Wirtschaftswoche Ausgabe vom 2013-11-11 (Vorschau)

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tiroler almschweine statt mastsäue

Nachhaltigkeit setzt sich in Tirol auch am Hof und in der Küche fort:

Regionale Lebensmittel stehen bei Einheimischen und Gästen hoch im Trend.

Tiroler Gröstl, Kasspatzln,

Blattlstock oder Tiroler

Marend, wenn die Urlauber

nach Tirol kommen, bestellen sie

natürlich gern regionale Küche.

Immer mehr fragen die mündigkritischen

Gäste inzwischen nach,

wo denn das Fleisch, das Gemüse,

die Wurst herkommt. „Aus der

Region“ oder gar „vom Nachbarbauern“

heißt es dann meist. Nachhaltigkeit

und Ökologiebewusstsein

im Sinne von kurzen Transportwegen

und Lebensmitteln aus der

Umgebung gehören heute in vielen

Tiroler (Wirts)häusern zum Standard.

Zwar ist es nicht mehr so, dass

der Tiroler nur dem Braten traut,

den er selber geschlachtet hat. Doch

der Trend zum ökologisch-ökonomischen

Denken hat auch in den

Küchen Einzug gehalten ± im Sinne

einer Qualitätsoffensive, die der

Gast (zu Recht) auch einfordert,

berichtet Josef Hechenberger, der

Präsident der Tiroler Landwirtschaftskammer:

„In der Vergangenheit

war eine gewisse „Geizist-geil“-Mentalität

im Tourismus

spürbar. Durch intensive Bewusstseinsbildung

ist es uns gelungen, die

gelungene Kooperation Tourismus

und Landwirtschaft aufzuzeigen

und wesentlich zu verstärken. Man

spürt, dass die Attraktivität der

regionalen Lebensmittel in der

heimischen Gast ronomie angekommen

ist.“

Wissen, woher das essen kommt

Mit 419.167 Hektar landwirtschaftlicher

Fläche und 16.846

land- und forstwirtschaftlichen

Betrieben zeichnet sich Tirol durch

kleine Strukturen und kurze Wege

aus ± die Basis für Nachhaltigkeit

und Regionalität. Die kreislauforientierte

Bewirtschaftung wird in

Tirol schon seit Jahrhunderten

praktiziert. Das schätzen auch die

Konsumenten, unterstreicht der

tirol setzt auf kleine Strukturen. das almschwein etwa darf sich hoch oben am

Berg einen gesunden Bauch anfressen.

Foto: Hörtnagl

„tirols Kernkompetenzen liegen auch

in der lebensmittelveredelung“, Josef

hechenberger, präsident der landwirtschaftskammer

tirol Foto: Die Fotografen

Landwirtschaftskammer-Präsident:

„Neben der hochwertigen Qualität

unserer Produkte, wissen die

Konsumenten woher die Lebensmittel

kommen, wie und von wem

sie produziert wurden ± das sind

die bedeutendsten Vorteile unserer

klein strukturierten Tiroler Landwirtschaft.

Die Lebensmittelproduktion

und -veredelung zählt

schließlich zu den Kernkompetenzen

der Tiroler Landwirtschaft.

Die jüngsten Lebensmittelskandale

(die Intervalle werden immer

kürzer) haben aufgezeigt, dass diese

Kriterien die Kaufentscheidung der

Konsumenten ausschlaggebend

beeinflussen.“ Hier gibt es noch viel

ausbaufähiges Potenzial für die

Zukunft. Dafür benötigt es

weiterhin eine gute Zusammenarbeit

zwischen den regionalen

bäuerlichen Produzenten, dem

Handel, dem Tourismus sowie den

Konsumenten. Außerdem sind

Innovationen, Engagement und

der Weg vom feld zum teller wird

in tirol kurz gehalten. regionale

lebensmittel sind „in“ Foto: aichner

Kreativität in der Entwicklung und

der Vermarktung gefragt, so

Hechenberger. „Nachhaltige Wirtschaftsweise

gewinnt zunehmend

an Bedeutung. Besonders erfreulich

ist, dass der Landwirtschaftssektor

hier eine Vorreiterstellung für

andere Wirtschaftszweige innehat.“

regionalität ist auch Preisfrage

Auch bei den größeren Produzenten

setzt man auf Qualität aus

Tiroler Hand. Der Wurstwaren-

Produzent Hörtnagl bezieht sämtliche

fleischlichen Rohstoffe aus

Österreich. „Das ist nur eine Preisfrage.

Wir bezahlen einen stolzen

Preis für die Waren, dafür

bekommen wir aber auch sensationelle

Qualität“, so Hans Plattner,

Geschäftsführender Gesellschafter.

„Wo es möglich ist, decken wir uns

in Tirol ein. Das ist bei Kalb- und

Rindfleisch nahezu zu hundert

Prozent möglich, bei Schweinefleisch

nicht, Tirol ist kein Schweinezuchtland.

Die begrenzten

Bestände an Tiroler Schweinefleisch

verarbeiten wir in Kooperation

mit der Agrarmarketing Tirol

zu zwei lokalen Produkten: das

Hofschwein und das Almschwein

Derzeit schicken 15 Bauern ihre

Schweine exklusiv für die Firma

Hörtnagl auf die Alm.“ Rund 2700

Tonnen hochwertige Fleisch- und

Wurstwaren erzeugt Hörtnagl pro

Jahr, die in den eigenen Filialen, im

Lebensmitteleinzelhandel und an

Hotellerie und Gastronomie

verkauft werden. Die Wertschöpfung

für die Tiroler Bauern:

400.000 kg Rindfleisch, 70.000 kg

Kalbfleisch, 50.000 kg Schweinfleisch

und 7500 kg Lammfleisch

nimmt Hörtnagl jährlich von den

regionalen Anbietern ab. Inzwischen

expandiert Hörtnagl auch

vorsichtig nach Deutschland: So

gibt’s die Tiroler Leckereien schon

in Berlin und Hamburg. ■

Standort Tirol Wirtschaft 31

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