Bündnis vorsehen. „Science Fiction“ hat er das,<br />
auf den <strong>Cicero</strong>-Titel angesprochen, genannt.<br />
Diese Zukunft beginnt jetzt: Die Mehrheitsverhältnisse,<br />
die die Wählerinnen und Wähler in diesem 18. Deutschen<br />
Bundestag geschaffen haben, sind wie gemacht für Gabriels<br />
Dehnübung. Mit 319 Sitzen verfügte das linke Bündnis über<br />
eine ordentliche Mehrheit. Den Zölibat gegenüber der Linken<br />
werden die Sozialdemokraten nicht mehr lange aufrechterhalten.<br />
Und bei einer günstigen Gelegenheit sagen:<br />
Wir können auch anders. Die wahre Alternative für Deutschland<br />
heißt von jetzt an Rot-Rot-Grün. Like it or not.<br />
Mit besten Grüßen<br />
CHRISToph SCHWEnnicke<br />
Chefredakteur<br />
3
Inhalt<br />
6<br />
blick auf BerlIN<br />
Internationale<br />
Korrespondenten<br />
kommentieren<br />
Von Pascale HUGUES,<br />
ALISon SMALE, GIDEon RACHMAn<br />
und SHIn Ming<br />
10<br />
zwölFTer Stern<br />
Riesenhuber und Schäuble,<br />
der Älteste und der<br />
Dienstälteste im Parlament<br />
Von hartmut PALMER<br />
12<br />
uda TOPPT angela<br />
Wie die CDU-Politikerin<br />
Uda Heller ihren Wahlkreis<br />
von der Linkspartei<br />
zurückerobert hat<br />
Von conSTAntin MAGnis<br />
18<br />
Wahlkreise – Best Of<br />
Özdemirs Niederlage,<br />
Münteferings Sieg:<br />
Entscheidungen vor Ort<br />
22<br />
Das neue wahlköNIGTUM<br />
Angela Merkels<br />
Wertebündel entspricht der<br />
modernen Gesellschaft<br />
Von ChristoPH STÖLZL<br />
23<br />
MITTlerschaFT ZU Paris<br />
In der Regierung<br />
muss sich die SPD als<br />
Europapartei profilieren<br />
Von klaus HARPPRECHT<br />
24<br />
Bühne der NeINSager<br />
Über den Bundesrat<br />
als Blockadeinstanz<br />
Von Christoph SEILS<br />
26<br />
Keine Sieger, NIrgends<br />
Warum der Wahlausgang<br />
niemandem Freude bereitet<br />
Von AlexanDER MARGUIER
<strong>Cicero</strong><br />
Wahlspezial<br />
Die Welt BLICKT AUF BERLIn<br />
Das Ausland zeigt sich wenig überrascht über den<br />
Wahlausgang. <strong>Cicero</strong> hat Stimmen aus Frankreich,<br />
den USA, Großbritannien und China gesammelt<br />
Frankreich<br />
Die Leiden DER<br />
AnGELA M.<br />
Buhfrau oder Heilsbringerin:<br />
Die Bundeskanzlerin muss nun weitere<br />
vier Jahre als Projektionsfläche für die<br />
Fantasmen der Franzosen herhalten<br />
Arme Angela Merkel! Weitere vier Jahre wird<br />
sie als Projektionsfläche für die absurdesten<br />
germanophoben Fantasmen der Franzosen<br />
dienen! Schon höre ich meine zwischen<br />
zwei widersprüchlichen Gefühlen<br />
hin- und hergerissenen Landsleute.<br />
Auf der einen Seite, und zwar besonders<br />
bei der Elite der Sozialistischen Partei<br />
Frankreichs und manchen Intellektuellen,<br />
ist Angela Merkel die „Kanzlerin der Sparpolitik“,<br />
der „egoistischen Kompromisslosigkeit“;<br />
sie ist diejenige, die die deutschen Interessen<br />
und ihren eigenen Wahlerfolg über<br />
die europäische Solidarität stellt, diejenige,<br />
die die ganze Welt belehrt, diejenige, die in<br />
ihrem Land die Leiharbeit missbraucht und<br />
die gesellschaftliche Spaltung vertieft. Die<br />
arme Kanzlerin: eine monströse Kreuzung<br />
aus Maggie Thatcher, Bismarck und Hitler.<br />
Auf der anderen Seite jedoch ist Angela<br />
Merkel – darin sind sich die Meinungsforscher<br />
einig – die politische Persönlichkeit<br />
in Europa, der die Franzosen die Rettung<br />
des Euro am ehesten zutrauen. Man bewundert<br />
ihre Standfestigkeit, ihre Gelassenheit,<br />
ihr unprätentiöses, fast etwas hausfrauliches<br />
Auftreten. Außerdem, und das ist unsere<br />
Obsession, fragen wir uns: Wie schafft<br />
Deutschland es nur, so gut über die Runden<br />
zu kommen, während die südeuropäischen<br />
Volkswirtschaften wie Kartenhäuser<br />
einstürzen und Frankreich in der ökonomischen<br />
Krise steckenbleibt?<br />
Eine delikate Mischung aus Bewunderung<br />
und Neid, aus Vertrauen und Verdächtigungen.<br />
Als sie bei ihrem Fernsehauftritt<br />
in der Wahlarena gefragt wurde, wie der<br />
ständige Vergleich mit den finsteren Protagonisten<br />
der deutschen Vergangenheit<br />
auf sie wirkt, antwortete sie gleichmütig:<br />
„Ich bin immer zufrieden, dass Leute nicht<br />
ins Gefängnis kommen, wenn sie ihre Meinung<br />
sagen.“ Wird Angela Merkel auch die<br />
nächsten vier Jahre die Geduld aufbringen,<br />
ihr unschuldiges, fast kokettes kleines Lächeln<br />
zur Schau zu tragen, wenn die Franzosen<br />
sich dem „German bashing“ in seiner<br />
primitivsten Form hingeben? Oder wird<br />
sie vor lauter Genervtheit schwach werden<br />
und den Franzosen gegenüber die gleiche<br />
etwas ruppige Gestik an den Tag legen wie<br />
ihr sozialdemokratischer Rivale?<br />
PASCALE HUGUES war Korrespondentin der<br />
Tageszeitung Libération. Seit 1995 schreibt sie<br />
regelmäßig für das Wochenmagazin Point<br />
Übersetzung: Elisabeth Thielicke<br />
Foto: Antje Berghäuser<br />
6
USA<br />
Merkel und<br />
DIE Jugend<br />
Die Kanzlerin hat es verstanden,<br />
junge Menschen zu mobilisieren.<br />
Das könnte die Grundlage für ein<br />
neues politisches Erbgut sein<br />
Schön war es: die vielen fröhlichen jungen<br />
Menschen vom TeAM Angie, die ihrer Kandidatin<br />
zugejubelt haben am Wahlabend<br />
im Konrad-Adenauer-Haus. Engagement,<br />
Enthusiasmus, Hingabe waren da zu sehen.<br />
Wie so viele, mit denen ich in den vergangenen<br />
Wochen überall in Deutschland<br />
sprechen konnte, haben auch diese jungen<br />
Menschen in ihrem bewussten politischen<br />
Leben nur eine Kanzlerin gekannt:<br />
Angela Merkel.<br />
Demoskopen werden uns genau erklären,<br />
wer unter den jungen – 18- bis 30-Jährigen<br />
– wie gewählt hat. Für mich, die ich<br />
Deutschland seit den siebziger Jahren<br />
kenne und an der Berichterstattung über<br />
das wiedervereinigte Neuland eine neue<br />
Freude spüre, ist die jugendliche Unterstützung<br />
für Angela Merkel ein faszinierendes<br />
Phänomen. In den siebziger und achtziger<br />
Jahren hätte eine CDU-Politikerin es schwer<br />
gehabt, erstens überhaupt an die Spitze<br />
des konservativen Männervereins zu gelangen<br />
und zweitens Teens und Twens, die<br />
damals viel eher von den Grünen oder anderen<br />
links stehenden Kräften angetan waren,<br />
mit sich zu ziehen.<br />
Wir wissen: Frau Merkel ist außergewöhnlich.<br />
Eine Pfarrerstochter, geboren in<br />
Hamburg, großgeworden in der DDR, gelernte<br />
Physikerin … Weniges aber ist über<br />
ihre Beziehung zur Jugend geschrieben<br />
worden. Die Frau „Mutti“ (die keine eigenen<br />
Kinder hat) fasziniert die Jugend offensichtlich.<br />
Frisch zurückgekehrt aus dem Urlaub<br />
im August, erschien das erste Interview<br />
mit der Kanzlerin in einer Jugendzeitschrift,<br />
und ihre erste (kurze) Reise führt sie in den<br />
Berliner Bezirk Prenzlauer Berg, um am Jahrestag<br />
des Mauerbaus in einem Gymnasium<br />
eine Geschichtsstunde zu geben.<br />
Im Konrad-Adenauer-Haus hat Angela<br />
Merkel sich also ausdrücklich bei den<br />
jungen Wahlhelfern bedankt. Und die haben<br />
andere mitgebracht – die Mutter von<br />
Anna Tupack etwa, die vor Stolz und Freude<br />
strahlte, dass ihre Tochter mit TeAM Angie<br />
durch ganz Deutschland unterwegs war,<br />
um für die Kanzlerin zu werben. Das habe<br />
der Sache geholfen, findet sie.<br />
Vielleicht hilft es auch, ein politisches<br />
Erbgut für die Bundeskanzlerin zu schaffen.<br />
Inzwischen wird die gelernte Wissenschaftlerin<br />
Merkel ihre Freude woanders an der Jugend<br />
haben: an der Ausbildung und an der<br />
Entwicklung der Forschung, die sie so sichtbar<br />
fasziniert. Selbst bei ihrer oft gehaltenen<br />
Wahlrede waren es häufig die Passagen,<br />
bei denen man auch nach dem 60. Mal<br />
noch Neugierde und Enthusiasmus hören<br />
konnte. Und von den Fotos, die aus dem<br />
Italienurlaub im Frühjahr in der Bild-Zeitung<br />
veröffentlicht wurden, bleibt eins stark in<br />
Erinnerung: wie die Bundeskanzlerin ihrem<br />
Stiefenkelkind etwas erklärt, den Zeigefinger<br />
ausgestreckt.<br />
Angela Merkel weiß eben, wo es lang<br />
geht und hofft, die Jugend mit sich zu ziehen<br />
– in eine bessere Zukunft.<br />
Alison SMALE ist Korrespondentin<br />
der New York Times in Berlin. Zuvor war<br />
sie Chefredakteurin der International<br />
Herald Tribune<br />
Foto: Antje Berghäuser<br />
7
<strong>Cicero</strong><br />
Wahlspezial<br />
Grossbritannien<br />
erleichterung, ABER<br />
keine ZUFRIEDEnHEIT<br />
David Cameron sieht in seiner deutschen<br />
Amtskollegin eine verlässliche Partnerin.<br />
Er sollte sich aber nicht täuschen:<br />
Sie verfolgt ihre eigenen Interessen<br />
Dass Angela Merkel die Wahlen gewonnen –<br />
und so deutlich gewonnen – hat, ist eine<br />
enorme Erleichterung für die britische Regierung.<br />
Denn wenn David Cameron überhaupt<br />
eine europapolitische Strategie besitzt,<br />
dann beruht sie auf einem einzigen<br />
Grundstein: Bundeskanzlerin Angela Merkel.<br />
In einem Gespräch, das ich Anfang dieses<br />
Jahres mit einem der wichtigen Minister<br />
in Camerons Kabinett führte, sagte dieser<br />
mit bemerkenswerter Offenheit: „Merkel<br />
muss gewinnen.“<br />
Die Briten haben das Gefühl, dass man<br />
mit Frau Merkel auskommen kann und dass<br />
es mit ihr möglich ist, den schwierigen und<br />
politisch riskanten Weg zu bewältigen, den<br />
Cameron selbst eingeschlagen hat: die Bedingungen<br />
für die Mitgliedschaft Großbritanniens<br />
in der Europäischen Union neu<br />
zu verhandeln, um danach das von ihm<br />
im Falle eines Wahlsiegs seiner Konservativen<br />
Partei für 2017 in Aussicht gestellte<br />
Referendum über das Verhandlungsergebnis<br />
zu gewinnen.<br />
Dass eine britische Tory-Regierung<br />
heute ihr ganzes Vertrauen auf eine Kanzlerschaft<br />
der CDU setzt, ist eine vollständige<br />
Umkehr der Verhältnisse von vor<br />
20 Jahren, als sich die britische Premierministerin<br />
Margaret Thatcher und Bundeskanzler<br />
Helmut Kohl über Europas Zukunft<br />
stritten. Die Briten sind überzeugt, dass<br />
Merkels Umgang mit der Euro-Krise vor allem<br />
beweist, dass sie eine „Pragmatikerin“<br />
ist – wobei man wissen muss, dass es in der<br />
britischen Politik kein größeres Lob als dieses<br />
gibt. Dass die Chemie zwischen Merkel<br />
und Cameron – im Übrigen auch zwischen<br />
deren Ehepartnern – einfach stimmt, ist<br />
ebenfalls hilfreich.<br />
David Cameron hofft, Angela Merkel<br />
davon überzeugen zu können, dass es ein<br />
enorm wichtiges deutsches Interesse sei,<br />
Großbritannien in der Europäischen Union<br />
zu halten – und dass es sich daher lohnt, einige<br />
Zugeständnisse zu machen, um ihm<br />
zu einem erfolgreichen Referendum zu<br />
verhelfen. Er glaubt, dass einige der Änderungen,<br />
die er anstrebt, ja möglicherweise<br />
auch für Deutschlands Konservative recht<br />
attraktiv sein könnten. Vor allem hofft er,<br />
dass Merkel bereit ist, einer kleinen, aber<br />
symbolträchtigen Rückübertragung einiger<br />
Brüsseler Befugnisse zuzustimmen – dazu<br />
würde auch die Reduzierung der Sozialleistungen<br />
für Migranten innerhalb der Europäischen<br />
Union gehören.<br />
Britische Diplomaten allerdings versuchen,<br />
Cameron von einer wohl etwas realistischeren<br />
Einschätzung zu überzeugen.<br />
Merkels höchste Priorität in der Europapolitik<br />
ist es, den Euro zu retten. Sie wird<br />
gegenüber Großbritannien keinerlei Zugeständnisse<br />
machen, die dieses Ziel gefährden.<br />
David Cameron kann also erleichtert<br />
über Angela Merkels Sieg sein. Grund für<br />
eine Zufriedenheit gibt ihm ihr Wahlsieg jedoch<br />
nicht.<br />
Gideon RACHMAn ist Chefkolumnist für<br />
Außenpolitik bei der Financial Times<br />
Übersetzung: Judith Hart<br />
Foto: Antje Berghäuser<br />
8
China<br />
Wo bleibt DIE DEUTSCHE<br />
VERAntwoRTUng?<br />
Deutschland sollte endlich<br />
weltpolitisch aktiver werden, statt<br />
über Benzinpreise, BND-Bespitzelung<br />
und Beamtenbesoldung zu streiten<br />
„Peer, wer?“ titelte das Nachrichtenmagazin<br />
<strong>Der</strong> Spiegel während des Wahlkampfs –<br />
was durchaus an die Kanzlerin gerichtet<br />
war, die ganz offensichtlich ihren Herausforderer<br />
vornehm überging. Das Motto<br />
„einfach ignorieren“ könnte auch für die<br />
Chinesen gelten, wenn es um Wahlen und<br />
Wahlkampf geht: „Wahl? Welche Wahl?“<br />
Wenn überhaupt, interessieren sich Chinesen<br />
für US-Wahlen mit inszenierten<br />
Helden. Ganz bestimmt aber nicht für die<br />
Feinheiten im deutschen Verhältniswahlsystem<br />
oder für einen Wahlkampf, in dem<br />
Außenpolitik oder China nicht die geringste<br />
Rolle spielten. Angesichts der als provinziell<br />
empfundenen deutschen Wahlen ist dieser<br />
Mangel an Interesse gut nachvollziehbar,<br />
dem Skandal des vom Herausforderer ausgestreckten<br />
Mittelfingers zum Trotz.<br />
Was aber nicht heißt, dass die Chinesen<br />
den Deutschen oder Deutschland keinen<br />
Respekt zollen würden. Längst sind „benchi“<br />
(„Galopp“ für Mercedes) und „baoma“<br />
(„Schatzross“ für BMW) Teil des allgemeinen<br />
Sprachgebrauchs. Und Angela Merkel<br />
eine durchaus bekannte politische Größe.<br />
Gerne erzählt man sich, wie Europas eiserne<br />
Lady beim Besuch einer Fabrikkantine<br />
in Nanjing darauf bestand, das Gleiche<br />
zu essen wie die Arbeiter und sich wie<br />
alle anderen in die Schlange an der Kasse zu<br />
stellen. Als ihr das Bestellte auf den Boden<br />
fiel, bückte sie sich, hob es auf und legte es<br />
wieder auf ihr Tablett. Die Botschaft kam<br />
bei den Chinesen an: Schaut, wie volksnah<br />
und bescheiden eine demokratische Politikerin<br />
ist! Anders als die KP-Kader, die im<br />
rasenden „Galopp“ und „Schatzross“ mit<br />
Geld und Macht prahlen.<br />
Während kaum jemand in China Peer<br />
Steinbrück kennt, ist „lao pengyou“ (alter<br />
Freund) Ex-Kanzler Gerhard Schröder<br />
im Bewusstsein immer noch präsent. War<br />
er es doch, der deutsche Technologien<br />
mitbrachte, damit sich deutsche Firmen<br />
eine goldene Nase verdienen. Chinas ehemaliger<br />
Botschafter in Berlin, Lu Qiutian,<br />
aber moniert: Schröder habe versprochen,<br />
China als Marktwirtschaft anzuerkennen,<br />
das EU-Waffenembargo aufzuheben und<br />
mit Peking, Moskau und Paris der US-Vormacht<br />
Paroli zu bieten. Nichts davon wurde<br />
eingelöst. Stattdessen dankte Schröder ab<br />
und half Gazprom, China mit sibirischem Öl<br />
jahrelang zu gängeln.<br />
Was erwartet man in China nun von der<br />
Wahlsiegerin? Das offizielle China schweigt.<br />
Eine chinesische Bloggerin mit dem Nickname<br />
„Wind weht durchs Tal“ formulierte<br />
ihre Erwartungen noch vor dem Wahlausgang<br />
so: „Mich wundert, dass sich Merkel<br />
und Steinbrück beim Fernsehduell über Benzinpreise,<br />
Beamtensold und BND-Bespitzelung<br />
zanken. Haben die nichts global Wichtigeres<br />
zu tun, Syrienkrieg, Ägyptens Chaos,<br />
Spannung in Ostasien?“ Will heißen: Wird<br />
Deutschland Verantwortung übernehmen,<br />
die übers Geldscheffeln und ein bescheidenes<br />
Auftreten einzelner Politiker hinausgeht?<br />
Etwa klar Farbe bekennen zur Zivilgesellschaft<br />
in China?<br />
Shi Ming arbeitete als Journalist für<br />
den chinesischen Staatsrundfunk.<br />
Heute lebt er als freier Journalist und<br />
Publizist in Deutschland<br />
Foto: Antje Berghäuser<br />
9
<strong>Cicero</strong><br />
Wahlspezial<br />
<strong>Der</strong> ZWÖLFTE Stern<br />
Das Ehrenamt des Alterspräsidenten gönnt Wolfgang Schäuble seinem<br />
Parteifreund Heinz Riesenhuber. Er hat als Dienstältester bald alle überflügelt<br />
Von HARTMUT PALMER<br />
Joseph Kürschners „Volkshandbuch<br />
Deutscher Bundestag“ mit<br />
den Porträts und Kurzbiografien<br />
der Volksvertreter ist der Michelin<br />
des politischen Sitz-Adels. Denn<br />
hier werden auch Sterne vergeben –<br />
einer pro Legislaturperiode. Und weil<br />
Wolfgang Schäuble seit 1972 dabei ist,<br />
hat er am Wahlsonntag seinen zwölften<br />
Stern geholt. Er steht im „Kürschner“<br />
auf Platz eins.<br />
„Erschter bin ich nur gemessen<br />
an der Zahl der Legislaturperioden“,<br />
versuchte der Badener am Wahlabend<br />
sein Rekordergebnis zu relativieren.<br />
<strong>Der</strong> „Dienstälteste“ sei er aber<br />
noch nicht. Dabei hat er am Abend<br />
des Merkel-Triumphs nahezu alles<br />
überflügelt, was früher parlamentarisches<br />
Urgestein genannt wurde:<br />
Konrad Adenauer und Willy Brandt,<br />
Herbert Wehner und Helmut Kohl.<br />
Nur Richard Stücklen, der Erfinder<br />
der Postleitzahl, der 41 Jahre, fünf<br />
Monate und 13 Tage Abgeordneter<br />
war, liegt noch vor ihm. Ihn aber wird<br />
Schäuble, der am 20. Dezember 1972<br />
erstmals im Bonner Bundeshaus Platz<br />
nehmen durfte, am 1. Juni 2014 endgültig<br />
auf Platz zwei verweisen.<br />
„Ich muss das also noch ’ne Weile<br />
machen“, knurrt der Bundesfinanzminister<br />
und rollt zum Büffet in der<br />
Landesvertretung Baden-Württemberg.<br />
Maultaschen mit Kartoffelsalat,<br />
danach steht ihm jetzt der Sinn.<br />
Heinz Riesenhuber hat nur elf<br />
Sterne, aber er ist mit seinen bald<br />
78 Jahren der älteste Volksvertreter<br />
des neuen Bundestags und darf<br />
deshalb die feierliche Eröffnungssitzung<br />
leiten. Das Ergebnis war absehbar.<br />
Trotzdem musste der CDU‐Mann<br />
aus Hessen ein paar Stunden warten,<br />
ehe er es amtlich hatte. Denn bei ihm<br />
hatten die Wahlhelfer doppelt und<br />
dreifach zu tun: Bundestagswahl und<br />
Landtagswahl standen auf dem Programm,<br />
dazu in seinem Wahlkreis<br />
Main-Taunus noch eine Bürgermeisterwahl.<br />
Erst um 21.30 Uhr konnte<br />
er sich freuen: „Alterspräsident zu<br />
werden, das ist doch eigentlich eine<br />
freundliche Entscheidung des Schicksals,<br />
der man gerne folgt.“<br />
Dabei ist „Alterspräsident“ das<br />
einflussärmste parlamentarische Amt,<br />
das diese Republik zu vergeben hat. Es<br />
erfordert kein Sitzfleisch, sondern nur<br />
ein langes Leben. Man strebt es nicht<br />
an, es fällt einem zu. Alterspräsident<br />
wird „das an Jahren älteste oder,<br />
wenn es ablehnt, das nächstälteste<br />
Mitglied“ des Deutschen Bundestags,<br />
wie es in dessen Geschäftsordnung<br />
heißt. Seine Befugnisse beschränken<br />
sich darauf, die konstituierende Sitzung<br />
des Bundestags bis zur Wahl eines<br />
neuen Präsidenten zu leiten. Sein<br />
einziges „Machtinstrument“ ist die<br />
Glocke. <strong>Der</strong> Alterspräsident hat nichts<br />
zu sagen. Er muss nur eine Rede halten.<br />
Er behält den Titel zwar für volle<br />
vier Jahre. Aber länger als eine Stunde<br />
amtiert er selten.<br />
Das wäre nichts für Wolfgang<br />
Schäuble. <strong>Der</strong> Bundesminister der Finanzen<br />
möchte nicht nur reden, sondern<br />
weiterhin etwas zu sagen haben<br />
in der deutschen Politik. Nicht<br />
nur die Glocke schwingen und das<br />
Wort erteilen, sondern mit entscheiden.<br />
Bundeskanzler wollte er einmal<br />
werden und wurde es nicht. Parteivorsitzender<br />
war er nach dem Abgang<br />
Helmut Kohls nur kurz, bis auch<br />
er in die Parteispendenaffäre geriet<br />
und Angela Merkel an sich vorbeiziehen<br />
lassen musste. Bundespräsident<br />
wäre er – jedenfalls eine Zeitlang<br />
– ganz gern geworden. Aber<br />
Merkel zog Horst Köhler vor und als<br />
der zurücktrat Christian Wulff. Und<br />
nun Alters präsident? „Ehrlich gesagt,<br />
ich bin froh, dass ich nicht der älteste<br />
Bundestagsabgeordnete bin.“<br />
10
Fotos: Arne Dedert/Picture Alliance/dpa [M], Henning Schacht/Action Press [M]<br />
Man glaubt es ihm, so wie man<br />
es früher Konrad Adenauer glaubte.<br />
<strong>Der</strong> war fast immer Alterspräsident,<br />
aber ließ andere reden. Zweimal<br />
Marie-Elisabeth Lüders und einmal<br />
seinen Freund, den Bankier Robert<br />
Pferdmenges. Erst 1965, als er nicht<br />
mehr Kanzler, sondern „nur“ noch<br />
Abgeordneter war, eröffnete er am<br />
19. Oktober um 16.01 Uhr im Bonner<br />
Bundeshaus die Sitzung und schaffte<br />
es innerhalb kürzester Zeit, die Regularien<br />
abzuwickeln. Seine „programmatische<br />
Rede“ – die kürzeste,<br />
die überhaupt je von einem Alterspräsidenten<br />
gehalten wurde – beschränkte<br />
sich auf die Feststellung:<br />
„Wir werden aller menschlichen Voraussicht<br />
nach während der nächsten<br />
vier Jahre schweren Zeiten entgegengehen.“<br />
Die längste hielt 1980 Herbert<br />
Wehner, der aber nur aus früheren<br />
Eröffnungsreden zitierte.<br />
Das Ritual der Konstituierung<br />
folgt einem ungeschriebenen Gesetz.<br />
Bevor er die Sitzung eröffnen darf,<br />
muss der amtierende Alterspräsident<br />
sein Geburtsdatum nennen und offiziell<br />
fragen, ob ältere Abgeordnete<br />
anwesend sind. Häufig geht es dabei<br />
lustig zu. So erzeugte Heinz Riesenhuber,<br />
als er 2009 zum ersten Mal<br />
amtierte, große Heiterkeit, weil er<br />
die Altersfrage wie ein Pastor vor<br />
dem Traualtar formulierte: „Wenn<br />
jemand von den Kollegen im Saal älter<br />
ist als ich, dann spreche er jetzt<br />
oder er schweige für immer.“<br />
Auch Brandt löste Gelächter aus,<br />
als er 1990 „der guten Ordnung halber“<br />
fragte, ob jemand da sei, der<br />
vor dem 18. Dezember 1913 geboren<br />
wurde. Und fortfuhr: „Das scheint<br />
keiner zugeben zu wollen oder zu<br />
können.“ Adenauer, der 1965 fragte,<br />
„ob ein älteres Mitglied – Dame oder<br />
Herr – da ist“, gab anschließend unter<br />
großem Gelächter und Beifall zu Protokoll:<br />
„Ich stelle fest, dass ich ganz offenbar<br />
einzig bin.“ Otto Schily wollte<br />
wissen, „ob ein Mitglied des Hauses<br />
unter uns ist, der mich an Alter übertrifft?“<br />
– Betonung auf „an Alter“.<br />
Immerhin: Man steht kurz im<br />
Rampenlicht. Und deshalb gab es immer<br />
wieder Politiker, die es danach<br />
gelüstete. Alfred Dregger hätte nur<br />
zu gern 1998 den Alterspräsidenten<br />
gegeben. Er wollte unbedingt gegen<br />
die Wehrmachtsausstellung wettern,<br />
durch die er die Ehre des<br />
deutschen Wehrmachtssoldaten<br />
beschmutzt sah. Die CDU aber<br />
stellte ihn nicht mehr auf.<br />
Es gab viele berühmte<br />
Alterspräsidenten. Den Anfang<br />
machte 1949 der Sozialdemokrat<br />
Paul Löbe, gefolgt<br />
von der Frauenrechtlerin Marie-Elisabeth<br />
Lüders. Beide<br />
sind heute noch als Namensgeber<br />
von Parlamentsgebäuden<br />
in Berlin verewigt. Drei<br />
ehemalige Bundeskanzler<br />
(Adenauer, Ludwig Erhard<br />
und Brandt) amtierten,<br />
aber auch der DDR-<br />
Spion William Borm,<br />
der Schriftsteller Stefan<br />
Heym, ein ehemaliger<br />
RAF-Advokat<br />
(Schily) und zuletzt<br />
der Chemiker Riesenhuber,<br />
dessen Markenzeichen die<br />
Fliege ist.<br />
Er gab schon vor vier Jahren unumwunden<br />
zu Protokoll, warum es<br />
ihn so sehr reizt, dieses kleine Ehrenamt<br />
auszuüben: „Die besondere<br />
Gnade dieses Moments ist, dass man<br />
sagen darf, was man schon immer sagen<br />
wollte.“<br />
Hartmut PALMER ist politischer<br />
Chefkorrespondent von <strong>Cicero</strong><br />
11
<strong>Cicero</strong><br />
Wahlspezial<br />
Uda toppt<br />
AnGELA<br />
Was bedeutet Merkels Triumph für ihre Partei?<br />
Sekt, Umarmungen, Liebe. Unterwegs mit der<br />
CDU‐Abgeordneten Uda Heller, die dank der Kanzlerin<br />
im Wahlkreis 074 Mansfeld Rache nehmen konnte<br />
Von ConSTAntin Magnis<br />
Fotos Kiên Hoàng Lê<br />
12
13<br />
Mansfelder Traumduo.<br />
Ein Bild in Hellers Wohnung<br />
zeigt sie mit der Kanzlerin
<strong>Cicero</strong><br />
Wahlspezial<br />
Nicht, dass Uda Heller rachsüchtig<br />
wäre, aber eine Revanche<br />
an diesem Sonntag<br />
täte schon gut. Ein letzter Kaffee,<br />
jetzt kann sie los. Die 65-Jährige<br />
trägt beerenrote Haarspitzen, kunstvoll<br />
getönt vom 40 Kilometer entfernten<br />
Friseur ihres Vertrauens, das<br />
Brillengestell ist farblich darauf abgestimmt,<br />
genau wie der Lippenstift,<br />
den sie schnell noch einmal nachzieht.<br />
Neben dem Spiegel hängt ein<br />
Foto der Kanzlerin, der Blick wirkt<br />
aufmunternd.<br />
An Uda Hellers Tag kann man<br />
sehen, wie der große Sieg der Angela<br />
Merkel im Kleinen wirkt, wie<br />
ihr Erfolg Zitterpartien in Triumphe<br />
verwandelt hat. <strong>Der</strong> Erfolg Angela<br />
Wahlmobil und<br />
vietnamesisches Vollmondfest.<br />
Uda Heller kämpft noch am<br />
Wahlsonntag<br />
um jede Stimme<br />
Merkels hat 311 Abgeordneten von<br />
CDU und CSU geholfen, Uda Heller<br />
in Sachsen-Anhalt ist eine davon.<br />
Eigentlich hatte Heller die Nase<br />
voll von der Politik. Zwölf Jahre war<br />
sie CDU-Vize in Sachsen-Anhalt, sieben<br />
Jahre saß sie im Bundestag, zuletzt<br />
als Chefin der Landesgruppe.<br />
Ihr Wiedereinzug 2009 war für sie<br />
so sicher, dass sie nicht einmal ihren<br />
Schreibtisch in Berlin aufräumte.<br />
Aber dann schnappte ihr Harald Koch<br />
von der Linken das Direktmandat vor<br />
der Nase weg. Am nächsten Tag – die<br />
Zeitung hatte sie schon als Bundestagsmitglied<br />
vorgestellt – reichten<br />
die Zweitstimmen nicht mal für ihren<br />
vermeintlich sicheren zweiten Listenplatz.<br />
Von der Partei bekam sie einen<br />
Blumenstrauß. Das war’s.<br />
Schließlich packte sie doch der<br />
Stolz. Sie kandidierte wieder. Diesmal<br />
ohne vorderen Listenplatz. Sie<br />
wollte dem alten Gegner von der<br />
Linken das Direktmandat wieder<br />
abjagen. Heller und ihr Mann Axel<br />
funktionierten ein Wohnmobil zum<br />
„Wahlmobil“ um und fuhren im Südharz<br />
jeden Winkel ab: den Wahlkreis<br />
Mansfeld, der mit fast 14 Prozent den<br />
deutschen Arbeitslosenrekord hält.<br />
Schulen und Fachkräfte werden weniger,<br />
die Wölfe werden mehr.<br />
Sonntag, 11.30 Uhr. Vor dem<br />
Wahllokal begegnet sie den ersten<br />
Nachbarn. „Ah, hallo“, rufen die<br />
nervös. Heller kennt das schon. Vor<br />
Wahlen werden die Leute ihr gegenüber<br />
komisch. Besonders die, vermutet<br />
Heller, die sie nicht wählen.<br />
Sie betritt das Wahllokal und<br />
macht ihr Kreuz. Eine der Stimmen,<br />
die über ihre nächsten vier Jahre<br />
entscheiden. „Entweder habe ich<br />
ab morgen sehr viel Zeit, oder gar<br />
keine mehr. Beides schön!“, ruft sie<br />
den Umstehenden zu. Flyer zu verteilen<br />
bringt heute nichts mehr, glaubt<br />
Heller. Aber mit dem Wahlmobil repräsentieren,<br />
das will sie schon. Das<br />
Ehepaar Heller thront auf den Cockpitsesseln<br />
dieses Gefährts und kurvt<br />
an Buchenhainen vorbei. Bei der letzten<br />
Auflage ihrer Plakate ging etwas<br />
schief: Das Papier ist ausgebleicht,<br />
die Kandidatin sieht darauf ungesund<br />
aus, die Haut wirkt leichenblau.<br />
„Immerhin sprechen die Leute über<br />
das Plakat“, sagt Herr Heller.<br />
Uda Heller besucht das Fest eines<br />
vietnamesischen Kulturvereins<br />
und schlendert grüßend über das<br />
Querfurter Weinfest. Dann ruft aus<br />
Sri Lanka ein Freund der Familie an.<br />
„Wir fiebern schon!“, sagt Uda Heller.<br />
14
15<br />
Ihr Enkel ist Zeuge:<br />
Uda Heller wählt<br />
Angela Merkel und sich
<strong>Cicero</strong><br />
Wahlspezial<br />
Was kann schöner sein<br />
als Politik? Die Siegreiche<br />
mit ihrem Mann Axel<br />
16
„Ach?! … Du hast für uns gebetet?! …<br />
Im Tempel!? … Das ist aber lieb von<br />
Dir … Ja, ich sag dir heute Nacht, wie<br />
es gelaufen ist!“<br />
18.00 Uhr, Kreisverwaltung Sangerhausen.<br />
Hier laufen alle Zahlen<br />
zusammen. Heller sieht den CDU-<br />
Wert. „33,5 Prozent!“, ruft sie, ihre<br />
Stimme klingt ganz hoch vor Sorge.<br />
„Ohne die CSU!“, beruhigt sie ein<br />
Kollege. Heller atmet auf, der Mann<br />
bringt ihr ein Wasser auf den Schreck.<br />
Bald sind erste Orte ausgezählt. Ihlewitz:<br />
Heller 71 Prozent, der Linke<br />
Koch 14. Uda Heller kichert nervös.<br />
Friedeburgerhütte: Heller 48 Prozent,<br />
Koch 20 Prozent. Ritzgerode: Heller<br />
53 Prozent, Koch 9 Prozent. Hellers<br />
Wangen sind jetzt gerötet, sie schüttelt<br />
ungläubig den Kopf. „Keine voreilige<br />
Freude“, sagt sie. Doch es geht<br />
so weiter. Zwischen dem lila Balken<br />
der Linken und dem roten der SPD<br />
ragt Hellers schwarzer Sieg hervor.<br />
Harald Koch hat leise den Raum betreten<br />
und starrt auf die Ergebnisse.<br />
„Erstmal die großen Städte abwarten“,<br />
brummelt er. Aber aus Hellers<br />
verschämtem Lächeln ist ein Grinsen<br />
geworden. Im Minutentakt funken<br />
Ortsvorsitzende Erfolgsmeldungen<br />
durch. „Ich glaube, Frau Heller“,<br />
sagt der Mann von der Lokalzeitung,<br />
„ich kann ihr Porträt diesmal auf der<br />
Auf der Merkel-Welle:<br />
In Sachsen-Anhalt hat<br />
die CDU erstmals alle<br />
Direktmandate gewonnen<br />
Sie macht sich auf den Weg zu<br />
ihrem jubelnden Kreisverband. „Ich<br />
bedanke mich für die Vorschusslorbeeren,<br />
aber bitte, wir werden<br />
noch sehen“, sagt sie vorsichtig. Um<br />
20.20 Uhr lässt sie die Skepsis fallen.<br />
Sie nimmt ihren Mann in den Arm.<br />
Zum Schluss erntet sie 41,9 Prozent<br />
der Stimmen. Sie liegt 0,7 <strong>Punk</strong>te<br />
über dem CDU-Zweitstimmenergebnis<br />
im Kreis, und die Zweitstimme,<br />
das ist ja die Merkel-Stimme. Uda<br />
toppt sogar Angela. Das würde sie natürlich<br />
niemals sagen, sie weiß, was<br />
<strong>Der</strong> Kanzlerin ist Heller im<br />
Wahlkampf begegnet. Das war in<br />
Wernigerode, Heller saß nur im Publikum.<br />
Aber Merkel erkannte sie. Sie<br />
holte Heller nach vorne, wünschte ihr<br />
Glück und sagte: „Hoffentlich haben<br />
Sie nicht wieder so viel Pech wie beim<br />
letzten Mal.“ Hat Heller nicht, im<br />
Gegenteil. Die Kandidatin – und mit<br />
ihr die ganze CDU – ist von Angela<br />
Merkel in nie geahnte Höhen gezogen<br />
worden. Allein Sachsen-Anhalt:<br />
Erstmals seit der Wende gewann die<br />
CDU hier alle neun Direktmandate.<br />
Heller bekommt jetzt Blumen,<br />
Umarmungen, Sekt, Liebe. Sie geht<br />
nicht mehr, sie tänzelt, und schnipst<br />
mit den Fingern. „Natürlich war das<br />
auch der Merkel-Bonus“, sagt sie. Für<br />
die Region sei Merkels internationales<br />
Krisenmanagement entscheidend.<br />
„Gerade im Osten suchen die Leute Sicherheit<br />
und Führung. Wir haben früher<br />
von der Parteiführung gesagt bekommen,<br />
wo es langgeht.“ In Merkel,<br />
denkt Heller, finden die Menschen<br />
Orientierung.<br />
Hellers Familie ist eingetrudelt,<br />
die fünfjährige Enkelin steigt ihr<br />
auf den Schoß. „Bist du jetzt auserwählt,<br />
Oma?“, fragt sie. „Ja“, sagt<br />
Uda Heller.<br />
Constantin Magnis ist<br />
RedWorks Düsseldorf<br />
Eins lassen.“<br />
/ ERDGAS / INNOVATION_Sozialverträgliche<br />
sie<br />
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Merkel<br />
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<strong>Cicero</strong><br />
Wahlspezial<br />
Wahlkreise – BEST Of<br />
In Merkels Revier schafft die FDP 0,8 Prozent,<br />
in Essen geht es um drei Stimmen Vorsprung –<br />
und der Assistent vom „Alten“ kommt ins Parlament<br />
18
015<br />
291<br />
Vorpommern – rÜGeN –<br />
VorPOMMern – GreIFSWald I<br />
Merkels Revier<br />
Große Kanzlerin? In der Datei des<br />
Bundeswahlleiters steht für den Wahlkreis<br />
015 sehr nüchtern: „Gewählt:<br />
Dr. Angela Dorothea Merkel – CDU“.<br />
Dabei ist auch ihr Wahlkreisergebnis<br />
bemerkenswert: 56,2 Merkel-Prozent,<br />
ein Plus von fast 10 <strong>Punk</strong>ten. Danach<br />
kommt lange nichts, dann mit 19 Prozent<br />
die Linken-Kandidatin. Hübsch: Die<br />
FDP liegt in Merkels Revier bei 0,8 Prozent<br />
der Erststimmen. Und Steinbrück?<br />
Verlor in Mettmann I mit 34,6 zu 49,5<br />
gegen Michaela Noll von der CDU. löw<br />
Ulm<br />
SchavaNS rÜcKSPIel<br />
Die CDU-Politikerin Annette Schavan<br />
hat dieses Jahr zwei wichtige Abstimmungen<br />
hinter sich. Die erste, im Rat<br />
der Philosophischen Fakultät der<br />
Universität Düsseldorf, verlor sie im<br />
Februar mit 2 zu 12. Ihr Doktor wurde<br />
nach 33 Jahren als Plagiat aberkannt,<br />
sie trat als Bildungsministerin zurück.<br />
Die zweite Abstimmung ging anders<br />
aus. Den Wahlkreis Ulm gewann sie mit<br />
sehr eindeutigen 52 Prozent, 9 <strong>Punk</strong>te<br />
mehr als 2009. „Ich bin glücklich“,<br />
sagte Schavan. Gegen Volkes Wille<br />
sind Plagiatsjäger machtlos. löw<br />
083<br />
Berlin -FriedrichshaIN -Kreuzberg–<br />
PreNZlauer Berg Ost<br />
Berlin wählt, als hätte SIch seit<br />
1990 NIchts geändert<br />
Nordrhein-<br />
Westfalens SPD<br />
hatte Karl<br />
Lauterbach nicht<br />
abgesichert. Aber<br />
der Professor<br />
erkämpfte sich<br />
ein Mandat<br />
Illustrationen: Miriam Migliazzi & Mart Klein<br />
186<br />
Darmstadt<br />
<strong>Der</strong> aSSI VOM Alten: eIN Bayer<br />
zieht über Hessen nach Berlin<br />
Charles M. Huber von der CDU hat<br />
Brigitte Zypries, die frühere Justizministerin<br />
von der SPD, in diesem<br />
schon 2009 sehr engen Wahlkreis<br />
nicht geschlagen: Zypries holte mit<br />
37,3 Prozent das Direktmandat vor<br />
Huber (35,9 Prozent). Aber wer ihn<br />
nach der Wahl anrief, sprach mit<br />
einem blendend gelaunten Mann, der<br />
sagte: „Das ist mir wirklich egal.“ Sein<br />
Frohsinn erklärt sich mit dem Ergebnis<br />
seiner Partei. Die Union verbesserte<br />
sich in Hessen um 7 Prozentpunkte. So<br />
zieht der Münchner Schauspieler Huber,<br />
den man aus der Krimireihe „<strong>Der</strong> Alte“<br />
kennt und der sich um das Mandat in<br />
Darmstadt bewarb, nachdem sein<br />
Casting bei der CSU gescheitert war,<br />
vom wackligen Listenplatz 19 aus in<br />
den Bundestag ein. Dort will er sich in<br />
die Wirtschaftspolitik einbringen. „Mir<br />
tut es leid für die FDP“, sagt er. „Die<br />
haben gute Leute, den Bahr oder den<br />
Lindner.“ Für Huber persönlich ist deren<br />
schlechtes Ergebnis eher von Vorteil. kr<br />
Die Wahlergebniskarten zeigen ein<br />
schwarzes Land. Deutschlands Südhälfte<br />
hat nur zwei kleine rote Flecken,<br />
Kaiserslautern und Darmstadt. Und<br />
auch der Osten hat kaum noch Farbe;<br />
er scheint sich mit Angela Merkel<br />
angefreundet zu haben. Ausnahmen?<br />
Frank-Walter Steinmeier hat seinen<br />
brandenburgischen Wahlkreis für die<br />
SPD gewonnen. Und der Sonderfall<br />
Berlin. Dort wird fast so gewählt, als<br />
sei seit 1990 politisch nichts groß passiert.<br />
Die Hauptstadt lässt sich heute<br />
in drei Zonen unterteilen: in den West-<br />
Teil – hier haben die CDU-Direktkandidaten<br />
gewonnen. In den Ost-Teil – da<br />
holten die Kandidaten der Linkspartei<br />
die Mandate. Und in einen geografisch<br />
nicht eindeutig zuzuordnenden<br />
Streifen im Zentrum: In Berlin-Mitte<br />
( einst Ost ) und Neukölln ( einst West )<br />
gewannen die SPD-Bewerber. Friedrichshain-Kreuzberg<br />
sticht heraus:<br />
<strong>Der</strong> 74-jährige Hans-Christian Ströbele,<br />
