Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-11-11 (Vorschau)

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schen in- und ausländischen Investoren.

Trotzdem plagen Fabrikchef Radel Sorgen.

Sein Personal hat er aufwendig zu Facharbeitern

ausgebildet, die eigenständig denken

können, was ihnen in der Schule nicht

beigebracht werde: „Am Anfang wollte es

niemand melden, wenn die Maschinen

falsch eingestellt waren, weil man den Kollegen

der Vorgängerschicht bloßstellen

könnte. Es hat Jahre gebraucht, diese Kultur

im Betrieb zu verändern.“

Jetzt soll er umziehen. Seine Fabrik

muss laut Raumordnungsplan eines Tages

Wohnhäusern weichen. Darum braucht er

nun neue Flächen, hat bei der Suche aber

einen Gang zurückgeschaltet: „Die politische

Stabilität ist im Moment nicht überzeugend

genug, um eine große Investition

wie den Umzug anzugehen.“ Für ihn werde

die Türkei aber auch langfristig ihre Attraktivität

als Markt nicht verlieren. Im

oberen Schraubenpreissegment ist Ejot

Tezmak dort Marktführer.

ENORME CHANCEN

Wer klagt in der Türkei, tut dies freilich auf

hohem Niveau. Das weiß auch Investor Ali

Karabey: „Ich bin mit einer galoppierenden

Inflation und Terrorismus aufgewachsen“,

sagt er und erzählt von den Neunzigerjahren,

als sich Menschen aus religiösen

Gründen auf der Straße verbrannt haben.

Karabey wanderte aus in die USA und

später nach London. Dort arbeitete er bis

zur Finanzkrise 2009

als Investmentbanker,

zuletzt für die Deutsche

Bank.

Zurückgekehrt ist er

mit vielen neuen Ideen.

Vor drei Jahren legte

der Istanbuler in seiner

Heimatstadt einen

Venture-Capital-Fonds

mit 30 Millionen Dollar

Kapital auf, den er heute

managt. „Die neue

Generation der jungen

Türken ist eine enorme

Chance für das Land, aber wenn sie sich

nicht selbst verwirklichen können, werden

sie künftig zum Problem für die Regierung“,

sagt der rührige Investor.

Karabey gibt Gründern Geld, denn vom

Staat bekommen sie meist keines. „Es ist

erst seit Kurzem en vogue in der Türkei,

sich selbstständig zu machen“, sagt er. Die

Regierung müsse Gründer sehr viel stärker

fördern, schon weil die Türkei angesichts

ihrer demografischen Struktur jedes Jahr

Jedes Jahr

benötigt

die Türkei

800 000 neue

Arbeitsplätze

800000 neue Arbeitsplätze benötige. „Das

schaffen sie nicht, indem sie nur in große

Infrastrukturprojekte und die traditionelle

verarbeitende Industrie investieren“, sagt

Karabey, der seine Schützlinge von Anfang

an auch in den Export drängt. Letztlich

braucht die Türkei dafür nicht nur Kapital –

sondern auch ein Gründerklima.

Eines, wie es Karabey bei sich im Büro

geschaffen hat, wo der Küchentisch für

Konferenzen dient, während vor der Tür

die Frachter im Bosporus ankern. Mit liberaler

Rechtsprechung und einer gut geölten

Bürokratie sei die Türkei davon gar

nicht weit entfernt:Eine Firma, so Karabey,

könne man in fünf bis sechs Tagen gründen.

Aber das Klima könne sich nur langsam

entwickeln, indem viele Startups vorangehen

und die Türkei auf eigene Faust

zur Innovationsschmiede machen.

So wie Durak, die mit der Software-

Schmiede Solvoyo am Hang über dem Istanbuler

Eliteviertel Levent sitzt, im Gründer-Park

Teknokent-3. Der gehört zur Marmara-Universität,

und es sei schwer, dort

überhaupt reinzukommen, sagt Durak.

„Die Türkei braucht viel mehr solcher

Technologieparks, die uns hier steuerfrei

forschen lassen“, fordert sie. Außerdem

müsse ihnen der Staat mehr Finanzierungen

zuleiten, damit sie weiter wachsen

können. Schließlich herrsche an einem im

Land kein Mangel: an guten Ideen.

Gerade daran hatte Durak zunächst jedoch

durchaus ihre

Zweifel, als sie 2012 aus

Boston in ihre neue alte

Heimat zurückkehrte.

Das galt zumindest

bis zu den Protesten im

Gezi-Park, die nicht

nur ihr plötzlich Größe

und Dynamik jener

modernen Mittelklasse

offenbarte, die bis dahin

zu den politischen

Verhältnissen geschwiegen

hatte: „Ich

war begeistert vom

Einfallsreichtum der jungen Türken, die

trotz des Tränengasbeschusses eine friedliche

Bewegung geschaffen haben.“ Die Proteste

seien sehr humorvoll und letztlich innovativ

gewesen, so Durak.

Jetzt liegt es an der Regierung, ob sie das

Potenzial dieser starken jungen Generation

nutzen will – oder aufgrund der konservativen

Politik ein weiteres Kräftemessen

mit ihr provoziert.

n

florian.willershausen@wiwo.de

WirtschaftsWoche 11.11.2013 Nr. 46 53

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