Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-11-11 (Vorschau)

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Menschen der Wirtschaft

FLOSKELCHECK

Basis

Unterste Bodenplatte

einer jeden Parteiarchitektur.

Besteht bisweilen

aus begossenen

Betonköpfen und

dient peripheren Mitgliedern

als Bühne für

fundamentalistische

Untergrundkämpfe

zur schließlich breitgetretenen

Meinungsfindung.

Während die

Basis ihr Handeln für

grundlegend hält,

stellen höhere Parteiinstanzen

jeden Tiefgang

ihrer Überlegungen

infrage und

behandeln das gemeine

Parteivolk unter

Berufung auf realpolitische

Sachzwänge

wie Kellerkinder.

DER FLOSKELCHECKER

Carlos A. Gebauer, 48,

arbeitet als Rechtsanwalt in

Düsseldorf, wurde auch als

Fernsehanwalt von RTL und

SAT.1 bekannt.

GEWERKSCHAFTEN Reiner Hoffmann

»Keine ideologischen

Barrieren errichten«

Der kommende DGB-Chef will die Gewerkschaften

neu aufstellen. Er akzeptiert flexiblere Arbeitszeiten

und fordert eine Reform der Energiewende.

Herr Hoffmann, auch wenn einige

Einzelgewerkschaften die

Wende geschafft haben, dürfte

die Mitgliederzahl insgesamt in

diesem Jahr weiter sinken. Wie

wollen Sie den Trend drehen?

Da gibt es eine Reihe von Dingen.

Die Gewerkschaften müssen

sich etwa stärker um höher

qualifizierte Angestellte kümmern.

Der Solidaritätsgedanke

allein zieht bei dieser Klientel

nicht. Bei der Arbeitszeit müssen

wir noch mehr Differenzierung

zulassen und notfalls

sogar fördern – wenn die Arbeitnehmer

das wollen. Prinzipiell

sollten Gewerkschaften keine

ideologischen Barrieren errichten.

Da haben wir durchaus

Fehler gemacht.

Welche?

Teilzeitarbeit zum Beispiel haben

wir lange bekämpft und

verteufelt. Das Ergebnis: Heute

liegt unser Organisationsgrad

bei Teilzeitbeschäftigten unter

zehn Prozent. Auch die Leiharbeit

ist nicht per se des Teufels.

Hier gilt es jedoch, Missbrauch

und Auswüchse zu bekämpfen.

Müssten die deutschen

Gewerkschaften nicht stärker

auch ins Ausland schauen?

Absolut. Die Gewerkschaften

müssen sich international noch

stärker vernetzen. Es gilt, unsere

Kräfte stärker zu bündeln,

um schlagkräftiger zu werden.

Nötig ist auch eine international

orientierte Personalentwicklung.

Nur ein Beispiel: Wo immer

möglich sollten junge

Gewerkschafter Praktika im

Ausland machen, etwa beim

Europäischen Gewerkschaftsbund

(EGB) in Brüssel.

Während der DGB über einen

Jahresetat von 141 Millionen

Euro verfügt, muss der EGB mit

zwölf Millionen auskommen.

Braucht der Bruder in Brüssel

mehr Geld und Personal?

Ja, darüber muss nachgedacht

werden. Die Entscheidung

darüber treffen aber die Einzelgewerkschaften.

Denkbar wäre

auch eine projektbezogene

Entsendung von Gewerkschaftssekretären.

Ist das deutsche System der

Mitbestimmung noch ein

Modell für andere EU-Staaten?

Wir sollten nicht so tun, als sei

das deutsche Modell das einzig

wahre. Es gibt unterschiedliche

Gewerkschaftskulturen in Europa;

dies haben wir zu respektieren.

Mitbestimmung ist in

vielen europäischen Nachbarländern

kein Fremdwort mehr.

DER QUERDENKER

Hoffmann, 58, soll neuer Chef des

Deutschen Gewerkschaftsbunds

(DGB) werden. Dass ihn der Gewerkschaftstag

im Mai als Nachfolger

von Michael Sommer, 61,

wählt, gilt als sicher. Derzeit leitet

Hoffmann den Bezirk Nordrhein

der IG Bergbau, Chemie, Energie.

Sie sind derzeit noch Bezirksleiter

der IG BCE – einer Gewerkschaft,

deren Mitglieder

zu einem großen Teil in energieintensiven

Unternehmen

arbeiten. Ist die Energiewende

für Sie eine Bedrohung?

Grundsätzlich müssen wir die

Chancen der Energiewende in

den Vordergrund stellen – ohne

Risiken zu unterschätzen. Gerade

für energieintensive Branchen

darf die Energiepolitik

nicht zu internationalen Wettbewerbsverzerrungen

führen.

Was also schlagen Sie vor?

Das Chaos beim Netzausbau

muss ein Ende haben. Wir

brauchen ein Monitoring-

System, das einen genauen

Fahrplan für die Energiewende

festlegt. Energie muss unseren

Betrieben zu wettbewerbskompatiblen

Preisen bereitgestellt

werden, sonst gehen die

Unternehmen irgendwann ins

Ausland. Ich warne auch davor,

die Befreiung energieintensiver

Betriebe von der EEG-

Umlage einzuschränken. Ohne

diese Befreiung könnten zum

Beispiel Aluminiumhütten in

Deutschland nicht mehr produzieren.

Wir brauchen eine

grundlegende Reform des

Erneuerbaren-Energien-Gesetzes

– und da bleibt nicht viel

Zeit.

Was muss die neue Bundesregierung

noch angehen?

Wir brauen eine neue Ordnung

der Arbeit. Dazu gehören der

flächendeckende Mindestlohn

von 8,50 Euro und die Verhinderung

von Missbrauch bei

Leiharbeit und Werkverträgen.

Vor allem kommt es auf die

Stärkung der Tarifautonomie

an. Die Hürden für Allgemeinverbindlichkeitserklärungen

müssen sinken, die Tarifeinheit

muss gesichert werden. Wir

brauchen zudem flexible Übergänge

aus dem Berufsleben und

ein Aktionsprogramm für „Gute

Arbeit“ – damit Menschen gesund

durchs Berufsleben kommen

und Arbeitsplätze altersgerecht

gestaltet werden.

bert.losse@wiwo.de

ILLUSTRATION: TORSTEN WOLBER; FOTO: JUDITH WAGNER

10 Nr. 46 11.11.2013 WirtschaftsWoche

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