dessen Plakate im Wahlkampf mit<br />
Fotos von Johannes Heesters überklebt<br />
worden waren, holte hier traditionsgemäß<br />
mit 39,9 Prozent das bundesweit<br />
einzige grüne Direktmandat. Er hat<br />
allerdings Stimmen verloren. Und mit<br />
der Zweitstimme wählte sein Wahlkreis<br />
erstmals mehrheitlich links. kr<br />
101<br />
Leverkusen – Köln IV<br />
PolITIK STaTT ProfeSSUr<br />
Es fehlte nicht viel, und die Welt des<br />
Karl Lauterbach wäre wieder eine völlig<br />
andere geworden. Er hätte vielleicht<br />
wieder eine Professur übernommen.<br />
Dinge wie die evidenzbasierte Diagnostik<br />
des Diabetes mellitus hätten<br />
ihre Bedeutung zurückgewonnen, und<br />
Lauterbach hätte in Ruhe Fallstudien<br />
im New England Journal of Medicine<br />
studieren können statt jeden Käse auf<br />
Spiegel Online zu kommentieren. Aber<br />
andererseits fasziniert den Sozialdemokraten<br />
ja die eitle, schnelle Welt<br />
der Berliner Politik, in der es um die<br />
Macht geht. Und in der bleibt er. 2971<br />
Erststimmen gaben den Ausschlag<br />
für seinen Wahlkreiserfolg gegen den<br />
CDU-Mann Helmut Nowak. Über die<br />
Landesliste war der Sozialdemokrat<br />
nicht abgesichert. Direktmandate sind<br />
in der SPD rar geworden. So verleiht<br />
der Sieg dem Gesundheitspolitiker<br />
Gewicht in der Partei, in der Fraktion,<br />
in Koalitionsgesprächen, in Fragen der<br />
Besetzung eines schwarz-roten Kabinetts.<br />
Professor? Vergiss es! löw<br />
19
<strong>Cicero</strong><br />
Wahlspezial<br />
064 048 028<br />
Cottbus – Spree -NeISSe<br />
Das rote Brandenburg SIeht<br />
ziemlich schwarz aus<br />
Hildesheim<br />
Was Eckart VON Klaeden<br />
nicht geschaFFT hat<br />
DelmenhorST – Wesermarsch –<br />
Oldenburg-Land<br />
Die PutenköNIGIN IST ZUrück<br />
Wolfgang Neskovic trat Ende 2012 aus<br />
der Bundestagsfraktion der Linken aus.<br />
Nun bekam er als parteiloser Direktkandidat<br />
9999 Stimmen, 8 Prozent.<br />
Das Mandat ging an Klaus-Peter<br />
Schulze von der CDU. Ob Neskovics<br />
Stimmen den Ausschlag gaben? Nein,<br />
sein Vorsprung war deutlich. Neskovic<br />
sagt: „Er hat von Merkel profitiert.“<br />
So wird es sein. Das rote Brandenburg<br />
sieht recht schwarz aus. Und Neskovic?<br />
Er sagt, er habe keinen Plan B.<br />
Nur eines ist klar: nie wieder Partei. kr<br />
Bonn<br />
Die FDP verliert deutlich,<br />
aber die SPD geWINNT trOTZdem<br />
Wenn man die Erststimmverteilung<br />
bei der Bundestagswahl 2013 mit<br />
wenigen Worten zusammenfassen<br />
müsste, dann so: Direktmandate, um<br />
die 2009 SPD und CDU rangen, gingen<br />
diesmal tendenziell an die Union –<br />
schon weil die FDP bei der Erststimme<br />
abschmierte. Bonn ist eine Ausnahme.<br />
Keine Ausnahme ist der Wahlkreis<br />
zunächst, was dieses Abschmieren<br />
der FDP betrifft. Direktkandidat Guido<br />
Westerwelle, der amtierende Außenminister,<br />
der 2009 für die Liberalen<br />
als Spitzenkandidat angetreten war<br />
und damals noch außergewöhnliche<br />
19,1 Prozent der Erststimmen bekommen<br />
hatte, verlor nun zweistellig und<br />
landete unsanft bei knapp 6 Prozent.<br />
Die CDU allerdings, und das macht<br />
Bonn zur Ausnahme, hat trotzdem<br />
nicht gewonnen. Das Direktmandat<br />
geht wieder an Ulrich Kelber von<br />
der SPD. Er dürfte davon profitiert<br />
haben, dass die Grünen in den letzten<br />
Wochen des Wahlkampfs eingebrochen<br />
sind. Kelbers Ergebnis ist mit<br />
38,2 zu 37,5 Prozent knapp, er hat<br />
gut 1000 Stimmen Vorsprung vor der<br />
CDU-Bewerberin Claudia Lücking-<br />
Michel. Die hat zwar – wie Kelber –<br />
für ihre Partei im Vergleich zu 2009<br />
Stimmen gewonnen. Aber nicht im<br />
Umfang, in dem die FDP verloren<br />
hat. kr<br />
Hätte man der Bankfachwirtin Ute<br />
Bertram im Frühling gesagt, dass sie<br />
im September direkt in den Bundestag<br />
einziehen würde, hätte sie wenig Anlass<br />
gehabt, das zu glauben: <strong>Der</strong> bisherige<br />
Direktkandidat ihrer CDU, Eckart von<br />
Klaeden, war immerhin Staatsminister<br />
der Bundeskanzlerin und saß im Wahlkreis<br />
fest im Sattel. Dann aber verkündete<br />
er kurz vor Beginn des Wahlkampfs<br />
seinen Ausstieg aus der Politik;<br />
er wird Autolobbyist. Ute Bertram, die<br />
erst 2006 in die CDU eingetreten war,<br />
rückte nach. Die Wähler scheint der<br />
denkwürdige Vorgang nicht gestört zu<br />
haben, sie dankten den Personalwechsel<br />
mit einem verbesserten Ergebnis für<br />
die Union. Anders als ihr Vorgänger, der<br />
über die Liste ins Parlament eingezogen<br />
war, holte Bertram sogar knapp (42,3<br />
zu 41,3 Prozent) das Direktmandat. In<br />
einem Wahlkreis, der seit 1969 SPD-dominiert<br />
war. kr<br />
096 258<br />
In Stuttgart ließen<br />
sich die Wähler<br />
nicht auf die<br />
rot-grüne<br />
Absprache ein.<br />
Zweimal gewann<br />
die CDU<br />
Als die CDU noch Niedersachsen<br />
regierte, war Astrid Grotelüschen<br />
Ministerin für Ernährung, Landwirtschaft<br />
– und Tierschutz. Weil das mit<br />
Grotelüschens Familienbetrieb, der<br />
großen Mastputenbrüterei in Ahlhorn,<br />
nicht so richtig zusammenpasste,<br />
musste sie nach sechs Monaten<br />
zurücktreten. Nun kehrt die 48 Jahre<br />
alte Agrarierin in die Politik zurück.<br />
Ihren Wahlkreis eroberte sie mit nur<br />
695 Stimmen Vorsprung vor der Polizistin<br />
Susanne Mittag von der SPD. löw<br />
Stuttgart I<br />
Özdemirs OperaTION STIMMVIeh<br />
scheITert<br />
Er hatte sich das so schön vorgestellt:<br />
Cem Özdemir, der zweite direkt<br />
gewählte Grüne im Bundestag nach<br />
dem ewigen Ströbele – kann man mehr<br />
Schwung nach Berlin mitnehmen? Aber<br />
dann steht der Parteichef auf der Wahlparty<br />
in Berlin und erklärt etwas lahm,<br />
dass wenigstens eine Merkel-<br />
Alleinregierung verhindert worden und<br />
die FDP draußen sei. Weil das etwas wenig<br />
ist, ruft er noch: „Wir sind die Partei<br />
des Jahrhundertprojekts Ökologie!“<br />
Nicht nur seine Partei hat eine Klatsche<br />
bekommen. Özdemir holte im Wahlkreis<br />
Stuttgart I nur 27 Prozent und verlor<br />
damit klar gegen Stefan Kaufmann<br />
von der CDU, der 42 Prozent erreichte.<br />
Das Ergebnis zeigt: Direktmandate<br />
lassen sich nicht so einfach auskungeln.<br />
Zwölf Tage vor der Wahl schlossen die<br />
Kreischefs von SPD und Grünen einen<br />
Pakt, damit „die Erststimme möglichst<br />
effektiv eingesetzt werden kann“. Die<br />
SPD-Anhänger sollten in Stuttgart I<br />
nicht für Ute Vogt stimmen, sondern<br />
für Özdemir. Dafür helfen die Grünen<br />
in Stuttgart II dem SPD-Kandidaten.<br />
Aber die Wähler wollten kein braves<br />
Stimmvieh sein, das je nach Anweisung<br />
für Rote oder Grüne muht. Vogt bekam<br />
16,6 Prozent, mit ihren Stimmen hätte<br />
es für Özdemirs Triumph gereicht. Auch<br />
im zweiten Stuttgarter Wahlkreis siegte<br />
die CDU. löw<br />
Illustrationen: Miriam Migliazzi & Mart Klein<br />
20
042<br />
stadt HaNNOVer II<br />
Ursula VON der Leyen<br />
unterliegt bUlmahn<br />
Das Debakel der FDP beginnt bei der<br />
Erststimme: Prominente Vertreter<br />
erzielten sehr schlechte Ergebnisse,<br />
Generalsekretär Patrick Döring hier<br />
gerade mal 1,5 Prozent. Bemerkenswert<br />
ist, dass CDU-Arbeitsministerin<br />
Ursula von der Leyen trotzdem mit<br />
33,9 Prozent der Stimmen wieder kein<br />
Direktmandat gewonnen hat: Mit<br />
42,8 Prozent liegt die frühere Bildungsministerin<br />
Edelgard Bulmahn (SPD)<br />
auch diesmal vor ihr. Dank Liste behält<br />
von der Leyen aber ihr Mandat. kr<br />
120<br />
essen III<br />
Jede STIMMe zählt – UNd das IST<br />
hier NIcht nur ein Spruch<br />
Zahlen tun immer so nüchtern – aber<br />
von wegen: Das Erststimmergebnis<br />
im Wahlkreis Essen III kann die<br />
Bundeszentrale für politische Bildung<br />
vor der nächsten Wahl auf T-Shirts<br />
drucken lassen, zusammen mit dem<br />
Slogan: „Jede Stimme zählt. Und das<br />
ist nicht nur ein Spruch!“ Mit 59 043 zu<br />
59 040 Stimmen, so lautete am Sonntag<br />
das vorläufige Endergebnis, hat<br />
der Direktkandidat der CDU, Matthias<br />
Hauer, gegen die SPD-Kandidatin<br />
Petra Hinz gewonnen. Drei Stimmen<br />
Differenz zwischen dem Wahlkreissieger<br />
und der Kandidatin mit den zweitmeisten<br />
Erststimmen. Drei! 2009 hatte<br />
der engste Wahlkreis, der Darmstädter,<br />
45 Stimmen Differenz. Dass die Sozialdemokraten<br />
noch am Wahlabend laut<br />
über eine Nachzählung nachdachten,<br />
kann man sich denken. Petra Hinz, die<br />
unterlegene SPD-Bewerberin, hatte das<br />
Direktmandat 2005 und 2009 gewonnen,<br />
zuletzt mit knapp 3800 Stimmen<br />
Vorsprung. Und an Prozentpunkten hat<br />
sie sogar leicht zugelegt. Hauer aber<br />
gewinnt, auch dank größerer Verluste<br />
der FDP, das erste CDU-Direktmandat<br />
seit 1983. Die Geschichte hätte<br />
freilich noch mehr von einem Drama<br />
(und eine Nachzählung nicht vor allem<br />
Liebhaberwert), wenn Hinz und Hauer<br />
über ihre Landeslisten nicht eh in den<br />
Bundestag einzögen. kr<br />
141 218<br />
Herne – bOchum II<br />
Neue Abgeordnete, alteR Name<br />
Wenn ein Wahlkreis mehr als 50 Jahre<br />
lang in der Hand einer Partei ist, kann<br />
man schwer von einer Überraschung<br />
reden, wenn sich daran nichts ändert:<br />
Die SPD-Kandidatin gewann, bei leichten<br />
Verlusten zwar, aber immer noch<br />
mit einem Ergebnis nahe der 50 Prozent.<br />
<strong>Der</strong> Bundestag darf sich damit<br />
auf eine neue Abgeordnete mit einem<br />
alten Namen freuen: Michelle Müntefering,<br />
33, Frau des soeben aus dem<br />
Parlament ausgeschiedenen früheren<br />
Vizekanzlers, Ministers und SPD-Vorsitzenden<br />
Franz. kr<br />
münchen-Nord<br />
Die bayerische SPD UNTerliegt<br />
nicht einmal mehr knaPP<br />
Es gibt nicht viele Wahlkreise in Bayern,<br />
in denen sich die SPD Chancen auf<br />
ein Direktmandat ausrechnet. München-Nord<br />
gehört eigentlich dazu. Hier<br />
hat der Energiepolitiker Axel Berg für<br />
die SPD dreimal gewonnen; nachdem<br />
er aber 2009 knapp gescheitert war,<br />
stellte ihn seine Partei diesmal nicht<br />
auf. Sein junger Nachfolger Florian<br />
Post jedoch verlor gegen den CSU-<br />
Mann Johannes Singhammer nun mit<br />
31,4 zu 43,2 Prozent, also recht brutal.<br />
Bayern bleibt komplett schwarz. kr<br />
21
<strong>Cicero</strong><br />
Wahlspezial<br />
Das NEue DEuTSCHE<br />
WAHLKöNIGTum<br />
Angela Merkel antwortet mit<br />
einem Wertebündel auf die<br />
moderne Gesellschaft<br />
Von Christoph STÖLZL<br />
So kann man sich täuschen. Niemand hatte<br />
wie üblich beschworen, es handle sich um<br />
eine „historische Wahl“. Nicht die Plakate,<br />
die man schon an der nächsten Straßenecke vergessen<br />
hatte, auch nicht die Kommentare, die im<br />
heißen Sommer den Mangel an politischer Hitze<br />
beklagten. Einzig Joachim Gauck hatte den richtigen<br />
Instinkt gehabt. Er beschwor die Einzigartigkeit<br />
des demokratischen Wahlakts: Hier, nur hier<br />
hat der Volkssouverän seine Sternstunde und wägt<br />
ab, wer für schwer oder zu leicht befunden wird.<br />
In diese Bilanz gehen, anders als es die Agenturprofis<br />
ihren Kunden weismachen, nicht nur die<br />
Momentaufnahmen der letzten Wahlkampftage ein.<br />
Auch nicht bloß Erinnerungen an vier Jahre Regierungszeit.<br />
<strong>Der</strong> Wahltag ist vielmehr so etwas wie<br />
ein geologischer Schnitt, der die langfristige Tektonik<br />
der Politik enthüllt.<br />
Gauck, in Erinnerung an die Volkskammerwahl<br />
im Frühjahr 1990, die zum Gerichtstag über<br />
die DDR wurde, wusste, dass jede Wahl historisch<br />
ist. Denn das äußerlich wenig glanzvolle Geschehen,<br />
der Einwurf eines Zettels aus Recyclingpapier<br />
in eine euphemistisch „Urne“ genannte Kiste, wird<br />
zum Urteil der Geschichte dadurch, dass es millionenfach<br />
geschieht – als wirklicher, handschriftlich<br />
bezeugter Rechtsakt, nicht bloß als Meinungsäußerung<br />
am Telefon.<br />
Wie lautet nun der Urteilsspruch vom 22. September<br />
2013? <strong>Der</strong> Liberalismus, die älteste der politischen<br />
Bewegungen, ist am Ende eines langen<br />
Weges angelangt. Vor eineinhalb Jahrhunderten<br />
war er als bürgerliches Bündnis von „Besitz und<br />
Bildung“ angetreten, um die Monarchie vom Thron<br />
zu stoßen. Das misslang 1848 katastrophal. Von da<br />
an hat der Liberalismus wechselvolle Schicksale<br />
gehabt. Seit 1949 hat er die Bundesrepublik mitgestaltet,<br />
als kleine und dennoch sehr erfolgreiche<br />
Kraft. <strong>Der</strong> liberale Gedanke infizierte erst die<br />
Arbeiterbewegung, die den Marxismus abwarf,<br />
dann die einstmals patriarchalischen Konservativen.<br />
Es gibt kein parteipolitisches Monopol mehr<br />
für Liberalität. Angela Merkels CDU ist der beste<br />
Beweis. Das ist für die Modernität der deutschen<br />
Gesellschaft ein Segen. Die FDP hat den Auftrag<br />
des Grundgesetzes an die Parteien erfüllt, „an der<br />
Willensbildung des Volkes mitzuwirken“ – um den<br />
Preis der parlamentarischen Existenz.<br />
Und Angela Merkels Triumph? Er signalisiert<br />
die Verwandlung der Parteiendemokratie in jene<br />
Gestalt, die jenseits des Atlantiks schon seit langem<br />
als eine Art Wahlkönigtum vorgelebt wird.<br />
Moderne Parteien bündeln viele Werte zu einem<br />
Durchschnitt, der dem Durchschnitt einer modernen<br />
Gesellschaft antwortet. Über den Wahlerfolg<br />
entscheiden dann nicht schwer unterscheidbare<br />
Programme, sondern die überwältigende Fähigkeit<br />
zur Sympathiestiftung eines Kandidaten. Parteien,<br />
die da aufs falsche Pferd setzen, bestraft das<br />
Leben. Lieber als vordergründige „Durchsetzer“<br />
haben die Deutschen Politiker, bei denen sie sich<br />
gut aufgehoben fühlen. Am 22. September haben<br />
auch viel tiefere Schichten der historischen Erfahrung<br />
entschieden, als sie in der Demoskopie<br />
zu Tage treten.<br />
„Kanzler-In“: Das ist, denkt man an die lange<br />
patriarchalische Prägung der Deutschen, vielleicht<br />
die Quadratur des Kreises, nach der sie sich schon<br />
lange gesehnt haben.<br />
Christoph STÖLZL ist Historiker und leitet<br />
die Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar.<br />
Er gehört dem publizistischen Beirat von <strong>Cicero</strong> an<br />
22
Mittlerschaft zu Paris<br />
Es ist die historische Aufgabe<br />
der SPD, als Europapartei<br />
der Deutschen zu handeln<br />
Von Klaus HARPPRECHT<br />
Behaupte noch einer, es gebe keine europäische<br />
Öffentlichkeit: Die großen französischen<br />
Zeitungen – auch ihre Onlineausgaben<br />
– räumten den deutschen Wahlen eine<br />
Prominenz ein, als gälte die Entscheidung ihrem<br />
eigenen politischen Geschick (was in gewissem<br />
Maße auch zutrifft). Schon zwei Tage vor dem<br />
Wahlsonntag begrüßte der liberalkonservative<br />
Figaro seine Leserschaft mit der dicken Schlagzeile:<br />
„Die Franzosen wählen Merkel“. 56 Prozent<br />
hätten in der Tat ihr Kreuzchen bei der Kanzlerin<br />
gemacht, nur 25 Prozent bei Peer Steinbrück.<br />
63 Prozent der Bürger wünschten, dass sich Frankreich<br />
vom deutschen Wirtschaftsmodell inspirieren<br />
lässt; 84 Prozent betonten ihre gute Meinung<br />
über das Deutschland Angela Merkels, die in einem<br />
brillanten Porträt aus der Feder des Berliner<br />
Le Monde-Korrespondenten Fréderic Lemaitre zur<br />
„Mutter des Vaterlands“ ernannt wurde.<br />
Das bittere (und weiß Gott verdiente) Geschick<br />
der FDP kümmert die Franzosen nicht das<br />
geringste. Außenminister Guido Westerwelle hatten<br />
sie niemals zur Kenntnis genommen. Doch nun<br />
fragen sie sich, ob nicht die Sozialdemokraten in<br />
einer Großen Koalition die Mittlerschaft zu Paris,<br />
vielleicht sogar die gesamte Europa- und Euro-Politik<br />
als ihre besondere Aufgabe okkupieren sollten.<br />
Als die einzigen Partner, die Angela Merkel<br />
für eine seriöse Koalition bleiben, könnten sie dies –<br />
wie so vieles – getrost fordern.<br />
Präsident François Hollande und die Kanzlerin<br />
scheinen sich, was Europa angeht, einige Schritte<br />
näher gekommen zu sein. Sie haben mit ihrer Zustimmung<br />
zur Kontrolle der Banken durch die Europäische<br />
Zentralbank einen ersten Ansatz zu einer<br />
europäischen Autorität über das Finanzwesen<br />
geschaffen. Hollande ist nationalstaatlich geprägt,<br />
wie so viele seiner Genossen. Aber er ist kein Europagegner<br />
wie Außenminister Laurent Fabius, der<br />
einst den Entwurf der europäischen Verfassung des<br />
Ex-Präsidenten Valéry Giscard d’Estaing zu Fall<br />
gebracht hat.<br />
<strong>Der</strong> (inoffizielle) Chef des linken Flügels ist<br />
nun Arnaud Montebourg, mit dem kaum definierbaren<br />
Amt des Ministers „du redressement productif“<br />
ausgezeichnet (vielleicht als „produktive<br />
Generalüberholung“ übersetzbar) – er war es, der<br />
Angela Merkel den Bismarck-Helm aufs Haupt gedrückt<br />
hat und damit die antiteutonischen Ressentiments<br />
wachsen ließ. Kein Zweifel, dass sich der<br />
„good looker“ – den 18 Prozent der Leserinnen von<br />
Elle als „Traum einer Ferienliebe“ charakterisierten<br />
– ohne Zögern an die Spitze einer antieuropäischen<br />
Bewegung setzen würde, wenn Hollande<br />
den Rückzug auf den Nationalstaat befehlen sollte.<br />
Mithin wäre es die wichtigste Pflicht eines sozialdemokratischen<br />
Außenministers, die engsten Verbindungen<br />
zur Sozialistischen Partei Frankreichs<br />
zu etablieren, um die Kontinuität der gemeinsamen<br />
europäischen Fortschritte zu sichern.<br />
Angela Merkel, eher eine Europäerin der Vernunft,<br />
hat sich in ihren europäischen Aktionen<br />
niemals weit nach vorn gewagt, sondern sich von<br />
pragmatischer Zurückhaltung leiten lassen. Doch<br />
manchmal ist der kühne Vorstoß notwendig, wenn<br />
nicht das gesamte Projekt scheitern soll. Ob in einer<br />
Großen Koalition oder notfalls aus der Opposition:<br />
Die historische Aufgabe der SPD ist es, als die Europapartei<br />
der Deutschen zu handeln. Frank-Walter<br />
Steinmeier hat sie als Außenminister mit vorbildlicher<br />
Gelassenheit erfüllt. Ob Sigmar Gabriel<br />
sein Temperament für diese Aufgabe zu zügeln vermöchte,<br />
kann er nur selber wissen. Bei den Sozialisten<br />
an der Seine kennt er sich immerhin aus.<br />
Klaus HARPPRECHT war von 1972 bis 1974<br />
Redenschreiber im Bundeskanzleramt.<br />
Er ist Mitglied im publizistischen Beirat von <strong>Cicero</strong><br />
23
<strong>Cicero</strong><br />
Wahlspezial<br />
Die Bühne DER<br />
nEInSAGER<br />
Egal, mit wem die Union zukünftig regieren wird:<br />
Im Bundesrat redet die Opposition mit<br />
Von<br />
CHRISToph SEILS<br />
Nordrhein-Westfalen, 6<br />
Baden-Württemberg, 6<br />
Niedersachsen, 6<br />
Rheinland-Pfalz, 4<br />
Schleswig-Holstein, 4<br />
Brandenburg, 4<br />
Bremen, 3<br />
Berlin, 4<br />
Sachsen-Anhalt, 4<br />
Thüringen, 4<br />
Mecklenburg-Vorpommern, 3<br />
Saarland, 3<br />
Hessen, 5 *<br />
Sachsen, 4<br />
Hamburg, 3<br />
Bayern, 6<br />
Niemand, der dabei war, erinnert<br />
sich gerne an die Nacht<br />
vom 14. auf den 15. Dezember<br />
2003. Beamte brüllten. Türen knallten.<br />
32 Politiker rangen um Fassung.<br />
Neun Stunden dauerte die Sitzung<br />
des Vermittlungsausschusses von<br />
Bundesrat und Bundestag. Keiner<br />
blickte mehr durch. Am Ende ging<br />
es für die Politiker nur noch darum,<br />
nicht das Gesicht zu verlieren und<br />
nicht die Macht.<br />
In der Marathonsitzung beschloss<br />
eine ziemlich große Koalition die<br />
größte und umstrittenste Sozialreform<br />
in der Geschichte der Bundesrepublik:<br />
die Hartz-IV-Gesetze. Die<br />
Stimmverteilung im Bundesrat<br />
CDU<br />
SPD<br />
Die Linke<br />
Grüne<br />
CSU<br />
FDP<br />
Südschleswigscher<br />
Wählerverband<br />
* Welche Koalition in Hessen nach der<br />
Landtagswahl auf die bisherige schwarz-gelbe<br />
Regierung folgen wird, ist noch offen<br />
SPD wurde vom Wähler dafür verprügelt.<br />
Doch auch CDU, CSU, FDP<br />
und Grüne hatten ihre Hand gehoben.<br />
Heraus kam ein Kompromiss, der zu<br />
einem Arbeitsbeschaffungsprogramm<br />
für die Sozialgerichte wurde.<br />
In den kommenden vier Jahren<br />
droht nun eine föderale Dauerblockade,<br />
die die verzwickten Verhandlungsrunden<br />
der Vergangenheit<br />
noch locker aussehen lassen wird.<br />
Merkel bleibt zwar Kanzlerin, vermutlich<br />
in einer Großen Koalition.<br />
Doch im Bundesrat verfügen CDU,<br />
CSU und SPD allein derzeit nur über<br />
27 von 69 Stimmen. Zu den fünf Ländern,<br />
die von einer Großen Koalition<br />
Quelle: Bundesrat; Infografik: Esther Gonstalla<br />
24
egiert werden, kommen das sozialdemokratische<br />
Hamburg und das<br />
schwarze Bayern. Mit Hessen, wo die<br />
Regierungsbildung noch offen ist, wären<br />
es 32 Stimmen.<br />
Auf der anderen Seite steht eine<br />
bunte Blockademehrheit, bei der die<br />
kleinen Parteien den großen auf der<br />
Nase herumtanzen können. Denn im<br />
Föderalismus gilt der eiserne Grundsatz,<br />
dass sich die Länder im Bundesrat<br />
enthalten, wenn ein Koalitionspartner<br />
sein Veto einlegt. Weil der<br />
Bundesrat nach dem Grundgesetz<br />
Beschlüsse nur mit absoluter Mehrheit<br />
fassen darf, wirken Enthaltungen<br />
wie Gegenstimmen.<br />
Bei zustimmungspflichtigen Gesetzen<br />
geht gegen die Länderkammer<br />
gar nichts. Das sind immer noch rund<br />
60 Prozent, trotz zwei Föderalismusreformen,<br />
die die Kompetenzen von<br />
Bund und Ländern entflechten sollten.<br />
Eigentlich sollen die Landesregierungen<br />
im Bundesrat Länderinteressen<br />
vertreten. Doch der verfassungsrechtliche<br />
Auftrag spielt<br />
im föderalen Machtpoker immer<br />
häufiger keine Rolle. Bundesratsmehrheiten<br />
werden parteipolitisch<br />
missbraucht. Zudem lassen sich die<br />
Länder ihr Ja von der Bundesregierung<br />
immer häufiger teuer bezahlen.<br />
Lange galt der bundesdeutsche<br />
Föderalismus als Erfolgsmodell, er<br />
zwang die Parteien über Lagergrenzen<br />
hinweg zum politischen Kompromiss.<br />
Doch längst hat sich die föderale<br />
Konsensrepublik in eine föderale<br />
Blockaderepublik gewandelt.<br />
Allein in diesem Jahr landeten<br />
so unterschiedliche Gesetze wie die<br />
Reform des Steuerrechts, das Erneuerbare-Energien-Gesetz,<br />
die Reform<br />
der Riester-Rente oder das Meldegesetz<br />
im Vermittlungsausschuss.<br />
Die Länder stoppten dort zum Beispiel<br />
das Steuerabkommen mit der<br />
Schweiz oder die Ausweitung des<br />
Kartellrechts auf die Krankenkassen.<br />
<strong>Der</strong> Bundesrat ist zu einer billigen<br />
Bühne verkommen, auf der die<br />
Bundesregierung vorgeführt und erpresst<br />
wird.<br />
Die Länder haben dabei leichtes<br />
Spiel. Denn anders als die Bundesregierung<br />
steht der Bundesrat beim<br />
Wähler nicht unter Legitimationsdruck.<br />
Wenn in der föderalen Blockaderepublik<br />
nichts mehr entschieden<br />
wird, wenn der Bund mal wieder<br />
draufzahlt oder im Vermittlungsausschuss<br />
faule Kompromisse rauskommen,<br />
muss die Kanzlerin den Kopf<br />
hinhalten. Die 16 Ministerpräsidenten<br />
können sich davonstehlen.<br />
Natürlich hat es häufig Phasen<br />
mit unterschiedlichen Mehrheiten<br />
in Bundestag und Bundesrat gegeben.<br />
Zum Beispiel in der Endphase<br />
der Ära Kohl. Auch in sechs der sieben<br />
rot-grünen Regierungsjahre hatte<br />
eine Opposition aus Union, FDP und<br />
Linke in der Länderkammer eine<br />
Mehrheit. Doch heute gibt es neun<br />
unterschiedliche Regierungskonstellationen<br />
in den 16 Bundesländern.<br />
Die Opposition hat die Mehrheit im<br />
Bundesrat okkupiert. Nur Rot-Rot-<br />
Grün im Bund könnte föderal durchregieren<br />
– wenn man Hessen mal<br />
herauslässt und wenn der Südschleswigsche<br />
Wählerverband mitmacht.<br />
Dabei gäbe es viele Möglichkeiten,<br />
die Vetomacht der Länder zu<br />
schwächen. Zum Beispiel, wenn statt<br />
einer absoluten Mehrheit die einfache<br />
Mehrheit reichen würde, um zustimmungspflichtige<br />
Gesetze durch den<br />
Bundesrat zu bringen. Es ließe sich<br />
festlegen, dass Enthaltungen nicht<br />
mehr als Nein-, sondern als Ja-Stimmen<br />
zählen. Es könnte die Pflicht aufgehoben<br />
werden, dass jedes Land einheitlich<br />
abstimmen muss. Ja selbst das<br />
Senatsmodell, bei dem die Ländervertreter<br />
im Bundesrat nach US-Vorbild<br />
direkt gewählt würden, wäre ein Ausweg.<br />
Doch bei allen diesen Reformvorschlägen<br />
steht sich die föderale<br />
Vetorepublik selbst im Wege.<br />
Christoph SEILS ist Ressortleiter<br />
von <strong>Cicero</strong> online<br />
Alternative für Deutschland<br />
Vor DEM Ziel<br />
AUSGEBREMST<br />
Die AfD feiert sich,<br />
könnte aber schon<br />
bald Geschichte sein<br />
Kurz vor der Wahl hat Frauke Petry,<br />
Sprecherin der Alternative für<br />
Deutschland, vom Phänomen<br />
des bedingten Mitgliedsantrags<br />
erzählt. Viele Interessenten<br />
schrieben ihr: „Ich trete bei der<br />
AfD ein, wenn sie mir einen<br />
günstigen Listenplatz garantieren<br />
oder einen Platz im Vorstand.“<br />
Natürlich ist die Partei nicht<br />
darauf eingegangen, aber genau<br />
diese Attitüde ihrer Anhänger<br />
zeigt, wie schwierig es für die AfD<br />
in den kommenden Monaten wird,<br />
eine Protestbewegung in eine<br />
dauerhaft erfolgreiche Partei<br />
zu verwandeln. Zwar ist es beachtlich,<br />
dass die AfD innerhalb eines<br />
halben Jahres 17 000 Mitglieder<br />
geworben hat und bei ihrer ersten<br />
Bundestagswahl auf Anhieb<br />
4,7 Prozent der Stimmen erhielt.<br />
Ohne den Rückenwind, den ein<br />
Einzug ins Parlament bedeutet<br />
hätte, lässt sich dieses Tempo aber<br />
kaum halten.<br />
Dass die AfD dabei allen<br />
anderen Parteien Stimmen abnehmen<br />
konnte und viele Nichtwähler<br />
mobilisiert hat, sieht der AfD-<br />
Gründer Bernd Lucke als Beleg für<br />
die breite Basis seiner Partei.<br />
Aber ist es nicht eher ein Beweis<br />
dafür, dass Lucke mit seiner Anti-<br />
Euro-Strategie, erzkonservativer<br />
Familienpolitik und seiner halbherzigen<br />
Abgrenzung nach rechts<br />
vor allem Protestwähler erreicht<br />
hat? Ein viel größeres Wählerpotenzial<br />
ist nicht erkennbar, haben<br />
doch mehr als 80 Prozent der Wähler<br />
für Parteien gestimmt, die die<br />
Euro-Rettungspolitik mitgetragen<br />
haben. Sollte sich die Euro-Zone<br />
durch die Bankenunion, eine erfolgreiche<br />
Politik der Europäischen<br />
Zentralbank und eine entschlossene<br />
Führung der neuen Bundesregierung<br />
weiter stabilisieren, könnte<br />
die AfD schon nach der Europawahl<br />
im Mai Geschichte sein. til<br />
25
<strong>Cicero</strong><br />
Wahlspezial<br />
Foto: xxx<br />
Keine Sieger, nIRGEnds<br />
Wann hat es so etwas schon gegeben: eine Wahl, die nur<br />
Verlierer kennt? Und ein Parteienbündnis, das offensichtlich<br />
darum bangte, mit absoluter Mehrheit in den Bundestag<br />
geschickt zu werden? Soll man der Union also dazu gratulieren,<br />
dass ihr dieses Schicksal am Ende erspart geblieben ist? Denn<br />
schon das nächste Rettungspaket für Griechenland wäre für<br />
CDU und CSU zu einer im Alleingang kaum zu überstehenden<br />
Bewährungsprobe geworden. <strong>Der</strong> Jubel im Lager der Kanzlerin<br />
ist aber auch mit den ersehnten Prozentpunkten weniger ganz<br />
und gar unangebracht. Wegen des womöglich endgültigen<br />
Dahinscheidens der FDP fehlt jetzt nämlich der strategische<br />
Bündnispartner im sogenannten bürgerlichen Lager. Wenn<br />
jeder nur für sich kämpft, kann das Ergebnis eben ganz schön<br />
einsam machen. Angela Merkel dürfte sich in dieser Hinsicht<br />
noch als problematisches Alleinstellungsmerkmal erweisen.<br />
Für die deutsche Sozialdemokratie war dagegen das wir<br />
entscheidend. Dieses „wir“ lässt sich jetzt offiziell auf gerade<br />
mal ein Viertel aller Wähler beziffern – ein derart wenig enthusiasmierendes<br />
Resultat, dass nicht einmal der wortgewaltige<br />
Parteivorsitzende Funken daraus schlagen wollte. Zu allem<br />
Übel droht der SPD noch dazu die Regierungsbeteiligung. Diese<br />
gilt nach neuerer Lesart zumindest in der Rolle des Juniorpartners<br />
als Höchststrafe. Was wiederum die Linkspartei über<br />
den Verlust ihrer drei Prozentpunkte hinwegzutrösten scheint.<br />
Aber weil den Grünen nach einem ambitioniert abschreckenden<br />
Wahlkampf die Hose sogar noch ein bisschen tiefer gerutscht<br />
ist, darf Gregor Gysi nun in der gefühlten Rolle des wahren<br />
Oppositionsführers weiter um die Gunst Sigmar Gabriels werben.<br />
Herzlichen Glückwunsch dazu!<br />
Die neue außerparlamentarische Opposition in Form einer<br />
liberalen Piratenalternative hatte noch weit weniger zu feiern.<br />
Darüber mögen sich zwar jene freuen, die es wieder ins Parlament<br />
geschafft haben. Echte Sieger aber sehen anders aus.<br />
ALEXANDER MARGUIER<br />
Stellvertretender Chefredakteur<br />
26<br />
AlexanDER MARGUIER ist<br />
stellvertretender Chefredakteur<br />
von <strong>Cicero</strong>
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auch wenn sie im Rollstuhl sitzen?<br />
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anderem Licht sehen lässt.«<br />
Augsburger Allgemeine
Editorial<br />
Wanderer, kommst du<br />
nach Meuselwitz …<br />
Literaturen 03/2013 Titel und Illustration: Barry Falls<br />
Clemens Meyers ironische Mahnung führt uns auf direktem Weg zu seinem «Seelenverwandten»,<br />
dem großen Autor Wolfgang Hilbig: Sieben international renommierte<br />
Schriftstellerinnen und Schriftsteller offenbaren in diesem Heft ihre Liebe<br />
zu anderen Autoren – Ermutigungen allesamt, bei der Jagd nach Neuerscheinungen<br />
zwischendurch mal Luft zu holen und sich an die ganz persönlichen Säulenheiligen<br />
zu halten. Wie überraschend, beglückend und amüsant das sein kann, zeigen<br />
die Illustrationen, die Barry Falls für uns gezeichnet hat.<br />
Wir setzen also ganz auf die Schönheit der Literatur – und ihre Beständigkeit.<br />
Davon ist auch im Gespräch mit dem Münchner Verleger Wolfgang Beck die Rede:<br />
Sein in sechster Generation familiengeführter Verlag feiert in diesem Jahr sein<br />
250. Jubiläum. <strong>Der</strong> Schriftsteller David Wagner schließlich ist durch das wiedervereinigte<br />
Berlin gewandert. Frappierend genug: <strong>Der</strong> Alexanderplatz wirkt, als wäre<br />
seit Alfred Döblins berühmtem Roman von 1929 gar nichts Wesentliches passiert.<br />
Natürlich kommt aber auch das Neueste vom Neuen nicht zu kurz: Auf über<br />
dreißig Seiten lesen Sie, welche Bücher dieses Herbstes Ihr Interesse verdienen –<br />
und warum.<br />
Die vielfältigsten Lektüre-Genüsse wünschen Ihnen<br />
Ihre Frauke Meyer-Gosau und Ihr Ronald Düker<br />
1
Literaturen Inhalt<br />
FranKFurter Buchmesse<br />
Drei Interviews zum Gastland Brasilien<br />
4<br />
36 Favoriten<br />
Antonio Callado<br />
Daniel Kehlmann<br />
Seelenverwandte<br />
Schriftsteller über ihre Lieblingsautoren<br />
Die dIversität der lIebe<br />
Péter Nádas über Helen Hessel und H.-P. Roché<br />
Ein Idylliker und Meister des Extrems<br />
Brigitte Kronauer über Jean Paul<br />
Tausend Gedichte<br />
Elke Heidenreich über ihr Buch der Bücher<br />
Auf doppeltem und dreifachem Boden<br />
Katja Lange-Müller über Terézia Mora<br />
Ein Provisorium, ein Fels<br />
Clemens Meyer über Wolfgang Hilbig<br />
Ein hypermelancholISCher Macho-Irrer<br />
Arne Dahl über James Ellroy<br />
Unter Faulpelzen<br />
Gary Shteyngart über Iwan Gontscharow<br />
250 Jahre C. H. Beck<br />
Ein Verlagsbesuch von<br />
Frauke Meyer-Gosau<br />
Sommer am Alex<br />
Ein Stadtspaziergang<br />
von David Wagner<br />
6<br />
8<br />
11<br />
12<br />
16<br />
20<br />
23<br />
25<br />
26<br />
32<br />
41 Literaturen Kritik<br />
42 Terézia Mora<br />
43 Clemens Meyer<br />
44 Bruce Bégout<br />
45 Joyce Carol Oates<br />
46 Hörbuch<br />
47 Hans Pleschinski<br />
48 Nicole Zepter<br />
49 Uwe Timm<br />
50 Aleida Assmann<br />
51 Brigitte Kronauer<br />
52 Kinderbücher<br />
54 Bernie Krause<br />
55 Helene Hegemann<br />
56 Comic<br />
58 Ian McEwan<br />
59 Krimi<br />
60 Film<br />
62 Marion Poschmann<br />
64 Martin Walser<br />
65 William Boyd<br />
66 Sven Regener<br />
66 Impressum<br />
67 Literaturen-Bestenliste<br />
68 Schmidts Kolumne<br />
Literaturen 03/2013 Fotos und Illustration: Barry Falls; Isolde Ohlbaum; © Pandora Film Verleih, 2013
Buchmesse<br />
Straßenszene in Salvador da Bahia<br />
<strong>Der</strong> Literaturkritiker Manuel da Costa<br />
Pinto ist der Kurator des Literaturprogramms<br />
des Buchmessen-Ehrengastes<br />
Brasilien.<br />
Was ist das Besondere an der brasilianischen<br />
Literatur?<br />
Ihre ästhetische Vielfalt: Unsere<br />
Schriftsteller verkörpern ja auch<br />
den kulturellen Wandel, der seit Mitte<br />
des 20. Jahrhunderts an sehr rapide<br />
zu Modernisierung und Urbanisierung<br />
geführt hat. Vom 19. Jahrhundert<br />
bis in die vierziger und fünfziger<br />
Jahre war die brasilianische Literatur<br />
immer auf der Suche nach einem<br />
«Gründungsmythos», um die Widersprüche<br />
einer hybriden Kultur zu erklären.<br />
Die Nationalitäten-Debatte<br />
wurde zu einem wichtigen Thema<br />
in der brasilianischen Kultur. Die Ur-<br />
Städte Gottes<br />
Brasilien ist in diesem Jahr Gastland auf der Frankfurter<br />
Buchmesse. Eine Annäherung in drei Interviews<br />
banisierung im 20. Jahrhundert zeigt<br />
jedoch, dass Brasilien keine «Essenz»<br />
besitzt, sondern im modernen Kontext<br />
kultureller Wurzellosigkeit steht.<br />
Also beziehen sich Schriftsteller heute<br />
nicht mehr nur auf brasilianische<br />
oder portugiesische Literaturtraditionen.<br />
Zwischen Bernardo Carvalho<br />
Manuel da Costa Pinto<br />
oder Bernardo Ajzenberg und Thomas<br />
Bernhard, Teixeira Coelho und<br />
W. G. Sebald, Cristovão Tezza und<br />
J. M. Coetzee besteht eine große Nähe.<br />
Diese brasilianischen Autoren, die ich<br />
erwähnt habe, werden auf der Frankfurter<br />
Buchmesse zu erleben sein.<br />
Brasilien erlebt derzeit einen ungeheuren<br />
wirtschaftlichen Boom und<br />
zugleich extreme soziale Konflikte.<br />
Wie spiegelt sich das in der Literatur?<br />
Wenn wir sagen, dass die zeitgenössische<br />
brasilianische Literatur durch<br />
die Urbanisierung des Landes gekennzeichnet<br />
ist, müssen wir auch daran<br />
erinnern, dass diese Modernisierung<br />
schnell in sich zusammenbrach. Das<br />
führte zu einer Abwertung der Städte<br />
und zu sozialen Konflikten. Die<br />
20-jährige Militärdiktatur von 1964<br />
bis 1985 war die Folge. Diese Erfahrungen<br />
wurden immer von der Literatur<br />
reflektiert, besonders in Romanen<br />
und Kurzgeschichten. In Frankfurt<br />
werden wir Autoren vorstellen, die<br />
verschiedene Wahrnehmungen der<br />
sozialen Widersprüche spiegeln werden.<br />
Denken Sie beispielsweise an Ignacio<br />
de Loyola Brandão, der in dem<br />
