Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-11-11 (Vorschau)

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Geld&Börse | Geldwoche

KOMMENTAR | Twitter legte einen

fulminanten Start hin. Der hohe

Kurs dürfte aber nur schwer zu

verteidigen sein. Von Martin Seiwert

Kommt noch

Ernst und angespannt

eilte Twitter-Chef Dick

Costolo beim Börsengang

seines Nachrichtendienstes

am Donnerstag

über das Parkett der New Yorker

Börse. Wo bei IPOs üblicherweise

um die Wette gestrahlt

wird, gab es von Costolo

kaum ein Lächeln. Dafür einen

strengen Look, den man von

kalifornischen IT-Managern

sonst nicht kennt: grauer Anzug,

Krawatte. Es fehlte nur

noch das weiße Einstecktuch.

Das hatte Costolo durch sein

Smartphone ersetzt, mit dem

er Fotos für seinen Twitter-Account

knipste. Costolo verzichtete

sogar darauf, die legendäre

Glocke zum Handelsstart selbst

zu läuten. Das übernahmen drei

Twitter-Fans.

Viel Substanz, wenig Show,

das war seine Botschaft. Denn

der Twitter-Chef kennt die Achillesferse

seiner Firma: mangelnde

Seriosität. Twitter hat sich zu

einer wichtigen Plattform für

schnelle, lustige, persönliche

Nachrichten entwickelt. Von einem

belastbaren Geschäftsmodell

dagegen sind die Kalifornier

einige Jahre entfernt – im besten

Fall. Was die Wall Street dem

Unternehmen ankreidet, sind

eher nicht die mickrigen Umsätze

und Gewinne. Das sei normal

bei Startups, trösten sich die

Börsianer. Werbeerlöse würden

bei einem derart wichtigen Kommunikationsmedium

irgendwann

wohl schon anfallen. Was

Händler und Analysten beunruhigt,

ist das verlangsamte

Wachstum der Nutzerzahlen.

Twitter kommt auf gut 230 Millionen

Nutzer weltweit, das soziale

Netzwerk Facebook dagegen

auf über 1,2 Milliarden. Die

Horrorvorstellung: Twitter wird

nicht wie Facebook ein Medium

für jedermann, sondern wegen

seiner unübersichtlichen Homepage,

der überquellenden,

kaum überschaubaren Nachrichtenströme

und der oft kryptischen

140-Zeichen-Nachrichten,

die vor seltsamen

Abkürzungen strotzen, zu einer

Kommunikationsinsel für eine

eingeschworene Twitter-

Gemeinde. „Wir werden unser

Produkt verbessern“, beteuerte

der Twitter-Chef, mit den Milliarden

aus dem Börsengang.

KRIEGT ER DIE KURVE?

Einen Vertrauensvorschuss hat

Costolo verdient. Umsichtig hat

er seit seinem Amtsantritt 2010

die Firma gesteuert. Er konzentrierte

sich darauf, das von internen

Machtkämpfen und technischen

Mängeln verunsicherte

Startup zu stabilisieren, etablierte

erste Werbeformate. 422 Millionen

Dollar Umsatz machte

Twitter in den ersten drei Quartalen,

immerhin.

Den Börsengang überstürzte

Costolo nicht, wählte mit New

York den richtigen Börsenplatz,

übertrieb es nicht beim Ausgabepreis

– und konnte sich

schließlich ins Fäustchen lachen:

Mit 45,10 Dollar ging das

Papier in den Handel, 73 Prozent

über dem Ausgabepreis.

Analysten zeigten sich ebenso

überrascht wie skeptisch. Die

Aktie werde sich kaum in dieser

luftigen Höhe halten, so die einhellige

Meinung der Wall Street.

Mark Mahaney von RBC Capital

Markets etwa sagt langfristig

gute Chancen für Twitter voraus,

sieht die Aktie aber eher bei

33 Dollar. „Der beste Zeitpunkt,

Twitter-Aktien zu kaufen, kommt

noch“, sagt der Analyst, „wahrscheinlich

in einigen Monaten.“

TREND DER WOCHE

Große Bewegung

Der japanische Anleihemarkt wirkt scheintot. Doch

diese Ruhe könnte Vorbote eines Renditesprungs sein.

Zins noch unter Kontrolle?

Japans Notenbankchef Kuroda

Die Anleihemärkte spiegeln

schon lange keine konjunkturellen

Zyklen mehr und taugen

auch nicht mehr als Indikatoren

für die Kreditwürdigkeit der

Staaten. In Japan dominiert die

Bank of Japan mit ihren Anleihekäufen

den Markt. Obwohl

die Notenbank für das Ende

März endende Fiskaljahr eine

Inflationsrate von 1,3 Prozent

erwartet, sind die Renditen

zehnjähriger japanischer

Staatsanleihen (JGBs) zuletzt

auf 0,6 Prozent gefallen. Vergleichbare

US-Papiere rentieren

mit 2,66 Prozent. Notenbankchef

Haruhiko Kuroda

glaubt, die langfristigen Zinsen

kontrollieren zu können. Den

Beweis wird er bald liefern müssen.

Seit Anfang September ist

die Schwankungsbreite (Volatilität)

von JGBs stark rückläufig.

Eine tiefe Volatilität ist aber oft

Vorbote einer größeren Bewegung.

Diese könnte sich, ähnlich

wie im Mai, in einem Renditesprung

in Richtung ein

Prozent entladen. An den Märkten

ginge dann rasch wieder die

Angst vor einer japanischen

Staatsschuldenkrise um. Wie

bei den JGBs ist auch beim Yen

mit einer großen Bewegung zu

rechnen. Gegenüber dem Dollar

ist die Volatilität des Yen auf

Tiefstwerte gefallen. Auch hier

steht eine große Bewegung bevor.

Im Mai hatte der Renditeanstieg

zu einer Aufwertung des

Yen geführt, weil Japans Banken

wegen Kursverlusten mit JGBs

Auslandsvermögen zurückholten.

Prinzipiell aber belasten

Schuldenkrisen eine Währung.

Trends der Woche

Entwicklung der wichtigsten Finanzmarkt-Indikatoren

Stand: 7.11.2013 / 18.06 Uhr aktuell seit einer Woche 1 seit einem Jahr 1

Dax 30 9081,03 +0,5 +25,6

MDax 16122,12 +0,8 +40,0

Euro Stoxx 50 3042,98 –0,8 +22,7

S&P 500 1763,59 +0,4 +26,5

Shanghai Composite 2129,40 –0,6 +1,1

Euro in Dollar 1,3365 –2,0 +4,9

Bund-Rendite (10 Jahre) 1 1,69 +0,02 2 +0,33 2

US-Rendite (10 Jahre) 1 2,63 +0,08 2 +1,00 2

Rohöl (Brent) 3 103,83 –4,4 –4,2

Gold 4 1307,25 –1,3 –23,8

1

in Prozent; 2 in Prozentpunkten; 3 in Dollar pro Barrel; 4 in Dollar pro Feinunze,

umgerechnet 978,48 Euro; Quelle: vwd group

FOTOS: BERT BOSTELMANN FÜR WIRTSCHAFTSWOCHE, BLOOMBERG NEWS/KIYOSHI OTA, IMAGEBROKER/JIM WEST

116 Nr. 46 11.11.2013 WirtschaftsWoche

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