Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-12-02 (Vorschau)

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Immobilien Raus aus dem teuren Kredit

49

2.12.2013|Deutschland €5,00

4 9

4 1 98065 805008

und das Geheimnis ihres Erfolges

Schweiz CHF 8,20 | Österreich €5,30 | Benelux€5,30 | Griechenland€6,00 | GroßbritannienGBP 5,40 | Italien€6,00 | Polen PLN27,50 | Portugal€6,10 | Slowakei €6,10 | Spanien€6,00 | TschechischeRep.CZK 200,- | Ungarn FT 2000,-

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Einblick

Mutlos, perspektivlos: Der Koalitionsvertrag ist ein

Dokument vorweggenommenen Scheiterns auf dem

Weg in eine Wünsch-Wirtschaft. Von Roland Tichy

Macht ohne Wille

FOTO: HEIKE ROST FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Es weihnachtet früh in Berlin. Die

Politiker der großen Koalition

wünschen sich viel. Seitenlang

listen sie in ihrem Koalitionsvertrag

auf, wie die Unqualifizierten, Unvermittelbaren

und Unwilligen fit für den Arbeitsmarkt

gemacht werden sollen – um

ein paar Seiten weiter den Arbeitsmarkt

wieder so zu blockieren, dass genau diese

Problemgruppen garantiert keinen Arbeitsplatz

mehr erhalten können. In der

großen Koalition regiert nicht der Wille,

das Machbare so zu gestalten, dass es zum

Ziel führt, sondern das Wünschen an und

für sich. Sie wünschen sich Arbeitsplätze

herbei, doch im gesamten 185-Seiten-Papier

findet sich keine einzige Idee, wie

diese Wunsch-Arbeitsplätze entstehen

könnten – aber für die Unternehmen hunderterlei

Belastungen und Schikanen, die

Arbeitsplätze vernichten (siehe Seite 24).

Wenn dann die Wirklichkeit sich nicht

an die Vorgaben der politischen Wünsch-

Wirtschaft halten sollte, ist das eben ein

Problem der Wirklichkeit, meinen die Koalitionäre.

So werden die paar Überschüsse

der Rentenversicherung sofort für die Rente

mit 63 Jahren und Mütterenten verschustert

und zukünftige Beitragszahler

ausgeplündert. Zukünftige Gesetze sollen

einem Demografie-Check unterworfen

werden – diese Koalition scheitert schon

an den selbst formulierten Zielen. Das ganze

Land wird mit noch mehr Bürokratie

überzogen, und gleichzeitig wird Bürokratieabbau

versprochen. Da wird gleichzeitig

umweltfreundliche, sichere und bezahlbare

Energie gefordert. Aber die verheerenden

Folgen der erneuerbaren Subventionsenergien

werden mit mehr Subventionen

für Kohlekraftwerke bekämpft, was gleichermaßen

Klima wie Geldbeutel belasten

wird. Willkommen in der Wünsch-Wirtschaft.

Weil sich jeder etwas wünschen

darf, wurde die Barrierefreiheit auf Bahnhöfen

ebenso Regierungsprogramm wie

die Förderung der Erforschung der Frauenbewegung

in der DDR, das Verbot des in

Deutschland so häufig aufgetischten Walfleisches,

der Warnhinweis beim Dispokredit

und mehr Platz für Hund, Katz und Wellensittich

im Tierheim. Das ist ja alles gut

und schön, aber unter Regieren, unter Zukunftsgestaltung

hat man sich irgendwie

mehr vorgestellt als ein Bienenmonitoring

auf Bundesebene. Zu den großen Fragen

dagegen bietet der Koalitionsvertrag nur

dröhnendes Schweigen: Wie geht es denn

nun weiter mit einem Europa, dessen Süden

implodiert, in dem Großbritannien

desertiert, Frankreich sich selbst so stranguliert,

wie sich Deutschland mittels Koalitionsvertrag

wirtschaftlich kastriert. Während

die gesetzliche Rente ruiniert wird,

fehlt jede Idee, wie denn die Zerstörung

der privaten Altersversorgung durch die

ruinöse Niedrigzinspolitik verhindert werden

könnte. Aber dafür soll die Bahn

pünktlicher fahren, steht da. Vermutlich

hat der begnadete Modelleisenbahner

Horst Seehofer Wissen aus dem Hobbykeller

auf die Welt übertragen.

DEUTSCHLANDS HOBBYKELLER

Der Schuldenabbau wird herbeigewünscht,

aber mit monströsen Mehrausgaben

verunmöglicht und sicherheitshalber

auch als Ziel gleich wieder dementiert: So

kann wirklich nach den Buchstaben nichts

schiefgehen, und doch ist alles nichts.

So ein Sammelsurium unwichtiger Details,

grotesker Widersprüche und beängstigender

Leerstellen kommt zustande,

wenn die widersprüchlichen Wünsche sich

abgrundtief misstrauender Parteien zu einem

politischen Gulasch verkocht werden.

Die Union führte einen Wahlkampf ohne

Inhalt und Gestaltungswille; dranbleiben

ist alles. So war sie in den Verhandlungen

der willfährige Partner einer SPD, die sich

als gesamtgesellschaftlicher Betriebsrat

versteht, der den Veggieday in der Kantine

als Beitrag zum Weltklima feiert. Die große

Koalition hat Macht, aber keinen Willen.

Das Beste an dem Vertrag ist, dass er keiner

ist, sondern nur eine Absichtserklärung.

So werden sie uns mehr schulmeistern

als regieren und hoffen, dass keine

Störung der guten Wirtschaftslage ihre

Wünsch-Wirtschaft stört. Wenn nicht, wird

die Wünsch-Wirtschaft ein Problem kriegen,

nicht die Wirklichkeit.

n

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 5

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Überblick

Menschen der Wirtschaft

10 Seitenblick Tanz im Börsensaal

12 ThyssenKrupp: Kartell mit Folgen

13 Piraten: Zu wenig Schutz | Solarworld:

Frank Asbeck soll Millionen zahlen

14 Interview: Insolvenzverwalter Michael Pluta

entwickelt ein neues Geschäftsmodell

16 Bankenaufsicht: Geschachere um Posten |

Banker: Bestens versorgt | Drei Fragen zum

Handy im Flugzeug

18 Boeing: Streit um Subventionen | Daimler:

Nach Auto-Sharing jetzt Parkplatz-Sharing

20 Chefsessel | Startup E-Volo

22 Chefbüro Marcus Schmidt, Vorstandssprecher

der Reemtsma Cigarettenfabriken

Politik&Weltwirtschaft

24 Koalition Wie geht es weiter mit Schwarz-

Rot? | Interview: Sachsens Ministerpräsident

Tillich warnt vor Jobverlusten im Osten

32 Hessen Eine schwarz-grüne Koalition wird

zur Gefahr für den Flughafen Frankfurt

34 Euro-Krise Euro-Gruppen-Chef Jeroen

Dijsselbloem ist ein gewiefter Stratege

38 Frankreich Das Land will vom deutschen

Mindestlohn profitieren

41 Berlin intern

Titel Das Geheimnis der „drei ???“

Fast jeder Deutsche kennt das weiß-rotblaue

Logo der „drei ???“. Doch wer

steckt hinter dem Aufstieg der Jugendkrimireihe

zur Megamarke, die im

kommenden Jahr den ganz großen

Aufschlag plant? Und was ist das Geheimnis

ihres Erfolges? Seite 46

Ölgräberstimmung

Gerade noch drohte das Ende des Ölzeitalters. Doch nun erschließen

neue Fördertechniken riesige neue Reserven. Auch im Mittleren

Westen der USA rollen nun wieder Tanker-Kolonnen. Seite 74

Der Volkswirt

42 Kommentar | Nachgefragt

43 Konjunktur Deutschland

44 Weltwirtschaft Die Iren verlassen den

Euro-Rettungsschirm

45 Denkfabrik Renate Köcher über die

Haltung der Deutschen zu den Plänen der

großen Koalition

Unternehmen&Märkte

46 Medien Die Jugendbuchserie „Die drei ???“

wird zur Multimediasensation

54 ThyssenKrupp Aufsichtsratschef Ulrich

Lehner installiert ein hartes Kontrollregime

56 Interview: Heinz Hermann Thiele Der

Herrscher über den Industriekonzern

Knorr-Bremse packt aus

63 EADS Der Konzern könnte überzählige

Mitarbeiter in der Rüstungssparte künftig

Passagierjets bauen lassen

64 Karstadt Was wird aus dem angeschlagenen

Warenhausriesen?

66 Chemieindustrie Ein Ex-Lanxess-Vorstand

macht seinem früheren Arbeitgeber mit

einem Mittelständler Konkurrenz

70 Bitcoins Geld der Zukunft oder Spekulationsobjekt?

Technik&Wissen

74 Energie Neue Technologien machen

riesige, bislang unerreichbare Ölreserven

zugänglich. War Peak Oil ein Irrtum? |

Circus GroKo

Wer holt die Politik aus

der Berliner Manege

zurück ins Leben? Die

Krise? Der Regierungsalltag?

Oder die humorlose

SPD-Basis? Ein

Essay über die Geburtswehen

und unsicheren

Zukunftsperspektiven

der großen Koalition.

Seite 24

TITELFOTO: THE WALT DISNEY COMPANY GERMANY

6 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Nr. 49, 2.12.2013

Raus aus dem teuren Kredit!

Für ältere Immobilienfinanzierungen zahlen Bauherren noch

deutlich mehr als die aktuell geforderten zwei bis drei Prozent.

Wie Sie jetzt Ihre Raten drücken und mehr tilgen. Seite 94

Interview: Der Energieexperte Leonardo

Maugeri kritisiert die großen Ölkonzerne

82 Unterhaltung Das Duell auf dem Markt für

Spielekonsolen ist neu entbrannt

85 Valley Talk

Management&Erfolg

86 Ranking Bei welchen Unternehmen junge

Menschen am liebsten arbeiten würden

90 Serie: Mut zum Risiko (II) Wie Gründer

über die Börse an Geld kommen

Geld&Börse

94 Baufinanzierung Wie Sie aus Ihrem alten

Darlehensvertrag herauskommen und eine

günstigere Finanzierung abschließen

104 Steuern und Recht Mehrwertsteuererhöhung

für Silbermünzen umgehen | Stichtag

für Aktienverluste | Schäden aus illegalen

Preisabsprachen | Haftung für Ratings

106 Geldwoche Kommentar: Neue Lebensversicherte

subventionieren Altkunden | Trend

der Woche: Euro Stoxx | Dax-Aktien: Deutsche

Post | Hitliste: Derivate als globale Gefahr

| Aktien: Cenit, Samsonite International |

Zertifikate: Biotech-Aktien | Anleihe: KTM |

Investmentfonds: Invesco Euro Corporate

Bond | Nachgefragt:Thomas Gutschlag,

Finanzchef der Deutschen Rohstoff AG, baut

deren Ölgeschäft kräftig aus

ILLUSTRATIONEN: TORSTEN WOLBER, MARTIN HAAKE; FOTOS: BLOOMBERG NEWS/MATTHEW STAVER, DIETER MAYR FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Deutschlands beste Arbeitgeber

Ob Auto, Möbel oder Kosmetik: Wer wie Audi, Ikea oder L’Oréal

attraktive Produkte und einen sicheren Job bieten kann, gehört

zu den bevorzugten Arbeitgebern junger Berufstätiger. Seite 86

Ungebremst

Heinz Hermann Thiele, 72,

ist Milliardär, Herr über den

Münchner Industriekonzern

Knorr-Bremse und starker

Mann beim sauerländischen

Schienenbauer Vossloh. Im

Interview erklärt der normalerweise

sehr verschwiegene Großunternehmer

erstmals, was er

noch vorhat und wieso er sich

vielfach verkannt fühlt. Seite 56

Perspektiven&Debatte

112 Gastronomie Der Kölner Hotelier Thomas

Althoff ist der erfolgreichste Betreiber

von Spitzenrestaurants. Wie macht er das? |

Die besten Restaurants Deutschlands

116 Kost-Bar

Rubriken

5 Einblick, 118 Leserforum,

120 Firmenindex | Impressum, 122 Ausblick

n Lesen Sie Ihre WirtschaftsWoche

weltweit auf iPad oder iPhone:

Diese Woche mit einem Video

vom neuartigen Elektrohelikopter

Volocopter.

Und Finanzautor Daniel

Schönwitz erklärt,

warum Reformen beim

Baukredit nötig sind.

wiwo.de/apps

n Themenwoche Luxus Teuer ist

gefragt:Eine Woche lang geht es um

umkämpfte Luxusmeilen, edelste

Genussmittel und Autos, die nicht

jeder hat, unter wiwo.de/luxus

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wirtschaftswoche

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plus.google.com/

+wirtschaftswoche

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 7

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Seitenblick

BÖRSEN

Delisted

Die erste Börse der Welt wird nach Jahren des Verfalls

zum Luxushotel umgebaut. Wie in Antwerpen ist der

klassische Parketthandel an den meisten Finanzplätzen

längst Geschichte, die Handelssäle werden

zweckentfremdet. Doch es gibt Ausnahmen.

482Jahre ist es her, dass in Antwerpen

der erste öffentliche Finanzplatz der Welt eröffnet

wurde, die Beurs, benannt nach der Familie Van

der Beurze. In deren Antwerpener Gasthaus hatten

Händler zuvor ihre Finanzgeschäfte abgewickelt. Doch

Ende der Neunzigerjahre zogen die Händler nach

Brüssel. Seither steht das Haus leer. Im nächsten Jahr

will ein Investor dort ein Luxushotel samt Kongresszentrum

einrichten.

8Prozent des Börsenhandels werden in Frankfurt

noch klassisch im Saal abgewickelt. Das Parkett

dient nur noch als Kulisse fürs Börsenfernsehen.

In Hamburg, Deutschlands ältester Börse, verwandelte

die Handelskammer den Saal für sechs Millionen

Euro in ein Dienstleistungscenter. In München beherbergt

das Börsengebäude eine Diskothek sowie ein

Ärztehaus. Und die historische Pariser Börse, das

Palais Brongniart, ist nur noch ein Ort für Empfänge.

1500Mitarbeiter will die New

Yorker Börse in den nächsten Monaten entlassen –

37 Prozent der Beschäftigten. Am Parketthandel hält

sie aber als eine von wenigen fest. Börsen-Chef Jeff

Sprecher: „In einem Markt, in dem wir kein volles

Vertrauen darin haben, wie unsere Aktien gehandelt

werden, ist es wirklich wertvoll, wenn man vor Ort

sein und menschliche Wesen sehen kann.“ In Europa

betreibt die London Metal Exchange noch einen

klassischen Parketthandel.

thomas.stoelzen@wiwo.de, martin seiwert | New York, karin finkenzeller | Paris

10 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Die Mutter aller Finanzmärkte

Die Antwerpener Börse brannte

in ihrer Geschichte zweimal aus

– 1583 und 1858. Beim Wiederaufbau

erhielt sie jedoch erneut

ihren gotischen Charakter

FOTO: MANFRED HAMM - WWW.HAMM-PHOTOGRAPHIE.COM

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 11

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Menschen der Wirtschaft

Abwärts

ThyssenKrupp-Chef

Hiesinger

AUFZUGSKARTELL

Teure Fahrstuhl-Sünden

ThyssenKrupp droht eine millionenschwere

Schadensersatzzahlung. Ein

Urteil des Landgerichts Berlin könnte

Signalwirkung für Europa haben.

Der Einbau von sechs Rolltreppen in einer U-Bahn-

Station in Düsseldorf könnte ThyssenKrupp teuer

zu stehen kommen. 2003 hatte der Konzern von der

Stadt den Auftrag bekommen, sie zu liefern und zu

warten. Später kam heraus, dass ThyssenKrupp von

1995 bis 2003 im Rolltreppen- und Aufzuggeschäft

die Preise mit den Konkurrenten Otis, Kone und

Schindler abgesprochen und die Gebiete mit ihnen

aufgeteilt hatte. Die EU-Kommission verhängte

2007 hohe Geldbußen, die dritthöchste Strafe in der

Kartellgeschichte Europas (siehe Grafik). Doch damit

nicht genug: Die Stadt Düsseldorf klagte vor

dem Landgericht Berlin auf „Ersatz des Kartellschadens“

in Höhe von 380 000 Euro. Die Richter halten

die Klage jetzt für „dem Grunde nach begründet“.

Die exakte Schadenshöhe muss ein Gutachter erst

noch klären.

Eigentlich sind solche Summen für einen Milliardenkonzern

wie ThyssenKrupp nur Peanuts. Doch

der Riese hat inzwischen Berufung eingelegt, wohl

wissend, dass das Berliner Urteil als Signal wirkt für

weitere, viel größere Verfahren. So klagen gleich

mehrere Unternehmen und Städte gegen die Mitglieder

des Aufzugskartells. Zu der Streitgenossen-

schaft gehören die Deutsche Bahn, die Berliner Verkehrsgesellschaft,

die Hamburger Hochbahn sowie

Stadtwerke und Verwaltungen aus Essen, Nürnberg,

Dortmund, Bielefeld und Köln. Als Geschädigte

des Aufzugskartells fordern sie Ersatz in Höhe

von 46 Millionen Euro – plus Zinsen. Einem Insider

zufolge dürfte sich die Summe gegen Thyssen-

Krupp, Kone und Otis inzwischen auf mehr als 90

Millionen Euro addiert haben. Wie im Fall Düsseldorf

entscheidet auch hier das Landgericht Berlin

über die Klage. Dieser Prozess beginnt im Januar

nächsten Jahres.

ThyssenKrupp-Chef Heinrich Hiesinger droht

gleichzeitig Ärger in Belgien und den Niederlanden.

„Es gibt in Bezug auf das Aufzugskartell weitere

Schadensersatzklagen von Kunden in Benelux,

die sich auf die Kommissionsentscheidung berufen“,

bestätigt die Essener Konzernzentrale. Auch in

Österreich sind Klagen anhängig. ThyssenKrupp

habe „Vorsorge bezüglich der Rückstellungen getroffen“.

Die Höhe wollte das Unternehmen aber

nicht nennen.

Beobachter wundern sich, dass sich der Prozess

seit 2007 hinzieht. Beim 2011 bekannt gewordenen

Schienenkartell einigte sich ThyssenKrupp inzwischen

mit der Deutschen Bahn auf Rückzahlung eines

dreistelligen Millionenbetrages. Hiesinger steht

intern wegen seiner oft zögerlichen Art in der Kritik

(siehe Seite 54).

christian.schlesiger@wiwo.de | Berlin, silke wettach | Brüssel

Abgestraft

Verhängte Geldbußen

der EU wegen Teilnahme

am Aufzugskartell

(in Millionen Euro)*

ThyssenKrupp

Otis

Schindler

144

Kone

142

225

*verhängt2007;

Quelle:EU-Kommission

320

FOTO: NETZHAUT/DIRK HOPPE

12 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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SCHIFFFAHRT

Wenig Schutz vor Piraten

Über ihre Arbeit sprechen sie

nicht gern, Details wollen sie

nicht nennen – nicht Andreas

Radelbauer, Geschäftsführer

der Münchner Result Group,

nicht Alexander Benecke von

der Essener Condor-Gruppe.

„Aus Sicherheitsgründen“, sagt

Benecke. Die beiden Unternehmen

gehören zu einer exklusiven

Gruppe. Nur vier Firmen

dürfen derzeit Sicherheitskräfte

auf Schiffe entsenden, die unter

deutscher Flagge fahren. Denn

von dieser Woche an ist das nur

noch Unternehmen erlaubt, die

das Bundesamt für Wirtschaft

und Ausfuhrkontrolle dafür zugelassen

hat. Bisher besitzen

erst vier Firmen solch eine Erlaubnis,

darunter zwei deutsche:

Result und Condor.

Sie sollen die Schiffe vor Piraten

schützen. „Bisher ist noch

kein bewaffnetes Schiff überfallen

worden“, sagt Christof

Schwaner vom Verband Deutscher

Reeder. Vor der somalischen

Küste nehmen die Attacken

zwar ab, aber vor Nigeria

und neuerdings vor Chile greifen

Piraten immer häufiger an. Wer

ohne Schutz in die Gefahrenzonen

fährt, muss extrem hohe

Versicherungsprämien zahlen.

Trotzdem liegen Bundesamt-

Präsident Arnold Wallraff

Erst vier Firmen zugelassen

Behördenchef Wallraff

bisher nur 15 Anträge von Sicherheitsunternehmen

vor, anvisiert

waren 40. Rund 11000 bis

19500 Euro kostet die Zulassung,

die nach zwei Jahren erneuert

werden muss. „Für manchen

Wachdienst zu viel“, sagt ein Insider,

„die verlegen sich dann

aufs Makeln, vermitteln Reedern

externe Kräfte.“ Dafür ist kein

Siegel nötig.

„Die Einführung dieser Zulassung

führt zu einer Marktbereinigung“,

sagt Condor-Manager

Benecke. Und zu einem

Umdenken, hofft er. „Hoheitliche

Befugnisse werden auf private

Unternehmen übertragen“,

so Benecke. „Vielleicht dürfen

wir irgendwann auch den

Schutz von Botschaften und

Konsulaten übernehmen.“

hermann.olbermann@wiwo.de

Aufgeschnappt

Abgestürzt Wiederholt sich die

Geschichte? Vor der Bundestagswahl

fielen 16 Prozent der

Medienberichte über CDU-

Chefin Angela Merkel positiv

aus, 25 Prozent negativ. Nach

der Wahl waren nur noch 7 Prozent

positiv, 37 Prozent waren

negativ, so eine Studie von Mediatenor.

Dem Ex-Oberliberalen

Guido Westerwelle war es bei

der Bundestagswahl 2009

ähnlich ergangen: Die Zahl der

negativen Berichte stieg nach

dem Urnengang von 15 auf 38

Prozent, die Zahl der positiven

fiel von 13 auf 6 Prozent.

Twittern ab 18

Der Kurznachrichtendienst

führt eine

Alterskontrolle

ein. So können

Unternehmen

das Alter ihrer

Follower überprüfen.

Zuvor

müssen sich die

Firmen unter

age.twitter.com

registrieren lassen. Der Dienst

bietet sich insbesondere für

Alkoholhersteller und Tabakkonzerne

an, die so Minderjährigen

den Zugang zu Tweets sperren

können. Die Whiskey-Brennereien

Jack Daniels und Jim Beam

nutzen das schon.

SOLARWORLD

Schwer

belastet

Christian Strenger, Aufsichtsrat

der Fondsgesellschaft DWS und

Corporate-Governance-Experte,

fordert Solarworld-Chef

Frank Asbeck auf, sich finanziell

stärker an der Sanierung

des Solarunternehmens zu engagieren.

Es sei „mehr Risikokapital

nötig als die zehn Millionen

Euro, die Asbeck neu in die

Gesellschaft einbringt“, sagte

der Privataktionär Strenger. Asbeck

müsse dem knapp der Insolvenz

entronnenen Konzern

„mindestens 50, aber eher 100

Millionen zur Verfügung stellen,

um seinem unveränderten

Geschäftskonzept eine echte

Chance zu geben“.

Normalerweise dürfe auch

„der Vorstand nach einem Milliardenverlust

nicht wieder Chef

einer restrukturierten Gesellschaft

sein“, sagte Strenger.

Er hat Solarworld gerade eine

Schlappe vor dem Bundesgerichtshof

beschert. Der lehnte

die Revision gegen ein Urteil

des Oberlandesgerichtes Köln

ab. Damit sind Asbeck und sein

Aufsichtsrat für das Geschäftsjahr

2010 nicht entlastet worden.

Genau das hatte Strenger

mit seiner Klage bezweckt.

annina.reimann@wiwo.de | Frankfurt

Schadenshöhe 2012 nach Kriminalitätsfeldern

in Deutschland

Insolvenzdelikte

Betrug

Anlage- und

Finanzierungsdelikte

Betrug/Untreue mit

Kapitalanlagen

Abrechnungsbetrug

im Gesundheitswesen

Arbeitsdelikte

64 Mio.€

49 Mio.€

346 Mio.€

272 Mio.€

Wirtschaftsverbrechern auf der Spur

Fallzahlen

1,9 Mrd. € 11518

1,2 Mrd. €

47829

6415

5141

4379

10701

Entwicklung der Schäden durch

Wirtschaftskriminalität in Deutschland

3,4

Mrd. €

3,4

Mrd. €

4,7

Mrd. € 4,1

Mrd. € 3,8

Mrd. €

FOTOS: PR (2)

Wettbewerbsdelikte

Quelle: BKA

15 Mio.€

2409

2008 2009 2010 2011 2012

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 13

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Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

Wahlfreiheit

Wohltuende Handlungsalternative,

die

guttut. Balsamcreme

für die Seelenpsyche.

Glücksfröhliche

Spaziergangswanderung

auf einer duftriechenden

Rasenwiese.

Unausweichliche Loslösung

vom Zwang,

nicht entrinnen zu

können. Entbindung

von der Entfesselung

fremdbestimmter Festlegungen.

Chance,

sich zum Beispiel entscheiden

zu können

zwischen einer

staatlichen Renten-,

Kranken-, Pflege- und

Arbeitslosenversicherung.

Das Glück,

öffentlich-rechtlichen

Rundfunk nicht nicht

zu finanzieren.

DER FLOSKELCHECKER

Carlos A. Gebauer, 49,

arbeitet als Rechtsanwalt in

Düsseldorf, wurde auch als

Fernsehanwalt von RTL und

SAT.1 bekannt.

KANZLEIEN Michael Pluta

»Die Zahl echter Sanierer

ist überschaubar«

Der Ulmer Insolvenzverwalter baut eine

Beratungssparte für Krisenunternehmen auf.

Problembranchen hat er schon ausgemacht.

Herr Pluta, in diesem Jahr gab

es zwar eine Reihe spektakulärer

Unternehmenspleiten. Aber

insgesamt liegt die Zahl der Insolvenzen

auf dem niedrigsten

Stand seit der Jahrtausendwende.

Was heißt das für Sie

als Insolvenzverwalter und für

Ihre Kanzlei?

In einzelnen Regionen wie Baden-Württemberg

bekommen

wir natürlich zu spüren, dass

die Wirtschaft brummt und Insolvenzen

eher Randerscheinungen

sind. Aber wir sind

deutschlandweit aufgestellt

und zudem in Spanien und Italien

präsent, sodass unser Geschäft

insgesamt sehr stabil

läuft. Für viele kleinere Insolvenzkanzleien

stellt sich aber

tatsächlich die Frage, wie es

weitergeht. Es wird sicherlich

eine Reihe von Kanzlei-Zusammenschlüssen

geben.

Wie wollen Sie bei der Neuordnung

des Marktes mitmischen?

Die Insolvenzverwaltung spielt

bei Pluta kontinuierlich rund 25

bis 30 Millionen Euro pro Jahr

ein. Wenn wir weiter wachsen

wollen – und das wollen wir –,

müssen wir vor allem zusätzliche

Felder erschließen. Ab dieser

Woche werden wir uns nicht

mehr nur um Insolvenzfälle

kümmern, sondern auch ins

Beratungsgeschäft einsteigen.

Dafür stellen wir unsere

Sanierungssparte neu auf. Von

München und Frankfurt aus

wird mein Sohn Maximilian das

Geschäftsfeld leiten. Im Vordergrund

steht dabei die Beratung

von Unternehmen in Krisensituationen.

Daneben werden

wir Gläubiger und Investoren

begleiten. Die brauchen nicht

ihren klassischen Unterneh-

mensberater, sondern müssen

wissen, wie Insolvenzverwalter

ticken, welche Unternehmenswerte

realistisch sind und welche

juristischen Finessen es gibt.

Kommen Sie damit nicht zu

spät? Der Markt für Sanierungsberater

ist gut besetzt.

Berater gibt es viele, aber die

Zahl echter Sanierer ist überschaubar.

Anders als viele Wettbewerber

legen wir die

Schwachstellen eines Unternehmens

nicht nur auf Power-

Point-Folien dar, sondern greifen

auch aktiv ein und

versuchen, eine Gesellschaft

wieder auf Kurs zu bringen. Das

heißt, bei Bedarf gehen wir mit

kleinen Teams direkt in das Management

eines angeschlagenen

Unternehmens und arbeiten

operativ an der Sanierung

mit. Dabei können wir von den

Erfahrungen profitieren, die wir

in Jahrzehnten der Insolvenzverwaltung

gesammelt haben.

Auch dort geht es ja längst nicht

mehr nur um die Abwicklung,

sondern auch um die Rettung

von Unternehmen.

DER LOKFÜHRER

Pluta, 63, steuerte

den Modellbahnhersteller

Märklin

durch die Insolvenz.

Seine Sozietät

zählt mit Standorten

in 33 Städten zu

den größten Insolvenzkanzleien

des

Landes.

Sie betonen sonst gerne die

Unabhängigkeit des Insolvenzverwalters

– jetzt wollen Sie

plötzlich als Krisenmanager

und Berater Geld verdienen.

Sicherlich gibt es einen Konflikt

zwischen den Tätigkeiten:

Als Berater bin ich natürlich

meinem Auftraggeber verpflichtet,

als Verwalter bin ich

dagegen unparteiisch und allen

Gläubigern gleichermaßen verpflichtet.

Als einzelne Person

kann ich diese beiden Positionen

– an einem Tag Berater zu

sein, am anderen unabhängiger

Verwalter – nur schwer hinbekommen.

Deshalb wollen wir

die Bereiche und Mitarbeiterteams

auch klar voneinander

trennen.

Aus welchen Branchen könnten

denn Ihre künftigen Mandanten

stammen? Wo sehen Sie die

nächsten Krisenfälle?

Der stationäre Einzelhandel leidet

darunter, dass immer mehr

Kunden im Internet einkaufen.

Für viele Händler wird es damit

schwerer, kostendeckend zu arbeiten.

Probleme werden auch

viele Autozulieferer bekommen:

Sinken die Absatzzahlen,

geben die großen Autohersteller

den Druck sofort an ihre Lieferanten

weiter. Das zieht sich

wie eine Blutspur durch die

Branche. Wer am Ende der Auftragskette

steht und ersetzt werden

kann, wird in der Krise gnadenlos

aussortiert.

henryk.hielscher@wiwo.de

ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER; FOTO: IMAGO//PPFOTODESIGN

14 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

BANKENAUFSICHT

Geschacher um Top-Jobs

Kandidat für den Vizeposten EZB-Direktoriumsmitglied Constancio

An der Spitze ist alles klar: Die

Französin Danièle Nouy soll die

neue Bankenaufsicht bei der

Europäischen Zentralbank

(EZB) leiten. Doch nun ist das

Geschacher um die weiteren

Posten entbrannt. Die portugiesische

Regierung wirbt mit

großem Einsatz dafür, dass

EZB-Direktoriumsmitglied

BANKEN

Lukrative

Gehälter

Trotz Regulierung und Ertragsschwäche

bleibt das Bankerdasein

lukrativ. Das ist das

Ergebnis einer Untersuchung

von 38 deutschen Top-Banken

Bestens dabei

WasBanker in Deutschland

verdienen (in Tausend Euro)

Vorstandschef

Vorstand

500

Bereichsleiter

237 367

Abteilungsleiter

155 223

Teamleiter

120 159

696

Angaben für 2013; Quelle:

Hostettler, Kramarsch Partner

673

933

Fixgehalt

Gehalt insgesamt

Vitor Constancio Vize wird.

Dagegen verhalte sich Berlin

passiv, wundern sich Entscheider

in Brüssel. „Die Deutschen

machen Nullkommanull“, sagt

ein Insider. Deutschland habe

sich frühzeitig gekümmert,

heißt es dagegen in Regierungskreisen.

Für den Vizeposten,

der an ein EZB-Direktoriums-

durch die Frankfurter Vergütungsberatung

Hostettler

Kramarsch Partner (hkp). Die

Gehälter der Vorstandsvorsitzenden

sanken in diesem

Jahr im Mittelwert zwar um

knapp sechs Prozent, die der

einfachen Vorstände um 1,6

Prozent. Aber dafür stiegen die

Gehälter von Bereichsleitern

(plus 2,5 Prozent) und Abteilungsleitern

(plus 3,5 Prozent).

„Die Erfolgsmessung

und die Auszahlungsmodelle

haben sich deutlich verändert,

aber ohne erkennbare Auswirkungen

auf die Höhe der Gesamtvergütung“,

sagt hkp-Partner

Werner Klein. Am besten

verdienten Manager im Investmentbanking

und der Vermögensverwaltung.

Mit knapp

fünf Millionen Euro Jahressalär

lagen die Vorstandschefs der

Deutschen Bank, Anshu Jain

und Jürgen Fitschen, vorn.

cornelius.welp@wiwo.de | Frankfurt

mitglied geht, haben die Deutschen

aber keinen Kandidaten,

da Jörg Asmussen schon abgewinkt

hat.

Großes Interesse zeigt der Luxemburger

Yves Mersch. Der

Belgier Peter Praet hält sich bisher

zurück, würde aber zusagen,

wenn er gebeten würde.

Für ihn spricht, dass EZB-Präsident

Mario Draghi gerade mit

dem Belgier Frank Smets einen

renommierten Ökonomen zu

seinem Berater ernannt hat.

Der könnte als Chefökonom für

Praet nachrücken. Der Vize der

Bankenaufsicht wird von der

EZB bestimmt und muss vom

Europäischen Parlament bestätigt

werden.

Für einen deutschen Kandidaten

blieben auf der Beamtenebene

einer der vier Generaldirektorenposten.

Derzeit werden

für diese Stellen Interviews

geführt. Die Personalberatung

Egon Zehnder organisiert den

Prozess, die Entscheidungen

sollen noch in diesem Jahr

fallen.

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

AKTION

Spenden für

WiWo-Abos

Die WirtschaftsWoche unterstützt

den Bundesverband

Kinderhospiz e. V., und Sie können

mitmachen. Für jedes

neue Abonnement spendet die

WirtschaftsWoche fünf Euro.

Der Bundesverband Kinderhospiz

wurde 2002 gegründet,

er vertritt die Interessen von

zwölf stationären und rund

100 ambulanten Kinderhospizdiensten.

In Deutschland leben etwa

23 000 Kinder und Jugendliche

mit unheilbaren Krankheiten,

jährlich sterben daran rund

5000.

Weitere Möglichkeit zur Unterstützung

finden Sie im Internet

unter: www.aufmerksam

keit-spenden.de

DREI FRAGEN...

...zum Handy im Flieger

Reinhold

Huber

51, Produktchef

von

Lufthansa

Passage

n Die US-Telekommunikationsaufsicht

FCC will

Mobilfunk in Flugzeugen erlauben.

Begrüßen Sie das?

Außerhalb der USA ist dies ja

bereits gestattet, wenn das

Flugzeug dazu ausgelegt

ist. Daher ist der Schritt zu

begrüßen.

n Die Lufthansa will das

Telefonieren an Bord trotzdem

untersagen?

Wir wissen, dass sich die

deutliche Mehrheit der Fluggäste

durch Telefonate gestört

fühlt. Auch nach den

jüngsten Ankündigungen erreicht

mich eher Zustimmung

für die Position. Und wir sind

gut beraten, auf unsere Kunden

zu hören und Sprachtelefonie

nicht zuzulassen – das

gilt übrigens auch für Skype.

Neben unserem Breitband-

Internet-Zugang über WLAN

rüsten wir derzeit auch die gesamte

Langstreckenflotte mit

Mobilfunktechnik aus. Damit

möchten wir Gästen noch

mehr Entscheidungsfreiheit

bieten, mit welcher Technik

sie Datenkommunikation

betreiben.

n Aber was nützt Mobilfunktechnik,

wenn man nicht

mobil telefonieren kann?

Es besteht auf unseren Langstreckenflugzeugen

die volle

Nutzungsmöglichkeit von

SMS und MMS, Datensynchronisation

und allen Möglichkeiten

der Internet-Kommunikation.

Da sind wir weiter

als alle Wettbewerber. Wer unbedingt

telefonieren möchte,

kann dies per fest installiertem

Satellitentelefon tun.

thomas.stölzel@wiwo.de

FOTO: PICTURE PRESS / XINHUA, PR

16 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

WIRTSCHAFTSWOCHE

Ausgezeichnet

Preisregen für die Wirtschafts-

Woche: Melanie Bergermann

erhält den Georg von Holtzbrinck

Preis für Wirtschaftspublizistik

für ihre Geschichte

„Finger weg“ über die dubiosen

Finanzprodukte der S&K-Gruppe.

Außerdem wird Bergermann

für ihre gemeinsam mit

Cornelius Welp verfasste Sparkassen-Analyse

„Vertreibung

aus dem Paradies“ geehrt.

Florian Zerfaß wird mit dem

Buse Award ausgezeichnet für

seinen Bericht „Oh, wie schön

ist Kanada“. Darin schildert er,

mit welchen Methoden Conserve

Oil deutsche Anleger anlockt.

Niklas Hoyer, Annina Reimann

und Sara Zinnecker bekommen

den State Street-Preis

für ihren Bericht „In Zukunft

nur die Hälfte?“ über die Lebensversicherer.

Frank Doll

und Martin Gerth gewannen einen

State Street-Preis für ihren

Spekulanten-Bericht „Trockene

Tatsachen“.

Andreas Menn wird für seinen

Beitrag „Casting im Kosmos“

mit dem Medienpreis

Luft- und Raumfahrt ausgezeichnet.

Darin beschreibt er,

wie Raumfahrtunternehmen

Rohstoffe im Weltraum gewinnen

wollen.

DAIMLER

Parkplätze

vermitteln

mdw@wiwo.de

02.12. Daimler Nach BMW stellt nun auch der Autobauer

Daimler seine neue Online-Vertriebsstrategie vor.

Es wird erwartet, dass der Konzern neben A- und

B-Klasse auch das Mittelklassemodell C-Klasse

über das Web vertreiben will.

EU-Außengrenze In der EU startet am Montag

das neue Grenzüberwachungssystem Eurosur.

Es soll unter anderem helfen, Schmuggler und

Menschenhändler zu fassen sowie illegale

Einwanderer zu stoppen. Dabei kommen

Drohnen, Offshore-Sensoren, Satelliten

und andere Aufklärungsgeräte

zum Einsatz.

04.12. Generation Praktikum EU-Arbeitskommissar

Laszlo Andor stellt am Mittwoch seine Pläne für

Qualitätsstandards bei Praktika vor. Demnach soll

ein Grundgehalt zur Deckung der Lebenshaltungskosten

Pflicht werden, ebenso eine klare Aussage

zu den Chancen einer späteren Anstellung.

05.12. Verkehr In Brüssel treffen sich am Donnerstag die

EU-Verkehrsminister. Sie beraten über die Neuordnung

des Eisenbahnmarktes und den Aufbau

eines Netzes von Ladestationen für Elektroautos.

Handwerk Die Vollversammlung des Zentralverbandes

des Deutschen Handwerks wählt einen

neuen Präsidenten. Für den Posten kandidieren

Franz Prebeck (Handwerkskammer Niederbayern-

Oberpfalz), Rainer Reichhold (Stuttgart) und Peter

Wollseifer (Köln). Amtsinhaber Otto Kentzler, seit

2005 auf dem Posten, tritt nicht mehr an.

07.12. FDP Die angeschlagenen Liberalen wählen am

Samstag auf einem zweitägigen Sonderparteitag

in Berlin ihren neuen Bundesvorstand. Einziger

Kandidat für den Parteivorsitz ist Christian

Lindner, Vorsitzender des nordrhein-westfälischen

Landesverbandes.

TOP-TERMINE VOM 02.12. BIS 08.12.

Über die Tochter Car2Go und

mit dem Kleinwagen Smart

ForTwo bietet Daimler schon

seit einer Weile Carsharing an.

Nun können die Kunden auch

ihre Parkplätze teilen. Park2gether

heißt das Angebot von

Daimler Mobility Services, das

jetzt gestartet ist. Über eine App

können Besitzer von Parkplätzen

diese stunden- oder tageweise

vermieten. Den Preis legen

Vermieter und Mieter selbst

fest. Park2gether erhält 25 Prozent

der Einnahmen. Getestet

wird das System derzeit in Berlin

und Hamburg, weitere Orte

sollen folgen. „Alle Großstädte

in Deutschland stehen an“, sagt

Projektleiterin Meltem Aytac.

Neben Privatleuten hat das

Startup auch Firmen im Visier,

deren Parkflächen am Wochenende

oder abends ungenutzt

sind. „Wir sind mit bekannten

Namen im Gespräch“, sagt Aytac,

„doch die Entscheidungswege

sind da etwas länger.“ In

dem jungen Markt hat Daimler

schon Konkurrenz, etwa die

Startups Parkinglist und Parku.

oliver.voss@wiwo.de

Stellplatz-Sharing gestartet

Daimler-Projektleiterin Aytac

BOEING

Streit um

Beihilfen

Schreckt Europäer auf

US-Gouverneur Inslee

Der Streit zwischen Amerikanern

und Europäern um die

Subventionierung der Flugzeugbauer

Boeing und Airbus geht in

eine neue Runde. Die Europäer

sind erbost über die Ankündigung

der Amerikaner, das neue

Boeing Modell 787X zu unterstützen.

Der Gouverneur des

Staates Washington, Jay Inslee,

will die Subventionen seines

Bundesstaates bis 2040 verlängern,

obwohl die Welthandelsorganisation

(WTO) die Beihilfen

als illegal einstuft. Sie sollten

2024 auslaufen. „So handelt kein

WTO-Mitgliedstaat, der seine internationalen

Pflichten ernst

nimmt“, klagte ein Vertreter der

Generaldirektion Handel der

EU-Kommission bei der jüngsten

WTO-Anhörung zu dem Fall

in Genf. „Trotz der Urteile und

Empfehlungen der WTO hat sich

die Situation der EU und von Airbus

nicht verbessert, sondern

verschlechtert“, sagte der Vertreter

der EU.

Laut WTO haben die USA

dem Flugzeugbauer Boeing

zwischen 2007 und 2012 fast

sechs Milliarden Dollar an Hilfen

gewährt, für die Entwicklung

und den Bau von großen

zivilen Flugzeugen. Allerdings

kritisieren die Amerikaner, die

Europäer hätten WTO-Urteile

zur Subventionierung von Airbus

nicht richtig umgesetzt.

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

FOTOS: GETTY IMAGES/ STEPHEN BRASHEAR, PR

18 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft

CHEFSESSEL

STARTUP

PSA PEUGEOT CITROËN

Carlos Tavares, 55, soll den

französischen Autohersteller

zurück auf die Erfolgsspur

pilotieren. Der polyglotte Ingenieur

mit portugiesischen

Wurzeln, der bereits als Motorsportler

und als Spitzenmanager

von Nissan, Avtovaz

und Renault glänzte, löst

im kommenden Frühjahr

Philippe Varin, 61, ab.

ROLAND BERGER

Günter von Au, 62, arbeitet

jetzt freiberuflich als Senior

Advisor für die Unternehmensberatung.

Der Multi-

Aufsichtsrat und Ex-Chef des

Münchner Konzerns Süd-

Chemie ist in der Chemieund

Private-Equity-Szene

bestens verdrahtet. Vor seinem

Wechsel zu Süd-Chemie

2001 hatte er für den

Chemiekonzern Wacker gearbeitet.

Der promovierte

Chemiker folgt dem Beispiel

prominenter Politiker und

Wirtschaftskapitäne. So helfen

auch Hamburgs Ex-Bürgermeister

Ole von Beust und

Ex-O2-Chef Rudolf Gröger

Roland Berger und unterstützen

die Berater mit Knowhow

und Kontakten.

BLACKBERRY

John Chen, 58, kommissarischer

Chef des notleidenden

Smartphone-Herstellers, räumt

in der Vorstandsetage auf.

Finanzvorstand Brian Bidulka

muss gehen. Er verlor wegen

der überraschend schlechten

Zahlen des kanadischen Unternehmens

jegliches Vertrauen

der Wall-Street-Analysten.

Seinen Posten bekommt James

Yersh, der seit 2008 für Blackberry

arbeitet. Wenig überraschend

ist auch der Abgang von

Marketingchef Frank Boulben.

Unter dem gebürtigen Franzosen

büßte der Konzern an

Glaubwürdigkeit ein – trotz

der reichlich bemühten Rockhymne

„Don’t stop believin’“.

Auch Operativchef Kristian Tear

fiel der Neuordnung zum Opfer.

Noch ist unklar, ob diese beiden

Posten wieder besetzt werden.

Am 20. Dezember will Chen die

Quartalszahlen verkünden. Sie

dürften alles andere als rosig

ausfallen.

EIDENSCHINK & PARTNER

Peter Bauer, 53, wechselt ins

Beraterfach. Der Ex-Chef des

Halbleiterkonzerns Infineon

und aktuelle Aufsichtsratschef

des Leuchtenherstellers Osram

wird Geschäftspartner

von Eidenschink & Partner in

Krailling bei München.

WEIHNACHTEN

29,2 Millionen

Weihnachtsbäume kaufen die Deutschen voraussichtlich in diesem

Jahr, so viele wie 2012. Rund 2,2 Millionen Bäume kamen

damals aus dem Ausland, meist aus Dänemark. Hauptanbaugebiet

in Deutschland ist das Sauerland, gefolgt von Niedersachsen.

Die Preise liegen leicht über dem Vorjahr: 18 bis 22 Euro je Meter.

E-VOLO

Mit dem Volocopter ins Büro

30 Kilogramm hat Alexander Zosel (links) schon abgenommen.

450 Kilo darf der Volocopter beladen maximal wiegen, 330 Kilo

beträgt sein Eigengewicht. Der 1,89 Meter große Zosel bringt nun

100 Kilo auf die Waage – und darf seine Erfindung jetzt auch selbst

nutzen: Einen Elektrohubschrauber mit 18 Propellern, den er

gemeinsam mit seinen Mitstreitern Thomas Senkel (rechts) und

Stephan Wolf (Mitte) entwickelt hat.

Gegenüber herkömmlichen Hubschraubern weist der neue

Ultraleichtflieger einige Vorteile auf, wie die drei Unternehmer

sagen: Keine komplizierte Mechanik, das Fliegen ist so einfacher

und sicherer; Verschleiß und Wartungsaufwand sind geringer,

und der Rotorenlärm fällt weg. Im November startete der Volocopter

zum ersten Testflug. Um ihn weiter entwickeln zu können,

sammelt das Karlsruher Startup E-Volo neues Kapital auf der

Crowd-Funding-Plattform Seedmatch ein. Nach nur zweieinhalb

Stunden kam schon eine halbe Million Euro zusammen. 2016 wollen

die E-Volo-Macher die ersten Geräte ausliefern. Langfristig

träumen sie von Privatflügen ins Büro oder zur Oma. Doch erforderlich

ist nicht nur eine

Fakten zum Start

Finanzierung durch Fördermittel,

Partner und Eigenkapital:

2,4 Millionen Euro

Reichweite bei 100 km/h reicht

der Akku für 20 bis 30 Minuten

Preis geplant sind 250 000 Euro

Lizenz für Sportpiloten.

„In Deutschland herrscht

Flughafenzwang“, erklärt

Wolf. Aus Brasilien treffen

schon Anfragen ein. Dort

sind innerstädtische

Helikopterflüge nichts

Besonderes mehr.

oliver.voss@wiwo.de

FOTOS: PR (2), MAURITIUS IMAGES/BUSSE YANKUSHEV

20 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Menschen der Wirtschaft | Chefbüro

Marcus Schmidt

Vorstandssprecher der Reemtsma Cigarettenfabriken

Auf dem Tisch steht tatsächlich

ein Aschenbecher. Hier wird

Rauchen nicht nur geduldet.

Marcus Schmidt, 46, lebt vom

Rauchen. Schon 1992 heuerte

er beim Hamburger Zigarettenhersteller

Reemtsma an, seit

letztem Oktober ist er Sprecher

des Vorstands. Mit dem Rauchen

hat er schon in der Schule

begonnen. Knapp 20 Zigaretten

zieht er sich am Tag rein, Marke

Davidoff Blue. Bekannt wurde

Reemtsma allerdings mit urdeutschen

Marken wie Ernte 23

oder Peter Stuyvesant. Doch

2002 wurde das 1910 gegründete

Unternehmen vom

britischen Konkurrenten

Imperial Tobacco

inhaliert und

setzt seitdem vor

allem auf internationale

Marken, etwa

auf John Player, auf

Gauloises oder auf

360 Grad

In unserer iPad-

Ausgabe finden

Sie an dieser

Stelle ein interaktives

360°-Bild

Davidoff. Eine Schachtel Davidoff

liegt auf Schmidts Tisch,

einem Konferenztisch. „Ich

brauche keinen Schreibtisch,

ich arbeite im Team“, sagt der

Betriebswirt. Die Bilder an der

Wand zeigen rauchende Frauen.

„Smoking Women“ heißt

die Serie, die Starfotograf Peter

Lindbergh geschossen

hat. Für Schmidt

war es ein Leichtes,

an die Fotos zu kommen.

„Ich habe

mir eine Rasierklinge

gekauft, das

„Stern“-Sonderheft,

die Bilder ausgeschnitten

und gerahmt.“ Seither

begleiten sie ihn, waren auch in

Osteuropa und Asien, wo

Schmidt bis vor zwei Jahren die

Reemtsma-Zigaretten unters

Volk brachte. Nun sitzt er in

Hamburg-Bahrenfeld, nahe der

Trabrennbahn, rauscht morgens

gegen neun Uhr mit seinem

silber-grauen Porsche an

und fährt abends so ab, dass er

noch mit seiner dreijährigen

Tochter spielen kann, bevor sie

zu Bett geht. Nur für sein

Hobby bleibt keine Zeit. Seine

Surfbretter sind noch originalverpackt.

Und das seit 1992.

hermann.olbermann@wiwo.de

FOTO: STEFAN KRÖGER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

22 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Miss Vergnügen

BUNDESREGIERUNG | Seit zehn Wochen unterhalten Kanzlerin Angela Merkel und SPD-

Parteichef Sigmar Gabriel die Republik mit ihrem Koalitionszirkus. Man jongliert

mit 620 Milliarden Euro Steuereinnahmen, zaubert Geschenke hervor, verteilt Bonbons

an die Stammkundschaft. Wer holt die Politik aus der Berliner Manege zurück ins

Leben? Die Krise? Der Regierungsalltag? Oder die humorlose SPD-Basis?

Das Wichtigste vorweg: Was Union und SPD da aus lauter

Angst vor ihrem Koalitionspartner ausgehandelt

haben, ist kein Regierungsprogramm, sondern ein

Vierjahresplan. Ob Mindestlohn, Mietpreisbremse,

Maut oder Mütterrente, ob neue Regeln für die Teilzeitarbeit

und Werksverträge, für die Quote und das Schließen geschlechtsabhängiger

Lohnlücken, ob der künftige Europakurs, die

doppelte Staatsbürgerschaft oder die Reform des Erneuerbaren-

Energien-Gesetzes – es gibt buchstäblich nichts, was Angela Merkel

(CDU), Sigmar Gabriel (SPD) und Horst Seehofer (CSU) nicht

auf 185 langen Seiten vereinbart, festgezurrt, beschlossen und

zwecks Erledigung bis 2017 in Stein gemeißelt hätten. Selbst dass

es künftig weniger Staus gibt, die Bahn pünktlicher fährt und es

WLAN für alle gibt, hat diese große Koalition dekretiert. Wozu

braucht es eigentlich noch ein Kabinett?

Wozu die Richtlinienkompetenz der Bundeskanzlerin

und die Ressorthoheit der

Minister? Würden nicht auch ein paar Spitzenvollzugsbeamte

reichen, die die Vorhaben

des großkoalitionären Triumvirats irgendwann

in den nächsten 48 Monaten in

Gesetzesform gießen und den Parteichefs

zur Abzeichnung vorlegen?

Sicher, man kann den Koalitionsbildungszirkus

der vergangenen Wochen

auch anders bilanzieren. Etwas weniger freundlich. Nach dieser

Lesart hat die große Koalition keinen Vierjahresplan, sondern

überhaupt keinen Plan. Insofern haben Union und SPD das

Maximum dessen, was man von ihnen erwarten kann, bereits

vor Regierungsantritt erreicht. Der Höhepunkt ihrer Zusammenarbeit

war jene 17-stündige Sitzung in der Nacht von Dienstag

auf Mittwoch vergangener Woche, in der sich das Triumvirat

aus lauter Erschöpfung darauf einigte, das Land zu schröpfen.

