Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-11-11 (Vorschau)

1230296.3mk4k

Der Volkswirt

WARUM EIGENTLICH...

...ist die Kritik an den deutschen

Exportüberschüssen verfehlt?

Deutschlands Unternehmen

sind erfolgreich –

und für manche offenbar

zu erfolgreich. Anders lässt sich

das Germany-Bashing kaum

erklären, das wegen der anhaltend

hohen deutschen Exportüberschüsse

eingesetzt hat.

Das US-Finanzministerium

wirft Deutschland vor, seine

schwache Binnennachfrage

und hohe „Exportabhängigkeit“

behinderten den Abbau der

Ungleichgewichte in der Euro-

Zone. Wirtschaftsnobelpreisträger

Paul Krugman geißelt die

„unangemessen hohen Exportüberschüsse“,

weil sie „das

Wachstum und die Beschäftigung

der gesamten Welt bremsen“.

Die EU-Kommission erwägt,

gegen die Bundesrepublik

ein sanktionsbewehrtes Verfahren

wegen „makroökonomischer

Ungleichgewichte“ einzuleiten,

und der Internationale

Währungsfonds fordert die

Bundesregierung auf, sie solle

verbindliche Obergrenzen für

den Leistungsbilanzüberschuss

festlegen. Als Rezept empfehlen

die Mahner deutliche Lohnsteigerungen.

Diese sollen die Inlandsnachfrage

und die Importe

Deutschlands ankurbeln.

VERZERRTE KURSE

Wie berechtigt ist die Kritik an

unseren Überschüssen? Tatsache

ist, dass kaum ein Land so

hohe Positivsalden in seiner

Leistungsbilanz ansammelt wie

Deutschland. Zur Leistungsbilanz

zählen die Handelsbilanz,

die Dienstleistungsbilanz, die

Bilanz der Erwerbs- und Vermögenseinkommen

sowie die

Bilanz der Transferzahlungen.

In diesem Jahr dürfte sich der

Saldo auf knapp 200 Milliarden

Euro belaufen, das entspricht

mehr als sieben Prozent des

Bruttoinlandsprodukts.

Historisch gesehen sind hohe

Exportüberschüsse nicht ungewöhnlich

für Deutschland. Im

System fester Wechselkurse

nach dem Zweiten Weltkrieg

war die D-Mark lange Zeit unterbewertet.

Das erleichterte es

den Unternehmen, Märkte im

Ausland zu erobern. Die hohen

Gewinne lockten Unternehmen,

Arbeitskräfte und Investitionen

in den Exportsektor. So

entstanden Abhängigkeiten, die

sich auch fortsetzten, als das

In der Kritik

Leistungsbilanzsalden Deutschlands

(in Prozent vom BIP)

8

7

6

5

4

3

2

1

0

–1

–2

1950 60 70 80 90 00 10

Festkurssystem Anfang der

Siebzigerjahre zusammenbrach

und die D-Mark kräftig aufwertete.

Heute befindet sich

Deutschland als Mitglied der

Währungsunion wieder in einem

Festkurssystem. Gemessen

an der wirtschaftlichen

Stärke Deutschlands, ist der

Wechselkurs des Euro zu niedrig.

Das verleiht den deutschen

Exporteuren Rückenwind.

Dennoch ist die Kritik an den

Exportüberschüssen verfehlt.

Denn erstens beruht der Außenhandel

auf freiwilligen Verträgen.

Die Bürger im Ausland

kaufen Waren made in Germany,

weil diese ihren Bedürfnissen

besser entsprechen als andere

Produkte. Freier Handel

kommt zustande, weil die beteiligten

Parteien den Tausch Ware

gegen Geld als vorteilhaft für

sich empfinden. Er steigert den

Wohlstand auf beiden Seiten.

Wer Exportüberschüsse reduzieren

will, reduziert somit den

Wohlstand der Nationen.

Zweitens spiegelt der Aktivsaldo

im Handel einen Überschuss

der Ersparnis gegenüber

den Investitionen wider. Weil

die Deutschen altern, legen sie

Exporte, Inlandsnachfrage

und BIP Deutschlands*

210

200

Exporte

190

180

170

160

150

140

Inlandsnachfrage

130

120

110

BIP

100

2000 02 04 06 08 10 12

*reale Quartalswerte, 2000 =100, Quelle: Bundesbank, Statistisches Bundesamt

zur Finanzierung ihres Lebensabends

mehr Geld auf die hohe

Kante und verzichten auf Konsum.

Dies ist ein durch und

durch rationales Verhalten.

Bereits in wenigen Jahren

werden die Deutschen ihre Ersparnisse,

von denen ein erheblicher

Teil in ausländischen Anleihen,

Aktien und Immobilien

steckt, auflösen, um Güter aus

dem Ausland zu beziehen, die

wegen der fehlenden Arbeitskräfte

hierzulande nicht mehr

hergestellt werden. Dann dreht

die Kapitalbilanz ins Plus und

die Leistungsbilanz ins Minus.

Spätestens Ende des nächsten

Jahrzehnts werden die deutschen

Exportüberschüsse verschwunden

sein, schätzt das

Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung

(ZEW) in

Mannheim.

Drittens schaden kräftige

Lohnerhöhungen zum Abbau

der Überschüsse mehr, als sie

nutzen. Schnellen die Löhne in

die Höhe, mindert dies die

preisliche Wettbewerbsfähigkeit

der deutschen Exporteure.

Insbesondere die Hersteller von

Investitionsgütern, deren wichtigste

Konkurrenten nicht in Europa,

sondern in China, den

USA, Japan und Korea sitzen,

büßen dann Marktanteile ein.

Das träfe auch die Krisenländer

Europas. Denn die deutschen

Exporte bestehen zu rund 40

Prozent aus importierten Vorprodukten

– und viele davon

stammen aus Europa.

ZU HAUSE INVESTIEREN

Sollte Deutschland also weitermachen

wie bisher? Keineswegs.

Zwar sind die Deutschen

spitze beim Export, bei der Anlage

der Überschüsse haben sie

in den vergangenen Jahren jedoch

kein gutes Händchen bewiesen.

Die Einkommen aus

dem Exportgeschäft haben sie

zu einem großen Teil in griechische

Staatsanleihen, irische

Bankanleihen und spanische

Schrottimmobilien gesteckt –

und damit Schiffbruch erlitten.

Um ein ähnliches Desaster in

Zukunft zu verhindern, müssen

die Gelder besser gestreut werden.

Dazu gehört auch, mehr

Geld in Deutschland zu investieren.

Das kurbelt die Konjunktur

an, steigert die Importe –

und baut die hohen Exportüberschüsse

ab.

malte.fischer@wiwo.de

46 Nr. 46 11.11.2013 WirtschaftsWoche

© Handelsblatt GmbH. Alle Rechte vorbehalten. Zum Erwerb weitergehender Rechte wenden Sie sich bitte an nutzungsrechte@vhb.de.

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine