Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-11-11 (Vorschau)

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Unternehmen&Märkte

Die Schrumpfkur

HOCHTIEF | Frohe Aktionäre, frustrierte Belegschaft – ein Jahr

unter Vorstandschef Marcelino Fernández lässt ahnen, was der

spanische Großaktionär ACS mit dem Bauriesen wirklich vor hat.

Stilfragen spielen auch in der rustikalen

Baubranche eine Rolle. Kurz vor

Angebotsabgabe und ohne handfesten

Grund Partner hängen zu lassen, „das

ist schlechter Stil“, schimpft ein Bauverbands-Funktionär

– und kritisiert damit

den Branchenführer Hochtief.

Er spielt auf einen für die Essener peinlichen

Vorgang an, über den die Branche

spricht. Die Spezialtiefbau-Truppe von

Hochtief wollte mit einem südafrikanischen

und einem niederländischen Unternehmen

die neuen Kaianlagen des Tiefseehafens

Walvis Bay in Namibia bauen. „Ein

hübscher Auftrag mit rund 200 Millionen

Euro Auftragsvolumen“, sagt ein Hochtiefler.

Im Frühjahr lag das Okay der internen

Auftragskommission vor. Doch auf den

letzten Drücker sagte Vorstandschef Marcelino

Fernández plötzlich „no“ und verweigerte

die bei internationalen Geschäften

unverzichtbare Patronatserklärung, die

Parent Company Guarantee (PCG), mit der

sich die Geschäftspartner absichern.

Offenbar zählt das südliche Afrika nicht

mehr zu den Zielmärkten, auf die Fernández

setzt. Wäre das den Ebenen darunter

klar gewesen, „hätten wir uns viel Hirnschmalz

und Zeit sparen können“, klagt ein

spürbar fassungsloser Hochtief-Mann:

„Auf den letzten Metern hat Fernández uns

ausgebremst. Das Projekt war durch alle

Instanzen durch.“ Die Niederländer und

Südafrikaner standen plötzlich ohne Partner

da und die international angesehenen

Hochtief-Spezialisten wie dumme Jungs.

Vor einem Jahr übernahm der vom spanischen

Großaktionär ACS entsandte Fernández

Knall auf Fall den Vorstandsvorsitz

in Essen. Der 58-Jährige agiert – wie beim

Walvis-Bay-Rückzieher – ohne Rücksicht

auf Verluste, lässt kaum einen Stein auf

„Ich möchte ein

glückliches Unternehmen“

Hochtief-Vorstandschef Fernández

dem anderen, verkauft Bereiche reihenweise

und verändert Hochtief rasant. Die

Ergebnisse sind zwiespältig. Börse und Aktionäre

jubeln: Der Kurs des MDax-Wertes,

der im November 2012 bei 35 Euro dümpelte,

kratzt heute an der 70-Euro-Grenze.

Belegschaft und Branche aber sind skeptischer

denn je, ob die „Projekt Mercure“ genannte

Ross- und Schrumpfkur, der Fernández

Hochtief unterzieht, wirklich zur

propagierten Konzentration auf Kerngeschäfte

führt oder doch zu der befürchteten

Zerschlagung. Die Hochtief-Aktie lebt –

aber stirbt mittelfristig das Unternehmen?

Auf der Habenseite seiner Ein-Jahres-Bilanz

kann Fernández zwei Transaktionen

verbuchen: den Verkauf der Flughafen-Beteiligungen

und der Dienstleistungssparte

(siehe Kasten Seite 61).

WIESEHÜGELS VERSPRECHEN

Der Ausverkauf aber geht noch weiter als

bisher bekannt. Nach WirtschaftsWoche-

Informationen will Hochtief jetzt auch das

gerade erst aufgebaute und nie defizitäre

Offshore-Geschäft mit rund 500 Mitarbeitern

und rund 300 Millionen Euro Umsatz

feilbieten. Nach den Koalitionsverhandlungen

zur Energiepolitik will Hochtief „die

Marktlage anschließend in Ruhe analy-

»

FOTO: NETZHAUT/HOPPE

58 Nr. 46 11.11.2013 WirtschaftsWoche

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