Schließlich ging es beiden Seiten von Anfang an nicht darum,

eine auf Dauer angelegte Koalition einzugehen, die der

Republik zugutekommt und den Deutschen nützt. Sondern

darum, spontan eine Koalition zu bilden, die die Parteivorsitzenden

nicht beschädigt und schon gar nicht die jeweiligen

Kernwählerschaften entsetzt. Daran hat in ganz unverblümter

Weise zuletzt noch einmal Horst Seehofer erinnert: „Das erste

Haben die einen

Vierjahresplan –

oder überhaupt

keinen Plan?

Interesse“ von Union und SPD musste sein, so Seehofer, dass jeder

„seine Wahlversprechen hält und durchsetzt“ – und erst „das

zweite, dass das Land in vier Jahren mindestens genauso gut

dasteht wie heute“.

EIN VERTRAG DER ADDIERTEN RÜCKSICHTNAHMEN

Es ist kein Trost, dass der gesetzgeberische Ausarbeitungseifer der

großen Koalition in spe daher keinen ideologischen, sondern bloß

einen strukturellen Urgrund hat. Wir sind in den vergangenen Tagen

und Wochen nicht Zeugen einer „Sozialdemokratisierung der

Republik“ im Sinne eines politisch gewollten, aus Überzeugung

eingeleiteten Linksrucks geworden, sondern von Stabilisierungsarbeiten

an einer Beziehung, die keiner will. Union und SPD haben

einen Ehevertrag ausgehandelt, der ihre alsbaldige Scheidung vorwegnimmt,

der die Partner, so gut es eben

geht, für die Zeit nach der Trennung absichern

soll. Das Ergebnis der nächtlichen

Verhandlungsrunde ist kein Koalitionsvertrag

mühsam ausgehandelter Kompromisse,

sondern ein Koalitionsvertrag addierter

Rücksichtnahmen. Schwarz-Rot – das ist

die kostspielige Summe der Nachsicht, die

Union und SPD, „dem Auftrag der Wähler“

gehorchend, aneinander üben.

Die große Koalition hat sich in den zurückliegenden

Verhandlungswochen ganz bewusst keine schwarzroten

Regierungsspielräume eröffnet, sondern sich – und damit

die Politik insgesamt – höchst einvernehmlich in Ketten gelegt. Sie

hat sich bis 2017 zur freiwilligen Geisel all der Anfänge, Prüfaufträge

und Vorhaben gemacht, die sie meinte sich um des bloßen

Funktionierens willen auferlegen zu müssen. Ihr Grenznutzen ist

deshalb bereits vor ihrer Vereidigung überschritten. Das Beste, was

sie zu bieten hat, liegt bereits hinter ihr – und dieses Beste war eine

beinah erheiternde, sehr adventliche Do-ut-des-Politik des Gebens

und Nehmens. Man jonglierte mit 620 Milliarden Euro Steuereinnahmen,

zauberte bis zu 40 Milliarden Euro schwere Geschenke

aus dem Ärmel, verteilte reichlich Bonbons an die (ältere)

Stammkundschaft – und vertraut nun darauf, dass auch in der Politik

der mathematische Grundsatz gilt, wonach das Minus der

Union (Maut und Mütterrente) mal das Minus der SPD (Min-

»

ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER

24 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Wunschkoalition?

Wasdie Deutschenwollen

SPD skeptisch

Wasdie Parteianhängerwollen

Die Unantastbare

Hauptsache,Merkel

66%*

55%

37%*

32%

43%

31 %*

71%

55%

58% 55%

26%

CDU/CSU-Anhänger

SPD-Anhänger

Gesamt

39% 40%

...weniger zufrieden/

garnichtzufrieden

30%

Mitder

Arbeitvon

AngelaMerkel

sind...

69%

...sehr

zufrieden/

zufrieden

GroßeKoalition Schwarz-Grün Neuwahlen

*AnfangOktober;Quelle:Infratest dimap

Ichbegrüße eine

großeKoalition

AndereRegierung

wäre mirlieber

kenneich nicht/ 1%

kein Urteil

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 25

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Politik&Weltwirtschaft

»

destlohn und Rente mit 63) am Ende Plus (Senkung der Staatsschulden

von 80 auf unter 60 Prozent des BIPs) ergibt. Früher

nannte man so etwas Milchmädchenrechnung. Heute nennt man

es „Politik für die Menschen“ (Union) oder „Politik für die kleinen

Leute“ (SPD).

GÜLTIG BIS ZUR NÄCHSTEN STEUERSCHÄTZUNG

Offen bleibt, wer oder was die Großkoalitionäre aus der Berliner

Manege wieder zurück ins Leben holt. Die Rückkehr der Euro-Krise?

Ein konjunktureller Einbruch? Eine Zinserhöhung der EZB?

Oder doch schon die humorlose SPD-Basis? Dass die große Koalition

bei Regierungsantritt – zumal im europäischen Vergleich – das

wirtschaftlich gesündeste anzunehmende Deutschland vorfindet

und ganz ohne Not einem unkalkulierbaren

Belastungstest unterzieht, wird sich

schon bald als ihre schwerste Hypothek erweisen.

Tatsächlich reicht die Gültigkeit des stolz

präsentierten Koalitionsvertrags nicht weiter

als bis zur nächsten Steuerschätzung.

Alles, was die drei Parteichefs an Mehrausgaben

beschlossen haben, basiert auf der

ziemlich kühnen Annahme, dass Bund,

Länder und Gemeinden auch künftig Einnahmerekorde

vermelden – eine Annahme, die umso optimistischer

ist, je weniger so manche Beschlüsse der großen Koalition

(Teilzeit, Mindestlohn) zu der Hoffnung Anlass geben, sie könnten

die Wirtschaft stimulieren.

Das Thema Steuererhöhung ist daher so wenig vom Tisch wie

das Thema Neuverschuldung, im Gegenteil: Nicht ob die Koalition

in den nächsten vier Jahren vor einer Zerreißprobe steht, ist die

Frage, sondern nur wann. Ein anderes Beispiel: der Mindestlohn.

8,50 Euro mit Ausnahmen für Auszubildende und Praktikanten,

teils schrittweise eingeführt bis 2017 – das hört sich zunächst einmal

fast vernünftig, jedenfalls recht maßvoll an. Aber was, wenn

zwischenzeitlich die Konjunktur lahmt, die Unternehmen entlassen,

die Nachfrage wegbricht? Will die Union dann allen Ernstes an

einem Plan festhalten, der mutmaßlich die Arbeitslosigkeit fördert

Die Wünsche der

Union sind teuer,

die der SPD

moralisch vergiftet

und Jugendlichen ohne Ausbildung vor allem in ostdeutschen

Bundesländern keine Chance lässt – nur weil sie sich der SPD gegenüber

auf die Einhaltung eines solchen Plans verpflichtet hat?

An Stellen wie diesen reißt im Koalitionsvertrag der entscheidende

Unterschied zwischen den Herzensanliegen auf, die sich

die Lebensabschnittspartner großmütig erfüllt haben: Während

die Wünsche der Union bloß teuer (Mütterrente) und unsinnig

(Maut) sind, sind die der SPD auch moralisch vergiftet. Ihnen liegt

die vollkommen irrige Annahme zugrunde, Fortschritt, Wachstum,

das Wohl der Menschen und die soziale Gerechtigkeit ließen

sich mit politischer Herbeiplanung unbedingt besser befördern als

ohne. Statt die komplexe Wirklichkeit sich möglichst differenziert

und ergebnisoffen vollziehen zu lassen, sie schiedsrichterlich zu

beobachten und behutsam korrigierend zu

begleiten, neigt die SPD (noch immer) dazu,

das Gutgemeinte in eine unvorhersehbare

Zukunft hinein gesetzgeberisch festnageln

zu müssen – koste es, was es wolle.

Während die Merkel-Union das Prinzip

der schmerzlindernden Nachsorge verfeinert,

indem sie zum Beispiel laufend ihre

Energie- und Europapolitik revidiert, berichtigt,

verbessert und innenpolitisch den

ein oder anderen Missstand am Arbeitsmarkt

behebt, ist die Gabriel-SPD vom Prinzip Vorsorge durchdrungen,

will ständig beschützen, bewahren und eingreifen, will

die Rechte von Arbeitnehmern und Niedriglöhnern retten, Frauen,

Kinder und Arme in Obhut nehmen.

PALLIATIVPOLITIK TRIFFT PRÄVENTIVPOLITIK

Welchen Politikstil die Deutschen bevorzugen, darüber haben

sie am 22. September abgestimmt: Merkels Palliativpolitik für alle

qualifiziert die CDU zur großen Volkspartei – Gabriels Präventivpolitik

für jeden Einzelnen die SPD zu Merkels Juniorpartner. Allein:

Eine rahmensetzende Ordnungspolitik, die am ehesten helfen

könnte, das vollmundige Versprechen des Koalitionsvertrags

(„Deutschlands Zukunft gestalten“) einzulösen, ist weder von Union

noch SPD zu erwarten. Merkel navigiert am liebsten ohne Kom-

Koalitionsvertrag

Was CDU/CSU und SPD auf der

Schlussgeraden vereinbart haben.

WEM SCHADEN DIE 8,50 EURO?

Wer Showdowns mag, musste die Koalitionsverhandlungen

lieben. Natürlich, 8,50 Euro

Mindestlohn waren gesetzt. Aber wann und

wie genau, das behielten die Unterhändler

bis zur letzten Nacht für sich. Der gesetzliche

Mindestlohn soll nun ab dem 1. Januar

2015 gelten; tarifliche Ausnahmen bleiben

bis Ende 2016 erlaubt. Ab 2017 gilt der Mindestlohn

flächendeckend. Positiv: Die relativ

sanfte Lösung trägt den schlimmsten Befürchtungen

Rechnung. Negativ: Schlupflöcher

für Azubis und Praktikanten flogen wieder

raus, Langzeitarbeitslose wurden

ignoriert. Beides muss dringend ins Gesetz.

„Für die Beschäftigungschancen junger Arbeitnehmer

wäre jede Ausnahme vom Mindestlohn

hilfreich und wichtig“, plädiert der

Chef der Wirtschaftsweisen Christoph

Schmidt. Aber: „Insgesamt muss man wohl

davon ausgehen, dass die 8,50 Euro eine

sechsstellige Zahl von Jobs kosten werden.“

WIE UNFAIR IST DIE RENTE?

Von Generationengerechtigkeit darf kein

Großkoalitionär mehr sprechen, ohne

tiefrot zu werden. Beide Seiten genehmigten

sich großzügigst Lieblingsprojekte

für ihre Kernklientel. Die Union jubiliert

über die Mütterrente (als Bonus für

Geburten vor 1992). Die SPD bekommt

ihre Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren,

zu denen auch bis zu fünf Jahre

als Arbeitslose zählen – ein Geschenk

an Facharbeiter mit Ausbildung. Grotesk:

Die Rente mit 67, eine Großtat der Vorgänger-GroKo,

wird damit gezielt relativiert.

„Der Beitragssatz muss wahrscheinlich

schon 2016 wieder steigen“, prognostiziert

Alfred Boss vom Institut für Weltwirtschaft.

Sogar die gesetzliche Obergrenze von

20 Prozent im Jahre 2020 ist in Gefahr.

„Schwarz-Rot handelt unverantwortlich“,

sagt Boss. „Die Rentenpolitik ist eine

Katastrophe.“

26 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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DEM LAUF DER DINGE HINTERHERAMTIEREN

Dennoch: Die drei Parteichefs sind fraglos die großen Gewinner

des Koalitionsvertrags. Allen voran Angela Merkel. Die Kanzlerin

ist 2005 als große Reformerin ins Rennen um historische Größe gegangen,

gewiss: Deutschland stehe im internationalen Wettbewerb,

tönte sie damals, das Land dürste nach Deregulierung, Flexibilität

und Veränderung. Nun – niemand hat sich seither so konsequent

dereguliert, so flexibel und veränderungsbereit gezeigt wie

Merkel selbst. Die Kanzlerin hat die Undefiniertheit der Union definitiv

und die Unkonkretheit von Regierungspolitik konkret gemacht.

Immer wenn sie davon spricht, dass die Union drei Wurzeln

hat – eine liberale, eine konservative, eine christlich-soziale –,

erinnern sich die CDU-Mitglieder daran, dass Merkel sie ihrer politischen

Heimat beraubt hat. Merkels Führung erschöpft sich (und

uns) in situativer, ideell anspruchsloser, bestenfalls pragmatischprofessioneller

Politik nach Vorschrift und Geschäftslage. Ein

gesellschaftliches Leitbild, ein ordnendes Ziel, der Wille zur politischen

Gestaltung – das alles fehlt ihr. Ihre CDU ist geradezu definiert

als Dauerregierungspartei, die dem Lauf der Dinge hinterheramtiert,

um sich stets auf der Höhe der gegenwärtigen Mehrheitsmeinung

zu befinden. Das ist alles.

pass auf offener See. Während Gabriel gern mit Sozialweltkarte

und Gerechtigkeitssextant über Gewerkschaftskanäle schippert.

Und Seehofer? Nun, der ist, was er ist: der größte anzunehmende

Freistaatskapitän, der stets verlässlich hart am Wind segelt.

DIE UNBERÜHRBARKEIT VON ANGELA MERKEL

Und das ist mehr als genug. Angela Merkels Unberührbarkeit hat

in den vergangenen zehn Wochen beinah schon göttliche Züge angenommen.

Die große Koalition ist von den Medien ex ante verprügelt,

von der SPD-Linken angegriffen und von der CSU unter

Bedingungen gestellt worden – allein Merkel stand nie zur Debatte.

Gerhard Schröder, Helmut Kohl, Helmut Schmidt, ihre Vorgänger

– sie alle hafteten persönlich für ihre Politik, sie alle wurden angegiftet,

verhöhnt, zuweilen diffamiert. Merkel nicht. Es ist, als

würde sie als eine Art Heiliger Geist ihrer selbst umgehen: unfassbar,

unantastbar, erhaben über alle Händel – ganz gleich, ob sie für

Atomkraft, den Mindestlohn und die doppelte Staatsbürgerschaft

ist oder dagegen. Offenbar fühlen sich die Deutschen gerade deshalb

bei Merkel gut aufgehoben, weil sie jedweder Gesinnungsfestigkeit

abhold ist. Ihre vornehmste Aufgabe bestünde dann darin,

die programmatischen Überspanntheiten der Parteien und Interessenverbände

kenntlich zu machen und quasipräsidial zu temperieren.

Und diese Aufgabe erfüllt Merkel mit Bravour. Sie personifiziert,

ob neben Guido Westerwelle (2009) oder zwischen Gabriel

und Seehofer (2013), den Ausgleich, die Mitte – das angenehme

Antitestosteron.

Die äußere Ruhe, mit der Merkel in den vergangenen Wochen die

öffentlich ausgebreiteten Befindlichkeitsstörungen von politischen

Großkalibern wie Hannelore Kraft, Ralf Stegner und Florian Pronold

(alle SPD) ertragen hat – das war ja beinahe überirdisch.

»

ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER; FOTOS: VISUM/STEFAN KIEFER, PICTURE-ALLIANCE/DPA

WARUM WIRD PFLEGE TEURER?

Hier ist der Koalitionsvertrag mal eindeutig:

Pflege wird teurer. Spätestens 2015 steigt

der Beitrag zur gesetzlichen Pflegekasse

um 0,3 Prozentpunkte und beträgt dann

2,35 Prozent vom Einkommen oder der

Rente. Vor der Wahl 2017 soll der Beitrag

erneut um 0,2 Punkte auf 2,55 Prozent erhöht

werden. Kinderlose zahlen ohnehin

mehr, für sie werden erst 2,6 Prozent des

Einkommens fällig, dann 2,8 Prozent.

Mit den zusätzlichen Einnahmen von insgesamt

gut fünf Milliarden Euro im Jahr will

die Koalition Demenzkranke versorgen und

eine Demografiereserve aufbauen. Ungeklärt

sind anspruchsvolle Fragen, etwa wie

man Pflegebedürftigkeit bei Alzheimer

misst. Fest steht, dass niemand, der bisher

Leistungen bekam, schlechter stehen soll.

WIE GESUND SIND DIE KASSEN?

Bei der gesetzlichen Krankenversicherung

bleiben Union und SPD ungenauer, es wird

aber auch tendenziell teurer. Arbeitgeber

und Versicherte zahlen nach dem Willen

der Fast-schon-Regierung jeweils hälftig

einen Beitragssatz von 14,6 Prozent des

Einkommens oder der Rente. Der Anteil der

Arbeitgeber wird auf Wunsch der Union

bei 7,3 Prozent festgeschrieben. Kommt eine

Krankenkasse mit dem Geld nicht aus,

kann sie einen Zusatzbeitrag erheben. Der

wird künftig aber nicht mehr in festen

Beträgen – etwa acht Euro je Monat – erhoben,

sondern ebenfalls prozentual zum

Einkommen, also etwa 0,5 Prozent. Der

bereits heute von Arbeitnehmern extra zu

tragende Anteil von 0,9 Punkten soll in

den Zusatzbeitrag einfließen. Der Satz von

14,6 Prozent liegt unter dem heute gültigen,

von allen Kassen erhobenen einheitlichen

Beitragssatz von 15,5 Prozent.

WIE TEUER WIRD ENERGIE NOCH?

Langsamer, aber wohl nicht billiger wird die

Energiewende. Gebremst wird beim Zubau

neuer Ökostromanlagen durch niedrigere

Ziele: Erneuerbare sollen 2025 zwischen 40

und 45 Prozent des Stromverbrauchs und

2035 55 bis 60 Prozent des Stromverbrauchs

liefern. Heute sind es knapp 25

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 27

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Politik&Weltwirtschaft

Die Deutschen werden es Merkel nicht vergessen. Sie konnte in

den vergangenen Wochen nicht fröhlich flotte Leitartikel verfassen,

in denen von Linksruck, Sozialismusgefahr und dem Ende des wirtschaftlichen

Sachverstands die Rede war. Sie musste als strahlende

42-Prozent-Siegerin eine Notregierung zimmern, Kompromisse

schmieden, Kreide fressen, Kröten schlucken. Angela Merkel saß

ruhig und machte ihre Arbeit, wie sie sagt – wie immer. Sie stellte

fest, dass aus vielen Flexibilisierungen des Arbeitsmarktes „Missbrauch

entstanden“ ist, und reagierte – das ist nicht links, sondern

nüchtern. Ihr Lohn: Sie wird auch dann gut dastehen, wenn der

Konjunkturmotor ins Stottern geraten sollte. Denn dann wird es heißen:

Nicht Merkel wollte einen „Politikwechsel“, sondern die SPD.

»

Noch nie hat die Union in wenigen Wochen so viel verloren wie

seit dem Abend ihres Triumphes. Acht Prozentpunkte mehr und

ein Minister weniger – das war das eine. Viel schwerer wog, dass die

überragende Wahlsiegerin hilflos mit ansehen musste, wie das gesamte

Land von den größten aller Wahlverlierer, von den Linken in

der SPD, in Geiselhaft genommen wurde. Tatsächlich schauten die

Deutschen zum ersten Mal seit der Demission von Gerhard Schröder

(2005) mal wieder mit einer gewissen Faszination auf die deutsche

Sozialdemokratie. Schauten auf einen Parteitag, bei dem sich

die SPD für eine Koalition mit Volker Kauder (CDU) locker machte

und zugleich für eine künftige Koalition mit Sahra Wagenknecht

(Die Linke). Und schauen jetzt auf die Genossen in Essen-Kupferdreh

und Duisburg-Ruhrort, die Gabriel zum Vizekanzler begnaden

und Merkel widerwillig die Lizenz zum Regieren erteilen.

DIE SPD STEHT VOR EINER RICHTUNGSWAHL

Aber auch Gabriel gebührt Respekt, der den SPD-Mitgliederentscheid

mit Leidenschaft und Mut zum Risiko zu einer innerparteilichen

Richtungswahl stilisiert hat: Entweder ihr weint und

greint weiter, liebe Genossen, weil die Deutschen alle vier Jahre

so blöd sind, 100 Prozent eurer Beglückungsangebote auszuschlagen

– oder ihr setzt jetzt mehr von eurem Wahlprogramm um,

als es das Ergebnis zulässt. Anders gesagt: Gabriel lässt darüber

abstimmen, ob die SPD eine Partei der moralisierenden Rechthaber

und zerquälten Oppositionsnarzissten bleiben oder doch

mal wieder in die Nähe von 30 Prozent kommen will. Für viele

Genossen ist das eine Zumutung, gewiss. Für die SPD ist es vielleicht

eine Befreiung.

Nach dem Vertrag ist vor der Politik – warten wir es also ab. Den

SPD-Mitgliederentscheid. Die übliche Schonfrist von 100 Tagen.

Die große Koalition kann keine Erwartungen enttäuschen, das ist

kein kleiner Vorteil. Vor allem aber hat sie einen Vertrag der detaillierten

Planlosigkeit abgeschlossen, von dem nur gewiss ist, dass

die Realität sich ihm entziehen wird.

Ob die Pläne dann den Realitäten angepasst werden oder die

Realität den Plänen – allein davon wird am Ende abhängen, ob die

Koalition glückt oder nicht.

n

dieter.schnaas@wiwo.de | Berlin

Lesen Sie weiter auf Seite 30 »

Prozent. Doch auch Länder, die teils stark

auf den Ausbau setzen, müssen mitziehen.

Denkbar wird eine Regelung wie bei

der Solarförderung: je stärker der Zubau,

desto schneller sinkt die Subvention. Das

könnte Investoren in ein Windhundrennen

treiben: Rasanter Zubau würde die Kosten

für die Verbraucher erst recht hochtreiben.

Gegen strenge Kürzungen sprechen allerdings

die Koalitionspläne für Windparks auf

See. Ihre Betreiber bekommen die hohe

Förderung von 19 Cent je Kilowattstunde

auch noch, wenn ihre Anlage erst 2019

statt wie bisher vorgegeben bis 2017 ans

Netz geht.

HOFFNUNG FÜR STUDENTEN?

Ursprünglich planten die Koalitionäre eine

Offensive für Deutschlands Bildungslandschaft.

Der Bund sollte sich wieder dauerhaft

an der Finanzierung der Hochschulen

beteiligen dürfen. Doch die Grundgesetzänderung

fiel in ideologische Gräben (die

SPD wollte das Kooperationsverbot auch

für Schulen kippen). Der Bund zahlt in den

kommenden vier Jahren zwar drei Milliarden

Euro mehr, um außeruniversitäre Forschungseinrichtungen

und Hochschulen zu

unterstützen. Aber der Streit geht weiter.

Wiedervorlage in den Bund-Länder-Finanzverhandlungen.

WER BEZAHLT BESSERE KITAS UND

STRASSEN?

Na gut, Horst Seehofer hat seine Pkw-

Maut. Experten bezweifeln aber, dass sie

nennenswert zur Finanzierung der maroden

Verkehrswege beiträgt. Aber auch ohne

Vignette will die Koalition fünf Milliarden

Euro mehr für Straßen, Schienen und

Wasserwege geben, hinzu kommen sechs

Milliarden Euro für den Bau von Krippen,

Kitas, Schulen und Hochschulen. Der Wirtschaft

ist dies zwar nicht genug, aber die

wichtige Sanierung der Infrastruktur wird

wenigstens begonnen.

KIPPT DIE KALTE PROGRESSION?

Leider nicht!

max.haerder@wiwo.de | Berlin,

christian schlesiger, cordula tutt

ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER; FOTO: CARO/SCHWARZ

28 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

INTERVIEW Stanislaw Tillich

»Reserven verplant«

Der sächsische Ministerpräsident fürchtet durch den Koalitionsvertrag

Jobverluste in Ostdeutschland – und warnt den Bund vor Wortbruch.

Herr Ministerpräsident, was im

Koalitionsvertrag ist CDU?

Sehr viel! Das Wichtigste für mich: keine

Steuererhöhungen, keine europäische

Schuldenunion und ein ausgeglichener

Haushalt. Das ist beispielgebend für

andere europäische Staaten.

Und alles, was nichts kostet, machen

dann die Sozialdemokraten?

Das wäre zu kurz gesprungen. Wichtig

ist, dass wir nicht nur mehr Geld für die

Renten geben, sondern den größten

Batzen in Forschung und Hochschulen –

sogar mehr als in die Infrastruktur. Die

Hauptaufgabe der Koalition ist, die

Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands zu

sichern und sogar noch auszubauen.

Zu sehr freuen dürfen Sie sich nicht,

sonst sagt die SPD-Basis: Nein!

Der Mitgliederentscheid ist eine Sache

der SPD. Für die Bundesrepublik

Deutschland hat der Wähler entschieden.

Die rot-grünen Träume mit Steuererhöhungen

zu finanzieren – diese Idee

ist abgestraft worden. Die Genossen

sollten sich der Realität stellen.

Die Finanzplanung sieht bis 2017

Spielraum von 15 Milliarden Euro. Wie

kann die Koalition nun 23 Milliarden

DER OBER-SACHSE

Tillich, 54, der CDU-Politiker regiert seit

2008 in Dresden, davor war der Diplomingenieur

Finanz- und Umweltminister.

ausgeben, ohne neue Schulden zu

machen?

Das ist das kleine Geheimnis des Finanzministers.

Aus meiner Erfahrung als ehemaliger

Landesfinanzminister kann ich

sagen: Man sollte nie ganz nackt dastehen.

Das heißt umgekehrt: Nun sind wirklich

alle stillen Reserven verplant?

Ja, alle Reserven im Bundeshaushalt

dürften nun verplant sein. Anders als an

anderen Stellen ist der Koalitionsvertrag

beim Finanzrahmen sehr konkret.

Regiert das Prinzip Hoffnung, weil mit der

Konjunktur nichts schiefgehen darf?

Das ist korrekt. Deshalb müssen wir alles

dafür tun, dass am Arbeitsmarkt der

Schwung anhält und das Wachstum intakt

bleibt. Aber das ist ja auch das Ziel der

Regierung. Trotzdem bleibt ein Risiko.

International ist derzeit jedoch nicht zu

sehen, dass eine neue Krise heraufzöge.

Das ist die Voraussetzung, damit die

Finanzplanung der Regierung aufgeht.

Und wenn nicht?

Natürlich gäbe es dann eine Debatte, wo

das Geld herkommen kann. Umschichtungen

im Haushalt und die Neujustierung

von Prioritäten sind die richtige Antwort.

Ich kann nur hoffen und raten, dass

man die Lasten nicht wieder durch neue

Schulden künftigen Generationen aufbürdet.

Sondern weiter am Abbau der

Schulden arbeitet.

Moment, den Schuldenabbau hat die

große Koalition gerade gekippt.

Entschuldigung, ich hab da versehentlich

an unsere Arbeit gedacht! Generationengerechtigkeit

und keine neuen Schulden

sind in Sachsen in der Tat selbstverständlich.

Insofern können andere noch besser

werden. Aber mehr war jetzt nicht drin.

Reichen denn die Beschlüsse zur

Entschärfung der Energiewende?

Ich finde da zumindest viele Vorschläge

aus Sachsen wieder. Die Abstände von

Windrädern zur Wohnbebauung werden

größer. Der Zubau erneuerbarer Energien

soll sich am Ausbau der Netze orientieren.

Aber da ist im Detail noch viel zu tun.

Umweltverbände monieren, der Umbau

der Stromversorgung gerate ins Stocken.

Das Bremsen ist kein Problem. Wir haben

ja eine Energiewende bis 2050 beschlossen,

nicht bis 2015. Langsamer bekommen

wir es billiger, weil die technische Entwicklung

voranschreitet. In den letzten Jahren

hat sich die Leistungsfähigkeit beim Wind

beispielsweise verdoppelt. Unsere Unternehmen

können auch damit auf dem

Weltmarkt punkten.

Aber Sie brauchen die Grünen für eine

Mehrheit im Bundesrat.

Das wird nicht einfach, das gebe ich zu. In

den Sondierungen mit den Grünen habe

ich festgestellt, dass sich bei den Erneuerbaren

Kompromisse finden ließen. Aber

mit der Rolle der fossilen Kraftwerke haben

die immer noch ein Problem, insbesondere

mit Kohlekraftwerken.

Wo gerade Sachsen massive Interessen

hat wegen der heimischen Braunkohle.

In Nordrhein-Westfalen ändert sich

doch schon die Einstellung der Grünen

in der Regierung. Die kommunalen

Haushalte hängen stark von den dortigen

Energieversorgern und deren fossilen

Kraftwerken ab. Das ist die Realität. Die

RWE-Bilanz wird da die Grünen auf Linie

bringen.

Können die Länder mit dem Koalitionsvertrag

insgesamt zufrieden sein?

FOTO: ROBERT MICHAEL

30 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Eher nein! Es gab vor ein paar Monaten bei

den Verhandlungen zum Fiskalpakt eine

Zusage des Bundes, dass, beginnend mit

vier Milliarden Euro und einem weiter dynamisierten

Anstieg, die Eingliederungshilfe

Behinderter vom Bund übernommen

wird. Jetzt steht da eine Milliarde drin. Das

ist ein kleines Pflästerchen, das nicht die

Probleme der Kommunen löst.

Also ein Wortbruch?

Das wird die Verhandlungen über die

Neuordnung der Bund-Länder-Finanzbeziehungen

bestimmen. Für uns Sachsen

schmelzen die Solidarpaktmittel bis

zum Jahr 2020 um 3,6 Milliarden ab. Die

erste Milliarde haben wir schon über

Wachstum kompensiert – ohne neue

Schulden. Gerade deshalb können wir auf

die Übernahme der Eingliederungshilfe

nicht verzichten. Der Bund muss seine

Zusage einhalten.

dass die Sonderwirtschaftszonen in Polen

bis 2026 verlängert wurden. Dort werden

für einfache Arbeiten keine 8,50 Euro bezahlt.

Auch deutsche Unternehmen

könnten dorthin verlagern, denn da gibt

es nun erst mal 13 Jahre Planungssicherheit.

Aber wenigstens kommt der Mindestlohn

nicht zum 1. 2. 2014, sondern

Zug um Zug, anders als es die SPD wollte.

Aber auch nicht 2017, wie Unions-

Politiker suggerieren. Es wird kaum Tarifverträge

geben, die so lange fortgelten.

Das stimmt, sehr viele werden das nicht

sein. Und jetzt finden Sie natürlich keinen

Gewerkschafter mehr, der für die

nächsten Jahre unter 8,50 Euro abschließt.

Eine Gruppe macht mir besonders

Sorge: Junge Leute dürfen nicht verleitet

werden, auf eine Ausbildung mit

600 oder 800 Euro zu verzichten, weil sie

künftig mit einem Aushilfsjob und Min-

»Ich kann nur raten, Lasten nicht

kommenden Generationen aufzubürden«

Das bringen Sie nun bei jedem Zustimmungsgesetz

der neuen Bundesregierung

als Druckmittel vor?

Etwas eleganter werden wir es schon machen.

Richtig ist: Es kann nicht sein, dass

der Bund Gesetze erlässt – wie damals die

Hartz-Gesetze –, und die Kommunen haben

die Lasten zu tragen. Die Koalitionsverhandlungen

waren eher Spaß im Vergleich

zu dem, was uns bei den Bund-Länder-Gesprächen

zur Finanzausstattung bevorsteht.

Gefährdet der Mindestlohn Sachsens Bemühungen

um die Stärkung der Region?

Faire Arbeit muss fair bezahlt werden, und

ein Facharbeiter mit 6,50 Euro – ich habe

neulich einen getroffen– ist eine Schweinerei.

Aber der Mindestlohn zielt ja zuvorderst

auf die schwer Vermittelbaren ohne

abgeschlossene Ausbildung. Für die wird

es künftig schwieriger, das muss man ehrlich

sagen. Niemand schließt aus, dass dieser

Mindestlohn Arbeitsplätze gefährdet,

nicht einmal die SPD. Das trifft insbesondere

den Osten.

Droht Billigkonkurrenz aus Osteuropa?

Diese Gefahr sehe ich nicht. Erstens werden

da teilweise für Facharbeiter schon höhere

Löhne gezahlt, oder deren Arbeitskräfte gehen

in andere EU-Länder. Eine Gefahr ist,

destlohn 1400 Euro verdienen können.

In Österreich ist das wohl so. Das wäre

fatal, dann verspielen die jungen Leute

durch den Mindestlohn ihre Zukunft.

Ihr Koalitionspartner Holger Zastrow

sagt, der Mindestlohn sei „eine

Katastrophe für Ostdeutschland“.

Da liegt er nicht ganz falsch. Wir haben

uns versprochen, dass die Koalition in

Berlin keine negativen Auswirkungen

auf unsere Zusammenarbeit haben wird.

Ich sage jedem in Berlin: Mit uns könnt

ihr nicht rechnen. Wenn die FDP nicht

will, werden wir im Bundesrat nicht zustimmen

können.

Wollen Sie Schwarz-Gelb fortsetzen,

oder folgen Sie wie Ihr Kollege Bouffier

in Hessen der Bitte von CDU-Chefin

Merkel und machen Schwarz-Grün?

Mir ist nicht geläufig, dass es solche

Bitten gegeben hat.

Schade, Ihr Augenzwinkern können wir

nicht drucken.

In Sachsen kämpft jeder für sich allein,

wir werden keine Koalitionsaussage für

irgendwen machen. Aber die FDP bei

uns ist kampagnenfähig. Und die große

Koalition spielt denen in die Hände. n

henning.krumrey@wiwo.de | Berlin

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 31

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Politik&Weltwirtschaft

Trauer im Tower

HESSEN | Schwarz-Grün in Wiesbaden wird den wichtigen Frankfurter

Flughafen im internationalen Wettbewerb zurückwerfen.

Good Day, USA“, lautet der verheißungsvolle

Taufname der nagelneuen

Lufthansa-Frachtmaschine, die

Mitte November vom Frankfurter Flughafen

zum Erstflug nach New York abhob.

Doch der Freude der Lufthanseaten über

ihren neuen 270-Millionen-Dollar-Flieger

folgte schnell Katerstimmung. Hessens

Ministerpräsident Volker Bouffier hat als

Zuckerl für die Koalitionsverhandlungen

mit den Grünen sogleich Kompromisse zulasten

des Flughafens in Aussicht gestellt.

Der CDU-Mann soll die Union zu den

Grünen hin öffnen. Seit die SPD

im Bund ein künftiges Zusammengehen

mit der Linken nicht

mehr ausschließt, ist ein mögliches

Bündnis mit den Grünen

auch auf Bundesebene eine

wichtige Machtoption für die

Unions-Vorsitzende Angela

Merkel. Da hat der Flughafen

eben Pech. Eine Ausweitung

des Nachtflugverbots ist nun

ziemlich sicher, der geplante

Neubau des dringend nötigen

dritten Terminals am Rhein-

Main-Airport dagegen reichlich

ungewiss.

Lufthansa-Chef Christoph

Franz protestierte gemeinsam

mit Verdi-Chef (und Grünen-

Mitglied) Frank Bsirske. Auch

die Pilotengewerkschaft Cockpit

warnt vor einer Schwächung

der deutschen Luftfahrt. Der Flughafen

operiert ohnehin schon am Limit – trotz

der 2011 in Betrieb genommenen neuen

Landebahn. Denn seither gilt ein strenges

Nachtflugverbot zwischen 23 und 5 Uhr.

„Schwarz-Grün wird den Rhein-Main-Airport

in einen Schönwetterflughafen verwandeln“,

sagt ein hochrangiger Vertreter

der deutschen Luftfahrtindustrie. Das

heißt:Sobald Nebel, Sturm und Streiks den

Flugplan durcheinanderwirbeln oder bei

Ferienbeginn Passagiere in Massen anstürmen,

bricht der Betrieb regelmäßig zusammen.

Das immer enger gezogene Zeitfenster,

in dem Maschinen starten und landen

dürfen, lässt keine Möglichkeiten mehr,

Verspätungen aufzufangen. Schadenfroh

werben Konkurrenten der Lufthansa und

des Frankfurter Flughafens damit, bei ihnen

würden die Passagiere nicht stranden.

Die Fluggesellschaften, allen voran die

Lufthansa, haben auch in den Randstunden

des Nachflugverbots Verbindungen

gestrichen. Zu groß ist die Gefahr, bei nur

geringfügigen Verspätungen gar nicht

mehr abheben zu dürfen. Ein profitabler

Flugbetrieb ist in Nähe der Flugverbotszeit

nicht mehr möglich. Denn wenn mehrere

Hundert Passagiere eines am Boden gebliebenen

Jumbojets über Nacht auf Kos-

Mehr Ruhe im Anflug

Anti-Fluglärm-Demo

in Frankfurt

Jährlich fliegen 58 Millionen

Passagiere über Frankfurt

ten der Lufthansa oder einer anderen Airline

im Hotel übernachten müssen, ist

schnell mal der wöchentliche Gewinn der

betroffenen Flugverbindung weg.

BESONNEN, ABER KONSEQUENT

Hessens Grüne unter Führung von Tarek

Al-Wazir haben im Landtagswahlkampf

gefordert, das Nachtflugverbot von 22 bis 6

Uhr auszuweiten. Als Kompromiss der Koalitionsverhandlungen

mit der CDU könnten

auch einzelne Bahnen während der

Randstunden von 22 bis 23 Uhr und 5 bis 6

Uhr gesperrt werden. Bei Hessens Unternehmerschaft

und Managern gilt Al-Wazir

als besonnen, aber konsequent. Das heißt

im Klartext: Ihm und seiner Wählerklientel

liegen Lärmschutz näher als Wirtschaftswachstum

und Standortpolitik.

Auch die grüne Parteibasis muss einem

Koalitionsvertrag mit der CDU zustimmen.

Ihr kann Al-Wazir nicht mit leeren Händen

gegenübertreten. Für den Wirtschaftsfaktor

schmerzhafte Einschnitte wären ein

passendes Geschenk an die grüne Basis.

Der Ministerpräsident hat zum Start der

Koalitionsverhandlungen auch die geplante

dritte Abfertigungshalle für Passagiere

infrage gestellt. Der Flughafenbetreiber

Fraport will 2015 oder 2016 mit dem Bau

des Terminals 3 beginnen. Jetzt soll er noch

mal überlegen, ob er dieses wirklich

braucht. Diese Forderung klingt fast unverschämt,

angesichts der steigenden Passagierzahlen.

Die beiden bestehenden Terminals

können rund 64 Millionen Passagiere

je Jahr abfertigen, bis 2020 dürfte das jährliche

Passagieraufkommen jedoch bereits

von derzeit 58 Millionen auf 70

Millionen steigen. Der Neubau

muss also schleunigst starten.

Schon jetzt verpassen Tausende

Touristen und Geschäftsreisende

ihre Flieger, wenn sie zu Ferienbeginn

stundenlang vor den

spärlich gesäten Kontrollschaltern

Schlange stehen müssen.

Auch die Frachtflieger der

Lufthansa bangen nun, ob sich

ihre Investitionen überhaupt

noch auszahlen. 700 Millionen

Euro will die Cargo-Tochter in

den Neubau ihres Luftfrachtzentrums

stecken, hinzu kommen

millionenschwere Ausgaben

für neue Maschinen wie die

„Good Day, USA“. Mit der „Ni

Hao, China“ und der „Jambo Kenya“

sind die nächsten Langstreckenfrachter

schon bestellt.

Dazu kommt: Das für den Flughafen zuständige

Wirtschaftsministerium in Wiesbaden

könnte in einer schwarz-grünen Koalition

den Grünen zufallen. Der Wirtschaftsminister

kann über die Verwaltung deutlichen

Einfluss auf die Geschicke des Flughafens

nehmen. So muss das Ministerium

Ausnahmen vom Nachtflugverbot einzeln

genehmigen, wenn etwa während eines Unwetters

Maschinen tagsüber liegen gelieben

sind. Ein lärmschutzorientierter Minister

wird weniger Ausnahmen zulassen.

Dann heißt es bei Crew und Passagieren

der gestrandeten Maschinen nicht mehr

„Good Day, USA“, sondern „Gute Nacht,

Frankfurt“.

n

mark.fehr@wiwo.de | Frankfurt

FOTO: SASCHA RHEKER

32 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Die Wahrheit zumuten

EURO-ZONE | Knapp ein Jahr nach seinem Amtsantritt als Vorsitzender der Euro-Gruppe ist Jeroen

Dijsselbloem weit weniger bekannt als sein schillernder Vorgänger Jean-Claude Juncker. Mit seiner

unprätentiösen, pragmatischen Art erweist sich der Niederländer als kluger Stratege in der Krise.

Der Minister mag der mächtigste

Mann im Raum sein, aber wann

hier das Licht ausgeht, bestimmt jemand

anderes. „Ich schalte jetzt gleich ab“,

ruft die Saaldienerin in einem Ton, der

keinen Zweifel lässt, dass sie umgehend

zur Tat schreiten wird. Jeroen Dijsselbloem

blickt kurz auf, bittet seinen Gesprächspartner

zur Tür und wechselt sogar noch

einmal die Richtung als die weiß bekittelte

Angestellte ihm bedeutet, den Klompé

Zaal doch durch den Hintereingang zu

verlassen.

Knapp zweieinhalb Stunden hat Dijsselbloem

in seiner Funktion als niederländischer

Finanzminister den Abgeordneten

im Parlament in Den Haag Auskunft über

die kommende Sitzung der Euro-Finanzminister

in Brüssel gegeben. Wenn die

Saaldienerin an diesem trostlosen Herbsttag

nun nach Sitzungsende pünktlich Feierabend

machen will, dann stellt sich der

Sozialdemokrat ihr nicht in den Weg.

In Berlin ist Bundesfinanzminister Wolfgang

Schäuble schon wegen ganz anderer

Begebenheiten ausgerastet. Dijsselbloem,

47, kommt es indes gar nicht in den Sinn, gegen

den rüden Rauswurf aus dem Sitzungssaal

zu protestieren. Genauso wenig wie er

im Laufe des Nachmittags auch nur die Spur

von Unmut gegenüber den sechs Abgeordneten

zur Schau gestellt hätte. Einer lümmelt

über weite Strecken reglos auf dem

Tisch, ein anderer wirft Begriffe wie „nationale

Backstops“ und den „Europäischen Abwicklungsfonds“

durcheinander und lässt

mehr Freude an Populismus als Sachkenntnis

erkennen. Dijsselbloem beantwortet

Frage für Frage präzise und ohne zu zögern.

ES PASSIERT SO VIEL

Auftritte wie diesen in der Tweede Kamer,

dem Parlament, hält er für seine Pflicht. „Es

passiert so viel in Brüssel, wir müssen die

Parlamente mitnehmen“, sagt er.

Dijsselbloem, seit knapp einem Jahr Vorsitzender

der Euro-Gruppe, gehört zu den

eher seltenen Politikern, die ihr Ego zu-

Unser Mr. Euro Der niederländische

Finanzminister Dijsselbloem

FOTO: ACTION PRESS/ROBIN UTRECHT

34 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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ückstellen können. „Er ist nicht um seiner

selbst willen in der Politik, es geht ihm um

Inhalte“, sagt der frühere Chef der Partij van

de Arbeid (PvdA), Wouter Bos.

Dijsselbloems Thema ist nun die Euro-

Krise, und eine größere politische Herausforderung

hat Europa derzeit nicht zu bieten.

Weggefährten wie Bos waren sich von

Anfang an sicher, dass er die Aufgabe meistern

würde. Weil er blitzgescheit sei, weil er

für seine Überzeugungen kämpfe.

Außerhalb der Niederlande herrschte

beim Antritt Dijsselbloems dagegen große

Skepsis. Ausgerechnet ein Agrarökonom,

der kaum mit Finanzthemen zu tun hatte

und noch nicht einmal drei Monate Minister

war, sollte die Euro-Zone führen?

In Brüssel glänzt Dijsselbloem mit seinem

makellosen Englisch, über das ein irischer

Gesprächspartner sagte, er wünschte,

er würde die Sprache selbst so schön sprechen.

Auch fiel seine schnelle Auffassungsgabe

auf. Den Crashkurs seiner Beamten

zur Krise hatte er mühelos verinnerlicht.

»Er ist jemand,

der die Dinge beim

Namen nennt«

Staf Depla, PdvA

Die Kritiker fühlten sich jedoch bestätigt,

als das Hilfspaket für das kleine Zypern im

März zur bisher größten Blamage in der

Euro-Rettung wurde. Binnen zehn Tagen

mussten die Finanzminister ein zweites

Mal anrücken, um ihren Beschluss zu revidieren,

bei dem auch Sparguthaben unter

100 000 Euro angetastet worden wären, wie

das die zypriotische Regierung wollte.

Dijsselbloems Vorgänger an der Spitze der

Euro-Gruppe, der Luxemburger Jean-

Claude Juncker, höhnte hinterher, der Beschluss

habe ja zwangsläufig „mangelhaft“

ausfallen müssen, schließlich sei er ohne

sein Zutun zustande gekommen. Dijsselbloem

dagegen zeigte Größe, er übernahm

die politische Verantwortung für die Entscheidung.

„Dabei hatten alle Anwesenden

ausnahmslos für die erste Variante gestimmt“,

sagt einer, der dabei war.

Kurze Zeit später jaulten die Kritiker wieder

auf, als Dijsselbloem die Zypern-Rettung,

bei der Anteilseigner und Kunden zur

Kasse gebeten wurden, im Interview als

„Muster“ für künftige Interventionen be-

zeichnete. Die Börsen brachen ein, die Euro-Gruppe

versuchte durch ein Statement

zu beschwichtigen. Dijsselbloem sei zu offen,

spreche nicht die Sprache der Finanzmärkte,

hieß es damals. Monate später

wunderte er sich noch über den Aufruhr,

den er verursacht hat. „Ich benenne ein

Problem, biete die auf der Hand liegende

Lösung an, und trotzdem darf ich darüber

nicht sprechen“, sagte er Ende Juni im Interview

mit der niederländischen Zeitschrift

„Vrij Nederland“.

ZU JEDER ZEIT

Die politische Realität hat Dijsselbloem

längst recht gegeben. Mittlerweile herrscht

Konsens, dass Gläubiger und Großanleger

bei Bankenrettungen mit einbezogen werden

sollen. Aber nicht jede Wahrheit kann

in Europa zu jeder Zeit ausgesprochen

worden.

Seither ist Dijsselbloem vorsichtiger geworden,

versucht nicht mehr, auf jede Journalistenfrage

direkt zu antworten, erlaubt

sich, schwierige Themen zu umschiffen.

Seinem Naturell entspricht das nicht. „Er

ist jemand, der die Dinge beim Namen

nennt“, sagt sein Freund, der PvdA-Abgeordnete

Staf Depla.

In Brüssel führte Dijsselbloem einen völlig

neuen Arbeitsstil ein. „Unter Juncker zogen

sich die Treffen der Finanzminister bis

drei, vier Uhr morgens hin“, erinnert sich

ein Minister. „Er führte uns an unsere physischen

Grenzen.“ Oft war die Stimmung

schlecht, es gab Streit. Nun beginnen die

Sitzungen der Euro-Gruppe am Nachmittag

und enden rechtzeitig vor dem Abendessen.

Die furchtbaren Räucherfischplatten,

die als Imbiss gereicht wurden, aber

niemandem schmeckten, sind ersatzlos

gestrichen.

Auf die jovialen Gesten seines Vorgängers

verzichtet Dijsselbloem ebenfalls.

Juncker umarmte alle Sitzungsteilnehmer,

klopfte ihnen auf die Schulter, begrüßte

die Damen mit Küsschen. Von Dijsselbloem

gibt es einen freundlichen Händedruck

und einen kurzen Plausch. Freunde

wie Depla sagen, dass sich hinter der

ernsten Fassade Dijsselbloems ein sehr

herzlicher Mensch verberge. Aber diese

Herzlichkeit stellt er nicht bei jeder

Gelegenheit zur Schau.

Sitzungsteilnehmer loben die straffe Gesprächsführung.

„Die Debatten kommen

auf den Punkt“, sagt ein Minister. Unter

den Teilnehmern aus Südeuropa und den

kleinen Ländern kommt besonders gut an,

dass Dijsselbloem auch Bundesfinanz-

»

Jeroen Dijsselbloem:

»

Mein Politikstil ist recht geradlinig.

Das sorgt manchmal für Aufregung.«

zu seinem politischen Auftreten

»

Ich bin an sich kein

Zahlenfetischist.«

zum Amtsantritt als Finanzminister

»

Banken gehen nach wie vor Risiken

ein, und wenn etwas schiefgeht,

reichen sie die an den Staat weiter.

Die einzige Art, damit umzugehen,

ist, den Bankern zu sagen: Nein, Jungs,

ihr seid die Risiken eingegangen,

dann kümmert euch drum!«

zur Geschäftspolitik der Banken

»

Journalisten forderten massiv,

dass ich meinen Mund hätte halten

und lügen sollen.«

zu künftigen Bail-ins bei Banken

nach der Zypern-Rettung

müssen mehr Klartext reden.«

»

Wir

zum Reformstau in den Euro-Ländern

»

Wir haben in Brüssel schon

genügend Präsidenten.«

zum deutsch-französischen Wunsch nach

einem Vollzeit-Präsidenten der Euro-Gruppe

»

Wie in jeder Gemeinschaft müssen

die Mitglieder den Mut haben,

sich gegenseitig mit unbequemen

Wahrheiten zu konfrontieren.«

zur EU-Politik

»

Solidarität erfordert Leistung.

Solidarität ist keine Wohltätigkeit.«

zur Euro-Krise

»

Moralismus ist nicht widerwärtig.«

zur Moral in der Politik

»

Bei der Förderung der

Unterschicht geht es nicht ohne eine

gewisse Bevormundung.«

zur Sozialpolitik

»

Der Individualismus geht davon

aus, dass jeder hochgebildet,

mündig und durchsetzungsfähig ist.

Aber nicht jeder ist imstande,

selbstständig zu entscheiden, vor

allem nicht unter Migranten.«

zur Ausländerpolitik

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 35

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Politik&Weltwirtschaft

Minister unter sich Dijsselbloem (rechts) mit seinem französischen Kollegen Pierre Moscovici

(links) und dem schwedischen Finanzminister Anders Borg

»

minister Schäuble und seinen französischen

Kollegen Pierre Moscovici stoppt,

wenn die glauben, als Vertreter der beiden

größten Staaten besonders großzügig Redezeit

in Anspruch nehmen zu können.

Auch scheut sich Dijsselbloem nicht,

Schäuble darauf hinzuweisen, dass

Deutschland eine Einzelmeinung vertrete

und ein Kompromiss nur zustande komme,

wenn sich alle bewegten. Seit sich der

Euro-Gruppen-Vorsitzende auch über niederländische

Positionen hinweggesetzt

hat, die der Staatssekretär bei den Treffen

in Brüssel vertritt, hat er sich endgültig bei

allen 17 Finanzministern Respekt verschafft.

Einer von ihnen lobt ausdrücklich

seine „Neutralität“.

SKEPSIS AUS DEM SÜDEN

Dijsselbloem wusste um die Skepsis, die

ihm vor allem aus dem Süden entgegenschlug.

„Die dachten, da kommt wieder jemand,

der uns sagt, was zu tun ist“, erzählt

er. Deshalb suchte er den Dialog. „Da hilft

nur miteinander reden und gut zuhören.“

Er kann den Kopf so schön schief legen

und sein Gegenüber fest ansehen, um zu

signalisieren, dass eine Botschaft angekommen

ist.

Anders als Juncker, der die Achse Luxemburg

und Brüssel kaum verließ, ist

Dijselbloem nach Athen, Rom und Lissabon

gereist und hat dort nicht nur mit denen

gesprochen, die er ohnehin aus den

Brüsseler Sitzungen kennt, sondern auch

mit Abgeordneten und der Opposition.

Dabei bringt er unbequeme Botschaften

mit. Er ist der Überzeugung, die Euro-Zone

kann die Krise nur überwinden, wenn die

Regierungen ihre Haushalte sanieren. Und

dass ganz Europa wettbewerbsfähiger werden

muss. Weil er aber hinzufügt, dass auch

die Niederlande und Deutschland an ihrer

Wettbewerbsfähigkeit arbeiten müssen,

klingen seine Aussagen nicht überheblich.

Menschen, die mit Dijsselbloem zusammenarbeiten,

bezeichnen ihn als „ausgezeichneten

Taktiker“. Die Sitzungen in

Brüssel bereite er gut vor: „Er entwirft einen

relativ genauen Schlachtplan.“ Auch in

Alle müssen sich

anstrengen –

auch Deutschland

und Frankreich

seiner Partei daheim gilt er als Stratege. „Er

weiß genau, wohin er will“, sagt einer, der

schon lange mit ihm zu tun hat.

