Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-11-11 (Vorschau)

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HESS-SKANDAL II

Frische Ideen im Osten

Kapital für eine Entwicklungsfirma wirft neue Fragen an die LBBW auf.

Es sind prächtige Nachrichten, die Christoph

Hess und Peter Ziegler an einem

Donnerstag im März 2010 im Gepäck haben.

Die Vorstände des Leuchtenbauers

Hess berichten ihrem Aufsichtsrat über

eine geplante Entwicklungsgesellschaft in

Dresden, der millionenschwere Fördermittel

winken. Das Protokoll der Sitzung

liegt der WirtschaftsWoche vor. Finanzvorstand

Ziegler spricht demnach von 1,3

Millionen Euro Beteiligungskapital. Und

es würden weitere Fördergelder von bis

zu drei Millionen möglich. Ein Aufsichtsrat

betont sinngemäß: Wir geben das Risiko

ab, nicht aber die Chancen.

Was für jeden Anleger ein Traum wäre,

ist ein weiteres Kapitel im Wirtschaftskrimi

um die Hess AG. Die Staatsanwaltschaft

Mannheim ermittelt wegen des

Verdachts auf Subventionsbetrug. „Wir

untersuchen seit Ende Oktober eine Gesellschaft,

an der zwei damalige Führungskräfte

der Hess AG sowie mittelbar

die beiden Vorstände beteiligt waren“,

sagt Staatsanwalt Peter Lintz.

„MITTELBAR 60 PROZENT“

Fest steht: Ein von Hess-Managern kontrolliertes

Unternehmen hat Geld von

zwei sächsischen Gründerfonds erhalten,

die zum Großteil von der EU und dem

Land Sachsen finanziert werden. Pikant:

Beide Fonds sind der Landesbank Baden-

Württemberg (LBBW) zuzuordnen – jener

Bank also, die Hess im Oktober 2012 an

die Börse brachte. Keine vier Monate später

war der hochgelobte Neuling pleite.

Rückblick: 2008 genehmigt die EU-

Kommission Sachsen ein hoffnungsvolles

Programm. Die Technologiegründerfonds

Sachsen (TGFS) sollen jungen High-Tech-

Firmen auf die Sprünge helfen. Frisches

Kapital für frische Ideen im Osten. Die

beiden Töpfe sind mit 60 Millionen Euro

gefüllt. Gut die Hälfte kommt von der EU,

zehn Millionen Euro vom Land Sachsen,

den Rest bringen drei sächsische Sparkassen

und die LBBW-eigene Sachsen

Bank ein. Gesteuert werden die Fonds

von der Leipziger LBBW-Gesellschaft

CFH Beteiligungen. In der Beschreibung

Neues Licht auf den Fall Hess

Insolvenzverwalter Volker Grub

werben soll. Dass die Förderfonds laut ihren

Statuten „detaillierte Unternehmenspläne“

verlangen, sagt Hess nicht. Dafür schwärmt

Finanzchef Ziegler: Man habe 60 Prozent

indirekt unter Kontrolle und bestimme das

Geschäftsmodell. So steht es im Protokoll.

Christoph Hess war für eine Stellungnahme

nicht erreichbar, Peter Ziegler wollte sich

nicht äußern.

Der Plan geht auf. Am 30. April 2010

steigen die Technologiegründerfonds Sachsen

und damit die europäischen Steuerzahler

bei LightDesign Solutions ein. Handelsregisterdaten

belegen, dass Hess-Manager

der Beihilfemaßnahme ist klar geregelt,

dass die Fonds nur in Unternehmen mit weniger

als 250 Mitarbeitern und höchstens

50 Millionen Euro Umsatz investieren.

Die Hess AG ist dafür zu groß. Die Entwicklungsgesellschaft

LightDesign Solutions,

von der Christoph Hess seinem Aufsichtsrat

auf der Sitzung im März laut

Protokoll berichtet, ist es nicht. Laut Hess

hat sie drei bis vier Mitarbeiter. Auch die

Umsatzgrenzen sind wohl kein Problem: Es

gebe noch keinen Umsatz, selbst Umsatzprognosen

seien schwierig, berichtet er

über die Gesellschaft, die Fördermittel eindie

Mehrheit haben: So entfallen 60,35

Prozent der Anteile auf Gesellschafter

aus dem Hess-Umfeld. Beteiligt sind ein

früherer Hess-Exportleiter, ein damaliger

Produktmanager sowie je eine GmbH der

Vorstände Hess und Ziegler. Die restlichen

39,65 Prozent liegen bei den Förderfonds

– und damit mittelbar bei der

LBBW, wie es in deren Geschäftsbericht

2011 heißt. Was aber macht die Light-

Design Solutions? Offiziell entwickelt und

verkauft sie Beleuchtungssysteme.

„VERDECKTE KREDITE“

Hess-Insolvenzverwalter Volker Grub aber

ist noch auf etwas anderes gestoßen:

„LightDesign Solutions hat Material für

die Hess AG eingekauft, dieses aber erst

mit bis zu drei Jahren Verspätung abgerechnet.“

So habe die Gesellschaft dem

Mutterkonzern verdeckte Kredite gegeben

– und zwar aus Beteiligungsgeld des

Staates. Mindestens 300 000 Euro wurden

auf diesem Weg weitergereicht,

schätzt Grub.

Der damalige Vorstandschef Christoph

Hess war dazu nicht erreichbar. Der Landesbank

Baden-Württemberg ist von all

dem „nichts bekannt“, sagt ein Sprecher.

Ein Insider berichtete der Wirtschafts-

Woche, dass die LBBW darauf gedrungen

habe, dass die LightDesign Solutions von

der Homepage der Hess AG verschwindet.

Damit konfrontiert, sagt der Sprecher:

Die Fonds wollten „den unzutreffenden

Eindruck vermeiden, dass es sich bei

LightDesign Solutions um eine Tochtergesellschaft

der Hess AG handelt.“

„FINANZIELLE STARTHILFE“

In einem Kundenmagazin der LBBW-eigenen

Sachsen Bank von 2010 klingt das

noch ganz anders: Eindeutig ist da von einer

„Technologie-Tochter“ der Hess AG

die Rede, der die LBBW-Beteiligungsgesellschaft

CFH „finanzielle Starthilfe“ gegeben

habe. Damit konfrontiert, wiegelt

die Landesbank ab: Die Darstellung im

Kundenmagazin sei „unzutreffend“ – und

daher auch nicht in den Wertpapierprospekt

beim Börsengang übernommen

worden, den die LBBW mitverantwortet.

Die Subventionen werfen ein neues

Licht auf den Fall. Denn, so Insolvenzverwalter

Grub: „Ohne die Fördermittel hätte

die Hess AG zum Zeitpunkt des Börsengangs

deutlich schlechter dagestanden.“

andreas.dörnfelder | geld@wiwo.de

WirtschaftsWoche 11.11.2013 Nr. 46 111

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