Roman «Null» eine kaleidoskopartige<br />
Erzählung des Brasiliens der siebziger<br />
Jahre liefert. Oder an Paulo Lins, der<br />
in «Die Stadt Gottes» eine Brücke von<br />
der Diktatur zur gegenwärtigen Situation<br />
in den Favelas von Rio de Janeiro<br />
schlägt.<br />
Wie werden Sie die brasilianische Literatur<br />
auf der Frankfurter Buchmesse<br />
präsentieren?<br />
Wir möchten Brasilien von dem<br />
Image des tropischen und exotischen<br />
Landes befreien. Wir wollen stattdessen<br />
ein kosmopolitisches Land präsentieren,<br />
das angeschlossen ist an die<br />
Themen der Moderne. Und außerdem<br />
möchten wir zeigen, inwieweit<br />
bestimmte soziale Dynamiken Brasiliens<br />
mit seiner ethnischen Vielfalt<br />
den gegenwärtigen Trend des Multikulturalismus<br />
bereits vorweggenommen<br />
haben.<br />
Literaturen 03/2013 Fotos: Nance/Redux/laif; Frank May/picture alliance; S.5: Michaela Melián/Suhrkamp Verlag<br />
4
Michael Kegler<br />
Jenseits des Klischees<br />
Thomas Meinecke<br />
Postkoloniale Verrücktheit<br />
Michael Kegler übersetzt unter anderem<br />
aus dem brasilianischen Portugiesisch.<br />
Was reizt Sie an der brasilianischen<br />
Literatur?<br />
Brasilianische Literatur als ein Ganzes<br />
gibt es meiner Meinung nach überhaupt<br />
nicht mehr. Es gibt aber Geschichten,<br />
die sehr gut geschrieben<br />
sind, von jungen Leuten, die in der<br />
Welt unterwegs sind und keinem Klischee<br />
mehr entsprechen.<br />
Erhoffen Sie sich von der Buchmese<br />
eine Konjunktur brasilianischer Literatur<br />
in Deutschland?<br />
Schwer zu sagen. Am Ende werden<br />
sich hoffentlich einzelne Schriftsteller<br />
durchsetzen. Wenn Brasilien seine<br />
Übersetzungsförderung weiterhin<br />
so intensiv betreibt wie zuletzt, werden<br />
wir bestimmt noch einige großartige<br />
Bücher auf Deutsch lesen können.<br />
Wie sind Sie zum Übersetzer brasilianischer<br />
Literatur geworden?<br />
Aus Zufall. Ich habe als Kind in Brasilien<br />
gelebt und die Sprache nie vergessen.<br />
Dann geriet ich an die Literatur.<br />
Und die ist es wirklich wert, auch<br />
von Leuten gelesen zu werden, die diese<br />
Sprache nicht beherrschen.<br />
Thomas Meinecke ist Musiker und<br />
Schriftsteller: Gemeinsam mit Michaela<br />
Melian veröffentlicht er<br />
pünktlich zur Buchmesse den Band<br />
«Iemaniá». Spector Books, Leipzig<br />
2013. 15 S., 22 €<br />
Während der Recherche für Ihren<br />
Roman «Lookalikes» waren Sie<br />
mehrere Monate in Salvador da Bahia.<br />
Was haben Sie dort entdeckt?<br />
Schon ein ziemlicher Flash, was sich<br />
da die ganze Zeit abspielte.<br />
Salvador ist eine sehr afrikanische<br />
Stadt. Die Auseinandersetzung<br />
mit ihr<br />
hatte etwas sehr Unmittelbares.<br />
Das hat mich extrem<br />
aufgewühlt. Bisher<br />
hatte sich mein Schreiben ja nie sehr<br />
stark auf Unmittelbarkeiten gestützt.<br />
Was hat Sie denn so aufgewühlt?<br />
Es gibt allein im Straßenbild ein<br />
Symptom, das ich extrem merkwürdig<br />
fand und von dem ich schon früher<br />
gehört hatte: Die seien ja alle<br />
verrückt. Und tatsächlich: Es gibt<br />
so eine Charakterfigur in diesem<br />
Land, den irgendwie verrückt sich<br />
Gebenden, aber nicht im Sinne einer<br />
Künstlerschrulle, sondern eines<br />
im gesamten gesellschaftlichen<br />
Kollektiv angelernten, postkolonialen<br />
Selbstverständnisses. Da ist die<br />
Geschichte der Verschleppungen in<br />
der zu 90 Prozent afrikanisch-stämmigen<br />
Bevölkerung noch präsent.<br />
Überall diese schrägen Vögel. Das<br />
fand ich ziemlich beeindruckend.<br />
Wie haben Sie das kulturelle Umfeld<br />
erlebt?<br />
Als sehr heterogen. Man sieht auf<br />
der einen Seite kultivierte Hipster<br />
herumlaufen, auf der anderen<br />
Seite extreme Armut<br />
– aber selbst die Armen<br />
zeichnet noch eine<br />
gewisse sophistication aus.<br />
Ich traf eine Menge Leute<br />
in ihren Dreißigern, die<br />
als Filmemacher arbeiten. Das Kino<br />
ist sehr wichtig. Die jungen Hipster<br />
lesen viel Theorie. Auch in der Musik<br />
kann man jenseits von Joao Gilberto<br />
oder Caetano Veloso Großartiges<br />
entdecken. Aber die soziale<br />
Ungleichheit ist enorm: Das Land<br />
ist, was seine Wirtschaftskraft betrifft,<br />
auf der Überholspur. Und dabei<br />
bleibt einiges auf der Strecke.<br />
Alle Interviews führte Ulrich Rüdenauer<br />
Ein Komiker muss Witze machen.<br />
Und überleben – auch im KZ.<br />
1944 wird der Komiker Ernst Hoffmann in ein Konzentrationslager gebracht.<br />
Jeden Abend erzählt er seinen Mitgefangenen Witze. Als der Lagerkommandant<br />
davon erfährt, schlägt er Hoffmann einen Pakt vor, der ihn an die Grenzen<br />
seines Gewissens und seines Überlebenswillens führt.<br />
320 Seiten I € 19,99 [D] I Auch als E-Book erhältlich I Leseprobe auf blessing-verlag.de
Titelgeschichte<br />
Seelenverwandte<br />
Was wir am liebsten lesen, hat mit uns<br />
selbst zu tun. Wir haben sieben Schriftsteller,<br />
vom Nobelpreiskandidaten über<br />
die Büchnerpreisträgerin bis hin zum<br />
Welt-Krimi-Autor, gefragt:<br />
Wer sind Ihre Lieblingsautoren?<br />
Illustrationen Barry Falls<br />
7
Titelgeschichte<br />
Die Diversität<br />
der Liebe<br />
Péter Nádas über Helen Hessel<br />
und Henri-Pierre Roché<br />
Péter Nádas, 1942 in Budapest geboren,<br />
ist Fotograf und Schriftsteller. Seine großen<br />
Romane «Buch der Erinnerung» (1991) und<br />
«Parallelgeschichten» (Rowohlt 2012) zählen zur<br />
Weltliteratur. 2012 erschienen seine Fotobände<br />
«Schattengeschichte – Lichtgeschichte» (Nimbus)<br />
Er war bemüht, sich an den Vortag zu erinnern.<br />
Es gelang ihm nicht. Es war, als ob er sich fragte,<br />
wie die Welt vor der Schöpfung gewesen war.<br />
Was hatte er nur ohne sie an diesem vorletzten<br />
Tag gemacht, was hatte er gefühlt, was gedacht.<br />
Sein Gedächtnis war für alles Davor vollkommen<br />
blockiert. Er fragte sie, ob vielleicht sie den<br />
letzten Tag vor ihrer ersten Begegnung noch in<br />
Erinnerung habe. Sie konnte sich durchaus an<br />
dies und das erinnern. Sie erinnerte sich an Banalitäten<br />
des Tages, sogar an Gefühle. Ich war<br />
tief traurig. Ich war traurig, von Dir noch nicht<br />
gesehen worden zu sein.<br />
Aus diesem Moment heraus, getroffen von<br />
der Diversität ihres Liebesglücks, entstand die<br />
Idee, ein paralleles Tagebuch zu führen.<br />
Henri-Pierre Roché war aus Paris nach Hohenschäftlarn<br />
gekommen, um seinen von den<br />
Kriegserlebnissen schwer gezeichneten Freund<br />
Franz Hessel zu besuchen, der sich gerade mit<br />
seiner Frau Helen und den beiden kleinen Söhnen<br />
Stéphane und Ulrich in dem bayrischen<br />
Dorf niederließ. Franz und Henri-Pierre waren<br />
vor dem Krieg in Paris enge Freunde gewesen.<br />
Sie hatten auch ihre Geliebten geteilt. Bis<br />
Franz Hessel die junge Malerin Helen Grund<br />
kennenlernte. Von ihr bat er seinen Freund die<br />
Finger zu lassen. Nach dem Krieg aber, in Hohenschäftlarn,<br />
war die Leidenschaft zwischen<br />
Helen und Henri-Pierre nicht mehr aufzuhalten.<br />
In den Jahren 1920 und 1921 führten sie<br />
ihr Tagebuch, und um ihr Gegenüber vom Geschriebenen<br />
nicht auszuschließen, schrieb Helen<br />
auf Französisch. Eine ménage à trois, würde<br />
man leichtfertig sagen. Doch war es eher un<br />
pur amour à trois.<br />
Jahrzehnte später, nach einem weiteren,<br />
noch grausameren Krieg, schrieb Henri-Pierre<br />
Roché, dreiundsiebzigjährig, anhand seiner alten<br />
Tagebücher seinen ersten Roman: «Jules et<br />
Jim». <strong>Der</strong> Regisseur François Truffaut beschreibt<br />
ausführlich, wie er das vollkommen unbeachtet<br />
daliegende Buch bei einem Ausverkauf vor der<br />
Buchhandlung Stock auf dem Platz Palais-Royal<br />
in einer Kiste entdeckte und den «bäuerlich<br />
lakonischen Sätzen», vor allem aber der fremdartigen<br />
«Moral der Ästhetik» sogleich verfiel –<br />
einer «Moral», die unter drei Menschen nicht<br />
etwa Hass, sondern die Leidenschaft der Liebe<br />
hervorruft. <strong>Der</strong>en großartigstes Zeugnis aber ist<br />
nicht der Roman, auch nicht der weltbekannte<br />
Film, es sind die parallel geführten Tagebücher<br />
von Helen Hessel und Henri-Pierre Roché selbst.<br />
Sie erschienen in den Jahren 1990 und 1991 in<br />
zwei knallroten Bänden bei André Dimanche<br />
Éditeur in Marseille. In den Eintragungen finden<br />
sich einige Überschneidungen, wenige, doch<br />
niemals die gleichen Empfindungen und auch<br />
nicht die Spur einer etwa gleichen Sprache: eine<br />
Liebe, gesehen aus zwei bis ins Innerste unterschiedlichen<br />
Blickwinkeln. Alles, aber auch alles<br />
steht in dieser Liebesgeschichte unter dem Gesetz<br />
der Diversität.<br />
Seit «Daphnis und Chloë» von Longos machen<br />
sich die Literaturen der Welt ein ganz anderes<br />
Bild von der Liebe, ein Zerrbild im Grunde.<br />
Seit ich diesen beiden Büchern begegnet bin,<br />
höre ich nicht auf, alle mir bekannten und unbekannten<br />
Verleger, vor allem die deutschen, auf<br />
diese beiden roten Bände aufmerksam zu machen.<br />
Sie sehen mich mit betroffenen Mienen<br />
und gläsernem Blick an. Die Manuskripte werden<br />
im Humanities Research Center der Universität<br />
Austin in Texas aufbewahrt.<br />
(Diesen Text hat Péter Nádas auf Deutsch verfasst)<br />
Literaturen 03/2013 Foto: Barna Burger; Illustration: Barry Falls<br />
8
xxxxxxxx<br />
9
Titelgeschichte<br />
Literaturen 03/2013 Illustration: Barry Falls, Foto: Juergen Bauer<br />
Ein Idylliker und<br />
Meister<br />
des Extrems<br />
Brigitte Kronauer über<br />
Jean Paul<br />
Natürlich habe ich nicht einen, sondern viele literarische<br />
Favoriten. Manche waren es für eine<br />
bestimmte Phase, manche sind es fürs Leben geblieben.<br />
Sie drängen sich vor, tauchen ab und<br />
kommen irgendwann wieder zum Vorschein. Jedesmal<br />
freue ich mich, wenn dieses Verschwinden<br />
nur ein vorübergehendes war. Oft genügt es,<br />
ein, zwei Seiten von ihnen neu zu lesen oder einfach<br />
an sie zu denken, an bestimmte, im Kopf<br />
fest verwahrte Sätze (Ror Wolfs: «Ich verschleuderte<br />
meine Zukunft in einem Moment, meinen<br />
Ruf, meinen Ruhm, alles warf ich hinab») oder<br />
sich an die Atmosphäre, gar nicht unbedingt an<br />
die Handlung, zu erinnern (so geht es mir etwa<br />
bei Joseph Conrad und Wilhelm Raabe, beide<br />
gewaltige Romanproduzenten): Schon bin ich<br />
gestärkt.<br />
Es handelt sich um, in mancherlei Hinsicht,<br />
sehr unterschiedliche Autoren, die mich anziehen.<br />
Mal liegt es am Satzrhythmus, mal an der<br />
Erfindungsglut, an Wortreichtum, Kühle, Konstruktionskunst,<br />
Eleganz der Bosheit bis hin zum<br />
geistreichen Ekel und Hass, an der alles durchwärmenden<br />
Menschenfreundlichkeit, der Lakonie,<br />
an der strengen Form oder an deren unhöflicher<br />
Sprengung (etwa bei Clemens Brentano).<br />
Ich bin nicht sicher, ob sich das vollständige<br />
Kollektiv von Autoren, statt auf Druckseiten<br />
in einem Regal zusammengezwungen, leibhaftig<br />
in ein Zimmer gersperrt, vertragen, gar mögen<br />
würde, hege sogar erhebliche Zweifel da-<br />
ran. Einer aber, ein einziger, der sie alle umfasst,<br />
auch die Jüngeren, weil ich Teile seines Werks in<br />
dem ihrigen erkenne, besser, der sie alle in sich<br />
trägt und den Zwist ertragen muss, den seine<br />
innere, vielgesichtige, widersprüchliche Gesellschaft<br />
ihm bereitet, den «Kongress kriegführender<br />
Mächte», wie er es im «Titan» nennt, Mächte,<br />
zu denen auch die destruktiven zählen, die<br />
seine Brust bis zum Zerreißen spannen, ist mir<br />
lebenslang und immer wieder frisch der teuerste:<br />
Jean Paul.<br />
Jean Paul, der in seinen Werken eine so verschwenderische<br />
Fülle von Bildern, Metaphern,<br />
Wörter und Stimmungen entfaltet, dass es mir<br />
bei jedem Lesen wie am ersten Tag den Atem<br />
verschlägt – nein, je länger ich ihn lese, desto<br />
mehr geht mir der phantastische Überfluss an<br />
poetischer Kapazität dieses Mannes auf –, Jean<br />
Paul ist beides zugleich: Idylliker und Meister<br />
des Extrems.<br />
Wie ist das zu schaffen? In der Vorrede zum<br />
«Quintus Fixlein» nennt er die drei Wege, nicht<br />
unbedingt glücklich, aber doch glücklicher zu<br />
werden. Es ist erstens die Vogelperspektive auf<br />
alles Geschehende aus der Höhe und Ferne hinab,<br />
zweitens die unmittelbare Nahsicht des in<br />
die Ackerfurche Geduckten und drittens, als<br />
schwerste und klügste Methode, lerchengleich<br />
zwischen beidem abzuwechseln. Sein Plädoyer<br />
für das Einnehmen extremer Positionen und gegen<br />
die mittlere ist ästhetisches Programm für<br />
alle seine Werke.<br />
Natürlich mutet er nicht jedem seiner Helden<br />
zu, die möglichen Höhen- und Tiefflüge<br />
zwischen Euphorie und Verzweiflung auszukosten,<br />
aber die, die es tun, sind ihm die liebsten.<br />
Mit seiner Fähigkeit, skurrile Figuren zu erschaf-<br />
Brigitte Kronauer, 1940 in Essen<br />
geboren, wurde für ihre Prosa mit zahlreichen<br />
Preisen ausgezeichnet – 2005 erhielt sie den<br />
Georg-Büchner-Preis. Gerade erschien ihr neuer<br />
Roman «Gewäsch und Gewimmel»<br />
(siehe dieses Heft S. 51)<br />
11
Titelgeschichte<br />
fen, verdeutlicht er darüber hinaus seine Bereitschaft,<br />
humorvolle Kompromisse zu schließen,<br />
obschon er auch die meisten seiner Käuze wenigstens<br />
für Augenblicke entgeistert in die Abgründe<br />
starren lässt, über die sie, bei all ihrer<br />
materiellen Mittellosigkeit, so heiter wandeln.<br />
Von der Prosa, beispielsweise eines Ehealltags,<br />
geht es in abrupten Sprüngen zur himmelstürmenden<br />
Utopie, von den Minima zu den<br />
Maxima, von rührender Kindlichkeit zur Kritik<br />
der Fichte’schen Philosophie, vom Sonntagsbraten<br />
und Schützenfest hoch zum Kosmos mit<br />
seinen Sonnen und Kometen. Die Spanne reicht<br />
vom erzkomischen Anfang der «Flegeljahre» bis<br />
zum Ringen um den Beweis einer geahnten Unsterblichkeit<br />
der Seele in «Selina», seinem letzten<br />
Fragment. Jean Paul transportiert seine Leser<br />
zwischen Mikrokosmos und Makrokosmos<br />
auf und ab, ganz wie es ihm gefällt, ganz wie er<br />
es in den Menschen und der eigenen Brust vorfindet.<br />
So auch zwischen Gut und Böse, oft in<br />
derselben Person!<br />
Hin und her, das will ich nicht verschweigen,<br />
schwanken die Texte zwischen Spannungselementen,<br />
die das Kolportagehafte nicht scheuen<br />
und gelehrten, auch stark politisch akzentuierten<br />
Abschweifungen. Überhaupt stellen seine<br />
«Digressionen» anfangs erhebliche Leseschwierigkeiten<br />
dar. Deshalb muten sich viele durchaus<br />
entschiedene Jean-Paul-Liebhaber eher seine<br />
äußerst witzigen Aphorismen zu und genießen<br />
selbstverständlich die «schönen Stellen». Hier<br />
ist eine, wieder aus dem «Quintus Fixlein»: «Als<br />
schon das erste Viertel des Mondes im Untergehen<br />
war, um 12 Uhr, schloß er vor dem kühlen<br />
Anwehen eines milden, duftenden, feuchten und<br />
das Herz bei Namen rufenden Nachtlüftchens<br />
noch einmal die Augenlider eines schon träumenden<br />
Blickes auf.« Ebenso gut hätte ich auch<br />
einen zornigen, tief geschmerzten Satz über die<br />
sterbenden Pferde auf den Schlachtfeldern zitieren<br />
können oder einen zur grotesken Ignoranz<br />
deutscher Kleinfürsten.<br />
Mir allerdings fehlt bei dieser Leseweise<br />
das, was mich, neben den im Wortsinn unendlichen,<br />
wie sich selbst fortzeugenden Schätzen seiner<br />
Imagination am meisten hinreißt: die durch<br />
keine literarische Konvention zu fesselnde, angeblich<br />
unverrückbare Grenzen überschreitende,<br />
wenn auch an Vorbildern geschulte, formbewusste<br />
Freiheit seiner Romanschreiberei.<br />
Tausend Gedichte<br />
Von Elke HeIDenreich<br />
Meine erste große Liebe war Dr. Dolittle, ein<br />
kleiner dicker Doktor, immer korrekt gekleidet,<br />
selbst im Urwald mit Zylinder. Dr. Dolittle war<br />
Arzt, aber der Hochmut der Menschen und das<br />
Elend der Tiere ließen ihn verzweifeln, er sattelte<br />
um auf Tierarzt, lernte flugs die Tiersprachen<br />
(ALLE!) und kurierte ab dann Löwen, Affen,<br />
Enten, Papageien und die Kopfschmerzen<br />
von Ackergäulen, die besonders leicht zu beheben<br />
waren, wenn die Gäule bei der Arbeit in der<br />
Morgensonne auf dem Feld große grüne Sonnenbrillen<br />
kriegten. So einfach ist das.<br />
Ich habe alle «Dr. Dolittle»-Bände gelesen,<br />
die schönen kleinen Zeichnungen des Autors<br />
Hugh Lofting geliebt, und weil meine Mutter<br />
alles wegwarf (Puppen, Kinderbücher, zu klein<br />
gewordene, aber immer noch Lieblingspullover,<br />
Bär Fritz – «Du bist jetzt groß, das brauchst Du<br />
nicht mehr!») habe ich mir später im Leben das<br />
Wichtigste wieder zusammengesucht. Ich habe<br />
sie wieder, alle «Dolittle»-Bände, und ein Bär<br />
Fritz sitzt auch wieder auf dem Sofa. Liebe Mutter,<br />
das braucht man eben doch. Aber wie hättet<br />
ihr betonharten Kriegsfrauen das verstehen<br />
können.<br />
Mit Dr. Dolittle, das erinnere ich genau,<br />
fing die Leseleidenschaft so richtig an. Wir waren<br />
arm, konnten keine Bücher kaufen, mich<br />
hat die Gemeindebibliothek gerettet. Eine kluge<br />
Bibliothekarin erkannte das süchtige Kind,<br />
ich durfte immer fünf statt drei Bücher ausleihen<br />
und musste nichts zahlen, dafür ab und zu<br />
Karteikärtchen schreiben. Was für ein Glück –<br />
Karl May, so ziemlich alles, Stevensons «Schatzinsel»,<br />
«Robinson Krause» (Krause? Hab ich da<br />
was falsch gelesen?), Erich Kästner (komisch,<br />
den mochte ich nie – warum jagen die Kinder<br />
einen Unschuldigen? Warum liebt Mutter ih-<br />
12
www.rowohlt.de<br />
Hinter jedem Fenster ein Leben<br />
Pascale Hugues erzählt die Geschichte einer Straße<br />
Auch als<br />
E-Book<br />
erhältlich<br />
© plainpicture/STOCK4B<br />
Aus dem Französischen von Lis Künzli<br />
320 Seiten. Gebunden<br />
€ 19,95 (D) / € 20,60 (A) / sFr. 28,50 (UVP)
Titelgeschichte<br />
Literaturen 03/2013 Illustration: Barry Falls, Foto: Leonie von Kleist<br />
ren Anton nur, wenn er artig ist? Warum müssen<br />
sich geschiedene Eltern wiederfinden? Wer<br />
glaubt das? Pah!), ich las «Vom Winde verweht»,<br />
aber nur wegen Rhett Butler und Scarlett<br />
O’Hara, dass das ein Roman über Sklavenbefreiung<br />
und Südstaatenkrieg war – ach, doch<br />
nicht mit zwölf! Ich las herrlichen Schund, nämlich<br />
alle «Angélique»-Bände von Anne Golon –<br />
es waren dreizehn! Na klar, Trivialliteratur, aber<br />
für ein heranwachsendes Mädchen liegt das<br />
nun mal näher als Hegel, oder? Es schlich sich<br />
schon anderes auch ein – «Tagebuch eines Verführers»,<br />
hört sich gut an, und wer weiß denn<br />
in dem Alter was von Kierkegaard, und erste<br />
Zweifel an der Liebe stiegen auf. Die LIE-<br />
BE wurde dann erst mal DAS Lesethema, Madame<br />
Bovary, Werthers Leiden, Anna Karenina,<br />
ich habe rückblickend das Gefühl, als hätte<br />
ich jeden Nachmittag ein anderes Leben aufgesogen.<br />
Durch die Schule kam nur Langweiliges<br />
dazu, Wilhelm Raabe, Jean Paul, Adalbert<br />
Stifter, jaja, große <strong>Dichter</strong>, aber doch nicht mit<br />
sechzehn! Carson McCullers, «Das Herz ist ein<br />
einsamer Jäger» – das hat mich wirklich umgehauen.<br />
Und dann ging es los, der Damm war gebrochen,<br />
das Gefühl für trivial und nicht trivial,<br />
für lebenswichtig und einfach nur unterhaltend<br />
war da. Lebenswichtig: Virginia Woolf, Marlen<br />
Haushofer, Hans Henny Jahnn, Gottfried Benn,<br />
Gottfried Benn, Gottfried Benn. Wieder ein dicker,<br />
schwermütiger Arzt, wie Dr. Dolittle: Gottfried<br />
Benn war meine zweite große Liebe. Die<br />
erste eine literarische Figur, damals waren Autoren<br />
noch nicht wirklich wichtig, die zweite<br />
also ein echter Mensch. Ich las alles von ihm,<br />
verstand wenig, verliebte mich in Sätze, Gedanken,<br />
Formulierungen, kann viele seiner Gedichte<br />
auswendig, sage sie mir in Lebenskrisen oder<br />
kritischen Situationen still auf («An der Schwelle<br />
hast du wohl gestanden / doch die Schwelle<br />
überschreiten: nein / Denn in meinem Haus<br />
kann man nicht landen / in dem Haus muß man<br />
geboren sein»). Sein Gedicht «Mutter» ließ mich<br />
tagelang (ja: tagelang) weinen. Jetzt war ich endgültig<br />
infiziert für Gedichte und bin es bis heute.<br />
«Was ist Ihr Lieblingsbuch?», wird eine wie<br />
ich, die mit Büchern lebt, immer wieder gefragt.<br />
Was soll ich antworten – was das Lieblingsbuch<br />
ist in glücklichen, was in unglücklichen Zeiten?<br />
Morgens oder abends oder in den fatalen wachen<br />
Nächten? Es gibt nicht DAS Lieblingsbuch.<br />
Man liest nicht morgens Emile M. Cioran «Auf<br />
den Gipfeln der Verzweiflung» und nicht am<br />
sonnenbestrahlten Meer Gontscharows «Oblomow»,<br />
aber wie arm wäre mein Leben ohne beide.<br />
Das Lieblingsbuch, das Lieblingsbuch? Fragen<br />
Sie bitte morgen wieder. Heute ist es «Nils<br />
Lyhne» von Jens Peter Jacobsen. Oder…?<br />
Aber Lieblingsautoren, die gibt es. Autoren,<br />
von denen ich alles las und lese, die gibt<br />
es. Schiller wegen der Leidenschaft, Kleist wegen<br />
der Sprache, Büchner wegen der verzweifelten<br />
Menschlichkeit, John Updike, weil er so witzig<br />
ist, Richard Ford, weil er so klar ist und die<br />
schönsten ersten Sätze hat, Flaubert, alles von<br />
Flaubert, Balzac, weil er «Verlorene Illusionen»<br />
geschrieben hat, Tolstoi für alles, Tschechow,<br />
Turgenjew, alles, alles, ach, und noch immer keine<br />
Frau? Virginia Woolf für «Mrs. Dalloway»,<br />
Marlen Haushofer für «Die Wand», Christa Wolf<br />
für «Kein Ort. Nirgends» - nein, das macht alles<br />
keinen Sinn. Ich schreibe zehn auf und möchte<br />
sofort zehn andere nennen. Es gibt auch keine<br />
Lieblingsautoren. Es gibt, täglich neu, immer<br />
treu, die Liebe zu den Büchern, und wenn eines<br />
enttäuscht, wenn zwei, drei, zehn enttäuschen<br />
– es kommen hundert nach, die beglücken, es<br />
hört nie auf, und ich lese mich weg aus einer<br />
Welt, die oft nicht zu ertragen ist und gleichzeitig<br />
doch auch hinein in eine Welt, die ich sonst<br />
nicht verstünde.<br />
Letzter Versuch: Wenn ich nur einen Komponisten<br />
wählen dürfte: es wäre Bach. Wenn ich<br />
nur einen Schriftsteller wählen dürfte: Es wäre<br />
keiner, es wäre ein großes dickes Buch mit mindestens<br />
tausend Gedichten.<br />
Elke Heidenreich, 1943 in Korbach geboren,<br />
ist Literaturkritikerin und Autorin. Sie schreibt<br />
Erzählungen, Opern-Libretti und Autorenbücher<br />
und hatte fünf Jahre lang im ZDF die Sendung<br />
«Lesen». Zuletzt erschien der Band «Dylan<br />
Thomas – Waliser, <strong>Dichter</strong>, Trinker» (mit Fotos<br />
von Tom Krausz; Knesebeck 2011)<br />
15
Titelgeschichte<br />
Auf doppeltem und<br />
dreifachem Boden<br />
Katja Lange-Müller über<br />
Terézia Mora<br />
Terézia Mora ist für mich diejenige unter meinen<br />
Autorenkolleginnen und -kollegen, die mich am<br />
meisten an- und aufregt – im besten Sinne. Was<br />
immer sie schreibt, es lässt mich nie, niemals kalt.<br />
Denn Mora ist in ihrer ganzen Haltung, insbesondere<br />
in ihrer literarischen Haltung, eine radikale<br />
Humanistin und eine fast ebenso radikale<br />
Stilistin, die, wie ich es sehe (und ihre Texte<br />
laut lesend auch vernehme), beim Schreiben allein<br />
auf ihre Protagonisten hört; denen, erst einmal<br />
nur denen, sucht sie so nahezukommen wie<br />
irgend möglich, also bis zur äußersten und innersten<br />
Wahrhaftigkeit, einer selbst für mich,<br />
ihre Leserin, oft schmerzhaften. Es gibt bei ihr<br />
Sätze, die mich umhauen, etwa diesen: «Ich schäme<br />
mich, ein Mensch zu sein.» Leider kenne ich<br />
ihren neuesten Roman «Das Ungeheuer» noch<br />
nicht zur Gänze, aber ansonsten alles, was sie bislang<br />
veröffentlich hat. Und weil zum Vorgänger-<br />
Roman des «Ungeheuers» jener mit dem Titel<br />
«<strong>Der</strong> einzige Mann auf dem Kontinent» gehört<br />
wie der eine Flügel eines Falters, in dem Fall eines<br />
Nachtfalters, zum anderen, will ich hier von<br />
diesem Lektüreerlebnis erzählen:<br />
Katja Lange-Müller wurde 1951 in Berlin<br />
geboren und wuchs in der DDR auf. 1984 zog<br />
sie nach Westberlin. Sie schreibt Erzählungen<br />
und Romane, zuletzt erschien ihr Roman<br />
«Böse Schafe» (Kiepenheuer & Witsch, 2007).<br />
Am 17. November erhält sie den Kleist-Preis<br />
<strong>Der</strong> einzige Mann auf dem Kontinent ist,<br />
laut seiner eigenen, großspurigen Auskunft, Darius<br />
Kopp, der im Osten Deutschlands aufgewachsene<br />
Sohn eines Polen mit Ingenieursdiplom<br />
und Unternehmergeist, den Darius Senior<br />
allerdings erst nach dem Mauerfall recht<br />
erfolgreich einem realen Geschäft einzuhauchen<br />
vermag. Auch Darius Juniors – vom Senior<br />
verlassene – Mutter Greta, eine lieblose, dafür<br />
fortwährend klagende, vor allem Sohnesliebe<br />
einklagende, nur an ihren echten und eingebildeten<br />
Krankheiten interessierte alte Schachtel<br />
sowie dessen dünne, nichts auf die Reihe bekommende,<br />
ewig klamme Schwester sind Teil<br />
des Soziotops, dem dieser 106-Kilo-Prachtkerl<br />
entwachsen, aber noch immer nicht ganz<br />
entronnen ist. Denn erstens hat sein Londoner<br />
Kollege, der Westeuropavertreter Anthony<br />
Mills, ein «Deutschenhasser», der fies genug<br />
ist, den nichts Böses ahnenden Darius ein wenig<br />
zu mobben, die lukrativen Märkte und jener<br />
die «miesen», und zweitens «wird der Deutsche<br />
und der Ossi niemals Chef», wie es im Roman<br />
heißt. Trotzdem gehört Darius Kopp nicht<br />
zum Heer der scheinselbstständigen Selfmade-<br />
IT-Spezialisten, die all die zahllosen Web-Seiten<br />
ebenso zahlloser Wer-Weiß-Was-Anbieter<br />
gestalten oder betreuen und auf deren soziale<br />
Situation der nun auch schon im neuesten<br />
Duden nachschlagbare, einigermaßen drollige<br />
Begriff «Mausbeutung» zutreffen mag. <strong>Der</strong> Rufname<br />
Darius, und die Namen sind bei Mora ja<br />
stets Teil des literarischen Konzepts, stammt aus<br />
dem Altpersischen und bedeutet «das Gute besitzend».<br />
Jener Darius mit dem Familiennamen<br />
Kopp, den sie zum fragwürdigen Helden dieses<br />
Romans ernannte, macht sich aber so gar keinen<br />
Kopp über das Leben, sondern vertraut ihm, da<br />
er sich als Sonntagskind versteht, blind. Er hat<br />
Informatik studiert, wie sein Vater ein Ingenieursdiplom,<br />
die New-Economy-Krise der Jahrtausendwende<br />
glimpflich überstanden, in Flora<br />
Meier seine große Liebe gefunden und ist nun<br />
«regional sales manager» einer weltweit operierenden,<br />
aus allerlei Pleiteunternehmensresten<br />
zusammengeflickten, dementsprechend undurchsichtigen<br />
US-amerikanischen Firma. Für<br />
diesen nicht nur wegen der Zeitunterschiede irreal<br />
schwer erreichbaren kalifornischen Laden,<br />
dessen Kernkompetenz eigentlich die Verbesserung<br />
der Kommunikation ist, verdealt Darius,<br />
Literaturen 03/2013 Foto: Juergen Bauer; Illustration: Barry Falls<br />
16
Titelgeschichte<br />
ganz allein zuständig für den gesamten osteuropäischen<br />
Raum, mäßig erfolgreich, doch unbeirrbar<br />
zuversichtlich Computernetzwerk-Komponenten.<br />
Seine Tage gehen dahin mit Anrufen,<br />
die ins Leere laufen, mit unerwiderten E-Mails<br />
und selbstvergessenem Surfen im Welt-Weit-<br />
Web, mit dem Trinken vieler Cappuccinos, O-<br />
Säfte, Biere, Rotweine, dem Verschlingen von<br />
Steaks, Sushi und Kuchen, mit Socken- und<br />
Hemdenkäufen, dem wunderbar komisch geschilderten<br />
Probeliegen auf einem Massagesessel,<br />
mit schweißtreibenden Reisen via öffentliche<br />
Nahverkehrsanstalt, mit Kneipentouren an<br />
der Seite seines Spezis Juri, den Besuchen bei<br />
seiner nöligen Mutter oder der schwer schuftenden<br />
Flora und – nicht zu vergessen – mit etwas<br />
Sex. Darius Kopp präsentiert sich uns als sanftmütiger,<br />
großzügig-schlampiger, etwas infantiler,<br />
konsumfreudiger, mit einer Art angeborenem<br />
Optimismus gleichermaßen begabter wie<br />
geschlagener, im Hier-und-Heute aufgehender<br />
Stadtindianer, der sehr an seiner nach der altrömischen<br />
Frühlingsgöttin und – Flora/Mora –<br />
ein wenig wohl auch nach der Autorin benannten<br />
Ehefrau hängt, einer ihm so gar nicht seelenverwandten,<br />
extrem empfindsamen, alles und<br />
am meisten sich selbst infrage stellenden, dennoch<br />
praktischen, ihrem Namen entsprechend<br />
der Botanik zugetanen Ungarin, die es trotz Literaturstudiums<br />
und guter Sprachkenntnisse<br />
vorzieht, in einer Stadtstrandbar zu kellnern,<br />
weil sie meint, ihre Würde dort eher wahren zu<br />
können als im Frondienst bei einem dieser umtriebig-arroganten<br />
Medienschaffenden aus sämtlichen<br />
Weltgegenden, die Berlin bevölkern wie<br />
Kiefern die Mark Brandenburg, oder beim lausig<br />
bezahlten Übersetzen von ambitionierten<br />
Theaterstücken.<br />
Wir Leser begleiten Darius, seine Kumpel,<br />
seine Familie, seine Frau, mit der er gerne ein<br />
Kind hätte, und nicht zuletzt einen Karton voll<br />
– erschreckenderweise echten – Geldes im Wert<br />
von 40.000 Euro, den armenische Kundschaft<br />
abgegeben hat am Tresen des Businesscenters,<br />
in dem auch Darius eine Karnickelbuchte unterhält,<br />
die er sein «Büro» nennt; wir begleiten<br />
ihn von einem September-Freitag bis zum folgenden,<br />
über acht Tage und Nächte, durch eben<br />
jene Woche, die der Roman währt und an deren<br />
Ende Darius eine Asthma-Attacke erleiden,<br />
sich davon aber schnell wieder erholen, seinen<br />
Führerschein zurückbekommen und die Baranzahlung<br />
der Armenier spurlos verschwunden<br />
sein wird. Seinen Job ist er ohnehin los, und<br />
zwar schon seit jenem Freitag, mit dem der Roman<br />
beginnt; das begreift Darius, der sich – wie<br />
weiland Voltaires Candide – in der besten aller<br />
möglichen Welten wähnt und dem es lange<br />
glückte, jedes noch so deutliche Indiz für das<br />
Gegenteil zu ignorieren, jedoch erst, als Stinkstiefel<br />
Anthony, der Londoner Kollege, ihm dies<br />
unmissverständlich sagt, am Handy, im Auto,<br />
während unser armer Held unterwegs ist – zu<br />
Mutter, Schwester und Pflaumenkuchen –, dann<br />
heim zu Flora. Aber Flora, die Darius, der widrigen<br />
Umstände wegen und in der ihm eigenen<br />
chaotischen Egomanie, mal wieder stunden-, ja<br />
taglang ohne jede Nachricht gelassen hat, ist entwichen,<br />
ins Grüne, zu Freundin Gaby. Nach einem<br />
Anfall von Menstruations- oder gar Fehlgeburtsschmerzen<br />
und abgrundtiefer Verzweiflung<br />
floh Flora, eh schon durch eine vollbusige Ukrainerin<br />
ersetzt, das Strandcafé und anschließend<br />
das gemeinsame Zuhause, also die – bislang immerhin<br />
physisch mögliche – Nähe ihres selbst<br />
anwesend meist abwesenden, um Beistand so<br />
fatal verlegenen, völlig konfliktunfähigen Ehemanns.<br />
Nur dies, ein Leben ohne sein bestes und<br />
Gegen-Stück Flora, wäre die ultimative Katastrophe<br />
für Darius, eine, die ihn komplett aus der<br />
Bahn würfe. Kommt es so weit, ist es schon so<br />
weit? Kann Darius es noch verhindern? Sich ändern,<br />
womöglich? <strong>Der</strong> Roman schließt offen, mit<br />
dem kursiv gedruckten Satz «Die Nacht».<br />
So viel oder wenig zum Inhaltlichen; denn<br />
ich kann das personale Spektrum, die Unterschiedlichkeit<br />
der Ebenen, den Reichtum an<br />
Dissonanzen, ja, Antagonismen in und zwischen<br />
den Protagonisten hier nur gerafft und aus meiner<br />
Sicht darstellen. Doch wie ist dieses Buch<br />
geschrieben?<br />
Obwohl sich dessen Held, Darius Kopp, sehr<br />
von Abel Nema, dem Helden ihres großen Erfolgs<br />
«Alle Tage», unterscheidet, ist auch «<strong>Der</strong><br />
einzige Mann auf dem Kontinent» sozusagen<br />
Mora-spezifisch. Wieder steht ein Mann im Fokus<br />
der Aufmerksamkeit, wieder sind die Figuren<br />
Luftwurzler, die es von woandersher in die<br />
große Stadt Berlin geschwemmt hat, wieder geht<br />
die Autorin übers realistische Erzählen weit hinaus<br />
und strickt, diesmal allerdings buchstäblich,<br />
Netzwerke, in denen sich ihre Figuren verfangen,<br />
Literaturen 03/2013<br />
18
wieder suchen sie – schwankend auf doppeltem<br />
und dreifachem Boden – nach Wegen und Auswegen<br />
und finden: Umwege, Abwege, Irrwege.<br />
Aber Darius Kopp, wenigstens der, ist ein<br />
schlichteres Wesen als Abel Nema, und neben<br />
der personal erzählenden Stimme gibt es Darius’<br />
Gedankenstimme sowie Dialoge zwischen den<br />
Protagonisten und dann noch eine, mindestens<br />
eine, auktoriale, nun wirklich gottähnlich allwissende<br />
Erzählstimme, die sich situativ einschaltet,<br />
um – über Szenen hinwegspringend, mal gnadenlos<br />
nüchtern, mal spöttisch, mal resigniert<br />
– zu kommentieren, was geschieht, was Darius<br />
meint, vermutet, plant und dann viel zu oft dennoch<br />
bleiben lässt. Hinzu kommt, dass die Perspektive<br />
immerfort wechselt, von innen nach<br />
außen, von einem Tempus in das andere, gelegentlich<br />
sogar im selben Satz. Erstaunlicher-, ja,<br />
bewundernswerterweise funktioniert das nicht<br />
nur, sondern erweist sich als unerlässlich, denn<br />
so steht der dicke Darius unter sozusagen multipler<br />
Beobachtung und gewinnt die fast schon<br />
virtuelle Geschwindigkeit, mit der er durch das<br />
Buch und seine, ihm selten bewussten, Missgeschicke<br />
surft. Die Zeit, die flüchtige, ungenutzte,<br />
unwiederbringliche, mal langsamere, mal dahineilende,<br />
mal fehlende, nie und für nichts ausreichende<br />
Zeit ist eines der stilprägenden Leitmotive<br />
des Romans, eben weil Terézia Mora, diese<br />
sensible, intelligente, mutige Schriftstellerin,<br />
uns klar zu machen vermag, dass auch wir irgendwie<br />
Dariusse, Floras, Gretas oder Juris sind<br />
und dass die gnadenlos verrinnende Zeit, die<br />
nur im Traum und in Momenten großen Glücks<br />
oder großen Leids einmal stillzustehen scheint,<br />
ein elementarer Teil unserer «Ächzistenz» ist,<br />
eines Da-Seins mit unbekanntem biologischen<br />
Verfallsdatum, das aus allen Nähten platzt, uns<br />
quält mit Terminen und Aufgaben, die wir kaum<br />
bewältigen, mit Strömen von Informationen, die<br />
wir nicht mehr verarbeiten können. Ja, wir alle<br />
sind Zeit-Genossen, die kämpfen, wie Darius<br />
oder Flora, mit den stetig schwindenden Resten<br />
der einen oder anderen Vorstellung von gelingendem<br />
Leben, die wir jeden Tag mehr aufgeben,<br />
denn jeder dieser von wem auch immer gezählten<br />
Tage hat nur 24 Stunden, wie wir uns sagen,<br />
oft und doch nicht völlig verzweifelt, noch nicht.<br />
readingmalopolska.com | krakowcityofliterature.com<br />
The project ”Literacka Małopolska” is co-financed by the European Union as part of the<br />
The Małopolska Regional Operational Programme 2007-2013 ERDF.
