Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-11-11 (Vorschau)

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Unternehmen&Märkte

Allah für alle

TÜRKEI | Der boomende Markt vor den Toren der EU ist

ein Mekka für Investoren. Doch Ministerpräsident

Erdogan blockiert mit seinem Islamisierungskurs den

notwendigen Wandel hin zu einer innovativen Ökonomie.

Das wird für viele Unternehmen zu einem Problem.

FOTO: SINAN CAKMAK

Zwischen Topfpflanzen und Notebook-Bildschirmen

gedeiht das

kreative Chaos, von dem jede IT-

Bude lebt. Unter dem Konferenztisch

klemmt ein Gymnastikball,

auf den Tischplatten winden sich

Kabel durch Papierberge. Ruhelos klappern

die Tastaturen der IT-Entwickler. Sie

tüfteln an Cloud-Software zur effizienteren

Steuerung von Lieferketten – ein Job, dem

Programmierer rund um den Globus nachgehen.

Nur dass hier alle paar Stunden der

Muezzin ruft: Die Softwareschmiede Solvoyo

residiert im Herzen von Istanbul.

Islam und IT, Religion und Innovation?

Für Nilüfer Durak ist das kein Widerspruch.

„Wir Türken probieren gern Dinge

aus und sind bereit, dabei voll ins Risiko zu

gehen“, sagt die Managerin des US-Softwareherstellers.

Das seien die besten Zutaten

für Innovationen, meint die Frau mit

dem kessen Lockenkopf, die ihr Berufsleben

überwiegend als Investmentbankerin

in Amerika verbracht hat und seit Mai dieses

Jahres für Solvoyo das globale Geschäft

von ihrer Heimatstadt Istanbul aus leitet.

Die Kreativität ihrer Generation bei den

Protesten im Gezi-Park hat sie begeistert.

Doch zugleich ist sie besorgt, weil die Türkei

vom Westen wegdriftet und hin zu einem

radikaleren Islam: „Innovation funktioniert

nur in einer Gesellschaft, wo jeder

seine Meinung sagen kann und niemand

den anderen seine Werte aufzwingt“, sagt

Durak und fordert in Richtung Politik: „Ich

hoffe wirklich, dass sie das begreifen und

die Erwartungen und Bedürfnisse der jüngeren

Generation ernst nehmen.“ Nur so

könne das Land am Bosporus innovativer

werden.

Ob das klappen kann – die Türkei als

künftiges Silicon Valley vor Europas Toren?

Wie Durak fürchten viele Investoren neue

Konflikte durch die zunehmende Islamisierung.

Ein halbes Jahr nachdem die Polizei

die protestierende Mitte der Gesellschaft

mit Tränengas durch die Straßen

jagte, herrscht noch immer Schockstarre

im wichtigsten Wachstumsmarkt an der

EU-Außengrenze. Zu offensichtlich ist die

tiefe Spaltung der Gesellschaft, zu kompromisslos

die Reaktion der Staatsmacht, als

dass man Bedenken ob der politischen Stabilität

des Landes getrost übergehen könnte.

Mit seinem konservativen Kurs weg von

westlichen Werten und Freiheiten riskiert

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan,

jene wirtschaftliche Modernisierung abzuwürgen,

die er selbst in Gang gesetzt hat.

UNSICHERER HAFEN

Zwar will Brüssel nach drei Jahren Stillstand

die Verhandlungen über einen EU-Beitritt

wiederbeleben. Dennoch sorgt Erdogans

Kurs für Unsicherheit, wie Ergün Kis feststellt,

Partner und Türkei-Spezialist bei der

Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG in

Istanbul: „Türkei-Neulinge warten jetzt erst

einmal ab. Wer aber konkrete Pläne für den

Markteintritt hatte, wirft diese deshalb nicht

gleich über Bord.“ Und Ralph Jäger, Chef von

RWE Türkei, mahnt: „Das politische System

muss berechenbar und stabil sein.“

In der Regierungspartei AKP tobe seit

den Gezi-Protesten ein Machtkampf zwischen

konservativen Kräften um Erdogan

und seinen eher westlich orientierten Gegnern,

beobachtet Yasar Aydin, Türkei-Experte

der Stiftung Wissenschaft und Politik

in Berlin. Die Lage könne jederzeit wie-

»

Der Erdogan-Effekt

Der Ministerpräsident gilt als Vater des

Wirtschaftswunders, das

der Türkei seit 2003

Wachstumsraten von teils

mehr als neun Prozent

beschert. Das gefährdet

er durch die

Islamisierung und

den harten Kurs

gegen Protestler

48 Nr. 46 11.11.2013 WirtschaftsWoche

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