Verhandlungsgeschick hat Dijsselbloem

2012 bei den Koalitionsverhandlungen mit

der rechtsliberalen VVD von Ministerpräsident

Mark Rutte bewiesen. Gemeinsam

mit PvdA-Chef Diederik Samsoem führte

er die Gespräche. Anders als in Deutschland

gibt es in den Niederlanden nur zwei

Unterhändler pro Partei, die alle Themen

beackern.

Wenn Dijsselbloem in den Niederlanden

lange Politik an wenig exponierter Stelle

betrieb, dann liegt das auch an seiner mangelnden

Eitelkeit. „Er drängte nicht an die

Spitze“, erinnert sich der frühere PvdA-

Fraktionsführer Bos, dem Dijsselbloem

ebenso wie zwei weiteren Fraktionsführern

als Vize diente. Allerdings sagt Bos auch:

„Er war meine wichtigste Stütze.“

BLING-BLING-KULTUR

Der PvdA war Dijsselbloem mit 19 beigetreten,

obwohl in seiner Familie nie jemand

die Sozialdemokraten gewählt hatte.

Mit 28 vertrat er seine Partei im Gemeinderat

seines Heimatortes Wageningen. Zuvor

hatte er für PvdA-Abgeordnete im Europaparlament

und im nationalen Parlament

gearbeitet. 2000 rückte er selbst als Abgeordneter

in die Tweede Kamer in Den

Haag.

Bekannt wurde er auch, weil er seine Meinungen

gerne deutlich formuliert. So plädierte

er für eine Einheitskleidung für Häftlinge,

um der „Bling-Bling-Kultur“ in Gefängnissen

entgegenzuwirken. Für seinen

Bericht zur Integration von Ausländern erntete

er in seiner Partei im Jahr 2008 böse Kritik,

wurde als „Wilders der Linken“ geschmäht,

in Anspielung auf den Führer der

rechten PVV. Irrwege in der Integrationspolitik

aufzuzeigen kam damals nicht gut an.

„Jeroen geht davon aus, dass man den Menschen

die Wahrheit zumuten kann“, sagt

Staf Depla.

Mit seiner Doppelbelastung als niederländischer

Finanzminister und Chef der

Euro-Gruppe verbringt Dijsselbloem nur

noch wenig Zeit in seinem umgebauten

Bauernhof bei Wageningen, den er mit seiner

Lebensgefährtin und den beiden Kindern

Sam, 18, und Josha, 15, bewohnt.

Reist er nicht in Sachen Euro umher, dann

kehrt er vom Regierungssitz Den Haag

abends zurück und taucht in eine so ganz

andere Welt ein. Im Winter, wenn der

Rhein anschwillt, erreicht er den Hof nur

mit einem Boot, weil das Wasser sein Zuhause

wie eine Insel umschließt.

Morgens pflegt er dann ein ganz besonderes

Ritual: Er füttert die beiden Schweine

und zwei Ferkel, die er gemeinsam mit

Freunden hält. Wäre er nicht am Numerus

clausus gescheitert, hätte Dijsselbloem

gerne Tiermedizin studiert. Über seine

Haustiere sagt er: „Nach einem kurzen,

aber glücklichen Leben sind sie für den

Eigengebrauch bestimmt.“

Es gibt sie noch, die Orte, an denen

Dijsselbloem die Dinge beim Namen nennen

kann.

n

silke.wettach@wiwo.de | Brüssel

FOTO: GETTY IMAGES/AFP

36 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Politik&Weltwirtschaft

Des einen Leid...

FRANKREICH | Von der Einführung des Mindestlohns in Deutschland

erhofft sich die Wirtschaft des Landes einen Aufschwung.

Triste Aussichten

Junge Franzosen

im Job-Center

Kein Vorbild

ArbeitsloseinFrankreich

(inProzent)

50

40

30

20

10

0

Jugenarbeitslosenquote (15bis 24 Jahre)

Langzeitarbeitslosenquote (12Monate undmehr) 1

2009 2010 2011 2012 2013 2

1

in Prozentaller Arbeitslosen; 2 2. Quartal;

Quelle:OECD

Eric Heyer ist wie elektrisiert, seine

Stimme überschlägt sich fast. „Das ist

eine großartige Nachricht für Frankreich“,

jubelt der Ökonom des Konjunkturforschungsinstituts

OFCE in Paris. „Der

Konsum der Deutschen wird zunehmen,

also dürfte auch die Nachfrage nach französischen

Produkten zunehmen. Außerdem

wird Deutschland an Wettbewerbsfähigkeit

verlieren, was der französischen

Wirtschaft ebenfalls zugutekommt.“

Weil Deutschland ab 2015 einen flächendeckenden

Mindestlohn von 8,50 Euro einführen

will, rechnet Heyer mit 0,3 bis 0,4

Prozentpunkten zusätzlichen Wachstums

in Frankreich pro Jahr. Die Nachricht wird

in Paris mit der gleichen Genugtuung aufgenommen

wie die Rüge aus Brüssel für

Deutschlands Exportüberschüsse. „Das ist

ein Signal für ein vielleicht stärkeres Miteinander

in der europäischen Wirtschaftspolitik“,

urteilt Frankreichs Wirtschaftsminister

Pierre Moscovici.

Gebetsmühlenartig kritisiert die sozialistische

Regierung in Paris, Deutschland

wirtschafte auf Kosten der übrigen EU-

Länder. Dumpinglöhne führten zu einer

Exportschwemme, die anderen Ländern

keine Luft zum Atmen lasse. Diese müssten

ihren Konsum durch Schulden finanzieren,

was die Probleme der EU-Krisenstaaten

zusätzlich verschärfe. Jetzt soll sich

also der Starke auf die Schwächeren zubewegen,

nicht umgekehrt. „Es ist ja nicht nur

Frankreich, das dieses unsolidarische Verhalten

moniert“, heißt es dazu aus dem

Wirtschaftsministerium in Paris. „Die EU,

die OECD, der Internationale Währungsfonds,

alle tun es.“

Staatspräsident François Hollande

braucht die Schelte gegen Deutschland,

um von seiner eigenen Misere abzulenken.

Arbeitslosenquote und Staatsverschuldung

steigen ohne Unterlass – Besserung

ist nicht in Sicht. Insgeheim mag der

Staatschef darauf hoffen, ihm könnte ein

ähnlicher Befreiungsschlag gelingen wie

den französischen Nationalkickern. „Man

sagte von dieser Mannschaft, sie werde es

nie schaffen. Aber sie hat es doch geschafft“,

kommentierte Hollande, nachdem

sich die Elf im letzten Moment das Ticket

für die Fußball-WM 2014 in Brasilien gesichert

hatte.

Doch rettet der Mindestlohn Frankreichs

Aufschwung? „Ja, er könnte den Hähnchen-

und Schweineschlachtern in der

Bretagne helfen“, sagt Ulrich Hege, Professor

an der Wirtschaftshochschule HEC Paris;

die Ironie in seinen Worten ist nicht zu

überhören. Dort mussten in der Tat mehrere

Schlachthöfe schließen, weil sie gegen

die Billiglöhne der deutschen Konkurrenten

keine Chance hatten.

ZU STARK GESTIEGEN

„Der Mindestlohn kann Wettbewerbsverzerrungen

verbessern, aber Frankreich

wird nicht unmittelbarer Nutznießer sein“,

sagt Hege. Das Land habe zu viele Wettbewerbsnachteile.

„In der Krise haben Spanien,

Portugal und Griechenland die

Lohnstückkosten gesenkt, aber nicht

Frankreich.“ Der Salaire minimum interprofessionnel

de croissance (Smic) hat seinen

Anteil daran. „Er ist über die Jahre viel

zu stark gestiegen und müsste regional und

altersmäßig angepasst werden.“

Derzeit beträgt der Smic 9,43 Euro, das

sind 60 Prozent des Durchschnittslohns.

Im Durchschnitt der OECD-Länder beträgt

das Niveau 48 Prozent. Doch zum 1. Januar

wird der Smic erneut automatisch erhöht.

Ob nur um die Inflationsrate oder als politische

Streicheleinheit um mehr, ist offen.

Der deutsche Mindestlohn könnte nun

aber in Frankreich eine Debatte auslösen,

die jede Regierung seit den Jugendaufständen

von 2005/06 fürchtet:die um niedrigere

Einstiegslöhne für Jugendliche. „Vor allem

gering qualifizierte Arbeitssuchende

und junge Menschen ohne Ausbildung leiden

unter dem hohen Niveau“, sagt Francis

Kramarz, Direktor des Forschungsinstituts

Crest, das die französischen Regierungen

seit 2009 bei der jährlichen Anpassung des

Smic berät. Es sei „wichtig, dass junge

Menschen, weniger qualifizierte Bewerber

und Arbeitslose nicht vom Arbeitsmarkt

verdrängt werden“, warnt Pierre Gattaz,

Chef des französischen Unternehmerverbands

Medef (siehe Interview Seite 39).

Zumindest um diese Erfahrung sind Frankreichs

Unternehmen dem aktuellen deutschen

Regierungshandeln voraus. n

karin.finkenzeller@wiwo.de | Paris

FOTOS: GETTY IMAGES/BLOOMBERG NEWS, GETTY IMAGES/AFP

38 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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INTERVIEW Pierre Gattaz

»Eine große Lücke«

Frankreichs Unternehmerchef hat sich mit dem Mindestlohn

arrangiert – fordert aber niedrigere Einstiegsgehälter.

Herr Gattaz, auch in Deutschland wird

es künftig einen Mindestlohn geben.

Kommt das der Wettbewerbsfähigkeit

der französischen Wirtschaft entgegen?

Einige französische Ökonomen

gehen tatsächlich davon aus, dass der

Mindestlohn in Deutschland das

Wirtschaftswachstum in Frankreich

ankurbeln wird. Auf alle Fälle führt er zu

einer weiter gehenden Harmonisierung

sozialer und fiskalischer Vorschriften,

was ja nicht schlecht ist. Allerdings ist

wichtig, dass junge Menschen, weniger

qualifizierte Bewerber und Arbeitslose

nicht vom Arbeitsmarkt verdrängt

werden.

Sollte es für diese Gruppen Ausnahmen

geben?

Ich stelle nicht den Mindestlohn an sich

infrage. Aber wir brauchen einen geringeren

Einstiegsmindestlohn für eine

Dauer von vielleicht 6, 12 oder 18 Monaten.

Grundsätzlich gilt: Unsere Arbeitslosigkeit

ist viel zu hoch. Es muss alles

DER IMPULSGEBER

Gattaz, 54, steht seit Juli 2013 an der

Spitze des französischen Unternehmerverbands

Medef. Er führt das mittelständische

Unternehmen Radiall, das

elektronische Bauelemente herstellt.

getan werden, um die Hürden für Neueinstellungen

abzubauen.

Wie optimistisch sind Sie, dass die

Regierung das auch so sieht?

Keine Ahnung. Aber das Thema gehört

auf den Tisch. Ohne Tabus und ohne

Dogmen.

Sollten sich auch in Deutschland

die Chancen gering Qualifizierter verschlechtern,

wäre das Ergebnis eine

Harmonisierung auf niedrigerem Niveau.

Sollte man sich nicht besser nach oben

orientieren?

Wir müssen uns nach Kräften dem weltweiten

Wettbewerb anpassen. Ich warne

gemeinsam mit unseren deutschen

Freunden vor einer Kostensteigerung,

die zu mehr Arbeitslosigkeit führen

könnte. Dieses Risiko besteht.

Was erwarten Sie von der angekündigten

Neuordnung des französischen Steuersystems?

Regierungschef Jean-Marc

Ayrault hat dazu gerade Sondierungsgespräche

mit den Sozialpartnern

aufgenommen.

Eine Neuordnung des Steuersystems ist

nur denkbar, wenn die öffentlichen Ausgaben

gesenkt werden. Es muss das erklärte

Ziel sein, die Ausgaben zu senken,

sonst wird sich Medef nicht an der geplanten

Reform des Steuersystems beteiligen.

Wie wirkt sich die Reform des Arbeitsmarkts

aus, die zu Jahresbeginn in Kraft

getreten ist?

Sie geht in die richtige Richtung. Die

Unternehmen können jetzt in Absprache

mit der Belegschaft schneller

auf die Bedürfnisse des Marktes reagieren.

Bei Renault, wo man die 35-Stunden-Woche

infrage gestellt hat, aber

auch bei Peugeot oder Bosch hat sich

das bereits bewährt.

Sollte die 35-Stunden-Woche grundsätzlich

abgeschafft werden?

Sie ist eine Hürde auf dem Weg zu mehr

Wettbewerbsfähigkeit. Das eigentliche

Problem liegt darin, dass wir im Jahr

1450 Stunden arbeiten – im Vergleich zu

Deutschland mit 1600 Stunden. Da klafft

eine große Lücke.

karin.finkenzeller@wiwo.de | Paris

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 39

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Politik&Weltwirtschaft

BERLIN INTERN | Volk, lass dich umarmen. Mit unbekanntem

Bemutterungsdrang will Vater Staat künftig

das Leben der Deutschen regeln. Der Durchgriff ist

nicht von schlechten Eltern. Von Henning Krumrey

Geschichten aus 1001 Macht

FOTOS: WERNER SCHUERING FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, ULLSTEIN BILD/KLAUS ROSE

Staats-Quote Der Kampf für Gleichberechtigung

soll ins „Deutsche Frauenarchiv“

Also sprach die Kanzlerin: „Der

Geist dieses Vertrages heißt,

dass wir eine große Koalition

sind, um auch große Aufgaben

für Deutschland zu meistern.“ Und in der

Tat: Im Krisen-Eldorado von Angela Merkel

finden sich Großprobleme für 185 Seiten

Koalitionsvereinbarung. Keine Sorge, die

die Volksbeglücker von CDU/CSU und SPD

nicht an sich reißen wollten.

So droht die Staatskrise, wenn nicht die

Geschichte der Frauenbewegung alsbald

umfassend dokumentiert würde. Beruhigend,

dass die Koalition auf Seite 103 den

Feminismus deutlich kräftiger rettet als die

ausscheidende Ministerin Kristina Schröder:

„Wir wollen die wissenschaftliche Aufarbeitung

der deutschen Frauenbewegung,

unter besonderer Beachtung der Frauenbewegung

in der DDR und der Umbruchzeit

1989/90, vorantreiben, indem wir die existierenden

Materialien unter Einbeziehung

der Frauenarchive in einem ‚Digitalen Deutschen

Frauenarchiv‘ sichern und der Öffentlichkeit

zugänglich machen.“ Union und

SPD sei Dank. Im „DDF inkl. DDR“ müsste

sich doch auch eine Geschäftsführerinnenstelle

schaffen lassen, mit Zuschuss aus

dem Bundeshaushalt.

Der Wirtschaft möchte der Staat an vielen

Stellen helfen, ob sie will oder nicht.

(Meistens wird sie wollen, weil es Stütze

gibt – und sich hinterher beklagen, wenn

die Politik dann mitredet.) Die Hersteller

von Computerprogrammen können sich auf

Beistand von politisch höchster Stelle freuen:

„Wir wollen im globalen Wettbewerb

,Software made in Germany‘ als Qualitätsversprechen

bzgl. Sicherheit, Datenschutz,

Design und Nutzerfreundlichkeit stärken.“

Wie haben Unternehmen das Gütesiegel

made in Germany bloß früher zu Weltruhm

geführt, ganz ohne die GroKo?

Keine Branche, für die die Koalitionäre

nicht ein Herz oder zumindest einen Plan

hätten. „Die bestehenden Potenziale zur

Energieeinsparung im Gartenbau sollen

stärker genutzt werden.“ Vielleicht wären

die Gewächshausbetreiber angesichts steigender

Strom- und Heizkosten selbst darauf

gekommen? Deutschland soll auch

„zum Leitmarkt und -anbieter neuer Produkte

und Dienstleistungen für die Bedürfnisse

der älteren Generation“ werden. Noch

unklar ist, wie die Regierung den Absatz

von puls- und fiebermessenden Stützstrümpfen,

Großtastenhandys oder Rollatoren

mit Navigationsgerät fördern will. Und

natürlich muss die öffentliche Meinung auf

Trab gebracht, muss Sendern und Verlagen

ins Gewissen geredet werden, um sich Migranten

gegenüber offener zu zeigen: „Das

Gespräch mit den Medien über ihre interkulturelle

Öffnung muss weiter verstärkt

werden.“ Aber wenigstens sorgt der Staat

auch für künftige Leser, Hörer und Internet-

Nutzer, denn schon in „Kitas möchten wir

die IT-Fertigkeiten und den Umgang mit

den Medien vermitteln“.

Ein Bündnis der Volksparteien muss

auch die Volksgesundheit vorantreiben, unermüdlich.

Deshalb will Schwarz-Rot „die

Impfquoten in Deutschland erhöhen“ – wogegen,

wie weit und bei wem auch immer.

Das steht nämlich nicht im Programm. Kein

Bürger soll unbedacht und unbedeckt aufs

Zweirad steigen. „Wir wollen darauf hinwirken,

dass deutlich mehr Fahrradfahrer

Helm tragen.“ Und damit die Autofahrer

nicht in der kalten Jahreszeit ins Schlingern

kommen wie Koalitionspartner in Nachtsitzungen,

verspricht der fürsorgliche Bevormundungskatalog:

„Die Winterreifenpflicht

werden wir weiter präzisieren.“

Die Koalition ist also deutlich mehr als

die parteiübergreifenden vier M: Mütterrente,

Mindestlohn, Maut – und Merkel.

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 41

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Der Volkswirt

KOMMENTAR | Die EZB erwägt, mit

negativen Zinsen die Kreditvergabe

zu steigern. Sie hat aber noch ein

anderes Ziel. Von Malte Fischer

Unter Verdacht

An diesem Donnerstag

ist es wieder so weit.

Dann richten sich die

Augen der Finanzwelt

nach Frankfurt, wo die Währungshüter

der Europäischen

Zentralbank (EZB) über die

Geldpolitik entscheiden. Nicht

allein die neuen Inflationsprognosen,

die EZB-Chef Mario

Draghi dann vorlegt, sorgen für

Spannung. Aufmerksam werden

die Märkte auch lauschen,

ob Draghi sich zu den außergewöhnlichen

geldpolitischen

Maßnahmen äußert, die die

Zentralbank derzeit diskutiert.

Nach der überraschenden Leitzinssenkung

auf 0,25 Prozent

Anfang November habe die

EZB ihr Pulver noch nicht verschossen,

lassen EZB-Banker

wissen. Neben einer neuerlichen

Leitzinssenkung könne

die EZB den Banken günstige

Langfristkredite anbieten, mit

der Auflage, damit Kredite an

Unternehmen und Bürger zu

vergeben. Auch eine Senkung

des Mindestreservesatzes von

derzeit 1,0 auf null Prozent sei

möglich, ebenso ein negativer

Zins auf Einlagen, die die Banken

bei der EZB halten.

Neue Langfristkredite und die

Abschaffung der Mindestreservepflicht

stellten den Banken

zusätzliches Zentralbankgeld

zur freien Verfügung. Ein negativer

Einlagenzins bestraft sie,

wenn sie dieses Geld bei der

EZB parken. Das Ziel dieser

Maßnahmen, so der offizielle Tenor,

sei es, die schwache Kreditvergabe

in den Krisenländern

der Euro-Zone auf Trab zu bringen.

Im Oktober ist die Buchkreditvergabe

in der Euro-Zone um

2,1 Prozent geschrumpft, Unternehmen

erhielten sogar 3,7

Prozent weniger Kredite als vor

einem Jahr. Doch ob die von der

EZB erwogenen Maßnahmen

daran etwas ändern, darf bezweifelt

werden. So hat sich in

Dänemark gezeigt, dass die

Banken die Kosten eines negativen

Einlagenzinses in höheren

Kreditzinsen an die Kunden weitergeben.

Das bremst die Kreditvergabe,

statt sie zu beschleunigen.

Zudem sind Bürger und

Unternehmen im Süden der Euro-Zone

derzeit kaum an neuen

Krediten interessiert. Zu hoch

die Schulden, unter denen sie

ächzen, zu schwach ihre Konsum-

und Investitionslaune, als

dass sie bei ihren Geldhäusern

nun um neue Kredite Schlange

stünden.

KORREKTUR NÖTIG

Die derzeitige Kreditkontraktion

ist daher die nötige Korrektur

nach der vorangegangenen Kreditbonanza.

Das weiß auch die

EZB. Daher liegt der Verdacht

nahe, dass negative Einlagenzinsen

und neue Langfristkredite,

so sie denn kommen, einem anderen

Ziel dienen: Die Banken

sollen mit dem Geld Staatsanleihen

kaufen und so die Regierungen

finanzieren. Statt Strafzinsen

für das Geldparken bei der

EZB zu zahlen, könnten sie Zinsen

kassieren – für Anleihen, für

die sie noch nicht einmal Eigenkapital

vorhalten müssen.

Im Zeitalter der „finanziellen

Repression“ sind Regierungen,

Zentralbanken und Geschäftsbanken

zu einem politisch-finanzindustriellen

Komplex verschmolzen.

Nicht das Wohl der

Bürger steht mehr im Mittelpunkt

ihres Handelns, sondern

das Bestreben, den Kollaps des

auf Schulden aufgebauten Papiergeldsystems

zu verhindern –

koste es, was es wolle.

NACHGEFRAGT Jeremy Lawson

»Kein Nullsummenspiel«

Der Chefökonom von Standard Life hält die gängigen

Exportstatistiken für lückenhaft.

Herr Lawson, Deutschland

steht wegen seiner Exportüberschüsse

in der Kritik. Zu Recht?

Ja und nein. Wenn ein Land wie

Deutschland mehr Güter produziert

als andere, müssen die

Handelspartner mehr konsumieren.

Und der Überschuss in

Deutschland muss wieder richtig

investiert werden. Beides

birgt Risiken. Hier wurde zu wenig

investiert. Stattdessen haben

deutsche Ersparnisse zum

Teil unproduktive Investitionen

im Ausland finanziert.

Brauchen wir Reformen?

Ja, Deutschland muss die heimische

Wirtschaft stärken und

den Dienstleistungsbereich reformieren.

Es fehlen Investitions-

und Konsumanreize. Generell

ist es zu einseitig, die

Wettbewerbsfähigkeit eines

Landes nur an seinen Exportanteilen

festzumachen.

Welche anderen Aspekte

sehen Sie?

Viele betrachten die Handelsgewinne

eines Landes als die Verluste

der anderen Länder. Das

ist falsch. Handel ist kein Nullsummenspiel.

Vor allem der

Handel mit Zwischenprodukten

wird von den meisten Beobachtern

ausgeblendet. Dabei

macht er fast zwei Drittel des

Welthandels aus.

Sie behaupten, die Exportungleichgewichte

seien womöglich

anders verteilt als gedacht,

weil die Statistik unzureichend

ist. Wie kommen Sie dazu?

Die wenigsten Güter werden

ausschließlich in einem Land

hergestellt. Beispiel Apple: Viele

Bauteile eines iPhones werden

in China produziert und

dann in die USA importiert.

Dieser Zwischenhandel findet

in den offiziellen Statistiken

nicht statt. Kosten und Nutzen

werden nicht berücksichtigt.

DER HANDELSÖKONOM

Lawson, 38, ist seit April Chefökonom

der schottischen Versicherungsgruppe

Standard Life.

Davor arbeitete er unter anderem

bei der OECD und der französischen

Großbank BNP Paribas.

Bezieht man den Zwischenhandel

in die Berechnung mit ein,

sinken die Handelsvorteile der

exportierenden Staaten, da die

Wertschöpfung in mehreren

Ländern stattfindet. Der Anteil

Chinas am Handelsdefizit der

USA ist daher deutlich geringer

als gedacht. Deshalb würden

die USA von einer Abwertung

des Yuan vermutlich weniger

profitieren als erwartet.

Was heißt das für Deutschland?

Auch deutsche Unternehmen

kaufen viele Zwischenprodukte,

um sie hier weiterzuverarbeiten.

Deutschlands Handelsüberschüsse

gegenüber den

Südeuropäern dürften in Wahrheit

geringer ausfallen, als es

die offizielle Statistik ausweist.

Warum taucht der Handel mit

Vorleistungsgütern in den Exportstatistiken

dann nicht auf?

Wegen der verfügbaren Daten.

Informationen über den Zwischenhandel

werden nur mit

Verzögerung erhoben.

saskia.littmann@wiwo.de | Frankfurt

FOTOS: FRANK SCHEMMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, PR

42 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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KONJUNKTUR DEUTSCHLAND

Exporte: China bremst,

Europa stimuliert

Das Exportklima für die deutsche

Wirtschaft hat sich im Oktober

geringfügig eingetrübt.

Der Indikator, den das Münchner

ifo Institut monatlich exklusiv

für die WirtschaftsWoche ermittelt,

gab um 0,04 auf 0,05

Punkte nach. Zuvor war der Index

seit Juni kontinuierlich gestiegen.

Ausschlaggebend für

den Rückschlag war der Verlust

an preislicher Wettbewerbsfähigkeit

der heimischen Exporteure,

der aus der Aufwertung

des Euro gegenüber dem US-

Dollar resultiert. Dagegen hellten

sich die konjunkturellen

Aussichten im Ausland auf. Sowohl

die Verbraucher als auch

die Unternehmen dort fassen

wieder mehr Vertrauen in die

Zukunft. Das gilt vor allem für

die Niederlande, die Schweiz

und Frankreich. Nach Berechnung

der ifo-Ökonomen trugen

die Ausfuhren nach Frankreich

und in die Niederlande im dritten

Quartal 0,3 beziehungsweise

0,2 Prozentpunkte zum Anstieg

der deutschen Exporte bei.

Ohne diese Lieferungen wären

die Exporte von Waren und

Diensten – sie legten im dritten

Quartal insgesamt nur um magere

0,1 Prozent zu – wohl gesunken.

Bremsspuren im deutschen

Außenhandel hinterlässt

hingegen das Geschäft mit

China. Die Exporte in die zweitgrößte

Volkswirtschaft der Welt,

die den deutschen Unternehmen

in den vergangenen Jahren

volle Auftragsbücher bescherten,

werden in diesem Jahr

wohl leicht schrumpfen. Die

Regierung in Peking ist bestrebt,

das Wachstum des Landes

stärker auf den Konsum

auszurichten. Das dürfte den

deutschen Exporteuren, die

vornehmlich Investitionsgüter

Leichter Dämpfer für das Exportklima

Exportklimaund Ausfuhren

herstellen, weniger Zuwächse

bei den Bestellungen aus Fernost

bescheren. Die besseren Absatzaussichten

in Europa scheinen

dies jedoch zu

kompensieren. Der Saldo der

Exporterwartungen in der Industrie

verbesserte sich im November

deutlich von 11,7 auf

16,2 Punkte.

malte. fischer@wiwo.de

0,25

1,5

0,20 1,0

0,15

Exportklimaindikator*

0,5

0,10

0

0,05

–0,5

0

–1,0

–0,05

–0,10

Exporte (real, saisonbereinigt,

–1,5

–2,0

–0,15

Veränderung zum

–2,5

–0,20

Vorjahr in Prozent)

–3,0

–0,25

2008 2009 2010 2011 2012 2013

–3,5

*Geschäfts- und Konsumklima auf den wichtigsten Absatzmärkten

sowie realer Außenwert des Euro (Indexpunkte);Quelle:ifo

Arbeitslosigkeit

steigt erneut

Vom deutschen Arbeitsmarkt

kommen derzeit zwiespältige

Signale. Die Zahl der registrierten

Arbeitslosen steigt, obwohl

die Unternehmen mehr Arbeitskräfte

einstellen. Im November

nahm die Zahl der Arbeitslosen

saisonbereinigt um 10 000 auf

2,985 Millionen zu, die Arbeitslosenquote

verharrte bei 6,9

Prozent. Die höhere Arbeitslosigkeit

ist zum einen auf die bis

zum Frühjahr währende Konjunkturflaute

zurückzuführen.

Zum anderen fährt die Bundesagentur

für Arbeit ihre arbeitsmarktpolitischen

Maßnahmen

zurück. Die Unternehmen hingegen

stellen vermehrt Arbeitskräfte

ein. Die Zahl der Erwerbstätigen

ist zuletzt um 24 000 auf

41,935 Millionen gestiegen. Dabei

decken die Betriebe ihren

Personalbedarf jedoch vornehmlich

durch die stille Reserve

und durch Zuwanderer

statt durch Arbeitslose.

Volkswirtschaftliche

Gesamtrechnung

Real. Bruttoinlandsprodukt

Privater Konsum

Staatskonsum

Ausrüstungsinvestitionen

Bauinvestitionen

Sonstige Anlagen

Ausfuhren

Einfuhren

Arbeitsmarkt,

Produktion und Preise

Industrieproduktion 1

Auftragseingänge 1

Einzelhandelsumsatz 1

Exporte 2

ifo-Geschäftsklimaindex

Einkaufsmanagerindex

GfK-Konsumklimaindex

Verbraucherpreise 3

Erzeugerpreise 3

Importpreise 3

Arbeitslosenzahl 4

Offene Stellen 4

Beschäftigte 4, 5

2011 2012

Durchschnitt

3,3

2,3

1,0

5,8

7,8

5,1

8,0

7,4

2011 2012

Durchschnitt

6,6

7,5

1,1

11,5

111,3

54,8

5,6

2,1

5,6

8,0

2974

466

28460

0,7

0,8

1,0

–4,0

–1,4

3,4

3,2

1,4

–0,9

–4,2

0,2

3,4

105,0

46,7

5,9

2,0

2,0

2,1

2897

478

29004

III/12 IV/12 I/13 II/13 III/13

Veränderung zum Vorquartal in Prozent

0,2

0,3

0,6

–0,7

0,5

1,4

0,5

0,1

Aug.

2013

1,6

–0,3

0,5

1,0

107,6

51,8

7,0

1,5

–0,5

–3,4

2949

426

29399

1 Volumen, produzierendes Gewerbe, Veränderung zum Vormonat in Prozent; 2 nominal, Veränderung zum Vormonat in

Prozent; 3 Veränderung zum Vorjahr in Prozent; 4 in Tausend, saisonbereinigt; 5 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte;

alle Angaben bis auf Vorjahresvergleiche saisonbereinigt; Quelle: Thomson Reuters

–0,5

0,1

0,1

–0,3

–1,0

1,1

–1,6

–0,9

Sept.

2013

–0,9

3,3

–0,6

1,6

107,7

51,1

7,0

1,4

–0,5

–2,8

2972

429

29436

0,0

0,3

0,1

–1,6

–2,3

–0,9

–1,0

–0,6

Okt.

2013





107,4

51,7

7,1

1,2

–0,7

–3,0

2975

431


0,7

0,6

–0,2

1,2

1,9

1,5

2,4

1,9

Nov.

2013





109,3

52,5

7,1

1,3



2985

435


0,3

0,1

0,5

0,5

2,4

1,5

0,1

0,8

Dez.

2013







7,4







Letztes Quartal

zum Vorjahr

in Prozent

1,1

1,5

0,4

1,0

2,2

3,3

0,7

1,9

Letzter Monat

zum Vorjahr

in Prozent

4,4

11,0

0,2

3,6

7,7

12,2

27,6




1,8

–4,6

1,3

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 43

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Der Volkswirt

WELTWIRTSCHAFT

Ende gut?

Irland verlässt zum Jahresende den Euro-Rettungsschirm.

Kann das Land auf eigenen Füßen stehen?

Auf diesen Augenblick hat

Europa drei Jahre lang

gewartet: Am 15. Dezember

wird Irland aus dem

Euro-Krisenregime entlassen.

„Dies ist ein bedeutender

Tag, von dem viele dachten und

einige fürchteten, dass er niemals

erreicht wird“, sagt Irlands

Finanzminister Michael Noonan

von der Fine-Gael-Partei.

Doch die Experten des Internationalen

Währungsfonds (IWF),

der Europäischen Zentralbank

und der EU haben in ihrem

elften und vorletzten Bericht

über die Sanierung des Landes

den Weg dazu freigemacht.

2010 war Irland als zweites

Euro-Land nach Griechenland

unter den provisorischen Rettungsschirm

EFSF geflüchtet.

Das Platzen der Immobilienblase

hatte die Banken auf der

Grünen Insel in die Pleite getrieben.

Der Staat übernahm daraufhin

einen Großteil der Schulden

– und geriet so selbst in Not.

Um die drohende Staatspleite

zu verhindern, stützten EU

und IWF das Krisenland mit

Krediten in Höhe von 67,5 Milliarden

Euro.

SIEBEN SPARHAUSHALTE

Seit Beginn der Krise 2008 hat

die Regierung sieben Sparhaushalte

vorgelegt und damit die

Staatsausgaben um rund 28,5

Milliarden Euro gesenkt. Craig

Beaumont, Chef der Irland-

Mission beim IWF, fordert die

Regierung in Dublin auch weiterhin

zu Sparsamkeit auf:„Die

Ausgabedisziplin muss – vor

allem im Gesundheitswesen –

beibehalten werden, um sicherzustellen,

dass das Ziel eines

Haushaltsdefizits von 7,5 Prozent

des Bruttoinlandsprodukts

(BIP) in diesem Jahr eingehalten

werden kann.“ 2014 soll das

Defizit dann auf 4,8 Prozent

und bis 2015 unter 3,0 Prozent

des BIPs sinken.

„Eine Verbreiterung der

Steuerbasis, Reformen im Gesundheitswesen

und gezielte

Unterstützung für die sozial

Schwächsten würden helfen,

die nötige Konsolidierung in

einer anhaltenden und wachstumsfreundlichen

Weise umzusetzen“,

empfiehlt der IWF-

Experte.

Von Problem zu Problem

Staatsausgaben und Schuldenstand in Irland

105

85

65

Staatsausgaben

in Mrd. Euro

Die irische Regierung hat sich

entschlossen, den Rettungsschirm

ohne Sicherheitsnetz zu

verlassen. Von der Überlegung,

den Übergang mit einem Notfallkredit

von zehn Milliarden

Euro abzusichern, hat sie Abstand

genommen. Das ist riskant,

denn das Vertrauen der

Märkte könnte womöglich doch

nicht ganz ausreichen, um das

Land bei tragbaren Zinsen zu

finanzieren. „Irland hätte sich

aber nicht gegen den Notfallkredit

entschieden, wenn es dieses

Risiko für groß halten würde“,

sagte Michael Hasenstab, des-

sen Fonds, Franklin Templeton,

irische Anleihen im Wert von

mehr als neun Milliarden Euro

hält. Derzeit verfügt Irland über

ein Finanzpolster von mehr als

20 Milliarden Euro. Dem steht

2014 eine geplante Neuverschuldung

in Höhe von 9,6 Milliarden

Euro gegenüber; rund

sieben Milliarden Euro sind für

den Schuldendienst eingeplant.

Dennoch dürfte die nationale

Schuldenagentur NTMA laut

Noonan im Februar versuchen,

die Kapitalmärkte anzuzapfen.

Geht alles glatt, dann wird

sie 2014 wohl zwischen sechs

und zehn Milliarden Euro

aufnehmen. Die NTMA hatte

sich in den vergangenen Monaten

mehrmals Geld an den

Kapitalmärkten geborgt und

musste dafür weniger Zinsen

bezahlen als Spanien, Portugal

oder Italien.

Schuldenstand

in Prozent des

Bruttoinlandsprodukts

2008 2009 2010 2011 2012 2013 2014* 2015

*ab2014 geschätzt; Quelle: IWF

124

84

44

Doch wie geht es weiter?

Irlands Wirtschaft muss langfristig

wachsen, um den Schuldenberg

von 120 Prozent des

BIPs nachhaltig reduzieren zu

können. Für dieses Jahr erwartet

die EU in Irland ein Plus von

0,3 Prozent, 2014 soll es bereits

1,7 Prozent und 2015 rund 2,5

Prozent betragen. Dies ist ein

ehrgeiziges Ziel – aber ist es

auch realistisch?

Noch konzentriert sich das

Wirtschaftswachstum auf die

Hauptstadt Dublin. Dort sorgen

die zahlreichen gut bezahlten

Beschäftigten von US-Konzer-

nen wie Google, Apple und

Facebook für steigende Immobilienpreise,

einen schwungvollen

Einzelhandel und volle

Restaurants. Doch im übrigen

Land sieht es mau aus. Die

Arbeitslosenrate ist von knapp

über 15 Prozent im vergangenen

Jahr bis jetzt nur auf rund

13 Prozent gefallen. „Wir betrachten

die anhaltend hohe Arbeitslosenrate

als wichtigste

Herausforderung... Drei Fünftel

der Arbeitslosen, haben schon

seit mehr als einem Jahr keinen

Job mehr. Für einige von ihnen

wird es recht schwer, wieder

Arbeit zu finden, selbst wenn

die Lage am Arbeitsmarkt sich

bessert“, mahnt Beaumont.

EIN WECKRUF

Ihre offene und auf Exporte orientierte

Volkswirtschaft macht

die Iren anfällig für externe

Schocks. Der Einbruch des Exportwachstums

2012 war ein

Weckruf und zeigte, dass Irland

sich nicht nur auf die Ausfuhren

stützen darf, wenn es eine

nachhaltige Erholung anstrebt.

Vielleicht die größte Herausforderung

betrifft jedoch den

Bankensektor, der noch immer

an der geplatzten Immobilienblase

leidet. Zwar wurde die

Pleitebank Anglo Irish geschlossen

und der Bankenmarkt

umgebaut, sodass heute

nur noch zwei große einheimische

Institute übrig sind. Doch

rund ein Viertel ihrer Kredite

gilt als notleidend.

Um der Wirtschaft Schwung

zu verleihen, müssten die Banken

ihre Bilanzen konsequenter

als bisher entrümpeln, Lösungen

für säumige Hypothekenschuldner

umsetzen und vor

allem mehr Gewinne machen.

Der IWF drängt darauf, dass die

Banken bis Ende 2014 ihre

Hausaufgaben erledigt haben.

Durch Kredite an kleine und

mittelständische Unternehmen

sowie Hypotheken für jüngere

Immobilienkäufer sollen sie

dem Land neue Wachstumsimpulse

geben.

yvonne.esterhazy@wiwo.de | London

44 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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DENKFABRIK | Die Bundesbürger stehen vielen Plänen der großen Koalition positiv

gegenüber. Allerdings ist das Gerechtigkeitsverständnis der Bevölkerung weniger auf

Verteilungsfragen fokussiert als das der Politik. Die Deutschen erwarten von Schwarz-

Rot an erster Stelle Maßnahmen gegen steigende Energiepreise. Von Renate Köcher

Mehr Bescherung als erwartet

FOTO: PR

In den Koalitionsverhandlungen

war soziale Gerechtigkeit

ein Schlüsselbegriff.

Ob Mütterrente oder die

Aufstockung von Geringverdienerrenten,

ob Beschränkungen

bei der Leiharbeit, die Einführung

flächendeckender

Mindestlöhne oder die Forderung

der SPD nach einer Deckelung

von Managergehältern

– durchgängig wurden die Forderungen

mit dem Ziel begründet,

mehr Gerechtigkeit zu erreichen.

Die Bürger haben die Verhandlungen

mit einer gewissen

Verblüffung verfolgt. So viel Bescherung

hatten sie nicht erwartet.

Abseits der verbreiteten

Skepsis, ob das Programm ohne

Steuererhöhungen und mehr

Schulden umgesetzt werden

kann, werden die einzelnen Vorhaben

selbst jedoch weit überwiegend

positiv bewertet.

AUSKÖMMLICHE RENTEN

Das gilt für die Aufstockung von

Mütter- und Geringverdienerrenten

genauso wie für flächendeckende

Mindestlöhne. In der

Agenda, die die Bürger selbst

für die nächste Bundesregierung

aufstellen, rangieren auskömmliche

Renten und flächendeckende

Mindestlöhne weit

oben, nur noch übertroffen von

der Eindämmung der Energiepreissteigerungen.

80 Prozent

der Bürger hoffen, dass sich die

nächste Regierung besonders

auch um eine ausreichende Absicherung

von Rentnern bemüht,

sodass man nach jahrzehntelanger

Berufstätigkeit

von der Rente leben kann; 77

Prozent wünschen bindende

Beschlüsse zu einem flächendeckenden

Mindestlohn.

In der Bevölkerung waren die

Mindestlöhne schon lange kein

Streitthema mehr. Hier spielen die

Gerechtigkeitsvorstellungen der

Bürger eine zentrale Rolle. Nichts

bestimmt diese Vorstellungen so

sehr wie der Leitsatz, dass man

von seiner Arbeit seinen Lebensunterhalt

bestreiten können sollte.

91 Prozent machen soziale Gerechtigkeit

daran fest, dass eine

Vollzeittätigkeit den Lebensunterhalt

sichert. Dass flächendeckende

Mindestlöhne Arbeitsplätze

kosten könnten, hält die große

Mehrheit für nicht glaubwürdig.

Was die Bürger wollen

Wofür sich die neue Bundesregierung

besonders einsetzen sollte

Energiepreissteigerung begrenzen

Rentner ausreichendabsichern

Flächendeckende Mindestlöhne

Kleinere undmittlere Einkommen

stärkerentlasten

Gute Rahmenbedingungen

fürdie Wirtschaft

Abbauder Staatsverschuldung

Stärkere Familienförderung

Basis: Bevölkerung ab 16 Jahre;

Quelle: Allensbacher Archiv

82%

80%

77%

73%

69%

68%

63%

Auch die Aufstockung von Geringverdienerrenten

wird von der

überwältigenden Mehrheit der

Bürger unterstützt. Dass nach

jahrzehntelanger ununterbrochener

Berufstätigkeit bei Beziehern

unterdurchschnittlicher Einkommen

eine Rente zu erwarten ist,

die auch eine bescheidene Existenz

nicht sichern kann und von

Sozialhilfe abhängig macht, steht

quer zu zentralen Gerechtigkeitsvorstellungen.

Das hat wenig mit

überbordendem Anspruchsdenken

oder Sozialstaatsorientierung

zu tun; vielmehr ist für die Bürger

entscheidend, dass man quer

durch alle sozialen Schichten die

Chance hat, durch Leistung die eigene

Existenz zu sichern.

Die Absicherung nach unten ist

den Bürgern weitaus wichtiger als

Themen wie die Begrenzung von

Managergehältern. Die überwältigende

Mehrheit ist zwar überzeugt,

dass die Managergehälter

in Deutschland generell zu hoch

sind. Vor vier Jahren waren 70

Prozent dieser Auffassung, jetzt

77 Prozent. Diese Einschätzung

wird zum einen von herausragenden

Einzelfällen beeinflusst, aber

Wasmeinen Sie: Sind die

Gehälter von Managern

generell viel zu hoch, oder

sind das nur Einzelfälle?

70%

23%

Generell zu hoch

NurEinzelfälle

77%

17 %

2009 2013

auch von der Höhe des eigenen

Gehalts. Gemessen an den Durchschnittseinkommen,

ist schon ein

Gehalt von einigen Hunderttausend

Euro für die überwältigende

Mehrheit ein unerreichbares Spitzeneinkommen.

Es ist fast unmöglich,

einen gesellschaftlichen

Konsens darüber zu finden, was

eine angemessene Vergütung ist,

wie weit Managergehälter an den

Durchschnittseinkommen orientiert

sein sollten und wie weit am

wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens.

Das Votum der Schweizer

im Frühjahr dieses Jahres, die-

se Entscheidung verstärkt den

Aktionären zu übertragen, heißen

auch 74 Prozent der deutschen

Bürger gut.

GERINGE RESONANZ

Trotz des kritischen Blicks auf

hohe Gehälter haben Verteilungsthemen

im Wahlkampf eine

bemerkenswert geringe Resonanz

erfahren. Die SPD trat

schon vor der Wahl für Mindestlöhne

und Begrenzungen bei

Spitzengehältern ein, auch für

einen höheren Spitzensteuersatz,

die Wiedereinführung der

Vermögensteuer und Veränderungen

bei der Erbschaftsteuer.

Diese Forderungen waren nicht

alle gleich populär. Die Wiedereinführung

der Vermögensteuer

und höhere Spitzensteuersätze

wurden von den Bürgern weitaus

weniger unterstützt als die

Einführung eines flächendeckenden

Mindestlohnes. Trotzdem

ist es bemerkenswert, wie

wenig Zugkraft diese Themen

entwickelten.

Das hat zum einen damit zu

tun, dass nur eine Minderheit

durch diese Forderungen ihre

eigenen Interessen berührt sah.

Zum anderen ist das Gerechtigkeitsverständnis

der Bürger

weitaus weniger auf Verteilungsthemen

fokussiert als die

politische Debatte. Die meisten

Bürger halten Chancen- und

Leistungsgerechtigkeit und eine

gerechte Berücksichtigung der

Interessen der verschiedenen

Generationen für mindestens so

wichtig wie Verteilungsfragen.

Renate Köcher ist Geschäftsführerin

des Instituts für Demoskopie

Allensbach und Mitglied

des Aufsichtsrates mehrerer

Dax-Unternehmen.

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 45

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Unternehmen&Märkte

Management by ??? Fünf Lektionen aus dem Erfolg der Marke

1x Konzentriere dich auf das,

was die Fans wollen, und ändere

das Produkt nicht zu oft:

Was heute trendy erscheint, ist

morgen ausgelutscht

2x Halte das Angebot knapp:

Biete nicht zu viele Nebenartikel,

das nervt die Fans und

landet auf dem Ramschtisch

3x Zeige Wertigkeit der Marke

durch Stabilität bei Qualität,

Aufmachung und Preis

4x Versorge deine Fangemeinde

regelmäßig mit Inhalten.

Dann bist du weniger von

Hits abhängig und brauchst

weniger Werbung

5x Halte die Fans mitilfe von

Events nahe am Produkt –

ohne ihnen bei jedem Kontakt

etwas verkaufen zu wollen

46 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Stimmen im Strampler

Die Hörspielsprecher

Fröhlich, Rohrbeck und

Wawrczeck (von links)

auf der Bühne während

einer Live-Show

Mystery statt Mädels

MEDIEN | Die Serie „Die drei ???“ um ein Detektivtrio ist von einer Jugendbuchreihe

zu einem Multimediaphänomen für alle Generationen geworden. Wer steckt hinter

dem Dauerbrenner? Was können Markenmacher vom mysteriösen Erfolg lernen?

Es ist kalt in Marburg am vergangenen

Sonntagabend.

Vermummte Gestalten, eng

umschlungene Pärchen

und kleine Gruppen eilen in

Richtung Kinocenter unterhalb der

historischen Altstadt. Im Foyer des

Multiplex schlägt ihnen Popcorn-Geruch

entgegen. Wartende blockieren

zu Hunderten die Treppe hoch bis vor

die Türen von Saal 5. Hier, in der hessischen

Provinz, soll sie steigen, die

Weltpremiere von „Im Schatten des

Giganten“.

Hinter dem pompösen Titel steckt

nicht etwa der jüngste Blockbuster-

Film aus Hollywood, sondern ein Hörspiel:

das jüngste Abenteuer der Jugendkrimireihe

„Die drei ???“, drei

Nachwuchs-Detektive aus dem fiktiven

kalifornischen Küstenort Rocky

Beach, die mit Mut und Köpfchen

mysteriöse Fälle klären. Das gelingt

ihnen auch bei der Visite in Marburg:

Nachdem die Fans 70 Minuten lang einen

roten Samtvorhang angestarrt

und dem neuesten Abenteuer gelauscht

haben, stürmen sie begeistert

den kleinen Verkaufstisch im Foyer.

Die Hessen sind nicht allein: Mit ihren

eher schlichten Zutaten bringt es

die Serie inzwischen zu Deutschlands

größtem und zugleich unterschätztestem

Multimediaphänomen mit

Fans im Alter zwischen 8 und 80 Jahren.

Denn auch wenn die Detektive

Justus Jonas, Peter Shaw und Bob Andrews

fast 50 Jahre nach dem ersten

Buch bereits ihren 165. Hörspieleinsatz

erleben, ist die Marke populärer

als je zuvor: „‚Die drei ???‘ ziehen

schon die dritte Fangeneration an

und sind das größte alters- und medienübergreifende

Phänomen in Europa“,

sagt Simon Colin vom Branchenmagazin

„Musikmarkt“. Mehr als

45 Millionen verkaufte Tonträger und

16 Millionen Bücher sorgen dafür,

dass kaum ein Haushalt der Republik

von ihnen unberührt bleibt.

Den „drei ???“ ist der Aufstieg zur

Megamarke fast unbemerkt gelungen.

Das simple weiß-rot-blaue Logo

kennt fast jeder Deutsche. Doch weil

das Trio ohne Skandale und selbstverliebte

Superstars auskommt, ahnen

selbst in der Fangemeinde nur

»

FOTO: KEYSTONE

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 47

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Unternehmen&Märkte

»

wenige, wie erfolgreich die Geschäfte

tatsächlich laufen. „Die Verantwortlichen

haben es geschafft, die Marke massentauglich

zu machen und ihr dennoch

den Nimbus des Geheimtipps zu bewahren“,

staunt der Kölner Psychologe und Geschäftsführer

des Marktforschers Rheingold,

Stephan Grünewald (siehe Interview

Seite 52). Ihr Rezept: nah dran am Kunden,

kein Marketinggebrüll, stattdessen solide

Produkte zu reellen Preisen.

Im Frühjahr 2014 starten die Fragezeichen

nun mit vier Sattelschleppern zu einer

Live-Tour der Superlative. Die Show

mit den langjährigen Hörspielsprechern

Oliver Rohrbeck, Jens Wawrczeck und Andreas

Fröhlich, einer Band, Schauspielern

und Geräuschemachern will in den größten

Arenen bis zu 160 000 Fans begeistern.

Die Veranstalter hoffen dank Eintrittspreisen

von bis zu 40 Euro und dem Verkauf

von Fanartikeln bis zu acht Millionen Euro

Umsatz zu schaffen, von denen rund ein

Drittel als Gewinn hängen bleiben könnte.

Viele Beteiligte profitieren von der einstigen

Kinder- und jetzt Mehr-Generationen-

Marke: Der weltweit zweitgrößte Musikkonzern

Sony Music, der Kosmos-Verlag

aus Stuttgart (Umsatz: gut 60 Millionen Euro),

der Münsteraner Konzertveranstalter

MTS-Live – und der Dieter-Bohlen-Sender

RTL, der erstmals die ???-Show aufzeichnet.

Einige Anhänger fürchten daher schon

den Ausverkauf ihrer Helden: „Ihr habt eure

Seele an RTL verkauft!“, giften sie im Internet.

Überdrehen die Macher gerade,

treiben sie den Hype zu weit und beschädigen

so die lange sorgsam gepflegte Marke?

ERFOLG MIT ALFRED HITCHCOCK

Vom aktuellen Erfolg zwischen Kopfkino

und Massenfernsehen im fernen Europa

war beim Start der Serie vor bald 50 Jahren

nichts zu ahnen. 1964 bietet Groschen-Romancier

Robert Arthur dem US-Verlag Random

House eine Krimireihe für Jugendliche

an. Aus der Masse der Neuerscheinungen

Die Geschichte der drei ???

1964

?

??????????????????????

?

????????????

?

?????????????

»Wir haben ein

Rezept wie bei

Coca-Cola«

Michael Fleissner, Kosmos-Verlag

hebt den ersten Band „Das Gespensterschloss“

weniger die Grundidee heraus – die

im Original Jupiter Jones, Peter Crenshaw

und Bob Andrews getauften 13-Jährigen klären

kleinere Delikte mit einem leicht mystischen

Hintergrund. Die neue Reihe punktet,

indem sie eine Promi-Marke clever nutzt:

Alfred Hitchcock.

Der englische Filmregisseur hatte zwar

nichts mit der „Alfred Hitchcock and the

Three Investigators“ („…und die Drei Ermittler“)

genannten Serie zu tun – abgesehen von

der Lizenzgebühr für die Nutzung seines Namens.

Aber sein Name zog und suggerierte

Eltern ein gewisses Niveau. Nach Erfolgen in

den USA holt der Stuttgarter Verlag Franckh-

Kosmos die Serie 1968 nach Deutschland.