Titelgeschichte<br />
Ein Provisorium,<br />
ein Fels<br />
Clemens Meyer über<br />
Wolfgang Hilbig<br />
Clemens Meyer, geboren 1977 in Halle an<br />
der Saale, arbeitete nach seinem Abitur als Bauarbeiter,<br />
Möbelpacker und Gabelstaplerfahrer.<br />
Sein erster Roman «Als wir träumten» erschien<br />
2006, für den Erzählungsband «Die Nacht, die<br />
Lichter» erhielt er 2008 den Preis der Leipziger<br />
Buchmesse. Sein neuer Roman «Im Stein» ist<br />
gerade erschienen (siehe dieses Heft S. 43)<br />
Wolfgang Hilbig war immer anwesend. Sein<br />
Foto steht, an zwei alte Bierkrüge gelehnt, auf<br />
meinem Schreibtisch. Hilbigs skeptischer, fragender<br />
Blick war manchmal unerträglich, wenn<br />
ich schrieb, und ich schob einen Notizzettel<br />
vor das Bild. Verdeckte ihn aber immer nur zur<br />
Hälfte. Tiefe Erschütterung ergreift mich jedes<br />
Mal, wenn ich in seinen Büchern lese, seine Gedichte<br />
nachspreche, die Katakomben und alten<br />
Abdeckereien besuche. Diese … Sprache schneidet<br />
mich regelrecht auf. So wie sich bisweilen<br />
die Erde öffnet in seinen Texten, Zeit und Raum<br />
sich öffnen, ein permanentes Kreisen, und immer<br />
wieder wird das «Ich» zurückgeworfen, ich<br />
bin der Welt abhanden gekommen.<br />
Auf den Bahnhöfen, in den dunklen Unterführungen,<br />
in den Kellern habe ich ihn gesucht.<br />
In verfallenen Häusern, Steinleiber, die seine<br />
Landschaften in Thüringen und Sachsen bevölkern,<br />
auch dort habe ich ihn gesucht. Trank<br />
oft ein Bier auf seine große Poesie in der kleinen<br />
Bar auf dem Leipziger Hauptbahnhof, direkt<br />
neben der Treppe. Und wenn er dann da<br />
war, schwieg er. Aber seine Präsenz, seine stille<br />
Kraft, füllte den Raum.<br />
Spät habe ich zu Hilbig gefunden, aber jetzt<br />
lässt er mich nicht mehr los. Ich wage nicht, von<br />
Seelenverwandtschaft zu sprechen, aber nu isses<br />
passiert. Denn seine Literatur überragt die letzten<br />
Jahrzehnte. Erst im Januar 2005, mein Roman<br />
«Als wir träumten» war in der Endphase,<br />
wuchs aber immer noch, reichte mir ein Freund<br />
Hilbigs «Die Weiber». In dem die Weiber verschwinden,<br />
nur Haare bleiben, Berge von Haaren,<br />
auf Müllkippen, in Tonnen. Und der Heizer<br />
onaniert einsam auf die Kohle.<br />
Fast war es mir unmöglich weiterzuschreiben,<br />
so klein kam ich mir vor in meinem eigenen<br />
Kreisen.<br />
Wanderer, kommst du nach Meuselwitz …<br />
Auch dort habe ich ihn gesucht, der viel zu früh,<br />
2007, verschwand. Aber hin und wieder und immer<br />
wieder füllt er die Räume, Stimme, Stimme,<br />
kein Provisorium, ein Fels, ein Provisorium,<br />
manchmal sehe ich ein großes dunkles Riesenrad<br />
am Horizont, das ist ein nächtlicher Traum,<br />
rot und blau glühen Lichter auf in diesem endlosen<br />
Kreisen, ein menschenleerer Rummelplatz<br />
wie in einem parallelen Universum, nur ein Einzelner<br />
in einer Gondel, aber auch das trifft es alles<br />
nicht, ich stehe vor ihm, vor seinem Werk …<br />
sprachlos. Aber dann halte ich doch Zwiesprache<br />
mit ihm. Wenn ich auf das Foto auf meinem<br />
Schreibtisch blicke. Und stand letztens erstmals<br />
an seinem Grab in Berlin. Drückte den Kronkorken<br />
eines Pilsners, das ich an seinem letzten<br />
Acker trank, in die Erde. So viel Pathos wäre<br />
ihm sicher fremd und peinlich gewesen. Und rezitierte<br />
leise eins seiner letzten Gedichte.<br />
«Nicht neu kann sein was du beginnst – /<br />
denn immer nimmst du was dir längst gegeben<br />
/ und gibst es hin : / Wie in der Liebe da es dir<br />
gebricht / an jeder Kenntnis: rot wie die Buchen<br />
Laub verstreun / maßlos am Wegesrand wo ich<br />
schon sehr frühe ging … / Und kannte nicht den<br />
Weg und kenn ihn jetzt noch nicht / und kenne<br />
nicht das Kind des Schatten mir voraus läuft<br />
/ und weiß nichts von der Sonne die ihr rotes<br />
Gold / dem Blattwerk einbrennt, / und ich weiß<br />
nicht mehr den Herbst / der ernst in meinem<br />
Rücken ging und dem ich Schatten / war; ein<br />
neu entworfner Schatten ungezählter Herbste.»<br />
Literaturen 03/2013 Foto: Gaby Gerster; Illustration: Barry Falls<br />
20
Titelgeschichte<br />
Literaturen 03/2013 Illustration: Barry Falls; Foto: Sara Arnald<br />
Ein hypermelancholischer<br />
Macho-Irrer<br />
Arne Dahl über James Ellroy<br />
Als ich zum ersten Mal James Ellroy las, wusste<br />
ich nicht das Geringste über ihn. Das war vielleicht<br />
gut so. Es führte dazu, dass seine charismatische,<br />
ungehobelte, ziemlich schrille Persönlichkeit<br />
mir nie den Zugang zu seinen Texten<br />
verstellte. Es kommt sogar vor, dass ich mich<br />
manchmal, wenn ich sehe, wie er sich auf der<br />
Bühne gebärdet, ein klein dafür wenig schäme,<br />
dass ich ihn für einen der weltweit besten Autoren<br />
halte. Ich wünschte mir, er wäre zurückhaltend<br />
und lakonisch und ironisch unterkühlt,<br />
nicht dieser großmäulige Tölpel. Und dennoch<br />
ist er irgendwie der Beste. Als ein wenig gehemmter<br />
nordeuropäischer Schriftsteller Ellroy<br />
zu beobachten, ist wie wenn Europa die USA<br />
betrachtet. Es ist vulgär, ein Schreihals, politisch<br />
suspekt und gleichzeitig – auf unangenehm vielen<br />
Ebenen – das Beste.<br />
Als ich Ellroy zum ersten Mal las, erkannte<br />
ich sofort, dass dies ein Stil war, der sich nicht<br />
imitieren ließ. Es war einige Jahre nach meinem<br />
eigenen Debüt als Krimiautor; in den Jahren davor<br />
hatte ich das Genre gezielt gemieden, nicht<br />
zuletzt wegen der Gefahr der unerwünschten<br />
Beeinflussung. Ich argumentierte so: Wenn ein<br />
allzu eigenwilliger Stilist unter meinen Favoriten<br />
landete, bestand die Gefahr, dass ich ihn unbewusst<br />
imitierte. Nachdem ich nun beschlossen<br />
hatte, mich mit dem Genre zu befassen –<br />
das meine Kindheit und Jugend total dominiert<br />
hatte –, war es besser, aus den anderen Quellen<br />
zu schöpfen, denen meiner eigenen Erfahrung,<br />
meiner Recherchen, meines Film- und Fernsehkonsums<br />
und meiner sonstigen, ziemlich umfangreichen<br />
Belesenheit. Wenn ich nun Arne<br />
Dahl werden sollte, dann musste er aus dem entstehen,<br />
was dieses Hexengebräu hergab. Wichtig<br />
war, dass es meins war, und nur meins.<br />
Und es war ein Glück, dass ich so dachte.<br />
Wäre ich etwas früher auf die vier Bände<br />
des «L.A.-Quartetts» aus den späten achtziger<br />
und frühen neunziger Jahren gestoßen, hätte<br />
ich mich definitiv in der Gefahrenzone befunden.<br />
Nichts im Krimigenre hatte seit Sjöwall &<br />
Wahlöö einen annähernd massiven Eindruck auf<br />
mich gemacht, und da reden wir von den siebziger<br />
Jahren. Den späten siebziger Jahren zwar,<br />
aber immerhin.<br />
Ellroy war etwas völlig anderes, nicht nur,<br />
weil ich selbst zwanzig Jahre später ein ganz anderer<br />
Leser war, sondern auch, weil die Autorenhaltung<br />
so grundverschieden von meiner eigenen<br />
war. Dies war so weit entfernt von der grauen<br />
Tristesse der schwedischen sechziger Jahre,<br />
wie man nur kommen konnte, und die Stimme –<br />
die ebenso intensiv insistierte, ebenso viel wollte<br />
– hatte einen ganz anderen Tonfall.<br />
Es gibt nämlich wenige Dinge, die so zweischneidig<br />
sind, wie James Ellroy zu lesen. Man<br />
liebt es und hasst es zugleich, und die Grenze<br />
zwischen Abstoßung und Anziehung ist haarfein.<br />
Sein Text ist ein Mahlstrom, der sich tiefer<br />
und tiefer in ein Dunkel hinabbohrt, das<br />
von Anfang an total ist. Er ist ein hartgesottener<br />
Monomane, ein megalomaner Egozentriker,<br />
Arne Dahl, geboren 1963, ist Literaturwissenschaftler<br />
und zählt zu den international<br />
bedeutendsten Krimiautoren der Gegenwart.<br />
Lange war er für die Schwedische Akademie<br />
tätig, die den Nobelpreis vergibt, und er<br />
arbeitet immer noch als Literaturkritiker. Unter<br />
dem Pseudonym «Arne Dahl» erscheinen seit<br />
1998 in jährlicher Folge Thriller, die auch fürs<br />
Kino wie fürs Fernsehen verfilmt wurden. Zuletzt<br />
erschienen die Romane «Bußestunde» und<br />
«Zorn» (Piper 2013)<br />
23
ein hypermelancholischer Macho-Irrer mit einem<br />
paranoiden, drogenversuppten Hirn und<br />
einem eingeschrumpften, amoralischen Herzen.<br />
Er ist rundweg abstoßend. Und einer der besten<br />
Schriftsteller der Welt.<br />
Sehr wenige Frauen in meiner Nähe haben<br />
über die Jahre Ellroys stakkatoartige Macho-<br />
Prosa, seinen kantigen Telegrammstil, ausgehalten.<br />
Ich habe mich durchgebissen, habe es versucht.<br />
Ich gehöre nämlich zu denen, die nicht<br />
mehr loskommen. Hoffnungslos verloren. Und<br />
es ist sehr schwer, den Finger darauf zu legen,<br />
warum das so ist. Es sind keineswegs nur die<br />
unerwartete Subtilität und Präzision der wilden<br />
Intrigen, auch nicht nur die unfehlbare Fähigkeit,<br />
die einer historischen Periode innewohnende<br />
Perversität aufscheinen zu lassen, nicht einmal<br />
die Tatsache, dass es dem Menschlichen auf<br />
beinahe übernatürliche Weise gelingt zu überleben<br />
und stärker dazustehen – allem Bösen zum<br />
Trotz. Es ist dies alles zugleich. Es ist ein paradoxer<br />
historischer, politischer und seelischer Reinigungsprozess.<br />
James Ellroy lesen ist in hohem<br />
Maß eine kathartische Erfahrung.<br />
Nachher fühlt es sich an, als sei die gesamte<br />
Menschheit vergewaltigt. Vielleicht ist es auch<br />
nur so, dass die letzten unschuldsvoll idealistischen<br />
Reste des Lesers verloren gehen. Ellroy<br />
räumt mit jedem Idealismus auf. Man kann also<br />
nicht einfach in sein Universum hineinplatzen.<br />
Es besteht die Gefahr, dass man nicht begreift,<br />
wo man sich befindet, und nur Ekel verspürt.<br />
Möglicherweise ist es hilfreich, sich vorher ein<br />
paar Grundvoraussetzungen klar zu machen.<br />
James Ellroy ist vollständig fixiert auf die<br />
Zeit und den Ort seiner eigenen Kindheit und<br />
Jugend. Und hier reden wir nicht einmal von<br />
den gesamten USA, wir reden von dem steinharten<br />
Los Angeles im Gegensatz zu der europäisierten<br />
Schlampe New York, und wir reden von<br />
den fünfziger und sechziger Jahren. Den Jahrzehnten,<br />
in denen die USA ihre Unschuld verloren.<br />
Und als Ellroys Mutter vergewaltigt und ermordet<br />
wurde, ein Ereignis, das sein Leben und<br />
Schreiben bis heute dominiert.<br />
Was man nicht zuletzt in der Autobiografie<br />
«<strong>Der</strong> Hilliker-Fluch: Meine Suche nach der Frau»<br />
(The Hilliker Curse) nachlesen kann, die sämtliche<br />
Requisiten für ein gewaltiges Lebensdrama<br />
beinhaltet. Hier findet sich, natürlich, der Muttermord,<br />
hier findet sich der Tricksterpapa mit<br />
dem riesigen Penis, hier findet sich eine übersexuelle<br />
Voyeurkindheit voller sexueller Träume,<br />
die nicht von den Mädchen, sondern den<br />
Müttern der Mädchen handeln; hier gibt es Jugendkriminalität<br />
und Alkohol- und Drogenmissbrauch,<br />
hier findet sich ein märchenhaftes<br />
Dämmerungs-Los Angeles, hier findet sich die<br />
übermenschliche Triebkraft zu schreiben, die alles<br />
überwindet, hier finden sich der Nervenzusammenbruch<br />
und der Rückfall in den Drogenmissbrauch.<br />
Und hier gibt es – natürlich – die<br />
Frauen.<br />
Es ist eine Perlenkette von Frauen – und<br />
in gewisser Weise auch wieder gar nicht. Es ist<br />
nur James Ellroy. Die ganze Zeit. Seine Fixierung<br />
und sein Fluch, seine Neigung, sich von jedem<br />
sozialen Leben abzukoppeln und nur zusammen<br />
mit seinen Phantasiefrauen, die alle<br />
seiner Mutter ähneln, im Dunkeln zu lauern.<br />
Aufs Ganze gesehen scheint er nicht besonders<br />
viel gelebt zu haben. Es ist erstaunlich, dass ein<br />
Mann, der so kraftvoll über amerikanische Geschichte<br />
geschrieben hat, gänzlich unfähig ist,<br />
aus sich selbst herauszutreten. Er mag nicht einmal<br />
reisen.<br />
Es ist also in sehr hohem Grad ein Schriftstellerleben<br />
gewesen, ein Leben fürs Schreiben.<br />
Frauen sind hier selten richtige Frauen, sondern<br />
Traumbilder, Konstruktionen. Und in gewisser<br />
Weise verhält es sich natürlich ebenso<br />
mit dem Los Angeles der vierziger und fünfziger<br />
Jahre, dem wir in seinen Büchern begegnen.<br />
Das macht es nicht weniger lebendig, nicht weniger<br />
überzeugend. Im Gegenteil, es verleiht Ellroys<br />
Welt einen spezifisch mythischen Charakter.<br />
Und ich möchte behaupten, dass der Höhepunkt<br />
seines Werks in den beiden mittleren<br />
Bänden seiner häufig als «L.A.-Quartett» bezeichneten<br />
zweiten Romanserie erreicht wird<br />
– «Blutschatten» (The Big Nowhere, 1988) und<br />
«Stadt der Teufel» (L.A.Confidential, 1990). Ellroy<br />
stürzt sich geradewegs in das gewaltig idealisierte<br />
Los Angeles der fünfziger Jahre, reißt dem<br />
lächelnden Hollywood die Maske herunter und<br />
zeigt die USA als eine offene, eiternde Wunde.<br />
«Stadt der Teufel» lebt in hohem Maß von<br />
drei komplizierten (selbstverständlich männlichen)<br />
Polizeicharakteren, die alle – auf unterschiedliche<br />
Weise – tief in die allgegenwärtige<br />
Korruption verstrickt sind, die die Lebensluft<br />
des Los Angeles Police Department (L.A.P.D.) der<br />
24
Titelgeschichte<br />
Literaturen 03/2013 Foto: Brigitte Lacombe<br />
fünfziger Jahre zu sein scheint. Korruption, Rassismus,<br />
Terrorherrschaft und allgemeine Raffgier<br />
bilden den Kern eines mächtigen Romans, dessen<br />
Handlung sich fast über ein Jahrzehnt von<br />
1950 bis 1958 erstreckt.<br />
Die drei sind der Karrierist und Intelligenzaristokrat<br />
Ed Exley, das gewalttätige Raubein<br />
Bud White und der halbe Filmstar und trockene<br />
Alkoholiker Jack Vincennes. Sie zappeln alle<br />
in einem beispiellos komplexen Netz von Mord,<br />
Pornografie, Rauschgift, Prostitution und Mafia.<br />
Alle drei werden auf unterschiedliche Weise<br />
gezwungen, sich selbst zu überwinden, und obwohl<br />
sie sich im Grunde hassen, sehen sie doch<br />
ein, dass sie einander brauchen, um den letzten<br />
kleinen Rest von Menschlichkeit zu retten,<br />
der in der brodelnden Finsternis noch existiert.<br />
Ganz einfach, um zur Wahrheit zu gelangen.<br />
Jedes Verbrechen verbirgt ein größeres, und<br />
am Ende wird klar, dass sich alles um die Kontrolle<br />
über den gesamten Rauschgifthandel von<br />
Los Angeles dreht. Und damit um einen großen<br />
Teil des Wirtschaftslebens der Stadt. Ellroy beeindruckt<br />
als Machtanalytiker. Alle, die nostalgische<br />
Träume von einer saubereren und moralischeren<br />
Ära hegen, sollten das verwickelte Zusammenspiel<br />
zwischen Hollywood, der Polizei,<br />
der Mafia, den Juristen, den Politikern, den Medien,<br />
den Bauherren, ja sogar den Vergnügungsparks<br />
studieren. Hinter dem reizendsten Fünfziger-Jahre-Lächeln<br />
Hollywoods verbirgt sich<br />
ein zum Himmel stinkendes Gebräu von moralischem<br />
Verfall. Selten ist mir ein effizienteres<br />
Gegenmittel gegen Träume von einem goldenen<br />
Zeitalter begegnet als Stadt der Teufel.<br />
Denn im Grunde ist James Ellroy Moralist.<br />
Aus dem Sumpf erhebt sich immer eine Art<br />
Menschlichkeit – besudelt zwar, aber trotz allem<br />
immer ein wenig besser als der übrige Sumpf.<br />
«Stadt der Teufel» bleibt eins von Ellroys<br />
Meisterwerken, und es ist ein Meisterwerk im<br />
gesamten Kriminalromangenre. Nicht immer<br />
gelingt ihm die subtile Balance zwischen Intrigenkonstruktion<br />
und Charakterschilderung,<br />
zwischen Gegenwartsschilderung und hartgesottener<br />
Satire, zwischen stilistischer Konsequenz<br />
und Spannungssteigerung, doch wenn sie<br />
ihm gelingt, ist er der Stern am Krimihimmel. In<br />
«Stadt der Teufel» ist dies der Fall.<br />
Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt<br />
Unter Faulpelzen<br />
Gary Shteyngart über<br />
Iwan Gontscharow<br />
Iwan Gontscharows Roman «Oblomow» ist der<br />
Schlüsselroman, um Russland zu verstehen. Warum<br />
ist es so schwer, aus dem Bett zu kommen?<br />
Warum ist es so schwer, sich in Bewegung zu setzen?<br />
Warum ist es so schwer, gute Dienstboten<br />
zu finden? Warum ist es so entnervend (wenn<br />
auch wunderbar), sich zu verlieben?<br />
Dieser Proto-Faulpelz-Roman aus dem<br />
19. Jahrhundert stellt alle entscheidenden Fragen.<br />
(Übersetzung d. Red.)<br />
Gary Shteyngart, 1972 in Leningrad geboren,<br />
zog als Siebenjähriger mit seinen Eltern<br />
nach New York. Er schreibt Romane, Essays und<br />
Reiseberichte. Zuletzt erschien «Super Sad True<br />
Love Story» (Rowohlt 2010)<br />
25
Verlagsporträt<br />
«Wir leben in der<br />
Gegenwart»<br />
<strong>Der</strong> Verlag C. H. Beck wird 250 Jahre alt und ist immer<br />
noch im Familienbesitz – wie geht das zu? Ein<br />
Besuch beim Verleger Wolfgang Beck in München<br />
Von Frauke Meyer-Gosau<br />
Stammhaus des Verlags C. H. Beck im 18. Jahrhundert in Nördlingen<br />
Literaturen 03/2013 Foto: ©Verlagsarchiv, Verlag C.H.Beck; Seite 29: Foto: Stefan von der Lahr<br />
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Oh, war das nicht eben der Verleger, der da auf<br />
seinem Fahrrad vorüberfuhr? Es ist ein heißer<br />
Julitag, ich sitze im Straßencafé in der Münchner<br />
Wilhelmstraße und trinke noch rasch einen<br />
Espresso, bevor hier um die Ecke gleich mein Termin<br />
beginnt – gerade dort nämlich, wo jetzt Wolfgang Beck,<br />
Chef des wichtigsten kulturwissenschaftlichen Verlags der<br />
Bundesrepublik, Dr. h. c. der Universität Freiburg, Träger<br />
des Bundesverdienstkreuzes, «Verleger des Jahres» 2011<br />
und was einem auf die Schnelle noch so alles an Titeln und<br />
Ehrenzeichen einfallen könnte, sein Fahrrad abstellt. Bedenkt<br />
man, was für ein stattlich-solides kleines Imperium<br />
das ist, dem er nicht nur vorsteht, sondern das er gemeinsam<br />
mit seinem Bruder auch besitzt, man würde vermuten,<br />
der Mann müsse einem repräsentativen Kraftfahrzeug<br />
entsteigen, womöglich, nachdem ihm ein Chauffeur den<br />
Schlag geöffnet hat.<br />
Wer Wolfgang Beck kennt, wird diese Vorstellung eher<br />
belustigend finden: Understatement und Bescheidenheit,<br />
diese Grundpfeiler einer in Jahrhunderten gefestigten bürgerlichen<br />
Kultur, bestimmen nicht nur das Erscheinungsbild<br />
des Verlags C. H. Beck in der Öffentlichkeit, sie zeichnen<br />
auch den Verleger selbst aus: nur kein Tamtam, schon<br />
gar keine Übertreibungen! Diese Haltung hat den Verlag<br />
groß gemacht und überdies seit nunmehr 250 Jahren im Familienbesitz<br />
gehalten – neben einigen anderen Eigenschaften<br />
und Maximen, von denen noch zu reden sein wird; ein<br />
sensibles Gespür für Menschen wie für neue Ideen gehört<br />
unbedingt dazu.<br />
Eine Firmengeschichte ist dies also, die zugleich eine<br />
Familiengeschichte ist und heute selbst in der sechsten Generation<br />
noch so ganz anders vonstatten geht, als wir es aus<br />
den «Buddenbrooks» kennen. Dort lauerten die neureichen<br />
Hagenströms auf ihren Vorteil und bekamen ihn auch, weil<br />
Thomas und Christian Buddenbrook mit sich und ihrer<br />
Rolle zerfallen waren; das Kind Hanno konnte sich eine Zukunft<br />
schon gar nicht mehr vorstellen: «Ich dachte, da käme<br />
nichts mehr.» Im Verlag C. H. Beck dagegen hat die siebte<br />
Generation die Arbeit bereits aufgenommen.<br />
Trotzdem gehen mir die «Buddenbrooks» nicht aus<br />
dem Kopf, während ich am gediegenen Backsteinbau das<br />
Verleger-Fahrrad passiere und dann im Foyer durch ein<br />
großes Fenster ins Grüne schaue: Wie muss einer sich fühlen,<br />
der als Anfang-Dreißigjähriger in diesen Verlag eintrat<br />
und sich damit in eine große familiäre Traditionslinie<br />
stellte – jetzt, da er daran geht, seinem ältesten Sohn<br />
die Aufgaben zu übertragen, die er selbst vierzig Jahre lang<br />
mit großem Erfolg wahrgenommen hat? Das 250-jährige<br />
Verlags-Jubiläum ist nämlich ganz nebenbei auch noch das<br />
40-Jährige des Verlegers Wolfgang Beck.<br />
Wir sitzen im Konferenzraum des kulturwissenschaftlichen<br />
Verlagszweigs, am Ende eines langen Tisches, Bücher<br />
Das Verleger-Fahrrad, startbereit vor dem Verlag<br />
säumen die Wände, der Blick aus dem Fenster fällt auf hohe<br />
Bäume, und mein Gesprächspartner zögert keinen Augenblick<br />
mit der Antwort: «Im Alltag vergisst man diese lange<br />
Geschichte, allenfalls bei großen Jubiläen wie jetzt erinnert<br />
man sich daran. Im Verlag sind wir immer mit der unmittelbaren<br />
Gegenwart befasst, mit den nächsten Programmen<br />
und der üblichen Anzahl ungelöster Probleme. Natürlich<br />
bin ich mir darüber im Klaren, dass ich ein Anderer geworden<br />
wäre, wenn es diese Verlagsgeschichte nicht gäbe. Ich<br />
bin ja in große Fußstapfen getreten und habe dies hier nicht<br />
als der große Macher allein aufgebaut. Als ich 1973 anfing,<br />
war C. H. Beck immerhin schon ein renommierter Name.»<br />
Begonnen hat alles im Jahr 1763 mit der Übernahme<br />
einer Druckerei im bayrischen Nördlingen durch den Buchdrucker<br />
Carl Gottlob Beck. Er publizierte medizinische, naturwissenschaftliche<br />
und pädagogische Werke – der erste<br />
juristische Titel, Begründung der einen, künftig sehr ertragreichen<br />
Linie des Unternehmens, erschien 1764. <strong>Der</strong> Verlag<br />
entwickelte sich stetig, wenn es auch zwischendurch, im<br />
Jahr 1777, mal einen handfesten Skandal gab – der Radikal-<br />
Aufklärer Wilhelm Ludwig Wekhrlin hatte in einem Reiseband<br />
gegen die patrizischen Eliten der Reichsstädte Regensburg<br />
und Augsburg gewettert –, oder er 1803 aufgrund regionaler<br />
politischer Veränderungen vorübergehend in eine<br />
ökonomische Krise geriet. 1848 erscheint im inzwischen in<br />
dritter Generation geführten und auf protestantische Theologie<br />
sowie bayrische Jurisprudenz spezialisierten Haus die<br />
Paulskirchen-Verfassung, und als die vierte Generation die<br />
Geschäfte übernimmt, wird ein Grundstück in München-<br />
Schwabing gekauft; genau hier befindet sich der Verlag bis<br />
heute. Nach dem Umzug von Nördlingen verbleiben dort<br />
die immer noch zu C. H. Beck gehörende Druckerei, das<br />
Sortiment und das «Nördlinger Anzeigenblatt», während<br />
der Verlag selbst von München aus zusehends expandiert:<br />
Mit der 1. Auflage des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jahr<br />
27
Verlagsporträt<br />
Vierzig Jahre in der Verantwortung für den kulturwissenschaftlichen Verlag: Wolfgang Beck<br />
1896 schlägt der junge Oskar Beck endgültig den Weg zum<br />
führenden juristischen Verlag Deutschlands ein, kann mit<br />
einer Goethe-Biografie aber auch bereits einen ersten Bestseller<br />
im geisteswissenschaftlichen Bereich verzeichnen.<br />
Blickt man auf die Entwicklung im 20. Jahrhundert,<br />
stellt sich endgültig die Frage, ob sich anhand dieser Verlagsgeschichte<br />
nicht ebenso gut auch die deutsche Geschichte<br />
der letzten 250 Jahre erzählen ließe – Walter Flex’<br />
Kriegsnovelle «Wanderer zwischen beiden Welten», geschrieben<br />
aus nationalistisch-völkischer Perspektive und eines<br />
der sechs erfolgreichsten deutschen Bücher des 20. Jahrhunderts,<br />
erschien 1916 bei C. H. Beck, 1918 folgte «<strong>Der</strong><br />
Untergang des Abendlandes» von Oswald Spengler, einem<br />
der wichtigsten Köpfe der «Konservativen Revolution»<br />
und wie Flex ein geistiger Wegbereiter des Nationalsozialismus.<br />
Andererseits wurde in den zwanziger Jahren<br />
Albert Schweitzer Autor des Verlags, die «Kulturgeschichte<br />
der Neuzeit» des jüdischen Schriftstellers Egon Friedell entwickelte<br />
sich zu einem Kassenschlager. 1937 wurden Friedells<br />
Bücher von der Gestapo beschlagnahmt – und just in<br />
diesem Jahr trat Heinrich Beck, Verleger in nunmehr fünfter<br />
Generation, in die NSDAP ein. Was war aus der liberalen<br />
Bürgerlichkeit geworden, für die der Verlag nun schon<br />
seit mehr als anderthalb Jahrhunderten einstand?<br />
«In der Tat würde ich sagen, die Verlagsgeschichte spiegelt<br />
die deutsche Geschichte der letzten 250 Jahre», sagt<br />
Wolfgang Beck, «und eben nicht nur deren erfreuliche Seiten.<br />
Dass so heterogene Autoren wie Oswald Spengler, Albert<br />
Schweitzer oder Egon Friedell bei uns erschienen, lag daran,<br />
dass deren Denken meinen Vater auf sehr unterschiedliche<br />
Weise faszinierte, sie selbst standen einander zunächst<br />
auch durchaus nicht feindlich gegenüber. Albert Schweitzer<br />
zum Beispiel kannte Spengler sehr gut, er verstand sich<br />
ja auch als Kulturphilosoph. Bei Friedell war es ganz ähnlich,<br />
der war sogar ein Spengler-Anhänger. Für diese Autoren<br />
war es also kein Problem, sich unter demselben verlegerischen<br />
Dach zu finden. Was aber die Motive und Hintergründe<br />
für den Partei-Eintritt meines Vaters angeht, kann<br />
man nur vermuten, dass dies mit dem juristischen Verlag zu<br />
tun hatte. Die Juristerei war ja sozusagen NSDAP-verseucht,<br />
und bei uns erschien 1936 zum Beispiel der große Kommentar<br />
von Hans Globke und Wilhelm Stuckart zu den Nürnberger<br />
Rassegesetzen. Mein Vater war kein Nazi, aber er hat<br />
mit den Nazis doch fallweise zusammengearbeitet, und das<br />
nicht nur im juristischen Bereich. Im schöngeistigen Zweig<br />
erschien etwa Mussolinis ‹<strong>Der</strong> Faschismus. Philosophie, politische<br />
und gesellschaftliche Grundlagen›, auch andere italienische<br />
Faschisten publizierten hier. Da hatte wohl Speng-<br />
Literaturen 03/2013 Foto: Isolde Ohlbaum<br />
28
ler mitgemischt, der bekanntlich kein Nazi-Freund war: Er<br />
hielt sie für Proleten, eine unkultivierte, rohe Bande; Goebbels<br />
hat ihn dann ja auch kaltgestellt. Aber dem italienischen<br />
Faschismus war er zugetan.»<br />
Die Jahre zwischen 1943 und 1949 sind auch in anderer<br />
Hinsicht eine finstere Zeit für den Verlag: In Leipzig<br />
verbrennen nach einem Luftangriff fast die gesamten<br />
Buchbestände des Unternehmens, Brandbomben vernichten<br />
im Jahr darauf das Verlagshaus in München. Als der<br />
Krieg endet, wird Heinrich Beck, seiner Parteizugehörigkeit<br />
wegen, mit Publikationsverbot belegt. Doch der findige<br />
Geschäftsmann sieht einen Weg: «Ein Vetter meines<br />
Vaters, Gustav End, ein erfahrener Verlagsmann, gründete<br />
1946 den Biederstein Verlag mit Sitz in München und Berlin»,<br />
berichtet der Sohn. «An ihn wurden die Verlagsrechte<br />
von C. H. Beck verpachtet – und zwar alle, auch die juristischen.<br />
Dort erschienen dann etwa die Nachkriegs-Auflagen<br />
von Albert Schweitzer, aber auch die neu gegründete<br />
‹Neue juristische Wochenschrift›, bis heute die wichtigste<br />
juristische Zeitschrift in Deutschland. Heimito von Doderer,<br />
der schon seit 1938 bei C. H. Beck war, publizierte bei<br />
Biederstein 1951 seinen Welterfolg ‹Die Strudlhofstiege›. Zu<br />
dem Zeitpunkt durfte mein Vater schon wieder als Verleger<br />
tätig sein, 1951 wurde der Verlagsneubau in der Wilhelmstraße<br />
bezogen.»<br />
Ganz trennscharf war die Abgrenzung der Programme<br />
von C. H. Beck und dem Biederstein Verlag in den kommenden<br />
Jahren nicht: Dort verlegte man populäre Bestseller<br />
wie Walter Kiaulehns «Geschichte Berlins» oder den amerikanischen<br />
Umweltklassiker «<strong>Der</strong> stumme Frühling», daneben<br />
aber auch französische Avantgardisten wie Michel Butor<br />
und Louis Aragon. C. H. Beck wiederum publizierte mit<br />
großem Erfolg den Band «<strong>Der</strong> ewige Brunnen. Ein Hausbuch<br />
deutscher Dichtung», dessen Herausgeber Ludwig<br />
Reiners es im Sommer 1956 sogar auf das Cover des «Spiegel»<br />
schaffte. Daneben erschienen Arnold Hausers «Sozialgeschichte<br />
der Kunst und Literatur» oder Günther Anders’<br />
kulturphilosophisches Jahrhundertbuch «Die Antiquiertheit<br />
des Menschen». Und der Verlag expandierte, das<br />
Programm erweiterte sich beträchtlich, wie schon vor dem<br />
Krieg veröffentlichten hier die namhaftesten Köpfe ihrer<br />
Fachdisziplinen. Als Heinrich Beck im Jahr 1973 starb, waren<br />
seine beiden Söhne im Verlag bereits präsent, eine neue<br />
Ära in der Entwicklung des Hauses nahm ihren Anfang.<br />
Und sie begann mit einem Paukenschlag: <strong>Der</strong> Verlag<br />
wurde geteilt. Hans Dieter Beck übernahm den juristischen,<br />
sein Bruder den kulturwissenschaftlichen Zweig. Bis<br />
auf den heutigen Tag fungieren beide als gleichberechtigte<br />
Gesellschafter, bei zwei so unterschiedlichen Themenbereichen<br />
und Verlagskulturen unter einem Dach keine leichte<br />
watch movie on youtube<br />
readingmalopolska.com | krakowcityofliterature.com<br />
Reading Małopolska<br />
Co-financed by<br />
the Ministry of Culture<br />
and National Heritage<br />
of the Republic of Poland<br />
The project ”Literacka Małopolska” is co-financed by the European Union as part of the<br />
The Małopolska Regional Operational Programme 2007-2013 ERDF.
Verlagsporträt<br />
Sache. Dabei hatte Wolfgang Beck eigentlich gar nicht vorgehabt,<br />
in den väterlichen Betrieb einzusteigen: «Ich habe<br />
erst einmal Medizin studiert. Aber dann stellte sich heraus,<br />
dass es doch eines zweiten, nicht-juristischen Verlegers<br />
bedurfte. Für meinen Vater war der juristische Verlag<br />
sehr schön, zumal man damit Geld verdienen konnte. Aber<br />
der nicht-juristische interessierte ihn persönlich letztlich<br />
Lektoratskonferenz Anfang der siebziger Jahre<br />
mehr, und der sollte nicht untergehen. Also wurde ich entsprechend<br />
beeinflusst, und das war mir auch gar nicht unsympathisch.<br />
Ich studierte dann in Göttingen Germanistik<br />
und Philosophie, war in Santa Barbara Teaching Assistent –<br />
Ende 1972 trat ich in den Verlag ein.»<br />
Die Vorbereitungszeit des 1941 Geborenen auf seine<br />
kommenden Aufgaben war kurz gewesen: ein Volontariat<br />
bei einem Verlag in Oxford und eines in einer deutsch-italienischen<br />
Buchhandlung in Florenz, dazu Praktika im eigenen<br />
Haus. Aber weil eben auch Glück zu einer Erfolgsgeschichte<br />
gehört, traf der junge Mann dort auf zwei so kompetente<br />
wie erfindungsreiche Mitstreiter: den Cheflektor<br />
Ernst-Peter Wieckenberg und den Herstellungsleiter Jürgen<br />
Fischer – «sie waren praktisch meine Lehrer.» Als sich<br />
auf der neu geschaffenen Position der Presse-Chefin dann<br />
auch noch Eva von Freeden hinzugesellte, war das legendäre<br />
«Kleeblatt», das den Verlag in den kommenden Jahrzehnten<br />
formen sollte, komplett. <strong>Der</strong> bisherige Führungsstil<br />
wurde durch diskursive Entscheidungsfindung ersetzt,<br />
das Programm eines vielseitig ausgerichteten kulturwissenschaftlichen<br />
Verlags nahm Fahrt auf: Neue Reihen wurden<br />
begründet, eine Zusammenarbeit mit Verlagen in der<br />
DDR initiiert, international renommierte Autoren kamen<br />
ins Boot, neue Themenbereiche wie die Islamwissenschaft,<br />
die jüdische Geschichte und der Feminismus wurden besetzt.<br />
Seither belegt der Verlag nicht nur immer wieder die<br />
oberen Ränge der auf Qualitätskriterien beruhenden Bestenlisten,<br />
es gelingt ihm auch mit schöner Regelmäßigkeit<br />
der Sprung unter die Bestseller.<br />
Die Grundlagen für diese Entwicklung wurden im Jahr<br />
1973 gelegt, und sie bestimmen den Geist des Hauses bis<br />
heute, obwohl alle wesentlichen Positionen seit dem Generationswechsel<br />
im Jahr 2000 neu besetzt sind – außer eben<br />
derjenigen des Verlegers. Er ist der Qualitäts-Garant, der<br />
Ermöglicher neuer Reihen und Themenschwerpunkte. 1999<br />
tat er einen besonders kühnen Schritt und begründete das<br />
C. H. Beck-Literaturprogramm, das an das frühere literarische<br />
Profil des Verlags wieder anknüpft. Wolfgang Beck<br />
selbst sieht seine Rolle in alledem natürlich viel zurückhaltender.<br />
«Alles Wesentliche läuft über das Lektorat», sagt er.<br />
«Für die Autoren ist doch entscheidend, dass sie einen guten<br />
Lektor haben. <strong>Der</strong> Verleger ist dann nicht mehr so wichtig.»<br />
So muss also der Gast darauf aufmerksam machen, welche<br />
Verbindung gegensätzlicher Eigenschaften hier in den letzten<br />
vierzig Jahren geglückt ist: Wagemut und Beharrungsvermögen,<br />
Sinn für die liberale Tradition und Erfindungsgeist,<br />
Geschäftssinn und Phantasie, verbunden mit dem Talent,<br />
kreative Köpfe zu binden – Köpfe wie Detlef Felken<br />
und Martin Hielscher, deren Sachbuch- und Literaturprogramme<br />
das Profil des Verlags entschieden ins Internationale<br />
geweitet, ihm ein kosmopolitisches Gesicht gegeben<br />
haben. «Ach», seufzt da der Verleger, «dieses schreckliche<br />
Wort ‹Sachbuch›! Kann dafür nicht mal jemand einen anderen<br />
Begriff finden? Da denkt man doch an Trockenes, Menschenfernes!<br />
Wie könnte man damit ein Buch erfassen wie<br />
‹Die Nonnen von Sant’Ambrogio›, in dem ein Kirchenhistoriker<br />
von einem römischen Kloster um 1850 erzählt: Sex<br />
and crime, Beichtväter, die schönen Nonnen mit Zungenkuss<br />
die Absolution erteilen und im Übrigen an der Formulierung<br />
des Unfehlbarkeits-Dogmas des Papstes arbeiten?»<br />
In der nächsten Zeit wird Wolfgang Beck seine Aufgaben<br />
an seinen ältesten Sohn übertragen. <strong>Der</strong>, promovierter<br />
Ökonom, ist schon seit 2007 im Haus tätig und leitet gegenwärtig<br />
ein wirtschaftswissenschaftliches Lektorat im Programmbereich<br />
seines Onkels. Hat der Vater eine Vision für<br />
die nächsten zwanzig, dreißig Jahre? «Das ist angesichts des<br />
rasanten Veränderungstempos in unserer Branche wahnsinnig<br />
schwer zu sagen. Aber wenn man, wie ich, an Büchern<br />
hängt und das Buch nach wie vor für das Hauptmedium<br />
der kulturellen Entwicklung hält, dann wünscht man<br />
sich einfach, dass das so bleibt. Und dass es weiterhin an<br />
bedeutenden Köpfen nicht mangelt, deren Gedanken und<br />
Texte wichtig genug sind, dass man sie eben in einem Buch<br />
und nicht anders lesen möchte.» Da schließt sich dann der<br />
Kreis: Mit jedem neuen Buch zieht sich der Verlag diese<br />
Köpfe selbst heran.<br />
Detaillierte Informationen über die Verlagsgeschichte sind nachzulesen in:<br />
Stefan Rebenich<br />
C. H. Beck 1763–2013. <strong>Der</strong> kulturwissenschaftliche Verlag und seine<br />
Geschichte, C. H. Beck, München 2013. 864 S., 38 €<br />
Literaturen 03/2013 Foto: Stephan Wagner<br />
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Sommer auf dem Alex<br />
An keinem anderen Ort inszeniert sich<br />
diese Stadt so sehr als Breitwandfilm wie an diesem:<br />
Berlin Alexanderplatz. Ein Spaziergang<br />
Von David Wagner · Foto Kristin Loschert
Reportage<br />
1<br />
«Jesus liebt dich!» – «Schnauze, ey!» – «Jesus liebt dich!»,<br />
dröhnt es aus Lautsprechern über den Alexanderplatz. Vier<br />
Jugendliche auf den Treppenstufen vor dem Eingang zu<br />
Burger King grölen. «Sechs Millionen Juden sind tot», fleht<br />
eine Frau in einem langen, dunkelblauen Rock und passender<br />
Kostümjacke einen vorbeigehenden Jungen an. <strong>Der</strong><br />
Junge trägt einen Sixpack Warsteiner zu seinen Freunden.<br />
«Wir singen bis ans Ende der Welt, bis ans Ende der Zeit»,<br />
haucht ein Christ ins Mikrofon. Eine jüngere Frau in kurzem<br />
Rock und Tanktop steht mit Stift und Klemmbrett im<br />
Passantenstrom und spricht Vorbeigehende an. «Alles, was<br />
gut und vollkommen ist, kommt, O Herr, von dir», schallt<br />
es über das Pflaster, dann bellen die Boxen: «Wie können<br />
wir so ruhig leben, wo so viele kleine Kinder schon im Mutterleib<br />
ermordet werden?» – «Aufhören, Aufhören! Aufhören,<br />
ihr Arschlöcher!» brüllt eine Frau, sie hat ein Eis in der<br />
Hand und lehnte bisher ganz ruhig an dem Mäuerchen neben<br />
dem U-Bahnausgang. Einige Neugierige stehen bei den<br />
gläubigen Sängern, andere, eher unfreiwillige Zuhörer sitzen<br />
auf der Treppe zum Forum-Hotel, im Kaufhofschatten<br />
und auf den Bänken des Biergarten am Alex. Sie schauen<br />
sich den Breitwandfilm Alexanderplatz und seine Darsteller<br />
an, seine manchmal von der Sommermode überforderten<br />
Figuren, die über das Pflaster und Richtung S-Bahnhof strömen.<br />
Mitten im Fluss steht die Frau mit dem Klemmbrett,<br />
sie ist auf der Suche nach Menschen, die in einer Quizshow<br />
klatschen wollen. «Sechs Millionen Juden sind tot», ruft die<br />
Frau in Dunkelblau, die Fußgänger, denen sie ihre Mahnung<br />
entgegenschleudert, nehmen keine Notiz davon. Eine<br />
junge Frau tritt aus dem Saturn ins Freie, öffnet eine Fototasche<br />
und schaut verzückt auf die Abzüge. Sie schaut so entrückt-verzückt<br />
wie die Frau auf dem bekannten Bild Vermeers<br />
auf ihren Brief. Zwischen Kaufhof und Hotel Forum,<br />
nicht weit von der Stelle, an der die Politiker Steffel, Stoiber<br />
und Merkel vor kurzem bei einer Wahlkampfveranstaltung<br />
mit Batterien beworfen wurden, riecht es (aber das ist in<br />
Berlin im Sommer nicht ungewöhnlich) aus der Kanalisation.<br />
Es riecht nach Schwefelwasserstoff, es stinkt nach faulen<br />
Eiern. «Mein Name ist Jutta, ich bin eine Christin aus Berlin«,<br />
kommt es aus den Lautsprechern der Missionare über<br />
den Platz. «Wir sind alle auf Gott hin angelegt», sagt Jutta,<br />
«Jesus ist in mich eingedrungen, als ich einundzwanzig war.<br />
Und allein in meinem Zimmer war.» Drei Dosenbiertrinker<br />
beginnen zu johlen, der mittlere trägt ein T-Shirt mit<br />
der Aufschrift «Fußball, Ficken, Alkohol». Zwei <strong>Punk</strong>s rufen<br />
ihre Hunde. Ihre Rufe klingen wie kurze Jodler. Einer<br />
der vier Hunde, die nach einigen Jodlern angelaufen kommen,<br />
hört auf den Namen Whisky, Whisky wird freudig begrüßt.<br />
Sein Herrchen, ein beim Betteln besonders freundlicher<br />
<strong>Punk</strong>, trägt ein schwarzes Muskelshirt mit dem Aufdruck<br />
«Bonn», der Schriftzug mit Kussmund an der Stelle<br />
des O. Jutta singt «Herr, deine Gnade, sie fällt auf mein Leben,<br />
so wie der Regen im Frühling fällt», viele Passanten,<br />
die von der Frau mit dem Klemmbrett angesprochen werden,<br />
schütteln den Kopf, die meisten bleiben gar nicht stehen.<br />
«Im Grunde habe wir nie aufgehört, Kinder zu sein»,<br />
sagt Jutta, die Christen reichen das Mikrofon herum. Als<br />
Jutta wieder an der Reihe ist, brüllt einer von der Treppe,<br />
er trägt sein Mobiltelefon wie ein Amulett an einem Kettchen<br />
um den Hals: «Halt dein Maul, du alte Fotze!» Einer,<br />
der neben ihm sitzt, meint: «Scheißland hier, dass sich jeder<br />
einfach frei äußern kann.» Die Frau mit dem Klemmbrett<br />
setzt sich auf den Brunnenrand, streckt die sonnengebräunten<br />
Beine von sich und erzählt, dass bei schönem<br />
Wetter kaum einer Lust habe, ins Fernsehstudio zu gehen.<br />
«Nein, wir zahlen nicht, es gibt nur ein Freigetränk. Touristen<br />
kommen gerne, man muss gleich ganze Gruppen krallen.<br />
