Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-11-11 (Vorschau)

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Politik&Weltwirtschaft

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geworden. „Zu Beginn war es für mich

erschreckend, wie lange Abstimmungsprozesse

dauern.“

Auch die Hoffnung auf Posten und Pöstchen

besänftigt. So suchen die U40er ihr

Heil darin, diplomatische Forderungen

einzuschleusen, die Jüngeren zwar helfen

sollen, aber Ältere nicht vergrätzen. Bär

praktiziert diese Kunst in zwei Verhandlungs-AGs

von Schwarz-Rot – eine für Familie

und Gleichstellung, die andere mit

digitaler Agenda – und in großer Runde mit

80,7 Prozent

der CDU/CSU-MdBs sind

älter als 40 Jahre

den Parteichefs Angela Merkel, Horst Seehofer

und Sigmar Gabriel.

Zum Beispiel Netzpolitik. Die inoffizielle

Twitter-Queen im Bundestag betont, dass

ein digital voll erschlossenes Deutschland

vor allem Jungen helfe. Also Breitband in

jeden fränkischen Winkel und Medienbildung

an allen Schulen. Das mache das Arbeiten

flexibler und locke Unternehmen,

es helfe gar gegen die Verödung ganzer

Landstriche. Das digitalisierte Dorf sei die

Lösung, ist sie sehr optimistisch: „Wir müssen

dafür sorgen, dass das flache Land attraktiv

bleibt, dass Junge bleiben oder zurückkehren

und eine Familie gründen.“

GUT FÜR ALTE UND FÜR JUNGE

Ein großes Rad will Bär drehen: „Mein Ziel

wäre es, Deutschland in zehn Jahren komplett

barrierefrei zu gestalten.“ Keine unüberwindbaren

Bordsteine oder Treppen

mehr und leicht nutzbare Internet-Seiten

für Menschen mit einer Behinderung. „Das

hilft Alten und Jungen“, argumentiert sie.

Aber so richtig traut sie sich nicht, ihre Forderung

durchzuboxen. Vieles müssten die

Kommunen bezahlen – also fällt der Erfolg

wohl wegen Geldmangels aus.

Herzensthema der CSU-Frau ist aber die

Familienpolitik. „Es geht ja darum, wie wir

zusammenleben und wie unser Land in 20,

30 Jahren aussieht.“ Für den Bereich war sie

vorige Wahlperiode Sprecherin der Fraktion,

hier könnte ein Regierungsamt winken.

Familie als Generationenthema, bei dem

weder Alte noch Junge vergrätzt werden.

Doch im Detail geht es eben doch wieder

um Geld – Kindergeld etwa – das ja nach

dem Nein zu Steuererhöhungen angeblich

nicht da ist. „Kinderarmut steht ganz oben

auf der Agenda“, beharrt Bär, während die

meisten Koalitionäre über die noch wenig

verbreitete Altersarmut sprechen. Auch

am Betreuungsgeld will sie eisern festhalten.

„Familienpolitik ist eine Investition,

unser Rohstoff ist der Geist in Deutschland.

Wir dürfen kein Kind zurücklassen

und gerne mehr Kinder haben“, argumentiert

sie. „Das ist dann auch gut fürs Säckel

von Herrn Schäuble.“

Geschickte Sätze – Familienpolitik ist also

Finanzpolitik. Gelernt hat Bär auch bei

Horst Seehofer, der sie zur Vizegeneralin der

eher männerlastigen CSU bestimmte. Geht

es um Mentoren, fällt Bär aber ihr Vater ein,

einst Bürgermeister im heimischen Ebelsbach.

Nützlich waren ihr sicher auch Netzwerke,

in denen sich die Getreuen gegenseitig

die Steigbügel halten. In der Union gelten

die Nachwuchsleute dabei als weniger aufmüpfig

als die bei der SPD, dafür aber als

recht effektiv beim Aufstieg. Bär gehört zur

verschwiegenen Seilschaft „Zugspitzgruppe“

der CSU, bestehend aus Leuten, die

2002 ins Parlament kamen. Karl-Theodor zu

Guttenberg stieg am schnellsten auf und

Sabine Bätzing-Lichtenthäler, SPD

Die 38-Jährige stammt aus dem rheinland-pfälzischen

Altenkirchen, überwiegend

katholisch und tiefschwarz. Sie

selbst nennt sich das „rote Schaf“ der

Familie. Wegen der Tschernobyl-Katastrophe

trat sie den Jusos bei, Grüne gab

es in der Heimat nicht. Ihr Vater ist Maler,

die Mutter Krankenschwester, sie

selbst ging zur Fachhochschule und wurde

Beamte. Wer dachte, die junge Abgeordnete

würde als Drogenbeauftragte

scheitern, sah sich getäuscht. Zuletzt

saß Bätzing-Lichtenthäler im Finanzausschuss.

Finanzfragen verhandelt sie nun

auch in der Koalitionsarbeitsgruppe.

stürzte ab, CSU-General Alexander Dobrindt

erhofft sich nun ein Ministeramt.

Im gleichen Jahr gestartet wie Bär und

ebenso nüchtern geworden ist Sabine Bätzing-Lichtenthäler.

Die SPD-Abgeordnete

sprach vor exakt zehn Jahren noch von einer

„Schlaraffenland-Mentalität“, die „am

Ende“ sei. Sie warnte vor Politik, die immer

so täte, als müsse sich nichts ändern, damit

alles schön bleiben kann, wie es ist.

Damals war Bätzing-Lichtenthäler mit

28 die Vorzeigejugendliche der SPD und

erst ein knappes Jahr im Bundestag. Sie

FOTO: PAUL BLAU FOTOGRAFIE

24 Nr. 46 11.11.2013 WirtschaftsWoche

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