Das für Ratgeber und Experimentierspiele

bekannte Traditionshaus ändert den Namen

in „Die drei ???“, verpasst zwei von ihnen

neue Namen: Justus Jonas und Peter Shaw –

und landet zunächst einen Flop.

Der Erfolg beginnt erst mit Band drei und

einem kalkulierten Tabubruch: Grafikerin Aiga

Rasch wirft die bis dato bei Jugendbüchern

üblichen Pastellfarben raus, taucht den Umschlag

in tiefstes Krimi-Schwarz, packt einen

nüchternen Titel mit Fragezeichen in weiß,

rot und blau drauf und setzt in die Mitte eine

grelle quadratische Grafik. Die so kräftige wie

schlichte Optik macht die Bücher selbst auf

weite Entfernung unverwechselbar.

Für den Sprung zur Massenmarke sorgen

dann die Hörspiele. Maßgeblich mitgetrieben

von Produzentin Heikedine Körting,

schaufelt der auf Masse gepolte Hamburger

1968

Kinderspezialist Europa die Fragezeichen ab

1979 für fünf Mark als Schallplatten und Kassetten

in die Kaufhäuser.

Der erste Härtetest für die Marke kommt

Ende der Achtzigerjahre. In den USA drängen

PC-Spiele in die Kinderzimmer, die Verkaufszahlen

der Reihe sinken. Random

House motzt die Jungs auf zu „Crimebusters“.

Verloren gehen das Geheimnisvolle

und der Humor, es kommt mehr Action; die

sympathisch-altklugen Kids mit Pubertätsansätzen

und Außenseiter-Charme mutieren

zu gut 20-jährigen Helden mit Kampfsportausbildung

und Beziehungsproblemen.

„Der Sprung in Richtung James Bond

war in den USA der Todesstoß für die Reihe,

weil er den Fans vieles nahm, was sie liebten“,

sagt André Marx, Fan der ersten Stunde

und heute einer der Stammautoren der

Buchreihe. Kosmos mildert zwar die ärgsten

Auswüchse. Doch auch in Deutschland

schwächeln die Verkäufe.

Weil „Crimebusters“ floppt, stoppt Random

House 1991 die Serie. Doch da sich die

alten Folgen gut verkauften, engagiert Kosmos

heimische Autoren und rückt die Serie

wieder näher ans Original. „Nun waren die

drei 17 Jahre alt und kümmerten sich wieder

mehr um Mystery als um Mädels“, sagt

Marx. Zudem verbreitert Kosmos das Geschäftsmodell

rund um die Marke. Mit bis

zu sieben Autoren steigert der Verlag den

Output von zwei auf sechs Bände pro Jahr.

Hinzu kommen Spiele vom Detektivkasten

über Brettspiele bis zu Computer- oder

Handygames. 1999 folgt die Einsteigerserie

„Die drei ??? Kids“, in der die Helden als

Zehnjährige Rocky Beach sicherer machen,

und 2007 gar „Die drei !!!“ um drei Mädchen-Ermittler,

die sich mehr um Ponys,

Modefarben und Castingstars als Grusel

dreht. 2002 bringen die Sprecher das Hörspiel

erstmals live auf die Bühne.

Das alles macht die Marke so stark, dass sie

einen Urheberrechtsstreit zwischen den Erben

des 1969 gestorbenen Autors Arthur,

Kosmos und Sony BMG übersteht, die Euro-

1979

Der US-amerikanische Journalist und Schriftsteller Robert

Arthur startet die Serie um die 13-jährigen Hobbydetektive

Jupiter Jones, Peter Crenshaw und Bob Andrews beim US-

Verlag Random House mit dem Roman „The

Secret Of Terror Castle“ (deutscher Titel:

„Die drei ??? und das Gespensterschloss“).

Arthur nennt die Reihe „Alfred

Hitchcock and the Three Investigators“.

Die erste deutsche Übersetzung erscheint

bei Franckh-Kosmos. Der

Verlag ändert den Namen der Serie

in „Die drei ???“ und tauft die

Hauptdetektive Justus Jonas und

Peter Shaw. Der Erfolg beginnt mit

der Umstellung auf die bis heute

charakteristischen Einbände.

Das für Billigproduktionen bekannte

Europa-Label der Hamburger

Musikfirma Miller startet die

Hörspielserie mit „Die Drei ??? und

der Superpapagei“. Als Sprecher

bereits am Mikrofon: Andreas

Fröhlich (links), Oliver Rohrbeck

und Jens Wawrczeck (liegend).

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FOTOS: ACTION PRESS/EVERETT COLLECTION, PR (3)

Intermezzo im Kino Im Vergleich zu Buch

und Hörspiel landeten die drei Detektive auf

der Leinwand keinen großen Hit

pa übernommen hatte. Verlag und Label einigen

sich 2008. Kosmos veröffentlicht seitdem

Bücher und Spiele und vergibt Lizenzen,

Europa macht die Hörspiele. „Als Inhaber

der Marke haben wir das letzte Wort und

können bestimmen, was mit ihr passiert und

wohin sie sich entwickelt“, sagt Kosmos-Geschäftsführer

Michael Fleissner. Jeder Partner

trage jedoch Verantwortung: „Alle zusammen

sind wir die Gralshüter der Marke.“

So ist mittlerweile rund um die Fragezeichen

ein lukratives Geschäft gewachsen, das

trotz aller Scharmützel Krisen und Medientrends

trotzt: Klagt etwa die Buchbranche

seit Jahren über schrumpfende Umsätze,

machen mehr als 16 Millionen verkaufte

Bände „Die drei ???“ zu einer der erfolgreichsten

Reihen der Welt. Und jammert die

Musikindustrie, seit 2000 durch die Digitalisierung

gut die Hälfte des Umsatzes verloren

zu haben, setzen drei halbwüchsigen Kriminaler

Jahr für Jahr 1,5 Millionen Hörspiele ab,

von denen mehr als die Hälfte schon mehr

als ein Jahr alt ist.

„Jedes Hörspiel erreicht nach spätestens

drei Monaten Goldstatus für mehr als 100000

verkaufte CDs“, sagt Corinna Wodrich, Produktmanagerin

der Serie beim ???-Label Europa.

Damit übertrumpfen die Fragezeichen

Stars wie Lady Gaga und sind erfolgreichster

Künstler auf Europas größtem Musikportal

iTunes. Zusammen mit den wohl mindestens

zwei Millionen seit 1998 verkauften

Spielen, Detektiv-Spielkästen und Fanartikeln

hat die Serie laut Schätzungen dem Kosmos

Verlag, der die Rechte an der Marke außerhalb

der USA hält, und Sony-Europa bislang

wohl fast eine halbe Milliarde Euro Umsatz

beschert.

70 MINUTEN WELTFLUCHT

„‚Die drei ???‘ sind Sammler von Superlativen“,

lobt Ginthör und sieht die Junior-Ermittler

beim Erfolg „auf Augenhöhe mit

Bestsellern wie Schlagerkönigin Andrea

Berg“. Und für Kosmos-Chef Fleissner stehen

„Die drei ???“ für einen „bedeutenden

Anteil unseres Geschäfts“. Grund dafür ist,

dass es Verlag, Plattenfirma und vor allem

die drei Sprecher, die seit dem ersten Fall

Justus, Bob und Peter ihre Stimmen leihen,

perfekt verstehen, den Fans zu bieten, was

sie suchen: Die Hörspiele sorgen verlässlich

für 70 Minuten Weltflucht und Stressabbau.

„‚Die drei ???‘ sind Deutschlands

beliebtestes Beruhigungsmittel“, ulkt Sprecher

Rohrbeck. Gleichzeitig drängen sich

„Die drei ???“ nicht auf. Verlag und Plattenfirma

überstrapazieren die Anhänger nicht

durch zu viele Nebenprodukte. So gibt es,

anders als bei Pop- und Rock-Acts, keine

De-luxe-Ausgaben mit Extras wie Videos

und alternativen Versionen der Stücke, mit

denen die Musikindustrie sonst gerne die

Zahlungsbereitschaft von Rock- und Popfans

testet. „Die Fans wollen das Produkt

geradeheraus und nicht in marktschreierisch

aufgebeefter Form“, weiß Ginthör.

Das gilt auch für Fanartikel. Zwar drucken

Sony und Kosmos die blau-weiß-roten Zeichen

auf alle möglichen Alltagsgegenstände

vom T-Shirt über Müslischüsseln bis zu

Armbanduhren und Badetüchern. Denn

bei Konzerten geben die Fans im Schnitt gut

fünf Euro für solche Andenken aus. „Damit

sind wir etwa auf dem Niveau von Heavy-

Metal-Bands“, sagt Europa-Frau Wodrich.

»

1987

1993 1998

1999

Als die Verkaufszahlen in

den USA nachlassen, endet

die Serie nach 45 Folgen.

Der Verlag startet

„The Three Investigators

Crimebusters“. Weil auch

hier der Erfolg ausbleibt,

endet die Serie 1991.

Da es nach dem Ende des

US-Vorbilds keine neuen

Romane mehr gibt, stammen

die Bücher seit Folge

57 von deutschsprachigen

Autoren. Heute schreibt

eine Gruppe von bis zu

sieben Schriftstellern.

Spiele unter der Marke

„Die drei ???“ kommen

auf den Markt.

Kosmos startet den Ableger

„Die drei ??? Kids“ mit

weniger komplexen Geschichten

um die hier erst

zehnjährigen Detektive. Die

ersten Hörspiele dazu gibt es

wegen des späteren Urheberrechtsstreits

erst 2006.

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 49

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Wie die Könige Im Rolls-Royce fahren die

drei Sprecher zum Live-Hörspiel vor 15000

Besuchern an der Berliner Waldbühne

Das dürfte bei der anstehenden Tournee

für gut eine Million Euro Umsatz sorgen,

von der erfahrungsgemäß rund die Hälfte

als Gewinn bleibt. Doch im Gegensatz zu

anderen Reihen wie „Die wilden Kerle“ gibt

es keine Rucksäcke oder Schulartikel, die

dann am Saisonende jedes Kaufhaus verschleudert.

Und schon gar nicht bauen die

Autoren Dinge in die Geschichten ein, die

sich gut vermarkten lassen. „Wir wollen inhaltlich

ein starkes Live-Hörspiel bieten und

keine Werbeveranstaltung“, sagt MTS-Live-

Geschäftsführer Töne Stallmeyer.

Das Interesse an Justus, Peter und Bob

sicherten die Herausgeber lieber mit einer

fein dosierten Zahl neuer Produkte, auf deren

Veröffentlichungstermine sich die Fans

verlassen können. Kosmos bringt jedes

Jahr im Februar und im Juli drei neue Bücher

raus; Sony kommt im Schnitt auf

sechs bis sieben Hörspiele. Zu Jubiläen gibt

es eine besondere Folge wie den dreiteiligen

Band Nummer 175 „Schattenwelt“.

„Da bleibt das Interesse der Fans wach

und muss nicht wie bei neuen Platten eines

Superstars durch eine große Werbekampagne

und spektakuläre Events angeheizt

werden“, sagt Plattenboss Ginthör. Stattdessen

pflegen Verlag und Label die Nähe

zu den Fans wie bei der Hörspielpremiere

von Marburg, bei der als Star Justus-Sprecher

Rohrbeck auftritt und wie beim Kindergeburtstag

Geschenke verlost. Die Fans,

haben die Macher erkannt, suchen zwar

Überraschungen – aber keine großen Abweichungen

vom Grundprinzip: Verbrechen

mit einer Portion Grusel und einem

hohen Wohlfühleffekt. „Wir machen keine

Experimente“, sagt Kosmos-Chef Fleissner,

„wie Coca-Cola haben wir ein funktionierendes

Rezept.“ Kosmos-Redakteurin Anja

Herre pflegt seit Jahren eine Excel-Tabelle,

in der sie Themen und Motive penibel

nachhält, damit sie sich nicht wiederholen

oder widersprechen. Gleichzeitig achtet sie

darauf, dass bestimmte Elemente verlässlich

auftauchen: „Es gibt Rituale wie die

Übergabe der Visitenkarte an neue Klienten,

die gehören in jeden Band.“

KAKAO UND KASSETTEN

Um den Eindruck nicht zu stören, sich in

einer eigenen Welt zu befinden, und um ältere

Folgen für neue Fans lange kaufbar zu

halten, sind die Autoren gehalten, technische

Neuerungen nur zurückhaltend einzubauen.

Hier telefoniert keiner mit dem

iPhone oder verbindet sich mit Facebook:

„Die Bücher sollen eine gewisse Zeitlosigkeit

haben – auch, um die Haltbarkeit zu

verlängern“, sagt Herre.

Macher wie sie und Europa-Managerin

Wodrich, beide seit gut 20 Jahren an Bord,

sind mit ihrer langen Dienstzeit bei den

„drei ???“ die Regel, nicht die Ausnahme:

Von Buchautoren wie Marx über Florian

Baxmeyer, den Regisseur der beiden Kinofilme,

und Tourneeveranstalter Stallmeyer

bis zu Justus-Sprecher Rohrbeck und Sony-

Manager Ginthör sind alle Beteiligten mit

der Serie groß geworden. Sie sorgen bis

heute dafür, dass „Die drei ???“ bei Jungen

wie Älteren gut ankommen: „Den Jungen

gefällt, dass auch Kinder cool sind, die

dank Macken sonst eher Außenseiter wären“,

sagt Autor Marx. Die reiferen Jahrgänge

haben andere Motive: „Die Hörspiele

abends zu Hause oder im Auto zu hören ist

ein entspanntes Zurückfallen in die Jugend,

wo man, außer in die Schule zu gehen,

keine Verpflichtung hatte“, sagt MTS-

Co-Geschäftsführer Hans Stratmann.

„Wenn man krank war oder nicht

einschlafen konnte, gab’s einen Kakao

und ,Die drei ???‘ auf dem Rekorder im Bett

– bis quasi die Bänder durchgescheuert

waren“, erinnert sich Sony-Manager Ginthör.

Das Gefühl teilt er mit vielen erwachsenen

Fans, die als „Kassettenkinder“ groß

geworden sind und heute dafür sorgen,

dass Sony diese Reihe noch immer als letztes

Produkt auf Musikkassette anbietet.

Trotzdem hatten „Die drei ???“ Rückschläge.

Der größte war der Ausflug ins

Filmgeschäft. Hier hatte Studio Hamburg

drei Filme, eine TV-Serie und eine Offensive

bei Fanartikeln geplant. Doch trotz eines

Budgets von bis zu elf Millionen Euro pro

Streifen und einem internationalen Team

funktionierte das nicht. Zwar lockten „Das

Geheimnis der Geisterinsel“ (2006) und

„Das verfluchte Schloss“ (2008) je gut eine

Million Zuschauer. Doch das war am Ende

zu wenig, um die Kosten zu decken, weil

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FOTO: POP-EYE/HEINRICH

2000

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2002

2008

Die Münchner United

Soft Media (USM) veröffentlicht

das erste von

bislang elf ???-Computer-

Spielen. 2006 folgten

Handyspiele. Seit Februar

2013 gehört USM zu

Kosmos.

Mit „Master of

Chess“ startet

die erste Tournee

mit 60 Auftritten.

Die eher parodistische

Geschichte

basiert nicht

auf einem Buch.

Kosmos Verlag und Sony einigen sich

nach jahrelangem zähem Streit um die

Urheberrechte an den „drei ???“. Zwischenzeitlich

brachte Sony 2006 sogar

eine eigene Hörspiel-Serie namens

„DiE DR3i“ heraus, mit den

„???“-Sprechern und geringen Änderungen

im Vergleich zum Original.

50 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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2014

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sich außerhalb Deutschlands kein

Verleih fand und die DVDs so schlecht liefen,

dass die Filme heute kostenlos auf

YouTube stehen. „Hörspiel ist Kopfkino,

und darum bin ich auch nicht traurig, dass

es keine Film- und Fernsehserie gibt“, sagt

Sony-Produktmanagerin Wodrich.

Ebenso schwer tut sich die Serie mit neuen

Märkten. In Deutschland ist sie weitgehend

ein Phänomen der alten Bundesländer

und in den neuen fast unbekannt.

„Weil es die Bücher und Hörspiele in der

ehemaligen DDR nicht gab, fehlen da die

Urfans und damit auch alle folgenden Generationen“,

sagt Tour-Veranstalter Stallmeyer.

Kaum besser läuft es beim Gang ins

Ausland. Zwar vergibt Kosmos Lizenzen in

sieben Länder, unter anderem nach Finnland

und China. Doch nirgends ist eine so

große Zahl von Bänden erschienen. „Das

ist kein Riesengeschäft“, entnimmt Autor

Marx seinen Honorarabrechnungen.

SONDERTISCH FÜLLEN

Darum befürchten einige der Beteiligten,

dass Kosmos und Sony trotz gegenteiliger

Beteuerungen am Ende doch versuchen

werden, mehr aus ihrem wichtigsten Umsatzbringer

rauszuholen und die Marke zu

überdehnen. „Dafür gibt es Ansätze“, meint

Autor Marx. Ob etwa ein ???-Eis nötig war,

daran scheiden sich die Geister.

Zudem wächst im Buch- und Musikgeschäft

der Druck durch Raubkopien sowie

den Trend zu weniger, aber größeren

Buchläden. „Wer da wahrgenommen werden

will, muss mit seiner Marke mindestens

einen Sondertisch füllen“, weiß Autor

Marx. Noch laufen „Die drei ???“ gut. Bei

Live-Auftritten jedenfalls ist nach dem Abschluss

in der Berliner Waldbühne im August

erst mal Pause, sagt Veranstalter Stratmann:

„Gerade weil es die Live-Hörspiele

nur alle paar Jahre gibt, haben sie einmaligen

Kultstatus. Regelmäßige Tourneen

würde sie beliebig werden – und die Nachfrage

sinken lassen.“

n

Anfang März erscheint

die 175. Geschichte

mit dem Titel

„Schattenwelt“.

Die Live-Tour

„Phonophobia“

startet im März mit

22 Stationen.

ruediger.kiani-kress@wiwo.de,

peter.steinkirchner@wiwo.de

INTERVIEW Stephan Grünewald

»Ich bin gar kein Nerd«

Der Chef des Marktforschungsunternehmens Rheingold erklärt das

Massen-Phänomen „drei ???“ psychologisch.

Herr Grünewald, was sagt Ihnen der

immense Erfolg der „drei ???“ über die

Seelenlage der Nation?

Der Erfolg der „drei ???“ passt in eine

Zeit, in der wir uns als Gesellschaft kaum

noch Fragen stellen – wir leben in einer

Zeit ohne große Visionen, in der Bundeskanzlerin

Angela Merkel einen Wahlkampf

gewinnen konnte, der den Deutschen

die permanente Gegenwart

verhieß: bloß keine Experimente. Von

Aufbruch und Abenteuer keine Spur.

Dieses Vakuum füllen die

Fans der „drei ???“, indem

sie beim Hören oder Lesen

Aufbruchsstimmungen,

die spannungsvollen

Abenteuer, aber auch die

Geborgenheitsgefühle

aus ihrer Kindheit recyceln.

Ein typischer Retro-Trip?

Ja, die Fragezeichen gehören

in eine Reihe mit

SEELENLESER

Marken wie Ahoj-Brause,

mit der man als Kind in

die Welt hinaus gesegelt

ist, oder auch in Teilen

mit Adidas, deren Fußballschuhe

einen träumen

ließen, einmal Fußballstar zu werden.

Sie erlauben es, berauschende

Lebensgefühle wieder aufzukochen.

Wieso wirkt das trotzdem modern?

Weil die Charaktere praktisch gecastet

sind wie bei einer Boygroup: der unsportliche

Clevere, der besonnene

Bücherwurm und die etwas ängstliche

Sportkanone. Da ist heute wie früher

und bietet jedem eine Projektionsfläche.

Entscheidend für den aktuellen Erfolg ist

aber auch, dass die Sprecher seit mehr

als 30 Jahren dieselben sind. Das zusammen

erst schafft dieses für die Fans sehr

„stimmige“ Gesamtpaket.

Warum lesen die Leute nicht einfach

Comics, um ihre Kindheit zu recyceln?

Bilder haben zwar auch Kraft. Aber was

die Fragezeichen transportieren, heißt

nicht umsonst „Stimmung“. Man kann

Grünewald, 53, ist Psychologe

und Gründer des

Rheingold-Instituts. Zuletzt

erschien von ihm „Die

erschöpfte Gesellschaft“

die Bedeutung von Stimmen für eine

Marke nicht hoch genug einschätzen.

Das steckt bei jedem Einzelnen tief in

der persönlichen Entwicklung: Bevor wir

das Licht der Welt erblicken und Bilder

sehen, erleben wir vertraute Stimmen.

Wir starten unsere Wahrnehmungskarriere

mit einem Hörspiel von Vater und

Mutter und entwickeln eine Vertrautheit

mit ihren Stimmen und Stimmungen.

Wenn die Verbindung so tief greift,

brauchen „Die drei ???“ überhaupt

Werbung?

Das Geheimnisvolle und

die Fragezeichen gehören

zum Wesen dieser Marke.

Daher wären große werbliche

Ausrufezeichen kontraindiziert.

Weniger ist

manchmal mehr: Den

Fans reichen das reine

Produkt sowie die Momente

der Gemeinsamkeit

auf der Live-Tour oder

bei Platten-Partys. Keiner

der Beteiligten taucht in

den bunten Blättern auf,

es gibt keine Klatschgeschichten

über sie, sie

sind nicht glamourös.

Wie wichtig ist die Tour?

Tour und gemeinsames Lauschen schaffen

Gemeinschaftserlebnisse. Dabei

merken die Leute: Ich bin gar kein verschrobener

Nerd, der als Erwachsener

noch Kinder-Kassetten hört. Und dadurch,

dass regelmäßig mit neuen Veröffentlichungen

nachgefüttert wird, bleibt

die Verbundenheit auch stets bestehen

und wird sogar erneuert.

Kennen Sie vergleichbare Medienphänomene?

Nein, mit dieser großen Kontinuität sind

„Die drei ???“ etwas ganz Besonderes;

die Verantwortlichen haben es geschafft,

die Marke massentauglich zu machen

und riesige Events zu veranstalten und

ihr dennoch den Nimbus des Geheimtipps

zu bewahren.

peter.steinkirchner@wiwo.de

FOTO: PICTURE PRESS/VOLKER HINZ

52 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Straffes Regime

THYSSENKRUPP | Aufsichtsratschef Ulrich Lehner nimmt das

Management des angeschlagenen Ruhr-Konzerns an die Kandare.

Kontrollierter Hiesinger Sonderausschüsse

werden den Vorstandschef überwachen

René Obermann, noch ein paar Wochen

Chef der Deutschen Telekom,

ist ein Mann klarer Worte. Als er vor

einem Jahr ankündigte, den Vorstandsvorsitz

aufzugeben und sich neuen Aufgaben

zu widmen, tat er dies mit dem Satz: „Ich

will zurück in den Maschinenraum.“

Obermann macht seine Ankündigung

nun wahr – als neuer Aufsichtsrat bei ThyssenKrupp.

Dort ist er seit 1. November einfacher

Maschinist unter Ex-Henkel-Chef

und Telekom-Oberaufseher Ulrich Lehner,

der seit April die Überwachungsanlage des

Ruhr-Konzerns steuert.

Was der Aufsichtsratschef und sein Adlatus

bei dem schwer angeschlagenen Stahlund

Technologieriesen vorhaben, verheißt

nicht nur Gutes für ThyssenKrupp-Chef

Heinrich Hiesinger. Egal, wie die Zahlen

ausfallen, die er am 2. Dezember für das

zurückliegende Geschäftsjahr präsentiert,

der Aufsichtsratschef nimmt die Zügel

straffer in die Hand. Überraschungen im

Geschäftsverlauf, das Dauerproblem des

früheren Chefkontrolleurs Gerhard Cromme,

sollen vermieden werden.

Acht Monate nach seinem Amtsantritt

und vier Wochen nach Obermanns Einstieg

ist Lehner dabei, für ThyssenKrupp

eine Kontrolle des Managements zu etablieren,

gegen die sich die Herrschaft des

im Sommer verstorbenen Krupp-Patriarchen

Berthold Beitz geradezu lax ausnimmt.

„Für Lehner ist Hiesiger zu langsam“, sagt

ein Aufsichtsrat. Um dem Ex-Siemens-Manager,

der im Januar 2011 den glücklosen

Ekkehard Schulz an der ThyssenKrupp-

Spitze ablöste, Tempo zu machen, wollen

Lehner und Obermann nach Angaben von

Insidern möglichst in alle Winkel des Konzerns

leuchten. Dazu werden sie Sonderausschüsse

des Aufsichtsrates gründen, wie

Lehner dies bei der Telekom machte. Die

neuen Gremien, deren Besetzung in diesen

Tagen von Lehner bestimmt wird, sollen

sich tief in die „Sachlage des Konzerns“ einarbeiten,

so ein Arbeitnehmervertreter.

Obermaschinist Lehner Stärkeres Interesse

für Operatives bei ThyssenKrupp

Anders als Vorgänger Cromme, unter dessen

Ägide die Stahlmanager Milliarden in

unrentable Stahlwerke in Amerika versenkten,

wolle Lehner sich „auch in Einzelfragen

einklinken“. Einen größeren Kulturwandel

könnte der 67-Jährige damit kaum auslösen.

„Beitz interessierte sich nur für Personalien

im Unternehmen und statuierte ein Exempel

zur Abschreckung, wenn etwas schieflief“,

sagt ein Belegschaftsvertreter. „Für

langfristige Prozesse hatte er kein Interesse.“

Vor allem aber will Lehner künftig von

Anfang an zusammen mit dem Vorstand

die Entscheidungen mitgestalten. Der soll

sich mit den Sonderausschüssen außerhalb

der regulären Aufsichtsratssitzungen

treffen. Bei diesen Meetings sollen die Kontrolleure

Themen strukturieren, mit dem

Vorstandschef die einzelnen Aspekte

durchdeklinieren und schließlich zu Antworten

kommen. Mit dem Verkauf des

Stahlwerks im US-Bundesstaat Alabama

fängt die Sanierung von ThyssenKrupp

jetzt erst richtig an. Ganz oben auf Lehners

Agenda steht die Zukunft des Stahls, über

die sich ThyssenKrupp-Chef Hiesinger bisher

eher vage äußerte.

STAHLSTRATEGIE OFFEN

Was mit der Keimzelle des Konzerns passieren

soll, ist auch knapp drei Jahre nach

Hiesingers Antritt völlig ungeklärt. Auch

die deutsche Stahlproduktion in Duisburg-

Bruckhausen mit ihren 20 000 Beschäftigten

muss überdacht werden. Allein kann

das Stahlwerk nicht überleben. Obwohl

Hiesinger vor einem Jahr die Edelstahlsparte

(Nirosta) an den finnischen Konkurrenten

Outokumpu abgab und nun auch

das Problemstahlwerk in Alabama loswird,

bemängeln Kritiker im eigenen Haus, unter

seiner Regentschaft sei eher wenig passiert.

Der Schuldenstand belief sich zuletzt

auf sechs Milliarden Euro, die Eigenkaptalquote

schmolz auf hauchdünne acht Prozent.

Dem Unternehmen steht eine Kapitalerhöhung

bevor. Das sind Altlasten, die

bisher nicht abgearbeitet wurden.

Gegen ThyssenKrupp-Vorstände, die

sich durch die künftigen Sonderausschüsse

eingeengt fühlen, soll Lehner schon gelästert

haben: Wer damit Probleme habe,

scheine selber große Probleme zu haben,

wird der Chefkontrolleur zitiert. Zumindest

ThyssenKrupp-Finanzchef Guido

Kerkhoff weiß, was auf ihn zukommt. Vor

seinem Job in Essen war er Finanzvorstand

bei der Telekom – und lernte das Lehner-

Regiment bereits hautnah kennen. n

andreas.wildhagen@wiwo.de

FOTOS: PICTURE-ALLIANCE/DPA, ANSGAR WERRELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

54 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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»Ich bin nicht nur

Kapitalist«

INTERVIEW | Heinz Hermann Thiele Der Milliardär und Kontrolleur

des Münchner Industriekonzerns Knorr-Bremse packt aus, was er

unternehmerisch vorhat und warum er sich verkannt sieht.

Es war einer der Momente, an dem

Heinz Hermann Thiele seinem Ruf

wieder einmal alle Ehre machte. Vor

ihm hatte VW-Chef Martin Winterkorn seinen

Weg an die „automobile Weltspitze“

geschildert. Nach ihm durften 1.-FC-Bayern-Präsident

Uli Hoeneß und Ex-Deutsche-Bank-Aufsichtsratschef

Clemens Börsig

über die Finanzkrise streiten. Die Zeit

dazwischen sollte unter anderem er füllen,

indem er über die „Zentralisierung und Regionalisierung

in einem international tätigen

Unternehmen“ referierte.

Lustlos schreitet der Brocken von Mann

ans Rednerpult im Audimax der TU München

und spult seinen Vortrag über Knorr-

Bremse herunter – jenes Unternehmen in

der bayrischen Landeshauptstadt, das er

1987 übernahm, fast 20 Jahre leitete und

seit 2007 als Aufsichtsratschef regiert. Den

Umsatz hat er auf 4,3 Milliarden Euro verzwanzigfacht,

das Geschäft total globalisiert,

Bremsen für Züge und Lastwagen

überall auf der Welt gebaut. Noch Fragen?

„Könnten Sie sich vorstellen, dass einmal

Ihre Tochter an Ihre Stelle tritt?“, will

eine Zuhörerin wissen. „Nein“, blafft Thiele

zurück. „Biologisch“ gehe das nicht, Frauen

wollten nun mal Kinder kriegen. Um

beides zu schaffen, dafür gehe es in Konzernspitzen

„viel zu hart und zu brutal“ zu.

Raunen im Publikum, in dem auch Thieles

Tochter Julia sitzt. Noch Fragen?

Unerbittlich, brachial, zupackend wie

Bremsbacken und selbstbewusst bis zum

Platzen, ein solches Bild zeichnet der inzwischen

72-Jährige von sich seit gut 25

Jahren. In diesem Zeitraum ist er zu einem

der erfolgreichsten, eigensinnigsten und

verschwiegensten Industriellen Deutschlands

aufgestiegen, der nun als Großaktionär

und Aufsichtsratschef des sauerländischen

Schienen- und Lokbauers Vossloh

endgültig zur ganz großen Nummer aufgestiegen

ist.

Auf 4,8 Milliarden Euro schätzt die US-

Zeitschrift „Forbes“ Thieles Vermögen, damit

ist er der zwölfreichste Deutsche. Sein

Unternehmen, das ihm, seiner Tochter und

seinem Sohn gehört, ist längst dem Mittelstand

entwachsen. Knorr-Bremse besitzt

Fabrikationsstätten und Niederlassungen

in den absatzträchtigsten Regionen und

wichtigen Niedriglohnländern der Welt,

von China und Indien über Ungarn und

Tschechien bis Australien und den USA.

Obwohl seit 2007 nur noch Aufsichtsratsvorsitzender,

agiert der Erfolgsmensch

noch immer wie ein Konzernlenker. Seinen

ersten Nachfolger Raimund Klinkner habe

er „oft geführt wie ein Schoßhündchen“, so

ein Aufsichtsrat. Nach viereinhalb Jahren

musste der Ex-Porsche-Manager gehen,

offiziell im Einvernehmen, in Wahrheit

weil Thiele enttäuscht war.

LIEBE NOT MIT MITARBEITERN

Gespannt beobachten Mitarbeiter nun,

wie lange Thiele mit Klinkners Nachfolger

Michael Buscher auskommt, der vom

Schweizer Maschinenbauer Oerlikon und

dem kanadischen Eisenbahnbauer Bombardier

zu Knorr-Bremse kam und seit Juli

das Unternehmen lenkt. „Buscher ist ein

moderater Typ und passt eigentlich gar

nicht zu Thiele“, sagt ein Aufsichtsrat. Doch

Thiele braucht Buscher, erst recht nach der

Machtübernahme bei Vossloh.

Durch seine Art hat Thiele mit Mitarbeitern

seine liebe Not. Einerseits nerven ihn

Manager, wenn sie manchmal „sogar zu

oft“ zu ihm kämen und seinen Rat suchten.

Anderseits würden Leute im Stammwerk

in München ihm schon mal den Gruß verweigern,

berichtet ein Gewerkschafter.

„Der quetscht die Leute aus, das lassen die

ihn dann auch spüren.“ Thiele muss damit

leben. Immerhin lobt ihn der gewerkschaftliche

Kritiker im gleichen Atemzug:

„Als Unternehmer ist Thiele brillant,

schlau und weitsichtig. Er hat als einer der

ersten deutschen Industriellen die Bedeutung

der Globalisierung verstanden.“ n

reinhold.boehmer@wiwo.de

Plus 2000 Prozent

Umsätzevon Knorr-Bremse seit dem

Einstiegvon Heinz Hermann Thiele als

Vorstandschef (in Mrd. Euro)

5000

4000

3000

2000

1000

0

1987 90 00 10

Quelle: Unternehmensangaben

56 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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INNOVATIVER DAUERLÄUFER

Thiele, 72, war ursprünglich Manager bei

Knorr-Bremse. Als Mitte der Achtzigerjahre

der damalige tief religiöse Hauptgesellschafter

die Lust am Kapitalismus verlor, ergriff

der gelernte Jurist die Gelegenheit. Mit

sieben Prozent vom Chef im Rücken kaufte

er als geschäftsführender Gesellschafter

schrittweise der Mutter und der Ehefrau des

Haupteigentümers deren Teile ab. Das Geld

dafür gab die Deutsche Bank. Zu Schulzeiten

in Bielefeld noch leidenschaftlicher 100-

und 400-Meter-Sprinter, erwies sich

Thiele in den Folgejahren als hoch innovativer

unternehmerischer Dauerläufer

und Firmenakquisiteur. Ob Flüsterbremsbeläge

für italienische Hochgeschwindigkeitszüge

oder automatische Türen für

den japanischen Superzug Shinkansen:

Mit seinen Bremssystemen und Komponenten

ist Knorr-Bremse heute in wichtigen

Segmenten des Eisenbahn- und

Nutzfahrzeuggeschäfts Weltmarktführer.

Herr Thiele, wieso verkriechen Sie sich

so und nähren auf diese Weise Ihr Image

des unerbittlichen, knorrigen Diktators?

Von Verkriechen kann keine Rede sein. Ich

bin sehr oft in der Öffentlichkeit, treffe

Kunden und Geschäftspartner und bin

auch sehr viel an unseren Standorten auf

der ganzen Welt unterwegs. Letzte Woche

erst war ich in Indien und habe eine Pressekonferenz

zur Eröffnung unseres neuen

Werkes gegeben. Da wir ein nicht börsennotiertes

Unternehmen sind, besteht für

mich allerdings keine Notwendigkeit, regelmäßig

in der Presse zu erscheinen.

Das letzte Mal, als Sie etwas von sich

preisgegeben haben, war vor zwölf Jahren

zu Ihrem 60. Geburtstag. Seitdem haben

Sie mehr zur Legendenbildung beigetragen

als zur Klärung Ihrer Strategien.

Ich weiß, Journalisten sehen in mir lieber

den exzentrischen, öffentlichkeitsscheuen

Unternehmer. Aber das trifft nicht zu. Ich

bin viel differenzierter.

Dann beweisen Sie uns das doch. Fangen

wir mit der Politik an. Die große Koalition

plant eine Frauenquote im Aufsichtsrat

von Großunternehmen, einen Mindestlohn

von 8,50 Euro sowie Einschränkungen

bei Leiharbeit und Werkverträgen. Werden

Sie deswegen Beschäftigung in Deutschland

abziehen?

Nein, nach heutigem Stand nicht, da kann

ich Entwarnung geben...

...obwohl die Eingriffe Ihre unternehmerische

Handlungsfreiheit einschränken?

Das müssen Sie im Detail betrachten. Nehmen

wir die Frauenquote. Ich bin nicht gegen

Frauen eingestellt. Ich habe immer

schon darauf gedrängt, in meinem von

Männerberufen dominierten Unternehmen

qualifizierte Frauen einzustellen.

Aber eine Quote, ob im Management oder

im Aufsichtsrat, würde ich nie akzeptieren

und immer nach Auswegen suchen.

Warum?

Erstens würde das zu unsinnigen Personalentscheidungen

im Einzelfall führen. Und

zweitens gibt es zwischen Männern und

Frauen Unterschiede, die unseren Fortbestand

sichern. Es sind nun mal die Frauen,

die die Kinder bekommen. Und diese oft

sehr qualifizierten Mütter stehen dann

dem Arbeitsprozess nicht mehr voll zur

Verfügung. Das ist für die Gesellschaft so

auch notwendig. Um eine Quote zu erfüllen,

fehlt es daher oft an Frauen, die ihr Privatleben

zugunsten des Berufes aufgeben

oder stark einschränken und dann für eine

Position etwa im Aufsichtsrat zur Verfügung

stehen könnten.

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FOTO: DIETER MAYR FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 57

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»

Machen die geplanten Beschränkungen

von Leiharbeit und Werkverträgen in

Kombination mit dem Mindestlohn Ihre

Standorte im Hochlohnland Deutschland

nicht unattraktiver?

Uns tangiert das kaum. Wir haben zwar

Leiharbeitskräfte und benötigen diese

auch in Zukunft, um Produktionsspitzen

und Sonderprojekte abzudecken. Werkverträge

und Produktion auf billigere Kräfte

auszulagern ist für uns jedoch kein Thema:

Unsere Produktion ist so komplex, dass wir

nichts auslagern können. Auch Mitarbeiter

mit einfacheren Tätigkeiten sind und müssen

sehr qualifiziert sein.

Gefällt Ihnen das Weiterwursteln in der

Euro-Frage, auf das sich die Koalitionäre

offenbar verständigt haben?

Als Unternehmer ist das für mich aufgrund

unserer Standorte weltweit kein großes

Thema, umso mehr aber für mich als

Staatsbürger. Auch wenn es Ländern wie

Spanien oder Portugal langsam besser zu

gehen scheint, ist damit keine Tilgung ihrer

Schulden verbunden. Ich rechne mittelfristig

mit einem Schuldenschnitt, der zum

großen Teil zulasten Deutschlands gehen

und den Lebensstandard hier berühren

wird. Wenn die Bundesregierung das Gegenteil

behauptet, ist das eine totale Irreführung

der Bevölkerung. Ich bedauere,

dass es die Alternative für Deutschland, die

AfD, nicht in den Bundestag geschafft hat.

Ebenso vermisse ich dort die FDP. Zur

Demokratie gehört auch eine ernst zu nehmende

Opposition.

Wollen Sie raus aus dem Euro?

Nein, ich möchte den Euro bebehalten. Ich

möchte aber, dass wir den Preis bestimmen,

den wir für die Vorteile des Euro zu

zahlen bereit sind. Jedes Ziel muss einen

Preis, eine rote Linie haben, die man nicht

überschreiten darf. Das vermisse ich.

Nach vielen glanzvollen Jahren scheint es

bei Knorr-Bremse zu knirschen. Mit

Daimler streiten Sie sich angeblich um 150

Millionen Euro, die Sie von dem Autobauer

verlangen, weil er nicht die vereinbarte

Zahl an Lkw-Bremsen abgenommen hat.

Das ist so nicht richtig. Es gibt keine Schadensersatzforderungen

gegenüber Daimler.

Richtig ist, dass Gespräche mit Daimler

im Rahmen unserer Geschäftsbeziehung

geführt werden. Dies ist unter Geschäftspartnern

normal, auch wenn man nicht in

allen Fragen der gleichen Meinung ist. Wir

sind seit über 80 Jahren Geschäftspartner.

Auch mit MAN läuft es angeblich

nicht rund, weil sich der Lkw-Bauer

über Qualitätsmängel ärgere?

Dies ist absolut falsch. MAN und Knorr-

Bremse pflegen auf allen Ebenen eine außerordentlich

gute und vertrauensvolle

Zusammenarbeit. Gerade erst dieses Jahr

haben wir einen neuen Mehrjahresvertrag

über das gesamte Liefervolumen geschlossen

mit weiteren Wachstumsmöglichkeiten

für die Zukunft. Für den Ausbau

der Geschäftsbeziehungen haben wir eine

strategische Partnerschaft vereinbart. Von

Qualitätsmängeln bei unseren Produkten

kann überhaupt keine Rede sein.

Für größte Verwirrung sorgen Sie zurzeit

beim Lokomotiven- und Schienensystembauer

Vossloh im sauerländischen

Werdohl, wo Sie Aufsichtsratschef sind.

Sie besitzen mehr als 25 Prozent

der Aktien, liegen also knapp unter der

30-Prozent-Schwelle, von der an Sie

den verbleibenden Aktionären ein Übernahmeangebot

machen müssen. Was

haben Sie vor?

Ich habe nicht die Absicht, Vossloh von der

Börse zu nehmen. Ich habe auch nicht die

Absicht, Vossloh mit Knorr-Bremse zu verschmelzen.

Knorr-Bremse ist gar nicht beteiligt

an Vossloh, das ist ein Engagement,

das ich über eine Holding-Gesellschaft unmittelbar

führe. Ich finde das Programm

von Vossloh aber sehr interessant und

glaube, dass ganz besonders der Infrastrukturbereich

große Potenziale hat. Angesichts

dessen, was in den kommenden

20, 30 Jahren in der Welt des Eisenbahnverkehrs

an Infrastrukturprojekten zu erwarten

ist, ist dieses Geschäft eine sinnvolle

und entwicklungsfähige Ergänzung unseres

Geschäftes mit rollendem Material...

...also mit den Loks und vor allem den

Waggons, die Knorr-Bremse ausstattet.

So ist es. Allerdings können Sie beide Geschäfte

nicht zusammenwerfen. Infrastruktur

ist ein ganz anderes Arbeitsgebiet.

Natürlich haben wir in vielen Fällen die

58 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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FOTO: DIETER MAYR FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

»Eine Frauenquote würde

ich nie akzeptieren und immer

nach Auswegen suchen«

gleichen Kunden, nämlich die Eisenbahngesellschaften

dieser Welt. Ich bin mit deren

Chefs ein-, zweimal im Jahr zusammen

und kenne deren Ausbaupläne. Und ich informiere

die auch darüber, dass ich mit

meinem Engagement bei Vossloh meine

Bahnaktivitäten stärken will, auch durch

Akquisitionen.

Vossloh hat früher versucht, durch Übernahmen

von Lokomotivfabriken zum

Konkurrenten von Weltkonzernen wie dem

US-Riesen General Electric aufzusteigen.

Wollen Sie das rückgängig machen?

Ob das Lokomotivgeschäft langfristig alleine

positiv entwickelt werden kann, wird

bei Vossloh zurzeit geprüft. Wir sind dabei,

zu definieren, welche Schritte wir tun können,

um die Performance zu verbessern,

und wie die Sparte auf größere Stückzahlen

kommen kann. Bis Mitte 2014 werden

wir eine Position zu dieser Frage erarbeiten.

Könnten Sie sich vorstellen, dass Vossloh

sich von vom Lokomotivbau trennt oder

diesen in ein Gemeinschaftsunternehmen

mit einem starken Partner einbringt?

Das sind mögliche Denkmodelle. Das Entscheidende

ist, dass Standorte wie zum

Beispiel Kiel eine nachhaltige Entwicklung

nehmen und die Arbeitsplätze dort verbleiben.

Ich bin kein Finanzinvestor, der im

Regelfall kein langfristiges Interesse verfolgt,

sondern seine finanziellen Interessen

kurzfristig realisieren möchte.

Ein Analyst der BHF-Bank meint, Sie

könnten mittelfristig Ihren Anteil an Vossloh

auf mehr als 30 Prozent aufstocken

und den übrigen Aktionären dann ein

Übernahmeangebot machen. Das Geld

dazu hätten Sie ja.

Es gibt keinen solchen Plan. Das wird auch

für die absehbare Zukunft nicht anders

sein. Ich habe nicht vor, meinen Anteil auf

mehr als 30 Prozent zu erhöhen, auch

nicht, nachdem anscheinend die Familienaktionäre

von Vossloh für 200 Millionen

Euro 22 Prozent der Aktien wohl bei institutionellen

Anlegern platziert haben.

Es gibt Spekulationen, Sie könnten Ihre

Lkw-Bremsen-Sparte an den Getriebehersteller

ZF verkaufen und aus dem Rest

von Knorr-Bremse zusammen mit der

Vossloh-Infrastruktursparte einen weltweiten

Schienenchampion formen.

Es ist unbegreiflich und schon beleidigend,

mir einen solchen Unsinn zu unterstellen.

Mit Systemen für Schienenfahrzeuge und

für Nutzfahrzeuge hat Knorr-Bremse zwei

starke Standbeine, die die Grundpfeiler für

den Erfolg in der Vergangenheit bildeten

und eine wichtige Basis für zukünftiges

Wachstum sind. Beide Branchen folgen

unterschiedlichen Konjunkturzyklen und

stellen dadurch ein natürliches Risikomanagement

dar, das sich in der großen Krise

2009 bewährt hat. Ich müsste wirklich

dumm sein, wenn ich diese Strategie ändern

würde. Bin ich aber nicht.

Wie war das Jahr 2013 für Knorr-Bremse?

2013 wird uns kein substanzielles Wachstum

bringen. Real werden wir zwar drei bis

vier Prozent mehr absetzen, durch Währungseffekte

wird der Umsatz jedoch auf

dem Vorjahresniveau von rund 4,3 Milliarden

Euro verharren.

Was erwarten Sie für die Folgejahre?

Wir wollen 2014 und 2015 wieder an das

frühere Wachstum anknüpfen und jeweils

mehr als fünf Prozent zulegen, wobei wir

mit solchen Schätzungen eher vorsichtig

sind. Wir wollen immer mehr zum Systemoder

Subsystemlieferanten von Bremsanlagen

und sonstigen Komponenten für

Schienen- und Nutzfahrzeuge werden, die

den Käufern eine wirtschaftlichere Nutzung

ihrer Züge, Bahnen und Lkws er-

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 59

»

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Unternehmen&Märkte

»

möglichen und auch darüber hinaus

Mehrwert für unsere Kunden schaffen.

Sie gelten in der deutschen Industrie als

harter Knochen, weil sie vor gut zwei

Jahrzehnten aus dem Arbeitgeberverband

ausgetreten sind. Was hat dieser Schritt

Knorr-Bremse gebracht?

Solange wir im Arbeitgeberverband waren,

hatten wir keinen Einfluss auf die Ziele der

Tarifverhandlungen und deren Ergebnisse.

Durch den Austritt ist es uns gelungen, die

Bedingungen selbst festzulegen, die wir

benötigen, um erfolgreich zu sein. Wir

haben mit der IG Metall vereinbart, auf

welchen Feldern wir uns an die Tarifverträge

anlehnen und wo nicht. Bei den Gehaltsabschlüssen

ziehen wir mit und gehen

sogar hie und da über die Tarifvereinbarungen

hinaus. Im Gegenzug haben wir

die Hoheit über die Arbeitszeitmodelle

und die 42- anstelle der sonst üblichen

38,5-Stunden-Woche, wobei durchschnittlich

in der deutschen Industrie ohnehin

40,5 Stunden pro Woche geleistet werden.

Das haben Sie erreicht, indem Sie mit der

Verlagerung von Produktion ins Ausland

drohten. Trotz der 42-Stunden-Woche

arbeitet heute nur die Minderheit der

Knorr-Bremse-Beschäftigten in Deutschland.

Haben Sie die Belegschaft getäuscht?

Überhaupt nicht. Wir hatten den Leuten klar

die Alternativen genannt: 1000 Jobs in

Deutschland durch Arbeitszeitverlängerung

zu stabilisieren oder ins Ausland zu verlagern.

Am Ende stimmten 98 Prozent der Beschäftigten

individuell zu. Wir haben für stabile

Jobs in Deutschland gesorgt, indem wir

einen gesunden Mix aus Hoch- und Niedriglohnstandorten

über alle Funktionen

hinweg organisiert haben. Ohne diese Kombination

hätten wir uns weltweit nicht so erfolgreich

weiterentwickeln können. Heute

arbeiten rund 50 Prozent unserer Mitarbeiter

in Niedriglohnländern. Unsere deutschen

Mitarbeiter machen immerhin noch

knapp 20 Prozent der Beschäftigten aus.

Ein großartiges Bekenntnis zum Standort

Deutschland klingt aber anders.

Dann verrate ich Ihnen etwas: Wir bauen

2014 ein neues, etwa 50 Millionen Euro teures

Entwicklungszentrum an unserem

Stammsitz in München. Wir hätten das auch

in Ungarn tun können, wo wir zwei Werke

haben. Wir haben das bis zur Entscheidungsreife

durchgerechnet und hätten in

Ungarn gegenüber München einen großen

Millionenbetrag sparen können. Wir kalkulieren

in Ungarn bei ähnlicher Qualifikation

ja nur mit halb so hohen Personalkosten.

Wir haben uns aber anders entschieden, um

München und Deutschland als Entwicklungsstandort

von Knorr-Bremse neue Impulse

für künftige Innovationen zu geben.

Und dafür machen Sie einfach so einen

größeren Millionenbetrag locker?

Nicht einfach so. Geld ist für mich nicht alles.

Ich werde da vielleicht verkannt. Ich

bin nicht nur Kapitalist. Ich möchte natürliche

vernünftige Ergebnisse erzielen,

Märkte optimal besetzen und Kundenbedürfnisse

maximal erfüllen. Ich sehe

Knorr-Bremse aber auch als Unternehmen

mit einer ausgeprägten sozialen Komponente.

Wenn ich mitbekomme, dass im sozialen

Bereich etwas nicht richtig läuft, gerade

bei den kleinen Leuten, dann lasse ich

das nicht zu.

Als Wohltäter sind Sie bei Ihren

Beschäftigten dennoch nicht bekannt.

Ihr Nachbar BMW zahlte 2012 jedem

Mitarbeiter eine Erfolgsprämie von rund

7650 Euro, Audi machte 8030 Euro locker.

Damit können wir nie mithalten. Wir bieten

auch keine Beschäftigungsgarantie wie

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FOTO: DIETER MAYR FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

»Die Mitarbeiter

in Marzahn in

Ost-Berlin sind

meine loyalsten«

BMW. Unsere Leute können sich aber darauf

verlassen, dass wir das Richtige machen.

Geld ist nicht alles. Wir bieten unseren

Mitarbeitern persönliche Entwicklungsmöglichkeiten

und Entscheidungsfreiheiten,

die sie in größeren Konzernen

nicht haben. Bei uns können und sollen die

Mitarbeiter Initiativen entfalten. Mir ist es

lieber, wenn jemand einmal übers Ziel hinausschießt

und ich ihn zurückpfeifen

muss, als Hunde zum Jagen zu tragen. Ich

kann nicht erkennen, dass wir große Probleme

haben, die Leute zu bekommen, die

wir brauchen.

Ist ein Milliardenkonzern ohne Erfolgsbeteiligung

auf dem Arbeitsmarkt

langfristig wirklich zukunftsfähig?

Ich glaube, ja. Wir haben vor ein paar Jahren

eine Mitarbeiterbeteiligung diskutiert.

Da gab es die Vorstellung, dass die Mitarbeiter

etwa hier in München am gesamten

Konzernergebnis beteiligt werden sollten.

Für mich ist das aber eine abstruse Vorstellung,

wenn der Gewinn stark vom Erfolg

unserer ausländischen Standorte abhängt.

Eine Mitarbeiterbeteiligung per Gießkanne,

die diese Unterschiede nicht abbildet,

finde ich nicht richtig.

Könnte das auch daran liegen, dass Sie

von den Mitarbeitern der verschiedenen

Standorte unterschiedlich viel Wertschätzung

oder gar Dankbarkeit erfahren?

Da gibt es sehr große Unterschiede. Die

Mitarbeiter in Marzahn im Osten Berlins

sind meine loyalsten. Die rund 500 Beschäftigten

dort spüren, dass ich an diesem

Standort ganz persönlich festhalte. Es gab

viele Vorschläge des Managements, die

Fertigung dort aufzugeben. Wir könnten

diese ohne Weiteres in einen anderen

Standort integrieren. Das lehne ich aber ab,

obwohl uns das einen zweistelligen Millionenbetrag

pro Jahr nach Abzug der Verlagerungskosten

sparen würde.

Warum leisten Sie sich so etwas?

Erstens will ich keinen Beitrag zur weiteren

Deindustrialisierung Berlins leisten. Zweitens

wurde Knorr-Bremse in Berlin gegründet.

