Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-11-11 (Vorschau)

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FOTO: ANDREAS VARNHORN

Besondere Leistung

HESS-SKANDAL I | Beim Börsengang der Pleitefirma, argwöhnen

Ermittler, soll mit Tricks künstlich Nachfrage erzeugt worden sein.

Die Aufseher wollten einiges von der

Landesbank in Stuttgart haben: In

einer Anfrage soll die Finanzaufsicht

BaFin um die Korrespondenz zum

Börsengang der Hess AG gebeten haben.

Das Institut, sagen Bankinsider, habe Mitschnitte

von Telefonaten, E-Mails und

Chats, die Banker über den Computer des

Finanzdatenspezialisten Bloomberg geführt

hatten, herausgeben sollen.

Im Oktober 2012 hatte die Landesbank

Baden-Württemberg (LBBW) den Leuchtenhersteller

an die Börse gebracht. Drei

Monate später feuerte der Aufsichtsrat Vorstandschef

Christoph Hess und Finanzchef

Peter Ziegler. Die Manager, so der Vorwurf,

hätten die Finanzlage geschönt. Hess war

bis Redaktionsschluss nicht für eine Stellungnahme

erreichbar, Ziegler wollte sich

nicht äußern. Vier Monate nach dem Börsengang

war Hess pleite – ein Rekord, den

es nicht mal am Neuen Markt gegeben haben

dürfte. Die Staatsanwaltschaft Mannheim

ermittelt unter anderem wegen des

Verdachts auf Kapitalanlagebetrug gegen

Ex-Hess-Manager und weitere Beteiligte.

VERDACHT AUF INSIDERHANDEL

Seit Neuestem spielen auch Aktiengeschäfte

eine Rolle im Ermittlungsverfahren. Die

BaFin hat außerdem kürzlich Anzeigen wegen

des Verdachts auf Marktmanipulation

und Insiderhandel erstattet – gegen wen,

ließ die Behörde offen.

Ein Insider, der den Börsengang (IPO)

mit vorbereitet hat, sagte bei einem Ermittler

der Landespolizeidirektion in Freiburg

aus. Er sei kurz vor dem Gang an die Börse

zum Gespräch mit der Emissionsbank

LBBW in Stuttgart gewesen. Thema soll

demnach gewesen sein, dass das Orderbuch,

in dem die Aufträge von allen gesammelt

werden, die Aktien zeichnen wollen,

nur spärlich gefüllt gewesen sei.

Das ist der Albtraum jedes Investmentbankers

beim IPO. Zu wenig Orders bergen

die Gefahr, dass der Kurs am ersten Börsentag

abstürzt. Eine Führungskraft der

Bank soll daher Druck gemacht haben. Die

LBBW äußerte sich dazu auf Anfrage nicht.

Im Orderbuch sollen noch Aufträge für eine

halbe Million Aktien gefehlt haben. Sei

das Buch nicht voll, verlören institutionelle

Anleger das Interesse. Folge: Der Börsengang

drohte zu scheitern.

Doch die Landesbank soll Rat gewusst

haben: Sie wollte, sagte der Insider der Polizei,

zehn Prozent der Aktien in den eigenen

Bestand nehmen. Ein Banker habe außerdem

eine Incentive Fee (Belohnungsgebühr)

gefordert, für besondere Leistung.

Die Bank soll zusätzlich zur normalen Provision

ein Prozent Zuschlag verlangt haben.

Das Geld, sagt Volker Grub, Insolvenzverwalter

von Hess, ist geflossen: „Die Incentive

Fee in Höhe von einem Prozent ist

von Hess an die LBBW bezahlt worden.“

Die Landesbank wollte aufgrund der

laufenden Ermittlungen und mit Blick auf

ihre Verschwiegenheitspflichten nicht alle

Fragen der Redaktion beantworten. Sie legt

allerdings Wert auf die Feststellung, dass

die Nachfrage nach Hess-Aktien „zum Zeitpunkt

der Schließung der Bücher“ die gewünschte

Transaktion von 2,3 Millionen

Aktien vollständig gedeckt habe.

Das ist nach Informationen der WirtschaftsWoche

richtig. Fraglich ist nach den

Angaben eines Bankinsiders aber, ob die

LBBW in die Lücke gesprungen ist und bislang

nicht gezeichnete Papiere kurzfristig

auf eigene Bücher genommen hat. Ein

Bankinsider sagte: „Das Orderbuch wäre

nicht voll gewesen, wenn die LBBW keine

Aktien gezeichnet hätte.“ Die Bank dementiert

das, verweist aber auf Nachfrage lediglich

auf öffentliche Mitteilungen über ihre

Stimmrechte. Daraus geht hervor, dass die

LBBW am Tag der erstmaligen Zulassung

der Aktien zum Handel gut die Hälfte der

Stimmrechte gehalten hat. Das aber dürfte

technische Gründe gehabt haben, weil die

Bank die Papiere verteilen musste. Nur

zwei Tage später war das Institut blank und

meldete „0,00“ Prozent.

FONDS ZEICHNETEN FLEISSIG

LBBW-Fonds, in die Privatanleger investieren,

hatten da noch Aktien: So zeichnete etwa

der „LBBW Aktien Small & MidCaps

Deutschland“ 5000 Stück. Hört sich wenig

an, ist für den kleinen Fonds aber viel:

Hess-Aktien waren mit knapp zwei Prozent

vom Fondsvermögen plötzlich zweitgrößte

Position im Topf. Kauffreudig waren die

Fondsmanager auch beim „Aktien Dynamik

Europa“ und „Nachhaltigkeit Aktien“ –

so kamen weitere 32 000 Aktien hinzu.

Fest steht aber auch: Für die Landesbank

stand viel auf dem Spiel, sie hatte in den

Börsengang investiert – und den Löwen-

Damals strahlten die Leuchten noch

Ex-Vorstände Hess (rechts) und Ziegler »

WirtschaftsWoche 11.11.2013 Nr. 46 109

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