Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-11-11 (Vorschau)

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Geld&Börse

VORRUHESTAND

Gesetze im Blick

Welche rechtlichen und versicherungstechnischen Klippen Angestellte

überwinden müssen, wenn sie vorzeitig ihren Job quittieren.

Der Staat bietet Beschäftigten die Möglichkeit,

frühzeitig in Rente zu gehen. Er

knüpft das aber an Voraussetzungen. Der

57-jährige Maschinenbauingenieur Stefan

Wiechert aus dem hessischen Friedrichsdorf

hat sich das von der Deutschen

Rentenversicherung erklären lassen. Seit

vier Wochen hat er einen Altersteilzeitvertrag.

Folgende Punkte waren wichtig:

n Rentenbeginn: Wiechert hätte normalerweise

erst 2022 im Alter von 65 Jahren

und zehn Monaten die Rente bekommen,

die ihm die Deutsche Rentenversicherung

jährlich in den Renteninformationen mitteilt.

Durch den vorzeitigen Ausstieg mit

63 Jahren bekommt er weniger.

n Abschläge: Wer wie Wiechert bis dahin

mindestens 35 Jahre rentenversichert

war, gilt als langjährig Versicherter, muss

aber trotzdem Abschläge in Kauf nehmen

(siehe Grafik). Für jeden Monat, den er

vor dem offiziellen Rentenbeginn aussteigt,

zieht ihm die Rentenversicherung

0,3 Prozent von der Rente ab. In seinem

Fall sind dies 10,2 Prozent für 34 Monate.

Auch eine mögliche Witwenrente wird dadurch

viel geringer ausfallen. Wer 45 Jahre

Beitrag gezahlt hat, kann mit 65 ohne

Abschlag in Rente.

n Altersteilzeit: Wiechert startet mit dem

beliebten Blockmodell in die Altersteilzeit,

das bei ihm über insgesamt sechs Jahre

läuft. Bis zum 60. Lebensjahr arbeite er

drei Jahre Vollzeit bei reduzierten Bezügen.

Danach kann er drei Jahre zu Hause

Früher aufhören kostet

Bis zu welchem Lebensjahr Beschäftigte arbeiten sollten;

was sie einbüßen, wenn sie mit 63 in Rente gehen

Geburtsjahrdes

Versicherten

OffiziellerRentenbeginn

mit

BeiRentenbeginn

mit63verringert

sichdie Rente

lebenslangum

1950

65 Jahren

4Monaten

8,4%

Quelle:DeutscheRentenversicherung

1953

65 Jahren

7Monaten

9,3%

1956

65 Jahren

10 Monaten

10,2 %

bleiben, bekommt das Geld aber von seinem

Arbeitgeber in gleicher Höhe. Sein Arbeitgeber

zahlt ihm 50 Prozent seines vorherigen

Nettoeinkommens und stockt die

noch um rund 25 Prozentpunkte auf, sodass

Wiechert es unterm Strich auf 75 Prozent

seines Nettoeinkommens bringt. Die

Aufstockungsbeträge sind oft in Tarifverträgen

geregelt. Auch Sozialabgaben werden

weiter gezahlt. Für den Aufstockungsbetrag

des Arbeitgebers wird keine Lohnsteuer fällig,

er wird jedoch bei der Berechnung des

Steuersatzes, der für das Gesamteinkommen

des Ehepaares gilt, mitgezählt. Das

kann zu Steuernachzahlungen führen. Dank

der Aufstockung durch seinen Arbeitgeber

auch bei den Renteneinzahlungen ergeben

sich bei Wiecherts Rente durch die Altersteilzeit

nur geringe Einbußen gegenüber einer

sechs Jahre längeren vollen Einzahlung.

1959

66 Jahren

2Monaten

11,4 %

1962

66 Jahren

8Monaten

13,2 %

ab

1964

67 Jahren

0Monaten

14,4 %

n Hinzuverdienst: Maximal 450 Euro

monatlich könnte Wiechert in der Altersteilzeit

hinzuverdienen. Verdient er mehr,

könnte er den Aufstockungsbetrag des

Arbeitgebers verlieren, er käme nur auf

die 50 Prozent seines letzten Nettoeinkommens.

Die Zuverdienstgrenze gilt

auch, wenn er ab 63 Rente bekommt.

Wer mehr verdienen will, muss eine Teilrente

beantragen, diese wird individuell

berechnet und bis zum regulären Rentenbeginn

mit 65 bis 67 gezahlt. Für einen

Durchschnittsrentner mit zuletzt 2839

Euro Gehalt gelten folgende Grenzen:

Bei 451 bis 1051 Euro monatlichem

Hinzuverdienst wird die Rente um ein

Drittel, bei 1052 bis 1535 Euro um die

Hälfte und bei einem Zusatzverdienst von

1536 bis 2021 Euro um zwei Drittel gekürzt.

Bei mehr als 2021 Euro bekäme

der Durchschnittsrentner keine Rente

mehr. Das alles gilt nur bis zum Erreichen

der Regelaltersgrenze. Wiechert etwa

darf ab 10 Monaten nach seinem 65.

Geburtstag so viel hinzuverdienen, wie er

möchte.

n Krankenversicherung: Für privat Krankenversicherte

kann der Vorruhestand

teuer werden. Wiechert hat etwa zwei

Töchter in Ausbildung, deren Beiträge er

zahlen muss. Seinen Beitrag übernimmt

der Arbeitgeber zur Hälfte während der

Altersteilzeit. Wenn er Rente bekommt,

zahlt der Rentenversicherungsträger für

ihn einen Zuschuss zur privaten Krankenversicherung

(PKV). Wer vor dem 63.

Lebensjahr ohne Altersteilzeit aufhört zu

arbeiten, muss aber den Arbeitgeberanteil

an der PKV-Prämie finanzieren. Gesetzlich

Versicherte, die vor 63 aufhören,

können sich freiwillig in der GKV versichern.

Die Höhe der Prämie richtet sich

dann nach ihren Gesamteinkünften.

n Betriebsrenten: Zum Rentenbeginn mit

63 bekommt Wiechert auch die Betriebsrente.

Sie wird beim vorzeitigen Ausstieg

um den gleichen Betrag gekürzt wie die

gesetzliche, bei Wiechert also um 10,2

Prozent. Und durch die vorherige Altersteilzeit

wird auch die Betriebsrenteneinzahlung

anteilig verringert. Private

Policen werden wie vereinbart zum Fälligkeitstermin

ausgezahlt. Jede betriebliche

Altersvorsorge wird allerdings mit dem

vollen Beitragssatz der GKV belastet. Gesetzlich

Versicherten brachte die Rentenreform

von 2004 also herbe Einbußen. »

heike.schwerdtfeger@wiwo.de | Frankfurt

ILLUSTRATION: CARLO GIAMBARRESI

102 Nr. 46 11.11.2013 WirtschaftsWoche

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