Ich mache diese Arbeit gern. Kann ich mir selbst einteilen.<br />
Und ich bin draußen. Den Alex mag ich lieber als<br />
die Wilmersdorfer oder den Potsdamer Platz, der Potsdamer<br />
Platz ist mir zu künstlich. Am Alex ist die Mischung<br />
besser, und jeden Tag gibt’s Veranstaltungen. Neulich war<br />
der Tag der Grauen Panther, nur Rentner auf dem ganzen<br />
Platz. Heute sitzt der Verein der Väter, die ihre Kinder nicht<br />
sehen dürfen, unter der Weltzeituhr.«<br />
2<br />
Sonnabend, der Fernsehsender, der die Zuschauer für Fußball<br />
bezahlen läßt, hat auf dem Alex ein riesiges rotes Luftkissen<br />
mit hoch aufragenden Seitenwülsten aufgeblasen.<br />
Innen kein Wasser, es handelt sich nicht um ein Planschbecken,<br />
nein, innen zappeln halbnackte Männer, die Hände<br />
mit breiten Klettverschlussmanschetten an lange, quer<br />
durch das Luftkissenbecken gesteckte Stangen – Stangen,<br />
dick wie Fallrohre – gefesselt. Es sind keine Galeerensklaven,<br />
die rudern müssen, keine Gladiatoren, keine Mayas,<br />
die Pelota spielen und eventuell geopfert werden, diese<br />
Männer sollen lebensgroße Tischfußballfiguren sein. «Zeigt<br />
Berlin, zeigt der Republik und dem Rest der Welt, was ihr<br />
drauf habt!», brüllt der Animateur, der das Agitieren in einem<br />
früheren Deutschland gelernt zu haben scheint. Die<br />
angeketteten Männer, die Spieler, die Spielfiguren spielen,<br />
treten zappelnd nach dem Ball. Mit den ausgebreitet angebundenen<br />
Armen sehen sie wie Gekreuzigte aus. Die Torwand,<br />
die verwaist im Abseits des großen Luftkissenkickers<br />
steht, wirkt prähistorisch – wie die höhnische Erinnerung<br />
an einen der Sender, die Fußball öffentlich-rechtlich zeigten.<br />
3<br />
Auf den Fenstern der Häuser, in einem sitzt nun auch das<br />
Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit,<br />
dort, wo eines fernen Tages Hochhäuser aufragen<br />
sollen, kleben Buchstaben. Hintereinander gelesen er-<br />
34
geben sie Döblin-Zitate. Auf den Flachdächern der Häuserzeile<br />
stehen Werbeschriften wie große Dachskulpturen:<br />
«Togal» mit dem langen, geschwungenen Bügel-T, daneben<br />
Werbung für den «Top Automarkt Bornholmer Brücke».<br />
Unten auf dem Pflaster, weit unter der Fernsehturmkugel,<br />
leuchten Tränenkopflaternen in die DDR zurück.<br />
Unter der Zurüstung des Berolina-Hauses sind die alten<br />
Leuchtschriften «Rewatex» und «Flinke Jette» zu erkennen.<br />
«Fühlen was geschieht», sagt der Schriftzug auf dem<br />
Drehkörper der Uhr, «Bärenstark» ruft die Kaufhoffassade.<br />
In den großen Blumenkübeln neben der Tram wachsen gar<br />
nicht mehr so kleine Bäume. Die Spatzen sind schmutzig<br />
und gut genährt. Und auf dem Dach des Alexander-Hauses,<br />
gleich neben dem «Kleinpreismarkt am Alex» drehen<br />
sich, o Wunder, noch immer die drei gekreuzten Holzwege<br />
in Rot, Gelb, Blau – das Signet der pleite gegangenen Bankgesellschaft<br />
Berlin.<br />
4<br />
An einem Regentag verkauft der Bratwurstmann, der sich<br />
«Grillwalker» nennt, seine Würste vom Bauchtragegrill. Ein<br />
Konkurrent hat sich den Rost auf seinen Rollstuhl montiert.<br />
Die Würste des stehenden Konkurrenten verkaufen<br />
sich besser. Deutsche Tierschützer demonstrieren im Regen.<br />
«Super-Lotterie – Ihre Chance!» – «Haben sie Lust auf<br />
’ne Million?» Die Heilsarmee parkt ihren Renault-Transporter<br />
auf dem Alex, teilt Suppe aus. Etwa fünfundzwanzig Personen,<br />
unauffällig-ordentlich gekleidet, stehen in der Reihe,<br />
einer von ihnen hat einen Einkaufswagen mit Habseligkeiten<br />
dabei. «Hinten anstellen, eeeyy. Ey, auch du, ey.»<br />
Es gibt warme Suppe für alle, einen Plastikteller voll. Drei<br />
Mädchen kommen auf Plateau-Schuhen aus der Kosmetikabteilung<br />
des Kaufhofs, bringen Parfumprobennebel mit,<br />
bleiben kurz stehen und stelzen kichernd durch ihre eigene<br />
Duftwolke davon. «Sind Sie gegen Minen?» – «Haben<br />
Sie ein wenig Zeit? Wir würden gern über unsere Arbeit<br />
als Tierschützer informieren.» – «Welches Buch würden sie<br />
auf eine einsame Insel mitnehmen?» <strong>Der</strong> Grillwalker legt<br />
Würstchen nach, die Kunden der Heilsarmee schlürfen ihre<br />
Suppe. Das Kontaktbereichsmobil der Polizei, Abschnitt 32,<br />
steht auf dem Platz, ein Stromkabel steckt in einer Steckdose,<br />
die im Boden verborgen ist. Sieht so aus, als hätte der<br />
Wagen seinen Rüssel in den Asphalt gebohrt.<br />
Und erzählt, er wohne in Neukölln, in einem Zimmer, das<br />
ihn hundert Mark Miete im Monat koste. «Hundert Mark<br />
kriege ich immer irgendwie zusammen. Meistens Unkrautjäten<br />
bei einer alten Dame, ich mache ihr den Garten.»<br />
6<br />
Sonntagnachmittag, kurz vor drei, es ist heiß, der Passantenstrom<br />
versiegt. Eine ältere, gepflegt wirkende Frau, sie<br />
trägt eine große Plastiktüte, bückt sich vor dem Bauzaun,<br />
der um den Brunnen der Völkerfreundschaft herum errichtet<br />
wurde. Sie schiebt einen mitgebrachten Ast so geschickt<br />
unter dem Zaun hindurch, dass der Ast an eine Coca-Cola-<br />
Pfandflasche stößt, die, durch mehrmalige Berührung mit<br />
der Astspitze in Bewegung versetzt, auf den Bauzaun zurollt.<br />
Die Frau, der eine vielleicht nicht echte Perlenkette<br />
um den Hals hängt, greift nach der Flasche, in der ein Rest<br />
Cola schwappt, zieht sie unter dem Zaun hindurch, öffnet<br />
sie, leert sie aufs Pflaster, schraubt die Flasche zu, steckt sie<br />
in ihre Plastiktüte und geht mit dem Ast in der Hand Richtung<br />
S-Bahnhof davon.<br />
Dieser Text ist David Wagners Band «Mauer Park» entnommen (Verbrecher<br />
Verlag, Berlin 2013. 114 S., 14 €; erscheint im Oktober). Darin finden<br />
sich eine Reihe von Spaziergangs-Reportagen aus Berlin, die der Autor im<br />
Jahr 2001 in «David Wagner in Berlin» schon einmal veröffentlicht hat. An<br />
Wagners umfangreicher Neu-Kommentierung lässt sich in «Mauer Park»<br />
ablesen, wie sich die Stadt im letzten Jahrzehnt verändert hat<br />
Die neue Polanski-Biographie<br />
5<br />
Auf dem Rand des als Nuttenbrosche bekannten Brunnens,<br />
der eigentlich Brunnen der Völkerfreundschaft heißt, sitzt<br />
ein junger Mann und hält ein wahrscheinlich antiquarisch<br />
erworbenes Buch in der Hand. Macht Notizen. Schreibt<br />
sich den Döblin-Satz «Wiedersehen auf dem Alex. Hundskälte,<br />
nächstes Jahr, 1929, wird noch kälter» von der Fassade<br />
des Hauses Ecke Otto-Braun-Straße in einen Spiralblock.<br />
256 S. · 95, teils farb. Abb. · € 24,95<br />
ISBN 978-3-15-010936-6<br />
Rückblick auf ein filmreifes Leben und ein beeindruckendes Werk<br />
Von den frühen Kurzfilmen bis zum »Gott des Gemetzels«<br />
Mit über 90 Fotos vom Set und aus den Filmen<br />
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Reclam
Favoriten<br />
Auf der Suche nach der<br />
verlorenen Stadt<br />
Antonio Callados Essay über Colonel Percy Fawcett,<br />
der das Vorbild für «Indiana Jones» war und seinen<br />
großen Kolonialisten-Traum mit dem Leben bezahlte<br />
Von Ronald Düker<br />
Die Geschichte erinnert<br />
an den berühmten urbanen<br />
Mythos von jenem<br />
Mann, der sich nur mal<br />
schnell zum Zigarettenholen aufgemacht<br />
hatte und dann nie wieder<br />
gesehen wurde: In Begleitung<br />
seines Lieblings-Sklaven Malaquias<br />
verlässt Dario Rafael Callado, der<br />
Polizeipräsident von Rio de Janeiro,<br />
im Jahr 1867 sein Haus in der Rua<br />
Larga de São Joaquim, um ein wenig<br />
frische Luft zu schnappen. Als<br />
er feststellt, dass er seine Schnupftabakdose<br />
vergessen hat, schickt er<br />
Malaquias zurück, um sie zu holen.<br />
Doch als der Sklave wiederkommt,<br />
ist die Bank, auf der er seinen Herrn<br />
zurückgelassen hatte, leer. Und kein Mensch hat den Polizeipräsidenten<br />
je wieder gesehen.<br />
Dabei war Rio de Janeiro damals längst noch nicht<br />
der Moloch von heute. Gerade einmal 200.000 Einwohner<br />
zählte die Stadt, und auch die Fläche, die auf der Suche<br />
nach dem Verschwundenen durchkämmt werden musste,<br />
war überschaubar: «284 Straßen, 42 Alleen, 47 Plätze, 30<br />
Strände und 27 Hügel» – so hat es Antonio Callado, dessen<br />
Großonkel der Polizeipräsident war, später rekonstruiert.<br />
Zwar fand sich nach Monaten ein Skelett im Wasserspeicher<br />
von Tijuca. Aber das gehörte wohl zu einem anderen<br />
Namen und einem anderen Verbrechen.<br />
Antonio Callado<br />
wurde 1917 in Niterói im Bundesstaat<br />
Rio de Janeiro geboren. Er schrieb<br />
Romane und Theaterstücke, arbeitete<br />
aber zeitlebens auch als Journalist. Ins<br />
Deutsche übertragen wurde bislang<br />
lediglich sein Roman «Lucinda» (1991)<br />
<strong>Der</strong> 1917 geborene Antonio<br />
Callado ist hierzulande kaum bekannt,<br />
die Brasilianer zählen ihn<br />
aber zu ihren wichtigsten Schriftstellern<br />
des vergangenen Jahrhunderts.<br />
Callado schrieb Romane und<br />
Theaterstücke und arbeitete bis zu<br />
seinem Tod im Jahr 1997 auch als<br />
Journalist – während des Zweiten<br />
Weltkriegs in London für die BBC<br />
und später für alle bedeutende Zeitungen<br />
in Brasilien.<br />
<strong>Der</strong> Übergang vom journalistischen<br />
zum literarischen Fach<br />
war bei ihm stets fließend. Was seine<br />
fiktionale und dokumentarische<br />
Arbeit aber einte, das waren höchste<br />
stilistische Eleganz und die Faszination<br />
für düstere Themen. Davon zeugt Callados Roman<br />
«Lucinda», der von Folterungen unter der brasilianischen<br />
Militärdiktatur in den siebziger Jahren handelt, ebenso wie<br />
seine Vietnamkriegs-Reportagen, die er als Korrespondent<br />
in die Heimat schickte.<br />
Antonio Callado war ein Geschichtenerzähler und ein<br />
Abenteurer, und als solcher magisch angezogen von Rätseln,<br />
die ihm den Weg ins Herz der Finsternis wiesen. Was seinem<br />
Großonkel, dem Polizeipräsidenten, tatsächlich widerfahren<br />
war, das konnte er als Nachgeborener nicht mehr ermitteln.<br />
Was aber der britische Colonel Percy Harrison Fawcett<br />
erlebt hatte, nachdem er im Jahr 1925 im brasilianischen<br />
Literaturen 03/2013 Foto: 1987 Ulf Andersen/Getty Images<br />
36
Auf der Suche nach der versunkenen Stadt: Colonel Percy Harrison Fawcett<br />
Literaturen 03/2013 Foto: picture-alliance/Mary Evans Picture Library<br />
Regenwald verschwand, interessierte Callado so sehr, dass er<br />
sich im Jahr 1952 selbst einer Expedition in den Dschungel<br />
anschloss, die ein womöglich ungeheures Verbrechen aufklären<br />
sollte. In beiden Fällen tauchten später Knochen auf,<br />
die man zunächst mit dem Verschwundenen identifizierte,<br />
in beiden Fällen blieb schließlich nur das Rätsel übrig. Die<br />
große Reportage, die Antonio Callado von seiner Expedition<br />
mitgebracht hat, ist nun, nach genau sechzig Jahren und<br />
pünktlich zum Gastauftritt der brasilianischen Literatur bei<br />
der Buchmesse in Frankfurt, erstmals auf Deutsch erschienen:<br />
«<strong>Der</strong> Tote im See. Leben und Verschwinden des Colonel<br />
Fawcett im brasilianischen Regenwald» heißt dieses<br />
wunderschön gestaltete und immer noch höchst spannend<br />
zu lesende Buch.<br />
Percy Harrison Fawcett war einer der letzten schillernden<br />
Abenteurer, von denen das britische Empire im<br />
19. Jahrhundert so viele hervorgebracht hatte. Im Jahr 1867<br />
in der südenglischen Hafenstadt Torquay zur Welt gekommen,<br />
schien ihm der Kosmopolitismus wie in die Wiege gelegt.<br />
Sein Vater gehörte der Royal Geographical Society an,<br />
doch Percys erste Fernreisetickets wurden vom Militär bezahlt.<br />
Nach dem Schulabschluss trat er dem Royal Regiment<br />
of Artillery bei und wurde in Sri Lanka stationiert. Es folgte,<br />
stets im Dienste ihrer Majestät, ein rastloser Werdegang, der<br />
ihn nach Honkong, Malta und Marokko führte, wo er zum<br />
Landvermesser ausgebildet wurde.<br />
Den Ort seiner fatalen biografischen Bestimmung erreichte<br />
Percy Fawcett mit 39 Jahren. Eine Vermessungsexpedition<br />
führte ihn im Auftrag der Royal Geographical Society<br />
ins Regenwald-Hochland von Mato Grosso, das zwischen<br />
Brasilien und Bolivien liegt und damals eines der letzten<br />
noch nicht kartografierten Gebiete überhaupt war – ein<br />
noch weißer Fleck auf der von den Kolonialmächten längst<br />
penibel ausgepinselten Weltkarte. In den nächsten zwei Jahrzehnten<br />
unternahm Fawcett insgesamt sieben Expeditionen<br />
in diesen Regenwald.<br />
Am 29. Mai 1925 traf von dort ein letztes Telegramm<br />
bei seiner Frau ein. «Unsere Führer», so hieß es darin, «gehen<br />
von hier zurück. Sie werden immer nervöser, und wir<br />
dringen weiter in das Indianer-Land vor. Du brauchst keine<br />
Angst vor einem Fehlschlag zu haben.» Ob diese Zeilen<br />
wirklich geeignet waren, die Sorgen der Ehefrau zu zerstreu-<br />
37
Fawcetts Überreste? Indios zeigten 1951 die falschen Gebeine<br />
en? Sie waren jedenfalls das letzte Lebenszeichen des damals<br />
57-jährigen Abenteurers. Von da an verliert sich Fawcetts<br />
Spur für immer.<br />
Es hätte sich Antonio Callado aber wohl kaum so hartnäckig<br />
an die Fersen dieses unseligen Briten geheftet, wenn<br />
der nur ein ordinärer Landvermesser gewesen wäre. Warum<br />
aber, fragt der Autor, werden auch in hundert Jahren<br />
noch viele Menschen auf der ganzen Welt wissen, wer dieser<br />
Fawcett gewesen ist? «Weil», so Callado weiter, «nichts<br />
sich so hartnäckig hält wie Legenden, und der Fall von Percy<br />
Harrison Fawcett ist mit einer der ältesten Legenden der<br />
Menschheit überhaupt verknüpft, dem Mythos der «versunkenen<br />
Stadt». Das nämlich war Fawcetts<br />
Obsession, zu der die Landvermessungsmission<br />
und die Expeditionsgelder<br />
aus dem fernen Großbritannien<br />
nur die nötigen Mittel lieferten: <strong>Der</strong><br />
Abenteurer war felsenfest davon überzeugt,<br />
dass sich mitten im Regenwald<br />
die Ruinen der uralten – und von ihm<br />
Antonio Callado<br />
<strong>Der</strong> Tote im See<br />
Aus dem brasilianischen<br />
Portugiesisch<br />
von Peter Kultzen.<br />
Berenberg, Berlin 2013.<br />
120 S., 20 €<br />
selbst so genannten – Stadt «Z» auffinden<br />
lassen müssten – ein südamerikanisches<br />
Atlantis und älter noch als die<br />
ägyptischen Pyramiden.<br />
Fawcett, der von seinen Zeitgenossen<br />
als überaus besonnener Mann<br />
von geradezu militärischer Disziplin charakterisiert wurde,<br />
war vom Irrlicht dieser prähistorischen Hochkultur besessen.<br />
Und als bedürfe es einer Ehrenrettung, rekonstruiert<br />
Antonio Callado noch einmal die Lektüren, die Fawcett auf<br />
seinen verhängnisvollen Trip gebracht hatten: Waren nicht<br />
schon in einem Atlas der Medici aus dem Jahr 1367 die versunkenen<br />
Städte Brasiliens verzeichnet gewesen? Und hatten<br />
nicht spätere, wenn auch eher autodidaktisch gebildete,<br />
Historiker in einer von diesen die «alte weiße Rasse der<br />
brasilianischen Sonnenanbeter» vermutet? Es ist ein ziemlich<br />
weitverzweigtes Geflecht geschichtlicher Spekulationen<br />
und überbordender Spinnereien, das Fawcett für bare Münze<br />
genommen hatte. Dass er sich höchst lebhaft auch für spiritistische<br />
Quellen interessierte und dass er mit den Helden<br />
der viktorianischen Abenteuerliteratur, also mit dem Sherlock-Holmes-Erfinder<br />
Arthur Conan Doyle und mit Henry<br />
Rider-Haggard eng befreundet war und deren literarische<br />
Visionen wohl auch maßgeblich inspiriert hatte – das<br />
muss der Zeit angerechnet werden, deren Kind er nun mal<br />
war. Es führt aber von Conan Doyles Roman «Die vergessene<br />
Welt» und von Rider-Haggards «König Salomons Diamanten»<br />
auch ein direkter Weg in die Phantasie der Gegenwart:<br />
Percy Fawcett gilt als Vorbild für den Abenteurer «Indiana<br />
Jones», den Steven Spielberg in den achtziger Jahren<br />
zum Hollywood-Superhelden gemacht hat.<br />
«284 Straßen, 42 Alleen, 47 Plätze, 30 Strände und 27<br />
Hügel» – auf diesem derart präzis vermessenen Terrain<br />
durchsuchte man einst Rio de Janeiro nach Antonio Callados<br />
verschwundenem Großonkel. Als sich Callado selbst in<br />
den Regenwald aufmacht, ist es eine Reise in ein ungleich<br />
größeres und auch 1952 noch immer kaum kartografiertes<br />
Gebiet. Für den Autor, der zuvor lange in Europa war und<br />
sich dort nach seiner halb vergessenen Heimat zurückgesehnt<br />
hatte, wird die Expedition zu einer Reise ins Gestrüpp<br />
der Legenden. Denn natürlich tauchen die Überreste von<br />
Colonel Fawcett auch dieses Mal nicht auf. Callado berichtet<br />
stattdessen von Berichten: Verschiedene Indios, die man<br />
früher schon nach Fawcett befragt hatte, hatten den Mord<br />
an dem weißen Eindringling frank und<br />
frei zugegeben. Es hatte auch die sündenstolze<br />
Präsentation eines ausgebuddelten<br />
Skeletts stattgefunden, das aber,<br />
schon seiner Größe wegen, nicht zu<br />
dem Gesuchten passte.<br />
Weil Antonio Callado auf seinem<br />
Weg in den Urwald nichts Neues erfährt,<br />
hat er genug Zeit, über bereits Bekanntes<br />
zu sinnieren: über die legendäre<br />
Goldstadt Eldorado und über Atlantis,<br />
von dem in Platons Dialogen «Timaios»<br />
und «Kritias» die Rede war – und von<br />
dem kolonialistischen Wahn, auch noch<br />
den letzten Flecken der Wildnis zu erfassen und auszubeuten.<br />
Doch gleichgültige, lustige Tropen: <strong>Der</strong> Wildnis und ihren<br />
Ureinwohnern sind solche Fragen völlig fremd. Das ist<br />
es, was man nach Rudyard Kipling die Bürde des weißen<br />
Mannes nennt: Er blickt, in den schwülen und gefährlichen<br />
Wald versetzt, immer nur in den Spiegel und sieht in seinem<br />
Gesicht nichts anderes als die eigene alte Angst. <br />
Literaturen 03/2013 Foto: C.V.B. arquivo da família Villas Bôas<br />
38
Favoriten<br />
Das rätselhafte F-Wort und<br />
seine vielen Nuancen<br />
Daniel Kehlmanns neuer Roman<br />
zeigt den Autor als Krisen-Spezialisten – mit einem<br />
wundersamen Hang zum Übersinnlichen<br />
Von Sabine Doering<br />
Literaturen 03/2013 Foto: Heji Shin<br />
Daniel Kehlmann<br />
wurde 1975 in München geboren.<br />
2005 veröffentlichte er seinen Weltbestseller<br />
«Die Vermessung der Welt».<br />
2009 folgte ein Episodenroman mit dem<br />
anspielungsreichen Titiel «Ruhm»<br />
Ein Schelm, wer Obszönes<br />
dabei denkt: Einen einzigen<br />
Buchstaben, den sechsten<br />
unseres Alphabets, hat<br />
Daniel Kehlmann für den Titel seines<br />
neuen, lang erwarteten Romans<br />
gewählt. Das ermöglicht allerlei<br />
Assoziationen. Wer sich allerdings<br />
von der Lektüre Drastisches,<br />
gar pornografisch Eindeutiges erhofft,<br />
wird schnell enttäuscht werden.<br />
Diejenigen F-Wörter, die<br />
als Schlüssel für dieses Buch taugen,<br />
sind anderer Natur. «Familie»,<br />
«Fälschung», «Fiktion» führen hier<br />
weiter als jedes sittsam abgekürzte<br />
Four-Letter-Word.<br />
Tatsächlich entwickelt Kehlmann diesmal eine Familiengeschichte<br />
der speziellen Art. Gleich der erste Satz des<br />
großartig erzählten Eingangskapitels eröffnet weite Dimensionen:<br />
«Jahre später, sie waren längst erwachsen und ein<br />
jeder verstrickt in sein eigenes Unglück, wusste keiner von<br />
Arthur Friedlands Söhnen mehr, wessen Idee es eigentlich<br />
gewesen war, an jenem Nachmittag zum Hypnotiseur zu<br />
gehen.» Nun gehört es zwar seit Tolstois «Anna Karenina»<br />
zu den literarischen Gemeinplätzen, dass jede Familie<br />
auf ihre besondere Weise unglücklich ist, doch ändert diese<br />
Einsicht nichts an der Spannung, mit der Kehlmann seine<br />
Leser gleich zu Beginn überfällt:<br />
Wer ist dieser Arthur Friedland,<br />
wie viele Söhne hat er, und warum<br />
soll ein öffentlich auftretender<br />
Hypnotiseur Schuld an ihrem mannigfachen<br />
Unglück tragen?<br />
Kapitel für Kapitel werden die<br />
Lebenswege des zunächst erfolglosen<br />
Schriftstellers Friedland und<br />
seiner drei Söhne entfaltet. Immer<br />
wieder wechseln Perspektive und<br />
Stimme, und erst allmählich wird<br />
offenbar, dass zentrale Ereignisse<br />
im Leben der drei Brüder mehrfach<br />
geschildert werden, jeweils aus<br />
anderem Blickwinkel. Diese Vielstimmigkeit<br />
ist reizvoll, doch sie<br />
hat ihren Preis, denn der Roman ist nichts für die schnelle<br />
Lektüre. Den größten Genuss werden seine Leser erfahren,<br />
wenn sie bereit sind, geduldig hin und her zu blättern und<br />
sich auf ein komplexes Verwirrspiel einzulassen. Ein fast<br />
schon überdeutliches Sinnbild für diese Erzählhaltung ist<br />
das Jahrmarktslabyrinth, das im letzten Kapitel auftaucht.<br />
Labyrinthisch nämlich geht es in der Tat zu, wenn<br />
Kehlmann von dem dicken Martin und dessen Halbbrüdern<br />
Eric und Iwan erzählt. Ihre Namen verdanken die eineiigen<br />
Zwillinge der literarischen Bildung ihres Vaters, der<br />
sich von mittelalterlichen Epen inspirieren ließ. Doch ver-<br />
39
sammelt dieser moderne Arthur keine heldenhafte Tafelrunde<br />
um sich, er sucht vielmehr stracks das Weite, nachdem<br />
er jenem Hypnotiseur begegnet ist, von dem eingangs<br />
erzählt wird. Seine Söhne haben ebenfalls wenig Ähnlichkeit<br />
mit mittelalterlichen Rittern, obwohl auch sie auf der<br />
Suche nach Glück und Reichtum sind.<br />
Kein heiliger Gral ist es also, den die drei Brüder und<br />
ihr Vater aufspüren wollen, doch ganz ohne Spiritualität<br />
kommt auch ihre Welt nicht aus. Das wird für Martin, den<br />
ältesten der Brüder, zum Grundproblem seines Lebens,<br />
denn eigentlich gefiele ihm sein Dasein als katholischer<br />
Priester ganz gut, wenn nur die elende Sache mit dem<br />
Glauben nicht wäre, der sich, so sehr<br />
er sich auch anstrengt, bei ihm partout<br />
nicht einstellen will. Statt also den eigenen<br />
Predigten zu vertrauen, beschäftigt<br />
sich der füllige Priester viel lieber<br />
mit Rubiks Zauberwürfel, der ihn seit<br />
Jugendtagen fasziniert. Auf solch authentisches<br />
Zeitkolorit legt Kehlmann<br />
als gewissenhafter Chronist großen<br />
Favoriten<br />
Daniel Kehlmann<br />
F. Roman<br />
Rowohlt, Hamburg 2013.<br />
400 S., 22,95 €<br />
Wert. Die Handlung seines Romans<br />
beginnt in den siebziger Jahren und<br />
setzt sich über rund zwei Jahrzehnte<br />
fort. Jener Tag, dessen schicksalshafte<br />
Ereignisse aus wechselndem Blick geschildert<br />
werden, ist der 8. August 1988, ein Datum, das<br />
Zahlenmystikern besonders willkommen sein dürfte.<br />
Für Übersinnliches ist Eric zugänglich, was seinem Beruf<br />
als Anlageberater allerdings nicht förderlich ist. Diese<br />
Figur – tablettensüchtig, rücksichtslos, statusorientiert<br />
– entspricht, so wirkt es auf den ersten Blick, einem gängigen<br />
Klischee, gehört der gewissenlose Banker doch inzwischen<br />
zum Repertoire vieler Gegenwartsromane. Kehlmann<br />
ist aber ein viel zu versierter Erzähler, um es bei solchen<br />
Stereotypen zu belassen; sein Finanzmakler Eric wird<br />
von geheimnisvollen Visionen und Erscheinungen heimgesucht.<br />
Zudem lässt Kehlmann die Erwartungen seiner Leser<br />
elegant ins Leere laufen: Ein großer Börsencrash bewirkt<br />
auf verschlungene Weise Erics Rettung, er besiegelt<br />
also keinesfalls sein Schicksal, wie man es zunächst vermuten<br />
konnte.<br />
Neben der Religion und dem Geld steht in Kehlmanns<br />
Welt die Kunst, und wiederum jongliert der Autor fröhlich<br />
mit Klischees: Erics Zwillingsbruder Iwan hofft zunächst<br />
vergeblich darauf, sein Lebensglück als Maler zu<br />
finden. Ausgerechnet die Einsicht ins eigene Mittelmaß<br />
verhilft ihm dann aber auf unverhoffte Weise zu erstaunlichem<br />
Wohlstand. Kehlmann verbindet Iwans Geschichte<br />
mit bitterbösen Betrachtungen zum Kunsthandel, dessen<br />
Mechanismen er als zynisches Geschäft mit Spekulationen<br />
und Illusionen schildert. Arthur hingegen, der treulose Vater,<br />
gelangt zum ersehnten literarischen Ansehen, nachdem<br />
einer seiner Romane eine Selbstmordwelle ausgelöst hat –<br />
ganz so, wie es zweihundert Jahre zuvor Goethes Skandalgeschichte<br />
über die Leiden des jungen Werthers nachgesagt<br />
wurde.<br />
Schon in dem Episodenroman «Ruhm» (2009) beschrieb<br />
Erfolgsautor Kehlmann die Ambivalenzen des modernen<br />
Kulturbetriebs. Sein neuer Roman setzt dies mit<br />
kühnen Volten fort: <strong>Der</strong> Priester mutiert zum mathematischen<br />
Tüftler, der Künstler zum Spekulanten und der Finanzmakler<br />
zum visionär begabten Medium. Keiner von<br />
ihnen aber findet eine verlässliche Antwort auf die Frage<br />
nach dem Sinn, die sie alle umtreibt.<br />
Statt ewiger Werte handeln sie mit Fiktionen<br />
und Fälschungen, diesen schillernden<br />
F-Wörtern.<br />
In «Ruhm» entwarf Kehlmann ein<br />
raffiniertes Spiel mit den verschiedenen<br />
Ebenen der Fiktion, ganz in der<br />
Tradition der literarischen Romantik.<br />
Und erzromantische Motive durchziehen<br />
auch diesen neuen Roman. Die<br />
Zwillinge Eric und Iwan sind perfekte<br />
Doppelgänger, wie sie E. T. A. Hoffmann<br />
nicht besser hätte ersinnen können.<br />
Ihre Ähnlichkeit irritiert nicht nur<br />
die Menschen in ihrer Umgebung, selbst die beiden Brüder<br />
wissen nicht immer genau, wo die Gedanken des einen<br />
aufhören und die des anderen beginnen. Dass diese Ähnlichkeit<br />
schließlich sogar die jenseitigen Mächte verwirrt,<br />
ist ein so verrückter und unzeitgemäßer Einfall, dass man<br />
ihn zunächst kaum begreift: Daniel Kehlmann, der ironisch-kritische<br />
Chronist von Finanz-, Kunst- und Glaubenskrisen,<br />
mutet seinen Lesern tatsächlich zu, an die Realität<br />
überirdischer, aber keinesfalls unfehlbarer Kräfte zu<br />
glauben.<br />
Verschiedene rätselhafte Wesen sind an jenem verhängnisvollen<br />
8. August unterwegs, um die glücklosen<br />
Zwillingsbrüder vor Ungemach zu bewahren. Bei der Zustellung<br />
der medialen Rettungsbotschaften kommt es jedoch<br />
zu erstaunlichen Pannen, deren Reichweite sich<br />
erst allmählich offenbart. Hinter alldem steht die Frage<br />
nach der Allmacht Gottes, die die halbwüchsigen Brüder<br />
schon eingangs des Romans beschäftigt. Was ist Zufall am<br />
menschlichen Ergehen, was göttlicher Wille, was Schicksal?<br />
<strong>Der</strong> lateinische Ausdruck für Schicksal lautet Fatum,<br />
und dieses F-Wort entpuppt sich, wie nach und nach deutlich<br />
wird, als eigentlicher Schlüssel für diesen episodenreichen<br />
Roman, dessen Figuren nur halb von dieser Welt sind.<br />
Ganz ernst kann das alles nicht gemeint sein, denn dafür<br />
ist das Arrangement dann doch zu verspielt, die Handlung<br />
zu konstruiert, die Symbolik zu überfrachtet.<br />
40
Literaturen<br />
Literaturen 03/2013 Foto: (c) Ferdinando Scianna/Magnum Photos<br />
Am Ätna entscheidet sich in Terézia Moras neuem Roman alles (siehe S. 42)<br />
Journal Comic<br />
42 56<br />
Hörbücher Krimi<br />
46 59<br />
Kinderbücher Film<br />
52 60<br />
41
Unterwegs<br />
an den<br />
Ort, wo die<br />
Toten sind<br />
Terézia Mora schickt<br />
ihre Roman-Helden<br />
auf eine Reise ohne<br />
Wiederkehr<br />
Ein Mann. Eine Frau. Er trägt den<br />
Namen Darius Kopp, ist Ende vierzig,<br />
ein übergewichtiger, Pizza, Fernsehen<br />
und mit seiner umstandslos besitzergreifenden<br />
Art auch seine Frau<br />
Flora verschlingender IT-Mann – dieses<br />
Paar kennen wir schon aus Terézia<br />
Moras vorigem Roman «<strong>Der</strong> einzige<br />
Mann auf dem Kontinent» (siehe<br />
dieses Heft S. 16). Sie, Flora, ist inzwischen<br />
seit mehr als einem Jahr tot, sie<br />
hat sich in einem Wald erhängt. So ist<br />
für Darius alles verloren, was seine<br />
Existenz für lange Zeit befestigt hatte:<br />
sein Job zuerst, dann seine Frau. Unfähig,<br />
nach einjähriger Trauerstarre wieder<br />
eine Arbeit aufzunehmen, setzt er<br />
sich in sein Auto und fährt los. Ziellos,<br />
wie es scheint, aber nicht ohne Plan:<br />
Er will einen Ort finden, an dem er die<br />
Asche seiner Frau bestatten kann. Außer<br />
dem kleinen Päckchen mit Floras<br />
Überresten sind Darius nur Erinnerungen<br />
geblieben, die er nun allmählich<br />
aus seinem Gedächtnis aufsteigen<br />
lässt – und Floras Notate, ursprünglich<br />
in verschiedenen Ordnern mit zumeist<br />
ungarischen Titeln gespeichert<br />
auf ihrem Computer, nun in Darius’<br />
Händen, in Papierform und ins Deutsche<br />
übersetzt.<br />
Flora war Ungarin und führte von<br />
früh an eine in jeder Hinsicht prekäre<br />
Existenz: Die längste Zeit mutterlos<br />
aufgewachsen (weshalb die Mutter sie<br />
verlassen hat, versucht sie zu ergründen),<br />
herumgeschubst, isoliert, kommt<br />
sie schließlich nach Berlin. Welche Erfahrungen<br />
sie dort gemacht hat – körperlicher<br />
wie emotionaler Missbrauch<br />
und Ausbeutung im Wesentlichen –,<br />
erfahren wir aus ihrer schriftlichen<br />
Hinterlassenschaft. Auch, wie sie Darius<br />
traf, wie sie einander nahe waren<br />
und dann doch zunehmend weniger<br />
miteinander verbunden. Wir sehen,<br />
wie Flora sich vor Darius zurückzieht<br />
in das Häuschen einer Freundin im<br />
Wald, wie sie dort auf einem Hof arbeitet,<br />
innerlich aber immer weiter abdriftet<br />
von allem, was ihr einmal etwas<br />
bedeutet hat; vor allem aber wohl von<br />
sich selbst.<br />
Floras Aufzeichnungen sind eine<br />
Expedition in die Finsternisse einer<br />
Depression, zugleich aber der Versuch,<br />
die Ursachen ihrer schwärenden<br />
inneren Verletzung aufzudecken.<br />
Doch das Schreiben hilft nicht, so wenig<br />
wie Medikamente und Therapieversuche.<br />
Darius, ohne auch nur eine<br />
Ahnung davon zu haben, was sich in<br />
und mit seiner Frau ereignet, wird dabei<br />
von einem Halt zunehmend zur<br />
Bedrohung. Die Unmöglichkeit, sich<br />
einander wieder anzunähern, gipfelt<br />
in einem so tückischen wie hilflosen<br />
Vergewaltigungsversuch. Im Jahr darauf<br />
setzt Flora ihrem Leben ein Ende.<br />
Eine Reise an den Ort, wo die Toten<br />
sind, ist dieser Roman insgesamt,<br />
in seinen beiden Stimmen. Denn<br />
auch in Darius, anfangs nur ratlos<br />
und getrieben, nimmt jenes «Ungeheuer»<br />
Gestalt an, das dem Roman<br />
seinen Titel gegeben hat: jenes nach<br />
und nach alles durchdringende Gefühl,<br />
nirgends in der Welt sich mehr<br />
verankern zu können, keinen Ort und<br />
schon gar keinen Menschen mehr zu<br />
haben, in dessen Gegenwart man einigermaßen<br />
beruhigt sein könnte. Während<br />
Darius von Berlin nach Ungarn<br />
unterwegs ist – und von dort ins ehemalige<br />
Jugoslawien, weiter nach Albanien,<br />
dann nach Bulgarien, nach Istanbul,<br />
schließlich via Armenien nach<br />
Athen –, mal in Begleitung des Mädchens<br />
Oda, das ihn an Flora erinnert,<br />
dann mit dem genialen Schnorrer und<br />
Weltreisenden Doiv, liest er Floras<br />
Aufzeichnungen. Bewundernswert ist<br />
hier zu sehen, wie Terézia Mora zwei<br />
ganz unterschiedliche, auch zeitversetzte<br />
Bewegungen in ein immer engeres<br />
Verhältnis bringt: Kopps rasende<br />
Fahrt und den Abstieg Floras aus<br />
der Außen- in die Innenwelt, immer<br />
tiefer hinein in die seelische Krankheit,<br />
der sie sich tapfer widersetzt, der<br />
sie schließlich aber nichts mehr entgegenhalten<br />
kann.<br />
Mit Darius Kopp jagen wir auf der<br />
oberen Hälfte jeder Buchseite von<br />
Land zu Land, auf der unteren sind<br />
Floras Notate ihrer Reise ins Herz<br />
der Finsternis zu lesen. Das ist durchaus<br />
anstrengend zu verfolgen – der<br />
Leser ist gefordert, von Seite zu Seite<br />
zwei Geschichten parallel im Kopf<br />
zu behalten. Doch nur so kann Terézia<br />
Mora erzählen, was sich ganz allmählich<br />
als die eigentliche Geschichte<br />
herausstellt: eine Infektion zum Tode,<br />
die sich der dumpffreundliche Darius<br />
während seiner Lektüre zuzieht.<br />
Denn obwohl er in seinem Reise-Furor<br />
nicht einhält, verwandelt er sich<br />
Schritt für Schritt in jemanden, der<br />
allmählich den Kontakt zur Welt verliert:<br />
eine Ansteckung durch Lektüre,<br />
durch Nach-Fühlen. Am Ende sitzt<br />
er im Flugzeug, unterwegs zum Ätna.<br />
Will er Floras Asche dort hineinstreuen?<br />
Oder will er sich selbst, wie es die<br />
Legende vom Philosophen Empedokles<br />
erzählt, mit ihr zusammen dort hineinstürzen?<br />
So meisterlich und tief<br />
beklemmend hat Terézia Mora ihren<br />
Roman bis an diesen <strong>Punk</strong>t vorangetrieben,<br />
dass kein Zweifel bleibt, dass<br />
wir hier Kopp auf seiner letzten Reise<br />
sehen. Frauke Meyer-Gosau<br />
Terézia Mora<br />
Das Ungeheuer. Roman<br />
Luchterhand, München 2013.<br />
688 S., 22,99 €<br />
Literaturen 03/2013<br />
42
Nachts in<br />
der Stadt<br />
der Engel<br />
Clemens Meyers<br />
grandioser<br />
Epochenroman<br />
Irgendwann wird der Kommissar<br />
an den Rand der Stadt gerufen, drei<br />
Moorleichen wurden gefunden, zwei<br />
Frauen und ein Mann. Eine Justizsekretärin,<br />
der Mann eine «kleine miese<br />
Nummer. Drogen. Drogenstrich.» Die<br />
zweite Frau «war mit Sicherheit eine<br />
Hure», vermutet der Kommissar, «Gift<br />
und Bordstein». Huren, Luden, Immobilienmakler,<br />
geschmierte Polizisten<br />
und Harley-Fahrer – auch wenn<br />
dies das Personal von Clemens Meyers<br />
Roman «Im Stein» ist, wird solch<br />
eine Aufzählung ihm nicht gerecht.<br />
Denn dies ist kein Sonntagabend-<br />
Krimi , auch der Kommissar könnte<br />
kaum einem Fernsehfilm entsprungen<br />
sein. Im Gegenteil: Früher war er kurz<br />
einmal für den «Tatort» beratend tätig,<br />
«um die Aufklärungen realistischer zu<br />
machen. Er hielt nicht viel davon.»<br />
Ein Krimi ist dieser Roman vor allem<br />
darin, dass die Lektüre selbst einer<br />
Ermittlung gleicht: Zeit, Ort, Erzählstimmen,<br />
alles ist an Indizien festgemacht:<br />
Wird im einen Kapitel das<br />
Mobiltelefon herumgeschleppt, «eins<br />
von diesen riesigen Dingern mit langer<br />
Antenne», werden anderswo beiläufig<br />
Handys in Innentaschen geschoben.<br />
Überlegt die eine, mit Mitte<br />
50 doch noch Fahrstunden zu nehmen,<br />
denn «das war ja nicht ungewöhnlich<br />
in der DDR, dass man nicht<br />
Auto fuhr», spricht der andere von der<br />
«Fleppe», die er damals gemacht hat,<br />
um dann «1-a-Miezen» herumzufahren.<br />
Zwischen Ruhrgebiet und Oder,<br />
dem Anfang der Neunziger und unserer<br />
Gegenwart, bewegt sich die Erzählung.<br />
Auf über 500 Seiten kommt<br />
ein vielstimmiger Chor zu Wort – hier<br />
wird nicht in der Liga der treffenden<br />
Milieubeschreibung gespielt, sondern<br />
in der des Epochenromans.<br />
Nach und nach schälen sich die<br />
drei Hauptakteure heraus, die in den<br />
Neunzigern die Geschäfte unter sich<br />
aufgeteilt haben in einer Stadt, die<br />
ein Hybrid aus Halle, Leipzig, vielleicht<br />
auch noch Frankfurt/Oder ist,<br />
«Eden-City». <strong>Der</strong> «Bielefelder» hält die<br />
«Love-Burg» am Stadtrand, Hans Pieczek<br />
verfolgt die Nachtclub-Schiene<br />
und Arnold Kraushaar das Tagesgeschäft,<br />
denn «der Spießer, sag ich<br />
jetzt mal so salopp, zieht am Tag los,<br />
schleicht.» Aber Zuhälter? «Was soll<br />
der Scheiß? Vermietung. Ich bin in der<br />
Vermietungsbranche.»<br />
Aufschlussreich sind auch die unterschiedlichen<br />
Literatur-Spuren, die<br />
sich durch den Roman ziehen. Da<br />
klingt kurz Hubert Fichte an, Jörg Fauser,<br />
in einer verdunkelten Limousine<br />
wird Heinrich Heine zitiert, und die<br />
Abenteuer in einem zerlesenen «Lustigen<br />
Taschenbuch» sind im erschütterndsten<br />
aller Momente die einzige<br />
Zufluchtsmöglichkeit für eine Dreizehnjährige.<br />
Überhaupt: In Meyers<br />
Erzählen bedingen sich dokumentarische<br />
Präzision und literarische Eindringlichkeit<br />
gegenseitig. Das wird besonders<br />
wirkmächtig, wenn die Frauenstimmen<br />
zu Wort kommen. Auf den<br />
Zimmern, an den Bars, an einem freien<br />
Nachmittag im Café findet Meyer<br />
immer neue Tonlagen für ihre Alltagsgedanken,<br />
weder übersachlich<br />
noch reißerisch, weder voyeuristisch<br />
noch hilflos-betroffen. Nur im Hintergrund<br />
blitzen die großen Fragen auf,<br />
bei Mandy zum Beispiel: «Hans musste<br />
vor kurzem eine neue Lüftung einbauen,<br />
wegen der Rauchergesetze, das<br />
ist schon deutlich besser, und ich habe<br />
mir echt vorgenommen, mal ganz aufzuhören,<br />
aber noch bin ich jung und<br />
kann das alles ab. <strong>Der</strong> Rauch und die<br />
Nacht und der Sekt, das zehrt auf Dauer.<br />
Muss mir keiner was erzählen.»<br />
Trotz alledem bleiben die Frauenstimmen<br />
Momentaufnahmen, in jedem<br />
Kapitel eine andere, während<br />
Kraushaar und Pieczek sich mehrfach<br />
zu Wort melden, Entwicklungen<br />
durchmachen, an die sich die weiteren<br />
Erzählbögen anschließen: die<br />
der Großstadterzählung, des Wenderomans,<br />
des Wirtschaftskrimis. «Im<br />
Stein» heißt der Roman, und Steine<br />
stehen hier für Immobilien, Diamanten,<br />
die Stadt, den Knast, das Starre,<br />
Unveränderliche in Zeiten des ständigen<br />
Umbruchs: Immer öfter wird<br />
von den «Engeln» gesprochen, die<br />
Hells Angels werden im Geschäft immer<br />
präsenter. Auf nichts ist Verlass,<br />
wie im Rausch, wie im Halbschlaf taumeln<br />
letztendlich alle Figuren durch<br />
die Erzählung: «Man ist irgendwie<br />
auf der anderen Seite», überlegt Mandy.<br />
«Auch wenn das komisch klingt<br />
jetzt. Was Besonderes. Nachtarbeiter.<br />
Wir sind mit der Stille verbündet. Ich<br />
denke manchmal, dass wir alle Schlafwandler<br />
sind.»<br />
Das gilt auch für den Kommissar,<br />
der im Fall der Moorleichen ermittelt.<br />
Bei der einen hat er einen Diamanten<br />
gefunden (eine Spur, die die Leser<br />
später zu Hans Pieczek führen wird),<br />
nicht aber den Kommissar selbst, der<br />
im Weiteren noch einmal kurz als<br />
Randfigur auftaucht: «<strong>Der</strong> alte Bulle<br />
sitzt unten am Tresen und träumt immer<br />
noch von seinem Mahagoni-Boot.<br />
Die lange Fahrt ins Haff. <strong>Der</strong> Diamant<br />
liegt in seiner Brusttasche.» Auch die<br />
Leser können sich verlieren beim Entschlüsseln<br />
der Zeichen, beim Freilegen<br />
der Themen-Schichten, beim Verfolgen<br />
der vielen Spuren, die Clemens<br />
Meyer hier ausgelegt hat. «Im Stein»<br />
ist ein Lektüre-Ereignis: rauschhaft.<br />
<br />
Catharina Koller<br />
Clemens Meyer<br />
Im Stein. Roman<br />
S. Fischer, Frankfurt a. M. 2013.<br />
560 S., 22,99 €<br />
43
Im Transit<br />
Ort ohne Stil: Bruce<br />
Bégout philosophiert<br />
über das Motel<br />
Die meisten Gäste eines Motels reisen<br />
erst gegen neun Uhr abends an und<br />
fahren am nächsten Morgen in aller<br />
Frühe wieder ab. Warum? Ganz einfach:<br />
Im Motel wird kein Frühstück<br />
und erst recht kein Abendessen serviert.<br />
