Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-11-11 (Vorschau)

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Sozialversicherungen und Stadtkassen.

Zuwanderungsfeindliche Populisten sind

in fast allen Nachbarländern Deutschlands

– von Österreich bis in die Niederlande –

inzwischen zum wichtigen politischen

Faktor geworden, in Frankreich droht der

Front National gar zur stärksten Oppositionspartei

zu werden.

Dabei braucht kaum ein Land in der EU

derzeit Zuwanderung so dringend wie

Deutschland. Das liegt vor allem an der

Überalterung der Bevölkerung und den

niedrigen Geburtenzahlen. Migranten sind

aber nicht nur eine Notlösung angesichts

der demografischen Entwicklung. Mit der

Zuwanderung kann auch ein neues

Deutschland entstehen, das vielseitiger ist

und anpassungsfähiger für die Herausforderungen

einer globalisierten Welt. Klassische

Einwanderungsländer wie Australien,

Kanada und die USA haben es im 21. Jahrhundert

leichter als abgeschottete Nationen

– wie Japan.

In Deutschland ist die Zahl der Ausländer

im vergangenen Jahr von 6,9 auf mehr als

7,2 Millionen Menschen gestiegen, obwohl

gleichzeitig knapp 113 000 eingebürgerte

Zuwanderer aus dieser Statistik verschwanden.

2013 ging diese Entwicklung weiter.

Spanier, Griechen, Portugiesen und Italiener

strömen aus ihren krisengeschüttelten

Heimatländern – es sind überwiegend genau

die Zuwanderer, nach denen sich die

Wirtschaft in Deutschland sehnt:gut ausgebildete,

ehrgeizige junge Leute ohne allzu

große kulturelle Distanz zur neuen Umgebung.

Also alles auf gutem Wege?

Zuwanderung nötig

Differenz ausden altersbedingten ZuundAbgängenauf

den Arbeitsmärkten

zwischen 2010 und2020(in Prozent)

Türkei

Irland

USA

Frankreich

Australien

Großbritannien

Niederlande

Spanien

Japan

Italien

Kanada

Polen

Deutschland

–80

–40

Wachstum bzw. Rückgang der Einwohnerzahl

im arbeitsfähigen Alter unter der Annahme,

dass es keine Zu- und Abwanderung gibt;

Quelle: OECD

0

40

80

Fachleute warnen vor zu viel Selbstzufriedenheit.

„Es ist nur eine Minderheit der

hoch qualifizierten Migranten, die den

Weg zu uns findet“, klagt Klaus Zimmermann,

Direktor des Instituts für die Zukunft

der Arbeit (IZA) in Bonn. Mit einer

großen Gruppe von Mitarbeitern aus vielen

Herkunftsländern hat der Arbeitsmarktforscher

jetzt ein voluminöses Handbuch

zur Migrationsökonomie herausgegeben.

Was an seinem Institut problemlos

funktioniert – die Anwerbung und Anbindung

von produktiven Zuwanderern aus

Griechenland und den USA, aus Israel und

Indien –, fällt vielen deutschen Unternehmen

noch schwer. Wie Zimmermann bei

Vorträgen rund um den Globus erfahren

hat, denken viele fähige Leute in der weiten

Welt bei ihrer persönlichen Karriereplanung

erst einmal überhaupt nicht an

Deutschland. „Man braucht ein Signal,

dass Deutschland offen ist für Zuwanderung“

– um die gleichsam natürlichen Hindernisse

zu überwinden: die Sprachbarriere,

kulturelle Vorbehalte, Ängste gegenüber

einem Land, das nur langsam den Ruf der

Ausländerfeindlichkeit loswird.

KEIN SICHTBARER MISSBRAUCH

In Sachen Zuwanderung in die Sozialsysteme

geben die IZA-Forscher Entwarnung.

In Europa haben Irland, Großbritannien

und Schweden seit 2004 Erfahrungen mit

dem ungeregelten Zustrom von Osteuropäern

aus den neuen EU-Mitgliedsländern

gemacht. In Deutschland galten bis vor

Kurzem noch Einschränkungen. Bei allen

Unterschieden der Sozialsysteme gab es

bisher keinen sichtbaren Missbrauch im

großen Stil, schreiben die IZA-Autoren

Corrado Giulietti und Jackline Wahba: Die

meisten Leute „kamen, um zu arbeiten,

und nicht, um Leistungen zu beanspruchen“.

Und ihr Kollege Martin Kahanec,

neben seiner IZA-Tätigkeit Professor an der

Central European University in Budapest,

weist drauf hin, dass die erhöhte Migration

in Europa nicht nur ein Ergebnis der aktuellen

Krise ist, sondern auch ein Gegenmittel:

Die Migration sorge für eine bessere

Verteilung von Arbeitskräften auf die Arbeitsplätze

innerhalb Europas und so für

„ein höheres Innovationspotenzial, bessere

Nutzung von Ressourcen und damit für

höhere Produktivität“. Europa insgesamt

verliert seinen klassischen Standortnachteil

gegenüber den USA, wo hohe Mobilität

der Arbeitskräfte selbstverständlich ist.

Was für Europa insgesamt nützlich ist,

wird für Deutschland überlebenswich-

»

WirtschaftsWoche 11.11.2013 Nr. 46 31

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