Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-11-11 (Vorschau)

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Deutscher Ire

Schlecht sitzende Perücke, immer

im Anzug und ein herrlicher

deutscher Akzent: In Irland ist

Professor Doktor Günther Gruhn,

Volkswirt der EZB und Alter Ego

des Komikers Barry Murphy,

regelrecht Kult. Statt auf den

Deutschen herumzuhacken, hält

Murphy seinen Landsleuten

lieber den Spiegel vor.

Düsteres Drama

Bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Silbernen Löwen gekrönt, ist

„Miss Violence“ von Avranas nur einer von 30 griechischen Filmen, die

seit 2009 einen internationalen Preis gewonnen haben. Ohne jegliche

staatliche Förderung und unter schwierigsten Bedingungen laufen

griechische Regisseure zu Hochform auf.

riger als in Südkorea, ermittelte die Pariser

Wirtschaftsorganisation OECD. Doch was

bedeutet es für eine Gesellschaft, jahrelang

kollektiv der Illusion des vermeintlichen

Reichtums angehangen zu haben? Was bedeutet

es für den Einzelnen, künftig mit

mehr Ungewissheit leben zu müssen?

ANGST, WUT, VERZWEIFLUNG

Soziologen, Psychologen und andere Welterklärer

ringen noch um überzeugende

Antworten. Sie konstatieren Angst, Wut,

Verzweiflung in nie da gewesenem Ausmaß,

verfolgen steigende Selbstmordraten

und stagnierende Scheidungsziffern: Kaum

jemand kann sich noch eine Trennung

finanziell leisten.

Während die Sozialwissenschaften über

die Deutung der Umbrüche brüten, hat die

Kunst längst die ganz großen Themen der

Krise für sich entdeckt. Vertrauen, Betrug

und Selbstverantwortung sind nur einige

der Leitmotive, die sich aktuell durch das

Kunstschaffen der Krisenländer ziehen.

Die Fähigkeit zur Selbstkritik ist dabei

deutlich höher als in der Politik.

Während die Staatshaushalte dramatisch

schrumpfen, Subventionen für die

Kunst als Erstes gestrichen wurden, lässt

die Vielfalt an Sujets die Kultur aufblühen.

Griechische Filme haben seit 2009 insgesamt

30 internationale Filmpreise gewonnen,

zuletzt errang Alexandros Avranas mit

dem düsteren Drama „Miss Violence“ einen

Silbernen Löwen bei den Festspielen

in Venedig. Die Finanzierung von Projekten

ist schwierig, Filmförderung nicht existent,

jährlich entstehen in Griechenland

nur noch rund 20 Filme. Doch die erzählen

so pralle Geschichten, dass schon von einem

Goldenen Zeitalter des griechischen

Films die Rede ist. „Kunst hängt nicht von

Geld ab“, sagt Regisseur Papakaliatis, der in

seinem Film die Hauptrolle spielt, das

Drehbuch verfasste und mit einem Budget

von einer Million Euro auskam.

Der Begriff vom Goldenen Zeitalter fällt

auch in Spanien, wo Karikaturen boomen

wie zuletzt in der Zeit nach dem Tod des

Diktators Franco in den Siebzigerjahren.

Andrés Rábago García, der den Übergang

Die Vielfalt an

Sujets lässt

Kunst und Kultur

aufblühen

zur Demokratie damals schon unter dem

Pseudonym „El Roto“ („Der Gebrochene“)

mit seinen spröden Zeichnungen begleitete,

läuft in diesen Tagen zu neuer Höchstform

auf. Die Arroganz der Mächtigen, die

sich schmieren ließen und hinterher ihre

Unschuld beteuern, bannt er in ein eingängiges

Bild: Der Bestechliche hält die Hand

hinter seinem Rücken auf. Als glaube er

beinah selbst, dass er dann nichts davon

gewusst haben könne. „In 50 Jahren werden

die Karikaturen von El Roto die besten

Erklärungsmuster für die Krise bieten“,

prophezeit der spanische Sozialdemokrat

Javier Solana, einst Nato-Generalsekretär.

„Eine Zeichnung ist kraftvoller als eine

20-minütige Reportage“, beobachtet Comic-Autor

Saló, der mittlerweile den dritten

Band zur Krise vorgelegt hat. Zeichnungen

entfalten eine derartige Kraft in

Spanien, weil die Menschen den elektronischen

Medien immer weniger trauen. „Der

Fachpresse gelingt es nicht, die Krise einem

breiten Publikum zu erklären“, sagt

Saló. Er will unterhaltsam informieren,

stellt Zusammenhänge her, erläutert Kettenreaktionen,

erklärt Fehlentscheidungen

am konkreten Beispiel. In einem seiner Videos

erinnert er an das 2009 vom damaligen

Ministerpräsidenten José Luis Zapatero

groß angekündigte, 50 Milliarden Eu-

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WirtschaftsWoche 11.11.2013 Nr. 46 125

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