Mir ist es wichtig, die historischen

Wurzeln zu erhalten. Solange ich das kann,

lasse ich mir das etwas kosten.

Der harte Knochen ein Patriot?

Nein, nein, ich möchte damit nur sagen, es

geht mir nicht nur um die Maximierung

des finanziellen Erfolges. Ich habe eine

sehr persönliche Beziehung zu unseren

Standorten und Mitarbeitern. In Aldersbach

bei Passau gefällt mir zum Beispiel

die Bodenständigkeit der Niederbayern.

Die Rendite – und wir haben eine angemessene

Rendite – ist einfach nicht alles.

Was sagen Ihr Sohn und Ihre Tochter

dazu, denen Knorr-Bremse mit Ihnen

zusammen zu gleichen Teilen gehört?

Die akzeptieren das. Wir reichen die Hälfte

des Nettogewinns an unsere Besitzholding

weiter, die uns dreien gehört und wo wir

»

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Unternehmen&Märkte

Arbeiten ohne Gewinnbeteiligung 42-Stunden-Woche

bei Knorr-Bremse in München

und an den anderen deutschen Standorten

»

Finanzanlagen machen, aber nichts an

mich und meine Kinder ausschütten. Die

andere Hälfte wird auf der Ebene der

Knorr-Bremse AG investiert.

Dem haben Ihre Kinder, die über zwei

Drittel der Aktien verfügen, zugestimmt?

Das mussten sie nicht, denn ich besitze die

Mehrheit der Stimmrechte. Ich habe ihnen

eine ordentliche Ausbildung ermöglicht,

meinem Sohn das Studium und die Promotion

in Volkswirtschaft, meine Tochter

ist Volljuristin. Mein Sohn ist in Hongkong

als einer von drei Geschäftsführern für das

Eisenbahngeschäft in Asien mitverantwortlich,

meine Tochter leitet unseren gemeinnützigen

Verein Global Care und den

Bereich Corporate Responsibility.

Wird Ihr Sohn oder Ihre Tochter einmal

in Ihre Fußstapfen treten und eine

Top-Position bei Knorr-Bremse bekleiden?

Meine Tochter fühlt sich in ihrer Position

wohl und kann ihre Rolle als Mutter damit

gut vereinbaren. Mein Sohn ist auf gutem

Weg. Ich kann mir durchaus vorstellen,

dass er es in den Vorstand schafft. Aber das

hängt einzig und allein von seiner Leistung

ab und ist zurzeit kein Thema.

Sie sind 72 Jahre alt. Wann wollen Sie

sich bei Knorr-Bremse zurückziehen?

Solange ich das gesundheitlich kann, habe

ich nicht die Absicht, mich ins Privatleben

zurückzuziehen. Ich sehe mich als jemanden,

der viel mehr ist als ein Chefkontrolleur.

Ich verbringe 90 Prozent meiner Zeit

mit Arbeit für Knorr-Bremse. Oft nehme

ich auf Wunsch der Führungskräfte an Gesprächen

mit Kunden teil oder führe sie

auch alleine. Und ich besuche regelmäßig

unsere Standorte in der ganzen Welt. Ein

Total global

Umsatz undBeschäftigtevon Knorr-

BremsenachRegionen (inProzent)

Europa

24,4

4,3 Mrd.

Euro

Umsatz*

24,9

Amerika

50,7

21,9 53,6

19120**

Beschäftigte

24,5

19,6

davon in

Deutschland:

3750 Beschäftigte

Umsatz vonKnorr-BremsenachSparten

(inMrd.Euro)*

Systemefür Schienenfahrzeuge

(z.B. Bremsanlagen,Hydraulik,

automatische Türen)

*2012; ** Ende2012; Quelle:Knorr-Bremse

Australien/Asien

2,217

Systemefür Nutzfahrzeuge

(z.B. Bremsanlagen,Getriebesteuerung)

2,098

herkömmlicher Aufsichtsratschef würde

nur einen Bruchteil seiner Zeit für ein Unternehmen

aufbringen können.

Gefällt Ihnen, dass Ihr Nutzfahrzeugchef

Klaus Deller eventuell Chef des Wälzlagerherstellers

Schaeffler werden soll?

Die Sache ist im Fluss. Herr Deller hat in

seinen viereinhalb Jahren bei Knorr-Bremse

gewaltig an Format gewonnen, auch

weil ich ihn sehr gefördert habe. Sein Vertrag

läuft noch bis 2015. Wenn er die große

Chance bei Schaeffler bekommt, werde ich

ihn nicht blockieren. Ich habe ihn deswegen

nicht auf den Chefsessel bei Knorr-

Bremse gehoben, weil ich dort einen Eisenbahnkenner

brauche. Den habe ich im

März dieses Jahres mit Michael Buscher

gefunden, der zuvor bei dem Schweizer

Maschinenbauer Oerlikon und dem kanadischen

Eisenbahnbauer Bombardier sehr

erfolgreich gearbeitet hat.

Was macht ein Superreicher wie Sie mit

seinem vielen Geld?

Ich bin Unternehmer und muss für

schlechte Zeiten vorsorgen. Was auch immer

passiert, ich möchte nie am Tropf der

Banken hängen. Und ich möchte weiter

unternehmerisch aktiv sein. Dabei ist Vossloh

nur eine meiner Aktivitäten. Die wichtigsten

anderen sind zwei private landwirtschaftliche

Projekte: eine Rinderzucht in

Uruguay mit rund 8500 Tieren und eine

Mangoplantage mit 350 000 Bäumen und

600 Festangestellten in Hoedspruit im

Nordosten Südafrikas.

Warum wird ein Bremsenhersteller

Mangofarmer?

Das entspringt einer ausgeprägten Neigung

für Landwirtschaft. Ich bin ein

Flüchtlingskind. Meine Mutter ist mit meiner

kleinen Schwester, meinem großen

Bruder und mir mit Kinderwagen und

Handkarren wochenlang auf der Landstraße

aus Ostdeutschland geflohen, als die

Russen kamen. Da mussten wir hungern

und waren auf die Hilfe von Landwirten

angewiesen. Ich habe gelernt, in harten

Zeiten zu überleben. Das ist ein wesentlicher

Treiber für meine Art zu arbeiten. Ich

verlasse mich stark auf mich selbst und

meine Durchsetzungsfähigkeit, aber ich

verlange nichts Unangemessenes. Ich bin

fair im Umgang mit anderen, möchte aber

ebenso behandelt werden.

Solche Charakterzüge erwarten Sie auch

von Ihren Vorständen?

Sie finden heute überall gut ausgebildete

Kräfte. Aber finden Sie mal solche, die dazu

noch ein starkes Persönlichkeitsprofil haben

und Leadership praktizieren, die sich

durchsetzen können und trotzdem die Mitarbeiter,

ohne die sie ja nichts bewegen

können, hinter sich bringen. Als Führungskraft

geht es auch um andere Dinge als um

einen guten Uni-Abschluss. Das lebe ich

vor, wenn es sein muss, Tag und Nacht. n

reinhold.boehmer@wiwo.de

FOTO: LAIF/HANS-BERNAHRD HUBER

62 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA

Schwerter zu Airbussen

EADS | Vorstandschef Tom Enders könnte sich den Konzernumbau

erleichtern, indem er in seinen Waffenfabriken Passagierjets baut.

Bis vor zwei Wochen war das Jahr

2013 eigentlich viel zu ruhig für Tom

Enders. Denn privat oder beruflich

steht der Chef des Luftfahrtriesen EADS für

Action: von den Gefechten mit Politikern

über die Aktionärsstruktur des Konzerns

bis zur geplatzten Fusion mit dem britischen

Rüstungsriesen BAE Ende 2012.

Den fehlenden Adrenalinstoß kann sich

der Ex-Major jetzt holen. Der 54-Jährige

will am 9. Dezember den Umbau der Rüstungssparte

Cassidian vorstellen, die künftig

unter Airbus Defence & Space firmieren

soll, und gleichzeitig den Abbau mehrerer

Tausend Stellen offiziell bekannt geben.

„Ohne harte Maßnahmen wird es nicht gehen“,

stellte er bereits klar. Damit erklärte

Enders zugleich den Beschäftigten den

Krieg. Als „Maßlosigkeit“ geißelte EADS-

Deutschland-Betriebsratschef Thomas

Pretzl die Pläne und kündigte an: „Wir sagen

Nein zu dieser Gier!“

DOPPELTER CHARME

Aus Sicht führender Konzerninsider könnte

Enders die Situation relativ einfach entschärfen:

indem er die betroffenen Waffenschmieden

nicht dichtmacht, sondern in

ihnen teilweise Komponenten für die Zivilflugzeuge

des EADS-Konzerns baut. „Das

ist ein gangbarer Weg, wenn auch nicht

ganz einfach“, urteilt der Hamburger Luftfahrtexperte

Heinrich Großbongardt.

Die Lösung hätte doppelten Charme.

Die Rüstungs- und Raumfahrtsparte könnte

sich schmerzlos von Personal trennen,

das sie immer weniger beschäftigen kann.

Vor allem Deutschland und Frankreich ordern

fast keine neuen Kampfjets, Militärhubschrauber

und Raketen mehr. Berlin

und Paris stornieren sogar bestehende Bestellungen.

Zudem trommeln die beiden

Regierungen bei kaufkräftigen Abnehmern

wie Korea oder den Vereinigten Arabischen

Emiraten viel weniger für EADS-

Schießzeug als die USA oder Großbritannien

für ihre Waffenschmieden.

Gleichzeitig kann Enders die Spezialisten

aus der Eurofighter- oder Rüstungselektronik-Produktion

gut bei Airbus brauchen.

Wegen der boomenden Nachfrage

nach Passagierjets muss er die Produktion

hochfahren, um etwa vom Mittelstrecken-

Airbus A320 monatlich 44 statt bisher 42

Maschinen liefern zu können. Dass die

Rüstungssparte dazu beitragen kann, zeigen

die Werke im bayrischen Augsburg

oder im norddeutschen Varel, wo sowohl

zivile wie militärische Produkte entstehen.

Die Umstellung von Schwertern auf Airbusse

ist allerdings nicht ohne Probleme.

Noch am leichtesten gelingt dies bei den

Entwicklungsingenieuren, die im Militärbereich

ähnlich arbeiten wie bei Airbus. Sie

müssten sich nur wie die Konstruktionsabteilungen

etwa aus Russland quasi von außen

ins Airbusnetz schalten.

Schwerer wird es in der Fertigung. So gäbe

es für die meisten Arbeitnehmer derzeit

Entrüstet Mitarbeiter der EADS-Waffensparte

Cassidian demonstrieren gegen Jobabbau

Ungewisse Zukunft

Diewichtigsten Standortedes EADS-Rüstungs- undRaumfahrtgeschäfts

1Manching

2Bremen

3Augsburg

4Ulm

5Friedrichshafen

6Ottobrunn

7Unterschleißheim

8Varel

9Backnang

10 Schrobenhausen

11 Aschau am Inn

12 Jena

13 Oberkochen

14 Wetzlar

15 Lampoldshausen

4500 Beschäftigte

3200

3000

3000

2500

1400

1400

1260

1200

1100

500

500

400

400

300

Quelle:Unternehmensangaben, teilweisegeschätzt

8

2

Erfurt

12

14

Wiesbaden

15 9 13 10 1

4

Stuttgart 3 7 11

6

5 München

kaum Arbeit bei Airbus, weil die Produktion

für die bislang geplanten Modelle bereits

an Standorte im Konzern oder an Zulieferer

vergeben sind. Erst für den Langstreckenjet

A350-1000, dessen Produktion

2018 starten soll, ist wieder was frei.

In der Produktion selbst müsste Enders

die größten Veränderungen durchsetzen.

Vor allem die in Bayern ansässigen Waffen-

Werke bräuchten einen Crashkurs in moderner

Fertigung. „Während der A320 auf

einer Art Fließband entsteht, fertigen die

Militärfabriken wegen der niedrigeren

Stückzahlen wie eine gehobene Werkstatt“,

weiß Experte Großbongardt.

Diese Schwierigkeiten halten Insider für

lösbar. „Wenn Enders einen Teil der Jobs

retten kann, spart er viel Geld für Sozialpläne

und kittet den Konzern enger zusammen“,

glaubt ein Insider. Dazu kann er bei

den Umbaukosten wahrscheinlich auch

auf das Wohlwollen besonders der bayrischen

Politik rechnen, die sich an der Konversion

beteiligen könnte, um die Wachstumsbranche

Luftfahrt am Alpenrand zu

halten.

Die Rückendeckung der Gewerkschaften

beim Wunsch nach öffentlicher Hilfe hat

Enders jedenfalls. „Mit 5,5 Milliarden Euro

wurden Arbeitsplätze in der Autoindustrie

gesichert“, sagt Bernhard Stiedl, Beauftragter

der IG Metall für die EADS, und verweist

auf Subventionen wie die Abwrackprämie

und Hilfen bei der Elektromobilität. „Nun

wollen auch wir fair behandelt werden.“ n

Video

ruediger.kiani-kress@wiwo.de

Das Waffenarsenal von EADS

und dessen Problemzonen

http://wiwo.de/4913video1

Kampfflugzeuge

Satelliten, Trägerraketen

Teilefür Kampfflugzeuge,Militärtransporter

Radar

Satelliten, Sonden

Satelliten, Forschung, Verwaltung

IT,Verwaltung, Montage

Teilefür Militärtransporter,Kampfflugzeuge

Kommunikationstechnik

Forschung, Lenkwaffen, Raketen

Antriebefür Lenkwaffen

Sensoren

Optronik, Überwachungstechnologie

Optronik, Überwachungstechnologie

Forschung

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 63

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Unternehmen&Märkte

Möblierst du noch oder

sanierst du schon?

KARSTADT | Eine Ikea-Managerin gilt als Favoritin für den Chefposten

der Kaufhauskette. Viele Handlungsoptionen bleiben ihr nicht.

Wenn sich am 11. Dezember die

Aufsichtsräte des Essener Warenhauskonzerns

Karstadt zur letzten

regulären Sitzung des Jahres treffen, wird

es vor allem um ein Thema gehen: Wer tritt

das Erbe von Andrew Jennings an? Der

Karstadt-Frontmann räumt bis Ende des

Monats seinen Posten bei dem taumelnden

Konzern. Die Regelung der Nachfolge

ist also überfällig. Doch bis dato rätseln

selbst Mitglieder des Kontrollgremiums,

wen ihr Vorsitzender, der frühere Rewe-

Manager Stephan Fanderl, an der Karstadt-

Spitze präsentieren wird.

Eine Managerin soll es sein, und aus dem

Reich des schwedischen Möbelgiganten

Ikea soll sie stammen. Claudia Willvonseder,

weltweite Marketingchefin von Ikea,

würde ins Raster passen, heißt es intern.

Verkauf

Komplettverkauf

Signa/Benko

nutzen Kaufoption

Umbau einzelner

Filialen zu Centern

und Büros

Quelle: eigeneRecherche

Abwicklung oder Happy End?

DieSzenarien für die Zukunftdes Karstadt-Stammgeschäfts

Nur die Filetstücke

werden verkauft

Ein Investor

pokert

Zusätzlicher

Kauf von

Kaufhof

Metro

greift zu

Wie geht es mit

weiter?

Insolvenz

Abwicklung

Fusion mit der

Metro-Tochter

Kaufhof

Ein Karstadt-Sprecher will Personalspekulationen

nicht kommentieren. Doch klar

ist: Die Handlungsmöglichkeiten des oder

der Neuen sind eng begrenzt. In der Branche

werden im Wesentlichen drei Szenarien

diskutiert, die das Management im

Zweifel exekutieren muss: der Verkauf des

Stammgeschäfts, die Insolvenz und die Sanierung

(siehe Grafik).

Schlussverkauf

Unrentable Filialen machen dicht,

Tausende Jobs fallen weg

Weiter wie bisher

Sanierung

Steht Geld parat?

Wie sieht das

Konzept aus?

Modernisierung,

Einschnitte,

Online-Ausbau

Börsengang Weiterverkauf Sanierung scheitert Sanierung glückt

Nein

Mehr als

500 Mio. Euro

Shoppingtour in Essen Investor Benko ist

die zentrale Figur im Karstadt-Krimi

OPTISCHE TÄUSCHUNG

Wohin die Reise geht, bestimmt vor allem

ein Mann: René Benko. Der österreichische

Unternehmer hat den deutschamerikanischen

Investor Nicolas Berggruen

als zentrale Figur im Karstadt-Krimi

abgelöst. Benkos Immobiliengruppe Signa

hat sich neben zahlreichen Karstadt-Häusern

bereits die Mehrheit an der Premiumund

Sportsparte des Konzerns einverleibt.

Zudem sollen Benko und der israelische

Diamantenmilliardär Beny Steinmetz über

die Option verfügen, von Berggruen auch

die Mehrheit am Kerngeschäft für einen

Euro zu übernehmen. Doch warum sollten

die Investoren diese Option ziehen? Der

vermeintliche Schnäppchenpreis ist eine

optische Täuschung: Karstadt muss Investitionen

im dreistelligen Millionenbereich

stemmen, Verluste drohen.

Allenfalls der Umbau einzelner Standorte

zu Shoppingcentern oder Büros samt

anschließendem Weiterverkauf an externe

Anleger könnte die Immobilienentwickler

reizen. Interessanter noch wäre die Möglichkeit,

die Metro-Tochter Kaufhof als

zweite deutsche Warenhausgruppe zu erwerben

und die Rivalen zu verschmelzen.

Die alte Idee einer Deutschen Warenhaus

AG beflügelt seit Jahren die Fantasie von

Investoren, für die Mitarbeiter ist sie ein

Horrorszenario: Mindestens ein Drittel der

gemeinsamen Standorte würde gekappt,

erwarten Branchenkenner. Eine der

Hauptverwaltungen müsste weichen, Logistik

und IT würden zusammengelegt.

Auch in den beiden anderen Karstadt-

Szenarien sind jedoch Einschnitte absehbar.

Im Fall einer erneuten Insolvenz des

Unternehmens dürfte in einem Großteil

der Filialen der finale Schlussverkauf starten.

Für den profitablen Rest wäre wiederum

ein Zusammenschluss mit Kaufhof die

wahrscheinlichste Variante.

Selbst bei einer Sanierung der Warenhauskette

sind Schließungen unvermeidbar.

Dass die neue Karstadt-Riege die Sanierungsoption

wählt, würde Branchenexperten

indes überraschen. Kapitalzusagen

für Modernisierungen haben sich zuletzt

als Manöver entpuppt, bei dem Karstadt

den Zuschuss über höhere Mieten letztlich

wieder abstottern muss. Benkos Bereitschaft

zu investieren scheint begrenzt. n

henryk.hielscher@wiwo.de

FOTO: PICTURE-ALLIANCE/DPA

64 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

Aus dem Nichts

CHEMIEINDUSTRIE | Im Streit verließ Martin Wienkenhöver den Vorstand des Lanxess-Konzerns.

Jetzt führt er ein mittelständisches Unternehmen und macht seinem Ex-Arbeitgeber Konkurrenz.

Bessere Chemie

CABB-Chef

Wienkenhöver

verspürt keine Sehnsucht

nach seinem

ehemaligen Arbeitgeber

Lanxess

20 Prozent

Umsatzrendite erreicht

CABB beinahe

Als Junge wollte Martin Wienkenhöver

lieber Musiker werden. Sein

Trompetenlehrer allerdings riet ihm

davon ab, sein Hobby zum Beruf zu machen.

„Das war eine nette Art, mir zu sagen,

dass ich nicht gut genug bin“, befand Wienkenhöver.

Er orientierte sich neu, studierte

Chemie und promovierte.

Insgesamt 25 Jahre arbeitete der gebürtige

Westfale für den Chemiekonzern Bayer

und dessen spätere Abspaltung Lanxess.

Mehr und mehr gab Wienkenhöver den

Takt vor;2005 schaffte er es in den Lanxess-

Vorstand. Doch bald mehrten sich die

Misstöne, und nach zwei Jahren warf

Wienkenhöver hin. Die Chemie mit Konzernchef

Axel Heitmann stimmte wohl

nicht. Im Vorstand hatte sich der umgängliche,

ruhige Arbeitsdirektor vergeblich gegen

die Ausgliederung von Unternehmensteilen

gewehrt.

Inzwischen ist dem 57-Jährigen ein erstaunliches

Comeback gelungen. Seit Anfang

2010 führt Wienkenhöver den mittelständischen

Chemiehersteller CABB aus

Sulzbach im Taunus. Der ist klein, aber

hochprofitabel: 2012 setzte CABB 427 Millionen

Euro um und liegt mit einer Umsatzrendite

von „etwas unter 20 Prozent“

(Wienkenhöver) deutlich über Lanxess

(aktuell 9,1 Prozent) und der Chemiesparte

von Bayer (zwölf Prozent).

Während CABB auf zwei profitable

Nischenmärkte – Chloressigsäuren und

Pflanzenschutzvorprodukte – setzt, leidet

Wienkenhövers früherer Arbeitgeber Lanxess,

der vor allem Kautschukprodukte verkauft,

unter der schwachen Autokonjunktur.

Nebenher hat Lanxess auch noch

einige Agrochemikalien im Angebot, stößt

dabei aber auf einen erfolgreichen Konkurrenten

– Wienkenhövers CABB. In der

darbenden Chemiebranche sind die Vorprodukte

für Pflanzenschutzmittel eines

der wenigen Segmente, die noch boomen.

SCHNELLE INVESTITIONEN

Sehnsucht nach seinen früheren Wirkungsstätten

plagt den einstigen Konzernmanager

nicht: „Bei CABB bin ich viel näher

am eigentlichen Geschäft dran als bei

Bayer und Lanxess. Ich kann hier eine Investition,

die bei Bayer zwei Jahre gedauert

hätte, in 14 Monaten durchziehen. Und der

ganze Abstimmungsmarathon entfällt“,

preist er die Vorteile des Mittelstands.

Ähnlich wie Wienkenhöver hat auch

CABB eine längere Odyssee hinter sich.

2005 verkaufte der Schweizer Chemiekonzern

Clariant sein Geschäft mit Chloressigsäuren

– chemische Allzweckwaffen, die in

Shampoos und Zahnpasten, Arznei-

»

FOTO: PR

66 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

»

und Pflanzenschutzmitteln sowie Joghurt

und Cola enthalten sind – an den niederländischen

Finanzinvestor Gilde. Ein

Jahr später übernahm Axa Private Equity

aus Frankreich und 2011 der Londoner Finanzinvestor

Bridgepoint.

„Clariant hatte dem Geschäft keine Beachtung

geschenkt“, sagt Wienkenhöver,

„es gab kaum Produkte, wenig Personal

und fast keine Perspektiven.“ Der Umsatz

lag 2005 bei 110 Millionen Euro. Unter der

Ägide der Finanzinvestoren legte das Geschäft

dank Kapazitätserweiterung und Akquisitionen

bis auf eine Delle im Krisenjahr

2009 stetig zu. 2007 kamen mit dem Kauf

der schweizerischen SF-Chem die Agrochemikalien

ins Portfolio. 2010 betrug der

Umsatz bereits 311 Millionen Euro.

Und anders als es das Image der Heuschrecken

nahelegt, verlor kein Mitarbeiter

seinen Job. Kurzarbeit blieb auch während

der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/09

ein Fremdwort. Stattdessen stieg die Mitarbeiterzahl

in den vergangenen vier Jahren

von 750 auf aktuell 1000.

GEGEN KOSTENSENKUNGEN

Unter Bridgepoint zog das Wachstum dann

noch mal an. Wienkenhöver, den Weggefährten

als guten Analytiker loben, der aber

kaum zum Menschenfänger tauge, durfte

in den vergangenen zwei Jahren 100 Millionen

Euro in neue Anlagen investieren. Etwa

die gleiche Summe blätterte er für den

Kauf des finnischen Spezialchemieanbieters

KemFine hin, der Kunden aus der

Agro- und Pharmaindustrie beliefert. Für

2013 peilt der CABB-Chef rund 450 Millionen

Euro Umsatz an; bis 2016 sollen es

mehr als 600 Millionen Euro werden.

„Wienkenhöver schafft es gut, Bridgepoint

von allzu massiven Kostensenkungen

abzuhalten“, sagt ein Kenner der Verhältnisse

bei CABB. Dass der Finanzinvestor

vor einigen Monaten CABB über Kredite

100 Millionen Euro neue Schulden auflud,

um einen Teil davon als Sonderausschüttung

zu kassieren, konnte Wienkenhöver

allerdings auch nicht verhindern.

Bridgepoint profitiert davon, dass CABB

in zwei interessanten Nischenmärkten

sehr erfolgreich ist: Chloressigsäuren und

Agrarchemikalien stehen jeweils für etwa

40 Prozent des Umsatzes. Hinzu kommen

noch weitere Basischemikalien sowie

Zwischenprodukte für die Pharmaindustrie.

Mit den Chloressigsäuren lassen sich vor

allem in Asien gute Geschäfte machen.

„China ist der weltweit größte Markt für

68 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Monochloressigsäure, wir bieten dort ein

hochwertiges Produkt an und erwarten ein

Marktwachstum von sieben bis acht Prozent“,

sagt Wienkenhöver. Bislang sind die

Chinesen noch nicht in der Lage, die hochwertigen

Säuren selbst herzustellen.

GUTE GESCHÄFTE MIT BAUERN

Um die CABB-Kapazitäten in China mehr

als zu verdoppeln, hat der einstige Lanxess-Vorstand

ein Joint Venture mit einem

Unternehmen namens Jining Gold Power

in der östlichen Provinz Shandong vereinbart.

Bis Mitte 2015 wollen die Partner

mehr als 20 Millionen Euro investieren.

Noch erquicklicher entwickelt sich das

Geschäft mit Agrarchemikalien. Das sind

Inhaltsstoffe für Pflanzenschutzmittel, die

etwa von BASF, Bayer, Syngenta oder Monsanto

vertrieben werden. In der mauen

Chemie-Konjunktur zählt das Geschäft mit

den Landwirten zu den wenigen Gewinnbringern.

„Wir wollen die Sparte weiter

ausbauen, organisch und gegebenenfalls

auch durch Zukäufe“, sagt Wienkenhöver.

Ironie der Geschichte: Zu den führenden

Anbietern von Agrarchemikalien in

Deutschland zählt neben CABB auch die

Lanxess-Tochter Saltigo. Lanxess-Lenker

Heitmann hat bereits durchblicken lassen,

nach Verstärkungen zu suchen, insbesondere

bei Basis- und Feinchemikalien, wozu

auch die Pflanzenschutzvorprodukte zählen.

So könnte über kurz oder lang auch

CABB in Heitmanns Visier geraten.

ZURÜCK ZU DEN WURZELN?

„CABB und Saltigo würden gut zusammenpassen“,

sagt ein gut verdrahteter Berater

für die Chemieindustrie. Bislang soll Lanxess

allerdings noch nicht beim CABB-Eigentümer

angefragt haben, und noch sei

Bridgepoint nicht verkaufsbereit, heißt es

in der Branche. In zwei bis zweieinhalb

Jahren, wenn der Finanzinvestor CABB wie

in der Private-Equity-Branche üblich weiterverkaufen

und Kasse machen will,

könnte das anders aussehen.

Ob sich der im Streit geschiedene Wienkenhöver

dann mit seinem Ex-Arbeitgeber

arrangieren könnte? Zumindest räumlich

wäre eine Rückkehr an die alte Wirkungsstätte

kein Problem: Nach wie vor wohnt

der Vater von vier Kindern mit seiner Familie

im Leverkusener Stadtteil Schlebusch.

Und wann immer er kann, besucht der

Dauerkarteninhaber die Heimspiele im

Stadion des Bundesligisten Bayer 04 Leverkusen.

n

juergen.salz@wiwo.de

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 69

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Unternehmen&Märkte

Hochriskantes System

BITCOINS | Der Kurs der Internet-Währung ist auf ein Rekordhoch geschnellt. Entsteht gerade das Geld

der Zukunft oder nur eine Spekulationsblase? Antworten auf die zehn wichtigsten Fragen.

Gestartet als Spiel- und Anarchogeld

von Internet-Verrückten, wird die

Webwährung Bitcoin mehr und

mehr salonfähig. Kürzlich lobte Ben Bernanke,

Präsident der US-Notenbank Federal

Reserve, Bitcoins als interessante Innovation.

Auch sein chinesischer Amtskollege

bezeichnete das Cybergeld wohlwollend

als inspirierende Entwicklung. Selbst

das bodenständige Bundesfinanzministerium

hat die Cyberwährung im August als

privates Geld und Recheneinheit anerkannt

(WirtschaftsWoche 35/2013). Und

Digitalwährung boomt

Entwicklungdes Bitcoin-Kurses in Euro

700

Spekulations-

600

blase platzt

500

Börsen

400

Bitcoin24 und

Bitfloor

300

geschlossen

200

100

0

Quelle: bitcoin.de

Starke Nachfrage

von

Investoren lässt

den Kurs kräftig

steigen

Bundesfinanzministerium

erkennt Bitcoins

als Privatgeld an

BaFin genehmigt

Kooperation der Online-

Wechselstube

bitcoin.de

mit der Fidor-Bank

Bitte ein Bit!

Eine Berliner

Kneipe akzeptiert

Bitcoins

Fed-Chef

Bernanke und

sein chinesischer

Amtskollege

bezeichnen

Bitcoins als

interessante

Innovation

Jan. Feb. März April Mai Juni Juli Aug. Sept. Okt. Nov.

John Donahoe, der Chef des größten Online-Handelsportals

Ebay, stellte sogar in

Aussicht, irgendwann einmal darüber

nachzudenken, ob die Konzerntochter

PayPal Bitcoins als Zahlungsmittel akzeptieren

könnte.

Der zarte Lorbeer hat den Bitcoins zwar

noch nicht zum breiten Durchbruch als

universelles Zahlungsmittel verholfen,

wohl aber den Kurs in die Höhe schnellen

lassen. Das spektakuläre Platzen der ersten

Bitcoin-Blase im Frühjahr scheint vergessen

(siehe Grafik). Unternehmen, bekannte

Investoren und Spekulanten haben den

Kurs auf mehr als 600 Euro getrieben, in

Dollar notiert, knackte er vergangene Woche

erstmals die 1000er-Marke. Schon feiern

Bitcoin-Fans die Geburt eines neuen,

virtuellen Geldes, Skeptiker dagegen warnen

vor einer Spekulationsblase. Auch in

Deutschland wächst das Interesse. Doch

viele Anleger, Verbraucher und Unternehmer

wissen wenig darüber, wie Bitcoins

entstehen und genutzt werden können.

Gastronomen und Händler fragen sich, ob

sie Bitcoins künftig von ihren Kunden akzeptieren

müssen.

Hier die Antworten auf die wichtigsten

Fragen zum Phänomen Bitcoin:

Was sind Bitcoins und woher

kommen sie?

Der Name kommt aus dem Englischen und

setzt sich aus dem Wort für die digitalen

Dateneinheiten in Computern (Bits) und

für Münzen (Coins) zusammen. Ein Internet-Freak

oder eine Gruppe mit dem Decknamen

Satoshi Nakamoto hat die binären

Münzen 2009 ausgetüftelt, um eine Privatwährung

unabhängig von Staaten oder

Zentralbanken zu schaffen. Bitcoins entstehen,

indem mathematische Aufgaben

gelöst werden. Dafür werden Hochleistungscomputer

benötigt, die mehrere Wochen

für eine digitale Münze brauchen. Bitcoin-Produzenten,

sogenannte „Miner“,

schließen ihre Rechner zusammen, um

schneller zu sein.

Der Programmcode erlaubt, dass insgesamt

nur 21 Millionen Bitcoins geschöpft

werden können. Etwa zwölf Millionen wurden

bisher erzeugt. Bitcoins existieren nur

virtuell, werden im Computer oder

Smartphone gespeichert und können über

das Internet weltweit versandt werden.

Welche Vorteile bieten Bitcoins?

Bitcoins sind unabhängig von Notenbanken,

die den Wert des Geldes indirekt

durch Leitzinsen und Geldmengensteuerung

beeinflussen. Ihre limitierte Zahl soll

galoppierende Inflation und Wertverluste

von Sparguthaben verhindern. Jeder kann

mit einem einfachen Computerprogramm

mit Bitcoins bezahlen. Und das uner-

»

FOTO: STUDIO X/POLARIS

70 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Unternehmen&Märkte

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kannt, ohne Gebühren und weitgehend

unabhängig von Kontrollen und Einschränkungen

durch Behörden, Banken

oder Finanzdienstleister. Bitcoins verbinden

damit die positiven Eigenschaften von

Bargeld, das anonym ist, aber umständlich

mitgeführt und übergeben werden muss,

mit der umkomplizierten Bezahlung per

Kreditkarte, die Banken und Behörden allerdings

minutiös nachvollziehen können.

Kein Wunder, dass in den USA ein Geheimportal

blühte, das Drogendealer und deren

Kunden vernetzte und die Zahlung in Bitcoins

abwickelte.

Welche Gefahren drohen?

Bitcoins können wie Bargeld gestohlen

werden und in fremde Hände fallen. Gehen

die Computer, Smartphones oder

USB-Sticks, auf denen sie gespeichert sind,

verloren, sind auch die Bitcoins weg. Verlust

oder die Sperrung von Guthaben droht

auch, wenn Hacker Computer oder Handys

ausspähen oder Tauschbörsen und

Zahlungsdienstanbieter schließen. Dann

können Nutzer bei fallenden Kursen ihre

Münzen nicht mehr verkaufen. Ein Risiko

für Bitcoin-Besitzer sind die stark schwankenden

Kurse. Da der Vorrat begrenzt ist,

lässt eine steigende Nachfrage den Preis rasant

steigen und ebenso schnell wieder abstürzen,

wenn das Interesse nachlässt.

Wie erhält man Bitcoins?

Online-Wechselstuben wie Mt. Gox in Japan

oder Bitcoin.de in Deutschland tauschen

offizielle Währungen wie Dollar und

Euro in Bitcoins und zurück. Der Wechselkurs

richtet sich nach Angebot und Nachfrage

auf diesen Tauschportalen. Die US-

Startups Lamassu und Robocoin haben in

den USA, Kanada, Australien, Irland oder

der Slowakei auch schon erste Bitcoin-

Geldautomaten ausgeliefert. Diese spucken

Bitcoin-Guthaben in lokaler Währung

aus und ermöglichen Bareinzahlungen auf

das Bitcoin-Konto des jeweiligen Nutzers.

Die Automaten eignen sich daher vor allem

für Reisende, um leicht an Devisen zu

kommen und Restbestände schnell wieder

einzahlen zu können.

Wo bezahlt man mit Bitcoins?

Lange war der Online-Drogenmarktplatz

Silk Road in den USA die wichtigste Akzeptanzstelle.

Bei der Schließung im Oktober

beschlagnahmte die amerikanische Bundespolizei

FBI 170 000 Bitcoins mit einem

derzeitigen Wert von über 100 Millionen

Euro. Die Universität von Nikosia auf Zypern

will jetzt die Zahlung von Studiengebühren

per Bitcoins akzeptieren. Das ist

konsequent angesichts der schlechten Erfahrungen,

die Zyperns Sparer und Unternehmer

mit ihrem Bankensystem gemacht

haben, indem sie bei der Sanierung des

maroden Finanzsektors des Landes Kontoguthaben

verloren. Diverse herkömmliche

Internet-Händler und Online-Dienste akzeptieren

Bitcoins inzwischen ebenfalls,

darunter die Blogplattform WordPress, die

populäre Nachrichtenseite Reddit, der

Speicherdienst Mega des berüchtigten Kim

Dotcom oder die private Zimmervermittlung

9Flats. Auch in manchen deutschen

Hotels, Bars und Restaurants kann neuerdings

per Smartphone-App mit Bitcoin bezahlt

werden. Der deutsche Einzelhandel

und große Internet-Versender verschmähen

Bitcoins bisher. Sie bedienen sich bewährter

Zahlungsinstrumente wie Kreditkarten

und PayPal. Sexspielzeugversender

wie Beate Uhse und Co. oder Datingportale

ermöglichen ihren Kunden auch schon

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durch neutral klingende Firmenadressen

diskrete Überweisungen.

Wer verdient an Bitcoins?

Immer mehr Investoren setzen auf Bitcoins,

darunter bekannte US-Risikokapitalgeber

wie Marc Andreessen und Ben

Horowitz, die zum Beispiel Facebook finanzierten.

Sie stecken ihr Geld in junge

Firmen, die Tauschbörsen und andere

Dienste rund um das virtuelle Geld anbieten.

Die beiden US-Investoren Tyler und

Cameron Winklevoss, die durch den Streit

um die Erfindung von Facebook bekannt

wurden, haben hohe Bitcoin-Bestände angehäuft.

Sollten Unternehmen Bitcoins

als Zahlungsmittel akzeptieren?

Zurzeit akzeptieren vor allem Szenekneipen

oder kleinere Internet-Händler Bitcoins.

Für sie steht das Image, modern und

cool zu sein, im Vordergrund. Wer die

Währung in seiner Kneipe oder dem Online-Shop

annimmt, muss die in Bitcoin

notierten Preise aber permanent an den

schwankenden Wechselkurs anpassen.

Dabei helfen Anbieter wie der von 12 000

Unternehmen genutzte Zahlungsdienstleister

Bitpay. Nach Ansicht von Commerzbank-Chefvolkswirt

Jörg Krämer eignen

sich Bitcoins aber nicht als Massenwährung,

weil kein Geschäft bereit sei, dauernd

die Preise zu ändern.

Warum schwankt der Kurs so?

Das steigende Interesse von Investoren

und Anlegern trifft auf ein begrenztes Angebot,

weil die Bitcoin-Geldmenge limitiert

ist und es Zeit braucht, neue Münzen

zu schöpfen. Zuletzt war vor allem die

Nachfrage aus China enorm, die dortige

Bitcoin-Börse ist inzwischen zum weltweit

größten Handelsplatz für die Cyberwährung

geworden. Grund war die Akzeptanz

von Bitcoin durch eine Tochter von Baidu,

dem chinesischen Pendant zu Google.

Auch bleiben vielen Chinesen wegen galoppierender

Immobilienpreise und betrügerischer

Aktienmärkte wenig Möglichkeiten,

ihr Geld anzulegen.

Wie sicher sind Bitcoins?

Wer Geld von der Bank nimmt und in Bitcoins

tauscht, sollte sich im Klaren sein,

dass Guthaben in Cyberwährung keinen

Einlagenschutz genießen. Sie gelten als

Sondervermögen wie Gold und Aktien, daher

greift der gesetzliche Schutz für Spareinlagen

nicht. Und die freiwillige Einlagensicherung

der privaten Banken gilt nur

für Guthaben in EU-Währungen. Wegen

ihrer steigenden Popularität geraten Bitcoins

aber auch in den Fokus der Finanzaufseher.

Sie wollen den Umgang mit der

Privatwährung sicherer machen und weiten

deshalb die Kontrolle über die Wechselstuben

und Anbieter aus.

Taugen sie als Geldanlage?

Nein, die Internet-Währung ist nichts für

schwache Nerven und schon gar keine sichere

Altersvorsorge. Kritiker bezeichnen

Bitcoins gar als „Schneeballsystem“, selbst

die Europäische Zentralbank ging dem

Vorwurf in einer Studie nach. Die Autoren

wollten sich nicht festlegen, bezeichneten

Bitcoins aber als „hochriskantes System“.

Risikofreudige Anleger können allerdings

einen kleinen Teil ihres Geldes in Bitcoins

investieren, um von Kurssprüngen zu profitieren,

oder mit Zertifikaten auf fallende

Kurse wetten.

n

mark.fehr@wiwo.de | Frankfurt, oliver.voss@wiwo.de

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Technik&Wissen

Ölgräberstimmung

ENERGIE | Gerade noch schien das Ende des Ölzeitalters nah. Doch nun machen neue

Fördertechniken riesige, bislang unerreichbare Reserven zugänglich – und der steigende

Ölpreis ihren Abbau rentabel. Eine Expedition zu den Ölscheichs von morgen.

Der Ölpreis steigt seit Jahren

Künftigwirdersichlautder Internationalen

Energieagentur bei128 Dollar pro

Barrel einpendeln (AngabeninflationsbereinigtinDollarpro

Barrel)

140

0

88 90 92 94 96 98 00 02 04 06 08 10 12

Quelle:IEA

120

100

80

60

40

20

Am Arsch der Welt ist Stau. Auf

dem Highway 23, zwei Kilometer

vor Watford City, stehen

Hunderte Trucks, Pickups und

Kleinwagen. Nichts geht mehr.

Wie so oft in letzter Zeit.

Es ist nur ein paar Jahre her, da war Watford

City ein verschlafenes Nest mit 1400

Einwohnern im US-Bundesstaat North Dakota

– mitten in der Prärie. Heute ist Watford

die am schnellsten wachsende Stadt der

USA. Rund 6000 Menschen leben hier, 2020

sollen es 15000 sein, schätzt Doug Bolken

von der örtlichen Gemeindeverwaltung.

Vom Fenster seines Büros blickt er auf die

Autoschlange und sagt fast entschuldigend:

„Freiwillig kommt niemand hierher.“

Grund für den Ansturm auf Watford City

ist Öl. Seit 2004 fördern Unternehmen in

North Dakota den Rohstoff aus Schiefergestein,

das hier etwa zwei Kilometer unter der

Erde liegt. Diese Ölvorkommen, die vor einigen

Jahren noch unerreichbar schienen, haben

North Dakota 13 Prozent Wirtschaftswachstum

und Vollbeschäftigung beschert –

und jede Menge Probleme.

Nicht nur, dass die engen Straßen in Orten

wie Watford nie gebaut waren für solch endlose

Truck-Kolonnen, die Arbeiter und

Werkzeug auf die Ölfelder karren. Apartments

kosten plötzlich 3000 Dollar im Monat

– „fast wie in New York“, sagt Bolken. Und

das ist nicht das einzige Großstadtproblem,

das sie nun auch in Watford City kennen: Auf

einmal prügeln sich in den beschaulichen

Örtchen abends Betrunkene vor den Kneipen

und kurven anschließend besoffen mit

ihren SUVs über die kaputten Straßen.

Da war es nur eine Frage der Zeit, bis die

Ölarbeiter auch ein weiteres Gewerbe anziehen:

Per Nachtzug reisen Scharen von Prostituierten

aus dem 1000 Kilometer entfernten

Minneapolis in das Öl-Eldorado. Entspannt

hat sich die Lage trotzdem nicht.

Das kann so nicht weitergehen, findet

Stadtplaner Bolken. Er sieht nur noch einen

Ausweg: eine bessere, nun ja, Work-Life-Balance

der Männer vor Ort. 190 Millionen

Dollar will er in Straßen, Schulen und Krankenhäuser

stecken, um seine Stadt für die

Familien der Ölarbeiter attraktiver zu machen,

die bislang über die USA verstreut leben.

Geregeltes Familienleben, hofft Bolken,

werde Watford ruhigere Nächte bescheren.

Aber eigentlich dürfte es diesen neuen Ölboom,

die hohen Mieten und die reisenden

Prostituierten gar nicht geben. Jedenfalls

wenn Marion King Hubbert Recht gehabt

hätte. Hubbert war nach dem Zweiten Weltkrieg

Mitarbeiter bei dem Ölkonzern Shell

und später bei der US-Geologiebehörde.

Aus Hunderten Daten von Ölfeldern berechnete

er, dass die Ölförderung in den USA bis

etwa 1970 steigen und dann sinken werde.

Die Idee von Peak Oil, dem Höhepunkt der

Ölförderung, war geboren.

Ist Watford der Beweis, dass Hubbert irrte?

War Peak Oil ein Rechenfehler? Das Öl ist

den USA bislang jedenfalls nicht ausgegangen.

Im Gegenteil: Dank des neuen Booms

ist das Land auf dem Sprung, Saudi-Arabien

und Russland als weltgrößter Ölproduzent

abzulösen: 2015 soll es so weit sein.

Die Idee vom Höhepunkt der Ölförderung

hat sich damit trotzdem nicht erledigt. Erst

vor wenigen Tagen bestätigte die Internationale

Energieagentur (IEA) in einem Report,

dass sich weltweit die aktiven Ölfelder leeren.

In zehn Jahren werde sich ihre Produktion

mehr als halbiert haben.

BOHREN WIE AM FLIESSBAND

Zwar gibt es theoretisch genug Öl im Boden:

Die bekannten Reserven betragen je nach

Kalkulation 2800 bis 3400 Milliarden Barrel

(siehe Grafik Seite 76). Beim heutigen Verbrauch

könnte das noch rund 100 Jahre reichen.

Doch ein Großteil lässt sich bislang

nicht fördern.

Die Ölindustrie hofft daher auf den technischen

Fortschritt, der dafür sorgt, dass ein

immer größerer Teil dieser sogenannten unkonventionellen

Reserven erreichbar wird:

wie das Öl aus Schieferstein in North Dakota,

die Reservoirs tief im Meer, die Teersande

in Kanada oder die exotischen Stoffe wie Kerogen

– ein schwarzes Gestein, das noch gar

nicht richtig zu Öl geworden ist.

Aber wie viel davon lässt sich in den

nächsten Jahrzehnten wirklich abbauen?

Am Anfang des Ölbooms in Watford City

stand eine schier aussichtslose Mission.

»

FOTOS: BLOOMBERG NEWS/MATTHEW STAVER, LAIF/POLARIS/AARON HUEY

74 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Boomende Einöde Das Schieferöl hat dem Örtchen Watford City im US-Bundesstaat North Dakota Wachstum, Tausende Arbeitsplätze und

endlose Staus (oben) beschert. Weil es zu wenig Wohnungen gibt, werden die Arbeiter in Wellblechhütten (unten) untergebracht

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 75

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Technik&Wissen

»

Im Herbst 2004 schickte das New Yorker

Ölunternehmen Hess den Ingenieur Wayne

Biberdorf mit einer kühnen Aufgabe nach

North Dakota. Er sollte das erste Mal eine als

Bakken bekannte Schieferformation horizontal

anbohren. Das hatte in der Region bis

dahin niemand wirklich versucht.

Über die Prärie fegten erste Blizzards, als

Biberdorf 2004 seine Arbeit in einem beheizten

Container auf dem Bohrfeld bei Watford

City begann. Zwölf Stunden am Tag trieb er

den Bohrer in die Erde – gesteuert von einem

elektronischen Kontrollpult. Dann löste ihn

ein Kollege ab. Nach drei Monaten hatten sie

den Bohrer in die Waagerechte gelenkt und

Hunderte Meter horizontal gebohrt. Dann

lieferten Trucks Millionen Liter Wasser, das

die Ingenieure mit Sand und Chemikalien

vermischt in den Boden pumpten.

Die Lückenfüller

DieFörderratenaus aktivenÖlfeldern nehmen ab. DieseLücke müssenneue

Quellen füllen (inMilliarden Barrel Öl)

350–1100

Kerogen

(USA)

800

Teersand

(Kanada)

Quelle:USGS,IFP Energies nouvelles,IHS Energy undIEA

500 500

Konventionelle Ölfelder

an Land (weltweit)

Technischer

Fortschritt macht

immer neue Ölquellen

zugänglich

Schweröl

(Venezuela)

350

Schieferöl

(weltweit)

280

Offshore-Öl

(weltweit)

35 000 NEUE ÖLBRUNNEN

In dem gut handbreiten Bohrloch, zwei Kilometer

tief im Schiefer, wurde der Druck so

hoch, dass er Hunderte Meter lange Spalten

ins Gestein riss. Aus denen sickerte das zuvor

im Boden gefangene Erdöl in das Bohrloch.

Zum ersten Mal kamen mit dieser als

Fracking bezeichneten Methode in North

Dakota größere Mengen des Rohstoffs aus

dem Boden. So flüssig wie Cola war das Öl.

Biberdorf freut sich noch heute über den

Erfolg. „Damals hätte niemand geglaubt,

dass das Verfahren hier funktioniert“, sagt

der Ingenieur, der in Jeans und Karohemd

auf seiner Veranda in einem kleinen Häuschen

in der Kreisstadt Williston nördlich von

Watford City sitzt. Biberdorf ist inzwischen

pensioniert, beobachtet aber immer noch,

welch irren Boom er mit seiner Kunstfertigkeit

und den vielen durchgearbeiteten

Nächten ausgelöst hat.

Denn seither hat ein enormer technischer

Fortschritt stattgefunden. Bohrungen, die

früher 90 Tage dauerten, schaffen die Ingenieure

heute in nicht mal einem Drittel der

Zeit. Dann schließen Arbeiter die Leitungen

zu den Öltanks an, während ihre Kollegen

schon mit Trucks den zerlegten Bohrturm

auf das nächste Feld bringen. „Das geht heute

wie am Fließband“, sagt Biberdorf.

Knapp 6000 Bohrbrunnen haben Unternehmen

seit 2005 auf diese Weise in North

Dakota eröffnet. Jeder kostet bis zu zehn Millionen

Dollar. Das Problem: Die Förderraten

der gefrackten Felder brechen schon nach

einem Jahr um bis zu 70 Prozent ein. Um den

Schieferölboom am Laufen zu halten, wollen

die Unternehmen weitere Brunnen bohren;

mindestens 35000 bis 2030.

Dafür haben Geologen Tausende Bohrkerne

und Daten seismischer Untersuchungen

analysiert, um genaue Karten der Schieferölvorkommen

zu erstellen. Als Biberdorf

sich 2004 durch den Stein wühlte, war er

„noch blind wie ein Maulwurf“, sagt er.

Zugleich steigern die Ingenieure die Effizienz

der Bohrungen: Sie bohren nicht mehr

ein Loch – sondern bis zu acht Brunnen nebeneinander.

Statt in einem Zug fracken sie

die Felder in bis zu 30 Schritten. Das erhöht

den Druck, verstärkt die Risse im Schiefergestein

und lässt mehr Öl fließen. Statt einem

Prozent des Öls im Gestein holen sie schon

bis zu sieben Prozent aus dem Boden.

Und die Technik entwickelt sich immer

weiter. Im nächsten Frühjahr wollen Forscher

der Universität von North Dakota erstmals

Kohlendioxid in ein gefracktes Ölfeld

pumpen. Eine chemische Reaktion soll

dann noch mehr von dem schwarzen Rohstoff

aus dem Schiefer lösen. Die Förderraten

werden also weiter steigen: Künftig

könnten Unternehmen bis zu 15 Prozent des

Schieferöls aus dem Boden holen, schätzt

die lokale Geologiebehörde. Verglichen mit

heute, wäre das doppelt so viel.

Ein zentrales Argument der Peak-Oil-Vertreter

war stets, dass die Menge der förderbaren

Ressourcen begrenzt sei. Genau das aber

scheint der Schieferölboom in North Dakota

und in anderen US-Bundesstaaten wie Texas

und Kalifornien nun zu widerlegen. Denn er

zeigt, wie technischer Fortschritt und hohe

Ölpreise immer neue Reserven zugänglich

machen: So kostet es zwischen 35 und 70

Dollar, ein Barrel Öl in North Dakota aus

dem Boden zu holen. Vor zehn Jahren wäre

das ein Verlustgeschäft gewesen (siehe Grafik

Seite 74). Beim Ölpreis von aktuell rund

110 Dollar aber bringt die Förderung gigantische

Gewinne.

Genauso verhält es sich mit den Teersanden

in Kanada, die allein schon in der Lage

wären, die abnehmenden Förderraten aus

konventionellen Feldern für viele Jahre auszugleichen.

Ebenso könnte der hohe Ölpreis

demnächst große Schwerölvorkommen in

Venezuelas rohstoffreicher Orinoco-Region

rentabel machen.

Und nun stellt sich heraus: Auch China,

Russland und Argentinien besitzen laut einer

Studie des US-Thinktanks IHS Global Insight

mehr als 250 Milliarden Fass Schieferöl,

das sich künftig rentabel fördern lässt. Ein gigantischer

Schatz.

DIE SORGEN DER ÖLKONZERNE

Doch so groß die Euphorie sein mag, so groß

sind die Probleme auf traditionellen Feldern.

Viele Unternehmen kämpfen mit dem

Rückgang ihrer Förderquoten: vor allem Ölmultis

wie ExxonMobil, Shell und BP (siehe

Seite 80). Diese Supermajors genannten

Konzerne waren lange Innovationstreiber.

