Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-11-11 (Vorschau)

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Unternehmen&Märkte

FOTO: ANGELIKA ZINZOW FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE

»Wir investieren

lieber in den USA«

INTERVIEW | Hariolf Kottmann Der deutsche Chef des Schweizer

Spezialchemiekonzerns Clariant über seine Ausbaupläne,

teuren Strom und Frauen in der Chemiebranche.

Herr Kottmann, Clariant hat soeben ein

Forschungszentrum für 500 Mitarbeiter in

Frankfurt-Höchst eingeweiht. Planen Sie

weitere Investitionen in Deutschland?

Clariant besteht zu 70 Prozent aus Geschäften

der früheren Hoechst AG, in

Höchst arbeiten die meisten Forscher. Somit

war klar, dass wir dort das Forschungszentrum

eröffnen. Ansonsten: Warum sollten

wir in Deutschland noch einen Cent in

neue Anlagen investieren? Dafür sehe ich

derzeit keinen Grund. Wir hatten zwei, drei

Projekte in Deutschland favorisiert. Wir investieren

nun lieber in den USA.

Sind Sie ein Energieflüchtling? In den

USA liegen die Kosten deutlich niedriger.

Das ist ein Grund. Zudem sind die USA für

uns im Gegensatz zu Europa nicht mehr

ein reifer Markt, sondern ein Wachstumsmarkt,

wo Konsum und Investitionen

mächtig anziehen. Ich war neulich bei

Kunden in Houston, da herrscht Goldgräberstimmung.

Allein die Aussicht auf billigere

Energie treibt die Investitionen nach

oben und sorgt für mehr Wachstum.

Welche Mehrkosten verursacht die Energiewende

in Deutschland für Clariant?

DER SANIERER

Kottmann, 58, leitet Clariant seit Oktober

2008. Der promovierte Chemiker arbeitete

zunächst für die frühere Hoechst AG, dann

für deren Ableger Celanese und schließlich

als Vorstand beim Grafitspezialisten SGL

Carbon. Der gebürtige Schwabe ist Fan des

VfB Stuttgart.

Allein am Standort Höchst zahlen wir für

die Umlage auf erneuerbare Energien

nächstes Jahr voraussichtlich 4,7 Millionen

Euro. Die Kosten durch die EEG-Umlage

haben sich damit gegenüber 2011 fast verdoppelt

– ohne dass wir Kapazitäten ausgebaut

haben. Wir zahlen in Deutschland 13

Cent pro Kilowattstunde, in China und den

USA nur rund die Hälfte. Die explodierenden

Energiekosten belasten uns doppelt –

im internationalen Wettbewerb und im

Vergleich zu heimischen Konkurrenten

wie BASF, die weitgehend keine EEG-Umlage

zahlen müssen. Um befreit zu werden,

muss der Anteil der Energiekosten an der

Bruttowertschöpfung mehr als 14 Prozent

betragen. Das ist bei uns aber nur an einem

von 18 Standorten in Deutschland der Fall.

Was wünschen Sie sich von der künftigen

Bundesregierung zur Energiepolitik?

Der nationale Alleingang bei der Energiewende

ist Wahnsinn. Ich halte die gesamte

EEG-Förderung für falsch. Wir brauchen

keine nationalen Alleingänge, sondern einen

einheitlichen europäischen Ansatz.

Wie wird sich die Chemiekonjunktur in

den kommenden Jahren entwickeln?

2014, 2015, 2016 werden Deutschland und

Europa nicht wachsen, denn die Euro-

Schuldenkrise sorgt für Verunsicherung

bei Konsumenten und Industrie. Ich sehe

Wachstum in Nord- und Lateinamerika

und Asien. Die chinesische Regierung wird

weiter Wachstumsprogramme auflegen,

damit die Unterschiede zwischen Arm und

Reich nicht zu sehr auseinanderdriften.

Als Sie 2008 antraten, galt Clariant als

Pleitekandidat. Sie haben in den ersten

zwei Jahren 4000 Stellen abgebaut und

inzwischen ein Fünftel des Umsatzes verkauft.

Trotzdem hinken Sie bei der Gewinnmarge

hinter Konkurrenten zurück.

Im dritten Quartal erreichten wir eine Gewinnmarge

von 14,1 Prozent vor Steuern,

Zinsen und Abschreibungen. Das ist für

Clariant der beste Wert in der Unternehmensgeschichte,

aber Industriedurchschnitt.

Bis 2015 wollen wir mit einer Marge

von 17 Prozent in das obere Drittel vorstoßen

– wo etwa Evonik und Altana schon

sind. Um das zu schaffen, setzen wir auf

Wachstum, Innovationen und weitere Kostensenkungen,

zum Beispiel bei der Logistik

und anderen Service-Einheiten.

Ist der Clariant-Umbau abgeschlossen?

Es gibt immer noch fünf, sechs unserer etwa

50 Segmente, die ihre Ziele nicht erreichen.

Bisher schwimmen die in größeren Einheiten

mit, das wird sich ändern. Welche Segmente

das sind, verrate ich nicht. Es wird

»

WirtschaftsWoche 11.11.2013 Nr. 46 69

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