Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-11-11 (Vorschau)

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Zu guter Letzt wurde Billigpionier Hahn

ein Opfer des von ihm ausgelösten Booms

der Flugdiscounter. „Weil Easyjet und Co.

allein in Deutschland auf mehr als 20 Flughäfen

landen und auch etablierte Linien

wie Lufthansa günstige Tickets anboten,

muss keiner mehr nach Hahn, wenn er billig

fliegen will“, sagt Berater Tamdjidi.

Auch der Versuch, anderswo vertriebene,

nachtaktive Frachtlinien an den rund um

die Uhr geöffneten Hahn zu locken, brachte

wenig. Die notorisch geizigen Palettenflieger

erwarteten Ryanair-mäßige Rabatte

und boten jeweils nur wenige Flüge pro

Woche. Wer kam, ging am Ende wie Aeroflot

oder Qatar Airways lieber wieder an einen

zentraler gelegenen Flughafen, wenn

der Platz hatte – wie Frankfurt nach der Eröffnung

der neuen Landebahn. Spektakulär

scheiterte der Versuch, eine hauseigene

Frachtlinie am Hahn aufzubauen: Die Air

Cargo Germany ging im Juli pleite, trotz einer

Finanzspritze über fünf Millionen Euro

von Flughafen und Landesregierung.

So verdiente der Flughafen am Ende zu

wenig, um die Belastung durch eine finanzielle

Erbsünde wettzumachen. Bei der

Gründung des Airports 1993 bürdete die

Im Sinkflug

Verkehrszahlen desFlughafens Hahn

4,0

3,5

3,0

2,5

Passagiere

(inMillionen)

2006 07 08 09 10 11 12 13*

*geschätzt;Quelle:ADV

300

Fracht

(inTonnen)

200

100

sozialliberale Regierung von Rheinland-

Pfalz dem Flughafen die Kosten für die umliegende

Infrastruktur auf. Damit musste

das Fluggeschäft nicht nur wie bei anderen

Airports Bau- und Betriebskosten für Startbahn,

Terminal und Hangars erwirtschaften,

sondern zusätzlich die Ausgaben für

Zubringerstraßen inklusive Winterdienst,

Kläranlage und den Rest der Anlagen aus

0

der Zeit als Fliegerhorst der US-Luftwaffe.

„Mit einem solchen Mühlstein am Hals ist

ein Gewinn kaum zu schaffen“, urteilt Berater

Steinhaus.

Trotz der Probleme durch sinkende Einnahmen,

hohe Schulden und das drohende

EU-Verbot weiterer staatlicher Hilfen

gibt Hahn-Geschäftsführer Bunk die

Hoffnung noch nicht auf. „Die Lage ist sicher

dramatisch, aber nicht hoffnungslos“,

sagt der Manager, der zuvor für den Energieriesen

RWE und – ebenfalls hoch defizitäre

– Airports wie Dortmund tätig war.

Er setzt auf das aktuelle Sanierungsprogramm.

Dazu gehört, dass Rheinland-Pfalz

die Infrastruktur abseits der Pisten übernimmt.

Gleichzeitig wollen Bunk und sein

Geschäftsführerkollege Heinz Rethage ein

Sparprogramm starten und trotz der Widrigkeiten

durch neue Fluglinien besonders

im Frachtbereich die Einnahmen steigern.

Zumindest das Sparprogramm hat die

nahen IHKs in Koblenz und Trier nicht

überzeugt: „In der Summe kann es nicht

einmal als halbherzig bezeichnet werden“,

schrieben die Kammerchefs Ende September

ihrer Landesregierung.

n

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