Doch unter den größten Förderern in North

Dakota findet sich keiner der Giganten. Sie

suchen ihre Zukunft lieber in schwer zugänglichen

Ölfeldern unter dem Meer.

So bekam kürzlich ein Konsortium aus

Shell, Total und staatlichen Unternehmen

aus China und Brasilien den Zuschlag für eines

der kompliziertesten Ölprojekte der Gegenwart:

Sie wollen ein als Campo de Libra

bekanntes Ölfeld mehr als 200 Kilometer vor

der Küste des brasilianischen Bundesstaates

Rio de Janeiro ausbeuten.

FOTOS: LAIF/KRISTOFFER FINN, LAIF/REDUX/THE NEW YORK TIMES, REUTERS/STRINGER

76 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Morgens bilden sich in North Dakotas Ölstädten Schlangen vor den Tagelöhner-Büros (1),

Gas ist in den USA so billig, dass es auf den Ölfeldern als Abfallstoff verbrannt wird (2),

einige Konzerne suchen ihr Heil in riskanten Offshore-Projekten im Kaspischen Meer (3)

Dort liegen die größten in den vergangenen

Jahren entdeckten Ölfelder. Das Problem:

Sie lagern bis zu sieben Kilometer

unter der Wasseroberfläche, und sie sind

von einer mehr als 1000 Meter dicken Salzschicht

bedeckt. Um diese Kruste zu

durchbrechen, müssen die Unternehmen

neue Bohrer entwickeln, die höhere Temperaturen

und Drücke aushalten. Frackingverfahren,

wie sie derzeit schon in

North Dakota funktionieren, könnten anschließend

helfen, das Öl zu fördern. Doch

trotz aller Innovationen bringt der Rohstoffboom

auf dem Meer die Technik an ihre

Grenzen.

Wie aufwendig es ist, Offshore-Ölvorkommen

zu erschließen, zeigt das Feld Kaschagan

vor Kasachstan im Kaspischen Meer.

Seit Forscher das Öl 2000 aufspürten, haben

Unternehmen wie ExxonMobil, Shell, Total

und Eni knapp 50 Milliarden Dollar investiert,

um dort künftig fördern zu können.

Doch immer wieder behinderten Pannen

die Arbeit. Erst vor wenigen Tagen zerfraß

Schwefelwasserstoff, der mit dem Öl an die

Oberfläche tritt, eine Pipeline. Nun liegt das

Prestigeprojekt erneut für Monate auf Eis.

Irgendwann aber soll Kaschagan 1,5 Millionen

Fass Öl pro Tag an die Oberfläche spülen,

so viel wie Campo de Libra in Brasi-

»

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 77

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Technik&Wissen

FORSCHUNG

Doping für Ölfelder

Schon nach wenigen Jahren nehmen die Förderraten von Ölquellen ab. Doch

neue Techniken helfen, ein Vielfaches an aus dem Boden zu holen.

Wer den deutschen Ingenieur Konrad

Weeber in seinem Labor drei Autostunden

nördlich von New York besucht,

wähnt sich in der großen Garage eines exzentrischen

Bastlers. Überall liegen Kabel

verstreut, Dutzende von Computern stehen

auf Pulten. Und dort, wo der Strom

gefährlich werden könnte, ist der Raum

mit Maschendraht abgetrennt. Zusammen

mit Kollegen in Deutschland entwickelt

der Ingenieur hier Technologien für

den Abbau von Öl und Gas für den Technikriesen

General Electric (GE). Weebers

Ziel: das Leben von Ölprojekten auf hoher

See verlängern. Denn die

Unternehmen haben ein

Problem: Nach einigen

Jahren sinken die Förderraten

drastisch. Wie bei

Autoreifen, in die man einen

Nagel sticht, nimmt

auch in Ölfeldern der

Druck mit der Zeit ab.

Bei Ölfeldern an Land

bohren die Ölunternehmen

dann meist weitere

Löcher in das Feld und

pressen Wasser oder Gas

hinein, um den Druck

künstlich zu erhöhen.

Genau das soll auch

Weebers Entwicklung ermöglichen.

So sollen

künftig statt 20 Prozent des Öls bis zu

drei Mal so viel nach oben gelangen. Weeber

entwickelt eine Art Pumpkraftwerk –

groß wie ein Einfamilienhaus –, das Roboter

am Meeresboden installieren.

ÖLFÖRDERUNG MIT PILZBRÜHE

Betrieben werden die Pumpen mit Strom,

der über 100 Kilometer lange Leitungen

vom Festland zum Bohrloch geleitet wird.

„Allein die Technik dafür kostet rund 100

Millionen Dollar“, sagt der Deutsche. Er

will den Preis für die Energieübertragung,

unter anderem durch Materialeinsparung

bei den Kabeln, künftig um bis zu ein Drittel

reduzieren.

Aber nicht nur im Meer wollen Ingenieure

und Unternehmen die Förderraten

Ausgepumpt? Ölkonzerne

suchen radikal neue Techniken,

um ihre Felder auszubeuten

steigern. Seit einigen Jahren pressen sie

an Land auch Kohlendioxid oder Dampf in

den Untergrund. Das macht das Öl dünnflüssiger.

Da alle konventionellen Ölvorkommen

in porösem Gestein lagern,

kommt es dann leichter an die Oberfläche.

Auch Mikroorganismen können für

diesen Dienst ins Erdreich geschickt werden.

Sie zerkleinern die Bestandteile des

Öls – und verbessern auch damit die

Fließeigenschaften des zähen Rohstoffs.

An einem Öldoping auf Ökobasis arbeitet

das deutsche Mineralölunternehmen

Wintershall. Zusammen mit der Konzernmutter,

dem Chemieriesen

BASF, testen die

Forscher in einem norddeutschen

Ölfeld bei

Diepholz einen Stoff, den

sie mit einem chemischen

Verfahren einer

Baumpilzart entziehen,

dem Gemeinen Spaltblättling.

Der Stoff, ein

sogenanntes Biopolymer,

wird genutzt, um Wasser

anzudicken. Pumpen

pressen die Pilzbrühe

anschließend in das Ölfeld.

Je dicker das Wasser,

desto besser kann

es das Öl aus seinem Reservoir

schieben. Angeblich

ist das sogar umweltfreundlich.

Mit all diesen Maßnahmen erhöhen die

Unternehmen die Ausbeute der Felder

auf insgesamt 60 Prozent. Der Rest des

Öls aber bleibt im Boden gefangen.

Dem US-Unternehmen Novas Energy

aus Texas genügt auch das noch nicht. Es

schießt mit einer zehn Meter langen Elektronenkanone,

die ins Bohrloch abgelassen

wird, elektromagnetische Impulse in

das Ölfeld. Das soll die letzten Rohstoffreste

lösen. Derzeit wird die Technik bei

mehr als einem Dutzend Ölfeldern in den

USA getestet. Erste Resultate lassen vermuten,

dass damit noch einmal 25 Prozent

mehr Öl gefördert werden könnte –

was die weltweite Förderung drastisch

steigern könnte.

»

lien. Eine solche Menge sollen bald auch

die mehr als 40000 Ölbrunnen in North Dakota

produzieren. Die Hoffnungen sind groß:

Schon 2015 könnten zehn Prozent der Ölförderung

aus den Tiefen der Ozeane kommen.

Doch das birgt enorme Risiken, wie die

Havarie der Ölplattform Deepwater Horizon

2010 im Golf von Mexiko belegt. Ein Defekt

in der Mechanik reichte – und 800 Millionen

Liter Öl flossen ins Meer. Das zeigt: Weil Unternehmen

und Ingenieure die Grenzen der

Ölförderung immer weiter verschieben,

nehmen sie auch immer höhere Risiken und

Gefahren für die Umwelt in Kauf.

Aber lohnt sich das Risiko? Verzögern die

Ölbrunnen in der US-Prärie und die eisernen

Giganten auf hoher See nicht nur das

Unvermeidliche: dass der Bedarf an Öl einer

wachsenden Wirtschaft und von weltweit

künftig neun Milliarden Menschen das Angebot

zwangsläufig übersteigen wird?

SPARSAME INDUSTRIESTAATEN

Manche Experten glauben inzwischen sogar,

dass das Gegenteil der Fall ist. Möglicherweise

erlischt der Durst der Menschheit

nach Öl, noch bevor ihr der Rohstoff selbst

ausgeht. Diese Idee wird derzeit als Theorie

des „Peak Demand“ diskutiert, dem Höhepunkt

der Ölnachfrage. Überraschenderweise

gehören zu den Vertretern der Theorie

selbst Analysten großer Energiekonzerne.

Erst im Frühjahr errechneten Angestellte

von Shell, dass der weltweite Ölverbrauch

im Verkehrssektor nach 2035 sinken wird.

Dann, so die Prognose, leben rund zwei Milliarden

mehr Menschen in Städten als heute.

Die aber fahren weniger Auto, legen kürzere

Strecken zurück und nutzen öfter Bus und

Bahn. Shell schätzt, dass Städter jährlich

2000 Kilometer weniger Auto fahren als ihre

Mitbürger auf dem Land. Das – und der Einsatz

von Erdgas- und Elektrofahrzeugen –

senke die Nachfrage nach Öl erheblich.

Und tatsächlich sinkt der Öldurst in Industrienationen

seit Jahren. Deutschland

verbraucht heute rund 20 Prozent weniger

Benzin, Diesel und Heizöl als vor 15 Jahren –

trotz einer weiter wachsenden Wirtschaft.

Aber auch in den Schwellenländern gibt

es Anzeichen für eine Abkehr vom Öl.

Wegen der katastrophalen Luft in Peking

hat etwa Chinas Regierung kürzlich beschlossen,

dass bald jedes zweite Auto in der

Stadt ab 2017 zumindest teilweise elektrisch

fahren muss. Auch in anderen chinesischen

Megastädten gelten solche Regeln.

Und noch ein Trend könnte Peak Demand

beschleunigen: Will die Staatengemeinschaft

das Klima schützen und die Erderwär-

FOTOS: VISUM/ILJA C. HENDEL, GLENN VAWTER

78 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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mung auf zwei Grad begrenzen, müsste der

Ölverbrauch bis 2035 um 15 Prozent sinken.

Elektroantriebe in Autos, Bioplastik, weniger

Dünger auf den Äckern und Erdgas für Personenwagen,

Trucks und Schiffe könnten

den Ölverbrauch senken.

Was aber passiert, wenn der Durst nach

dem schwarzen Energieträger trotz aller Effizienzgewinne

und trotz der Warnungen vor

einem zerstörerischen Klimawandel in den

nächsten Jahrzehnten weiter wächst?

Zwar können laut der Internationalen

Energieagentur Ölersatzstoffe aus der Erdgasförderung

– zusammen mit den Vorkommen

in Schiefer, Teersanden und im Meer –

den Rückgang der Förderung aus konventionellen

Feldern bis nach 2035 mehr als ausgleichen.

Sollte die Ölproduktion aber auch danach

weiter wachsen, müssen die Forscher gänzlich

unkonventionelle Wege gehen: Genau

das versucht derzeit eine Handvoll Unternehmen

am Fuße der Rocky Mountains in

den USA. Sie haben es auf den sogenannten

Ölschiefer abgesehen – schwarzes Gestein,

das brennt, wenn man ein Feuerzeug daneben

entzündet. Der Schiefer enthält einen

Stoff namens Kerogen, der zu Urzeiten aus

Wie fördert man Öl, das keines ist? Unternehmen

versuchen am Fuße des Grand

Canyon, Energie aus Ölschiefer zu gewinnen

Pflanzenresten und Plankton entstanden ist.

Tief im Gestein wird er unter Druck nach

Millionen von Jahren zu Öl. Doch nicht

überall ist dieser Prozess schon abgeschlossen.

Die größten Reserven dieses Möchtegern-Öls

lagern in einer geologischen Formation

unter den US-Bundesstaaten Colorado,

Utah und Wyoming. Würde es gelingen,

dieses Kerogen abzubauen, entstünde

hier das größte Ölfeld der Welt. Experten

schätzen sein Potenzial auf rund eine Billion

Fass. Sogar Saudi-Arabien sähe dagegen aus

wie ein Junior-Player: Das Land verfügt nur

über ein Viertel der Reserven.

Wie aber fördert man Öl, das keines ist? Einer,

der nach Antworten sucht, ist Roger

Day. Der 63-jährige Ingenieur ist schlaksig,

fast zwei Meter groß, trägt Jeans und einen

weißen Helm. Day arbeitet für American

Shale Oil (Amso), ein Unternehmen, an dem

unter anderem der französische Ölmulti Total

beteiligt ist.

Day und seine zwölf Mitarbeiter haben

mitten in Colorados steinigem Hinterland

eine Testanlage aufgebaut: Zahlreiche Container

mit Laboren und Computern stehen

hier und zwei Bohrtürme, über denen US-

Flaggen wehen. Ansonsten gibt es in 80

Kilometer Umkreis nur Geröll und geduckte

Kiefern.

ÖL AUS DEM BODEN KOCHEN

Wie das Kerogen nach oben kommen soll,

weiß Day schon: Er will es aus dem Stein herauskochen.

In rund 650 Meter Tiefe sollen

Dutzende Rohre auf einer Fläche von mindestens

zweieinhalb Quadratkilometern eine

Art riesige Fußbodenheizung bilden. »

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Technik&Wissen

INTERVIEW Leonardo Maugeri

»In der Falle«

Der Harvard-Energieexperte warnt, dass große Ölkonzerne durch strategische

Fehler und neue Konkurrenten in Schwierigkeiten geraten werden.

Herr Maugeri, wenn Sie Manager

bei einem Ölkonzern wären, was würde

Ihnen derzeit mehr Sorgen machen:

schwindende Ölreserven oder strengere

Klimagesetze?

Keines von beiden. Ich hätte Angst vor

sinkenden Ölpreisen. Denn der hohe Ölpreis

garantiert derzeit hohe Umsätze. Sie

verdecken aber die gravierenden Fehler,

die ExxonMobil, Shell, BP und die anderen

in den vergangenen Jahren gemacht

haben. Schon 2014 könnten die Ölpreise

einbrechen, weil die Produktionskapazitäten

viel höher sind als die Nachfrage.

Mit dieser Meinung stehen Sie ziemlich

allein da. Der Aktienkurs von Exxon-

Mobil steigt seit Jahren. Gerade erst hat

sich Starinvestor Warren Buffett für

drei Milliarden Dollar bei dem Unternehmen

eingekauft.

Ich hätte das an seiner Stelle nicht gemacht.

Die Förderraten der Ölkonzerne

sinken kontinuierlich, und sie produzieren

vermehrt den falschen Rohstoff,

nämlich Erdgas. Die Förderung ist teuer,

und die Gewinnmargen sind im Gegensatz

zum Öl winzig.

Erdgas wird aber von vielen Experten

als klimafreundliche Energiequelle der

Zukunft gepriesen. Klingt nach einer

guten Strategie.

Es ist aber keine Strategie, sondern

Zwang. Die Unternehmen finden immer

weniger Öl, weil sie mittlerweile nur

noch fünf Prozent der weltweiten Vorkommen

kontrollieren. Im Jahr 2000 waren

es noch sieben Prozent. Der große

Rest gehört staatlichen oder halbstaatlichen

Gesellschaften wie Rosneft, Petrobras

oder Saudi Aramco. Die Felder, die

Shell und die anderen neu entdecken,

enthalten vornehmlich Erdgas. Wenn

der Ölpreis einbricht, stirbt die Cashcow

der Unternehmen. Und ganz ehrlich: Ich

kenne keinen CEO im Ölgeschäft, der

sich für den Klimawandel interessiert.

Und weniger Umsatz beim Öl bedeutet,

dass die Unternehmen noch weniger

neue Vorkommen finden?

DER ÖLPROPHET

Maugeri, 49, war zwischen 2000 und 2011

Vizechef der Strategieabteilung des italienischen

Ölriesen Eni. Heute lehrt der Ökonom

an der Kennedy School der US-Eliteuniversität

Harvard. Seine Studien erregen

regelmäßig internationale Aufmerksamkeit.

Ja, es würde noch komplizierter. Ein großes

Ölunternehmen gibt im Durchschnitt

pro Jahr rund 15 Milliarden Euro für die

Suche nach neuen Rohstoffquellen aus.

Das ist selbst für die Großen viel Geld. Fehler

werden da ziemlich teuer. Ein Beispiel:

Shell fand vor einigen Jahren vor Indien

ein Ölfeld. Die Geologen des Unternehmens

sagten aber, es sei zu klein, um es

wirtschaftlich auszubeuten. Shell hat es

daraufhin für wenig Geld an ein kleines

englisches Unternehmen verkauft – das

Feld stellte sich dann als großer Fund heraus.

Solche Fehleinschätzungen gab es

zuhauf in den vergangenen Jahren.

Wo haben die Ölunternehmen noch

Fehler gemacht?

Sie haben in der Vergangenheit zu viel auf

die Unternehmensberater gehört, die sagten,

sie müssten Kosten senken und Personal

abbauen. Das hat zu einem Verlust von

Talenten in den Unternehmen geführt.

Außerdem haben sie inzwischen viele

technische Aufgaben an andere Unternehmen

ausgelagert. Dadurch haben sie ihre

Technologieführerschaft eingebüßt.

Und das zeigt sich wo?

Den Schieferölboom zum Beispiel haben

die Großen völlig verschlafen. Vor ein

paar Jahren machte man in den Vorstandsetagen

noch Witze über Gas und

Öl aus Schiefergestein. Da fehlten die

strategische Vision und das Know-how.

Dafür dominieren auf Ölfeldern heute

Technik- und Serviceunternehmen

wie Halliburton oder Schlumberger.

Richtig. Es ist eine dramatische Machtverschiebung,

die derzeit im Ölgeschäft

stattfindet. Das hat aber auch damit zu

tun, dass die Ölmultis immer weniger

Geld für Forschung und Entwicklung

ausgeben. Serviceunternehmen oder

kleine spezialisierte Ölförderer haben

dadurch inzwischen mehr Expertise. Die

Folge: Staatliche Ölgesellschaften in

Russland oder Saudi-Arabien müssen

sich Wissen nicht mehr unbedingt von

den Supermajors einkaufen.

Dennoch fehlt keines der großen

Ölunternehmen bei komplizierten

Offshore-Projekten auf der See.

Ein Lob ist das nicht. Offshore-Projekte

sind riskant und kapitalintensiv. Sich

billigere Vorkommen wie das Schieferöl

zu erschließen haben die großen Unternehmen

verpasst.

Wenn der Ölpreis tatsächlich einbricht

und damit die Gewinne, was können die

Unternehmen dann tun?

Erst mal sollten sie ihre unrentablen

Investitionen in Erdgas zurückfahren.

Reicht das?

Sicher nicht, denn die Goliaths sitzen

in einer Falle aus zu hohen Kosten

und abnehmenden Ölreserven. Das

Einzige, was ihnen bleibt, ist sehr viel

Kapital. Sie werden versuchen, kleinere

spezialisierte Unternehmen zu übernehmen.

Das muss aber im richtigen

Moment passieren. ExxonMobil zum

Beispielhat 2009 das Schiefergasunternehmen

XTO für 41 Milliarden Dollar

gekauft. Im Jahr darauf brachen die

Erdgaspreise ein.

Wäre es ein Ausweg für die Supermajors,

mehr Geld in erneuerbare Energien

zu investieren?

Vielleicht, aber die Top-Manager ignorieren

dieses Thema völlig. Es gab Versuche,

aber die haben Shell, BP und Exxon-

Mobil zum größten Teil eingestellt. So,

wie es derzeit aussieht, wird kein Ölunternehmen

bei sauberen Energieträgern

künftig eine Rolle spielen. n

benjamin.reuter@wiwo.de

FOTO: LAIF/CONTRASTO

80 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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»

Durch die eine Hälfte dieser Rohre will

Day 500 Grad heißen Dampf einer Spezialflüssigkeit

pumpen. Die Hitze soll binnen

drei Wochen das Kerogen in Öldampf umwandeln.

„Das, wofür die Natur Jahrmillionen

brauchte, versuchen wir hier im Zeitraffer

nachzustellen“, sagt er. Und weil sich die

Substanz im gasförmigen Zustand ausdehnt,

reicht der Druck, damit es durch ein

zweites Rohrnetz nach oben steigt.

SCHMELZENDE ROHRE

Dort sollen Ingenieure den Öldampf verflüssigen

und reinigen. Das Erdgas, das mit dem

Öl nach oben steigt, treibt wiederum ein

Kraftwerk an, das den Dampf produziert.

Energie von außen wäre also unnötig. Schon

25 dieser Anlagen könnten laut Amso einen

Markt wie Deutschland 30 Jahre lang mit Öl

versorgen. Die Technik könnte zudem Kerogenvorkommen

in Jordanien, Israel, Marokko

und Australien erschließen.

Von diesem Ziel ist Roger Day in der Einöde

von Colorado aber „noch zehn Jahre“

entfernt, wie er sagt. Zwar sind schon zwei

Brunnen seiner Bodenheizung gebohrt. Bislang

aber kämpft er mit dem Material. Die

ersten Rohre hielten der Hitze nicht stand.

Mehr Aufwand, weniger Ertrag

Unternehmen müssenimmer mehr Geld

investieren,umneue Öl-und Gasfelder

zu entdecken (inMilliarden Dollar)

0

00 02 04 06 08 10 12

Quelle:IEA,World Energy Outlook

120

100

Der Druck unter der Erde zerquetschte das

warme Metall wie Cola-Dosen. Day entwickelte

daher mit Materialexperten neue

Stahllegierungen, die den Belastungen über

Jahre standhalten sollen. Funktioniert das

System, hofft er, Öl zu Kosten von 40 bis 80

Dollar pro Barrel fördern zu können.

Einige Unternehmen aber halten diese

Rechnung für zu optimistisch. Shell etwa gab

vor wenigen Wochen sein Kerogenprojekt

80

60

40

20

gleich neben dem Amso-Testgelände auf,

wo die Europäer leichter zugängliches Kerogen

rund 300 Meter unter der Oberfläche

fördern wollten. Der technische Aufwand,

um das Grundwasser nicht zu gefährden, erwies

sich für Shell als zu hoch.

Andernorts kratzen Unternehmen den Ölschiefer

dagegen schon von der Oberfläche.

Die staatliche Ölgesellschaft Enefit in Estland

etwa fördert Kerogen im Tagebau. Riesige

Bagger bauen es oberirdisch ab. Dann

wird es in Kraftwerken erhitzt, und übrig

bleiben Öl und Asche. Jetzt bemüht sich

Enefit in Utah um Fördergenehmigungen

für Vorkommen nahe der Oberfläche.

Die Kerogenvorkommen in den USA als

wohl letzte Grenze der Ölförderung sind damit

auch Blaupause für die Zukunft des

schwarzen Rohstoffs als Ganzes. Christof

Rühl, Chefökonom bei BP, bringt es auf den

Punkt: „Alles lässt sich in Öl verwandeln.

Man muss nur bereit sein, den ökonomischen

und ökologischen Preis zu zahlen.“

Peak Oil, so viel ist inzwischen klar, ist

technisch gesehen noch lange hin. Die Frage

ist, wie lange es sich noch rechnet, das Ende

des Ölzeitalters zu verzögern.

n

benjamin.reuter@wiwo.de

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Technik&Wissen

Das letzte Level

UNTERHALTUNG | Xbox One oder PS4 – das Duell um den Markt der

Spielekonsolen ist neu entbrannt. Es geht auch um Sonys Zukunft.

Playstation oder Xbox? Für Fans von

Videospielen ist das eine Glaubensfrage

– kaum minder umstritten als

das Urteil, ob Windows-PC oder Mac-

Rechner die besseren Computer sind. Für

Sony und Microsoft aber, die Hersteller der

Spielekonsolen, ist der Kampf um die

Gunst der Gamer ein Zweikampf auf einem

Milliardenmarkt. Jetzt geht er in die womöglich

letzte Runde.

Seit Freitag können Europas Gaming-

Enthusiasten die neue Playstation 4 kaufen.

In Nordamerika hatte Sony die neue –

kurz PS4 genannte – Konsolen-Generation

schon zwei Wochen früher in die Läden gebracht.

Sieben Jahre nach dem Launch der

Playstation 3 und mit furiosem Erfolg: Eine

Million abgesetzte Geräte in 24 Stunden

machen die PS4 zur bis dato schnellstverkauften

Konsole. Vergangene Woche konterte

Rivale Microsoft: Weltweit gleichzeitig

vorgestellt, und acht Jahre nach dem Start

der Xbox 360, zog auch die neue Xbox One

rund eine Million Fans in die Läden.

Es geht um einen alleine 2013 rund 17

Milliarden Dollar schweren Markt, und die

Branche fragt sich: Kann Microsoft mit der

Xbox punkten, die Unterhaltungszentrale

für die ganze Familie werden soll? Oder hat

Sony mit der PS4 die Nase vorn, die auf

Spieler setzt, die das letzte Quäntchen Leistung

aus der Konsole kitzeln wollen?

Microsoft geht mit etwas mehr Arbeitsspeicher

ins Rennen. Dafür hat Sony den

Grafikprozessor der PS4 kräftig hochgedreht.

Das könnte ihr Vorteile beim Bildaufbau

bringen. Sonst unterscheiden sich die

Wettbewerber wenig: Beide haben eine

500-Gigabyte-Festplatte, ein Blu-ray-Laufwerk

und die Fähigkeit, Videos mit vierfacher

HD-Auflösung, Ultra HD genannt,

wiederzugeben. Letzteres ist vor allem ein

Versprechen für die Zukunft, denn solche

Displays werden sich frühestens in ein

paar Jahren am Markt etablieren.

Mit 499 Euro ist die Xbox einen

Hunderter teurer als die PS4. Grund

ist die mitgelieferte Sprach- und

Gestensteuerung Kinect. Sie ermöglicht

es Nutzern, Spiele mit Körperbewegungen

zu steuern oder das TV-Programm

per Sprache zu wechseln.

Die PS4 ist primär für Gamer konzipiert.

Neu ist neben dem Touchpad im

Controller auch die Option, Spiele live

ins Netz zu streamen. Gestensteuerung

kostet Aufpreis. Preis 399 Euro

Sony Playstation 4

Wichtiger als die Technik ist ohnehin,

welche Spiele zum Start verfügbar sind. Sowohl

Microsoft als auch Sony haben heftig

um externe Entwickler gebuhlt. Microsoft

lockt mit seinem epischen Ballerspiel Halo.

Sony hält mit dem Abenteuerspiel Uncharted

2: Among Thieves entgegen.

Trotzdem liegt das Startangebot in beiden

Fällen im niedrigen zweistelligen Bereich.

Das ist umso ärgerlicher, als weder

Sonys Box noch Microsofts Pendant ältere

Microsoft Xbox One

Auch sie ist primär Spielegerät, doch

dank Web- und TV-Funktion sowie

Videotelefonie glänzt sie auch multimedial.

Die Sprach- und Gestensteuerung

Kinect ist inklusive. Preis: 499 Euro

Spiele wiedergeben können. Sony erwägt

zumindest, einige PS3-Titel per Videostream

via Internet spielbar zu machen. Im

Grunde aber müssen sich Gamer komplett

mit neuen Spielen eindecken.

In diesem Weihnachtsgeschäft, glaubt

der Marktforscher IHS, werden sich die

Konkurrenten ein Kopf-an-Kopf-Rennen

liefern. Sony werde rund 2,4 Millionen PS4

verkaufen, Microsoft 2,2 Millionen Xbox

One. Doch bis Ende 2017 dürften die Japaner

laut IHS mit 49 Millionen Stück kräftig

davonziehen. Microsoft bringe nur 38 Millionen

Exemplare an den Käufer.

LEICHTER VORTEIL FÜR SONY

Sony, so die Prognose, profitiere vom besseren

Vertrieb weltweit und der starken

Präsenz in Europa und Japan, während Microsoft

im Heimatmarkt USA stärker ist.

Dazu kommt die Macht der Gewohnheit.

Die Analysten glauben, dass es auf beiden

Seiten nur wenig Abtrünnige gibt. Und

auch hier hat Sony laut dem Beratungsunternehmen

Gartner mit 79,2 Millionen

weltweit verkauften Konsolen einen leichten

Vorsprung vor Microsofts 78,4 Millionen.

Doch was geschieht, falls Microsoft

den Preis seiner Konsole senkt, ist offen.

Klar dagegen ist, dass Sonys Zukunft weit

stärker vom Erfolg der PS4 abhängt als

Microsofts von der Xbox. Sony-Chef Kazuo

Hirai schockte jüngst die Anleger mit einem

Gewinneinbruch und schlechteren

Absatzprognosen für seine Fernseher, Digitalkameras

und Computer. Er braucht die

neue Playstation dringend als Katalysator

fürs übrige Geschäft.

Vor allem weil Sony hofft, seine Konsolenfans

auch in den Zukunftsmärkten T-

ablets und Smartphones stärker an sich

binden zu können. Das wäre umso wichtiger,

als immer klarer wird, dass PS4 und

Xbox One wohl die Letzten ihrer Art sein

werden. Denn Spielekonsolen geraten immer

stärker unter Druck von Tablets und

Smartphones, die sich – auch als mobile

Spielecomputer – längst viel besser verkaufen

als die stationären Daddelboxen.

Sony musste das neue Mächteverhältnis

in seinem Heimatmarkt Japan schon

schmerzhaft erleben, wo die PS4 – wie

früher üblich – vor den übrigen Regionen

in die Läden kommen sollte.

Doch weil sich die japanischen Entwickler

allzu lang auf Smartphones

und Tablets konzentrierten, kommt

die neue Playstation nun erst im

Frühjahr 2014 nach Japan.

n

matthias.hohensee@wiwo.de | Silicon Valley

FOTOS: PR

82 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Technik&Wissen

VALLEY TALK | Alleine in den kommenden vier

Jahren wächst der Online-Handel stärker als in den

zwei Jahrzehnten davor. Mit enormen Folgen.

Von Matthias Hohensee

Viel zu konservativ

FOTO: JEFFREY BRAVERMAN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

Seit Amazon-Gründer Jeff Bezos

1995 sein erstes Buch online verschickte

und dann sein Sortiment

drastisch ausweitete, gilt der

schleichende Tod des stationären Handels

als absehbar. Knapp zwei Jahrzehnte später

haben die Brick & Mortar-Stores, Läden

aus Stein und Mörtel, tatsächlich Federn

gelassen. Vor allem Buchhändler und

Unterhaltungselektroniker hat es schwer

getroffen. Mit Barnes & Noble gibt es nur

noch eine Buchhandelskette in den USA.

Konkurrent Borders ging 2011 pleite.

In der Summe aber ist der stationäre

Handel immer noch dominant. Vergangenes

Jahr machten Online-Verkäufe in den

USA laut Erhebungen des US-Wirtschaftsministeriums

gerade mal 5,2 Prozent am

gesamten Einzelhandel aus. Wegen der

Größe des Landes summiert sich das laut

den Beratern von A.T. Kearney auf beeindruckende

177 Milliarden Dollar – was die

USA zum größten Online-Handelsmarkt der

Welt macht. Für Deutschland kalkuliert A.T.

Kearney rund 27 Milliarden Dollar.

Viele Analysten halten die Schätzung des

Wirtschaftsministeriums für zu konservativ.

Weil sich nicht mehr streng zwischen online

und stationärem Geschäft unterscheiden

lässt, liegt der Internet-Anteil wohl höher.

„Für uns gibt es nur noch Handel“, sagt

Ebay-Chef John Donahoe. Viele Händler offerieren

mittlerweile als Multi-Channel-Anbieter

Waren sowohl in Läden als auch online.

Und fast alle großen Ketten bieten für

Online-Bestellungen Abholung und Rückgabe

der Waren im örtlichen Geschäft.

Und sogar Unternehmen, die ursprünglich

keine regulären Läden hatten, sind

unter die stationären Händler gegangen.

Das erfolgreichste Beispiel sind die Apple

Stores, von denen es mittlerweile mehr als

400 weltweit gibt. Dabei hatten viele Analysten

Firmengründer Steve Jobs wegen der

Konkurrenz aus dem Internet als kurzsichtig

kritisiert, als er 2001 das eigene Vertriebsnetz

etablierte. Später aber zogen Microsoft

und Sony mit eigenen Shops nach.

Selbst Google testet im diesjährigen

Weihnachtsgeschäft in sechs US-Großstädten

sogenannte Winter Wonderlabs. Das

sind Geschäfte, in denen der Internet-Konzern

seine Tablets, Smartphones und Notebooks

präsentiert. Einen anderen Weg geht

das einstige Online-Auktionshaus Ebay. Es

stellt sich als Dienstleister für den Einzelhandel

auf. Nach einem Feldversuch in

New York testet Ebay nun bis Mitte Januar

mit Sony, dem Schuhhändler Toms und der

Modedesignerin Rebecca Minkoff in einem

Einkaufszentrum in San Franciscos Innenstadt

digitale Schaufenster.

FENSTER ALS TOUCHDISPLAY

Das sind überdimensionierte Touchscreens,

die Waren der Partner anzeigen

und dank derer Passanten direkt vorm

Schaufenster Produkte ordern und diese

anschließend im Laden abholen oder nach

Hause liefern lassen können. Wie praktikabel

dieser Schaufensterbummel ist, muss

sich erst noch erweisen. Schließlich können

einem – im Gegensatz zum Ordern über

Notebook oder Tablet – andere Passanten

über die Schulter schauen. Aber Händler

könnten so zumindest Standorte für spätere

Ladengeschäfte ausprobieren.

Klar aber ist: Der Einfluss des Internets ist

weit größer, als die reinen Verkaufszahlen

aussagen. Es prägt längst das Kaufverhalten,

vor allem durch Produkt- und Preisvergleiche.

Laut Forrester-Research-Analystin

Sucharita Mulpuru werden bis 2017 rund

60 Prozent aller Verkäufe im US-Handel

durchs Internet beeinflusst sein. Wegen des

Booms der Smartphones, Tablets und etablierten

Zahlungs- und Auslieferungssysteme

sagt sie voraus, dass sich in diesem Zeitraum

auch der reine Online-Handel auf 10,3

Prozent in etwa verdoppeln wird.

Mit anderen Worten: Online-Handel legt

in den nächsten vier Jahren so stark zu wie

in den 18 Jahren davor. Und die Vermischung

von digitalem und traditionellem

Handel wird noch stärker werden.

Der Autor ist WirtschaftsWoche-Korrespondent

im Silicon Valley und beobachtet

von dort seit Jahren die Entwicklung der

wichtigsten US-Technologieunternehmen.

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 85

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Management&Erfolg

Mit Produkten punkten

ARBEITGEBERRANKING | Ob Sportwagen, Möbel oder Markenklamotten:

Produkte beeinflussen, wie attraktiv Unternehmen für junge Berufstätige sind.

Was die unter 40-Jährigen von ihren Arbeitgebern erwarten und wo sie am

liebsten anheuern würden, verrät die exklusive Rangliste der WirtschaftsWoche.

Wie viele Stunden sie

schon auf ihrem Bürostuhl

gesessen hat,

kann Cornelia Obitz

nicht ansatzweise

schätzen. Zu lange

schon begleiten der

hellblaue Drehstuhl

vom schwedischen

Möbelhaus Ikea und

der dazugehörige

Schreibtisch aus Kiefernholz

die heute 29-Jährige. In ihrer Zeit

am Gymnasium hat sie daran mathematische

Gleichungen gelöst, später Bewerbungen

für den ersten Job geschrieben,

heute stapeln sich dort die Unterlagen für

ihr berufsbegleitendes Studium an der

Leuphana Universität Lüneburg. Und auch

die weißen Klappstühle, die in ihrer Küche

in der Ecke stehen, haben schon ihre Eltern

Gästen als Sitzplätze angeboten.

Ikea hat bei Familie Obitz Tradition. Und

Tochter Cornelia führt diese fort: Ob Kleiderschrank,

Küchentisch oder ein Sofa aus

der Reihe Ektrop – die Produkte der Schweden

finden sich überall in Obitz’ Zwei-Zimmer-Wohnung.

„Ikea ist einfach Kult“, sagt

sie. Umso mehr freut es die Betriebswirtin,

dass sie seit Januar nicht nur Kundin, sondern

auch Mitarbeiterin von Ikea ist.

Ob mit Papa das Billy-Regal fürs Kinderzimmer

aufbauen, die Möbel für die Studentenbude

aussuchen oder Accessoires

für die erste Eigentumswohnung: Wer in

Deutschland aufgewachsen ist und den 40.

Geburtstag noch vor sich hat, ist mit Ikea

groß geworden. Und identifiziert sich mit

den unkomplizierten Produkten sowie

dem lässigen Image des Unternehmens

Produktschlägt Prestige

Nach welchenKriterien jungeBerufstätige

ihre Arbeitgeberauswählen (inProzent)

Attraktive Produkte undDienstleistungen

FinanzielleStärke

Erfolg am Markt

Innovationskraft

GesellschaftlicheVerantwortung

InspirierendesManagement

Umweltverträglichkeit

EthischeStandards

Prestige

SchnellesWachstum

Quelle:Universum Communications

wie keine Generation zuvor. „Diese Menschen

verbinden viele Erinnerungen mit

der Marke“, sagt Alfred Quenzler, Professor

für Personalmanagement an der Technischen

Hochschule Ingolstadt. „Und schließen

aus ihren Kundenerfahrungen auf einen

attraktiven Arbeitsplatz.“

Dieser gedankliche Transfer macht sich

auch im aktuellen Arbeitgeberranking bemerkbar,

das Universum Communications

exklusiv für die WirtschaftsWoche erstellt

hat. Die Beratungsgesellschaft fragte mehr

als 4700 Berufseinsteiger nach ihrem bevorzugten

Arbeitgeber – das Ergebnis: Ikea

landete bei den Ökonomen auf Rang neun.

Und gehört damit zu den Top-Arbeitgebern,

die ihre Beliebtheit im Vergleich zum

Vorjahr am deutlichsten steigern konnten.

Welchen Einfluss interessante Produkte

auf die Arbeitgebermarke haben, bestätigt

auch der Blick aufs Treppchen. Audi, BMW

und Porsche teilen im Land der Autoliebhaber

die vorderen Plätze unter sich auf –

und das seit Jahren. Doch nicht nur die Autohersteller

aus dem Premiumsegment

konnten mit ihren schicken Karossen

punkten. „Auch Opel profitiert von seinen

neuen Produkten“, sagt Stefan Lake,

Deutschland-Geschäftsführer der Beratung

Universum. Obwohl die Traditionsmarke

jahrelang als angestaubt galt und

statt attraktiver Autos vor allem Hiobsbotschaften

produzierte, landet der Autohersteller

bei den Ingenieuren unter den Top

50 und ist damit der Aufsteiger des Jahres.

Hauptgrund für diese Renaissance, so Lake:

„Das Design der neuen Modelle Adam

und Mokka bricht mit dem langweiligen

Bild, dass viele Junge von Opel haben.“

JAGD AUF DIE JUNGEN

Ein wichtiger Schritt, denn junge Berufstätige

sind gefragt. BWL-Professor Quenzler

spricht von einer regelrechten Jagd auf

Akademiker mit drei bis sechs Jahren Berufserfahrung.

„Bachelor-Absolventen

sind noch zu jung und unerfahren“, sagt

der 49-Jährige. „Die Unternehmen wollen

nicht noch erzieherisch tätig werden.“

Die gewünschte Zielgruppe ins Unternehmen

zu locken dürfte nicht allzu

schwierig sein. Denn vollkommen zufrieden

mit ihrem derzeitigen Job sind nur 38

Prozent der jungen Berufstätigen unter 35.

Das hat eine aktuelle Umfrage der Jobbörse

Monster ergeben. 14 Prozent der Befragten

FOTO: CHRISTOF MATTES FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

86 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Gemütlich Ikea gestattet

Cornelia Obitz eine

Vier-Tage-Woche

mögen ihren Job nicht. 46 Prozent finden

ihn gerade mal in Ordnung.

Um die Berufseinsteiger zu locken, müssen

die Unternehmen laut Arbeitgeberranking

neben ansprechenden Produkten

auch finanzielle Stärke zeigen. In Zeiten

unkalkulierbarer Finanzmärkte, Euro-Krise

und Stellenabbau vielerorts ist die wirtschaftliche

Lage eines Unternehmens den

jungen Berufstätigen wichtiger geworden.

36 Prozent halten dieses Kriterium für zentral

(siehe Grafik Seite 86) – ein Plus von einem

Viertel im Vergleich zum Vorjahr.

IKEA

Ökonomen: Platz 9 (+13)

Zwar bietet Ikea wenige Stellen speziell

für Hochschulabsolventen wie Cornelia

Obitz, 29, an. Doch 2014 startet der

Einrichtungskonzern ein Einsteigerprogramm

für Führungskräfte, das sich auch

an Akademiker jeder Couleur wendet.

Schon heute sind neben Ökonomen auch

Sinologen, Biologen oder Politikwissenschaftler

beim schwedischen Möbelspezialisten

vertreten.

Diese Anforderung kann Ikea erfüllen.

Der Möbelkonzern setzte im vergangenen

Geschäftsjahr knapp vier Milliarden Euro

alleine in Deutschland um und damit

knapp drei Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum.

Im nächsten Jahr kommen neue

Märkte in Lübeck und Hamburg-Altona

dazu. Mit dann 48 Filialen ist der schwedische

Möbelgigant nirgends so prägnant

vertreten wie in Deutschland.

Doch Ikea-Mitarbeiterin Cornelia Obitz

interessiert nicht nur der zahlengetriebene

Erfolg ihres Arbeitgebers. Wie etwa ein

»

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 87

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Management&Erfolg

tobauern mehr verdienen, steht für Schülke

fest. „Meinen Job finde ich aber spannender.“

Denn er tüftelt an der Energie der Zukunft.

Der 27-Jährige ist einer von 465 Mitarbeitern,

die im Ostseestädtchen zu Forschungszwecken

an einer Fusionsanlage

bauen. Dabei ist er die Schnittstelle zwischen

Wissenschaft und Technik: auf der

einen Seite die Physiker, die Schülke ihre

Idealvorstellung präsentieren und Werte

aufs Tausendstel genau messen wollen.

Auf der anderen Seite das, was technisch

möglich ist. „Ich muss den Physikern dann

erklären, dass die Ergebnisse nur auf ein

Zehntel genau sein werden“, sagt Schülke.

Gerade hat er mit seinen Kollegen eine

hitzebeständige Röntgenkamera entwickelt,

die filmt, was sich im Inneren der Anlage

abspielt, sobald die Forscher Einstellungen

an der riesigen Maschine verändern.

Er ist dabei, wenn Kollegen neue

Messgeräte per Computersimulation entwerfen,

unterstützt sie bei der Montage der

Technik, behält permanent die Vorgaben

der Physiker im Auge.

Dass die Aufgaben am Max-Planck-Institut

abwechslungsreich sind, hat er schon

als Werkstudent festgestellt. Direkt nach

dem Studium heuerte er in Greifswald an.

»

Fünftel ihrer Altersgenossen legt sie Wert

auf umweltfreundliches Wirtschaften. Diesen

Wunsch kann sie in ihrem Job ausleben.

Die gebürtige Ludwigshafenerin macht

Kunden energie- und wassersparende Produkte

aus dem Ikea-Sortiment schmackhaft,

entwickelt beispielsweise mit der

Kommunikationsabteilung Werbeaktionen

für Induktionsherde oder LED-Lampen.

Aber auch die Unternehmenskultur hat

sie überzeugt. Schon im Vorstellungsgespräch

wurde ihr das Du angeboten, Ikea

gewährt ihr eine Vier-Tage-Woche, damit

sie nebenbei ihren MBA in Nachhaltigkeit

absolvieren kann. Und sie muss sich „nicht

in ein Kostümchen zwängen“, wie sie sagt.

Das kommt dieser Generation gelegen.

„Sie wollen sich vor allem wohlfühlen“, sagt

Professor Quenzler. Dazu brauchen sie Anerkennung

von ihren Vorgesetzten, flache

Hierarchien und flexible Arbeitszeiten. Für

den Großteil ist eine ausgewogene Mischung

aus Arbeit und Freizeit immer noch

das Karriereziel Nummer eins.

Ein Grund, warum die großen Unternehmensberatungen

in diesem Jahr weiter abstürzen

– allen voran die Boston Consulting

Group, die bei den Wirtschaftswissen-

schaftlern gleich 18 Plätze verliert und sich

auf einem enttäuschenden 30. Rang wiederfindet.

Auch McKinsey schafft es nicht

unter die ersten zehn. „Die Arbeitskultur

der großen Beratungen passt nicht mehr

zum Zeitgeist“, sagt Quenzler. Nur wenige

wollten noch die gesamte Woche im Hotel

übernachten und von einer Großstadt in

die nächste reisen, selbst wenn ein überdurchschnittliches

Gehalt entschädigt.

Auch Mathias Schülke ist Geld nicht so

wichtig. Der Diplom-Maschinenbauer arbeitet

am Max-Planck-Institut für Plasmaphysik

in Greifswald, wird nach öffentlichem

Tarifvertrag bezahlt. Dass seine ehemaligen

Kommilitonen bei den großen Au-

MAX-PLANCK-

GESELLSCHAFT

Ingenieure: Platz 14 (+23)

Diplom-Maschinenbauer Mathias

Schülke, 27, ist einer von 5470 Wissenschaftlern,

die für die Max-Planck-

Gesellschaft arbeiten. Die überwiegend

staatlich finanzierte Organisation unterhält

insgesamt 82 Forschungseinrichtungen.

PIONIERARBEIT LEISTEN

Ein Weg, um den ihn viele junge Ingenieure

beneiden. Beim Arbeitgeberranking landete

die Dachorganisation der 82 Forschungseinrichtungen

– die Max-Planck-

Gesellschaft – auf Rang 14. Bei Naturwissenschaftlern

hält sich die Institution

schon jahrelang ganz vorne. „Jetzt haben

auch die Ingenieure entdeckt, dass sie dort

Pionierarbeit leisten können“, sagt Lake.

Einen weiteren Vorteil sieht Peter Gruss,

Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, im

Markennamen. „Er steht national wie international

für ausgezeichnete Forschung.“ Vor

allem für junge Ingenieure wichtig: Fast jeder

Dritte legt Wert auf gute Referenzen für

seine Karriere – egal, ob im In- oder Ausland.

Diese internationale Strahlkraft geht

auch vom französischen Konsumgüterkonzern

L’Oréal aus. Das Unternehmen

konnte 2013 viele Ökonomen von sich

überzeugen, verbesserte sich um elf Plätze

auf Rang 17. Jedes Jahr rekrutieren die

Franzosen allein in Deutschland 100 Führungskräfte.

Etwa 40 Prozent der Neueingestellten

haben schon als Praktikanten bei

L’Oréal Geld verdient. Doch mit dem

Sprung in die Festanstellung ist noch nicht

Schluss. Das Unternehmen entwickelt sei-

FOTO: GÖTZ SCHLESER FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

88 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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ne Mitarbeiter gezielt weiter. Bestes Beispiel:

Drei der vier Manager, die heute die

Konzernbereiche leiten, haben ihre Karrieren

bei L’Oréal als Praktikanten begonnen.

Elf Jahre bleiben Arbeitnehmer durchschnittlich

im Konzern, machen häufig

Station im Ausland. Momentan sind 160

deutsche L’Oréal-Mitarbeiter außerhalb

der Bundesrepublik tätig. Von China über

Kasachstan bis in die USA. Geht ein Angestellter

ins Ausland, muss er die Landessprache

lernen. „Nur so kann er die Kultur

und die Konsumenten vor Ort verstehen“,

sagt Nicolas Pauthier, Personaldirektor von

L’Oréal Deutschland.

Eine Herausforderung, die auch auf

Cornelia Obitz zukommen könnte. Die

Ikea-Mitarbeiterin kann sich gut vorstellen,

einige Zeit im Ausland zu arbeiten.

Auswahl hat sie bei ihrem Arbeitgeber

reichlich – mehr als 300 Standorte in 26

Ländern. Egal, wohin es gehen wird – ihren

hellblauen Drehstuhl wird sie vermutlich

mitnehmen.

n

RANKING

Die Methode

kristin.schmidt@wiwo.de

Die Beratungsgesellschaft Universum

Communications aus Köln hat für das

Arbeitgeberranking in diesem Jahr

4734 Ingenieure, Ökonomen, Informatiker

und Naturwissenschaftler nach ihren

bevorzugten Arbeitgebern gefragt.

Die Teilnehmer waren unter 40, hatten

zwischen einem und acht Jahren Berufserfahrung

und wählten aus 150 Arbeitgebern

bis zu fünf Favoriten aus.

Auch freie Nennungen waren möglich.

Für Opel geht’s nach oben

Die größten Gewinner und Verlierer 1

Wirtschaftswissenschaftler

Deutsche Telekom

Continental

PwC

Wirtschaftswissenschaftler

Boston Consulting

Group

Puma

Dr. Oetker

Gewinner

+34

+29

+20

Verlierer

–18

–18

–13

Opel

Bombardier

Ingenieure

Procter&Gamble

Linde

Osram

Bayer

Ingenieure

1 gemessen in gewonnenen/verlorenen Plätzen im

Vergleich zum Vorjahr

+77

+53

+40

–17

–16

–15

Die beliebtesten Arbeitgeber junger Berufstätiger

Wirtschaftswissenschaftler

Platz (2012)

1 (2)

2 (1)

3 (3)

4 (4)

5 (6)

6 (4)

7 (9)

8 (7)

9 (8)

9 (22)

11 (13)

12 (11)

13 (10)

13 (13)

15 (16)

16 (18)

17 (28)

18 (20)

19 (19)

20 (–)

21 (15)

22 (31)

23 (17)

23 (24)

25 (33)

26 (27)

27 (37)

28 (22)

29 (33)

30 (12)

31 (29)

32 (36)

33 (39)

33 (20)

35 (31)

35 (30)

35 (50)

38 (37)

39 (39)

39 (42)

39 (44)

42 (76)

42 (24)

44 (64)

45 (45)

46 (54)

47 (76)

47 (41)

49 (64)

49 (48)

Unternehmen

Audi

BMW

Porsche

Lufthansa

Volkswagen

Google

Daimler

Siemens

Adidas

Ikea

Auswärtiges Amt

Robert Bosch

McKinsey

Nestlé

Deutsche Bank

Hugo Boss

L’Oréal

Europäische Zentralbank

SAP

Amazon

BASF

Deutsche Bahn

Beiersdorf

Unilever

Coca-Cola

Procter & Gamble

Microsoft

Ferrero

Allianz

Boston Consulting Group

KfW Bankengruppe

ProSiebenSat.1

Deutsche Bundesbank

Dr. Oetker

Bayer

Henkel

TUI

Ernst & Young

Bundesnachrichtendienst

EADS

Tchibo

Deutsche Telekom

Puma

PwC

Fraunhofer-Gesellschaft

KPMG

Continental

JP Morgan

Otto Group

SMC 1

Prozent

14,3

13,1

11,2

9,1

8,9

8,8

7,1

7,0

6,3

6,3

6,1

5,9

5,4

5,4

5,2

5,2

5,1

5,0

4,7

4,7

4,5

4,4

4,3

4,3

4,3

4,2

4,0

3,9

3,7

3,7

3,6

3,6

3,5

3,5

3,4

3,4

3,4

3,1

3,0

3,0

3,0

2,9

2,9

2,9

2,8

2,6

2,4

2,4

2,3

2,3

Unterschiedlicher Rang bei gleicher Prozentzahl

ergibt sich aufgrund der zweiten Nachkommastelle.