Aber warum werden diese Mahlzeiten<br />
nicht angeboten? Ein Blick auf<br />
die Landkarte der Vereinigten Staaten<br />
liefert die Erklärung. Die Entfernungen<br />
sind so groß, dass die Reisenden<br />
sich unterwegs verpflegen, um<br />
das Risiko auszuschließen, eine weitere<br />
Übernachtung einlegen zu müssen.<br />
Ein Beherbergungsbetrieb, der<br />
alle Zusatzleistungen einspart, kann<br />
den niedrigsten Zimmerpreis garantieren.<br />
Die Betriebsamkeit auf dem<br />
Parkplatz zu ganz später und ganz früher<br />
Stunde hat also nichts Geheimnisvolles.<br />
Trotzdem behauptet Bruce Bégout<br />
in seinem Buch über das Motel,<br />
dass die Natur dieses Ortes, das Erlebnis<br />
der Übernachtung, einen eigenen<br />
Stachel bildet, der die Kunden das<br />
Weite suchen lässt, kaum dass sie aufgewacht<br />
sind. «Das Heil liegt in der<br />
Flucht, und jeden Morgen wohnt man<br />
von seinem Fenster oder seiner Türschwelle<br />
aus der übereilten Abreise der<br />
Gäste bei, als wollten sie sich alle ganz<br />
schnell retten, diesen ungastlichen Ort<br />
für immer verlassen, den sie noch am<br />
selben Abend widerwillig aufs Neue<br />
betreten werden.»<br />
<strong>Der</strong> französische Philosoph nimmt<br />
die Perspektive des Gastes ein, macht<br />
seine Beobachtungen unter dem Eindruck<br />
seines Gegenstandes – der doch<br />
gar nicht beeindrucken will. In der<br />
Stadt Las Vegas, die Bégout in seinem<br />
vor zehn Jahren ins Deutsche übersetzten<br />
Buch «Zeropolis» porträtiert<br />
hat, kopieren die Luxushotels entlang<br />
der Hauptstraße die Weltwunder der<br />
Architekturgeschichte von den Pyramiden<br />
bis zum Eiffelturm. Ringsum<br />
aber breiten sich Motels aus, Flachbauten,<br />
die überhaupt nicht versuchen,<br />
Unverwechselbarkeit oder auch<br />
nur Wiedererkennbarkeit zu fingieren.<br />
Bégout schreibt Gedanken nieder, wie<br />
sie dem Bewohner eines Motelzimmers<br />
wider Willen in den Sinn kommen,<br />
denn dieser hat seine Unterkunft<br />
ja in der Absicht gewählt, keinen Gedanken<br />
an Stil, Tradition oder Atmosphäre<br />
des Hauses zu verschwenden.<br />
Das Motel steht in Bégouts Augen<br />
emblematisch für den modernen<br />
Alltag, eine primäre Wirklichkeit der<br />
stumpfen Routine, die jede hermeneutische<br />
Neugier abweist. Nur scheinbar<br />
ist die gesamte Welt des Konsumenten<br />
ein System von Zeichen und Reizen,<br />
Optionen und Präferenzen. Die Standardisierung,<br />
das säkulare Versprechen<br />
zunächst der amerikanischen<br />
Industrie und heute auch des Dienstleistungssektors,<br />
entlastet von Entscheidungen.<br />
Im Motel müssen sich<br />
beide Parteien darauf einlassen, dass<br />
Sonderwünsche nicht erfüllt werden.<br />
Ein Wirt, der Gästen ausnahmsweise<br />
gestattet, einen Hund mit aufs Zimmer<br />
zu nehmen, kann sich nicht beschweren,<br />
wenn er auf den Kosten für die<br />
Reinigung des Mobiliars sitzen bleibt.<br />
Kein Zimmermädchen sieht nach dem<br />
Rechten, der Parkplatz vor der Zimmertür<br />
erlaubt die jederzeitige Abreise.<br />
Soziale Kontrolle ist auf null gebracht.<br />
<strong>Der</strong> Phänomenologe Bégout operiert<br />
hauptsächlich mit dialektischen<br />
Denkfiguren der Kulturkritik. Da man<br />
den anderen Gästen weder an der Rezeption<br />
noch im Frühstücksraum begegnet,<br />
bekommt jedes Geräusch auf<br />
dem Gang oder im Nachbarzimmer<br />
etwas Unheimliches. Im Standardmotel<br />
mit Standardzimmern gleicht auch<br />
ein Gast dem anderen, weshalb es von<br />
jeher die Ehebrecher und Hehler angezogen<br />
hat. Die Vereinheitlichung «bemerkt<br />
gar nicht, dass sie selbst Komplizin<br />
dieser Missachtungen und Vergehen<br />
ist, dass sie dem Leben, das sie<br />
vereinfacht, keine andere Wahl lässt<br />
als die der ironischen, ästhetischen<br />
oder kriminellen Überschreitung».<br />
Bégouts Text ist reich an Schleifen<br />
und Wiederholungen, als hätte der<br />
Philosoph, in den schmucklosen Würfel<br />
eines Motelzimmers gesperrt, damit<br />
angefangen, auf die weißen Wände<br />
zu schreiben und dann den Stift<br />
nicht mehr absetzen können. Wenn<br />
man das Zimmer um neun Uhr bezogen<br />
hat, wird man sich normalerweise<br />
sofort ins Bett legen. Das Zimmer<br />
bietet keine Ablenkungen, «ist<br />
also» in Bégouts poetischer Formulierung<br />
«wahrhaftig das Vorspiel des<br />
Schlafs». <strong>Der</strong> Autor steigert sich in einen<br />
Rausch der Schlaflosigkeit hinein,<br />
nachdem die in Aussicht gestellte vollständige<br />
Beschreibung aller Elemente<br />
des Motels schnell erledigt ist. Bégouts<br />
Analytik des Alltags will «dem<br />
einen Sinn geben, was ganz offensichtlich<br />
bestens ohne einen solchen auskommt»,<br />
kalkuliert mithin ihre Vergeblichkeit<br />
ein: Die Wände des Motelzimmers<br />
sind abwaschbar.<br />
Das französische Original erschien<br />
vor zehn Jahren. Lange vor der Erfindung<br />
des Smartphones postulierte Bégout,<br />
dass in einer Gesellschaft der Individuen<br />
die Spionage das Dasein bestimmt.<br />
<strong>Der</strong> Spion, das Guckloch in<br />
der Tür, ist der einzige faszinierende<br />
Gegenstand im gesamten Zimmer.<br />
Wir «kleben sozusagen an ihm und<br />
verbringen ganze Nächte damit, unbeweglich<br />
und still auf die geringste<br />
Bewegung draußen zu lauern», nicht<br />
weil dort wirklich ein Bösewicht wartet,<br />
sondern weil wir uns des Gedankens<br />
nicht erwehren können, «dass<br />
dieses winzige und vertraute Requisit<br />
sinnbildlich für unser aller Leben<br />
steht».<br />
Patrick Bahners<br />
Bruce Bégout<br />
Motel. Ort ohne Eigenschaften<br />
Aus dem Französischen von<br />
Franziska Humphreys. Diaphanes,<br />
Zürich/Berlin 2013. 240 S., 17,95 €<br />
Literaturen 03/2013<br />
44
Hass und<br />
Hunger<br />
Joyce Carol Oates’<br />
Essay über das Boxen:<br />
Eine Hymne auf den<br />
existenziellen Ernst<br />
des Lebens<br />
45<br />
Beim Boxen, schreibt Joyce Carol Oates,<br />
gehe es nicht darum zu verletzen,<br />
sondern vor allem darum, verletzt<br />
zu werden. <strong>Der</strong> Boxer müsse, wie der<br />
Schriftsteller auch, durch den Schmerz<br />
hindurchgehen, einen Moment des<br />
Schreckens erleben, in dem nicht nur<br />
der Kampf, sondern im wahrsten Sinne<br />
des Wortes das ganze Leben auf<br />
dem Spiel steht. <strong>Der</strong> Triumph als etwas<br />
Provisorisches – denn «nur die<br />
Niederlage ist von Dauer».<br />
Das ist die ziemlich romantische<br />
Sicht auf ein Millionenspektakel mit<br />
all seinen Skandalen, seinen oft traurig<br />
endenden Helden und halbseidenen<br />
Promotern. Es ist aber auch eine<br />
Erkenntnis, die sich nur gewinnen<br />
lässt, wenn beim Schreiben das schöne<br />
Moment irrationaler Anhängerschaft<br />
die Gedanken leitet. Joyce Carol Oates<br />
liebt, worüber sie spricht. Seit ihr<br />
Vater sie in Kindheitstagen mit in die<br />
Boxarena genommen hat, ist sie fasziniert<br />
von diesem Sport – den sie gar<br />
nicht als Sport betrachtet, auch nicht<br />
als Metapher für das Leben, sondern<br />
als etwas Eigenes, ja, als das Leben<br />
selbst: eine Begegnung voller Gewalt,<br />
Wut und Unerbittlichkeit. Hunderte,<br />
wenn nicht gar Tausende Kämpfe<br />
dürfte Oates sich angesehen haben,<br />
und all die linken Haken, Jabs, Täuschungsmanöver<br />
und Knockouts sind<br />
eingegangen in ihren 1988 erstmals erschienenen<br />
Essay «Über Boxen», dazu<br />
noch eine ganze Bibliothek historischen<br />
Wissens und einige kluge Überlegungen<br />
zum Charakter dieses Sports<br />
und seiner Protagonisten. <strong>Der</strong> Manesse<br />
Verlag veröffentlicht diesen noch<br />
immer mit Gewinn zu lesenden Versuch<br />
über das «tragische Theater Amerikas»<br />
nun zum 75. Geburtstag von<br />
Oates und fügte ihm einige Porträts<br />
von Heroen des Profiboxens, darunter<br />
der junge Mike Tyson, Jack Johnson<br />
und Muhammed Ali, hinzu. Ein paar<br />
Redundanzen birgt diese Kompilation,<br />
aber die verzeiht man gerne.<br />
Wer sich wundern sollte, wie sehr<br />
diese zierliche Dame der Literatur<br />
dem Boxen verfallen ist, sollte einen<br />
Blick in Oates’ zahllose Romane und<br />
Erzählungen werfen. Auch da stehen<br />
sich Gegner unerbittlich gegenüber,<br />
ist der Zorn eine Triebfeder des<br />
Handelns schlechthin. <strong>Der</strong>selbe heilige<br />
Ernst steckt im Aufeinandertreffen<br />
zweier boxender Männer, die den Tod<br />
des anderen und den eigenen einkalkulieren<br />
– eine archaische Grundkonstellation.<br />
Unsere Welt, sagt Oates, hat<br />
sich nicht durch die Liebe entwickelt,<br />
sondern durch Hass und Hunger. Joe<br />
Frazier, den sie wie viele andere große<br />
Champions zitiert, bemerkte einmal,<br />
dass er seinen Gegner nicht k.o. schlagen<br />
wolle. «Ich will ihn treffen, beiseitegehen<br />
und zusehen, wie er leidet. Ich<br />
will sein Herz.» Das Boxen kennt keine<br />
Simulation, keine Sublimation, keine<br />
Ableitung mörderischer Energien<br />
in ein harmloses Spielgerät – man<br />
mag das einen zivilisatorischen Rückschritt<br />
nennen. Aber das Existenzielle<br />
erklärt, warum viele Literaten, die<br />
ihre Kämpfe am Schreibtisch mit sich<br />
selbst austragen müssen, diesem Sport<br />
huldigen. Und kaum einer von ihnen<br />
ist den Widersprüchen und der Faszinationskraft<br />
des Boxens so nahe gekommen<br />
wie Joyce Carol Oates.<br />
<br />
Ulrich Rüdenauer<br />
Joyce Carol Oates<br />
Über Boxen<br />
Aus dem Amerikanischen von<br />
Ursula Locke-Groß und Andrea Ott.<br />
Manesse, Zürich 2013.<br />
318 S., 19,95 €<br />
Nominiert<br />
für die Shortlist<br />
Deutscher<br />
Wirtschaftsbuchpreis<br />
2013<br />
Georg von Wallwitz<br />
Mr. Smith und das Paradies<br />
Die Erfindung des Wohlstands<br />
200 Seiten<br />
Halbleinen · fadengeheftet<br />
164 x 228 mm<br />
ISBN 978-3-937834-63-4<br />
erschienen August 2013<br />
EUR 22<br />
BERENBERG VERLAG<br />
Sophienstraße 28/29<br />
10178 Berlin<br />
T 030/219163-60 · F -61<br />
info@berenberg-verlag.de<br />
www.berenberg-verlag.de
Hörbuch<br />
Vom<br />
Oderbruch<br />
ins<br />
Königreich<br />
Popo<br />
Zwei historische<br />
Hörspiele, ein neuer<br />
Büchner<br />
Drei literarische Klassiker, aus denen<br />
sehr unterschiedliche Hörspiel-Adaptionen<br />
wurden: Theodor Fontanes Novelle<br />
«Unterm Birnbaum» erzählt vom<br />
unheimlichen Verbrechen des Abel<br />
Hradscheck aus dem Oderbruch. <strong>Der</strong><br />
benutzt die Leiche eines französischen<br />
Soldaten für seinen eigenen Mordplan<br />
als wasserdichtes Alibi, bis schließlich<br />
das schlechte Gewissen das kriminell<br />
Feingesponnene doch noch ans Licht<br />
der Sonne bringt. Darauf D. H.<br />
Lawrence’s erstes Meisterwerk «Söhne<br />
und Liebhaber», das vom Aufstieg eines<br />
Kindes aus armen Verhältnissen<br />
handelt, autobiografisch dicht gerade<br />
da-rin, dass hier der Preis dieses Aufstiegs<br />
im Zentrum steht, der mit Liebesunfähigkeit<br />
bezahlt wird. Georg<br />
Büchners absurde Komödie «Leonce<br />
und Lena», in der sich die satirische<br />
Kritik an höfischem Prunk und romantischem<br />
Gefühlsgedusel in ein geniales<br />
Sprachspiel aus blankem Unsinn<br />
und erhabenem Nichts steigert, steht<br />
hier am Schluss.<br />
<strong>Der</strong> Schriftsteller Günther Eich,<br />
der viel fürs Radio arbeitete, schlägt<br />
in seiner Fassung von «Unterm Birnbaum»<br />
den aufgeräumten und dialektal<br />
geschmückten Erzählton Fontanes<br />
von dessen Sprachgebäude ab wie ein<br />
Baumeister, der ein altes Haus vom<br />
Stuck befreit. Das perfekte Verbrechen<br />
und dessen Aufklärung werden<br />
hier ohne Erzählerstimme, allein in einer<br />
stimmigen Abfolge von Dialogen<br />
und Szenen berichtet. Sich selbst zitierend<br />
stellt Eich dem Ganzen sein Gedicht<br />
«Oderbruch» voran – hier wird<br />
klar, warum er uns bei Fontane frösteln<br />
lässt und dessen Erzählung so kalt<br />
seziert: Das Oderbruch ist für Eich<br />
Kindheitslandschaft, keineswegs aber<br />
eine Idylle, eher eine Art unheimlicher<br />
Vorgeschichte des eigenen Lebens, «in<br />
der das Dunkle noch ungeschieden<br />
vom Hellen» ist. Eichs Kahlschlag und<br />
seine Re-Naturierung der Erzählung<br />
lassen uns darüber nachdenken, welche<br />
Kultivierung des Bruchs hier noch<br />
nicht stattgefunden hat. Er deutet Fontanes<br />
Stoff als Teil einer größeren Kriminalgeschichte,<br />
in der französische<br />
Soldaten tot da-, aber auch noch ganz<br />
andere Leichen im Keller liegen.<br />
Historische Hörspiele ermöglichen<br />
aber nicht nur die Begegnung<br />
mit großen Autoren, sie geben außerdem<br />
Gelegenheit, große Schauspielerstimmen<br />
wiederzuhören. Hören<br />
wir also zwei großen alten Damen<br />
des Films und des Theaters zu: Agnes<br />
Fink und Tilla Durieux! Die eine treffen<br />
wir in «Unterm Birnbaum» als an<br />
ihrer Schuld zugrunde gehende Ehefrau,<br />
die andere als «Witwe Jeschke»,<br />
die Klatsch und Wahrheit derart diabolisch<br />
mischt, dass sie uns einmal als<br />
Plaudertasche, dann wieder als Teufelsfratze<br />
vorkommt.<br />
Aus D. H. Lawrence’s Roman «Söhne<br />
und Liebhaber» wiederum wird<br />
ein sehr gepflegtes Hörbuch, das die<br />
literarische Vorlage genau und sensibel<br />
abbildet. Allerdings: Im Gegensatz<br />
zu Eichs Fontane-Bearbeitung ist<br />
man hier einfach immer auf der sicheren<br />
Seite. Die Erzählerstimme Michael<br />
Rotschopfs, die mal zwischen die Dialoge<br />
tritt, in anderen Fällen aber die<br />
Handlung vorantreibt, hält – diskret<br />
und beobachtend – ihren Ton, wirkt<br />
dabei aber manchmal doch recht monoton:<br />
Hier ist alles im Lot.<br />
Lawrence’s Roman aber ist ja nicht<br />
nur berichtendes Sozialporträt, hier<br />
zeigt sich ebenso unübersehbar die<br />
Mixtur aus tabubrechender Offenheit<br />
und erotisch durchglühter Lebensphilosophie,<br />
die den späteren Lawrence<br />
manchmal so ungenießbar macht.<br />
Man dürfe diesem Autor die «wundervolle<br />
Dunkelheit und das mystische<br />
Zwielicht durchaus nicht rauben», hat<br />
der Verleger Anton Kippenberg einmal<br />
gesagt. Im Falle dieses Hörbuchs<br />
bleibt man leider weitgehend in nüchterner<br />
Helle.<br />
Büchners «Leonce und Lena»<br />
schließlich kommt in der Hörbuch-<br />
Fassung so schweizerisch-schmucklos<br />
daher wie die reformierten Kirchen<br />
in Zürich. Doch gerade dieser<br />
Verzicht auf theatralischen Budenzauber<br />
lässt die Sprache umso leuchtender<br />
hervortreten: ihre Volten, ihre ins<br />
Sinnfreie sich überschlagende Virtuosität,<br />
die Mischung aus Parodie, Weltschmerz<br />
und den Lichtern eines Gefühls,<br />
das man für authentisch halten<br />
möchte, bis Arrangement und Zeremonie<br />
wieder die Fäden führen. Über<br />
die Zeit hinweg klingt Ruedi Walters<br />
Stimme herüber, der einst stolz darauf<br />
war, Volksschauspieler genannt zu<br />
werden: Er gibt den König Peter, einen<br />
veritablen Volltrottel, bezaubernd zerbrechlich<br />
und desorientiert. Ja, auch<br />
die Dummheit wird umso kenntlicher,<br />
je brillanter sie serviert wird.<br />
<br />
Bernhard Gleim<br />
Theodor Fontane<br />
Unterm Birnbaum<br />
Hörspielbearbeitung Günther Eich.<br />
Mit Heinz Klevenow, Tilla Durieux<br />
u.v.a. Produktion von 1961 (BR).<br />
<strong>Der</strong> Hörverlag, München 2013.<br />
1 CD, 69 Min., 14,99 €<br />
D. H. Lawrence<br />
Söhne und Liebhaber<br />
Hörspielbearbeitung Helmut<br />
Peschina. Mit Angela Winkler,<br />
Michael Rotschopf u. v. a. <strong>Der</strong><br />
Hörverlag München 2013. 3 CDs,<br />
4 Std., 12 Min., 19,99 €<br />
Georg Büchner<br />
Leonce und Lena<br />
Mit Ruedi Walter, Lotti Schwab<br />
u. v. a. Produktion von 1988<br />
(SRF). Christoph Merian, Basel<br />
2013. 1 CD, 62 Min., 9,25 €<br />
Literaturen 03/2013<br />
46
Ein Fest<br />
für Thomas<br />
Mann<br />
Bei Hans<br />
Pleschinski trifft der<br />
Nobelpreisträger seine<br />
große Liebe Klaus<br />
Heuser wieder<br />
<strong>Der</strong> Gast gilt als empfindlich. Nachts<br />
neigt er zu fiebrigen Alpträumen und<br />
braucht «Unmengen von Schlafpulver».<br />
Keinesfalls darf die Bettfederung<br />
quietschen, also muss ein Hotelangestellter<br />
in der Präsidentensuite probeliegen.<br />
<strong>Der</strong> «Breidenbacher Hof» in<br />
Düsseldorf wartet auf einen Besuch,<br />
der weniger Mensch als Mythos ist:<br />
Thomas Mann.<br />
Mit seinem Roman «Königsallee»<br />
katapultiert uns Hans Pleschinski in<br />
den Sommer 1954. Zugleich mit dem<br />
79-jährigen «Zauberer» logiert zufällig<br />
auch der Kaufmann Klaus Heuser im<br />
Luxushotel: Thomas Manns große Liebe,<br />
das Vorbild für seine Joseph-Figur<br />
und Empfänger eines unvergessenen<br />
«Vorkriegskusses». Im Sommer 1927<br />
waren sie einander auf Sylt begegnet.<br />
Nun ist Heuser auf Heimaturlaub, zusammen<br />
mit Anwar, seinem indonesischen<br />
Lebensgefährten. Die beiden<br />
Männer schieben ihre Hotelbetten zusammen,<br />
das Ehepaar Mann schläft<br />
lieber getrennt.<br />
Zunächst trifft Klaus Heuser andere<br />
Mitglieder der Mann-Familie – herrlich<br />
komische Karikaturen der realen<br />
Figuren. Tochter Erika trinkt Jägermeister<br />
und schimpft auf einen sowjetischen<br />
Verlag: Dieser weigert sich,<br />
die Tantiemen für «Buddenbrooks» in<br />
Franken zu zahlen. Kampflustig kontert<br />
sie: «<strong>Der</strong> Kommunismus wird<br />
über den Imperialismus siegen, aber<br />
nicht über mich.» Golo Mann wiederum<br />
leidet unter der mangelnden Anerkennung<br />
seitens seines Vaters. «Ich<br />
werde nie etwas!», schreit er eines<br />
Abends, ballt die Fäuste und hilft Heuser,<br />
den sturzbetrunkenen Anwar ins<br />
Hotel zu schleppen.<br />
Wer Thomas Mann liebt, wird «Königsallee»<br />
als ein Fest erleben. Pleschinski<br />
zitiert, karikiert, parodiert. Er<br />
spielt mit der Sprache des Nobelpreisträgers,<br />
spickt seinen Roman mit literarischen<br />
Anspielungen. Eine Lateinamerikanerin<br />
knallt da die Tür so lustvoll<br />
zu, als habe sie es von der Russin<br />
Chauchat auf dem Zauberberg gelernt.<br />
Vor allem aber malt Pleschinski ein<br />
bonbonbuntes Panorama der fünfziger<br />
Jahre. <strong>Der</strong> Mikrokosmos Luxushotel<br />
spiegelt die Spannung zwischen<br />
Aufbruch und Vorgeschichte, Weltkriegstrauma<br />
und Wirtschaftswunder:<br />
«Das versehrte Volk bewegte sich (…)<br />
erstaunlich intakt und flott, die Röcke<br />
über den Petticoats schwangen, einem<br />
Herren fehlte ein Finger, aber an der<br />
anderen Hand glänzte ein Goldring.»<br />
Taugt aber Thomas Mann als Romanfigur?<br />
Bei Pleschinski tritt der<br />
Mensch leider selten hinter dem Mythos<br />
hervor, als fürchte der Autor, sich<br />
zu viel zu erlauben mit dem historischen<br />
Vorbild. Nimmt er sich aber die<br />
künstlerische Freiheit, gelingen brillante<br />
Szenen: Mit der Feuilletonistin<br />
Gudrun Kückebein etwa, einer rothaarigen<br />
Gnomin, schafft er eine Figur<br />
von Mann’schem Format. In ihrem Interview<br />
mit dem Autor stellt sie teuflische<br />
Fragen, manchmal pocht deshalb<br />
ein Äderchen an dessen Schläfe. Am<br />
schockierendsten aber ist ihr Schlusssatz<br />
über die «schlimmen Jahre»:<br />
«Eine Schulfreundin habe ich noch.<br />
Die übrigen Zwerge Lübecks wurden<br />
vergast.»<br />
Carmen eller<br />
Hans Pleschinski<br />
Königsallee. Roman<br />
C. H. Beck, München 2013.<br />
393 S., 19,95 €<br />
Unvergleichliche<br />
Erzählkunst.<br />
Einmal mehr.<br />
<strong>Der</strong> neue Roman vom großen deutschen<br />
Literaten Martin Walser<br />
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© Philippe Matsas / Opale<br />
47
Blasiert<br />
oder<br />
entrückt<br />
Mit einer rotzigen<br />
Polemik versucht<br />
Nicole Zepter die<br />
Kunst vor dem<br />
Kunstbetrieb zu retten<br />
Die letzte documenta endete mit einen<br />
neuen Besucherrekord, ähnlich wird<br />
es sich am Schluss der laufenden Biennale<br />
in Venedig verhalten. Menschen<br />
schlagen ihre Zelte vor dem Louvre<br />
auf, um nicht tagelang in der Schlange<br />
stehen zu müssen. Noch nie gab es so<br />
viele Museen, Galerien, Show-Rooms<br />
und noch nie so großen Besucherandrang.<br />
Sieht ganz danach aus, als würde<br />
alles recht gut laufen zwischen der<br />
Kunst und ihrem Publikum.<br />
Von wegen, meint Nicole Zepter,<br />
es läuft fast alles schief. Zu viele<br />
zu unrecht gehypte Kunststars und<br />
Blockbuster-Auststellungen, zu viele<br />
Strumpfhosen-Installationen in den<br />
Galerien, zu viel Kommerz, Einheitsbrei,<br />
Verlogenheit, schlechte Museumspädagogik,<br />
Dünkel, Langeweile<br />
und Frust.<br />
Folgt man der quirligen Polemik<br />
der Berliner Journalistin und Gründerin<br />
der Zeitschrift «The Germans» beruht<br />
die vermeintliche Massenbegeisterung<br />
für die Kunst in erster Linie auf<br />
dem falschen Respekt davor: Niemand<br />
traut sich mehr ein ehrliches Urteil zu,<br />
weder vor sich selbst, schon gar nicht<br />
öffentlich, die Langeweile beim Museumsbesuch<br />
gehört ebenso selbstverständlich<br />
zur allgemeinen Erwartungshaltung<br />
wie das Unverständnis<br />
beim Anblick einer Bruce-Nauman-<br />
Installation und die dröge Selbstgefälligkeit<br />
der Ausstellungstexte. Was<br />
dagegen hilft? Ganz einfach: Dagegen-sein.<br />
Kunst und das ganze Drumherum<br />
einfach mal hassen, erst recht,<br />
wenn man Kunst eigentlich liebt.<br />
Passioniert und rotzig lässt Nicole<br />
Zepter in «Kunst hassen. Eine enttäuschte<br />
Liebe» die ersten Blitze des<br />
Gewitters niedergehen, das die Luft<br />
reinigen soll. Zu der Mischung aus<br />
<strong>Punk</strong> und klassischer Kulturindustrie-Schelte<br />
gesellt sich ein kompromissloser<br />
Kunstanspruch in der Tradition<br />
des l’art pour l’art. «Kunst muss<br />
frei sein», lautet das Credo, «frei vom<br />
Instrument der Erziehung, frei von einem<br />
Gesellschaftsauftrag. Kunst muss<br />
asozial sein.» Denn jeder kunstfremde<br />
Zweck, der der Kunst angehaftet wird,<br />
entwertet sie.<br />
In diesem Sinne richten sich die<br />
polemischen Spitzen vor allem gegen<br />
den populistischen Eventcharakter,<br />
der in großen Museen um sich greift,<br />
gegen Auktionspreise in zweistelliger<br />
Millionenhöhe, gegen die die BBC-<br />
Sendung «School of Saatchi» in der<br />
einer der mächtigsten Galeristen der<br />
Welt, Charles Saatchi, Großbritanniens<br />
nächsten Superkünstler sucht.<br />
Selbst eine ursprünglich der Kunst<br />
geweihte Stätte wie das Louisiana Museum<br />
in der Nähe von Kopenhagen<br />
fällt bei Zepter durch: weiße Patriziervilla<br />
inklusive pittoresker Bibliothek,<br />
Café mit offenem Kamin, Meerblick<br />
und Tannenrauschen im Skulpturenpark.<br />
Zepter zufolge ist dies eine<br />
ideale Entspannungsanlage, allerdings<br />
kein Ort für Kunst, sondern deren Degradierung<br />
zum Beiwerk im «Wellness<br />
tempel». So energisch sich die Autorin<br />
gegen den «sakralen Horror» in<br />
den mit roter, blauer oder grüner Seide<br />
tapezierten Gemäldegalerien wendet,<br />
so intolerabel scheint ihr andererseits<br />
der Frevel an der Kunst im Dienste<br />
des Lifestyles.<br />
Andere Beispiele zur Unterfütterung<br />
dieser Generalabrechnung mit<br />
dem Kunstbetrieb sind weniger geglückt.<br />
So schwelgt Zepter besonders<br />
malizös in dem Spott über die Society-Gesetze<br />
und Bussi-Bussi-Gepflogenheiten<br />
der Szene, liefert eine kleine<br />
böse Skizze der Kunstwelt als Welt<br />
der Verstellungskünstler, die einander<br />
bauchpinseln, gerade wenn sie<br />
sich hassen: Nirgends sonst kann die<br />
Fähigkeit, im richtigen Moment den<br />
richtigen Gesichtsausdruck aufzusetzten<br />
– entweder blasierte Langeweile<br />
oder entrückte Verzückung – so maßgeblich<br />
zur Karriere beitragen. Zur<br />
Veranschaulichung der «richtigen Etikette»<br />
zitiert Zepter das Kunstmagazin<br />
«Monopol»: In den hier angeführten<br />
Sätzen aus dem «Monopol-Knigge»<br />
werden die Umgangsformen auf<br />
Kunst-Partys allerdings in ausgesprochen<br />
ironischem Tonfall abgehandelt.<br />
Neben der Kunst geht es Zepter<br />
vor allem um den Betrachter, den es<br />
aus seiner selbst- und institutionsverschuldeten<br />
Unmündigkeit zu befreien<br />
gilt. <strong>Der</strong> Ansatz klingt irgendwie begrüßenswert,<br />
bleibt aber vage. Einerseits<br />
soll das Publikum unbedingt besser<br />
informiert werden. Andererseits<br />
darf es keinesfalls das Gefühl bekommen,<br />
bevormundet, belehrt oder in<br />
seiner ästhetischen Urteilsbildung gesteuert<br />
zu werden.<br />
Was als charmant-aggressive Streitschrift<br />
begann, endet als idealer Artikel<br />
für den Museumshop. Nicht nur<br />
die Kunst soll besser werden, sondern<br />
auch das Museum schöner, freundlicher.<br />
Man möge sich, so lautet am<br />
Ende des Buches Nicole Zepters explizite<br />
Aufforderung an die Kunsthausverantwortlichen,<br />
doch einfach die<br />
Zeit nehmen, um «einer Museumsaufsicht<br />
das Lächeln beizubringen». Kann<br />
denn Kunst, fragt man sich, die doch<br />
ganz offenbar Hass verkraftet, nicht<br />
auch ein unfreundliches Gesicht vertragen?<br />
Marianna Lieder<br />
Nicole Zepter<br />
Kunst hassen. Eine<br />
enttäuschte Liebe<br />
Tropen, Stuttgart 2013.<br />
144 S., 12 €<br />
Literaturen 03/2013<br />
48
<strong>Der</strong> Duft<br />
der<br />
Erinnerung<br />
Uwe Timms<br />
Liebespaar hat keine<br />
Zukunft<br />
chern wie «Am Beispiel meines Bruders»<br />
oder in «Rot», weitgehend auf<br />
eine politische Dimension. Vor allem<br />
geht es hier um die Verwirrungen und<br />
Verstörungen durch die Liebe.<br />
Da sind zwei Paare, die scheinbar<br />
stabile Beziehungen führen: Eschenbach<br />
ist mit der Silberschmiedin Selma<br />
liiert; der Architekt Ewald und die<br />
Kunstlehrerin Anna sind verheiratet,<br />
zwei Kinder, sie glauben an das Konzept<br />
von Ehe und Familie. Aber dann<br />
verlieben sich Eschenbach und Anna<br />
ineinander, die Leidenschaft überrennt<br />
sie, macht ihre Wünsche nach<br />
Stabilität und Berechenbarkeit zunichte.<br />
Sie treffen sich heimlich, jonglieren<br />
mit Terminen, Stundenplänen<br />
und Babysitter. Zwei Menschen, die<br />
maßlos sind in ihrem Wunsch nach<br />
Glück, die sich nicht begnügen wollen<br />
mit ihrer Alltagszufriedenheit. Eines<br />
Tages jedoch lässt sich die Liaison<br />
nicht mehr geheimhalten. Was folgt,<br />
sind zwei Trennungen, doch auch die<br />
Verliebten haben keine gemeinsame<br />
Zukunft – Anna geht mit den Kindern<br />
nach Amerika, eine Flucht vor dem<br />
privaten Tohuwabohu.<br />
Wenn ein Autor für seinen Roman<br />
einen Rahmen schafft, der extrem<br />
handlungsarm ist, ist das nicht<br />
ohne Risiko. Uwe Timm beschreibt<br />
die Elbinsel und das Leben seines Helden<br />
zwischen Vogelschwärmen und<br />
Wer kennt schon Scharhörn? Watt,<br />
Strandhafer, ein paar Büsche, Dünen,<br />
Seevögel. Ein Mini-Eiland in der Elbmündung,<br />
ideal, um alles ein bisschen<br />
herunterzufahren, die Nachhaltigkeit<br />
zu entdecken. Christian Eschenbach<br />
möchte für ein paar Monate nichts anderes<br />
tun. Keine Pläne, Termine, Begegnungen,<br />
weder Reden noch Zuhören-Müssen.<br />
Seine Software-Firma ist<br />
vor einiger Zeit bankrott gegangen, er<br />
hat Freundin, Geliebte und seine luxuriöse<br />
Berliner Wohnung verloren.<br />
Jetzt erlebt er als Vogelwart die absolute<br />
Entschleunigung. Allerdings ist dieses<br />
Glück immer auch mit einer Spur<br />
Melancholie vermischt<br />
In seinem neuen Roman «Vogelweide»<br />
beschreibt Uwe Timm einen<br />
Rückzug von der Welt auf Zeit und<br />
verzichtet, anders als in früheren Büangeschwemmtem<br />
Strandgut mit feinen<br />
Strichen. Solange er in Rückblenden<br />
von Liebesraserei, Lügen<br />
und Verzweiflung erzählt, gelingt es<br />
ihm mühelos, die Spannung aufrecht<br />
zu erhalten. Später jedoch, nachdem<br />
die Affäre zwischen Eschenbach und<br />
Anna aufgeflogen ist, tritt in der Dramaturgie<br />
zeitweise Leerlauf ein. Auch<br />
der Humor in den Beschreibungen<br />
von Eschenbachs skurrilem Nebenjob<br />
(ausgerechnet er arbeitet an einer Studie<br />
über das Begehren mit) kann dieses<br />
Manko nur begrenzt auffangen.<br />
Am Ende bekommt Eschenbach<br />
Besuch in seiner Insel-Klause: von<br />
Anna, die jetzt in den USA lebt und in<br />
Deutschland nur zu Besuch ist. Zwei<br />
Menschen treffen da aufeinander, vertraut<br />
und fern zugleich. Eine zarte Begegnung,<br />
deren Kraft Uwe Timm aber<br />
offenbar nicht ganz vertraut. Er setzt<br />
einen dramatischen Schlusspunkt, der<br />
aufgesetzt wirkt und ein wenig schablonenhaft.<br />
Dann fährt Anna mit<br />
dem Pferdewagen davon, ein schönes<br />
Bild, und Eschenbach bleibt zurück<br />
mit ihrem blumigen Duft – «Erinnerungsduft»,<br />
wie er es nennt.<br />
<br />
Franziska Wolffheim<br />
Uwe Timm<br />
Vogelweide. Roman<br />
Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013.<br />
335 S., 19,99 €<br />
KOSMISCHE WÄHRUNG<br />
<strong>Der</strong> höchste Reichtum<br />
Kann man den Zustand<br />
menschlicher Exzellenz er -<br />
reichen?<br />
Für den chilenischen Philosophen<br />
und Autor Darío Salas<br />
Sommer ist das eine Frage<br />
der richtigen Methode.<br />
In seinem Buch „Kosmische<br />
Währung“ betrachtet er Mo -<br />
ral als objektive Realität, die<br />
auf den Gesetzen der Quantenphysik<br />
beruht, und schlägt<br />
eine praktische Methode vor,<br />
wie sie zu erlangen ist.<br />
Laut Salas ist die wich -<br />
tigste Aufgabe eines jeden<br />
Menschen seine persönliche<br />
Ent wicklung, die stets im<br />
Bereich seiner Möglichkeiten<br />
liegt.<br />
Darío Salas Sommer: „Kosmische Währung“ – erhältlich<br />
im Buchhandel und im Internet unter:<br />
www.synergia-verlag.de/kosmische-waehrung-p-60514.html<br />
Dafür bietet er eine „operative<br />
Philosophie“ an – als<br />
praktische Wissenschaft und<br />
nicht als reines Reflexionselement.<br />
Sie verspricht denjenigen,<br />
die sich aus freien<br />
Stücken auf eine Reise in<br />
ihr Inneres begeben, wahren<br />
Reichtum.
Erinnerung<br />
ist kein Problemmüll<br />
Aleida Assmanns<br />
Streitschrift gegen die<br />
Geschichtsvergessenheit<br />
«Memory Loops», Erinnerungsschleifen,<br />
so heißt eine Arbeit der Künstlerin<br />
Michaela Melián, die sich mit<br />
dem Naziterror in München zwischen<br />
1933 und 1945 beschäftigt. Das Audiokunstwerk<br />
basiert auf Transkriptionen<br />
historischer und aktueller Originaltöne<br />
von NS-Opfern und Zeitzeugen: Es<br />
sind Zeugnisse von Diskriminierung,<br />
Verfolgung und Ausgrenzung aus der<br />
«Hauptstadt der Bewegung». Die Erinnerungen<br />
hat Melián zu Collagen aus<br />
Stimmen und Musik montiert und<br />
mit konkreten Orten in der Stadt verknüpft.<br />
Sie können auf einer Website<br />
oder telefonisch abgerufen werden,<br />
in deutscher oder englischer Sprache.<br />
In Meliáns ephemerem Denkmal zeigt<br />
sich ein kritisches Geschichtsbewusstsein,<br />
das zukunftsweisend ist: Archivbestände<br />
werden aufbereitet und mit<br />
alltäglichen Technologien der Allgemeinheit<br />
zugänglich gemacht.<br />
Solche äußerst geglückten künstlerischen<br />
Formen der Vergegenwärtigung<br />
von Vergangenheit stehen im diametralen<br />
Gegensatz zu jenen publizistischen<br />
Stimmen, die in jüngster Zeit lautstark<br />
ein «Unbehagen» an der Erinnerungskultur<br />
artikulieren und fordern, diese<br />
gänzlich zu überwinden. <strong>Der</strong> Blick in<br />
die Zukunft, auf Probleme wie die Globalisierung<br />
oder die Klimakatastrophe,<br />
so wird argumentiert, sei für die jüngeren<br />
Generationen wichtiger als die Erinnerung<br />
an den Holocaust.<br />
In den Ohren von Aleida Assmann<br />
klingt das alarmierend. In ihrem neuen<br />
Buch wagt die Konstanzer Anglistin<br />
und Kulturwissenschaftlerin eine<br />
«Intervention». Sie versammelt Stimmen<br />
des Unbehagens vom Philosophen<br />
Hermann Lübbe über den Soziologen<br />
Harald Welzer bis zur Debatte<br />
um den ZDF-Dreiteiler «Unsere Mütter,<br />
unsere Väter» (2013), identifiziert<br />
Schlüsselbegriffe und macht deutlich,<br />
dass wir keineswegs vor einer Zwangs<br />
alternative stehen: Erinnern ist keine<br />
rückwärtsgewandte Haltung, die<br />
den Blick auf drängende Fragen unserer<br />
Zukunft verstellt, sondern ein<br />
«tragendes Element unserer Zivilgesellschaft».<br />
Das Thema Migration sowie<br />
die «schwelende Fremdenfeindlichkeit<br />
und ihre historische Erbschaft»<br />
gehören zu den aktuellen Zukunftsfragen<br />
in unserer Gesellschaft. Außerdem,<br />
so Assmann, liegt es kaum in der<br />
Deutungsmacht einzelner Intellektueller,<br />
wann und wie ein Geschichtsereignis<br />
seine traumatische Nachwirkung,<br />
emotionale Anziehung und normative<br />
Bindungskraft verliert.<br />
Dass die deutsche Erinnerungskultur<br />
einen tiefgreifenden Wandel<br />
erfährt, daran zweifelt Assmann andererseits<br />
nicht. Es sind heute nicht<br />
mehr Zeitzeugen, sondern Geschichtsfilme,<br />
die eine emotionale Brücke zur<br />
Vergangenheit herstellen können. Mit<br />
dem Ableben der Zeitzeugen verschwindet<br />
auch das Moment der persönlichen<br />
Begegnung und der konkreten<br />
körperlichen Erfahrung: Eine<br />
Zeugenschaft zweiter Ordnung ist<br />
nun nicht mehr möglich. Stattdessen<br />
stehen wir einer Fülle von Videoaufzeichnungen<br />
gegenüber, die es aufzubereiten<br />
und nachwachsenden Generationen<br />
zugänglich zu machen gilt.<br />
Hier setzt Assmann insbesondere auf<br />
Künstler, die «eine reiche Erfahrung<br />
darin haben, sich reflexiv mit den<br />
Möglichkeiten und Grenzen der Rahmenbedingungen<br />
ihrer jeweiligen Medien<br />
auseinanderzusetzen».<br />
Waren es bis vor Kurzem noch die<br />
zwischen 1935 und 1950 Geborenen,<br />
die sich in der Gedächtnisarbeit engagierten<br />
und den Erinnerungsdiskurs<br />
dominierten, so vollzieht sich nun<br />
ein Stilwechsel, der die Fragen einer<br />
jüngeren, kosmopolitisch geprägten<br />
Generation in den Mittelpunkt stellt.<br />
Erinnerungskonstruktionen «müssen<br />
es sich gefallen lassen, im kritischen<br />
Lichte transnationaler Vergleiche betrachtet<br />
zu werden». Welche Rolle<br />
spielt die Erinnerung an den Holocaust<br />
in der Einwanderungsgesellschaft,<br />
und wie fügen sich Migranten<br />
in die schuldverstrickten deutschen<br />
Biografien ein? Assmann schlägt vor,<br />
«das Verhältnis zwischen Nationalstaat<br />
und Erinnerung offener, vielfältiger<br />
und weniger genealogisch zu<br />
bestimmen» und sich «Erinnerungspraktiken<br />
zu öffnen, die der kulturellen<br />
Diversität in diesem Land Rechnung<br />
tragen.»<br />
Nicht nur in diesem Land, auch auf<br />
transnationaler Ebene wünscht man<br />
sich anstelle vereinfachender und falscher<br />
Geschichtsdarstellungen ein dialogisches<br />
Erinnern, eine Auseinandersetzung,<br />
die der Komplexität der Lage<br />
gerecht wird. Die Autoren des ZDF-<br />
Zweite-Weltkriegs-Dreiteilers «Unsere<br />
Mütter, unsere Väter» wollten sich<br />
diese Arbeit nicht machen und handelten<br />
das Thema Antisemitismus kurzerhand<br />
am Beispiel eines polnischen<br />
Partisanen ab. Dieser Versuch, den<br />
«Problemmüll der Vergangenheit über<br />
die Landesgrenze hinweg zu verschieben»,<br />
so Assmann, löste in Polen einen<br />
Sturm der Entrüstung aus.<br />
Aleida Assmanns Buch rekapituliert<br />
die Genese der deutschen Erinnerungskultur<br />
und verteidigt diese<br />
gegen ihre Kritiker. Als hochaktuelle<br />
Bestandsaufnahme ist diese Schrift<br />
dem kulturpolitisch Interessierten<br />
ebenso nützlich wie dem Lokalpolitiker,<br />
dem sie Stoff für seine Sonntagsreden<br />
liefert. Stefanie Peter<br />
Aleida Assmann<br />
Ist die Zeit aus den<br />
Fugen?<br />
Hanser, München 2013.<br />
336 S., 22,90 €<br />
Literaturen 03/2013<br />
50
Freies Volk<br />
auf freiem<br />
Grund<br />
Brigitte Kronauers<br />
neuer Roman<br />
ist ein großartig<br />
gewitztes literarisches<br />
Wimmelbuch<br />
Pratz, der mit Preisen und Orden beladene<br />
Schriftsteller, auf Anhieb am<br />
Schal erkennbar, auch wenn man seinen<br />
Roman «Die verlorene Republik»<br />
nicht gelesen hat, hätte seinen Kopf<br />
nicht hergegeben für Anzeigen mit<br />
dem Versprechen «Wir suchen Menschen,<br />
die gerne schreiben». Es werden,<br />
wenn man Pratz fragt, sowieso zu<br />
viele Bücher geschrieben, zu viele autobiografische<br />
Romane vor allem, weil<br />
das Publikum «richtige Geschichten»<br />
lesen will, die dann aber mit falschen<br />
Details aufgefüllt werden, weil niemand<br />
sich an seine komplette Jugendzeit<br />
erinnern kann. <strong>Der</strong> Physiotherapeutin<br />
Elsa hat Pratz die Idee ausgeredet,<br />
sie könnte doch die Geschichten<br />
aufschreiben, die sie von ihren Patienten<br />
hört. Ohnehin kann das Schreiben,<br />
glaubt Pratz, nichts abwerfen, wenn<br />
man sich ihm gern überlässt. Es ist<br />
Zwang, Bestimmung, Schicksal. Dem<br />
Kapitelchen über den Wurm, der an<br />
Pratz nagt: die Angst, dass der Lohn<br />
der Fron ausbleiben könnte, hat Brigitte<br />
Kronauer in ihrer unfehlbaren Bosheit<br />
deshalb die Überschrift der kanonischen<br />
Schilderung schöpferischer<br />
Nöte des deutschen Großschriftstellers<br />
gegeben: «Schwere Stunde».<br />
Von Pratz abgeschreckt, hat die patente<br />
Elsa sich darauf verlegt, ihrem<br />
langmütigen Freund Henri im Bett<br />
aus dem bunten Leben ihrer Klientel<br />
zu erzählen. «Gewäsch und Gewimmel»,<br />
der neue Roman von Brigitte<br />
Kronauer, ist nicht das Buch, das Elsa<br />
geschrieben hätte, doch ein zupackender<br />
Ton ist unverkennbar. Und als Leserin<br />
des Romans kann man sich Elsa<br />
gut vorstellen, er fällt in dasselbe Genre<br />
wie der Lesestoff in ihrem Wartezimmer.<br />
«Gewäsch und Gewimmel»<br />
ist eine über 600 Seiten starke Illustrierte<br />
ohne Fotos, dicker als jede von<br />
Karl Lagerfeld kuratierte Sonderausgabe<br />
der «Vogue», ein Sammelsurium<br />
aufwühlender Exklusivstories, nur<br />
dass Liebes-Aus und Todesdrama um<br />
den kriminellen Bruder nicht Pippa<br />
Middleton oder Norbert Bolz ereilen,<br />
sondern die Studentin Katja, von der<br />
niemand weiß, was sie studiert, und<br />
den plattfüßigen, großherzigen Priester<br />
Clemens Dillburg.<br />
Stammkunden, die der Gedanke an<br />
ihre Hinfälligkeit trübsinnig stimmt,<br />
können sich beim Durchblättern der<br />
Wartezimmerliteratur am Anblick<br />
der «unverwüstlichen Rätselecken»<br />
aufrichten. Solche Ecken hat Brigitte<br />
Kronauer auch in ihrem Roman eingerichtet<br />
