Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-11-11 (Vorschau)

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Unternehmen&Märkte

»

Außenwirtschaftsverordnung, wenn „die

öffentliche Ordnung oder Sicherheit der

Bundesrepublik Deutschland gefährdet ist“.

Nach der Verordnung kann der Bundeswirtschaftsminister

auch einschreiten,

wenn ein US-Unternehmen einen britischen

Konzern schluckt, der wie Vodafone

eine starke Präsenz in Deutschland hat.

Solch einer Entscheidung müsste aber die

gesamte Bundesregierung zustimmen.

Die Deutsche Telekom warnt vorsorglich

schon vor den Risiken bei einem Ausverkauf

der europäischen Telekommunikationsbranche.

„Europäische Netzbetreiber

werden zu Übernahmezielen von Spielern

außerhalb Europas“, heißt es in einem Positionspapier,

das der künftige Telekom-

Chef Timotheus Höttges Ende Oktober an

Kanzleramt und EU-Kommission ver-

Vor dem Sprung an die Spitze

Diezehnumsatzstärksten Telekomkonzerne

der Welt (inMilliarden Dollar)

NTT

AT&T

Verizon

ChinaMobile

Telefónica

Deutsche Telekom

Vodafone

Comcast

AméricaMóvil

Orange

Geschäftsjahr 2012;Quelle:Fortune 500

80,1

74,8

70,2

62,6

58,9

55,9

96,9

128,9

127,4

115,8

schickte (WirtschaftsWoche 45/2013).

Durch die wachsende Abhängigkeit von

außereuropäischen Anbietern werde nicht

nur die technische Souveränität im Internet

gefährdet. Europa werde auch verwundbarer

gegen Cyberangriffe aller Art

und setze die Fähigkeit aufs Spiel, kritische

Telekominfrastrukturen zu schützen.

Die Telekom baut bereits die erste Abwehrfront

auf. Ein nationales oder europäisches

Routing soll dafür sorgen, dass kein

Byte mehr im innerdeutschen Verkehr die

Grenzen verlässt. Eine entsprechende Vorschrift

will Bundesinnenminister Hans-Peter

Friedrich mit dem künftigen Koalitionspartner

SPD diskutieren und zügig im neuen

IT-Sicherheitsgesetz verankern. Damit

soll es für ausländische Geheimdienste

schwerer werden, Internet-Kommunikation

zwischen deutschen Kunden und Unternehmen

auszuspionieren.

Für AT&T wäre das ein Schlag: Denn zu

den wichtigen Geschäftsfeldern gehört

auch, Daten in großen Mengen über eigene

Transatlantikkabel zwischen den USA

und Europa zu transportieren.

SCHUTZSCHILD DER TELEKOM

Die Telekom geht noch einen Schritt weiter,

um verunsicherte Geschäftskunden

von US-Unternehmen wegzulocken. An

diesem Montag, auf einem gemeinsam mit

der Münchner Sicherheitskonferenz veranstalteten

Cyber Security Summit in

Bonn, stellt der neue Geschäftsbereich Cybersecurity

sein erstes Produkt vor. Mit der

„Clean Pipe“, also der sauberen Leitung,

will die Telekom einen Schutzschild für

Geschäftskunden gegen alle elementaren

Bedrohungen aus dem Internet aufbauen.

Ausverkauf auf Raten

WieEuropaden Anschluss in der

Digitalwirtschaft verliert

446

15%

85%

2008

567 592 567 609

25%

75%

30%

70%

37%

63%

47 %

53%

09 10 11 12

Quelle:Boston Consulting Group

Börsenwertvon

Internet-Anbietern

in Europa

(inMrd.€)

mitFirmensitz

außerhalb der EU

mitFirmensitz

in der EU

Sensible Komponenten vom Internet-

Router bis zum Cloud Computing stammen

dann von deutschen Anbietern, die

nicht mit ausländischen Geheimdiensten

kooperieren. Das Produkt hat die Telekom

mit der auf Hochsicherheit spezialisierten

Lancom aus Aachen entwickelt, die Hochgeschwindigkeitsrouter

baut.