1 Siemens Management Consulting;

2 Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt

Ingenieure

Platz (2012)

1 (2)

1 (1)

3 (4)

4 (3)

5 (6)

6 (8)

7 (10)

8 (7)

9 (5)

10 (10)

11 (12)

11 (9)

13 (16)

14 (37)

15 (15)

16 (25)

17 (13)

18 (71)

18 (19)

18 (27)

18 (24)

22 (–)

23 (22)

24 (18)

25 (39)

25 (16)

25 (14)

25 (23)

25 (19)

30 (29)

30 (19)

30 (48)

33 (44)

34 (67)

34 (71)

34 (36)

37 (33)

38 (25)

38 (39)

38 (48)

38 (78)

42 (44)

42 (48)

44 (29)

44 (–)

44 (27)

47 (58)

47 (71)

49 (–)

49 (64)

49 (67)

49 (58)

49 (126)

49 (33)

49 (48)

Unternehmen

Audi

BMW

Porsche

Siemens

Volkswagen

Daimler

Lufthansa Technik

EADS

Robert Bosch

Fraunhofer-Gesellschaft

Bosch Rexroth

MAN

Google

Max-Planck-Gesellschaft

BASF

ThyssenKrupp

DLR 2

Bombardier

Deutsche Bahn

Hochtief

RWE

Bundeswehr

Lufthansa

ZF Friedrichshafen

ABB

Continental

E.On

European Space Agency

TÜV Süd

Bilfinger

MTU

Voith

Carl Zeiss

Festo

Ikea

TÜV Rheinland

Vattenfall

General Electric

Infineon

Philips

Procter & Gamble

Evonik

Nestlé

Bayer

Boehringer Ingelheim

Linde

Novartis

Unilever

Amazon

Fraport

John Deere

McKinsey

Opel

Osram

TÜV Nord

Prozent

16,7

16,7

14,4

13,2

11,5

9,1

8,4

7,4

7,1

6,4

5,6

5,6

5,5

5,0

4,9

4,5

4,2

4,1

4,1

4,1

4,1

3,7

3,6

3,4

3,3

3,3

3,3

3,3

3,3

3,1

3,1

3,1

2,9

2,8

2,8

2,8

2,6

2,4

2,4

2,4

2,4

2,2

2,2

2,1

2,1

2,1

2,0

2,0

1,9

1,9

1,9

1,9

1,9

1,9

1,9

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 89

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Management&Erfolg

Teuer, aber nützlich

STARTUPS | Worauf junge Unternehmen achten müssen, wenn sie

über die Börse an Geld kommen wollen.

Der Emissionsprospekt umfasste 152

eng beschriebene Seiten. Zwei Wirtschaftsprüfer,

drei Steuerberater

und eine Handvoll Anwälte hatten ihn beraten,

für den Aufsichtsrat konnte er einen

Ex-Commerzbank-Manager und einen früheren

KPMG-Partner gewinnen: Zwei Jahre

lang hatte Julien Uhlig sein Unternehmen

Entrade auf den Gang an die Börse

vorbereitet, Anfang 2014 soll der erste Handelstag

sein. Und doch war der Gründer

und CEO des Startups aus der Eifel, das mit

kleinen Kraftwerken Biomasse und Abfälle

in Strom verwandelt, neulich

mitten in der Nacht hochgeschreckt

– weil er merkte, dass

eine Frage offen geblieben war:

Wie feiern wir eigentlich den

Tag der ersten Notierung?

„So ein Börsengang ist

schließlich etwas Besonderes“,

sagt Uhlig, „die meisten Unternehmen

bringen es nie so weit.“

Damit hat Uhlig recht: 2011

und 2012 gab es am Entry Standard

der Deutschen Börse, der

für kleine und mittelgroße Unternehmen

gedacht ist und an

dem Entrade in Zukunft notieren

soll, nur fünf Börsengänge.

Mit Biomüll

an die Börse

Entrade-

Gründer Uhlig

Lag das Emissionsvolumen 2010 noch bei

rund 118 Millionen Euro, waren es 2012 nur

noch 26,3 Millionen Euro. Selbst am Marktplatz

new connect der Warschauer Börse,

der sich an kleine High-Tech-Unternehmen

richtet, wagten alleine 2012 rund 80 Firmen

den Schritt aufs Parkett. So viele Börsengänge

gab es in Deutschland bestenfalls zur

Jahrtausendwende, als der Neue Markt

boomte. Seitdem gingen nur wenige junge

Unternehmen an die Börse (siehe Seite 93).

Dabei ist klassisches Wachstumskapital

in Deutschland knapp: Während Venture-

Capital-Gesellschaften 2012

hierzulande ganze 710 Millionen

Euro in junge Unternehmen

investierten, waren es in

den USA mit 7,2 Milliarden Euro

mehr als zehn Mal so viel.

Allein im dritten Quartal 2013

Euro, wie eine Studie der Beratungsgesellschaft

Rödl & Partner zeigt – zu wenig Geld

für Jungunternehmer, die auch international

den Durchbruch schaffen wollen.

„Kapital einzusammeln ist in Deutschland

ziemlich schwierig“, sagt Unternehmer

Uhlig, „deswegen haben wir unseren

Kapitalgebern von Anfang an klargemacht:

Wir wollen an die Börse.“

Dieses Versprechen half Uhlig schon in

der Anfangsphase, Geld einzusammeln:

Gründer, Familienmitglieder und Aufsichtsräte

investierten rund zwei Millionen

Euro in das junge Unternehmen – als kaum

absehbar war, ob es langfristig würde überleben

können. Doch sie wussten: Ist Entrade

erst mal an der Börse notiert, wird

das Handling der Anteile einfacher.

An der Börse könne man deutlich mehr

Investoren erreichen, sind sich Experten

wie Cord Gebhardt, als Geschäftsführer bei

der Deutschen Börse für das Primärmarktgeschäft

verantwortlich, einig. „Außerdem

steigt Ihre Sichtbarkeit, weil über Sie häufiger

berichtet wird. Das erleichtert auch die

Suche nach Personal.“

Wann aber ist ein Startup börsenreif? In

den Entry Standard der Deutschen Börse

etwa dürfen nur Unternehmen, die mindestens

zwei Jahre alt sind und ein Grundkapital

von mindestens 750 000 Euro vorweisen

können. „Ein gut laufendes Geschäft

allein reicht nicht für einen Börsengang“,

sagt Deutsche-Börse-Manager Gebhardt.

„Man muss Investoren mit Informationen

beliefern.“

STRUKTUREN ANPASSEN

Genau das ist bei vielen jungen Unternehmen

ein Problem: Wenn sich ihr Produkt

auf dem Markt bewährt, wächst zwar der

Umsatz, aber die Strukturen hinken hinterher.

„Startups ohne längere Historie werden

es nicht an die Börse schaffen“, sagt

Volker Potthoff, der früher im Vorstand der

Deutschen Börse saß und heute als Rechtsanwalt

bei CMS Hasche Sigle Unternehmen

zu Börsenrecht und IPOs berät. „Beim

Auf- und Ausbau der erforderlichen Professionalität

spielen die ersten Investoren

Serie Teil 2

Mut zum Risiko

Wie Gründer an der

Börse Geld

bekommen

gab es dort rund 1000 Kapitalspritzen

für Startups in Höhe

von durchschnittlich 5,2 Millionen

Euro. In Europa waren

es gerade mal 320 Investitionen

in Höhe von durchschnittlich

eine entscheidende Rolle.“

Mindestens 50 000 Euro brauchen junge,

innovative Unternehmen laut dem Deutschen

Startup Monitor (DSM) am Anfang.

Weil Banken Kredite oft versagen, finanzieren

viele Gründer den Start aus eigenen

Im nächsten Heft:

3,5 Millionen Euro. Und Mitteln. Oder bemühen Familie oder

Tech-Unternehmen, deutsche Risikokapitalgeber Freunde. Und den Staat: Über das Exist-Stipendium

fördert etwa das Bundeswirt-

die wir bald an der investieren in vier von fünf Fällen

weniger als drei Millionen schaftsministerium innovative Gründer Börse sehen wollen »

FOTO: PR; ILLUSTRATION: TOM MACKINGER

90 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Management&Erfolg

»

mit bis zu 40 000 Euro plus Coaching.

Auch Business Angels statten Startups in

dieser Phase im Tausch gegen Anteile mit

Eigenkapital aus – laut Business Angel Panel

im Schnitt mit rund 20 000 Euro.

Nach der Startphase aber steigt der Kapitalbedarf

rasant: Laut DSM benötigt jedes

dritte Startup in seiner Wachstumsphase

mehr als eine Million Euro. Weil es für einen

Börsengang noch zu früh ist, kommt

das Geld meist von institutionellen Risikokapitalgebern,

die sich in die Startups einkaufen.

In Deutschland ist das oft der Staat:

An den 585 Wagniskapital-Investments im

Jahr 2012 war in fast der Hälfte der Fälle ein

öffentlicher Geldgeber beteiligt – etwa der

halbstaatliche High-Tech-Gründerfonds

(HTGF), der junge Technologieunternehmen

mit bis zu zwei Millionen Euro ausstattet

– davon bis zu 500 000 Euro in der

ersten Finanzierungsrunde. Oft steigen zu

diesem Zeitpunkt gleichzeitig weitere Risikokapitalgeber

ein. Kommen sie aus den

USA, wird nach Erfahrung von Deutsche-

Börse-Manager Gebhardt ein Börsengang

wahrscheinlicher.

So wie möglicherweise bei Christian Reber.

Er hat 2009 mit fünf Mitgründern das

Berliner Startup 6Wunderkinder aus der

Taufe gehoben. Das Unternehmen entwickelt

eine Software namens Wunderlist,

mit der sich Aufgabenlisten verwalten und

via App oder übers Web mit Freunden oder

Kollegen teilen lassen – vom Einkauf über

Urlaubsplanung bis hin zu Arbeitsaufträgen.

Rund sechs Millionen Nutzer zählt das

Unternehmen derzeit.

19 MILLIONEN AUS KALIFORNIEN

Zum Start klapperten die Gründer rund 100

Privatinvestoren ab, sammelten rund

100 000 Euro bei Business Angels ein.

500 000 Euro gab’s vom halbstaatlichen

High-Tech-Gründerfonds, kurz darauf stieg

erst Investor T-Venture ein, etwas später

pumpte die Londoner Investorengruppe

Atomico des Skype-Gründers Niklas Zennström

weitere 3,1 Millionen Euro in das

Startup, auch der Münchner Risikokapitalgeber

Earlybird beteiligte sich. Im November

2013 dann der Paukenschlag: Der kalifornische

Wagnisfinanzierer Sequoia Capital,

der schon frühzeitig in heutige Giganten

wie Apple, Google, Yahoo und Facebook

investiert hatte, steckte 19 Millionen Dollar

in 6Wunderkinder. Mehrere Jungunternehmen

hat Sequoia an die Börse begleitet, die

Kapitalspritze für 6Wunderkinder ist das

erste Investment in Deutschland. Geschätzt

47 Millionen Euro ist 6Wunderkinder jetzt

Auf Wolke 7

6Wunderkinder-

Gründer Reber

hat mehr als 20

Millionen Euro

eingesammelt

»Einen möglichen Börsengang

werden wir sehr sorgfältig prüfen«

wert. „Und wenn ein Börsengang mal Thema

werden sollte“, sagt Gründer Reber,

„werden wir das sehr sorgfältig prüfen.“

Damit wäre er in der Tat gut beraten.

Denn der zeitliche und materielle Aufwand

eines Börsengangs ist enorm: Nicht nur

Anwälte, Steuerberater und Wirtschaftsprüfer

müssen bezahlt werden, sondern

auch die Banken, die den Börsengang begleiten.

Allein die verlangen um die fünf

Prozent des Emissionsvolumens Gebühr –

aber nicht immer sind sie ihr Geld wert.

„In der Mandatierungsphase tun Banken

alles, um zu überzeugen. Aber kaum ist das

Mandat erteilt, werden Emittenten häufig

vor das Problem gestellt, wie sie den Spannungsbogen

bei den Banken erhalten können“,

warnt Michael Bednar von Frankfurt-

Finanz Partner, das seit 2006 Unternehmen

bei Kapitalerhöhungen und Börsengängen

berät. Bednar rät deswegen, „die Banken

nicht gleich am Anfang um das Gesamtpaket,

sondern um einzelne Leistungen oder

Meilensteine bieten zu lassen“. So könnte eine

Bank mit den vorbereitenden Arbeiten

für die Dokumentation des Börsengangs betraut

werden, eine andere mit der Vermarktung

des Börsenkandidaten und wieder eine

andere mit der Zuteilung der Wertpapiere.

Nach dem Sprung aufs Parkett ist Transparenz

gefragt – und die ist teuer: Gründer

müssen Halbjahres- und Jahresabschlüsse

publizieren, die zuvor geprüft, testiert und

zumindest ins Englische übersetzt werden

sollten. Eine Investor-Relations-Abteilung

sollte sich um die Beziehungen zu Anlegern

kümmern, eine gut organisierte

Hauptversammlung die Aktionäre bei Laune

halten.

Wenn sich Tim Schumacher heute an all

diese kostspieligen Pflichten erinnert,

kann er nur den Kopf schütteln. Er hatte im

Jahr 2000 den Domainhändler Sedo gegründet,

der seit 2010 an der Börse gelistet

ist. Bis Ende 2011 amtierte Schumacher als

Vorstandssprecher. Eine Million Euro pro

Jahr habe die Börsennotierung in etwa das

Unternehmen gekostet, vor allem an Anwälte,

Steuerberater und Wirtschaftsprüfer

floss das Geld. Und in die Organisation von

Hauptversammlungen, auf denen Schumacher

die Geschäftsberichte präsentierte

– „vor 20, 30 Aktionären, von denen die eine

Hälfte sowieso schon alles wusste und

die andere Hälfte wohl nur wegen des Essens

da war“, sagt der Sedo-Gründer mit einem

Augenzwinkern. Ende 2011 hat er Sedo

verlassen und finanziert jetzt hauptberuflich

Startups – als Business Angel.

Wie junge Unternehmen über eine neue

Art Börsengang und mit etwas weniger

Aufwand zu Geld kommen können, zeigt

FOTO: ARCHIV-KLAR

92 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Urbanara: Der Online-Shop für Wohntextilien

und Accessoires, 2010 gegründet, setzt

nicht nur auf ein neues Geschäftsmodell –

statt über Zwischenhändler kaufen sie Produkte

direkt bei Herstellern, versprechen

ihren Kunden so niedrige Preise und sich

eine höhere Marge. Auch bei der Finanzierung

gingen die drei Gründer Benjamin Esser,

Claire Davidson und Martin von

Wenckstern neue Wege – sie setzten auf

Crowd Investing. Die Grundidee: Über Internet-Plattformen

wie Bergfürst oder

Seedmatch können viele Investoren auch

kleine Geldbeträge in junge Unternehmen

investieren. Nach Angaben des Crowd-Investing-Monitors

konnten seit 2011 rund

100 junge Unternehmen auf diese Weise

rund 13 Millionen Euro einsammeln.

Urbanara entwickelte diese neue, aber

gerade in Mode kommende Form der Finanzierung

noch ein wenig weiter. Während

man über die meisten Crowd-Investing-Plattformen

über stille Beteiligungen

oder eine bestimmte Form von Darlehen

investieren kann, emittierte Urbanara über

das Portal Bergfürst Aktien. Die Gründer

versprachen sich davon nicht nur eine

ordentliche Kapitalspritze, sondern auch

Große Ambitionen

Wie sich Startups an der Börse entwickelt haben

Unternehmen/Branche

QSC/IT-Dienstleister

Epigenomics/Biotech

Solarworld/Solar

Realtime Technology/Software

Xing/Internet

Deutsche Biogas/Energie

Solutronic/Solar

Travel Viva/Touristik

gegründet

1997

1998

1998

1999

2003

2005

2004

2005

Quelle: Deutsche Börse, eigene Recherche; 1 in Euro; 2 Schlusskurs am 27.11.2013; 3 bereinigt um Aktiensplit;

4 Startpreis am 1. Handelstag

Börsengang

2000

2004

1999

2005

2006

2010

2010

2010

Emissionspreis 1

Höchstkurs 1

13,00 20,00

1,80 3 39,06

0,86 3 48,80

7,65 4 45,50

30,00 87,50

8,50 8,80

11,00 11,14

5,50 4 15,43

aktueller Kurs 1,2

4,15

6,29

0,80

42,34

76,20

1,31

0,16

14,20

einen starken Marketingeffekt: „Wir wollten

einen Teil unserer Kunden in Shareholder

verwandeln, damit sie unser Angebot

bekannter machen“, sagt Gründer Esser,

„wir wollten einen Hype generieren.“

Das ist dem Gründertrio gelungen: Rund

1000 Privatinvestoren zeichneten rund

300 000 Anteile und statteten Urbanara mit

drei Millionen Euro aus. Mit dem Geld will

das Startup sein Produktportfolio erweitern

und sein Marketing verbessern, Werbekampagnen

starten und Ladenkonzepte

umsetzen, um in drei Jahren in ganz Europa

bekannt zu sein. Seit dem 11. November

können Urbanara-Aktien über die Crowd-

Investing-Plattform Bergfürst gehandelt

werden. Bereits in der ersten Woche legte

der Kurs um mehrere Prozent zu. „Nicht jeder

hat daran geglaubt, dass wir es schaffen“,

sagt Gründer Esser, „umso stolzer sind

wir, dass es so gut geklappt hat.“

n

jens.toennesmann@wiwo.de

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Geld&Börse

Raus aus dem

teuren Kredit!

BAUFINANZIERUNG | Die Bauzinsen liegen deutlich unter drei Prozent. Käufer und

Bauherren, deren Finanzierung bereits seit Jahren läuft, zahlen jedoch deutlich mehr.

Wie Sie bestehende Kredite umschulden und neue Finanzierungen abschließen.

Wenn Oliver Scheid, Unternehmer

aus Bruchsal bei

Karlsruhe, auf die aktuellen

Bauzinsen schaut, dann ärgert

er sich. Für seinen

2008 aufgenommenen Kredit zahlt er 5,04

Prozent Zinsen – gut zwei Prozentpunkte

mehr, als Banken für vergleichbare Kredite

heute verlangen. Bis 2018 wäre Scheids

Darlehen für sein Einfamilienhaus getilgt.

Weil sein Zins aber bis dahin festgeschrieben

ist, kommt er nicht so ohne Weiteres

aus seinem Vertrag raus (siehe Seite 96).

So wie Scheid zahlen Tausende Bauherren

und Immobilienkäufer für ihre Hypothek

deutlich mehr als den aktuellen Zins

(siehe Grafik rechts). Während Bauherren

für einen im Oktober 2009 abgeschlossenen

Baukredit über 150 000 Euro (zwei Prozent

Tilgung, Zins zehn Jahre fest) im

Schnitt 835 Euro monatlich für Zins und

Tilgung zahlten, waren es im Oktober dieses

Jahres nur 621 Euro monatlich, gut 25

Prozent weniger.

Der Abstand zwischen dem Zins, den

Bauherren für einen laufenden Kredit zahlen

müssen, und dem aktuellen Zins ist in

den vergangenen drei Jahren größer geworden.

Lag die Lücke im Januar 2011

noch bei 0,87 Prozentpunkten, pendelte sie

sich in diesem Jahr bei etwa 1,5 Prozentpunkten

ein. Von einer alten,

Video

In unserer App-

Ausgabe: Autor

Daniel Schönwitz

über Kredittricks

der Banken

teuren auf eine neue, günstigere

Finanzierung umzusteigen ist

demnach attraktiver geworden.

Die Bauzinsen sind derzeit so

günstig, weil die Banken sich

über Pfandbriefe billig mit Geld

versorgen können. Da viele Anleger

wegen der Euro-Krise bevorzugt

in deutsche Zinspapiere,

darunter auch Pfandbriefe,

investieren, gehen deren

Renditen in den Keller.

Brachten Pfandbriefe mit

zehn Jahren Restlaufzeit im

November 2009 im Schnitt

noch 4,2 Prozent Rendite,

sind es derzeit nur 2,6 Prozent.

Diesen Finanzierungsvorteil

geben die Banken

teilweise an die Kunden

weiter.

Weil die Bauzinsen günstig

sind, rennen Interessenten

den Banken die Bude ein:

Von Januar bis September setzte die Finanzplattform

Europace 9,4 Prozent mehr

Baukredite und 18,4 Prozent Bausparverträge

um als im Vorjahreszeitraum. Europace

wird von Banken und Sparkassen genutzt

und deckt ein Fünftel des deutschen

Kreditmarkts ab. Dass Häuser gefragt sind,

liegt auch an den mickrigen Sparzinsen.

Laut Umfrage der Postbank halten zwei

Drittel der Deutschen die eigene Immobilie

für die ideale Alterssicherung.

Noch allerdings sind die Deutschen

nicht im Kaufrausch. Auch wenn in vielen

begehrten Lagen der Großstädte die Kaufpreise

für Wohnungen und Häuser deutlich

angezogen haben, ist keine flächendeckende

Übertreibung erkennbar.

Selbst die Deutsche

Bundesbank, die zuletzt vor

steigenden Immobilienpreisen

warnte und damit viel Aufsehen

erregte, ruderte unlängst zurück:

„Wir haben immer von einer

Überhitzung einzelner Märkte

Baufinanzierung

94 Zinstief Neue

Kredite sind billig,

den alten Vertrag

jetzt zu prüfen kann

sich auszahlen

96 Vertrag kündigen

Wie Sie Ihren Kredit

ablösen, welche

Widerrufsklauseln

angreifbar sind

100 Neu finanzieren

Wie Sie richtig

kalkulieren und

Risiken absichern

und nicht von einer Blase

gesprochen“, sagt Bundesbank-Vizepräsidentin

Sabine

Lautenschläger.

SCHNELLER TILGEN

Angesichts der Niedrigzinsen

wäre zu vermuten, dass die

deutschen Häuslebauer bei

der Baufinanzierung wagemutiger

werden. Das Gegenteil

ist jedoch der Fall. „Zuletzt

finanzierten Privatkunden

ihre Immobilien mit

mehr Eigenkapital und tilgten

ihre Schulden schneller als

noch im vergangenen Jahr“, sagt Stephan

Gawarecki, Vorstand des Kreditvermittlers

Dr. Klein. Von Zuständen wie in den USA vor

der Finanzkrise, wo arme Familien ohne eigenes

Geld Häuser kauften und jahrelang

nicht tilgten, sondern bestenfalls Zinsen

zahlten, ist Deutschland noch weit entfernt.

Für Immobilienkäufer, die umschulden,

und Häuslebauer, die jetzt finanzieren

wollen, werden die Bedingungen wahrscheinlich

nicht besser. Es lohnt sich also,

den eigenen Kreditvertrag unter die Lupe

zu nehmen, Angebote mit aktuell günstigen

Konditionen einzuholen und Ausstiegsmöglichkeiten

zu prüfen.

Wie Sie aus Ihrem teuren Vertrag herauskommen

könnten, wie Sie intelligent

umschulden und was Sie beim Abschluss

einer neuen Immobilienfinanzierung beachten

sollten, lesen Sie auf den folgenden

Seiten.

n

martin.gerth@wiwo.de

Lesen Sie weiter auf Seite 96 »

ILLUSTRATION: MARTIN HAAKE

94 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Niedrigzins drückt die monatliche Rate, Umschulden lohnt sich

MonatlicheRatefür Zins undTilgung (inEuro),

Darlehen: 150000 Euro,ZinszehnJahrefest,

zwei Prozent Tilgung*

900

800

700

600

500

09 2010 2011 2012 2013

5,0

4,5

4,0

3,5

3,0

2,5

Durchschnittlicher Hypothekenzins für

Altkredite undfür neuaufgenommene

Baukredite(in Prozent)**

neue

Baukredite

2011

bereitslaufende

Baukredite

2012 2013

*Durchschnittswerte fürneue Baukredite zumjeweilsgültigen Zins;

** 5bis 10 Jahrebei neuen Baukrediten, mehr als 5Jahrebei laufenden Baukrediten;Quelle:Bundesbank, Dr.Klein

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Geld&Börse

zwei weitere Optionen. Erstens: mit der

Bank über eine vorzeitige Umschuldung

mit niedriger Vertragsstrafe verhandeln.

Zweitens: ein Forward-Darlehen abschließen,

mit dem sie nach Ablauf der Zinsbindung

den teuren Altkredit ablösen. Aber

welche Strategie ist wann sinnvoll?

VERTRAG KÜNDIGEN

Blick aufs

Kleingedruckte

Ärgern Sie sich über zu hohe

Zinsen? Dann prüfen Sie, ob Sie

Ihren Kredit jetzt ablösen

können – die Chancen sind gut.

Unternehmer Oliver Scheid, der sich

über die hohen Zinsen seines Kredits

ärgert (siehe Seite 94), sieht

mittlerweile eine Chance, künftig statt fünf

Prozent Zinsen nur noch drei Prozent zu

zahlen – und so seine monatliche Tilgung

anzuheben: Im August hörte er davon, dass

viele Kreditkunden ihre Darlehen bei Banken

wegen falscher Widerrufsklauseln im

Vertrag kostenfrei kündigen können. Kostenfrei

bedeutet, dass ihnen die ungeliebte

Vorfälligkeitsentschädigung erspart bliebe,

die Banken in solchen Fällen fordern.

Scheid schickte seinen im Jahr 2008 unterzeichneten

Vertrag an die Verbraucherzentrale

Hamburg. Und tatsächlich: Auch

die Klausel in seinem Vertrag sei ihrer Meinung

nach falsch, teilten die Experten ihm

nun mit. Die 14-tägige Widerrufsfrist, während

der er vom Kreditvertrag hätte zurücktreten

können, habe deshalb nie begonnen,

nicht 2008 und auch nicht später.

Er könne sich „auch heute noch“ vom Vertrag

lösen.

„Ich habe jetzt einen Anwalt eingeschaltet“,

sagt Scheid. Er wäre nicht der Erste:

Zahlreiche Immobilienbesitzer, die einen

Hochzinskredit ablösen wollen, berufen

sich derzeit auf falsche Widerrufsklauseln.

„Das ist seit einigen Wochen ein echter

Run“, sagt der Düsseldorfer Anwalt Julius

Reiter. „In den meisten Fällen sind die

Chancen sehr gut.“

Baufinanzierer, die hohe Zinsen zahlen,

sollten deshalb unbedingt prüfen, ob sie

widerrufen können. Wenn nicht, bleiben

Wer aus einem teuren

Hochzinsvertrag raus

will, sollte Experten

die Widerrufsklausel

prüfen lassen

STRATEGIE 1: WIDERRUFEN

Dass die Chance zum Widerruf Baufinanzierer

elektrisiert, ist kein Wunder –

schließlich ist das Sparpotenzial bei einer

Umschuldung gewaltig: Wer einen Kredit

über 300 000 Euro, den er Anfang 2008 zu

fünf Prozent aufgenommen hat, jetzt durch

ein Drei-Prozent-Darlehen ersetzt, senkt

seine Gesamtzinslast während der Laufzeit

von 346 376,53 auf 198 718,49 Euro (siehe

Beispielrechnung Seite 98 oben).

Warum kündigt dann nicht jeder Kunde?

Weil es zwei Probleme gibt. Erstens: Die

Bank ist nur in Ausnahmefällen verpflichtet,

einer Kreditkündigung vor Ablauf der

Zinsbindung zuzustimmen – „zum Beispiel,

wenn der Kreditnehmer seine Immobilie

verkauft“, sagt Timo Gansel, Fachanwalt

für Bankrecht in Berlin und Experte

für Immobilienfinanzierungen.

Hinzu kommt:Von den Baufinanzierern,

die tatsächlich raus aus ihrem Vertrag

dürfen, fordern Banken hohe Vertragsstrafen

– die sogenannten Vorfälligkeitsentschädigungen.

Deren Berechnung ist

kompliziert, über den Daumen gepeilt

müssen Bankkunden mit mindestens zehn

Prozent der Restschuld als Entschädigung

rechnen – oft also mit einem hohen fünfstelligen

Betrag.

„Die Vorfälligkeitsentschädigungen in

Deutschland sind die höchsten in Europa“,

kritisiert der Düsseldorf Anlegeranwalt

Reiter. „Es wäre an der Zeit, dass sie gedeckelt

werden – zum Beispiel bei einem

Prozent des Darlehensbetrages, wie es in

anderen europäischen Ländern bereits der

Fall ist.“

Doch inzwischen gibt es in vielen Fällen

eine Lösung für beide Probleme. Denn der

Bundesgerichtshof (BGH) hat seit 2009 in

einer Serie von Urteilen zahlreiche Widerrufsklauseln

in Kreditverträgen für unwirksam

erklärt (XI ZR 33/08, XI ZR 349/10, III

ZR 83/11 und weitere Urteile) – mit der Folge,

dass Kunden, deren Vertrag falsche Widerrufsklauseln

enthält, jederzeit aussteigen

dürfen und dafür auch keine Vertragsstrafe

zahlen müssen.

Wie sich mittlerweile herausgestellt hat,

profitiert davon nicht nur ein kleiner Kreis

von Baufinanzierern. Im Gegenteil: Fal-

ILLUSTRATION: MARTIN HAAKE

96 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Klauseln, die den

Verbraucher verwirren

könnten, sind meist

unwirksam, sagt der

Bundesgerichtshof

sche Klauseln sind die Regel, nicht die Ausnahme.

Mehr als zwei Drittel seien unwirksam,

teilte die Verbraucherzentrale Hamburg

(VZHH) im August mit – und zwar

quer durch die gesamte deutsche Bankenlandschaft.

Die hanseatischen Verbraucherschützer

haben Hunderte Verträge überprüft. Wer

seinen eigenen Vertrag checken lassen will,

schickt eine eingescannte Version an die

E-Mail-Adresse kreditwiderruf@vzhh.de.

Wenn er dann noch pauschal 60 Euro überweist,

bekommt er einige Wochen später

eine Einschätzung der Experten, ob es sich

lohnt, bei der Bank auf Kündigung des Vertrags

zu beharren.

Der Bundesgerichtshof lege bei Beurteilung

der Korrektheit von Widerrufsbelehrungen

„strenge Maßstäbe an“, erklärt

Fachanwalt Gansel. „Ungenaue Angaben

zum Fristbeginn und überflüssige Details

führen deshalb zur Unwirksamkeit einer

Klausel, weil sie Verbraucher verwirren

können“ (siehe Kasten rechts).

Von Fehlern der Banken können sogar

Kunden profitieren, die bereits gekündigt

haben, etwa weil sie die Immobilie verkauft,

und bereits eine Vorfälligkeitsentschädigung

überwiesen haben. „Stellt sich

heraus, dass die Widerrufsklausel falsch

war, muss die Bank die Summe erstatten“,

sagt Gansel. Erfreulich: Nach Ansicht vieler

Gerichte greift hier die sonst übliche

dreijährige Verjährungsfrist nicht – Kunden

können die Vorfälligkeitsentschädigung

also auch dann zurückfordern, wenn

deren Zahlung schon länger als drei Jahre

zurückliegt.

Damit ist klar: Banken drohen angesichts

der strengen BGH-Rechtsprechung

erhebliche Einbußen. Einige versuchen

deshalb bereits, den Spieß umzudrehen –

und haben falsche Widerrufsklauseln von

Wettbewerbern als Waffe im Kampf um

Neukunden entdeckt.

„Viele Mandanten kommen auf Empfehlung

von Bankberatern zu uns, um ihre Widerrufsklauseln

prüfen zu lassen“, sagt Anwalt

Reiter. Das Kalkül der Berater: Wenn

die Baufinanzierer bei ihrer alten Hausbank

kostenlos kündigen, können sie sofort

eine Anschlussfinanzierung abschließen

– und zwar bei ihrer neuen Bank, deren

Berater ihnen den Tipp mit der Kündigung

gaben.

Aber wie groß ist die Chance, dass eine

Bank einlenkt? Das ist unterschiedlich. Die

Verbraucherzentrale Hamburg empfiehlt,

in jedem Fall einen Anwalt einzuschalten,

weil das dafür sorgt, dass die Geldhäuser

das Ansinnen des Kunden ernst nehmen.

Unternehmer Scheid zum Beispiel haben

die Verbraucherschützer „nachdrücklich“

empfohlen, einen Rechtsbeistand zu beauftragen

– was er auch machte.

Das Gute: War die finanzierte Immobilie

ein Bestandsgebäude und kein Neubau,

zahlt in aller Regel die Rechtsschutzversicherung

die Anwaltskosten, die sich

schnell auf mehrere Tausend Euro summieren.

Bei Neubauten sind in den Policen

jedoch meist auch Streitigkeiten „im Zusammenhang

mit der Finanzierung“ ausgeschlossen.

STRATEGIE 2: VERHANDELN

Selbst wenn anwaltliche Hilfe im Spiel ist,

räumen viele Banken allerdings nicht

kampflos das Feld, sondern weigern sich

zunächst beharrlich – oder sie unterbreiten

ein Vergleichsangebot, etwa in Form einer

ermäßigten Vorfälligkeitsentschädigung,

berichten Experten. „Auch das kann wirtschaftlich

sinnvoll sein, um einen langwierigen

Rechtsstreit zu vermeiden – gerade

bei Klauseln, über die der Bundesgerichtshof

noch nicht entschieden hat“, sagt Anwalt

Gansel.

Auf dem Verhandlungsweg lasse sich

auch in solchen Fällen meist eine „einvernehmliche

Lösung“ mit der Bank finden.

„Wir müssen nur ganz selten vor Gericht

ziehen.“ Es gebe allerdings Fälle, warnt

Gansel, in denen sich der offerierte Rabatt

als Mogelpackung entpuppe.

So bieten einige Banken einen Rabatt auf

eine Vorfälligkeitsentschädigung an, die sie

zuvor aber viel zu hoch angesetzt hatten.

Bevor Betroffene die Offerte annehmen,

sollten sie deshalb unbedingt nachrechnen.

Einen Online-Rechner gibt’s zum Beispiel

auf der Seite der FMH Finanzberatung

(vorfaelligkeit.fmh.de). Wirft dieser einen

niedrigeren Betrag aus, heißt es: nachverhandeln

und einen höheren Rabatt fordern

– oder doch noch vor Gericht ziehen.

Immerhin sind die Vorfälligkeitsentschädigungen,

die Banken fordern, laut

»

WIDERRUF

Verschleiert

Enthalten Klauseln diese Fehler,

können Bauherren kündigen.

Wer raus aus seinem alten Kreditvertrag

will, sollte die Widerrufsklauseln genau

lesen. Sind sie falsch, ist der Vertrag

nichtig. Klassische Fehler:

n Frühestens – aber wann genau? In

den Kreditunterlagen von Unternehmer

Oliver Scheid stießen die Experten der

Verbraucherzentrale Hamburg (VZHH)

auf einen typischen Fehler: Die Widerrufsfrist

beginne „frühestens mit Erhalt

dieser Belehrung“, heißt es dort. Damit,

so die Verbraucherzentrale, habe das

Geldhaus „nicht unmissverständlich genug“

über den Beginn der Frist aufgeklärt.

Weitere Verwirrung stifte die Fußnote

„Bitte Frist im Einzelfall prüfen“.

n Fristbeginn durch Angebot? Eine weitere

beliebte Verschleierungstaktik findet

sich im Kreditvertrag des Esseners

Günther Mühling, der einen Käufer für

sein Einfamilienhaus sucht. Bei vorzeitiger

Rückzahlung seines Kredits müsste

er seiner Bank wohl mehr als 40 000

Euro Entschädigung zahlen. Im Vertrag

heißt es:

„Der Lauf der Frist für den Widerruf

beginnt einen Tag, nachdem mir ein

Exemplar dieser Widerrufsbelehrung

und eine Vertragsurkunde, mein

schriftlicher Vertragsantrag oder eine

Abschrift der Vertragsurkunde zur

Verfügung gestellt wurden.“

Das klingt so als würde die Widerrufsfrist

bereits beginnen, wenn der Kunde

das Vertragsangebot der Bank erhält.

„Tatsächlich beginnt die Frist erst,

wenn der Darlehensvertrag unterschrieben

wird“, erklärt der Düsseldorfer

Anwalt Julius Reiter.

n Was passiert danach? Ein weiterer

Fehler, auf den er häufig stößt: Viele

Banken haben die Folgen eines Widerrufs

nicht korrekt erklärt. „Oft fehlt

der Hinweis, dass die Bank nach dem

Widerruf bereits erhaltene Leistungen –

etwa Bearbeitungsgebühren – erstatten

muss“, sagt Reiter.

Eines, so Reiter, hätten die Fehler gemeinsam:

Banken versuchten, die Nutzung

des Widerrufsrechts „so unattraktiv

wie möglich erscheinen zu lassen“.

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 97

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.


Geld&Börse

Erhebliches Sparpotenzial

Wer jetzt umschulden kann, senkt seine Zinslast über die gesamte Laufzeit

massiv (Beispielrechnung in Euro 1 )

Restschuld 31. Dez. 2013

Zinssatz (nominal)

Ende Zinsbindung (10 J.)

gesamte Zinslast durch die Immobilienfinanzierung

(2008 bis Laufzeitende) 2

Kredit getilgt am

Niedrigzinsen reservieren

Die besten Angebote für Forward-Darlehen, mit denen Bauherren sich schon

heute günstige Zinsen für die spätere Anschlussfinanzierung sichern

Anbieter

ACCEDO

DTW-Immobilienfinanzierung

Enderlein

Interhyp

HypothekenDiscount

Creditweb

ING-DiBa

Allianz

BBBank

Gladbacher Bank

Nominalzins

2,67

2,74

2,75

2,75

2,76

2,77

2,80

2,85

2,81

2,91

...12 Monaten

Effektivzins

2,70

2,78

2,79

2,79

2,80

2,81

2,84

2,89

2,86

2,95

Laufender Kredit

279058,94

5,00 Prozent

31. Dezember 2017

346376,53

30. November 2043

1 Kreditaufnahme über 300 000 Euro am 1. Januar 2008, monatliche Rate jeweils 1500 Euro;

2 bei Anschlussfinanzierung zu 5,00 Prozent nach Ablauf der Zinsbindung 2017 (laufender Kredit)

bzw. 2023; Quelle: Anwaltskanzlei Baum, Reiter & Collegen, Düsseldorf

Lohnt sich ein Forward-Darlehen?

Zinsen werden reserviert für Kredit in… 1

Nominalzins

2,91

3,01

3,02

3,02

3,02

3,02

3,04

3,09

3,17

3,18

...24 Monaten

Effektivzins

2,95

3,05

3,06

3,06

3,06

3,06

3,08

3,14

3,22

3,23

sofortige Umschuldung

279 058,94

3,00 Prozent

31. Dezember 2023

198 718,49

30. Juni 2035

Das hängt von der Zinsentwicklung ab. Ein Vergleich zwischen Forward-Darlehen

(24 Monate Vorlauf) und klassischer Anschlussfinanzierung über 150 000 Euro

bei verschiedenen Zins-Szenarien (Beispielrechnung in Euro) 1

Darlehensbetrag 2016

Zinssatz (nominal)

Zinslast bis Laufzeitende 2

Kredit getilgt am

Forward-Darlehen

(jetzt für 2016)

150000,00

3,20 Prozent

24695,15

31. Oktober 2025

Anschlussfinanzierung (2016)

Szenario 1 Szenario 2 Szenario 3

150000,00

3,00 Prozent

22 825,18

30. September 2025

150000,00

4,00 Prozent

32 766,90

30. März 2026

Fazit: Damit sich ein Forward-Darlehen lohnt, müssten die Zinsen bis 2016 deutlich ansteigen. Bleiben sie

auf dem aktuellen Niveau oder steigen nur leicht, ist eine klassische Anschlussfinanzierung günstiger

1 Forward-Darlehen bzw. Anschlussfinanzierung jeweils ab 1. Januar 2016, monatliche Rate 1500 Euro,

keine Sondertilgungen; 2 Annahmen: 10-jährige Zinsbindung, danach stets 5,00 Prozent;

Quelle: eigene Berechnungen

Nominalzins

...36 Monaten

1 Festdarlehen über zehn Jahre; Zins gilt für Kredite über 150 000 Euro und bis zu 70 Prozent des Immobilienkaufpreises;

Quelle: FMH-Finanzberatung; Stand: 19. November 2013

3,15

3,25

3,25

3,25

3,25

3,25

3,25

3,33

3,53

3,44

150000,00

5,00 Prozent

44 443,44

30. November 2026

Effektivzins

3,20

3,30

3,30

3,30

3,30

3,30

3,30

3,39

3,59

3,50

»

einer Erhebung der Hamburger Verbraucherschützer,

in 30 Prozent der Fälle

überhöht. Meist gehe es um Beträge zwischen

500 und 1000 Euro, bisweilen aber

auch um deutlich mehr. Es könne vorkommen,

dass sich die Entschädigung „bei korrekter

Berechnung halbiert“, sagt der unabhängige

Finanzberater Klaus Wehrt aus

Buxtehude bei Hamburg.

Doch an welchen Stellschrauben drehen

die Banken? Wer das verstehen will,

muss zunächst die komplizierte Berechnungsmethode

nachvollziehen. Vereinfacht

formuliert funktioniert es so: Zunächst

berechnet die Bank die Zinseinnahmen,

die ihr durch die vorzeitige

Kündigung entgehen. Davon muss sie

dann im zweiten Schritt die Zinsen abziehen,

die sie erwirtschaften kann, indem

sie das vorzeitig zurückgezahlte Geld am

Kapitalmarkt anlegt. Zurzeit ist Letzteres

eher mager.

SONDERTILGUNG BEACHTEN

Vor allem beim ersten Schritt tricksen die

Banken. Eine beliebte Strategie: Sie ignorieren

Sondertilgungsrechte, die viele Kreditverträge

vorsehen – meist in Höhe von

fünf Prozent der Kreditsumme pro Jahr.

Das ist jedoch unzulässig, wie das Landgericht

Stuttgart aktuell entschieden hat (11

O 161/12). Finanzinstitute müssten bei der

Berechnung ihres Zinsverlustes unterstellen,

dass der Kunde seine Sondertilgungsoptionen

voll ausschöpft, so die Richter.

Schließlich könnten sie nur Zinsen als

„entgangen“ einstufen, die ihnen mit Sicherheit

zugeflossen wären.

Der Effekt von Sondertilgungen ist

enorm: Wer schneller tilgt, muss schließlich

weit weniger Zinsen zahlen – und entsprechend

niedriger ist der Zinsverlust der

Bank. „Allein durch die Berücksichtigung

der Sondertilgungsoption sinkt die Vorfälligkeitsentschädigung

in vielen Fällen um

15 bis 25 Prozent“, sagt Wehrt.

Zudem müssten Banken unterstellen,

dass Kreditnehmer die beliebte Option,

den Tilgungssatz während der Laufzeit

zu erhöhen, zum nächstmöglichen Zeitpunkt

genutzt hätten. Auch das führt zu

schnelleren Tilgungen und niedrigeren

Zinsverlusten. „Da schummeln fast alle

Banken“, sagt Wehrt.

Eine weitere Methode, die Vorfälligkeitsentschädigungen

verteuert, hat das Oberlandesgericht

Frankfurt vor wenigen Monaten

für rechtswidrig erklärt: Die Richter

untersagten der Commerzbank im April,

Kunden für die Berechnung der Vorfällig-

98 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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ILLUSTRATION: MARTIN HAAKE

In der Zeit, über die

der Zins fixiert wurde,

muss die Bank

den Kunden nur selten

gehen lassen

keitsentschädigung 300 Euro in Rechnung

zu stellen – und gaben damit der Verbraucherzentrale

Baden-Württemberg recht

(23 U 50/12). Das Urteil ist inzwischen

rechtskräftig.

Die Liste der Tricks, mit denen die Institute

arbeiten, ließe sich noch verlängern.

Klar ist: Gerade bei Krediten mit Optionen

zur Sondertilgung und zur Erhöhung des

Tilgungssatzes kann die Vorfälligkeitsentschädigung

auf die Hälfte oder sogar weniger

des ursprünglich geforderten Betrags

sinken. Wer wegen umstrittener Widerrufsklauseln

ein Druckmittel hat, dass ihn

die Bank vorzeitig aus dem Kredit rauslässt,

kann die damit verbundenen Kosten

also deutlich senken – selbst wenn das Institut

keinen Rabatt auf die Entschädigung

offeriert.

Und wenn die Klausel wasserdicht ist?

Auch dann ist es einen Versuch wert, auf

eine vorzeitige Umschuldung zu drängen –

gerade, wenn das Ende der Zinsbindung

naherückt. Schließlich kann es nicht im Interesse

des Beraters sein, dass ein Kunde

dann die Bank wechselt.

Wenn das alles nicht fruchtet, bleibt eine

weitere Option, um zu günstigen Konditionen

umzuschulden: der Abschluss eines

Forward-Darlehens. Dann zahlen Baufinanzierer

zwar bis zum Ablauf der Zinsbindung

die alten Raten, können aber zu einem

heute schon festgelegten Zinssatz auf

einen günstigen Vertrag umsatteln.

STRATEGIE 3: ZINS RESERVIEREN

Doch Vorsicht: Die Planungssicherheit

müssen sie teuer bezahlen, denn für ein

Forward-Darlehen fordern Banken Zinszuschläge.

Derzeit müssen Kunden bei 24

Monaten Vorlauf mit rund 0,5 Prozentpunkten

mehr rechnen, als sie bei einem

jetzt aufgenommenen Standardkredit zahlen

müssten. Bei einem Forward, der erst in

36 Monaten abgerufen würde, werden sogar

0,7 Prozentpunkte aufgeschlagen.

Selbst günstige Anbieter verlangen derzeit

bei drei Jahren Vorlauf mehr als drei Prozent

für ein 150 000 Euro-Darlehen (siehe

Tabelle Seite 98 unten).

Bei höheren Kreditsummen sind schnell

3,5 Prozent erreicht – ein Forward-Darlehen

lohnt sich also nur, wenn das Zinsniveau

bis zur Inanspruchnahme deutlich

steigt. Danach sieht es momentan nicht

aus (siehe Seite 94). Forwards mit kurzem

Vorlauf von einem Jahr machen deshalb

wenig Sinn – und solche mit langem Vorlauf

sind teuer. Eine mögliche Strategie für

alle, bei denen Planungssicherheit nicht

oberste Priorität hat, lautet deshalb: abwarten

und erst dann „forwarden“, wenn es

erste Anzeichen für eine Zinswende gibt.

Dann ist der Vorlauf kürzer – und der geforderte

Zins niedriger.

Im Grunde ist ein Forward ein Spekulationsgeschäft

auf steigende Zinsen. Ein

mahnendes Beispiel für Sicherheitsfanatiker

sind all jene, die sich in den letzten

Jahren mit einem Forward-Darlehen

verspekuliert haben, weil die Zinsen, statt

wie befürchtet anzusteigen, weiter gesunken

sind.

Doch selbst für sie gibt es Hoffnung

„Auch bei Forward-Darlehen ist ein kostenfreier

Widerruf möglich, wenn die Widerrufsbelehrung

falsch ist“, sagt Anwalt

Gansel. Betroffene müssen das aus heutiger

Sicht überteuerte Forward-Darlehen

also nicht in Anspruch nehmen – und der

Bank auch keine Entschädigung zahlen.

Wenn es doch immer so einfach wäre, eine

Fehlspekulation rückgängig zu machen.

daniel schönwitz | geld@wiwo.de

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WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 99

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Geld&Börse

NEU FINANZIEREN

Besser

konservativ

kalkulieren

Was Bauherren und Hauskäufer

bei der Finanzierung beachten

müssen, wie sie Risiken absichern.

Morgens halb zehn in Köln-Widdersdorf

Süd: Radlader, Betonmischer

und Lieferwagen wuseln

durch Deutschlands größtes Neubaugebiet.

11 000 Menschen sollen hier einmal

wohnen. Im Bauabschnitt II, nahe der Autobahn

A 1, werden derzeit Doppelhaushälften

hochgezogen. Nieselregen und

Erdaushub machen aus den Straßen

Schlammpisten. Handwerker schieben

Rüttelmaschinen über halbfertige Auffahrten.

Am Straßenrand stapeln sich Dammplatten

und Kanthölzer. Noch ist kein Grün

zu sehen, die künftigen Vorgärten sind mit

Dixiklos und Verputz-Silos besetzt. „Mehr

als 90 Prozent der Flächen sind bereits vermarktet“,

sagt die Dame im Info-Center des

Neubauviertels. Der Projektentwickler

Amand habe keine Grundstücke mehr.

Wenn überhaupt, dann hätten noch einige

der kleineren Bauträger etwas im Angebot,

so die Amand-Angestellte.

Weil die Bauzinsen derzeit so niedrig

sind, wollen immer mehr Deutsche in den

eigenen vier Wänden leben. Bundesweit

wurden laut Maklerverband IVD im ersten

Halbjahr 2013 Immobilien im Wert von 89

Milliarden Euro umgesetzt. Das sind 8,6

Prozent mehr als im ersten Halbjahr 2012.

Bereichsleiter Baufinanzierung bei der Direktbank

ING-DiBa. Risiken sieht Heemstra

vor allem in ländlichen Regionen abseits

der Ballungsräume. Eigentümer

müssten damit rechnen, dass Kreditgeber

gegebenenfalls Abschläge vom Kaufpreis

machen, um den nachhaltigen Wert der

Immobilie zu ermitteln. Wer dagegen zu

einem marktgerechten Preis in einer

Wachstumsregion kaufe, habe es leichter,

eine Zusage der Bank zu bekommen.

Finanzierungsberater Thomas Teske aus

Düsseldorf sieht Finanzierungen von Immobilien

auf dem flachem Land dagegen

nicht generell im Nachteil: „Wer mit hohem

Eigenkapitalanteil finanziert und sein

Budget konservativ kalkuliert, bekommt

keine schlechteren Konditionen als Käufer

von Objekten in Ballungsräumen.“ Wenn

die Finanzierung dagegen knapp kalkuliert

sei, dann müssten Bauherren in strukturschwachen

Regionen mit Zinszuschlägen

rechnen.

EIN POLSTER MUSS SEIN

Wer ein Haus bauen oder kaufen will, sollte

seine finanzielle Leistungsfähigkeit richtig

einschätzen. Folgende Punkte sind vor Abschluss

einer Immobilienfinanzierung

wichtig:

n Budget einhalten. Zins und Tilgung sollten

nicht höher sein als die bisher für die

Mietwohnung gezahlte Kaltmiete. Kosten

für Wasser, Strom, Heizung, Müllabfuhr

kommen wie beim Mieter obendrauf. Zusätzlich

müssen Eigentümer die Instandhaltung

aus eigener Tasche zahlen.

Mieter erwarten vom Eigentümer, dass er

das Mietshaus in Schuss hält. Wer mietfrei

wohnt, muss dagegen selbst dafür sorgen,

dass der Wert der selbst genutzten Immobilie

erhalten bleibt. Kosmetische Pflege

reicht nicht. Schon allein um die ständig

verschärften Energiestandards einzuhalten,

sind größere Investitionen nötig: Heizung

und Fenster austauschen, Fassaden und

Kellerdecken dämmen. Seit Anfang dieses

Jahres sind Verkäufer von Wohneigentum

verpflichtet, dem Käufer den Energieausweis

der Immobilie vorzulegen. Häuser mit

einem schlechten Energiestandard dürften

sich künftig schwerer losschlagen lassen.

Um den Wert und die Wohnqualität des

Hauses zu erhalten, sollten Immobilienkäufer

schon bei der Finanzierung Kosten

für Renovierung und Reparaturen einplanen.

Faustregel: Je nach Zustand und Alter

des Gebäudes sollten ein bis zwei Prozent

des Verkehrswerts pro Jahr als Instandhaltungskosten

mit eingeplant werden.

AUF WACKLIGEN SÄULEN

Vor dem Kauf steht die Finanzierung. Für

die meisten Haushalte ist die ein einmaliges

Projekt, das sich über mehrere Jahrzehnte

hinzieht. Gravierende Fehler bei

der Finanzplanung können in den finanziellen

Ruin führen. Jedes Jahr werden in

Deutschland etwa 40 000 Immobilien

zwangsversteigert. Der Bedarf an unabhängiger

Beratung ist daher groß. So sind

bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg

die Termine für Bauherren und

Hauskäufer auf Monate hin ausgebucht.

„Seit zwei Jahren steigt der Anteil der Interessenten,

die ihre eigene Finanzierung auf

Kante genäht haben“, sagt Niels Nauhauser,

Baufinanzexperte der Verbraucherzentrale

Baden-Württemberg.

„Ob eine Baufinanzierung auf wackligen

Säulen steht, hängt auch davon ab, zu welchem

Preis und in welcher Region das

Haus gekauft wird“, sagt Isold Heemstra, »

ILLUSTRATION: MARTIN HAAKE

100 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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Geld&Börse

»

Der Kaufpreis allein entscheidet nicht

über die Höhe der Darlehenssumme. Makler,

Notare und selbstredend der Staat wollen

mitverdienen. Erst kürzlich wurden die

Gebühren für Notare und Grundbuchämter

per Gesetz angehoben. Im Schnitt müssen

Immobilienkäufer 20 bis 30 Prozent

mehr Gebühren zahlen.

n Nebenkosten einrechnen. Für Grunderwerbsteuer,

Maklerprovision, Notargebühren

und Gutachterkosten sollten Hauskäufer

etwa zwölf Prozent auf die Kaufsumme

aufschlagen, wenn sie die Höhe des Kredits

ermitteln.

