Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-11-11 (Vorschau)

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Unternehmen&Märkte

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der eskalieren – mit dramatischen Folgen

für das Investitionsklima: „Die Türkei

ist dabei, ihren Ruf als sicherer Hafen für

ausländisches Kapital zu zerstören.“

Dabei gilt der bärbeißige Fischersohn Erdogan

als Vater des Wirtschaftswunders,

das dem Land mit mehr als 75 Millionen

Einwohnern seit seinem Amtsantritt 2003

Wachstumsraten von teils mehr als neun

Prozent beschert hat (siehe Grafik Seite

49). Erdogan führte die vom jahrelangen

Kurdenkrieg und diversen Militärputschen

zermürbte Gesellschaft zunächst zusammen.

Er gab auch dem religiös-konservativen

Teil der Bevölkerung das Gefühl, gefragt

zu sein, in jener modernen Republik,

die seit der Gründung 1924 stark laizistisch

geprägt ist. Mit liberalen Wirtschaftsreformen

machte der Premier die Türkei zu einem

Mekka für Investoren.

WANDELNDE BOMBE

Doch die Proteste haben den erfolgsverwöhnten

Premier aufgeschreckt. Wer ihn

kennt, beschreibt ihn inzwischen als beratungsresistenten

und jähzornigen Zeitgenossen.

Das Rhetorikgenie fürchtet um seine

Macht, weshalb er die islamisch orientierte

Bevölkerungsmehrheit mit einer Islamisierung

der Gesellschaft hinter sich

sammeln will – was wiederum die Elite

reizt, die in Kopftuchgebot und Alkoholverbot

einen Angriff auf ihre Freiheiten sieht.

„Erdogan ist eine wandelnde Bombe“,

29 Jahre beträgt

das Durchschnittsalter in

der Türkei – das ist EUweit

eins der niedrigsten

schimpft ein Maschinenbauunternehmer

aus Istanbul. „Mit seinen ständigen Provokationen

kann er die Gesellschaft jederzeit

zur Explosion bringen.“ Dabei müssten die

Türken endlich „statt Tomaten und T-Shirts

Hochtechnologie verkaufen“.

Der Islam droht die liberalen Elemente

sogar im weltoffenen Istanbul aus dem öffentlichen

Leben zu verdrängen. Wer im

Umkreis von 100 Metern rund um öffentliche

Gebäude Alkohol ausschenken möchte,

bekommt dafür keine neue Lizenz. Es

gibt Stadtteile, in denen Frauen ohne Kopftuch

schief angeschaut werden, in Behörden

ist das Kopftuchverbot gekippt worden.

Vom Laizismus – dem Dogma von

Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk zur

Trennung von Staat und Religion – hat sich

Erdogan offenbar verabschiedet.

Mit diesem Kurs verstört er ausgerechnet

die Kreativen und Innovativen. Die sollten

eigentlich die Türkei auf eine neue Stufe

der globalen Wettbewerbsfähigkeit hieven,

sagt Markus Slevogt, der als Berater seit

Jahren in Istanbul lebt und lange Landeschef

der Deutschen Bank war: „Die Türkei

muss den Sprung in die Reihe der innovationsgetriebenen

Ökonomien schaffen.

Wenn das gelingt, ist das Land nicht mehr

zu stoppen.“

Geschafft hat das zum Beispiel der High-

Tech-Kesselbauer Erensan. Der Mittelständler

mit Sitz im Istanbuler Vorort Yenibosna

folgte früher der Devise „national

statt global“: Der Gründer und Seniorchef

hatte in den Achtziger- und Neunzigerjahren

nie Mühe, im Inland seine Großanlagen

zu verkaufen. Dann rollte 2001 eine

Bankenkrise durch die Türkei. Inflation

und Lira-Abwertung fraßen Erensans Rücklagen

fast über Nacht zur Hälfte auf.

Ayhan Eren, der Junior, überzeugte seinen

Vater, dass der Gang ins Ausland nottut

– gerade wenn man wie Erensan lange

vor der Auslieferung Material am zyklischen

Stahlmarkt kaufen muss. Eren steigerte

den Exportanteil von fünf auf heute

50 Prozent des Umsatzes von heute 30 Millionen

Euro. Dadurch spürte der Anlagenbauer

die letzte Konjunkturkrise kaum,

während sich die Belegschaft von 120 auf

260 Mitarbeiter mehr als verdoppelte.

Hohe Hallen, mächtige Stahlkolosse,

sprühende Funken – man kommt sich vor

wie in einer Werft, nur fehlt Wasser unterm

Kiel der klobigen Bauteile. Tatsächlich

Der Premier und die Konzerne

Türkische Unternehmen, die Erdogans Partei AKP nahestehen...

Name

Branche

Umsatz 1

Mitarbeiter

Partner

Anmerkungen

Doğuş Holding

Finanzwesen, Bauindustrie, Autobau,

Medien, Tourismus, Immobilien

4,0

35000

Volkswagen

Garanti-Bank ließ während der Gezi-Proteste die Türen abschließen,

als flüchtende Demonstranten Zuflucht suchten

Yildiz Group

Nahrungsmittel, Einzelhandel,

Immobilien

5,2

36 000

Eckes-Granini-Gruppe

Enge Beziehungen zu Erdogan und dem Führungszirkel der

Partei AKP

Demiören

Energiehandel, Immobilien,

Medien

2,3

k. A.

k. A.

Präsident ist auch Präsident des türkischen Fußballverbands und

gilt als treuer Gefolgsmann Erdogans

Calik Holding

Bau, Energie, Finanzen, Immobilien,

Medien

2,1

20 000

k. A.

Steht im Ruf der Günstlingswirtschaft, soll für Übernahme von

Medien günstige Kredite vom Staat erhalten haben

...und die als eher AKP-fern gelten

Koç Holding

Energie, Automotive, Konsumgüterindustrie,

Finanzen

36,8

82 000

Ford, Fiat, LG,

UniCredit

Gewährte Protestierenden Zuflucht in einer Hotellobby am

Gezi-Park – und hat seither die Steuerfahnder am Hals

Sabancı Holding

Finanzen, Energie, Maschinenbau,

Baumaterialien, Einzelhandel

10,7

58 000

E.On, Heidelberg-

Cement

Stark westlich ausgerichtet, laizistische und kemalistische

Familientradition

Eczacıbaşı Holding

Pharma, Baumaterialien

2,6

11 700

Villeroy & Boch

Klar prowestlicher Familienkonzern, dessen Mitglieder

alle in Deutschland oder den USA ausgebildet sind

Doğan Yayın Holding

Medien, Energie

0,93

10300

Burda, Bertelsmann,

Axel Springer Verlag

Verlegte einst kritische Medien wie „Hürriyet“ – die seit einer

Steuernachforderung plötzlich ihre kritische Haltung verloren

1 in Milliarden Euro; Quelle: eigene Recherchen

50 Nr. 46 11.11.2013 WirtschaftsWoche

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