Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-11-11 (Vorschau)

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Geld&Börse

ternehmen begleitet hat: „Meist legt eine

Hausbank offen, für wen sie Aktien zeichnet.

Kommt eine große Order rein, fragt eine

Investmentbank normalerweise nach,

wer hinter dem Auftrag steht“, sagt der heutige

Partner der Anwaltskanzlei Heisse Kursawe

Eversheds.

Die Hess-Führungsriege allerdings soll

mit ihren Kunstgriffen auch noch nicht

durch gewesen sein: Der Insider sagte der

Polizei, dass auch Jürgen Hess, Vater von

Christoph Hess und damals Hess-Aufsichtsrat,

privat Aktien gezeichnet haben

soll. Hess senior war nicht für eine Stellungnahme

zu erreichen.

»

anteil der meist millionenschweren Provision

bekommen Investmentbanken normalerweise

erst, wenn der IPO klappt.

Dass der Börsengang schleppend lief,

hatte sich abgezeichnet. Anleger äußerten

Bedenken: Hess habe ein „schwaches Finanzprofil“,

aus dem operativen Geschäft

bleibe zu wenig hängen. Familie Hess, Anteilseigner

Holland Private Equity (HPE)

und die Bank verlängerten die Frist für die

Zeichnung um sechs Tage und senkten die

Zeichnungsspanne um rund 20 Prozent.

ZIEL: 200 000 AKTIEN

22. Oktober 2012. Die Zeit läuft, am nächsten

Tag endet die verlängerte Zeichnungsfrist.

Finanzchef Ziegler schreibt eine

E-Mail an seinen Boss Christoph Hess. Diverse

sechsstellige Geldbeträge sollten

noch auf ein Konto der Firma Evros wandern,

beim Internationalen Bankhaus Bodensee

(IBB). Damit seien 2,2 Millionen

Euro beim IBB, mache 125 000 Aktien. Zudem

könne man ein anderes Konto um 1,4

Millionen Euro überziehen, mache weitere

75 000 Aktien. Ziel sei es, 200 000 Aktien

über Evros und K+K zu kaufen. Die Anteile

müssten jeweils unter drei Prozent liegen –

der Zusatz ist pikant, erst ab der Schwelle

muss Aktienbesitz gemeldet werden.

Der Polizei hat der Hess-Insider erklärt,

dass Ziegler Nachfrage organisiert habe,

weil das Orderbuch nicht voll gewesen sei.

Die Staatsanwaltschaft Mannheim bestätigte,

dass sie wegen des Verdachts der Untreue

ermittle, „da Firmen aus dem Umfeld

der Hauptbeschuldigten mit Geldern der

Hess AG Aktien erworben haben sollen“.

Hinter Evros und K+K steht eine Schweizer

Adresse. Dorthin hat Hess-Finanzchef

Erleuchtet

EM-Stadion Donetsk, ein Hess-

Vorzeigeprojekt beim IPO

Ziegler Handlungsanweisungen geschickt:

Am Tag nach dem Ende der Zeichnungsfrist

hat er eine E-Mail versendet, mit dem

Auftrag, mehrere Verkaufsorders für insgesamt

30 000 Aktien zu setzen. Die Preise

gab er vor. „Nach den mir vorliegenden

Unterlagen sind Hess-Aktien im Wert von

zwei Millionen Euro zum Börsengang mit

dem Geld einer der Familie Hess zuzurechnenden

Gesellschaft gezeichnet worden“,

sagt Insolvenzverwalter Grub, der die

Geldströme von Hess nachverfolgt hat.

Die Geschäfte werfen Fragen zur Rolle

der LBBW auf: In einer Präsentation hebt

sie hervor, dass sie die Investoren von Hess

kenne; bis auf die Nachkommastelle ist

aufgeführt, wie viel Prozent der Aktien bei

Versicherungen, Hedgefonds und Privatanlegern

liegen und aus welchen Ländern

diese kommen. „Evros oder K+K standen

nicht im Orderbuch“, sie seien der LBBW

nicht bekannt gewesen, sagt die Bank. Im

Orderbuch konnten die Landesbanker hinter

der Millionen-Order nur IBB sehen.

Warum sie nicht nachgefragt hat, wer dahinter

steht, ist unklar. Es sei zumindest

ungewöhnlich, sagt der ehemalige Investmentbanker

Alexander Honrath, der mehr

als 30 Kapitalmarkttransaktionen von Un-

»Mit Geldern der

Hess AG sollen

Aktien erworben

worden sein«

Staatsanwaltschaft Mannheim

1,26 MILLIONEN EURO VOM SENIOR

Jürgen Hess, obwohl schon vor dem IPO

maßgeblicher Anteilseigner, kaufte 81 000

Aktien im Wert von knapp 1,26 Millionen

Euro – und dürfte so ebenfalls dazu beigetragen

haben, das Orderbuch zu füllen. Die

Papiere stieß er nur einen Tag später, am

ersten Handelstag der Aktien, außerbörslich

wieder ab. Der Aktienblock, sagen

mehrere Insider, soll an Hess-Großaktionär

HPE gegangen sein. HPE war nicht für

eine Stellungnahme zu erreichen, hatte

aber wenige Tage nach dem IPO verkündet,

seinen Anteil bei Hess um mehrere

Prozentpunkte aufgestockt zu haben.

Die Landesbank sieht sich nunmehr selber

als Betrogene – und hat Strafanzeige

wegen des Verdachts auf Betrug beim Börsengang

gestellt. Soweit die Vorwürfe sich

bewahrheiteten, sei auch „die LBBW getäuscht“

worden. Laut Staatsanwaltschaft

werde aktuell auch „kein Ermittlungsverfahren“

gegen Mitarbeiter der LBBW geführt,

und es gebe auch keine Anhaltspunkte

dafür, dass Mitarbeiter der Bank an Straftaten

der Beschuldigten mitgewirkt hätten.

In Zukunft, sagte LBBW-Chef Hans-Jörg

Vetter nach dem Hess-Desaster, werde sein

Institut Börsengänge nur noch dann begleiten,

wenn es auch „Hausbank“ sei.

Hess aber war seiner Bank dabei zumindest

nicht unbekannt: So sollen Fonds einer

LBBW-Gesellschaft eine Beteiligung

von Hess-Managern über Jahre mit Fördergeldern

versorgt haben (siehe Seite 111).

Und laut Wertpapierprospekt zum Börsengang

hatte die LBBW-Tochter BW Bank zudem

vor dem IPO Unternehmen der Hess-

Gruppe „verschiedene Darlehen“ über

mehrere Millionen Euro gewährt. Kredite

allein, so die Landesbank in ihrer Stellungnahme,

begründeten allerdings noch „keine

Hausbankfunktion“.

n

annina.reimann@wiwo.de | Frankfurt

FOTOS: PR, PICTURE-ALLIANCE/DPA/PATRICK SEEGER

110 Nr. 46 11.11.2013 WirtschaftsWoche

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