Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-11-11 (Vorschau)

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Filme auf Videokassetten, Glitzerkosmetik

und Götterstatuen. Sukhjider Singh sitzt

an der Kasse. Der 36-Jährige mit dem langen,

grau melierten Bart trägt einen Turban.

Den Laden hat er vor fast 16 Jahren

von einem Bekannten übernommen, seine

ganze Familie hilft heute mit.

Erschwert Ethnic-Business, dass Zuwanderer

sich integrieren? Der Soziologe

George Simmel schrieb schon vor etwa

100 Jahren einen viel zitierten Aufsatz

über Migranten und jüdische Händler als

die „Fremden“. Der Fremde sei kein Wanderer,

der heute kommt und morgen

geht, schrieb Simmel, sondern einer, „der

heute kommt und morgen bleibt“. Simmel

zufolge bleiben ethnische Gruppen der

Mehrheit einer Gesellschaft außen vor.

CHANCE AUF TEILHABE

Der Wirtschaftssoziologe Ludger Pries

sieht hinter solchen Analysen ein veraltetes

Bild von Migration: „Wir müssen die Vorstellung

von einer völlig homogenen Gesellschaft

aufgeben“, sagt er. Die Menschen

ziehe es dorthin, wo sie sich Chancen auf

gesellschaftliche Teilhabe erhoffen. Und

das falle leichter, wenn es dort Menschen

gibt, die ihnen kulturell nahestehen. Für

viele Zuwanderer ist ethnisches Unternehmertum

ein wichtiger Faktor, um in einer

fremden Kultur anzukommen. Und oft entwickelten

sich daraus Geschäfte, die

Dienstleistungen für alle anbieten.

Sukhjider Singhs Kundschaft ist so bunt

gemischt wie seine Produktauswahl: Inder,

Pakistani, Iraner und Afrikaner wandern in

den schmalen Gängen zwischen den Regalen

umher. Fast die Hälfte seiner Kunden

seien mittlerweile Deutsche, sagt Singh.

Viele von ihnen seien Hobbyköche oder

Indienfans, aber auch Sparfüchse, die wissen,

dass Gewürze im „Asien Basar“ um

einiges günstiger sind als im Supermarkt.

Im ehemaligen Kölner Griechenmarktviertel

ist der Gemischtwarenladen einer

von zahlreichen indischen Geschäften.

Gleich nebenan verkauft und näht eine

Familie Saris. Die Gegend wird heute „Inderviertel“

genannt, auch wenn hier kaum

Inder wohnen – „zu teuer“, sagt Singh,

der mit seiner Familie auf der anderen

Rheinseite wohnt. Aber auch wenn die

meisten asiatischen Zuwanderer hier

nicht wohnen, das Inderviertel hat ihnen

einen Job gegeben, in ihren eigenen

Unternehmen – und auch eine Heimat. n

artur lebedew | politik@wiwo.de

WirtschaftsWoche 11.11.2013 Nr. 46 37

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