Den idealen Zeitpunkt für eine Übernahme

in Europa hat AT&T nach Ansicht von

Experten ohnehin verpasst. „Signifikante

Synergien sind zwischen den USA und Europa

nicht zu finden“, sagt Wolfgang Bock,

der für Telekommunikation zuständige Senior

Partner bei der Beratung Boston Consulting

in München. „Ein Zukauf in Europa

macht für AT&T vor allem Sinn, wenn ein

Netzbetreiber als unterbewertet eingestuft

wird.“ Doch die Börsenbewertungen seien

seit Jahresanfang um rund 30 Prozent gestiegen,

es gebe keine Schnäppchen mehr.

Der Gegenwind aus Europa kommt für

AT&T überraschend. Bislang wurden US-

Telekomgiganten als Investoren mit offenen

Armen empfangen. Bereits in den

Neunzigerjahren waren zwei der Vorgängerfirmen

der heutigen AT&T – Pacific

Telesis und Bell South – Gründungsgesellschafter

von Mannesmann Mobilfunk und

E-Plus. AT&T hielt sogar eine Minderheitsbeteiligung

an Mannesmann Arcor, dem

zweitgrößten Telekom-Konkurrenten im

Festnetz. Doch infolge der Fusionswelle in

den USA, aus der die heutigen Riesen

AT&T und Verizon entstanden, zogen sich

die Amerikaner aus Deutschland zurück.

Die Wachstumschancen auf dem Heimatmarkt

waren so groß, dass die Unternehmen

alle Investitionen dort konzentrierten.

Das Blatt hat sich gewendet. AT&T-Chef

Stephenson muss im Ausland nach Wachstum

suchen. Sein Heimatmarkt ist längst

zu klein geworden. Wettbewerbsauflagen

behindern die heimische Expansion. Daher

bewegt sich beim Gesamtumsatz kaum

noch etwas. 2009 setzte AT&T rund 123

Milliarden Dollar um. 2012 war es mit 127,4

Milliarden Dollar nur wenig mehr. Gleichzeitig

brach der Gewinn von damals 12,1

Milliarden Dollar wegen hoher Kosten für

den Ausbau der Netzinfrastruktur auf 7,2

Milliarden Dollar ein. Und das, obwohl die

Belegschaft zeitgleich von 283000 auf

242000 Mitarbeiter schrumpfte.

KAUM WACHSTUM IN DER HEIMAT

Im Mobilfunk ist AT&T zwar US-Marktführer

mit 109 Millionen Kunden. Doch große

Sprünge sind nicht mehr zu erwarten. Der

neue T-Mobile-Chef John Legere zieht mit

besserer Abdeckung und Kampfpreisen

gegen AT&T zu Felde. Eine leichte Übung:

Der texanische Konzern hat die mit Abstand

teuersten Mobilfunktarife in den

USA. Im vergangenen Quartal schaffte Legere

die Trendwende und gewann mehr

als eine Million Kunden dazu, darunter

648000 hochwertige Vertragskunden.

Den Gegenangriff will Stephenson nun

in Europa starten. Schon 1994 prahlte der

damalige AT&T-Chef Robert Allen: „Mit einem

Anteil von fünf Prozent an der 1,5 Billionen

Dollar starken Informationsindustrie

weltweit ist AT&T nur ein kleiner Fisch

mit viel Platz zum Wachsen.“ 20 Jahre später

arbeitet sein Nachfolger an der Vollendung

dieses Plans. Denn bisher ist

AT&Ts Anteil im boomenden Internet-

Markt nicht viel größer. Aus dem kleinen

Fisch soll wohl ein weißer Hai werden. n

juergen.berke@wiwo.de, matthias hohensee | Silicon Valley

74 Nr. 46 11.11.2013 WirtschaftsWoche

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