und mit kuriosen Fragen an<br />
die Leser bestückt. Gesucht werden<br />
medizinische Verfahren, Klassikerzitate<br />
und Naturwunder. Nahegelegt<br />
wird ein Zusammenhang aller Einzelschicksale,<br />
den Tüftelei, Mitschreiben<br />
und Internet-Recherche dann aber<br />
doch nicht dingfest machen können.<br />
Die Ahnung, dass die Welt ein belebtes<br />
Ganzes ist, muss ein Produkt der literarischen<br />
Phantasie sein, die ihr Bildmaterial<br />
in religiösen Überlieferungen<br />
findet, in theologischen Lehrstücken<br />
von Erbsünde und Gericht ebenso wie<br />
in dem Volksglauben, dass die Verstorbenen<br />
unter uns sind. Brigitte Kronauer<br />
spendiert dem armen Pratz, der<br />
seine Gaben der Wortgewalt und Hellsicht<br />
verschleudert hat, ein langgezogenes<br />
Sterben bei voller Stimme, wie<br />
man es nur aus der Oper kennt. Neben<br />
den ungeschriebenen Romanen<br />
kommt ihm eine kuriose Fehlleistung<br />
in den Sinn: Statt «nature morte» las er<br />
«Natur rumorend». Pratz muss die Romantiker<br />
so eifrig studiert haben wie<br />
Lichtenbergs Literaturfreund, der immer<br />
«Agamemnon» statt «angenommen»<br />
las, den Homer.<br />
Wenn Pratz «Gewäsch und Gewimmel»<br />
geschrieben hätte, hieße<br />
das Buch «Die wiedergefundene Republik»:<br />
Für das Personal gilt der<br />
Gleichheitsgrundsatz, ein Egon Pratz<br />
ist nicht wichtiger als das Mädchen<br />
Ilse, das gerade mit dem Tagebuchschreiben<br />
begonnen hat. Ein freies<br />
Volk auf freiem Grund sehen wir, befreit<br />
aus den Fesseln einer pseudorealistischen<br />
Konvention, die dem Publikum<br />
die richtigen Geschichten<br />
schuldig bleibt, weil die Charaktere<br />
so erschöpfend beschrieben werden,<br />
dass ihnen gar nichts mehr zustoßen<br />
kann. Eingelegt ist hier die wunderbare<br />
Geschichte eines Königs, des Herrn<br />
Hans vom Hochmoor, so tituliert von<br />
Luise Wäns, einer alten Frau, die sich<br />
noch wie eine Studentin anzieht und<br />
in ebenso scheuer wie obsessiver Liebe<br />
zu Hans Scheffer entbrennt, der ein<br />
Stück Stadtwald wieder in Natur verwandeln<br />
will.<br />
200 Seiten umfasst dieses Heft im<br />
Heft: Brigitte Kronauer kann es mit<br />
den von Pratz verspotteten Plothubern<br />
aufnehmen. Aber die Handlung<br />
ist in allen phantastisch wuchernden<br />
Details ein Auswuchs der Leidenschaft<br />
von Luise Wäns. Sie schildert Scheffer<br />
als charismatischen Herrscher über<br />
einen Freundeskreis. Was sein Charisma<br />
ausmacht, bleibt unscharf, denn<br />
es existiert nur in der Niederschrift,<br />
durch die sich Luise gegen die Desillusionierung<br />
wappnet. In allem gilt die<br />
Maxime von Pratz: «Man muß es jedenfalls<br />
aufschreiben. Es ist die beste<br />
Form, Luft zu schnappen. Erfinden ist<br />
besser als lernen.»<br />
<br />
Patrick Bahners<br />
Brigitte Kronauer<br />
Gewäsch und Gewimmel.<br />
Roman<br />
Klett-Cotta, Stuttgart 2013.<br />
624 S., 26,95 €<br />
51
«Wenig<br />
Bücher<br />
sind mit<br />
solcher<br />
Lust<br />
entstanden»<br />
Ein britischer Fantasy-<br />
Starautor und ein<br />
australischer Comic-<br />
Künstler haben sich<br />
Grimms Märchen<br />
vorgenommen:<br />
eine märchenhafte<br />
Verwandlung<br />
Kinderbücher<br />
Da haben sich zwei gefunden. Zwei,<br />
von denen der eine zuerst vehement<br />
dagegen war, dass überhaupt ein zweiter<br />
gesucht würde. Und damit kommt<br />
nun ein Nachzügler auf dem deutschen<br />
Markt an, lange hinter der großen<br />
Grimm-Welle, und doch von einer<br />
zeitlosen Schönheit, die uns Leser<br />
vergessen lässt, dass wir ja schon im<br />
Vorjahr seinesgleichen ausgiebig gefeiert<br />
hatten. Die Auswahl von Grimms<br />
Märchen, die Philip Pullman getroffen<br />
und neu erzählt hat, war zum zweihundertsten<br />
Jahrestag der Erstveröffentlichung<br />
der «Kinder- und Hausmärchen»<br />
im Dezember 2012 für den<br />
britischen Buchmarkt bestimmt, der<br />
Penguin Verlag hatte den berühmten<br />
Kinderbuchautor darum gebeten. Und<br />
der Hamburger Aladin Verlag, der erst<br />
in diesem Frühjahr mit einem ersten<br />
Programm an die Öffentlichkeit gegangen<br />
ist, ist mit der jetzt eben veröffentlichten<br />
deutschen Übersetzung<br />
ein doppeltes Wagnis eingegangen: Er<br />
nimmt nicht nur in Kauf, spät dran zu<br />
sein mit diesem Buch. Er hat auch dem<br />
streitbaren Autor entgegen dessen anfänglicher<br />
Weigerung, das Werk prächtig<br />
illustrieren zu lassen – «schöne Bilder<br />
hin oder her» –, einen Künstler zur<br />
Seite gestellt, dessen frappierende Arbeiten<br />
die Klarheit, Feinheit und Zurückhaltung<br />
des Pullman’schen Tons<br />
aufs Schönste erwidern.<br />
Philip Pullman – wie andere Meister<br />
der phantastischen Literatur, J. R.<br />
R. Tolkien und Lewis Carroll, ein Gelehrter<br />
aus Oxford – ist als Autor von<br />
«<strong>Der</strong> Goldene Kompass» und den Folgebüchern<br />
seiner Serie «His Dark Materials»<br />
bekannt geworden. <strong>Der</strong> dritte<br />
Band, «Das Bernstein-Teleskop», wurde<br />
als erstes Kinderbuch zum Whitbread<br />
Book of the Year gekürt, dessen<br />
Verfasser im Jahr 2005 mit der weltweit<br />
höchstdotierten Auszeichnung<br />
für Kinder- und Jugendbuchautoren<br />
ausgezeichnet, dem Astrid-Lindgren-<br />
Gedächtnis-Preis. Ebendiese Ehrung<br />
wurde sechs Jahre später auch dem<br />
australischen Kinderbuch- und Comic-Künstler<br />
Shaun Tan zuteil, den der<br />
Aladin-Verleger Klaus Humann nun<br />
als Illustrator im Sinn hatte. Tan teilte<br />
nicht nur die Bedenken Pullmans, dessen<br />
Abneigung gegen eine ausgefeilte,<br />
dekorative Bebilderung der eigentlich<br />
so minimalistisch erzählten Märchen.<br />
Er hatte auch eine ebenso reizvolle<br />
wie schlüssige Idee: Kleine Tonfiguren<br />
wollte er fertigen und abfotografieren,<br />
reduziert und rätselhaft, die an antike<br />
europäische oder präkolumbianische<br />
Kleinplastiken oder an die Kunst<br />
der Inuit erinnern könnten. Pullman<br />
war begeistert.<br />
Wie aus einem Walrosszahn geschnitzt<br />
steht Shaun Tans Rapunzel<br />
in hingestreuten Blüten und Blättern,<br />
eine schlichte, schlanke Figur, duldsam<br />
leicht vornübergebeugt, zugleich<br />
wirkend, als sei sie selbst ein Turm, an<br />
dem die goldenen Haare wie ein feiner<br />
Schal herabfließen. <strong>Der</strong> Froschkönig<br />
streckt nur Gesicht und Vorderbeine<br />
aus einer Art Zen-Garten mit<br />
kreisrund geharktem Sand heraus; seine<br />
Augen sind kleine goldene Kugeln.<br />
Für Aschenputtel ist dem Künstler ein<br />
verrußter Kamin eingefallen, in dessen<br />
Öffnung ein maskenhafter, leicht geneigter<br />
Kopf mit geschlossenen Augen<br />
zu sehen ist. Und von Allerleirauh sehen<br />
wir nur die Augen und ein elegantes<br />
Bein, das aus dem schlicht schraffierten<br />
«Mantel aus tausenderlei Pelz<br />
und Rauchwerk» hervorlugt. Die Prinzessin<br />
hatte ihn sich von ihrem Königs-<br />
Vater ausbedungen, bevor dieser die eigene<br />
Tochter zur Frau nehmen kann.<br />
Solche Bilder lassen Platz, und sie<br />
bergen ein Geheimnis. So ungewohnt<br />
sie für Kinderaugen auch sein mögen,<br />
gerade im Märchenkontext, wo sich<br />
niedliche Prinzessinnen in glitzernden<br />
Gewändern nur zu gern die Hände erschrocken<br />
an die rosigen Wangen halten:<br />
Auch junge Betrachter sind durchaus<br />
empfänglich für die Spannung, für<br />
den Zauber dieser Arbeiten. Wir haben<br />
es selbst überprüft.<br />
Und Pullman? <strong>Der</strong> Brite hat aus<br />
den über zweihundert Märchen, die<br />
die Brüder Grimm gesammelt haben,<br />
fünfzig ausgesucht, unter denen man<br />
allenfalls «Die sechs Schwäne» vermissen<br />
wird. Er hat sich intensiv mit<br />
dem Klang, mit der suggestiven Erzählweise<br />
der Märchen befasst. Und<br />
er lässt, ganz der Gelehrte, jedem einzelnen<br />
eine kleine persönliche Anmerkung<br />
folgen – nebst einer Einordnung<br />
nach dem Märchentypenkatalog Aarne-Thompson-Uther<br />
und Hinweisen<br />
auf verwandte Werke.<br />
Vor allem aber behandelt Pullman<br />
den ursprünglich mündlich tradierten<br />
Stoff auf die bestmögliche Art: behutsam<br />
und beherzt zugleich. Rapunzel<br />
lässt er nicht nur, wie in der ersten<br />
Fassung der Grimms, durch ihre arglose<br />
Bemerkung auffliegen, ihre Kleider<br />
wollten ihr nicht mehr passen, woraus<br />
wiederum die Hexe die Schwangerschaft,<br />
also den Herrenbesuch erkennt,<br />
52
Literarisches Trio<br />
Sechs Bücher und ein Gast<br />
Literaturen 03/2013 Foto: Shaun Tan/Aladin Verlag<br />
Foto: Tobias Bohm<br />
So sieht Shaun Tans Illustration zum Märchen «Allerleirauh» aus<br />
der hier stattgefunden haben muss.<br />
Die Hexe ist es hier auch, die dem Verehrer<br />
auflauert und ihn aus dem Turmfenster<br />
drängt – ursprünglich stürzte<br />
der sich selbst hinunter und erblindete.<br />
Und wo sich Aschenputtel in der<br />
Grimm’schen Fassung vom Bäumlein<br />
am Grab ihrer Mutter schlicht «schöne<br />
Kleider» wünscht und solche aus Silber<br />
und Gold erhält, lässt Pullman sie<br />
um ein Gewand aus Sternen- und eines<br />
aus Mondlicht bitten: Wie fein das<br />
Mädchen da wirkt, das eben noch von<br />
den Stiefschwestern bösartig als «Rußgesicht»<br />
und «Schlackenhockerin» bezeichnet<br />
wurde, bevor die Hochmütigen<br />
sich auf den Namen «Aschenputtel»<br />
verständigten!<br />
Im Kleinen setzt Pullman so durchaus<br />
Veränderungen an, im Großen<br />
aber hält er sich zurück. Selbst beim<br />
Märchen von Allerleirauh, das ihm,<br />
wie er im Vorwort bekennt, «lediglich<br />
halb fertig zu sein scheint», hat er seine<br />
eigene Fortführung der Geschichte nur<br />
in den Anmerkungen skizziert: Statt<br />
das Inzest-Thema regelrecht unter den<br />
Tisch fallen und das Märchen in eine<br />
Aschenputtel-Variante umschlagen<br />
zu lassen, schlägt er vor, dass der Vater<br />
Allerleirauh nach deren Flucht und<br />
Hochzeit verfolgt, sich als Händler ins<br />
Schloss der Eheleute einschleicht, sie<br />
als falscher Priester bei der Beichte bedrängt<br />
und noch im Tode grausam bedroht.<br />
«Ich glaube, das wäre durchaus<br />
überzeugend», schließt Pullman seine<br />
Überlegungen. Und er hat recht: Das<br />
wäre es.<br />
«Wenig Bücher sind mit solcher<br />
Lust entstanden», schrieben Jacob und<br />
Wilhelm Grimm im Vorwort zur ersten<br />
Ausgabe der «Kinder- und Hausmärchen».<br />
Zweihundert Jahre später<br />
ist deren neuzeitlicher Nachfolger aus<br />
ganz ähnlichem Vergnügen entstanden.<br />
Fridtjof Küchemann<br />
Philip Pullman/<br />
Shaun Tan<br />
Grimms Märchen<br />
Aus dem Englischen von Martina<br />
Tichy. Aladin, Hamburg 2013.<br />
496 S., 29,90 €<br />
Literaturen-Redakteurin Frauke<br />
Meyer-Gosau und Literaturkritiker<br />
Jörg Magenau diskutieren mit dem<br />
Autor Eugen Ruge, der mit seinem<br />
Roman „In Zeiten des abnehmenden<br />
Lichts“ 2011 den Deutschen Buchpreis<br />
gewann, über drei literarische<br />
Neuerscheinungen: Mo Yan, „Frösche“,<br />
Ian McEwan, „Honig“, und Edith<br />
Wharton, „Dämmerschlaf “.<br />
Zum Schluss geben die „Trio“-<br />
Teilnehmer noch drei aktuelle<br />
Literatur-Kurztipps ab.<br />
Termin:<br />
Mittwoch, 20. November 2013, 20 Uhr<br />
Literaturforum im Brecht-Haus,<br />
Chausseestraße 125, 10115 Berlin<br />
Eintritt 5€ / 3€ an der Abendkasse,<br />
kein Kartenvorverkauf<br />
In Kooperation mit:<br />
Literaturforum<br />
im Brecht-Haus<br />
53
Ameisengesang<br />
Bernie Krause über die<br />
Musik in der Natur<br />
Dass Vögel «singen», haben die Menschen<br />
früh bemerkt, Amsel, Drossel,<br />
Fink und Star. Beethoven, in der<br />
«Pastorale», hat einen Kukuck komponiert,<br />
und eine Wachtel; Olivier Messiaen<br />
ging im 20.Jahrhundert weiter<br />
und brachte Vogelstimmen in das<br />
Format musikalischer Partituren. Wer<br />
aber interessierte sich für den lärmigen<br />
Klang des Knallkrebses, das Singen der<br />
Seeanemone, das markerschütternde<br />
Trommeln zorniger Gorillas, die Stimmen<br />
der «Gabelschwanzhühner, Häherlinge,<br />
Eisvögel, Bartvögel, Nashornvögel,<br />
Mangrovepittas, Jagdelstern»,<br />
von Louisianerwürgern oder Mormomengrillen,<br />
für die Millionen Arten,<br />
wie ein Wind klingen kann, oder das<br />
erzunheimliche Geräusch, das ein Gletscher<br />
macht, wenn er kalbt?<br />
Bernie Krause, geboren 1938 in Detroit,<br />
legte eines Tages die Violine weg,<br />
die seine Eltern ihn so gern hatten<br />
spielen sehen, und griff zur Gitarre, er<br />
spielte kurz bei Pete Seegers Band The<br />
Weavers. Als er aber von den neuen<br />
Möglichkeiten Wind bekam, die ein<br />
Mann namens Moog nutzte, um alle<br />
möglichen Klänge synthetisch herzustellen,<br />
da legte auch Krause die Gitarre<br />
beiseite und stieß zu den Pionieren<br />
den elektronischen Musik. Er versorgte<br />
so unterschiedliche Bands wie<br />
die Monkees, die Doors und die Byrds<br />
mit den ungeahnten neuen Sounds<br />
des Synthesizers. In Filmen wie «Apokalypse<br />
Now» oder «Rosemary’s<br />
Baby» kommen Krauses Klangeffekte<br />
vor. Krause war ein Entdecker in der<br />
Welt der unbegrenzten neuen Kunst-<br />
Klänge, weit ist der da herumgekommen.<br />
Und dann kam, was er als Erweckungserlebnis<br />
beschreibt: «Es war<br />
einer jener Augenblicke, auf die man<br />
zurennt und sie mit offenem Geist<br />
voll und ganz bejaht, voller Angst, es<br />
könnte gleich wieder vorüber sein,<br />
und in dem Wissen, etwas erlebt zu<br />
haben, nach dem man sich immer<br />
wieder sehnen wird.» An einem Oktobertag<br />
des Jahres 1968 war Krause<br />
mit seinem Aufnahmeequipment<br />
aus dem Studio in das Naturschutzgebiet<br />
Muir Woods gezogen, um für ein<br />
Plattenprojekt den Sound der Wildnis<br />
einzufangen. Über die feinen Membranen<br />
der Mikrofone, unter den Stereo-Kopfhörern<br />
nahm er zum ersten<br />
Mal wahr, was seine Normalohren bis<br />
dahin überhört hatten: den überwältigenden<br />
Reichtum von Klängen, den<br />
der gewaltige Organismus eines Biotops<br />
hervorbringt.<br />
«Das große Orchester der Tiere»<br />
erzählt, was dann geschah, wie Krause<br />
vom Synthie-Freak zum Bio-Phoniker<br />
wurde, zum Naturforscher mit<br />
dem Mikrofon. Er zeichnete einen<br />
akustischen Reichtum auf, für den unsere<br />
Ohren, die zu gut gelernt haben,<br />
zu filtern, also bloß «relevante» Informationen<br />
wahrzunehmen, normalerweise<br />
taub sind: etwa die verschiedenen<br />
Arten, auf die ein Frosch quaken<br />
und eine Grille zirpen kann. <strong>Der</strong> Titel<br />
des Buchs klingt ein bisschen wie<br />
«Karneval der Tiere» und erinnert daran,<br />
dass wir unseren Kindern die<br />
«klassische» Musik ja am liebsten beibringen,<br />
indem wir sie bei Saint-Saëns<br />
Löwe, Huhn und Schwan im Orchesterklang<br />
wiedererkennen, oder bei<br />
Prokofjews «Peter und der Wolf» hören<br />
lassen, wie die Katze als Klarinette<br />
durchs Gras schleicht. Krause aber<br />
zielt in die entgegengesetzte Richtung.<br />
Er will die Ohren öffnen für das, was<br />
er als Symphonie der Natur versteht,<br />
und schon der Untertitel des Buches<br />
enthält seine steile These: «Vom Ursprung<br />
der Musik in der Natur.»<br />
Dass der komponierende, singende,<br />
trommelnde, streichende Mensch vom<br />
Affen abstammt, dass also auch seine<br />
Musik, von den frühesten Knochenflöten<br />
an, irgendwie von da kommt – die<br />
Erkenntnis hätte wohl nicht einmal<br />
der strenge Adorno bestritten, es hätte<br />
ihn einfach nicht interessiert. Krause<br />
aber zeigt, dass Musik, verstanden<br />
als Ausdruck in Schall, nicht nur ein<br />
evolutionsgeschichtlicher Vorteil ist,<br />
der einer Spezies auf vielfältige Weise<br />
Überlebensvorteile sichert, nämlich<br />
als Mittel der Orientierung, Verständigung<br />
und Gefahrenabwehr; er<br />
meint ernsthaft, dass dieses Orchester<br />
der Tiere tatsächlich Symphonien aufführt,<br />
dass wir es also mit strukturierten,<br />
womöglich «komponierten» Klangereignissen<br />
zu tun haben. Er zeigt<br />
Spektrogramme, etwa einer Morgenstimmung<br />
in Borneo, die aussehen<br />
wie grafische Partituren. Vertikal: die<br />
Stimmen der Zikaden, der Rotflügeltimalie<br />
bis zu den Gibbons; linear: die<br />
rhythmisch markanten Episoden der<br />
einzelnen Stimmgruppen. Und all das<br />
eben nicht bloß zufällig, sondern als<br />
Zeichen einer komplexen Klangsignatur,<br />
die einen Ort unverwechselbar<br />
macht – jedenfalls für den, der sie zu<br />
hören weiß. Jeder Ort klingt anders,<br />
und Krause, der zum Archivar verwehender<br />
Naturklänge wurde, kann<br />
auch zeigen, wie empfindlich das symphonische<br />
Gleichgewicht ist und wie<br />
schnell es gestört werden kann.<br />
So stimmt das Buch traurig und<br />
froh: Fasziniert hört man die Soundscapes<br />
nach, die der Verlag online<br />
zur Verfügung stellt, und wird das abgrundtiefe<br />
Grummeln eines übellaunigen<br />
Jaguars nicht vergessen, der einmal<br />
sehr dicht an Krauses Mikro vorbeischleicht.<br />
Traurig, weil man nach<br />
der Lektüre den akustischen Müll, mit<br />
dem unsere musikalische Spezies die<br />
Welt überzieht, als umso unerträglicher<br />
wahrnimmt, es schreit einen ja<br />
dauernd an. Holger Noltze<br />
Bernie Krause<br />
Das große Orchester<br />
der Tiere<br />
Kunstmann,<br />
München 2013.<br />
272 S., 22,95 €<br />
Literaturen 03/2013<br />
54
Kalte<br />
schöne<br />
Welt<br />
Helene Hegemann<br />
reitet zum zweiten Mal<br />
den Roman-Tiger<br />
55<br />
Durchaus hätte man schon im Herbst<br />
2010, als Helene Hegemann mit ihrem<br />
Roman «Axolotl Roadkill» das Land<br />
elektrisierte, literaturkritisch streiten<br />
können. Doch hofierte man damals<br />
die Autorin wie einen Popstar,<br />
nur um ein paar Wochen später entsetzt<br />
«Plagiat!» zu schreien. Dass Hegemanns<br />
neuer Roman «Jage zwei Tiger»<br />
zu einem wichtigen Buch dieses<br />
Herbstes werden würde, schien so fast<br />
schon programmiert. Doch wird diesmal<br />
etwas weniger über die Autorin<br />
gesprochen, dafür scheint ihrem Roman<br />
nun die Gnade eines literaturkritischen<br />
Urteils zuteil zu werden. Zu<br />
recht, denn «Jage zwei Tiger» ist ein<br />
wirklich gutes Buch: abgedreht und<br />
authentisch, Trauma-erfahren und<br />
an den richtigen Stellen von akademischen<br />
Diskursen geprägt. Wuterfüllt<br />
ohne Bitterkeit. Manisch, traurig und<br />
trotzdem hochkomisch.<br />
Erzählt wird die Geschichte zweier<br />
Teenager. <strong>Der</strong> 13-jährige Kai sitzt mit<br />
seiner hippen, alkoholkranken Mutter<br />
im Alfa Romeo, als diesen auf der<br />
Autobahn ein Stein trifft und die Versorgerin<br />
im 3400-Euro-Lammlederkleid<br />
ins Jenseits befördert. Kai flieht<br />
und landet letztlich bei seinem Vater,<br />
einem attraktiven, selbstbezogenen<br />
Mittvierziger mit Hang zu Selbstzerstörung<br />
und Frauenproblemen. Zur<br />
gleichen Zeit flieht die 17-jährige Cecile,<br />
in einer Reihe von Elite-Internaten<br />
großgezogen, mit einer Essstörung<br />
und einem Suchtproblem versehen,<br />
erst in eine Drogenkommune in<br />
der westdeutschen Provinz und dann<br />
nach Venedig, wo sie dem Kunst-Jetset<br />
billiges Koks verkauft. Und irgendwann<br />
kündigt sich auch noch die Apokalypse<br />
am Horizont an: <strong>Der</strong> Himmel<br />
nimmt eine grünliche Färbung an,<br />
und niemand weiß, warum.<br />
«Jage zwei Tiger» ist eine Gesellschaftskomödie:<br />
Geistreich seziert<br />
Hegemann nicht nur das sich mit PR-<br />
Jobs herumschlagende Berlin-Mitte-Publikum,<br />
auch kleinbürgerliche<br />
FKK-ler mit «Lidl»-Einweg-Grill bekommen<br />
ihr Fett weg, ebenso auf Designklassiker<br />
versessene Aristokraten<br />
oder studentische Aussteiger mit<br />
Marihuana-Plantagen im WG-Keller.<br />
In allen Milieus aber treffen die<br />
beiden Protagonisten auf eine ähnliche<br />
innere Leere, ein ähnliches Festhalten<br />
an Äußerlichkeiten. Die Menschen,<br />
mit denen sie es zu tun haben,<br />
leben eine Kulissen-Existenz und versuchen,<br />
ihnen zustoßende Grausamkeiten<br />
mit Coolness zu ertragen. Dies<br />
alles inszeniert die Autorin mit einem<br />
in seiner Klarheit regelrecht grausamen<br />
Sprachrausch.<br />
Das Buch ist allerdings nicht völlig<br />
ohne Makel. Man braucht ein paar<br />
Seiten, bis man sich eingelesen und<br />
die Autorin sich genügend ausgelassen<br />
hat über die Welt, in der es spielt.<br />
Manchmal kommt der Erzählfluss ins<br />
Stocken. Manchmal hat man den Eindruck,<br />
Hegemann stehe sich mit ihrer<br />
verbalen Brillanz selbst im Weg.<br />
Und doch legt man es überaus glücklich<br />
aus der Hand, nicht zuletzt, weil<br />
auf jeder Seite der Glaube an die Möglichkeit<br />
echter Nähe durchscheint.<br />
Denn das ist dieser so ironische Roman<br />
auch: eine berührende Liebesgeschichte,<br />
an der wahrscheinlich selbst<br />
Jane Austen Gefallen gefunden hätte.<br />
<br />
Daniel Schreiber<br />
Helene Hegemann<br />
Jage zwei Tiger. Roman<br />
Hanser Berlin,<br />
Berlin 2013.<br />
313 S., 19,90 €<br />
Foto: Jillian Edelstein/Camera Press/Picture Press<br />
Roman. Aus dem Spanischen<br />
von Thomas Brovot. Gebunden<br />
381 Seiten. € 22,95 (D)<br />
<strong>Der</strong> neue große Roman<br />
von Mario Vargas Llosa<br />
Wohlmeinende Väter und<br />
enttäuschte Söhne, familiäre<br />
Zerwürfnisse, die überraschenden<br />
Fallstricke erotischer<br />
Hingabe – Ein diskreter Held ist<br />
eine humorvolle, vor Erzähllust<br />
sprühende Geschichte<br />
über die allzu vertrauten<br />
Wirrungen des Lebens.<br />
Suhrkamp<br />
www.mariovargasllosa.de
COmic<br />
Mit dem Flugzeug nach Majdanek<br />
«Das Erbe» von Rutu Modan ist eines der ergreifendsten Comic-<br />
Wunderwerke der letzten zehn Jahre<br />
-.<br />
Proznastral 3e. Das ju.. dische Getto<br />
DU HȦ . TTEST BESSER<br />
AUF DEINE TANTE ZILLA<br />
GEHȮ . RT. SIE WAR VON<br />
ANFANG AN GEGEN<br />
DIESE REISE.<br />
HATTEN<br />
WIR DAS THEMA<br />
NICHT SCHON?<br />
HȮ . R AUF, ES<br />
REICHT …<br />
DU WOLLTEST<br />
MEINE MEINUNG<br />
WISSEN, ODER?<br />
NICHT<br />
WIRKLICH.<br />
34<br />
49<br />
Israelis auf der Suche nach ihren Wurzeln: Rutu Modans Comicerzählung ist stellenweise sarkastisch, stellenweise bitterernst<br />
OD_9783551785763-das-erbe_inhalt_A01.indd 34 05.06.13 22:00<br />
OD_9783551785763-das-erbe_inhalt_A01.indd 49 05.06.13 22:00<br />
Im Flugzeug nach Warschau werden<br />
sie von lärmenden Schulkindern umtost.<br />
Die Teenager balgen und necken<br />
sich und freuen sich aufgeregt auf<br />
die obligatorische Klassenfahrt-Gruseltour<br />
durch die KZ-Gedenkstätten<br />
von Polen; der begleitende Lehrer erteilt<br />
kundig Auskunft darüber, warum<br />
Majdanek irgendwie mehr schockt als<br />
Auschwitz. Mittendrin sitzt eine weißhaarige<br />
Oma, leicht befremdet und renitent,<br />
aber ähnlich aufgeregt wie die<br />
Schüler. Regina Segal ist vor fast siebzig<br />
Jahren aus Warschau geflohen.<br />
Seither hat sie in Tel Aviv gelebt und<br />
eine Familie großgezogen. Ihr Mann<br />
ist gestorben und nun auch ihr Sohn.<br />
Mit ihrer Enkelin Mika kehrt sie jetzt<br />
erstmals in ihre Geburtsstadt zurück,<br />
um das in der Zeit des Ghettos enteignete<br />
Haus ihres Vaters für den Familienbesitz<br />
zurückzubeanspruchen.<br />
«Das Erbe» heißt der neue Comic-<br />
Roman der israelischen Zeichnerin<br />
Rutu Modan; so sarkastisch wie bitterernst<br />
erzählt sie darin von der Suche<br />
der heutigen Israelis nach ihren Wurzeln.<br />
Modan, 1966 in Tel Aviv geboren,<br />
hat ihre Comic-Karriere Mitte der<br />
Neunzigerjahre als Mitherausgeberin<br />
des israelischen «MAD»-Magazins begonnen.<br />
Seit den Fünfzigerjahren galten<br />
die Comic-Strips des US-Originals<br />
als Inbegriff «typisch jüdischen» Humors;<br />
umso erstaunlicher, dass es vierzig<br />
Jahre dauerte, bis es eine israelische<br />
Ausgabe gab. Oder auch wieder nicht:<br />
Denn nicht einmal zwei Jahre konnte<br />
das hebräische «MAD» sich damals<br />
an den Kiosken halten. Sie habe, sagte<br />
Modan später, in dieser Zeit vor allem<br />
gelernt, dass es zwischen dem Humorverständnis<br />
der amerikanischen und<br />
der israelischen Juden doch gewaltige<br />
Unterschiede gebe. Mehr noch: Wäh-<br />
Literaturen 03/2013 Illustration: Rutu Modan<br />
56
end wesentliche Teile der amerikanischen<br />
Comics, von «Superman» bis zu<br />
den «Fantastic Four», von «MAD» bis<br />
zu Art Spiegelmans «MAUS», von jüdischen<br />
Migranten und deren Kindern<br />
erschaffen wurden, gab es in Israel bis<br />
in die Neunzigerjahre überhaupt keine<br />
eigenständige Comic-Kultur.<br />
Das änderte sich erst mit der «Actus<br />
Tragicus»-Gruppe um Rutu Modan<br />
und ihre Mitstreiter Yirmi Pinkus und<br />
Batia Kolton, die aus der Redaktion der<br />
gescheiterten «MAD»-Ausgabe hervorging.<br />
Mit liebevoll produzierten Heftreihen<br />
und Gruppenausstellungen sorgten<br />
sie auch international für Aufsehen. Sie<br />
brachten die Stile der US-amerikanischen<br />
und europäischen Comic-Avantgarde<br />
nach Israel, wesentliche Inspirationen<br />
erhielten sie aus Art Spiegelmans<br />
«RAW»-Magazin. Zugleich suchten sie<br />
den Kontakt zu der heimischen literarischen<br />
Szene; so arbeitete Rutu Modan<br />
unter anderem mit dem Schriftsteller<br />
Etgar Keret zusammen.<br />
Ihre erste eigene längere Arbeit erschien<br />
2008 unter dem Titel «Blutspuren»:<br />
Stilistisch orientierte sich Modan<br />
darin erstmals an traditionelleren<br />
europäischen Stilen, etwa der «Ligne<br />
Claire» des «Tim und Struppi»-Schöpfers<br />
Hergé. Bemerkenswert war die literarische<br />
Finesse, mit der sie vor dem<br />
Hintergrund der permanenten Terrorgefahr<br />
in Tel Aviv eine rätselhaftschmerzvolle<br />
Familiengeschichte erzählte.<br />
Eine junge Soldatin, die ihren<br />
weit älteren Liebhaber bei einem Attentat<br />
umgekommen fürchtet, bittet<br />
dessen Sohn um einen DNS-Test, um<br />
das zur Unkenntlichkeit entstellte Anschlagsopfer<br />
zu identifizieren. <strong>Der</strong><br />
Sohn aber hat seit Jahren zu dem Vater<br />
keinen Kontakt mehr gehabt und<br />
wird so auf eine schmerzhafte Reise<br />
in die eigene Vergangenheit geschickt.<br />
Wie Modan aus dieser Konstellation<br />
eine gleichsam tragische und<br />
zart-hoffnungsvolle Liebesromanze<br />
entspinnt: Das gehört zu den großen<br />
Wundern in der Comic-Literatur des<br />
letzten Jahrzehnts.<br />
Auch «Das Erbe» lebt wieder von<br />
familiären Geheimnissen und Rätseln.<br />
Denn die Gründe, aus denen Regina<br />
Segal die Reise nach Warschau<br />
antritt, sind keineswegs so offensichtlich,<br />
wie es am Anfang den Anschein<br />
hat. Wer ist der alte Mann, der heute<br />
im früheren Haus ihrer Familie mit<br />
seiner Tochter ein koscheres Restaurant<br />
betreibt? Warum ist Regina so<br />
aufgeregt und erregt, als sie ihm – wie<br />
wir später erfahren – nach fast siebzig<br />
Jahren erstmals wieder entgegentritt?<br />
Warum interessiert sich der junge polnische<br />
Touristenführer Tomasz Novak,<br />
der in seiner Freizeit an «dem<br />
großen Comic-Roman über das Warschauer<br />
Ghetto» zeichnet, so sehr für<br />
Mika und die Geschichte ihrer Familie?<br />
Hat er sich wirklich spontan in<br />
sie verliebt, oder nutzt er sie nur als<br />
Objekt und als Quelle für seine Arbeit?<br />
Faszinierend, wie Modan ihren<br />
zunächst scheinbar so schlicht<br />
karikierten Figuren ein subtiles und<br />
nicht selten selbstwidersprüchliches<br />
Gefühlsleben in die Mimik zu zeichnen<br />
versteht; die Zartheit und Präzision<br />
ihrer individuellen Körpersprachen<br />
suchen im Comic der Gegenwart<br />
ihresgleichen.<br />
«Das Erbe» ist ein großartiger Comic<br />
und ein brillanter psychologischer<br />
Roman; im Gewand der sarkastisch<br />
erzählten Familiengeschichte handelt<br />
er von der Vergangenheit, die nicht<br />
vergeht. Immer wieder schlägt der<br />
«MAD»-geschulte Humor in sprachlos<br />
machenden Ernst. Am Ende, auf<br />
dem Rückflug von Regina und Mika,<br />
treffen wir auch die Schulklasse aus<br />
der ersten Szene wieder. Sie ist nun<br />
in Auschwitz und Majdanek gewesen.<br />
Niemand balgt mehr oder lärmt, die<br />
Schüler halten sich still an den Händen<br />
und weinen, bis sie wieder daheim<br />
in Israel sind.<br />
Jens Balzer<br />
Rutu Modan<br />
Das Erbe<br />
Carlsen, Hamburg 2013.<br />
224 S., 24,90 €<br />
Die große<br />
Funkstille<br />
Wie es zur Entfremdung<br />
zwischen Eltern und<br />
ihren erwachsenen<br />
Kindern kommt – und<br />
wie sie überwunden<br />
werden kann.<br />
PSYCHOLOGIE<br />
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Was uns bewegt.<br />
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57<br />
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Kaninchen<br />
aus dem<br />
Hut!<br />
Ian McEwan<br />
schreibt einen<br />
Unterhaltungsroman<br />
Sie heißt Serena Frome, ist 64 Jahre<br />
alt und ungnädig mit ihrem Aussehen.<br />
Einst war sie umwerfend – und ein<br />
Monstrum: ein mathematisch begabtes<br />
Mädchen mit visuellem Gedächtnis,<br />
das (Unterhaltungs-)Literatur liebte<br />
und nach dem Elitestudium beim<br />
britischen Geheimdienst MI5 anheuerte.<br />
Inlandsspionage, Kalter Krieg.<br />
Frauen für Niedriglohn als Bienen im<br />
Archiv. Draußen das Swinging London<br />
der frühen siebziger Jahre, drinnen<br />
Affären. Ein Geschichtsprofessor,<br />
Serenas Liebhaber, schämt sich seiner<br />
Krebserkrankung so sehr, dass er sich<br />
zurückzieht, statt sich behandeln zu<br />
lassen. Ein anderer Liebhaber bekennt<br />
sich zu – seinem Freund; seit fünf Jahren<br />
werden homosexuelle Beziehungen<br />
nicht mehr strafrechtlich verfolgt.<br />
Eine Geschichte, fast wie ein Märchen<br />
aus vergangener Zeit. Klare Erzählökonomie,<br />
sichere Zeichnung der<br />
Figuren, denen Serena Frome Etiketten<br />
verpasst, dem Leser und dem eigenen<br />
frühen Selbst nicht selten einen<br />
Schritt voraus. Gern erzählt McEwan<br />
aus weiblicher Sicht. Mindestens ebenso<br />
gern zieht er als Zauberer der Narration<br />
zum Ende ein weißes Kaninchen<br />
aus dem Hut. Wie in seinem Roman<br />
«Abbitte» wird auch in «Honig»<br />
auf den letzten Seiten enthüllt, wie es<br />
zu den vorangehenden Kapiteln kommen<br />
konnte. Als weißes Kaninchen<br />
erscheint hier der von Serena im Auftrag<br />
des MI5 geförderte Jungautor T.<br />
H. Haley.<br />
Nacherzählt wirkt die Handlung<br />
teilweise konstruiert, hie und da grotesk:<br />
<strong>Der</strong> MI5 beschließt, Schriftsteller<br />
zu fördern, deren politische Ausrichtung<br />
den konservativen Überzeugungen<br />
des Dienstes entspricht. Serena<br />
wird unter dem Codenamen «Honig»<br />
auf den an der Universität von Brighton<br />
arbeitenden Autor Haley angesetzt.<br />
Sie soll ihn dazu bringen, ein Stipendium<br />
anzunehmen; in die literarische<br />
Arbeit redet man nicht hinein.<br />
Es kommt, wie es kommen muss: Spionin<br />
und Autor verlieben sich ineinander.<br />
Aus Eifersucht mischt Max Geratokrax<br />
(eine Namensanspielung auf<br />
seine «great Ohren» – oder doch eine<br />
Asterix-Hommage?) sich ein, Serenas<br />
Projektvorgesetzter beim MI5. Er verrät<br />
dem Schriftsteller Serenas wahre<br />
Identität. Haley beantwortet die Spionage<br />
mit Gegenspionage: Er beginnt,<br />
einen Roman über Serena und sich zu<br />
schreiben. All dies erfährt der Leser,<br />
gemeinsam mit Serena, im letzten Kapitel<br />
des Buches, das aus einem Brief<br />
Haleys besteht. Es macht Spaß, Szenen,<br />
die man von Serena erzählt bekam,<br />
nun noch einmal aus Haleys Sicht zu<br />
erleben, McEwan genießt Doppelbödigkeiten<br />
und Perspektivwechsel.<br />
Das narrative Kaninchenspiel erlaubt<br />
ihm zudem, sich über eigene Vorlieben<br />
und Beschränkungen zu amüsieren,<br />
indem er Serena die Wünsche einer<br />
naiven Leserin in den Mund legt<br />
und zugleich versucht, mit «Honig»<br />
das eine oder andere dieser Kriterien<br />
zu erfüllen.<br />
Wie erzählt man einen Roman, der<br />
gut ausgeht? Wie weit lässt sich die<br />
Annäherung an das, was früher «Unterhaltungsliteratur»<br />
hieß, treiben?<br />
Die ästhetischen Diskussionen zwischen<br />
Spionin und Autor hält McEwan<br />
simpel; holprig fällt auch die Unterfütterung<br />
des Geschehens mit Zeitkolorit<br />
aus. Wie praktisch, dass Serena<br />
von Berufs wegen Zeitungen liest!<br />
Sicherheitshalber lässt McEwan seine<br />
Spiegelfigur Haley zum Ende erklären,<br />
dass er, falls die Liebesgeschichte<br />
mit Serena gut ausgeht (und das Manuskript,<br />
das wir eben gelesen haben,<br />
später veröffentlicht wird), Erläuterungen<br />
zu diesem inzwischen versunkenen<br />
Britannien einfügen wird. Das<br />
ist, auch als selbstironischer Schreibkommentar,<br />
amüsant, trägt aber nicht<br />
über diverse Champagner-Austern-<br />
«Liebes»-Gespräche hinweg, die von<br />
der Ölkrise, der IRA und den britischen<br />
Bergarbeitern handeln. Es fehlt<br />
die Verbindung zum inneren Erleben<br />
der Figuren; es fehlt die Frage, welche<br />
Relevanz den gesellschaftlichen und<br />
politischen Streitpunkten der Siebziger<br />
heute zukommt.<br />
Serena belügt den Mann, den sie<br />
liebt. Wortreich versucht der Autor zu<br />
begründen, warum sie sich nicht offenbart.<br />
Doch weder ihre Angst davor,<br />
Haleys Liebe zu verlieren, noch<br />
ihre Feigheit bzw. Lust am eigenen<br />
Versteckspiel werden fühlbar. Wer den<br />
Roman zu Ende gelesen hat, mag einwenden,<br />
dass nach McEwans Konstruktion<br />
nicht Serena, sondern eben<br />
Haley erzähle, der es als mittelmäßiger<br />
Autor nicht schaffe, sich so in den<br />
Kopf seiner Freundin zu versetzen,<br />
dass «das Prisma ihres Bewusstseins»<br />
wirklich sichtbar würde.<br />
Ein gutes Argument («Ich schreibe<br />
ein Buch mit Mängeln, weil mein<br />
Erzähler nur ein mittelmäßiger Autor<br />
ist») – wüssten wir nicht, dass tatsächlich<br />
Ian McEwan «Honig» verfasst hat,<br />
mit der literarischen Möglichkeit, die<br />
Diskrepanz zwischen dem Fühlen und<br />
der Darstellung der Figur im Spiegel<br />
eines anderen Bewusstseins ihrerseits<br />
in seinem Roman darzustellen.<br />
«Honig» ist, auch in der deutschen<br />
Übersetzung, «a good read». Das ist<br />
nicht wenig. Gut unterhalten lege ich<br />
das Buch zur Seite. Doch ich befürchte,<br />
es in ein paar Wochen vergessen zu<br />
haben. <br />
Ulrike Draesner<br />
Ian McEwan<br />
Honig. Roman<br />
Aus dem Englischen von Werner<br />
Schmitz.<br />
Diogenes, Zürich 2013.<br />
464 S., 22,90 €<br />
58
Mit der<br />
Glock ins<br />
Weiße<br />
Haus<br />
Jerome Charyn macht<br />
einen Cop aus der<br />
Bronx zum Vize-<br />
Präsidenten der USA<br />
Unter den Großen seines Fachs – Don<br />
Winslow etwa oder William Gibson –<br />
bleibt er der Größte: Jerome Charyn,<br />
geboren 1937 als Kind russisch-jüdischer<br />
Eltern in der New Yorker Bronx,<br />
während der letzten fünfzig Jahre Autor<br />
von gut fünfzig Büchern, darunter<br />
bislang zehn Romanen über Isaac<br />
Sidel, der 1975 mit dem Krimi «Blue<br />
Eyes» als Charyns sehr spezieller Cop<br />
anfing. Abonniert wie Don Winslow<br />
auf knallharte Bullen, die auf ebenso<br />
toughe Gangster und deren ausgebuffte<br />
Manöver treffen, hat Charyn<br />
sich über die Jahrzehnte sein eigenes<br />
Genre erschrieben. Und wie William<br />
Gibsons Cyber-Verbrecher immer mit<br />
mindestens einem Bein in der Zukunft<br />
stehen, erscheinen auch Charyns kriminelle<br />
Plots, als spielten sie in einem<br />
utopischen Amerika. Dabei siedelt er<br />
sie neuerdings sogar in der Vergangenheit<br />
an – beim Gedanken, wie es<br />
denn dann wohl heute zugehen mag,<br />
wenn schon 1988 alles derart aus den<br />
Fugen war, fasst den Leser ein leichtes<br />
Grausen.<br />
Zumal Charyn ausdrücklicher<br />
noch als Winslow und Gibson ein politischer<br />
Autor ist: Vom mal mehr, mal<br />
weniger am Rande der Legalität operierenden<br />
Supercop hat sich Isaac Sidel<br />
zum Bürgermeister von New York<br />
und nun, im neuen Roman «Unter<br />
Krimi<br />
dem Auge Gottes», zum Vizepräsidenten<br />
der Vereinigten Staaten von Amerika<br />
hochgekämpft – die Politik hat<br />
sich sozusagen von allen Seiten in die<br />
Polizistengeschichte hineingefressen.<br />
Und jetzt steht der Bulle aus der Bronx<br />
kurz davor, ohne nochmalige Wahl<br />
zum demokratischen Präsidenten der<br />
USA ausgerufen zu werden, weil der<br />
eben erst gewählte J. Michael Storm<br />
aufgrund krimineller Immobiliengeschäfte<br />
und zahlloser Liebesaffären<br />
allen Parteien plötzlich gleichermaßen<br />
ungeeignet für das Amt erscheint.<br />
Nur einen gibt es, der die Sache wieder<br />
richten kann (und das Volk dabei auf<br />
seiner Seite hat): der immer leicht entgrenzte<br />
Ex-Cop Isaac Sidel.<br />
Mit diesem jüngsten Roman ist Jerome<br />
Charyn nun endgültig im mindestens<br />
halbwegs Surrealen angekommen<br />
– und erscheint genau darin<br />
zugleich erschreckenderweise als<br />
Hardcore-Realist. Die Durchdringung<br />
von Politik und organisiertem<br />
Verbrechen ist so perfekt wie irreversibel,<br />
und wer sollte da an der Spitze<br />
des Staates noch etwas bewirken können,<br />
wenn nicht einer, der sich genau<br />
damit von Berufs wegen auskennt? Es<br />
reichen aber auch die Krakenarme der<br />
Vergangenheit machtvoll in die Gegenwart:<br />
<strong>Der</strong> einstige Lehrling und<br />
schon als Kind geniale Finanz-Jongleur<br />
des größten Gangsters der dreißiger<br />
Jahre, Arnold «The Brain» Rothstein,<br />
zieht, zurückgezogen im legendären<br />
Hotel «Ansonia» lebend, noch<br />
bis ins Jahr 1988 die Strippen zwischen<br />
Immobilienbranche, Bankwesen<br />
und den Spitzen von Politik, FBI und<br />
Pentagon. Andererseits aber sind es<br />
die besonders harten Hunde aus dem<br />
Vietnamkrieg (Drogenhandel und ausgepichte<br />
Gewalttaten aller Art), die zu<br />
Sidels spezieller, dabei auch nicht in<br />
allen Teilen verlässlicher, aber familiär<br />
zusammengeschweißter Privatarmee<br />
werden. Dazu gibt es für Mr. Vice President,<br />
der wie in seinen Bronx-Tagen<br />
immer noch mit dem Revolver im Hosenbund<br />
herumläuft, allerdings auch<br />
gar keine Alternative. Denn alle in irgendeinen<br />
Staats-Apparat eingespannten<br />
Amtsträger sind mit den kriminellen<br />
Interessen des Großkapitals de facto<br />
unkündbar verbandelt – da können<br />
also auch die Guten nicht einfach nur<br />
gut, sie müssen vielmehr selbst mit allen<br />
Wassern des Gangstertums gewaschen<br />
sein.<br />
<strong>Der</strong> Roman treibt aber nicht nur<br />