Gerade die Grunderwerbsteuer ließ in

den vergangenen Jahren die Nebenkosten

beim Hauskauf ansteigen. Im kommenden

Jahr erhöhen vier Bundesländer den Steuersatz:

Berlin von 5,0 auf 6,0 Prozent, Bremen

von 4,5 auf 5,0 Prozent, Niedersachsen

von 4,5 auf 5,0 Prozent und Schleswig-

Holstein sogar von 5,0 auf 6,5 Prozent. 2006

lag der Steuersatz noch bundeseinheitlich

bei 3,5 Prozent. Die Steuerbelastung hat

sich seitdem also fast verdoppelt.

n Förderung prüfen. KfW-Darlehen und

Wohn-Riester können die Gesamtfinanzierung

günstiger machen. Viele Gemeinden

bieten Familien mit Kindern günstiges

Bauland oder Zuschüsse an. Einige Banken

haben Familienhypotheken im Programm,

bei denen es pro Kind einen Zinsabschlag

von 0,05 Prozentpunkten gibt. Entscheidend

sind allerdings die Gesamtkonditionen

nach Abzug des Kinderbonus.

n Eigenanteil justieren. Je mehr eigene Ersparnisse

die Bauherren einbringen, desto

niedriger sind die Bauzinsen. Beispiel: Für

einen Baukredit über 200 000 Euro mit

Günstig zur eigenen Immobilie

Die besten Angebote für Käufer und Bauherren

Anbieter

ACCEDO

DTW-Immobilienfinanzierung

Interhyp

Enderlein

Dr. Klein

HypothekenDiscount

Allianz

Gladbacher Bank

Signal Iduna

Postbank

10 Jahre fest

Nominalzins Effektivzins

2,50

2,45

2,45

2,50

2,45

2,50

2,77

2,65

3,00

2,77

2,53

2,48

2,48

2,53

2,48

2,53

2,81

2,68

3,04

2,81

Für Nebenkosten

wie

Steuer, Provision und

Notar sollten Käufer

zwölf Prozent auf die

Kaufsumme packen

zehn Jahren Zinsbindung und einer Beleihung

von 60 Prozent verlangen die günstigsten

Anbieter derzeit 2,38 Prozent. Finanziert

der Bauherr dagegen mit 80 Prozent,

steigt der Zins auf 2,58 Prozent. Bei

zwei Prozent Tilgung wären statt 725 Monat

für 60 Prozent Beleihung dann 758 Euro

monatlich für Zins und Tilgung fällig.

BANKEN ZIEHEN MARGE AB

Der Prozentsatz für die Beleihung ist wichtig

für die Kalkulation des Zinssatzes. Um

die Quote fürs Eigenkapital zu bestimmten,

taugt dieser Wert allerdings nur bedingt.

Wenn die Bank die Immobilie etwa

mit 70 Prozent beleiht, dann heißt das

nicht, dass der Bauherr nur 30 Prozent als

Eigenkapital einbringt. Tatsächlich ist der

Eigenkapitalanteil höher, denn die Bank

zieht vom Verkehrswert der Immobilie eine

Sicherheitsmarge von 10 bis 20 Prozent

ab. Übrig bleibt der Beleihungswert. Beispiel:

Ein Selbstnutzer kauft ein Haus für

350 000 Euro. Die Bank zieht 15 Prozent, also

52 500 Euro, ab. Vom Beleihungswert

297 500 Euro finanziert sie 70 Prozent, also

Hypothekenzinsen 1

15 Jahre fest

Nominalzins Effektivzins

3,05

3,06

3,07

3,07

3,08

3,08

3,22

3,26

3,38

3,43

3,09

3,10

3,11

3,11

3,12

3,12

3,28

3,31

3,43

3,48

20 Jahre fest

Nominalzins Effektivzins

1 in Prozent bei 100 Prozent Auszahlung; Zins gilt für Kredite über 200 000 Euro und bis 70 Prozent des Immobilienkaufpreises;

Quelle: FMH-Finanzberatung; Stand: 19. November 2013

3,10

3,20

3,21

3,21

3,22

3,22

3,37

3,39

3,52

3,70

3,14

3,25

3,26

3,26

3,27

3,27

3,43

3,44

3,58

3,76

208 250 Euro. Die übrigen 141 750 Euro

müsste der Hauskäufer aus eigener Tasche

zahlen. Das sind 40,5 Prozent. Obendrauf

kommen noch die Nebenkosten für Makler,

Notar und Grunderwerbsteuer, die 12

bis 15 Prozent des Verkehrswerts ausmachen.

Unter dem Strich zahlt der Hauskäufer

also knapp die Hälfte des Kaufpreises

aus eigener Tasche.

n Lieber zu viel als zu wenig. Wer eine gebrauchte

Immobilie kauft, muss mit versteckten

Mängeln rechnen. Diese Mängel

können eine Baufinanzierung sprengen,

wenn das Darlehen zu knapp bemessen ist.

Finanzierungsberater Teske rät Immobilienkäufern,

eine Reserve von fünf bis zehn Prozent

einzukalkulieren. Einige Banken würden

einen Teil des Darlehens zurücknehmen,

wenn das Geld nicht benötigt wird, ohne

dafür eine Entschädigung für entgangene

Zinseinnahmen zu verlangen (Vorfälligkeitsentschädigung).

Alternativ könnten Immobilienkäufer

nicht benötigtes Kapital für

Sondertilgungen nutzen, so Teske.

Banken bieten derzeit zwar niedrige

Bauzinsen an, wirtschaftlich haben sie jedoch

kein Interesse an einer kürzeren Laufzeit

für die Baufinanzierung. Für jedes Jahr,

in dem der Baukredit länger läuft, kassieren

die Banken weiter Zinsen. Für Immobilienkäufer

wird es dagegen teurer.

n Schneller tilgen. Käufer oder Bauherren

sollten mindestens zwei, besser drei Prozent

pro Jahr tilgen, damit die Immobilie

schneller entschuldet wird. Beispiel: Ein

Bauherr schließt ein Darlehen über 200000

Euro zu 2,5 Prozent auf zehn Jahre ab und

bekommt nach zehn Jahren eine Anschlussfinanzierung

zu 4,5 Prozent. Wenn er mit

zwei Prozent pro Jahr tilgt, ist die Immobilie

nach 29 Jahren und einem Monat schuldenfrei.

Bei drei Prozent Tilgungssatz dauert es

nur 22 Jahre und neun Monate. Hinzu

kommt, dass der Bauherr bei der Variante

mit zwei Prozent Tilgung unter dem Strich

46 345 Euro mehr Zinsen zahlt als bei der

Variante mit drei Prozent Tilgung.

n Sondertilgungen nutzen. Soweit finanzierbar,

sollten Bauherren Sondertilgungen

nutzen. Bei Abschluss des Kredits sollten

Bauherren nicht nur auf die Zinshöhe,

sondern auch auf Flexibilität achten.

n Festzins für 15 Jahre sichern. Deutlich

niedriger als jetzt werden die Bauzinsen

wohl nicht mehr. Es lohnt sich, die Zinsen

auf 15 und mehr Jahre festzuschreiben. Je

länger die Laufzeit, desto kleiner ist die

Restschuld und desto geringer die finanzielle

Belastung bei einer Anschlussfinanzierung

zu wahrscheinlich höheren Zin-

ILLUSTRATION: MARTIN HAAKE

102 Nr. 49 2.12.13 WirtschaftsWoche

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sen. Der Zinsaufschlag für längere Laufzeiten

ist noch überschaubar: ein Baukredit

über 200 000 Euro mit 70 Prozent Beleihung

und 15 Jahren Zinsbindung kostet

derzeit 3,07 Prozent. Für zehn Jahre Festzins

wären 2,48 Prozent fällig. Weiterer Vorteil:

Sollten die Zinsen nach zehn Jahren

doch noch weiter gefallen sein, darf der

Kunde auch bei 15-jähriger Zinsfestschreibung

kündigen.

Deutlich komplexer wird die Rechnung,

wenn der Käufer der Immobilie zusätzlich

die Restschuld des vormaligen Eigentümers

übernimmt. Bei geschätzt 30 Prozent

aller Immobilienkäufe soll der Käufer heute

den alten Kredit mit übernehmen,

schätzt Immobilienunternehmer Manfred

Osthoff aus Essen. Weil bei älteren Krediten

die Zinsen meist höher sind als bei

neuen Darlehen und der neue Eigentümer

diese Konditionen in der Regel nicht übernehmen

will, muss die Bank für die entgangenen

Zinseinnahmen entschädigt

werden. Hinzu kommt, dass die alte Hypothek

des Vorbesitzers vorrangig behandelt

wird. Der neue Eigentümer muss seine eigene

Finanzierung mit schlechteren Zinskonditionen

abschließen, da die Bank den

Schneller abbezahlt

Je niedriger der Hypothekenzins, desto

mehr können Bauherren tilgen

5

4

3

Hypothekenzins

(inProzent)

Tilgungssatz

(inProzent)

2

09 10 11 12 13

Indexfür zehn JahreZinsbindung; Tilgungssatz

fürDarlehen über 150000 Euro,ZinszehnJahre

fest;Quelle:FMH Finanzberatung,Dr. Klein

2,5

2,0

1,5

1,0

Kredit als zweitrangig einstuft. Auch eine

sauber durchgerechnete Baufinanzierung

kann durch Krankheit oder Arbeitslosigkeit

durchgeschüttelt werden.

n Risiko absichern. Bauherren sollten deshalb

die finanziellen Risiken eines Hausbaus

durch eine Risikolebensversicherung

oder eine Restschuldversicherung absichern.

Vorsicht:Die von den Banken selbst

angebotenen Restschuldversicherungen

sind meist überteuert. Bauherren und Käufer

sollten auf jeden Fall noch andere Angebote

einholen.

WENN DER FISKUS ZUSCHLÄGT

Solange Eigenheimer ihre Immobilie komplett

selbst nutzen und keine Mieteinnahmen

fließen, haben sie wenig mit dem Finanzamt

zu tun. Die in Deutschland moderate

Grundsteuer fällt kaum ins Gewicht.

Anders sieht es dagegen bei der Grunderwerbsteuer

aus. Schnell kommen 10 000

Euro und mehr zusammen. Wer ein

Grundstück kauft, um darauf zu bauen,

sollte den Kaufvertrag für den Baugrund

vom Vertrag für den Bau der Immobilie

trennen. Besteht zwischen Grundstücksverkäufer

und Bauträger eine geschäftliche

Beziehung, kann das Finanzamt auch auf

die Herstellungskosten für das Haus

Grunderwerbsteuer kassieren.

In Köln-Widdersdorf, wo jetzt die letzten

Objekte vermarktet werden, ist das nicht

drin. Haus und Grundstück gehen in der

Regel im Paket weg. Käufer müssen also die

Grunderwerbsteuer für beide auf ihrer

Rechnung für die Baufinanzierung haben. n

martin.gerth@wiwo.de

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Geld&Börse | Steuern und Recht

SILBERMÜNZEN

Ahorn und Adler statt Geigen

Der volle Mehrwertsteuersatz auf Silbermünzen lässt sich elegant umschiffen.

Der Philharmoniker der staatlichen

Münze Österreich ist die

beliebteste und absatzstärkste

Silbermünze in Deutschland.

Das aber nur noch für wenige

Wochen. Denn am 1. Januar

2014 fällt der ermäßigte Mehrwertsteuersatz

von sieben Prozent

für Silbermünzen. Der

Aufschlag erhöht sich dann auf

den vollen Satz von 19 Prozent.

Das wird das Ende der Münzen

mit dem Geigenmotiv sein, sagt

Tim Schieferstein, Geschäftsführer

des Edelmetallhändlers

Goldener Weg

Solit aus Wiesbaden. Anleger,

die beim Philharmoniker noch

in den Genuss des reduzierten

Mehrwertsteuersatzes kommen

wollen, müssen sich also

beeilen. Zumal nicht nur das

Kaufdatum in dieses Jahr fallen

muss, sondern auch die Lieferung

der Münzen. Und bei

Edelmetallhändlern dürfte im

Silber-Jahresschlussverkauf mit

längeren Lieferzeiten zu rechnen

sein.

Wenn es aber nicht unbedingt

der Philharmoniker oder

eine andere aus einem Land

der Europäischen Union (EU)

nach Deutschland importierte

Anlagemünze sein muss, dann

besteht für Silberinvestoren

eigentlich kein Grund, in vorweihnachtliche

Kaufpanik

zu verfallen. Denn es wird nur

der ermäßigte Mehrwertsteuersatz

zum Jahreswechsel gestrichen,

nicht aber der verminderte

Einfuhrumsatzsteuersatz

von sieben Prozent für Münzen,

die aus einem Land außerhalb

der EU importiert werden,

Wie sich der von 2014 an geltende volle Mehrwertsteuersatz auf Silbermünzen entschärfen lässt

Einkaufspreis

(netto)

Bisherige Regelung (bis 31. 12. 2013): ermäßigter Mehrwertsteuersatz von 7 %

15,00 €

Neue Regelung (ab 01. 01. 2014): voller Mehrwertsteuersatz von 19 %

Händler bezieht Münzen aus einem Land der EU

15,00 €

Händler bezieht Münzen aus einem Nicht-EU-Land und wendet die dafür vorgesehene Differenzbesteuerung an

15,00 €

15,00 €

MwSt.-Satz

bei Kauf

7%

19%

7% *

7% *

Einkaufspreis

(EK, brutto)

16,05 €

17,85 €

16,05 €

16,05 €

Handelsmarge

(für Verkäufer)

0,20 €

0,20 €

0,20 €

1,71 €

Verkaufspreis

(netto)

15,20 €

15,20 €

wird nicht

ausgewiesen

* Einfuhrumsatzsteuer; Quelle: Solit Edelmetall, eigene Berechnungen

MwSt.-Satz bei Verkauf

7%

19%

19% auf die Differenz

zwischen EK- und Endpreis

in Endpreis enthaltene

MwSt.

1,06 €

2,89 €

0,04 €

0,33 €

Endpreis

16,26 €

18,09 €

16,29 €

18,09 €

also zum Beispiel aus Kanada

der Maple Leaf, der Kookaburra

und Koala aus Australien oder

der Silver Eagle aus den USA.

„Der Clou besteht darin, diesen

verminderten Steuersatz in

Kombination mit der Differenzbesteuerung

zu nutzen“, sagt

Experte Schieferstein.

Demnach bezieht der Edelmetallhändler

die Münzen aus

einem Nicht-EU-Land und

verzollt sie mit sieben Prozent.

Doch statt sich die gezahlte

Vorsteuer wie bisher erstatten

zu lassen, rechnet er diese

im Rahmen der Differenzbesteuerung

seinem Einkaufspreis

hinzu. Verkauft er nun die

Ware, muss er die Mehrwertsteuer

von 19 Prozent nicht

auf den Nettoverkaufspreis,

sondern nur auf die Differenz

zwischen seinem Einkaufsund

dem Verkaufspreis erheben

und abführen. Dadurch

erhöht sich – bei einem unveränderten

Silberpreis – der Kaufpreis

für einen Privatanleger

gegenüber 2013 also nicht um

12 Prozentpunkte, sondern

nur marginal – vorausgesetzt,

der Händler will nicht gleichzeitig

seine Handelsmarge

extrem erhöhen (siehe Beispielrechnung).

Theoretisch ließe sich die

Differenzbesteuerung auch

für den Philharmoniker anwenden.

Denn entscheidend

ist nicht das Land, in dem

die Münze geprägt wurde, sondern

aus welchem Land sie

nach Deutschland eingeführt

wurde. Die Münze Österreich

könnte den Philharmoniker

beispielsweise über eine eigene

Handelsgesellschaft in der

Schweiz oder in einem anderen

Nicht-EU-Staat nach Deutschland

einführen. Allerdings

bedeutete das zusätzliche

Logistikkosten, die den Einkaufspreis

erhöhten. So

wird der Philharmoniker am

1. Januar vielleicht nicht

sterben, aber sein Glanz gegenüber

Maple Leaf und Co. wird

verblassen.

frank.doll@wiwo.de

FOTOS: LAIF/DIETER KLEIN, PR

104 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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RATINGAGENTUREN

Prüfer sollen für Anleger-Verluste haften

Anleger, die etwa eine halbe

Milliarde Euro in die insolvente

Dresdner Future Business und

ihre Vertriebstochter Infinus

gesteckt haben, könnten von

der am 20. Juni 2013 verschärften

Regulierung für Ratingagenturen

profitieren.

Nach der Pleite der US-Investmentbank

Lehman Brothers

wurden Ratingagenturen an die

kürzere Leine genommen. „Inzwischen

verpflichten sowohl

eine EU-Verordnung als auch

das Wertpapierhandelsgesetz

Ratingagenturen und deren

Analysten zu besonderer Sorgfalt

und Sachkunde“, sagt der auf

Kapitalanlagen spezialisierte

Münchner Rechtsanwalt Peter

Mattil. Seit Juni haften sie auch

für Fahrlässigkeit und müssen

bei Schadensersatzklagen beweisen,

dass sie die Anforderungen

erfüllt haben.

Die Hoppenstedt Kreditinformationen

etwa, die jetzt unter

Bisnode Deutschland firmiert,

hat im Jahr 2012 der Future

Business ihr Top-Rating-Siegel

für Kreditwürdigkeit aufgedrückt.

In einer Urkunde heißt

es, dass sie „zu den 4,8 Prozent

bestbewerteten Unternehmen

im Juli 2012 in Deutschland

zählt“ durch „eine exzellente

Darstellung im Bereich des

Finanzwesens“. Einen besseren

BÖRSENVERLUSTE

Stichtag 15. Dezember

Wer seine Wertpapiere und

Sparbücher bei einer Bank konzentriert,

hat es gut:Die Bank

verrechnet die in einem Kalenderjahr

realisierten Gewinne

und Zinserträge mit realisierten

Verlusten. Bleibt unterm Stich

ein Plus, führt die Bank Abgeltungsteuer

ab. Anders bei mehreren

Bankdepots: Zahlt der

Anleger bei einer Bank Abgeltungsteuer,

während bei einer

anderen Verluste überwiegen,

kann er zu viel gezahlte Steuern

nur über die Steuererklärung

SCHNELLGERICHT

PRIVATSCHÜLER ZAHLT FAHRTKOSTEN SELBST

§

Die Stadt Mainz spart und erstattet Schülern

keine Fahrtkosten mehr, wenn sie andere als die

Schulen in ihrem Bezirk besuchen. Eine Privatschülerin

verlor ihre Klage gegen die Entscheidung.

Die freiwillig Leistung könne widerrufen werden (Verwaltungsgericht

Rheinland-Pfalz, 6 K 755/13.MZ).

WARNDREIECK STATT NUR BLINKER

§

Als ihm übel wurde, stellte ein Fahrer seinen Lkw

an der Autobahn ab. Weil er es versäumte, das

Warndreieck aufzustellen, obwohl der Wagen in die

rechte Fahrspur ragte, muss er den halben Schaden

tragen, der entstand, als ein anderer Wagen den Lkw

streifte (Oberlandesgericht Hamm, 26 U 12/13).

zurückholen. Er braucht dazu

von der Bank, bei der die Verluste

überwiegen, eine Verlustbescheinigung.

Die kann er nur

bis zum 15. Dezember beantragen.

Wer allerdings in diesem

Jahr die Verrechnung von Altverlusten

(vor 2009 entstanden,

WirtschaftsWoche 45/2013)

plant, sollte prüfen, ob er die

Verluste aus 2013 braucht. Beantragt

er die kostenlose Bescheinigung,

schließt die Bank

den Verlusttopf. Ansonsten

überträgt sie Verluste in 2014.

Köder für Anlegergelder gibt es

kaum. Wer Zinspapiere von

Future Business gekauft hat,

weil er dem Rating vertraute,

kann Schadensersatz seit

Juni leichter gegen die Ratingagentur

durchsetzen.

„Bei einem fachkundigen Bilanzcheck

hätten Ungereimtheiten

auffallen müssen“, meint

Mattil. Erstaunlich war etwa,

dass Future Business schon im

Jahr 2010 rund 200 Millionen

Euro an verbundene Unternehmen

vergeben hatte. Wenn

so viel Geld aus einem Unternehmen

herausfließt, müssten

Ratingexperten und Wirtschaftsprüfer

genauer nachsehen.

SPEDITION

Bis vor die

Haustür

Speditionen liefern sperrige

Waren üblicherweise „frei

Bordsteinkante“ oder „bis zur

Haustür“. Ist ein Mitarbeiter bereit,

das bestellte Waschbecken

noch weiter bis ins Haus zu tragen,

haftet seine Firma nicht,

wenn das schiefgeht. Im vorliegenden

Fall rutschte ihm das

Becken aus der Verpackung

und beschädigte Fliesen und

eine Tür (Amtsgericht Mannheim,

3 C 312/12).

KEIN FRISTLOSER RAUSWURF

§

Das Land Nordrhein-Westfalen untersagte dem

Abteilungsleiter eines Maschinenbauers, den

Doktortitel einer privaten US-Universität zu tragen.

Deshalb wurde er fristlos entlassen. Zu Unrecht,

entschied das Landesarbeitsgericht Düsseldorf, denn

der Arbeitgeber konnte keine arglistige Täuschung

beweisen (2 SA 950/13).

VERSETZUNG FÜR DREI JAHRE BRINGT VORTEIL

§

Ein Arbeitnehmer, der für drei Jahre versetzt wird,

darf in dieser Zeit die Kosten für Fahrten von dem

neuen Sitz zu seinen Einsatzstellen in tatsächlicher

Höhe absetzen und nicht nur begrenzt auf die Entfernungspauschale

(Bundesfinanzhof, VI R 72/12).

KARTELLSCHÄDEN

RALF PLÜCK

ist Anwalt für

Gesellschaftsrecht

bei der

Kanzlei Doerr

& Partner in

Wiesbaden.

n Herr Plück, ob Computerchips,

Kaffee oder Gas – immer

wieder fliegen Kartelle

auf. Leidtragende sind Verbraucher,

die wegen illegaler

Preisabsprachen zu viel

zahlen. Wie wehren die sich?

Der Verbraucher hat Anspruch

auf Schadensersatz.

Den kann er leichter als üblich

durchsetzen, denn sobald etwa

das Kartellamt eine Strafe

gegen die Mitglieder des Kartells

verhängt hat, steht der

Sachverhalt fest. Der Verbraucher

muss nur noch beweisen,

wie hoch sein Schaden ist.

n Wie weise ich meinen

Schaden nach?

Anhand von Abrechnungen.

Zugegeben: Eine Klage wegen

zehn Pfund Kaffee lohnt sich

nicht. Aber beim Gaskartell

von E.On und GDF Suez könnte

für Verbraucher viel drin

sein. Die Strafe wurde 2012

verhängt, das Gaskartell lief

bis 2005. Der Anspruch auf

Schadensersatz verjährt drei

Jahre, nachdem der Verbraucher

vom Schaden Kenntnis

erlangt hat, maximal aber

zehn Jahre nach Entstehung

des Anspruchs. Hier endet die

Verjährungsfrist also Ende

2015. Jeder Gaskunde kann

seinen Schaden zehn Jahre

rückwärts geltend machen –

und zwar bei jedem Kartell-

Mitglied, also etwa bei E.On.

n Können mehrere Verbraucher

gemeinsam klagen?

Sammelklagen sind hier nicht

zugelassen; Verbraucher können

aber eine Streitgenossenschaft

gründen oder den

Anspruch abtreten. Dann klagt

nur einer, hinterher wird der

Schadensersatz aufgeteilt.

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 Redaktion: heike.schwerdtfeger@wiwo.de | Frankfurt, annina reimann | Frankfurt

105

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Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Lebensversicherte

mit neuen Policen werden künftig für

garantierte Renditen der Altkunden

bluten. Von Annina Reimann

Export beflügelt

EU-Unternehmen

(hier Porsche für US-

Markt) im Aufwind

Zwei Klassen

Die Niedrigzinsen machen

den Versicherern

immer mehr Probleme.

Ihren Kunden

droht jetzt die Zwei-Klassen-

Gesellschaft. Grund dafür ist

der Garantiezins. Je nachdem,

wann ein Versicherter seinen

Vertrag abgeschlossen hat,

bekommt er zwischen 1,75 (wie

aktuell) und 4,0 Prozent jährlich

garantiert – auf den Sparanteil,

also das Geld, was der

Versicherer nach Abzug der

Kosten anlegt.

Bisher spielte der Garantiezins

nur im Einzelfall eine Rolle;

die meisten Versicherer haben

bei der Überschussbeteiligung

(Garantiezins plus Bonus) alle

Kunden gleich behandelt: Ende

des Jahres legten sie die Mehrrendite

fest, im Schnitt lag die

Gesamtverzinsung für alle, die

bis zum Vertragsende durchhalten,

bei zuletzt gut vier Prozent.

Sinkt der Zins unter die magische

Schwelle von vier Prozent,

wird das zum Problem: Künftig

könnten „Kunden mit niedrigen

Garantien jene mit hohen subventionieren“,

sagt Norbert Heinen,

Chef der Württembergische

Leben. Dann sponsern alle, die

ihren Vertrag ab 2004 mit weniger

als drei Prozent Garantiezins

abgeschlossen haben, die anderen,

die noch fettere Renditen

garantiert bekommen haben.

Die Finanzaufsicht hat die

Branche dazu verdonnert, zusätzliches

Geld für Hochprozent-Kunden

anzusparen. Allein

in diesem Jahr müssen Versicherer

sechs Milliarden Euro zur

Seite schaffen.

Das aber wird das Problem

verschärfen. Extrageld ergattern

Versicherer aktuell zwar problemlos

– aber nur, indem sie

hoch im Kurs stehende Anleihen

mit hohem Zinskupon verkaufen.

Viele Papiere in den Depots

haben noch hohe Kupons aus

besseren Zinszeiten, daher stehen

hohe Kursgewinne auf Anleihen

in den Büchern. Damit sie

Gewinne nicht verlieren und um

künftig die Anforderungen der

Regulierer erfüllen zu können,

machen Versicherer die Papiere

vorsichtshalber zu Geld.

Denn belastend hinzu kommen

neue Kapitalregeln, die die

Branche zusätzlich Geld kosten

werden. Der oberste Versicherungsaufseher

ist skeptisch, ob

bereits alle die Regeln erfüllen

könnten. „Ich bin nicht sicher,

ob es alle Versicherer schaffen

werden“, sagte Felix Hufeld.

ALTKUNDEN IM VORTEIL

Aus Angst vor dem Tod machen

die Versicherer nun also Selbstmord

– und nehmen die Gewinne

aus den hochverzinsten Anleihen

mit. Heinen etwa will „so

schnell und so viel“ Geld wie

möglich für die Kunden mit Verträgen,

die ihnen hohe Zinsen

garantieren, zur Seite legen. Da

aber beißt sich die Katze in den

Schwanz: Realisiert ein Versicherer

den Gewinn aus den

Hochprozentanleihen, ist deren

hohe Rendite künftig für seine

Kunden verloren.

Das Problem jener Kunden,

die nur eine Minigarantie haben,

verschärft sich dadurch. Sie

dürften künftig – selbst wenn

der Versicherer mit ihrem Geld

mehr als die garantierten 1,75

Prozent verdient – ihre Überrendite

nicht mehr sehen. Die

geht an die Kunden mit den

teuren Verträgen. Wer für sein

Alter vorsorgen will, sollte im

Moment keine Lebensversicherung

abschließen – sondern

lieber auf eigene Faust sparen.

TREND DER WOCHE

Kurstreibende Mixtur

Mit jedem Schritt, den Europa aus der Krise kommt,

entsteht für europäische Aktien neues Kurspotenzial.

„Etwas Konjunkturerholung,

geringer Preisdruck und eine

sehr expansive EZB“, so fasst

Alexander Krüger, Chefstratege

vom Bankhaus Lampe, die Aussichten

der Euro-Zone für 2014

zusammen. Europäischen Aktien

bliebe damit die kurstreibende

Mixtur aus Liquidität,

leichtem Wachstum und einem

Schuss Skepsis unter Anlegern

(„das kann doch nicht gut gehen,

alles Blase“) erhalten.

Dabei sind die Aktienmärkte

keineswegs überreizt. Rechnet

man den in diesem Jahr absehbaren

Nettoertrag der 50 führenden

EU-Börsenunternehmen

auf den Indexstand

herunter, dürften rund 220 Euro

Gewinn geblieben sein. Bei einem

Euro Stoxx von 3090 Punkten

ergibt das eine 14-fache Bewertung.

Dieses KGV entspricht

dem Durchschnittswert der vergangenen

zehn Jahre. Europäische

Aktien sind derzeit also

weder billig noch teuer.

Wenn die Unternehmensgewinne

2014 ihren leichten Aufwärtstrend

fortsetzen, wären

240 Euro Gewinn realistisch.

Schon das ergäbe bei durchschnittlicher

Bewertung Platz

bis 3500 Punkte. Kommt dazu

ein Stimmungsaufschlag, so

wäre (wie 2007 oder 2008) auch

eine 17-fache Bewertung möglich.

Das würde dann Kursziele

oberhalb der 4000er-Marke eröffnen.

Langfristig könnte der

Euro Stoxx sogar das Top aus

der Zeit vor der Krise anpeilen:

Das lag, am 16. Juli 2007, bei

4558 Punkten. Das wären fast 50

Prozent Kurspotenzial.

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 28.11.2013 / 18.02 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 9387,37 +2,1 +27,8

MDax 16281,29 +1,1 +42,3

Euro Stoxx 50 3092,42 +1,6 +21,4

S&P 500 1807,23 +0,6 +29,2

Shanghai Composite 2218,80 +0,6 +12,5

Euro in Dollar 1,3592 +0,9 +5,4

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 1,70 –0,05 2 +0,32 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 2,74 –0,06 2 +1,13 2

Rohöl (Brent) 3 110,85 +1,5 +2,1

Gold 4 1245,50 +0,4 –27,1

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 915,54 Euro; Quelle: vwd group

FOTOS: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, INTERTOPICS, BLOOMBERG NEWS/JEREMY BALES

106 Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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DAX-AKTIEN

Heiße Post

Kursgewinne machen die gelbe Aktie verlockend.

Doch dem Unternehmen fehlt es an Wachstum.

HITLISTE

Mit 137 Prozent Kursplus ist

die Deutsche Post (hinter Autozulieferer

Continental) die

beste Dax-Aktie im Zweijahresvergleich.

31 Milliarden Euro

Börsenwert hat sie nun, genau

so viel wie in den Spitzenzeiten

2007. Sind jetzt, vor dem weihnachtlichen

Pakete-Sturm,

noch höhere Kurse drin? Gemessen

an 56 Milliarden Euro

Jahresumsatz und daraus drei

Prozent Nettogewinn, ist die

Post nicht billig. Dass sie ein

Mitgewinner des boomenden

Online-Handels ist und Konkurrenten

durch die Einführung

des Mindestlohns gebremst werden,

dürfte in den Kursen enthalten

sein. Briefe und Pakete werden

demnächst teurer, das wird

den Gewinn der Post steigen lassen.

Auf der anderen Seite gibt es

Unsicherheiten, etwa die mögliche

Rückzahlung unerlaubter

Bundesbeihilfen in dreistelliger

Millionenhöhe. Und dass sich

das Eigenkapital (aktuell 9,5 Milliarden

Euro) seit acht Jahren

nicht wirklich vermehrt, zeigt,

dass die Post eben kein Wachstumsunternehmen

ist.

Ausgezockt

Fehlspekulationen

mit Derivaten

trieben Lehman

in die Pleite

DERIVATE

Latente Gefahr

Die von Warren Buffett einst „Massenvernichtungswaffen“

genannten Papiere boomen wie eh und je.

Dax

Kurs Kursent- Gewinn KGV Börsen- Dividen-

(€) wicklung pro Aktie (€) wert den-

1 Woche 1 Jahr 2013 2014 2014

(Mio. €) rendite

(%) 1

Dax 9387,37 +2,1 +27,8

Aktie

Stand: 28.11.2013 / 18.02 Uhr

Adidas 89,60 +0,8 +34,3 4,03 4,98 18 18746 1,51

Allianz 127,80 +0,7 +29,5 13,29 13,73 9 58270 3,52

BASF NA 78,18 +1,9 +14,8 5,44 6,07 13 71807 3,33

Bayer NA 97,17 +1,2 +38,7 5,69 6,42 15 80355 1,96

Beiersdorf 74,56 +0,8 +23,7 2,35 2,67 28 18789 0,94

BMW St 84,73 +1,9 +26,4 7,93 8,16 10 54401 2,95

Commerzbank 10,77 +4,5 +6,4 0,32 0,77 14 12256 -

Continental 153,05 +4,0 +85,6 10,92 12,31 12 30611 1,47

Daimler 61,04 +2,4 +64,3 5,11 5,72 11 65278 3,60

Deutsche Bank 35,10 +3,9 +5,5 3,13 4,26 8 35781 2,14

Deutsche Börse 56,68 +3,1 +30,7 3,40 3,96 14 10939 4,06

Deutsche Post 25,97 +5,1 +63,7 1,51 1,65 16 31392 2,70

Deutsche Telekom 11,66 +3,3 +39,7 0,65 0,70 17 51878 6,01

E.ON 14,16 +0,5 +2,6 1,20 1,05 13 28334 7,77

Fresenius Med.C. St 50,85 +6,2 –3,4 3,59 3,91 13 15639 1,47

Fresenius SE&Co 103,85 +4,4 +17,1 5,78 6,55 16 23437 0,91

Heidelberg Cement St 57,38 +1,1 +43,4 3,59 4,26 13 10759 0,82

Henkel Vz 83,46 +2,0 +29,8 4,05 4,43 19 33827 1,14

Infineon 7,44 +2,9 +27,5 0,26 0,39 19 8038 1,61

K+S NA 19,41 ±0 –42,5 2,18 1,23 16 3715 7,21

Lanxess 47,79 –1,4 –27,0 1,37 3,49 14 3976 2,09

Linde 148,80 +1,6 +11,3 7,92 8,96 17 27625 1,81

Lufthansa 15,85 +1,0 +23,5 0,92 1,48 11 7290 -

Merck 127,80 +1,4 +25,1 8,80 9,15 14 8259 1,33

Münchener Rückv. 160,45 +2,8 +21,6 16,70 16,90 9 28775 4,36

RWE St 28,16 –0,8 –10,5 3,84 2,50 11 17201 7,10

SAP 61,60 +2,3 +3,1 3,31 3,66 17 75676 1,79

Siemens 98,27 +2,4 +28,5 4,80 6,73 15 86576 3,05

ThyssenKrupp 19,41 +3,7 +24,3 0,02 1,11 17 9986 -

Volkswagen Vz. 195,00 –0,3 +19,2 20,55 23,73 8 89084 1,83

1

berechnet mit der zuletzt gezahlten Dividende

Weltweites Derivatevolumen

Kategorie

außerbörslich (OTC, Over the Counter)

Zinsen

Währungen

Kreditderivate

Aktien

Rohstoffe

Sonstige

Gesamt OTC

an Börsen gehandelt (Futures und Optionen)

Zinsen

Aktien

Währungen

Gesamt an Börsen gehandelt

Gesamt (börslich und außerbörslich)

761 171 000 000 000 Dollar –

eine Summe, die auch in Milliarden

ausgedrückt (761 171

Milliarden Dollar) unwirklich

wirkt – umfasst das ausstehende

Nominalvolumen der

weltweit umlaufenden Derivate.

Ihre Bewertung hängt

vom Preis sowie den Preisschwankungen

und -erwartungen

eines zugrunde liegenden

Basiswertes ab.

Anfangs bezogen sie sich

auf überschaubare Risiken

wie Aktien- und Rohstoffpreise.

Dann kamen Zinsänderungs-

und Wechselkursrisiken

dazu sowie Kreditausfallversicherungen

(CDS) zur Absicherung

gegen oder die Spekulation

auf den Konkurs eines

Unternehmens oder eines Staates.

Problem bei CDS und anderen

Derivaten: Auf der anderen

Seite steht immer jemand, der

gegen eine Prämie Risiken

übernimmt. Hat der das zu oft

getan, droht ihm die Pleite und

dem Finanzmarkt eine Kettenreaktion

– so wie 2008.

Juni 2007

Quelle: Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ)

Nominalwert in Milliarden Dollar

381357

57604

51095

9518

8255

78

507907

86135

10246

303

96684

604 590

Juni 2010

478093

62933

31416

6868

3273

72

582655

21630

926

196

22752

605 407

Juni 2013

577269

81025

24845

6963

2727

78

692907

62178

5746

341

68264

761 171

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 107

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Geld&Börse | Geldwoche

AKTIE Cenit

Solide Schwaben wollen

im Ausland wachsen

Chinesen suchen das Weite

94 Millionen brauchen einen Koffer

Starker Arm Cenit berät die

Industrie, etwa die Autobranche

Das Stuttgarter Software- und

IT-Beratungsunternehmen

Cenit unterstützt seine Kunden

im Management von Produktlebenszyklen:

Seit den

frühen Siebzigerjahren

kommt kaum mehr ein Konzern

ohne das genaue Planen

und Managen des wirtschaftlichen

Lebens seiner Produkte

aus: Von der Produktidee

und ersten Marktstudien über

Design, Konstruktion, Kundendienst

und Ersatzteilversorgung

bis zur Entsorgung

müssen Ressourcen zugeteilt,

Abläufe geplant und aufeinander

abgestimmt werden.

Dabei fällt eine Fülle von Daten

an, die erfasst, geordnet

und verwaltet werden müssen.

Cenit greift bei seinen

maßgeschneiderten Kundenlösungen

zwar auf Standardsoftware

von Dassault Systèmes

und IBM zurück, passt

diese aber individuell an und

erweitert sie um eigene Softwarepakete.

Die Kunden

kommen vor allem aus der

Autoindustrie und dem Maschinenbau.

Rund 120 Millionen

Euro pro Jahr setzen die

Schwaben derzeit um, 2014

sollten 130 Millionen Euro zu

schaffen sein. In den vergangenen

fünf Jahren wuchs der

Umsatz von 87 auf 119 Millionen

Euro (im Jahr 2012) langsam,

aber kontinuierlich. Der

Gewinn pro Aktie kletterte im

selben Zeitraum von 33 auf 70

Cent um mehr als das Doppelte.

Zwar liefen die ersten neun Monate

schleppend und enttäuschten

insgesamt. So lag der

Auftragseingang etwas unter

dem Vorjahreswert. Cenit bestätigte

aber zugleich seine bisherigen

Prognosen. Einen

Schub bringen sollte die Erweiterung

der Kundenbasis: Cenit

investiert in die eigene Software,

die Produkte der Stuttgarter

sollen neutraler werden und

auch für Industriekunden nutzbar,

deren Produktion nicht auf

Dassault oder IBM, sondern

zum Beispiel auf Siemens-Software

läuft. Das Auslandsgeschäft

(USA, Rumänien) ist

zwar noch klein, wächst aber

schnell. Cenit ist schuldenfrei,

das Unternehmen hat eine Eigenkapitalquote

von gesunden

60 Prozent und verfolgt eine aktionärsfreundliche

Dividendenpolitik.

Gemessen an der soliden

Substanz, ist die Aktie auch

nicht zu teuer, besonders unter

Berücksichtigung der Netto-

Cash-Position von rund 26 Millionen

Euro – fast ein Viertel des

Börsenwertes – und der Dividendenrendite

von aktuell

mehr als vier Prozent.

Cenit

ISIN: DE0005407100

20

10

8

6

4

3

2

1

06 07 08 09 10 11 12 13

Kurs/Stoppkurs(in Euro): 10,09/8,58

KGV 2013/14: 14,7/13,2

Dividendenrendite(in Prozent):4,1

Chance

Risiko

Niedrig

Hoch

Quelle:FactSet, eigene

Berechnungen

50-Tage-Linie

200-Tage-Linie

AKTIE Samsonite International

Lieber Hartschale als

Plastiktüte

Der weltweit führende Hersteller

von Reisegepäck stellte

1967 den ersten Hartschalenkoffer

her und setzte 1974

den ersten Koffer auf Rollen.

In seiner 103-jährigen Unternehmensgeschichte

legte

Samsonite aber auch so manche

Bruchlandung hin. Die

letzte passierte, als die globale

Reiselust infolge der Terroranschläge

vom 11. September

2001 einbrach und damit

auch der Bedarf an Reisegepäck.

Samsonite drohte die

Insolvenz, die Börsennotiz in

New York wurde 2002 eingestellt.

Gerettet wurde das Unternehmen

2003 von drei Beteiligungsgesellschaften.

2007

reichte das Konsortium den

Kofferhersteller für 1,7 Milliarden

Dollar weiter an den Finanzinvestor

CVC Capital

Partners. Der Firmensitz des

1910 in Denver im US-Bundesstaat

Colorado gegründeten

Unternehmens befindet

sich seither in Luxemburg.

Die Samsonite-Aktie kehrte

im Juni 2011 zurück an die

Börse, diesmal in Hongkong.

Der Börsengang spielte 1,25

Milliarden Dollar ein. China

ist für einen Reisegepäckhersteller

nicht der schlechteste

Platz. Nach Schätzungen der

China Tourism Academy werden

2013 etwa 94 Millionen

Chinesen das Weite suchen und

dabei rund 118 Milliarden Dollar

ausgeben. Auch Chinesen

reisen lieber mit Hartplastikkoffern

als mit Plastiktüten. Samsonite

wird 2013 erstmals mehr

als zwei Milliarden Dollar Umsatz

machen und etwa 175 Millionen

Dollar freie Mittelzuflüsse

erzielen. Das ist eine starke

Quote. Die Bilanz ist schuldenfrei

und wies zur Jahresmitte eine

Netto-Cash-Position von 156

Millionen Dollar auf. Außerbilanziell

bestehen allerdings

Leasingverbindlichkeiten von

etwa 800 Millionen Dollar.

Samsonite

ISIN: LU0633102719

26

22

18

14

12

10

8

2011

Quelle:FactSet

200-Tage-Linie

2012 2013

Kurs/Stoppkurs(HKD):22,50/17,20

KGV2013/2014:21,7/18,1

Dividendenrendite(in Prozent):1,1

Chance

Risiko

Niedrig

Hoch

FOTOS: PR (2), BLOOMBERG NEWS/JEROME FAVRE, BLOOMBERG NEWS/DAVID PAUL MORRIS

108 Redaktion: Geldwoche+Zertifikate: Frank Doll, Anton Riedl, Stefan Hajek

Nr. 49 2.12.2013 WirtschaftsWoche

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ZERTIFIKATE Biotechnologie

Hoffnungsträger für

Patienten und Anleger

Rentable Pipeline Medikamentenentwicklung

bei Gilead

Für zehn Milliarden Dollar hat

der Biotech-Konzern Amgen

den Konkurrenten Onyx Pharma

übernommen. Onyx ist

spezialisiert auf die Entwicklung

von Medikamenten gegen

Krebs. Amgen verstärkt sich damit

auf einem Markt, der aktuell

mit acht Prozent pro Jahr

wächst und der im Geschäft

der Pharma- und Biotech-

Branche bis 2018 das größte

Segment werden kann.

Ebenfalls vor einem Schub

steht Gilead. In Kürze dürfte

die US-Zulassungsbehörde

FDA dem Biotech- und Pharmariesen

grünes Licht für Sofosbuvir

geben, ein neues Medikament

gegen Hepatitis C.

Nach Schätzungen der Gesundheitsbehörde

WHO sind weltweit

170 Millionen Menschen

mit dem gefährlichen Virus infiziert.

Auch wenn davon nur ein

kleiner Teil behandelt wird, dürfte

sich der Markt für Medikamente

gegen Hepatitis C von vier

Milliarden Dollar pro Jahr bis

Ende des Jahrzehnts auf 15 Milliarden

Dollar vervielfachen.

Biogen Idec konnte sich vor

Kurzem für seinen Hoffnungsträger

Tecfidera (gegen multiple

Sklerose) in Europa für zehn Jahre

den Patentschutz sichern. Mit

Blockbustern wie Tysabri ist Biogen

schon bei Medikamenten

gegen multiple Sklerose führend.

Tecfidera könnte mit mehr als

drei Milliarden Dollar Jahresumsatz

ab 2015/16 zum wichtigsten

Präparat von Biogen avancieren.

Die Entwicklung bei Amgen,

Gilead und Biogen zeigt die

Wachstumschancen der Biotechnologie.

Mit Zertifikaten auf

den Nyse-Arca-Biotech-Index

bekommen Anleger die 20 wichtigsten

Einzelwerte der Branche

in einem Paket.

Wetten auf Biotech

Indexpapier und Hebelzertifikat auf einen weiteren Anstieg des

(in Dollar notierten) Branchenindex Nyse Arca Biotechnology

(aktuell 2286 Punkte)

Kurs (Euro)

Stoppkurs (Euro)

Funktion

Kauf-Verkaufs-

Spanne

Emittentin

(Ausfallprämie)

ISIN

Chance/Risiko

Quelle: Thomson Reuters

Indexzertifikat für Anleger

158,57

134,79

Steigt und fällt in gleicher Weise

wie der Index, allerdings ohne Währungssicherung;

keine Laufzeitgrenze,

kein Knockout; Dividenden

werden im Index zwar eingerechnet,

spielen mit derzeit etwa 0,1

Prozent pro Jahr aber keine Rolle

1,3 Prozent

UBS

(0,8 Prozent = geringes Risiko)

CH0013812984

7/6

Longzertifikat für Spekulanten

5,76

0,95

Steigt und fällt derzeit etwa dreimal

so stark wie die Indexkurve;

Achtung: Sinkt der Index auf oder

unter die Knockout-Schwelle des

Zertifikats (aktuell 1459,33 Punkte),

entsteht Totalverlust; keine

feste Laufzeitgrenze

0,5 Prozent

HypoVereinsbank

(1,6 Prozent = mittleres Risiko)

DE000HV9A2M7

10/9

ANLEIHE KTM

Flotte

Adresse

Mit dem Modell Super Duke

1290 stellte KTM auf der Motorradmesse

Eicma in Mailand

gerade das stärkste und

schnellste Naked-Bike der

Welt vor. Solche Motorräder

ohne schützende Verkleidung

liegen derzeit voll im Trend.

Ebenfalls gut im Rennen liegen

kleine, bezahlbare Zweiräder,

die in den wachsenden

Metropolen der Welt auf steigende

Nachfrage treffen. KTM,

bisher vor allem bei Geländemaschinen

führend, wird nun

auch in diesen beiden Wachstumssegmenten

immer stärker.

Während der Zweiradmarkt

weltweit schrumpft,

dürfte für KTM 2013 mit rund

110000 verkaufen Motorrädern

und 700 Millionen Euro

Umsatz ein Rekordjahr werden.

Auch für Anleiheinvestoren

ist KTM eine flotte Adresse:

Unternehmensbonds mit

Laufzeit bis 2017 und 3,2 Prozent

Rendite sind eine interessante

Depotergänzung.

KTM aus Mattighofen in

Oberösterreich gehört derzeit

zu den erfolgreichsten Motorradherstellern

weltweit – allerdings

mit wechselhafter Geschichte.

1934 als Schlosserei

gegründet, begann in den

Fünfzigerjahren die Serienproduktion

von Motorrädern –

bis zur Insolvenz 1991. Unter

der Regie des österreichischen

Unternehmenskäufers Stefan

Pierer begann dann das zweite

Leben von KTM. Pierer, 57 ist

heute KTM-Chef und besitzt

über seine Beteiligungsgesellschaft

Cross die Mehrheit der

KTM-Aktien. Auch Cross, in

der vor allem Fahrzeugzulieferer

stecken (Pankl Racing, WP)

hat eine Anleihe am Markt

(AT0000A0WQ66), die jedoch

deutlich spekulativer ist als die

von KTM: Das signalisiert die

Austrian Power Über 110 000

KTMs (hier Super Duke) verkauft

höhere Rendite von 4,4 Prozent

ebenso wie die mit 34 Prozent

niedrigere Eigenkapitalquote

(KTM: 48 Prozent).

Neben Pierer zweiter Eigentümer

von KTM ist mit 48 Prozent

der indische Fahrzeugkonzern

Bajaj. Für die Österreicher ist das

eine vorteilhafte Verbindung:

Zum einen ist Indien einer der

wichtigsten Motorradmärkte

der Welt (in Asien dürfte KTM

seinen Umsatz in diesem Jahr

verdoppeln); zum anderen hat

KTM hier speziell mit Bajaj gebaute

kleine und mittlere Modelle

am Start.

Dass KTM in diesem Jahr

nicht nur den Absatz um rund

zehn Prozent erhöhen dürfte,

sondern der Gewinn wahrscheinlich

noch stärker zulegt,

spricht für stabile Preise und eine

effiziente Produktion. Nach

34 Millionen Euro Gewinn vor

Zinsen, Steuern, Abschreibungen

und Amortisation im ersten

Halbjahr (plus 29 Prozent) sollten

bis Jahresende an die 70 Millionen

bleiben. Daran gemessen

machen die Nettoschulden

(112,5 Millionen Euro) nur das

1,6-Fache aus. Für das schnelle

Geschäft mit den Bikes ist das eine

durchaus solide Relation.

Kurs (%) 103,83

Kupon (%) 4,375

Rendite (%) 3,22

Laufzeit bis 24. April 2017

Währung

Euro

ISIN

AT0000A0UJP7

WirtschaftsWoche 2.12.2013 Nr. 49 109

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Geld&Börse | Geldwoche

FONDS Invesco Euro Corporate Bond

Bankenregulierung

bringt Rendite

Idylle fürs Geld Kanalinsel

Jersey ist Heimat vieler Anleihen

Aktien laufen Anleihen den

Rang ab. Der einst weltgrößte

Investmentfonds, der 248 Milliarden

Dollar schwere Anleihenmix

Pimco Total Return

Bond, hat Anlegergelder verloren

und wird jetzt von

einem Aktienfonds auf Platz

zwei verdrängt. Das für deutsche

Anleger angebotene

Schwesterprodukt, der Pimco

Gis Total Return Bond, rangiert

im Performancevergleich

über ein Jahr weit hinten

mit minus 1,6 Prozent.

Etwas besser erging es Anlegern

des Fidelity Global Strategic

Bond, die unterm Strich

in einem Jahr nicht vom Fleck

kamen, aber auch keinen Verlust

machten. Der Fonds wird

Commerzbank-Kunden derzeit

unter dem Namen Fidelity

Rentenanlage Classic ins

Depot gelegt. Nach dem

Renditeanstieg zehnjähriger

US-Staatsanleihen von 1,6

Prozent auf zwischenzeitlich

2,9 Prozent rechnet Fondsmanager

Andy Weir jetzt damit,

dass sich der Markt beruhigt.

Inflationsindexierte Anleihen

machen derzeit ein Drittel

seines Portfolios aus, zu dem

auch Staats-, Unternehmensanleihen

und Hochprozenter

ausfallgefährdeter Unternehmen

gehören. „Steigt die Inflationsrate

in Europa über

die vom Markt erwarteten 0,7

Prozentpunkte, gewinnen wir

mit inflationsindexierten

Bundesanleihen“, sagt Weir, der

auf Dreijahressicht mit einem

Anstieg der Inflationsrate auf

1,5 Prozent rechnet. Viele Hundert

einzelne Anleihepositionen

sollen in dem Fonds Risiken

abfedern. Doch von der auf

Sicherheit bedachten Strategie

sollten sich Anleger bei niedrigen

Renditen nicht zu viel versprechen.

Weir muss auch

noch die Fondskosten von jährlich

etwa 1,5 Prozent verdienen,

bevor er Anleger ins Plus

bringt.

Wer bei Anleihen etwas mehr

wagen möchte, ist beim Invesco

Euro Corporate Bond besser

aufgehoben. Während sich Fidelity-Manager

Weir von Bankanleihen

fernhält, weil er nach

deren hohen Verlusten in der

Finanzkrise an ihnen zweifelt,

greifen die Invesco-Fondsmanager

Paul Read und Paul

Causer gezielt zu komplexen

Hybrid- und Nachranganleihen

von Banken und Unternehmen,

die mehr Rendite bieten.

Die zwei sind erfahrene Geldverwalter

und keine Hasardeure.

Sie glauben, dass die Regulierung