die politkriminellen Verhältnisse<br />
auf die Spitze. Aus der Vergangenheit<br />
wächst schließlich auch Isaacs<br />
große Liebe in die Gegenwart hinüber:<br />
So wie er einst den Supergangster<br />
Arnold Rothstein bewunderte, so<br />
verliebt war Isaac auch in dessen Mätresse<br />
Inez, die «The Brain» auf dem<br />
13. Stock des «Ansonia» einquartiert<br />
hatte. In deren Wiedergängerin<br />
mit dem bürgerlichen Namen Trudy<br />
Winckleman, die zuvor als Buchhalterin<br />
einer Bordellkette in New Orleans<br />
wirkte und anno 1988 nun die Geliebte<br />
des so schrulligen wie gefährlichen<br />
Rothstein-Nachfolgers ist, verliebt sich<br />
der Ex-Cop vor seinem Abgang ins<br />
Weiße Haus unsterblich.<br />
Natürlich geht diese Liebe im furiosen<br />
Finale nicht gut aus. Und doch<br />
gibt es für Isaac Sidel ein Happy End,<br />
herrlich schräg – und beglückend wie<br />
das ganze Buch. Denn niemand schafft<br />
solch elegante Überblendungen zwischen<br />
Realität und phantastischen Szenarien<br />
wie Jerome Charyn. Und niemand<br />
schreibt dabei derart Actionsatte,<br />
von Seite zu Seite überraschende<br />
hard-boiled Krimis. Isaac Sidel mit der<br />
schussbereiten Glock-Kanone als Präsident<br />
der Vereinigten Staaten? Schön<br />
wär’s: Die internationale Verquickung<br />
von Politik, Ökonomie und Verbrechen<br />
wäre für den moralstarken Aufräumer<br />
aus der Bronx gerade jetzt das<br />
richtige Feld.<br />
<br />
Frauke Meyer-Gosau<br />
Jerome Charyn<br />
Unter dem Auge Gottes.<br />
Ein Isaac-Sidel-Roman<br />
Aus dem Amerikanischen von<br />
Jürgen Bürger. Diaphanes,<br />
Zürich/Berlin 2013. 288 S., 16,95 €<br />
59
Film<br />
Für immer jung<br />
<strong>Der</strong> israelische Filmemacher Ari Folman verfilmt<br />
Stanislaw Lem und wechselt dabei oft das Universum<br />
Halb konventioneller Film, halb Zeichentrick: Ari Folmans «<strong>Der</strong> Kongress» hält sich nur lose an die Romanvorlage von Stanislaw Lem<br />
Echte Science-Fiction-Fans sind tapfer,<br />
aber man trifft sie nicht mit Gummi-Köpfen<br />
auf Star-Wars-Messen. Geduldig<br />
folgen sie der Imagination von<br />
Autoren, Regisseuren oder Hörspielmachern<br />
und lassen sich in ferne Galaxien<br />
tragen, selbst dann, wenn wieder<br />
einmal ein Lieblingsbuch bis zur<br />
Unkenntlichkeit adaptiert wurde.<br />
«Die Stanislaw-Lem-Gemeinde<br />
wird mich steinigen», war sich auch<br />
der israelische Filmemacher Ari Folman<br />
sicher, als er «<strong>Der</strong> Kongress» im<br />
vergangenen Frühjahr beim Festival<br />
von Cannes vorstellte. Es ist die erste<br />
abendfüllende Adaption des 1970 verfassten<br />
Romans «<strong>Der</strong> futurologische<br />
Kongress». Nicht einmal Raumfahrer<br />
Ijon Tichy kommt darin noch vor,<br />
den der polnische Autor des Romans<br />
in einer überbevölkerten Welt zu einem<br />
Wissenschaftler-Treffen in die<br />
Diktatur Costricana entsendet. Die<br />
Protagonistin in Folmans Film heißt<br />
Robin Wright wie die Schauspielerin,<br />
die diese Rolle spielt.<br />
Beide rühmen sich einer Filmografie<br />
mit so beliebten Klassikern wie<br />
«Die Braut des Prinzen» und «Forrest<br />
Gump». Wenn wir die Figur dann –<br />
nach rund der halben Filmlänge – tatsächlich<br />
jenen Ort betreten sehen, an<br />
dem Lem seine Geschichte beginnen<br />
lässt, ein turmhohes Kongresshotel,<br />
hat die echte Robin Wright schon wieder<br />
frei. <strong>Der</strong> Film hat sich nämlich un-<br />
Literaturen 03/2013 Foto: © Pandora Film Verleih, 2013<br />
60
terdessen in einen Zeichentrickfilm<br />
verwandelt.<br />
Hier treffen sich nun nicht mehr<br />
wie im Roman die Zukunftsforscher,<br />
sondern die Verwerter moderner<br />
Technologien, Medien-Industrielle<br />
und -Konsumenten. Ein mächtiger<br />
Unterhaltungskonzern, der sich auf die<br />
Produktion von Animationsserien spezialisiert<br />
hat, hält Hof. Denn das, so erzählt<br />
die fast einstündige Vorgeschichte<br />
vor dem 55-minütigen Trickfilmteil,<br />
hat man inzwischen aus Filmstars<br />
wie Robin Wright gemacht: täuschend<br />
echte Simulationen. Dazu werden mit<br />
den lebenden Vorbildern gnadenlose<br />
Buy-Out-Verträge abgeschlossen.<br />
Für ein üppiges Salär verpflichten sich<br />
die Stars, ihren Hobbies nachzugehen.<br />
Und wenn sie dann Golf spielen, arbeiten<br />
sich Animatoren an den gescannten<br />
Körpern ab. Was aber hat das alles<br />
mit dem Zukunftsroman von Lem<br />
zu tun, in dem der Kongressteilnehmer<br />
Tichy durch manipuliertes Trinkwasser<br />
jene verklärte Weltsicht kennenlernt,<br />
die eine Bananen-Diktatur<br />
seinem Volk kredenzt? Und der sich<br />
dann in die Kanalisation flüchtet, bevor<br />
er – nun fast seines gesamten Körpers<br />
entledigt – in einer noch ferneren<br />
Zukunft wieder erwacht?<br />
Nun erst einmal die Pointe, die<br />
man durchaus verraten darf: Wie in<br />
Lems Satire auf die Glücksversprechen<br />
von bewusstseinserweiternden<br />
Drogen arbeiten auch Folmans Medienzaren<br />
mit chemischen Formeln. Auf<br />
die computeranimierte Robin Wright<br />
folgt eine Version des Filmstars in<br />
Tablettenform. Jeder Konsument<br />
träumt sich nun seinen Film mit ihr<br />
zurecht. Lem erzählt seine bitterböse<br />
Vision so lustvoll, als wäre es eine<br />
Erwachsenenversion von «<strong>Der</strong> Zauberer<br />
von Oz», voller grellbunter Details,<br />
die den Leser selbst auf einen Trip<br />
entführen. Das allerdings durchweg<br />
gebrochen am Tagebuchstil des Raumfahrers<br />
Tichy, der möglicherweise<br />
auch nur Seemannsgarn verzapft –<br />
allerdings durchaus prophetisch. Ari<br />
61<br />
Folman, bekannt durch seinen vielschichtigen<br />
Kriegstrauma-Dokumentarfilm<br />
«Waltz with Bashir» wählt<br />
mit dem Medium der Animation das<br />
ideale Werkzeug für Lems surreale<br />
Phantastik. Doch nur in wenigen<br />
Einstellungen zitiert er den psychedelischen<br />
Bilderrausch, auf den die<br />
Vorlage anspielt. Es reicht nicht für<br />
ein neues «Yellow Submarine». Was<br />
ihm vorschwebte, so erklärt Folman<br />
im Gespräch, war der karikaturhafte<br />
Stil der legendären Fleischer-Brüder,<br />
die in den frühen dreißiger Jahren mit<br />
ihrem Cartoon-Vamp Betty Boop auf<br />
Konfrontationskurs zu Disney gingen.<br />
Das Problem ist nur: Folmans Zeichner<br />
beherrschen diesen Stil nicht.<br />
Wenn man der animierten<br />
Robin Wright auf ihre flossenhaften<br />
Finger schaut, fällt einem gleich<br />
das Spottwort ein, dass die alten<br />
Trickfilm-Pioniere seinerzeit für<br />
ihre anatomisch-ungeschulten Kollegen<br />
prägten: «Rubber-Hose», also<br />
«Gummischlauch-Trickfilmer». So<br />
entsteht eher ein Surrealismus aus<br />
Unvermögen. Für einen Irrwitz, der<br />
es mit Lem aufnehmen könnte, ist<br />
Folman viel zu kulturpessimistisch.<br />
Robin Wrights zu digitaler Jugend<br />
verdammte Filmfigur prangert den<br />
Jugendwahn Hollywoods an. Das<br />
hätte man aber auch bemerkt, wenn<br />
sie nicht noch Bob Dylans «Forever<br />
Young» singen müsste. Doch trotz<br />
seiner Versäumnisse ist dieser «Kongress«<br />
dennoch imponierend – schon<br />
deshalb, weil er sich beharrlich den<br />
digitalen Techniken verweigert, die<br />
er anprangert. Und weil er uns daran<br />
erinnert, dass Zeichentrick ebenso<br />
wenig wie intelligente Science Fiction<br />
etwas mit Familienunterhaltung zu<br />
tun haben muss.<br />
Daniel Kothenschulte<br />
Stanislaw Lem<br />
<strong>Der</strong> futurologische Kongress<br />
Suhrkamp, Frankfurt 1979. 139 S., 7 €<br />
<strong>Der</strong> Kongress<br />
Regie: Ari Folman. Mit Robin Wright, Harvey<br />
Keitel, Jon Hamm. 122 Min. Jetzt im Kino.<br />
393 S. Geb. € 19,95<br />
„Hans Pleschinskis virtuoser<br />
Roman Königsallee ist eine<br />
Huldigung an Thomas Mann …<br />
ein funkelndes, geistreiches<br />
Sprachkunstwerk.“<br />
Tilman Krause, Die Welt<br />
375 S. Geb. € 19,95<br />
„Zugleich eine furchtbar lustige<br />
und zutiefst traurige<br />
Geschichte …<br />
wunderschön<br />
geschrieben.“<br />
New York<br />
Journal of Books<br />
C.H.BECK<br />
WWW.CHBECK.DE
Bruder,<br />
Schwester,<br />
Schloss<br />
Marion Poschmann<br />
hat einen erleuchtetgegenwärtigen<br />
Barockroman<br />
geschrieben<br />
«Wir hatten Barocksonnen, Venezianische<br />
Fontänen, Riesenfontänen, Römische<br />
Lichter, Brillantfächer, Glorien,<br />
Wasserfälle in Silber und Gold» –<br />
eine Silvesternacht, ein unscheinbarer<br />
Kölner Vorort und zwei Freunde, die<br />
sich nach Illuminationen sehnen. Aber<br />
auch die Raketen dieses – wir nehmen<br />
es gleich vorweg: leuchtkörperhaft<br />
phantastischen, berauschend düsteren,<br />
geschichtsbesessen klugen Romans<br />
– die Raketen also, die in dieser<br />
Silvesternacht gezündet werden, sie<br />
können Altfried und Odilo nicht helfen.<br />
Lange kreisen die beiden wie argwöhnische<br />
Gestirne umeinander, ohne<br />
einander wirklich nahe gekommen zu<br />
sein. <strong>Der</strong> Psychiater Altfried erzählt<br />
seine und Odilos Geschichte im Rückblick:<br />
Odilo ist tödlich verunglückt, in<br />
einem Wagen, der nachts ohne Licht<br />
unterwegs war. Seither gerät das Leben<br />
des Zurückgelassenen aus den Fugen.<br />
<strong>Der</strong> Psychiater arbeitet in einer Anstalt,<br />
die in einem Barockschloss im<br />
Osten der Republik untergebracht ist.<br />
In dem verkommenen Bau rieseln die<br />
Ornamente vom Putz, und die Patienten<br />
sind vor allem «Wendeopfer», die<br />
das Ende der DDR mit verschiedenen<br />
Wahngebilden beantworten. Altfrieds<br />
lapidarer erster Satz: «Die Sonne bröckelt»<br />
hat also eine materialbedingte<br />
Seite, denn im Speisesaal blättert das<br />
barocke Zentralgestirn von der Decke.<br />
Vor allem aber lässt «Die Sonnenposition»<br />
eine poetische Ruinenlandschaft<br />
entstehen, in der Denkgebäude<br />
und Psycho-Schutzhüllen<br />
auseinanderbrechen.<br />
Altfrieds Zentralgestirn war lange<br />
Zeit Odilo, ein verschrobener Biolumineszenz-Forscher.<br />
Er erforscht Leuchttiere,<br />
Fische, Quallen oder Mäuse, die<br />
im Labor entsprechend behandelt<br />
wurden. Als Lichtsucher ist er auch<br />
ein Fürst der Finsternis, denn das Helle,<br />
verrät dieser camouflage-trainierte<br />
Barockroman, kann nur aus dem<br />
Dunklen kommen. Jedes Teil morpht<br />
sich in sein Gegenteil, und diese Umkehrung<br />
geht mit einer Art freudigem<br />
Furor vonstatten. Das «Trümmerhafte»,<br />
wie es bei Walter Benjamin heißt,<br />
legt ständig neue, vielversprechende<br />
Bruchkanten frei. Altfried zum Beispiel<br />
wirkt weich und durchlässig, aber<br />
das Gegenteil ist der Fall. <strong>Der</strong> Psychiater<br />
hat etwas Kugelhaftes, was seine<br />
Umgebung zur Fehlannahme verleitet,<br />
dass er ein gemütlicher Charakter sei.<br />
Er selbst sieht sich als Bitterorange, als<br />
Pomeranze aus dem Schlossgarten: Er<br />
sei eine hartschalige Panzerbeere.<br />
Diese Panzerbeere also ist angezogen<br />
von Odilos düsterer Genialität und<br />
scheinbarer Bedürfnislosigkeit. Marion<br />
Poschmann portraitiert den jungen<br />
Forscher an der Grenze zur Komplettverschrullung:<br />
«Er wedelte mit einem<br />
antistatischen Tuch über den Porzellanpfau,<br />
der unentwegt einstaubte. Er<br />
besprühte Orchideen.» Trotzdem wird<br />
der Lichtforscher nie der Lächerlichkeit<br />
preisgegeben. Natürlich erkennt<br />
der Psychiater, dass ihm nur die Eckermann-Rolle<br />
bleibt: «Ich jedoch flog<br />
unaufhörlich auf ihn zu, mottenhaft<br />
gegen die Scheibe, ein dummes kleines<br />
Insekt, das angezogen blieb von<br />
einem kalten Licht.» Zudem entdeckt<br />
er, dass Odilo ihm eine Affäre mit seiner,<br />
Altfrieds, Schwester verheimlichte,<br />
eine Freundes- und Geschwisterliebe<br />
über Bande gewissermaßen.<br />
Diese Geschichten – der Bruder,<br />
die Schwester, das Schloss – sind<br />
aber nur Einzelornamente im großen<br />
Sprachflechtwerk des Romans.<br />
Marion Poschmann untersucht in ihrer<br />
Lyrik und Prosa, wie Landschaften<br />
und Charaktere einander durchdringen.<br />
«Die Sonnenposition» ist in<br />
ähnlicher Weise raumfixiert, was an<br />
Altfrieds bizarrem Hobby liegt: Er<br />
ist ein Erlkönig-Jäger, das heißt, er<br />
sucht nach getarnten Auto-Prototypen,<br />
die man Erlkönige nennt.<br />
Dafür camoufliert er sich auch<br />
selbst, das heißt, er verschmilzt bis<br />
zur Unkenntlichkeit mit den ödesten<br />
Umgebungen: «Parkbank werden.<br />
Telefonzelle werden. Verkehrsschild<br />
werden.» Aber er betreibt<br />
eine viel radikalere Mimikry: Altfried<br />
nistet sich in den «barocken<br />
Falten des Denkens» ein, er baut<br />
sich «Gedächtnispaläste» nach dem<br />
Vorbild antiker Memorierkunst, er<br />
folgt seinen Erinnerungsaufgaben,<br />
wohl wissend, dass er sie nicht lösen<br />
kann. Dazu zählt, dass sein Vater als<br />
Kriegswaise auf Schloss Sonnenstein<br />
interniert war, der einstigen Nazi-<br />
Tötungsanstalt für psychisch Kranke.<br />
«Die Sonnenposition» erzählt<br />
auch eine deutsche Enkelgeschichte<br />
– und hebt sich dabei vom hilflosen<br />
Erinnerungsrealismus dieser<br />
Gattung aufs Deutlichste ab.<br />
<strong>Der</strong> phantastischste und zugleich<br />
philosophischste Einfall dieses Barockromans<br />
aber ist die Biolumineszenz.<br />
Das tierische Leuchten heißt<br />
Luziferase, Odilo ist der «sol invictus»,<br />
wie es einmal heißt, der römische<br />
Sonnengott. Und er ist Luzifer, ein gefallener<br />
Lichtengel, der mit der «Substanz<br />
des schönen Scheins» hantiert.<br />
Altfried ist sein heimlicher Gegenspieler.<br />
Selten hat ein Roman sowohl die<br />
Lichtsucht als auch das Tarngrau verschiedenster<br />
Zeiten so großartig zum<br />
Funkeln gebracht. Jutta Person<br />
Marion Poschmann<br />
Die Sonnenposition.<br />
Roman<br />
Suhrkamp, Berlin 2013.<br />
340 S., 19,95 €<br />
Literaturen 03/2013<br />
62
Monopol<br />
München<br />
<strong>Der</strong> neue Kunst- und Kulturführer im Magazinformat<br />
Monopol München, der neue Kunst- und Kulturführer im<br />
Magazinformat speziell für München. Mit Interviews, Fotostrecken,<br />
Reportagen und einem großen Serviceteil. Es werden<br />
Menschen, Dinge und Orte vorgestellt, die das kulturelle<br />
Leben der Isar-Metropole aufregend und einzigartig machen.<br />
Ab 10.9. im Handel<br />
oder hier vorbestellen:<br />
Monopol-Leserservice, 20080 Hamburg<br />
Telefon +49 (0) 30 3 46 46 56 46<br />
Telefax +49 (0) 30 3 46 46 56 65<br />
Bestellnr.: 984045<br />
www.monopol-magazin.de/muenchen
Im Liebes-<br />
Theater<br />
Martin Walsers neuer<br />
Roman inszeniert<br />
einen Wunschtraum<br />
vom Glück<br />
Ein Krankenhauszimmer als Theaterbühne.<br />
Mehr braucht Martin Walser<br />
nicht für seine Inszenierung großer<br />
Gefühle. <strong>Der</strong> «mit Prominenz gepanzerte»<br />
Regisseur Augustus Baum<br />
ist während der Proben für Tschechows<br />
«Möwe» zusammengebrochen<br />
und wird nun im Krankenhaus von<br />
seiner Geliebten, der Nachtschwester<br />
Ute-Marie, und seiner Ehefrau, der<br />
Ärztin Gerda, versorgt – von der einen<br />
mit Leidenschaft und sexueller Hingabe,<br />
von der anderen mit Müsli als Gesundungsfrühstück<br />
und mit unersetzlicher<br />
Vertrautheit.<br />
Das ist trivial und darf es auch<br />
sein, denn schließlich ist alles, was geschieht,<br />
Teil einer Inszenierung. Mit<br />
beiden Frauen verbindet Augustus<br />
ein Verhältnis, das in seiner Unterschiedlichkeit<br />
mit dem Begriff «Liebe»<br />
nur ungenau beschrieben wäre. «Liebe<br />
gibt es eben in Tonarten, die miteinander<br />
nicht verwandt sind», sagt der<br />
gar nicht so krank und schwach wirkende<br />
Regisseur mit dem imperialen<br />
Namen, dem er aber, wie sich zeigen<br />
wird, nicht ganz gewachsen ist.<br />
Die verschiedenen Tonarten der<br />
Liebe neben- und miteinander erklingen<br />
zu lassen, so dass sie einander weniger<br />
stören als stützen, das ist fast so<br />
etwas wie das Lebensthema des Erzählers<br />
Martin Walser, von seinen frühen<br />
Romanen der Anselm-Kristlein-Trilogie<br />
bis hin zu seinem Spätwerk seit<br />
«<strong>Der</strong> Augenblick der Liebe» (2004).<br />
Immer wieder variiert er seither die<br />
erotische Dreifaltigkeit als Utopie, um<br />
nach Lösungsmöglichkeiten für diese<br />
konfliktreiche Grundkonstellation<br />
zu suchen. Zuletzt, in «Das dreizehnte<br />
Kapitel» (2012), geschah das in Form<br />
eines Briefwechsels. Jetzt, in «Die Inszenierung»,<br />
ist es ein Theaterstück, jedenfalls<br />
ein Roman in Dialogform, in<br />
dem der klassische Erzähler bis auf ein<br />
paar knappe Regieanweisungen ausgedient<br />
hat.<br />
Es ist, als ob Walser die Romanform<br />
zu eng geworden wäre, als ob er<br />
nicht mehr bereit wäre, die Allwissenheitsillusion<br />
einer souveränen Erzählerstimme<br />
herzustellen. Stattdessen<br />
soll jede der auftretenden Figuren ungebrochen<br />
und ungefiltert zur Sprache<br />
kommen. Ein philosophisch orientierter<br />
Freund des darniederliegenden Regisseurs<br />
bietet Platon als Vorbild dieser<br />
Geisteshaltung an: «Platon hat als<br />
erster Schluss gemacht mit dem Darüberschreiben.<br />
Direkte Rede! Rede<br />
und Widerrede! Spruch und Widerspruch!<br />
Anstatt die Tonart des jeden<br />
Widerspruch erstickenden, monologisch-monomanen<br />
Behauptens fortzusetzen!»<br />
Es ist klar, dass diese Einsicht<br />
Konsequenzen hat. <strong>Der</strong> konventionelle<br />
Roman ist damit obsolet,<br />
Walser hebt ihn auf im Theater. Dies<br />
ist die Form, in der er seiner Tendenz<br />
zum «Nicht mehr Rechthaben müssen»<br />
nachgeben kann. Statt des kritischen<br />
Redens über bestimmte Menschen<br />
und Positionen zieht er es vor,<br />
mit ihnen zu sprechen und die jeweiligen<br />
subjektiven Wahrheiten nebeneinander<br />
gelten zu lassen.<br />
«Die Inszenierung» handelt von einer<br />
(scheiternden) Tschechow-Inszenierung,<br />
doch auch im Krankenzimmer,<br />
wo die Besucher(innen) sich die<br />
Klinke in die Hand geben, wird nichts<br />
als Theater gespielt. Vielleicht, so eine<br />
mögliche Lesart dieses Kammerspiels,<br />
ist die Liebe selbst nichts anderes als<br />
eine Inszenierung, die die Bereitschaft<br />
voraussetzt, an die selbst hervorgebrachten<br />
Illusionen zu glauben. Augustus<br />
weiß, dass auch der Regisseur<br />
den Regisseur immer nur spielt, dass<br />
er also Teil seiner theatralischen Versuchsanordnung<br />
ist. Das ändert aber<br />
nichts daran, dass das, was so entsteht,<br />
echt ist und dass die Gefühle unerbittlich<br />
Wirklichkeit beanspruchen. Ehefrau<br />
Gerda ist diejenige, die das am<br />
genauesten verstanden hat. Sie publiziert<br />
ein Buch mit dem Titel «Abhängigkeit,<br />
Wahn und Wirklichkeit», in<br />
dem sie Abhängigkeit als Ursache aller<br />
Krankheiten bezeichnet. Ihr Gatte<br />
bietet ihr dafür genügend Anschauungsmaterial.<br />
Gemeinsam deklinieren<br />
sie das Geheimnis der Ehe als «Kunstwerk<br />
der Verheimlichung» durch:<br />
«Zuerst Schweigen, dann Verschweigen,<br />
dann Verheimlichung, dann Geheimhaltung.<br />
(…) Die Geheimhaltung<br />
ist das, was uns miteinander verbindet.»<br />
Doch gerade diese Kunst will<br />
Augustus nicht gelingen, noch nicht<br />
einmal gegenüber sich selbst vielleicht,<br />
weil ihm nach seinem Zusammenbruch<br />
die Kraft fürs Verschweigen<br />
fehlt. Und damit nimmt das Drama<br />
seinen Lauf.<br />
Martin Walser vergrößert und<br />
übersteigert die gegenseitigen Idealisierungen<br />
und Spiegelungen der Liebenden<br />
im Krankenhaus geradezu genüsslich,<br />
um sie bis in den Schmerz<br />
des Verzichtenmüssens hinein auszukosten.<br />
Das Walser’sche «Unglücksglück»<br />
ist schließlich das einzig mögliche,<br />
das «alles enthaltende, alles spendende,<br />
alles wendende Glück». Wenn<br />
es am Ende zur großen Versöhnung<br />
kommt und zum utopischen Hände-<br />
Ineinanderlegen der beiden gegensätzlichen<br />
Frauen an Augustus’ Bett, dann<br />
ist dies reine Inszenierung: Wunschtraum<br />
und nichts als Theater. Nur hier<br />
kann gelingen, was das Leben nicht<br />
vorsieht. Martin Walser beweist es mit<br />
diesem radikalen, auf mildernde Umstände<br />
ganz und gar verzichtenden<br />
Stück.<br />
Jörg Magenau<br />
Martin Walser<br />
Die Inszenierung. Roman<br />
Rowohlt, Hamburg 2013.<br />
160 S., 18,95 €<br />
Literaturen 03/2013<br />
64
Realität<br />
beißt Held<br />
William Boyds James<br />
Bond ist eine echte<br />
Doppel-Null<br />
Zuerst ist es nur eine Ahnung, dann<br />
steht es da, wie mit der Walther PPK<br />
eingestanzt: «Agenten waren schließlich<br />
auch nur Menschen.» Wie bitte?<br />
Das riecht gefährlich nach Verrat<br />
am Mythos, steht James Bond doch<br />
für Weltrettung mit Stil. So etwas können<br />
aus Comics entsprungene Superhelden<br />
nicht, Menschen aber noch<br />
viel weniger. William Boyd bricht in<br />
seinem im Jahre 1969 angesiedelten<br />
Bond-Roman «Solo» nicht nur mit<br />
dem Leinwand-Action-Bond, sondern<br />
auch mit Ian Flemings Vorlage:<br />
Er lässt Agent 007 lange unter falscher<br />
Identität ermitteln und verzichtet auf<br />
eine neognostische Gut-Böse-Verteilung<br />
– Letzteres so nachhaltig, dass<br />
sich der Autor schließlich nur mit einer<br />
arg plumpen Schurkisierung der<br />
einen Seite aus der Affäre ziehen kann.<br />
Stilistisch schwankt das Buch zwischen<br />
mittelmäßig und unbeholfen:<br />
«Seltsam, dass diese Frau im Lift aufgetaucht<br />
war, noch seltsamer, dass<br />
sie seinen Geburtstag erraten hatte …<br />
Komischer Zufall.» Inhaltlich aber ist<br />
hier ein überraschender Roman herausgekommen.<br />
Schon Bonds Mission<br />
ist ethisch anrüchig: Er soll in einen<br />
westafrikanischen Bürgerkrieg<br />
eingreifen und einen Militärstrategen<br />
ausschalten, mit dessen Hilfe ein kleiner<br />
Stamm sein Siedlungsgebiet erfolgreich<br />
verteidigt. Die britische Regierung<br />
aber steht aufgrund handfester<br />
Interessen (Öl!) auf Seiten der Aggressoren.<br />
<strong>Der</strong> Protagonist erweist sich<br />
überhaupt als Spielball undurchschaubarer<br />
Mächte. Nach zwei Dritteln des<br />
Buches hat er eigentlich noch nichts<br />
geleistet – ein militärisches Bravourstückchen<br />
ausgenommen; dies allerdings<br />
für die Gegenseite, um sich dort<br />
einzuschmeicheln. Selbst der schmutzige<br />
Auftrag scheint sich wie von allein<br />
zu erfüllen: Bonds Beitrag zur Beendigung<br />
des Bürgerkriegs ist lächerlich<br />
gering. Nach einem grausamen Mord<br />
(der ohne Bond nicht geschehen wäre)<br />
startet er in Eigenregie – daher das titelgebende<br />
«Solo» – einen Rachefeldzug,<br />
der wiederum eine intelligentere<br />
Lösung vereitelt. Bond, man kann es<br />
nicht anders sagen, ist überflüssig in<br />
diesem Bond-Roman, und das ist noch<br />
die wohlwollendste Lesart. Diese subversiv-ironische<br />
Häresie mag postkolonial<br />
korrekt sein und zum geheimdienstkritischen<br />
Zeitgeist passen. Aber<br />
wollen wir tatsächlich auf unseren elegantesten<br />
kalten Krieger verzichten?<br />
Eine paradoxe Kastration kommt<br />
noch hinzu: Weil Boyd das Macho-<br />
Image Bonds nicht gänzlich ignorieren<br />
durfte, hat er seinem sonst besonnen<br />
räsonierenden Helden Virilitätsattacken<br />
angedichtet, die wie ein<br />
schlechter Witz wirken. Beim Anblick<br />
einer Frau setzt Bonds Verstand aus,<br />
alle narrative Raffinesse ebenso: «<strong>Der</strong><br />
enganliegende Stoff brachte ihre vollen<br />
Brüste zur Geltung, wie Bond anerkennend<br />
registrierte.» «Er spürte ein<br />
Aufzucken animalischen Begehrens in<br />
den Lenden.» «Er (…) bewunderte die<br />
Brüste der jungen Frau am Nebentisch,<br />
die samt der kleinen Brustwarzen unter<br />
ihrer transparenten Gazebluse deutlich<br />
zu erkennen waren.» Handlanger von<br />
Unterdrückern und trauriger Spanner<br />
– eine wahre Doppelnull, dieser<br />
Boyd-Bond! Dabei wäre die Zeit reif<br />
gewesen für einen charismatisch-intelligenten<br />
Alpha-Mann, der sich, Big Ben<br />
voran, durch die Geschichte kämpfte.<br />
<br />
Oliver Jungen<br />
William Boyd<br />
Solo. Roman<br />
Aus dem Englischen von Petra<br />
Klobusicky.<br />
Berlin Verlag, Berlin 2013.<br />
368 S., 19,99 €<br />
€ 20,00 [D]<br />
ISBN 978-3-424-35088-3<br />
»Das Buch ist reich an<br />
triftigen Sätzen. Ebenso<br />
reich an Geheimnissen,<br />
und zwar nicht an solchen,<br />
die schwerdeutsch im international<br />
berüchtigten<br />
Sinn des Wortes daherkämen,<br />
sondern an leichten<br />
und federnden.«<br />
Lorenz Jäger in der<br />
Frankfurter Allgemeinen Zeitung<br />
<strong>Der</strong> Falkenblick<br />
des Meisters<br />
65
No. 111 | Herbst 2013<br />
Bummbumm!<br />
Sven Regener setzt<br />
seine Geschichte<br />
der Verpeilten und<br />
Verquasten fort<br />
«Das Bummbumm darf niemals aufhören»,<br />
hatten sie mal ihr Manifest<br />
überschrieben: Schlagzeuger Ferdi,<br />
Bassist Raimund und Installationskünstler<br />
Karl «Charlie» Schmidt. Zusammen<br />
waren sie «Glitterschnitter»,<br />
die experimentelle Band des «deutschen<br />
Dance» im alten West-Berlin,<br />
und ahnten nicht, dass das große elektronische<br />
«Bummbumm» nach 1989<br />
noch mächtig anschwellen und Hundertausende<br />
in Clubs und auf Raves<br />
ziehen würde.<br />
Diese Steigerung fand ohne Charlie<br />
Schmidt statt. Kurz vor dem Mauerfall<br />
musste ihn sein bester Freund Frank<br />
Lehmann wegen Nervenzusammenbruchs<br />
in einer Klinik abliefern – so<br />
weit bekannt aus Sven Regeners Erstling<br />
«Herr Lehmann». Nach zwei Romanen<br />
über die Jugend Lehmanns<br />
spult Regener mit «Magical Mystery»<br />
nun das Leben seiner Verpeilten und<br />
Verquasten bis ins Jahr 1994 vor, lässt<br />
aber diesmal Charlie erzählen. <strong>Der</strong> hat<br />
während fünf Jahren im «Trockendock»<br />
einer therapeutischen Wohngruppe<br />
und Hilfshausmeister in Hamburg-Altona<br />
keinen Kontakt mehr<br />
zum Berliner Biotop. Zufällig trifft er<br />
Raimund, der den Zwangsabstinenzler<br />
umgehend als Fahrer für eine Techno-<br />
DJ-Tournee namens «Magical Mystery»<br />
verpflichtet.<br />
Charlie haut ab nach Berlin und<br />
tourt ab sofort mit Acts wie Hosti<br />
Bros, Odo und Rama Noise oder DJ<br />
Schöpfi durch die Republik. Auf seinen<br />
Fersen: Werner, der «alte Sozpäd-<br />
Titan» und WG-Leiter, der meint, sein<br />
Schützling schulde der Gruppe ein<br />
Abschlussgespräch.<br />
Den Erzähler wie einen Alien<br />
in das Leben seiner mit dem Label<br />
«Bummbumm» reich und berühmt<br />
gewordenen alten Freunde zu schicken,<br />
ist ein Kunstgriff, der gut funktioniert.<br />
Das «lustige und kaputte» Spiel<br />
von damals ist nicht mehr dasselbe,<br />
ihr aktuelles Verhältnis zu Kunst und<br />
Kommerz, Arbeit und Spaß bleibt verschwommen.<br />
Und Karl Schmidt muss<br />
herausfinden, was er mit dem Rest<br />
seines Lebens anfangen will. Er sucht<br />
das alte Gefühl der Unverwundbarkeit,<br />
doch bleibt ihm zunächst nur das<br />
leicht panische Aufzählen seiner Alltagstätigkeiten<br />
in allen Details. Hier<br />
erfüllt das Stilmittel Regener’scher Laber-Attacken<br />
also auch einen praktischen<br />
Zweck: Sie bilden sein kleines<br />
Bummbumm, das ihm hilft, durch die<br />
Tage zu kommen, ohne dass ihn «das<br />
dunkle Gefühl» überfällt.<br />
Wer in einem Roman ein sich<br />
sprachlich einigermaßen ökonomisch<br />
artikulierendes Personal erwartet,<br />
wird dieses Buch irgendwann über<br />
die Couchlehne schleudern. Wenn<br />
man aber auch gegen Raimunds und<br />
Ferdis Salbadern im Techno-Jargon<br />
eher immun ist und sich an der forcierten<br />
Verschrobenheit mancher<br />
Wortschöpfungen («Hausmeisterholiker»)<br />
und Einfälle (die Tour wird begleitet<br />
von zwei Meerschweinchen)<br />
nicht stört, macht «Magical Mystery»<br />
durchaus Spaß. Nebenbei erfährt<br />
man, dass Herr Lehmann jetzt Gastro<br />
für Mega-Raves macht. Und entdeckt<br />
mit Charlie sein persönliches «Magical<br />
Mystery»: dass sie neben dem alten<br />
Berlin seiner Niederlage «noch eine<br />
neue Stadt aufgemacht hatten, in der<br />
ich noch einmal von vorne anfangen<br />
konnte». Annette Zerpner<br />
Sven Regener<br />
Magical Mystery oder<br />
Die Rückkehr des Karl<br />
Schmidt. Roman<br />
Galiani, Berlin 2013.<br />
420 S.,19,99 €<br />
Impressum<br />
Ringier Publishing GmbH SEELENVERWANDTE<br />
Literaturen No. 111 Herbst/2013<br />
Literaturen<br />
Die Zeitschrift für Leser<br />
www.literaturen.de<br />
Ein Verlag, eine<br />
Familie: C. H. Beck<br />
wird 250<br />
David Wagner:<br />
Auf dem<br />
Alexanderplatz<br />
SEELENVERWANDTE<br />
Sieben Liebeserklärungen<br />
von Schriftstellern an Schriftsteller<br />
LITERATUREN<br />
14. JahRGang, SOMMER 2013<br />
Verleger Michael Ringier<br />
Redaktion Ronald Düker (Sachbuch),<br />
Frauke Meyer-Gosau (Belletristik & V.i.S.d.P.)<br />
Bildredaktion Kristin Loschert<br />
Artdirection Anja Büchner<br />
Produktion Utz Zimmermann<br />
geschäftsführung Michael Voss<br />
Vertriebsleitung Thorsten Thierhoff<br />
Marketing Mark Siegmann<br />
Herstellung Lutz Fricke<br />
Projektleitung<br />
Erwin Böck<br />
Tel.: 030 981941-134, Fax -199<br />
E-Mail: erwin.boeck@ringier.de<br />
Anzeigen+Online-Buchmarkt<br />
Thomas Laschinski · PremiumContentMedia<br />
Tel.: 030 609859-30, Fax -33<br />
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Druck/Litho Neef+Stumme, Wittingen<br />
LeserseRVICe: Literaturen/<strong>Cicero</strong> Leserservice<br />
20080 Hamburg, Telefon 030 346465656<br />
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Online: www.cicero.de/literaturen/abo<br />
Literaturen erscheint als Magazin in <strong>Cicero</strong><br />
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Eine Publikation der Ringier Gruppe<br />
Alle Rechte Ringier Publishing GmbH.<br />
Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung<br />
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Bücher, Fotos und Manuskripte keine Gewähr.<br />
Leserbriefe werden ggf. gekürzt veröffentlicht.<br />
Wir behalten uns vor, Leserbriefe im Internet<br />
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infolge von Störungen des Arbeitsfriedens<br />
bestehen keine Ansprüche gegen den Verlag.<br />
ISSN-Nr. 1616-3451<br />
Hypnose und<br />
Krise: <strong>Der</strong> neue<br />
Kehlmann<br />
Buchmesse:<br />
Literaturland<br />
Brasilien<br />
66
Literaturen-Bestenliste<br />
Belletristik<br />
Sachbuch<br />
1<br />
Terézia Mora<br />
Das Ungeheuer<br />
(Luchterhand) (siehe dieses Heft S. 42)<br />
1<br />
Swetlana Alexijewitsch<br />
Secondhand-Zeit<br />
Hanser Berlin<br />
44 <strong>Punk</strong>te<br />
36 <strong>Punk</strong>te<br />
2<br />
James Salter<br />
Alles was ist<br />
Berlin Verlag<br />
2<br />
Andreas Platthaus<br />
1813<br />
Rowohlt<br />
39 <strong>Punk</strong>te<br />
26 <strong>Punk</strong>te<br />
3<br />
Imre Kertész<br />
Letzte Einkehr<br />
Rowohlt<br />
3<br />
Niels Werber<br />
Ameisengesellschaft<br />
S. Fischer<br />
37 <strong>Punk</strong>te<br />
25 <strong>Punk</strong>te<br />
3<br />
Marion Poschmann<br />
Die Sonnenposition<br />
Suhrkamp (siehe dieses Heft S. 62)<br />
4<br />
Blumenberg / Taubes<br />
Briefwechsel 1961-1981<br />
Suhrkamp<br />
37 <strong>Punk</strong>te<br />
24 <strong>Punk</strong>te<br />
4<br />
Clemens Meyer<br />
Im Stein<br />
S. Fischer (siehe dieses Heft S.43)<br />
5<br />
Jochen Missfeldt<br />
Du graue Stadt am Meer<br />
Hanser<br />
5<br />
6<br />
34 <strong>Punk</strong>te<br />
Urs Widmer<br />
Reise an den Rand des<br />
Universums<br />
Diogenes<br />
31 <strong>Punk</strong>te<br />
Daniel Kehlmann<br />
F<br />
Rowohlt (siehe dieses Heft S. 39)<br />
6<br />
7<br />
22 <strong>Punk</strong>te<br />
Antonio Callado<br />
<strong>Der</strong> Tote im See<br />
Berenberg (siehe dieses Heft S. 36)<br />
20 <strong>Punk</strong>te<br />
Jonathan Sperber<br />
Karl Marx<br />
C. H. Beck<br />
7<br />
8<br />
9<br />
30 <strong>Punk</strong>te<br />
Monika Zeiner<br />
Die Ordnung der Sterne über<br />
Como<br />
Blumenbar<br />
23 <strong>Punk</strong>te<br />
Patrick Modiano<br />
<strong>Der</strong> Horizont<br />
Hanser<br />
18 <strong>Punk</strong>te<br />
Martin Walser<br />
Die Inszenierung<br />
Rowohlt (siehe dieses Heft S. 64)<br />
8<br />
9<br />
9<br />
19 <strong>Punk</strong>te<br />
Edgar Wolfrum<br />
Rot-Grün an der Macht<br />
C. H. Beck<br />
17 <strong>Punk</strong>te<br />
Rüdiger Safranski<br />
Goethe<br />
Hanser<br />
12 <strong>Punk</strong>te<br />
Gerd Ruge<br />
Unterwegs<br />
Hanser Berlin<br />
12 <strong>Punk</strong>te<br />
15 <strong>Punk</strong>te<br />
Literaturen 03/2013<br />
Literaturen-Jury BELLETRISTIK<br />
Maike Albath Freie Literaturkritikerin Verena Auffermann<br />
Freie Literaturkritikerin Gregor Dotzauer Tagesspiegel<br />
Ina Hartwig Freie Literaturkritikerin Oliver Jungen<br />
Freier Literaturkritiker Richard Kämmerlings Die<br />
Welt Ursula März Die Zeit Jörg Magenau Freier<br />
Literaturkritiker Frauke Meyer-Gosau Literaturen<br />
Klaus nüchtern Falter Pia Reinacher Freie<br />
Literaturkritikerin Daniela Strigl Universität Wien<br />
Literaturen-Jury SACHBUCH<br />
Franziska Augstein Süddeutsche Zeitung Ronald Düker Literaturen<br />
Walter Filz SWR Eckhard Fuhr Die Welt Ernst A. Grandits 3sat<br />
Jürgen Kaube Frankfurter Allgemeine Zeitung Susanne Mayer<br />
Die Zeit Jutta Person Freie Kritikerin Stephan Schlak Zeitschrift<br />
für Ideengeschichte Ralf Müller-Schmid Deutschlandradio<br />
Gert Scobel ZDF<br />
Zum Verfahren: Jeder Juror wählt seine persönlichen Top-Ten-Titel aus. Für Platz 1 gibt es 10 <strong>Punk</strong>te, Platz 2 erhält 9 <strong>Punk</strong>te, bis hinunter zu Platz 10 mit einem <strong>Punk</strong>t.<br />
Aus der Summe der <strong>Punk</strong>tzahlen ergibt sich die Platzierung auf der Literaturen-Bestenliste<br />
67
SchMIDTs kolumne<br />
Gentrifizierung<br />
Internationale Immobilienspekulanten nehmen von<br />
unseren Wohnungen Besitz – sie vollenden nur, womit<br />
unsere Kinder einst angefangen haben<br />
Von Jochen SCHMIDT<br />
Jochen SchMIDT,<br />
1970 geboren, ist freier<br />
Schriftsteller und lebt<br />
in Berlin. Er ist Mitbegründer<br />
der Lesebühne<br />
«Chaussee der Enthusiasten»<br />
und Mitglied<br />
der deutschen Autoren-<br />
Nationalmannschaft<br />
Eigentlich hatte ich in meiner<br />
Wohnung immer das Schlafzimmer<br />
bevorzugt: Vom Bett<br />
aus konnte man den Mond<br />
sehen, und wenn man morgens das<br />
Fenster öffnete, hörte man die Vögel<br />
zwitschern. Doch dann verdrängten<br />
Sandmännchen-Poster meine Che-<br />
Guevara-Plakate, Alkohol war plötzlich<br />
tabu, und abends musste man strikte<br />
Ruhe halten. Ich zog weiter ins Wohnzimmer,<br />
das sich als viel attraktiver herausstellte.<br />
Besonders beeindruckte mich<br />
das reiche kulturelle Angebot. Aber als<br />
das Kind größer wurde, wollte es auch<br />
immer mehr Zeit im Wohnzimmer verbringen,<br />
es dauerte nicht lange, bis im<br />
Fernsehen nur noch Kindersendungen<br />
eingeschaltet wurden, und es durften<br />
keine Scherben mehr rumliegen.<br />
Also, ich bin ja auch für Sauberkeit, aber die Deutschen<br />
übertreiben es immer gleich. Mir blieb nichts anderes übrig,<br />
als auf den Balkon auszuweichen, es war nämlich gar<br />
nicht spießig, Blumen zu gießen. Ich schuf mir eine kleine<br />
Oase, mitten in der Stadt, indem ich beim Blumenhändler<br />
einen Gingko kaufte. Wenn ich zum Wasserholen durch<br />
mein ehemaliges Wohnzimmer ging, das jetzt von meinem<br />
Kind bewohnt wurde, ärgerte es mich, dass das Kind überhaupt<br />
keine Ahnung davon hatte, wie die Lebensbedingungen<br />
im Wohnzimmer vor seiner Geburt gewesen waren.<br />
Aber im Grunde hatte ich es ja viel schöner auf dem Balkon,<br />
auch wenn er kein Dach hatte und ich manchmal nass<br />
wurde und im Winter entsetzlich fror. Auf den anderen Balkonen<br />
lebten auch Eltern, die viel netter<br />
waren als die, die sich ein eigenes<br />
Wohnzimmer leisten konnten. Wir riefen<br />
uns Tipps zu, wie wir uns gegen unsere<br />
Kinder wehren konnten, und welche<br />
unserer Pflanzen winterhart waren<br />
oder ein bisschen Stroh brauchten als<br />
Abdeckung. Im Schlafzimmer waren<br />
inzwischen spanische Freunde unserer<br />
Kinder eingezogen, die fanden es dort<br />
total entspannt und preiswert, manchmal<br />
verirrte sich einer von ihnen zu mir<br />
auf den Balkon, und ich erzählte ihm,<br />
wie es im Schlafzimmer früher gewesen<br />
war. Mein Kind beklagte sich inzwischen,<br />
dass ich beim Wasserholen auf<br />
dem Weg zur Küche durchs Wohnzimmer<br />
ging, es hätte den Durchgang gern<br />
gesperrt. Vor Gericht bekam es Recht,<br />
ich konnte deshalb nicht mehr auf dem<br />
Balkon wohnen. Jetzt hatte ich die Wahl, ob ich in die Küche<br />
ausweichen wollte – oder lieber gleich aufs Klo? Auch<br />
dort konnte man ein lebendiges Kulturleben aufziehen, die<br />
Akustik war hervorragend, und wenn man den Kopf in<br />
die Schüssel steckte, konnte man sich mit anderen Klobewohnern<br />
unterhalten. Allerdings haben die Spanier inzwischen<br />
Interesse am Wohnzimmer angemeldet, und der Balkon<br />
steht leer, weil Dänen ihn gekauft haben, um dort den<br />
Sommer zu verbringen. Sie klagen gegen mein Kind, weil<br />
sie einen freien Zugang zur Küche wollen. Deshalb habe ich<br />
Angst, dass mein Kind mein Klo in ein Eigentumsklo umwandeln<br />
lässt. Ich habe mir schon mal den Keller angesehen<br />
und überlegt, was man daran cool finden könnte.<br />
Literaturen 03/2013 Illustration: XXX<br />
68
Edition<br />
11 Spieler –<br />
11 Positionen –<br />
11 Jahrzehnte.<br />
Auch als eBook<br />
erhältlich!<br />
Die Jahrhundertelf stellt in spannenden Portraits elf Spieler vor, die durch elf Jahrzehnte hindurch,<br />
von 1903 bis heute, die deutsche Fußballgeschichte mitgeprägt haben. Angefangen bei Theodor<br />
Schöffler, dem ersten deutschen Marathonsieger und Mitbegründer des DFB, über Bernd Trautmann,<br />
dem englischen Kriegsgefangenen und legendären deutschen Torwart von Manchester<br />
City, bis zu Gerald Asamoah, dem ersten in Afrika geborenen deutschen Nationalspieler. Gerhard<br />
Fischer, SZ-Redakteur, zeichnet Ihre Geschichten vor dem Hintergrund ihrer Zeit auf. Eine ganz<br />
besondere Elf und ein Muss für jeden Fußballkenner.<br />
Jetzt für 12,90 € überall im Handel, unter www.sz-shop.de<br />
oder im Service Zentrum der Süddeutschen Zeitung,<br />
Fürstenfelder Str. 7, 80331 München.
www.fwiefiktion.de<br />
BISLANG WAR F<br />
NUR IRGENDEIN BUCHSTABE<br />
<strong>Der</strong> neue Roman von Daniel Kehlmann<br />
© AWR, München